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IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. in:

Johannes-Paul Kögler

Ehre als tragbares Zeichen, page 109 - 222

Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814-1866

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4165-9, ISBN online: 978-3-8288-7030-7, https://doi.org/10.5771/9783828870307-109

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
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Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. IV. 109 „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover als Spiegel der Gesellschaft Der Aufbau eines eigenständigen Auszeichnungssystems in Hannover begann mit dessen Ausrufung zum Königreich auf dem Wiener Kongress im Jahre 1814. Dieses ging aus dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg hervor, dessen Regenten seit 1701 in Personalunion als Könige auch das Königreich Großbritannien und Irland regierten. Bis 1815 kamen daher für die hannoverschen Untertanen und Angehörigen des Königshauses ausschließlich britische Orden und Ehrenzeichen zur Verleihung. Die Könige von Großbritannien und Irland nutzten ihre zumeist seltenen Besuche im Kurfürstentum dazu, die welfischen Prinzen in den englischen Hosenbandorden aufzunehmen. So schlug König Georg I. 1716 seinen Bruder Ernst-August II., Bischof von Osnabrück, und seinen Enkel Friedrich Ludwig bei seinem ersten Besuch in Hannover zu Rittern des Hosenbandordens.496 Weitere Aufnahmen in diesen oder andere britische Orden folgten bei den Besuchen von Georg II. und Georg III., vornehmlich an Angehörige der königlich-kurfürstlichen Familie, höchstens aber an politische und militärische Würdenträger.497 Britische Ehrenzeichen kamen hauptsächlich an hannoversche Soldaten, die seit Ende des 18. Jahrhunderts für englische Kolonialkriege angeworben wurden, in nennenswertem Umfang zur Verleihung. So hatten 1775 fünf hannoversche Bataillone britische Truppen auf Gibraltar und Menorca abgelöst, die wiederum in den Kriegen in Nordamerika benötigt wurden und 1781 kamen zwei weitere Regimenter in der ostindischen Kompanie zum Einsatz.498 Bei den hier verliehenen Ehrenzeichen handelte es sich um die Defense of Gibraltar Medal, die 1311 Mal zur Ausgabe gelangte und ein Ärmelband mit der Aufschrift GIBRAL- TAR.499 Die genannte Denkmünze war „schön und sehr fein ausgearbeitet, sie wurde nicht an einem Bande getragen, indessen sollten zu jener Zeit manche Veteranen mit der Medaille die Brust geschmückt haben, was man gern gewähren ließ.“500 Die Anmerkung, dass sich Veteranen die Medaillen teilweise auf eigene Kosten henkeln ließen und an einem selbstbestimmten Band trugen, zeigt, dass sie großen Wert darauf legten auch als Veteranen erkannt zu werden. Nichttragbare Ehrenzeichen konnten diesem Bedürfnis nicht entsprechen und eigneten sich daher nur bedingt als Erinnerungszeichen. Die Stiftung der Medaille fällt mit 1783 jedoch in eine Zeit, in der die Stiftung tragbarer Ehrenzeichen in deutschen Fürstentümern generell nicht üblich war. Spätestens seit den Befreiungskriegen kamen jedoch ausschließlich tragbare Kriegsdenkmünzen zur Verleihung. Nach der Besetzung Hannovers durch die Truppen Napoleons traten viele weitere Soldaten in britische Dienste über und kamen in einem eigens für die deutschen Soldaten geschaffenen englischen Verband, der King’s German Legion (KGL), die von 1. 496 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Vorwort. 497 Vgl. ebd. 498 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 22. 499 Vgl. Poten, von: Die Althannoverschen Überlieferungen des Infanterie-Regiments von Voigts-Rhetz (3.Hannoverschen) Nr. 79. Berlin 1903. S. 37. 500 Ebd., S. 40. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 110 1803 bis 1816 bestand, zum Einsatz. Im Laufe ihres 13jährigen Bestehens gehörten der King’s German Legion 30.000 Soldaten an und sie kämpfte in über 70 Schlachten, 144 kleineren Gefechten und Scharmützeln und nahm an 20 Belagerungen und Blockaden teil.501 So stand der Verband auf Rügen, bei Stralsund, bei Kopenhagen, bei Gothenburg, auf Walchern, in Italien, in Portugal, in Spanien, im südlichen Frankreich, in Norddeutschland und auch in der Schlacht von Waterloo.502 Für diese Kampagnen kamen einige britische Ehrenzeichen für die vorrangig hannoverschen Soldaten der KGL zur Verleihung. So etwa die Military General Service Medal, gestiftet am 01. Juni 1847 durch Königin Victoria von England für die Teilnahme an verschiedenen militärischen Konflikten und rückwirkend verliehen oder auch die Eisenguss-Medaille auf den Einzug Wellingtons in Madrid 1812.503 Da die King’s German Legion in britischen Diensten stand, erhielten ihre deutschen Angehörigen auch die britische Waterloo-Medaille, die am 10. März 1816 von Prinz-Regent Georg gestiftet wurde und die in ihrer äußeren Form und den Verleihungsbestimmungen Vorbild für die ein Jahr später gestiftete Waterloo-Medaille des Königreichs Hannover war.504 Die während der napoleonischen Herrschaft ebenfalls an hannoversche Untertanen verliehenen Auszeichnungen des Königreichs Westphalen, in das das südliche Territorium Hannovers eingegliedert wurde, durften dagegen nicht getragen werden. Den Untertanen wurde dabei bereits 1813 bekannt gegeben: „[...] die unter der usurpierten Gewalt erteilten Orden sind aufgehoben."505 Dies betraf in erster Linie den von Gerome Bonaparte gestifteten Orden der Westphälischen Krone sowie die Goldene und Silberne Ehrenmedaille als militärisches Ehrenzeichen. Damit kam man in Hannover ähnlichen preußischen Bestimmungen zwei Jahre zuvor.506 Im Jahre 1815 etablierte Prinzregent Georg schließlich per Dekret ein eigenständiges Auszeichnungssystem für das Königreich Hannover. Es bestand zunächst aus dem Guelphen-Orden als Verdienstorden einschließlich der gleichnamigen Guelphen- Ordens-Medaille als militärische Tapferkeitsauszeichnung für Unteroffiziere und Mannschaften sowie der Goldenen und Silbernen Verdienstmedaille als vorrangig zivile Ehrenzeichen. Auf Grundlage dieser Klassifikation sollte sich das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover in den folgenden Jahrzehnten nach politischen, militärischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Erfordernissen weiter ausdifferenzieren. Besondere Anlässe für die Verleihung dieser ersten Orden und Ehrenzeichen waren der Besuch Georgs IV. in Hannover im Jahre 1821 oder auch die 501 Vgl. Finkam, August: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen. Hamburg 1974 (Nachdruck aus dem Jahre 1901). S. 14. 502 Vgl. ebd. 503 Vgl. ebd., S. 21f. 504 Vgl. ebd., S. 14. 505 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Vorwort. 506 Die von Fürst von Hardenberg für den Geltungsbereich des Königreichs Preußen herausgegebene „Bekanntmachung betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen.“ wurde erst 1815 veröffentlicht. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 111 Einweihung der Waterloo-Säule 1832 ebenso wie die unzähligen Militär- und Regimentsjubiläen.507 Die Stiftung des bis 1865 einzigen Verdienstordens Hannovers, dem Guelphen- Orden, fiel in eine Zeit umfangreicher politischer Neuordnung und Reformen. Die militärischen Siege der Jahre 1813-15 sowie die Erhebung zum Königreich boten Anlass, neu gewonnenes Selbstbewusstsein und Machtanspruch nach außen hin durch die Stiftung eines Verdienstordens zu präsentieren. Auch politische Reformen und gesellschaftlicher Wandel fanden in der Verleihungspraxis des Ordens ihren Ausdruck. Zwar gab es, bedingt durch die militärischen Siege gegen Napoleon und die rasch einsetzende Mystifizierung des Sieges bei Waterloo, ab 1815 Bestrebungen, den Einfluss des Militärs im Lande zu verstärken, unter anderem was das Mitspracherecht auf die Regierungsgeschäfte und die Truppenzahl angeht, jedoch konnte sich General Friedrich von der Decken mit diesem Ansinnen nicht gegen die Ständeversammlung und den einflussreichen Kabinettsminister Graf zu Münster durchsetzen.508 Andererseits wurden zunächst im Militär Vorstellungen ständischer Ordnung und der Zuteilung von Bildungs- und Karrierechancen überholt. So beschrieb es Heinrich Heine 1826 in seinen Reisebildern: „Was aber die allgemeinen deutschen Klagen über hannövrischen Adelsstolz betrifft, so kann ich nicht unbedingt einstimmen. Das hannövrische Offizierkorps gibt am wenigsten Anlaß zu solchen Klagen. Freilich, wie in Madagaskar nur Adlige das Recht haben, Metzger zu werden, so hatten früherhin der hannövrische Adel ein analoges Vorrecht, da nur Adlige zum Offizierrang gelangen konnten. Seitdem sich aber in der deutschen Legion so viele Bürgerliche ausgezeichnet, und zu allen Offizierstellen emporgeschwungen, hat auch jenes üble Gewohnheitsrecht nachgelassen. Ja, das ganze Korps der deutschen Legion hat viel beigetragen zur Milderung alter Vorurteile, diese Leute sind weit herum in der Welt gewesen, und in der Welt sieht man viel, besonders in England, und sie haben viel gelernt, und es ist eine Freude ihnen zuzuhören, wenn sie von Portugal, Spanien, Sizilien, den jonischen Inseln, Irland und anderen weiten Ländern sprechen, wo sie gefochten und ‘Vieler Menschen Städte gesehen und Sitten gelernet‘, so daß man glaubt, eine Odyssee zu hören, die leider keinen Homer finden wird. [...]509 Verdienste sollten unabhängig von der Herkunft eines Bürgers belohnt werden, so wie es beim Aufstieg in die Laufbahn der Offiziere, zunächst nur in der King’s German Legion, bereits gehandhabt und nach deren Auflösung auch für die reguläre Armee praktiziert wurde. Der Guelphen-Orden sollte diesem Prinzip folgen und stand dadurch ausgerechnet in der Tradition des französischen Ordens der Ehrenlegion, der ausschließlich für Verdienste verliehen wurde und nicht in erster Linie den Zweck hatte, politisch-soziale Korporationen aufzubauen und zu erhalten. Gänzlich unterschiedslos wurde der Guelphen-Orden jedoch nicht verliehen, so heißt es in Absatz 9 der Allgemeinen Bekanntmachung der geschehenen Errichtung des Königlich-Hannoverschen Guelphen-Ordens aus dem Jahre 1815: 507 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Zur Geschichte des Königreiches Hannover und seiner Orden. 508 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 39. 509 Heine, Heinrich: Reisebilder. Frankfurt am Main 1997. S. 123-124. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 112 „Das Commandeur-Kreuz erhält im Civil der Regel nach niemand, der nicht General-Majors Rang hat. Das Ritter-Kreuz ist an keinen Rang gebunden, giebt aber gleichfalls dem Ritter den oben beygelegten Vorgang in seiner Classe und den Zutritt bey Hofe.“510 Auch das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens wurde in der Praxis nicht unterschiedslos nach Rang verliehen. Soldaten aus dem Stande der Mannschaften und Unteroffiziere kamen zu keinem Zeitpunkt für die Verleihung des Guelphen-Ordens in Betracht, weder für das Ritterkreuz noch für die seit 1842 bestehende 4. Klasse (vorher „silbernes Kreuz“), die unterhalb des Ritterkreuzes rangierte.511 Für sie kam stattdessen die Guelphen-Ordens-Medaille in Frage, die verliehen wurde „[...] für solche Unteroffiziere und Soldaten, welche sich durch Tapferkeit und Klugheit vor dem Feinde ausgezeichnet haben [...]512. Die Medaille rangierte außerhalb der Klassifikation des Guelphen- Ordens und war ihm stattdessen angegliedert. Offiziere konnten für Tapferkeit im Kriege mit einer Klasse des Guelphen-Ordens ausgezeichnet werden. Für sie gab es dann zur äußerlichen Unterscheidung die sogenannte Kriegsdekoration, die „bey Stern und Kreuz, statt des Eichenkranzes einen Lorbeerkranz, und unter der Krone über dem Kreuze zwey Schwerdter“513 zeigte. Entgegen dieser Statuten, wonach die Kriegsdekoration „niemand blos wegen hoher Geburt, langjähriger Dienste, vor dem Feinde erhaltener Blessuren, noch vielweniger aus bloßer Gnade und auf das Vorwort anderer“514 erhalten sollte, wurde diese Form der Dekoration über die langen Friedensjahre seit 1815 hinweg grundsätzlich an Militärs ausgegeben. Durch die Symbolik der Schwerter wurde die Dekoration damit zum äußeren Zeichen des militärischen Standes schlechthin, auch in Friedenszeiten. 1856 wollte man sich schließlich wieder an den Ordensstatuten orientieren und den Offizieren die Kriegsdekoration ausschließlich für besondere Tapferkeit vor dem Feinde verleihen. Dieses Vorhaben wurde „aus Befürchtungen, das Militär könne über die Entziehung des Zeichens ihres Standes verärgert sein“515 nicht ausgeführt. Der Verzicht auf die genaue Einhaltung der Ordensstatuten zugunsten einer Gewohnheit, die sich bei der Verleihung des Guelphen-Ordens an Militärs im Laufe der Jahre ergeben hatte, ist ein erstaunlicher Umstand. Er zeugt von vom großen Bedürfnis des Offizierstandes nach Unterscheidung und Hervorhebung gegenüber den zivilen Trägern dieses Verdienstordens. Immerhin wurde seitens der Behörden auf dieses Selbstverständnis eingegangen, um so kein Gefühl der Verärgerung innerhalb des Offizierkorps zu erzeugen. Stattdessen wurde eine weitere Form der äußerlichen Unterscheidung geschaffen, nämlich die Schleife zum Ritterkreuz des Guelphen-Ordens.516 Der König behielt sich vor, diese Schleife „denjenigen Personen, welchen Wir hinfüro als Anerkennung und Belohnung ganz besonderer und außergewöhnlicher Verdienste“517 zu verleihen. Ergän- 510 Thies/Hape: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Kapitel 3. 511 Vgl. ebd. 512 Ebd. 513 Ebd., Kapitel 3.15. 514 Ebd., Kapitel 3.18. 515 Ebd., Kapitel 3. Nachtrag 3. 516 Ebd., Kapitel 3. Nachtrag 2. 517 Ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 113 zend wurde 1857 durch den König festgelegt, dass ein Träger der Schleife, die übrigens am Band befestigt wurde, auch bei Verleihung einer höheren Klasse des Guelphen-Ordens die Schleife weiterhin anlegen durfte.518 Wie oft diese Schleife verliehen wurde, ist nicht belegt. Thies und Hapke bezeichnen Verleihungen dieser Form als extrem selten, sodass Verleihungszahlen hier nicht ermittelt werden konnten.519 Auch bei Zivilisten, die keine Staatsbediensteten waren, wurde bei der Vergabe von Auszeichnungen eine Rangabfolge entsprechend des Militärs und der Beamten konstruiert, auch wenn sich diese Einteilung nicht so offensichtlich gestalten ließ. So kam etwa an den preußischen Industriellen und Erfinder Alfred Krupp im Jahre 1857 wegen der Anerkennung seiner gewerblichen Leistungen im Allgemeinen und der im Jahre 1855 erfolgten Einführung eines 12-Pfund Kanonenrohres aus Gussstahl für die hannoversche Artillerie die vierte Klasse des Guelphen-Ordens zur Verleihung.520 Ein Gutsbesitzer aus Hamburg kam für den Guelphen-Orden ebenfalls in Betracht, weil er im Feldzug 1849 des Deutschen Bundes gegen Dänemark einen hannoverschen Rittmeister und Brigade-Adjutanten bei sich aufnahm und gesundpflegte, als dieser heftig an Gallenfieber erkrankt war.521 Ein russischer Maître d’hôtel aus St. Petersburg erhielt dagegen im Jahre 1859 lediglich die Goldene Verdienstmedaille522, die zwar das hochrangigste Ehrenzeichen war, im Auszeichnungssystem jedoch unterhalb des Guelphen-Ordens stand. Industrielle und Gutsbesitzer waren also der Verleihung eines Ordens würdig, während ein Restaurantbesitzer „nur“ ein Ehrenzeichen erhielt. Zweifelsohne muss der Maître d’hôtel aus St. Petersburg Gastgeber für diplomatisches Personal gewesen sein und sich hierbei beachtliche Verdienste erworben haben, um diese hohe Auszeichnung aus dem fernen Königreich Hannover zu erhalten. Im Zuge der Stiftung des Guelphen-Ordens wurde eine goldene und silberne Verdienstmedaille geschaffen, „um jegliches Verdienst öffentlich anzuerkennen und zu belohnen“523. Dabei richtete sich dieses Ehrenzeichen, das im Laufe seiner Existenz vier Mal erneuert oder äußerlich verändert wurde, an eine Empfängergruppe, die für eine Verleihung des Guelphen-Ordens nicht oder zunächst nicht in Frage kam. Bis 1841 war die silberne Verdienstmedaille die niedrigste Verdienstauszeichnung des Königreichs, wobei die Verleihung der goldenen Verdienstmedaille „nur für ganz ausgezeichnete Verdienste“524 erfolgte und auch bereits den Besitz der silbernen Medaille voraussetzen sollte. Die Voraussetzungen für eine Verleihung der Verdienstmedaille waren in den Bestimmungen ganz bewusst wenig konkretisiert, sodass letztlich immer eine Einzelfallentscheidung getroffen werden musste, welches der zahlreichen, täglich erbrachten Verdienste in der Bevölkerung und im Staatswesen belohnt werden konnte, ohne dabei das Ehrenzeichen durch eine zu häufige Vergabe zu entwerten. Es konnten langjährige treue Dienste von Beamten in Amtsvogteien oder einer Land- 518 Vgl. ebd., Nachtrag 4. 519 Vgl. ebd., Unterpunkt „Verleihungen mit der Schleife“ im Kapitel 3. 520 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 121. S. 33. 521 Ebd., S. 43. 522 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996. S. 32. 523 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 12 und 13.. 524 Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Großdeutschen Reiches, S. 143. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 114 drostei mit einer Verdienstmedaille ebenso belohnt werden wie tapfere Handlungen von Soldaten, Verdienste im Sinne der christlichen Mildtätigkeit oder die Pflege öffentlicher Gärten. Bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurden auch noch Taten aus der Zeit der napoleonischen Besatzung und den Befreiungskriegen geehrt, die teilweise erst Jahre später behördlich wahrgenommen wurden. So erhielt im Jahre 1822 der Assistenzwundarzt Dr. Dittmer aus Hannover die goldene Verdienstmedaille, weil er im Jahre 1813 französische Soldaten daran hinderte „das ansehnliche Observatorium des berühmten Astronomen Schröter“525 zu plündern. Interessanterweise ließ sich der Arzt seine Tat durch die Behörden bescheinigen und legte sie dem Staatsminister Graf von Münster vor, zweifellos um eine öffentliche Auszeichnung anzuregen, was ihm schließlich auch gelang.526 Ein Bürger namens Rengstorff erhielt die Medaille „wegen seines braven und patriotischen Betragens, während der französischen Occupation“527; dem Buchhändler Wahlstab aus Lüneburg wurde die goldene Verdienstmedaille wegen des „bei Einnahme dieser Stadt und sonst im J. 1813 bewiesenen Patriotismus und seiner nützlichen Dienste“528, verliehen. Der König529 selbst bemerkte bei der Verleihung dieser Medaille im Jahre 1817: „Gewiß ist noch manches andere Verdienst nicht zur öffentlichen Kunde gekommen.“530 Im Laufe der Jahrzehnte hatte die Verdienstmedaille eine Funktion inne, die über die Auszeichnung des allgemeinen, unspezifischen Verdienstes hinausging. Sie wurde zunehmend auch dann verliehen, wenn durch eine Lücke im Auszeichnungssystem kein anderes Ehrenzeichen in Frage kam. So gab es mit dem Ernst-August Kreuz eine Auszeichnung für das 50jährige Dienstjubiläum der Offiziere, ein entsprechendes Ehrenzeichen für Mannschaften und Unteroffiziere fehlte jedoch. Daher schlug im Jahre 1860 der Kommandant der Garnison Lüneburg den als Hospital-Unteroffizier fungierenden Sergeanten 1.Klasse Friedrich Koch I. aus dem 5.Infanterie-Regiment „in Anlaß der am 6. Juni d. J. eintretenden Erfüllung von 50 Dienstjahren betreffend [...]“531 für eine goldene Verdienstmedaille an die General-Adjutantur vor. Verleihungen aus gleichem Anlass erfolgten beispielsweise auch an den Musiker Blume aus dem 2. Infanterie-Regiment oder den Stabssattler Abicht.532 Die Medaille kam ebenfalls im Rahmen militärischer Unternehmungen zur Verleihung. Im Jahre 1848 beteiligte sich König Ernst August, der gesamtdeutschen Fragen und Interessen gegenüber eher wenig aufgeschlossen war, auf Drängen Preußens mit einer Observationsdivision im Rahmen des Bundeskontingents am Krieg gegen Dänemark. Hier waren die hannoverschen Verbände bei der Besetzung Schleswigs in einige kleine Gefechte verwi- 525 Horn, Johann von: Der Guelfenorden des Königreiches Hannover nach seiner Verfassung und Geschichte dargestellt; nebst einem biographischen Verzeichnisse der einheimischen und auswärtigen Mitglieder dieses Ordens. Leipzig 1823. S. 196f. 526 Vgl. ebd., S. 197. 527 Ebd., S. 191. 528 Ebd., S. 553. 529 Unklar ist hier, ob der Autor tatsächlich König Georg III. meint oder vielmehr Prinzregent Georg IV., der seit 1811 für seinen erkrankten Vater die Regierungsgeschäfte ausgeübt hatte. 530 Horn: Der Guelfenorden, S. 553. 531 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 532 Ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 115 ckelt.533 Eine Kriegsdenkmünze wurde für die beteiligten Truppen nicht gestiftet und auch eine Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille scheint eher zweifelhaft.534 So kam auch in den Fällen erwiesener militärischer Tapferkeit die Verdienstmedaille zur Verleihung. Der Stabsfourier Hamisch erhielt die Verdienstmedaille im Krieg 1848: „Am 5ten Juni führte Hamisch einige Zeit, als nämlich Officiere der Compagnie verwundet waren, das Commando der Compagnie bei dem Angriffe auf das Dorf Nübel [...]“535 Ein Capitain von Plato, wahrscheinlich ein Vorgesetzter des Stabsfouriers, bescheinigte diesem in einem Schreiben an den General Wyneken, Kommandeur der 2. Infanterie-Division, „sich durch Zuverlässigkeit, guten Einfluß auf die Unterofficiere“536 bei der Erstürmung Nübels ausgezeichnet zu haben. In einem anderen Fall schlugen zwei ehemalige Soldaten sich selbst für eine Auszeichnung ihrer geleisteten Dienste im Krieg gegen Dänemark von 1848 vor: „In einem Königlicher General-Adjudantur unterm 5. Octbr. v. J. mitgetheilten Gesuche der vormaligen Husaren Heinrich Wintel und Conrad Meyer I. vom Regiment Königin-Husaren hatten die Bittsteller unter Bezeugungen auf einen im Feldzuge 1848 bei Broacker ausgeführte kühne That den Wunsch geäußert, daß ihnen für jene That eine Medaille zu Theil werden möge.“537 Daraufhin entschied der König, dass beiden Soldaten das Allgemeine Ehrenzeichen zu verleihen sei. Die General-Ordens-Kommission teilte mit, dass dem Wintel aus Sorsum bereits 1860 das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden war. Stattdessen wurde einem ebenfalls ehemaligen Husaren Windel aus Sorsum fälschlicherweise das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen. Daraus ergaben sich für die Ordens-Kommission zwei Herausforderungen, nämlich welches Ehrenzeichen dem Wintel zu verleihen sei, wenn er bereits Träger des Allgemeinen Ehrenzeichens war und wie man mit der fälschlicherweise verliehenen Medaille an den ehemaligen Husaren Windel umging, denn immerhin wurde diesem eine Ehre zuteil, für die ihm die entsprechende Voraussetzung, also das anzuerkennende Verdienst fehlte. Aus den Vorgängen geht nicht hervor, dass letzterem das Allgemeine Ehrenzeichen aberkannt wurde. Vermutlich wollte man den Veteranen nicht für einen Fehler der Behörde bestrafen, denn die Aberkennung einer Auszeichnung käme einer Bestrafung bzw. Entehrung durchaus gleich. Dem König von Hannover wurde der Vorgang schließlich vorgetragen, sodass dieser entschied, dem Johann Heinrich Friedrich Wintel die silberne Verdienstmedaille für seine erbrachte Tat im Krieg von 1848 zu verleihen.538 Eine weitere Lücke im Auszeichnungswesen ergab sich bei der wiederholten Rettung von Menschenleben durch ein und dieselbe Person. Zwar stiftete König Ernst August am 8. August 1845 die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr für alle Per- 533 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 72. 534 Finkam und Hessenthal und Schreiber gehen davon aus, dass die Guelphen-Ordens-Medaille auch für militärische Verdienste nach 1815 zur Verleihung kam, Hapke und Thies bezweifeln dies jedoch. Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10.2. 535 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 536 Ebd. 537 Ebd. 538 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 116 sonen, „welche durch ein entschlossenes und mutvolles Benehmen, ohne Berücksichtigung der ihnen selbst drohenden Gefahr, das Leben oder das Eigentum anderer gerettet oder durch außerordentliche Anstrengungen zu solcher Rettung beigetragen haben.“539 Jedoch gab es in den seltenen Fällen, in denen eine Person mehrmals zum Lebensretter wurde, keine Erweiterung dieses Ehrenzeichens und eine Doppelverleihung der Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr wurde nicht praktiziert. Stattdessen kam zur Belohnung einer wiederholten Rettung von Menschenleben die Verdienstmedaille in Betracht, so geschehen im Fall des Pioniers Stardeur. Der Kommandeur des Königlich-Hannoverschen Ingenieur-Korps schrieb dazu an den General-Adjutanten, Generalleutnant von Tschirschnitz: „Eurer Excellenz habe ich ehrerbietigst zu melden, daß der vor kurzem durch die allerhöchste Gnade Sr. Majestät des Königs mit der Rettungs-Medaille aus Gefahr decorirte Pionier 1.Cl. Stardeur gestern wieder einen Knaben (Sohn des Arbeiters Müller) der auf dem Stadtgraben durch das Eis gebrochen war mit großer eigener Lebensgefahr vom sicheren Tode gerettet hat. Der Knabe ist bereits unter das Eis gerathen gewesen, worauf Stardeur sich ins Waßer gestürzt und das Eis über dem Versunkenen zerschlagen hat. Dann hat er den schon bewußtlos gewordenen Knaben erfaßt und schwimmend ans Ufer getragen.“540 Dieser Fall wurde dem König von Hannover vorgetragen, woraufhin dieser entschied, dem Pionier Stardeur die Verdienstmedaille in Silber zu verleihen.541 Ähnlich wurde es auch beim Maler Joseph Hochecker gehandhabt, der am 19. Oktober 1851 wegen wiederholter Rettungstaten die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr und die goldene Verdienstmedaille gleichzeitig erhielt.542 In anderen deutschen Staaten wurde die wiederholte Lebensrettung ebenfalls durch andere Ehrenzeichen gewürdigt oder es wurden separate Auszeichnungen gestiftet, wie etwa im Großherzogtum Hessen- Darmstadt. Dort existierte seit 1862 eine Silberne Medaille des Ludwigsordens für wiederholte Rettung von Menschenleben543. Im Großherzogtum Oldenburg gab es zur Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr eine Bandspange, die bei wiederholter Rettungstat verliehen werden konnte.544 Als König Wilhelm IV. im Jahre 1837 starb, endete nach fast 123 Jahren die britisch-hannoversche Personalunion, da es in Hannover und Großbritannien unterschiedliche Regelungen zur Thronfolge gab. In Hannover hatten nach einer Änderung im Hausstatut sämtliche Söhne beider Linien des welfischen Hauses in der Erbfolge Vorrang vor den Töchtern, während in Großbritannien erstgeborene Töchter gleichberechtigt waren.545 Dadurch erhielt das Königreich Hannover mit dem 66jäh- 539 Beyreiß, Friedhelm: Rettungsmedaillen deutscher Staaten 1782-1918. Norderstedt 2006. S. 44. 540 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 541 Vgl. ebd. 542 Vgl. Beyreiß: Die Rettungsmedaillen deutscher Staaten, S. 47. 543 Es erfolgte nur eine Verleihung dieser Medaille. Vgl. Beyreiß: Die Rettungsmedaillen deutscher Staaten, S. 51. 544 Auf der Bandspange wurde das Datum der wiederholten Rettung eingraviert. Es erfolgte nur eine Verleihung an den Matrosen Gerhard Behrens aus Brake, der 1895 und 1901 für eine Rettungstat ausgezeichnet wurde. Vgl. Beyreiß: Die Rettungsmedaillen deutscher Staaten, S. 107. 545 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 50. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 117 rigen Ernst August erstmals einen eigenen Regenten, der auch in Hannover Residenz bezog. Ernst August, der ein großes Interesse für das Militär hegte, wurde durch seinen Vater mehrfach, auch während der Befreiungskriege, ein Truppenkommando in der britischen Armee verwehrt. Dieser Umstand, aber auch die Nichtbeachtung seiner Person bei der Ernennung eines Militärgouverneurs für Hannover, sorgte bei Ernst August für große Enttäuschung und Frustration.546 Zudem war er wegen seiner politisch-erzkonservativen Ansichten, die er als Mitglied des britischen Oberhauses vertrat, bei der Opposition und Teilen der Öffentlichkeit unbeliebt.547 Durch die Änderung der Thronfolgeregelung wurde Ernst August unerwartet König von Hannover, verfolgte jedoch von Anfang an eine klare politische Linie, die darauf abzielte, fortschrittliche Änderungen im Staats- und Verfassungswesen wieder rückgängig zu machen. Auch im Auszeichnungswesen hatte Ernst August klare Vorstellungen für einen Ausbau bzw. Änderungen. Bereits vor seiner Regierungszeit versuchte er von Berlin aus auf die Schaffung hannoverscher Ehrenzeichen Einfluss zu nehmen und regte sogar klassenlose Auszeichnungen an, was seinen politischen Auffassungen eher widersprach.548 Dennoch war es schließlich Ernst August, der das Repertoire an Orden und Ehrenzeichen vergrößerte, weiter ausdifferenzierte und nach ständischen Vorstellungen prägte. Zunächst stiftete der König im Jahre 1839 einen Hausorden, nämlich den St.-Georgs-Orden und rundete das Auszeichnungssystem Hannovers nach oben hin ab. Dies war notwendig geworden, als durch den Wegfall der Personalunion mit Großbritannien Hannover über keinen eigenen Hausorden mehr verfügte. Bisher wurde der englische Hosenbandorden als Hausorden auch für den Geltungsbereich des Königreichs Hannover verliehen. In den einklassigen St.-Georgs-Orden sollten nur „Personen adeligen Geschlechts, deren Leben, Wandel und Ruf ohne Tadel ist, und welche, insofern sie zu Unterthanen des Königreichs gehören, in Kriegs- oder anderen Diensten sich um unsere Krone, Land und Leute besonders verdient gemacht und Uns und Unserm Königlichen Hause stets treu sich bewiesen“549 aufgenommen werden. Die Aufnahme in den Orden sollte das soziale Prestige merklich erhöhen, wie es auch in den Statuten des Ordens ausdrücklich hinterlegt war: „Die Ritter des St. Georgs-Ordens haben außerhalb ihres Dienstverhältnisses den Vorgang vor denjenigen desselben Ranges, welche den Orden nicht besitzen.“550 Die Mitglieder wurden des Weiteren seitens der Behörden mit dem Titel „Ritter des St.-Georgs-Ordens“ angesprochen und durften ihr Familienwappen mit den Insignien des Ordens gestalten.551 Die Ritter des hannoverschen Hausordens gehörten zweifelsohne zum privilegiertesten und sozial höchstgestellten Personenkreis des Königreichs mit direkter und bereits langjährig etablierter Verbindung zum Königshaus. 546 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 53. 547 Vgl. ebd. 548 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Vorwort. 549 Ebd., Kapitel 2. 550 Ebd. 551 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 118 Das Repertoire an zivilen Ehrenzeichen wurde unter Ernst August auch nach dem Zweck der Verleihung weiter ausgebaut. So stiftete er zunächst im Jahre 1840 eine nichttragbare Goldene und Silberne Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art, die entgegen der Bezeichnung spezifisch für Verdienste im Bereich der Kunst und Wissenschaft verliehen wurde.552 Sie wurde 1843 durch die Goldene Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft ersetzt, die einschließlich der Exilverleihungen in 89 Exemplaren verliehen wurde.553 Eine weitere zweckgebundene Auszeichnung war die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr, die 1845 gestiftet wurde und als tragbares Rettungsehrenzeichen dem 1831 geschaffenen sächsischen Vorbild folgte.554 Die Medaille wurde an alle Personen verliehen, „welche durch ein entschlossenes und mutvolles Benehmen, ohne Berücksichtigung der ihnen selbst drohenden Gefahr, das Leben oder das Eigentum anderer gerettet oder durch außerordentliche Anstrengungen zu solcher Rettung beigetragen haben.“555 Die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr war in Hannover, wie in allen anderen deutschen Fürstentümern, eine Auszeichnung mit besonders hohem Ansehen. Selbst die Freien Hansestädte Hamburg und Lübeck, die nach hanseatischer Tradition keine tragbaren Auszeichnungen stifteten, schufen jeweils eine Rettungsmedaille am Band.556 Taten, bei denen durch entschlossenes und mutiges Verhalten einem anderen Menschen das Leben gerettet wurde, animierten den Staat bereits frühzeitig zu öffentlichen Bekanntmachungen und Belobigungen, die jedoch nur einmal ausgesprochen werden konnten. Um das vorbildliche Verhalten der Lebensretter auch dauerhaft kenntlich zu machen, griff man auf tragbare Ehrenzeichen zurück, die auch ganz bewusst motivationsfördernd wirken sollten, wie aus den Verleihungsbestimmungen für die hannoversche Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr hervorgeht, „welche nicht allein [...] als Belohnung ihrer aufopfernden Handlungsweise dient, sondern diese letztere auch in bleibendem Andenken ihrer Mitbürger erhält und zur Nacheiferung auffordert...“557 Unterschiede in der Herkunft der Träger wurden bei Rettungsmedaillen, sowohl im Königreich Hannover als auch in allen anderen deutschen Staaten nicht gewürdigt558. Im Fokus stand allein die Rettungstat, die alle Beliehenen miteinander verband. Die unterschiedslose Verleihung einer Auszeichnung war im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover sonst nur bei den Kriegsdenkmünzen vorgesehen, die für die Teilnahme an einem Feldzug in gleicher Form an Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften in gleicher Form zur Verleihung kamen. Bis zum Jahre 1866 wur- 552 Vgl. ebd., Kapitel 15 und 16. 553 Vgl. ebd., Kapitel 17. 554 Zwar hatte das Königreich Preußen bereits 1802 eine „Medaille für Rettung aus Lebensgefahr“ gestiftet, jedoch war diese nicht tragbar. Eine tragbare Version folgte erst im Jahre 1833. Das Königreich Sachsen war demnach der erste deutsche Staat mit einer tragbaren Rettungsmedaille. 555 Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 44. 556 Vgl. Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 40/84. 557 Ebd., S. 45. 558 So erhielten zum Beispiel in der Hansestadt Lübeck im Jahre 1914 je ein Arzt, ein Rathauswächter, ein Hilfsschutzmann und ein Reedereidirektor die hiesige Rettungsmedaille am Bande. Vgl. Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 85. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 119 den 197 Verdienstmedaillen für Rettung aus Gefahr verliehen, darunter auch häufig an Ausländer.559 Üblicherweise handelte es sich dabei um die Besatzungsmitglieder englischer und norwegischer Schiffe, die die Medaille offensichtlich für eine Rettung vor dem Tod des Ertrinkens erhalten hatten.560 Durch die Stiftung des Allgemeinen Ehrenzeichens im Jahre 1841 wurde dem Bedürfnis Rechnung getragen, immer größere Teile der Bevölkerung für ihre Anhänglichkeit und Loyalität zu belohnen. Dies traf insbesondere auf soziale Schichten zu, die ihrem gesellschaftlichen Rang nach bis dahin üblicherweise nicht für eine Auszeichnung in Frage kamen. Das Allgemeine Ehrenzeichen gab es in zwei Varianten: für Militärverdienst und für Zivilverdienst. Beide Medaillen bestehen aus Silber und unterscheiden sich durch ihre verschiedenen Bänder und rückseitigen Inschriften. Das Allgemeine Ehrenzeichen für Zivilverdienst war vorgesehen „‘für ausgezeichnete Dienste jeder Art‘, verliehen an untere Beamte und Zivilpersonen ohne Rang“.561 Ähnlich war auch die Empfängergruppe innerhalb des Heeres für das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst definiert. So waren etwa „Zur Decorirung mit der Verdienst-Medaille [...] brave Wachtmeister, Führer, der Regiments-Profoß, Stabs und Divisions-Trompeter, zum allgemeinen Ehrenzeichen Corporale, Escadrons-Trompeter, und ausnahmsweise auch besonders brave, lang dienende Gemeine“562 vorgesehen. Zudem kam diese niedrigste Verdienstauszeichnung auch in erwähnenswerter Anzahl an Mannschaftssoldaten ausländischer Regimenter zur Verleihung. Eine Briefkorrespondenz von 1882 zwischen dem Sohn des letzten Königs von Hannover, Ernst August (II.), und einem Oberstleutnant im K.u.k. Husaren-Regiment (Großfürst Nicolaus Großfürst von Russland) N. 2, der als Erbprinz von Nassau betitelt wird, gibt Aufschluss darüber. In einer beigefügten Abschrift eines Reichs-Kriegs-Ministerial-Erlasses vom 23. März 1864 heißt es, dass „der jetzt regierende König von Hannover die mitfolgenden acht silbernen Verdienst-Medaillen mit dem blauen Guelphenbande, dann zehn allgemeine Ehrenzeichen an gelbweißem Bande zum Ersatz jener von dem höchstseligen König Georg-August von Hannover im Jahre 1847 für brave Unteroffiziere, Musiker und Gemeine des Regiments, das während der Ereigniße von 1848/9 in Verlust gerathenen gleichen Decorationen als Geschenk erfolgen zu lassen geruth.“563 Diese Ehrenzeichen waren bei der Übersendung noch nicht namentlich zugeteilt gewesen. Vielmehr handelte es sich um ein Kontingent von Auszeichnungen, das dem Regiment als eine Art Geschenk offeriert wurde, wobei es dem Regimentskommandeur nach den oben zitierten Empfehlungen oblag zu entscheiden, an welche seiner Soldaten er die Medaillen verlieh. Der Grund für dieses Geschenk dürfte die Inhaberschaft über das Husaren-Regiment sein, die König Ernst August von 1847-52 ausübte. Durch die wenig aufwändige Herstellung des Allgemeinen Ehrenzeichens und die 559 Vgl. Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 47. 560 Vgl. ebd. 561 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover: Kapitel 14. 562 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V, Nr. 14. 563 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 120 vergleichsweise geringen Kosten kam es auch nach 1866 durch König Georg V. reichlich zur Verleihung.564 Die zweite bedeutende Säule im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover stellte die Gruppe der militärischen Ehrenzeichen dar. Das Heer genoss im Königreich vor allem aufgrund der Siege über Napoleon großes Ansehen und war damit eng mit dem Aufstieg des Landes zum Königreich verknüpft. Insbesondere König Ernst August kümmerte sich intensiv um militärische Belange. Der durch die Allgemeine Ständeversammlung initiierten zahlenmäßigen Verringerung des Heeres entgegnete der König die ständige technische Modernisierung und Veränderungen in Fragen der Gliederung.565 So konnte sich beispielsweise die hannoversche Kavallerie ihren hervorragenden Ruf, wonach sie eine der besten in Europa war, erhalten und sich auch in kleineren militärischen Konflikten behaupten.566 Neben der Schlacht von Waterloo wurde auch die King’s German Legion zu einem prägenden Bestandteil im Traditionsverständnis des hannoverschen Heeres. Dieser weltweit kampferprobte Verband wurde nach seiner Auflösung ab 1816 teilweise in die reguläre Armee überführt und veränderte das soziale Gefüge der Truppe. Ihre Angehörigen erhielten zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo die 1816 gestiftete britische Waterloo-Medaille. Für die hannoversche Armee wurde nach deren Vorbild im Dezember 1817 eine eigene Waterloo-Medaille gestiftet und zwar durch Prinz-Regent Georg IV. im Namen seines Vaters, des Königs Georg III. von Großbritannien und Hannover.567 Dieses Ehrenzeichen blieb für etliche Jahre neben der englischen Waterloo-Medaille und der überaus selten verliehen Guelphen-Ordens-Medaille568 das einzige sichtbare Zeichen, das einen aktiven oder beurlaubten Soldaten im Königreich Hannover als Veteran der militärischen Ereignisse gegen das napoleonische Frankreich auswies. Dadurch wurde die symbolträchtige und frühzeitig zum Mythos verklärte Bedeutung der Schlacht von Waterloo, in der sich „das Schicksal Europas entschied“569 weiter hervorgehoben. Erst im Jahre 1841 erweiterte König Ernst August diese Kennzeichnung der Veteranen um zwei weitere Ehrenzeichen. Die Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger wurde rückwirkend „für diejenigen Untertanen, welche 1813 freiwillig zu den Waffen griffen, als auch für die Ausländer, die damals in die Hannoversche Armee traten“570 gestiftet und verliehen. Die Kriegsdenkmünze für die bis zum Abschluß des Pariser Friedens 1814 freiwillig in die Königlich-Großbritannische Deutsche Legion (K.G.L.) eingetretenen Krieger war dagegen für die Angehörigen der King’s German Legion gedacht, die zwischen 1803 564 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 14. 565 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 109f. 566 Vgl. Ebd., S. 109. 567 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Kapitel 5. 568 Auf die Guelphen-Ordens-Medaille und die Waterloo-Medaille wird in den folgenden Kapiteln noch detailliert eingegangen. 569 Füssel: Waterloo, S. 12. 570 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 121 und 1814 unter britischer Flagge gekämpft hatten. Eine Nationalität spielte dabei keine Rolle, es zählte nur die Zugehörigkeit zur Legion.571 Durch diese beiden Kriegsdenkmünzen konnten schließlich alle Veteranen, die auf der Seite Hannovers, sei es in den Linienverbänden, der Landwehr oder in der King’s German Legion, seit 1803 gegen Napoleon gekämpft hatten, mit einem äußeren Zeichen bedacht werden. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass bereits in der Bezeichnung der Medaillen die Bereitschaft der Freiwilligkeit der Träger betont wird. Tatsächlich scheint die Rekrutierung von Soldaten für die King’s German Legion und die regulären hannoverschen Verbände zu dieser Zeit grundsätzlich auf der Anwerbung von Freiwilligen basiert zu haben. Eine Militärdienstpflicht wurde erst 1820 im Rahmen der Reorganisation des Heeres durch das Militärgesetz manifestiert.572 Eine andere Auffälligkeit ist der Umstand, dass bei den Kriegsdenkmünzen eben zwischen der hannoverschen Armee und der King‘s German Legion unterschieden wurde. Welche Überlegung dieser Unterscheidung zugrunde lag, geht aus der Forschungsliteratur nicht hervor. In anderen deutschen Staaten wurde auf eine Differenzierung, was die Zugehörigkeit zu Verbänden oder Bündniskategorien angeht, weitgehend verzichtet und so erhielten Soldaten, die für ihren Landesherrn mit oder gegen Frankreich gekämpft hatten, dieselbe Feldzugsmedaille.573 Die sehr ähnlich gestalteten Kriegsdenkmünzen, die aus der Bronze eroberter französischer Geschütze geprägt wurden574, unterschieden sich im Wesentlichen nur durch ihre rückseitige Inschrift. Während die Medaille für die hannoverschen Truppen rückseitig die Jahreszahl „1813“ zeigte, wies die Version für die King’s German Legion die dreizeilige Inschrift TAPFER/UND/TREU auf, umgeben von der Umschrift KÖNIGLICH-DEUT- SCHE LEGION.575 Mögliche Gründe für diese Unterscheidung könnten in der Zugehörigkeit der Legion zum britischen Heer liegen, unter dessen Flagge sie stand oder aber in der Hervorhebung der King’s German Legion gegenüber den hannoverschen Verbänden. Die ausdrückliche Formulierung des Mottos TAPFER/UND/TREU auf der Kriegsdenkmünze und der besondere Bezug, den der Stifter König Ernst August zur Legion hatte576, sprechen für diese Begründung. Die beiden Kriegsdenkmünzen schlossen die staatliche Würdigung in Form von Ehrenzeichen für die Teilnahme an den Befreiungskriegen ab. 571 Ebd., Kapitel.11. 572 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 108. 573 Als Beispiel ließe sich das Königreich Württemberg anführen. Die im Jahre 1840 von König Wilhelm I. gestiftete Kriegsdenkmünze wurde an alle württembergischen Soldaten verliehen, die zwischen 1793 und 1815 an einer militärischen Auseinandersetzung ihres Landes teilgenommen hatten. Dies konnte sowohl für den Winterfeldzug an der Seite Napoleons als auch dem anschließenden Krieg gegen ihn zutreffen. Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die Ehrenzeichen des Großdeutschen Reiches, S. 543. 574 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. 575 Ebd. 576 Ernst August war maßgeblich an der Aufstellung der King’s German Legion in England beteiligt und hatte Anteil an der Einübung der Kavallerie dieses Verbandes. Vgl. Malortie, C.E.: König Ernst August. Barsinghausen 2013 (Nachdruck). S. 20. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 122 Eine weitere Gruppe von militärischen Ehrenzeichen im Königreich Hannover stellen die Dienstehrenzeichen dar. Hierbei handelt es sich um Auszeichnungen, die für eine bestimmte erbrachte Dienstzeit im aktiven Heeresdienst zur Verleihung kamen. Das Königreich Preußen war mit seinen im Jahre 1825 gestifteten Dienstauszeichnungskreuzen der erste deutsche Staat, der seine Soldaten mit einem Erinnerungszeichen bedachte, das sich nicht auf eine bestimmte militärische Unternehmung oder im Kampf erbrachte Tapferkeit bezog. Stattdessen belohnte man die reine Ableistung der zunächst aktiven Dienstzeit, später auch die Zugehörigkeit zum Beurlaubtenstande in Form der Landwehr577. Zahlreiche Fürstentümer folgten dem preu- ßischen Vorbild und stifteten ebenfalls diese neue Form der Auszeichnung, so auch das Königreich Hannover im Jahre 1837. Dessen Dienstauszeichnungen waren nach Dienstgradgruppe und Anzahl der erbrachten Dienstjahre differenziert. Die silberne Wilhelmsmedaille wurde „an Unteroffiziere und Soldaten verliehen, die 16 Jahre treu gedient hatten“578, ferner die goldene Wilhelms-Medaille an Soldaten und Unteroffiziere für 25 erbrachte Jahre seit der Ernennung zum Korporal, sowie das Wilhelms- Kreuz an die Offiziere für 25 Dienstjahre.579 Offiziere, die 50 Dienstjahre erreicht hatten, wurden mit dem 1844 dafür eigens geschaffenen Ernst-August Kreuz geehrt. Dieses Ehrenzeichen war mit seinen weit unter 100 Verleihungen sehr selten.580 Für Unteroffiziere und Mannschaftssoldaten, die ein so hohes Dienstjubiläum erreichten, gab es keine eigene Auszeichnung, vielmehr wurde in diesem Fall die Verleihung der Goldenen Verdienstmedaille in Betracht gezogen.581 Noch vor der Stiftung des Ernst-August Kreuzes feierte König Ernst August im Jahre 1840 selbst sein 50jähriges Militär-Jubiläum. In diesem Zusammenhang stiftete der König das mit Abstand seltenste Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, nämlich die Silberne Medaille zum 50jährigen Militär-Jubiläum des Königs Ernst August.582 Am 17. März 1840 überbrachte eine Abordnung von Veteranen aus dem Dorf Isernhagen, namentlich Heinecke Stöckmann, Arend Runge, Friedrich Betge, Jürgen Heinrich Rahlves, Arend Krüger und Friedrich Wismer, dem König ihre Glückwünsche zum Jubiläum.583 Alle Männer hatten einst mit Ernst August im 9. Leichten Dragoner-Regiment gedient als dieser noch Hauptmann gewesen war.584 Bei einem Gegenbesuch des Königs in Isernhagen am 26. August 1840 verlieh er dann den Veteranen die eigens für sie geprägten Medaillen am Band des Allgemeinen Ehrenzeichens (allerdings für Zivilverdienst).585 Das letzte gestiftete Ehrenzeichen des Königreichs Hannover hängt durch die Schlacht von Langensalza unmittelbar mit dessen Ende im Jahre 1866 zusammen. 577 Ohm-Hieronymussen, Peter: Landeværns tjenestehæderstegn i de Tyske forbundsstater 1842-1918. 1988. 578 Thies/Hapke: Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 8. 579 Vgl. Thies/Hapke: Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6 und 8. 580 Vgl. ebd., Kapitel 9. 581 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 582 Vgl. Thies/Hapke: Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 18. 583 Vgl. ebd. 584 Vgl. ebd. 585 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 123 Schon bald nach der Schlacht, die unter hohen Verlusten gewonnen werden konnte und doch zu einer Niederlage des Königreichs Hannover im Krieg gegen Preußen führte, stiftete König Georg V. am 27. Juli 1866 die Langensalza-Medaille „für alle, welche in dieser Schlacht tapfer, wenn auch ohne Erfolg gekämpft haben“586. Wie kein anderes Symbol stand diese Medaille, die übrigens noch vor der offiziellen Annexion Hannovers durch Preußen gestiftet wurde, für das Ende des Königreichs und die Erinnerung daran. Zuletzt sei noch der am 15. Dezember 1865 von König Georg gestiftete Ernst-August-Orden erwähnt. Durch seinen kurzen Verleihungszeitraum von gerade einmal knapp über einem halben Jahr spielte er in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle, doch seine Schaffung ist dennoch eine erwähnenswerte Ergänzung im Auszeichnungswesen Hannovers. Im Laufe des 19. Jahrhunderts und sogar bis über die Jahrhundertwende hinaus war es in vielen deutschen Fürstentümern üblich, einen zweiten oder gar dritten Verdienstorden zu stiften. So war dies beispielsweise in Preußen der Kronenorden (1861) in Ergänzung zum Roten-Adlerorden, im Königreich Württemberg kam der Friedrichsorden (1833) zum Orden der württembergischen Krone hinzu, im Großherzogtum Hessen-Darmstadt folgte der Orden Philipps des Großmütigen (1881) dem Ludewigsorden und im Großherzogtum Mecklenburg- Schwerin gab es neben dem Hausorden der Wendischen Krone seit 1884 noch den Greifen-Orden. In Hannover wurde der Ernst-August-Orden von König Georg V. zur Erinnerung an „zwei der Erlauchten Vorfahren Unseres Hauses, welche diesen Namen führten, zugleich diejenigen waren, welche im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte [...] Unser Königreich auf den Standpunct zu heben, auf dem es jetzt steht...“587 gestiftet. In die Verleihungsbestimmungen des Ordens wurden dabei wesentliche Erfahrungen verarbeitet, die man in der 50jährigen Existenz des Guelphen-Ordens gemacht hatte. Zunächst einmal sollte die Schaffung eines neuen Verdienstordens die Verleihungszahlen des Guelphen-Ordens entlasten. Dieser stand in der Hierarchie über dem Ernst-August-Orden, wie es ausdrücklich in den Statuten festgelegt wurde: „Im Uebrigen hat der Guelphen-Orden in den einzelnen Classen den Vorrang vor den gleichbezeichneten Classen des Ernst-August-Ordens und ist von jetzt an die Verleihung der ersten Classen des Guelphen-Ordens, einschließlich des Ritterkreuzes, durch die frühere Verleihung des Ernst-August-Ordens gleicher Classe bei Einländern bedingt.“588 Dadurch wurde eine Höherwertigkeit des Guelphen-Ordens erzeugt und gleichzeitig ein weiterer Anreiz in Form einer Auszeichnung. Der Ernst-August-Orden war ansonsten nicht mit weiteren Privilegien versehen, wie etwa dem Zugang zum Hofe, einem erblichen Adelstitel oder einer Pension. Seine Klasseneinteilung war feingliedriger als die des Guelphen-Ordens und vor allem in den unteren Klassen vielfältiger. Die fünf Klassen des Ordens waren: – Großkreuz – Komturkreuz 1. Klasse 586 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74 Liebenburg Nr. 477. 587 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 588 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 124 – Komturkreuz 2. Klasse – Ritterkreuz 1. Klasse – Ritterkreuz 2. Klasse Des Weiteren war „um die Mittel zur Auszeichnung zu vermehren“589 ein Verdienstkreuz in Silber und Gold vorgesehen, die dem Orden angegliedert waren, also nicht zur eigentlichen Klasseneinteilung zählten. Die Empfänger dieser beiden Abteilungen des Verdienstkreuzes hießen Inhaber. Im Ranggefüge des Auszeichnungssystems sollten sie mit diesem Verdienstkreuz bedacht werden, weil sie aufgrund ihres Ranges oder Standes über dem Empfängerkreis der Verdienstmedaille standen, aber noch unter dem für die niedrigste Ordensklasse, dem Ritterkreuz.590 Auf welche Gruppe von Personen dieser Umstand ganz konkret zutraf, lässt sich kaum umreißen. Es erfolgten 84 Verleihungen591 des Verdienstkreuzes in Silber und Gold aber eine namentliche Zuteilung mit Informationen zum Beruf des Beliehenen, woraus sich auch eine Zuordnung zu dessen sozialer Stellung ableiten ließ, liegt der Arbeit nicht zugrunde. Eine Dekoration mit Schwertern, die nur an Angehörige des Militärstandes oder für Verdienste in Kriegszeiten verliehen wurde, gab es im Gegensatz zum Guelphen-Orden nicht. Offiziell erlosch der Ernst-August-Orden am 20. September 1866, als das Königreich Hannover zur preußischen Provinz wurde. Doch sein bedeutender Verleihungszeitraum war der im österreichischen Exil König Georgs V. Von dort aus kam der Großteil der hannoverschen Orden und Ehrenzeichen, teilweise noch Jahrzehnte, zur Verleihung. In den folgenden Jahren versuchte der König durch verschiedene politische aber auch protokollarische Maßnahmen seinen Anspruch auf den Thron zu bekräftigen. Er bewegte sich nicht nur in Ländern, die dem Königreich Preußen und einem deutschen Kaiserreich ablehnend gegenüberstanden, wie etwa Frankreich oder Österreich-Ungarn, sondern ließ auch in Form von Publikationen und Periodika vornehmlich im Ausland auf die öffentliche Meinung im Sinne der hannoverschen Sache einwirken.592 Georg verfolgte mit der Aufstellung der sogenannten Welfenlegion sogar eine militärische Option zur Befreiung seines Landes. Dieser aus freiwilligen Hannoveranern aufgestellte Verband, der zeitweise bis zu 1.000 Mann umfasste, sollte im Falle eines Krieges Preußens gegen Frankreich auf französischer Seite kämpfen und den König wieder zu seinem Thron verhelfen.593 Die insgesamt sehr offizierlastige Legion wurde jedoch noch vor dem deutsch-französischen Krieg 1870 aus finanziellen Gründen aufgelöst, da Bismarck von diesen Plänen erfuhr und Georgs Privatvermögen beschlagnahmen ließ.594 Die symbolträchtigste Handlung, die dem exilierten König noch mit seiner aktiven Regierungszeit verband, war jedoch die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Hier kam einmal mehr die wichtigste Bedeutung des Konzeptes der tragbaren Aus- 589 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 590 Vgl. ebd. 591 Vgl. ebd. 592 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 132. 593 Vgl. ebd. 594 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 125 zeichnungen für den Verleihenden zur Geltung, nämlich die Sicherung von Loyalität des Beliehenen. Weitab von seinen Untertanen wurde es für den König mit jedem Jahr schwieriger, sich in das Gedächtnis der Öffentlichkeit seines früheren Königreiches zu spielen. Die Dekorationen mit seinem oder seiner Vorfahren Antlitz schienen daher ein geeignetes Mittel, um sich auch im Exil die Anhänglichkeit bestimmter sozialer Kreise oder gar Eliten zu sichern. Während die Beliehenen die Auszeichnung als Akt der Belohnung schätzen durften, trugen sie die Symbole des Königreichs als Teil ihrer äußeren Erscheinung und waren somit auch Repräsentant der welfischen Herrscherdynastie. Welchen Orden König Georg in seinem Exil verlieh, hing weniger von einer Systematik ab als vielmehr von den Kosten. Die mit dem Guelphen-Orden verbundenen Privilegien fielen weg, da Georg die Auszeichnungen in seinem Exil als Privatmann verlieh. Also bestimmten der Aufwand der Herstellung und der damit verbundene Anschaffungspreis Typ und Anzahl des verliehenen Ordens. Die Guelphen-Orden, die sich bei Annexion des Königreichs Hannovers noch in den Beständen der General-Ordens-Kommission befanden, wurden zunächst von preußischer Seite beschlagnahmt, später jedoch wieder zurückgegeben.595 So konnte man zunächst noch auf diese Bestände zurückgreifen, bevor man bei Juwelieren nachbestellen musste. Der Guelphen-Orden war in der Herstellung teuer und wurde nach 1866 nur sehr sparsam verliehen, zugunsten des günstigeren Ernst-August-Ordens.596 So kam beispielsweise das Ritterkreuz II. Klasse des Ernst-August-Ordens zwischen 1866 und 1878 409 Mal zur Verleihung.597 Diese Zahl steht entgegen der Wertung bei Thies und Hapke, wonach „die verschiedenen Klassen des Ordens sowie die Verdienstkreuze [...] äußerst sparsam, weiterverliehen“598 wurden. Wenn man bedenkt, dass das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens zwischen 1837 und 1858 1158 Mal verliehen wurde599, scheint man von äußerster Sparsamkeit bei der Verleihung des Ernst-August-Ordens im Exil nicht reden zu können. Diese Verleihungen waren ein sehr teures Vergnügen, wenn man bedenkt, dass die Beschaffung der Dekorationen aus dem Privatvermögen Georgs V. genährt wurde. Erschwerend kam hinzu, dass die Orden gemäß den Statuten auch nach 1866 rückgabepflichtig waren, doch wenn die Angehörigen des verstorbenen Trägers dem nicht nachkamen, hatte die hannoversche Exiladministration keine rechtliche Handhabe mehr, die Dekorationen gegebenenfalls zu konfiszieren. Für Juweliere und Ordenshersteller war die rege Verleihung hannoverscher Orden und Ehrenzeichen nach 1866 ein gutes Geschäft. Carl Büsch in Hannover und C.F. Rothe in Wien waren die hauptsächlichen Lieferanten der Ordenszeichen.600 Ab 1868 ist sogar von einem regelrechten Konkurrenzkampf zwischen beiden Firmen die Rede, die etwa seit diesem Zeitpunkt die Anfertigung aller noch im Exil verliehenen Orden und 595 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3, Nachtrag 6. 596 Vgl. ebd. 597 Vgl. ebd., Kapitel 4. 598 Ebd. 599 Vgl. ebd., Kapitel 3, Nachtrag 6. 600 Vgl. ebd., Kapitel 4 IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 126 Ehrenzeichen unter sich aufteilten.601 Mit der Verleihung eines Großkreuzes des Ernst-August-Ordens im Jahre 1900 durch den letzten Kronprinzen Ernst August II. endete die Verleihung der vormals staatlichen hannoverschen Orden und Ehrenzeichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kronprinz seine Ansprüche auf den Thron nicht aufgegeben und erst sein Sohn Ernst August III. konnte als welfischer Fürst wieder staatliche Orden und Ehrenzeichen verleihen, da er ab 1913 als Herzog von Braunschweig regieren konnte. Privat gestiftete Ehrenzeichen spielten jedoch auch nach 1900 im österreichischen Exil der Welfen noch eine Rolle. Im Jahre 1903 kam es seitens Ernst Augusts, dem früheren Kronprinzen von Hannover, zur Stiftung eines Dienstzeichens für Hofbedienstete in drei Stufen.602 Dabei handelt es sich um eine rechteckige silbervergoldete Spange in den Maßen 20 x 55 mm, die von einer 12 mm hohen Herzogskrone überragt wird.603 Äußerlich ähnelt es also den zahlreichen Dienstauszeichnungen der deutschen Fürstentümer, die häufig ebenfalls als Spange und nicht etwa als tragbare Medaille gestiftet wurden. Das Dienstzeichen war mit dem hellblauen Bande des Guelphen-Ordens hinterlegt und nimmt damit ganz klar Bezug zum Auszeichnungssystem des vormaligen Königreiches Hannover. Das Dienstzeichen 1. Klasse gab es für 50jährige Dienste am Hof der Welfen, die 2. Klasse für 40 Jahre und die 3. Klasse für 25 Jahre.604 Die jeweiligen drei Dienstjubiläen fanden sich auch im Schriftzug der Spange wieder. Für die Verleihung kamen sowohl männliche als auch weibliche Bedienstete in Frage, die gleichzeitig eine Verleihungsurkunde sowie ein aufwändig gestaltetes Etui „mit goldgeprägter und gekrönter 25, 40 bzw. 50 auf dem Deckel“605 erhielten. Vergleichbare Auszeichnungen als Schnalle wurden häufig ohne Etui vergeben. Das lässt Rückschlüsse auf die besondere Wertschätzung dieses Ehrenzeichens durch den Stifter zu, der durch ein solches Etui höhere Kosten bei der Herstellung zu tragen hatte. Der Kreis der Beliehenen war jedoch zu keinem Zeitpunkt besonders groß. Zwar wurde das Dienstzeichen mit Übernahme der Regierungsgeschäfte des Herzogtums Braunschweig durch Ernst August, dem Enkel des letzten Königs von Hannover, auch in das offizielle Auszeichnungssystem Braunschweigs übernommen, jedoch war der Verleihungszeitraum mit den Jahren 1913-18 entsprechend kurz.606 Im Herzogtum Braunschweig wurde das Ehrenzeichen mit dem rot-gelben Band des Hausordens Heinrich des Löwen verliehen.607 Nach 1918 wurde es wiederum zu einem privaten Ehrenzeichen für die Bediensteten des ehemaligen Herzogs.608 Friedhelm Beyreiß hat in seinem Artikel zu diesem Ehrenzeichen ein Verleihungsschreiben aus dem Jahre 1940 abgedruckt, darin schreibt Ernst August an den Haushofmeister a.D. Börsing: 601 Vgl. ebd. 602 Vgl. Beyreiß, Friedhelm: Dienstzeichen für Hofbedienstete. In: Orden-Militaria-Magazin Nr. 38 (1990). S. 11. 603 Vgl. ebd. 604 Vgl. ebd. 605 Ebd. 606 Vgl. ebd. 607 Vgl. ebd. 608 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 127 „Wie mir berichtet wird, haben Sie am heutigen Tage 50 Jahre in unseren Diensten gestanden. Ich benutze diesen Anlass gern, um Ihnen für die treuen, wertvollen Dienste, die Sie meinem Vater und mir während dieser langen Zeit geleistet haben, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Nach den Bestimmungen würde Ihnen das von meinem Vater gestiftete Dienstzeichen I. Klasse zu verleihen sein. Da dies aber nach den neueren Bestimmungen nicht zulässig ist, sende ich Ihnen ein Dienstzeichen als Erinnerungsstück, bemerke aber ausdrücklich, dass es nicht getragen werden darf.“609 Ernst August weist in diesem Zusammenhang auf die Neuordnung des staatlichen Auszeichnungswesens durch die Nationalsozialisten hin. Diese hatten im Jahre 1937 ein Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen erlassen, in dem es hieß: „Orden und Auszeichnungen kann nur der Führer und Reichskanzler verleihen. Weitere Bestimmungen hierüber sind dem Führer und Reichskanzler vorbehalten.“610 Ernst August war demnach also gar nicht befugt ein tragbares Ehrenzeichen zu verleihen und weist in seinem Schreiben aus diesem Grund darauf hin, dass das Dienstzeichen den Charakter eines Erinnerungsstückes hätte und eben nicht getragen werden dürfe. Es ist davon auszugehen, dass Ernst August auch nach dem Zweiten Weltkrieg und bis zu seinem Tod im Jahre 1953 auf dem Schloss Marienburg bei Pattensen die Dienstzeichen weiterverlieh, insofern sie denn verfügbar waren. Gesellschaftlicher Rang spielte für die Verleihung dieser Auszeichnung keine Rolle, sondern vielmehr die Dienstleistung und die damit verbundene Loyalität zum Chef des Hauses Hannover. Neben dem bereits erwähnten vormaligen Haushofmeister waren beispielsweise auch der Oberhofmundschenk Ernst Schultz oder der Futtermeister Heinrich Evers unter den Beliehenen.611 Das Dienstzeichen „für 25 Jahre treuer Pflichterfüllung im Kampf gegen die Maulwürfe“612 erhielt der Maulwurfjäger Louis Steinweh ebenso wie die Ehrenstaatsdame Baronin Lonnie von Heimbruch.613 Beyreiß hat als ungefähre Größenordnung für die Verleihungszahlen des Dienstzeichens für Hofbedienstete für das Jahr 1913 (Stand 01.08.) ermittelt: „7 Personen das Dienstzeichen 1. Kl., 8 Personen die 2. Kl. Und 34 Mitglieder des Hofstaates die 3. Kl.“614 Für den Bestand des Herzogtums Braunschweig bis 1918 sowie für einen deutlich kleineren, privaten Hofstaat Ernst Augusts in den folgenden 35 Jahren, ließe sich gut und gern eine Trägerschaft im niedrigen dreistelligen Bereich annehmen. Eine weitere tragbare Auszeichnung war die am 12. Dezember 1903 von Ernst August, Herzog von Cumberland, gestiftete Medaille zur Silberhochzeit mit seiner Frau Thyra, Herzogin von Cumberland und Kronprinzessin von Dänemark. Die Medaille, die auf der Vorderseite das herzogliche Paar zeigt, wurde an einem rot-blauen Bande getragen und „am Tage der silbernen Hochzeit an Bedienstete und treue Anhänger des ehemaligen Königlichen Hauses von Hannover vergeben“.615 Solche Ereignisse boten immer wieder die Möglichkeit, private Ehrenzeichen oder vielmehr Erinne- 609 Ebd. 610 http://www.verfassungen.de/de/de33-45/orden37.htm (Stand: 31.03.2018). 611 Vgl. Beyreiß: Dienstzeichen für Hofbedienstete. S. 11. 612 Ebd. 613 Vgl. ebd. 614 Ebd. 615 Gusovius, Hans Georg: Die Orden norddeutscher Staaten des 19. Jahrhunderts. Celle 1984. S. 37. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 128 rungsgaben an das direkte Umfeld der exilierten Monarchen zu verteilen. Bereits 1898 hatte Ernst August zum 81. Geburtstag seiner Mutter, der Königin Marie von Hannover, eine Erinnerungsmedaille an die entsprechenden Feierlichkeiten gestiftet und „an die Familienmitglieder, das Gefolge und sonstige der Königin noch nahgestandenen habende Personen“616 verliehen. Die Medaille wurde sowohl in Bronze als auch in Silber verliehen und wurde am Band des St. Georgs-Ordens getragen.617 Es existieren auch nichttragbare Erinnerungsmedaillen an den Geburtstag. Hinweise auf die Differenzierung zwischen bronzener und silberner Medaille gibt es in der Forschungsliteratur nicht, jedoch machte man bei solchen Erinnerungszeichen häufig einen Unterschied bei Herkunft und Stand des Beliehenen, was sich auch äußerlich in der Form des Ehrenzeichen widerspiegelte. Bei der 1909 verliehenen nassauischen Erinnerungsmedaille, die „anläßlich der Einweihung des Denkmals für den verstorbenen ehemaligen (letzten) Herzog Adolph von Nassau“618 gestiftet und vergeben wurde, erhielten die anwesenden Fürstlichkeiten und noch lebenden Offiziere der ehemaligen nassauischen Armee die silberne Ausführung des Ehrenzeichen und die noch lebenden Unteroffiziere und Mannschaften die bronzene Medaille.619 Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover sehr eng mit Verhältnis zwischen Staatlichkeit, Regentschaft und Gesellschaft verbunden ist. Diese Entwicklung kann man in drei Phasen nachvollziehen. Erst die Erhebung Hannovers zum Königreich im Jahre 1814 initiierte die Errichtung eines eigenständigen Auszeichnungs-systems, das mit einem Verdienstorden, einer Verdienstmedaille und der Waterloo-Medaille zunächst sehr grob gegliedert war und das sich vorrangig vor dem Hintergrund der Befreiungskriege etablierte. Durch die Trennung der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien und die ständige Residenz von König Ernst August in seinem Land konsolidierte sich das Auszeichnungswesen. Ernst August brachte, teilweise durch Preußen beeinflusst, neue Ideen für Orden und Ehrenzeichen mit in seine Regentschaft und verwirklichte sowohl die Stiftung von anlassbezogenen Ehrenzeichen als auch weiteren Verdienstauszeichnungen, um soziale Gruppen in dem Empfängerkreis aufzunehmen, die bisher üblicherweise nicht mit einer Auszeichnung bedacht wurden. Dies führte zu einer zunehmenden Differenzierung nach „Rang und Stand“, sodass sich die Art der Auszeichnung nicht nach der Art des Verdienstes, sondern der gesellschaftlichen Zuordnung, also der Herkunft des Empfängers richtete. Diese Entwicklung war nicht spezifisch für Hannover, sondern auch in den anderen deutschen Fürstentümern und auf europäischer Ebene zu beobachten. Zweifelsohne fanden unter Ernst August die umfangreichsten Stiftungen und Erweiterungen zu Orden und Ehrenzeichen in der Geschichte des Königreichs Hannover statt. Die dritte Phase wurde durch den Verlust der Regentschaft König Georgs V. im Jahre 1866 eingeleitet. Nicht nur das letzte offiziell gestiftete Ehrenzeichen, die Lan- 616 Hessenthal/Schreiber: Die Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 151. 617 Vgl. ebd., S. 151f. 618 Ebd., S. 266. 619 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 129 gensalza-Medaille, zeugt von dem Bedürfnis nach Erinnerung an den untergegangenen Staat, auch der Umstand, dass der König und später auch sein Sohn von seinem österreichischen Exil aus hannoversche Orden und Ehrenzeichen weiterverlieh, zeigt, welche tiefgreifende Symbolkraft diese Dekorationen für die ehemals Herrschenden inne hatten. Aus dem Exil heraus kam ihnen nämlich vor dem Hintergrund der preu- ßischen Annexion die wichtige Funktion zu, Loyalität zum Welfenhaus wiederherzustellen bzw. zu erhalten. Orden und Ehrenzeichen wurden also vom König weiterhin als Herrschaftsinstrument verstanden und auch so gebraucht, wobei sich die Zielgruppe der Beliehenen im Laufe der Jahre nach 1866 zunehmend von den Bürgern Hannovers auf Ausländer verlagerte, mit denen Georg V. in seinem Exil Verbindungen pflegte. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 130 Bild 1 – Dieser vormalige Offizier des Königreichs Hannover trägt eine Ordensschnalle ausschließlich mit hannoverschen Auszeichnungen (v.l.n.r.): Ernst-August-Orden, Guelphen-Orden mit Schwertern, Wilhelmskreuz für 25 Dienstjahre der Offiziere sowie die Langensalza-Medaille. Nach den Statuten des Ernst-August-Ordens hatte der Guelphen- Orden in den einzelnen Klassen den Vorrang vor den gleichbezeichneten Klassen des Ernst-August-Ordens. Beim Guelphen-Orden des Offiziers handelt es sich daher vermutlich um die vierte Klasse, wenn die Dekoration an zweiter Stelle steht und der Ernst- August-Orden könnte hier als Ritterkreuz I. Klasse verliehen worden sein. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 131 Bild 2 – Guelphen-Orden, Kommandeur II. Klasse mit Schwertern. Vorderansicht. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 132 Bild 3 – Ein ehemaliger Offizier der hannoverschen Armee, der nach 1866 in preußische Dienste übergetreten ist und darüber hinaus mit russischen Orden ausgezeichnet wurde. Er trägt in der Kommandeurklasse den russischen St. Stanislaus-Orden, sowie den russischen Orden vom heiligen Wladimir 4. Klasse an den Ordensschnalle, gefolgt vom Ernst-August-Orden sowie der preußischen Kriegsdenkmünze für den Krieg 1870/71 und der Langensalza-Medaille. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 133 Bild 4 - Guelphen-Orden. Stern zum Großkreuz. (Zivil Bruststern zum Kommandeur des Guelphen-Ordens) 1815-1866. Ordensdevise: „NEC ASPERA TERRENT“ (Widrigkeiten schrecken nicht). Emailliertes Medaillon mit Sachsenross auf rotem Grund. Auf der Rückseite Nadel und Bezeichnung „Hossauer/Berlin 15 Löth.“ Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 134 Bild 5 – Ein Langensalza-Veteran des Königreichs Hannover, der nach 1866 in preußische Dienste übergetreten ist. Er trägt mit dem Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens und dem Allgemeinen Ehrenzeichen zwei typische preußische Beamtenauszeichnungen und an dritter Stelle die Langensalza-Medaille. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 135 Bild 6 - Militär-Guelphen-Orden 4. Klasse mit Band. 1851 verliehen an den damaligen Kapitän Carl Schäfer im 2. Infanterie-Regt. "MDCCCXXXIX", Silber und Email. Vorderseite. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 136 Bild 7 – Die Familie von Boetticher in einer Aufnahme aus den 1870er Jahren. Ernst August von Boetticher war zunächst Offizier der hannoverschen Armee und nahm später als preußischer Offizier am Deutsch-Französischen Krieg teil. Hier wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Mit seiner Frau Marie hatte er zwei Söhne (Kuno und Wilhelm), die dem Vater als Offiziere folgten. Der hier abgebildete Sohn Kuno starb später in Afrika und Wilhelm in Hannover. Für das Offizierkorps stellte die Annexion Hannovers durch Preußen eine schwerwiegende Zäsur dar. Einerseits verbot die Loyalität zu König Georg V. den Dienst für den vormaligen Gegner, andererseits waren viele adlige Offiziere mittellos und sahen nur durch den Verbleib im preußischen Militär ihre gesellschaftliche und ökonomische Existenz gesichert. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 137 Bild 8 - Goldene Verdienstmedaille, 1846-1878. VS: König Ernst August, größerer Kopf, Stempelschneider "BREHMER F." Durchmesser: 3,6 cm. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 138 Bild 9 – König Georg V. mit seiner Frau Marie in einer Aufnahme aus dem französischen oder österreichischen Exil. Die rückseitige Inschrift deutet auf die gesellschaftliche Spaltung hin, welche die Einverleibung Hannovers in das Königreich Preußen bewirkte: „Georg Thies zum Andenken an seine jugendliche welfische Gesinnung, gewidmet von einem Nichtwelfen. Wilh. Stellmann.“ An letzter Stelle seiner Ordensschnalle trägt der König die Langensalza-Medaille zur Erinnerung an die siegreiche Schlacht gegen die Preußen, die doch das Ende seiner Herrschaft einleitete. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 139 Bild 10 – Guelphen-Ordens-Medaille, verliehen an den Husar Heinrich Becker aus Fallingbostel. Er erhielt als Angehöriger der King’s German Legion diese Tapferkeitsauszeichnung, weil er 1812 bei Canizal in Spanien in ein Handgemenge mit einem französischen General geriet, diesen überwältigte und gefangen nahm. Neben den 24 Reichstalern, die mit der Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille verbunden waren, erhielt der Husar Becker weiterhin eine lebenslange, zusätzliche jährliche Pension von 100 Reichstalern für seine außergewöhnliche Tat. Das Band der Medaille ist stark zerschlissen, die blaue Farbe beinahe gänzlich vergangen. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 140 Bild 11 – Ein ehemaliger Unteroffizier der hannoverschen Armee im Jahre 1898 mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Militärverdienst und der Langensalza-Medaille. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 141 Bild 12 – Goldene Wilhelms-Medaille für 25 Jahre der Unteroffiziere, Vorderseite mit dem älteren Bild des Königs Ernst August von Hannover. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 142 Bild 13 – Dieses Foto zeigt den Fürstlich-berittenen Gendarmen, Herrn Winter. Die Langensalza-Medaille äußerst links an seiner Ordensschnalle weist ihn als vormaligen hannoverschen Soldaten aus. Später trat er in die Dienste des Fürstentums Schaumburg- Lippe ein und erhielt dessen Verdienstmedaille (an zweiter Stelle). Hinzu kommen noch die Centenar-Medaille sowie eine Dienstauszeichnung. Viele hannoversche Soldaten verließen ihre neue preußische Heimat und traten in die Dienste eines anderen deutschen Fürsten über. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 143 Bild 14 – Silberne Verdienstmedaille mit dem jüngeren Kopf des Königs Ernst August und der Jahreszahl 1837, Stempelschneider „FRITZ F.“ Das hellblaue Band ist vollständig verblasst. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 144 Bild 15 – Ein ehemaliger hannoverscher Offizier mit glatt vernähter Ordensschnalle, dabei (v.l.n.r.) das Ritterkreuz des Ernst-August-Ordens, die Langensalza-Medaille und das Wilhelmskreuz für 25 Jahre der Offiziere. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 145 Bild 16 – Ernst-August-Orden, Ritterkreuz 1. Klasse. Die meisten Exemplare des erst Ende 1865 gestifteten Verdienstordens wurden aus dem österreichischen Exil des Königs heraus verliehen. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 146 Bild 17: Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr mit kurzem Bandstück. Das Band war orangegelb mit hellblauen Seitenstreifen, die bei dem vorliegenden Exemplar bereits stark verblasst sind. Quelle: Historisches Museum Hannover. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 147 Bild 18: Dienstzeichen für Hofbedienstete für 40 Dienstjahre am hellblauen Band des Guelphen-Ordens. Quelle: Privatsammlung. Bild 19: Allgemeines Ehrenzeichen für Zivilverdienst (Trägername HANNEMANN in den Rand graviert.) IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 148 Bild 20: Allgemeines Ehrenzeichen für Militärverdienst (Trägername SENNE in den Rand graviert.) Bild 21: Silberne Verdienstmedaille mit dem größeren Kopf des Königs Ernst August (Trägername mit Berufsbezeichnung und Rang: SECTIONS-KOMMANDANT 3.Kl. TREU.) 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 149 Bild 22: Waterloo-Medaille des Königreichs Hannover. Die Medaille trägt die Randinschrift: SOLDAT JOHANN MARHEINECKE, GRENADIER BATAILLON VERDEN. Der große Bandring war aus Eisen gefertigt und dementsprechend magnetisch, ebenso wie die Verbindungsklammer zwischen Medaille und Bandring. Bild 23: Die Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger. Die Medaille war aus Geschützbronze gefertigt und hatte keine Randinschrift. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 150 Bild 24: Langensalza-Medaille mit dem Trägernamen G. SCHWEERS II. Bei den Langensalza-Medaillen finden sich in der Randinschrift im Gegensatz zur Waterloo-Medaille keine Angabe mehr zum Truppenteil des Beliehenen. Bild 25: Silberne Wilhelms-Medaille mit dem Bild des Königs Wilhelm IV. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 151 Bild 26: Silberne Wilhelms-Medaille mit dem jüngeren Bild des Königs Ernst August. Bild 27: Wilhelms-Kreuz für 25 Jahre der Offiziere. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 152 Bild 28: Große Ordensschnalle eines vormals hannoverschen Soldaten, der später in preußische Dienste übertrat. Die silberne Wilhelms-Medaille (in der Mitte) zeugt davon, dass der Soldat mindestens 16 Jahre Soldat in der Armee des Königreichs Hannover war, bevor er vermutlich als unterer Charge eine Beamtenlaufbahn einschlug und hierfür das Allgemeine Ehrenzeichen für Zivilverdienst (rechts) erhielt. Später nahm er als Nichtkombattant am Deutsch-Französischen Krieg teil und bekam dafür die preußische Kriegsdenkmünze 1870/71 für Nichtkämpfer (links). Beim Allgemeinen Ehrenzeichen ist der Trägername OTTEMANN eingraviert. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 153 Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission Mit der umfangreichen Neuordnung des Auszeichnungssystems unter Ernst August von Hannover befasste man sich auch mit der Frage, wer für die neu gestifteten und auch bisher existenten Auszeichnungen den Geschäftsverkehr für In- und Ausländer wahrnehmen sollte. Der durch das Königreich Preußen beeinflusste und geprägte König nahm sich auch in dieser Frage das Nachbarkönigreich zum Vorbild. In einem „Patent, die Anordnung einer General-Ordens-Commission betreffen“ wurde am 29. Oktober 1841 bekannt gegeben, dass „Unsere General-Ordens-Commission, welche in Unserer Residenzstadt Hannover ihren Sitz hat, bereits in Wirksamkeit getreten ist“620. Wie in Preußen sollte die namensgleiche Behörde „die Geschäfte in Betreff Unserer sämmtlichen Königlichen Orden und Ehrenzeichen“621 abwickeln und wurde hierzu in vierköpfiger Besetzung bestellt. So bestand die erste Kommission namentlich aus dem Generalleutnant von dem Bussche, dem Generalmajor von Linsingen (gleichzeitig Generaladjutant des Königs), dem Hofmarschall von Malortie (Kammerherr und Reise-Marschall) sowie Dr. Brauer (Sekretär aus dem Königlichen Justiz-Ministerium). Letzterer war in der General-Ordens-Kommission mit der Wahrnehmung der Sekretariatsgeschäfte beauftragt.622 Die General-Ordens-Kommission blieb dem König unmittelbar unterstellt und bereitete ihm administrativ alle Vorschläge und Vorgänge zu Verleihungen von Orden und Verdienstauszeichnungen zur Entscheidung vor. Kriegsdenkmünzen und Dienstehrenzeichen waren aufgrund der hohen Verleihungszahlen von einer persönlichen Entscheidung des Königs ausgenommen. Hierfür wurden Verleihungsberechtigte von den militärischen Verbänden auf dem Dienstweg gemeldet. Bereits entlassene Soldaten konnten ihren Verleihungsanspruch über die Generaladjutantur geltend machen und nutzten als Nachweis üblicherweise die namentlichen Stärkelisten ihrer ehemaligen Regimenter. Lediglich in Fällen, in denen eine nachträgliche Verleihung beantragt oder ein Ersatzstück für ein verlorengegangenes Ehrenzeichen wurde, konsultierte man die General-Ordens-Kommission. Den Großteil der Reklamationen zu Orden und Ehrenzeichen machten die Anträge zu nachträglichen Verleihungen tragbarer Auszeichnungen aus. Für die vorliegende Arbeit wurden 115 dieser Anträge für verschiedene Orden und Ehrenzeichen gesichtet und ausgewertet, wobei die allermeisten von den Antragstellern selbst geschrieben wurden. Die Bittschriften kamen aus allen sozialen Schichten und dabei vorrangig von aktiven oder ehemaligen Soldaten, da vor allem die Teilnahme an einem Krieg oder langjährig erbrachte Dienste im Heer die Erwartungshaltung an eine sichtbare Auszeichnung förderten. Außerhalb des Militärs waren Verdienste, für die man eine Auszeichnung hätte einfordern können, nur schwer mess- bzw. ver- 2. 620 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 621 Ebd. 622 Vgl. Hof- und Staatshandbuch für das Königreich Hannover auf das Jahr 1844. Hannover 1844. S. 29. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 154 gleichbar. Die Reklamationen weisen in vielen Fällen eine ähnliche Struktur auf, wobei die Länge und Qualität vom Bildungsstand der Antragsteller abhingen. Üblicherweise wurde der König von Hannover direkt angeschrieben, nur im Ausnahmefall war den Bittstellern die General-Ordens-Kommission oder die General-Adjutantur als zuständige Behörde bekannt. Nach der Huldigung an den König, die im Übrigen an verschiedenen Stellen wieder aufgegriffen werden konnte, formulierten die Antragsteller zumeist ihren konkreten Wunsch, nämlich die Verleihung oder Wiederbeschaffung einer Auszeichnung. Dies wurde in der Folge oftmals sehr umfangreich argumentiert, was von der Darstellung der gesamten, teilweise jahrzehntelangen Dienstzeit reichte, bis hin zu detaillierten Beschreibungen einzelner Gefechtshandlungen. Hervorgehoben wurden dabei in der Regel das eigene tapfere Verhalten, erlittene Verwundungen oder der Lebenslauf, der sich an die militärische Dienstzeit anschloss. Aufgabe der Kommission war auch die öffentliche Bekanntgabe von Verleihungen. Dies betraf alle Orden und Verdienstauszeichnungen, die im Königreich verliehen wurden. Kriegsdenkmünzen und Dienstehrenzeichen waren wiederum ausgenommen. In einem Schreiben des Kabinett-Ministers vom 7. Februar 1843 wird die General-Ordens-Kommission hierfür als federführend festgelegt, und zwar auch wenn „die Decoration dem Beliehenen nicht unmittelbar von dort aus, sondern durch Vermittlung einer anderen Behörde zugestellt wurde.“623 Durch diese einheitliche Regelung wurde gewährleistet, dass eine Veröffentlichung trotz verschiedener Zuständigkeit stattfand und vermieden „daß etwa der Beliehene selbst aus den öffentlichen Blättern von der Verleihung Kunde erhalte.“624 Die öffentliche Nennung war ein wichtiger Bestandteil bei der Verleihung eines Ordens oder einer Verdienstauszeichnung und versprach wie die Dekoration selbst Prestige und Reputation im Sinne des symbolischen Kapitels. Während durch die Verleihungszeremonie, sofern sie denn stattfand, nur unmittelbare Anwesende von der Ehrung erfuhren, machte eine Veröffentlichung in der Tagespresse denjenigen landesweit oder gar über die Grenzen hinaus bekannt. Dies spielte vor allem bei der Vergabe der Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr eine große Rolle, da nur durch die Veröffentlichung der Handlung und der anschlie- ßenden Belohnung die Präsentation des Retters als Vorbild in größerem Maß gewährleistet werden konnte. In sogenannten Ranglisten wurden weiterhin in regelmäßigen Abständen die Namen aller Offiziere des hannoverschen Heeres veröffentlicht, mit dazugehöriger Dienststellung, Rang, Beförderungen und verliehenen Orden und Ehrenzeichen. Innerhalb des Offizierkorps, aber auch in der Öffentlichkeit waren dadurch Karriere und Ehrungen der Offiziere auf den ersten Blick und innerhalb der Vergleichsgruppe erkennbar. Aus Anfragen und schriftlichen Eingaben wurde die General-Ordens-Kommission im Laufe der Jahre auch auf zahlreiche Lücken in den Ordensstatuten oder Verleihungsbestimmungen aufmerksam gemacht, woraufhin auch Nachträge zu den Bestimmungen formuliert wurden. Einen solchen Fall gab es 1851 in Bezug auf die An- 623 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 624 Ebd. 2. Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission 155 zugsordnung. Damals kam die Frage auf, „auf welche Weise die Professoren der Landes-Universität und die Geistlichen, wenn sie in ihrer Amtskleidung, der Toga und dem Talare, erscheinen, den Guelphen-Orden zu tragen haben.“625 In den Statuten war ausdrücklich festgelegt, dass das Ritterkreuz und die vierte Klasse des Ordens im Knopfloch zu tragen waren. Da jedoch weder Toga noch Talar über ein Knopfloch verfügen, kam eben diese Frage auf. Hierzu wandte man sich an die preußische General-Ordens- Kommission, um zu erfahren, welche Regelung man in Preußen diesbezüglich getroffen hatte. Von dort aus hieß es, dass „die Kreuze der 3ten und 4ten Klassen [...] auf der Brust an dem Talar wie an Uniformen befestigt, getragen“ werden.626 Diese Bestimmungen waren zunächst nur für Angehörige des geistlichen Standes gedacht, jedoch auch von den Professoren von Hochschulen praktiziert. Daraufhin wurde diese Trageordnung noch im selben Jahr, nämlich am 17. Oktober 1851 per Nachtrag in die Ordensstatuten des Guelphen-Ordens aufgenommen.627 Auch Fragen bezüglich der Rangordnung bei Auszeichnungen wurden von der Kommission geklärt, was im Laufe der Jahre durch die vielen Neustiftungen und Erweiterungen vorkam. Der König selbst war sich nach der Stiftung des Ernst-August-Ordens nicht sicher, ob das Verdienstkreuz dieses Ordens Vorrang vor den Verdienstmedaillen hat oder nicht. Grundsätzlich wurde festgelegt, dass bei der Belohnung von Verdiensten mit Verdienstauszeichnungen mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen begonnen werden musste, um zur weiteren Anerkennung die Verdienstmedaillen als Steigerungsform verleihen zu können.628 Hier ergab sich das Problem, dass „bislang sehr viele Personen von aller Verleihung von Orden und Ehrenzeichen dadurch ausgeschlossen waren“629, weil sie gesellschaftlich zu weit hochgestellt waren, als dass sie die niedrigste Verdienstauszeichnung bekommen konnten. Daher legte die General-Ordens-Kommission am 24. April 1866 fest, „daß das Verdienst-Kreuz des Königlichen Ernst-August-Ordens solchen Personen zu verleihen ist, denen man nach ihrer äußeren Stellung eine Medaille nicht gut verleihen kann.“630 Damit war eine Art Quereinstieg in das Auszeichnungssystem möglich, der den Vorstellungen von gesellschaftlichem Rang des Beliehenen auch bei den Ehrenzeichen entsprechen sollte. Das Verdienstkreuz des Ernst-August- Ordens hatte somit den Vorrang vor den Verdienstmedaillen. Im Auftrag des Königs regelte die General-Ordens-Kommission auch den Einzug von Orden und Ehrenzeichen, wenn sie rückgabepflichtig waren oder wenn sich der Beliehene eines Vergehens schuldig machte, das mit dem Tragen einer Dekoration nicht vereinbar war. In den Ordensstatuten oder Verleihungsbestimmungen der jeweiligen Auszeichnung war festgehalten, ob die Dekoration aberkannt werden konnte, grundsätzlich war dies jedoch bei jeder Auszeichnung möglich. So stand etwa in den Statuten zum Ernst-August-Orden: „Sollte ein Ordens-Mitglied wider Erwarten eines Vergehens sich schuldig machen, so ist solches Uns von Seiten der General-Ordens-Com- 625 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 1705. 626 Ebd. 627 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3, Nachtrag 3, § 4. 628 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1503. 629 Ebd. 630 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 156 mission anzuzeigen und zu Unserer Königlichen Entscheidung zu verstellen, ob der Name eines solchen Mitgliedes in der Ordensliste zu streichen und die Ordens-Decoration ihm abzunehmen sein wird.“631 Auch für die Ehrenzeichen war eine mögliche Aberkennung geregelt. In einer Bekanntmachung des Kabinetts aus dem Jahre 1843 wurde beschlossen, dass „Sämmtliche Ehrenzeichen [...] in das Eigenthum der Empfänger übergehen“, diese aber „verlustig erklärt und zur Zurücklieferung der empfangenen Ehrenzeichen angehalten werden.“, sollte sich der Beliehene eines entehrenden Verbrechens schuldig machen oder auch nur wegen „schlechten Betragens“.632 Es oblag also dem Monarchen und Souverän eines Ordens, ob er einer Person einen Orden oder ein Ehrenzeichen aberkannte. Grundlage für diese Entscheidung war in der Regel die Verurteilung des Trägers durch ein Gericht, das „eine vollkommen legale Untersuchung geführt“ hat und diesen zu einer „Leibes- oder Lebensstrafe“ verurteilt hat.633 In der Handhabung der Aberkennung von Orden und Ehrenzeichen stimmten die Regularien im Königreich Hannover im Wesentlichen mit den preußischen Bestimmungen überein, die diesbezüglich bereits seit Jahrzehnten fester Bestandteil in den Statuten von tragbaren Auszeichnungen waren. Die Rechtsmittel müssen zum Zeitpunkt der Untersuchung und Vorlage durch die General-Ordens- Kommission beim König bereits ausgeschöpft gewesen sein.634 Der Autor Johann von Horn, der bereits 1823 ein Werk über den Guelphen-Orden publizierte, beschäftigte sich nicht nur ausgiebig mit der Frage der Aberkennung des Ordens, sondern auch mit dem Status der Ordensmitgliedschaft zwischen einer Anklageerhebung und der rechtskräftigen Verurteilung eines Beliehenen. Zu diesem Zeitpunkt gab es für den Guelphen-Orden jedoch kaum Beispiele für eine Aberkennung, da er kaum zehn Jahre existierte. So führte Horn verschiedene Erweiterungsstatuten preußischer und französischer Orden auf, die sich mit deren Aberkennung beschäftigten. So stellt Horn fest, dass im Jahre 1822 im Königreich Preußen eine Verordnung erlassen wurde, wonach „während des Arrestes der Gebrauch von ihm verliehenen Decorationen suspendiert seyn soll, daß also solange der Arrest dauert, Ordenszeichen nicht getragen werden dürfen.“635 Die Statuten des Guelphen-Ordens sagen hierzu jedoch nichts aus. Ebenso blieb die Frage ungeklärt, ob bei Aberkennung des Guelphen-Ordens auch Orden anderer Staaten zurückgegeben werden mussten, wenn der Träger denn mehrere besaß. Aus ordensrechtlicher Sicht sah Horn keine Grundlage für die Aberkennung und Einziehung ausländischer Orden durch den König von Hannover. Er könne lediglich die Trageerlaubnis für die fremdherrliche Dekoration entziehen, die er im Vorfeld gegeben hatte.636 Für die goldene Verdienstmedaille beschreibt Horn einen ganz konkreten Fall der Aberkennung und späteren Begnadigung des Beliehenen. Ein gewisser Rengstorff hatte diese Auszeichnung „wegen seines braven und patriotischen 631 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 632 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 633 Horn: Der Guelfenorden, S. 155. 634 Vgl. ebd. 635 Ebd., S. 157. 636 Vgl. ebd., S. 158. 2. Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission 157 Betragens, während der französischen Occupation“ erhalten und hatte „dann aber einen Fehler begangen [...] in Rücksicht dessen ihm die verliehene Medaille wieder aberkannt wurde.“637 König Georg IV. begnadigte Rengstorff jedoch zu einem späteren Zeitpunkt, und zwar „ohne daß von dem Ministerium in Hannover eine Vorstellung dazu gemacht wäre.“638, sodass dieser schließlich eine neue goldene Medaille mit seiner Namensgravur erhielt. Der Autor erwähnt in diesem Zusammenhang, dass in Ordensangelegenheiten solche Begnadigungen und Wiederverleihungen von Auszeichnungen nicht selten waren.639 In jedem Fall mussten die Orden und auch ein Großteil der Ehrenzeichen nach dem Ableben des Beliehenen zurückgegeben werden. Diese Rückgabepflicht war in den Statuten des Ordens bzw. in den Verleihungsbestimmungen geregelt und umfasste nicht die Verleihungsurkunde, die als Andenken bei den Angehörigen verbleiben durfte.640 Die Umsetzung der Rückgabe, sprich die Einforderung durch die General- Ordens-Kommission, war sehr umständlich. Wenn die Angehörigen eines verstorbenen Trägers die Rückgabepflicht nicht zufällig kannten und die Dekoration zurücksandten, musste die Kommission die Meldungen über verstorbene Träger recherchieren und auswerten, um dann die Angehörigen anzuschreiben. Hierzu wurden Ämter und Landdrosteien aufgefordert „der Königlichen General-Ordens-Commission alljährlich im Anfange des Monats April eine Nachweisung über die im Laufe des verflossenen Jahres etwa eingetretenen Veränderungen (Versetzungen, Pensionirungen, Todesfälle) in dem Personale derjenigen Weggeld-Einnehmer, Wegbauaufseher, Amtsdiener, Polizeidiener, Gemeindevorsteher oder Bauermeister, sowie bei den nicht im Königlichen Dienste stehenden oder gestandenen Personen (z.B. Hofbesitzer, Gewerbetreibende), welche mit einer Medaille bzw. dem allgemeinen Ehrenzeichen decorirt sind, von hieraus übersandt werden. [...]“641 Dass diese Meldungen nicht lückenlos vollzogen wurden und in der Folge nicht jede rückgabepflichtige Auszeichnung von den Angehörigen eines verstorbenen Beliehenen auch tatsächlich zurückgegeben wurde, überrascht wenig. Die General-Ordens-Kommission war schon personell nicht so umfangreich aufgestellt, als dass man den Schriftwechsel und die Recherche hierzu hätte bewerkstelligen können. Lediglich bei prominenten Bürgern, von deren Tod man auch durch die Zeitung erfahren konnte, war die Wahrscheinlichkeit von der Kenntnisnahme hoch. Die zahlreichen heutzutage erhaltenen Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover zeugen davon, dass letztlich nicht alle Dekorationen zurückgegeben wurden oder auch von Angehörigen als Erinnerung gekauft wurden. Eine Überreichung der Ordensstatuten an den Beliehenen wie man es in anderen Ländern praktizierte, um auch auf die Rückgabe des Ordenszeichens aufmerksam zu machen, fand zumindest bis in die zwanziger Jahre im Königreich Hannover nicht statt. Die General-Ordens-Kommission musste 637 Ebd., S. 191. 638 Ebd., S. 192. 639 Vgl. Ebd. 640 Vgl. Ebd., S. 153. 641 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74, Burgwedel Nr. 112. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 158 sich also größtenteils auf die freiwillige Rückgabe der Dekorationen verlassen, wie es z.B. im Jahre 1863 durch den Bruder eines Trägers des Guelphen-Ordens geschah. Dieser schrieb an die General-Ordens-Kommission: „Am 24ten d.M. November, abends 8 Uhr, starb hier mein Bruder, der Hauptmann a.D. Wilhelm Großschupff im Alter von 73 ¼ Jahren. Indem ich davon [...] Anzeige mache, berichte ich, daß derselbe die 4te des Königlichen Guelphenordens besaß, im Leben sich gern damit schmückte und nachließ. Irre ich nicht, dann sagte der Verstorbene, daß dieser Orden nach dem Tode zurückzugeben sei und auf diesen Fall offerire ich ihn hiermit und bitte unterthänig: [...] unter welcher Adresse ich denselben umgehend einsenden darf. [...]“642 Wesentlich leichter war es, die Rückgabe eines Ordens einzufordern, wenn der Beliehene mit einer höheren Klasse bedacht werden sollte. Die General-Ordens-Kommission hatte genaue Kenntnis darüber, welche Klasse eines Ordens ein Beliehener bereits hatte, um erneut ausgezeichnet zu werden, ggf. mit einer höheren Klasse. In diesem Fall verlieh man demjenigen eine höherwertige Klasse und forderte im Anschluss die Dekoration der niederen Klasse wieder zurück. Mitunter musste die Kommission sehr hartnäckig auf die Rückgabe drängen. So erhielt etwa der russische Collegien- Assessor Adrian von Fabricius im Jahre 1863 das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens und wurde im gleichen Zuge zur Rückgabe der zwei Jahre zuvor an ihn verliehenen vierten Klasse desselben Ordens aufgefordert.643 Erst nach wiederholter Aufforderung sei er dieser Pflicht schließlich nachgekommen. Für die im Ausland lebenden Träger von Auszeichnungen hatten die hannoverschen Behörden nur begrenzte Möglichkeiten eine Dekoration zurückzufordern, da sie sie dort in letzter Konsequenz nicht polizeilich konfiszieren konnten und stattdessen an das Ehrgefühl der Träger appellieren mussten. Neben den Aufgaben, die sich mit der Verleihung, Einziehung, Aberkennung und Neustiftung von Orden und Ehrenzeichen beschäftigten, sei auch noch die Zuarbeit zu wissenschaftlichen Projekten erwähnt. Im Jahre 1842 recherchierte der Publizist Ferdinand von Biedenfeld für eine Neuauflage seines zweibändigen Werkes Geschichte und Verfassung aller geistlichen und weltlichen, erloschenen und blühenden Ritterorden auch zu den hannoverschen Orden und Ehrenzeichen, weshalb er ein Gesuch an den König richtete und um die Zusendung der Statuten sowie zugehöriger Zeichnungen der Orden und Ehrenzeichen bat.644 Die Kommission koordinierte hierbei nach der Zustimmung des Königs die Zusammenfassung aller Statuten, Verleihungsbestimmungen und auch Zeichnungen mit der General-Adjutantur, in deren Besitz sich die Dokumente und Abbildungen für „das Wilhelmskreuz, die Wilhelms-Medaille und die beiden Kriegs-Denkmünzen für 1813 und für den Eintritt in die Legion“645 befanden. Bei Nichtverfügbarkeit einer Zeichnung empfahl die General-Ordens-Kommission sogar die Übersendung von Originalexemplaren samt zugehöriger Bänder der Auszeichnungen an Herrn von Biedenfeld. Die Verleihungsbestimmungen und Eh- 642 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48, Nr. 123. 643 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 45. 644 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 645 Ebd. 2. Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission 159 renzeichen wurden sodann an den Autor geliefert, sodass dieser seine Auflage um die neu gestifteten hannoverschen Ehrenzeichen erweitern konnte. Die General-Ordens-Kommission beendete mit der Annektierung Hannovers durch Preußen im Jahre 1866 ihre Arbeit. Die Bestände der Kommission an Orden und Ehrenzeichen wurden zunächst durch preußische Behörden beschlagnahmt und später jedoch an die Exilregierung König Georgs V. zurückgegeben. Wer ab 1866 die teilweise sehr umfangreichen Verleihungen hannoverscher Orden und Ehrenzeichen administrativ abwickelte und vor allem auf welche Weise dies geschah, geht bislang aus den Quellen oder der Forschungsliteratur nicht hervor. Ins Exil wurde der König von einer Reihe von Offizieren, hohen Beamten und Getreuen begleitet, die dort in begrenztem Maße Aufgabe einer „Exilregierung“ wahrnahmen. Ein Oberstleutnant von Klenck, der nach 1866 wegen seiner Kuriertätigkeit zwischen Wien und Schloss Marienburg bei Hannover sogar einmal von der preußischen Polizei verhaftet wurde646, wird zumindest in einigen Quellen aus der Exilzeit im Zusammenhang mit der Weiterverleihung von Auszeichnungen wie beispielsweise der Langensalza-Medaille647 oder der Wilhelms-Medaille namentlich genannt.648 Die General-Ordens-Kommission war eine Behörde, die aus dem zunehmenden Bedürfnis der Verleihung von Orden und Ehrenzeichen im Königreich Hannover erwachsen war und die ein außerordentlich umfangreiches Aufgabengebiet zu betreuen hatte. Dies betraf im Wesentlichen die Vorlage von Verleihungsentscheidungen beim König, die anschließende Umsetzung der Verleihung, aber auch die Durchsetzung von Sanktionsmaßnahmen bei Fehlverhalten eines Beliehenen, sowie den Rückgabeprozess von Auszeichnungen nach dem Tode. Die Kommission stand in enger Verbindung mit den Juwelieren und Medailleuren und war für die zeitgerechte und ausreichende Verfügbarkeit von Orden und Ehrenzeichen verantwortlich und hatte dabei auch den Aspekt der Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen. Konzeptionell wirkte diese Behörde schließlich auch bei der Neustiftung von Auszeichnungen, vor allem im Bereich der Statuten, mit und realisierte im Auftrag des Königs regelmäßige Anpassungen und Neuauflagen von Verleihungsbestimmungen. 646 Vgl. Keil, Ernst (Hrsg.): Die Marienburg und ihre Herrin. In: Die Gartenlaube. Heft 27 (1867), S. 421-424. 647 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103, Nr. 417. 648 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103, Nr. 414. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 160 Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. Bei der Verleihung eines Ordens oder eines Ehrenzeichens wurden dem Beliehenen verschiedene Bestandteile übergeben, die mit der Verleihung der Auszeichnung zusammenhängen. Dazu gehörte die Ordensdekoration oder die Medaille, bzw. das Kreuz, die von einem Juwelier oder Medailleur hergestellt wurden. Diese wurden mit dem in einer Bandweberei gefertigten Ordensband in einem Verleihungsetui übergeben, für dessen Anfertigung wiederum eine Buchbinderwerkstatt verantwortlich war.649 Für Massenauszeichnungen wie Kriegsdenkmünzen oder Dienstehrenzeichen kam allein aus Kostengründen die Ausgabe in einem Etui nicht in Betracht. Je höher die Auszeichnung in der Hierarchie angesiedelt war, desto aufwändiger und teurer waren dabei die Etuis gefertigt. Auch in Form dieses Materials wurde eine Art Wertschätzung kommuniziert und der Beliehene konnte seinen Stellenwert unter den Verleihungen erahnen. Zu jeder Dekoration gehörte darüber hinaus ein Besitzzeugnis oder eine Verleihungsurkunde, die für den Beliehenen einen rechtlichen Nachweis der Verleihung darstellten und die nach dem Tod des Beliehenen stets im Besitz der Angehörigen blieben, da durch die namentlichen Eintragungen auf den Urkunden eine Wiederverwendung der Dokumente nicht möglich war. Die Urkunden wurden in Druckereien im Akzidenzsatz hergestellt.650 So kam für die Vergabe einer Auszeichnung ein Beziehungsgeflecht von Herstellern und Zulieferern zum Tragen, das sich bei mehreren hundert oder gar tausend Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen pro Jahr als durchaus nennenswerter wirtschaftlicher Faktor auswirkte. Darüber hinaus konnte man bei Juwelieren auch Ersatzstücke für verlorengegangene Medaillen oder Ordenszeichen erwerben, ebenso wie Bänder oder Miniaturen, die sich aufgrund des besseren Tragekomforts großer Beliebtheit erfreuten. War ein Bürger im Besitz mehrerer Auszeichnungen, ließen sich diese bei einem Juwelier zu einer Ordensschnalle zusammennähen. Die Kosten für diese Zusatzleistungen musste der Beliehene selbst tragen. Heute noch erhaltene improvisierte Trageeinrichtungen mit selbstvernähten Bändern und Sicherheitsnadeln als Befestigung zeugen davon, dass sich bei weitem nicht jeder Veteran oder Träger einer staatlichen Auszeichnung sich diese Präsentationsform seiner Dekorationen leisten konnte oder wollte. Vor der Herstellung eines Ordenszeichens bzw. einer Medaille oder eines Kreuzes wurde durch die Statuten und Verleihungsbestimmungen dessen Aussehen festgelegt. Der König bestimmte die spezielle Form des Kreuzes, ggf. die Farbe der Emaillierung, Aufschriften, auch die Medaillons und die Arten der Überhöhung des Kreuzes. Die Fürsten anderer deutscher Staaten lieferten gar „von eigener Hand eine Ideenskizze mit“651 und überließen dem Hofjuwelier oder auch bekannten Architekten und Künstlern, wie etwa Karl Friedrich Schinkel im Fall des Eisernen Kreuzes, dann die 3. 649 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 229. 650 Vgl. ebd. 651 Ebd., S. 229. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 161 endgültige Formgestaltung.652 Danach fertigte die beauftragte Firma Probeexemplare an, die vom Souverän begutachtet und ggf. bestätigt wurden, wobei es auch in kleinen Details noch zu Änderungen kommen konnte. So fertigte der Medailleur Brandt aus Berlin im Mai 1840 einen Stempel zur Silbernen und Goldenen Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art mit dem Bildnis des Königs Ernst August von Hannover an. Dieser war mit seinem Porträt, bei dem Schnurr- und Backenbart des Königs nicht einander stoßen, offensichtlich nicht zufrieden, sodass Brandt „im September 1840 einen neuen Stempel vollendete, bei welchem Schnurr- und Backenbart zusammenstoßen.“653 Waren solche Feinheiten schließlich abgestimmt, konnte mit der Herstellung einer Fertigungsserie begonnen werden. Die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover wurden von vielen verschiedenen Medailleuren und Juwelieren hergestellt. Die Goldarbeiter Carl Zell (seit 1841) und Carl Büsch (seit 1863) waren offizielle Hofjuweliere, was jedoch nicht bedeutete, dass sie alleiniges Privileg bei der Herstellung und Lieferung hatten.654 Mit der Anfertigung des St. Georgs-Ordens wurden zum Beispiel zwei Juweliere beauftragt, nämlich Carl Zell in Hannover und die Firma Hossauer in Berlin. Letzterer konnte den Orden zu einem Gesamtpreis von 85 Reichstalern und 5 Mariengroschen anbieten, während Zell nur 74 Reichstaler und 20 Mariengroschen verlangte und deswegen der Hauptlieferant dieser Dekoration war, auch wenn bei Hossauer mindestens 12 Kreuze gekauft wurden.655 Ausländische Hersteller wurden immer wieder mit der Anfertigung von Orden und Ehrenzeichen beauftragt, so etwa die Firmen A LA GER- BE D’OR und Chabot aus Paris, die Firma Rundell Bridge & Rundell in London oder der Goldarbeiter Rothe und Neffe in Wien für den Guelphen-Orden.656 Häufig ließen sich diese Aufträge an ausländische Firmen auch vor dem Hintergrund politischer oder dynastischer Bündnisse erklären. So wurden die frühen Auszeichnungen Hannovers im Zuge der Befreiungskriege und auch danach in den zwanziger Jahren aufgrund der herrschenden Personalunion noch häufig in Großbritannien hergestellt, während die Dekorationen nach 1866 im österreichischen Exil gefertigt wurden. Der Guelphen-Orden war durch seine über fünfzigjährige Verleihungszeit sehr variantenreich, da er von bis zu zwölf verschiedenen Herstellern gefertigt wurde.657 Das Ordenszeichen, das in seiner Größe je nach Klasse unterschiedlich groß war, bestand aus einem nicht emaillierten Malteserkreuz mit Kugelspitzen. Die niedrigste Klasse war dabei aus Silber, alle höheren Klassen aus Gold gefertigt. Zwischen den Kreuzarmen befinden sich stehend seitwärts blickende Löwen, die zusammen mit dem weißen Sachsenross im rotemaillierten Medaillon gängige Symbole der Welfendynastie zum Ausdruck bringen.658 Der herschauende Löwe, der in der deutschen 652 Vgl. ebd. 653 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 15 und 16. 654 Vgl. ebd., Unterkapitel „Hersteller des Guelphen-Ordens, Kapitel 3. 655 Vgl. ebd., Kapitel 2. 656 Vgl. ebd., Unterkapitel „Anfertigung des Guelphen-Ordens, Kapitel 3. 657 Vgl. ebd. 658 Vgl. ebd. Abbildungen des Guelphen-Ordens 3.5 – 3.10. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 162 Heraldik auch als Leopard bezeichnet wird659, spielt sowohl auf das welfische Stammland des Fürstentums Lüneburg als auch das Herzogtum Braunschweig an, während das Sachsenross den Anspruch der Welfen auf eine Vorrangstellung im ehemals mittelalterlichen, sächsischen Raum bekräftigt.660 Im Medaillon des Guelphen-Ordens befand sich als blauemaillierter Schriftreif die Ordensdevise NEC ASPERA TER- RENT („Widrigkeiten schrecken nicht“), die gleichzeitig auch der Wahlspruch der Welfen gewesen war. Umgeben war dieser Schriftzug von einem grünemaillierten Lorbeerkranz, ein damals wie heute weit verbreitetes Symbol des Sieges, welches insbesondere vor dem Hintergrund des Sieges über Napoleon im Stiftungsjahr des Ordens 1815 als solches gedeutet werden kann. Die Rückseite des Medaillons zeigt in einem ebenfalls grünemaillierten Lorbeerkranz das hochpolierte Stiftungsdatum MDCCCXV als Schriftreif sowie die doppelt verschlungenen Initialen des Stifters „GR“ unter der Königskrone. Die Militärabteilung des Ordens ist an den beiden gekreuzten Schwertern zwischen den oberen Kreuzarmenden und der großen Königskrone unterhalb des Rings erkennbar.661 Im Vergleich zu anderen deutschen Orden wies der Guelphen-Orden auch in den höheren Klassen einen relativ großen Anteil an Edelmetallen in seiner Erscheinung auf, während etwa beim sächsischen Albrechtsorden, dem preußischen Kronenorden oder dem Orden der Württembergischen Krone der Anteil an Emaille überwog. Bei der Stiftung des zweiten hannoverschen Verdienstordens, dem Ernst-August-Orden fand in dieser Hinsicht, wohl auch aus Kostengründen, eine Anpassung statt. Der im Jahre 1865 von König Georg V. gestiftete Orden zeigt nämlich ein weißemailliertes Malteserkreuz, bei dem nur noch die Kugelspitzen, die Kronen zwischen den Kreuzarmen und schließlich die Kreuzkanten aus Gold bzw. Silber bestehen.662 Das Motto des Ordens lautete SUSPICERE ET FINIRE („In Angriff nehmen und zu Ende führen“) und befindet sich als Schriftreif im Medaillon, indessen Mitte die verschlungenen Initialen des Namenspatrons König Ernst August „EA“ zu lesen sind. Auf der Rückseite des Medaillons befinden sich wiederum die Initialen des Stifters König Georg V „GRV“, umgeben von einem Schriftreif mit dem Stiftungsdatum DEN. XV. DE- CEMBER. MDCCCLXV. Der grundsätzliche Aufbau beider Verdienstorden ist sehr ähnlich, was etwa die Form des Malteserkreuzes angeht, als auch die Gestaltung der Medaillons mit Stiftungsdatum und Initialen der Stifter und zuletzt der Platzierung eines Herrschaftssymbols zwischen den Kreuzarmen. Der wesentliche Unterschied liegt in dem Verhältnis zwischen Emaille und Gold bzw. Silber in der Gestaltung des Ordenszeichens, was neben den Kostengründen auch mit der Erkennbarkeit als Orden zu tun haben mag. Emaille war seit der Mitte des 19. Jahrhundert das Material, an dem ein Orden in Unterscheidung zum Ehrenzeichen ganz eindeutig zu erkennen war. 659 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 50. 660 Vgl. ebd. 661 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.1. ff. 662 Vgl. ebd, Kapitel 4. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 163 Die Auszeichnungsmedaillen des Königreichs Hannover waren in ihrem Aufbau und der symbolischen Ausgestaltung grundsätzlich sehr ähnlich beschaffen. Die beiden ersten gestifteten Medaillen, die Guelphen-Ordens-Medaille und die Verdienstmedaille, geben diese exemplarische Form vor, die bei der Schaffung der meisten nachfolgenden Medaillen beachtet wurde. Den Stempel für eine Medaille, also die Vorlage durch die hunderte oder gar tausende Medaillen gleichen Typs geprägt wurden, fertigte ein Stempelschneider an. Oftmals befand sich eine Signatur dieses Medailleurs auf der Vorderseite des Stempels, etwa am Rand oder im Halsabschnitt des Porträts. Bei der Guelphen-Ordens-Medaille wurde sogar die Vorder- und die Rückseite des Stempels jeweils von einem anderen Stempelschneider geschnitten, nämlich von Wyon aus London und Loos aus Berlin.663 Die Vorderseite der silbernen Medaille zeigt den nach rechts gewandten Stifter Georg IV. in einer antiken Darstellung mit Siegeskranz. Diese Stilisierung ist sehr ungewöhnlich für die Zeit der Befreiungskriege. Lediglich Napoleon wurde auf der Sankt Helena-Medaille, der offiziellen französischen Kriegs-erinnerungsmedaille für die Kriege bis 1815 von 1857, und im Medaillon des Ordens der Ehrenlegion mit dem Lorbeerkranz auf dem Kopf dargestellt. Au- ßerdem findet man eine solche Darstellung des österreichischen Kaisers Franz-Josef I. auf der Denkmünze für die Tiroler Landesverteidiger 1849 und 1866, der Prager Bürgerwehrmedaille 1866 und der Kriegsmedaille 1873. In beiden Fällen lässt sich die Darstellung wohl mit dem Anspruch auf ein Weltreich begründen, wie man es im Römischen Reich der Antike idealisiert sah. Auch die englische und hannoversche Waterloo-Medaille, die ebenfalls von Georg IV. gestiftet wurde, zeigt den Regenten in dieser antiken Darstellungsweise, wobei der er auf der englischen Medaille nach links schaut. Interessant ist, dass bei den hannoverschen Ehrenzeichen mit dem Bildnis Georgs IV. die cäsarische Darstellung durch die Andeutung einer Toga unterhalb des Halses sogar noch hervorgehoben wurde.664 Die Darstellungen seiner Nachfolger als Könige von Hannover verzichteten auf den Bezug zur Antike. Üblich war das nach rechts gerichtete Konterfei des jeweiligen Königs mit Ausnahme der Langensalza-Medaille von 1866. Auf dieser schaut König Georg V. ausnahmsweise nach links. Ob dieser Veränderung eine besondere Bedeutung innewohnt oder ob der Medailleur Jauner aus Wien die Blickrichtung ohne Bedacht wählte, bleibt unklar. Der Stempel mit den entsprechenden Porträts der Herrscher wurde bei allen zutreffenden Ehrenzeichen regelmäßig geändert, wobei eine Änderung nicht automatisch mit dem Regierungsantritt eines neuen Königs vorgenommen wurde. So verlieh man zu Beginn der Regierungszeit König Wilhelms IV. noch mindestens ein weiteres Jahr die Verdienstmedaillen mit dem Bildnis Prinz-Regent Georgs.665 Unter König Georg V. wurden sogar sämtliche Medaillen (Verdienstmedaillen, Wilhelms-Medaillen, Goldene Ehren- Medaille für Kunst und Wissenschaft und Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr) mit dem Porträt seines Vorgängers weiterverliehen. Eine Veränderung des Stempels 663 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10.2. 664 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Darstellungen 3.10., 5.1. und 5.2. im Bilderteil am Ende des Werkes. 665 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 12 und 13. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 164 wurde unter ihm zu keinem Zeitpunkt veranlasst. Dagegen wurde in der Regentschaft von Ernst August bei der Goldenen und Silbernen Verdienstmedaille gleich dreimal der Stempel mit seinem Bildnis verändert. Unterschieden wird hier der „kleinere Kopf “ (verliehen 1841-46), der „jüngere Kopf “666 sowie der „größere Kopf “ (1846-66, sowie darüber hinaus im Exil verliehen).667 Wesentliche Unterschiede in der äußeren Erscheinung der Köpfe sind vor allem im Haar- und Bartwuchs des Regenten zu finden, so auch bei der Goldenen Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft zweiten Typs, die die älteren Gesichtszüge von Ernst August zeigt, mit starkem Backenbart und herabhängendem Schnurrbart im Gegensatz zum geschwungenem Schnurrbart des ersten Typs.668 Das 1841 gestiftete Allgemeine Ehrenzeichen in den Abteilungen für Militärverdienst und für Zivilverdienst zeigt dagegen kein Porträt des Stifters, sondern lediglich die ineinander verschlungenen Initialen des Stifters „EAR“ mit der darüber befindlichen hannoverschen Königskrone. Auf der Rückseite der Medaille befindet sich die jeweilige Zweckinschrift KRIEGER / VERDIENST (für Militärangehörige) bzw. VER- DIENST / UMS / VATERLAND (für Zivilisten). Letztere Inschrift ist von einem Eichenkranz umgeben, während das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst auf der Rückseite den bei militärischen Ehrenzeichen häufig vorkommenden Lorbeerkranz zeigt. Der Verzicht auf ein Konterfei des Königs bot den Vorteil, den Medaillenstempel länger nutzen zu können und nicht mit dem Regierungsantritt eines neuen Monarchen ändern zu müssen. Allerdings konnte das Fehlen des Konterfeis bei einer Medaille auch ein Anzeichen für die gesellschaftliche Stellung des Beliehenen sein. Die niedrigsten Verdienstauszeichnungen einiger deutscher Staaten trugen anstelle eines Portraits des Herrschers nur dessen Initialen, so etwa das preußische Allgemeine Ehrenzeichen, die preußische Kriegerverdienstmedaille, die vorrangig an niedere Chargen befreundeter Armeen zur Verleihung kam, die Verdienstmedaille des Fürstentums Reuß, die sächsische Friedrich-August Medaille oder auch die Ehrenmedaillen der beiden Fürstentümer Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt. Anhand von konkreten Quellen lässt sich die Absicht, den sozialen Status eines Beliehenen über die Gestaltung der Vorderseite einer Medaille hervorzuheben, jedoch nicht belegen. Bei den beiden Kriegsdenkmünzen Hannovers für die Befreiungskriege wurde ebenfalls auf ein Porträt verzichtet. Sie zeigen stattdessen jeweils ein Tatzenkreuz, das sich allerdings in der äußeren Form voneinander unterscheidet, mit den mittig geprägten Initialen des Stifters „EAR“. Die Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger zeigt ein etwas breiteres Kreuz, das an die Form des Eisernen Kreuzes von 1813 erinnert. Dieses Symbol fand auch außerhalb des Königreichs Preußen bei der Gestaltung von Ehrenzeichen und Kriegsdenkmünzen ab 1813 in teilweise abgewandelter Form immer wieder Anwendung, so etwa beim Ehrenkreuz 666 Für diesen Typ wird bei Thies/Hapke kein Verleihungszeitraum angegeben. 667 Vgl. ebd., Kapitel 12 und 13. 668 Vgl. ebd., Kapitel 17. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 165 für die Offiziere der Linie (Freie Stadt Frankfurt), dem Ehrenkreuz für die Feldzüge 1814 und 1815 (Fürstentümer Reuß) oder auch dem Feldzugskreuz 1813-1815 (Herzogtum Anhalt-Dessau). So gewann das Symbol überregionale Bedeutung, was die Erinnerung an die militärischen Siege der Jahre 1813-15 angeht. Die hannoversche Kriegsdenkmünze für die bis zum Abschluß des Ersten Pariser Friedens 1814 freiwillig in die Königlich-Großbritannisch-Deutsche Legion eingetretenen Krieger669 weist dagegen ein in der Zeichnung etwas schlanker gehaltenes Kreuz auf. Hier wäre ein Bezug zum britischen Georgskreuz denkbar, das eine jahrhundertelange Tradition vorweist und dessen ähnliche Form beispielsweise bei der gleichnamigen, im Jahre 1940 gestifteten britischen Tapferkeitsauszeichnung oder der Flagge Maltas Verwendung findet. Hinweise auf diese mögliche Intention oder auf den Grund, warum die Kreuze auf den Kriegsdenkmünzen überhaupt unterschiedlich gestaltet wurden, liegen nicht vor. Dafür ergibt sich bei den beiden Kriegsdenkmünzen Hannovers eine andere materielle Besonderheit. Die Medaillen waren nämlich aus der Bronze eroberter französischer Geschütze gefertigt.670 Diese Art der Herstellung war einerseits sehr kostengünstig, da das Material nicht mehr gekauft werden musste, sondern bereits vorhanden war und nur noch eingeschmolzen wurde. Weiterhin hatte das Material durch die Wiederverwertung der Kanonen einen hohen symbolischen Wert. Die Veteranen hatten dadurch die Möglichkeit, ihre Kriegserinnerungen fassbar, ja regelrecht berührbar zu machen, da die Medaillen durch das Material wie sie selbst im Krieg zugegen waren. Marian Füssel beschreibt diese Form der „Einverleibung der Erinnerung“671 auch im Zusammenhang mit der Schlacht von Waterloo, als sich noch Jahre nach dem Krieg die Zähne der getöteten Soldaten dieser Schlacht als Zahnersatz großer Beliebtheit erfreuten672 oder auch nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, als Granatsplitter und Kanonenkugeln zu Souvenirs verarbeitet wurden und so den Status einer Reliquie der Reichseinigung erreichten. Die ursprüngliche Idee zur Verarbeitung von Geschützbronze für Ehrenzeichen hatte man in Preußen. Die hier gestifteten Kriegsdenkmünzen 1813-15 waren aus eben jenen erbeuteten französischen Kanonen geprägt worden und hatten zur Kennzeichnung die Randschrift AUS EROBERTEM GESCHÜTZ vertieft eingeprägt.673 Andere deutsche Staaten folgten dieser Herstellungsvariante, so etwa die Fürstentümer Reuß mit dem Ehrenkreuz für die Feldzüge 1814 und 1815 (1814), das Herzogtum Braunschweig mit der Waterloo-Medaille (1818) das Kurfürstentum Hessen- Kassel mit der Kriegsdenkmünze 1814-1815 (1821), das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin mit der Kriegsdenkmünze 1808-1815 (1841) sowie schließlich das Königreich Hannover mit den beiden genannten Kriegsdenkmünzen, ebenfalls im Jahr 1841. Eine Randinschrift mit dem Hinweis auf die Geschützbronze, wie es die preußischen Medaillen hatten, gab es bei den hannoverschen Ehrenzeichen jedoch nicht. Des Weiteren bleibt auch die Frage offen, wo die Geschütze für die Prägung der Me- 669 Vgl. Hessenthal/Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 147. 670 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. 671 Füssel: Waterloo 1815, S. 102. 672 Vgl. ebd. 673 Vgl. Hessenthal/Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 369. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 166 daillen herkamen. Angesichts der Tatsache, dass beide Kriegsdenkmünzen Hannovers mehrere tausend, wenn nicht sogar zehntausend Mal zur Verleihung kamen, muss doch eine große Anzahl französischer Geschütze zur Verfügung gestanden haben. Ob sich diese Geschütze vollständig in hannoverschem Besitz befanden oder ob erbeutete französische Geschütze von anderen Ländern gekauft werden mussten, darüber gibt es in der Forschungsliteratur bisher keine Hinweise. Bei der überwiegenden Zahl der Verdienstmedaillen und auch einigen Kriegsauszeichnungen des Königreichs Hannover waren darüber hinaus die Namen der Träger in den Medaillenrand graviert. Diese Personalisierung der Ehrenzeichen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, so etwa bei der Waterloo-Medaille und Rettungsmedaille des Herzogtums Braunschweig674, der Kriegsdenkmünze für 1808-1815 des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin675, der Militär-Verdienstmedaille des Fürstentums Schaumburg-Lippe von 1850 oder auch dem Allgemeinen Ehrenzeichen des Großherzogtums Hessen in den ersten Jahren seiner Ausgabe.676 In Hannover fand die Prägung der Namen in den Medaillenrand nicht nur vereinzelt, sondern systematisch bei den folgenden Ehrenzeichen statt677: – Guelphen-Ordens-Medaille (Dienstgrad, Name und Truppenteil des Beliehenen) – Waterloo-Medaille (Name, Dienstgrad und Truppenteil) – Goldene und Silberne Verdienstmedaille (Stand bzw. auch Beruf, Name, manchmal der Wohnort) – Allgemeines Ehrenzeichen für Zivil-, bzw. Militär-Verdienst (Vor- und Zuname, Beruf oder Dienstgrad) – Goldene Wilhelms-Medaille (Vor- und Zuname, manchmal der Dienstgrad) – Goldene und Silberne Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art (Name) – Goldene Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft (Name und ggf. akademischer Grad) – Verdienst-Medaille für Rettung aus Gefahr (Name) – Langensalza-Medaille (Vor- und Zuname) Diese Namensgravuren stellten eine besondere Beziehung zwischen dem Beliehenen und dem Ehrenzeichen her. Der Träger wurde so zu einem haptischen Element der Medaille, genau wie es das Porträt des Königs war oder die Zweckinschrift auf der jeweiligen Rückseite. Der Beliehene und die Dekoration waren also nicht mehr beliebig austauschbar, sondern einander zugeordnet, auch über den Tod des Trägers hinaus. Insbesondere aus heutiger Sicht tritt die Auszeichnung als bloßes Artefakt aus ihrer Anonymität heraus und lässt sich mit ihrem Träger in ganz konkrete Verbindung setzen. Bei höherrangigen Beliehenen oder auch wenn der Herkunftsort noch eingraviert wurde, lassen sich heutzutage durchaus Recherchen über die Person anstellen, was die Medaille zu einem besonderen Forschungsobjekt macht. Nachteil der Gravu- 674 Vgl. Finkam: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen, S. 7ff. 675 Vgl. Hessenthal/Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 243. 676 Vgl. Ebd., S. 164. 677 Vgl. ebd., Kapitel 3 – 20. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 167 ren waren übrigens die zusätzlichen Kosten der Prägungen und die aufwändige Wiederverwendung der Medaillen. Auch sehr gut erhaltene, rückgabepflichtige Ehrenzeichen konnten wegen der Namensgravur nicht ohne weiteres weiterverliehen werden. Sie mussten eingeschmolzen, neu geprägt und mit einer Gravur versehen werden. Sollte ein Beliehener seine Auszeichnung verloren haben, so war es möglich, sich eine Ersatzmedaille bei einem Medailleur anfertigen zu lassen. Die Kosten für die Prägung und die Gravur hatte der Betreffende dann selbst zu zahlen.678 Ebenso wie bei den Ordenszeichen und Medaillen folgte auch die Gestaltung der dazugehörigen Bänder Traditionslinien, die über Jahrzehnte immer wieder aufgegriffen wurden. Im Deutschland-Katalog 2007/2008 Orden & Ehrenzeichen 1800-1945 von Jörg Nimmergut werden für das Königreich Hannover mit allen Ordensklassen, Modellen und Typen 62 Auszeichnungen angegeben, davon waren lediglich die Medaille für die Verteidigung Gibraltars679 sowie die Silberne und Goldene Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art680 nicht tragbar. Für alle anderen Orden und Ehrenzeichen gab es nur sieben unterschiedliche Farbkombinationen für die Bänder, wobei sich diese auch bei gleichen Farben noch durch verschiedene Abmessungen voneinander unterschieden. Weiße Bänder mit gelben Seitenstreifen kamen bei den beiden 1841 gestifteten Kriegsdenkmünzen für 1813, dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Militärverdienst und der Langensalza-Medaille von 1866, also ausschließlich militärischen Auszeichnungen, zur Verleihung. Die Farben Gelb und Weiß gehen wahrscheinlich auf traditionelle Uniformbestandteile, wie etwa Hutschnüre und Schärpen, der hannoverschen Armee zurück und haben somit auch einen militärischen Hintergrund.681 Als Landesfarben wurden sie erst im Jahre 1821 anlässlich des Besuches von König Georg IV. in Hannover festgelegt.682 Dies würde auch erklären, warum beispielsweise das Band der 1817 gestifteten Waterloo-Medaille, die ja ebenfalls eine militärische Auszeichnung war, noch nicht die Farben Gelb und Weiß zeigt. Für Monarchien waren nur zwei Landesfarben üblich, da man sich der Tradition der Dreifarbigkeit, die bei Republiken und demokratischen Bewegungen zum Tragen kam, auch äu- ßerlich bewusst entgegenstellen wollte.683 Die zunächst kaum beachteten neuen Landesfarben erlangten erst mit der Thronbesteigung König Ernst Augusts zunehmende Popularität. Vor allem die Aufhebung der Personalunion mit Großbritannien und die damit einhergehende Eigenständigkeit des Königreichs Hannover führten zu einer identitätsstiftenden Wirkung der Landesfarben Gelb und Weiß und deren vermehrte Erscheinung in der Öffentlichkeit: „Auf seine Anordnung hin wurden Grenzpfähle, Schlagbäume, Fahnenstangen und andere Hoheitszeichen gelb und weiß gestrichen, und 678 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 212. 679 Genaugenommen handelt es sich dabei nicht um eine Auszeichnung des Königreichs Hannover, da die Medaille 1785 durch König Georg III. von Großbritannien, der in Personalunion auch Kurfürst von Hannover war, gestiftet wurde. Vgl.: Poten, v.: Die althannoverschen Überlieferungen des Infanterie-Regiments von Voigts-Rhetz (3. Hannoversches) Nr. 79. Berlin 1903. S. 36f. 680 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 15 und 16. 681 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 51. 682 Vgl. ebd. 683 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 168 schon bald setzte sich diese Farbgebung auf allen Gebieten der öffentlichen Festschmückung und der Darstellung staatlicher Souveränität durch.684 Auch nach 1866 wurden die Farben Gelb und Weiß auf dem Territorium des ehemaligen Königreiches Hannover weiterverwendet. Im Jahre 1882 wurden sie zu offiziellen Farben der preußischen Provinz Hannover und auch heutzutage haben sie diesbezüglich noch einen militärischen Bezug, so findet man die Farben beispielsweise auch im Wappen der 1.Panzerdivision, deren Stab bis 2015 in Hannover stationiert war und seitdem in Oldenburg beheimatet ist. Ein anderes Band, das bei verschiedenen hannoverschen Orden und Ehrenzeichen zur Verleihung kam, war das rote Band mit blauen Seitenstreifen. Dieses kam bei der Waterloo-Medaille, dem Wilhelmskreuz, den Wilhelmsmedaillen und dem Ernst-August-Orden zur Verwendung. Ursprünglich wurde so ein Band zu mehreren britischen Kriegsaus-zeichnungen verliehen, so etwa bei der Military General Service Medal (1793-1814), dem Army Gold Cross und der Army Gold Medal (jeweils 1806-1814) und der Waterloo-Medal (1815). Über die Waterloo-Medaille, die ja zwei Jahre später vom selben König auch für Hannover gestiftet wurde, gelangte dieses „Militärband“ in das Auszeichnungssystem des Königreichs. Mit der militärischen Tradition der Farben Rot und Blau wurde dann erst durch die Stiftung des Ernst-August-Ordens im Jahre 1865 gebrochen. Dieser Orden wurde nämlich übergreifend für Militär- und Zivilverdienste verliehen. Ein hellblaues Band kam für die Klassen des Guelphen-Ordens zur Verleihung, einschließlich der dem Orden angeschlossenen Guelphen-Ordens-Medaille und der Verdienstmedaillen in Silber und Gold. Eine konkrete Verbindung zu Großbritannien lässt sich nur sehr schwer nachweisen. Zwar gab es mit dem 1783 gestifteten britisch-irischen Order of Saint Patrick einen Orden, der ein hellblaues Band hatte und dessen Ritter eine hellblaue Robe trugen, jedoch sind blaue Bänder so häufig für Orden verwendet worden, dass sich hier eine mögliche Traditionslinie nicht mit Bestimmtheit verfolgen lässt, obwohl König Ernst August von Hannover auch Ritter dieses Ordens war. Alle anderen Bänder von hannoverschen Auszeichnungen waren Farbkombinationen, die vermutlich nur zur Unterscheidung von den bereits genannten gewählt wurden, wie etwa beim Band für die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr (blau/orange), dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Zivilverdienst (schwarz/gelb/weiß) oder der Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art (dunkelblau). Durch die Bänder ließen sich die Orden und Ehrenzeichen Hannovers durchaus in eine Systematik einordnen. So war ein militärisches Ehrenzeichen durch die gelb-weiße oder rot-blaue Farbe des Bandes als solches erkennbar, ebenso eine Verdienstauszeichnung durch das hellblaue Band. Des Weiteren erleichterten die farbigen Bänder auch die Identifikation der Auszeichnungen, denn die meisten Medaillen zeigten auf der für jedermann sichtbaren Vorderseite das Porträt des Regenten. Die Zweckinschrift, die die Art der Auszeichnung definierte (z.B. FÜR RETTUNG AUS GEFAHR oder VERDIENST UMS VATERLAND), befand sich dagegen auf der Rückseite, die für den Betrachter ja nicht zu sehen war. 684 Ebd. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 169 In den Memoiren des ehemaligen hannoverschen Veteranen Friedrich Freudenthal aus dem Jahre 1895 lässt sich dieser Wiedererkennungswert sogar exemplarisch nachweisen. Freudenthal erinnert sich dabei an einen Waterloo-Veteranen zurück, dem er regelmäßig im dörflichen Milieu seiner Kindheit begegnet war: „...und noch oft sehe ich ihn im Geiste vor mir, wie einst in seiner dürftigen Behausung, oder ich sehe ihn in der kleinen Dorfkirche auf gewohntem Platze, wo er allsonntäglich zu sitzen pflegte in verschlissenem, ärmlichen Gewande zwar, aber mit der silbernen Waterloo-Medaille am blau-rothen Bande auf der Brust.“685 Neben der silbernen Medaille sind es die Farben des Bandes, die ausdrücklich genannt werden und die dem Erzähler auch nach Jahrzehnten noch immer in Erinnerung geblieben sind. Doch nicht nur die Bänder, auch die Orden und Ehrenzeichen wiesen in ihrer äußeren Gestaltung Merkmale auf, die in den zahlreichen über Jahrzehnte erfolgten Neustiftungen immer wieder aufgegriffen wurden und sich zu Traditionen verdichteten. Diese ikonographischen Gemeinsamkeiten sorgten für einen hohen Wiedererkennungswert innerhalb der Gruppe der Beliehenen und auch der Bevölkerung, was für den ideellen Wert einer Auszeichnung von großer Bedeutung war. So gewann sie über Generationen hinweg großes Ansehen und Prestige, sodass sowohl der Souverän als auch der Beliehene schließlich Nutznießer im Prozess des Auszeichnens waren.686 685 Freudenthal: Erinnerungen, S. 9. 686 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 177ff. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 170 Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. Dass die militärischen Ereignisse, die im Juni 1815 in verschiedenen kleinen Ortschaften südlich von Brüssel auf einer Fläche von etwa 30 Quadratkilometern stattfanden, sich im Laufe von 200 Jahren zu einem europäischen Mythos unter der Bezeichnung Schlacht von Waterloo verdichteten, ist in der modernen Geschichtswissenschaft umfangreich beschrieben worden. Die unmittelbar nach der Schlacht einsetzende kulturelle Reproduktion des Ereignisses führte zu einem regelrechten „Sakralisierungs-prozess“687, der teilweise bis heute anhält. Während die Erinnerungskultur dabei von verschiedenen Medien, wie etwa Denkmälern, Gemälden, Straßennamen oder Literatur in anonymer Art und Weise lebendig gehalten wurde und wird, boten tragbare Erinnerungsmedaillen neben Zeitzeugenberichten die Möglichkeit, eine persönliche Zuordnung zwischen den militärischen Ereignissen und dem Teilnehmer der Schlacht herzustellen. Der Veteran erhielt also durch sein Ehrenzeichen den nach außen hin für jeden erkennbaren staatlichen Nachweis, dass er als Soldat an der Schlacht von Waterloo teilgenommen hatte. Welche Wirkung das auf seine soziale Umgebung haben konnte, zeigen einmal mehr die Memoiren des Friedrich Freudenthal. Die beiden „Waterlooer“ im Dorf seiner Kindheit sind dem späteren niederdeutschen Heimatschriftsteller gut in Erinnerung geblieben: „Ich besuchte den alten Vater Hans Jürgen W. [...] in seinem kleinen ärmlichen Altentheilstübchen, das er mit seiner auch schon betagten Ehegenossin bewohnte. [...] Er wandte bei seinen Erzählungen nicht die geringsten rednerischen Kunstfertigkeiten oder Gesten an, wie man sie selbst bei Erzählern aus dem Volke häufig findet [...] und doch, wie wirksam waren die einfachen Schilderungen der blutigen Kämpfe in jenen ruhmreichen Tagen von Quatrebras und Waterloo.“688 Trotz des niedrigen sozialen Status des alten Veteranen, der ja sonntäglich nur „in verschlissenem, ärmlichen Gewande“689 in der Kirche saß, genoss er dennoch großes Ansehen beim Erzähler – durch seine silberne Waterloo-Medaille, die er trug: „Noch andere alte Veteranen, von der Göhrde und Waterloo, lernte ich in meiner Jugend kennen, ja sogar ein alter Legionär war darunter, der die Feldzüge in Spanien und Portugal mitmachte. Sie alle trugen durch ihre Erzählungen dazu bei, daß das Vaterlandsgefühl in mir mächtig erstarkte und später in meinem ganzen Lebensgange stets eine vorherrschende Stellung behauptete.“690 Sicherlich sind diese Beschreibungen auch vor dem Hintergrund der Veröffentlichung Freudenthals zu sehen, denn diese konzentriert sich ja auf seine Erlebnisse als Soldat im Krieg gegen Preußen 1866. Die Schilderungen eines Veteranen aus den Befreiungskriegen bieten ein geeignetes Mittel, um Traditionslinien hannoverscher Militärgeschichte aufzuzeigen und Legitimation zu begründen. Dennoch prägten diese 4. 687 Vgl. Füssel: Waterloo, S. 97. 688 Freudenthal: Erinnerungen, S. 7f. 689 Freudenthal: Erinnerungen, S. 9. 690 Ebd. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 171 Veteranen über Jahrzehnte das Bild der Befreiungskriege und speziell der Schlacht von Waterloo vor allem in ländlichen Gegenden, in denen die Kultur der mündlichen Erzählung noch besonders stark ausgeprägt war. Das Königreich Hannover hatte mit 13.000 Soldaten der regulären hannoverschen Armee, sowie weiteren 6.000 Angehörigen der King’s German Legion einen großen Anteil der Truppen, die bei Waterloo gekämpft hatten.691 Mit der Verteidigung des Meierhofes La Haye Sainte durch etwa 400 Mann der Legion unter der Führung von Oberst Georg Baring waren sie darüber hinaus an einem Kampf beteiligt, der nach dem Krieg große Bekanntheit erlangte und zu einem regelrechten Mythos stilisiert wurde.692 Die Hannoveraner hatten dabei am 15. Juni 1815 auf dem Hof einer immer wieder angreifenden französischen Übermacht standgehalten und zählten am Ende des Tages nur noch 42 Soldaten.693 Als die Munition schließlich zur Neige ging, kämpften sie mit aufgepflanztem Bajonett und mussten La Haye Sainte letztlich den Franzosen überlassen.694 Der Umstand, dass der Hof so lange gehalten werden konnte, wurde jedoch seit der Schlacht stets höher gewertet als die Eroberung durch die Franzosen, was den Mythos dieses Gefechts begründet. Brendan Simms beschreibt die Motivation der verteidigenden Soldaten als eine Mischung aus „ideologischer Opposition zu Napoleons Tyrannei, dynastischer Loyalität zum König von England, deutschem Patriotismus, Kameradschaft im Regiment, persönlichen Freundschaften und Berufsethos.“695 Hannoveraner waren also in besonderem Maße Teil des Mythos von Waterloo, nicht zuletzt durch die Erinnerung an die Kämpfe von La Haye Sainte, die durch den ehemaligen Kommandeur Georg Baring nach 1815 lebendig gehalten wurde.696 Dieser Mythos musste zwangsläufig große emotionale Wirkung auf die Veteranen und deren soziales Umfeld gehabt haben. Noch im Jahre 1863 forderte ein alter Waterloo-Veteran namens Heinrich Beckmann geradezu flehentlich ein Ersatzexemplar der ihm gestohlenen Waterloo-Medaille: „...da im Preußischen die Brust sämtlicher alter Krieger mit einer Medaille geschmücket ist, habe ich keinen sehnlicheren Wunsch als wieder in Besitz derselben zu gelangen [...]“697 Warum der hannoversche Veteran gerade in diesem Jahr nach einer Ersatzmedaille fragte, obwohl ihm sein Originalexemplar nach eigener Aussage bereits Jahre zuvor gestohlen wurde, lässt sich leicht erklären. Der Hufschmied Beckmann lebte in Preu- ßen und im Jahre 1863 fanden hier nicht nur große Jubiläumsfeierlichkeiten zur Erinnerung an das Jahr 1813 statt, sondern es wurde vom preußischen König auch die Erinnerungs-Kriegsdenkmünze gestiftet. Alle noch lebenden Kämpfer erhielten also im 691 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 37. 692 Vgl. Füssel: Waterloo 1815, S. 62. 693 Vgl. ebd., S. 61ff. 694 Vgl. ebd., S. 61. 695 Ebd., S. 62. 696 Siehe dazu: Baring, Georg: Erzählung der Theilnahme des 2ten leichten Bataillons der königl. deutschen Legion an der Schlacht von Waterloo. In: Hannoversches Militairisches Journal 2 (1831). S. 69-90. 697 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 28. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 172 Rahmen des 50jährigen Jahrestages des Sieges über Napoleon in der Schlacht bei Leipzig ein weiteres sichtbares Zeichen. Das führte zwangsläufig zu einer gesteigerten Wahrnehmung der Veteranen in der Bevölkerung, aber auch untereinander, wie es der Verweis des Heinrich Beckmann auf die preußischen Veteranen deutlich macht. Er fühlte sich auf eine Art und Weise animiert, sich durch die Waterloo-Medaille wieder als Teilnehmer und Zeitzeuge der Befreiungskriege zeigen zu wollen. Dass die Zugkraft der Jubiläums-feierlichkeiten nicht nur in diesem Falle eine wesentliche Rolle spielte, zeigt die gesteigerte Nachfrage von Ersatzexemplaren der Waterloo-Medaille in Hannover in dieser Zeit. Zwischen 1862 und 1866, also dem Zeitraum, in dem sowohl der 50jährige Gedenktag an Leipzig (1813) als auch der von Waterloo (1815) stattfand, wurden bei dem Hof-Bronze-Fabrikanten Bernstorff und Eichwede in Hannover 100 neue Medaillen für verlorengegangene Stücke produziert, wovon letztlich 81 tatsächlich vergeben wurden.698 Diese Zahl ist aufgrund der wenigen noch lebenden Waterloo-Kämpfer zu dieser Zeit, von denen die meisten zu diesem Zeitpunkt bereits um die 70 Jahre alt waren, doch recht hoch. Als Vergleich lässt sich für die Stadt Göttingen um das Jahr 1860 eine Zahl von 42 noch lebenden Veteranen der Befreiungskriege 1813-15 ermitteln.699 Die Waterloo-Medaille des Königreichs Hannover war eine von Prinz-Regent Georg IV. im Jahre 1817 gestiftete Kriegsdenkmünze aus Silber, die an alle hannoverschen Soldaten zur Verleihung kam, welche an der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 teilgenommen hatten. Die Erben von Gefallenen erhielten ebenfalls eine Medaille zur Erinnerung.700 Die Waterloo-Medaille Hannovers, aber auch die von England, Braunschweig und Nassau waren damit die einzigen Denkmünzen, die sich allein auf eine einzige der vielen Schlachten in den Befreiungskriegen bezogen und somit die Erinnerung dieses Ereignisses in besonderer Weise aufrechterhielten. Die Kriegsdenkmünzen anderer Staaten wurden dagegen für die Teilnahme in mindestens einem der drei Kriegsjahre 1813, 1814 bzw. 1815 vergeben und berücksichtigten keine einzelnen militärischen Ereignisse. Die Grundlage für die Verleihung einer Waterloo-Medaille bildete die Führung von Regimentslisten. In diesen Listen wurden die Angehörigen eines militärischen Verbandes bei Dienstantritt in diesem namentlich erfasst und gegebenenfalls auch Änderungsmeldungen wie zum Beispiel Beförderungen vermerkt. Die Verleihungsberechtigten für die Waterloo-Medaille wurden also anhand der Listen ermittelt, sodass ihnen auch nach einer Entlassung das Ehrenzeichen zugesandt werden konnte. Es gab jedoch auch Teilnehmer der Schlacht, die sich im Zuge des eiligen Vormarsches der alliierten Truppen einem Verband auf nicht dokumentiertem Wege anschlossen. Im Jahr 1841 stellten der ehemalige Leutnant Lohmann und der ehemalige Fourier Germuth aus Hildesheim einen gemeinsamen Antrag auf „Verleihung der Waterloo-Medaille, Priesengeld oder eventuell einer anderen Auszeichnung“.701 Diese recht willkürli- 698 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.2. 699 http://www.lw-bn-muenden.net/index.php/de/dokumente/veteranen (Stand: 17.04.2016). 700 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.1. 701 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 138. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 173 che Forderung nach irgendeiner Form von Belohnung haben die beiden ehemaligen Soldaten gemeinsam formuliert. Dabei schildern sie auf neun Seiten ihre Kriegserlebnisse und begründen den Umstand, dass sie bisher keine Waterloo-Medaille erhalten hatten damit, dass sie einem Landwehr-Bataillon nur zukommandiert waren. Ihren ursprünglichen Verband hatten sie in Antwerpen verlassen müssen, da sie krankheitsbedingt im General-Hospital geblieben waren. Später schlossen sie sich dann einem anderen Bataillon an, in dem sie wahrscheinlich nicht gelistet waren.702 Da sie also in den entsprechenden Regimentslisten nicht geführt wurden, lehnte die General- Adjutantur den Antrag auf Verleihung der Medaille auch ab. Doch nicht nur dieser Umstand machte die Behörde stutzig: „Schließlich darf doch bemerkt werden, daß es allerdings auffallend erscheinen muß, wenn die genannten Bittsteller die so begründete Ansprüche auf Belohnung zu haben glauben, so spät mit ihren Darstellungen herangetreten sind.“703 Ohne einen Nachweis der Zugehörigkeit über die Regimentslisten war es für die Antragsteller sehr schwierig, nach so langer Zeit doch noch eine Waterloo-Medaille zu erhalten. Die einzige Möglichkeit blieb die Zeugenaussage eines möglichst hochrangigen Vorgesetzten über die Anwesenheit der beiden Soldaten auf dem Schlachtfeld. Ein paar Monate nach dem abgelehnten Antrag schickten Lohmann und Germuth die schriftliche Bestätigung eines Majors Erck hinterher, der ihnen bescheinigt, vor Paris mit Bravur agiert und dabei mehrere Gefangene gemacht zu haben.704 Mit der Zeugenaussage hatten sie zwar immer noch keinen Nachweis für die Teilnahme an der Schlacht von Waterloo, doch stattdessen bewilligte die General-Ordens-Kommission die Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille und übersandte diese hohe Tapferkeitsauszeichnung an die beiden ehemaligen Soldaten.705 Die beiden Veteranen erhielten schließlich ihre nachträgliche Auszeichnung und im Vergleich zur Waterloo- Medaille standen sie mit der Guelphen-Ordens-Medaille sogar noch besser da. Sie genoss als eine der höchsten Tapferkeitsauszeichnungen nicht nur großes Ansehen, sondern mit ihr war auch eine monatliche Rente verbunden. Eine solche nachträgliche Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille ist außerordentlich selten. Während Finkam und Hessenthal und Schreiber keine Verleihungen für die Zeit nach 1815 annehmen, halten es Thies und Hapke zumindest für wahrscheinlich.706 Der vorliegende Fall beweist die Verleihung einer Guelphen-Ordens-Medaille über 25 Jahre nach dem Sieg über Napoleon. Wie viele Anträge auf nachträgliche Verleihung der Waterloo-Medaille es im Laufe der Jahrzehnte gab, lässt sich kaum feststellen, da der Schriftverkehr hierzu in vielen verschiedenen Beständen verteilt liegt. Dies betrifft diverse Standorte des Niedersächsischen Landesarchivs und auch das Königliche Hausarchiv, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Aus den erhaltenen Vorgängen lässt sich jedoch ein ähn- 702 Vgl. ebd., S. 146-152. 703 Ebd., S. 144. 704 Ebd., S. 142. 705 Ebd., S. 141. 706 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 174 licher Ablauf in deren Bearbeitung erkennen. Der Antragsteller richtete seinen schriftlichen Antrag an eine Behörde des Königreichs Hannover. Mitunter half ihm ein Vermittler bei der schriftlichen Formulierung, wenn der Veteran Analphabet war oder aus Altersgründen das Schreiben nicht selbst aufsetzen konnte. So setzte sich beispielsweise der Pastor Weniger aus Blumlage (Celle) für den Invaliden Henry Kahle ein, um ihm nach Jahrzehnten die niemals verliehene Waterloo-Medaille zu vermitteln. Die zunächst angeschriebene Behörde konnte beispielsweise das Rathaus sein oder auch ein Ministerium in Hannover. In jedem Fall musste der Antrag an die General-Adjutantur oder die General-Ordens-Kommission weitergeleitet werden, die schließlich den Anspruch auf eine mögliche Verleihung prüften. Oftmals wurde auch der König persönlich angeschrieben, jedoch wurden die Schreiben im Vorfeld der zuständigen Stelle zugeteilt. Nach der ersten Sichtung prüfte die General-Ordens-Kommission dann die notwendigen Voraussetzungen und Nachweise für eine mögliche Verleihung, beispielsweise Regimentslisten oder schriftliche Zeugenaussagen, sofern sie beigefügt waren. Es gab nur zwei Gründe für eine Nachverleihung: entweder wurde die bereits verliehene Waterloo-Medaille verloren bzw. stark beschädigt oder sie wurde nie verliehen, obwohl ein Anspruch darauf bestand. Letzterer Fall war sehr selten, da die Veteranen auch nach der Entlassung in der Regel ein Interesse daran hatten, eine Denkmünze bzw. Ehrenzeichen für ihre Dienstzeit im Krieg zu erhalten. Dennoch kam es immer wieder vor, dass sich noch nach Jahrzehnten Waterloo-Veteranen meldeten, die nachweislich keine Waterloo-Medaille erhalten hatten. Der wahrscheinlich älteste Antragsteller war der 86jährige Mathias Förster aus Mützenich, der erst im Jahre 1863 auf den Umstand aufmerksam machte, dass er doch nie eine Medaille erhalten hatte. Im Jahre 1808 trat er im Rahmen der Belagerung von Valencia zu den Engländern über, schloss sich der King’s German Legion an und nahm 1815 an der Schlacht von Waterloo teil.707 Nach eingängiger Prüfung stellte die General- Adjutantur schließlich fest, „[...] daß vormaligen Dragoner Mathias Förster des 2. Dragoner-Regiments Kings-German-Legion zur Waterloo-Medaille geprüft und constatiert worden ist, daß derselbe solche bislang nicht erhalten und ebensowenig reclamiert hat,“708. Welche Wirkung so eine verspätete Verleihung auf die Beliehenen noch haben konnte, zeigt der Vorgang des bereits erwähnten Henry Kahle. Sein Pastor hatte im Schriftverkehr mit den Behörden die Zusendung einer Waterloo-Medaille erreicht: „In Folge höhern Auftrags ist am letzten Donnerstage nach dem Nachmittagsgottesdienste dem Invaliden Henry Kahle aus Blumlage die ihm durch die Gnade Sr. Majestät des Königs wiederbewilligte Waterloo-Medaille von mir überreicht worden. Dem frommen alten Kriegsmanne standen dabei die Thränen der Rührung in den Augen, und hat derselbe die Bitte ausgesprochen: ich möge seinen unterthänigsten Danke auch durch das [unleserlich], daß er bis zu seinem Lebensende täglich für seinen Königlichen Herrn und Wohlthäter zu Gott beten werde. [...]“709 707 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 78. 708 Ebd., S. 77. 709 Ebd., S. 21. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 175 Der Pastor verwendet in seinem Dankesschreiben Worte, die die emotionale Wirkung auf den Beliehenen zum Ausdruck bringen. So spricht er nicht nur von den „Thränen der Rührung“, sondern bettet den Akt der Verleihung auch in einen religiösen Kontext, indem er die Medaille im Anschluss an den Gottesdienst übergibt. Ganz in seinem Sinne bedankt er sich dann im Namen des „frommen“ Veteranen und versichert die Gebete des alten Mannes für den König. Die Verbindung zwischen Kirche und Veteranenkult hatte nach den Befreiungskriegen verschiedene Formen angenommen. Vor allem im norddeutschen, protestantisch geprägten Raum nahmen die Ehrenzeichen und Kriegsdenkmünzen beinahe den Status einer Reliquie ein. So sollten die preußischen Kriegsdenkmünzen 1813, 1814 und 1815 nach dem Tode der Träger im jeweiligen Kirchspiel des Verstorbenen aufbewahrt werden, Ausländer und Selbstmörder ausgenommen.710 Eine ähnliche Regelung gab es im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach: „Indem der Großherzog von Weimar eine solche Medaille für das Militair stiftete, verordnete er im Junius 1819, daß die Militair-Denkmünzen verstorbener Krieger in der Kirche des Geburtsorts eines Jeden an einem schicklichen Platze auf einer Tafel, mit Bemerkung des Namens, des Tags und der Art des Todes des Inhabers der Medaille, aufgehängt werden sollten, zu welchem Ende sogleich eine Anzahl solcher Tafeln in Vorrath gefertigt wurde, und erhielten dabei die Gemeinden, in deren Orten Inhaber von Militair-Verdienst-Medaillen711 gestorben, die Weisung, sich ihre Tafeln gegen Erlegung des baaren Verlags von zwei Thalern abholen zu lassen.“712 Doch Frömmigkeit war nicht das einzige Versprechen der vielen Antragsteller, die nach einem Ersatzexemplar der oftmals verlorengegangenen oder gar gestohlenen Waterloo-Medaille fragten. Der Verlust des Ehrenzeichens wurde häufig mit Diebstahl begründet, was den Träger gleichsam als Opfer von Unrecht dastehen lässt, im Gegensatz zu dem Umstand, die Medaille einfach nur verloren zu haben. In jedem Fall bleibt offen, ob sie tatsächlich gestohlen wurde oder ob es sich nur ein rhetorisches Mittel für die Inanspruchnahme eines Zweitexemplars handelte. In vielen Anträgen finden sich viele energische Versprechungen, sollte der König oder die Behörde zu einer erneuten Verleihung bereit sein. Der Veteran Dieckmann fokussierte in seinem Antrag aus dem Jahre 1843 sein eigenes, größtenteils positiv verlaufendes Leben, wonach er im Krieg nur leicht verletzt wurde und sich immer freiwillig gemeldet habe. Nach seiner Militärzeit habe er das Glück gehabt, stets bei einem guten Arbeitgeber angestellt worden zu sein und bis zu 170 Taler jährlich zu verdienen, die auch immer pünktlich gezahlt worden seien. Zuletzt versprach er in seinem Schreiben an den Kronprinzen noch: 710 http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand: 29.04.2016). 711 Eine Militärverdienstmedaille gab es im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach nicht. Johann von Horn bezieht sich in dem Fall wahrscheinlich auf die 1815 gestiftete Medaille „Treuen Kriegern“. Dabei handelt es sich um das hiesige Pendant zur preußischen Kriegsdenkmünze. Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen, S. 441. 712 Horn: Der Guelfenorden, S. 106. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 176 „In meiner Frau sind 8 Kinder gezeugt, wovon noch 8 am Leben, worunter 5 Knaben, gesund und wohlgebildet sich befinden, sie alle sollen dem Allergnädigsten Könige als Soldat dienen.“713 Der ehemalige Soldat Johann Heinrich Wittvogel führte auch die generationenübergreifende Erinnerung an die Schlacht von Waterloo als Argument auf, die mit der Wiederverleihung der Medaille an ihn verbunden wäre: „Die denkwürdige Schlacht bei Waterloo, wird mir bis zum [...] Lebensziele eingedenk bleiben und selbst für meine Kinder und Kindeskinder wird es ein ehrenwürdiges Andenken bleiben, wenn ich wieder in den Besitz einer mit allerwürdigst verliehenen Denkmünze gelangen werde.“714 Der Antrag des Veteranen Wittvogel wurde wie in vielen vergleichbaren Fällen abgelehnt, auch wenn es letztlich etliche Einzelfallentscheidungen waren, die auch einige Ausnahmen hervorbrachten. Um nachzuvollziehen, warum die General-Ordens- Kommission den Großteil der Gesuche ablehnte, muss man sich zunächst verdeutlichen, über welche Möglichkeiten der Nachverleihung die Behörde überhaupt verfügte. Es wurden grundsätzlich mehr Waterloo-Medaillen geprägt und gekauft, als zunächst gebraucht wurden. Dies betraf sowohl die hannoverschen Waterloo-Medaillen als auch die englischen, da auf dem Gebiet des Königreichs Hannover die Verbände der King’s German Legion aufgelöst wurden und es zu erwarten war, dass sich ein großer Teil der Veteranen hier niederließ. Das zusätzliche Kontingent wurde für Soldaten vorgehalten, die erst zu einem späteren Zeitpunkt ihren Anspruch auf eine Medaille geltend machten oder die ein zweites Exemplar kaufen wollten. Nach über dreißig Jahren, anno 1850, entschied man sich jedoch zum Verkauf von 165 englischen Waterloo-Medaillen der King’s German Legion. Am 20.12. 1850 wurden die Ehrenzeichen eingeschmolzen und das Silber veräußert. Der Erlös kam dem Unterstützungsfonds der Legion zugute.715 Weitere 38 Medaillen wurden zurückgehalten und für den gelegentlichen Gebrauch reserviert.716 So konnten noch eine Zeit lang Waterloo-Medaillen als Zweitexemplare717 bei Verlust ausgegeben werden, jedoch hatte der Antragsteller die Kosten hierfür zu tragen. So wurde dem vormaligen Tambour und späteren Soldaten in der niederländischen Landmacht, Heinrich Sommer, im Jahre 1832 eine Waterloo-Medaille als Ersatz für sein Originalstück überlassen. Dies geschah nach Bezahlung der Rechnung von 2 Talern und 13 Groschen für die Medaille und einem weiteren halben Taler für das Medaillenband.718 Carl Telle aus Berlin erhielt im selben Jahr eine mit seinem Namen geprägte Medaille als Ersatz für das ihm gestohle- 713 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 71. 714 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 229. 715 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 38 D Nr. 1203. S. 1. 716 Vgl. ebd., S. 17. 717 Die Waterloo-Medaille, die als Zweitexemplar ausgegeben wurden unterscheidet sich in der Prägung von den übrigen Medaillen dadurch, dass auf der Vorderseite der Name des Medailleurs WYON fehlte. Weiterhin gab es auf der Rückseite geringfügige Abweichungen: „Die Waffentrophäe befindet sich näher an dem Wort Waterloo, die Fahnen haben nur je eine Quaste gegenüber zwei bei der ursprünglichen Prägung und der Küraß erscheint undeutlich. Die beiden Lorbeerzweige sind etwas deutlicher geprägt, die Umschrift ist geringfügig größer.“ Siehe dazu: Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.5. 718 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 195. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 177 ne Exemplar für den gleichen Preis.719 Doch bereits ein Jahr später schienen keine vorrätigen hannoverschen Waterloo-Medaillen mehr verfügbar gewesen zu sein. Dem ehemaligen Korporal Keferstein aus Osterode war in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1833 bei einem Brand sein gesamter Besitz verlorengegangen, darunter auch seine Waterloo-Medaille, von der er nach dem Brand nur noch den Bandring auffinden konnte.720 Ein Ersatz konnte ihm seitens der General-Ordens-Kommission bzw. General-Adjutantur nicht mehr geliefert werden, da zu dem Zeitpunkt schon keine überzähligen Medaillen mehr vorhanden und die Prägestempel bereits vernichtet waren.721 Bemerkenswert ist in diesem Fall übrigens der Umstand, dass der Veteran bereits zehn Tage nach dem Brand, nämlich am 13. Juni 1833 den Antrag auf Zusendung einer Ersatzmedaille stellte. Dies zeugt von dem hohen Stellenwert, den das Ehrenzeichen in seinem Leben dargestellt haben muss, wenn man bedenkt, dass er bei dem Brand wahrscheinlich seinen gesamten weltlichen Besitz verloren hatte und er doch eher mit existenziellen Problemen zu kämpfen gehabt haben durfte. Auch einem ehemaligen hannoverschen Soldaten, der später in niederländische Dienste trat und beim Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten um Ersatz seiner gestohlenen Medaille bat, musste bereits 1833 mitgeteilt werden, dass „eingezogener Erkundigung zufolge, die Prägestempel bereits vernichtet sind“722. Mit der Begründung des fehlenden Prägestempels wurden in den folgenden Jahren die zahlreichen Gesuche auf Ersatz oder Wiederverleihung der Waterloo-Medaille abgelehnt. Ebenso wurde regelmäßig darauf hingewiesen, dass die Medaille grundsätzlich nur einmal verliehen werden sollte und dass jeder Berechtigte die Möglichkeit hat „im Fall des Verlustes sich eine solche von einem Silberarbeiter anfertigen zu lassen.“723 Die General-Adjutantur oder auch die General-Ordens-Kommission konnten in so einem Fall eine Bescheinigung als Nachweis für die Berechtigung zum Tragen des Ehrenzeichens ausstellen. Der Umstand, dass einige Veteranen in den sechziger Jahren doch noch eine Waterloo-Medaille erhielten, so wie der bereits erwähnte Invalide Henry Kahle im Rahmen des Gottesdienstes, ist auf die Anfertigung der einhundert Waterloo-Medaillen im Jahre 1862 zurückzuführen, die vermutlich auch wegen der häufigen Nachfragen in Auftrag gegeben wurden.724 So beschäftigte sich die General-Ordens-Kommission bis zum Ende ihres Bestehens im Sommer 1866 mit zahlreichen Belangen, die mit der fast ein halbes Jahrhundert vorher gestifteten Waterloo-Medaille zu tun hatten. Zuletzt war dies der Fall des Pensionärs Levi Rosenbaum, dessen Anspruch auf dieses Ehrenzeichen ihn sogar in Konflikt mit der Polizei brachte. Im Mai 1866 suchte der 79jährige Mann aus Hannover die Kommission auf und bat mündlich um die Verleihung einer Auszeichnung an sich selbst.725 Dieses Anliegen des Pensionärs ist an sich bereits ungewöhnlich, denn auch nach damaligem Verständnis war ein Vorschlag für 719 Ebd., S. 212. 720 Ebd., S. 50f. 721 Ebd., S. 49. 722 Ebd., S. 175. 723 Ebd., S. 37. 724 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.2. 725 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1507. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 178 eine Auszeichnung an sich selbst kaum mit den Vorstellungen von Ehre und Belohnung vereinbar, auch wenn es nach den Verleihungsbestimmungen der hiesigen Orden und Ehrenzeichen nicht ausdrücklich untersagt war. Einen ähnlichen Antrag formulierte im Jahre 1847 der ehemalige Soldat Edler aus Heidkrug in schriftlicher Form an die General-Ordens-Kommission, in dem er sich selbst für eine Verdienstmedaille empfahl.726 Als Begründung führte er seine 52jährige Dienstzeit auf, die 1795 begonnen und in der er als Angehöriger der King’s German Legion die Feldzüge gegen Napoleon mitgemacht hatte. Wie man seitens der Behörde darauf reagierte, ist leider nicht überliefert, da der Antrag keinen weiteren Bearbeitungsstand aufweist. Im Jahre 1866 war man in der General-Ordens-Kommission jedenfalls geneigt, dem Drängen des Levi Rosenbaum tatsächlich nachzukommen, da er „nach seiner Angabe bei Waterloo im Feldbataillon Salzgitter gedient hat, und außer der Waterloo- Medaille auch 3 oder 4 andere Medaille besitzt, daher eventuell die Verleihung der silbernen Verdienstmedaille an denselben in Frage kommen würde.“727 Bereits wenige Tage später wurde Rosenbaum von der General-Ordens-Kommission mit dem Verdacht konfrontiert, dass ihm zu keinem Zeitpunkt eine Waterloo- Medaille verliehen wurde, da sein Name in keiner Liste des Landwehr-Bataillons Salzgitter zu finden sei: „Der Umstand aber, daß sein Name in der betreffenden Liste fehlt, scheint dafür zu sprechen, daß ihm die Medaille nicht verliehen ist, er sie sich vielmehr anderweitig verschafft hat.“728 Rosenbaum erwiderte diesem Vorwurf, dass seine damaligen Vorgesetzten mittlerweile verstorben seien, diese aber hätten bezeugen können, dass er bei Waterloo gekämpft hatte „und sogar einen Bajonettstich in das rechte Bein erhalten habe.“729 In einer folgenden polizeilichen Vernehmung gab er weiterhin an, 1813 in der Schlacht bei Leipzig gekämpft zu haben sowie in Wittenberg, Duisburg, Arnheim, Nimwegen, Gorkum und Laon. Zu den Umständen der Verleihung der Auszeichnung gab er an: „Als ich mich wieder in Sievershausen befand, und zwar im Jahre 1816, erhielt ich die Waterloo-Medaille per Post zugesandt. Mit der Medaille erhielt ich ein militärisches Schreiben, doch weiß ich nicht mehr wer das Schreiben unterzeichnet hat. Ich kann im Augenblick keinen Lebenden bezeichnen, welcher gleichzeitig mit mir in seinem Bataillon gedient hat.“730 Der Umstand, dass Rosenbaum in keiner Liste des Verbandes geführt wurde, ist sehr ungewöhnlich und stellt seinen selbst geschilderten militärischen Werdegang massiv in Frage. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass jemand in dieser Zeit einem Bataillon regulär angehörte und in keiner Liste geführt wurde, weder was die reine Zugehörigkeit, Zu- und Abkommandierungen oder auch die Auszahlung von Besoldung angeht. Zwei Tage nach der polizeilichen Vernehmung suchte Rosenbaum die Behörden noch einmal auf und fügte seiner Aussage hinzu, dass in Pattensen bei Hannover ein ehemaliger Feldwebel Cohen wohne, der bezeugen könne, dass er auch dem Bataillon 726 Vgl. ebd. 727 Ebd. 728 Ebd. 729 Ebd. 730 Ebd. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 179 Salzgitter angehörte.731 Am 3. September 1866 sind dem Veteran auf Drängen der General-Adjutantur seine Waterloo-Medaille und die preußische Kriegsdenkmünze 1813 von der Polizei-Direktion abgenommen worden. Auch wenn damit dieser Fall in dem vorliegenden Aktenbestand endet, so handelt es sich doch um eine sehr wertvolle und seltene Dokumentation eines Ehrdelikts aus dem 19. Jahrhundert, das mit dem unbefugten Tragen von Orden und Ehrenzeichen zu tun hat. Der Verdacht wurde nach mehr oder weniger zufälliger Überprüfung der Bataillonslisten seitens der General-Ordens-Kommission sehr ernst genommen und, wenn auch letztlich in Abhängigkeit der Bewertung durch die General-Adjutantur, an die Polizei weitergeleitet, die daraufhin mit Ermittlungen begann. Dies führte zur Maßnahme der Beschlagnahmung zweier Ehrenzeichen. In dem Abhängigkeitsverhältnis, das bezüglich einer staatlich verliehenen Auszeichnung zwischen dem Verleihenden (Staat), der beliehenen Person und der Gesellschaft besteht, wurde die Auszeichnung dem vorherrschenden Konflikt gewissermaßen entzogen und damit geschützt. Durch die Beschlagnahmung, ganz gleich ob der Pensionär Rosenbaum Eigentümer an den Dekorationen war, kam der Staat seiner Pflicht nach, den hohen ideellen Wert der Waterloo-Medaille und der preußischen Kriegsdenkmünze aufrechtzuerhalten, damit die Gesamtheit aller mit diesen Ehrenzeichen beliehenen Veteranen weiter von diesem Wert profitieren und entsprechendes gesellschaftlichen Ansehen genießen konnten. Dass die Beschlagnahmung den Veteranen Rosenbaum nicht unberührt ließ, fand dabei im Briefverkehr zwischen General-Ordens-Kommission und General-Adjutantur ausdrücklich Erwähnung: „Sie (die Polizei-Direktion) erlaubt sich jedoch zu bemerken, daß der Rosenbaum die dringende Bitte gestellt hat, es mögen ihm beide Ehrenzeichen, mit welchen er decorirt sein will, zurückgegeben werden. [...]“732 Für die Veteranen von 1815 hatte die Waterloo-Medaille unter den Ehrenzeichen der Befreiungskriege zweifelsohne einen hervorgehobenen Status. Anders als die beiden Kriegsdenkmünzen, die es ja für ein Konglomerat an Zugehörigkeiten und Teilnahmen am Krieg 1813-15 gab, wurde bei der Waterloo-Medaille der Blick auf eben jene „berühmteste Schlacht der Welt“733 (Füssel) fokussiert. Neben der reinen Sequenzanalyse der militärischen Operation besteht der langfristige, bis in die Gegenwart reichende kulturhistorische Zugang in der Erinnerungsgeschichte, die nicht nur im Erzählen der Teilnehmer begründet liegt, sondern zu einem großen Teil auch im Erkennen als Waterloo-Veteran. Tragbare Auszeichnungen garantierten den Teilnehmern der Schlacht als solche auch erkannt zu werden, wie es Friedrich Freudenthal dokumentiert hat. Die erhaltenen Anträge an die General-Ordens-Kommission des Königreichs Hannover auf Verleihung oder Wiederverleihung der Medaille sind darüber hinaus wichtige Egozeugnisse von Waterloo-Veteranen, bei denen nach einigen Jahrzehnten bereits, teilweise in den Bittstellungen an die Behörden erkennbar, eine Mythologisierung der Schlacht erkennbar ist. Sicherlich dürfte der Umstand, dass ihre Anträge auch einen Zweck verfolgten, nämlich die Wiedererlangung eines Ehrenzei- 731 Vgl. ebd. 732 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1507. 733 Vgl. Füssel: Waterloo, S. 7. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 180 chens, die Rhetorik in den Anträgen beeinflusst und intensiviert haben, dennoch sind die Gefühle der Beteiligten deutlich herauszulesen. So hatten sie „keinen sehnlicheren Wunsch als wieder in Besitz derselben zu gelangen“734, versprachen ihre Söhne dem König als Soldaten oder ihnen standen bei verspäteter, öffentlicher Verleihung der Waterloo-Medaille die Tränen der Rührung in den Augen. Wer einmal daran gewöhnt war, als Waterloo-Veteran in der Öffentlichkeit erkannt zu werden, der hatte dieses Bedürfnis ein Leben lang. Für diejenigen fungierte das Ehrenzeichen nicht mehr nur als persönliches Erinnerungsstück, sondern als Statussymbol durch das die Teilhabe am Mythos von Waterloo möglich wurde. 734 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 28. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 181 Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille Bereits kurze Zeit nach der Schlacht von Waterloo, am 12. August 1815, stiftete Prinz-Regent Georg zeitgleich mit dem Guelphen-Orden die Guelphen-Ordens-Medaille (teilweise auch Guelphen-Medaille) „für solche Unteroffiziere und Soldaten, welche sich durch Tapferkeit oder Klugheit vor dem Feinde ausgezeichnet haben“735. Damit wurde neben den Offizieren auch dem zahlenmäßigen Gros der kämpfenden Truppe ein äußeres Zeichen zur Belohnung von Tapferkeit in Kriegszeiten geschaffen. Die Unterscheidung der Dekoration in Aussehen und Bezeichnung zwischen Offizieren und Unteroffizieren bzw. Mannschaften war im 19. Jahrhundert üblich, auch wenn es beispielsweise mit dem Eisernen Kreuz in Preußen auch eine Auszeichnung gab, die unterschiedslos an alle Dienstgradgruppen zur Verleihung kam. Die Medaille rangierte dabei in ihrer äußeren Erscheinung unter dem teilweise emaillierten Ordenskreuz des Guelphen-Ordens und machte dadurch die Rangunterschiede zwischen Offizieren und Unteroffizieren bzw. Mannschaften sichtbar. Die Guelphen-Ordens-Medaille wurde vor allem in Silber verliehen, wobei es Thies und Hapke für sehr wahrscheinlich halten, dass auch eine Medaille in Gold vergeben wurde.736 Welches Kriterium hierfür auschlaggebend war, möglicherweise eine wiederholte tapfere Handlung oder eine außergewöhnlich beeindruckende Einzeltat, darauf gibt es bisher keine Hinweise. Mit der Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille war eine lebenslange jährliche Pension von 24 Reichstalern verbunden, die neben dem ideellen Wert der Auszeichnungen einen ganz konkreten materiellen Anreiz bot.737 Für die Mannschaften und Unteroffiziere, die nach ihrer Dienstzeit in der Regel in der Landwirtschaft oder im Handwerk tätig waren, war die Summe von demnach zwei Reichstalern pro Monat ein spürbarer Zuverdienst, wenn man bedenkt, dass Mitte des 19. Jahrhunderts ein Haushalt mit fünf Personen pro Woche 3 ½ Reichstaler verbrauchte.738 Die Guelphen-Ordens-Medaille war die einzige hannoversche Auszeichnung, mit deren Verleihung ein Anspruch auf Pension verbunden war. In der Literatur schwanken die Verleihungszahlen an Angehörige der King’s German Legion und der hannoverschen Armee zwischen 593 Medaillen bei Finkam739, 595 bei Hessenthal und Schreiber740 und 585 bei v. Wissel.741 Der Anspruch auf diese hohe Tapferkeitsauszeichnung wurde durch eine eigene Kommission geprüft und musste durch ganz konkrete Tatsachen in Form von Zeugenberichten begründet und durch Offiziere beglaubigt werden.742 Für die Bewertung einer erbrachten Tapferkeitstat gab es natürlich keinen konkreten Maßstab, vielmehr oblag es der subjektiven 5. 735 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3 (Statuten des Guelphen-Ordens vom 20. Mai 1841, nebst Nachträgen). 736 Vgl. ebd., Kapitel 3.10.2. 737 Vgl. ebd. 738 Vgl. http://www.heimatverein-borgloh.de/historie/historie_siedlung_waehrung.php (Stand; 15.06.2016). 739 Vgl. Finkam: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen, S. 17. 740 Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 142. 741 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10.2. 742 Vgl. ebd., Vorwort. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 182 Wahrnehmung der Kommissionsmitglieder, militärische Verdienste und Tapferkeit als für die Verleihung der Medaille ausreichend zu bewerten. Grundlage für die Offiziere dieser Kommission war der möglichst detailliert geschriebene Zeugenbericht und der Vergleich zu den geschilderten Taten bereits ausgezeichneter Mannschaften und Unteroffiziere. So erhielt beispielsweise der Kanonier Christian Denecke die Guelphen-Ordens-Medaille, weil er in der Schlacht von Toulouse 1814 seinen gefallenen Geschützkommandanten vertrat743, während der Husar Heinrich Becker aus Fallingbostel ausgezeichnet wurde, weil er 1812 bei Canizal in Spanien einen französischen General gefangen nahm: „In diesem Gefechte kam Becker mit dem französischen General Carrier in’s Handgemenge, versetzte dem General einen tüchtigen Hieb über das Gesicht, worauf derselbe sich dem Husar ergab.“744 Für diese auch im Gefecht nicht alltägliche Begebenheit erhielt Becker neben der Guelphen-Ordens-Medaille und der damit verbundenen Pension von 24 Reichstalern eine zusätzliche jährliche Pension von außergewöhnlich hohen 100 Reichstalern.745 Häufig ausgezeichnet wurden auch Soldaten, die trotz mehrfacher, teilweise schwerer Verwundung das Schlachtfeld nicht verließen bzw. sogar zurückkehrten. Wissel erwähnt dazu in einem eigenen Kapitel „Wunden“ 40 Soldaten, deren Auszeichnung mit der Guelphen-Ordens-Medaille im Zusammenhang mit einer persönlich erlittenen Verwundung bei Waterloo stand. So wurde der Husar Friedrich Müller am 18. Juni beim ersten Angriff „durch einen Stich, einen Hieb und ein Bombenstück verwundet; sein Offizier befiehlt ihm zurückzureiten, allein er verbindet sich selbst, und ist in allen folgenden Chargen des Regiments herzhaft tapfer.“746 Der Sergeant Molz verlor in der Schlacht von Talavera im Jahre 1809 sein rechtes Auge und erhielt einen Schuss in die Brust, „dessen Kugel er stets im Körper behielt“747. Nach sechsmonatiger Gefangenschaft meldete er sich wieder zu seinem Verband, lehnte eine Pensionierung ab und trat erneut in den Dienst ein. „Aus den Trancheen von Ciudad Rodrigo hat er den Lieutenant Hünecken, als demselben beide Beine abgeschossen worden, mit eigner Gefahr fortgetragen.“748 Beim Sturm auf Burgos meldete er sich dann freiwillig und bei St. Sebastian wurde er erneut erheblich verwundet, verließ aber sein Bataillon nicht. Ein paar Jahre später, kurz vor der Schlacht von Waterloo, wurde dem Sergeanten aus gesundheitlichen Gründen erneut die ehrenhafte Entlassung angeboten. Jedoch bestand er darauf, am Feldzug gegen Napoleon teilzunehmen. Sowohl die herausragende Einzeltat wie beim Husaren Becker als auch die andauernde beispielhafte Bewährung im Krieg wie im Fall des Sergeanten Molz konnten die Grundlage für die Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille sein. Ursprünglich sollte die Medaille nur für militärische Verdienste verliehen werden, die ab dem Jahre 1812 erbracht wurden, jedoch wich man von dieser Bestimmung ab 743 Vgl. ebd., S. 92. 744 Ebd., S. 44. 745 Vgl. Finkam: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen, S. 18. 746 Wissel: Ruhmwürdige Thaten, S. 157. 747 Ebd., S. 164. 748 Ebd. 5. Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille 183 und verlieh sie rückwirkend bis zum Jahre 1803.749 Auch wurde “die bereits abgelaufene Frist zur Nachsuchung um die Medaille bis zum Jahr 1843“750 verlängert. Die Kommission zur Untersuchung der Anträge erachtete teilweise die Taten von Soldaten für die Verleihung einer Guelphen-Ordens-Medaille als würdig, auch wenn eine Vergabe an diejenigen nicht mehr erfolgen konnten, z.B. weil sie vorher verstarben.751 Posthume Verleihungen waren nicht vorgesehen. So wie bei der Waterloo-Medaille kam es ab 1815 zu zahlreichen Anträgen auf nachträgliche Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille von aktiven Soldaten oder Veteranen. Während die Vorschläge in den ersten Jahren nach Stiftung dieser Tapferkeitsauszeichnung in aller Regel von den militärischen Vorgesetzten der Soldaten ausgingen, ergriffen in den dreißiger und vierziger Jahren die Veteranen selbst die Initiative, um sich für dieses Ehrenzeichen vorzuschlagen. Die Argumentation und Rhetorik in diesen Anträgen war wesentlich umfassender als in vergleichbaren Reklamationen für die Waterloo-Medaille oder den Kriegsdenkmünzen 1813 und 1814. Immerhin musste der betreffende Veteran die General-Adjutantur bzw. die Militär-Kommission von seiner erbrachten Tapferkeit in den Kriegsjahren bis 1815 überzeugen. Der Nachweis der bloßen Anwesenheit bei einer militärischen Unternehmung reichte da bei weitem nicht aus. Der Pensionär Carl Maxen aus Göttingen verfasste im Jahre 1847 einen diesbezüglich beispielhaften, sehr umfangreichen Antrag auf Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille an König Ernst August, der auch rhetorisch sehr ausgeschmückt war. Nach der üblichen Gnadenbekundung an den König als Einleitung kam Maxen auf seine Dienstzeit in der King’s German Legion zu sprechen, „welche im Buche der Geschichte mit Flammenschrift glänzen und von welchen noch die spätesten Nachkommen mit Begeisterung sprechen werden“752 und für die er sich freiwillig gemeldet hatte. Der Aspekt der Freiwilligkeit spielte in den Befreiungskriegen als wesentliches patriotisches Verhalten eine große Rolle, welcher sich unter anderem auch in den 1841 gestifteten beiden Kriegsdenkmünzen widerspiegelt, die das Wort „freiwillig“ bereits in ihrer offiziellen Bezeichnung tragen.753 Weiterhin bescheinigt er sich selbst, sich „bei jeder Gelegenheit [...] würklich wahrhaft ausgezeichnet“ zu haben und sich durch seinen Mut die Achtung seiner Waffengefährten und Vorgesetzten verdient zu haben.754 Dies versuchte er in der Folge durch einige Beispiele zu hinterlegen, für die er jedoch keine schriftlichen Äußerungen von Vorgesetzten mehr anführen konnte, da diese bei Waterloo „auf dem Bett der Ehre geblieben“755 waren. Auch das körperliche Leid, das Maxen bei verschiedenen Gefechten erlitten hatte, so etwa bei Burgos 749 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Kapitel 3.10.2. 750 Wissel: Ruhmwürdige Thaten, Vorwort. 751 Vgl. ebd. 752 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1489. 753 Die Medaillen haben die offizielle Bezeichnung: „Kriegsdenkmünze für die bis zum Abschluß des ersten Pariser Friedens 1814 freiwillig in die Königlich-Großbritannische Deutsche Legion (K.G.L.) eingetretenen Krieger“ und „Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger“. Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. 754 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1489. 755 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 184 1812 eine schwere Verletzung am Kopf, sowie Brustverletzungen bei Waterloo 1815, weil er von feindlicher Kavallerie überritten wurde, stellte für ihn eine wichtige Argumentationsgrundlage dar: „Durch meine gegebenen Beispiele glaube ich in jenen Tagen des Kampfes Alles gethan und erfüllt zu haben was man von einem für seinen Zweck begeisterten Vaterlands-Vertheidiger nur erwarten kann [...]“756 Hartnäckig hatte der alte Veteran seinen Anspruch auf die Medaille bekräftigt und bereits früher Anträge bei der General-Ordens-Kommission eingereicht, welche jedoch „gegen alle Erwartung [...] die gewünschte Berücksichtigung nicht gefunden“757 haben. Dann kommt er schließlich auf einen nicht unwesentlichen Punkt zu sprechen, nämlich auf die mit der Verleihung verbundenen Pensionszulage: „Es würd in meinem jetzigen 70jährigen Alter wo ich bei der unerhörten Vertheuerung aller Lebensmittel von meiner geringen Englischen Pension nicht länger zu existiren vermag, und wo mein Lebens ohnehin nicht lange mehr dauern wird, die huldreiche Gewährung der erbetenen Zulage aus der Kronkasse mich wahrhaft erquicken und das trostlose Alter eines braven Soldaten vor Noth und Mangel bewahren, denn zu hart bin ich jetzt dem hülflosesten Zustande und der bittersten Noth ausgesetzt.“758 Es lässt sich nicht ohne weiteres evaluieren für wie viele Antragsteller die Medaille als äußeres Zeichen ihrer erbrachten Tapferkeit und die damit verbundene Ehre oder aber die Pensionszulage im Vordergrund stand. Immerhin war die Guelphen-Ordens- Medaille die einzige Auszeichnung in Hannover, mit der eine finanzielle Zulage verbunden war. Der Umstand, dass jemand bis 1815 in einem der Feldzüge gegen Napoleon auf hannoverscher Seite gekämpft hatte, begünstigte schon den Versuch, sich mit einem Antrag an die General-Ordens-Kommission um die Auszeichnung zu bewerben. In jeden Antrag muss man sich hierbei einlesen, um die Intention des Petenten nachvollziehen zu können. Der Drang auf die Zulage war bei den Veteranen dementsprechend hoch, die sich einer persönlichen finanziellen Notlage befanden. Der vormalige Korporal und spätere Briefträger Leonhard aus Göttingen bezog sich im Jahre 1838 in einem wiederholten Antrag an das Ordens-Kapitel des Guelphen-Ordens beinahe ausschließlich auf seine finanzielle Situation: „Als Vater von 6 Kindern, deren Erhaltung mir sehr am Herzen liegen muß, wende ich mich daher an Allerhöchstdieselben in allertiefster Ehrfurcht mit der allerunterthänigsten Bitte: Seine Majestät möchten in Betracht der von mir in den Anlagen näher bezeichneten Verdienste mit der Guelphen-Ordens-Medaille allergnädigst zu begnadigen geruhen. Mein Gehalt beträgt jährlich für den Briefträger—Dienst nur 70 Thaler.“759 Bevor er seine Festanstellung als Briefträger erhielt, musste Leonhard „Adjunctur- Dienst ohne Gehalt“760 leisten, wodurch er für den Lebensunterhalt seiner Familie 600 Taler beisteuern und sogar sein Haus verkaufen musste. Am Ende seines Schreibens spielte das Ehrenzeichen beinahe gar keine Rolle mehr und geriet letztlich zu einer von vielen Möglichkeiten, wie der König seine Situation verbessern könne, so etwa 756 Ebd. 757 Ebd. 758 Ebd. 759 Königliches Hausarchiv, Standort Pattensen: Dep. 103 XXXVII, Nr. 404. S. 1f. 760 Ebd. 5. Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille 185 „durch die Erhöhung meines Gehalts, oder durch die Verleihung der Ordens-Medaille, oder wenn beiden petitio nicht stattgegeben werden könnte mich wenigsten in einem anderen Dienst, mit welchem ein größeres Gehalt verbunden ist, zu versetzen, indem ich wohl zu jedem Dienst mich qualificire, da ich in der englischen und französischen Sprache nicht unerfahren bin, gut schreiben und rechnen kann. [...]“761 Nachdem der Antrag durch das Ordens-Kapitel ausgewertet wurde, fasste man die wesentlichen Punkte und Rechercheergebnisse zusammen, um sie mit einer Empfehlung beim König vorzutragen, immerhin entschied dieser grundsätzlich persönlich über die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Im Fall des Briefträgers Leonhard waren darin die verschiedenen Gründe aufgeführt, die zu einer Ablehnung führten: „Dem ersten Gesuche, welches sich auf besondere Waffenthaten in Spanien gründet, steht a, die Verspätung, b, der mangelnde Beweis der Waffenthaten, c, der Umstand entgegen, daß den Allerhöchsten Vorschriften zufolge nur eine nach dem ersten Januar 1813 verübte, besondere Waffenthat zu der Verleihung der Medaille qualificirt, daher abzuschlagen.“762 Für die anderen beiden Gesuche, entweder Erhöhung des Gehalts in seiner jetzigen Beschäftigung oder eine besser bezahlte Stelle sollte er sich an das Finanzministerium wenden. Zum Zeitpunkt des Antrags von Leonhard galt noch der Grundsatz, dass Ereignisse vor 1813 nicht zu einer Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille führen konnten. Kurze Zeit später bestimmte der König schließlich, dass von dieser Einschränkung ausnahmsweise abgewichen werden konnte.763 Im Jahre 1838 bat der Vogt Freytag zu Alferde bei Springe um die Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille, weil er im Jahre 1793 beim Treffen von Bouchain an der Befreiung von Ernst August beteiligt war und ihn so vor einer Gefangennahme durch die Franzosen bewahrte. Dafür gewährte man ihm später eine monatliche Pension und lehnte eine Verleihung des Ehrenzeichens jedoch mit der Begründung ab, dass seine auszuzeichnende Handlung vor 1813 stattfand. Dennoch wollte man Freytag unterstützen und ihm stattdessen eine monatliche Unterstützung aus der königlichen Generalkasse zukommen lassen.764 Bei der im Jahre 1841 erfolgten Verleihung der Medaille an den bei der königlichen Artillerie-Brigade dienenden Handwerker erster Klasse, Friedrich Rose, fand die Ausnahmeregelung, bei der tapfere Handlungen ausgezeichnet werden konnten, die vor 1813 stattfanden, bereits Anwendung. Rose hatte in der Schlacht bei Salamanca im Jahre 1812 als einfacher Sattler ohne artilleristische Ausbildung ein Geschütz übernommen, nachdem an diesem dem Wischer beide Beine abgeschossen wurden. Ein vergleichbares Engagement hatte er auch bei Orthes und Toulouse gezeigt765 Die entsprechende Beweisführung war für Friedrich Rose sehr aufwändig. Sein ehemaliger Vorgesetzter, ein Capitain Hartmann, war hierzu befragt worden und gab an, dass er sich aufgrund der Länge der bereits vergangenen Zeit nicht mehr an die Tat erin- 761 Ebd. 762 Ebd. 763 Vgl. Wissel: Ruhmwürdige Thaten, Vorwort. 764 Vgl. Königliches Hausarchiv, Standort Pattensen: Dep. 103 XXXVII, Nr. 405. S. 5. 765 Vgl. Wissel: Ruhmwürdige Thaten, S. 45. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 186 nern konnte, es „aber sehr wohl seyn könne, daß solche von dem Reclamanten verrichtet“ worden sei.766 Zur weiteren Klärung verwies er auf denjenigen Offizier, der zum Zeitpunkt der Schlacht bei Salamanca als junger Leutnant die mittlere Division der Batterie kommandiert hatte. Dabei handelte es sich um Wilhelm von Scharnhorst, Sohn des namhaften preußischen Generals und im Jahre 1841 selbst als General in Stettin stationiert. Der hannoversche Generalleutnant von dem Bussche, der mit der Prüfung derartiger Reklamationen beauftragt war, wandte sich daraufhin an General Scharnhorst. Dieser konnte sich schließlich daran erinnern, dass „in der Schlacht von Salamanca [...] dem Kanonier Dietrich Müller, während die Batterie auf dem kleinen Arapil feuerte, um der vierten Division den Angriff zu erleichtern, beide Beine abgeschossen“767 wurden. Doch konnte sich Scharnhorst nach fast dreißig Jahren nicht mehr erinnern, ob es sich bei dem Mann, der zum Geschütz eilte und dieses übernahm um Friedrich Rose handelte: „doch kann ich solcher ebensowenig in Abrede stellen, sollte sich indessen der Fr. Rose dieser näheren Details erinnern, so dürfte es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß derselbe das Laden des Geschützes freiwillig übernommen hatte.“768 Obwohl Scharnhorst nicht bestätigen konnte, dass Friedrich Rose derjenige gewesen war, der das Geschütz übernommen hatte und es lediglich nicht ausschließen konnte, führte die Stellungnahme eines Generals schließlich doch zur Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille an den Friedrich Rose, dessen Name in Ludwig von Wissels Verzeichnis aller Beliehen aus dem Jahre 1846 geführt wird. Dies zeigt einmal mehr, welche Rolle konkrete Zeugenaussagen spielten, waren sie auch noch so vage. Je höherrangig der Zeuge gewesen war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Antrag Aussicht auf Erfolg hatte. Die Guelphen-Ordens-Medaille ist eine Besonderheit im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover. Sie ist nicht nur die einzige echte Tapferkeits-auszeichnung, die jedoch nur für kriegerische Ereignisse bis 1815 vergeben wurde, sondern sie wurde durch die Zuteilung einer monatlichen Pension erheblich aufgewertet. Dadurch wurde das zugrunde liegende Konzept der tragbaren Ehre, bei dem allein das sichtbare Zeichen den Träger in seinem Ansehen aufwertete und den Wert der Auszeichnung definierte, zugunsten finanzieller Anreize verschoben. In den Anträgen auf nachträgliche Verleihung lässt sich die hohe Bedeutung der Zulage für die Veteranen erahnen, auch wenn sie nicht in jeder Bittschrift ausdrückliche Erwähnung fand. Eine monatliche oder jährliche Pensionszulage, die mit der Verleihung einer Tapferkeitsauszeichnung verbunden war, wurde in späteren Jahrzehnten, vor allem aber im Ersten Weltkrieg, immer wieder aufgegriffen. Die Träger der österreichischen Tapferkeitsmedaille (1. Klasse in Silber und Gold) erhielten ebenso eine monatliche Zulage wie die Träger des preußischen goldenen Militärverdienstkreuzes, der bayerischen Tapferkeitsmedaille in Gold oder der sächsischen goldenen Militär-St.-Heinrichs-Medaille. Während des Nationalsozialismus wurden dann die gesetzlichen Rahmenbe- 766 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 1673, S. 1. 767 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 1673, S. 7. 768 Ebd. 5. Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille 187 dingungen geschaffen, damit ein monatlicher Ehrensold für die Träger höchster Tapferkeitsauszeichnungen ausgezahlt werden konnte, der auch von der Bundesrepublik Deutschland weitergezahlt wurde. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 188 Dienst und Erinnerung. Die militärischen Dienstehrenzeichen. Die Einführung der militärischen Dienstauszeichnungen durch das Königreich Preu- ßen im Jahre 1825 stellte in der Entwicklung des Auszeichnungswesens eine Zäsur dar. Erstmalig konnten im Heer Ehrenzeichen verliehen werden, die keinen unmittelbaren Bezug zu Kampfhandlungen oder Feldzügen hatten, sondern die treue Ableistung der Dienstzeit belohnten. Damit wurde erstmalig auch die im Friedensdienst erbrachte Loyalität und Anhänglichkeit von Mannschaften, Unteroffizieren und Offizieren in besonderer Art und Weise gewürdigt. Dem preußischen Vorbild schlossen sich in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche deutsche Fürstentümer an und stifteten eigene Dienstehrenzeichen, so auch das Königreich Hannover. Durch die Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien dürfte jedoch die 1830 von Wilhelm IV. gestiftete Army Long Service and Good Conduct Medal der Grund dafür gewesen sein, dass der König auch in seinem zweiten Königreich eine Dienstauszeichnung einführte. Am 2. März 1837 stiftete er unter seinem Namen in einem Zuge drei Dienstauszeichnungen, die sich nach Dienstgrad und Dienstzeit voneinander unterschieden. Das Wilhelms-Kreuz in Gold war „zunächst für Offiziere, seit dem 20. April 1855 auch für General-Auditeure, Stabs-Auditeure und Garnisons-Auditeure der Königlich-Hannoverschen Armee nach vollendeter 25-jähriger Dienstzeit bestimmt.“769 Zeitgleich wurde mit der goldenen Wilhelms-Medaille auch eine Dienstauszeichnung „für Unteroffiziere bestimmt, welche seit ihrer Beförderung zum Korporal 25 Jahre aktiv in der königlichen Armee gedient hatten.“770 Die silberne Wilhelms-Medaille kam an Unteroffiziere und Soldaten zur Verleihung, die 16 Jahre treu gedient hatten. Die Verleihungszahlen der Dienstehrenzeichen lassen sich aus den Beständen der hannoverschen General-Adjutantur sowie der General-Ordens-Kommission auszugsweise sehr gut nachvollziehen. Für die goldene Wilhelms-Medaille liegen ab 1839 umfassende, wenn nicht sogar vollständige Vorschlags- und Verleihungslisten vor.771 So kamen beispielsweise im Jahre 1853 13 Wilhelms-Kreuze, 8 goldene und 158 silberne Wilhelms-Medaillen zur Verleihung.772 Vergleichswerte lassen sich auch aus dem Jahr 1865 ermitteln. In jenem Jahr wurden 20 Wilhelms-Kreuze, 14 goldene und 114 silberne Wilhelms-Medaillen verliehen.773 Aufgrund dieser Größenordnung scheinen die bei Thies und Hapke angegebenen Verleihungszahlen von 400 Wilhelms-Kreuzen allein im ersten(!) Verleihungsjahr unrealistisch, selbst wenn man die vielen Nachverleihungen an bereits pensionierte Offiziere bedenkt.774 Gleiches gilt für die Angaben zur silbernen (1150 Verleihungen im Stiftungsjahr) und goldenen Wilhelms-Medaille (50).775 Außerdem kam es in den ersten Jahren bei der Verleihung der goldenen Wilhelms-Medaille zu Lieferengpässen, wie aus einem schriftlichen Vor- 6. 769 Thies / Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6. 770 Ebd., Kapitel 8.1. 771 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1497. 772 Ebd. 773 Ebd. 774 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6. 775 Ebd., Kapitel 7 und 8. 6. Dienst und Erinnerung. Die militärischen Dienstehrenzeichen. 189 gang aus dem Jahre 1840 hervorgeht: „Die Dienstalter-Medaillen für den Wachtmeister Alexander Krämer und Sergeant-Major Christian Bergheim wurden unterm 2. und 11. April d. J. bestellt, sind aber erst jetzt von der Königlichen Münze geliefert, und hat dieselbe die Verzögerung mit der schwierigen Verarbeitung des 14 karätigen Goldes entschuldigt.“776 Grundsätzlich wurden die Dienstehrenzeichen nur auf Antrag des militärischen Verbandes verliehen. Üblicherweise führten die Regimenter Listen mit den Soldaten, die beispielsweise für eine Wilhelms-Medaille in Frage kamen und leiteten diese an die General-Adjutantur weiter. Soldaten, die bereits vor Stiftung der Dienstehrenzeichen entlassen waren, wurden nicht automatisch nachträglich mit einer Wilhelms- Medaille oder einem Wilhelms-Kreuz bedacht. Vielmehr mussten sie durch einen Antrag bei der General-Adjutantur auf sich aufmerksam machen, so geschehen durch den ehemaligen Oberst Gerber, „der jetzt wohl älteste Veteran der hannoverschen Armee, der seit 1777 dient“777. Gerber hatte viele Schauplätze hannoverscher Militärgeschichte gesehen, so stand er als junger Fähnrich in Ostindien, wurde 1783 bei Goudalour verwundet, diente in späteren Jahren mit dem 14. Infanterie-Regiment in Flandern und war zugegen bei dem Ausfall in Menin. Später kämpfte er noch für die Königlich-Deutsche Legion, bevor er aufgrund einer misslungenen medizinischen Behandlung ausscheiden musste.778 Die nötigen 25 Dienstjahre hatte der Oberst weit übertroffen und bat daher im Jahr 1843 „um gnädige Ertheilung des Dienstkreuzes“779. Tatsächlich wurde der Antrag dann dem König zur Entscheidung vorgelegt und dieser genehmigte die Verleihung des Wilhelm-Kreuzes an den Oberst Gerber.780 Innerhalb weniger Jahre wurden die Dienstehrenzeichen zum festen Bestandteil der äußeren Erscheinung langgedienter Soldaten in der hannoverschen Armee, was unweigerlich auch zu großen Begehrlichkeiten führte. Insbesondere Fälle, in denen einem Soldaten nur wenige Monate oder Wochen zur Erreichung der vorgeschriebenen Dienstzeit fehlten, führten zu zahlreichen Ausnahmeanträgen. So bat der ehemalige Soldat Unnewehr im Jahre 1862 um die Verleihung der silbernen Wilhelms-Medaille, auch wenn er nur „15 Jahre und 4 5/6 Monate“781 gedient hatte. Zur Begründung berief er sich auf eine Art Gewohnheit, die er vermutlich in seiner aktiven Dienstzeit beobachtet hatte, dass nämlich „unser König und Kriegsherr auch denjenigen Unterofficieren und Soldaten, welche bei ihrer Entlassung annähernd 16 Jahre gedient hatten in der Regel die silberne Wilhelms-Medaille“782 verlieh. In der General-Adjutantur ließ man sich jedoch durch diese angebliche Gewohnheit nicht zu einer Verleihung hinreißen. Ausnahmen würden zwar gemacht, jedoch nur bei wenigen Tagen fehlender Dienstzeit.783 In einem anderen Fall zeigte man sich dagegen etwas großzü- 776 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1497. 777 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1499. 778 Vgl. ebd. 779 Ebd. 780 Vgl. ebd. 781 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1499. 782 Ebd. 783 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 190 giger in der Anrechnung von Dienstjahren, vor allem wenn es um Kriegsjahre ging. Diese wurden in der Zählung nämlich doppelt angerechnet. Der Sergeant Johann Pagel hatte im Jahre 1839 24 Jahre und 5 Monate gedient und kam daher für eine goldene Wilhelms-Medaille zunächst nicht in Betracht. Sein Regimentskommandeur setzte sich jedoch für den Scharfschützen Pagel ein: „Um bey den Schützen zu bleiben, hat er zu wiederholten Malen ausgeschlagen, Corporal zu werden, und ist er wegen seiner Bravur vor dem Feinde Inhaber der Guelphen Medaille.“784 Da Pagel jedoch kurz vor der Schlacht bei Waterloo nach Hannover kommandiert wurde, stand er nur 5 Monate und 10 Tage des Kriegsjahres 1815 im Felde: „Werden diese 5 Monate und 10 Tage doppelt gerechnet, so fehlen dem Sergeanten Pagel nur noch 1 Monat und 10 Tage an 25 Dienstjahren.“785 In diesem Fall genehmigte der Brigadekommandeur die Aufnahme Pagels in die Vorschlagslisten, wodurch letztlich eine Verleihung möglich wurde. Zweifellos hatte der Sergeant mit seinem Regimentskommandeur natürlich einen einflussreichen Fürsprecher, was bei Unnewehr nicht der Fall war. Je höherrangiger der Unterzeichner einer Empfehlung, eines Dienstzeugnisses oder Augenzeugenberichts war, und das galt vor allem für Kriegsauszeichnungen, desto höher war die Chance für einen Antragsteller, eine Auszeichnung nachträglich zugesprochen zu bekommen. Im Jahre 1844 ergänzte König Ernst August das Repertoire der Dienstehrenzeichen um das Ernst-August-Kreuz. Diese Auszeichnung wurde für 50 treue Dienstjahre der Offiziere verliehen, wobei im Gegensatz zum Wilhelms-Kreuz die Kriegsjahre nicht doppelt angerechnet wurden.786 Thies und Hapke geben die Verleihungszahlen mit weit unter 100 Stück an.787 Als letzte Dienstauszeichnung im weitesten Sinne sei an dieser Stelle noch auf die Silberne Medaille zum 50-jährigen Militär-Jubiläum des Königs Ernst August eingegangen.788 Dieser feierte am 17. März 1840 dieses Jubiläum, woraufhin ihm eine Abordnung aus dem Dorf Isernhagen bei Hannover ihre Glückwünsche hierzu überbrachte. Die sechs lebensälteren Männer, namentlich waren dies Heinecke Stöckmann, Arend Runge, Friedrich Betge, Jürgen Heinrich Rahlves, Arend Krüger und Friedrich Wismer, hatten einst mit dem König im 9. Leichten Dragoner-Regiment gedient, als dieser noch Hauptmann gewesen war.789 Am 26. August 1840 besuchte der König Isernhagen und überreichte den Veteranen im Gegenzug eine eigens für sie gefertigte Medaille.790 Mit den sechs verliehenen Exemplaren dürfte es sich zweifellos um das seltenste aber auch persönlichste Ehrenzeichen des Königs von Hannover handeln. Die Dienstehrenzeichen finden auch in einem Schreiben der General-Ordens- Kommission vom 24. April 1866 Erwähnung, in der auf die Rangfolge bei der Verleihung hannoverscher Ehrenzeichen eingegangen wird. Dort heißt es: „Schließlich er- 784 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1500. 785 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6. 786 Vgl. ebd., Kapitel 9. 787 Vgl. ebd. 788 Vgl. ebd., Kapitel 18. 789 Vgl. ebd., Kapitel 18. 790 Vgl. ebd. 6. Dienst und Erinnerung. Die militärischen Dienstehrenzeichen. 191 lauben Wir Uns noch die angebrachte Bemerkung hinzuzufügen, daß es die Allerhöchste Absicht ist, künftig die Verleihung der goldenen Verdienst-Medaille zu beschränken, weil sie für die Personen, welche mit dem allgemeinen Ehrenzeichen anfangen, die höchste Classe, und früher auch nur bei fünfzigjährigen Dienstjubiläen, sowie ganz besondere Verdienste, verliehen wurde.“791 Das Erreichen des 50jährigen Dienstjubiläums für Mannschaften und Unteroffiziere war sehr selten, da solche langen Verpflichtungszeiten für diese Dienstgradgruppen nicht vorgesehen waren. Es handelte sich in den meisten Fällen um Militärangehörige mit einem spezialisierten Aufgabenbereich. Die Dienstehrenzeichen gehörten zu den Auszeichnungen, die König Georg V. ab 1866 auch in seinem österreichischen Exil weiterverlieh: „Im Sommer 1867 wurde von Sr. Majestät bestimmt, sämtliche hannöversche Militair-Personen, die keine preußischen Dienste genommen hätten, sollten als activ dienend angesehen und [...] mit der Wilhelms-Medaille decorirt werden.“792 Hierbei handelt es sich um eine sehr bemerkenswerte Maßnahme. Als hätte es eine hannoversche Niederlage und die Entbindung der Soldaten von ihrem Eid an den König niemals gegeben, sollten die Dienstzeiten der Soldaten Hannovers fiktiv weiterbestehen, sodass die Militärangehörigen für eine Verleihung der Wilhelms-Medaille früher oder später berechtigt waren. Damit sollte die Loyalität zum König durch den Verzicht auf den Dienst im preußischen Heer besonders belohnt werden. Wie diese Bestimmung des Königs konkret ausgeführt und bürokratisch verwaltet werden sollte, geht aus den Dokumenten nicht hervor. In den ersten Jahren nach 1866 haben wohl ehemalige Offiziere des hannoverschen Heeres, die nach wie vor loyal zu König Georg V. Standen, in seinem Auftrag Verleihungsberechtigte ausfindig gemacht und die besagten Medaillen verliehen. So waren etwa am „16. Juli 1868 auf den Namen des Rittmeisters Schwarz als verausgabt eingetragen: 42 silberne, 4 goldene Wilhelmsmedaillen.“793 Im weiteren Verlauf gab es jedoch Bedenken, dass die preußischen Behörden in Hannover von der Weiterverleihung der Dienstehrenzeichen Kenntnis erlangen und die Beliehenen dadurch möglicherweise in Probleme geraten könnten. Daher bräuchten die in Hannover gebliebenen Offiziere keine weiteren Verleihungen vornehmen, sie waren vorerst aufgeschoben.794 An diesem Beispiel lässt sich aufzeigen, welch hohen Stellenwert Dienstauszeichnungen im Allgemeinen und im Fall des Königreichs Hannovers im Besonderen hatten. Für die Soldaten waren die Wilhelms-Medaillen eine besondere symbolische Würdigung ihrer erbrachten Dienstzeiten. Mit ihnen verbanden sie schließlich viele persönliche Erinnerungen an die militärische Gemeinschaft oder auch mitgemachte Entbehrungen in Friedens- und Kriegszeiten. Umgekehrt bot es für den König die Möglichkeit, Loyalität auszuzeichnen oder einen Anreiz hierfür zu geben, insbesondere aus dem Exil heraus. 791 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1503. 792 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 414, S. 15. 793 Ebd., S. 21. 794 Vgl. ebd., S. 15. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 192 Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. Als der blinde König Georg V. am 27. Juni 1866 das Schlachtfeld von Langensalza verließ, so hatte er nach damals gängigen Kriterien dieses militärische Ereignis gegen das Detachement aus preußischen Truppen und solchen aus Sachsen-Coburg-Gotha für sich entschieden. Immerhin war der preußische Befehlshaber General von Flies dazu gezwungen, den Rückzug seiner Kräfte zu befehlen. Hannover hatte 900 Gefangene gemacht und über 2000 Gewehre sowie zwei Geschütze erbeutet.795 Die hannoverschen Verluste waren mit 378 Toten und 1051 Verwundeten deutlich höher als die der Preußen und Coburger, die 196 Gefallene und 636 Verwundete zu beklagen hatten.796 Das lag vorrangig an den Zündnadelgewehren, die dem einzelnen preußischen Soldaten durch die schnellere Schussfolge einen wichtigen technischen Vorteil gegen- über gegnerischen Soldaten mit dem Vorderladergewehr verschafften.797 Dennoch waren die hannoverschen Truppen nach dem Sieg durch die tagelange Hitze, die zuvor geleisteten langen Märsche und die schlechte logistische Lage nachhaltig geschwächt und die hohen Verluste an Offizieren und Feldwebeln versprachen darüber hinaus echte Führungsprobleme für mögliche Folgeoperationen798. Doch was schließlich für das existenzielle Ende des Königreichs Hannover ursächlich war, waren die politischen Weichenstellungen, die bereits im Vorfeld der Schlacht bei Langensalza innerhalb der preußischen Regierung zur Causa Hannover stattgefunden hatten. Das Königreich Hannover fand sich nach anfänglichen Neutralitäts-bemühungen und einem durch den König abgelehnten preußischen Bündnisangebot in einem Krieg gegen Preußen wieder, ohne ein konkretes Bündnis mit Österreich eingegangen zu sein. Ebenso fehlte eine gemeinsame Strategie mit den süddeutschen Staaten, sowohl militärisch als auch politisch. Der König von Hannover sah sich dem Deutschen Bund gegenüber verpflichtet und wollte sich auf kein Ultimatum einlassen, wonach der Bund nach preußischen Vorstellungen, unter Ausschluss Österreichs, reformiert würde. In der preußischen Führung war man sich jedoch über eine Strategie im Umgang mit Hannover, vor allem in einer neuen politischen Ordnung aufgrund des möglichen Endes des Deutschen Bundes, keineswegs einig. Für König Wilhelm I. war die Bündnisfrage mit Hannover vorrangig, so entsandte er einen Tag vor der Schlacht von Langensalza den Oberst von Döring zu König Georg V. nach Gotha, der ihm letztmalig ein Bündnisangebot unterbreitete, „das auf der Basis der am 14. Juni in Frankfurt vorgeschlagenen Bundesreform den hannoverschen Besitzstand garantieren sollte.“799 Für den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck war Hannover jedoch ein natürlicher Gegenspieler Preußens im norddeutschen Raum, der seinen mit- 7. 795 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 126. 796 Vgl. ebd. 797 Vgl. ebd. 798 Vgl. ebd., S. 127. 799 Bertram: Das Königreich Hannover, S. 124. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 193 tel- und langfristigen politischen Plänen entgegenstand. Nicht nur durch seine flächenmäßige Größe schien es die preußische Hegemonialmacht in Norddeutschland zu gefährden, sondern auch durch seine politische Stellung als einziges Königreich in Norddeutschland, neben Preußen. Geopolitische Faktoren dürften jedoch ausschlaggebend für Bismarcks Absichten nach einer Einverleibung Hannovers gewesen sein. Bei einem Blick auf die Karte des Deutschen Bundes von 1866 stellt man fest, dass das preußische Stammland in Mittel- und Ostdeutschland im Wesentlichen durch das Königreich Hannover und das Kurfürstentum Hessen von den großflächigen Besitzungen an Rhein und Ruhr getrennt wurden. Beide Länder wurden nach dem Krieg von 1866 dem Königreich Preußen als Provinzen angegliedert. Dadurch waren einerseits Truppenverschiebungen von Ost nach West möglich, ohne dass andere Länder um Erlaubnis gefragt werden mussten und andererseits gewährleistete die Annexion Hannovers auch eine Verbindung zu den ebenfalls von Preußen annektierten Provinzen Schleswig und Holstein. Daher befürchtete Bismarck, dass sich der König von Hannover in Anbetracht der aussichtslosen militärischen Lage in letzter Minute doch noch auf ein Bündnis mit Preußen einlassen würde.800 Um diese Entwicklung zu verhindern, telegrafierte Bismarck nach Gotha, während Wilhelm I. schlief, unter Berufung auf eine angeblich amtliche Meldung, dass alle hannoverschen Truppen durch Mülhausen zurückgegangen seien und dabei Feindseligkeit verübt hätten.801 Dadurch sei der Auftrag des Obersten von Döring hinfällig. Bis heute ist nicht bekannt, inwiefern sich Bismarck ganz bewusst der Unwahrheit bediente, um ein mögliches Einlenken König Georgs V. zu verhindern. In jedem Fall löste das Telegramm große Verwirrung aus, sowohl beim preußischen Befehlshaber General von Falckenstein, der seine Angriffsvorbereitungen stoppen musste, als auch bei Oberst von Döring, der sich in der Folge vom Gegenteil des Inhalts aus dem Telegramm überzeugen konnte.802 Er kehrte jedoch trotzdem nach Berlin zurück, nachdem er von Georg empfangen wurde und keine Einigung erzielt werden konnte.803 Nach der Schlacht von Langensalza und dem Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund am 26. Juli 1866 war die Frage nach der Zukunft Hannovers noch immer offen. König Wilhelm I. hatte sich zunächst mit der Idee einiger Gebietsabtretungen Hannovers zufrieden gegeben, doch Bismarck setzte sich mit seinen Vorstellungen der Vollannexion durch.804 Mit den Annexionspatenten vom 3. Oktober 1866 wurden schließlich neben dem Königreich Hannover auch das Kurfürstentum Hessen- Kassel, das Herzogtum Nassau und die Freie Stadt Frankfurt dem Königreich Preu- ßen einverleibt. In das Spannungsfeld zwischen militärischem Sieg über das Kontingent des Generals Flies und der unsicheren existenziellen Zukunft des Königreichs Hannover fiel die Stiftung einer Denkmünze an die Schlacht bei Langensalza (Langensalza-Medaille). Trotz des wiederholten militärischen Engagements Hannovers innerhalb des 800 Vgl. ebd. 801 Vgl. ebd. 802 Vgl. ebd, 803 Vgl. ebd. 804 Vgl. ebd., S. 129. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 194 Deutschen Bundes (1848 gegen Dänemark und bei der Bundesexekution 1863) war die am 27. Juli 1866 gestiftete Langensalza-Medaille in Hannover die erste Kriegsdenkmünze seit denen für die Befreiungskriege gewesen. Die zeitnahe Stiftung der Medaille, die an alle Soldaten, „welche in dieser Schlacht tapfer, wenn auch ohne Erfolg gekämpft haben“805, ist daher auch als starkes politisches Zeichen nach innen zu werten, immerhin ging es dem König auch darum sich die Loyalität seiner Untertanen und insbesondere der Soldaten zu sichern. Durch ein tragbares, nach außen hin sichtbares Ehrenzeichen ließ sich eine Loyalitätsbekundung durch jeden einzelnen Untertanen am ehesten öffentlichkeitswirksam darstellen. Die Verleihung der Langensalza- Medaille erfolgte noch flächendeckend im Jahr 1866, indem die Verbände, die bei Langensalza gekämpft hatten, Listen mit den Verleihungsberechtigten aufstellten. Nachträgliche Verleihungen erfolgten aus dem Exil des Königs heraus bis in das Jahr 1890806, der letzte Antrag auf Verleihung stammt aus dem Jahr 1898.807 Die Gründe für die verspäteten Anträge waren entweder auf eine fehlerhafte Listenführung zurückzuführen, wodurch einige Soldaten ihren Anspruch auf die Medaille im Zuge der Auflösung der Armee nicht mehr geltend machen konnten, oder die Anfragen erfolgten aus einem Personenkreis, der für eine Verleihung der Denkmünze gar nicht vorgesehen war. Insbesondere durch den großen Anfall von Verwundeten waren viele Zivilisten aus der Gegend um Langensalza bei der Schlacht zugegen und halfen auf beiden Seiten bei der Rettung, Bergung und Versorgung der blessierten Soldaten. Friedrich Arste, der gar kein Bürger des Königreichs Hannover war, sondern aus Gotha stammte, beantragte im Jahre 1867 genau aus diesem Grund die Langensalza-Medaille: „Vom frühen Morgen bis spät abends half ich die Gefallenen mit verbinden, sie nur dem Feuer zurücktragen, und nach den schnell errichteten Lazaretten schaffen, in welchen ich, als der Dienst auf dem Schlachtfelde vorüber, mich bis zum Freitag dem 20ten Juni bei jeder Dienstleistung und jeder Hülfeleistung beteiligte. Alle dort bei Langensalza auf irgend eine Weise beteiligt gewesenen Personen haben Euer Majestät Huld und Gnade die Langensalza-Medaille verliehen, und auch ich, Majestät, möchte dieses Zeichen des glorreichen Sieges tragen, in den Straßen Eurer Majestät treuen Residenzstadt.“808 Der Umstand, dass sich diese Bitte um Verleihung in einem Bestand der General-Adjutantur befand, der den Titel „Orden und Ehrenzeichen betreffend nachträgliche Reclamation der Langensalza-Medaille und auf Ehrenzeichen überhaupt, insbesondere solche Fälle, die keine Berücksichtigung finden konnten.“ trug, deutet darauf hin, dass auch diesem Antrag nicht stattgegeben wurde.809 Zwar hatte Friedrich Arste auf Seiten der Hannoveraner bei der Versorgung der Verwundeten geholfen und somit dieselbe Leistung erbracht wie hauptamtliches Sanitätspersonal bzw. die eigenen Kameraden, jedoch hatte er offensichtlich keinen Anspruch auf eine Medaille, entweder weil er 805 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 20. 806 Vgl. ebd. 807 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. 808 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. Seite 2. 809 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 195 seinen Einsatz nicht mit Zeugenberichten hinterlegen konnte oder weil er als Zivilist vor Ort nicht offiziell zu den hannoverschen Truppen oder dem Gefolge gehörte. Dagegen gab es auch Antragsteller, die zum Zeitpunkt der Schlacht zwar Soldaten, jedoch nicht in Langensalza zugegen waren. Heinrich Hennigs aus Burgdorf beanspruchte die Denkmünze für sich, obwohl er offensichtlich die Verleihungsvoraussetzungen nicht erfüllte. Laut eigener Aussage wurde er am 16. April des Jahres 1866 in ein 4. Regiment eingezogen, musste jedoch im Zuge der Mobilmachung als Krankenwärter zurückbleiben. Bei Stade geriet er schließlich in Gefangenschaft und versuchte sich nach seiner kurzfristigen Entlassung wieder dem Regiment anzuschließen.810 Dieses erreichte er jedoch genauso wenig wie das Schlachtfeld bei Langensalza, bat jedoch trotzdem um die Auszeichnung. Auch der ehemalige Artillerist Kuhlmann, der ebenfalls bei Stade in Gefangenschaft geriet und keine Kampfhandlungen sah, beantragte erst 1877 die Langensalza-Medaille.811 Der große zeitliche Abstand zwischen dem Ende des Krieges und dem Bittschreiben des Kuhlmann zeigt, dass die Erinnerung möglicherweise ein wesentlicher Antrieb für ihn war. Offensichtlich war der Anspruch auf die Medaille direkt bei Stiftung oder kurze Zeit danach nicht so selbstverständlich, wenn er erst über ein Jahrzehnt später diese Intention verfolgte. Wie man jedoch auch durch seine Umgebung zu einem Antrag auf nachträgliche Verleihung animiert werden kann, zeigt das Beispiel des ehemaligen Sergeanten Meyer aus dem Jahre 1877. Er gab in seinem Schreiben an, in Hannover einen ehemaligen Kameraden getroffen zu haben, mit dem er auf „die Katastrophe von 1866“812 zu sprechen kam. Er selbst war im Jahre 1866 zwar Soldat, jedoch zur Zeit der Schlacht von Langensalza an der holländischen Grenze eingesetzt, zur Eindämmung der Rinderpest.813 Trotz seiner physischen Abwesenheit vom Ort, dessen Name auf der Rückseite der Medaille steht, sieht er einen Anspruch auf die Medaille und versteht sie ausdrücklich als Erinnerung an seine Dienstzeit. Zur Bestätigung seiner dienstlichen Leistungen hat er seinem Schreiben ein Attest seines ehemaligen Kompaniechefs über seine tadellose Dienstzeit beigefügt. Der Schilderung Meyers kann man zunächst entnehmen, dass er die politische Zäsur von 1866 auch als eine persönliche empfand. Das dürfte kaum verwunderlich sein, wenn man bedenkt, dass Meyer im Jahre 1866 Soldat gewesen und durch seinen Eid in besonderer Weise an den König von Hannover gebunden war. Mit dem Kameraden, den er in Hannover traf, war Meyer in Form eines kommunikativen Gedächtnisses miteinander verbunden. Dabei handelt es sich um „einen lebendigen und nicht institutionalisierten Erinnerungsraum, der vornehmlich durch mündliche Überlieferung geprägt und durch biographische Erfahrungen verbürgt ist.“814 Dieses vom Kulturwissenschaftler und Ägyptologen Jan Assmann entworfene Modell von Kultur und Erinnerung kann man in dem Fall nachvollziehen. Meyer und sein Kamerad haben als Angehörige einer Generation Anteil an die Erinnerung an 810 Vgl. ebd., S. 13. 811 Vgl. ebd., S. 67-69. 812 Ebd., S. 76f. 813 Ebd. 814 Landwehr: Kulturgeschichte, S. 53. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 196 das Königreich Hannover und sein Ende. Sie pflegen durch ihre Reflexion das kommunikative Gedächtnis und prägen dadurch gleichsam das übergeordnete kollektive Gedächtnis.815 Meyer schien das Bedürfnis zu haben, die Erinnerung an das Königreich und auch an seine eigene Dienstzeit beim Militär festhalten zu müssen und sah in der Langensalza-Medaille wohl das geeignete Objekt. Es war nicht nur die letzte offiziell gestiftete Auszeichnung des Königreichs, sondern trug auch das Ereignis im Namen, das zwar einen militärischen Sieg darstellte, aber auch gleichsam das politische Ende der Welfen-Dynastie in Hannover. Ein gestiftetes Ehrenzeichen kann also auch als eine Art Erinnerungsort fungieren, wie es Pierre Nora nicht nur für begehbare Orte annahm, sondern für verschiedene Objekte und Erscheinungen wie etwa Gebäude, Denkmäler, Kunstwerke, Gedenktage oder Persönlichkeiten. Auch eine tragbare Auszeichnung kann so ein Erinnerungsort sein. Das wesentliche Merkmal, das laut Nora einen Erinnerungsort kennzeichne, sei der anfängliche Wille, etwas im Gedächtnis festzuhalten: „Gäbe man das Prinzip dieser Vorgängigkeit auf, würde man schnell von einer enggefaßten Definition [...] zu einer möglichen, aber unscharfen Definition abgleiten, die theoretisch jedes einer Erinnerung würdige Objekt einschlösse.“816 Der Wille, die Schlacht von Langensalza nicht nur in der Erinnerung der teilnehmenden Soldaten, sondern auch im Gedächtnis der Öffentlichkeit festzuhalten, war durch die Stiftung der Medaille durch König Georg V. gegeben. Durch das Anlegen der Dekoration, sei es im Alltag oder zu besonderen Anlässen, war es dem Veteran schließlich möglich, diesen Erinnerungsort zu „besuchen“ und das Gedächtnis der Generation, die das Königreich Hannover noch bewusst miterlebt hatte, in den Jahrzehnten nach 1866 lebendig zu halten. Es gab sogar die Möglichkeit, die Bedeutung tragbarer Auszeichnungen als Erinnerungsort auch noch etliche Jahre nach der Annexion durch Preußen aufrecht zu erhalten. König Georg V. verlieh auch nach 1866 aus seinem Exil heraus weiterhin Orden und Ehrenzeichen, nicht nur um sich in seinem früheren Machtbereich Loyalität zu sichern, sondern auch um die Erinnerung an seine Regentschaft bei den beliehenen Individuen und in der Öffentlichkeit zu verankern. Eine andere Möglichkeit war die Stiftung von Ehrenzeichen zu bestimmten Jubiläen, um die Erinnerung auch öffentlichkeitswirksam aufrecht zu erhalten, so geschehen beispielsweise im Jahre 1863 durch das Königreich Preußen, zum 50jährigen Jubiläum der Schlacht bei Leipzig im Jahre 1813 in Form der Erinnerungs-Kriegsdenkmünze 1863. Preußen verzichtete im Zuge der Aussöhnung mit den im Jahre 1866 zunächst verfeindeten deutschen Staaten auf solche Erinnerungsehrenzeichen für den Deutschen Krieg 1866. Für das ehemalige Königreich Hannover gab es keine staatliche Institution mehr, die ein Jubiläum hätte begehen können, aber dennoch gab es im Jahre 1891, die Schlacht von Langensalza war seit 25 Jahren vergangen, Gerüchte über die Stiftung und Verleihung einer silbernen Denkmünze zur Erinnerung an eben jene Schlacht. In einem Bestand des niedersächsischen Landesarchivs in Hannover befinden sich 14 Anträge von Langensalza-Veteranen, die allesamt in die USA mi- 815 Vgl. ebd., S. 53. 816 Erll: Gedächtnis und Erinnerungskulturen, S. 27. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 197 grierten und aus dortigen deutschsprachigen Zeitungen erfahren haben wollen, dass solch ein Ehrenzeichen existierte. In dem Zeitungsausschnitt heißt es: „Hannover. Eine silberne Medaille ist von dem Herzog von Cumberland den Theilnehmern an der 25jährigen Gedächtnißfeier der Schlacht von Langensalza verliehen worden. Etwa 1200 Stück wurden auf dem Schlachtfelde vertheilt, es sollen aber alle noch lebenden hannoverschen Langensalza-Kämpfer eine derartige Medaille erhalten. Die Medaille zeigt auf der Vorderseite das Brustbild des verstorbenen Königs Georg V. mit der Umschrift: „Im Rechte treu, Niemand scheu“; auf der Rückseite die Inschrift: ‚Zur Gedächtnißfeier der Schlacht bei Langensalza am 27. Juni 1866“ mit einem Lorbeerkranz umgeben.‘ “817 Die ausgewanderten Veteranen schickten ihre Bittschriften ausnahmslos nach Hannover und richteten sie sogar mit der Anrede „Hoheit“ auch an die Erben König Georgs V., offensichtlich aus Unkenntnis darüber, dass in Hannover kein Welfe mehr residierte. Die Schreiben landeten schließlich bei der königlich-preußischen General- Adjutantur, Abteilung Orden und Ehrenzeichen, die die Anträge schließlich bearbeitete und beantwortete. T.H. Möller aus Crete in Nebraska schrieb am 7. September 1891: „Erlauben ihre Hochheit [sic!]818 mir eine Bitte, nämlich-ich lese in dem hiesigen Zeitungen das die Krieger von Langensalza welche an der 25 jarigen [sic!] Gedächtniszfeier der Schlacht von Langensalza bei wohnten, mit einer silbernen Medaille von ihrer Hochheit beehrt wurden, und das alle noch lebenden hannoverschen Langensalzar-Kämpfer [sic!] auch eine Medaillie erhallten [sic!] sollten. Da ich nun in Eurer Hochheit Regiment stand als Garde Husar der I ten Schwadron, und am 3 ten Juli 1866 zu Celle entlassen wurde, so möchte ich Eure Hochheit bitten mir eine von diesen Medaillien zu über senden. War 1866 wohnhaft in Hannover und wanderte 1866 am 4ten December aus nach Amerika, mein Vater wohnte als Rentier in Hannover und nach dem Wechsel der Regierung verliesz auch er in 1874 das schöne Hannover.“819 Möller legte in seinem Schreiben viel Wert darauf zu betonen, dass er und auch sein Vater Hannover nach dem politischen Wechsel verließen. Seine Solidarität mit dem Haus der Welfen verkündete er am Ende des Briefes noch einmal mit den Worten: „Hoffe Eure Hochheit werden Hannover nochmals zurück erobern“820 In der preußischen Administration war man von den vielen, ausschließlich aus Amerika stammenden Anträgen überrascht und verwies jeweils darauf, dass solch ein Erinnerungsehrenzeichen nicht existiere, wie aus der Antwort an T.H. Möller ersichtlich: „Auf ihre Eingabe vom 7. d.M. eröffne ich Ihnen, daß die von Ihnen erbetene, angeblich von S.K. Hoheit des Herzog von Cumberland und Lüneburg gestifteten Jubiläums-Medaille von Langensalza nicht existiert, und Ihnen auch keine verliehen werden kann.“821 817 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 421. 818 Auch in der Folge. 819 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 421. S. 21. 820 Ebd. 821 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 198 Dem Autor liegt eine tragbare Medaille vor, die der Beschreibung aus dem Zeitungsartikel sehr nahe kommt. Sie zeigt auf der Vorderseite das Bildnis König Georgs V. mit der Umschrift GEORG V v. G. G. KOENIG v. HANNOVER *IM RECHTE TREU, NIEMAND SCHEU*. Auf der Rückseite steht die von zwei zusammengebundenen Lorbeerkränzen eingefasste Inschrift: ZUM 25 JÄHRIG. GEDENKTAGE LANGEN- SALZA 27. JUNI 1866. Zwar entspricht die vorliegende Medaille nicht hundertprozentig der Beschreibung aus dem amerikanischen Zeitungsartikel, kommt ihr jedoch überraschend nah. Vor allem der Aspekt des 25jährigen Jubiläums und das erwähnte Motto, das sich in keinem anderen Zusammenhang überhaupt recherchieren lässt. Die Medaille hat eine mitgeprägte, parallel stehende Öse mit einem Zwischenring und einem Bandring. Sie war also zum Tragen bestimmt, auch wenn das Band fehlt. Außer der Medaille als Artefakt und der Beschreibung aus dem Zeitungsartikel gibt es keine Informationen über diese Auszeichnung und wer sie gestiftet bzw. verliehen hat. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum die Anfragen zu der Medaille ausschließlich aus den USA kamen und keine aus Deutschland. Erinnerung spielte für die vielen ausgewanderten Veteranen eine große Rolle. Obwohl die öffentliche Wahrnehmung tragbarer, deutscher und insbesondere hannoverscher Auszeichnungen in den USA zu diesem Zeitpunkt eher begrenzt gewesen sein dürfte, war es den emigrierten Teilnehmern der Schlacht von Langensalza wichtig, neben der Langensalza-Medaille, die sie bereits trugen, auch noch dieses Erinnerungs-Ehrenzeichen zu erhalten. Eine tragbare Medaille eben auch in der Vorstellung als Erinnerungsort annehmen zu können, könnte dieses Bedürfnis erklären. Neben der Langensalza-Medaille als Neustiftung gab es im Zusammenhang mit dem Krieg von 1866 noch weitere Änderungen oder Ergänzungen im hannoverschen Auszeichnungssystem, die der König bereits aus dem Exil heraus verfügte. Im Oktober 1866 schrieb er mit seinem Adjutanten, Oberst Dammer, über die Auszeichnung von Offizieren und Mannschaften, die sich bei Langensalza bewährt hatten: „Es war meine Absicht, Sie persönlich herüber kommen zu lassen, um die von mir von Ihnen mitgebrachten Vorschläge mit Ihnen näher zu prüfen. Da sie aber in Ihrer vorletzten Scribae mit Recht anführen, daß unter den jetzigen Verhältnissen Ihre Anwesenheit in Hannover nothwendig sey, so sende ich Ihnen die Liste dieser Vorschläge zu Auszeichnungen zurück, und beauftrage Sie, zu begutachten, welche aus dieser langen Reihe derselben nach Ihrem besten Wissen und Gewissen zu genehmigen ließe.“822 Dafür hatte er das ganze Repertoire an Verdienstauszeichnungen vorgesehen, das zur Verfügung stand: für die Offiziere den Guelphen-Orden und Ernst-August-Orden und für die Unteroffiziere und Mannschaften das goldene und silberne Verdienstkreuz des Ernst-August-Ordens, die goldene und silberne Verdienstmedaille sowie das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst.823 Sein Schreiben schließt der König mit den Worten ab: „Daß der Major von Jacobi von dem Generalstab, dessen Name 822 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 423. 823 Vgl. ebd. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 199 sich unter den zu Decorationen vorgeschlagenen befindet, nach allem, was gegen ihn vorgekommen, von den Auszeichnungen ausgeschlossen bleiben muß, versteht sich von selbst.“824 Der Major Bernhard von Jacobi wurde von General von Arentsschildt vor der Schlacht von Langensalza als Parlamentär zu Verhandlungen mit den Preußen nach Gotha gesandt und verhinderte durch ein Telegramm den zügigen Vormarsch der hannoverschen Armee nach Süden. Später nahm er Stellung zu diesen Vorwürfen und begründete sein Handeln mit seiner pessimistischen Veranlagung und dass er dadurch am Gelingen der militärischen Operation zweifelte.825 Tatsächlich kamen nach 1866 noch zahlreiche Orden und Ehrenzeichen Hannovers, darunter oftmals die zuvor erwähnten, zur Verleihung. So wurden beispielsweise im Zeitraum 1866-1878 46 silberne Verdienstkreuze und 268 Ritterkreuze II. Klasse des Ernst-August-Ordens an Hannoveraner verliehen.826 Wie viele sich davon mit der Schlacht von Langensalza in Verbindung bringen lassen, bleibt dagegen unklar. Die Verdienstmedaille kam für Langensalza jedenfalls vielfach zur Verleihung, zumal der König den Statuten dieser Auszeichnung konkrete Verleihungsbedingungen hinzufügte, die sich auf den Krieg von 1866 beziehen. So zeugt ein maschinell erzeugter Verleihungsnachweis davon, dass die Verdienstmedaille in Silber als post mortem Auszeichnung zur Verleihung kam: „Seine Majestät der König Georg haben, um das Andenken an die bei Langensalza am 27. Juni d.J. gefallenen, und später an ihren Wunden gestorbenen Hannoverschen Officiere, Unterofficiere und Soldaten zu ehren, die Uebersendung einer Decoration an die Hinterbliebenen befohlen und für den verstorbenen Jäger Mull I, 1. Jäger-Bataillon die silberne Verdienst-Medaille zu bestimmen geruht [...]“827 Unterzeichnet wurde das Dokument bereits am 22. September 1866 und die Versendung der Medaille an die Angehörigen des Jägers Mull wurde für den 16. Januar 1867 vermerkt.828 Wenn diese Verleihungspraxis konsequent durchgeführt wurde, dann erhielten 378 gefallene hannoversche Soldaten die silberne Verdienstmedaille, die dann den Angehörigen zur Erinnerung ausgehändigt wurde. Zwei Jahrzehnte nach der Schlacht von Langensalza wandte sich der Veteran Mayer im Jahre 1886 an die Exiladministration der Welfen, weil er sich an eine ganz ähnliche Verleihungspraxis erinnern wollte. Am 27. Juni 1866 wurde er durch einen Schuss am linken Bein verwundet und in das Kriegslazarett am Welfen-Platz in Hannover eingeliefert: „[...] Euer Hoheit haben nun allergnädigst geruht, den bei Langensalza verwundeten hannoverschen Kriegern außer dem Georgs-Orden auch noch den silbernen Ernst-August-Orden zur Erinnerung an den Tag des Kampfes bei Langensalza [...] zu gewähren. Leider ist es mir nicht vergönnt gewesen, den silbernen Ernst-August-Orden zu erhalten. Schon ver- 824 Ebd. 825 Vgl. Dr. Wolfram, G.: Die hannoversche Armee und ihre Schicksale in und nach der Katastrophe von 1866. Hannover 1904. S. 25. 826 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 827 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74 Liebenburg Nr. 477. Blatt Nr. 366. 828 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 200 schiedene Male habe ich mich wiederholt an meinen damaligen Feldwebel Carl gewandt, aber ich habe den Ernst-August trotz alledem nicht bis jetzt erhalten.“829 Dieser Antrag ist auf vielfältige Weise kurios, denn der Bittsteller schien keine Kenntnis über das hannoversche Auszeichnungssystem zu haben. Für die Aufnahme in den St. Georgs-Orden, bei dem es sich ja um einen welfischen Hausorden handelte, kamen nur höchste fürstliche Würdenträger in Betracht und keine Militärangehörigen. Als früherer einfacher Soldat kam er auch nicht für den Ernst-August-Orden in Betracht und sollte er das silberne Verdienstkreuz des Ernst-August-Ordens meinen, so wurde dieses an Feldwebel und Unteroffiziere und ggf. Militärunterbeamte verliehen. An Mannschaftssoldaten kamen in erster Linie die Verdienstmedaille und das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst zur Verleihung. Außerdem wandte sich der Soldat nach eigener Aussagen nach dem Krieg an einen früheren Vorgesetzten, um seinem Wunsch nach einer Auszeichnung Nachdruck zu verleihen. Jedoch handelte es sich bei dem früheren Vorgesetzten um einen Feldwebel, der zu keinem Zeitpunkt vorschlagsberechtigt für die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen war. Lediglich Offiziere in der Dienststellung eines Kompaniechefs aufwärts konnten konkrete Vorschläge formulieren, die dann auf dem Dienstweg über die Generaladjutantur dem König zur Entscheidung vorgelegt wurden. Für den Veteranen Mayer war es zwanzig Jahre nach der Schlacht von Langensalza, noch dazu nachdem der König bereits verstorben war, ein hoffnungsloses Unterfangen, an eine Kriegsauszeichnung zu gelangen. Für ihn persönlich war das Verlangen nach einer hannoverschen Verdienstauszeichnung auch nach dieser langen Zeit noch ungebrochen, wie man den letzten Worten seines Briefes entnehmen kann: „Ich möchte aber doch des mir so lieben Ernst-August-Ordens nicht gern entbehren [...].“830 Für die vielen Soldaten, Beamten und Angestellten im Königreich Hannover, von denen auch unzählige Träger von Orden und Ehrenzeichen waren, ergab sich ab 1866 die Frage nach der weiteren persönlichen und beruflichen Zukunft in der neuen preußischen Provinz Hannover. Die vormals hannoverschen Untertanen erhielten über Nacht die preußische Staatsangehörigkeit und die Verwaltungsstrukturen mit den vielen Beamten und Unterbeamten blieben zunächst intakt. Problematisch gestaltete es sich für Militärangehörige. Zunächst wurden die Mannschaften und Unteroffiziere ohne weiteren Sold und gegen das Versprechen nach Hause geschickt, nicht mehr gegen Preußen in den Krieg zu ziehen. Die Offiziere erhielten ihre Bezüge weiterhin, wurden jedoch über ihr weiteres Dienstverhältnis im Unklaren gelassen. Die preußische Armee stellte im annektierten Territorium des Königreichs Hannover neue Verbände und Großverbände auf und besetzte zunächst die Offiziersstellen mit den Offizieren der ebenfalls früher verfeindeten Armeen Nassaus und Kurhessens, wenn sie denn auch in der preußischen Armee dienen wollten.831 Als auch viele Offiziere der vormals hannoverschen Armee ihre Bereitschaft signalisierten, in die neuen 829 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. Nr. 137. 830 Ebd. 831 Vgl. Spath, Christian, K.P.: Die Hannoverschen und die Kurhessischen Jubiläumsdenkmünzen Preußens. Teil 1: Regimentsjubiläen in der Alten Armee. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 95 (2015). Hohenstein 2015. S. 6. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 201 Regimenter unter preußischer Flagge einzutreten, hinderte sie ihr Eid an Georg V. Dieser weigerte sich aus dem österreichischen Exil heraus, seine Offiziere von ihrem Eid zu entbinden, da er die Absicht verfolgte, Aufstandsbewegungen in Hannover und im Ausland zu unterstützen.832 Georgs Wunsch, dass ihn eine Armee von Getreuen zurück auf den Thron heben könnte, wie es die King’s German Legion einst für seinen Großvater getan hatte, zerschlug sich bald. Die sogenannte Welfen-Legion löste sich auf, noch bevor sie an der Seite Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg hätte kämpfen können. Dies hatte einerseits finanzielle Gründe, da Bismarck darum bemüht war, Geldströme zur Unterstützung solcher Bestrebungen zu unterbinden833 und andererseits bestand die Welfenlegion zunächst nur aus wenigen Hundert Freiwilligen und dazu in der Masse aus Führungspersonal, also Offizieren und Feldwebeln. Dauerhaft konnte sich diese Formation als militärischer Verband also nicht etablieren. Durch zunehmenden äußeren Druck lenkte König Georg V. jedoch ein und entband alle Offiziere von ihrem Eid, sodass am 12. März 1867 der Eintritt vormaliger hannoverscher Offiziere in die preußische Armee geregelt werden konnte.834 Doch selbstverständlich war es bei Weitem nicht für alle Offiziere, in die Dienste des ehemaligen Gegners zu treten, noch dazu, nachdem der Krieg kaum wenige Monate her war. Nicht wenige Offiziere quittierten den Dienst und suchten sich einen anderen Beruf, andere folgten dem Aufruf des Königs und schlossen sich der bereits erwähnten Welfenlegion an und wiederum andere suchten in einer anderen Armee eine neue militärische Heimat.835 Typische Exilarmeen für vormals hannoversche Offiziere waren dabei die sächsische oder österreichisch-ungarische.836 Die innere Einstellung der ehemals hannoverschen Untertanen gegenüber der neuen preußischen Obrigkeit lässt sich auch bei der Annahme und Trageweise von Orden und Ehrenzeichen nachvollziehen. Viele Hannoveraner, vor allem die Eliten des Landes, waren Träger staatlicher Auszeichnungen gewesen und verloren mit der Einverleibung Hannovers in das Königreich Preußen die Legitimation, diese Auszeichnungen weiterzutragen. Bei den Verhandlungen über die weitere Verwendung der hannoverschen Soldaten und Beamten wurde sogar eigens auf die Frage nach den bis 1866 verliehenen Orden und Ehrenzeichen eingegangen: „Den Offizieren, Beamten, Unteroffizieren und Soldaten der ehemaligen hannoverschen Armee wird gestattet, die ihnen bis zum Erlaß des Besitzergreifungspatentes verliehenen hannoverschen Orden und Ehrenzeichen fortzutragen.“837 Eine ähnliche, auf den ersten Blick bemerkenswerte Verordnung, die sich ganz konkret auf die Langensalza-Medaille bezieht, traf der preußische König im Jahre 1867, wonach „die Offiziere, Unteroffiziere und Gemeinen der ehemaligen hannov. Ar- 832 Vgl. ebd. 833 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 132. 834 Vgl. Spath: Jubiläumsdenkmünzen, S. 6. 835 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 131. 836 Vgl. Spath, Jubiläumsdenkmünzen, S. 6. 837 Dr. Wolfram, G.: Die Hannoversche Armee und ihre Schicksale in und nach der Katastrophe von 1866. Hannover 1904. S. 81. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 202 mee, die ihnen von Sr. Majestät dem Könige Georg V. verliehenen Erinnerungs-Medaille an das Gefecht von Langensalza annehmen und tragen dürfen.“838 König Wilhelm I. tolerierte also ausdrücklich die Annahme und das öffentliche Tragen der Langensalza-Medaille, die für den Kampf gegen seine eigene Armee verliehen wurde. Ähnlich verfuhr er auch beim Feldzeichen für 1866 des Herzogtums Nassau, das sich ebenfalls im Krieg gegen Preußen befand und im Anschluss annektiert wurde. Die Genehmigung, das Ehrenzeichen des vormaligen Gegners tragen zu dürfen, kann als erste Maßnahme der inneren Befriedung oder gar Aussöhnung verstanden werden. Es steht sowohl für die Großzügigkeit der neuen Obrigkeit gegen- über den Besiegten als auch für die Anerkennung geleisteter Dienste, unabhängig davon, unter welcher Krone sie stattfanden. Mit der Langensalza-Medaille wurden schließlich Loyalität und Pflichttreue belohnt, also Werte, die sich auch der König von Preußen von seinen neuen Untertanen in der preußischen Provinz Hannover versprach und die nur wenige Jahre später im Deutsch-Französischen Krieg abverlangt wurden. Außerdem hätte ein Trageverbot hannoverscher Orden und Ehrenzeichen die Frage der Loyalität bei seinen Trägern überhaupt erst aufgeworfen, denn das Tragen von Auszeichnungen kann auch als politischer Protest verstanden werden, vor allem dann, wenn es verboten ist. Zahlreiche noch erhaltene Ordensschnallen und Porträtfotos zeugen schließlich davon, dass hannoversche und preußische Orden und Ehrenzeichen wie selbstverständlich nebeneinander getragen und nicht als widersprüchlich empfunden wurden. Eine wohl einmalige Begebenheit, bei der der Bruch mit dem vormals herrschenden Haus der Welfen seinen Ausdruck in der Rückgabe einer Langensalza-Medaille findet, ist die vom ehemaligen Cambridge-Dragoner und jetzigen Buchbinder Köhnsen aus Walsrode. Dieser hatte am 14. September 1873 den langen Weg aus Walsrode bis nach Gmunden ins österreichische Exil des Königs auf sich genommen, um seine persönliche finanzielle Situation mit der Königin zu klären. Offenbar hatte er bei vorheriger Gelegenheit Geld bei ihr geliehen und „bat um eine Audienz bei Ihrer Majestät der Königin, um die Bezahlung seiner Schulden aufzuschieben.“839 Darüber kam er mit dem Oberstleutnant von Klenck ins Gespräch, bei dem es sich um eine Art Adjutant bzw. Sekretär der königlichen Familie im österreichischen Exil handelte. Dieser erklärte ihm, „daß er seit Monat Mai bereits zwei Mal [...] und jedesmal bedenklich Unterstützung erhalten und [...] nach eingezogenen Erkundigungen keiner Unterstützung würdig ist.“840 Der Buchbinder Köhnsen war hierüber sehr ungehalten „und warf dem Haushofmeister Reins [...] die Langensalza-Medaille auf den Schreibtisch mit der Hinzufügung, die können Sie dem Oberstlieutnant von Klenck geben.‘“841 Diese Reaktion verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Ehre und Ehrenzeichen bzw. tragbaren Auszeichnungen. Da sich Köhnsen durch die Feststellung, er sei 838 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. Liebenburg Nr. 477. 839 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 417. 840 Ebd. 841 Ebd. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 203 weiterer Unterstützung nicht würdig, gekränkt sah, betrachtete er die Rückgabe seiner Kriegsdenkmünze als geeignetes Mittel, um seine verletzte Ehre zu verdeutlichen. Diese Reaktion wirkt auf den ersten Blick recht spontan und aus dem Affekt heraus, doch Köhnsen hatte seine Langensalza-Medaille immerhin den weiten Weg aus Walsrode mit nach Österreich-Ungarn geführt. Möglicherweise war die Rückgabe für ihn von Anfang an eine Eskalationsstufe beim Streit um seine Schulden bei der Königin. Seitens des Oberstleutnant von Klenck wurde diese symbolische Handlung als unziemliche Weise bezeichnet, weshalb er die Medaille umgehend nach Hannover an einen Regierungsassessor schickte, um das Ehrenzeichen so in gewisser Weise dem Konflikt zu entziehen. Er formulierte in dem Zusammenhang die Bitte, die Medaille im Ordensschrank zu deponieren und den Namen Köhnsens aus dem Verzeichnis der mit der Langensalza-Medaille begnadigten Personen zu streichen.842 Die Rückgabe einer staatlichen Auszeichnung an den verleihenden Souverän (der Oberstleutnant von Klenck fungierte hier im Auftrag des Königs) ist als bedeutende symbolische Gabe zu verstehen. Während die Ohrfeige als symbolische Abstrafung, als Delegitimation bzw. Bloßstellung vom gesellschaftlich Höherrangigen zum Niedriggestellten gedeutet werden kann843, so ist es bei der Rückgabe der Langensalza-Medaille genau andersherum. Der Buchbinder aus Walsrode hat gegenüber der königlichen Familie bzw. dem Adjutanten als deren administratives Organ keine Möglichkeit zur standesgemä- ßen Genugtuung für seinen Ehrverlust und bediente sich daher dem ihm verliehenen Ehrenzeichen. Mit der Rückgabe der Medaille sagte er sich symbolisch von seiner Loyalität gegenüber dem König los, die er einst unter Lebensgefahr in der Schlacht bei Langensalza unter Beweis gestellt hatte. Der Langensalza-Medaille kommt als letzte Auszeichnung im Königreich Hannover also eine besondere Bedeutung zu. Sie wurde anlässlich eines militärischen Sieges gestiftet und stand doch am existenziellen Ende der eigenständigen Monarchie. Unter dem Eindruck im Felde unbesiegt gewesen zu sein, trugen die Veteranen dieses äußere Zeichen selbstbewusst unter preußischer Duldung auch im Dienste des einstigen Kriegsgegners weiter. Orden und Ehrenzeichen wurden somit zu einer Art Stückwerk der Lebenserinnerungen ihrer Träger und schlossen sich dabei ganz und gar nicht gegenseitig aus, was die Frage der Loyalität angeht. 842 Vgl. ebd. 843 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 26f. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 204 Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer Die Gründung des hannoverschen Auszeichnungssystems fiel in eine Zeit, in der, bedingt durch die umfangreichen Bündnisaktivitäten in den Befreiungs-kriegen sowie die damit zusammenhängende kontingentübergreifende Truppenführung, häufiger als je zuvor Orden und Ehrenzeichen auch zwischenstaatlich verliehen wurden. Galt bei den Hausorden in der frühen Neuzeit noch das Ausschlussprinzip, das heißt man konnte aus Loyalitätsgründen nur in einem Orden Mitglied sein und die entsprechende Dekoration tragen, so konnte spätestens ab dem 19. Jahrhundert Verdienst auch durch einen ausländischen Souverän gewürdigt werden. So kam der Guelphen-Orden im Zuge seiner Stiftung nicht nur an zahlreiche ausländische Militärs zur Verleihung, mit denen hannoversche Truppen gegen Napoleon koaliert hatten, sondern anlässlich der alljährlich stattfindenden Ordensfeste auch an hochfürstliche Personen und Politiker. Damit passte man sich bei der Verleihungspraxis europäischen Normen an, die die Vergabe von Orden und Ehrenzeichen zu einem beträchtlichen Anteil als diplomatisches Mittel zum Aufbau oder der Bekräftigung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Staaten und Dynastien vorsah, „denn in den fürstlichen Häusern Teutschlands ist es überall Gebrauch, bei Vermählungen Ordensverleihungen sowohl an Glieder des verwandt gewordenen Hauses, als auch an dessen Minister und hohe Beamte eintreten zu lassen [...].“844 So gehörten zu den mit dem Guelphen-Orden beliehenen Ausländern der ersten Jahre zum Beispiel der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, der braunschweigische Staatsminister Graf von der Schulenburg-Wolfsburg, Laval Graf Nugent, österreichischer Feldmarschall-Leutnant und römischer Fürst, der britische Feldmarschall Herzog von Wellington oder auch der österreichische Botschafter in London, Fürst Paul Esterhazy.845 Zunächst überwogen jedoch auch bei den Ausländern noch Verleihungen des Guelphen-Ordens im Zusammenhang mit dem Krieg gegen Napoleon. So wurden bei der erstmaligen Verleihung des Ordens allen ausländischen Generalen, die bei Waterloo ein Kommando gehabt hatten, das Militär-Großkreuz verliehen. Britische Adlige und Offiziere waren, wohl bedingt durch die Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien, eine sehr stark repräsentierte Gruppe unter den Ausländern, die eine hannoversche Auszeichnung erhielten. Das beruhte auch auf Wechselseitigkeit, sodass zwischen hannoverschen und britischen Orden eine Dispensation stattfand. Das bedeutete zum Beispiel, dass allen Offizieren, „die unter englischen Fahnen gekämpft und die Militärdekoration des Bath-Ordens erhalten hatten, die entsprechende Militärdekoration des Guelphen-Ordens“846 verliehen wurde. Daran wird deutlich, dass im Zuge der Zwischenstaatlichkeit bei der Verleihung von Orden und Ehrenzeichen die Frage nach der Gleichrangigkeit von Auszeichnungen und der Entsprechung des Standes des Beliehenen und der Verleihung der richtigen Klasse durch einen ausländischen Souverän zu einem immer wiederkehrenden 8. 844 Horn: Der Guelfenorden, S. 188f. 845 Vgl. ebd., S. 310ff. 846 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3. 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 205 zentralen Thema wurde. Die Verleihung einer fremdländischen Auszeichnung war ein Eingriff in das jeweilige Belohnungssystem und bedurfte daher einer strengen Beaufsichtigung und Regulierung. Wollte der König von Hannover dem Bürger eines anderen Landes eine Auszeichnung verleihen, so waren für die General-Ordens-Kommission zwei wesentliche Fragen zu beantworten: welchen gesellschaftlichen Rang bekleidete der Auszuzeichnende in seinem Land und welche Auszeichnung bzw. Klasse eines Ordens im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover entsprach diesem Rang? Die Recherche der General-Ordens-Kommission diesbezüglich lässt sich am Beispiel des russischen Collegien-Assessors Fabricius sehr gut nachvollziehen. Dieser sollte im Jahre 1860 das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens für seine seit längeren Jahren geleisteten Dienste in der königlichen Gesandtschaft erhalten. Der Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Graf Platen-Hallermund, hatte jedoch Bedenken, was die geeignete Klasse des Ordens anging, „Da nämlich das Ritterkreuz für einen Consistorial-Secretair eine zu hohe Ordensclasse zu sein scheint [...] so ist es erforderlich eine nähere Auskunft über die Stellung des Herrn von Fabricius zu erhalten.“847 Daher erkundigte sich Graf Platen-Hallermund bei der königlichen Gesandtschaft in St. Petersburg über den zu Beleihenden. Besonders der Rang des „Consistorial-Secretairs“ bereitete offensichtlich Probleme bei der konkreten Zuordnung und dem Vergleich mit hannoverschen Beamten-Dienstgraden: „1. Welchen Rang, den Militairgraden entsprechend, bekleidet der Herr von Fabricius? 2. Gehört derselbe zu den wirklichen Mitgliedern oder zu den Subaltern-Beamten des Consistoriums? 3. Ist derselbe bereits Inhaber eines Ordens oder unserer Orden und eventuell welcher Classe?“848 Aus St. Petersburg erwiderte man der Anfrage, dass der Rang des Herrn von Fabricius mit dem Majors-Rang im Militär vergleichbar sei und dass ihm bisher keine Orden verliehen wurden.849 Wohl aufgrund dieses Umstandes wurde ihm erst ein (!) Jahr später „die 4te Classe des Guelphen-Ordens, welche Seine Majestät dem Fabricius zu verleihen geruht haben“850 mit der gleichzeitigen Ankündigung übersandt, dass Fabricius das Ritterkreuz erhalte, sobald er den Charakter eines Rats erhalten habe, da dieser für die Klasse erforderlich sei. Diese Aussage der General-Ordens-Kommission ist insofern erstaunlich, als dass solche Verleihungspraxis den Ordensstatuten widersprach. In den am 20. Mai 1841 revidierten Statuten des Guelphen-Ordens heißt es ausdrücklich: „Das Commandeurkreuz zweiter Classe, das Ritterkreuz und das silberne Kreuz ist an keinen Rang gebunden.“851 Dennoch orientierte man sich bei der Vergabe von Auszeichnungen ganz offensichtlich an internationalen Standards, was die Relation von Rang des Beliehenen und Klasse des Ordens oder des Ehrenzeichens anging. Zwar wäre die Verleihung des Rit- 847 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 60. 848 Ebd., S. 58. 849 Vgl. ebd., S. 56. 850 Ebd., S. 54. 851 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 206 terkreuzes an den Herrn Fabricius kein Affront gewesen, aber sehr wohl wollte man den Wert der Auszeichnung aufrechterhalten, indem man die gesellschaftliche Rangfolge beachtete und auch im Ausland mit der eigenen verglich. Doch diese Zuordnung gelang nicht in jedem Fall und führte mitunter sogar zu Beschwerden seitens der Beliehenen. So wandte sich im Jahre 1861 der preußische Oberstleutnant Teisler an die diplomatische Vertretung Hannovers in Berlin und „sprach seinen Dank aus, daß Seine Majestät der König geruht habe, ihn mit dem Kgl. Guelphen-Orden zu begnadigen, fügte jedoch hinzu, daß, da jüngere und unter ihm stehende Officiere mit dem Commandeurkreuz bedacht wären, es ihm seinen Collegen gegenüber unangenehm sei, nur das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens erhalten zu haben. Als Abtheilungschef im Kriegsministerium habe er den Rang eines Regiments-Commandeurs, und da insbesondere dem Oberstlieutnant Neumann, welcher diesen Rang nicht einnehme, das Commandeurkreuz 2.Classe verliehen sei, so ersuche er mich, bei meiner Regierung, dafür zu wirken, daß auch er mit dieser Ordensclasse bedacht werde.“852 Die strenge militärische Hierarchie, insbesondere im Offizierkorps des Kriegsministeriums, bot für den Oberstleutnant Teisler einen ständigen und direkten Vergleich, was die Vergabe von Ehrungen und Auszeichnungen angeht. Wie in diesem Beispiel zu sehen, konnten äußere Zeichen, die einen Unterschied in der Rangfolge hervorheben und dann noch nach damaligem Verständnis in falscher Zuordnung, das Ehrgefühl eines Beliehenen verletzen, sodass dieser sich gezwungen sah, die „richtigen Verhältnisse“ wiederherzustellen. Für den Petenten bestand zweifelsohne die Hürde darin, eine ausgesprochene Belohnung in Form eines Ordens als nachteilig zu relativieren, da es ihm seinen Kameraden gegenüber sehr unangenehm zu sein schien. Dass er bereits einen österreichischen und oldenburgischen Orden in der ihm angemessenen Kommandeurklasse erhalten hatte, dürfte zu seiner Initiative zur Berichtigung der Ordensklasse beigetragen haben. Gefühle wie Scham und Neid, namentlich sogar auf den Oberstleutnant Neumann bezogen, lassen sich aus dem Bittschreiben des Offiziers herauslesen und geben einen Eindruck vom vorherrschenden Selbstverständnis, was die Zurschaustellung äußerer Zeichen in Bezug auf das militärische Ranggefüge angeht. Der hannoversche Beamte W. v. Reitzenstein, der die Angelegenheit an die General-Ordens-Kommission weiterleitete, erwiderte Teisler, dass er nicht an eine nachträgliche Korrektur der Ordensklasse glaube, da die Verleihung zu dem Zeitpunkt bereits publiziert gewesen war. Im gleichen Zuge erklärte und verwies er auf die Rangverhältnisse, die einer solchen Ordensverleihung in Hannover zugrunde lagen.853 Reitzenstein glaube, der preußische Offizier habe „zuvor mit dem Herrn Kriegsminister Generallieutnant v. Roon Rücksprache genommen“854. Welchen Einfluss er dem preußischen Kriegsminister er in dieser Sache zuschrieb, geht aus der Quelle leider nicht hervor. Nichtsdestotrotz wurde die Sache König Georg V. von Hannover zur 852 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 121. S. 25. 853 Vgl. ebd. 854 Ebd. 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 207 Entscheidung vorgetragen und dieser lehnte eine Änderung der Klasse des Guelphen- Ordens schließlich ab. Solche Missverständnisse, was die Verleihung der korrekten Klasse eines Ordens an einen Ausländer angeht, ließen sich auch durch das rechtzeitige Einholen der Verleihungsgenehmigung des jeweils anderen Fürstentums vermeiden. Besonders in Preußen achtete man seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nach einem unliebsamen Zwischenfall mit einem ranghohen württembergischen Beamten auf diese Prozedur. Im November 1894 hatte nämlich der Präsident der General-Direction der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen von Balz das Ehrenkreuz 2. Klasse des Fürstlich-Hohenzollernschen Hausordens erhalten.855 Er bestätigte zwar den Empfang der Dekoration, behielt sich jedoch die tatsächliche Annahme vor, mit dem Hinweis, dass diese Klasse seinem Rang nicht entspräche. Seinen vorgesetzten Minister informierte er darüber, woraufhin der Fürstlich-Hohenzollernsche Hofmarschall von Arnim erfuhr, „daß der Eisenbahn-Präsident ein Beamter III. Stufe war, was dem Rang eines Generalmajors entsprach und bereits das Komturkreuz II. Klasse des Friedrichsordens besaß, zudem auch Halsorden von Preußen, Bayern und Baden, sodaß ihm auf jeden Fall das Komturkreuz und nicht die 2. Klasse des Fürstlichen Hausordens zustehe.“856 In Berlin empfand man diesen Vorfall als peinlichen Fauxpas gegenüber dem Königreich Württemberg.857 Der Eisenbahn-Präsident erhielt schließlich das standesgemäße Komturkreuz und in Preußen bzw. im Fürstentum Hohenzollern, was dem Königreich Preußen in solchen Fragen administrativ angegliedert war, achtete man von dem Zeitpunkt an penibel auf die Verleihung der korrekten Klasse an Ausländer. Dies konnte sichergestellt werden, indem eine Behörde, wie in dem Fall das Sigmaringer Hofmarschallamt, eine Verleihungserlaubnis bei der Regierung des zu Beleihenden beantragte. Die Regierung würde den Umstand einer zu niedrigen Klasse bemerken und könnte so im Vorfeld einen Hinweis an den verleihenden Souverän geben. Zum Zeitpunkt der Verleihung des hannoverschen Ordens an den Oberstleutnant Teisler waren solche Vorgänge jedoch noch nicht üblich. Bei der Verleihung des Guelphen-Ordens an den sächsischen Diplomaten Herrn von Könneritz im Jahre 1858 revidierte der König dagegen die Zuteilung des Kommandeurkreuzes 2. Klasse, da sich der Rang des Beliehenen in der Zwischenzeit geändert hatte: „Nachdem der Königlichen Majestät nun aber davon unterrichtet wurde, daß der Herr von Könneritz bereits am 11ten Septbr. v. J. das Amt und den Rang eines Minister-Residenten bekleidete, haben Allerhöchstdieselben sich huldreichst bewogen gefunden, die früher – unvollzogen gebliebene – Verleihung als nicht geschehen zu erklären, und mittels einer, ebenfalls vom 11ten September v. J. datierten, Patentes den genannten Diplomaten zum Commandeur erster Classe des Guelphenordens zu ernennen [...].“858 855 Vgl. Link, Eva / Gauggel, Heinz: Fürstlich Hohenzollernsche Orden und Ehrenzeichen. Fridingen 1985. S. 114. 856 Ebd. 857 Vgl. ebd. 858 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 6. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 208 Gerade im Bereich des diplomatischen Personals war die Festlegung der korrekten Klasse von großer Bedeutung, da Diplomaten häufig Träger unzähliger Orden waren, die sich in der jeweiligen Klasse miteinander vergleichen ließen. Die Verleihung an ausländische Minister war dann nur noch bloßes Ritual. Tatsächliche Verdienste waren da nicht zwangsläufig eine Voraussetzung, wie man es am Beispiel des russischen Außenministers Fürst Gortschakow nachvollziehen kann. Ihm wurde am 4. Juni 1857 das Großkreuz des Guelphen-Ordens ohne konkrete Begründung verliehen, es war lediglich von einer „Gnadenbezeugung“ die Rede.859 Ähnlich wurde es für das Gefolge diplomatischer Gesandtschaften gehandhabt. So erhielten im selben Jahr einige Personen aus dem Gefolge des Großfürsten und der Großfürstin Constantin von Russland ebenfalls den Guelphen-Orden: „das Großkreuz dem Kaiserlich Russischen Maitre de la Cour und Geheimen Rath von Sabouroff; das Commandeurkreuz erster Classe dem Kaiserlich Russischen wirklichen Staatsrathe Dr. von Haurowitz und wirklichen Staatsrathe Cammerherrn von Golovnine, das Comandeurkreuz zweiter Classe dem Kaiserlich Russischen Fregatten-Capitain, Prinzen Labanoff de Rostoff und Obersten Greig das Ritterkreuz dem Prinzen Ouchtomsky, Adjutanten Sr. Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Constantin von Rußland“860 Auch hier ist die Vergabe des Ordens als eine Art „gute Sitte“ zu verstehen, die als eine Form der Gastfreundschaft betrachtet werden kann und auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Die Rangverhältnisse im Gefolge des Großfürsten spiegelten sich konsequent in der Vergabe unterschiedlicher Klassen des Ordens wider. Russische Bürger gehörten in größerem Umfang zum Kreis der mit hannoverschen Orden und Ehrenzeichen beliehenen Ausländer, aber auch Preußen, vor allem wegen der bis 1866 intensiven militärpolitischen Kooperationen. So erhielten noch im Januar 1866 zwei preußische Stabsoffiziere den Guelphen-Orden weil „diese Officiere der hiesigen Direction des Armee-Materials bei der Abgabe von Geschützen nützliche Dienste geleistet haben, – so erlauben Wir Uns die [...] Decorationen nebst Zubehör mit dem ganz ergebensten Ersuchen in den beiden Anlagen zu übersenden, daran Aushändigung an die Beliehenen auf diplomatischem Wege gefälligst vermitteln zu wollen.“861 Auch die militärische Beteiligung Hannovers an der Bundesexekution 1863/64 führte zu einer vermehrten Verleihung von Orden an die Soldaten verbündeter Streitkräfte. Im Fall der Vergabe von Auszeichnungen an sächsische Offiziere musste jedoch erst der Minister für Auswärtige Angelegenheiten in einem Brief an die General- Ordens-Kommission auf diese wichtige und notwendige Geste aufmerksam machen. 859 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 4. 860 Ebd., S. 5. 861 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 121. S. 2. 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 209 Darin heißt es, dass „Schon zu verschiedenen Malen bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, daß die K. Sächsische Regierung bald nach Aufhören der Bundesexekution in den Elbherzogthümern unseren Kgl. Hannoverschen Officieren, die der mobilen Armeedivision in Holstein angehört haben,“862 verschiedene Auszeichnungen verliehen wurden, „daß aber von hannoverscher Seite keine Reciprocität geübt worden sei. [...]“863 Daraufhin kam es 1865 zu einer repräsentativen Verleihung des Guelphen-Ordens an sieben sächsische Offiziere vom Leutnant bis zum Generalmajor. Die Abwicklung der im Gegenzug an Hannoveraner verliehenen ausländischer Orden und Ehrenzeichen bedurften eines zusätzlichen bürokratischen Aufwands. Wenn ein Bürger des Königreichs Hannover von einem fremdländischen Souverän mit einer Auszeichnung bedacht werden sollte, so war der Beliehene dazu verpflichtet, beim König die Genehmigung hierzu einzuholen, sowohl was die Annahme der Auszeichnungen anging als auch das Tragen. Ursache für diese Genehmigungspflicht war der Zusammenhang zwischen den Orden und Ehrenzeichen als äußeres Zeichen einerseits und dem Anspruch auf Loyalität, den der verleihende Souverän mit diesem Zeichen erhebt. Zwar war die Verleihung ausländischer Orden und Ehrenzeichen an Hannoveraner ab der Mitte des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit mehr, jedoch bestand König Georg V. auf einen geregelten Ablauf bei der Genehmigung derselben: „Das Entgegengesetzte würde geradezu gefährlich sein, da er unmittelbar zu einem bedenklichen Einfluß fremder Herrscher führen müßte.“864 In der Regierungszeit von König Ernst August wurde zunächst festgelegt, dass die Erlaubnis für das Tragen fremdländischer Auszeichnungen durch den Haus- und Kabinettsminister erteilt werden sollte, Militärangehörige ausgenommen. In einem Schreiben König Georgs aus dem Jahre 1865 an seine Minister stellte er jedoch fest, dass seitdem „in dieser Beziehung ein ungeordneter Zustand“ herrsche „wie die Anfrage des Ministers des Innern bei den anderen Ministern schon beweist.“865 Über die Jahre wurden verschiedene Ministerien und Behörden immer wieder mit Anträgen über Annahme- und Tragegenehmigung angeschrieben, üblicherweise waren dies die General-Ordens-Kommission, das Auswärtige Ministerium und das Ministerium des Innern. Entweder sprachen diese Behörden dann unberechtigterweise Genehmigungen aus oder sie leiteten die Anträge untereinander weiter. „Diesem wollte und habe ich ein Ende gesetzt.“866 schrieb der König daher an seine Minister und entschied letztlich, die Sache wieder konsequent in die Hände seines Hausministeriums zu geben und damit in seine unmittelbare Nähe. Das Schreiben König Georgs V. gibt einen Eindruck darüber, welche Bedeutung man Orden und Ehrenzeichen zurechnete. Sie waren nicht einfach eine Belohnung, sondern ein tragbares Symbol, das sehr eng mit den Vorstellungen von Loyalität und Ehre verknüpft war. Der König war sogar über den Einfluss fremder Herrscher in seinem Land besorgt, weil hannoversche Bürger ausländische Orden und Ehrenzeichen trugen. Nach damaligem Ver- 862 Ebd., S. 7 863 Ebd. 864 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 113 Nr. 17. S. 28. 865 Ebd. 866 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 210 ständnis hatte der verleihende Souverän den Anspruch auf Loyalität und Anhänglichkeit des Beliehenen, was durch die Dekoration nach außen hin sichtbar gemacht wurde. Die Dekorationen zweier Souveräne zu tragen, war daher eigentlich ausgeschlossen oder sollte zumindest die absolute Ausnahme sein. Ausdruck fand diese Ausnahme in der exklusiven Genehmigung der Annahme und des Tragens ausländischer Orden und Ehrenzeichen durch den König bzw. seines Hausministeriums. Diese Sonderstellung ausländischer Orden und Ehrenzeichen hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Nach wie vor behält sich in Deutschland das Staatsoberhaupt das Privileg zur Genehmigung vor: „Er [Anm.: der Bundespräsident] hat außerdem die oberste Entscheidungsbefugnis über das Ordenswesen der Bundesrepublik Deutschland. So erteilt er zum Beispiel deutschen Staatsangehörigen die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen ausländischer Orden und Ehrenzeichen oder zur Führung ausländischer Ehrentitel.“867 Die Verleihungen der Orden und Ehrenzeichen Hannovers an ausländische Bürger verdeutlichen die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Art einer Auszeichnung bzw. der Klasse und dem Rang des Beliehenen. Während sich im eigenen Land der gesellschaftliche Rang zu den entsprechenden Dekorationen leicht zuordnen ließen, weil sie oftmals bereits in den Verleihungsbestimmungen explizit Erwähnung fanden, fiel der Vergleich mit den Rangverhältnissen in anderen Ländern deutlich schwieriger. Um die eigenen Orden und Ehrenzeichen durch eine falsche Zuordnung nicht abzuwerten oder den Beliehenen durch eine zu niedrige Klasse, die seinem Rang nicht entsprach, nicht zu verstimmen, wurden teilweise genaue Angaben über die gesellschaftliche Position desjenigen eingeholt. Dennoch konnte eine zu niedrige Klasse eines Ordens sehr wohl das Ehrgefühl eines Beliehenen verletzen, wie es am Beispiel des preußischen Oberstleutnant Teisler deutlich wird. Seine Erwartungen konnten, obwohl die preußischen Rangverhältnisse nicht weit von den hannoverschen entfernt waren, nicht erfüllt werden. Gleichzeitig vollzog sich im Rahmen zwischenstaatlicher Beziehungen auch eine Art Automatisierung bei der Vergabe von Orden und Ehrenzeichen. Ihre Verleihung wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend als Gastgeschenk oder diplomatische Geste gehandhabt, sondern sie wurden auch wechselseitig im Rahmen gemeinsamer militärischer Unternehmungen als Zeichen des Bündnisses verliehen. Auch die Verleihungen hannoverscher Orden und Ehrenzeichen nach 1866 aus dem österreichischen Exil des Königs und seiner Erben sind als solches diplomatisches Mittel zu verstehen, da sie im Wesentlichen an Österreicher und Franzosen erfolgten, die König Georg V. als Verbündete für die Wiedererlangung einer Regentschaft betrachtete. 867 http://www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/orden-und-ehrun gen-node.html (Stand: 03.06.2016). 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 211 Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. Die zunehmende Einbindung aller Bevölkerungsschichten in das System von Orden und Ehrenzeichen im Laufe des 19. Jahrhunderts und die damit einhergehende Ausdifferenzierung tragbarer Auszeichnungen stand auch in einer Wechselbeziehung zur Frage nach der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wie bereits im Kapitel II.3. dargestellt, hatte es in der frühen Neuzeit zahlreiche Stiftungen von Damenorden gegeben, die jedoch noch korporative Verbindungen meist hochadliger Damen gewesen waren. Im Zuge der Befreiungskriege gab es mit dem preußischen Luisen-Orden (1814) einen ersten Verdienstorden für Frauen in zwei Abteilungen, der „für verdienstvolle Handlungen im Kriege und in Friedenszeiten“868 verliehen werden konnte. Auch hier folgten andere deutsche Staaten dem preußischen Vorbild und schufen in den folgenden Jahrzehnten Orden und Ehrenzeichen für Frauen. Verdienste, die mit tragbaren Auszeichnungen gewürdigt werden sollten, orientierten sich an der gesellschaftlichen Rolle der Frau im 19. Jahrhundert, die in allererster Linie als Mutter und „liebende Erzieherin der jungen Generation“869 bestand. War die Frau aufgrund ihres Alters bzw. aufgrund des Umstandes, dass sie noch ledig war, dazu noch nicht imstande, dann hatte sie als Jungfrau „die Aufgabe, die Mutter bei der Erziehung der Kinder und Gestaltung des Familienlebens zu unterstützen.“870 In Kriegszeiten konnten sowohl Frauen als auch Jungfrauen ihre Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit zum jeweiligen Monarchen auch durch Hilfeleistungen bei der Pflege und Versorgung verwundeter Soldaten zum Ausdruck bringen und entsprechend ausgezeichnet werden. Erst im Laufe des Ersten Weltkriegs übernahmen Frauen im Bereich der sogenannten Heimatfront nach und nach Aufgaben in Rüstungsindustrie oder im öffentlichen Leben, die über die bisherige klassische Rollenverteilung hinausging. Dekorationen für Frauen unterschieden sich auf zwei verschiedene Arten von denen der Männer. Einerseits wurden Auszeichnungen gestiftet, die allein den Frauen vorbehalten waren und andererseits gab es Ehrenzeichen, die an Männer und Frauen gleichermaßen verliehen wurden, wobei sich die Tragevorrichtungen voneinander unterschieden. Männer erhielten diese Auszeichnungen an einem Band, das sie wiederum zu einer Ordensschnalle vernähen lassen konnten. Frauen trugen die Dekoration dagegen an einer Bandschleife mit rückseitiger Tragenadel. Dennoch stifteten viele deutsche Fürsten und Fürstinnen eigene Verdienstauszeichnungen für Frauen, z.B. im Königreich Preußen das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen (1871) oder auch das Ehrenzeichen für Hebammen nach 40-jähriger tadelloser Dienstzeit (1886). Der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach stiftete ein Ehrenzeichen für Frauen in zwei Abteilungen (1899), im Großherzogtum Sachsen-Coburg-Gotha gab es die Medaille für weibliches Verdienst (1869) und im Königreich Württemberg den Olga-Orden (1871). Insbesondere das Großherzogtum Baden, das sich in Fragen der 9. 868 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 396. 869 Hansel, Klaus: Das Bild der Familie im Spiegel preußisch-deutscher Orden und Ehrenzeichen. In: Der Herold. Vierteljahresschrift für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften. Bd. 11 (1985). Berlin 1985. S. 180. 870 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 212 Gleichberechtigung der Frau in vielen Bereichen sehr progressiv zeigte, würdigte Arbeit und Verdienst in Form von tragbaren Auszeichnungen sehr umfassend. So wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts die andauernde Berufstätigkeit von Arbeiterinnen in Form von Ehrenzeichen genauso gewürdigt (Arbeiterinnenkreuz) wie die von Hebammen (Jubiläumsmedaille für Hebammen) und Kranken- und Pflegepersonal (Dienstauszeichnung für die Krankenschwestern des Badischen Frauenvereins). Selbst kleinste deutsche Staaten wie das Fürstentum Lippe-Detmold würdigten in Form des Bertha-Ordens (1910) die Verdienste von Frauen in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben. Da ist es umso erstaunlicher, dass es im flächen- und bevölkerungsmäßig großen Königreich Hannover keine Orden und Ehrenzeichen für Frauen gab871. Auch beim Guelphen-Orden, Ernst-August Orden, den zahlreichen Verdienstmedaillen und dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Zivilverdienst war keine Trageform für Frauen an einer Bandschleife vorgesehen.872 Frauen spielten damit bei der Belohnung von Verdiensten in Form von tragbaren Auszeichnungen im Königreich Hannover keine Rolle. Es gab jedoch eine Kategorie von Ordensdekorationen, die in Hannover staatlich legitimiert war und die ausschließlich von Frauen getragen wurden. Es handelt sich hier um die 1842 und 1853 gestifteten hannoverschen Stiftsorden für die evangelischen Damenkonvente des Landes. Bereits seit dem 18. Jahrhundert wurden in vielen europäischen Ländern Dom- und Stiftskapitel, darunter auch Damenstifte, mit Ordenszeichen begnadigt.873 Hierbei handelte es sich um äußere Zeichen der Zugehörigkeit, so wie es in der frühneuzeitlichen Ordenskultur praktiziert wurde. Nur die Mitgliedschaft in einem Orden bzw. Konvent und nicht etwa der Verdienst war die Voraussetzung, um einen Stiftsorden tragen zu dürfen. Im Königreich Hannover hatten bereits die Stifte Bassum (1750), Wunstorf (1750) und Börstel (1765) tragbare Dekorationen erhalten.874 Die Stiftungsfreudigkeit König Ernst Augusts bei den Verdienstauszeichnungen und Kriegsdenkmünzen im Jahre 1841 wirkte sich dabei auch positiv auf die Schaffung weiterer Stiftsorden aus. Seine Ehefrau, Königin Friederike, hatte bereits die Idee dazu angeregt und nach ihrem Tod im Jahre 1841 trieb der König die Stiftung dieser Dekorationen zur Erinnerung an seine Gemahlin voran.875 Ihre Tochter Friederike, Herzogin von Anhalt-Dessau, und Stieftochter des Königs nahm sich diesem Projekt nach dem Tod der Mutter an, wobei Ernst August ihr bei 871 Thies und Hapke erwähnen unter Kapitel 21 eine Dekoration für Hofdamen, können jedoch keine detaillierten Beschreibungen dieser angeblich zweiklassigen Auszeichnung vorweisen. Es fehlen auch jegliche Bezüge auf Quellen und sowohl Hessenthal und Schreiber als auch Jörg Nimmergut in seinem regelmäßig erscheinenden Katalog zu Orden und Ehrenzeichen erwähnen diese Dekoration nicht. Daher bildet sie keine Grundlage für die vorliegende Arbeit. 872 Dem Autor liegen bisher keine Nachweise vor, dass irgendeine hannoversche Verdienstauszeichnung an eine Frau verliehen wurde. 873 Vgl. Magnus, Peter von: Pietati et Verecundiae – Die hannoverschen Stiftsorden von 1842 und 1853. Sonderdruck aus dem Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte Bd 53. Hildesheim 1981. S. 243. 874 Vgl. ebd., S. 244 875 Vgl. ebd. 9. Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. 213 der Gestaltung der Ordenszeichen größtmögliche Freiheiten ließ.876 Bei der Realisierung war ebenfalls der Oberschenk und Reisemarschall Ernst von Malortie beteiligt, der ebenfalls zeitweise der General-Ordens-Kommission angehörte. Aus einem Schreiben des Reisemarschalls an den König geht hervor, dass alle Klöster, die bisher noch kein Ordenskreuz erhalten hatten, zunächst das gleiche Kreuz bekommen sollten, wobei für die adligen Klöster ein goldenes und für die nichtadligen ein weißemailliertes vorgesehen war.877 Diese Unterscheidung basierte auf dem Umstand, „daß die Klöster nach der Reformation zu einem Teil von der Ritterschaft und dem Lüneburger Patriziat zur Versorgung ihrer unverehelichten Töchter aus dem Bürgertum übernommen worden waren.“878 Die Unterscheidung in adlige und nicht-adlige Klöster in der späteren preußischen Provinz Hannover hatte bis ins 20. Jahrhundert Gültigkeit. Zu den adligen Klöstern, die noch eine Dekoration erhalten sollten, gehörten: Barsinghausen, Wennigsen, Lüne, Ebstorf, Isenhagen, Medingen, Walsrode und Neuenwalde. Nichtadelig waren Mariensee, Marienwerder, Wülfinghausen, Wienhausen, Heiligenrode, Georgsstift und Bersenbrück.879 Zu einem späteren Zeitpunkt wurde der hannoversche Heraldiker Dr. Hermann Grote zurate gezogen, der sowohl die einheitliche Gestaltung der Ordenskreuze bemängelte als auch die Farbgebung der Ordensbänder, die sich nach den Provinzfarben der Klöster richten sollte.880 Daraufhin wurden neue Entwürfe der Dekorationen erstellt, wobei zum einen die Kreuzformen geändert und zum anderen zusätzlich traditionelle Motive der Klöster beachtet wurden, letzteres betraf jedoch nur einige Ordenskreuze.881 Das Motto Pietati et Verecundiae wurde auf allen Dekorationen auf der Rückseite eingebracht und sollte eine gewisse Einheitlichkeit bei den Stiftsdekorationen erkennbar machen.882 Nach Grotes Vorstellungen blieben die Provinzfarben bei der Gestaltung der Bänder unbeachtet, stattdessen sollte sich die Auswahl der Farben nach ästhetischen Gesichtspunkten richten.883 Tragen sollten die Ordensdekorationen letztlich „eine jede Äbtissin, Vorsteherin und Conventualin der genannten Klöster, so wie eine jede der mit einer klösterlichen Wohnung versehenen Pensionairinnen des Georgs-Stifts zu Hildesheim“884 Der Wohnsitz in einem Kloster war darüber hinaus Voraussetzung für das Tragen der Dekoration durch die Damen.885 Die Stiftung der Ordensdekorationen wurde schriftlich verkündet und glich in Aufbau und Inhalt den Ordensstatuten der Verdienstorden des Königreichs Hannover. Nicht nur das Aussehen der Kreuze war darin beschrieben, auch der Kreis der Empfänger und mögliche Auflagen, wie etwa Rückgabe oder Entzug der Ordenszeichen. Unterschiedliche Klassen gab es bei den Stiftsorden nicht, die 876 Vgl. ebd., S. 245. 877 Vgl. ebd., S. 245. 878 Ebd., S. 246. 879 Vgl. ebd., S. 248. 880 Vgl. ebd., S. 250f. 881 Vgl. ebd., S. 251. 882 Vgl. ebd. 883 Vgl. ebd. 884 Ebd., S. 253. 885 Vgl. ebd., S. 248. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 214 Äbtissinnen und Vorsteherinnen trugen das Kreuz an einem Bande um den Hals und die Konventualinnen an einer Damenschleife auf der linken Schulter und zwar „bei feierlichen Angelegenheiten des Klosters oder Stifts [...] oder wenn sie vor Unserer Allerhöchsten Person oder vor einem Mitgliede Unseres Königlichen Hauses erscheinen.“886 Das Kreuz ging schließlich wieder an das Kloster zurück, wenn eine Konventualin oder Pensionärin heiratet, stirbt oder in sonstiger Weise aus dem Stift ausscheidet.887 Die Dekoration blieb dann im Besitz des Klosters und wurde an eine Nachfolgerin weitergegeben.888 Trotz des sehr kleinen Kreises, in dem der Orden zur Verleihung kam und trotz des sehr begrenzten Umfangs öffentlicher Wahrnehmung der Dekoration, legte König Ernst August großen Wert auf den Charakter einer königlichen Stiftung, wie es bei jeder anderen Auszeichnung der Fall gewesen war. Er interessierte sich in jedem Detail für die Gestaltung der Kleinode und wies einige Änderungen diesbezüglich an, sodass der Juwelier Knauer, der mit der Herstellung beauftragt war, zusätzliche Kosten in Höhe von 168 Reichstalern berechnen musste.889 Bei der Gestaltung des Bandes entschied sich der König für ein einheitliches Band für alle Klöster, sodass der Eindruck einer überregionalen Stiftung betont wurde.890 Es handelte sich dabei um ein hellblaues Band mit weißen Seitenstreifen, wobei die hellblaue Farbe durchaus mit dem Band des Guelphen-Ordens in Verbindung gebracht werden kann.891 Das Kloster Neuenwalde südlich von Cuxhaven sollte im Zuge der Neustiftungen ebenfalls ein Ordenskreuz erhalten, wurde jedoch wieder von der Liste gestrichen, „da es nicht landesherrlich [war], sondern Eigenthum der Bremischen Ritterschaft“892. Die Angehörigen des Klosters sahen sich jedoch zu den anderen Klöstern gleichgestellt und wollten daher nicht ohne Dekoration dastehen. Über den ehemaligen Staatsminister Friedrich von der Decken beantragten die Priorin und die Äbtissinnen aus Neuenwalde im Jahre 1853 ein Ordenskreuz bei König Georg V. von Hannover, woraufhin es sich der König „zum wahren Vergnügen gereichen“893 ließ, dieser Bitte nachzukommen. Wie sein Vater zeigte auch Georg großes Interesse an der Verwirklichung des Kleinods für dieses eine Kloster und machte Vorschläge zur Gestaltung des Ordenskreuzes.894 Ausnahmsweise war die Dekoration des Klosters Neuenwalde dann die einzige ohne die Devise Pietati et Verecundiae. Stattdessen zeigte sie zwei gekreuzte Schlüssel, dem Wappen der Bremischen Ritterschaft, auf der Rückseite des Medaillons.895 Am 10. Dezember 1853 wurde die Stiftung durch ein Schreiben des Ministeriums der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten an den Präsidenten der 886 Magnus: Die hannoverschen Stiftsorden, S. 253. 887 Vgl. ebd., S. 253. 888 Vgl. ebd. 889 Vgl. ebd., S. 254. 890 Vgl. ebd. 891 Vgl. ebd., S. 255 892 Ebd., S. 256. 893 Ebd., S. 257. 894 Vgl. ebd. 895 Vgl. ebd., S. 258. 9. Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. 215 Bremischen Ritterschaft bekanntgegeben und rechtskräftig.896 Nach der Annexion des Königreichs Hannover im Jahre 1866 wurden die Stiftsdekorationen auch durch preußische Behörden wahrgenommen und die Frage nach einer neuen Legitimation kam auf. Durch eine Kabinetts-Ordre vom 4. Januar 1868 wurde durch den preußischen König Wilhelm I. schließlich bestimmt, „daß die Ordens-Dekorationen und Bänder, wie solche die Mitglieder der Damenstifter und Klöster im vormaligen Königreiche Hannover bisher getragen haben, unverändert beizubehalten sind [...]“897 Das preu- ßische Innenministerium ließ sich alle Entwürfe der bisher verliehenen Ordenszeichen sowie den gesamten Schriftverkehr in Bezug auf deren Stiftung zuschicken und gab die Dokumente trotz Aufforderung durch den Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hannover nicht zurück.898 In Hannover wollte man sich auch als Provinz die Stiftung weiterer Dekorationen für Damenstifte vorbehalten und begründete somit die Rückforderung.899 Da das preußische Innenministerium dieser Bitte nicht nachkam, musste man jedoch gegebenenfalls auf die Originalentwürfe zurückgreifen, die im königlichen Hausarchiv aufbewahrt wurden.900 Die hannoverschen Stiftsorden wurden letztlich als einzige Dekoration, die noch während der Zeit des Königreichs Hannover gestiftet wurde, von Preußen übernommen und bis zu dessen Ende als Monarchie mit staatlicher Legitimierung weiterverliehen. Innerhalb des Königreichs Hannover waren sie als einzige Ordensdekoration für Frauen von großer Bedeutung, auch wenn ihre Existenz in der Öffentlichkeit kaum Wahrnehmung genoss, weil sie nicht wie bei den Verdienstorden der Allgemeinheit zur Verfügung stand, sondern nur an einen kleinen, elitären Kreis zur Verleihung kam. Dennoch lassen sich einige Parallelen zum restlichen Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover feststellen. Die äußere Gestaltung der klösterlichen Ordenszeichen entsprach mit der Emaillierung den Verdienst- und Hausorden, wie zum Beispiel dem Ernst-August Orden oder dem St. Georgs-Orden. Daher sind die Stiftsdamen anhand der ihnen zustehenden Dekoration im gesellschaftlichen Ranggefüge mit den Offizieren bzw. höheren Beamten durchaus vergleichbar. Auch der Rangunterschied innerhalb des Klosters spiegelte sich in der Klassifizierung der Stiftsorden wider. Konventualinnen trugen den Orden an einer Damenschleife an der Brust bzw. Schulter, was bei einem Verdienstorden dem Ritterkreuz entsprach, während die Äbtissinnen als ranghöhere Würdenträger das Kleinod um den Hals trugen, wie es in etwa mit der Kommandeurklasse vergleichbar war. Die verspätete Stiftung der Dekoration für das Kloster Neuenwalde zeigt indessen, dass innerhalb eines relativ geschlossenen und übersichtlichen Kreises an Empfangsberechtigten für einen Orden die gleichen Abhängigkeitsverhältnisse in Bezug auf tragbare Auszeichnungen gelten wie für die querschnittliche Gesellschaft. Die staatliche Stiftung der Stiftsorden machte sie zu einem bei allen evangelischen Damenstiften begehrten Gut, das noch dazu wegen der individuellen Gestaltung je nach Kloster zu einem wichtigen Teil der eigenen klösterlichen Identität wurde, die 896 Ebd., S. 258f. 897 Ebd., S. 260. 898 Vgl. ebd. 899 Vgl. ebd. 900 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 216 nach außen sichtbar gemacht werden konnte. Die Nichtbetrachtung Neuenwaldes führte daher zur Initiative des Stifts, dessen Damen gewissermaßen in ihrer Ehre verletzt wurden, um so eine Gleichrangigkeit im Ansehen mit den anderen Stiften herzustellen. Dieser Antrag lässt sich daher in der vorliegenden Motivation durchaus mit den vielen Anträgen einzelner Soldaten und Veteranen vergleichen, die nachträglich um eine Guelphen-Ordens-Medaille oder Kriegsdenkmünze bzw. Waterloo-Medaille baten. 9. Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. 217 Die Erinnerung an das Königreich Hannover in preußischen Auszeichnungen Mit der Einverleibung des Königreichs Hannover in das Königreich Preußen als preu- ßische Provinz Hannover im Jahre 1866 begann ein langwieriger Eingliederungsprozess, der sich in verschiedenen sozialen, kulturellen und politischen Bereichen stets im Spannungsfeld zwischen Assimilation und Aussöhnung bewegte. Vergleichsweise unproblematisch vollzogen sich die Anpassung der Verwaltungsstrukturen und die Aufstellung neuer militärischer Verbände auf dem Gebiet des ehemaligen Königreiches Hannover auch mit ehemaligen hannoverschen Soldaten. Ein Grund dafür war sicherlich die personelle Durchmischung der neuen Regimenter mit Offizieren aus anderen preußischen Provinzen, sodass sich kein „welfisches“ Offizierkorps innerhalb der preußischen Armee regional etablieren konnte. Aber auch der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 trug zur ersten einigenden Bewährung bei und sorgte für ein neues gemeinsames Feindbild westlich des Rheins sowohl für altpreußische Verbände als auch die ehemaligen hannoverschen Soldaten und die Öffentlichkeit in der neuen preußischen Provinz Hannover. Schwieriger sah es da auf politischer Ebene aus. Welfische Loyalisten hatten im Jahre 1869 die Deutsch-Hannoversche Partei gegründet und strebten mit ihr offen die Restaurierung der welfischen Dynastie an.901 Diese politische Bewegung bestand über die Weimarer Republik bis in die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland (als Niedersächsische Landespartei und ab 1947 als Deutsche Partei) fort. Andauernden Widerstand gab es auch im Bereich der Bildung und geschichtspolitischen Deutungshoheit. So versuchte etwa der ehemalige hannoversche Kultusminister Bodo Freiherr von Bodenberg preußisch-hannoversche Gegensätze sogar mit sozialdarwinistischen Argumenten zu hinterlegen, „indem er den Niedersachsen eine gut christliche, deutsche Herkunft bescheinigte, wohingegen Preußens morallose Realpolitik seines Erachtens dem Umstand geschuldet war, dass sich deutsche Siedler jenseits der Elbe mit zivilisatorisch niedriger stehenden osteuropäischen Bevölkerungen vermischt haben“902. Das preußische Oberpräsidium begann nach der Annexion damit, 700 Volksbibliotheken in ländlichen Gemeinden zu errichten, um der Bevölkerung „die Geschichte, Geographie und Dynastie Preußens näherzubringen.“903 Eine echte Annäherung in der Frage der hannoverschen Provinzialgeschichte, die man auch als Akt der Aussöhnung seitens der preußischen Obrigkeit bezeichnen kann, ist wohl der Traditionserlass von 1899. Elf Jahre zuvor wurde Wilhelm II. deutscher Kaiser und König von Preußen und spielte in der welfisch-hohenzollernschen Rivalität persönlich keine Rolle mehr, da er im Jahre 1866 weder als Soldat im Feld stand, noch politisch aktiv war. Durch den Erlass wurde die Geschichte der hannoverschen Armee enttabuisiert, indem deren Tradition auf 16 preußische Verbände, die in der Provinz Hannover lagen, übertragen wurde.904 Überall auf dem Territorium des 10. 901 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 133. 902 Heinzen, Jasper: Hannover als preußische Provinz im Kaiserreich – ein Kampf gegenläufiger Traditionen im Kaiserreich? In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte. Band 86 (2014). Göttingen 2014. S. 56. 903 Ebd., S. 60. 904 Vgl. ebd., S. 66. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 218 einstigen Königreiches entstanden darüber hinaus Museen und Erinnerungsstätten (Hannover 1901 und Celle 1907), die an die Geschichte der hannoverschen Armee erinnerten und „selbst das Roemer Museum in Hildesheim, dessen Namensgeber ein ausgesprochener Gegner der Welfen gewesen war, sah sich 1912 veranlasst, alte Uniformen anzukaufen, um die Wünsche der Besucher zu befriedigen.“905 Der militärische und politische Konflikt von 1866 wurde sukzessive durch die Hervorhebung militärgeschichtlicher Gemeinsamkeiten zwischen Preußen und Hannover übersteuert, so etwa das Bündnis der beiden Länder im Siebenjährigen Krieg oder während des langjährigen Kampfes gegen Napoleon. Der Traditionserlass wurde in Hannover durchaus als positiv empfunden, so telegrafierte der kurz zuvor gegründete Heimatbund Hannover dem Kaiser im Jahre 1901: „Seit des Kaisers Majestät in den Traditionserlassen an den hohen Ruhm der alten hannoverschen Armee erinnert hat, beginnen auch andere Erinnerungen an die Taten der Vorfahren sich neu zu beleben, deren wir stolz und dankbar gedenken dürfen.“906 Die Erinnerung an die hannoversche Armee kam dabei in den sechzehn preußischen Verbänden nicht nur durch die reine Zuteilung von Tradition zur Geltung, sondern teilweise auch durch äußere Zeichen. So waren seit dem 24. Januar 1901 die Angehörigen des Füsilier-Regiments Nr. 73, des Infanterie-Regiments Nr. 79 und des Jäger- Bataillons Nr. 10 berechtigt, ein Ärmelband mit der Aufschrift „Gibraltar“ an ihrer Uniform zu tragen.907 Dabei handelte es sich um eine Wiedereinführung dieses Ärmelbandes, das bereits am 15. Juli 1785 von König Georg III. für mehrere kurhannoversche Regimenter gestiftet wurde. Anlass dafür war die erfolgreiche Verteidigung der britischen Festung Gibraltar in den Jahren 1779-83. Die Briten mussten eigene Verbände von dort abziehen, da sie in Nordamerika und im Krieg gegen Frankreich und Spanien gebraucht wurden. An ihre Stelle traten daher kurhannoversche Truppen unter dem Kommando von August de la Motte. Sie hielten der jahrelangen Belagerung der Festung durch französische und spanische Truppen stand und kehrten erst 1784 in die Heimat zurück.908 Bei dem Ärmelband „Gibraltar“ handelt es sich daher um eine sogenannte Traditionsauszeichnung. Sie wurde pauschal an alle Angehörigen der festgelegten Verbände verliehen, auch an die nachfolgenden Generationen, um die Erinnerung an die Belagerung im kollektiven Gedächtnis der militärischen Gemeinschaft zu erhalten. Es erfolgte dabei kein Verleihungsprozess und es gab auch keine Verleihungsdokumente, da die Beliehenen der späteren Generationen ja keinen Verdienst in Bezug auf die Belagerung von Gibraltar erbracht hatten. Daher kann man das Ärmelband als eine Mischung aus Auszeichnung, Erinnerungszeichen und Uniformeffekt betrachten. Das Ärmelband Gibraltar war die einzige Auszeichnung in dieser Form bis 1918. In der Wehrmacht wurde später das Ärmelband bzw. der Ärmelstreifen zum festen Bestandteil kollektiver Auszeichnung und Erinnerung. Hier trugen es die Angehörigen etli- 905 Ebd., S. 66f. 906 Ebd. 907 Vgl. Poten: Die Althannoverschen Überlieferungen, S. 5f. 908 Vgl. ebd., S. 8ff. 10. Die Erinnerung an das Königreich Hannover in preußischen Auszeichnungen 219 cher Großverbände, die auch einen Traditionsnamen in ihrer Bezeichnung führten, so zum Beispiel die Heeresanteile, die im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten „1936 Spanien 1939“909, die Panzer- und Panzergrenadierdivisionen „Großdeutschland“ und „Feldherrnhalle“ oder auch das Kavallerieregiment 5 „Feldmarschall von Mackensen“. Für Teilnahme an Feldzügen wurden in der Wehrmacht die Ärmelbänder „Afrika“, „Kreta“, „Metz 1944“ und „Kurland“ verliehen. Auch in der Nationalen Volksarmee und Bundeswehr gehörten und gehören Ärmelbänder zum Erscheinungsbild der Soldaten einiger Verbände. In den Kontext der Zuteilung von Tradition im Sinne des Traditionserlasses von 1899 durch Kaiser Wilhelm II. ist auch die Stiftung von sogenannten Regimentsjubiläumsmedaillen einzuordnen: „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen etc. haben beschlossen, zur Erinnerung an das hundertjährige Bestehen früherer Königlich Hannoverscher Truppenteile eine Denkmünze [...]“910. Insgesamt wurden durch diese Verordnung neun unterschiedliche Medaillen mit gleicher Vorderseite und unterschiedlichen Rückseiten gestiftet, die je nach Bataillon oder Regiment anders gestaltet wurden. Die Vorderseite zeigt einen plastisch vorgehobenen Lorbeerkranz sowie die Waterloo-Säule in Hannover.911 Im Hintergrund der Medaille sind Bäume und Gebäude der Stadt Hannover zu sehen.912 Durch die Darstellung der Waterloo-Säule wird das wesentliche gemeinsame Element hannoverscher und preußischer Militärgeschichte, nämlich die Befreiungskriege, hervorgehoben und betont. Auf der Rückseite steht das Aufstellungsdatum des hannoverschen Verbandes, in dessen Tradition der entsprechende preußische Verband stand sowie das Datum des 100. Jubiläums, also zum Beispiel „25. November 1805 / 25. November 1905“ für das Dragoner-Regiment 9.913 Insgesamt waren Angehörige von 14 preu- ßischen Regimentern und Bataillonen auf eine Jubiläumsdenkmünze berechtigt, wobei sie im Gegensatz zum Ärmelband nicht pauschal vergeben wurde. Verleihungsberechtigt waren nämlich „alle Teilnehmer an der betreffenden Jubelfeier, welche früher in der Hannoverschen Armee und zwar in denjenigen Truppenteilen gedient haben, die durch Unsere Order vom 24. Januar 1899 als Stamm der jubilierenden Preußischen Truppen bestimmt sind.“914 Durch diese Eingrenzung wurde zumindest eine persönliche Verbindung der Beliehenen zum ehemals hannoverschen Traditionstruppenteil gewährleistet und die Verleihungszahlen auch übersichtlich gehalten (2400 bis 2600 verliehene Denkmünzen).915 Jene Jubiläumsfeiern wurden durch die Regimenter mit Unterstützung der jeweiligen Veteranenverbände organisiert und hatten einen hohen Stellenwert im preu- 909 Die Bezeichnung in Anführungszeichen steht jeweils auf dem Ärmelband bzw. Ärmelstreifen. 910 Spath, Christian K.P.: Die Hannoverschen und die Kurhessischen Jubiläumsdenkmünzen Preußens. Teil 2: Die Auszeichnungen und ihre Vergabe. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 96 (2015). Hohenstein 2015. S. 87. 911 Vgl. ebd., S. 88. 912 Vgl. ebd. 913 Vgl. ebd., S. 92. 914 Ebd., S. 87. 915 Ebd., S. 92. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 220 ßischen Militär. Die Chefs dieser Regimenter, also jene hochgestellten Persönlichkeiten, deren Beinamen die Regimenter jeweils trugen, waren dabei zugegen und typischerweise reiste sogar der deutsche Kaiser an.916 Dadurch und durch die große mediale Aufmerksamkeit waren mehrere tausend Gäste bei einem Regimentsjubiläum keine Seltenheit. Über die Feier des hannoverschen Füsilier-Regimentes 73 wurde in einer späteren Regimentsgeschichte bemerkt, dass in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. „eine außerordentlich große Zahl althannoverscher Soldaten und ehemaliger Füsiliere teilnahmen.“917 Solche Jubiläumsfeiern wurden üblicherweise genutzt, um verdienten Soldaten oder Zivilisten, die mit dem Regiment in Verbindung standen, Orden und Ehrenzeichen zu verleihen. Dabei wurden dann auch die Jubiläumsmedaillen an die anwesenden Veteranen verliehen, wobei es bei ehemaligen Offizieren zu nachträglichen Verleihungen gekommen war, wenn diese zu den Jubiläumsfeierlichkeiten nicht erschienen waren.918 Hintergrund für diese Verleihungspraxis war, dass man „dem gemeinen Mann die kaisertreue und preußenfreundliche Gesinnung nicht a priori attestieren wollte“919 und durch deren persönliche Anwesenheit bei den Feierlichkeiten sicher sein wollte, auch die „richtigen“ Veteranen zu beleihen, während man den ehemaligen Offizieren die Kaisertreue und den Patriotismus wie selbstverständlich zubilligte und ihnen die Medaille nachträglich zusandte oder überreichte. Doch nicht nur hannoversche Veteranen kamen durch den Traditionserlass Kaiser Wilhelms II. zu späten Ehren und zu einer Jubiläumsdenkmünze. Acht weitere preu- ßische Regimenter und Bataillone standen per Dekret in der Tradition früherer kurhessischer Verbände und waren auf dieses Ehrenzeichen berechtigt.920 Als dritter im Jahre 1866 von Preußen annektierter Staat kam grundsätzlich auch das Herzogtum Nassau als traditionsstiftendes Element in Frage, jedoch fand keine Stiftung einer Nassauischen Jubiläumsmedaille statt. Christian Spath vermutet, dass sich angesichts des kleinen nassauischen Militärkontingents, das bis 1866 existierte, der Empfängerkreis für eine solche Auszeichnung zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel zu klein gewesen wäre, als dass sich der bürokratische Aufwand für mehrere unterschiedliche Medaillen bei zwei Regimentern gelohnt hätte.921 Kurioserweise gab es für alteingesessene preußische Regimenter, deren Geschichte und Traditionslinien sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, keine tragbaren Jubiläumdenkmünzen. Allein dieser Umstand verdeutlicht, welchen hohen Stellenwert tragbare Ehrenzeichen in Verbindung mit Tradition und Erinnerung besaßen. Das Vorantreiben der inneren Einigung und die Aussöhnung Preußens mit den vormals hannoverschen Eliten, genossen bei Wilhelm II. große Aufmerksamkeit und spiegelten sich in nennenswertem Umfang auch in der Schaffung und Gestaltung tragbarer Ehrenzeichen und Traditionsabzeichen wider. Politisch gipfelte die Aussöhnung und Annäherung zwischen den Häusern Hohenzollern und den Welfen dann schließlich in der Inthronisierung 916 Vgl. ebd., S. 93. 917 Ebd., S. 94. 918 Vgl. ebd., S. 95. 919 Ebd. 920 Vgl. ebd., S. 94. 921 Vgl. ebd., S. 89. 10. Die Erinnerung an das Königreich Hannover in preußischen Auszeichnungen 221 von Ernst August von Hannover, dem Enkel des letzten Königs von Hannover, zum Herzog von Braunschweig im Jahre 1913. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 222

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Zusammenfassung

Orden und Ehrenzeichen gehörten zur Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert. Sie wiesen ihre Träger als Teilnehmer von Schlachten und Feldzügen aus, als verdiente Staatsdiener, Künstler oder Lebensretter. Tragbare Auszeichnungen waren fest in das Ehrverständnis jener Zeit verankert und förderten dadurch Selbstbewusstsein und Anspruch gleichermaßen. Sie machten darüber hinaus soziale Unterschiede nach außen hin sichtbar und ließen den Beliehenen Aufstiegs- und Karrierechancen erahnen. Doch wie genau war so ein staatliches Auszeichnungssystem aufgebaut und inwiefern profitierte der Souverän von der Vergabe der wertvollen Kleinode? Der Autor beschäftigt sich im vorliegenden Werk umfassend mit den Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, das in über 50 Jahren ein komplexes System an Auszeichnungen hervorbrachte und seine Bürger umfänglich für Loyalität und Anhänglichkeit belohnte. Dabei werden nicht nur soziale, kulturelle und ikonographische Aspekte des Auszeichnungsprozesses beleuchtet, sondern auch die politische Geschichte des Königreichs Hannover und seine Bedeutung im Kontext von Tradition und Erinnerung nach 1866 in besonderem Maße fokussiert.