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II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. in:

Johannes-Paul Kögler

Ehre als tragbares Zeichen, page 23 - 72

Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814-1866

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4165-9, ISBN online: 978-3-8288-7030-7, https://doi.org/10.5771/9783828870307-23

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
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Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. II. 23 Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter Im mittelalterlichen Orden liegen die Wurzeln des modernen Auszeichnungswesens, auch wenn der Begriff Orden im Sinne einer tragbaren Auszeichnung gegenwärtig nicht mehr viel mit der religiösen Lebensgemeinschaft gemeinsam zu haben scheint. Zunächst meint der lateinische Begriff Ordo so etwas wie Ordnung (von eben jenem Wort abgeleitet), Reihe oder Regel, Stand oder Rang. Er wird ferner auch heute noch im Sinne einer religiösen Gemeinschaft verwendet, die verbindlichen Regeln folgt, zum Beispiel der Franziskaner-, Zisterzienser-, oder Benediktinerorden.69 Orden waren im Mittelalter Gemeinschaften, deren Mitglieder sich einer Ordo unterwarfen, also einer festgeschriebenen Lebensweise, zu deren Einhaltung sie sich nach Ablegung eines Gelübdes verpflichtet hatten.70 Diese Mönchsorden dienten im Frühmittelalter zunächst der Ausbreitung und Festigung kirchlicher Strukturen, indem sie einerseits den christlichen Glauben verbreiteten und gleichzeitig bei der Kultivierung großer Teile Europas halfen. Zur Zeit der Kreuzzüge kamen mönchisch-ritterliche Ordensgemeinschaften hinzu, die sich zunächst dem Hospitalwesen annahmen (Orden des Heiligen Lazarus und Orden vom Spital des heiligen Johannes zu Jerusalem) und später ihre Tätigkeiten auf den ganzheitlichen Schutz der Pilger in das Heilige Land ausweiteten.71 Einige Orden sahen im Laufe der Kreuzzüge im Heiligen Land oder auch in Europa ihre Hauptaufgabe im bewaffneten Kampf, zu diesen geistlichen Ritterorden zählten beispielsweise der Templerorden, der Malteserorden oder auch der Deutsche Orden. Auch bei diesen Orden war ein Gelübde Teil der Initiation und man achtete bei den geistlichen Ritterorden streng auf die ständische Zugehörigkeit. Mit einer Ahnenprobe, die bei einigen Orden bis zu den Ururgroßeltern gefordert wurde (die sogenannte „Sechzehnerprobe“) musste die aristokratische Herkunft einwandfrei belegt werden.72 Die Mitglieder trugen auch erstmals ein äußeres Zeichen, wodurch sie ihre Zugehörigkeit zur Schau stellten. Grundsätzlich handelte es sich dabei um christliche Symbole, Kreuze in verschiedenen Ausführungen: achtstrahlig oder in Form von gekreuzten Balken, Lateran- oder Lilienkreuze, Tatzen- und Georgskreuze, die auf den Mänteln der Ritter aufgestickt wurden.73 Eine entsprechende Abstammung war die Voraussetzung für den Eintritt in einen solchen Orden und verdienstvolles Handeln wurde von seinen Mitgliedern in der Folge erwartet, daher betrachtet die phaleristische Forschung die geistlichen Ordensgemeinschaften als Vorläufer der späteren Orden.74 Die Ritter orientierten sich an den Augustinusregeln und entwickelten darüber hinaus in ihrer Lebens- und Verhaltensweise einen eigenen Kanon ritterlicher Werte und Ethik. Sinnbildlich hierfür ist der St.Georgs-Orden. Dieser spätmittelalterliche Ritterorden wurde eigens zu militärischen Zwecken, nämlich dem Kampf gegen 1. 69 Vgl. Henning/Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 16. 70 Vgl. Fuhrmann, Horst: Pour le Mérite. Über die Sichtbarmachung von Verdienst. Sigmaringen 1992. S. 22 71 Vgl. ebd. 72 Vgl. ebd., S. 23. 73 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 25. 74 Vgl. ebd., S. 17. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 24 die Türken gegründet und nach einem römischen Offizier benannt, der 303 den Märtyrertod fand und noch heute als Drachentöter bekannt ist.75 Die sich daraus ergebenden Attribute der Tapferkeit, Ritterlichkeit und gleichzeitig christlichen Aufopferung scheinen geradezu ein Idealtypus für die Ordensgründung gewesen zu sein. Immerhin wurde auch in der Neuzeit immer wieder an das Symbol des Drachentöters angeknüpft und daher finden sich in vielen europäischen Staaten gleichnamige Ordensstiftungen, wie etwa im Heiligen Stuhl, in den Königreichen Hannover und Bayern, im Zarenreich Russland oder auch im Vereinigten Königreich. Der burgundische St. Georgs-Orden etablierte im Spätmittelalter ein Prozedere, wie es später für viele vergleichbare Ritterorden üblich werden sollte. Am St.Georgstag trafen sich jedes Jahr alle Ordensmitglieder und feierten in Anwesenheit der heiligen Reliquien einen Gottesdienst, an den sich eine Jahresversammlung anschloss. Jedes der Mitglieder hängte sein Wappenschild im Ordenshaus auf und ein Stabmeister, der für die Zeremonie verantwortlich war, sorgte für das leibliche Wohl der Anwesenden „mit zweierlei gutem und reinem Wein, jedoch ohne Übermaß“.76 Im weiteren Verlauf der Jahresversammlung wurden Ordensangelegenheiten geklärt, beispielsweise Neuaufnahmen oder Ausschlüsse von Mitgliedern, die Zahlung von Beiträgen oder auch Strafzahlungen bei Verstößen gegen die Ordensstatuten.77 Auch ideelle und soziale Solidarität spielten eine wichtige Rolle in der Ordensgemeinschaft, in der „die Brüder freundlich und einander behilflich sein, in Not einander unterstützen, in Gefahren beistehen, einer für alle und alle für einen, jeden gefangenen Bruder sollte der Verein oder jede einzelne vermögliche Bruder auslösen, Witwen und Waisen jedes Bruders sollten auf adlige Unterstützung des Vereins zu standesgemäßem Leben rechnen dürfen.“78 Zweifelsohne mussten die Mitglieder eines solchen Ordens wohlhabend gewesen sein, damit der soziale Zweck, so wie er in der Quelle beschrieben wurde, gewährleistet werden konnte und im Hoch- oder Spätmittelalter war die materielle Situation eines Menschen in den allermeisten Fällen mit seiner Standeszugehörigkeit verknüpft. Da spielte auch das Geschlecht eine untergeordnete Rolle, denn der Stand war auch für die Frauen verpflichtend. Dem burgindischen Georgsritterorden hatte sich im Laufe seines Bestehens auch eine Schwesternschaft beigeordnet, die sogenannten „Damen von Rougemont“. Sie trugen als äußeres Erkennungszeichen das Bildnis des Heiligen zu Pferde mit dem Drachen zu Füßen an einem blauen Band um den Hals,79 womit sich wie auch bei vielen anderen Orden die Verbindung zwischen der Gemeinschaft und dem Kleinod als zugehöriges Erkennungszeichen manifestierte. Doch viel älter als Schmuckstücke, die die Zugehörigkeit zu einem Orden zeigen, sind die sogenannten Ordensgewänder oder auch Ordenstrachten. Der im Jahre 1190 in Akkon gegründete Deutsche Orden sollte dabei mit seiner Symbolik eine wichtige 75 Vgl. Honig, Werner: Die Ehre im Knopfloch. Orden und Ehrenzeichen im Wandel der Zeit. Bergisch Gladbach 1986. S. 29. 76 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 30. 77 Vgl. ebd., S. 30f. 78 Ebd., S. 31. 79 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 31. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 25 Rolle für die Stiftung deutscher Ehrenzeichen im 19. und 20. Jahrhundert haben. Zunächst trugen die Ritter des „Hospital St. Mariens der Deutschen zu Jerusalem“, wie der Orden sich offiziell nannte, weiße Mäntel, was jedoch den Templerorden zu einem Protest bei Papst Innozenz III. veranlasste, da dessen Angehörige das alleinige Recht in Anspruch nahmen, weiße Mäntel zu tragen.80 Die Legitimation dafür zogen die Templer aus den Beschlüssen der Synode von Troyes (1128), wonach ihnen das weiße Gewand des Zisterzienserordens zugewiesen wurde.81 Papst Eugen fügte 18 Jahre später dem Mantel ein rotes Kreuz zu, das auf der Brust getragen werden sollte.82 Der Deutsche Orden etablierte schließlich, auch mit Unterstützung Kaiser Friedrichs II, den weißen Mantel, der sich nun durch ein schwarzes Kreuz auf der Brust von den Gewändern des Templerordens unterscheiden sollte.83 Papst Gregor IX. beendete schließlich den sogenannten Mantelstreit, indem er dem Templerorden untersagte, sich nachhaltig über die Mäntel des Deutschen Ordens zu beschweren.84 Die wiederholte Beschwerde der Templer zeigt jedoch, wie wichtig ihnen ein Alleinstellungsmerkmal, insbesondere in Form des auffallenden weißen Mantels gewesen ist, denn das Ansehen, das mit der Mitgliedschaft in einem Orden verbunden war, basierte auf der Identifikation mit einem äußeren Zeichen: man wollte als Ritter des Templerordens erkannt werden. Welche Bedeutung dem Deutschen Orden bei der Stiftung des Eisernen Kreuz noch zukommen soll, darauf wird in einem der folgenden Kapitel noch eingegangen. Im Spätmittelelter formierten sich die ersten weltlichen Hof- und Ritterorden, die aus den geistlichen Ritterorden hervorgingen, was durch den Umstand erleichtert wurde, dass „die Mitglieder beider, der geistlichen wie der profanen Orden, aus denselben Ständen und aus denselben Familien stammten.“85 Ursächlich für deren Entstehung waren einerseits der intensive Ausbau höfischen Lebens und andererseits die Gründung von Bünden und Gemeinschaften als gesamtgesellschaftliches Phänomen, um die Interessen und Ziele bestimmter Schichten und Berufsgruppen zu verfolgen.86 So gab es beispielsweise die Martinsvögel in Schwaben oder die Gesellschaft vom Stern in Hessen, sowie Patrizierbünde und Rittergesellschaften, die oftmals nur sehr kurzlebig waren und ein Gegengewicht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zur Allmacht der Fürsten und Landesherren bilden sollten.87 Diese wiederum waren daran interessiert, ihre Macht zu festigen und Gefolgschaft an sich zu binden. Der erste heute auch noch existierende weltliche Ritterorden ist der britische Hosenband-Orden („Hochedler Orden vom Hosenbande“), um dessen Gründung im Jahre 1348 sich verschiedene Mythen ranken. Einer zufolge soll König Edward III. das Strumpfband einer Hofdame aufgehoben und einigen Rittern gesagt 80 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz, S. 23. 81 Vgl. ebd. 82 Vgl. ebd. 83 Vgl. ebd. 84 Vgl. ebd. 85 Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 23. 86 Vgl. ebd. 87 Vgl. ebd., S. 23f. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 26 haben, „dass sie es sich [bald] zur höchsten Ehre anrechnen [ließe], ein solches Strumpfband, a garter, tragen zu dürfen.88 Ein weiterer Ausspruch des Königs in diesem Zusammenhang soll gewesen sein: „Hony soyt qui mal y pense.“89 (ein Schelm, wer Böses dabei denkt) als er sich selbst das Strumpfband anlegte. Daraus ergab sich schließlich das Motto des heute noch bestehenden Ordens.90 Diese Gründungslegende stammt aus dem 16. Jahrhundert und hat nicht sehr viel mit der tatsächlichen Motivation König Edwards III. zu tun diesen exklusiven Hoforden zu gründen, auch wenn bis heute nicht geklärt ist, wie der Orden schließlich zu seinem Namen kam. Stattdessen dürfte es sich um einen Gründungsprozess gehandelt haben, an dessen Anfang die Idee Edwards stand, eine neue Tafelrunde mit 300 Rittern zu gründen, so wie es einst der legendäre König Artus getan hatte.91 Über die Statuten des Hosenbandordens aus der Gründerzeit wissen wir nur wenig, da alle hierzu relevanten Quellen zu Beginn des 15. Jahrhunderts einem Brand zum Opfer gefallen sind.92 Heinrich VIII. erneuerte die Statuten im Jahr 1519. Der Souverän des Ordens war gleichzeitig der König von England und um sich herum versammelte er eine Zahl von 25 Rittern des Ordens, sowie 26 Weltgeistliche und 26 Veteranenritter, die ihrer Abstammung nach berechtigt waren, Mitglieder des Ordens zu sein, jedoch in erster Linie aus karitativen Gründen zu den Ordensversammlungen eingeladen wurden (sogenannte „verarmte Ritter“).93 Die Aufnahme in solch einen Orden war indessen für beide Seiten, den Aufnehmenden und den Aufgenommenen, von großer Bedeutung. Der König sicherte sich die Loyalität und Treue seiner Ritter, die als Kardinaltugend angesehen wurde, während die Ritter von der Exklusivität des Ordens profitierten, indem sie in ihren Einflusssphären durch die Aufnahme in den Orden und folglich der Nähe zum König hohes Ansehen genossen. Dabei hing das Ansehen des Ordens ganz entscheidend von der Mitgliederzahl ab. Auch heute noch ist die Mitgliederzahl des Hosenbandordens auf 26 lebende Personen begrenzt, Mitglieder des Königshauses und ausländische Ritter nicht mitgezählt. Gegenwärtig in diesen Orden aufgenommene Briten sind zu allermeist adliger Herkunft oder hochverdiente Personen des öffentlichen Lebens wie zum Beispiel John Major, Edmund Hillary oder Margaret Thatcher.94 Eine Besonderheit stellt die Aufnahme ausländischer Monarchen in den Hosenbandorden dar, die später auch noch beispielhaft für andere Orden sein sollte, denn der Orden fungierte zugleich als „Instrument der Diplomatie“95. Zunächst wurden andere Souveräne noch in den Hosenbandorden gewählt, wie es bei König Heinrich III. (1402) von Kastilien der Fall gewesen war, weiterhin bei Erich I. von Dänemark 88 Ebd., S. 24. 89 Ebd., S. 26. 90 Vgl. ebd. 91 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 26. 92 Vgl. ebd., S. 27. 93 Vgl. ebd. 94 Vgl. http://www.royal.gov.uk/monarchUK/honours/Orderofthegarter/orderofthegarter.aspx oder auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Tr%C3%A4ger_des_Hosenbandordens (Stand 01.09.2014). 95 Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 28. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 27 (1404) und Johann I. von Portugal (1408).96 Noch heutzutage ist es üblich, Diplomaten mit Orden auszuzeichnen, bzw. sie aufzunehmen, sobald sie ihren Dienst in dem Land beenden, in dem sie akkreditiert wurden. Es hat sich zu einer symbolischen Geste entwickelt, deren Unterlassung gegebenenfalls als Affront aufgefasst wird. Als im Juli 2014 der israelische Botschafter in Brasilien, Rafael Eldad, bei seinem Abschied nicht mit dem Großkreuz des brasilianischen Ordens vom Kreuz des Südens ausgezeichnet wurde, wurde dies als Protest der brasilianischen Regierung gegen die israelische Intervention im Gaza-Streifen gewertet.97 Zu den historischen Ritterorden, die im ausgehenden Mittelalter gestiftet wurden, zählen neben dem englischen Hosenbandorden98: – der savoyische Höchste Orden der Verkündigung, gestiftet 1362 durch Graf Amadaeus VI., – der dänische Elefanten-Orden, gestiftet 1462 durch König Christian I., – das Goldene Vlies, gestiftet 1430 durch Philipp den Guten, Herzog von Burgund, – der Hubertus-Orden in Bayern, gestiftet durch Herzog Gerhard IV. im Jahre 1444. Diese Orden erlaubten allesamt nur eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern und drei von ihnen entlehnten sich einer Sage oder Legende. Der Herzog von Burgund, der selbst das Angebot, als Ritter in den Hosenbandorden aufgenommen zu werden99, ausschlug, griff auf die antike Argonautensage zurück und Herzog Gerhard IV. berief sich wieder einmal auf ein christliches Motiv, den heiligen Hubertus, der im 7. Jahrhundert von einem prächtigen Hirsch bekehrt worden sein soll und daher als Schutzheiliger der Jagd gilt. Wer Mitglied eines Ordens war, der konnte nicht gleichzeitig einem anderen zugehörig sein, so gebot es die Exklusivität. So teilten sich die Souveräne und Aristokraten Europas in regelrechte Ordenszirkel auf, so wie sich heutzutage nach politischen Parteien und Fraktionen orientiert wird. Während beim Hosenbandorden der militärische Aspekt der Ordensgründung umstritten bleibt (so fällt die Stiftung in einen zeitlichen Zusammenhang mit der Schlacht bei Crécy, in der nach landläufiger Diktion die englischen Langbogenschützen dem vermeintlich ritterlichen Zweikampf ein jähes Ende setzten), verpflichteten sich die Mitglieder des Ordens vom Goldenen Vlies der Unterstützung eines Waffengangs für den christlichen Glauben.100 Die weltlichen Ritterorden erlegten sich nach dem Vorbild der geistlichen Ritterorden feste Regeln und Ordensstatuten auf. Ihre Mitglieder trugen als äußeres Zeichen eine spezielle Ordenstracht, die zu besonderen Anlässen getragen wurde sowie die Ordensinsignien in Form eines Kleinods, das immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte. Die Trachten sind heute noch bei ganz wenigen Orden existent, in der Regel nur bei sehr traditionsreichen, sprich alten Orden, wenn diese über eine über- 96 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 28. 97 http://www1.folha.uol.com.br/internacional/en/world/2014/07/1493718-israeli-ambassador-in-bra zil-leaves-office-without-receiving-order-of-distinction.shtml (Stand 02.09.2014). 98 Vgl. Sauerwald, Peter: Über die Aufnahme von fürstlichen Standespersonen in den Preußischen Schwarzen-Adlerorden im Jahre 1708. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 52 (2007). Hof 2007. 99 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 28. 100 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 29. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 28 schaubare, also limitierte Mitgliederzahl verfügen, wie etwa dem Hosenbandorden. Andere Orden wie zum Beispiel der preußische Rote-Adlerorden, der immerhin seit 1705 existierte und sich im Laufe des 19. Jahrhundert zu einem Verdienstorden wandelte, verfügte über keine Ordenstracht mehr. Der bayerische Georgsorden allerdings schon. Bis 1918 wurde alljährlich am 23. April, dem Georgstag, in München eine Parade abgehalten, bei der der bayerische König nach einem Gottesdienst als Ordensherr „im prächtigen Ornate den Zug der Georgsritter anführte und die einzelnen Ordensmitglieder, von Pagen geleitet, die Front des Inf. Leib-Regiments abschritten auf dem Wege von der Georgskapelle zum Hofgarten [...]“101 Die Ordensstiftungen im Spätmittelalter, aber auch in der frühen Neuzeit, waren oftmals nicht zufällig an bestimmte Ereignisse geknüpft. Die Gründung, bzw. Stiftung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler in Preußen fand genau einen Tag vor der Selbstkrönung des Kurfürsten Friedrichs III. von Brandenburg zum preußischen König statt, nämlich am 18. Januar 1701. Auf eine bestimmte zeremonielle Ordensaufnahme, bzw. Verleihung sei an dieser Stelle noch eingegangen, weil sie sich doch vom Ordenswesen im Spätmittelalter in einigen Punkten erheblich unterscheidet. Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde nur an die Mitglieder einer einzigen Adelsfamilie, nämlich derer von Dalberg, verliehen. Es handelte sich hierbei um eine symbolische Ordensaufnahme, bzw. einen symbolischen Ritterschlag. Die Freiherren von Dalberg waren ein Ministerialengeschlecht, das dem Wormser Bischofssitz entsprang und seit dem 15. Jahrhundert in Diensten des römischen Kaisers stand.102 Seit der Kaiserkrönung Friedrichs III. im Jahre 1452 ist uns eine Zeremonie überliefert, wonach der Kaiserliche Herold dreimal rief: „Ist kein Dalberg da?“, woraufhin das Familienoberhaupt der Dalbergs hervortrat, um dem gerade gekrönten Kaiser als erster zu huldigen, um von diesem wiederum als erster zum Reichsritter geschlagen zu werden.103 Dieses Privileg geht wohl auf die Tapferkeit eines Dalbergs zurück, der unter Friedrich Barbarossa mit deutschen Rittern die Tiberbrücke gegen die Italiener verteidigt haben soll, womit des Kaisers' Rückzug gesichert worden sein soll.104 Seither und bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation blieb den Dalbergs nicht nur die erbliche Kämmererwürde, sondern auch die Teilnahme an diesem Brauch, die zweifelsohne mit einem hohen Ansehen am Hofe verknüpft gewesen sein dürfte. Diese Geste an sich rückt den Ritterschlag noch nicht in den Fokus phaleristischer Forschung. Erst das bereits zur Zeit Kaiser Maximilians I. erwähnte „Cleinot und gezierde“105 dürfte die Dekoration des Ersten Erblichen Ritters zu einem der ersten Ordenszeichen überhaupt machen, von dem seit 1738 auch genaue Bestimmungen über Aussehen und Trageberechtigung vorliegen: 101 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 29. 102 Vgl. Autengruber, Michael: Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 49 (2007). Hof 2007. S. 2. 103 Vgl. Autengruber: Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“, S. 2. 104 Vgl. Kneschke, Ernst Heinrich: Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon. Bd.II. Leipzig 1860. S. 403f. 105 Autengruber: Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“, S. 3. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 29 „[...] in einem hierbey abgezeichneten Gezierd eines doppelten Adlers mit der kayserlichen Cron und guldenen Schein um die Köpff, den Reichsapffel in der linken, Schwert und Scepter in der rechten Klauen haltend, mit einem mit vier Diamanten besetzten ovalen Schild [...]“106 Trageberechtigt waren die jeweils ältesten männlichen Familienmitglieder derer von Dalberg, die auch gleichzeitig die Kämmererwürde innehatten.107 Sollte diese Personalunion nicht bestehen, das heißt, war das Familienoberhaupt nicht gleichzeitig Kämmerer, so musste zwischen Besitz und Zeremonie unterschieden werden. Bei den Kaiserkrönungen von 1790 und 1792 war Karl Theodor Freiherr von Dalberg der Senior des Hauses, nicht aber Kämmerer des Hochstifts zu Worms, da er aufgrund seiner geistlichen Laufbahn auf dieses Amt verzichtete, welches dafür wiederum sein Bruder Wolfgang Heribert in Anspruch nahm.108 Nachdem also Wolfgang Heribert von Dalberg bei der Kaiserkrönung von 1790 zum ersten Ritter des Reiches geschlagen wurde, gelangte das Ordenszeichen in den Besitz des eigentlichen Familienoberhauptes Karl Theodor. Dieser war, wie Kaiser Karl VI. es 1738 bestimmte, wohl auch trageberechtigt, für den Fall, dass die Personalunion nicht bestünde.109 Ironischerweise war der letzte Träger der Würde des „Ersten Erblichen Ritters“, Karl Theodor von Dalberg maßgeblich an der Abwicklung des Altreiches und dem Aufbau einer neuen Kirche als Fürstprimas des Rheinbundes beteiligt.110 Was die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“ betrifft, so ist dieses Phänomen in der Ordensgeschichte wohl einmalig. Es handelt sich um einen Orden, der ganz ursprünglich mit dem Ritual der Ritterschlagung verbunden war, noch zu einem Zeitpunkt, als dies für die allermeisten Ritterorden keine Rolle mehr spielte. Gleichzeitig wies er die kleinste Anzahl an Mitgliedern auf, nämlich einen pro Generation und das auch nur aus einer einzigen Familie. Autengruber bezeichnet ihn zu Recht als einen Reichsorden, dessen äußerst seltenes Kleinod im Jahre 2007 bei einer Auktion für 35.000 Euro ausgerufen wurde.111 Die Ehre und das Ansehen, welche mit der Aufnahme in einen Hoforden verbunden waren, wurden bei den streng limitierten Mitgliederzahlen bereits im Spätmittelalter zu einem begehrten Gut, das sich unter Umständen mit finanziellen Mitteln beschaffen ließ. Besonders am Heiligen Stuhl praktizierte man die Gründung weltlicher Hoforden als Mittel die finanzielle Situation des Staates aufzubessern: „Leo X. stiftete 1521 den Orden vom heiligen Peter. Von den 24 Ordensmitgliedern verlangte er zwar 1000 Gulden Aufnahmegeld, übertrug ihnen aber die Aufsicht über die Tulfaer Werke.“112 Zusätzlich erhielten sie noch den erblichen Titel Pfalzgraf von Lateran und waren nun Teil eines exklusiven Zirkels im Umfeld des heiligen Vaters und weiterhin 106 Ebd. 107 Vgl. ebd. 108 Vgl. ebd. 109 Vgl. ebd. 110 Vgl. ebd., S. 4. 111 Künker, Fritz Rudolf: Auktionskatalog 128 Orden und Ehrenzeichen. Osnabrück 2007. S. 12. 112 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 108. Bei den Tulfaer Werken handelte es sich um Alaunwerke, die zu den Krongütern des Kirchenstaats gehörten. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 30 noch wirtschaftlich mit ihm verflochten.113 Mit dem Petersorden, einer goldenen Medaille, die an einer goldenen Kette getragen wurde, zogen die Ritter des Ordens folglich an den Krönungstagen der Päpste in rotem Ornat durch Rom, bis schließlich Papst Pius V. deren Privilegien deutlich beschnitt, indem er die Zeremonien für die Petersritter eingrenzte, den Adelstitel entzog, genauso wie die Aufsicht über die Tulfaer Alaunwerke.114 Die Mitgliedschaft im Petersorden war nach wie vor erwerbbar, jedoch waren damit neben dem Ansehen nur noch ein paar öffentliche Ämter im Kirchenstaat verbunden.115 Finanzielle Gründe führten auch zur Stiftung eines weiteren vatikanischen Ordens, nämlich dem Orden des heiligen Paulus. Papst Paul III. rief ihn 1540 ins Leben, da er zeitnah 200.000 Scudi benötigte.116 Der Orden war auf 200 Mitglieder beschränkt, was für damalige Verhältnisse eine sehr hohe Zahl war, aber nur so kam der Papst schließlich auf eine beachtliche Summe von 100.000 Scudi Mitgliedsgebühr.117 Neben dem Ordenszeichen, das einen nackten Arm mit einem Schwert in der Faust zeigte, durften die Paulusritter eine Lilie in ihrem Familienwappen tragen und erhielten einen entsprechenden Zusatz zu ihren bereits vorhandenen Titeln.118 Mit dem Paulusorden waren allerdings keine wirtschaftlichen Privilegien mehr verbunden, in Form von Ämtern oder Aufsichtsfunktionen, sondern es wurde vielmehr mit dem Ansehen des Ordens und der damit verbundenen Ehre „gehandelt“. Der Heilige Stuhl bot eine ganze Reihe solcher Orden auf, die meistens keinen langen Bestand hatten und von denen Titel übriggeblieben sind, die heute noch getragen werden. Giacomo Casanova beschreibt in seinen Memoiren anschaulich, wie ihm als Angehöriger der Aristokratie ein solcher Orden angeboten wurde: „Um zwei Uhr nachmittags ließ sich ein Kammerherr Seiner Heiligkeit beim Cavaliere Mengs anmelden. Wir waren alle noch bei Tisch. Er fragte gleich, ob ich hier wohne, und Mengs stellte mich vor. Daraufhin übergab er mir im Auftrag Seiner Heiligkeit das Ordenskreuz vom Goldenen Sporn mit der Verleihungsurkunde und außerdem eine gesiegelte Urkunde, die mich als Doktor des bürgerlichen und kanonischen Rechts zum Apostolischen Protonotar extra urbem ernannte. [...] Mengs als mein Ordensbruder umarmte mich sogleich; aber ich hatte vor ihm voraus, daß ich nicht dafür bezahlt hatte. Den Cavaliere Mengs hatte die Ausstellung der Verleihungsurkunde fünfundzwanzig Scudi gekostet.“119 Diese sehr interessante Quelle zeigt uns die tatsächliche Verleihungspraxis der „erwerbbaren“ Ordensmitgliedschaften im Vatikan. Casanova selbst rechnete nicht mit einer Verleihung und hatte auch nicht um eine solche gebeten, vielmehr wurde sie ihm angetragen, obgleich er nicht dafür bezahlt hatte, wie sein Bekannter Mengs. 113 Vgl. ebd., S. 109. 114 Vgl. ebd. 115 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 109. 116 Vgl. ebd. 117 Vgl. Ramelsberg, Johannes Wilhelm.: Beschreibung aller sowohl noch heutiges Tages florirenden als bereits verloschenen Geist- und Weltlichen Ritter-Orden in Europa. Berlin 1744. S. 72. 118 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 110. 119 Casanova, Giacomo: Geschichte meines Lebens. Band 7. Frankfurt/Main – Berlin 1965. S. 251. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 31 „Alles kostet Geld, und für Geld erhält man in der heiligen Stadt alles.“120, schreibt Casanova weiterhin und heftet sich das Kreuz mit dem roten Band um den Hals. Ursprünglich wurde der Orden für Verdienste in Kunst und Wissenschaft verliehen, doch aufgrund der hier exemplarisch beschriebenen Verleihungspraxis verlor er rasch an Ansehen.121 Zunächst freute sich Casanova über die Verleihung und plante weiterhin, das Kleinod mit Edelsteinen zu verzieren „um damit in Neapel Staat zu machen.“122 Doch bei seinen zahlreichen Auslandsbesuchen musste er schließlich feststellen, dass ein Orden, in den sich jeder hineinkaufen konnte, kein hohes Ansehen besaß: „Ich legte es fünf Jahre später in Warschau ab, als mich der russische Großfürst Czartoryski fragte, was ich denn mit diesem Kreuz wolle. Einen solchen Kram tragen heute nur noch die Scharlatane, sagte er.“123 Selbst innerhalb des diplomatischen Korps, in denen Ordensverleihungen bereits im 18. Jahrhundert zum guten Ton gehörten und mehr symbolischen Charakter hatten als einen tatsächlichen Verdienst, hatten die Orden des Heiligen Stuhls einen sehr niedrigen Stellenwert: „Aber die Päpste verleihen es den Gesandten, obwohl sie wissen, daß diese es ihren Kammerdienern schenken; es ist sehr leicht, so zu tun, als wisse man etwas nicht, und einfach weiterzumachen.“124 Das Beispiel Casanovas verdeutlicht sehr eindrucksvoll, dass die Aufnahme in einen weltlichen Ritterorden und die damit verbundene Übergabe eines Ordensschmucks zwar einen rechtlichen Anspruch nach sich zog, diese Ordenszeichen zu tragen, jedoch keine Garantie dafür war, dass die Träger gegenüber anderen Personen ihres sozialen Milieus ein höheres Ansehen genossen.125 Nach den Betrachtungen des Soziologen Justin Stil läge in diesem Fall eine Störung im Prozess des Auszeichnungswesens vor. Demnach habe eine Auszeichnung einen Sender und einen Empfänger, die durch ihre jeweilige Interaktion dessen Wert begründen. Zu Beginn steht demnach die Akzeptanz eines Ordens, die aus der Autorität des Stifters erwächst.126 Bis zum heutigen Tage genießt der Papst als religiöse Autorität hohes Ansehen, auch in Ländern, die nicht christlich geprägt sind. In der Stiftungszeit des Ordens vom Goldenen Sporn, also im 16. Jahrhundert, kam auch noch die bedeutende politische Autorität des Papstes hinzu, somit waren die Merkmale für eine hohe Akzeptanz des Ordens durch seinen Stifter gegeben. Im Gegenzug muss der Stifter auch die „Richtigen“ in 120 Ebd. 121 Ebd., S. 377. 122 Ebd., S. 252 123 Ebd. 124 Casanova: Geschichte meines Lebens, S. 252. 125 Vgl. Heinz, Karl Eckhart: Titel, Orden und Ehrenzeichen – Gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch. In: Bayerische Verwaltungsblätter. Zeitschrift für öffentliches Recht und öffentliche Verwaltung, Bd. 138 (2007). S. 745-750. München 2007. 126 Vgl. Stagl, Justin: Orden und Ehrenzeichen. Zur Soziologie des Auszeichnungswesens. In: Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Konstanz 2001. S. 177f. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 32 einen Orden aufnehmen, bzw. an jene verleihen, sonst stimmt die Erwartungshaltung mit der gegebenen Akzeptanz nicht überein.127 Die richtige Personengruppe auszuzeichnen oder aufzunehmen, färbt also in nicht geringem Umfang auf den Stifter ab: „Wer indes den Richtigen auszeichnet (oder zeichnet), mehrt damit zugleich seine Autorität, im Namen der Gemeinschaft zu handeln; er zeichnet sich also gleichsam selber mit aus.“128 Wenn der Papst also einen Orden stiftete, in den eine begrenzte Zahl an Rittern aufgenommen werden durfte, schaffte er die Voraussetzungen für dessen hohes Ansehen, doch entwertete ihn wieder, wenn die Mitgliedschaft mit der Zahlung eines Beitrages erkauft werden konnte. Weder Verdienste noch die Nähe zum Stifter und verbunden damit eine gewisse Wertschätzung durch ihn zeichneten den Träger aus. Dies warf ein schlechtes Licht auf den Papst und die von ihm gestifteten Orden, sodass bald darauf das Tragen der Ordensinsignien kein Ansehen mehr versprach oder möglicherweise sogar belächelt wurde, wie es uns in der Quelle durch Casanova und den russischen Großfürsten Czartoryski überliefert wurde. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich langsam die Praxis durch, dass Souveräne Orden für Verdienste verleihen, auch wenn Adlige, insbesondere die Angehörigen fürstlicher Familien, weiterhin qua Geburt prädestiniert für die Erlangung höchster Ordensklassen waren. 127 Vgl. ebd., S. 179. 128 Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 179. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 33 Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. Mit der Ausprägung höfischen Lebens in der frühen Neuzeit und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Differenzierung veränderte sich auch das Ordenswesen. Herfurth konstatiert bereits für das späte 17. Jahrhundert als wesentliche Veränderung zum spätmittelalterlichen Ordenswesen: „Das Neue bestand darin, dass hier nicht mehr der Orden Handlungssubjekt war, sondern die Dynastie, der Staat.“129 Die in dieser Zeit gestifteten Orden erfüllten gleich mehrere Zwecke. Zum einen waren die Mitglieder der jeweiligen herrschenden Familie durch das Ordenskleinod nach außen hin erkennbar, auch wenn sie in andere Dynastien hineingeheiratet hatten.130 Zum anderen waren Aufnahmen in einen Orden oder auch Ordensverleihungen ein Mittel der Diplomatie, „um Bündnisse zu schließen und das höfische Repräsentationsbedürfnis zu befriedigen.“131 Für letzteren Zweck spielte die Exklusivität eine entscheidende Rolle, da nur niedrige Verleihungs- und Aufnahmezahlen ein entsprechend hohes Ansehen garantierten. Bürgerliche Herkunft war in vielen der nachfolgenden Orden ein absolutes Ausschlusskriterium, auch wenn sich im 19. Jahrhundert bei einigen (!) der Orden diese Bestimmungen lockerten oder zumindest eine Verleihung des erblichen oder persönlichen Adelstitels der Aufnahme in den Orden einherging. Die bedeutendsten Hausorden, die ihren Ursprung in der frühen Neuzeit haben, waren: – der russische St. Andreas-Orden, gestiftet 1698 von Zar Peter I., dem Großen – der preußische Hohe Orden vom Schwarzen Adler, gestiftet 1701 von König Friedrich I. – der polnische Orden vom Weißen Adler, gestiftet 1705 von König August II., dem Starken – der badische Hausorden der Treue, gestiftet 1715 von Markgraf Wilhelm von Baden-Durlach – der schwedische Seraphinen-Orden, neu statuiert 1748 von König Friedrich I. – der österreichische Orden vom Goldenen Vlies, erneuert 1757 von Kaiserin Maria Theresia – der sächsische Orden der Rautenkrone, gestiftet 1807 von König Friedrich August I.132 Einige dieser Orden wurden bereits im vorherigen Kapitel als weltliche Ritterorden aufgezählt (z.B. der Orden vom Goldenen Vlies). Sie wurden demnach im Laufe ihrer Existenz erneuert, bzw. reformiert. Bei einem Orden bedeutete die Restitution, dass die Verleihungsbestimmungen und das Aussehen des Kleinods verändert oder auch 2. 129 Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 103. 130 Vgl. ebd. 131 Ebd. 132 Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 103. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 34 bestätigt wurden, ferner konnte der Stifter die Klassen des Ordens weiter ausdifferenzieren, wie es im 19. Jahrhundert bei vielen Verdienstorden der Fall gewesen war. So wurde zum Beispiel eine Klasse hinzugefügt oder eine Verdienstmedaille als niedrigste Stufe dem Orden affiliiert. Die oben genannten Hausorden waren allerdings allesamt einklassig, auch sprach man nicht von der Verleihung eines Ordens, sondern noch von der Aufnahme in den Orden. Hier waren durch die Einklassigkeit alle Ordensmitglieder gleich, nur der Großmeister, der in allen Fällen auch der Souverän war, war ihnen vorgesetzt.133 Diese Eigenschaft hatte sich seit der Existenz geistlicher und weltlicher Ritterorden erhalten. Die Funktion des Großmeisters eines Hausordens hatte der Monarch in der Regel mit seiner Krönung übernommen. Justin Stagl konstatiert für die Gründung von Hofund Hausorden eine Domestizierung des Rittertums, die für die einzelnen Mitglieder Verpflichtungen mit sich brachten, deren Adressat der Fürst, bzw. Souverän war.134 Auch innerhalb adliger Kreise konnte durch stark limitierte Aufnahmen in einen Orden noch einmal differenziert werden, da das Bedürfnis befriedigt werden konnte, mehr Ansehen und damit Ehre als andere zu erwerben und sich vor ihnen auszuzeichnen: „Sie fungierten nunmehr in ihrem jeweiligen Umfeld als lebende Symbole, der durch ihn repräsentierten Wert- und Herrschaftsordnung“.135 Da auch an den Höfen Europas die Menschen bürgerlicher Herkunft in immer größerer Zahl vertreten waren und eingebunden wurden, man denke vor allem an die zahlreichen Komponisten, Künstler und Schriftsteller, die von etlichen Fürsten protegiert wurden, ist deren Aufnahme in den erblichen oder persönlichen Adelsstand als Zugeständnis der Souveräne an diese gesellschaftlichen Entwicklungen zu werten. Ziel war es, die Angehörigen des aufstrebenden Bürgertums an sich zu binden, was von den bürgerlichen Rezipienten zweifelsohne als Belohnung für Verdienste angesehen worden sein dürfte. Damit ist der Übergang zum Verdienstorden sicherlich flie- ßend, wenn dies in den Statuten auch nicht so formuliert wurde. Im 18. Jahrhundert blieb die Aufnahme von Bürgerlichen in einen Hausorden jedoch die Ausnahme. Am Beispiel des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler lässt sich deutlich machen, dass dieser Übergang durch die gesellschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert notwendig wurde und sich in den Statuten und in der Verleihungspraxis widerspiegelte. Einen Tag vor der Proklamation des Königreichs Preußen, am 17. Januar 1701, wurde Der Hohe Orden vom Schwarzen Adler als Haus- und Hoforden zunächst für die Familie des regierenden Hauses gestiftet, wobei die Anzahl der inländischen Mitglieder auf maximal 30 festgesetzt wurde.136 Die umfassenden Statuten des Ordens wurden vom Oberzeremonienmeister von Besser in enger Absprache mit Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (später König Friedrich I. von Preußen) verfasst und orientierten sich weitgehend an den Ordensbestimmungen andere europäischer Hof- 133 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 103. 134 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 183. 135 Ebd. 136 Vgl. Gritzner, Maximilian: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden aller Kulturstaaten der Welt innerhalb des XIX. Jahrhunderts. Leipzig 2000 (Reprint von 1893). S. 351. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 35 und Hausorden.137 Diese wiederum waren bereits das Ergebnis eines jahrhundertelang gewachsenen Protokolls gewesen, das die Erfahrungen mit den verschiedenen Formen von Orden beinhaltete, angefangen bei den weltlichen Ritterorden über die Hof- zu den Haus- und Ritterorden. Das Reglement für den Schwarzen-Adlerorden wies für damalige Verhältnisse eine moderne Ausrichtung auf, deren Vorbild im höfischen Leben und dem Ordenswesen Frankreichs lag.138 Doch auch Einflüsse aus den Statuten des Hosenbandordens, um dessen Mitgliedschaft sich Friedrich redlich bemühte, wurden geltend gemacht. Bereits sein Vater, der Große Kurfürst, war Mitglied in diesem höchsten englischen Orden und sein Sohn eiferte nachweislich um eine Aufnahme.139 Welchen hohen Stellenwert die Aufnahme in den englischen Hosenbandorden hatte, lässt sich auf den Portraits Friedrichs III., die seit der Ordensaufnahme 1690 entstanden, nachvollziehen. Bis zur Stiftung seines eigenen Ordens ließ er sich nämlich ausschließlich mit den Insignien des Hosenbandordens verewigen und ließ darüber hinaus eigens eine Medaille kreieren, um an das Ereignis der Aufnahme zu erinnern.140 Um den Hohen Orden vom Schwarzen Adler an den europäischen Höfen bekannt zu machen, wurde ein Aufnahmereglement, sprich die Statuten des Ordens, im Jahre 1708 gedruckt und versendet. Der unter dem Motto suum cuique stehende Orden richtete sich zunächst wie seine europäischen Vorbilder an Monarchen und ihnen gleichgestellte Personen, um insbesondere die inländischen Ritter nachhaltig an den Souverän zu binden. Das Ordenszeichen war ein blau emailliertes Malteserkreuz mit goldener Bordierung, wobei sich zwischen den Kreuzarmen jeweils ein schwarzer Adler befand. Das Band des einklassigen Ordenszeichens war in orange gehalten, zur Erinnerung an die Mutter des ersten preußischen Königs, Luise Henriette von Oranien, die aus den Niederlanden stammte.141 Materiell weniger aufwändig gestaltet waren zunächst die Bruststerne zum Orden, die im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Pappe, Leder, Seide, Silberlahn und Pailletten bestanden, bevor sie später dann aus Metall und Gold gefertigt wurden.142 Auf die Unveränderlichkeit des äu- ßeren Erscheinungsbildes legte König Friedrich I. großen Wert, indem er in den Ordensstatuten manifestieren ließ: „ [...] also wollen Wir auch allen Unsern Nachkommen an der Preußischen Kron ausdrücklich aufgegeben, und sie verbunden haben, daß sie zum Andencken des Stifters und der neu-gestiffteten Krone, auch den mit dieser Krone zugleich gestiffteten Orden unver- 137 Vgl. Sauerwald: Über die Aufnahme von fürstlichen Standespersonen in den Preußischen Schwarzen-Adlerorden im Jahre 1708. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 52 (2007). Hof 2007. S. 11. 138 Vgl. ebd., S. 11f. 139 Vgl. ebd., S. 12. 140 Vgl. ebd. 141 http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen (Stand 10.10.2014). 142 http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen (Stand 10.10.2014). II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 36 ändert beybehalten, und selbigen dem Königreich Preußen auf ewig einverleibet seyn lassen sollen.“143 Die Existenz des Königreichs Preußen wird in dieser Passage mit dem des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler gleichgesetzt und symbolisch durch eben die Unveränderlichkeit des Ordenszeichens allegorisiert. Tatsächlich blieb die äußere Form des Schwarzen Adlerordens bis zum Ende seines Bestehens unverändert, wenn man von Abweichungen absieht, die durch modernere Herstellungsbedingungen im Laufe der Jahrhunderte verursacht wurden. Um inflationäre Verleihungen zu verhindern, wurde die Limitierung der Mitgliederzahl von Anfang an festgelegt und so als wesentliche Voraussetzung definiert, um das hohe Ansehen und den Bestand des Ordens langfristig zu sichern: „ [...] sondern es auch die Erfahrung gegeben, daß gewisse Ritterliche Orden, durch die große Menge derer, so dazu gelanget, in Verachtung gerathen, und endlich gar verfallen und erloschen, also wollen Wir die eigendliche Zahl der Ritter dieses Ordens auf dreyssig hiermit gesetzet und beschrenket haben [...].“144 Diese Formulierung schien aus damaliger Sicht notwendig, wenn man sich die zeitgenössische Verleihungspraxis im Vatikan vor Augen hält. Wie aus den Memoiren Giacomo Casanovas hervorgeht, hatten die Orden des Heiligen Stuhls im europäischen Ausland zuweilen kein besonders hohes Ansehen. Doch blieb im Laufe seiner Existenz auch der Schwarzer-Adlerorden nicht davor bewahrt, in seiner Mitgliederzahl die vorgeschriebene Zahl von 30 Rittern zu überschreiten. Zwar waren ausländische Souveräne und Repräsentanten von Anfang an von der Limitierung ausgenommen, ebenso die Söhne und Brüder des jeweiligen preußischen Königs, doch erwähnt Maximilian Gritzner in seinem 1893 erschienenen Handbuch der Ritter- und Verdienstorden: „Diese Anzahl (Anm.: gemeint ist 30) scheint nicht mehr festgehalten zu werden, war jedenfalls schon beim Regierungsantritt Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II. erheblich überschritten.“145 Weitere Auflagen waren, dass die Beliehenen nichtfürstlicher Herkunft bei Aufnahme in den Orden nicht jünger als 30 Jahre alt sein durften und Angehörige der königlichen Familie erst aufgenommen werden durften, wenn sie bei Erreichung des 10. Lebensjahres die Offiziersuniform empfingen.146 Bis zur Überarbeitung der Ordensstatuten unter König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1848 war auch der Nachweis von acht adligen Vorfahren notwendig. Durch die Reform war auch die Verleihung des erblichen Adelstitels mit der Aufnahme in den Hohen Orden vom Schwarzen Adler möglich.147 143 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler (Stand 11.10.2014). 144 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler (Stand 11.10.2014). 145 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 351. 146 Vgl. ebd. 147 Vgl. ebd. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 37 Wurde einer fürstlichen Standesperson die Ehre zuteil, in den Hohen Orden vom Schwarzen Adler aufgenommen zu werden, so wurde nach den 1701 erlassenen Statuten folgendermaßen verfahren: „Wenn Wir Königlichen Chur= und Fürstlichen Personen, ohne daß sie in Unserem Hoflager zugegen seyn, den Orden geben, so wird Ihnen solches durch ein Schreiben, so von dem Souverain unterschrieben, und von dem Ordens=Cantzler contrasigniret, bekannt gemachet, und lässet entweder solcher König, Churfürst und Fürst durch eine an Uns, als des Ordens Souverain, thuende Abschickung, die Insignia des Ordens abholen, oder aber, Wir wollen Ihm dieselbe durch Unseren Ordens=Ceremonien=Meister zusenden und überliefern lassen. Alle übrige aber, so in den Orden aufgenommen werden, müssen, zu Empfahung der Investitur, bei Unserm Hofe persöhnlich sich gestellen.“148 Erst anlässlich der 44. Aufnahme in den Orden, es handelte sich um den Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach im Jahre 1708, wurde dann in einem gedruckten Reglement der genaue Ablauf der Aufnahme bei Hofe beschrieben, einschließlich der Einkleidung des Aufzunehmenden und der musikalischen und zeremoniellen Gestaltung des gesamten Vorgangs.149 Der Herzog war über die Aufnahme in den Schwarzen-Adlerorden hocherfreut, so ließ er das Ordenszeichen in sein Wappen aufnehmen und sich im Ornat des Ordens porträtieren.150 Um das hohe Ansehen des Schwarzen-Adlerordens von Anfang an zu garantieren, wurden in den Statuten neben der nichtadligen Herkunft (bis 1848) noch weitere Ausschlusskriterien formuliert, die dem damaligen Ehrbegriff zweifelsohne zuwiderliefen. Als ehrmindernd galt in der frühen Neuzeit nicht nur die uneheliche Geburt, sondern auch nicht standesgemäßer Lebenswandel.151 Beide Umstände werden in den Ordensstatuten (Kapitel VII152) in Zusammenhang mit der Unvereinbarkeit einer Aufnahme ausdrücklich erwähnt. Ein vorheriger Eid auf diese Bestimmungen (Kapitel X und XI153) sollte hierbei die religiöse und rechtliche Garantie bekräftigen und den Orden und seine Gemeinschaft bei möglicher Nichteinhaltung schützen bzw. „rein halten“. Die Mitglieder des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler sollten ganz nach mittelalterlicher Tradition auch als solche zu erkennen sein und erhielten eine Ordenstracht, von der bis 1918 der Ordensmantel übrigblieb: „Derselbe ist von rotem Samt, mit himmelblauem Moiré gefüttert, wird mittels goldener Quastenschnüre am Halse zusammengebunden und ist links mit dem Ordensstern versehen.“154 Das Ordenskleinod bzw. die Ordenskette konnten dann zu jedem anderen Anzug getragen werden und mussten es sogar. Wenn ein Ritter öffentlich in Erscheinung trat, ohne das Ordenskreuz am orangefarbenen Bande zu tragen und dabei gesehen wurde, 148 Sauerwald: Über die Aufnahme, S. 10. 149 Vgl. ebd, S. 10f. 150 Vgl. ebd, S. 13. 151 Vgl. Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord. Eine Geschichte der Ehre. Stuttgart 2010. S. 100 152 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler/ (Stand 16.10.2014). 153 Ebd. 154 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 354. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 38 so musste derjenige eine Strafe in Höhe von 50 Dukaten zahlen, die an ein Königsberger Waisenhaus abzuführen waren, beim zweiten Mal 100 Dukaten und wenn der Ritter ein drittes Mal ohne Kleinod in der Öffentlichkeit gesehen wurde, wurde er aus dem Orden ausgeschlossen (Kapitel XXIV).155 Dieser Abschnitt wurde mit der Überarbeitung der Ordensstatuten 1848 obsolet. Bereits mit dem ersten Herrscherwechsel im Königreich Preußen im Jahre 1713 änderte sich die Aufnahme- bzw. Verleihungspraxis des Schwarzen-Adlerordens. König Friedrich Wilhelm I. pflegte im Gegensatz zu seinem Vorgänger eine sparsame und auf Zweckmäßigkeit bedachte Hof- und Staatskultur, weshalb unter ihm die Aufnahme in den Orden zunehmend für Verdienste erfolgte, auch wenn er nicht den Charakter eines Verdienstordens besaß.156 Insgesamt bleibt seine Verleihungsgeschichte ambivalent. Friedrich der Große trug ihn als einziges Ordenszeichen stets an seiner Uniform und verlieh ihn an seine Generale in den zahlreichen Kriegen, die er führte. Andererseits bestrafte er Offiziere mit der Aberkennung des Ordens – so wie den General Friedrich August von Finck wegen seiner Kapitulation in Pirna oder General von Schmettau wegen seiner Übergabe Dresdens an die Österreicher.157 Kaiser Napoleon erhielt den Schwarzen Adlerorden ebenso wie seine Marschälle Murat und Talleyrand.158 Vielleicht mag es sich bei diesen Verleihungen um Beschwichtigungen seitens des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III. gehandelt haben oder vielleicht auch nur um eine diplomatische Gepflogenheit. Wie der etablierte Kreis der Ritter des Schwarzen-Adlerordens über diese Aufnahmen gedacht haben mag, ist uns nicht überliefert. Aber es erscheint heute wie ein krasser Gegensatz, spätestens seit 1806, dass die Feinde und Sieger über das Königreich Preußen Mitglieder seines höchsten Ordens waren und es auch zu späterem Zeitpunkt blieben. Immerhin wurde es im Laufe des 19. Jahrhundert weiter so gehandhabt. Kaiser Napoleon III. wurde 1856 ebenfalls der Orden verliehen, genauso wie den meisten deutschen Souveränen, waren sie Preußen wohlgesinnt oder auch nicht. Besonders die Herzöge und Fürsten kleinerer deutscher Staaten trugen in Ermangelung eigener Hausorden auf Gemälden häufig nur den Bruststern zum Schwarzen-Adlerorden.159 Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen dann auch ihre eigenen dazu. Wer vom preußischen König und deutschen Kaiser bedacht wurde, in den elitären Kreis der Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler aufgenommen zu werden, wurde gegebenenfalls von der Öffentlichkeit begutachtet, ob er für diese Aufnahme auch würdig genug war. Tilo Wahl bemerkt in seinem Aufsatz Zur Verleihung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler an Emil Graf und Herr von Schlitz, genannt von Görtz, dass man in zeitgenössischen Autobiographien im Kaiserreich und auch noch 155 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler (Stand 16.10.2014). 156 Vgl. Sauerwald: Über die Aufnahme, S. 13. 157 Vgl. Stapf, Fred Frank: Rund um den Hohen Orden vom Schwarzen Adler. Geschichte und Geschichten. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik, Nr. 47.S 14. 158 Vgl. ebd, S. 13. 159 Vgl. ebd, S. 15. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 39 in der Weimarer Republik kritisch Stellung dazu nahm, wer in welchen Orden aufgenommen wurde und ob ihm dieser denn aus damaliger Sicht zustand.160 Der breiten Öffentlichkeit war im Kaiserreich die feine Ausdifferenzierung von Titeln, Ämtern und Orden gut bekannt. Der frühere Hofmarschall Kaiser Wilhelms II., Graf Robert Zedlitz-Trützschler äußerte sich in seinen 1924 erschienen Memoiren sehr erstaunt über die Aufnahme des Grafen von Görtz in den Schwarzen-Adlerorden: „Heute früh wurde das Coligny-Denkmal vor dem Schloß enthüllt. Der Kaiser verlieh hierbei dem Grafen Görtz, dem Schöpfer des Kunstwerks, den Schwarzen-Adler-Orden. Ich drückte darüber dem Kabinettschef, Exzellenz v. Lucanus mein Erstaunen aus. Dieser aber sagte: ‚Ja, der Kaiser kennt immer weniger irgendwelche Grenzen, ist gar nicht mehr zu halten und verleiht nun schon seinen höchsten Orden für Herstellung eines Denkmals‘. Daß der Graf Görtz überhaupt diesen Orden erhielt, wäre an sich diskussionsfähig gewesen, da er Chef eines reichsunmittelbaren Hauses ist, daß aber die Verleihung in diesem Augenblick erfolgte, setzte meiner Ansicht den Orden herab.“161 Kaiser Wilhelm II. verlieh in diesem Fall den höchsten preußischen Orden ereignisbezogen. Sicherlich haben persönliche Sympathien auch eine Rolle gespielt, wenn man sich die Beziehung des Kaisers und des Grafen von Görtz ansieht. Wilhelm II. wurde mit dem Grafen Görtz in Kindheitsjahren durch dessen Zivillehrer Dr. Georg Hinzpeter bekannt gemacht und pflegte mit ihm eine lebenslange Freundschaft, die sich in besonderer Weise im Austausch künstlerischer Begabungen ausdrückte. Görtz gehörte zu jenem engsten Kreise, der wiederholt zu den Nordlandfahrten des Kaisers auf der SMS Hohenzollern eingeladen wurde.162 Auch die Verleihung des Schwarzen-Adlerordens an den Maler Adolph von Menzel, dessen Mäzen eben kein geringerer als der deutsche Kaiser war, passt in dieses Schema. Während in den Jahren 1701 bis 1888 durchschnittlich drei bis acht Schwarze-Adlerorden pro Jahr verliehen wurden, stieg die Zahl bei Wilhelm II. auf über elf.163 Dennoch bleibt die Zahl der Mitglieder des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler insgesamt übersichtlich und von einer inflationären Verleihung kann selbst bei elf Verleihungen pro Jahr nicht die Rede sein. Es wird deutlich, dass die Anpassung der Verleihungspraxis, also die Änderung von einem reinen Hausorden zu einem Verdienstorden, sich in den Verleihungszahlen niederschlägt. Wird die Aufnahme vom Stifter als Belohnung verstanden, dann erweisen sich niedrige zweistellige Verleihungszahlen mit einer Gesamtbegrenzung von 24 als nicht mehr praktikabel. Insgesamt hat sich der Hohe Orden vom Schwarzen Adler zu einer Art „Mischorden“ entwickelt, wenn man die Gruppe der Rezipienten betrachtet. Einerseits wurde er immer noch an die Angehörigen des herrschenden Hauses Hohenzollern verliehen sowie an hohe fürstliche Standespersonen aller deutschen Staaten und auch Souveräne im Aus- 160 Vgl. Wahl, Tilo: Zur Verleihung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler an Emil Graf und Herr von Schlitz, genannt von Görtz (1851-1914). In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik, Nr. 61.S. 153. 161 Wahl: Zur Verleihung, S. 153. 162 Vgl. ebd., S. 155. 163 Vgl. ebd., S. 154. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 40 land164 und andererseits drängte sich der Charakter der längst etablierten Verdienstorden spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Verleihungspraxis des Schwarzen-Adlerordens. Ein rein ständischer Orden, in den Personen qua Geburt aufgenommen wurden, war im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungen und der Emanzipierung des Bürgertums nicht mehr denkbar. Auch in den ältesten noch bestehenden Orden Europas, wie etwa dem englischen Hosenbandorden oder auch dem dänischen Elefanten- und Dannebrogorden musste man spätestens im 20. Jahrhundert vom Grundsatz abrücken, ausschließlich Edelleute aufzunehmen. Einen Hausorden zu stiften und zu verleihen, war im 18. Jahrhundert ein wichtiger Teil höfischer Kultur, die sich freilich an zeitgenössischen Vorbildern orientierte. Das Nachahmen von Ordensstiftungen befriedigte nicht nur das kosmopolitische Geltungsbedürfnis der Souveräne kleinerer Fürstentümer, sondern verwirklichte auch das absolutistische Herrscherprinzip. Dieses basierte im 18. Jahrhundert ganz wesentlich auf dem Wechselverhältnis zwischen dem Herrscherhaus, das als einigendes Band und konzentrierte Vertretung der Interessen des Hochadels fungierte. Zudem stützte sich die Herrscherdynastie auf den Adel als staatserhaltenden Faktor. Ein Orden symbolisierte dieses absolutistische Wechselverhältnis, indem der Herrscher die Mitglieder des Hochadels um sich versammeln und sie durch die Aufnahme in den Orden staatlich legitimieren konnte. Die aufgenommenen Ritter konnten gleichzeitig als eine Interessengemeinschaft in Erscheinung treten, die nach außen hin als exklusiver Zirkel wahrgenommen wurde. Die Unvereinbarkeitsbestimmungen vieler frühneuzeitlicher Orden verstärkten diesen Charakter der Exklusivität zusätzlich und wurden bis etwa 1700 auch konsequent angewendet.165 In das Kapitel der Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit gehören auch die sich seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts etablierenden Damenorden. Waren die angesehensten Haus- und Ritterorden Europas ausschließlich Männern vorbehalten, erwuchs bald aus dem Kreise gut situierter Hofdamen adliger Abstammung das Bedürfnis eine Gemeinschaft zu gründen, die sich an den Grundsätzen der hochangesehenen Orden ihrer Zeit orientierte. Diese Damenorden waren allerdings kein Selbstzweck, sondern wurden aus karitativen Gründen gestiftet, sozusagen dem weiblichen Gegenstück zum männlichen Ideal der Ritterlichkeit. Man unterscheidet zum einen die Stiftsorden, die adlige Damen aufnahmen, die in Not geraten waren oder nicht standesgemäß heiraten konnten. Durch eine fürstliche Ordensstiftung kam ihnen eine lebenslange Versorgung zuteil.166 Die Anzahl der Mitglieder war jedoch stark limitiert, wodurch die Ordenszeichen heutzutage von großer Seltenheit sind. Ähnliches gilt auch für klösterliche Damenorden. Als Beispiele für diese Stiftsorden sind zu nennen: 164 Vgl. David, Stijn und Sauerwald, Peter: Verleihungen des Königlich Preußischen Schwarzen Adler- Ordens an Belgier. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Nr. 55. S. 133 ff. 165 Vgl. Müller, Helmut-Theobald: Autre n’auray – Einen anderen will ich nicht! Unvereinbarkeitsbestimmungen am Beispiel österreichischer Ritter und Verdienstorden. In: Barock – Blütezeit der europäischen Ritterorden. St.Pölten 2000. S. 47. 166 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 111. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 41 – das Adelige Fräuleinstift zu Mosigkau bei Dessau, – das Damenstift zu Heiligengrabe bei Pritzwalk, – das Damenstift der heiligen Anna zu Würtzburg, – das Adelige Damenstift in Laibach, – oder der Stiftsorden des Hochadligen Stiftes für unverheiratete Töchter adliger Familien der Oberlausitz zu Görlitz. Zu der zweiten Gruppe von Damenorden gehören die höfischen Orden. Unter ihnen ist der österreichische Hochadelige Frauenzimmer-Sternkreuzorden einer der ältesten. Er wurde im Jahre 1668 von Kaiserin Elenore gegründet, zur Erinnerung an die Rettung einer heiligen Reliquie.167 Als in der Hofburg im Februar desselben Jahres ein Feuer ausbrach, wurde das Zimmer, in dem sich ein Holzspan befand, der einst vom Heiligen Kreuz Jesu abgesplittert sein soll, fast vollkommen zerstört. Später fand man eben jenen Kreuzes-Span unversehrt unter den Trümmern und die Kaiserin nahm dies zum Anlass der Gründung eines Damenordens.168 Die Sternkreuz-Ordensdamen mussten auf „sechzehn Schilde“169 hin, also nach allen Seiten ihre adlige Abstammung nachweisen sowie standesgemäß verheiratet sein. Jungfrauen waren auch zugelassen, insofern sie alle anderen Bedingungen erfüllten, wie etwa die Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche oder einen tadelsfreien Lebenswandel.170 Im Laufe ihres Ordensdaseins sollten sich die Damen „sowohl in geistlichen als leiblichen Werken christlicher Liebe üben, vor allem die Spitäler besuchen, den Kranken dienen, ihnen die Speisen selbst reichen, zur Bekehrung der Lasterhaften verhelfen, die Jungfräulichkeit beschützen, den hausarmen Leuten Almosen erteilen u.s.w.“171 Werner Honig bezeichnet diese Ordensgründung als „eine durchaus dem Geiste des 17. Jahrhunderts gemäße, barocke Angelegenheit, mit allem Pomp und aller religiösen Großartigkeit, dieser Epoche ausgestattet.“172 Dementsprechend verschaffte sich diese Ordensgemeinschaft, wie es dem Zeitgeist nach üblich war, auch ein Ordenszeichen zur äußeren Erkennung. In diesem Fall handelte es sich um einen ovalen, verzierten Reifen, der in blau gehalten war und den eine goldene Bordierung umgab.173 Über dem Oberteil des Kleinods befand sich ein emailliertes Band mit der Devise des Ordens SALUS ET GLORIA (Heil und Ruhm) in schwarz gehaltenen Lettern.174 Innerhalb des Reifens war ein doppelköpfiger, schwarzer Adler zu sehen, der von einem roten griechischen Kreuz überdeckt war. Das Band war schwarz und wurde schleifenförmig, wie es für Damenorden üblich war, an der linken Brust getragen.175 167 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 78. 168 Vgl. ebd. 169 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 288f 170 Ebd. 171 Ebd., S. 289. 172 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 79. 173 Vgl. Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 289. 174 Vgl. ebd. 175 Vgl. ebd. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 42 Nach dem Vorbild des Sternkreuz-Ordens gründete Kurfürstin Elisabeth Augusta mit der Genehmigung ihres Gatten, des pfälzischen Kurfürsten Carl Theodor, im Jahre 1766 den Elisabethen-Orden.176 Er wurde unter das Patronat der Heiligen Elisabeth von Thüringen gestellt und in den ersten drei Jahrzehnten seines Bestehens maßgeblich durch die Gründerin als Großmeisterin des Ordens vor dem Hintergrund christlich-karitativer Arbeit geprägt. So „eiferte die edle Churfürstin durch ihr leuchtendes Beispiel die Ordensdamen zur Nachfolge im Wohlthatenspenden, so dass durch das charitative Wirken der Ordens-Mitglieder manche Thräne getrocknet, manche Noth gelindert worden ist.“177 Doch bestand hierin die tatsächliche Motivation, einen Damen-Orden ins Leben zu rufen oder ihm beizutreten? Wenn man sich die ersten Ordensdamen ansieht, die freilich an stiftungsmäßigen Adel und das katholische Glaubensbekenntnis gebunden178 waren, dann wirkt es analog zu den von hochadeligen Männern gegründeten Orden, wie ein Netzwerk von Gleichgestellten. Maria Josepha, Fürstin zu Anhalt, wurde ebenso aufgenommen wie Maria Christine, königliche Prinzessin von Polen und Litauen oder auch eine Landgräfin zu Hessen, eine kurfürstliche Prinzessin und Gräfinnen verschiedenster Regionen Deutschlands.179 Es wurde also auch unter den privilegierten, adligen Damen zur Mode einem Orden anzugehören, der möglichst hohes Ansehen genoss, das dann durch die Aufnahme auf sie selbst widerspiegelte. Sie schmückten sich sinnbildlich mit dem Ansehen des Ordens. Destouches konstatierte diesbezüglich bereits für die Gründungszeit: „Schon in seinem Stiftungsjahre genoss der Orden in Deutschland grosses Ansehen, das beweisen die vielen Gesuche um Aufnahme in denselben, welche bei der erlauchten Stifterin noch in diesem Jahre angebracht wurden.“180 Zu diesem Ansehen trug sicherlich auch bei, dass sich die Kurfürstin den Orden akkreditieren ließ, nicht nur in Form der Genehmigung bzw. Duldung durch ihren Gatten. Denn Papst Clemens XIII. selbst verlieh dem Orden die Bulle „Pietatis Officia“, womit unter anderem Ablässe und Gnaden für dessen Mitglieder verbunden waren.181 Die Einrichtung des Amtes eines Groß-Almoseniers im Jahre 1773 verstärkte noch einmal den religiösen Charakter des Elisabethen-Ordens. Seine Aufgabe war es, jedes Jahr am Tage der heiligen Elisabeth sowie zu gesondert festgelegten Terminen für die verstorbenen Ordensdamen ein Seelenamt zu halten.182 Im krassen Gegensatz zu der christlichen Mildtätigkeit für die sich alle Mitglieder einsetzen sollten, stand das prunkvolle Zeremoniell, in das die Aufnahme in den Orden gebettet war. Die Ordensdamen waren mit Ausnahme einiger religiöser Würden- 176 Schreiber, Georg: Die Bayerischen Orden. München 1964. S. 114. 177 Destouches, Ernst von: Geschichte des Königlich Bayerischen St. Elisabethen-Ordens. In: Kleine Reihe für Freunde der Ordens- und Ehrenzeichen-Kunde Nr. 18. Hamburg. Unveränderter Nachdruck von 1873. S. 14 178 Schreiber, Georg: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen. München 1964. S. 114. 179 Destouches: Geschichte des Königlich Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 1f. 180 Ebd., S. 14. 181 Vgl. ebd. 182 Vgl. ebd., S. 18. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 43 trägerinnen wie z.B. Äbtissinnen höfisches Leben gewohnt. Im 18. Jahrhundert hatten sich Etikette und Zeremoniell „ [...] zu einem gespenstischen Perpetuum mobile, das deswegen ganz unabhängig von jedem unmittelbaren Nutzwert weiter bestand und weiter lief [...]“183entwickelt, wie Norbert Elias für das 18. Jahrhundert feststellte. Er spricht von den Status-, Macht- und Prestigechancen, die ständig bedroht waren und einer „Masse der Ausgeschlossenen“184 im Zusammenhang mit höfischer Kultur und Privilegienverteilung. Dies ließe sich kaum besser als an einem Orden verdeutlichen, der innerhalb einer höfischen Gesellschaft noch einmal eine Segregation bedingte. Warum Elias in seinem bedeutenden Werk über die sozialen Strukturen am Hofe von Versailles nicht auf die in Frankreich schon längst etablierten Orden eingeht, bleibt daher unklar. Immerhin beschreibt er, dass die Verteilung von Ämtern, waren sie auch nur symbolischer Natur, beispielsweise die Anwesenheit bestimmter Personen bei der morgendlichen Ankleide des Königs, ein wichtiger Gradmesser „für die Position des Einzelnen innerhalb der Machtbalance zwischen den vielen Höflingen, die vom König gesteuert und äußerst labil war.“185 Für die Verleihung des bayerischen Elisabethen-Ordens wurde eine aufwändige Zeremonie entworfen, die dem damaligen Verständnis einer Ordensaufnahme voll und ganz entsprach. In einer genau festgelegten, nach Rang und zeremonieller Bedeutung geordneten Reihenfolge trat ein feierlicher Zug in einen Saal. Vor einem gro- ßen Portrait der Ordensstifterin wurden sodann die Statuten des Ordens vorgelesen, sowie das kurfürstliche Diploma und das päpstliche Breve.186 Nach einer weiteren Rede hängte der Commissär der Aufzunehmenden das Ordenszeichen um, wofür in der Folge eine Dankesrede gehalten wurde. Begleitet wurde das Ganze noch von Trompeten- und Paukenschall, sowie dem Abfeuern von Kanonen und Musketen.187 Ein Festmahl, aber auch die symbolische Verteilung von 400 Laiben Brot an Bedürftige schlossen sich endlich an die Zeremonie an.188 Zu einem späteren Zeitpunkt wurde zur Ausgestaltung und Überwachung der Ordenszeremonie eigens das Amt des Zeremonienmeisters eingeführt.189 Nahezu dreißig Jahre konnte die Stifterin die Geschicke des Ordens leiten und den Mitgliederkreis maßgeblich bestimmen, um so für das hohe Ansehen der Vereinigung zu sorgen. Nach dem Tode der Kurfürstin Elisabeth Augusta verlor der Elisabethen-Orden zunehmend an Bedeutung, weshalb König Maximilian II. im Jahre 1854 Prinzessin Auguste, Gemahlin des Prinzen Luitpold, zur neuen Großmeisterin bestimmte.190 Sie besetzte die vakanten Stellen zweier Ordensbeamten, nämlich den Ordensschatzmeister und den Ordenssekretär und beantragte beim bayerischen König die Festlegung der Hof- und Collegiatskirche zum Heiligen Cajetan in München 183 Elias, Norbert: Die höfische Gesellschaft. Frankfurt am Mai 1989.S. 132. 184 Ebd. 185 Ebd., S. 130. 186 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 19. 187 Vgl. ebd, S. 20. 188 Vgl. ebd. S. 20. 189 Vgl. ebd. 190 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 114. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 44 zur Ordenskirche.191 Dadurch sollte dem Orden ein fester Ort zugeteilt werden, an dem die Ordensgottesdienste abgehalten werden konnten. Im Jahre 1872 reformierte die Großmeisterin Prinzessin, später Königin, Maria Therese nach Genehmigung durch den bayerischen König, die Statuten des Ordens.192 Von nun an war die Mitgliederzahl nicht mehr begrenzt und für den Adelsnachweis reichten acht adelige Ahnen statt sechzehn.193 Es wurde eine Aufnahmegebühr eingeführt, und zwar in Höhe von 500 Mark für inländische Kandidaten und 1000 Mark für Ausländer, sowie eine jährliche Gebühr von 25 Mark für die bayerischen Ordensdamen.194 Diese Beiträge wurden zur Errichtung einer Stiftung verwendet, die zielgerichtet Wohltätigkeiten im Sinne der Ordensgründerin verwirklichte. Darüber wurde gleichzeitig mit der konkreten Verwendung des Ordensvermögens halbjährig in einem Bericht Rechenschaft abgelegt.195 Die Mitgliederschaft des Elisabethen-Ordens wurde im Zuge der Neustiftung nicht nur numerisch erweitert, sondern erfuhr auch eine Ausdifferenzierung. Es wurde zwischen Ordens- und Ehrendamen unterschieden.196 Ordensdamen waren verpflichtet, sich an den karitativen Tätigkeiten des Ordens zu beteiligen und die Eintrittsgebühr sowie den Jahresbeitrag zu entrichten. Ehrendamen dagegen waren zwar Teil des Ordens, aber nicht verpflichtet, einen Geldbetrag in die Ordenskasse zu zahlen.197 Gleichzeitig waren die Ehrendamen ausschließlich von fürstlichem Rang.198 Ordens- und Ehrendamen trugen das gleiche Ordenszeichen, nämlich ein weiß emailliertes Kreuz mit dem Bildnis der Heiligen Elisabeth auf der Vorderseite und dem Namenszug der Stifterin auf der Rückseite.199 Allerdings war das zugehörige Band der Ordensdamen blau mit roten Streifen, das der Ehrendamen rot mit blauen Streifen.200 An dem Beispiel des Elisabethen-Ordens lässt sich eine interessante Entwicklung im Ordenswesen nachvollziehen. Zunächst mutete die Ordensgründung wie eines von vielen Elementen höfischer Kultur an, das sehr eng an die Vorstellungen und persönlichen Verbindungen der Stifterin gebunden gewesen zu sein schien. Nach ihrem Tod und sicherlich auch durch die gesellschaftlichen Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts bedingt, verlor der Orden an Bedeutung, bis er in einer Zeit reformiert wurde, in der sich die bayerische Monarchie unter Ludwig II. auch gegenüber der preußischen Dominanz im Kaiserreich zu stärken versuchte. In den Jahren 1869/71 hatte bereits der bayerische St. Georgs-Orden eine Erneuerung erfahren. Um wieder ein weitreichendes Netzwerk katholischer Damen mit edler Herkunft aufzubauen, wurde eine hochrangige Großmeisterin bestimmt, die auch in anderen, mehrheitlich katholischen Gegenden Deutschlands große Bekanntheit genoss und 191 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St. Elisabethen-Ordens, S. 29f. 192 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 115. 193 Vgl. ebd. 194 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 36. 195 Vgl. ebd. 196 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden, S. 115. 197 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 45. 198 Vgl. ebd. 199 Vgl. ebd., S. 45f. 200 Vgl. ebd., S. 46. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 45 das hohe Ansehen der Gemeinschaft garantieren sollte. Nicht nur in der Differenzierung der Mitgliederschaft, auch in der Einführung finanzieller Verpflichtungen lässt sich das Bestreben erkennen, die unternehmerische Komponente dieses Ordens zu stärken. Tiefergehende karitative Arbeit und die Versorgung in Not geratener Ordensdamen erforderte schließlich eine fundierte finanzielle Organisation. Nur dadurch sah man den „edelsten Sinne christlicher Mildthätigkeit“ verwirklicht, bei gleichzeitiger Förderung der Ordensehre.201 Was die Erfüllung gemeinnütziger Aufgaben anging und die dabei an den Tag gelegte Effizienz, so waren die Damenorden wesentlich besser organisiert. Zwar hatten sich die allermeisten Orden, in denen nur adlige Männer Mitglieder sein durften, auch der Gemeinnützigkeit verschrieben, jedoch wirkte sich das im Vergleich weniger aus. Beim Hohen Orden vom Schwarzen Adler beschränkte sich die christliche Mildtätigkeit in materieller Form auf Strafzahlungen an das Königsberger Waisenhaus, wenn man als Ritter nicht täglich das Ordenszeichen trug.202 Dies war zumindest bis zur Reform der Ordensstatuten im Jahre 1848 der Fall. Beim bayerischen St. Georgs- Orden wurden erst 1869 die Ordensstatuten hinsichtlich der ursprünglichen karitativen Zweckbestimmung konkretisiert bzw. wiederbelebt. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 bot hierbei den Anlass zur Errichtung eines Spitals für Verwundete und Kranke.203 Dem sächsischen Hausorden der Rautenkrone oder dem badischen Hausorden der Treue fehlte ein konkreter karitativer Aspekt gänzlich. Der Elisabethen-Orden war in seiner Organisation und Ausdifferenzierung Vorbild für andere Damenorden seiner Zeit. Der 1827 gegründete, bayerische Theresienorden unterschied ebenfalls zwischen präbendierten Damen (entspricht dem Status der Ordensdamen) und Ehrendamen und erhob eine Aufnahmegebühr von zuletzt 200 Mark.204 Der Orden verfolgte zwar auch das Werk der Nächstenliebe, jedoch war der Empfängerkreis dafür sehr übersichtlich, denn der Fonds sollte armen und unverheirateten Damen adliger Herkunft eine Leibrente und somit standesgemäßes Leben verschaffen.205 Auch der St. Annen-Orden, der zunächst einen Würzburger und Münchener Stift besaß, die dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammengelegt wurden, verfolgte dieses Ziel. Die Stiftsdamen bezogen hierbei Präbenden, wohnten gemeinsam im Stift und hatten freie Kleidung. Bemerkenswert erscheint allerdings die spätere Änderung der Statuten, wonach auch Damen protestantischen Glaubens und Töchter von nichtadligen Offizieren und Beamten aufgenommen werden durften.206 Bei der Aufzählung der im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts gestifteten Damenorden wird deutlich, dass diese sich vor allem auf den süddeutschen Raum konzentrierten. Weder die norddeutschen Kurfürstentümer bzw. Königreiche, noch 201 Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 35. 202 Vgl. http://www.ehrenzeichen-orden.de/deutsche-staaten/schwarzer-adler-orden-ordenskreuz-188 8-1918.html (Stand: 23.07.2017) 203 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 42. 204 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 112. 205 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 87. 206 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 118. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 46 die sächsischen oder hessischen Herzogtümer brachten einen höfischen Damenorden hervor. Eine Erklärung hierfür ist möglicherweise das gerade in den protestantischen Ländern schwächer ausgeprägte Hofzeremoniell und ein damit verbundenes bescheideneres Leben, das viele adelige Dynastien führten. So waren doch gerade die ostelbischen Gegenden wesentlich ärmer an barocken Metropolen als dass es in Bayern oder Österreich der Fall war. Der Anspruch, einen hohen Lebensstandard zu halten und keinesfalls zu verarmen, war dadurch möglicherweise in einigen Gegenden Deutschland geringer ausgeprägt. Religiöse Stiftsorden existierten dagegen sowohl im katholischen als auch protestantischen Raum. In Norddeutschland waren es vor allem die Souveräne Preußens, Mecklenburgs und Hannovers, die protestantischen Stiftsorden, welche oftmals nur für Frauen zugänglich waren, auch mit tragbaren Ordenszeichen bedachten. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 47 Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit Mit der zunehmenden Verbreitung von Verdienstorden Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam das Bürgertum bzw. auch der niedere Adel zu sichtbaren Ehren, die durch die bisherigen Haus- und Ritterorden, bedingt durch deren geringe Mitgliederzahl, nicht betrachtet wurde. Durch die hohen Verleihungszahlen dieser Verdienstorden und dem bürokratischen Apparat, der sich administrativ damit auseinandersetzte, trat der Staat als Verleihender in den Vordergrund. Zwar hatte nach wie vor der Souverän einen Verdienstorden gestiftet undverliehen, jedoch trat die Funktion als Chef eines Hauses zugunsten der des Staatsoberhauptes in den Hintergrund. Die mit dem Verdienstorden Bedachten hatten schließlich Verdienste um das Allgemeinwohl erworben und nicht um eine einzelne Herrscherdynastie. Dennoch hatte die Verleihung eines sichtbaren Zeichens nach wie vor den Zweck, den Beliehenen an das Herrscherhaus zu binden.207 Verdienstorden glichen in ihrer Klassifikation den Haus- und Ritterorden, wobei im Laufe des 19. Jahrhunderts noch zusätzliche Klassen hinzukamen. Diese Klassen waren dann an Rang und Stand des Beliehenen gebunden.208 Über den Bedeutungswandel des Begriffs Orden schreibt Herfurth: Der Begriffsinhalt des Ordens wandelte sich mit der Entstehung der Verdienstorden von der Ordensgemeinschaft hin zur Institution eines bestimmten Ordens und zum Ordenszeichen.“209 So gab es weder eine Ordenskleidung, noch komplexe Ordenszeremonien oder jährliche Treffen der Ordensgemeinschaft. Die Verleihung eines Verdienstordens entwickelte sich zu einer vereinfachten Prozedur, die der Souverän oder, bei größeren Verleihungszahlen, ein beauftragter Beamter entsprechenden Ranges auf kommunaler Ebene vollzog. Herfurth bemerkt in seinen Ausführungen, dass die Verdienstorden zunächst überwiegend militärischen Charakter aufwiesen, der in der damaligen „Dominanz des Militärs über alle anderen Gesellschaftsbereiche210 begründet liegt.211 Daher war der erste reine Verdienstorden, der von König Ludwig XIV. von Frankreich gestiftet wurde, nicht nur vom Namen her ein Militärverdienstorden: Ordre royal et militaire de Saint-Louis, im deutschen Sprachgebrauch häufig verkürzt Orden des heiligen Ludwigs genannt. Seine Klasseneinteilung sollte die Grundlage für die Klasseneinteilung von Verdienstorden bis in die heutige Zeit darstellen. Die niedrigste Stufe war das sogenannte Ritterkreuz, das an einem Band an der linken Brust getragen wurde, gefolgt von der Klasse der Offiziere (zumeist als Steckkreuz oder am Band mit aufgelegter Rosette), darüber die Kommandeurklasse mit dem Kreuz am Halsband und schließlich das Großkreuz, das an einer breiten Schärpe, von der Schulter zur Hüfte verlaufend, getragen wurde.212 Die Klassen entsprachen dem Ranggefüge des Militärs seit 3. 207 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 104. 208 Vgl. ebd. 209 Ebd. 210 Ebd. 211 Vgl. ebd. 212 Vgl. ebd., S. 106. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 48 dem 18. Jahrhundert, wobei die Subalternoffiziere mit dem Ritterkreuz, die Stabsoffiziere mit der Kommandeurklasse und die Generale mit dem Großkreuz bedacht werden sollten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden diese Klassen bei vielen Verdienstorden weiter ausdifferenziert, was jedoch nicht zwangsläufig der Fall sein musste. Der Ordensstifter oder seine Nachfolger fügten dem Orden zusätzliche Stufen und Klassen hinzu, wie sie es für nötig hielten. Zumeist basierten solche Änderungen auf der Inspiration, die durch Ordensstiftungen und Erweiterungen in anderen Ländern ausgelöst wurde. In den höheren Klassen von Verdienstorden etablierten sich Steigerungs-formen in Form von Brillanten (St. Andreas- und Alexander-Newsky-Orden, Zarenreich Russland) oder einem goldenen Eichenlaub (Pour le Mérite und Roter-Adlerorden, Königreich Preußen). Diese standen für wiederholte Verdienste und wurden an höchste Militärs und Würdenträger des Landes verliehen, falls der jeweilige Orden in einer anderen Klasse schon an selbige verliehen worden war. Die Klasse der Kommandeure und Ritter wurde durch die Einführung der jeweiligen 1. und 2. Klasse weiter unterteilt. In der Kommandeurklasse unterschied sich die 1. Klasse nur durch einen zusätzlichen Bruststern zur Halsdekoration, der ebenfalls das Ordenszeichen zeigte. Bei den Ritterkreuzen war die 1. Klasse in Gold gefasst, die 2. Klasse in Silber.213 Beispiel hierfür ist der dänische Dannebrog-Orden. Das Ritterkreuz dieses Ordens besteht aus roter und weißer Emaille, darüber ein Monogramm und eine Krone, sowie seitlich des Kreuzes noch Verzierungen aus Silber oder Gold (je nach Klasse).214 Die weitreichendsten Veränderungen in der Klassifizierung der Verdienstorden ergaben sich jedoch unterhalb der Klasse der Ritterkreuze. Viele Orden wurden um eine Klasse der Verdienstkreuze und/oder Verdienstmedaillen ergänzt. Damit sollten Angehörige niederer Schichten der Bevölkerung oder Soldaten und Beamte niederen Ranges, für die ein Ritterkreuz nicht in Frage kam, belohnt werden. Die Medaillen und Verdienstkreuze waren im Gegensatz zu den Ritterkreuzen nicht emailliert und bestanden aus Silber (2.Klasse) oder Gold (1.Klasse). Beim preußischen Roten-Adlerorden und dem russischen St. Anna-Orden waren die jeweiligen Medaillen dem Orden nur affiliiert, also angegliedert und bewegten sich außerhalb des Ordenssystems, sodass sie eigentlich auch nicht als niedrigere Stufe des jeweiligen Ordens anzusehen waren. Sie wurden vom Souverän zumeist als bloße Aufmerksamkeit vergeben (nicht verliehen!), wenn beispielsweise König Friedrich-Wilhelm IV. von Preußen während der Feier zur silbernen Hochzeit des Zaren Nikolaus I. allen Soldaten der angetretenen Grenadier-Kompanie die Roter-Adler-Orden-Medaille verlieh.215 Ein schriftlicher Nachweis über die Vergabe einer solchen Medaille erfolgte üblicherweise nicht. 213 Vgl. ebd. 214 Vgl. Stevnsborg, Lars: Kongeriget Danmarks Ordener Medaljer og Hæderstegn. Syddansk 2005. S. 72 ff. 215 http://www.medalnet.net/RAO_Medaille.htm (Stand 01.12.2014). 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 49 In der Regel war die Vergabe dieser affiliierten Medaillen Ausländern vorbehalten, so etwa den „Hoflakaien“ ausländischer Höfe bei Besuchen, Mannschaftssoldaten befreundeter Armeen oder, wie bei der Roter-Adler-Orden-Medaille, eingeborenen Zivilpersonen in den deutschen Schutzgebieten.216 Die russische St. Anna-Ordens- Medaille konnte auch als Tapferkeitsauszeichnung an Russen vergeben werden, allerdings in Form einer der Medaille ähnlichen Dekoration, die als Griffauflage an die Blankwaffe des Soldaten angebracht wurde. Ansonsten vergab der Zar die Medaille als Aufmerksamkeit an Ausländer niederer Chargen. In der Tat repräsentieren diese affiliierten Medaillen eine sehr krasse Form gesellschaftlicher Segmentierung und Ausgrenzung. Sie waren dem Namen nach zwar einem Orden zugehörig, schlossen sich ihm aber nicht als niedrigste Klasse an. Sie standen also außerhalb des Ordens, wie deren Träger in gewisser Weise außerhalb der Gesellschaft standen, als Ausländer, Eingeborene der Kolonien oder niedere Chargen. Grund für die Ausgrenzung der affiliierten Medaillen von den Verdienstorden dürfte gewesen sein, dass eben kein Verdienst notwendig war, um in den Besitz der Medaille zu gelangen. Nachgewiesene Verleihungen der Roter-Adler-Orden-Medaille an preu- ßische Untertanen im Jahre 1910 erfolgten mehr oder weniger aus Versehen und wurden als Fauxpas empfunden.217 Die folgende Tabelle218 zeigt die Ausdifferenzierung des Herzoglich-Anhaltinischen Hausorden Albrechts des Bären, der als Haus- und Verdienstorden verliehen wurde. Im 19. Jahrhundert trat diese Zusammenlegung bei etlichen Neustiftungen auf und manifestierte sich auch namentlich, wie etwa beim Oldenburgischen Haus- und Verdienstorden des Herzogs Peter Friedrich Ludwig. Die in der Tabelle klassifizierten Ordenszeichen mit Schwertern weisen auf militärischen Verdienst hin, solche mit Krone auf besondere Verdienste: Großkreuz mit Krone Großkreuz mit Krone und Schwertern Großkreuz Bruststern zum Großkreuz mit Brillanten Großkreuz mit Schwertern Kommandeur I. Klasse mit Krone Kommandeur I. Klasse mit Krone und Schwertern Kommandeur I. Klasse Kommandeur I. Klasse mit Schwertern Kommandeur II. Klasse mit Krone Kommandeur II. Klasse mit Krone und Schwertern 216 Ebd. 217 http://www.medalnet.net/RAO_Medaille.htm (Stand 01.12.2014). 218 Scharfenberg, Gerd: Die Orden und Ehrenzeichen der Anhaltinischen Staaten. 1811-1935. Offenbach 1999. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 50 Kommandeur II. Klasse Kommandeur II. Klasse mit Schwertern Ritter I. Klasse mit Krone Ritter I. Klasse mit Krone und Schwertern Ritter I. Klasse (bis 1854: Ritter) Ritter I. Klasse mit Schwertern Ritter II. Klasse mit Krone Ritter II. Klasse mit Krone und Schwertern Ritter II. Klasse Ritter II. Klasse mit Schwertern Goldene Verdienstmedaille mit Krone Goldene Verdienstmedaille mit Krone und Schwertern Goldene Verdienstmedaille Goldene Verdienstmedaille mit Schwertern Silberne Verdienstmedaille mit Krone Silberne Verdienstmedaille mit Krone und Schwertern Silberne Verdienstmedaille Silberne Verdienstmedaille mit Schwertern Dieser Grad der Klassifikation bei deutschen Verdienstorden ist typisch für den Zeitraum des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Monarchie 1918. Die Idee und Praxis, einen Orden überhaupt für Verdienst zu verleihen, war zu diesem Zeitpunkt zumindest in Deutschland gerade einmal 150 Jahre alt. Der preußische Orden Pour le Mérite war schon dem Namen nach ein Orden, der ausschließlich verdienstvolle Handlungen würdigen sollte. Allerdings geschah dies erst nach der Erneuerung des Ordens durch König Friedrich II. von Preußen. Der Vorläufer des Ordens war unter dem Namen Ordre de la générosité oder auch „Gnadenkreuz“ bekannt und wurde von einem Kind gestiftet. Der zehnjährige Markgraf Friedrich, der später einmal der erste König von Preußen werden sollte, rief ihn 1667 ins Leben, wobei die Ordensstatuten nur ungenau ausfielen.219 Es fehlten Angaben zu den genauen Verleihungsbedingungen und der Anzahl der Mitglieder. Unter den vier Paragraphen fand sich lediglich die Aussage, wonach ein Träger des Ordens „in allen Dingen der Generosität gemäß“220 leben sollte. Diese Ungenauigkeit führte schließlich dazu, dass das Gnadenkreuz zu einem späteren Zeitpunkt ohne genaues Kriterium verliehen wurde und völlig an Ansehen verlor, wenn es denn überhaupt jemals angesehen war. Unter König Friedrich Wilhelm I. verkam der Ordre de la générosité zu 219 Vgl. Fuhrmann, Horst: Pour le Mérite. Über die Sichtbarmachung von Verdiensten. Sigmaringen 1992.S. 31. 220 Fuhrmann, Horst: Pour le Mérite. Über die Sichtbarmachung von Verdiensten. Sigmaringen 1992.S. 31. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 51 einem Souvenir, das von Werbern als Fangprämie für die Werbung von „Langen Kerls“ mitgeführt wurde.221 Als Friedrich II. 1740 den preußischen Thron bestieg, wollte er sich die Bestimmungen dieses Ordens vorlegen lassen, jedoch waren keine entsprechenden Statuten verfügbar.222 Daraufhin beschloss der König, einen neuen Orden zu stiften, übrigens den einzigen in seiner Amtszeit, der den aufklärerischen Idealen nach nicht aus Gnade sondern für Verdienst verliehen werden sollte, eben pour le mérite.223 Fuhrmann wertet dies als Teil von Friedrichs Regierungsprogramm und als Vorgriff auf seine kriegerischen Unternehmungen, die er mit einem Ruhmeszeichen bedenken wollte.224 Möglicherweise steht diese Stiftung tatsächlich für ein neues Verständnis zwischen Obrigkeit und Untertanen, was die Belohnung von Verdienst angeht. Die Verleihungspraxis sprach indes eine andere Sprache. Der Pour le Mérite, der zunächst ebenfalls über keine Ordensstatuten verfügte, sollte ursprünglich Militärs und Zivilisten gleichermaßen zugänglich sein.225 Doch durch die Kriege, die die Regierungszeit Friedrichs des Großen begleiteten, entwickelte sich der Orden zu einem Militär- bzw. Kriegsorden und diesen Charakter sollte er schließlich bis zum Ende seines Bestehens beibehalten. Friedrich II. verlieh den Orden für völlig unterschiedliche militärische Leistungen. Sicher war nur, dass er den Offizieren vorbehalten war und dass kein zweiter Orden neben ihm getragen werden durfte. Wenn ein Pour le Mérite-Träger in den Schwarzen-Adlerorden aufgenommen wurde, so hatte er den Pour le Mérite abzulegen. In diesem Fall war es üblich, einen Nachfolger für den abgelegten Pour le Mérite vorzuschlagen und so entwickelte der Orden die Eigenschaften eines Standesordens.226 Verstärkt wurde diese Tatsache dadurch, dass der Hauptempfängerkreis das Offizierskorps war, welches im 18. Jahrhundert zu einem überwiegenden Teil aus Adeligen bestand. Die Leistungen, die für die Verleihung eines Pour le Mérite erbracht werden mussten, definierte bzw. bewertete allein König Friedrich II. und entschied auch über die Höhe des Geldgeschenkes, das stets mit der Verleihung des Ordens verbunden war.227 Es reichte von durchschnittlich 100 bis ausnahmsweise 1000 Friedrichsdor.228 Horst Fuhrmann hat in seinem Werk über den Orden die Verleihungspraxis König Friedrichs II. nach den in seiner Regierungszeit 900 verliehenen Pour le Mérite aufgeschlüsselt und kommt hierbei zu sehr interessanten Ergebnissen, was die doch ungleiche Verteilung der Belohnung von Verdiensten angeht. 221 Vgl. ebd. 222 Vgl. ebd., S. 33. 223 Vgl. ebd., S. 31f. 224 Vgl. ebd., S. 34. 225 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 117. 226 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 34. 227 Vgl. ebd., S. 35. 228 Vgl. ebd., Zum Vergleich lag der Herstellungswert für ein Ordenskreuz zu jener Zeit bei 20 Friedrichsdor. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 52 Während des Siebenjährigen Krieges wurden 332 Ordenszeichen des Pour le Mérite verliehen, davon allein 54 für die vergleichsweise unbedeutende Schlacht bei Lobositz in Nordböhmen am 1. Oktober 1756.229 Ebenso kamen im ereignisarmen Bayerischen Erbfolgekrieg 1778 ganze 82 Kreuze zur Verleihung.230 Im Vergleich dazu wurde in der Schlacht von Kunersdorf, die durch eine Fehlentscheidung des Königs zu einer bitteren Niederlage für das preußische Heer wurde, kein einziger Orden verliehen, obwohl den Soldaten und Offizieren in dieser schwersten Stunden des Siebenjährigen Krieges nachweislich viel abverlangt wurde und es einige Fälle hingebungsvoller Tapferkeit gab.231 Nicht einmal jener Rittmeister von Prittwitz, der den König vor russischer Gefangennahme rettete, erhielt einen Pour le Mérite.232 Niederlagen waren offensichtlich der Vorstellung König Friedrichs II. nach mit der Verteilung von Belohnungen nicht vereinbar und selbst wenn ihm Vorschläge für eine Verleihung gereicht wurden, so war ihm der persönliche Eindruck bzw. die unmittelbare Zeugenschaft wichtig, um mögliche Fehlentscheidungen zu vermeiden. In einem Fall aus dem Jahre 1760 wurden dem König mehrere Infanterieoffiziere für den Pour le Mérite vorgeschlagen, wobei er eine Verleihung ablehnte, weil er die Offiziere bei einem Angriff habe laufen sehen.233 Der Orden könne niemandem verliehen werden „der am raschesten läuft und die besten Füße hat“234. War der König nicht Zeuge einer tapferen Handlung, erwartete er darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, da er die betreffenden Offiziere unmittelbar belohnen wollte. In einer Kabinettsordre aus dem Jahr 1782 bemängelte er „daß Mir das eher hätte gemeldet werden sollen, denn Ich muß das gleich wissen, wenn ein und der andere Meiner Offiziere sich distinguieren, damit Ich sie auf der Stelle dafür rekompensieren kann.“235 Bis zum Ende seiner Regentschaft delegierte König Friedrich II. die Entscheidung über die Verleihung eines Pour le Mérite an keine andere Person oder Institution wie beispielsweise eine General-Ordens-Kommission, sondern nahm jeden Vorschlag selbst in Augenschein. Dies mag einerseits am Charakter des Königs gelegen haben, der bei militärischen Angelegenheiten, seien es Schlachten oder Paraden, persönlich zugegen sein wollte, andererseits war sein Vertrauen nicht in alle Regimenter gleich. Aufgrund des damals üblichen hohen Anteils an ausländischen Söldnern war die Zahl an Überläufern und Deserteuren ungemein hoch, wie das Jahr 1744 zeigt, in dem die Hälfte aller ausländischen Söldner in preußischen Diensten fahnenflüchtig wurde.236 Daher hatte wohl der persönliche Eindruck beim König einen ungemein hohen Stellenwert, was die Belohnung von Tapferkeit anging, auch wenn dies keine Garantie für Loyalität war, wie eine Anekdote des Königs aus dem Jahre 1759 ver- 229 Vgl. ebd., S. 36. 230 Vgl. ebd. 231 Vgl. ebd. 232 Vgl. ebd. 233 Vgl. ebd. 234 Ebd. 235 Ebd., S. 38. 236 Vgl. ebd. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 53 deutlicht. Demnach hatte sich während des ersten Schlesischen Krieges ein einfacher preußischer Grenadier durch besondere Tapferkeit hervorgetan, indem er trotz Verwundung ein reiterloses Pferd ergriff, sich in ein Gefecht stürzte und mit einem österreichischen General als Gefangenem zurückkehrte. Zur Belohnung ernannte Friedrich ihn später zum Offizier und an seinem ersten Tag in dieser Funktion desertierte der Soldat.237 Was am Ende seiner Regentschaft mit dem Orden Pour le Mérite verbunden war, war so ambivalent wie die Persönlichkeit Friedrichs II. Dem Motto nach passte der Orden zu den Idealen der Aufklärung, die der König zu Beginn seiner Regierungszeit proklamierte. Das Verdienst stand im Mittelpunkt und die erbrachte Leistung war Voraussetzung dafür, dieses äußere Zeichen tragen zu dürfen. Doch zivile Verdienste blieben von Anfang an stark unterrepräsentiert und wie das Militärische Friedrichs Regierungszeit dominierte, so entwickelte sich der Pour le Mérite zu einem reinen Militärverdienstorden für Offiziere. Wenn man jedoch annimmt, Friedrich II. hätte im Laufe der vielen Feldzüge und Schlachten seiner Regierungszeit ein bestimmtes Maß an Tapferkeit oder zumindest die Teilnahme an kriegerischen Auseinandersetzungen zur Grundlage für die Verleihung des Ordens gemacht, so irrt man. Der König, der im Laufe der Jahre so viel Tapferkeit auf dem Schlachtfeld zu Gesicht bekam, verlieh den Pour le Mérite in seinen letzten Jahren reichlich für gelungene Revuen und Manöver, was ihn schon aus damaliger Sicht entwertet haben dürfte. König Friedrich Wilhelm IV. griff im Jahre 1842 die Idee des Zivilverdienstes für den Pour le Mérite wieder auf. Jedoch erweiterte er nicht einfach den Empfängerkreis des etablierten Militärverdienstordens, sondern stiftete eine zusätzliche Friedensklasse unter demselben Namen, welche für Verdienste im Bereich der Künste und Wissenschaften verliehen werden sollte. Interessanterweise weist der König in den Ordensstatuten darauf hin, dass „Aeltere, wenngleich seltene Beispiele bezeugen, daß eine solche Erweiterung der Statuten ganz der ursprünglichen Absicht des erhabenen Stifters des Ordens entspricht, welcher nicht nur durch sein Beispiel Wissenschaften und Kunst belebte, sondern sie auch durch Königliche Gunst und Auszeichnung mächtig zu fördern bestrebt war.“238 Undenkbar wäre es gewesen, den gleichen Orden an Professoren und Maler zu vergeben, den seit den Schlesischen Kriegen schon Generationen von Generalen und Stabsoffizieren erhalten hatten. Stattdessen wurde die Friedensklasse geschaffen, die weder ausdrücklich etwas mit Frieden noch mit Zivilverdienst im erweiterten Sinne zu tun hatte. Es gab keine zeitliche Beschränkung, wonach der Orden nicht im Kriege hätte verliehen werden dürfen und bedeutende Bereiche des Zivillebens wie etwa Staatsdienst und Beamtentum oder auch die Wirtschaft waren ausgenommen. Ebenso blieb „[...] die theologische Wissenschaft, ihrem Geiste gemäß, hiervon ausgeschlossen.“239 237 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 38. 238 Fuhrmann: Pour le Mérite. Statuten, abgedruckt auf der Innenseite des Einbandes. 239 Ebd. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 54 Mit dem Begriff Friedensklasse ist also mehr oder weniger das Gegenteil von Militär gemeint, was bei Künstlern und Wissenschaftlern gegeben war. Nicht gemeint war jedoch eine umfassende Würdigung von Zivilverdiensten durch den Orden. Hierfür gab es in Preußen den Kronenorden und Roter-Adlerorden, mit denen in verschiedenen Klassen und Abstufungen Zivilverdienste jeglicher Art gewürdigt wurden. Der Pour le Mérite in der Friedensklasse wirkte schon allein durch seine limitierte Mitgliederzahl von 30 Rittern eher wie eine Ansammlung an Protegés des Königs, wobei nur die ersten 30 Ritter nach der Stiftung vom König persönlich ausgewählt wurden.240 Starb einer der Ritter, so wurde die Stelle nachbesetzt und zwar durch schriftliche Abstimmung der restlichen Mitglieder.241 Dieser Umstand ist bis heute im Ordenswesen ungewöhnlich und auch einmalig und „die zum Theil demokratische Verfassung dieser Ordensklasse“242 rief damals erhebliche mediale Aufmerksamkeit hervor, wie in diesem Fall in der Kölnischen Zeitung. Zwar behielt sich der König als Ordenssouverän eine endgültige Entscheidung vor, wen er in den Orden aufnahm und wen nicht, jedoch bewies Friedrich Wilhelm IV. erstaunliche Toleranz bei der Wahl der Mitglieder und ließ seinem Ordenskanzler Alexander von Humboldt freie Hand.243 Der Pour le Mérite in der Friedensklasse erarbeitete sich bis zum Ende der Monarchie in Deutschland aber auch im Ausland einen ganz hervorragenden Ruf und so waren es die Künstler und Wissenschaftler selbst, die nach 1918 eine Wiederauflage des Ordens anregten. In der Weimarer Republik verlieh der deutsche Staat keine Orden und Ehrenzeichen und daher kam eine staatliche Verleihung des Pour le Mérite für Künste und Wissenschaften nicht in Frage. Stattdessen organisierten sich die noch lebenden Mitglieder in einer freien Gemeinschaft, die den Orden als nichtstaatliche Auszeichnung verlieh.244 Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland fanden sich erneut die noch lebenden Träger der Gemeinschaft zusammen und beschlossen eine Wiederbelebung des Ordens, diesmal jedoch unter dem Protektorat des Bundespräsidenten.245 In Theodor Heuss fanden sie auch einen geeigneten Förderer. Er selbst hatte im Jahre 1942, zum 100. Jahrestag der Stiftung des Ordens als Autor eines Zeitungsartikels darüber publiziert und verschaffte nun dem Orden einen halboffiziellen Status, indem seither jeder Bundespräsident als Protektor des Ordens fungiert.246 So gibt es bis heute eine Kontinuität von der Stiftung eines Ordens für Verdienste durch Friedrich II. bis in die Gegenwart, in der es selbstverständlich geworden ist, dass der Verleihung einer Auszeichnung ein subjektiv wahrgenommener Verdienst vorangeht. Dennoch sehen sich die Träger des Ordens heutzutage als Gemeinschaft, denen maximal 40 Deutsche und noch einmal so viele Ausländer angehören dürfen 240 Vgl. ebd., S. 46. 241 Vgl. ebd., Innenseite des Einbandes. 242 Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 48. 243 Vgl. ebd., S. 46. 244 Vgl. ebd., S. 51. 245 Vgl. ebd., S. 52. 246 Vgl. ebd., S. 52. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 55 und somit auch als elitärer Kreis. Zu ihnen zählen derzeit Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Wim Wenders, Durs Grünbein oder Christiane Nüsslein-Vollhard. Auch wenn der Pour le Mérite sich am Leistungsgedanken orientierte, so unterlag er bei der Zuteilung den ständischen Vorstellungen seiner Zeit, indem er ausschließlich an Offiziere und damit zu einem überwiegenden Teil an Adlige verliehen wurde. Das Eiserne Kreuz spielt in der Emanzipation im Auszeichnungswesen eine noch bedeutendere Rolle, wenn man bedenkt, dass sich dieses Ehrenzeichen unterschiedslos an alle Dienstgradgruppen richtete, vom Gemeinen bis zum General. Die Stiftung des Eisernen Kreuzes fiel in eine Zeit umfassender politischer (auch restaurativer) und gesellschaftlicher Umwälzungen in Europa und eben diese bilden auch die Ursache der Veränderungen im Auszeichnungswesen. Die Stiftungsurkunde vom 10. März 1813 gibt eindeutige Hinweise darauf, inwiefern der Pathos, mit dem das Volk zum Verteidigungskampf gegen die Franzosen aufgerufen wurde, auch die Schaffung des Eisernen Kreuzes beeinflusste: „[...] Wir haben daher beschlossen, das Verdienst, welches in dem jetzt ausbrechenden Kriege entweder im wirklichen Kampf mit dem Feinde, oder außerdem, im Felde oder daheim, jedoch in Beziehung auf diesen großen Kampf um Freiheit und Selbständigkeit erworben wird, besonders auszuzeichnen und diese eigenthümliche Auszeichnung nach diesem Kriege nicht weiter zu verleihen. [...] 3.[...] Das Eiserne Kreuz ersetzt diese Orden und Ehrenzeichen und wird durchgängig von Höheren und Geringeren auf gleiche Weise in den angeordneten zwei Klassen getragen. [...]“247 Mit den ersetzten Orden und Ehrenzeichen waren der Roter-Adlerorden zweiter und dritter Klasse, der Pour le Mérite (jeweils für Offiziere) sowie das Militär-Ehrenzeichen (für Mannschaften und Unteroffiziere) gemeint, die bis dato für erwiesene Tapferkeit verliehen werden konnten.248 Der Pour le Mérite wurde dennoch rund zweieinhalbtausendmal während der Befreiungskriege verliehen, davon rund fünfzehnhundertmal an Ausländer.249 Das in seiner äußeren Form schlicht gehaltene Eiserne Kreuz wurde in zwei Klassen gestiftet, wobei die zweite Klasse an einem Band und die erste und gleichzeitig höhere Klasse an einer rückseitigen Nadel getragen wurden. Bei der Variante mit der Nadel handelte es sich jedoch zunächst nur um eine Zusatzdekoration, die die erste Klasse nach außen hin kenntlich machen sollte, da laut Stiftungsurkunde „beide Klassen des Eisernen Kreuzes [...] ein ganz gleiches in Silber gefasstes schwarzes Kreuz von Gusseisen“250 waren, die am Band im Knopfloch getragen werden sollten. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wurde die erste Klasse mit einer rückseitigen Nadel versehen und war dadurch von der zweiten Klasse äußerlich zu unterscheiden. 247 Nimmergut, Jörg: Das Eiserne Kreuz 1813-1957. Zweibrücken 1990. S. 32. 248 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 32. 249 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 39. 250 Wernitz, Frank. Das Eiserne Kreuz 1813 – 1870 – 1914. Geschichte und Bedeutung einer Auszeichnung. Wien 2013. Vgl. Band 1, S. 153 und Band II, S. 16 ff. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 56 Das von Karl-Friedrich Schinkel entworfene Kreuz war an das Ordenskreuz des Deutschen Ordens angelehnt251 und bestand aus einem schwarz emaillierten Kreuz aus Eisen, welches von einer Silberzarge eingefasst wurde und auf der Vorderseite die Initialen des Königs sowie das Stiftungsjahr 1813 zeigte. Die Verleihung der ersten Klasse setzte den Besitz der zweiten Klasse voraus. Für hohe militärische Führer, die eine entscheidende Schlacht gewinnen konnten, „nach welcher der Feind seine Position verlassen muß“252, durfte das Großkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen werden. Dieses war größer als die anderen beiden Klassen und wurde an einem Halsband getragen. Obwohl das Eiserne Kreuz bis heute der Inbegriff einer Auszeichnung für unmittelbare Tapferkeit ist und daher seit dem Bestehen der Reichswehr als Hoheitszeichen für deutsche Streitkräfte verwendet wird, war eine Verleihung an sogenannte Nichtkämpfer von Anfang an vorgesehen. Für die zweite Klasse wurde in solch einem Fall das Eiserne Kreuz am weißen Band mit schwarzen Randstreifen (im Gegensatz zum schwarzen Band mit weißen Streifen in der Version für Kämpfer) verliehen. Im preu- ßischen Heer gab es eine ganze Reihe von Funktionsträgern, die als Nichtkämpfer für so eine Verleihung in Frage kamen, wie zum Beispiel Ärzte, Sanitätspersonal, Militärgeistliche, Veterinäre oder auch Militärbeamte. Aber auch zahlreiche Zivilisten wurden mit dem Eisernen Kreuz für Nichtkämpfer ausgezeichnet, darunter 31 Land- Edelleute, 11 Kaufleute, 4 Professoren und 70 Zivilärzte.253 Bei Militärärzten und Feldgeistlichen kam es jedoch entgegen der Verleihungsbestimmungen gelegentlich auch zur Verleihung der Eisernen Kreuze für Kämpfer. In diesen Fällen betrachtete man nicht die Zugehörigkeit des Beliehenen zu einem kämpfenden oder nichtkämpfenden Teil des Heeres als Grundlage, sondern ob die Tat persönlichen Mut und Tapferkeit verlangte und verlieh dann entsprechend das Eiserne Kreuz am Kämpferband. Als Beispiel sei die Verleihung an den Bataillonsarzt Kuhn genannt, der im Gefecht bei Möckern mehrere französische Kavalleristen gefangen nahm.254 Durch diese Verleihungspraxis kamen etwa 180 Eiserne Kreuz am Kämpferfand an Nichtkämpfer zur Verleihung.255 Eine weitere Besonderheit bei der Verleihung der Eisernen Kreuz war die Vererbung der Kreuze oder die sogenannte indirekte Verleihung. Grundüberlegung war es einerseits, eine inflationäre Vergabe dieser Tapferkeitsauszeichnung zu verhindern und so den immateriellen Wert des Ehrenzeichens beizubehalten oder gar zu erhöhen und andererseits die Kosten für die Herstellung gering zu halten. Dies bedeutete, dass die Eisernen Kreuze von Soldaten, die noch während des Krieges fielen oder später verstarben, an das jeweilige Regiment zurückgegeben werden mussten und dort an Soldaten verliehen werden konnten, die zwar im Kriege tapfere Handlungen vollbrachten, aber nicht mehr mit einem Eisernen Kreuz geehrt 251 Vgl. Autengruber, Michael: Der indirekte Einfluss des Deutschen Ordens auf die Entstehung des Eisernen Kreuzes. In: Nimmergut, Jörg: Das Eiserne Kreuz 1813-1957. Zweibrücken 1990. S. 23ff. 252 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 34. 253 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 183-1957, S. 47. 254 Vgl. ebd. 255 Vgl. ebd. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 57 wurden.256 Ihre jeweiligen Namen wurden auf Listen innerhalb des Regimentes geführt und bei Ableben eines Beliehenen erhielten sie dann das Eiserne Kreuz.257 Dabei sollten „die Kreuze der Offiziere wieder an Offiziere, die der Soldaten aber an Feldwebel, Unteroffiziere und Gemeine ohne Unterschied des Ranges vergeben werden.“258 Sollte in dem jeweiligen Regiment kein Anwärter für eine erneute Verleihung anstehen, mussten die Kreuze schließlich an die General-Ordens-Kommission zurückgesandt werden. Diese war wiederum auch an jeder Wiederverleihung zu beteiligen. Sie führte akribisch Listen darüber, wann welcher Soldat mit einer nachträglichen Verleihung bedacht wurde und sie erließ in insgesamt 27 Jahren 62 Verordnungen über die Abwicklungsproblematik.259 Der General-Ordens-Kommission wurde durch die Vererbungspraxis ein enormer bürokratischer Aufwand zuteil, da es im Laufe der Jahre immer schwieriger wurde, Verleihungsberechtigungen nachzuvollziehen, weil im Laufe der Reorganisation des Heeres zahlreiche Regimenter aufgelöst und neue wieder aufgestellt wurden.260 Die Ansprüche der Angehörigen von Freiwilligenverbänden waren zeitweise ebenso schwer zu realisieren wie die der Pionier-, Artillerie-, oder Gendarmerie-Einheiten, da hier der Corpus des Regimentes fehlte, der den kontinuierlichen Ablauf der Wiederverleihungen gewährleistete.261 Erbberechtigte Soldaten warteten zehn oder mehr Jahre auf das Ableben ihres jeweiligen Vorgängers, um das Eiserne Kreuz auf diese Weise zu erhalten. Friedrich Ludwig Jahn war ein bekannter Anwärter auf dieses Ehrenzeichen und erhielt das Eiserne Kreuz sogar erst mit 27 Jahren Verspätung, da mehrmals eine Verleihung wegen Jahns politischer Betätigung abgelehnt worden war.262 Erst nach Jahrzehnten, im Jahr 1834, hatte sich König Friedrich Wilhelm III. dazu entschlossen alle noch lebenden Anwärter mit einer neuen Fertigungsserie des Eisernen Kreuzes zu bedienen, wodurch das Vererbungsprinzip unnötig wurde.263 Friedrich Wilhelm IV. bestätigte im Jahre 1840 die Absicht seines Vorgängers, das Eiserne Kreuz nicht weiter zu verleihen, jedoch brachte er seine Verbundenheit zu dieser Auszeichnung durch eine sogenannte Seniorenstiftung zum Ausdruck. Am 3. August 1841, am Geburtstag seines Vaters und Stifters der Tapferkeitsauszeichnung, erließ er ein Versorgungsgesetz, wonach „[...] den Inhabern des Eisernen Kreuzes erster Klasse 12 Senioren aus dem Offizierstande und 12 Senioren aus dem Stande vom Feldwebel abwärts einen jährlichen Ehrensold von Hundert und fünfzig Thalern, und 256 Vgl. ebd., S. 48 257 Vgl. ebd. 258 Ebd. 259 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 50. 260 Vgl. ebd. 261 Vgl. ebd. 262 Vgl. ebd. 263 Vgl. ebd., S. 51. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 58 b) von den Inhabern des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse 36 Senioren aus dem Offizierstande und 36 Senioren aus dem Stande vom Feldwebel abwärts einen jährlichen Ehrensold von Fünfzig Thalern auf Lebenszeit empfangen.“264 In der Forschung wurde die Einführung dieser Privilegien zuweilen als Absicht gedeutet, das Eiserne Kreuz in einen Orden umzuwandeln, da ja zahlreiche Hoforden über einen solchen Pensionsstift verfügten.265 Allerdings hätte dies allein nicht ausgereicht, um die wesentlichen Eigenschaften eines „echten“ Ordens zu erfüllen, der ähnlich hohes gesellschaftliches Ansehen genoss wie beispielsweise der Hohe Orden vom Schwarzen-Adler. Vielmehr handelte es sich um eine soziale Maßnahme aus Fürsorgegründen des Staates gegenüber seinen Veteranen, wobei die Stiftungsidee des Eisernen Kreuzes, nämlich die Gleichstellung der verschiedenen Dienstgradgruppen unter der gemeinsamen Auszeichnung, immer wieder ausdrücklich hervorgehoben wurde. So erfolgte für Veteranen, die in Invalidenhäusern wohnten und Träger des Eisernen Kreuzes waren, eine Anpassung ihrer Versorgungsbezüge, indem ehemalige Mannschaftssoldaten die Bezüge von Unteroffizieren und ehemalige Unteroffiziere die Bezüge von Feldwebeln zugeteilt bekamen.266 Zur symbolischen Gleichstellung aller Träger der Auszeichnung trug auch die Jubiläumsfeier zum fünfzigsten Jahrestag der Stiftung des Eisernen Kreuzes im Jahre 1863 bei, als die 1500 noch lebenden Träger dieser Auszeichnung an den preußischen Hof geladen wurden und am König vorbei marschierten.267 Unter ihnen waren alle gesellschaftlichen Schichten vertreten, vom Obdachlosen bis zum Prinzen und die meisten von ihnen waren bei weitem nicht hoffähig. Dennoch saßen sie mit dem Kreuz an der Brust, als einziges verbindendes Element aller Anwesenden, zum gemeinsamen Essen im königlichen Schloss.268 Die zahlreichen Maßnahmen des preußischen Staates seit Stiftung des Eisernen Kreuzes im Jahre 1813 führten zu einer erheblichen Mystifizierung dieses Ehrenzeichens, das sich so zu einem Symbol für die Befreiungskriege entwickelte. Zwar hatte Preußen die Verleihung dieser Kriegsauszeichnung auf die Jahre 1813-15 begrenzt, doch gab die Verleihungspraxis der Vererbung innerhalb der Regimenter dem Staat die Möglichkeit, tapfere Handlungen noch Jahrzehnte nach dem Krieg gegen Napoleon zu würdigen und so im kollektiven Gedächtnis der Öffentlichkeit und insbesondere des Heeres wirken zu lassen. Eine Neustiftung des Eisernen Kreuzes wurde nach 1815 in den zahlreichen, mehr oder weniger umfangreichen militärischen Konflikten, die Preußen führte, zunächst nicht betrachtet. Während der Kriege gegen Dänemark (1864) und Österreich- Ungarn (1866) kamen daher wieder die nach Dienstgradgruppen getrennten Tapferkeitsauszeichnungen zur Verleihung, wie etwa das Pour le Mérite für Offiziere und das Militär-Ehrenzeichen für Unteroffiziere und Mannschaften. Erst im Krieg gegen Frankreich 1870/71 erkannte König Wilhelm I. den Anlass für eine Neustiftung dieser Tapferkeitsauszeichnung. Sowohl derselbe Gegner Frankreich als auch der Um- 264 Ebd., S. 53. 265 Vgl. ebd., S. 55 266 Vgl. ebd. 267 Vgl. ebd. 268 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz, S. 56. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 59 stand, dass sich alle deutschen Staaten mit einem Kontingent an der Seite Preußens an dem Krieg beteiligten, beflügelten die Öffentlichkeit dazu im Krieg gegen Frankreich eine Kontinuität zu den Befreiungskriegen von 1813 zu sehen. Da schien die Erneuerung des Eisernen Kreuzes, mit dem sich über Jahrzehnte Begriffe wie Tapferkeit, Freiheit und Ehre verknüpft hatten, eine logische Konsequenz zu sein: „Angesichts der ernsten Lage des Vaterlandes und in dankbarer Erinnerung an die Heldenthaten unserer Vorfahren in den großen Jahren der Befreiungskriege, will ich das von Meinem in Gott ruhenden Vater gestiftete Ordenszeichen des Eisernen Kreuzes in seiner ganzen Bedeutung wieder aufleben lassen.“269 Die Verleihungspraxis des Eisernen Kreuzes 1870 knüpfte an die Traditionen der Stiftungszeit an, was die Klassifizierung und die Voraussetzungen anging. Persönliche Tapferkeit vor dem Feinde war unbedingt Voraussetzung für die Verleihung der zweiten und ersten Klasse und kriegsentscheidende operative Erfolge die Grundlage, um das Großkreuz des Eisernen Kreuzes zu erhalten.270 Eine Verleihung an Nichtkämpfer (weißes Band mit schwarzen Seitenstreifen) war ebenfalls vorgesehen, auch wenn man bei der Erneuerung darauf achtete, die Wertigkeit der Nichtkämpfer-Klasse durch die Verleihung alternativer Auszeichnungen auf hohem Niveau zu halten. Üblich war es hierbei, schon vorhandene Orden und Ehrenzeichen an einem anderen Band zu verleihen, um somit eine eigene Kategorie für Ärzte, Sanitäter, Feldgeistliche oder Militärbeamte zu schaffen. Beispiele sind der preußische Kronenorden oder das Allgemeine Ehrenzeichen, welche man für Nichtkombattanten am sogenannten Erinnerungsband (sechs Mal gestreiftes weißes Band) verlieh, um so die Verleihungszahlen für das Eiserne Kreuz am Nichtkämpferband niedrig zu halten.271 Die äußere Form des Kreuz blieb im Wesentlichen unverändert, man änderte lediglich die Jahreszahl von „1813“ auf das Jahr der Erneuerung „1870“ sowie das Monogramm des Königs von „FW“ auf „W“. Vom Prinzip der Vererbung der Kreuze sah man, wahrscheinlich aufgrund des erheblichen bürokratischen Aufwandes, den man deswegen nach den Befreiungskriegen geführt hatte, ab und delegierte die administrative Abwicklung des Eisernen Kreuzes von der General-Ordens-Kommission auf das Militärkabinett und somit auch die untergeordneten Dienststellen.272 Dadurch war es auch möglich geworden, die Auszeichnung den anderen deutschen Kontingenten im Krieg gegen Frankreich zugänglich zu machen und die symbolische Bedeutung des Eisernen Kreuzes vom erneuerten Freiheitskampf auf ein übergeordnetes patriotisches Zeichen zu erweitern, das die verschiedenen deutschen Staaten verbindet: „Doch meinen Enkeln weisen Noch an des Grabes Rand Will ich mein Kreuz von Eisen Mit hellem Silberrand. Und will sie lassen schwören Aufs Kreuz am schwarzen Band 269 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813 – 1957, S. 94f. 270 Vgl. ebd., S. 96. 271 Vgl. ebd., S. 98. 272 Vgl. ebd. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 60 Daß Herz und Hand gehören Allstund dem Vaterland. Bricht dann aus alten Gleisen Noch mal hervor der Krieg, Hurra! Du Kreuz von Eisen – Dann wieder auf zum Sieg!“273 Diese Zeilen des Dichters Julius Wolff aus dem späten 19. Jahrhundert spiegeln die patriotischen Gefühle wider, die mit den siegreichen Reichseinigungskriegen, dem Eisernen Kreuz und vor allem der Erwartung einer Wiederauflage des Krieges gegen Frankreich in Verbindung gebracht wurden. Das Eiserne Kreuz war der breiten Bevölkerung bekannt und begegnete den Menschen vielerorts. Es zierte Denkmäler, Friedhöfe und Schautafeln in den Kirchen. Es fand sich an den Fahnenspitzen der Truppenfahnen vieler Regimenter wieder und auch auf den Truppenfahnen selbst. Es war zugegen in den Vereinsheimen der Kriegervereine und allerlei Souvenirs wurden damit bedruckt: Briefbeschwerer, Tischdecken, Bierkrüge, Schmuck oder Kaffeetassen. Als dann im August 1914 der Krieg gegen den „Erbfeind“ Frankreich ausbrach, führte aufgrund dieser starken Symbolik kein Weg an der zweiten Erneuerung des Eisernen Kreuzes vorbei. Kriegsminister Falkenhayn realisierte die Stiftung im Auftrag des Kaisers und in der Tagespresse genoss die Erneuerung große Aufmerksamkeit.274 Die Verleihungsbestimmungen deckten sich im Wesentlichen mit denen von 1870, wobei die administrative Abwicklung aufgrund der erheblichen Heeresstärke weiter heruntergebrochen wurde. Von nun an hatten kommandierende Generale das Recht, tapfere Handlungen mit dem Eisernen Kreuz zu würdigen und die entsprechenden Verleihungsurkunden zu unterzeichnen.275 Was dann in den folgenden vier Kriegsjahren mit dem Eisernen Kreuz passierte, kann man als regelrechte Verleihungsflut bezeichnen, die mit einer umfassenden Entwertung, vor allem der zweiten Klasse, einherging. Während bis Mai 1915 die Verleihungszahlen noch eher moderat ausfielen (die Wahrscheinlichkeit auf Verleihung der zweiten Klasse war 1:36), lag die Chance im letzten Kriegsjahr bei 1:6 für den Erhalt der zweiten Klasse.276 Im krassen Vergleich dazu lag die Wahrscheinlichkeit auf Verleihung des preußischen Goldenen Militärverdienstkreuzes, der höchsten preußischen Auszeichnung für Unteroffiziere und Mannschaften, bei 1:7332, wenn man die dokumentierten Verleihungen auf die in Frage kommenden Dienstgradgruppen aufrechnet.277 Am Ende des Weltkrieges gab es knapp 5,2 Millionen Träger des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse, also beinahe jeder zweite deutsche Soldat erhielt diese Tapferkeitsauszeichnung.278 273 Wolff, Julius: Aus dem Felde – Kriegslieder. In: Reichel, Arthur: 127 Jahre Eisernes Kreuz. Dresden 1940. S. 32. 274 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 137. 275 Vgl. ebd., S. 140. 276 Vgl. ebd., S. 142. 277 Vgl. ebd., S. 143. 278 Vgl. ebd., S. 142f. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 61 Dass Tapferkeit längst keine Voraussetzung mehr war, um in den Besitz des Eisernen Kreuzes zu gelangen, wird in zahlreichen zeitgenössischen Beschwerden von Offizieren deutlich: „Es konnte dem Eisernen Kreuz nur zum Schaden gereich, wenn Armee-Oberkommandos und Generalkommandos die erste Klasse nicht nur an Generalstabsoffiziere und Adjutanten, sondern an sämtliche Offiziere dieser Stäbe, an Ordonnanz-, Nachrichten-, und sogar Verpflegungs-Offiziere, ferner an die zum Stabe gehörigen Sanitätsoffiziere und Indendanturbeamten verliehen.“279 Die Ursache für diese zügellose Verleihungspraxis ist wahrscheinlich mit dem spezifischen Kriegsalltag im Ersten Weltkrieg zu begründen. Während des jahrelangen Grabenkrieges, in dem in monatelangen Offensiven bei unglaublich hohen personellen Verlusten kaum Geländegewinne oder nennenswerte operative Erfolge erzielt werden konnten, wurden Orden und Ehrenzeichen zu einer wichtigen Motivation für die Soldaten. Zumindest legte die übergeordnete Führung die massenhafte Verteilung von Eisernen Kreuzen so aus, wenn man sich die Steigerungsraten bei der Verleihung bis 1918 ansieht. Auf deutscher Seite schieden andere Möglichkeiten, die Truppe andauernd zu motivieren, z.B. durch bessere Versorgung mit Lebensmitteln oder ein häufigeres Herauslösen der Regimenter und Division aus vorderster Linie, aufgrund der hohen Personalverluste und zeitweise katastrophalen Versorgungslage aus. Scheinbare Kompensation bot dafür das symbolträchtige Eiserne Kreuz. Auch in anderen Ländern stiegen die Verleihungszahlen für Ehrenzeichen, die in der Klassifikation in etwa mit dem Eisernen Kreuz vergleichbar waren, im Laufe der Kriegsjahre deutlich an. Diese waren beispielweise in Österreich-Ungarn die silberne Tapferkeitsmedaille, das Croix de Guerre in Frankreich oder auch die russische St.Georgs-Tapferkeitsmedaille. Ein weiterer Grund für die massenhafte Verleihung des Eisernen Kreuzes, vor allem die erste Klasse betreffend, war die Bedienung der Stäbe und Kommando-Ebene, wie aus der aufgezeigten zeitgenössischen Bewertung hervorgeht. Das Auszeichnungssystem der deutschen Staaten wies zur damaligen Zeit eine Lücke auf, was die Belohnung von Verdiensten bei der Führung von Verbänden und Großverbänden anging. Zwar war es den Armee-Kommandeuren möglich, bei operativen Erfolgen statutenkonform das Großkreuz des Eisernen Kreuzes zu erhalten, aber die zahlreichen Offiziere der Stäbe, die ihren Kommandeuren auf allen Führungsgrundgebieten zuarbeiteten und sich dabei Verdienste erwarben, waren im Auszeichnungssystem nicht berücksichtigt. Daher ging man dazu über, Orden und Ehrenzeichen, die an der Front für Tapferkeit verliehen wurden, auch den Angehörigen der Stäbe zugänglich zu machen, um ihre Leistungen mit denen der Frontsoldaten gleichzusetzen. Dass das Eiserne Kreuz trotz der außerordentlich hohen Verleihungszahlen nicht an Ansehen und Symbolkraft einbüßte, zeigen die zahlreichen Anträge auf nachträgliche Verleihung desselben bis in das Jahr 1925. Nach dem Krieg untersagte die Reichsregierung die Vergabe von Titeln, Orden und Ehrenzeichen, da sie als „Relikt 279 Ebd., S. 141. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 62 einer endlich überwundenen Monarchie“280 angesehen wurden. Nach Artikel 175 der Reichsverfassung durften jedoch Auszeichnungen für Verdienste in den Kriegsjahren 1914-18 bis spätestens 1925 weiterverliehen werden.281 Handlungsbedarf bei der Bearbeitung von Anträgen auf Orden und Ehrenzeichen in dieser Zeit gab es vor allem aufgrund der vielen heimgekehrten Kriegsgefangenen und Angehörigen der Schutztruppen, die teilweise bis Kriegsende in Afrika gekämpft hatten und während der Krieges nicht mit dem Eisernen Kreuz beliehen werden konnten, da sie von regelmä- ßiger Versorgung abgeschnitten worden waren. Die Verleihungspraxis wurde im Vergleich zum Ersten Weltkrieg offenkundig nicht verändert. So war eine tapfere Handlung nicht zwangsläufig Voraussetzung für die Erlangung dieser Auszeichnung, wenn man sich vor Augen führt, dass nach dem Krieg noch über 250.000 Verleihungen erfolgten.282 Man kann praktisch ausschließen, dass die bearbeitenden Stellen im preu- ßischen Staatsministerium und später im Reichswehrministerium sich für jeden eingereichten Antrag eine konkrete tapfere Handlung über die Stellungnahmen ehemaliger, noch lebender Vorgesetzter und Zeugen nachweisen ließen. Der damit verbundene Aufwand wäre kaum zu bewältigen gewesen. Stattdessen ließen sich die Verantwortlichen die Kriegsranglisten vorlegen und überprüften damit die tatsächliche Zugehörigkeit der Antragsteller.283 Auf welcher Grundlage dann eine Entscheidung für oder gegen die Verleihung eines Eisernen Kreuzes getroffen wurde, geht aus der zugrunde liegenden Literatur nicht hervor. Die preußische Regierung sah sich jedoch noch im Jahr 1934, also neun Jahre nach Einstellung des Verleihungsverfahrens gezwungen, sich wegen der immer noch eingehenden Anträge in hoher Zahl an die Öffentlichkeit zu wenden: „Der preussischen Staatsregierung gehen noch immer zahlreiche Anträge auf nachträgliche Verleihung von Eisernen Kreuzen zu. Die preussische Staatsregierung sieht sich zu ihrem Bedauern ausserstande, den ihr vorgelegten Anträgen zu entsprechen oder sie an andere Dienststellen weiterzuleiten, da die Wiederaufnahme der Verleihung Eiserner Kreuze schon wegen der Unmöglichkeit, geltend gemachte Verdienste heute noch zuverlässig festzustellen, ausser Betracht bleiben muss. Die Einreichung von Anträgen auf Verleihung, von Eisernen Kreuzen an preussische Dienststellen ist also zwecklos.“284 Aufgrund seiner bedeutenden Symbolkraft blieb das Eiserne Kreuz, welches auch 1939 von Adolf Hitler erneuert wurde, in seiner Form von 1914 trotz seiner hohen Verleihungszahlen eine begehrte Auszeichnung, um die sich noch viele Veteranen bemühten. Auch das 1934 vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gestiftete Ehrenkreuz für Frontkämpfer, das es in den Versionen für Kämpfer, Nichtkämpfer und Hinterbliebene gab, lehnt sich äußerlich an das Eiserne Kreuz an, da es sich beinahe allegorisch auf das deutsche Soldatentum bezog. Seit 1813 war es systematisch tradiert worden, indem man es nach 1815 nach dem Prinzip der Vererbung weiterverliehen hatte und es somit im Gedächtnis des preußischen Heeres lebendig hielt. Diese 280 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 151. 281 Vgl. ebd. 282 Vgl. ebd., S. 152. 283 Vgl. ebd., S. 152. 284 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 153. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 63 militärische Symbolik konnte während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 und vor allem in den folgenden Jahrzehnten schließlich zu nationaler Bedeutung erweitert werden, da es von einer breiten Öffentlichkeit mit der Reichseinigung als vornehmlich militärisches Ereignis in Verbindung gebracht wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Auszeichnung dann zum Symbol für eine nationale Tragödie, nämlich dem Mythos, als ungeschlagenes Heer den Krieg verloren zu haben. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 64 Auszeichnungen in der Moderne Wenn im 19. Jahrhundert die Systematik der Orden und Ehrenzeichen im Sinne einer unlängst überholten ständischen Gesellschaftsordnung bis zur Perfektion fein ausdifferenziert wurde, so steht das 20. Jahrhundert im Rahmen seiner umfassenden gesellschaftlichen Umbrüche in Europa vor allem für eine Vereinfachung bei der Vergabe von Orden und Ehrenzeichen. Mit dem Erlöschen einiger europäischer Monarchien wurden auf einen Schlag hunderte staatliche Orden und Ehrenzeichen nicht mehr verliehen, wohl aber von den Empfängern weiterhin getragen (sogenannte „quieszierende Auszeichnungen“285). In Deutschland wurde die Stiftung und Verleihung staatlicher Auszeichnungen bis 1934 vollkommen ausgesetzt, da man sich von dieser scheinbar monarchistischen Praxis distanzieren wollte. In Österreich oder auch Ungarn schuf man neue Orden und Ehrenzeichen, die man teilweise schon durch die offizielle Bezeichnung eng mit der neuen republikanischen Staatsform verband, wie etwa beim österreichischen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik. Aus heutiger Sicht scheint der Verzicht auf Verleihung von Orden und Ehrenzeichen in der sogenannten Weimarer Republik aus zweierlei Gründen problematisch. Erstens konnte der Staat die internationale Gepflogenheit nicht mehr bedienen, Orden als diplomatische Geste zu verleihen, so wie es etwa bei Staatsbesuchen von Politikern und Würdenträgern oder auch innerhalb des diplomatischen Korps üblich war. Stattdessen wich man auf Sachgeschenke aus, wie etwa wertvolles Porzellan, oder man verlieh halbstaatliche Ehrenzeichen, wie beispielsweise das 1922 gestiftete Ehrenzeichen des Roten Kreuzes, das jedoch keinen adäquaten Ersatz zu den bisher verliehenen Orden darstellte. Zweitens bieten staatlich verliehene Auszeichnungen ein wichtiges Mittel zur Identifikationsstiftung. Das Tragen von Orden und Ehrenzeichen war vor allem bei uniformierten Staatsbediensteten weit verbreitet und diente dazu, Untergebene an sich zu binden. Die Republik bot dies den Soldaten der Reichswehr, um deren Loyalität und Verfassungstreue sie stets ringen musste, nicht. Stattdessen trugen die Soldaten an der neuen Uniform der Reichswehr die Orden und Ehrenzeichen der vergangenen Monarchie. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss erkannte die Notwendigkeit der Existenz eines Verdienstordens in der gerade gegründeten Bundesrepublik und stiftete 1951 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wollte man sich von der großen Zahl an gestifteten Orden und Ehrenzeichen in den deutschen Staaten bis 1918, im Dritten Reich und in der DDR distanzieren und konzentrierte sich auf einen Verdienstorden, den man vom ausländischen Diplomaten bis zum Arbeiter mit 60jährigem Arbeitsjubiläum unterschiedslos verleihen konnte. Tatsächlich hat man sich bei der Stiftung von tragbaren Auszeichnungen bis heute in diesem Sinne sehr zurückgehalten. Der Bundespräsident verleiht auch heutzutage als tragbare Auszeichnungen lediglich den Verdienstorden, das Silberne Lorbeerblatt als Ehrenzeichen für Verdienste im Sport und in der Musik, das Grubenwehr-Ehrenzei- 4. 285 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 122. 4. Auszeichnungen in der Moderne 65 chen in Silber und Gold, sowie im Zeitraum von 1978-93 die Silbermedaille für den Behindertensport.286 Verglichen mit anderen europäischen Ländern ist das eine kleine Anzahl an staatlich verliehenen Auszeichnungen. Frankreich verleiht je nach Zweck der Verleihung einen Orden der Künste und Literatur, den Orden der Ehrenlegion oder den Nationalverdienstorden. Großbritannien verleiht derzeitig sechs Orden, die mit der Ritterwürde verbunden sind, sowie vier weitere ohne Ritterwürde. Hinzu kommt eine gro- ße Zahl an Ehrenzeichen ziviler oder militärischer Form. Europäische Länder mit einem Monarchen als Staatsoberhaupt haben sich nach wie vor ein sehr vielfältiges Auszeichnungssystem beibehalten, da die Wurzeln hierfür im 18. bzw. 19. Jahrhundert liegen. Dennoch gab es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen dieser Länder Vereinfachungen, was die Anzahl und Ausdifferenzierung der Orden und Ehrenzeichen angeht. Während Großbritannien einige koloniale Auszeichnungen im Zuge der Dekolonialisierung gänzlich abschaffte, wie zum Beispiel den Order of the Crown of India oder den Order of Burma, setzte man im Königreich Dänemark die Sonderstufe des Dannebrog-Ordens aus, das sogenannte Dannebrog-Ehrenzeichen. Dieses Kreuz aus Silber hatte man 1808 in Ergänzung zum emaillierten Dannebrog- Orden geschaffen, um zunächst Personen zu ehren, die einen niedrigen sozialen Status hatten.287 Später erhielten auch Personen dieses Ehrenzeichen, die bereits einen Dannebrog-Orden trugen.288 Hier wurde es als eine Art Steigerung gehandhabt. Da im Laufe gesellschaftlicher Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg breite Schichten der Bevölkerung Zugang zu den staatlichen Orden und Ehrenzeichen haben und sich die Verleihungen nicht mehr nur auf bestimmte Personengruppen konzentrieren sollten und weil man bei wiederholter Leistung auf eine höhere statt zusätzliche Klasse zurückgriff, fiel das Dannebrog-Ehrenzeichen weg. Es liegt außerdem nahe, dass der Eindruck einer Geringschätzung der sozialen Herkunft aufgrund der Verleihung des Ordens einer entsprechenden Stufe vermieden werden sollte. In den europäischen Diktaturen, waren sie nationalistischer oder kommunistischer Prägung, wurde ein hochkomplexes Auszeichnungswesen etabliert, das in Bezug auf die Masse der verliehenen Orden und Ehrenzeichen die zuvor beseitigten Monarchien bei weitem übertraf. In der Sowjetunion verbot man die Verleihung und das Tragen zaristischer Auszeichnungen289 und schuf ein neues System an Dekorationen, das den ideologischen Gegebenheiten genauestens angepasst war. So gab es einen Rotbannerorden der 286 Eine aktuelle Übersicht zu den derzeitig verliehenen Auszeichnungen des Bundespräsidenten: http:/ /www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/orden-und-ehrungen-n ode.html (Stand 01.10.2015). 287 Vgl. Stevensborg, Lars: Kongeriget Danmarks ordener medaljer og hæderstegn. Frederiksberg 2004.S. 214. 288 Vgl. ebd. 289 Einzige Ausnahmen waren das Soldatenkreuz für Tapferkeit und die Medaille des St. Georgsordens. Diese Tapferkeitsauszeichnungen für Mannschaften und Unteroffiziere wurden zwar unter Lenin nicht mehr verliehen, durften aber durch Veteranen offiziell weiterhin getragen werden. Ob diese Praxis im Alltag tatsächlich und dann vor allem auch noch nach der Machtübernahme durch Stalin vollzogen wurde, bleibt zu bezweifeln. Siehe: Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 124. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 66 UdSSR, einen Orden des Roten Arbeitsbanners der UdSSR, einen Lenin-Orden oder auch die Ehrentitel Held der Sowjetunion und Held der Sozialistischen Arbeit. Verleihungen erfolgten ohne Beschränkungen was die Herkunft der Beliehenen betraf. Arbeiter und Kollektive standen jedoch deutlich im Mittelpunkt. Mit dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion 1941 herrschten militärische Auszeichnungen bei den Neustiftungen vor. So wurden während des Krieges oder in der Folge sieben militärische Orden gestiftet, 15 Medaillen für den Kampf um Städte und Territorien, zwei Medaillen für Verdienste in der Seekriegsflotte und eine für den Partisanenkampf.290 In den folgenden Jahrzehnten spiegelte sich der Kult um den Sieg über Deutschland und Japan auch in den Neustiftungen von Ehrenzeichen wider. Es wurden etliche sogenannte Jubiläumsmedaillen verliehen wie beispielsweise die Medaillen zum 20., 30., oder 40. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945, die Medaille 30 Jahre Sowjetische Armee und Flotte, die Medaillen 40, 50 oder 60 Jahre Streitkräfte der UdSSR, die Medaille XX Jahre Rote Arbeiter- und- Bauern-Armee oder die Medaille Für militärisches Heldentum zum Gedenken an den 100. Geburtstag Wladimir Iljitsch Lenins.291 Viele dieser Ehrenzeichen waren Wiederholungsauszeichnungen an Veteranen des Zweiten Weltkrieges, andere dienten jedoch auch der Aufrechterhaltung der Erinnerung an den Sieg bzw. die siegreichen Streitkräfte. Die Medaille 30 Jahre Sowjetische Armee und Flotte wurde zum Beispiel an alle Personen verliehen, die am 23. Februar 1948 Angehörige der Streitkräfte oder des Ministerium für Innere Angelegenheiten, bzw. Staatssicherheit waren.292 Dieses minimale Verleihungskriterium war mit keinerlei persönlichem Verdienst oder bestimmter Dienstzeit des Einzelnen verbunden. Vielmehr zählte die Zugehörigkeit zum Kollektiv. Nach dem sowjetischen Vorbild gestalteten alle sozialistischen Länder Europas und oftmals auch auf anderen Kontinenten ihr Auszeichnungssystem. Christliche Symbole, wie zum Beispiel das Kreuz, verschwanden aus der Ikonographie und die bisherige Klassifikation in Ritter-, Kommandeur- und Großkreuze wurde abgeschafft. Stattdessen gab es Heldentitel in Form eines goldenen Sterns, Ehren- und Aktivistentitel, Jubiläumsmedaillen und Kollektivauszeichnungen in allen Ländern des damaligen Ostblocks. Selbst die Trageaufhängung der Medaille, die typische Pentagonalspange, wurde mit Ausnahme der Volksrepublik Polen und der Tschechoslowakei von den sozialistischen Ländern Europas adaptiert. Ähnlich tiefgreifende und ideologisch gefärbte Veränderungen brachte das sogenannte Dritte Reich in das damalige staatliche Auszeichnungssystem. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges ließ Hitler ein sehr komplexes System an Orden, Ehrenzeichen und Kampfabzeichen einführen, das zum überwiegenden Teil auf das Militär ausgerichtet war und mit den Kriegsereignissen aufwuchs. Von zentraler Bedeutung war die Erneuerung des Eisernen Kreuzes im Jahre 1939, von der man sich zweifelsohne historische Legitimation für einen Expansions- 290 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 127. 291 Vgl. Herfurth, Dietrich: Militärische Auszeichnungen der UdSSR. Berlin 1987. S. 134 ff. 292 Vgl. ebd., S. 139 4. Auszeichnungen in der Moderne 67 krieg und die Revision des Versailler Vertrages erhoffte. Für die Generation an Offizieren und Soldaten, die den Ersten Weltkrieg durchlebt hatte, war die Wiederbelebung dieser Auszeichnung hoch angesehen. Generalfeldmarschall Erich von Manstein schrieb nach dem Krieg in seinen Memoiren: „In einem allerdings dachte Hitler durchaus soldatisch: In der Frage der Kriegsauszeichnungen. Durch diese wollte er in allererster Linie die eigentlichen Kämpfer, die Tapferen, ehren. So waren die von ihm zu Beginn des Feldzuges erlassenen Bestimmungen für die Verleihung des Eisernen Kreuzes mustergültig.“293 In den bisherigen Klassen unverändert, wurde das Eiserne Kreuz um eine Stufe erweitert – das sogenannte Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Dabei handelte es sich nicht etwa um ein Ritterkreuz im Sinne einer Ordensklasse, wie es bei den Orden seit dem 18. Jahrhundert gängige Klassifikation war. Das Wort Ritter ist hier im Sinne von Ritterlichkeit, sprich Tapferkeit zu interpretieren. Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes war in seiner Grundform die höchste Tapferkeitsauszeichnung für den deutschen Soldaten in der Wehrmacht. Das Oberkommando des Heeres sah für seinen Zuständigkeitsbereich die Verleihungsvoraussetzungen bei einer durch selbständigen Entschluss ausgeführten Tapferkeitstat mit ausschlaggebendem Erfolg für die Kampfführung, unabhängig von Dienstgrad oder Dienststellung, erfüllt.294 Dadurch kamen sowohl Einzelleistungen von Soldaten als auch taktische Erfolge der Truppenführer in Betracht. Die Einzelleistungen, besonders der Jagdflieger und U-Boot-Kommandanten, aber auch die zahlreichen operativen Erfolge verschiedener Kommandeure machten die Stiftung zusätzlicher Stufen für das Ritterkreuz notwendig. Im Zusammenspiel mit dem Eisernen Kreuz bei Kriegsende ergab sich folgendes System an Tapferkeitsauszeichnungen 295: Großkreuz des Eisernen Kreuzes (1) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Goldenem Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten (1) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit dem Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten (27) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit dem Eichenlaub und Schwertern (150) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit dem Eichenlaub (860) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes (ca. 7000) Das Eiserne Kreuz 1.Klasse und die Spange 1939 zum E.K. 1.Kl. von 1914 (300.000) Das Eiserne Kreuz 2.Klasse und die Spange 1939 zum E.K. 2.Kl. von 1914 (2,3 Mio.) 293 Manstein, Erich von: Verlorene Siege. Bonn 1957. S. 312. 294 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 191. 295 Die Tabelle beginnt mit der höchsten Stufe, hinter den Klassen, bzw. Stufen die Verleihungszahlen. Die Spangen zu den beiden Klassen des Eisernen Kreuzes wurden an Soldaten verliehen, die bereits im Ersten Weltkrieg ein Eisernes Kreuz erhalten hatten und erneut für Tapferkeit ausgezeichnet wurden. Verleihungszahlen nach Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 126. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 68 Eine Nichtkämpferversion war entgegen der vorherigen Stiftungen und Erneuerungen des Eisernen Kreuzes im Jahre 1939 nicht vorgesehen. Stattdessen wurde eine eigene Auszeichnung gestiftet, das sogenannte Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern (für Militärs) und ohne Schwerter (für Zivilisten). Dieses gab es jeweils in zwei Klassen sowie als Ritterkreuz und (in der Version ohne Schwerter) noch als Medaille zum Kriegsverdienstkreuz.296 Weitere Besonderheiten waren das Deutsches Kreuz in Gold und Silber (rangierte in der Wertigkeit etwa zwischen dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes) sowie die Tapferkeits- und Verdienstauszeichnung für Ostvölker, die eigens für die zahlreichen Angehörigen der Hilfstruppen slawischer Herkunft gestiftet wurden. Ihnen wollte man nicht die gleichen Auszeichnungen verleihen wie den Angehörigen der deutschen Wehrmacht. Innerhalb der Wehrmacht etablierte sich neben diesen Tapferkeitsauszeichnungen ein System verschiedener Kampfabzeichen, die nicht direkt für eine tapfere Handlung, sondern für die andauernde Teilnahme an Kampfhandlungen verliehen wurden. So gab es je nach Truppengattung z.B. das Infanterie-Sturmabzeichen, das Panzerkampfabzeichen, die Nahkampfspange des Heeres, das Heeres-Flakabzeichen, das Erdkampf-Abzeichen der Luftwaffe, das Bandenkampfabzeichen, das Schnellboot- Kriegsabzeichen, die Frontflugspange oder das U-Boot-Kriegsabzeichen. Insgesamt gab es 35 solcher Kampfabzeichen, sowie sechs Ärmelschilde und vier Ärmelbänder mit der Aufschrift eines Operationsgebietes oder Feldzuges als Erinnerungsabzeichen. Solche Art von Auszeichnungen förderte den Kriegerethos im Dritten Reich in ganz erheblicher Weise und diente als Motivationsstütze seitens der Militärführung, vor allem im späteren Verlauf des Krieges. Die zuvor erwähnten Ärmelschilde und Ärmelbänder wurden zumeist in Anerkennung an eine Schlacht gestiftet, wie sie am Ende des Krieges immer häufiger vorkam, um so den Durchhaltewillen der Soldaten zu fördern. Das Ärmelband Kurland wurde zum Beispiel an jene Soldaten verliehen, die im von der Roten Armee eingeschlossenen Kurlandkessel ab Oktober 1944 an Kampfhandlungen teilnahmen. Ähnliches galt für Angehörige der Kampfgruppe Siegroth, die im Herbst 1944 die Festungsstadt Metz verteidigten. Für sie wurde das Ärmelband Metz gestiftet, allerdings kam es nicht mehr zur Verleihung. Manstein urteilte nach dem Krieg über die Vielzahl an Ehrenzeichen und Kampfabzeichen der Wehrmacht: „Wenn nachträglich über die vielerlei Abzeichen gespottet worden ist, die Hitler im Verlaufe des Krieges geschaffen hat, sollte man sich nur vergegenwärtigen, welche Leistungen unsere Soldaten während der langen Dauer des Krieges vollbracht haben. Ein Abzeichen, wie zum Beispiel die Nahkampfspange oder wie das der 11. Armee verliehene Krimschild, wurden jedenfalls mit Stolz getragen.“297 Erfolgte seitens Adolf Hitlers keine offizielle Stiftung eines solchen Erinnerungsabzeichens, gingen örtliche militärische Führer dazu über, diese selbst zu stiften und zu verleihen. Als Beispiel sei das Lappschild genannt, welches der Armee-Kommandeur General der Gebirgstruppe Franz Böhme für die Rückzugskämpfe der 20.Gebirgs-Ar- 296 Vg. ebd., S. 126 f. 297 Manstein: Verlorene Siege, S. 313. 4. Auszeichnungen in der Moderne 69 mee aus Finnland stiften und umsetzen ließ, sowie der Dünkirchenschild und Lorientschild, die von den jeweiligen Festungskommandanten gestiftet und aus behelfsmäßigen Materialien hergestellt wurden. Das Verleihen von Orden und Ehrenzeichen ist ein Merkmal von staatlichem Handeln oder dem Anspruch darauf. Im 20. Jahrhundert gab es aufgrund der zahlreichen ideologisch gefärbten Konflikte in Europa viele Exilregierungen. Diese verfügten im Exil kaum über Möglichkeiten, den Anspruch auf Staatlichkeit umzusetzen. In einigen Fällen stellten Exilregierungen im Zweiten Weltkrieg Exilarmeen aus Freiwilligen auf, die vor der Besetzung des jeweiligen Landes durch die Deutschen geflohen waren. Des Weiteren verliehen viele Exilregierungen ihre bisherigen staatlichen Orden und Ehreneichen weiter oder stifteten neue. So verlieh die polnische Exilregierung zunächst in Frankreich, dann in Großbritannien Auszeichnungen an die Teilnehmer des Krieges von 1939 gegen das Deutsche Reich, an Kontingenttruppen, die ab 1940 an der Seite der Westalliierten kämpften und schließlich auch an Partisanen der sogenannten Heimatarmee, die auf vormals polnischem Territorium im Untergrund kämpften. Bei den verliehenen Auszeichnungen handelte es sich beispielsweise um das Tapferkeitskreuz (1939), das Kreuz für Monte Cassino (1944) oder die Armeemedaille (1945). Der Landesnationalrat, der mit polnischen Verbänden auf sowjetischer Seite kämpfte, stiftete in Konkurrenz dazu ebenfalls eigene Orden und Ehrenzeichen, wie den Orden des Grunwaldkreuzes (1944), die Medaille für Verdienste auf dem Felde des Ruhms (1943) oder das Partisanenkreuz (1945).298 Beide Regierungen konkurrierten um die Vorherrschaft in einem Nachkriegspolen und versuchten Legitimität und historische Kontinuität auch über Erneuerungen von historischen polnischen Orden zu demonstrieren. Allein die westliche Exilregierung verlieh den ältesten polnischen Orden vom Weißen Adler (1713), während die Orden Polonia Restituta und Virtuti Militari sogar von beiden Exilregierungen parallel, in leicht unterschiedlicher äußerer Form, verliehen wurden. Beide Regierungen knüpften somit an die Symbole der bis 1939 existierenden polnischen Republik an, um somit Herrschaftsansprüche zu legitimieren. Orden und Ehrenzeichen scheinen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Leben in Deutschland eine immer kleinere Rolle zu spielen. Zwar finden die Verleihungen, vornehmlich bei Prominenten, durchaus mediale Aufmerksamkeit, doch unterscheiden sie sich in dieser Hinsicht nicht oder kaum von den unzähligen nichttragbaren Preisen der Musik- oder Filmbranche. So stellt der Essayist und Dichter Hans Magnus Enzensberger nicht umsonst fest: „Dagegen müßten die gewöhnlicheren Ausführungen [Anm.: gemeint sind die niedrigen Klassen des Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland], ganz gleich, ob mit glatter oder gekörnter Rückseite, wenn es mit rechten Dingen zuginge, geradezu massenhaft auftreten; denn es liegt doch auf der Hand, daß wir sozusagen auf Schritt und Tritt mit Bürgern zusammenprallen, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht haben, und ihre Zahl nimmt naturgemäß von Jahr zu Jahr zu. Wo, so frage ich also, sind diese Zehn, wenn 298 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 130. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 70 nicht gar Hunderttausende von Auszeichnungen geblieben? Die Antwort kann nur lauten: Sie sind spurlos verschwunden.“299 Neben den seit 1991 stetig fallenden Verleihungszahlen des Verdienstordens300, dürfte eine weitere naheliegende Erklärung in der gegenwärtigen Mode zu suchen sein. Die Statuten legen nämlich genauestens fest, zu welcher Anzugsart die verschiedenen Klassen überhaupt getragen werden dürfen: „Die Halterung des Kreuzes muß auf dem flachgebundenen Krawattenknoten oder unter dem Querbinder auf dem Oberhemd aufliegen [...] Die Kleine Ordensschnalle wird auf dem linken Revers des Gesellschaftsanzuges waagrecht so befestigt, daß zwischen der oberen Kante der Ordensschnalle und dem Kragenansatz in der Reversmitte ein Zwischenraum von 3-4 cm bleibt.“301 Daher stellt sich die Frage, inwiefern Beliehene denn überhaupt noch mit ihrer Auszeichnung wahrgenommen werden. Kaum jemand kommt heutzutage noch in die Verlegenheit, einen Gesellschaftsanzug oder Frack zu tragen und auch der Anzug mit Hemd und Krawatte oder der Hosenanzug bei Frauen, zu dem ein Verdienstorden getragen werden darf, gehört nicht mehr zu der alltäglichen Kleidung vieler Menschen in Mitteleuropa. Selbst in der Bundeswehr sind Anlässe, bei deinen Orden und Ehrenzeichen in Originalgröße getragen werden dürfen, von einem Disziplinarvorgesetzten mindestens in der Dienststellung eines Divisionskommandeurs (also Brigadegeneral oder Generalmajor) aufwärts zu genehmigen. Der Maßstab ist also streng angelegt. Enzensberger sieht darin eine „Dekorationsscham“302, die eng mit der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland verbunden ist: „Ganze Berge von Verdienstkreuzen [...] verstauben hierzulande in Kommoden, Nachttischschubladen und Hausapotheken, weil sich ihre Inhaber offenbar lieber im Pyjama als im Glanz ihres Ordens sehen lassen.“303 Möglicherweise ist diese Zurückhaltung und Verlegenheit in Bezug auf das öffentliche Tragen von Orden und Ehrenzeichen in Deutschland mit der politischen Kultur verbunden, die sich seit den siebziger Jahren auch auf das Zeigen von Staatssymbolen auswirkt. Das Verhältnis vieler Intellektueller zum deutschen Staat war spätestens seit den siebziger Jahren ambivalent und die Liste derjenigen, die die Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ablehnten, ist lang und prominent besetzt. Sie reicht von Günter Grass, Siegfried Lenz304 über Dieter Hildebrandt305 und Inge Meysel, Hans-Olaf Henkel bis hin zu Helmut Schmidt, wobei dieser sich auf die hanseatische Ablehnung von Orden und Ehrenzeichen berief. In den Freien Hanse- 299 Enzensberger, Magnus: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991.S. 222. 300 http://www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/Verdienstorden/S tatistik/statistik-der-ordensverleihungen-node.html (Stand 09.04.2015). 301 Enzensberger: Mittelmaß und Wahn, S. 222f. 302 Ebd., S. 224. 303 Ebd. 304 Vgl. Lübecker Nachrichten vom 08. Oktober 2014, S. 4. 305 http://www.epochtimes.de/Dieter-Hildebrandt-ist-auch-mit-84-kein-bisschen-leise-a727154.html (Stand 22.04.2015). 4. Auszeichnungen in der Moderne 71 städten Hamburg, Bremen und Lübeck war es seit dem 19. Jahrhundert gute Tradition, „[...] daß bei den Hanseaten die Vergabe und Annahme von Orden und Ehrenzeichen seit alters her nicht üblich ist.“306 In diesem Kontext ist erwähnenswert, dass die Bundesländer Bremen und Hamburg bis heute die einzigen Bundesländer sind, die keine eigenen Verdienstorden gestiftet haben. 306 Friedel, Alois: Deutsche Statussymbole. Herkunft und Bedeutung der politischen Symbolik in Deutschland. Frankfurt am Main 1968. S. 71. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 72

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References

Zusammenfassung

Orden und Ehrenzeichen gehörten zur Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert. Sie wiesen ihre Träger als Teilnehmer von Schlachten und Feldzügen aus, als verdiente Staatsdiener, Künstler oder Lebensretter. Tragbare Auszeichnungen waren fest in das Ehrverständnis jener Zeit verankert und förderten dadurch Selbstbewusstsein und Anspruch gleichermaßen. Sie machten darüber hinaus soziale Unterschiede nach außen hin sichtbar und ließen den Beliehenen Aufstiegs- und Karrierechancen erahnen. Doch wie genau war so ein staatliches Auszeichnungssystem aufgebaut und inwiefern profitierte der Souverän von der Vergabe der wertvollen Kleinode? Der Autor beschäftigt sich im vorliegenden Werk umfassend mit den Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, das in über 50 Jahren ein komplexes System an Auszeichnungen hervorbrachte und seine Bürger umfänglich für Loyalität und Anhänglichkeit belohnte. Dabei werden nicht nur soziale, kulturelle und ikonographische Aspekte des Auszeichnungsprozesses beleuchtet, sondern auch die politische Geschichte des Königreichs Hannover und seine Bedeutung im Kontext von Tradition und Erinnerung nach 1866 in besonderem Maße fokussiert.