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III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts in:

Johannes-Paul Kögler

Ehre als tragbares Zeichen, page 73 - 108

Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814-1866

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4165-9, ISBN online: 978-3-8288-7030-7, https://doi.org/10.5771/9783828870307-73

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
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Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts III. 73 Die Kultur der Ehre im 19. Jahrhundert. Um zu verstehen, welchen ideellen Stellenwert Orden und Ehrenzeichen für die Menschen im 19. Jahrhundert hatten, ist es notwendig, das zugrunde liegende kulturelle Selbstverständnis bestimmter sozialer Gruppen zu verstehen. Das Konzept der Ehre hatte dabei eine Art Schlüsselfunktion inne. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hingen das Verständnis von Ehre und dessen konkrete Ausübung im Zusammenleben der Menschen entscheidend von der Standeszugehörigkeit ab. Dabei wurde zwischen der äußeren und inneren Ehre unterschieden.307 Die äußere Ehre bezog sich auf das Verhalten eines Individuums, das darauf abzielte den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen, während die innere Ehre „die Selbstachtung oder die eigene Behauptung der freien sittlichen Persönlichkeit und Würde bildet“.308 Sie war nach damaligem Verständnis etwas Natürliches, unveränderbar und machte zusammen mit der äußeren Ehre „die ganze und wahre Ehre“ aus.309 Im Zuge der Französischen Revolution und zunehmender republikanischer Tendenzen in der bürgerlichen Denkweise vieler europäischer Gesellschaften entwickelte sich auch eine neue Sichtweise auf den Ehrbegriff. Er bezog sich auf den Begriff der Nation. Die Ehre eines Individuums beruhte also auf der Nation, der er angehörte und der er gegenüber unbedingt verpflichtet war, sowohl moralisch als auch körperlich.310 Diese Tendenz verstärkte sich im Rahmen der Befreiungskriege, die vor allem in Deutschland den „Mythos einer nationalen Erweckung“311 beschworen und setzte sich fort in andauernden und immer wieder in Kriegen aufflammenden Konflikten mit Frankreich und Dänemark. Philosophen, Schriftsteller und Gelehrte förderten den Zusammenhang zwischen Ehre und Nation in ihren Schriften, so etwa Johann Gottlieb Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation (1807/08), Theodor Körner in seiner Lyrik oder auch der Historiker Heinrich Luden, der in seinen 1810 veröffentlichen Vorlesungen über das Studium der vaterländischen Geschichte ganz konkret auf die Verbindung zwischen individueller und nationaler Ehre eingeht312: „Darum muß sein Streben zusammenfallen mit der Bestrebung des Volks, dessen Teil er ist; darum muß des Volks Ehre seine Ehre, so wie die Schande des Volks, seine Schande sein. [...] Darum liebt der Verständige oder der, den ein menschliches Gemüt beseelt, sein Volk, wie er sich selbst liebt, weil sein Volk in ihm ist, wie er im Volke...“313 Diese Umdeutung der Ehre erfolgte überwiegend aus Kreisen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts als politisch radikal und konträr zur herrschenden Obrigkeit galten, wie etwa die Burschenschafter und Turner, die die Identifikation „mit der Ehre Deutschlands zum Kern des Ehrempfindens“314 machten. Am Ende desselben Jahrhunderts 1. 307 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 113. 308 Ebd., S. 120. 309 Ebd. 310 Vgl. ebd., S. 123. 311 Vgl. ebd. 312 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 123 313 Ebd., S. 124. 314 Ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 74 wurde diese Attitüde von konservativ-national gesinnten Teilen der Bevölkerung vertreten und umfänglich in der deutschen Innen- und Außenpolitik des Kaiserreiches umgesetzt. Nationale Ehre wurde an militärischen Siegen und der Vergrößerung von Staatsgebieten und Einflusssphären gemessen und gipfelte in der Beanspruchung von Groß- und Allreichen im Zuge der Kriegszielpolitik vieler europäischer Staaten im Ersten Weltkrieg. Darüber hinaus kam im 19. Jahrhundert auch ein Aspekt von Ehre zur Geltung, der sich nicht auf die Nation, sondern auf das Individuum bezog, nämlich das Duell. Die Ursprünge dieses Ehrenkults reichen weit zurück und wurden durch verschiedene Motive bedingt, wie etwa der Fehde, dem ritterlichen Zweikampf oder der frühneuzeitlichen Standesehre, nach der der Adel das Duell praktizierte, um seinen Anspruch auf Autonomie als Stand zu bekräftigen.315 Im 19. Jahrhundert erweiterte sich der Teilnehmerkreis der Duellkultur und wurde durch die Satisfaktionsfähigkeit bestimmt, die neben Adligen und Offizieren auch bürgerliche Zivilstaatsdiener, wohlhabende Bürger und Studenten inne hatten, wobei letztere tatsächlich den Großteil der Duelle austrugen.316 Es bot für die Angehörigen dieser sozialen Gruppen die Möglichkeit, sich bei verletzter Ehre, die durch vielerlei Handlungen hervorgerufen werden konnte, wie etwa Beleidigung, Ehebruch, Betrug oder sonstiger, insbesondere öffentlicher Beschädigung des Ansehens, staatliches Recht und Gesetz zu umgehen und eine gesellschaftlich anerkannte Wiederherstellung der Ehre zu bewirken.317 Die Gefühle der Betroffenen standen dabei ursprünglich im Vordergrund wie Winfried Speitkamp es treffend zusammenfasst: „Hier war der Mann noch ein Mann – und kein Staat und kein Gesetz sollten ihm da hereinreden. In seiner Unbedingtheit und Konsequenz, aber auch demonstrativen Unvernunft entsprach es dem Bedürfnis nach Freiräumen, nach Herausforderungen, nach Gelegenheit für Mut und Bewährung, die in der kapitalistischen, materialistischen Gesellschaft, in der nur die ökonomische Ration zählte, und im Rechtsstaat, der bloß nach formalen Regeln vorging, verloren zu gehen schien.“318 Doch sicherlich ging es dabei nicht bei jedem Duellanten um ganz konkrete Gefühle, denn je stärker sich die Duellkultur in den genannten Kreisen etablierte, desto stärker war auch der Druck auf deren Angehörige, Genugtuung für beschädigtes Ansehen zu fordern, da sie gegebenenfalls bei entsprechender Unterlassung mit gesellschaftlicher Ächtung zu rechnen hatten. Gleiches galt auch für die Annahme einer Duellaufforderung. Ehre war in diesem Fall nicht mehr die Sache des Einzelnen, sondern musste im Sinne der sozialen Gruppe bzw. des Standes verteidigt oder wiederhergestellt werden.319 Militärs konnten mittels des Duells ihren Rang und das damit verbundene Ansehen in der bürgerlichen Gesellschaft behaupten und verteidigen. Es gab dem Offizier gleichzeitig die Möglichkeit „seinen Mut praktisch [zu] bewähren“ und „seiner 315 Vgl. ebd., S. 130. 316 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 135f. 317 Vgl. ebd., S. 136. 318 Ebd., S. 130. 319 Vgl. Frevert, Ute: Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. München 1991. S. 99. 1. Die Kultur der Ehre im 19. Jahrhundert. 75 Stellung [...] mit Ehre zu genügen“320 wie der preußische General von Müffling 1839 in einem amtlichen Gutachten feststellte. Ferner schrieb er: „Die Welt muß es wissen, daß Ehre ihm alles und Gefahr nichts gilt.“321 Gradlinigkeit, Entschlusskraft, Mut und Traditionsbewusstsein – also die wesentlichen Vorstellungen über soldatische Erziehung in jener Zeit – stützten die flächendeckende Praktizierung des Duells bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und machten sie zusammen mit der Vorbildfunktion, die ein Offizier gegenüber seinen Untergebenen inne hatte, zu einem wesentlichen Bestandteil des Ehrenkodex im Offizierkorps. 322 Dieses Berufsverständnis fand schließlich in der sozialen Abgeschlossenheit des Offizierstandes ideale Bedingungen, um sich nachhaltig zu festigen und vor äußerer Kritik und Veränderung zu schützen. Darüber hinaus konnten diese Vorstellungen von Verletzung und Wiederherstellung von Ehren durch die Wehrpflicht und die Laufbahn der Reserveoffiziere in andere Teile der Gesellschaft vordringen und Fuß fassen. Die sogenannten Einjährig-Freiwilligen waren Wehrpflichtige mit höherem Schulabschluss, die sich auf eigene Kosten einkleiden, verpflegen und ausrüsten mussten und die nach entsprechender Examinierung zum Offizier im Beurlaubtenstande, sprich in der Reserve, ernannt werden konnten.323 Das ihnen vorgelebte Brauchtum des Duells im Militär fungierte als Vorbild für die Durchführung im Zivilleben und was die Strafgerichtsbarkeit anging, so unterlagen Reserveoffiziere in Duellfragen sogar ausdrücklich der militärischen Strafgerichtsbarkeit, auch im Beurlaubtenstande.324 Die militärische Ehre ragte daher in nicht unbedeutendem Maße in andere, vornehmlich privilegierte Bereiche der Gesellschaft hinein und löste auch deswegen zunehmend politische und juristische Debatten aus. Diese reichten von der Infragestellung rechtsstaatlicher Prinzipien durch die Praktizierung des Duells, über die Befürchtung einer zunehmenden Militarisierung von Staat und Gesellschaft bis hin zu einem divergierenden Verständnis des Ehrbegriffs.325 Kaiser Wilhelm II. und die deutsche Regierung ließen sich jedoch durch die öffentliche Kontroverse nicht dazu bewegen, sich gegen die Durchführung des Duells auszusprechen bzw. die juristische Strafverfolgung zu verschärfen. Stattdessen drohten denjenigen Offizieren die Entlassung aus dem Militärdienst, wenn sie ihrer Duellpflicht nicht nachkamen.326 Neben dem Duell entwickelten sich im 19. Jahrhundert zahlreiche Symboliken und Praktiken, die die gängigen Vorstellungen der Zuteilung, Inhaberschaft und Wiederherstellung von Ehre widerspiegelten und regulieren sollten. Die Ehrdelikte privilegierter Teile der Gesellschaft genossen dabei große öffentliche Aufmerksamkeit und wurden auch in der Literatur verarbeitet, während das Ehrverständnis von Bauern, 320 Ebd. 321 Ebd. 322 Vgl. ebd. 323 Vgl. Mertens, Lothar: Das Privileg des Einjährig-Freiwilligen Militärdienstes im Kaiserreich und seine gesellschaftliche Bedeutung. Zum Stand der Forschung. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 39. München 1986. S. 61. 324 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, 137. 325 Vgl. ebd. 326 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 140. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 76 Handwerkern und Arbeitern weitaus seltener dokumentiert wurde.327 Beleidigungen wurden mit Ohrfeigen, Fäusten und Worten gekontert oder landeten vor einem Gericht, seit 1871 mit jährlich etwa 80.000 Klagen.328 Diese enorme Zahl ist auf die ausgedehnte Dimension des Beleidigungsbegriffes zurückzuführen, der nicht nur sprachliche Metaphorik und Gleichsetzung beinhaltete, sondern beispielsweise auch das Anstarren eines Menschen, die Veröffentlichung einer Verlobung, die noch geheim bleiben sollte oder auch das Verunstalten des Nachbargiebels mit einem hässlichen Bild.329 Frauen teilten grundsätzlich den Ehrenkodex des Ehemanns und dieser nahm auch gegebenenfalls die Satisfaktion für seine Gattin wahr. Lediglich Frauen, die eigenständig in der Öffentlichkeit auftraten, konnten auch auf Beleidigungen und Ehrverletzungen reagieren, wie es im Kaiserreich vor allem für Vertreterinnen der Frauenbewegung oder Sozialdemokratinnen üblich war.330 Der Ablauf zur Wiederherstellung der Ehre glich dabei dem der Männer, nur eine Austragung des Konflikts mit Waffen fand grundsätzlich nicht statt.331 Die Schriftstellerin und Sozialistin Lily Braun beschreibt eine solche Begebenheit in ihren Memoiren. Demnach sei sie von einer Genossin beschuldigt worden, sich absichtlich eines Vortrages vor Textilarbeiterinnen entzogen zu haben, dabei war ihre Abwesenheit laut eigener Aussage durch eine falsche Angabe in der Einladungskarte bedingt.332 Bei der Gewerkschaft forderte sie nun ein Schiedsgericht ein, das zahlreiche Zeugen vernahm und die Einladungskarte prüfte und verglich.333 Am Ende erhielt sie eine schriftliche Ehrenerklärung, die sie letztlich vom Vorwurf freisprach und ihr öffentliches Ansehen wiederherstellen sollte.334 Die Forderung Brauns nach Genugtuung scheint eine logische Konsequenz zu sein, wenn man sich die Herkunft der Frauenrechtlerin vor Augen führt. Als Tochter des preußischen Generals Hans von Kretschmann stammte sie aus konservativem, militärisch geprägtem Milieu und war mit den entsprechenden Vorstellungen von Ehre bestens vertraut. Diese nahm sie auch in einem wenig aristokratischen Milieu, nämlich im Kreise der Arbeiterschaft und Gewerkschaft für sich in Anspruch, um ihren scheinbar geschädigten Ruf wiederherzustellen. Nicht nur die politisch-juristische Debatte um das gesellschaftliche Phänomen der Ehre genoss die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, sondern in besonderen Maße auch die literarische Verarbeitung dieser Thematik. Der Roman Effi Briest von Theodor Fontane ist ein häufig zitiertes Werk zur Debatte über Ehre und Duell im 19. Jahrhundert, doch bei weitem nicht das einzige. Auch der heutzutage weitgehend in Vergessenheit geratene Dramatiker und Schriftsteller Hermann Sudermann beschäftigte sich in seinem frühen Bühnenstück Die Ehre (1889) mit der Deutung des Ehrbegriffs unter besonderer Berücksichtigung der Klassenverhältnisse. Etliche mehr oder 327 Vgl. ebd., S. 146f. 328 Vgl. ebd., S. 147. 329 Vgl. ebd., S. 147f. 330 Vgl. ebd., S. 150. 331 Vgl. ebd., S. 150. 332 Vgl. ebd. 333 Vgl. ebd. 334 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 151. 1. Die Kultur der Ehre im 19. Jahrhundert. 77 weniger triviale Fortsetzungsromane erschienen zu dieser Thematik in Zeitungen und Zeitschriften, ferner Groschenhefte und Reiseberichte aus fernen Kontinenten.335 Hierbei spielte die interkulturelle Perspektive zum Konzept der Ehre eine besondere Rolle: „Die Ehre kam dadurch zu neuer Bedeutung, sie wurde Gegenstand sehnsüchtiger Gefühle von Heranwachsenden nach einer anderen Welt jenseits von Schule, Lehrlingszeit oder ödem Militärdienst. Ehre war ein ferner Traum.“336 Der Schriftsteller Karl May hat in seinen zahlreichen Romanen dazu beigetragen, Ehre populär zu machen und sie völkerübergreifend zu betrachten, dies jedoch nur scheinbar. May, der weder in Nordamerika noch im Nahen Osten persönlich Kontakt zur hiesigen Bevölkerung bzw. Urbevölkerung hatte, dichtete exotischen Völkern ein Gefühl von Ehre an, das eigentlich den eigenen nationalen Gefühlen entsprechen sollte. Speitkamp weist in diesem Kontext darauf hin, dass bei Karl May die Indianer beinahe wie die Germanen Nordamerikas dargestellt werden sollten und einige Textstellen in den Romanen Karl Mays lassen auch kaum einen Zweifel über diese Behauptung: „Aber zu welchem Stamm gehörst du? Darauf der Weiße: Ich gehöre zu dem großen Volk der Germans, die Freunde der roten Männer sind und noch niemals ihre Wigwams angegriffen haben. Uff! sagte er überrascht. Die Germans sind gut. Sie haben nur einen Gott, nur eine Zunge und nur ein Herz.“337 Diese interkulturelle Perspektive lässt sich nicht nur mit dem zunehmenden Interesse an fernen Kontinenten, Kolonien und Schutzgebieten erklären, das im wilhelminischen Zeitalter das eigene Nationalbewusstsein untermauerte, sondern es ist auch ein Hinweis darauf, dass der Wandel des Ehrbegriffs als ein Zeichen für grundsätzliche soziale und ökonomische Umwälzungen zu deuten ist. Die Öffentlichkeit trug in diesem Sinne eine Debatte über gesellschaftliche Zwänge, Erwartungen aber auch Tradition, Geschlechterrollen und Selbstbehauptung aus, die letztlich zu einer Krise des bisherigen Ehrkonzepts führte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien die Ehre kein Garant mehr für den Schutz von Standesehre, Männlichkeit oder militärischem Ethos zu sein, vielmehr wurde sie zum Forschungsgegenstand soziologischer Überlegungen oder erlebte einen Paradigmenwechsel im Zuge des Nationalismus, der in Deutschland bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in eine „Sache des Blutes“338 kulminieren sollte. 335 Vgl. ebd., S. 152 336 Ebd. 337 Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 153. 338 Ebd., S. 173ff. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 78 Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Orden und Ehrenzeichen waren im 19. Jahrhundert nicht die einzige Form staatlich erteilter Gratifikation. In den Fürstentümern war vor allem die Standeserhöhung ein übliches, wenn auch vergleichsweise seltenes Mittel, um Verdienste zu belohnen. Dies reichte von der Verleihung des persönlichen oder erblichen Adels für bürgerliche Personen bis zur weiteren Standeserhöhung bereits adliger Personen. Auch Schenkungen von Land und Gütern waren mögliche Belohnungen, jedoch kamen solche Privilegien nur für einen sehr kleinen Personenkreis in Betracht. Reichskanzler Bismarck wurde für seine Verdienste als Politiker beispielsweise sowohl mit einer Standeserhöhung zum Fürsten bedacht als auch mit dem gesamten Sachsenwald östlich von Hamburg. Andere Formen der Gratifikation waren Geldgeschenke, die zum Beispiel in Kriegszeiten zur Belohnung an alle Soldaten für einen erfolgreichen Feldzug oder eine gewonnene Schlacht ausgegeben werden konnten (so etwa geschehen nach der Schlacht von Waterloo) oder auch öffentliche Belobigungen für erfolgreiche Rettungstaten. Diese Form der Ehrung war der Vorläufer einer tragbaren Rettungsmedaille oder kam in Fällen zur Anwendung, bei denen die Tat nach Einschätzung der entscheidenden Behörde für ein Ehrenzeichen nicht ausreichte. Diese Mittel der Belohnung wurden jedoch nicht ansatzweise so systematisch angewendet wie die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Sie waren viel seltener und fanden in der Öffentlichkeit viel weniger Beachtung als jene äußeren Zeichen, die auch noch Jahre nach der Verleihung an den Grund der Belohnung erinnern sollten. Winfried Speitkamp weist dem „Ringen um Ehre“ verschiedene Formen zu, durch die es zu einer Zuweisung bzw. Regulierung von Ehre kommen kann.339 Zu ihnen gehören beispielsweise der Zweikampf, die Identifikation mit der nationalen Ehre oder die Vergabe von Orden, Titeln und Ämtern. Spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in den meisten deutschen Staaten entehrende Körperstrafen wie etwa der Pranger oder das Reiten auf einem Schandesel abgeschafft. Stattdessen rückten andere symbolische oder ökonomische Strafen an deren Stelle, welche sich auch als ehrmindernd etablierten, wie etwa die Aberkennung von Orden und Ehrenzeichen, Titeln, dem Wahlrecht oder die Pensionen bei Beamten: „Ausgezeichnete Ehre und öffentliches Vertrauen kann im Allgemeinen derjenige nicht genießen, der durch seine Handlung an den Tag, daß er selbst die Rechtsordnung und die Rechte seiner Mitbürger nicht achtet, und es ergiebt sich daraus, daß er [...] von den Rechten und Vorzügen ausgeschlossen bleiben muß, welche eine ehrenwerthe Gesinnung und öffentliches Vertrauen zu derselben voraussetzen.“340. Orden und Ehrenzeichen sind, wie dieser Gesetzgebung der Herzogtümer Schleswig und Holstein aus dem Jahre 1851 zu entnehmen ist, im 19. Jahrhundert ein wichtiges Regulativ des damals gesellschaftlich anerkannten Ehrkonzepts. Dabei kommen im komplexen Prozess der Auszeichnung verschiedene Akteure zum Einsatz, die im engen Zusammenspiel über den ideellen Wert einer Dekoration entscheiden. Justin 2. 339 Vgl. Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 171. 340 Ebd., S. 122. 2. Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. 79 Stagl weist dem Begriff der Auszeichnung verschiedene Bedeutungen zu, unter anderem handele es sich dabei um einen sozialen Vorgang der Zuteilung von Ehre, „die in einem mehr oder minder formalisierten Verfahren [...] von einem Sender an einen Empfänger überreicht werden, womit sie dann an diesen Vorgang sowie an die Person des Überreichenden kommemorativ anknüpfen. Die Wertschätzung, die eine Auszeichnung genießt, hängt weniger von ihrem Gebrauchs- oder Eigenwert als vom Charisma des Senders und der Eignung (Würdigkeit) des Empfängers ab. “341 Doch nicht nur durch dieses Patron-Klienten-System wird der Wert einer Auszeichnung bestimmt. Im staatlichen Auszeichnungswesen kommt der Öffentlichkeit eine ganz entscheidende Bedeutung zu, die dieses System zu einer Dreiecksbeziehung macht. Die Öffentlichkeit bewertet nämlich in letzter Instanz die Gaben, die als ein materialisiertes Zeichen der Ehrzuteilung fungieren. Nur wenn der Beliehene sich dieser Zuteilung auch dauerhaft würdig zeigt, bleibt die Auszeichnung im Kreise der Nichtbeliehenen ein begehrtes Gut und der Verleihende kann sich dem Zweck seiner Ordensstiftung sicher sein, nämlich die Sicherung von Loyalität und politischer Meinungsbildung bei den Untertanen. Zu hohe Verleihungszahlen oder ein, aus Sicht der Öffentlichkeit, falscher Empfängerkreis können die Auszeichnung entwerten. Ist die Auszeichnung einmal verliehen, so die Hoffnung des Stifters, steht der Beliehene ein Leben lang in dessen Schuld: „Der Patron hat dem Klienten soziales Kapital vorgestreckt, das dieser mit der Münze kleiner Dienstleistungen verzinsen, aber niemals ganz zurückzahlen kann.“342 Pierre Bourdieu und James Coleman beschreiben und interpretieren die Ehre als soziales oder auch symbolisches Kapital, also als Chance, soziale Anerkennung und soziales Prestige zu gewinnen.343 Die bei Bourdieu ausdrücklich erwähnte Mannesehre sei dabei als symbolisches Kapital keine eigene Kategorie von Kapital, „sondern das, was aus jeder Art von Kapital wird, das als Kapital [...] Macht oder Fähigkeit zur Ausbeutung verkannt, also als legitim anerkannt wird.“344 Die Akkumulation von symbolischem Kapital spielt in der jüngeren europäischen Geschichte im Zuge der Zentralisierung der Staatlichkeit eine zentrale Rolle. Ludwig XIV. verteilte an seinem Hof zahlreiche Ämter und Titel (teilweise sogar gegen Bezahlung der Beliehenen) und schuf somit einen stark ausdifferenzierten Hofstaat, der die wichtigsten Eliten des Landes zusammenfasste. Der König besaß das Monopol über die Verteilung des symbolischen Kapitals und die am Hofe lebende Aristokratie strebte nach diesem Prestige.345 Bei Orden und Ehrenzeichen gilt dasselbe Prinzip. In Deutschland glich sich die Dichte an Auszeichnungen, die Anzahl und Art der Stiftungen und die entsprechenden Anlässe dazu zwischen den verschiedenen Fürstentümern im Laufe des 19. Jahrhunderts an. Mit einer zunehmenden Zentralisierung des Staatswesens und unter den verschiedenen aufkommenden politischen Strömungen 341 Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 179. 342 Ebd., S. 180. 343 Vgl. Fuchs- Heinritz/König: Pierre Bourdieu, S. 135f. 344 Vgl. ebd., S. 136. 345 Vgl. Fuchs-Heinritz/König: Pierre Bourdieu, S. 136. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 80 nutzten die deutschen Fürsten diese Symbole, um Treue und Anhänglichkeit zu belohnen. Durch das richtige Platzieren von Auszeichnungen ließe sich also Macht gewinnen.346 Darüber hinausgehend schreibt Stagl dem zentralisierten Auszeichnungswesen sogar eine hohe Bedeutung für die politische Integration der modernen Industriegesellschaft zu, „in welcher ja unspezialisierte Sozialbeziehungen und intermediäre Instanzen eine größere Bedeutung beibehalten haben als zunächst angenommen.“347 Neben Sozialbeziehungen schlugen sich auch politische Präferenzen und administrative Belange in den Verleihungen von Auszeichnungen wieder. Insbesondere aufstrebende bürgerliche Schichten mit großem wirtschaftlichem Einfluss wurden bei den Ordensverleihungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße erfasst. Dies führte zu einer Erweiterung des bisherigen Repertoires an Auszeichnungen oder zu einer weiteren Unterteilung bei den bisherigen Orden. So fand im Königreich Preußen im Jahre 1912 eine Umstrukturierung bei den subalternen Ehrenzeichen statt. Die niedrigste Verdienstauszeichnung, das Allgemeine Ehrenzeichen, wurde nach oben hin ergänzt, indem Kaiser Wilhelm II. ein Verdienstkreuz in Silber und Gold stiftete, um so die stark ansteigenden Verleihungszahlen des Königlichen Kronenordens abzubremsen und ihn somit in den Augen der etablierten Trägerschaft nicht abzuwerten.348 Der Ehrgeiz nach Orden und Ehrenzeichen war bei vielen Untertanen groß, davon zeugen die vielen Bittschriften und Vorschläge, die jährlich bei den Behörden der deutschen Königreiche, Herzogtümer und Fürstentümer eingingen und die für den Bereich des Königreichs Hannover für die vorliegende Arbeit eine unverzichtbare Grundlage bilden, um Intention, Motivation und Emotion der Menschen in Bezug auf das staatliche Belohnungssystem zu erforschen. Militärische und zivile Vorgesetzte nutzten die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen an ihre Untergebenen, um Karrieren und Laufbahnen zu fördern. Wer über einschlägige Auszeichnungen verfügte, gewann an Reputation und Aufmerksamkeit oder untermauerte damit seine erreichte Stellung in Staat und Gesellschaft.349 Interessant ist in dem Zusammenhang die unterschiedlich gehandhabte Praxis beim Zeremoniell der Verleihung. Während beim Militär Orden und Ehrenzeichen in einem würdigen Rahmen verliehen wurden und werden, wodurch dem Stellenwert der Auszeichnung zusätzlich Rechnung getragen wird, verhält es sich in zivilem Umfeld höchst unterschiedlich. Als im Königreich Hannover in Blumlage bei Celle einem alten Waterloo- Veteran mit Jahrzehnten Verspätung die Waterloo-Medaille verliehen wurde, so geschah das durch den örtlichen Pastor nach einem Gottesdienst vor den Augen der Gemeinde: „Dem frommen alten Kriegsmanne standen dabei die Thränen der Rührung in den Augen, und hat derselbe die Bitte ausgesprochen, [...] daß er bis zu seinem Lebensende täglich für seinen Königlichen Herrn und Wohlthäter zu Gott beten werde. [...]“350 346 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 180. 347 Ebd. 348 Vgl. Sauerwald, Peter/Tewes, Lothar: Das Königlich Preußische Verdienstkreuz. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher Nr. 16 (2001). Hof 2001. S. 7ff. 349 http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0102dokb.htm (Stand 06.09.2015). 350 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann.38 D Nr. 1203. S. 21. 2. Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. 81 Knapp 50 Jahre später, Ende des Jahres 1901, erhielt der Professor der philosophischen Fakultät an der Universität zu Göttingen, Dr. Gottfried Diedrich Wilhelm Berthold, im Gegensatz dazu einen Brief vom Königlichen Kurator der Georg-August- Universität, „mit welchem ihm ergeben das von der Königlichen General-Ordens-Kommission vollzogene Besitzzeugniß über den allerhöchst verliehenen Adlerorden gesandt worden ist.“351 Er erhielt die vierte Klasse des Roter-Adlerordens also postalisch zugesandt, ohne Pomp und weitgehend ohne öffentliche Wahrnehmung. Die Verleihung verkam zu einem bürokratischen Akt ohne jegliche Form des Zeremoniells. Entweder wurde dies durch die hohen Verleihungszahlen bedingt, sodass selbst auf kommunaler Ebene nicht jede Verleihung durch einen Staatsbediensteten vollzogen werden konnte oder aber im Bereich der Universitäten war ein Zeremoniell generell nicht üblich. So verkam die Verleihung einer staatlichen Auszeichnung beinahe zur Privatsache. Die Begehrlichkeit nach Orden, Ehrenzeichen und Titel war dennoch so groß, dass sie schließlich sogar Titelhändler auf den Plan rief, die gegen Bezahlung Kontakte zu offiziellen Stellen vermittelten, sodass der Interessent für eine Auszeichnung vorgeschlagen wurde.352 Ärzte, Juristen und Kaufleute erhofften sich von staatlichen Ehrenzeichen oder Ehrentitel wie „Kommerzienrat“, „Sanitätsrat“ oder „Justizrat“ Reputation und schließlich auch ökonomische Vorteile.353 Diese Nachfrage konnte in Extremfällen sogar kriminelle Motivation hervorrufen. Aus dem Jahre 1885 ist ein Fall bekannt, wonach ein ehemaliger persischer Gesandter und ein österreichischer Bankier in Wien „einen sehr einträglichen Handel mit falschen persischen Orden getrieben haben.“354 Weiterhin heißt es in einem Liechtensteiner Zeitungsartikel: „Durch die Vorspiegelung, daß er eine Vertrauensstellung bei der persischen Gesandtschaft einnehme und ein Verwandter des Schahs sei, gelang es ihm aber, den Ordensschwindel zu betreiben. [...] Mirza Hassan hatte in Teheran Freunde, welche die Ordens- Fermans fälschten, mit der Unterschrift des Schah versahen und dann nach Wien schickten, wo die Falsifikate verwerthet wurden.“355 Dieser Betrug zog zumindest eine Verhaftung nach sich, ob und wie die beiden Männer verurteilt wurden, ist nicht bekannt. Jedoch soll der Handel mit Orden in der Wiener Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen haben.356 Die Hoffnung auf gesteigertes Ansehen und Zugehörigkeit zu Netzwerken beflügelten die Beliehenen von Orden und Ehrenzeichen. Die Verleihungspraxis des Staates versprach gewissermaßen eine Akkumulation von Ehre, da es üblich war, schon beliehenen Personen erneut eine weitere Auszeichnung oder eine höhere Stufe eines bereits verliehenen Ordens zu ver- 351 Ruttig, Katharina/Friedl, Thomas/Wissemann, Volker: „Ob Dir es sauer wird mit Deiner Nahrung und Ackerwerk, das laß Dich nicht verdrießen, denn Gott hat es also geschaffen“. Gottfried Dietrich Wilhelm Berthold (1854-1937). Ein Beitrag zur Geschichte der Biologie an der Georgia Augusta Göttingen. Göttingen 2012. S. 121. 352 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 145. 353 Vgl. ebd. 354 Liechtensteiner Volksblatt vom 20. März 1885, abgedruckt in: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 98 (2015). Hohenstein 2015. S. 198. 355 Ebd. 356 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 82 leihen. Reichskanzler Otto von Bismarck war, um ein herausragendes Beispiel aufzuführen, Träger von 65 Dekorationen.357 Er erhielt alle Orden, die der deutsche Kaiser und König von Preußen verleihen konnte, einschließlich der höchsten Kriegsauszeichnungen wie dem Eisernen Kreuz oder dem Pour le Mérite in der Kriegsklasse358, die es beide nur für an der Front erwiesene Tapferkeit oder hervorragende Truppenführung gab. Beide Voraussetzungen konnte Bismarck als Politiker kaum erfüllen. Die Verleihung des Großkomturkreuzes mit Brillanten des Königlichen Hausordens von Hohenzollern, die der Reichskanzler für seine Verdienste um den preußischen Staat am Sedantag 1873 erhielt, bedeutete ihm jedoch nicht besonders viel, da ihm „ein Faß guten alten Rheinweins oder ein gutes Pferd viel lieber gewesen“ wäre.359 Diese Einstellung scheint anhand der Fülle von Orden und Ehrenzeichen kaum verwunderlich. Eine emotionale Bindung scheint Bismarck jedoch zu der ersten ihm verliehenen Auszeichnung gehabt zu haben, nämlich der preußischen Rettungsmedaille am Bande, die er 1844 während seiner Militärdienstzeit erhielt, als er einen Reitknecht vor dem Ertrinken rettete.360 Als einzige Auszeichnung ließ sich Bismarck diese Rettungsmedaille nach seinem Tod in den Sarg legen.361 Orden und Ehrenzeichen wurden zum Spielball gesellschaftlicher Umwälzungen und politischer Verwerfungen. Der Staat konnte durch die Verleihungen von Dekorationen seine Sympathiebekundungen unmittelbar zum Ausdruck bringen und die Praktik der Auszeichnung wurde zu einem undurchsichtigen, mitunter skandalträchtigen Unterfangen, da nicht jeder der neuen Eliten in gleichem Maße bedacht wurde.362 In Bereichen mit großer politischer Auseinandersetzung, wie etwa dem deutschen Reichstag, distanzierten sich „selbstbewusste Kreise“363 vom Tragen der Ehrenzeichen, obwohl in Wilhelminischer Zeit rund ein Fünftel der Konservativen, Nationalliberalen oder Zentrumsabgeordneten Auszeichnungen erhalten hatte.364 Bei Kriegsausbruch 1914 sollen laut Speitkamp etwa 100.000 Personen in Deutschland Träger einer Auszeichnung gewesen sein, das sind in etwa die Hälfe aller jemals in der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichneten Menschen, seit 1951.365 Auf den Verleihungszeitraum und die Bevölkerungszahl gerechnet, waren es 1914 wesentlich mehr Menschen, die eine Dekoration trugen. In den gesellschaftlichen Eliten dürfte dieser Umstand kaum zu übersehen gewesen sein, denn der Erhalt von Orden und 357 http://www.bismarck-stiftung.de/index.php/standort-friedrichsruh/forschen-und-entdecken/expon at-des-monats/item/460-dekoration-nr-65-oder-noch-ein-orden-der-k%C3%B6nigliche-hausordenvon-hohenzollern-gro%C3%9Fkomturkreuz-mit-brillanten (Stand: 08.09.2015). 358 Vgl. Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichsgründer. München 1997. S. 547. 359 http://www.bismarck-stiftung.de/index.php/standort-friedrichsruh/forschen-und-entdecken/expon at-des-monats/item/460-dekoration-nr-65-oder-noch-ein-orden-der-k%C3%B6nigliche-hausordenvon-hohenzollern-gro%C3%9Fkomturkreuz-mit-brillanten (Stand 08.09.2015). 360 Vgl. Rogge, Bernhard/Matthias, Adolf/Geppert, Franz: Otto von Bismarck. Drei frühe Biographien im Sammelband. Hamburg 2013. S. 53. 361 Vgl. Meier-Bergfeld, Peter: Volk, begnadet für das Schöne? Zehn Jahre Korrespondent in Österreich. Reportagen, Essays, Kommentare, Interviews. Norderstedt 2003. S. 429. 362 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 146. 363 Ebd. 364 Vgl. ebd. 365 Vgl. ebd. 2. Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. 83 Ehrenzeichen wurde umfänglich angestrebt, um Rang und Status in der Gesellschaft deutlich zu machen oder zu beanspruchen. Heinrich Mann versinnbildlicht den Aufstieg und das Verhalten seines Protagonisten Diederich Heßling im Roman Der Untertan mit dem Erhalt zweier Orden, worauf er am Ende seines Werkes noch einmal explizit eingeht: „Nach dieser Sorge erinnerte er sich seines Ordens: Der Wilhelms-Orden366, Stiftung Seiner Majestät, wird nur verliehen für hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des Volkes...Den haben wir! Sagte Diederich laut in der leeren Gasse. Und wenn es Dynamit regnet! Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war ein Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte: Ätsch – worauf er ihn sich anstecke, neben den Kronenorden vierter Klasse.367 366 Im Königreich Preußen gab es einen Wilhelm-Orden, der 1896 von Kaiser Wilhelm II. zur Erinnerung an seinen Großvater Wilhelm I. gestiftet wurde, jedoch handelte es sich dabei nicht um eine typisch-repräsentative Verdienstauszeichnung, da der Orden nur 65 mal verliehen wurde. Träger waren beispielsweise Reichskanzler Otto von Bismarck oder der Generalpostdirektor des Deutschen Reiches, Heinrich von Stephan. 367 Mann, Heinrich: Der Untertan. Frankfurt am Main 2012. S. 424. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 84 Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. Die europäischen Befreiungskriege lösten bei den kriegführenden Nationen, insbesondere aber in den deutschen Königreichen und Fürstentümern eine Stiftungswelle an Ehrenzeichen und Kriegsdenkmünzen aus, wie es sie vorher noch nicht gegeben hatte. Diese Auszeichnungen waren zumeist auf einfache Art und Weise hergestellt, also geprägte Medaillen aus Silber, Bronze oder Eisen und einklassig. Einige deutsche Staaten wie etwa Preußen, Hessen-Kassel oder auch Hannover ließen ihre Kriegsdenkmünzen aus der Geschützbronze eroberter französischer Geschütze prägen und zum Teil auch durch die Randinschrift AUS EROBERTEM GESCHUETZ markieren.368 Klaus-Peter Merta, Peter Groch und Gerhard Scharfenberg katalogisieren für die Befreiungskriege, aber auch etliche Kriege zuvor, die im Zusammenhang zu ihnen stehen, 235 gestiftete Ehrenzeichen in Europa, wobei 184 auf deutsche Staaten entfallen.369 Dies zeigt nicht nur wie umfänglich Deutschland durch seine geopolitische Lage in diese Kriege verwickelt war, sondern auch wie sich bei den hiesigen Souveränen die Vorstellung verfestigte, ihren Soldaten und Untertanen für absolvierte Feldzüge Ehrenzeichen zu verleihen. Die politischen Rahmenbedingungen und Bündnisse, die seit der Französischen Revolution zu militärischen Konflikten in Europa führten, waren komplex, was sich auch in den Stiftungen der Erinnerungszeichen widerspiegelte. Während das Königreich Preußen nur die Soldaten mit einer Kriegsdenkmünze bedachte, die von 1813-15 gegen Napoleon gekämpft und somit gesiegt hatten, stiftete König Wilhelm von Württemberg im Jahre 1840 eine Kriegsdenkmünze für die Soldaten, die seit 1793 „einen Feldzug in württembergischen Diensten mitgemacht hatten“370, egal ob gegen oder an der Seite Napoleons. Preußen blendete, was die Stiftung eines Denkzeichens angeht, nicht nur die Niederlage von 1806, sondern auch die nur widerwillig gestellten Hilfskorps für den Russlandfeldzug Napoleons aus. Die erwähnten 184 deutschen Ehrenzeichen waren jedoch nicht ausschließlich Denkmünzen für mitgemachte Feldzüge, sondern Auszeichnungen, die auch nur im Entferntesten auf die Ereignisse der Befreiungskriege zurückzuführen waren. Einige Souveräne nutzten die Stiftungstätigkeit für militärische Ehrenzeichen, um ihr gesamtes Auszeichnungswesen zu überarbeiten bzw. zu erneuern. So stiftete der König von Württemberg nicht nur tragbare Feldzugsmedaillen für einzelne Tage der Kämpfe gegen Napoleon, wie beispielsweise die Ehrenmedaille für den Sieg am 1. Februar 1814 bei Brienne oder die Ehrenmedaille für den Sieg am 25. März 1814 bei la Fère Champenoise, sondern auch eine silberne und goldene Zivilverdienstmedaille.371 Für das Fürstentum Isenburg-Birstein, dessen Landeskinder 1814 in die Truppen des Generalgouvernements Frankfurts eingereiht waren und welches 1815 auch ein selbständi- 3. 368 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 115. 369 Vgl. Merta, Klaus-Peter/Scharfenberg, Gerd/Groch, Peter: Ehrenzeichen für die Teilnahme an Feldzüge und Ereignisse der napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege 1813-1815. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher (Jahrbuch 2003). Hof 2003. S. 98-118. 370 Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 543. 371 Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 526ff. 3. Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. 85 ges Bataillon besaß, war die Silberne Kriegsdenkmünze für 1814 und 1815 das einzige verliehene Ehrenzeichen überhaupt.372 Doch wie kam es in einem deutschen Fürstentum überhaupt zur Stiftung einer Kriegsdenkmünze und welche Rolle spielte die Verteilung solch einer Medaille im Nachgang zu den militärischen Ereignissen? Das umfassende Belohnungssystem, das nicht nur Dekorationen beinhaltete, lässt sich am Beispiel des Herzogtums Nassau systematisch nachvollziehen. Nassau verfügte im Jahr 1815 über zwei Infanterie-Regimenter, wobei eines der Königlich-Niederländischen Armee unterstand und das zweite unter britischem Oberbefehl bei Waterloo zum Einsatz kam.373 Beide Regimenter standen in verschiedenen Phasen dieser militärischen Ereignisse im Schwerpunkt des Geschehens und erlitten dementsprechend hohe Verluste.374 Wenige Wochen nach der Schlacht gab es die ersten Belohnungen, zunächst an hohe militärische Führer wie den General von Kruse, der am 30. August 1815 den russischen St.Anna-Orden 1. Klasse erhielt.375 Es folgten Verleihungen des niederländischen Militär-Wilhelms-Ordens in allen Klassen, zunächst an Angehörige der beiden Linien-Regimenter und anschließend auch an Offiziere des Divisionsstabes, wobei diese Auszeichnung aufgrund der Löhnungs- und Gehaltszulage bei den Beliehenen außerordentlich beliebt war.376 Dies galt auch für die nassauische Tapferkeitsmedaille in Silber und Gold, die aufgrund der Schlacht von Waterloo insgesamt 132 Mal an Gemeine und Unteroffiziere verliehen wurde.377 Auf politischer Ebene wurde eine an alle beteiligten Militärs gerichtete Waterloo-Gratifikation durchgesetzt. Die Gelder hierfür mussten vom besiegten Frankreich entrichtet werden und betrugen für das Herzogtum Nassau 850.522 Francs, wobei ein General 30.589 Francs und ein Gemeiner nur knapp 61 Francs erhielt.378 Die verwundeten Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaftssoldaten Nassaus sowie die Hinterbliebenen der Gefallenen, die dem 2. Infanterie-Regiment angehörten, das dem niederländischen Oberbefehl unterstand, erhielten darüber hinaus Zuwendungen aus dem Amsterdam-Fonds, „einer aus Geldspenden eingerichteten Unterstützungskasse“379, deren Höhe sich nach Rang, familiären Verhältnissen und Anzahl der minderjährigen Kinder richtete.380 Das Herzogtum Nassau selbst richtete keinen vergleichbaren Unterstützungsfonds ein, hier waren die Invaliden und Hinterbliebenen sich selbst überlassen und auf mildtätige Spenden und Gaben seitens der Bevölkerung angewiesen. Schließlich erfolgte noch die Verleihung der nassauischen Waterloo-Medaillen am 372 Vgl. ebd., S. 196. 373 Vgl. http://www.napoleon-online.de/armee_nassau_infanterie1815.html (Stand 27.09.2015). 374 Das erste Regiment verlor 25 Offiziere und 883 Mann, das zweite 24 Offiziere und 323 Mann an Toten, Verwundeten und Vermissten. Vgl. http://www.napoleon-online.de/armee_nassau_infanteri e1815.html (Stand 27.09.2015). 375 Vgl. Wacker: Das herzoglich-nassauische Militär, S. 177. 376 Vgl. ebd. 377 Vgl. ebd. 378 Vgl. ebd., S. 177. 379 Ebd., S. 178. 380 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 86 29. Dezember 1815.381 Einen Tag zuvor waren die Soldaten des Herzogtums in Wiesbaden eingetroffen und von der Bevölkerung und dem Herzog mit umfangreichen Feierlichkeiten empfangen worden.382 Die am 23. Dezember des Jahres gestiftete Waterloo-Medaille war bestimmt für „sämtliche Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten der Nassauischen Division sowohl, als des späterhin erst in solche übersetzten Oranien-Nassauischen Regiments, welche in der Schlacht bei Waterloo gefochten haben.“383 Neben den über 6.000 silbernen Medaillen, die hauptsächlich vergeben wurden, sollen auch zehn Exemplare in Gold „für Fälle besonderer Auszeichnung“384 zur Verleihung gekommen sein. Das Herzogtum ließ sich diese Ehrerweisung an die siegreichen Kämpfer einiges kosten, wenn man den Stückpreis von einem Gulden und sieben Kreuzern pro Medaille berücksichtigt, was in etwa dem Tageslohn eines Maurers zur damaligen Zeit entsprach.385 Das kleine Herzogtum Nassau war in diesem Punkt nicht nur großzügig, sondern ließ bei der Realisierung einer Denkmünze auch nicht viel Zeit verstreichen, wenn man bedenkt, dass Großbritannien seine Waterloo-Medal erst im Frühjahr 1816 stiftet, gefolgt von Hannover 1817 und Braunschweig 1818.386 Es war nicht ungewöhnlich, dass sich die Regenten bei solchen Stiftungen voneinander inspirieren ließen. In den Königreichen Hannover und Großbritannien begünstigte allein schon die Personalunion durch Prinzregent Georg die Stiftungen der beiden, sich auch äußerlich sehr ähnelnden Medaillen. Feldmarschall Fürst Blücher persönlich regte in einem Brief um den Jahreswechsel 1815/16 an den Großherzog von Oldenburg die Schaffung einer Kriegsdenkmünze für die Soldaten des oldenburgischen Kontingents an, woraufhin dieser die Prägung von 1750 solcher Medaillen in Auftrag gab.387 Die aufgezählten Waterloo-Medaillen wurden jedoch im Vergleich zu den Feldzugsmedaillen für die Kriege 1813-15 allesamt zeitnah gestiftet und verliehen. Im Königreich Hannover wurden erst 1841 die Kriegsdenkmünzen für 1813 und 1814 gestiftet388, das Fürstentum Waldeck folgte 1850389 und das Herzogtum Sachsen-Altenburg verlieh erst 1863 ein Erinnerungs-Zeichen in Form einer Medaille an noch denkbar wenige lebenden Veteranen des kleinen Kontingents aus den Befreiungskriegen.390 Das Königreich Preußen bedachte seine Soldaten unmittelbar nach den Feldzügen 1813-15 mit einem Ehrenzeichen und zeigte sich auch im Zeitraum der Befreiungskriege insgesamt, was das Auszeichnungswesen betraf, äußerst verleihungsfreu- 381 Vgl. ebd., S. 183. 382 Vgl. ebd., S. 180f. 383 Ebd., S. 183. 384 Ebd. 385 Insgesamt betrugen die Herstellungskosten etwa 6.700 Gulden. Vgl. Wacker: Das herzoglich-nassauische Militär, S. 184. 386 Vgl. ebd. 387 Vgl. Beyreiß, Friedhelm: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg 1813-1918. Norderstedt 1997. S. 106. 388 Vgl. Thies/ Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. (Das Werk besitzt keine Seitenzahlen). 389 Vgl. Merta, Klaus-Peter/Scharfenberg, Gerd/Groch, Peter: Ehrenzeichen für die Teilnahme an Feldzüge und Ereignisse der napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege 1813-1815. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher (Jahrbuch 2003). Hof 2003. S. 98-118. 390 Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 463. 3. Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. 87 dig. Die militärischen Ereignisse gegen Napoleon führten in Preußen diesbezüglich zu einer tiefgehenden Zäsur. Die Stiftung des Eisernen Kreuzes führte zu einer Aussetzung bisher verliehener Ehrenzeichen, wie etwa der Militär-Verdienstmedaille oder dem Militär-Ehrenzeichen, das ausnahmsweise noch an die Angehörigen verbündeter Streitkräfte vergeben wurde.391 Die Militär-Verdienstmedaille war bis dato die preu- ßische Tapferkeitsauszeichnung für Mannschaften und Unteroffiziere gewesen. Mit der Stiftung des Eisernen Kreuzes, das unterschiedslos nach Rang und Herkunft verliehen wurde, hätte sich eine Verleihung der bisherigen Tapferkeitsauszeichnung gar nicht mehr begründen lassen. Zudem hätte es einen Unterschied in der Interpretation von Tapferkeit gegeben, nämlich jene erwiesene Tapferkeit, die zur Verleihung der Militär-Verdienstmedaille führt und jene zur Erlangung des Eisernen Kreuzes. Dennoch erfolgte 1814 noch einmal eine Veränderung dieser ersten Tapferkeitsauszeichnung für Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere. Die Militär-Verdienstmedaille wurde durch das zweiklassige Militär-Ehrenzeichen ersetzt und kam während der Befreiungskriege größtenteils an Nicht-Preußen, vorrangig Russen, zur Verleihung.392 49 Exemplare des Militär-Ehrenzeichens 2.Klasse gingen ausnahmsweise an Preußen, allesamt Kavalleristen, die während des Russlandfeldzuges von 1812 an der Seite Napoleons kämpfen mussten.393 So verlieh Preußen die gleiche Auszeichnung an Soldaten, die sich an derselben Front gegenüberstanden. Die Orden des Königreichs Preußen waren indes nicht von solchen Suspendierungen betroffen. Der Hohe Orden vom Schwarzen Adler, der Rote Adlerorden, der Pour le Mérite und der Johanniter-Orden kamen grundsätzlich unverändert zur Verleihung, jedoch lassen sich bei Qualität und Quantität der Vergaben Trends erkennen, die mit Besonderheiten der Befreiungskriege zusammenhängen. Der naturgemäß in geringer Zahl verliehene Hohe Orden vom Schwarzen Adler wurde im Zeitraum zwischen 1813 und 1815 insgesamt 38 Mal verliehen.394 Weniger als acht Dekorationen gingen an Preußen, der Rest an Ausländer, wobei die Russen mit 11 Verleihungen den größten Anteil stellten.395 Die enge militärische Verzahnung mit anderen Staaten spiegelte sich also in erheblichem Maße bei den Verleihungen der Orden und Ehrenzeichen wider, insbesondere das preußisch-russische Bündnis. Auch die 1.Klasse des Roter-Adlerordens ging fast zur Hälfte (39 von 80 Verleihungen im Zeitraum 1813-15) an russische Staatsangehörige, während lediglich 12 Preußen diese Klasse des Ordens erhielten.396 Andere ausländische Beliehene kamen üblicherweise aus Österreich, Schweden und Großbritannien, die ebenfalls mit Preußen gegen Napoleon im Felde standen. Am deutlichsten lässt sich die russische Dominanz bei der Verleihung preußischer Auszeichnungen am vorrangig für Militärverdienste ver- 391 Vgl. http://www.medalnet.net/Militaer_Ehrenzeichen.htm (Stand 04.10.2015). 392 Vgl. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiu ngskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand 04.10.2015). 393 Vgl. ebd. 394 Vgl. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiu ngskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand: 06.10.2015). 395 Vgl. ebd. 396 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 88 liehenen Orden Pour le Mérite erkennen. Zunächst wurde der Orden mit 1603 Verleihungen in den Jahren 1813-15 doppelt so häufig verliehen wie im Ersten Weltkrieg397. Das ist sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass schon aufgrund der Dauer des Weltkrieges und der Millionenstärke des Heeres die deutschen Tapferkeitsauszeichnungen höchste Verleihungszahlen erfuhren. Mit einigen Nachverleihungen erhielten bis in das Jahr 1821 1405 (!) Russen oder in russischen Diensten stehende ausländische Offiziere den preußischen Orden Pour le Mérite.398 Dagegen wirkt der Anteil beliehener preußischer Offiziere, die ja die eigentliche Zielgruppe dieses Ordens darstellten, lächerlich gering. Zweifelsohne zeigte sich der preußische Staat sehr großzügig, was die Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an russische Staatsbürger anging. Diese Praxis kann als wichtiges diplomatisches Mittel angesehen werden, mit dem die Wertigkeit der zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen Preußen und Russland und der gemeinsamen militärischen Erfolge gegen Napoleon zum Ausdruck gebracht werden sollte. Die gegenseitige Wertschätzung in Form von Orden und Ehrenzeichen setzte sich noch einige Jahrzehnte fort. So wurde auf preußischer Seite beispielsweise schon im Jahre 1813 das Kulmer Kreuz gestiftet. Nach Hessenthal und Schreiber wurden von dem äußerlich an das Eiserne Kreuz angelehnten Erinnerungszeichen 443 Offizierkreuze und 11.120 Mannschaftskreuze nach St. Petersburg geschickt, von denen letztlich 7.131 Stücke verliehen wurden.399 Weiterhin verlieh man in Preußen seit 1835 in größerem Umfang die Krieger-Verdienst-Medaille unter anderem an russische Militärs, die die Pariser Medaille des Jahres 1814 oder das St.-Georgs-Kreuz trugen.400 Zar Nikolaus stiftete im Gegenzug im Jahre 1839 eine Form des St.-Georgs-Kreuzes, welches ausschließlich an noch lebende preußische Veteranen der Befreiungskriege zur Verleihung kam.401 Das Kreuz glich äußerlich dem St.-Georgs-Kreuz annähernd und erhielt wie dieses auch eine in die Kreuzarme eingeschlagene Matrikelnummer.402 Anlass für die Stiftung dieses besonderen Erinnerungszeichens war die Errichtung eines Denkmals in Borodino, welches an die gleichnamige Schlacht im Jahre 1812 erinnern sollte.403 Die Befreiungskriege lösten zweifelsohne eine große Welle an Stiftungen von Ehrenzeichen und Denkmünzen, vornehmlich mit militärischem Bezug, aber auch für Zivilverdienste aus. Preußen war nicht nur durch seine grundsätzliche Umstellung und Erweiterung des Auszeichnungswesens Vorbild für andere deutsche Staaten, sondern auch durch seine Verleihungspraxis, nämlich Orden und Ehrenzeichen in gro- ßem Stil an Angehörige verbündeter Armeen zu verleihen und somit als diplomatisches Mittel zu gebrauchen. 397 Vgl. ebd. 398 Vgl. ebd. 399 Vgl. Hessenthal / Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 357. 400 Vgl. ebd., S. 367. 401 Vgl. Kögler, Johannes-Paul: Deutsch-russische Beziehungen im Spiegel gegenseitiger Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Dresden 2018. S. 20. 402 Vgl. ebd. 403 Vgl. ebd. 3. Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. 89 Das nach Herkunft, Rang und sozialer Stellung unterschiedslos verliehene Eiserne Kreuz war ebenfalls eine Neuerung im deutschsprachigen Raum, jedoch wurde es von anderen deutschen Souveränen nicht adaptiert. Bis zum Ende der Monarchien in Deutschland im Jahre 1918 war es üblich, bei der Auszeichnung von Tapferkeit zwischen Offizieren (Orden), Unteroffizieren und Mannschaften (Ehrenzeichen für Militärverdienst oder Tapferkeit) zu unterscheiden. Der egalitäre Charakter des Eisernen Kreuzes dürfte daher auch der Grund für dessen starke Symbolkraft gewesen sein, die immer wieder in der Erneuerung dieser Auszeichnung oder in Form des Hoheitszeichens verschiedener deutscher Streitkräfte Ausdruck fand. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 90 Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. Die Privilegien der Träger von Orden und Ehrenzeichen Die Stiftungen an Verdienstorden und Ehrenzeichen haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den deutschen Staaten ein sehr umfangreiches Maß erreicht, wodurch sich einige Souveräne gezwungen sahen, bestimmte Orden und Ehrenzeichen mit zusätzlichen Privilegien zu versehen. Auf diese Art und Weise sollten die Auszeichnungen in besonderem Maße inszeniert werden und ihre Träger zusätzliche gesellschaftliche Verehrung erfahren. Es stellte zunächst keine Neuerung dar, dass vor allem Orden und deren Mitgliedschaft reglementiert waren. Die Begrenzung von Mitgliederzahlen bei Haus- und Hoforden sorgten bereits seit der frühen Neuzeit für ein hohes Ansehen seiner Mitglieder, die sich dem damaligen Verständnis entsprechend als Teil einer exklusiven Korporation verstehen durften. Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert waren im deutschsprachigen Raum Nobilitierungen mit der Verleihung einiger Verdienst- und Militärverdienstorden verbunden. Dieses Privileg war von außerordentlich hohem Wert, da der Träger den durch Verdienste jeglicher Art erworbenen Prestigegewinn in eine erkennbare Erhöhung der sozialen Stellung zum Ausdruck bringen konnte. Dies war sonst weder durch Geld noch durch Einfluss oder die reine dauerhafte Anwesenheit in einem sozialen Milieu möglich, also beispielsweise durch den Dienst am Hofe eines Souveräns. Bei dieser seltenen Durchbrechung der sozialen Schranke vom Bürgertum zum Adel behielt sich der Stifter eines Ordens jedoch gegebenenfalls eine Unterscheidung zwischen der lediglich unmittelbaren und der nachhaltigen Privilegierung durch die Vergabe von Adelstiteln vor. So war mit der Vergabe des bayerischen Militär-Max-Joseph-Ordens für bayerische Offiziere nur der persönliche Adel der Ritterklasse verbunden404, was bedeutet, dass der Titel nicht auf die Erben des Beliehenen überging. Gleiches galt für den Verdienstorden der Bayerischen Krone. Die Träger seiner drei oberen Klassen erhielten den persönlichen Adel und „wurden Ritter der bayerischen Adelsmatrikel“405. Durch diese Begrenzung der Nobilitierung auf die jeweils gegenwärtig beliehene Generation wurde verhindert, dass durch die in Kriegszeiten naturgemäß ansteigenden Verleihungen von Orden die zahlenmäßig begrenzte Struktur des Adels aufgeweicht wurde und dadurch deren elitäres Selbstverständnis litt. Dennoch gab es in Bayern auch über Orden einen Zugang zum erblichen Adel. So durfte gebührenfreie Verleihung des erblichen Adels beanspruchen, wer den Verdienstorden der Bayerischen Krone erhielt und dessen Vater und Großvater bereits mit dem Militär-Max-Joseph-Orden oder dem Verdienstorden der Bayerischen Krone beliehen wurde, also dann, wenn eine Etablierung der Nobilitierung über drei Generationen stattgefunden hatte.406 Diese Kombination blieb je- 4. 404 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden, S. 64. 405 Vgl. ebd., S. 88. 406 Vgl. ebd., S. 87. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 91 doch kompliziert und denkbar selten und ein übermäßiges „Eindringen“ von Bürgerlichen in die soziale Schicht der bayerischen Adligen war daher nicht zu befürchten. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., war indessen bereits im Jahre 1806 darin bestrebt, auch die Ehrenzeichen für Unteroffiziere und Mannschaften seiner Armee durch symbolische und materielle Privilegien aufzuwerten. Er ließ die Verleihung der goldenen Militär-Verdienstmedaille mit einer Zulage von einem Reichstaler monatlich verbinden, die bei einer Verpflichtungszeit von 20 Jahren auch nach der Entlassung weitergezahlt wurde.407 Weiterhin heißt es: „Ein Soldat mit der Medaille darf keine Stockschläge erhalten, sondern wird höchsten (sic!) mit Fuchteln bestraft.“408 Entehrende Körperstrafen waren mit dem hohen Ansehen der Medaille und der damit verbundenen Zuteilung von Ehre also nicht vereinbar, wenngleich der Staat auch darum bemüht war, das Ehrenzeichen vor allzu groben Verstößen des Trägers zu schützen: „Wenn sich aber ein solcher grobe Excesse erlauben sollte, auf welche Spießruthenstrafe steht, so wird ihm die Medille (sic!) und die damit verbundene Zulage abgenommen; verkauft oder verspielt Jemand seine Medaille, so verliert er mit der goldenen auch sogleich seine Zulage.“409 Solche Befreiungen von Strafen in Verbindung mit der Verleihung einer Auszeichnung waren auch in anderen Ländern üblich. Im Zarenreich Russland war die Verleihung des St.-Georgs-Soldatenkreuzes für Tapferkeit für die Mannschaften und Unteroffiziere ebenfalls mit der Befreiung von der Prügelstrafe und jeglicher körperlicher Bestrafung verbunden.410 Schließlich, so sah es die Königlich-Preußische Verordnung über die Militär-Verdienstmedaille vor, sollte die Erinnerung an die Träger der Medaille auch ihren Tod überdauern, indem „die Namen derselben von einem jeden Regimente oder Bataillon besonders auf einer Tafel verzeichnet werden, welche in der Kirche ausgehängt wird, zu welcher sich das Regiment oder Bataillon in der Friedensgarnison hält.“411 Eine ähnliche Praktik regelte übrigens eine preußische Kabinetts-Order vom Februar 1815, wonach die Kriegsdenkmünzen 1813-15 von verstorbenen Trägern zum ewigen Andenken in ihren heimatlichen Kirchspielen aufzubewahren seien, während solche Medaillen von Ausländern und Selbstmördern durch die Angehörigen an die preußischen Behörden zurückzusenden waren.412 In den folgenden Jahren und Jahrzehnten gab es noch einige Ergänzungen und Änderungen, was die Privilegien für Inhaber des Militär-Ehrenzeichens oder Träger von Verdienst- und Hausorden angeht, so etwa die Ehrerbietung durch andere Soldaten. Einer Erweiterungsurkunde aus dem Jahre 1810 ist zu entnehmen, dass die 407 Vgl. Patzwall, Klaus (Hrsg.): Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz. Norderstedt 1986. S. 19f. 408 Ebd., S. 20. 409 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 20. 410 Vgl. Werlich, Robert: Russian Orders, Decorations and Medals. Washington 1981. S. 26. 411 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz., S. 20. 412 Vgl. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiu ngskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand: 12.10.2015). III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 92 „Schildwachen [...] vor den militairischen Verdienst-Medaillen Front, Gewehr im Arm, vor dem Orden pour le mérite aber Front mit geschultertem Gewehr machen“413 sollen. Aus den Bestimmungen wird deutlich, dass die Ehrerbietung jedoch nicht der Person, sondern dem Gegenstand der Medaille galt bzw. auch der erwiesenen Tapferkeit: „Das Kriegs-Verdienst zu ehren, ist Beruf des Militairs.“414 Im Jahre 1864 strukturierte man in Preußen die Tapferkeitsauszeichnungen für Unteroffiziere und Mannschaften um und benannte die bisherige silberne und goldene Militär-Verdienstmedaille in Militär-Ehrenzeichen 2. und 1. Klasse um und stiftete zusätzlich ein Militär-Verdienstkreuz, „welches für erhöhte nochmalige und besonders tapfere Thaten bestimmt ist.“415 Für das Militär-Ehrenzeichen 1.Klasse gab es eine monatliche finanzielle Zulage von 1 Taler, für das Militär-Verdienstkreuz 3 Taler.416 Das Militär-Verdienstkreuz, welches in den Kriegen 1864 und 1866 verliehen wurde, jedoch durch die Erneuerung des Eisernen Kreuzes 1870 im Deutsch-Französischen Krieg nicht zur Verleihung kam, genoss zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem aber in der Zeit des Dritten Reiches, eine umfängliche Aufwertung, was die Privilegien der Beliehenen anging. Gesetzlich vorgeschriebene Rechte der Träger des Militär- Verdienstkreuzes waren nach 1918: 1. Vorzügliche Versorgung durch die Behörden. 2. Ein Ehrensold von monatlich 9 RM auf Lebenszeit. 3. Militärische Ehrenbezeugung durch den Präsentiergriff. 4. Trauerparade beim Tode des Inhabers.417 Spätestens seit 1935 erfuhren die Inhaber dieser höchsten Tapferkeitsauszeichnung für preußische Unteroffiziere und Mannschaften zunehmende Aufmerksamkeit durch die nationalsozialistische Propaganda, die einen Gegensatz zwischen der soldatischen Leistung der Träger und deren teilweise schlechten wirtschaftlichen Situation herausstellte: „Im Jahre 1935 gab es im Deutschen Reich über 200 Inhaber des Goldenen Militär-Verdienst-Kreuzes418, die arbeitslos, in erbarmungswürdigstem Zustande ihr Leben fristen mußten, und über 240 Ordensinhaber, die mit einem Hungerlohn, in einer nur als Notbehelf angenommenen Tätigkeit, sich selbst und ihre oft zahlreiche Familie kümmerlich durschlagen müssen. Diese notleidenden Inhaber des Goldenen Militär-Verdienst-Kreuzes sind eine Anklage gegen die vergangenen Jahre nach dem Krieg.“419 413 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 24. 414 Ebd. 415 Ebd., S. 38. 416 Vgl. ebd., S. 39. Der damalige monatliche Verdienst eines Unteroffiziers betrug 4 Taler. Der Sold eines Inhabers dieser Auszeichnung wurde durch die Zulage beinahe verdoppelt und kann somit als nicht unwesentliche finanzielle Unterstützung betrachtet werden. (Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 48.) 417 Vgl. ebd., S. 40. 418 Nach dem Ersten Weltkrieg hat sich der Begriff „Goldenes Militär-Verdienstkreuz“ im allgemeinen Sprach- und Schriftgebrauch in der Öffentlichkeit und bei Behörden durchgesetzt. Die offizielle Bezeichnung lautete jedoch nur „Militär-Verdienstkreuz“ 419 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 44. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 93 Die Gruppe der Inhaber dieser Auszeichnung war aus verschiedenen Gründen in den Fokus der NS-Propaganda gerückt. Zum einen handelte es sich um eine äußerst sparsam verliehene Tapferkeitsauszeichnung. Lediglich 1760 preußische Soldaten und Unteroffiziere erhielten das Militär-Verdienstkreuz und es war rechnerisch, auf die Gesamtstärke der deutschen Armee bezogen, die seltenste Tapferkeitsauszeichnung im Ersten Weltkrieg. Nur einer von 7.200 deutschen Soldaten war Inhaber des Militär-Verdienstkreuzes, während jeder dritte Soldat ein Eisernes Kreuz 2.Klasse erhielt, jeder 40. Offizier das Ritterkreuz zum Hausorden von Hohenzollern und auf einen von 480 Offizieren kam der Pour le Mérite.420 Zum anderen war die soziale Zusammensetzung der Trägerschaft im Wesentlichen identisch mit der Zielgruppe nationalsozialistischer Politik und Propaganda, wie die Nationalsozialisten selbst feststellten: „Auf Grund der eigenen und amtlichen Angaben wurde festgestellt, daß etwa 45 Prozent dieser mit dem höchsten deutschen Kriegsorden ausgezeichneten Soldaten einen Handwerksberuf erlernt haben, etwa 18 Prozent waren Landwirte (Bauern) und etwa 12 Prozent ehemalige Berufssoldaten. Ein großer Teil der Handwerker und Berufssoldaten sind nach dem Kriege Beamte geworden, ein Teil der Handwerker ist zu ihrem handwerklichen Beruf zurückgekehrt, ebenso die Bauern zu ihrer Scholle.“421 Die Nationalsozialisten wollten also in ihrer Klientel, kleinbürgerliches bzw. ländliches Milieu mit vornehmlich protestantischer Prägung, idealtypische Eigenschaften des preußischen Soldaten ausfindig gemacht haben: „der Handwerker war Qualitätsarbeiter; Dienst war für ihn ein gewohnter Begriff und der Geist seiner Berufsarbeit wurde von ihm auch auf den Soldatenberuf übertragen.“422 Schließlich waren unter den um 1935 1200 noch lebenden Inhabern des Militär-Verdienstkreuzes ganze 300 Mitglieder der NSDAP, weitere 300 der SA und 200 des Stahlhelms und somit politisch als rechtsextrem einzustufen.423 Da scheint es also kaum verwunderlich, wenn seit Mitte der 30er Jahre dieser „Idealtypus“ des preußischen Soldaten staatlicherseits, auf Initiative der NSDAP, gefördert wurde. Sie wurden bei Anstellung und Beförderungen im Staatsdienst den sogenannten „Alten Kämpfern“ der Partei gleichgestellt, was die jeweiligen Ressortleiter von Ministerien und Behörden in ihrem Verantwortungsbereich auch umgehend umsetzten. So ließ der Reichs- und Preußische Minister des Innern, Dr. Frick 1935 an die Landesregierungen bekanntgeben: „ [...] (2) Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, daß die Dienststellenleiter und alle Vorgesetzten die mit dem höchsten preußischen Kriegsorden für Unteroffiziere ausgezeichneten Beamten in jeder Hinsicht fördern und in ihrem zukünftigen Leben betreuen [...].“424 420 Vgl. ebd., S. 93. 421 Ebd., S. 45. 422 Ebd. 423 Vgl. ebd., S. 47. 424 Ebd., S. 42. Insgesamt gab es 82 Angehörige der preußischen Polizei, die diese Förderung betraf. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 94 Nicht anders lauteten die Anweisungen für den Geschäftsbereich des Reichsministers der Justiz aus demselben Jahr: „Es ist eine Ehrenpflicht der Dienststellenleiter, die Justizbeamten, die mit dem höchsten preußischen Kriegsorden für Unteroffiziere, dem Preußischen Goldenen Militär-Verdienst-Kreuz, ausgezeichnet sind, in jeder Hinsicht zu fördern und zu betreuen. Ich bitte dementsprechend zu verfahren.“425 Ähnliche Bekanntmachungen gab es für das Reichs- und Preußische Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, das Reichspostministerium, das Reichswirtschaftsministerium, das Reichsministerium der Finanzen, das Reichsarbeitsministerium und selbst auf lokaler Ebene wie der Stadt Berlin für ihre Stadtbediensteten.426 Doch ausgerechnet in der Wehrmacht, die eigentlich den stärksten Bezug zu den Inhabern höchster Kriegsauszeichnungen hatte, kamen Beschwerden darüber auf, dass die Förderung dieses Personenkreises nicht in dem Maße erfolgte wie es ursprünglich angedacht war. Daher erließ der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht 1940 einen Erlass herausgeben, in dem genau festgehalten wurde, welche konkreten Maßnahmen im Sinne einer Förderung in Frage kämen: „Erwünscht ist die Förderung der Träger höchster Kriegsauszeichnungen, bei sonstiger Eignung, insbesondere durch Überführung von Arbeitern bei Wehrmachtdienststellen und Betrieben in das Angestelltenverhältnis; durch Schaffung erleichterter Bedingungen für die Überführung in das Beamtenverhältnis; durch eine einmalige vorzugsweise Beförderung; durch wohlwollende Rücksichtnahme auf Gesundheitsstörungen, die auf die Teilnahme am Weltkriege zurückzuführen sind; durch wohlwollende Berücksichtigung von Dienstort- und Stellenwünschen u.a.“427 Der Ehrensold wurde am 27. August 1939 durch einen Erlass des Reichskanzlers gesetzlich neu geregelt und durch den Anschluss Österreichs wurden auch Auszeichnungen der K.u.K. Monarchie darin integriert. Zulageberechtigt (20 Reichsmark monatlich) waren die Träger folgender Orden und Ehrenzeichen428: Land Auszeichnung Königreich Preußen Orden Pour le Mérite Goldenes Militär-Verdienstkreuz Kaiserreich Österreich-Ungarn Militär-Maria-Theresien-Orden Goldene Tapferkeitsmedaille Königreich Bayern Militär-Max-Josef-Orden Militär-Sanitätsorden Goldene Tapferkeitsmedaille Silberne Tapferkeitsmedaille 425 Ebd. 426 Vgl. ebd., S. 64ff. 427 Ebd., S. 71. 428 Ebd., S. 72. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 95 Land Auszeichnung Königreich Sachsen Militär-St. Heinrichsorden (Komman-deurklasse und Goldene Medaille) Königreich Württemberg Militärverdienstorden (Kommandeurklasse) Goldene Militär-Verdienstmedaille Großherzogtum Baden Militär-Karl-Friedrich-Verdienstorden Militärische Karl-Friedrich-Verdienst-Medaille Erhielt ein Soldat mehr als eine der aufgeführten Auszeichnungen, konnte er nur einmal Ehrensold beziehen.429 Inhaber dieser Auszeichnungen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt vom Ehrensold erfuhren, hatten das Recht, eine rückwirkende Zahlung zu beantragen und zu erhalten.430 Auch die bereits erwähnten Privilegien der Ehrenbezeigung wurden fortgeführt, wonach Posten mit Gewehr den Rittern und Inhabern höchster deutscher Kriegsauszeichnungen eben jene Ehrenbezeigung durch Stillstehen mit präsentiertem Gewehr zu erweisen hatten. Ferner konnten auf Antrag der Angehörigen eines verstorbenen Inhabers diesem bei der Trauerparade militärische Ehren nach einem genau festgelegten Zeremoniell erwiesen werden.431 Sollte ein Inhaber des Militär-Verdienstkreuzes Selbstmord begangen haben, so war es in den Bestimmungen ausdrücklich festgelegt, entschied der Kommandeur des für die Trauerfeier zu stellenden militärischen Personals über die Durchführung. Er hatte demnach Rücksprache mit dem zuständigen Pfarrer zu halten, „ob die Beerdigung mit militärischen Ehren (Trauerparade, Halbstockflaggen), mit Trauergefolge oder in aller Stille zu erfolgen hat. Hierbei ist zu prüfen, ob der Verstorbene die Tat aus unehrenhaftem Anlaß oder unter Ärgerniß gebenden Umtänden ausgeführt hat.“432 Interessant scheinen gerade in dieser Ausführungsbestimmung die miteinander konkurrierenden Ehrvorstellungen. Selbst in der Mitte des 20. Jahrhunderts und unter der NS-Ideologie, die sich von kirchlich geprägten Wertvorstellungen zu lösen versuchte, waren die zum einen ehrenhafte Tat im Kriege, die mit höchster Auszeichnung bedacht wurde, und zum anderen der unehrenhafte Selbstmord nicht miteinander vereinbar. Die beiden Ehrdelikte, positiv wie negativ, konnten also gegeneinander abgewogen werden und so entschied sich letztlich die bleibende Reputation des verstorbenen Inhabers. Die Möglichkeit, dem Suizid ein ehrenhaftes oder unehrenhaftes Motiv zu unterstellen, überließ es jedoch dem Pfarrer und dem verantwortlichen Kommandeur, über die Ehrhaftigkeit des Verstorbenen zu entscheiden. Da die Bundesrepublik Deutschland die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches angetreten hatte, wurde im Rahmen der Neuordnung des Auszeichnungswesens durch das Ordensgesetz 1957 auch die Frage der Weiterzahlung des Ehrensolds gere- 429 Vgl. ebd. 430 Vgl. ebd., S. 75. 431 Vgl. ebd., S. 87. 432 Ebd., S. 89. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 96 gelt. Eine Zulage gab es nur für höchste Kriegsauszeichnungen, die bis 1918 verliehen wurden (nachträgliche Verleihungen eingeschlossen), wobei man sich an jenen Orden und Ehrenzeichen orientierte, die auch schon 1939 für den Erhalt eines Ehrensolds433 festgelegt wurden.434 Auszeichnungen des Dritten Reiches waren für eine finanzielle Zulage nicht vorgesehen. Der Ehrensold wurde für die Zeit vom 1. Oktober 1956 an rückwirkend gezahlt und zwar in Höhe von 25 DM auf Antrag des Anspruchsberechtigten.435 Die Abwicklung der Anträge erfolgte über die Versorgungs- ämter Berlin, München, Stuttgart und Karlsruhe und die Finanzierung erfolgte aus dem Etat des Bundesministeriums der Verteidigung.436 Eine strafgerichtliche Verurteilung war mit dem Erhalt des Ehrensolds unvereinbar. Einem Inhaber konnte also die Auszeichnung auch noch Jahrzehnte nach dem Erhalt aufgrund einer Verurteilung nach bundesdeutschem Recht entzogen werden.437 Die Träger der höchsten deutschen Kriegsauszeichnungen des Ersten Weltkriegs organisierten sich nach 1945 in Kameradschaften und Ordensgemeinschaften, die sich dem Zweck der Traditionspflege und der gegenseitigen Solidarität aber auch der gegenseitigen wirtschaftlichen Unterstützung verschrieben hatten. Im Jahre 1990 starb der letzte Inhaber des preußischen Militär-Verdienstkreuzes, Karl Heinzmann, im Alter von 101 Jahren.438 Im Jahre 1996 wies der Etat des Bundesministeriums der Verteidigung noch drei Ehrensoldempfänger aus, letzter Ehrensoldempfänger war der Schriftsteller und Träger des Ordens Pour le Mérite Ernst Jünger (1895-1998).439 Materielle und protokollarische Privilegien gab und gibt es auch in etlichen anderen Ländern. So mussten die Träger des Ordens der Roten Fahne erster Klasse (UdSSR) von allen Angehörigen der Streitkräfte, seien sie auch im Dienstgrad höhergestellt gewesen, zuerst mit der Ehrenbezeigung gegrüßt werden. Gleichzeitig durften dieselben Inhaber frei mit allen Staatsbahnen in der Sowjetunion fahren.440 Die Träger höchster britischer Orden dürfen die Bezeichnung der Klasse eines verliehenen Ordens als Abkürzung in ihrem Nachnamen tragen wie etwa „KG“ für Knights Cross (Ritterkreuz) oder „DSO“ für Distinguished Service Order (Orden für hervorragenden Verdienst, eine britische Kriegsauszeichnung). Ebenso dürfen britische Inhaber höchster Kriegsauszeichnungen den Namen des Ortes, für den sie einen Orden erhielten, als Teil des Familiennamens führen.441 Ehrensoldregelungen gibt es auch für 433 Der Begriff „Ehrensold“ bezeichnet neben der Zulage für Auszeichnungen nach § 11 des Gesetzes über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26. Juli 1957 auch die Ruhebezüge eines Bundespräsidenten (Gesetz über die Ruhebezüge des Bundespräsidenten). 434 Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 81. 435 Vgl. ebd., S. 81ff. 436 Vgl. Balk, Jörg: Lohn der Tat. Ehrensold für die Inhaber höchster Tapferkeitsauszeichnungen des I.Weltkrieges nach dem Ordensgesetz von 1957. S. 11. Siehe: http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg. de/Ehrensold.pdf (Stand: 25.10.2015). 437 Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 82f. 438 Vgl. Balk, Jörg: Lohn der Tat. Ehrensold für die Inhaber höchster Tapferkeitsauszeichnungen des I.Weltkrieges nach dem Ordensgesetz von 1957. S. 11. Siehe: http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg. de/Ehrensold.pdf (Stand: 25.10.2015). 439 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 223. 440 Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 86. 441 Vgl. ebd. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 97 die Träger belgischer, finnischer, niederländischer und italienischer Auszeichnungen.442 Besonders umfangreich sind jedoch die Privilegien der noch heute verliehenen höchsten amerikanischen Tapferkeitsauszeichnung, der Medal of Honor. Ihre Träger erhalten neben dem monatlichen Ehrensold in Höhe von 1.259 $, einen Zuschlag von 10% zu ihrer jeweiligen Pension und sie dürfen Inlandsflüge der US-Streitkräfte nutzen.443 Die Kinder von Inhabern der Medal of Honor sind dazu berechtigt, abseits der Quoten die US-Militärakademien zu besuchen und schließlich erhalten sie ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren und einen Grabstein, der sie als Träger dieser höchsten Tapferkeitsauszeichnung ausweist.444 Unerlaubtes Tragen von Orden und Ehrenzeichen Mit der Stiftung dutzender Orden und Ehrenzeichen im Zuge der Befreiungskriege etablierte sich ein neues Ehrdelikt, das darin bestand Auszeichnungen zu tragen, die einem nicht verliehen wurden oder sie in nicht statthafter Weise zu tragen. Die Gründe für diese Entwicklung sind bei den theoretischen Betrachtungen zum Wert einer Auszeichnung eine logische Konsequenz aus den Abhängigkeiten, die zwischen Sender, Empfänger und Gesellschaft diesbezüglich vorherrschen. Zweifelsohne mussten durch die öffentliche Wahrnehmung, künstlerische Verarbeitung und Aufrechterhaltung der Erinnerung an die Kriege gegen Napoleon und insbesondere einzelne Kampagnen daraus Begehrlichkeiten geweckt werden, was die Teilnahme und Teilhabe an diesen Ereignissen betrifft. Für die Schlacht von Waterloo spricht Marian Füssel von einem regelrechten „Sakralisierungsprozess“445 bei der Herausbildung einer Erinnerungskultur. Die Sehnsucht nach Vergegenwärtigung dieser Schlacht drückte sich nicht nur durch intensiven Tourismus zu den Orten des Geschehens aus, sondern gegebenenfalls auch durch die individuelle Vortäuschung „dabei gewesen“ zu sein. So besuchte beispielsweise der englische Prinzregent Georg, der spätere König Georg IV., im Jahre 1821 zusammen mit General Wellington erstmalig das Schlachtfeld von Waterloo und behauptete später immer wieder, persönlich an der Schlacht teilgenommen zu haben.446 Der wichtigste Beweis für eine tatsächliche Teilnahme war jedoch ein äußeres Zeichen, nämlich die unterschiedslos verliehene Kriegsdenkmünze oder Waterloo-Medaille. Wer sie trug, war für seine Umwelt als Teilnehmer der Schlacht auf den ersten Blick erkennbar. Dementsprechend kam es bei diesen Ehrenzeichen zu missbräuchlichen Handhabungen, die erstmalig zu einer behördlichen Regulierung führten. Die preußische General-Ordens-Kommission stellte bereits zu Beginn des Jahres 1816 einen großflächig auftretenden Missbrauch bei der Trageweise der in hohen Zahlen verliehenen preußischen Kriegsdenkmünzen 1813-15 fest. Daher wurde eine Kabinettsorder erlassen, wonach „nicht nur die Nachbildung der Denkmünzen, son- 442 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 223. 443 Vgl. http://www.army.mil/medalofhonor/process.html (Stand: 30.10.2015). 444 Vgl. ebd. 445 Füssel, Marian: Waterloo 1815. München 2015.S. 97. 446 Vgl. ebd., S. 99. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 98 dern auch das Anfertigen von Zierrathen, Veränderungen oder sinnbildlichen Darstellungen der Allerhöchsten Orts verliehenen Orden und Ehrenzeichen künftig allgemein unterbleiben“447 muss. Gleiches galt generell ebenso für den Handel mit Orden und Ehrenzeichen. Staatskanzler von Hardenberg verzichtete laut Bekanntmachung in diesem Kontext ausdrücklich auf eine eigene Gesetzgebung, die diese Abänderungen unter Strafe stellen sollte und verließ sich bei der Umsetzung wohl auf die Hörigkeit der Untertanen gegenüber der Weisung des Königs. Anders sah es beim unbefugten Tragen von Orden und Ehrenzeichen aus, das je nach „Beschaffenheit der zu Bestrafenden“448 mit dreimonatiger Festungshaft oder Gefängnis geahndet werden konnte, wobei Festungshaft nach damaligem Verständnis als nicht entehrend galt.449 Im Königreich Preußen waren die Strafen für das unbefugte Tragen von Orden und Ehrenzeichen sehr dezidiert festgelegt. In der Übersicht über Verbrechen und Strafen nach Preußischem Rechte450 aus dem Jahre 1833 wurde im Paragraphen über die Anmaßung von Orden und Ehrenzeichen zunächst zwischen „betrüglicher Absicht“ und „Unbefugtes Tragen ohne solche Absicht“ unterschieden. Für den ersten Straftatbestand war die Strafe mit der des Betruges identisch, bei der zweiten wurde genauestens unterschieden: „2. Unbefugtes Tragen ohne solche Absicht a. der Kriegsdenkmünze von 1813, 1814, 1815. α. zum ersten Male. 6 Wochen Gefängniß. [...] ß. zum wiederholten Male. Verdoppelung der Strafe. [...] b. des Bandes vom eisernen Kreuze. α. in betrüglicher Absicht Die Strafe des Betruges und öffentliche Bekanntmachung derselben. ß. aus Eitelkeit 20-100 Rthlr. Geldstrafe. [...] c. das Tragen anderer Orden und Ehrenzeichen. 3 Monate Festung oder Gefängniß. [...] „451 Während des Zweiten Weltkriegs spielte die Ahndung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen eine durchaus beachtliche Rolle. Dies basierte im Wesentlichen auf der propagierten soldatischen Heldenverehrung, die auch in Form von Kriegsauszeichnungen ihren Ausdruck fand. Im Laufe des Krieges fanden Neustiftungen und Erneuerungen zahlreicher Auszeichnungen statt. Damit knüpfte man einer- 447 Fürst von Hardenberg, Karl August von: Bekanntmachung wegen der Abstellung der Mißbräuche welche in den willkührlichen Abänderungen der Krieges-Denkmünzen, Orden und Ehrenzeichen statt finden. Berlin 1816. 448 Friedrich Wilhelm III. von Preußen: Allerhöchste Kabinetsorder, die Bestrafung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen betreffend. De Dato Troppau, den19ten November 1820. Berlin 1820. 449 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 136ff. 450 Hafemann, Julius Ferdinand: Übersicht über Verbrechen und Strafen nach Preußischem Rechte. Berlin 1833. 451 Ebd., S. 15. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 99 seits an alte Traditionen an und konnte sich somit auf eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und vor allem bei militärischen Eliten verlassen, weiterhin erfolgte durch eine systematische Etablierung des Auszeichnungswesens innerhalb der Jugendund Parteiorganisationen sowie der Wehrmacht die Sozialisierung junger Menschen hinsichtlich eines umfassenden staatlichen Belohnungssystems. Orden und Ehrenzeichen wurden „zu einem prägenden Bestandteil der Lebenswirklichkeit des Dritten Reiches“452. Das militärische Auszeichnungswesen unterschied genau und sichtbar zwischen der „Etappe“ und dem „Frontsoldaten“ und seine Wirkung verfehlte es bei den Beliehenen und Beobachtern nicht: „Gestern bekamen wir 5 EK I in mein Btl., davon 4 für Gefreite und Obergefreite. Man freut sich so darüber, als wenn man es selbst noch einmal bekäme. Die strahlenden Augen der Männer müsstest Du sehen, dann sind die Strapazen und alles Leid der letzten Wochen verflogen [...].453 Da erscheint es kaum verwunderlich, wenn es im Laufe des Krieges zu Delikten kam, bei denen Soldaten Auszeichnungen trugen, die ihnen gar nicht verliehen wurden, um so einen Prestigegewinn zu erzeugen. Christoph Rass gibt uns in seinem Werk über die Innenansichten der 253. Infanterie-Division einen umfassenden Einblick über die Vorgänge zu diesem Tatbestand innerhalb eines militärischen Großverbandes. Die Soldaten, die sich des unerlaubten Tragens von Orden und Ehrenzeichen schuldig machten, gehörten in gleichem Maße zu älteren wie zu jüngeren Jahrgängen. Der älteste gehörte zum Jahrgang 1901, der jüngste war 1922 geboren. Kampftruppe und rückwärtige Dienste der Division waren gleichermaßen betroffen.454 Bis auf eine Ausnahme trugen die Betroffenen ihre nicht verliehenen Auszeichnungen während des Fronturlaubs und wurden dabei durch den Heeresstreifendienst bei der Überprüfung des Soldbuchs entdeckt.455 Im Urlaub konnte einerseits das Dienstvergehen nur sehr viel schwieriger aufgedeckt werden, da es keine Kontrolle durch Vorgesetzte und Kameraden gab, die genau wussten, wer welche Auszeichnung in der Einheit erhalten hatte und andererseits war das Motiv für den vorgetäuschten Prestigegewinn im Heimaturlaub am größten. Ein Unteroffizier, der 1943 verhaftet wurde, gab zu Protokoll: „Ich wollte zu meinem Mädchen nach Allenstein fahren. Da ich mich schämte, nach anderthalb Jahren noch keine Auszeichnung zu besitzen, kaufte ich mir ohne Ausweis vor Urlaubsantritt die Bändchen zum EK II und zur Ostmedaille sowie das Verwundetenabzeichen in schwarz.“456 Diese Minderwertigkeitsgefühle werden bei nahezu allen Vernehmungen beschrieben und zeugen vom ausgeprägten Leistungsdruck dem soldatischen Idealbild auch in der Heimat zu entsprechen. Der Soldat Anton P., der 1943 nach Erkrankung von einer Feldeinheit der 253. Infanterie-Division zu einer Ersatz-Einheit versetzt wurde, wurde 452 Rass, Christoph: Menschenmaterial: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945. Paderborn 2003. S. 250. 453 Ebd., S. 255. 454 Vgl. ebd. 455 Vgl. ebd., S. 256. 456 Ebd., S. 257. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 100 wegen des unerlaubten Tragens des Infanterie-Sturmabzeichens und des Eisernen Kreuzes 2.Klasse vor ein Gericht gestellt. Er gestand die Tat, da „ich mir [...] ohne das EK II als minderwertiger Soldat vorkam und die Leute in meinem Heimatdorf denken würden, ich sei ein schlechter Soldat gewesen.“457 Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die Wehrmachtsstreifen dazu angehalten wurden, bei der Kontrolle eines Soldbuches akribisch auf die tatsächlich eingetragenen Auszeichnungen zu achten. Widersprüchlich dazu scheint der Umstand, dass der Erwerb von Orden und Auszeichnungen im Spezialhandel auch ohne Besitzzeugnis offenbar problemlos möglich war.458 Insgesamt kam es beim Divisionsgericht der 253. Infanterie-Division im Verlauf des Krieges zu 14 Verfahren wegen des unerlaubten Tragens von Orden und Ehrenzeichen.459 In der Regel schrieb das Kriegsgericht den Angeklagten eine krankhafte Neigung zur Unwahrheit, übersteigerte Geltungssucht und andere Charakterschwächen zu. Die Fälle wurden allesamt mit niedrigen Gefängnisstrafen von sechs bis neun Monaten geahndet, die bei der Urteilsverkündung in Arreststrafen von wenigen Wochen umgewandelt oder sogar gänzlich ausgesetzt wurden. Der Mechanismus des Belohnungssystems im Dreiklang – Auszeichnung des Individuums, Aufwertung der Gruppe und Hervorheben der militärischen Führer460 – wurde von den Soldaten mehr oder weniger stark verinnerlicht, konnte jedoch auch über den Krieg hinaus funktionieren, wie ein Prozess vor dem Bundesverwaltungsgericht aus dem Jahre 1961 zeigt. Ein ehemaliger Feldwebel der Wehrmacht, der während des Krieges mehrfach, teilweise schwer, verwundet und hoch ausgezeichnet wurde, trat im Jahre 1956 in die neu gegründete Bundeswehr ein. Viele der Soldaten, die Vordienstzeit in der Wehrmacht hatten, verfügten durch Kriegseinwirkungen und Gefangenschaft oftmals nicht mehr über Besitzzeugnisse und Dokumente, um ihre Auszeichnungen nachzuweisen. Diesen Umstand nutzte der besagte Feldwebel, und hat „eine beglaubigte Abschrift eines gefälschten Auszuges aus dem Wehrmachtsoldbuch über die angebliche Verleihung des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes vorgelegt, die er mit Hilfe eines gutgläubigen Bürgermeisters hatte herstellen lassen, und sich zugleich auf die Einreichung des gefälschten Auszuges aus dem Wehrmachtsoldbuch zu seinen Personalunterlagen bei seiner Einstellungsüberprüfung berufen.“461 Folglich erhielt der Soldat eine Genehmigung zum Tragen des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes und trug die Auszeichnung bis 1960 an seinem Dienstanzug und zu Veranstaltungen der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger. Der Soldat wurde schließlich wegen des unberechtigten Tragens von Orden und Ehrenzeichen nach § 15 des Gesetzes über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26.07.1957 zu einer Geldstrafe von 150,- DM verurteilt und im Zusammenhang mit weiteren Dienstvergehen und Urkundenfälschung aus dem Dienstverhältnis entlassen.462 457 Ebd., S. 258. 458 Vgl. ebd., S. 257, Fußnote 207. 459 Vgl. ebd., S. 256ff. 460 Vgl. ebd., S. 258. 461 https://www.jurion.de/Urteile/BVerwG/1961-12-03/W-D-24_61 (Stand: 20.09.2015). 462 https://www.jurion.de/Urteile/BVerwG/1961-12-03/W-D-24_61 (Stand: 20.09.2015). 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 101 Obwohl der Feldwebel im Zweiten Weltkrieg schon mehrfach ausgezeichnet wurde, so unter anderem mit dem Eisernen Kreuz 1.Klasse, reichte ihm dieser Prestigegewinn nicht aus. Der Mythos der Ritterkreuzträger und die in diesem Sinne aufwändig getätigte Propaganda während des Dritten Reiches haben in diesem Fall ihre volle Wirkung erzielt, indem der Soldat noch über den Krieg hinaus nach dieser hohen Auszeichnung strebte und letztlich bereit war, die Verleihung des Ritterkreuzes vorzutäuschen. Der Umstand, dass es mit dem Ordensgesetz von 1957 sogar möglich war, diese Auszeichnung in veränderter Form zu tragen, dürfte als ebenso motivationsfördernd gewirkt haben wie die Existenz einer Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger. Der ideelle Wert einer militärischen Auszeichnung, und das zeigen alle angeführten Beispiele, war vor allem abseits der Front, in der Heimat, während des Urlaubs oder Jahre bzw. Jahrzehnte nach einem Krieg so groß, dass immer wieder Menschen nach dem Besitz und der Zurschaustellung bestimmter Orden und Ehrenzeichen strebten, um in den Genuss eines als vorteilhaft beurteilten Prestigegewinns zu kommen. Entzug und Rückgabe von Orden und Ehrenzeichen Bei der Rückgabe von Orden und Ehrenzeichen unterscheidet man zwischen der Rückgabe der Ordensdekoration nach dem Tod des Beliehenen und der freiwilligen Rückgabe einer Auszeichnung durch den Beliehenen, in der Regel aus Protest. Die pflichtgemäße Rückgabe von Orden und Ehrenzeichen war in den jeweiligen Statuten geregelt und hatte verschiedene Gründe. Eine Rückgabe konnte den besonderen Stellenwert eines Ordens ausdrücken, indem das Kleinod unmittelbar an den Träger und dessen Lebensdauer gebunden war. Der Staat schützte seine Dekoration gleichzeitig, indem er sie einer möglichen, in seinem Sinne missbräuchlichen Verwendung durch Hinterbliebene und Erben entzog, wie etwa dem Verkauf oder unerlaubten Tragen. Ein anderer und weitaus wichtigerer Grund für die Rückgabe waren die Kosten und aufwändige Herstellung einiger Auszeichnungen, weshalb vor allem Orden betroffen waren und weniger die einfacher herzustellenden Ehrenzeichen: „Die Orden werden von Juwelieren hergestellt und zwar von Geschäften, die auf diese Arbeit besonders eingerichtet sind und besondere Ateliers dafür haben. Die Herstellung des Ordens ist keine Kleinigkeit. Der Goldschmied, der Emaillierer, der Maler, der Polierer, der Zusammensetzer sind bei der Entstehung des Ordens tätig.“463 Die Preise für die niedrigsten Klassen von Verdienstorden deutscher Bundesstaaten im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewegten sich mit etwa 60 Mark auf etwa gleichem Niveau.464 Die Preise stiegen mit der Höhe der Klasse um das Vielfache, da in der Regel noch ein Bruststern, Schulterband und gegebenenfalls noch Brillanten hinzukamen, wobei die Brillanten zumindest im Königreich Preußen ein 463 Sauerwald, Peter: Zur Verleihung und Rückgabe von Orden im Königreich Preußen, ihrer Kosten und Herstellung. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Nr. 57 (2008). Hof 2008. S. 242. 464 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 102 Geschenk des Monarchen und somit auch nicht rückgabepflichtig waren.465 Der höchste preußische Orden, der Hohe Orden vom Schwarzen Adler, kostete in seiner Grundform 2400 Mark, mit Brillanten betrugen die Kosten sogar 6000 Mark.466 Angesichts der hohen Preise für Orden war in allen deutschen Staaten eine Rückgabepflicht geregelt. In den Königreichen Preußen und Hannover waren die jeweiligen General-Ordens-Kommissionen (GOK) damit beauftragt, Ordensdekorationen wieder einzuziehen, in anderen Ländern war eine Ordenskanzlei oder entsprechende Behörde damit beauftragt. Nach dem Tod eines Beliehenen und der entsprechenden Kenntnisnahme der GOK davon, wurden die nächsten Angehörigen angeschrieben und um Rücksendung der Dekoration gebeten. Kamen diese der Bitte nicht nach, wurden Polizeibeamte mit der Abholung des Ordens beauftragt.467 Selbst die Rückgabe einer Dekoration geriet mitunter zu einer symbolträchtigen Zeremonie, die sowohl das Ansehen des Ordens als auch die Ehre des verstorbenen Trägers in den Fokus rücken sollte: „Ist ein Inhaber hoher Ordensdekorationen gestorben, so ist es in den deutschen Bundesstaaten üblich, daß der Sohn, Schwiegersohn oder ein anderer männlicher Familienangehöriger in feierlicher Audienz dem Landesherrn die Orden persönlich zurückreicht.“468 In Preußen soll es als Zeichen der Ehrerbietung üblich gewesen sein, dass der Monarch den Orden in der Kleidung zurücknahm, die sich auf den Beruf des Verstorbenen bezog, also „War dieser zum Beispiel Seeoffizier, so empfängt der Kaiser den Angehörigen, der ihm die Orden zurückreicht, in Marineuniform, und war der Verstorbene Artillerist, so legt der Kaiser diese Uniform an.“469 Die Rückgabeaudienzen erfreuten sich schließlich großer Beliebtheit, sodass sich „die Anträge bei Seiner Majestät dem Kaiser und Könige um Genehmigung von Audienzen behufs persönlicher Rückgabe der Orden Verstorbener in sehr erheblicher Weise gemehrt haben.“470 Als Konsequenz aus der hohen Nachfrage nach dieser Zeremonie durften schließlich nur noch Audienzen bei der Rückgabe von Dekorationen des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler und anderer Orden in der jeweiligen 1.Klasse beantragt werden.471 Rückgabepflichtig waren neben den Orden verstorbener Träger auch Dekorationen, wenn deren Inhaber eine höhere Klasse desselben Ordens erhielten. Die GOK sandte den Orden dann zum Hersteller bzw. einen Juwelier, um ihn gegebenenfalls restaurieren oder polieren zu lassen, da es tragebedingt zu Schäden kommen konnte und schließlich wurde der Orden wieder verliehen. Trotz dieser Praxis waren die Ordenszeichen bei der preußischen GOK grundsätzlich Mangelware. Selbst von der niedrigen vierten Klasse des Kronenordens oder Roter-Adlerordens, von der etliche tausend verliehen wurden, waren ständig höchstens 30 bis 40 Stück 465 Vgl. ebd. 466 Vgl. ebd. 467 Vgl. ebd., S. 243. 468 Ebd. 469 Ebd. 470 Ebd., S. 247. 471 Vgl. ebd. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 103 vorrätig, sodass auch immer wieder Exemplare nachbestellt werden mussten.472 Den Angehörigen verstorbener Beliehener stand es übrigens offen, die Orden gegen den Herstellungspreis, den sie an die General-Ordens-Kommission zu zahlen hatten, zu erwerben und als Erinnerung zu behalten, ebenso mussten verlorene Orden ersetzt werden.473 Ausländische Orden waren generell rückgabepflichtig.474 Da die Annahme einer ausländischen Auszeichnung durch den jeweiligen Souverän zu genehmigen war und die General-Ordens-Kommission oder eine vergleichbare Dienststelle die Anträge hierzu bearbeitete, wurden die entsprechenden Verleihungen aktenkundig festgehalten und gegebenenfalls auch veröffentlicht, beispielweise in den jährlichen Ranglisten der Offiziere. Daher war es den Behörden auch möglich, die ausländischen Orden nach dem Tod eines Beliehenen zurückzufordern und an die betreffende Ordens- Kommission zu senden. Länder wie Brasilien, China, Frankreich, Serbien, Japan, Montenegro, Persien, Portugal und das Osmanische Reich verzichteten im Laufe der Zeit auf eine Rückgabe von Orden sowohl für in- als auch ausländische Inhaber, während Russland die Rückgabe auch bei Ausländern zunächst streng verfolgte.475 In Preußen waren Orden der Monarchie (sogenannte erledigte Orden) auch nach 1918 rückgabepflichtig, obwohl Verleihungen nicht mehr stattfanden. Hierfür wurde eigens eine Nachfolgebehörde der General-Ordens-Kommission eingerichtet, die sogenannte „Abwicklungsstelle der früheren General-Ordenskommission“.476 Der Staat betrachtete die verliehenen Orden trotz der abgeschafften Monarchie nach wie vor als seinen Besitz, auf den er nach dem Tod des Beliehenen Anspruch besaß. Da es keine Wiederverleihungen gab, dürfte der Staat in erster Linie an der Veräußerung des wertvollen Materials der Orden, insbesondere des Goldes, interessiert gewesen sein. Ein Indiz dafür ist, dass niedrige Klassen von Orden wie etwa die 4. Klasse des Roten- Adlerordens, die keinen Anteil von Gold aufwiesen, aus der amtlichen Ordenstafel für rückgabepflichtige Orden herausgenommen wurden. Die folgende Liste zeigt die Ordenszeichen, nach denen der Staat noch begehrte: „1. Schwarzer Adlerorden: Kreuz 120,— RM, Stern 40,— RM 2. Roter Adlerorden: Großkreuz 115,— RM, mit Eichenlaub 120,— RM, Stern 42,— RM, mit Eichenlaub 45,— RM; 1. Klasse 46,— RM, mit Eichenlaub 60,— RM, Stern 32,— RM, mit Eichenlaub 40,— RM; 2. Klasse 40,— RM, mit Eichenlaub 45,— RM, Stern 40,— RM, mit Eichenlaub 43,— RM; 3. Klasse 30,— RM, mit Schleife 32,— RM. 472 Vgl. ebd., S. 242. 473 Vgl. ebd., S. 247. 474 Vgl. ebd., S. 243 475 Vgl. ebd. 476 Ebd., S. 249. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 104 3. Kronenorden: 1. Klasse 75,— RM, Stern 50,— RM, ohne die Zahl 50 40,— RM; 2. Klasse 60,— RM, Stern 40,— RM; 3. Klasse 35,— RM, 4. Klasse 12,— RM. 4. Hausorden von Hohenzollern: Stern der Großkomture 55,— RM, Kreuz der Komture 90,— RM, Stern der Komture 50,— RM, Kreuz der Ritter 60,— RM, Adler der Ritter 43,— RM. 5. Johanniterorden: Ehrenritterkreuz 45,— RM.“477 Die Preise hinter den Auszeichnungen beziehen sich auf den staatlichen Verkaufspreis, falls die Angehörigen der verstorbenen Inhaber den Orden als Erinnerung kaufen wollten. Erst am 01. Mai 1935 wurde die Abwicklungsstelle aufgelöst und die weitere Einziehung von Orden und Ehrenzeichen oblag von nun an in Preußen den Bürgermeistern, Landräten und Polizei-Direktionen, wobei der Polizeipräsident Berlin für die Überwachung der Durchführung verantwortlich war.478 Für die Beamten, die auf Regionalebene mit der Einziehung beauftragt waren, gab es genaue Durchführungsbestimmungen, die wesentlich umfangreicher waren als zur Zeit der Monarchie: „Die Landräte, usw. erhalten von der Abwickelungsstelle Karten über diejenigen Ordensinhaber, die zur Zeit der Verleihung in ihrem Bezirk wohnhaft waren. Nach Eingang dieser Karten haben sie zu prüfen, ob die Ordensinhaber in ihrem Bezirk noch ansässig sind. Stellen sie fest, dass ein Ordensinhaber verstorben ist, so haben sie die Einziehung der Orden sofort zu betreiben. Wird festgestellt, dass ein Ordensinhaber verzogen ist, so ist auf der Rückseite der Karte der Vermerk „verzogen nach ……“ auszufüllen und die Karte an die nunmehr zuständige Dienststelle weiterzusenden. Diese setzt die Ermittelungen fort. Die Dienststelle, die festgestellt hat, dass der Ordensinhaber in ihrem Bezirk seinen neuen Wohnsitz hat, meldet dies dem Polizeipräsidenten in Berlin.“479 Bei den Ehrenzeichen wurde die Praxis der Rückgabe sehr unterschiedlich gehandhabt und individuell festgelegt. Erinnerungszeichen, Kriegsdenkmünzen und Auszeichnungen für Verdienste oder Tapferkeit im Kriege waren in den allermeisten deutschen Staaten nicht rückgabepflichtig, Ehrenzeichen, die für Verdienste in Friedenszeichen verliehen wurden, dagegen oftmals schon.480 Je kleiner das Fürstentum war, desto weniger durften die Hinterbliebenen auf die Kulanz hoffen, ein Ehrenzeichen als Erinnerungsstück behalten zu dürfen. Der Grund hierfür dürfte in den bescheidenen finanziellen Mitteln der kleinen Länder für die Beschaffung von Auszeichnungen liegen. Im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, dessen Regent Friedrich Wilhelm zur äußersten Sparsamkeit neigte481, waren selbst die Militärdienstkreu- 477 Ebd., S. 250. 478 Vgl. ebd. 479 Ebd., S. 249. 480 Auf folgender Internetseite (Ordensjournal Ausgabe 20, herausgegeben von Uwe Brückner aus dem Jahr 2010) findet sich eine Aufstellung aller Ehrenzeichen der deutschen Staaten bis 1918, die rückgabepflichtig waren oder nach dem Tod des Beliehenen bei den Angehörigen verbleiben konnten: http://ordensmuseum.de/Ordensjournal/Ordensjournal20Sep10Infl.pdf. (Stand 15.11.2015). 481 http://wafr.lbmv.de/ (Stand 15.11.2015). 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 105 ze für Offiziere und Unteroffiziere sowie die niedrigste Verdienstmedaille in Bronze (gestiftet 1904) rückgabepflichtig.482 Im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt waren sämtliche Dekorationen nach dem Tode des Beliehenen zurückzugeben, während im Fürstentum Waldeck-Pyrmont die goldene und silberne Verdienstmedaille nur auf besonderen Antrag hin bei den Hinterbliebenen verbleiben durfte.483 Mit dem Zusammenbruch staatlicher Strukturen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fand die Einziehung von Orden und Ehrenzeichen in Preußen bzw. Deutschland ein Ende. Auch die Bundesrepublik Deutschland führte diese Praxis nicht weiter fort, sowohl was die Orden und Ehrenzeichen der Monarchie betraf als auch die Neustiftung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Lediglich der halboffizielle heute noch verliehene Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste, dessen Protektor der Bundespräsident ist, ist nach wie vor rückgabepflichtig, nämlich an die den Orden betreuende Abteilung des Bundesministerium des Innern.484 So, wie es dem Träger einer Auszeichnung frei steht, seine Auszeichnung zurückzugeben, eine Handlung, die in den meisten Fällen die Unzufriedenheit des Trägers mit dem Verleihenden bzw. dessen Politik zum Ausdruck bringen soll, steht es dem Verleihenden zu, eine Auszeichnung einzuziehen oder abzuerkennen. Erstaunlicherweise spielen dabei in den wenigsten Fällen Trageverbote vor dem Hintergrund nationaler Rivalitäten eine Rolle, wie man es beispielsweise bei Kriegsgegnern erwarten würde. So gab es auf deutscher Seite während des Ersten Weltkriegs keine gesetzlichen Bestimmungen, die das Tragen sogenannter „Feindauszeichnungen“ untersagte. Auch nach den Befreiungskriegen gab es keine Verbote für das Tragen der von Napoleon verliehenen Orden und Ehrenzeichen, insbesondere dem Orden der Ehrenlegion, obwohl er auch zahlreichen Politikern, Künstlern und Gelehrten verliehen wurde, wie etwa Johann Wolfgang von Goethe oder Christoph Martin Wieland. Es existiert lediglich eine Kabinettsorder aus dem Jahre 1815, die sich mit einem konkreten, generellen Trageverbot der Orden und Ehrenzeichen eines Landes beschäftigt, nämlich denen des Königreichs Westphalen. In der „Bekanntmachung betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen.“ heißt es dazu: „Seine Majestät der König haben, mittelst Allerhöchster Kabinetsordre vom 26sten Februar d. J., festzusetzen geruhet, daß keinem Höchst Ihrer Unterthanen gestattet werden soll, die von der ehemaligen Westphälischen Regierung erhaltenen Orden und Ehrenzeichen zu tragen, weshalb insbesondere auch den in diesseitigen Diensten stehenden Soldaten das Tragen der Westphälischen Verdienst-Medaille untersagt ist.“485 Das Tragen der Auszeichnungen des Königreichs Westphalen zu verbieten, war zweifelsohne eine Maßnahme, um dessen Symbolik und somit auch sein Andenken aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen. Der Umstand, dass Armeen und Kon- 482 Vgl. Ohm-Hieronymussen, Peter: Die Mecklenburg-Strelitzer Orden und Ehrenzeichen. Kopenhagen 2000. S. 84/132. 483 Vgl. http://ordensmuseum.de/Ordensjournal/Ordensjournal20Sep10Infl.pdf. S. 9. (Stand: 15.11.2015). 484 Herfurth: Handbuch der Phaleristik., S. 217. 485 Hardenberg, Fürst von: Bekanntmachung betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1815. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 106 tingente an der Seite Napoleons kämpften, bedingte nicht automatisch die Verachtung der späteren Sieger. Immerhin verlieh der preußische König zahlreiche Tapferkeitsauszeichnung an die preußischen Hilfskontingente, die für den Russlandfeldzug 1812 abgestellt werden mussten und andere Länder wiederum bezogen diesen Personenkreis in die gestifteten Kriegsdenkmünzen und Erinnerungszeichen mit ein. Doch das Königreich Westphalen, das sich bei seiner Gründung große Teile Preußens einverleibte, war mit dem Bruder Napoleons, Jérome Bonaparte, zum Sinnbild des verhassten Vasallenstaates geworden. Dies spiegelte sich auch im zeitgenössischen Auszeichnungswesen in Form von Trageverboten wider. Der Entzug von Auszeichnungen stellt den Gegensatz zur Verleihung dar und basiert auf individuellem Fehlverhalten, das in der Regel zu einer gerichtlichen Verurteilung führt. In diesem Fall ist in den Statuten der meisten Orden und Ehrenzeichen der Entzug der Dekoration geregelt. Dies galt im 19. Jahrhundert beispielsweise für einen Hausorden wie etwa dem Oldenburgischen Haus- und Verdienstorden, bei dem im „Falle einer rechtskräftigen Verurteilung durch ein ordentliches Gericht [...] der Ausschluß des Ordensmitgliedes und die Abnahme der Dekoration.“486 erfolgte. „Das Ehrenkreuz487 konnte bereits wegen unehrenhaften Verhaltens aberkannt werden.“488 Aber auch ein einfaches Ehrenzeichen wie die Kriegervereinsmedaille des Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz, welche als „Anerkennung hervorragender Leistungen und Verdienste auf dem Gebiet des Kriegervereinswesens“489 gestiftet und verliehen wurde, wurde durch Bestimmungen vor dem möglichen Fehlverhalten seiner Beliehenen geschützt: „Verletzung der Diensttreue und unehrenhaftes Betragen hatten den Verlust der Medaille zur Folge.“490 Die Formulierungen über die möglichen Gründe des Entzugs einer Auszeichnung wurden bewusst wenig konkretisiert und ließen somit Raum für eine Auslegung „unehrenhaften Verhaltens“. Am Ende hatte ein Ordenskanzler oder Großmeister eines Ordens darüber zu entscheiden. Auch in der Gegenwart sind Kriminalitätsdelikte und die Inhaberschaft des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland nicht miteinander vereinbar, was sich in § 4 des Ordensgesetzes von 1957 widerspiegelt: „Erweist sich ein Beliehener durch sein Verhalten, insbesondere durch Begehen einer entehrenden Straftat, des verliehenen Titels oder der verliehenen Auszeichnung unwürdig oder wird ein solches Verhalten nachträglich bekannt, so kann ihm der Verleihungsbe- 486 Beyreiß: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg, S. 19. 487 Beim Ehrenkreuz handelt es sich um eine dem Oldenburgischen Haus- und Verdienstorden angeschlossene Auszeichnung, die in der Rangordnung unter den beiden Ritterkreuzklassen stand. Warum gerade die niedrigere Klasse die strengeren Bestimmungen zur Aberkennung aufwies, nämlich schon „unehrenhaftes Verhalten“ im Gegensatz zum Orden, für den eine rechtskräftige Verurteilung notwendig war, bleibt unklar. 488 Beyreiß: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg, S. 19. 489 Ohm-Hieronymussen: Die Mecklenburg-Strelitzer Orden und Ehrenzeichen, S. 162. 490 Ebd. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 107 rechtigte den Titel oder die Auszeichnung entziehen und die Einziehung der Verleihungsurkunde anordnen.“491 Fahrlässigkeit und einfache Vergehen werden Eckart Henning zufolge heutzutage kaum noch gewürdigt, um einen Orden einzuziehen, vielmehr kommen „Steuerhinterziehung in größerem Umfange, Verfehlungen gegenüber Schutzbefohlenen, Veruntreuung in ehrenamtlicher Tätigkeit oder Beratungsverfehlungen.“492 in Betracht. Der Fußball-Manager Uli Hoeneß ist ein prominentes Beispiel. In seiner Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung sah die bayerische Staatskanzlei einen Widerspruch zur Inhaberschaft des ihm verliehenen bayerischen Verdienstordens, weshalb ihm die Rückgabe nahegelegt wurde: „Das sei so Brauch, wenn man zu einer Strafe ohne Bewährung verurteilt wurde, habe die Regierungszentrale von CSU- Chef Horst Seehofer an Hoeneß ausrichten lassen.“493 Dieses Verfahren des „Nahelegens“ sei bei Staatskanzleien üblich, um die offizielle Aberkennung einer Auszeichnung durch den Bundespräsidenten oder Ministerpräsidenten zu vermeiden. Ähnliche Fälle wurden bei Peter Hartz und Klaus Zumwinkel praktiziert, die jeweils durch ein deutsches Gericht rechtskräftig verurteilt wurden und den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland zurückgaben.494 Lediglich in einem Fall musste ein Verdienstorden tatsächlich förmlich entzogen werden. Dem deutschen Literaturwissenschaftler Hans Ernst Schneider, der unter dem falschen Namen Hans Schwerte akademische Karriere machte und bei dem sich erst nachträglich dessen einschlägige Rolle während des Nationalsozialismus herausstellte, wurde sein Bundesverdienstkreuz offiziell aberkannt.495 Der Zweck einer Aberkennung oder Rückforderung des Ordens ist sowohl der Schutz der übrigen Trägerschaft, die über die gemeinsame Auszeichnung nicht in Verbindung mit dem Delinquenten gebracht werden soll, als auch die öffentliche Bloßstellung des Betroffenen durch den Verleihungsberechtigten. Eine automatische Aberkennung aller Orden und Ehrenzeichen im Zuge des Verlustes bürgerlicher Ehrenrechte (praktiziert nach § 32 und 33 StGB) findet seit der großen Justizreform von 1969 nicht mehr statt. 491 http://www.germantik.de/militarialexikon_html/57er/ordensgesetz/das_deutsche_ordensgesetz_vo m_.html (Stand: 19.11.2015). 492 Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 216. 493 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-12/uli-hoeness-verdienstorden (Stand: 23.11.2015). 494 http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-18445/bundesverdienstorden-verweigern-zurueckgeb en-entziehen_aid_514088.html (Stand: 23.11.2015). 495 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 108

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References

Zusammenfassung

Orden und Ehrenzeichen gehörten zur Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert. Sie wiesen ihre Träger als Teilnehmer von Schlachten und Feldzügen aus, als verdiente Staatsdiener, Künstler oder Lebensretter. Tragbare Auszeichnungen waren fest in das Ehrverständnis jener Zeit verankert und förderten dadurch Selbstbewusstsein und Anspruch gleichermaßen. Sie machten darüber hinaus soziale Unterschiede nach außen hin sichtbar und ließen den Beliehenen Aufstiegs- und Karrierechancen erahnen. Doch wie genau war so ein staatliches Auszeichnungssystem aufgebaut und inwiefern profitierte der Souverän von der Vergabe der wertvollen Kleinode? Der Autor beschäftigt sich im vorliegenden Werk umfassend mit den Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, das in über 50 Jahren ein komplexes System an Auszeichnungen hervorbrachte und seine Bürger umfänglich für Loyalität und Anhänglichkeit belohnte. Dabei werden nicht nur soziale, kulturelle und ikonographische Aspekte des Auszeichnungsprozesses beleuchtet, sondern auch die politische Geschichte des Königreichs Hannover und seine Bedeutung im Kontext von Tradition und Erinnerung nach 1866 in besonderem Maße fokussiert.