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V. Zusammenfassende Betrachtungen in:

Johannes-Paul Kögler

Ehre als tragbares Zeichen, page 223 - 230

Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814-1866

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4165-9, ISBN online: 978-3-8288-7030-7, https://doi.org/10.5771/9783828870307-223

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
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Zusammenfassende BetrachtungenV. 223 Orden und Ehrenzeichen als Herrschaftsinstrument Der Orden hat als morphologische Erscheinung innerhalb eines Jahrtausends tiefgreifende und umfängliche Veränderungen erlebt. Bezeichnete er im Mittelalter religiöse Gemeinschaften, die die Christianisierung Europas vorantrieben und als wichtige Machtbasis der Kirche in der geographischen Fläche des Kontinents dienten, so wandelte er sich im Übergang zur frühen Neuzeit zu einem wichtigen Bestandteil höfischer Kultur. Durch die zahlreichen höfischen Orden und ihre Exklusivität ließ sich nicht nur die eigene Herrschaft aufstrebender Souveräne konsolidieren, indem der niedere Adel in solchen Korporationen zusammengefasst und an den Hof gebunden wurde, sondern Orden dienten auch dem Ausbau zwischenstaatlicher Beziehungen, indem Bündnisse durch die gegenseitige Aufnahme in diese Orden auch dynastie- übergreifend und nachhaltig begründet werden konnten. In die Blütezeit der Hoforden im 17. und 18. Jahrhundert fiel dabei auch die Etablierung einer Ordensdekoration, die als äußeres Zeichen die Zugehörigkeit zu einem Orden und die damit einhergehende Exklusivität betonte. Das äußere Zeichen setzte sich dabei als wichtiges identifikationsstiftendes Merkmal durch und sollte in den folgenden Jahrhunderten einen Orden hauptsächlich ausmachen, während die Bindung an den Hof nachrangig wurde. Als sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts Verdienstorden und in zunehmendem Maße auch Ehrenzeichen in den allermeisten europäischen Staaten etabliert hatten, erlebte der Orden einmal mehr einen tiefgehenden Wandel in Bedeutung und Funktion. Mit der Vergabe äußerer Zeichen belohnten Souveräne von nun an ihre Untertanen für ein zielgerichtetes, dem Staate nützliches Verhalten und hoben sie damit sichtlich hervor. Diese Maßnahme ist als Instrument der Sicherung von Herrschaft zu verstehen, denn wenn man sich die zahlreichen Quellen darüber vergegenwärtigt, wie die Gruppe der Ausgezeichneten über solche Ehrungen dachte und wie loyal sie sich in der Folge gegenüber der Obrigkeit verhielten, dann kann man die Vergabe von Orden und Ehrenzeichen als andauernde und nachhaltige Konsolidierung „nach innen“ betrachten. Am Beispiel des Königreichs Hannover lässt sich dabei der Zusammenhang zwischen der Errichtung des Königreichs und dem Aufwachsen eines Auszeichnungssystems verdeutlichen. Beinahe unmittelbar nach der Ausrufung zum Königreich begann man noch unter dem Einfluss der Personalunion damit, ein eigenes hannoversches Auszeichnungswesens zu erschaffen, das zunächst aus dem Guelphen-Orden, der Verdienstmedaille in Gold und Silber und der Waterloo-Medaille als militärische Denkmünze bestand. Mit der zunehmenden Eigenständigkeit des Königreichs Hannover, die letztlich im Ende der Personalunion mit Großbritannien mündete, entwickelte sich auch ein eigenes Nationalbewusstsein, dessen Symbolik sich auch in den Wappen, Porträts, Medaillons und Bändern tragbarer Auszeichnungen widerspiegelte. Beherrschen ließen sich durch Orden und Ehrenzeichen alle gesellschaftlichen Schichten. Für die Eliten in Staat und Militär wurden die Dekorationen zu einem wichtigen und messbaren Indikator für Erfolg und Karrierechancen, denn die Klassen, Stufen und Abteilungen der Auszeichnungen waren dem jeweiligen Rang genauestens zugeordnet und ihre jeweilige Verleihungen, die auch publiziert wurden, ver- 1. V. Zusammenfassende Betrachtungen 224 sprachen zuweilen hohes öffentliches Ansehen. Für das Militär waren Orden und Ehrenzeichen grundsätzlich von großer Bedeutung, denn sie boten die Zurschaustellung von Kriegsteilnahmen, Tapferkeit oder der Erfüllung treu geleisteter Dienste. Die Einführung der Dienstehrenzeichen in der hannoverschen Armee zeugt davon, dass der König auch in Friedensperioden die Notwendigkeit erkannte, seine Soldaten für die Ableistung des nicht immer beliebten Militärdienstes zu belohnen. Am deutlichsten wird die Funktion tragbarer Auszeichnungen als Herrschaftsinstrument jedoch erst dann, wenn der Verleihende seiner Herrschaft beraubt wird. Als König Georg V. im Jahre 1866 seinen Thron verlor und in das Exil nach Österreich ging, verlor er die Regierung über ein Königreich, einen Großteil seines Besitzes und sein Selbstverständnis als regierender Monarch. Dem König blieben nur noch sehr wenige protokollarische Handlungen, die ihn noch mit seiner Regierungszeit verbanden und die er auch im Exil ausüben konnte. Dazu gehörte vor allem die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Der Umstand, dass tragbare Auszeichnungen sowohl während des Bestehens des Königreichs als auch in sehr hoher Zahl aus dem Exil heraus verliehen wurden, macht Hannover zu einem bedeutenden Untersuchungsfeld innerhalb der deutschen Staaten bis 1918. Der Anspruch darauf, Auszeichnungen an ehemalige Untertanen und treue Weggefährten zu verleihen, wurde von Georg V. und später auch seinem Sohn konsequent durchgesetzt. Waren zunächst die Angehörigen des Militärs als wichtigstes Exekutivorgan die vorrangige Zielgruppe bei der fortwährenden Verleihung von tragbaren Auszeichnungen, kamen zu einem späteren Zeitpunkt nur noch handverlesene Personen in Betracht. Dabei ging es nicht nur darum, die Eliten des einstigen Königreiches für eine Rückkehr des Monarchen zu gewinnen und sie auch nach außen hin für diese Sache kenntlich zu machen, sondern es sollten auch mögliche Bündnispartner eingebunden werden, die außenpolitisch eine Opposition zu Preußen und somit eine welfenfreundliche Haltung einnehmen würden. Die kostspieligen Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen dienten also nicht nur der Stabilisierung von Herrschaft, sondern waren auch bei deren Aufbau oder Wiedererlangung von großer Bedeutung, stets vor dem Hintergrund die aus welfischer Sicht unrechtmäßige Annexion des Königreichs Hannover wieder rückgängig zu machen. Eine weitere Form der Herrschaftskonsolidierung machte sich das Königreich Preußen nach der Annektierung Hannovers im Jahre 1866 zunutze. In diesem Fall kamen in den folgenden Jahrzehnten Ehrenzeichen zur Verleihung, die sich auf ganz konkrete hannoversche Erinnerungsräume bezogen, so etwa alte vormalige Truppenkörper oder militärische Unternehmungen. Durch diese Übernahme und Nutzbarmachung der Landesgeschichte des Königreichs Hannover ließ sich die preußische Herrschaft politisch und auch kulturell stabilisieren, indem man Gemeinsamkeiten in der Geschichte (z.B. die Schlacht von Waterloo) betonte, um neue Feindbilder, hier vor allem Frankreich, am Ende des 19. Jahrhunderts zu fokussieren. So konnte der einfache oder auch privilegierte Bürger der Provinz Hannover in seiner Erinnerung sowohl dem König von Hannover als auch in der Gegenwart dem König von Preußen als neuem Souverän gegenüber loyal sein. 1. Orden und Ehrenzeichen als Herrschaftsinstrument 225 Orden und Ehrenzeichen im gesellschaftlichen Ranggefüge Obwohl in den Statuten des Guelphen-Ordens ausdrücklich festgehalten war, dass beispielsweise das Ritterkreuz dieses Ordens an keinen Rang gebunden war, sah die Verleihungspraxis für diese und auch beinahe alle anderen Auszeichnungen deutlich anders aus. Dabei war die Auszeichnungssystematik im Königreich Hannover ein Spiegelbild über das Verständnis und den Anspruch auf Rang und Stand innerhalb der Gesellschaft. Abgesehen von den militärischen Kriegsdenkmünzen, die in gleicher Form an Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften zur Verleihung kamen, legte man bei den Verleihungsbestimmungen und der äußeren Gestaltung aller anderen Auszeichnungen großen Wert auf die Betonung des Unterschiedes zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen. Dies entsprach auch in vollem Umfang dem Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts, denn abgesehen vom preußischen Eisernen Kreuz, welches als Tapferkeitsauszeichnung unterschiedslos an alle Soldaten zur Verleihung kommen konnte, gab es in den deutschen Fürstentümern keine Verdienstauszeichnungen, die nicht nach Stand und Herkunft unterteilt waren. In Hannover war die Ausdifferenzierung der tragbaren Auszeichnungen ein jahrzehntelanger Prozess, der immer wieder der Kontrolle und Überarbeitung unterlag, was vor allem dem starken Bedürfnis geschuldet war, immer größere Teile der Bevölkerung für ihre Verdienste und Loyalität dem Staat gegenüber zu belohnen. Wurde zunächst nur zwischen dem Guelphen-Orden und der Verdienstmedaille als Verdienstauszeichnung unterschieden, kamen später noch weitere Orden und Ehrenzeichen hinzu, die das Auszeichnungssystem nach „oben und unten“ abrunden sollten. Mit der Einführung des St. Georgs-Orden kam man nach dem Ende der Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover zunächst der Notwendigkeit nach dynastischem Zusammenhalt nach. In diesen Hausorden wurden nur Familienmitglieder der Welfen und wichtigste Staatsmänner und Würdenträger aufgenommen. Somit stellte dieser Orden als Korporation den bedeutendsten Kreis gesellschaftlicher Elite in Hannover dar. Auch der 1865 gestiftete Ernst August-Orden sollte das Repertoire an Dekorationen für höhergestellte Beamte und Offiziere erweitern und verhindern, dass der Guelphen-Orden durch zunehmende Verleihungszahlen entwertet würde. Der Ernst August-Orden selbst bot durch seine weitergehende Klassifizierung nach unten, nämlich dem silbernen und goldenen Verdienstkreuz, eine gleichmäßige Aufteilung der Dekorationen auf verschiedene Bevölkerungsgruppen. Solche Subaltern- Auszeichnungen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der hiesigen Ordenslandschaft sehr beliebt und ergänzten die Verdienstorden vieler deutscher Fürstentümer. Niedere Chargen konnten im Königreich Hannover ebenfalls mit verschiedenen Auszeichnungen bedacht werden. An unterster Position der Rangfolge war dabei das Allgemeine Ehrenzeichen gereiht, welches weniger für eine spezifische Leistung als vielmehr für langjährige und treue Diensterfüllung verliehen wurde und welches es in einer Zivil- und in einer Militärabteilung gab. Die Verdienstmedaille in Silber und Gold entwickelte sich dagegen im Laufe der Jahrzehnte zu einem Universalehrenzeichen, das einerseits für herausragende Einzelleistungen im Bereich des Allgemein- 2. V. Zusammenfassende Betrachtungen 226 wohls und andererseits für langjährige Dienstjubiläen, militärische Tapferkeit, wiederholte Lebensrettung oder an die Verwundeten der Schlacht von Langensalza zur Verleihung. Wer aufgrund seines Ranges oder seiner Herkunft für das Allgemeine Ehrenzeichen, die Verdienstmedaille oder gar das goldene bzw. silberne Verdienstkreuz des Ernst August-Ordens in Betracht kam, lässt sich nicht durch klare Trennschärfe definieren. Zwar gab es eine Reihenfolge dieser Ehrenzeichen an der großen Ordensschnalle, wer jedoch aufgrund seiner sozialen Herkunft oder auch aufgrund des spezifischen Verdienstes welche Auszeichnung bekam, oblag letztlich dem Ermessensspielraum des Königs. Für die Träger der Orden und Ehrenzeichen war diese Entscheidung jedoch von immenser Bedeutung, ließ sich doch aus der Art einer Auszeichnung die eigene soziale Stellung ablesen. Stimmten Anspruch und Wirklichkeit eines Beliehenen dann nicht überein, konnte unter Umständen dessen Ehrgefühl darunter leiden, denn die ständige vergleichende Betrachtung zu den Angehörigen der gleichen sozialen Schicht nährte das Selbstverständnis darüber, wem welche Klasse eines Ordens zustand. Orden und Ehrenzeichen betonten soziale Unterschiede und machten sie nach außen hin sichtbar, deswegen waren sie in ihrer mannigfaltigen Klassifikation wichtiger Bestandteil in den noch ständisch geprägten Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. 2. Orden und Ehrenzeichen im gesellschaftlichen Ranggefüge 227 Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen als emotionales Ereignis Durch die enge Verbindung zwischen dem gesellschaftlichen Ranggefüge des 19. Jahrhunderts und der Art und Klasse bzw. Form einer Auszeichnung, waren die Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen mit vielfältigen Emotionen verbunden, davon zeugen die zahlreichen Bittschriften, Anträge und Vorschläge, die an die General- Ordens-Kommission des Königreichs Hannover geschickt wurden. Grundlage dafür war das damals anerkannte und praktizierte Ehrkonzept, in dem Orden und Ehrenzeichen als wichtiges Regulativ fungieren konnten. Entscheidend dafür war das ausgewogene Verhältnis zwischen dem Charisma des Verleihenden und der Eignung und Würdigkeit des Beliehenen, wodurch die Zuteilung von Ehre auch öffentlich anerkannt und zu einem begehrten Gut wurde. Besonders ausgeprägt waren die Emotionen ehemaliger oder aktiver Soldaten, wenn es darum ging, eine tragbare Auszeichnung zu erhalten. Sie machen im Schriftverkehr mit den Behörden dabei nicht nur quantitativ den spürbar größten Anteil aus, sondern sie waren auch in der Qualität ihrer schriftlichen Anträge darum bemüht, ihre Begehrlichkeiten nach Anerkennung durch ein Ehrenzeichen mit Nachdruck zu verfolgen. Im Laufe der Jahrzehnte konnte es vorkommen, dass die Veteranen der Schlacht von Waterloo ihre Waterloo-Medaille verloren hatten oder diese gestohlen wurde und so wandten sie sich in dringender Bitte um die Lieferung einer Ersatzmedaille an die Behörden. Die Erlebnisse und Erinnerungen an die kriegerischen Ereignisse spiegeln sich in dem dauerhaften Anspruch auf staatliche Anerkennung durch solch ein Ehrenzeichen wider. So hatten sie „kaum einen sehnlicheren Wunsch als wieder in Besitz derselben zu gelangen“, versprachen bei entsprechender Wiederverleihung alle ihre Söhne dem König als Soldaten zur Verfügung zu stellen oder ihnen standen die „Thränen der Rührung in den Augen“ wenn ihnen nach Jahrzehnten die Medaille doch noch zuerkannt wurde. Diese Sehnsucht wurde noch viel deutlicher formuliert, wenn es wie bei der Guelphen-Ordens- Medaille auch noch einen materiellen Anreiz, sprich eine monatliche Pensionszulage, gab. Dabei beschrieben die Petenten seitenlang und in allen Details ihre eigenen ruhmwürdigen Taten und schlugen sich selbst für die hochangesehene Tapferkeitsauszeichnung vor. Sie verbanden große Erwartungen mit staatlicher Würdigung und der Verbesserung ihrer materiellen Lebensumstände, die „bei der unerhörten Vertheuerung aller Lebensmittel“ in aller Regel eine größere Bedeutung hatte als die Zurschaustellung des Ehrenzeichens. Auch Enttäuschung, Wut und Verärgerung konnte die Nichterfüllung dieser Erwartungen zur Folge haben, wenn es einem preußischen Offizier „seinen Collegen gegenüber unangenehm sei“ wenn er eine, seiner Meinung nach, zu niedrige Klasse des hannoverschen Guelphen-Ordens erhielt. Die fehlerhafte Zuweisung einer Ordensklasse zum entsprechenden Rang des Beliehenen konnte dabei durchaus als ehrverletzende Schmach in einer öffentlichen Auseinandersetzung kulminieren, so geschehen beim württembergischen Direktor der Staats-Eisenbahnen, der die zu niedrige Klasse des Fürstlich-Hohenzollernsches Hausordens nicht annahm. Orden und Ehrenzeichen waren im 19. Jahrhundert prägender Bestandteil der Lebenswirklichkeit in vielen, vor allem privilegierten gesellschaftlichen Kreisen. Die Begehrlichkeit danach konnte gar zu kriminellen Handlungen führen, nicht nur 3. V. Zusammenfassende Betrachtungen 228 durch Ordenshändler, die unerlaubt und in falschem Namen Auszeichnungen vermittelten, sondern in noch viel größerem Maße durch Personen, die unerlaubterweise Orden und Ehrenzeichen trugen, welche ihnen also gar nicht verliehen wurden. Die frühe Gesetzgebung über das unerlaubte Tragen von Orden und Ehrenzeichen aber auch der dokumentierte Fall des Levi Rosenbaum aus Hannover zeugen von der gro- ßen Sensibilität, die diesbezüglich vorherrschte und durch die solche Ehrdelikte streng geahndet wurden. Das Königreich Hannover lebte nach 1866 noch lange in den Medaillen und Ordenszeichen weiter, die ihre Träger auch unter preußischer Herrschaft weitertragen durften und sie taten es auch erwiesenermaßen. Nach dem Ende der Regentschaft von König Georg V. verbanden viele Untertanen Erinnerungen mit ihrer Lebenszeit im früheren Königreich Hannover und nutzten vielfach die Möglichkeit, diese nostalgischen Gefühle auch durch das Zeigen hannoverscher Orden und Ehrenzeichen auszudrücken. Das Anlegen einer Dekoration, gleichsam der Symbolik des vergangenen Reiches, konnte für die Untertanen als Ort der Erinnerung fungieren, der regelmäßig „besucht“ werden konnte und der mit weiteren kulturellen Ereignissen wie dem Veteranen- oder Schützenvereinswesen als andere Orte der Erinnerung eng in Verbindung stand. Schließlich nutzte auch kein Geringerer als Kaiser Wilhelm II. mit seinem Traditionserlass von 1899 die Möglichkeit, über tragbare Auszeichnungen gesellschaftliche Kohäsion herzustellen, indem er die Erinnerung an vorrangig siegreiche Etappen der hannoverschen Geschichte forcierte und in seinem Sinne für die innere Reichseinigung instrumentalisierte. Hannoversche Farben, Symbole und geschichtsträchtige Orte lebten so in preußischen Auszeichnungen weiter und hielten ihre Erinnerungen auch für nachfolgende Generationen lebendig, bis eine Aussöhnung zwischen Welfen und Hohenzollern durch die Inthronisierung Ernst Augusts II. als Herzog von Braunschweig im Jahre 1913 auch offiziell politische Realität wurde. 3. Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen als emotionales Ereignis 229

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Zusammenfassung

Orden und Ehrenzeichen gehörten zur Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert. Sie wiesen ihre Träger als Teilnehmer von Schlachten und Feldzügen aus, als verdiente Staatsdiener, Künstler oder Lebensretter. Tragbare Auszeichnungen waren fest in das Ehrverständnis jener Zeit verankert und förderten dadurch Selbstbewusstsein und Anspruch gleichermaßen. Sie machten darüber hinaus soziale Unterschiede nach außen hin sichtbar und ließen den Beliehenen Aufstiegs- und Karrierechancen erahnen. Doch wie genau war so ein staatliches Auszeichnungssystem aufgebaut und inwiefern profitierte der Souverän von der Vergabe der wertvollen Kleinode? Der Autor beschäftigt sich im vorliegenden Werk umfassend mit den Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, das in über 50 Jahren ein komplexes System an Auszeichnungen hervorbrachte und seine Bürger umfänglich für Loyalität und Anhänglichkeit belohnte. Dabei werden nicht nur soziale, kulturelle und ikonographische Aspekte des Auszeichnungsprozesses beleuchtet, sondern auch die politische Geschichte des Königreichs Hannover und seine Bedeutung im Kontext von Tradition und Erinnerung nach 1866 in besonderem Maße fokussiert.