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I. Einleitung. in:

Johannes-Paul Kögler

Ehre als tragbares Zeichen, page 1 - 22

Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814-1866

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4165-9, ISBN online: 978-3-8288-7030-7, https://doi.org/10.5771/9783828870307-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung. Der Essayist und Dichter Hans-Magnus Enzensberger schreibt in seiner 1991 erschienenen Glosse Die Vorzüge der Peinlichkeit über die öffentliche Wahrnehmung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland: „Ich bedaure sagen zu müssen, daß die höchste Anerkennung, welche die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht, ein Phantom ist. Handgreifliche Beweise für ihre Existenz habe ich nicht.“1 Er zeichnet im Weiteren ein Bild einer deutschen Öffentlichkeit, welche mit überwiegendem Desinteresse den tragbaren Auszeichnungen, die der Bundespräsident verleiht, gegenübersteht. Von „Dekorationsscham“ in der hiesigen politischen Kultur ist außerdem die Rede. Dieser führe dazu, dass „ganze Berge von Verdienstkreuzen in Kommoden, Nachttischschubladen und Hausapotheken“ verstauben, „weil sich ihre Inhaber offenbar lieber im Pyjama als im Glanz ihres Ordens sehen ließen.“2 Doch woraus begründet sich diese doch vornehme Zurückhaltung bei der Zurschaustellung, sprich des Tragens von Orden, die der Autor vor allem den Intellektuellen zuschreibt? Handelt es sich etwa um ein deutsches Phänomen, und welche Entwicklung ging dem voraus? Theodor Fontane, der wie Enzensberger ein begnadeter Beobachter seiner Zeit war, schrieb im Jahre 1889 an seinen Freund Georg Friedländer über den damaligen Stellenwert von Orden in der deutschen Öffentlichkeit: „Angesichts der Thatsache aber, daß man in Deutschland und speziell in Preußen nur dann etwas gilt, wenn man ‚staatlich approbirt‘ ist, hat solch Orden einen wirklichen praktischen Wert: man wird respektvoller angekuckt und besser behandelt. Und so sei denn Goßler gesegnet, der mich ‚eingereicht‘ hat.“3 Noch erstaunlicher wirkt diese Einschätzung des Romanciers, wenn man bedenkt, wie seine innere Einstellung gegenüber solchen äußeren Zeichen war: „...so bedeutete mir solche Auszeichnung, mit der ich mich übrigens kaum je vor der Welt herumzieren werde, so gut wie nichts.“4 Und tatsächlich sucht man vergebens ein Portrait des Schriftstellers mit auch nur einem seiner vielen ihm verliehenen Orden5 im Knopfloch. Selbst zu feierlichen An- I. 1 Enzensberger, Hans Magnus: Mittelmaß und Wahn – Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991. S. 221. 2 Ebd., S. 224. 3 Schreinert, Kurt (Hrsg.): Theodor Fontane, Briefe an Georg Friedländer. Heidelberg 1954. S. 102. 4 Ebd. 5 Fontane war Träger des Großherzoglich-Mecklenburgischen Hausordens der Wendischen Krone, des Königlich-Preußischen Kronenordens und des Königlichen Hausordens von Hohenzollern. Siehe da- 1 lässen in Abendgarderobe trug er keinerlei Dekoration, was seinem damaligen Umfeld auffällig erschien.6 Dennoch zeigte er sich in dem Brief an Friedländer dankbar für die Auszeichnung und beschreibt die Inhaberschaft derselben als gesellschaftlich geradezu als notwendig. Dieser extreme Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Orden und Ehrenzeichen keinesfalls mehr notwendig sind, um respektvoll oder besser behandelt zu werden oder Voraussetzung sind, um sich in besser gestellten gesellschaftlichen Kreisen zu bewegen, wirft die Frage auf, warum dies im 19. Jahrhundert anders war. Unter dem Begriff Orden versteht man heutzutage eine tragbare Auszeichnung, die vom Staat unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialer Stellung für erbrachte Verdienste um das Allgemeinwohl verliehen wird. Der Umstand, dass der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland der breiten Masse der Bevölkerung offen steht und dass kaum noch zwischen den Kategorien Orden und Ehrenzeichen unterschieden wird, ist das Ergebnis einer langjährigen gesellschaftlichen Emanzipation, die sich auch auf das Auszeichnungswesen übertragen hat. Im 19. Jahrhundert, als sich das staatliche Belohnungssystem in Form von Orden und Ehrenzeichen entwickelte, wurden sehr strenge Maßstäbe angelegt, was den Zugang zu diesen betraf. Winfried Speitkamp sieht den Grund dafür in einer etablierten symbolischen Praktik, bei der Ehre in Form von visuellen Merkzeichen verliehen wurde.7 Der Verleihung einer Auszeichnung ging also ein gemeinsames Verständnis von Ehre voraus und die Vorstellung darüber, dass der Souverän als Stifter von Orden und Ehrenzeichen darüber entscheiden konnte, wem diese Ehre letztlich zuteil wurde. Doch woraus entwickelte sich diese Vorstellung im Zuge des Übergangs von der ständischen auf die nationale bzw. bürgerliche Ehre im 19. Jahrhundert? Welchen Zweck verfolgte der Verleihende mit der Vergabe tragbarer Auszeichnungen und welche Vorteile versprachen sie dem Beliehenen? Welche Rolle spielte dabei am Ende der Verdienst? War Ehre ein zuteilbares Allgemeingut? Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern Orden und Ehrenzeichen im 19. Jahrhundert als Bestandteil einer Kultur der Ehre fungierten, die nach damaligem Verständnis weit über eine individuelle Wahrnehmung hinausging und als Regulativ zwischen und innerhalb gesellschaftlicher Gruppen diente. Dabei kommt insbesondere auch dem Aspekt der Ausübung und Sicherung von Herrschaft eine besondere Bedeutung zu, die eine wesentliche Motivation für die Stiftung und Verleihung von Orden und Ehrenzeichen darstellte. Ziel der Arbeit ist es daher, unter Zuhilfenahme der Phaleristik (Ordenskunde) als Historische Hilfswissenschaft, sozialwissenschaftlicher Theorien, den politischen Rahmenbedingungen des 19. Jahrhunderts und kulturhistorischer Thesen, Erkenntnisse über die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, die Handhabung bei deren Verleihung und die innere zu: http://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/berlin-abc/stichwortehn/603-lessingdenkma l.html (Stand: 11.06.2015). 6 http://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/berlin-abc/stichwortehn/603-lessingdenkmal.ht ml (Stand: 11.06.2015). 7 Vgl. Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord – Eine Geschichte der Ehre. Stuttgart 2010. S. 145. I. Einleitung. 2 Haltung ihrer Träger zu diesen Symbolen zu sammeln, um so eine verdichtetes Bild über die Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu zeichnen. Das 19. Jahrhundert steht aus verschiedenen Gründen im Fokus der vorliegenden Arbeit. Zum einen ist es aus phaleristischer Sicht von herausragender Bedeutung, da sich erst in jenem Jahrhundert in Mitteleuropa ein umfassendes System an tragbaren Auszeichnungen entwickelt hat. Zwar verliehen am Ende des 18. Jahrhunderts etliche deutsche Souveräne Haus- und Verdienstorden, allerdings nur an einen sehr begrenzten Personenkreis. Die Stiftung und Verleihung von Ehrenzeichen an weniger privilegierte Teile der Bevölkerung war um 1800 eine große Ausnahme. Lediglich Preußen, Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Schwerin, Baden und einige Freie Städte, wie etwa Augsburg und Frankfurt, verliehen Verdienstmedaillen oder –kreuze für Militär-, bzw. Zivilverdienst an ihre Untertanen. Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, das später im Königreich Hannover aufging, verlieh dagegen gar keine Orden und Ehrenzeichen. Die Kurfürsten griffen lediglich in ihrer Eigenschaft als Könige von Großbritannien auf britische Orden und Ehrenzeichen zurück. Knapp 100 Jahre später verfügten die deutschen Staaten über ein sehr komplexes System von tragbaren und nichttragbaren Auszeichnungen, fein ausdifferenziert nach Art des Verdienstes, gesellschaftlichem oder militärischem Rang, Dienststellung, Geschlecht oder sogar Religion des Beliehenen8. Tapferkeits- und Verdienstmedaillen wurden verliehen, Dienstehrenzeichen für Militärs, Dienstboten und Hebammen, Rettungsmedaillen, Erinnerungskreuze für mitgemachte Feldzüge oder sogar Auszeichnungen für Verdienste im Kriegervereinswesen. Die Tendenz ging zu einer immer größeren Vielfalt an Ehrenzeichen mit Höhepunkt gen Ende des Kaiserreiches, wobei sich viele deutsche Souveräne bei der Stiftung von Auszeichnungen gegenseitig inspirierten. Dieses Phänomen war vor allem zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu beobachten, als die Erneuerung des Eisernen Kreuzes durch Wilhelm II. andere Fürsten dazu animierte, eigene Tapferkeitsauszeichnungen für ihre Kontingente zu stiften oder zu erneuern. Auch die Relevanz des Ehrbegriffs, der mit dem Verständnis des äußeren Zeichens als Zeichen der Ehre einhergeht, spricht für eine Bevorzugung des 19. Jahrhunderts gegenüber dem vorherigen oder folgenden Jahrhundert. Dies trifft in besonderem Maße auf den Paradigmenwechsel zu, den einige Historiker der fortschreitenden Entwicklung der Gesetzgebung in dieser Hinsicht zuschreiben. Demnach wird die Ehre durch den Staat konstituiert oder zumindest geschützt.9 Die Konzeption des Ehrenzeichens, bzw. Verdienstordens als staatlich reglementierte Belohnung für Untertanen fällt somit genau in diesen Paradigmenwechsel. In das 19. Jahrhundert fällt schließlich auch in Gänze die Geschichte des Königreichs Hannover, dessen Gründung und Untergang durch zwei bedeutende militäri- 8 Gemeint ist in diesem Fall eine Sonderform für Nichtchristen des Roter-Adlerordens, bei der für Juden und Moslems das Kreuz im Ordenszeichen durch einen Stern ersetzt wurde. Diese Form wurde 1851 eingeführt und kam nur wenige Jahre zur Verleihung. Siehe dazu: http://www.medalnet.net/Nichtchris ten_Roter_Adler.htm (Stand 16.06.2015). 9 Vgl. Speitkamp: Geschichte der Ehre, S. 120. I. Einleitung. 3 sche Konflikte bedingt wurde. Einerseits führten die Befreiungskriege und das anschließende Ringen um eine politische Ordnung in Europa dazu, dass das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg zum Königreich Hannover aufstieg. Andererseits endeten die Bemühungen Preußens um eine neue politische Ordnung in Deutschland im Jahre 1866 in einem Krieg, den Hannover als dessen flächenmäßig bedeutendster Konkurrent im norddeutschen Raum verlor. Hannover war nach Preußen, Österreich und Bayern der viertgrößte Staat des Deutschen Bundes und ist im Vergleich zu diesen Staaten in der Geschichtswissenschaft bis in die jüngere Forschung hinein nachlässig betrachtet worden. Mijndert Bertram sieht eine Ursache dafür in einem mehrfachen Traditionsbruch, wonach durch die Annexion des Königreichs Hannover im Jahre 1866 wesentliche Entwicklungslinien abgeschnitten wurden und die Erinnerung an das Land durch die Umwälzungen, die Preußen selbst bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erfuhr, verschüttet wurde.10 Erst im Jahre 2014, mit dem 300jährigen Jubiläum der Personalunion zwischen dem Kurfürstentum bzw. Königreich Hannover und Großbritannien, rückte die Geschichte Hannovers nicht nur mit vielen Sonderausstellungen und Veranstaltungen mit Bezug zum britischen Königshaus in den Fokus der Öffentlichkeit, sondern fand auch in Form von Publikationen zunehmend Beachtung. Die mit vier Bänden sehr umfangreiche Reihe Als die Royals aus Hannover kamen11 wurde 2014 vom Niedersächsischen Landesmuseum herausgegeben und nimmt schon im Titel direkten Bezug auf das Jubiläum. Weitere jüngere Publikationen in diesem Zusammenhang sind Der Traum vom Weltreich von Margarete von Schwarzkopf12 oder auch Hannover, Großbritannien und Europa. Erfahrungsraum Personalunion 1714-1837. von Ronald Asch13. Spezifisch mit dem Ende des Königreichs Hannover im Zusammenhang mit der Reichseinigung beschäftigen sich Ernst Gottfried Mahrenholz (Ein Königreich wird Provinz. Hannovers Schicksalsjahr 1866.)14 oder auch Alexander Dylong mit biographischem Fokus auf König Georg V. von Hannover (Hannovers letzter Herrscher. König Georg V. zwischen welfischer Tradition und politischer Realität.)15. Ein gutes Übersichtswerk zur hannoverschen Geschichte bietet der bereits erwähnte Mijndert Bertram mit seiner Publikation Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates16. Das Königreich Hannover genießt durch seinen rasanten Aufstieg und seine Geschichte im Spannungsfeld zwischen welfisch-britischer Personalunion, Industrialisierung und geopo- 10 Vgl. Bertram, Mijndert: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates. Hannover 2003. S. 5. 11 Niedersächsisches Landesmuseum (Hrsg.): Als die Royals aus Hannover kamen (4 Bände). Hannover 2014. 12 Schwarzkopf, Margarete von: Der Traum vom Weltreich. Geschichte und Geschichten zur Personalunion Hannover – England 1714 bis 1837. Springe 2014. 13 Asch, Ronald G.: Hannover, Großbritannien und Europa. Erfahrungsraum Personalunion 1714-1837. Göttingen 2014. 14 Mahrenholz, Ernst Gottfried: Ein Königreich wird Provinz. Hannovers Schicksalsjahr 1866. Göttingen 2011. 15 Dylong, Alexander: Hannovers letzter Herrscher. König Georg V. zwischen welfischer Tradition und politischer Realität. Göttingen 2012. 16 Bertram, Mijndert: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates. Hannover 2003. I. Einleitung. 4 litischen Einflusssphären im norddeutschen Raum zunehmende Aufmerksamkeit für die geschichtswissenschaftliche Betrachtung des 19. Jahrhunderts. In Bezug auf das staatliche Auszeichnungswesen bot Hannover ein umfangreiches Repertoire, wie es für einen deutschen Flächenstaat zu jener Zeit typisch bzw. repräsentativ war. Es kamen Haus- und Verdienstorden zur Verleihung, genauso wie zivile Ehrenzeichen und Verdienstmedaillen, fein ausdifferenziert nach Anlass und gesellschaftlicher oder aber beruflicher Stellung des Beliehenen. Die militärischen Kriegsdenkmünzen, Dienstehrenzeichen und Tapferkeitsauszeichnungen stellten hingegen einen Spiegel der hannoverschen Militärgeschichte dar. Bei der Betrachtung der Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover überwiegen nicht nur auf den ersten Blick die militärischen Dekorationen. Zwar wuchs die Anzahl der zivilen Auszeichnungen im Laufe des Bestehens des Königreichs, dennoch waren es hauptsächlich die militärischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts, die das Auszeichnungssystem Hannovers nachhaltig prägten. Sie stellten wesentliche Zäsuren dar, die sich sowohl auf die Stiftungstätigkeit als auch die Verleihungszahlen insgesamt auswirkten. I. Einleitung. 5 Forschungsstand Die Geschichte der Ehre als Teil der Emotionsforschung. Die Tendenz, menschliche Gefühle in den Fokus geschichtswissenschaftlicher Forschung zu rücken, ist seit der Jahrtausendwende zunehmend erkennbar und basiert im Wesentlichen auf einem Paradigmenwechsel, der Jahrzehnte zuvor in der Psychologie stattfand. Hier war „die Überwindung des starren Gegensatzes zwischen Emotion und Kognition“17 entscheidende Voraussetzung dafür, dass Gefühle „vom Odium des Irrationalen und tendenziell Nicht-Erforschbaren befreit“18 wurden. Dieser ausgelöste „Emotionsboom“ fand zügig Eingang in die Sozial- und Kulturwissenschaften. Der gesellschaftliche Trend, sich mit den eigenen Gefühlen im Sinne eines emanzipatorischen Akts und einer zunehmenden Demokratisierung auseinanderzusetzen19, sowie diverse zeitgeschichtliche und politische Geschehnisse wie etwa der Kalte Krieg und der damit zusammenhängenden Angst vor einem Atomkrieg, gingen mit ihm einher. Auch in der Geschichtswissenschaft legte man schließlich den vermeintlichen Nimbus ab, Gefühle seien irrational, ahistorisch und aufgrund ihrer tiefen Verankerung im Innern eines Individuums nicht sichtbar.20 Stattdessen werden Gefühle mittlerweile als die wesentlichen Triebkräfte menschlichen Handelns wahrgenommen und finden daher umfängliche Beachtung in zahlreichen Monographien und interdisziplinären Veröffentlichungen. Die deutsche Historikerin Ute Frevert, die im Bereich der Emotionsgeschichte umfangreich veröffentlicht und sich in diesem Zusammenhang auf die Rolle des Duells in der bürgerlichen Gesellschaft spezialisiert hat, vertritt die These, dass Gefühle historischen Konjunkturen unterliegen: „Zu manchen Zeiten und in manchen Gesellschaften sind sie stärker, sichtbarer, kraft- und machtvoller als in anderen. [...] Dabei verändern sie sich: in ihren Bezügen, ihrer sozialen Wertigkeit, ihrem Ausdruck, ihrer Intensität. Sie fühlen sich anders an.“21 Dies trifft in gleichem Maße auf die Begrifflichkeiten zu, die bestimmte Gefühle bezeichnen und sich ebenfalls verändern. Frevert verdeutlicht dies am Gefühl der Scham, bzw. Schamhaftigkeit. Während im 18. Jahrhundert die Scham in erster Linie als Gefühl verstanden wurde, das je nach Alter, Geschlecht und Standeszugehörigkeit variiere, war sie hundert Jahre später in moralischer Hinsicht objektneutral und betraf hauptsächlich die Genitalien.22 Sie wurde daher 1929 in Lexika ausschließlich als „äußeres Genital des Weibes und der weiblichen Säugetiere“23 beschrieben. Das Gefühl der Scham fand hier keine Erwähnung mehr. 1. 1.1. 17 http://soziologieblog.hypotheses.org/7297 (Stand: 14.07.2015). 18 Ebd. 19 Ebd. 20 https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gef%C3%BChle (Stand: 14.07.2015). 21 Frevert, Ute: Vergängliche Gefühle. Göttingen 2013. S. 9. 22 Ebd., S. 23. 23 Ebd., S. 23ff. I. Einleitung. 6 In einem Atemzug mit der Scham nennt Frevert eben auch das Ehrgefühl, das einen ähnlichen Wandel durchlaufen hat. So greift sie denn eingangs die Frage auf, ob Ehre überhaupt ein Gefühl sei, wobei „die Frage selber ein Indiz für die These, dass Ehre an den Rand des sozialen Gefühlsraums gerückt ist“24, sei. Max Weber sagte den Bedeutungsverlust der Ehre bereits um 1900 voraus, obwohl er selbst aus einem Milieu stammte, in dem Ehrvorstellung und Ehrpraktiken noch eine erhebliche Rolle spielten.25 Doch der Soziologe erkannte die dominierende Kraft der Ökonomie, des technischen Fortschritts und des konsumorientierten Verhaltens der Menschen, weswegen der Ehre ihre Basis und Geltungsgrundlage entzogen werde.26 Auch wenn Winfried Speitkamp den Historikern der Gegenwart bescheinigt, sich vor vielen Fragen, die die Emotion und insbesondere die Ehre betreffen, zu fürchten oder ihnen gar nicht erst nachzugehen, so muss sich die Geschichtswissenschaft zwingend mit dem Ehrbegriff auseinandersetzen. Wie etwa mit der Frage, ob Ehre an den Menschen oder die Person gebunden sei und was beides überhaupt voneinander unterscheide27. Durch die Migrationsbewegungen, welche seit Mitte des 20. Jahrhunderts nach Europa stattfanden und derzeit wieder in größerem Rahmen stattfinden sowie durch die Destabilisierung des Nahen Ostens, haben Vorstellungen von Ehre und Schutz dieser Ehre wieder Einzug in die europäischen Gesellschaften gefunden. Diese kollidieren in der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte regelmäßig mit den Grundprinzipien des Rechtsstaats. Während die Rechtsprechung in der Bundesrepublik eine kollektive Ehre der Familie verneint, da es kein „Familienoberhaupt“ mehr gebe, der schließlich auch eine „Familienschande“ feststellen und vergelten könne, bestimmen diese Strukturen und Vorstellungen in zugewanderten Familien aus den Regionen der Türkei, des Balkans oder arabischen Raums nach wie vor die Vorstellung von Ehre. Dieses Phänomen wird im politischen Diskurs oft als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet. Hinzu kommt noch das Gefühl von verletzter Ehre seitens religiös-praktizierender Moslems in Hinblick auf veröffentlichte Mohammed-Karikaturen, die großes Gewaltpotenzial beherbergt, welches in jüngerer Vergangenheit auch freigesetzt wurde. Um diese Vorstellungen nachvollziehen zu können, ist es notwendig, ähnliche Erscheinungen, die mit dem Konzept der Ehre zusammenhängen, in der europäischen Geschichte aufzuzeigen und zu erklären. Recht und Ehre scheinen heutzutage durch solche Debatten mit wenigen Ausnahmen als gegensätzlich wahrgenommen zu werden.28 In der Vergangenheit genoss die Ehre jedoch auch durch die Gesetzgebung besonderen Schutz und äußerte sich im Bereich von „Ehrlosigkeit und Ehrminderung, von Beleidigungsrecht und Ehrenschutz, von Ehrenzeichen und Ehrenämtern.“29. Die Privilegien von Mitgliedern und Trägern von Orden und Ehrenzeichen waren genauso gesetzlich geregelt, wie die Maßnahmen 24 Ebd., S. 17. 25 Vgl. ebd., S. 18. 26 Vgl. ebd. 27 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 17. 28 Eine Ausnahme ist der Straftatbestand der Beleidigung, der im Strafrecht Deutschlands nach § 185 ein Ehrdelikt darstellt. 29 Speitkamp: Eine Geschichte der Ehre, S. 19. 1. Forschungsstand 7 des Entzugs derselben, wenn sich diese Personen infolge einer Straftat als unwürdig erwiesen hatten. Eine einzige Geschichte der Ehre ließe sich jedoch auch in diesem Zusammenhang nicht schreiben, wie Speitkamp in seiner Einleitung feststellt, „denn der Gegenstand scheint kaum zu greifen“.30 Die Vorstellungen von Ehre in der Geschichte sind hochkomplex und definieren sich zu verschiedenen Zeiten über verschiedene Regularien, Diskurse oder soziale Praktiken. Eben eine dieser Praktiken ist die Zuteilung von Ehre in Form von Orden und Ehrenzeichen durch den Staat, die heute jedoch anders wahrgenommen wird, als im 19. Jahrhundert. Welche innere Gefühlswelt die Beliehenen gegenüber den Dekorationen und dem eigentlichen Prozess der Auszeichnung in jenem Jahrhundert besaßen und wie sie diese in bestimmten Situationen, sei es bei Verlust oder ausbleibender bzw. vollzogener Verleihung, reflektierten, soll auch mit Hilfe der zahlreichen persönlichen Schreiben, Stellungnahmen und Bittstellungen dargestellt werden, die dieser Arbeit als wichtiges Quellenmaterial zugrunde liegen. 30 Ebd. I. Einleitung. 8 Orden und Ehrenzeichen im 19. Jahrhundert. Darstellung und Beschreibung Der Forschungsschwerpunkt in der Phaleristik für den Bereich der Orden und Ehrenzeichen deutscher Staaten bis 1918 ist deren qualitative und quantitative Beschreibung. Nachdem Hessenthal und Schreiber 1940 ihr Überblickswerk zu deutschen Ehrenzeichen veröffentlichten, galt dieses jahrzehntelang als wichtigste Referenz in der Kategorie der Phaleristik. Erst 2001 veröffentlichte Jörg Nimmergut mit seinem fünfbändigen Hauptwerk Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 194531 eine lexikongleiche Reihe, die den Hessenthal und Schreiber in der Darstellungsqualität bei weitem übertrifft. Es ist das erste Überblickwerk, das nach deutschen Staaten geordnet sowohl Orden als auch Ehrenzeichen erfasst und sehr detailreich darstellt. Üblicherweise gibt es zu jeder Auszeichnung auch eine oder gar mehrere Abbildungen, wodurch der Autor in mehreren Bänden publizieren musste. Die dargestellten Fakten zu den einzelnen Auszeichnungen sind vereinheitlicht und umfassen Bezeichnung, Verleihungszeitraum, Material, Größe, Gewicht, Größe einzelner Details, Angaben zum Band und gegebenenfalls prominente Beliehene. Zur jeweils laufenden Nummer gehört auch fast immer eine Spalte „Anmerkungen“ mit weiteren Informationen. Nimmergut hat mit diesem Lexikon, welches sich in erster Linie an Sammler richtet, wichtige Voraussetzungen geschaffen, um Orden und Ehrenzeichen auch interdisziplinär betrachten zu können. Ergänzt wird die Publikation durch zahlreiche Monographien, die sich mit den Orden und Ehrenzeichen deutscher Teilstaaten bis 1918 beschäftigen. Als ältere Publikationen sind zu nennen: – Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen von Georg Schreiber (1964), – Die Orden und Ehrenzeichen des Kurfürstentums Hessen-Kassel von Werner Sauer (1978), – Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover von Andreas Thies und Wilhelm Hapke (1981). Seit den neunziger Jahren setzt sich diese Reihe in jeweils höherem Umfang, was die Informationen und Bebilderung angeht, fort. Friedhelm Beyreiß publizierte 1997 zu den Orden und Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg, Gerd Scharfenberg zu den anhaltinischen Herzogtümern (1999), Peter Ohm-Hieronymussen zum Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz (2000), Gert Efler zum Fürstentum Waldeck und Pyrmont (2004), Frank Bartel und Gert Oswald zum Königreich Sachsen (2011), Lutz Fritzsche zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach (2012). Friedhelm Beyreiß veröffentlichte darüber hinaus eine länderübergreifende Übersicht zu den Rettungsmedaillen deutscher Staaten 1782-1918 (2006). Während die Autoren älterer Monographien im Wesentlichen die Verleihungsstatuten der einzelnen Orden und Ehrenzeichen rekapitulierten oder gar eins zu eins abdruckten, bringen jüngere Publikationen weitere Erkenntnisse mit ein, die auf intensiver Quellenrecherche oder empirischen Daten basieren. Des Weiteren geht die Tendenz noch stärker in die Darstellung 1.2. 31 Nimmergut, Jörg: Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945. 5 Bände. München 1997-2004. 1. Forschungsstand 9 materieller Einzelheiten der Auszeichnungen sowie umfangreichen Bildmaterials in immer besserer Qualität. Es fehlen jedoch in allen Publikationen mit phaleristischem Schwerpunkt interdisziplinäre Betrachtungen und Methoden. Insbesondere die Frage, welche Rolle Orden und Ehrenzeichen in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext spielen und welche Funktion sie für den Staat erfüllen, bleibt zumeist ebenso unbeantwortet wie die individuelle Wahrnehmung der Beliehenen zu ihrer Auszeichnung. Forschungsrelevante Themen wie Erinnerung, Tradition oder Ehre fanden bisher in phaleristischen Publikationen ebenfalls kaum Beachtung. Lediglich Eckart Henning und Dietrich Herfurth gehen in ihrem Handbuch der Phaleristik32 phasenweise auf die Funktion des staatlichen Auszeichnungswesens ein und ordnen dessen Existenz in einen weiter gefassten politisch-geschichtlichen Kontext ein. So beschreiben sie Tendenzen und Umbrüche, was die Gestaltung, Benennung oder Verleihungspraxis von Orden und Ehrenzeichen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen betrifft. Es gibt jedoch auch Veröffentlichungen, in denen phaleristische Themen in einem anderen Zusammenhang, also eher beiläufig Erwähnung finden. Der Autor Peter Wacker, der sich in etlichen Publikationen auf die Geschichte des Herzogtums Nassau und insbesondere dessen Militärgeschichte spezialisiert hat, greift in seinem Werk Das herzoglich-nassauische Militär 1813-186633, in dem er Militärgeschichte im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und sozialen Verhältnissen betrachtet, an mehreren Stellen auch das Thema Orden und Ehrenzeichen des Herzogtums auf. Darin beschreibt er beispielsweise nicht nur die Stiftung und Verleihung von nassauischen Auszeichnungen im Zuge der Schlacht von Waterloo 1815, sondern auch die Verfahrensweise bei der Annahme von ausländischen Orden für Angehörige des Generalkommandos oder den Entzug einer Waterloo-Medaille eines Sergeanten, weil dieser sich des Kameradendiebstahls schuldig gemacht hatte.34 Durch diese Beispiele gibt der Autor bereits eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Stellenwert der Orden und Ehrenzeichen also deren ideellen Wert und geht über die reine gegenständliche Beschreibung der Dekorationen hinaus. Allerdings ist das Werk von Peter Wacker auch ein gutes Beispiel dafür, dass für die Phaleristik relevante Forschungsergebnisse in Monographien publiziert werden, die sich in diesem Zusammenhang nicht ohne weiteres bibliographieren lassen. Juristische und ordensrechtliche Aspekte Eckart Henning weist in seinem Handbuch der Phaleristik darauf hin, dass der Begriff des Ordensrechts in deutschsprachigen Lexika fehle und entsprechende Rechtskapitel auch in einschlägigen ordenskundlichen Einführungen keine Erwähnung fänden.35 Doch gerade dieser Bereich ist für die sozial- und kulturgeschichtliche Erforschung 32 Herfurth, Dietrich/ Henning, Eckart: Orden und Ehrenzeichen. Handbuch der Phaleristik. Köln 2010. 33 Wacker, Peter: Das herzoglich-nassauische Militär 1813-1866. Wiesbaden 1998. 34 Ebd., S. 184. 35 Vgl. Herfurth/Henning: Handbuch der Phaleristik, S. 199. I. Einleitung. 10 des Auszeichnungswesens von großer Bedeutung, da erst die juristischen Rahmenbedingungen in Form von Statuten festlegten, wer welche Orden und Ehrenzeichen stiften und verleihen durfte, wer damit beliehen werden konnte und welche, auch rechtlichen, Privilegien damit einhergingen bzw. -gehen.36 Die Forschungsansätze im Ordensrecht sind bisher sehr schwach ausgeprägt. Jürgen Schreiber veröffentliche 1958 eine Monographie mit dem vielversprechenden Titel Ordensrecht37, wobei es sich jedoch nur um ein Erläuterungsbuch für Soldaten handelte, das sich auf das Ordensgesetz von 1957 bezog. Deutlich konkreter wird Dr. Karl Eckhart Heinz in seinem Aufsatz Titel, Orden und Ehrenzeichen – Gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch38, der in knapper Form, aber sehr präzise die rechtlichen Rahmenbedingungen des Auszeichnungswesens behandelt. Der Autor richtet sich dem Publikationsorgan und der Terminologie nach an eine juristisch vorgebildete Leserschaft. Er definiert und kategorisiert in erster Linie Begrifflichkeiten und grenzt diese voneinander ab (z.B. Orden und Ehrenzeichen, Verleihen und Stiften, Inhaberschaft und Besitz). Eckart Henning wiederum widmet dem Begriff und der Geschichte des deutschen Ordensrechts ein eigenes Kapitel im Handbuch der Phaleristik. Für das 19. Jahrhundert sind die rechtlichen Rahmenbedingungen der Hausorden und im zunehmenden Maße auch die der Verdienstorden von großer Bedeutung, denn aus ihnen lassen sich die rechtlich garantierten Privilegien (z.B. Nobilitierung und Teilnahme am Hofzeremoniell) ableiten, aus denen darüber hinaus auch gesellschaftliches Ansehen und berufliche Förderung erwachsen konnte. Es handelte sich bei solchen Privilegien um eine künstliche Regelung des gesellschaftlichen Rangs, „die eine Abkehr von den natürlichen gesellschaftlichen Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens und seiner Regelung durch Moral und Sitte bedeutet und zu einer Rechtsordnung des gesellschaftlichen Ansehens führt.“39 Um Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen gesetzlich garantierten Privilegien, dem kaum messbaren gesellschaftlichen Ansehen eines Beliehenen durch seine Auszeichnung und der daraus folgenden inneren Einstellung, die die Angehörigen bestimmter sozialer Gruppen im 19. Jahrhundert gegenüber Orden und Ehrenzeichen hatten, ist es zwingend notwendig, sich mit den juristischen und ordensrechtlichen Aspekten tragbarer Auszeichnungen auseinanderzusetzen. 36 Vgl. ebd. 37 Schreiber, Jürgen: Ordensrecht. Frankfurt am Main 1958. 38 Heinz, Karl Eckhart: Titel, Orden und Ehrenzeichen – Gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch. In: Bayerische Verwaltungsblätter. Zeitschrift für öffentliches Recht und öffentliche Verwaltung, Bd. 138 (2007). München 2007. S. 745-750. 39 Heinz: Titel, Orden und Ehrenzeichen, S. 746. 1. Forschungsstand 11 Methodische Ansätze Materielle Kultur als Zugang zur Geschichtswissenschaft Ein wichtiger und unübersehbarer Bestandteil menschlicher Kultur ist die verdinglichte Sache, an der sich, wie Andreas Ludwig feststellt, Technik- und Kommunikationsgeschichte abspielt.40 Die Relevanz für die modernen Geschichtswissenschaften wurde dabei bereits im 19. Jahrhundert von Gustav Droysen festgestellt und zu den intentionalen Quellen qualitativ abgegrenzt. Das heißt, Dinge stellten lange Zeit nur eine Art Ergänzung zu den schriftlichen Quellen dar oder rückten erst dann in den Fokus, wenn schriftliche Quellen in Gänze fehlten. Seit wenigen Jahren jedoch hat die Betrachtungsweise auf Dinge, die den Menschen umgeben in Form der materiellen Kultur eine völlig neue Gewichtung und gleichermaßen große Bedeutung erfahren. So schreibt Wolfgang Ruppert dem Material nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale und kulturelle Komponente zu, die im Wesentlichen auf dem „selbstverständlichen Verhältnis zu den industriellen Dingen unseres Alltagslebens“41 basiert. Dabei liege nach Ludwig die interdisziplinäre Herausforderung nicht nur in der systemischen Analyse der Konzeption und Herstellung von Dingen, sondern gleichermaßen auch „in ihrem Erwerb, in der Nutzung und kulturellen Sinnaufladung.“42 Beschäftigt man sich also mit der Frage, inwiefern Orden und Ehrenzeichen die Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert beeinflusst haben, ist es unumgänglich, sich mit der materiellen Kultur als methodischen Zugang zu beschäftigen. Orden und Ehrenzeichen unterscheiden sich allerdings in einem wichtigen Punkt von der üblichen Forschungspraxis im Bereich der materiellen Kultur. Bisher fokussierte man in erster Linie Gegenstände und Dinge, die dem überwiegenden Teil der Bevölkerung oder gar allen sozialen Schichten, wenn auch in unterschiedlicher Form, zur Verfügung standen – wie zum Beispiel Kleidung und Schuhwerk oder Einrichtungsgegenstände von Wohnungen. Dies vereinfacht es, Entwicklungen und Vergleiche zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu verdeutlichen und Folgerungen daraus abzuleiten. Orden und Ehrenzeichen waren jedoch zu keinem Zeitpunkt ein „Massenphänomen“, selbst in ihrer Blütezeit um 1900 oder während der Weltkriege. Auf die gesamte Bevölkerung gesehen war die Gruppe derer, die mit Orden und Ehrenzeichen ausgezeichnet waren, immer eine kleine Minderheit, auch wenn letztlich alle gesellschaftlichen Gruppen vom Auszeichnungsprozess erfasst wurden. Orden und Ehrenzeichen waren kein Alltagsgegenstand, der in jedem Haushalt zu finden war und dennoch hatten sie eine enorme kulturelle Sinnaufladung, die allgemein anerkannt war und nur über das zeitgenössische Ehrkonzept zu verstehen ist. Hierfür ist es notwendig, einen Zugang zum ideellen Wert auch über das Material und dessen Analyse zu erlangen. Material, Symbole und Darstellungen hängen dabei 2. 40 Vgl. Ludwig, Andreas: Materielle Kultur. Siehe: https://docupedia.de/zg/Materielle_Kultur (Stand: 04.01.2017) 41 Ruppert, Wolfgang: Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.), Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt a.M. 1993, S. 27. 42 Vgl. Ludwig: Materielle Kultur, siehe Link. I. Einleitung. 12 ganz entscheidend von der Art der Auszeichnung ab, sowie von deren Klasse, Stufe oder auch dem Stiftungszweck. Diese Faktoren münden schließlich in die Kontextund Bedeutungsebene, welche den Orden und Ehrenzeichen in einem räumlich und zeitlich festgelegten Bereich zugeschrieben werden. Die Bedeutung von Herrschaft und Loyalität Die politische Dimension des Auszeichnungsprozesses bildet mit der Stiftung einer tragbaren Auszeichnung den Ausgangspunkt für deren soziale und kulturelle Bedeutung. Diese Dimension wirkt sich in erster Linie durch den Loyalitätsbegriff aus, über den Herrschaft und Macht eng miteinander verzahnt sind.43 Seine Anwendung basiert also auf der Frage, inwiefern Herrschaft über Individuen und soziale Gruppen ausgeübt wird und inwiefern Orden und Ehrenzeichen dabei als Herrschaftsinstrument fungieren. Allein durch ihre festgelegten Verleihungsbestimmungen und Statuten fördern Orden und Ehrenzeichen schließlich die Vorstellung einer legitimierten Ordnung, die ihren Ausdruck in den zahlreichen Klassen, Stufen oder Abteilungen der tragbaren Auszeichnungen findet. Der zu erwartende Zweck war für den Verleihenden in jedem Fall gleich, nämlich die entgegengebrachte Loyalität, doch ist es für die Forschung von entscheidender Bedeutung „wie diese legitime Ordnung mit individuellen Loyalitätspositionen korrespondiert“44. Weiterhin erlaube der Loyalitätsbegriff es nach Grandits nicht, „bei der Perspektive des herrschenden Systems und seiner Vertreter zu verbleiben“45, sondern sich den anderen beteiligten Akteuren zu widmen, um sowohl ihre Rationalität als auch Emotionalität zu verstehen, insbesondere dann, wenn es um Loyalitätsbeweise und Loyalitätsverweigerungen geht.46 Die Systematik des Auszeichnungsprozesses bietet dabei durch ihre Bestandteile Antrag, Verleihung und Reklamation die Möglichkeit, die Perspektive der Beliehenen umfassender zu rekonstruieren, als es vielleicht bei anderen Formen der Ausübung von Loyalität, die nicht auf Material beruht, der Fall wäre. Die Verbindung zwischen Herrschaft und Symbolen, die sich in Form von Orden und Ehrenzeichen auch materiell greifen lassen, spielt gerade im Königreich Hannover eine besondere Rolle. Nach der von Max Weber definierten Typologie liegt dabei mit der traditionalen Herrschaft die für Monarchien typische Form der Herrschaft vor. Sie basiert nicht auf sachlicher Amtspflicht, „sondern persönliche Dienertreue bestimmten die Beziehungen des Verwaltungsstabes zum Herrn.“47Diese persönliche Dienertreue drückt die besondere Verbundenheit aus, die zwischen dem Herrschen- 43 Vgl. Schulze Wessel, Martin: „Loyalität“ als geschichtlicher Grundbegriff und Forschungskonzept: Zur Einleitung. In: Schulze Wessel, Martin (Hrsg.): Loyalitäten in der Tschechoslowakischen Republik. Politische, nationale und kulturelle Zugehörigkeiten. Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 101. München: Oldenbourg. S. 1-22. 44 Grandits, Hannes: Herrschaft und Loyalität in der spätosmanischen Gesellschaft am Beispiel der multikonfessionellen Herzegowina. Wien 2008. S. 16. 45 Ebd. 46 Vgl. ebd. 47 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Siehe dazu: http:// www.textlog.de/7349.html (Stand: 13.01.2017) 2. Methodische Ansätze 13 den und seinen Untergebenen besteht und sich am ehesten durch den Begriff der Loyalität umreißen lässt. Im Königreich Hannover mag die Herrschaft des Königs in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens seit 1814 nur sehr eingeschränkt spürbar gewesen zu sein. Bereits mit König Georg II. (1683-1760) regierte ein Monarch in Personalunion als König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover, sein Enkel und Nachfolger Georg III. dann auch als König von Hannover. Der Umstand, dass die beiden Königreiche geographisch sehr weit auseinanderlagen und das Weltreich Großbritannien mit allen seinen überseeischen Besitzungen den Großteil der Regierungsarbeit auf sich zog, führte zwangsläufig zur Vernachlässigung der Hannoverschen Lande. Georg III. hatte während seines langen Lebens sein Stammland nicht ein einziges Mal betreten und verhielt sich ihm gegenüber äußerst passiv.48 Über ein Regierungskollegium und später noch eine Deutsche Kanzlei in London wurde das Königreich Hannover mehr verwaltet denn regiert, sodass sich in Hannover ein „nach außen kastenartig abgeschotteter Kreis ritterschaftlicher Familien, der an einer Veränderung bestehender Verhältnisse nicht interessiert war“49 bildete. Diese Besonderheit in der politischen Struktur des Königreichs Hannover lässt auf das Spannungsfeld zwischen Herrschaft und Loyalität schließen, in das sich ab 1815 die Stiftung von Orden und Ehrenzeichen drängte. Sozialgeschichtlicher Ansatz Die sozialgeschichtliche Betrachtungsweise tritt immer dann in den Vordergrund, wenn „historische Prozesse durch die Analyse des Wechselverhältnisses von Wirtschaft, Gesellschaft und Herrschaft“50 erklärt werden sollen. Die Integration sozialwissenschaftlicher Theorien und ihrer Methoden ist also zwingend erforderlich, um den Komplex aus handelnden Akteuren, äußeren Zeichen und Emotionen zu umschreiben. Schon der Umstand, dass Orden und Ehrenzeichen in verschiedenen Klassen und Unterteilungen vergeben wurden, die sich teilweise nach dem gesellschaftlichen Ranggefüge richteten, macht deutlich, dass die Existenz und Verleihungspraxis solcher Auszeichnungen tief in die zeitgenössischen Vorstellungen von sozialer Segmentierung eingebettet war. Aus dem Gebiet der Soziologie bietet Pierre Bourdieus‘ Kapitaltheorie wichtige Ansatzpunkte, um den Prozess der Auszeichnung als komplexes gesellschaftliches Phänomen, das auf eben jenem Grundsatz der Konvertibilität basiert, zu verstehen. Insbesondere die Form des symbolischen Kapitals ist hierbei von großer Relevanz, da es sich sowohl auf die Kultur der Ehre als auch Zeichen der Anerkennung übertragen bzw. anwenden lässt: 48 Vgl. Mijndert, Bertram: Das Königreich Hannover, S. 17. 49 Ebd., S. 18. 50 Borowsky, Peter/Vogel, Barbara/ Wunder, Heide: Einführung in die Geschichtswissenschaft I. Grundprobleme, Arbeitsorganisation, Hilfsmittel. Opladen 1989. S. 16. I. Einleitung. 14 „Das symbolische Kapital (die Mannesehre in den Gesellschaften des Mittelmeerraums, die Ehrbarkeit des Notabeln oder des chinesischen Mandarins, das Prestige des berühmten Schriftstellers usw.) ist nicht eine besondere Art Kapital, sondern das, was aus jeder Art von Kapital wird, das als Kapital, das heißt als (aktuelle oder potentielle) Kraft, Macht oder Fähigkeit zur Ausbeutung verkannt, also als legitim anerkannt wird.“51 Symbolisches Kapital, das für den Einzelnen mit Anerkennung und Ansehen verbunden ist, kann also verschiedenste Formen annehmen: Ämter und Würden, materielle Preise und Ehrungen oder auch Beteiligungen und Weihen. Orden und Ehrenzeichen erwähnt Bourdieu nicht ausdrücklich, doch lassen sie sich zweifelsohne in diesen Kontext einreihen. „Weniges ist so ungleich und wohl nichts grausamer verteilt als das symbolische Kapital, das heißt die soziale Bedeutung und die Lebensberechtigung.“52 Dekorationen dienen im Sinne eines Symbols nach Pierre Bourdieu also als Mittel, um „signifikante Unterscheidungsmerkmale“ zu generieren, „die die Differenzen von [sozialer] Stellung und Lage in logischer Systematik ausdrücken.“53 Der österreichische Kultursoziologe Justin Stagl ist nach derzeitigem Stand der einzige Autor und Wissenschaftler, der sich, wenn auch nur in einem kurzen Aufsatz, aus soziologischer Sicht ganz konkret mit der Thematik Orden und Ehrenzeichen beschäftigt hat. Zwar gab es zuvor auch schon Soziologen, die sich mit der Rolle der äu- ßeren Zeichnung beschäftigt haben, so etwa Georg Simmel oder eben Pierre Bourdieu, doch stellte bisher noch niemand Orden und Ehrenzeichen in den Fokus der Betrachtung im Kontext zum Prozess der Auszeichnung. Stagl greift dabei zunächst einmal das Motiv einer „Manipulation des persönlichen Erscheinungsbildes“54 auf, wie es durch Mode, Kosmetik, Schmuck oder Haar- und Barttracht bereits beschrieben wurde und sich auch in Form von Dekorationen manifestiert.55 Zeichnung und Auszeichnung versteht Stagl als gegensätzliche „soziale Prozesse, zu denen ein ‚Sender‘, ein ‚Empfänger‘ und ein von jenem auf diesen übertragenes ‚Zeichen‘ gehört.“56. Für das Auszeichnungswesen bedeutet dies ein geschlossenes Beziehungssystem, bestehend aus Verleihendem (Sender) und Beliehenem (Empfänger) sowie einer anwesenden Gemeinschaft, die eine solche Manipulation des Erscheinungsbildes idealerweise akzeptiert und somit auch über den Wert der Auszeichnung bestimmt.57 Der Empfänger muss die Akzeptanz der Gemeinschaft zum Verleihen einer Auszeichnung besitzen, während der Empfänger gleichzeitig als geeignet betrachtet werden muss, da ansonsten die Autorität beider Akteure in diesem Auszeichnungsprozess leidet: „Wer indes den „Richtigen“ auszeichnet (oder zeichnet), mehrt damit zugleich seine Autorität, im Namen der Gemeinschaft zu handeln; er zeichnet sich also gleichsam selber mit aus.“58 51 Fuchs-Heinritz, Werner / König, Alexandra: Pierre Bourdieu. Eine Einführung. Konstanz 2014. S. 136. 52 Ebd., S. 137. 53 Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt am Main 1991. S. 57. 54 Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 177. 55 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 177. 56 Ebd., S. 178. 57 Vgl. ebd, S. 178. 58 Ebd., S. 179. 2. Methodische Ansätze 15 Das Konzept der Ehre ist für Stagl für das Verständnis des Auszeichnungswesens „als unerlässliche[r] Steuerungsmechanismus“59 von zentraler Bedeutung. Zwar habe die moderne Rationalisierung und Individualisierung das Konzept der Ehre dem der Moral angeglichen und damit beinahe obsolet gemacht, doch jüngere Forschungstendenzen in der Soziologie haben die Ehre für moderne Gesellschaftsordnungen wiederentdeckt.60 Justin Stagl sieht darin sogar eine Notwendigkeit, wenn man die quantitative Dimension öffentlicher Ehrungen bedenkt. Innerhalb eines Jahres von 1997 auf 1998 wurden im österreichischen Bundesland Salzburg 1764 tragbare und nicht tragbare Auszeichnungen verliehen.61 Basierend auf der Einwohnerzahl Salzburgs würde das für Europa eine Auszeichnungsdichte von 2,340.000 öffentlichen Auszeichnungen bedeuten, sodass der Autor daraus schlussfolgert: „Es handelt sich hier also ganz eindeutig um eine Massenerscheinung, der die Soziologie ruhig etwas mehr Aufmerksamkeit schenken könnte als bisher.“62 Gedächtnis und Erinnerung als Perspektive der Beliehenen Einen hohen Stellenwert innerhalb der Kulturgeschichte stellt der Themenkomplex Gedächtnis und Erinnerung dar. Dieser beschäftigt sich mit der „Rolle von Texten, Medien und Objekten bei der Konstitution solcher kollektiver Gedächtnisse sowie für die Speicherung und die Zirkulation ihrer Wissensbestandteile“63 und hat mit Maurice Halbwachs, Aby Warburg und Jan Assman wichtige Vertreter der Theorien um das kollektive bzw. kulturelle Gedächtnis. Kollektives Gedächtnis und individuelle Erinnerung sind dabei wesentliche Bestandteile einer Sinnproduktion, die nicht mehr den Untersuchungsgegenstand fokussiert, sondern die Beobachtungsweise darauf. In diesem Sinne sind Orden und Ehrenzeichen unter dem Konzept der Ehre als symbolische Organisationsformen zu verstehen, unter denen Individuen und soziale Gruppen soziale Praktiken vollziehen. Der Auszeichnungsprozess bietet grundsätzlich drei Beobachtungsperspektiven auf das Objekt der Orden und Ehrenzeichen, die es im Rahmen der Arbeit zu betrachten gilt. Zunächst die Perspektive des Verleihenden, sprich des Staates oder des Souveräns einschließlich seines administrativen Gefolges mit den Ansprüchen und Auflagen, die seitens der Obrigkeit gestellt wurden. Des Weiteren die des Beliehenen mit all seinen Erwartungen, Hoffnungen und Erfahrungen, die mit den Dekorationen und ihrem ideellen Wert verbunden sind. Schließlich die Perspektive der Außenstehenden, die über diesen ideellen Wert ganz erheblich mitentscheiden. Die zur Verfügung stehenden Quellen spiegeln diese drei Perspektiven nicht in gleichmäßiger qualitativer und quantitativer Ausprägung wider. Vorherrschend sind die Betrachtungen aus Sicht der Verleihenden und der Beliehenen, während die Sichtweise der Außenstehenden in Form von zeitgenössischen Quellen als selten zu bezeichnen ist. 59 Ebd., S. 178. 60 Vgl. ebd. 61 Vgl. ebd., S. 180. 62 Ebd., S. 181. 63 Landwehr: Kulturgeschichte, S. 52. I. Einleitung. 16 Die Quellen, die die Sichtweise der Beliehenen zu ihren Orden und Ehrenzeichen veranschaulichen, geben zu einem beträchtlichen Anteil Auskunft zu ihren persönlichen Erinnerungen und darüber hinaus auch zum kollektiven Gedächtnis der jeweiligen Generation. Solche Erinnerungen, die sich in Anträgen oder Vorschlägen auf Verleihung einer Auszeichnung wiederfinden oder auch den Vorgang des Auszeichnungsprozesses beschreiben, sind eng mit Emotionen verbunden. Deswegen ist die Emotionsforschung nicht nur für die Deutung von Ehre und Ehrdelikten unerlässlich, sondern auch bei der Betrachtung von Erinnerungen als Perspektive aller gesellschaftlichen Schichten auf das Zeitgeschehen. Welche Rolle Orden und Ehrenzeichen als Symbole und möglicherweise Erinnerungsorte (nach Pierre Nora) spielen, die „die Verbindungen greifbar machen, die zwischen den individuellen Gedächtnissen jedes Einzelnen und den übergreifenden sozialen Gedächtnissen größerer gesellschaftlicher Gruppen bestehen“64, ist eine wesentliche Frage, die dieser Dissertation zugrunde liegt. Der kulturgeschichtliche Zugang ist dabei ein wichtiger methodischer Forschungsansatz, um gebietsübergreifend die materielle Kultur, die auch Symbole beinhaltet, mit der durch den Auszeichnungsprozess hervorgehobenen sozialen Differenzierung sowie Emotionen als Ausgangspunkt für Tradition und Erinnerungspolitik zu verbinden. 64 Ebd. 2. Methodische Ansätze 17 Umfang und Einordnung der Quellen. Um die Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen im 19. Jahrhundert kultur- und sozialgeschichtlich zu erforschen, steht dem Historiker eine große Bandbreite an Quellen zur Verfügung, die sich grob in drei Kategorien unterteilen lassen. Zunächst einmal steht der Orden oder das Ehrenzeichen an sich zur Verfügung, als gegenständlicher Typ. Die Dekorationen werden dabei nach dem Drei-Stufen-Interpretationsschema von Erwin Panofsky zunächst in ihren haptischen und symbolischen Bestandteilen beschrieben, bevor sie im weiteren Verlauf der Arbeit gedeutet und schließlich in den ganz konkreten politischen und kulturgeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Die Sachquelle der Auszeichnung lässt sich hinsichtlich ikonographischer Merkmale untersuchen. So lassen sich einerseits mögliche Informationen zum Stifter der Auszeichnung ableiten (z.B. durch Portraits, der namentlichen Erwähnung oder dem Motto der Dynastie), andererseits zum Ereignis oder dem Zweck der Stiftung (für einen mitgemachten Feldzug, für erbrachte Dienstzeit oder eine Rettungstat) und zudem auch zu verwendeten Materialien und die daraus resultierende Wertigkeit der Auszeichnung (Silber oder Gold oder aus der Geschützbronze eroberter feindlicher Geschütze). Insgesamt lassen sich also der Dekoration als Gegenstand die Kategorien Symbolik, Text, Material und Form zuordnen, die man jeweils einer eigenen Analyse unterziehen kann. Ferner besteht bei einigen hannoverschen Ehrenzeichen die Möglichkeit, den Träger der Auszeichnung namentlich zu ermitteln und möglicherweise die genauen Hintergründe der Verleihung zu recherchieren, da beispielsweise bei den Allgemeinen Ehrenzeichen für Zivil-, bzw. Militärverdienst die Namen der Träger in den Rand graviert waren, teilweise sogar mit zugehöriger Einheit, wie bei der Waterloo-Medaille. Ordensschnallen, die aus mehreren verliehenen Auszeichnungen bestehen und wegen der besseren Tragbarkeit von den Trägern bzw. einem Juwelier zusammengebunden wurden, zeigen heute, welche Orden und Ehrenzeichen nebeneinander in Kombination getragen wurden, vor allem wenn es sich der Herkunft nach um Auszeichnungen verschiedener Staaten handelte, die politisch und militärisch miteinander konkurrierten. Trug ein vormals hannoverscher Soldat nach 1866 seine hannoverschen Ehrenzeichen neben den preußischen, die er später im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erhielt, obwohl Preußen das Ende des Königreichs Hannover durch eine Annektierung besiegelte? Was sagt das über die innere Einstellung des Trägers gegenüber der alten und neuen Obrigkeit aus? Solche Gewohnheiten lassen sich ebenso gut auf Bildquellen feststellen, der zweite für die Phaleristik relevante Quellentyp. Fotos und Gemälde geben uns Aufschluss darüber, welche Orden und Ehrenzeichen überhaupt getragen wurden, wie und bei welcher Gelegenheit und zu welcher Kleidung. Wurden sie dem Selbstverständnis des Trägers nach nur zu festlichen Anlässen zur Schau gestellt oder sollten sie Bestandteil alltäglicher Wahrnehmung sein? Wie auch der gegenständliche Typ befindet sich der bildliche Typ hauptsächlich in Museen, mehr jedoch noch in Privatsammlungen oder im Antiquitäten- und Militaria-Handel. 3. I. Einleitung. 18 Der dritte Quellentyp ist die Textquelle, die für die Forschungsarbeit im Bereich der Phaleristik die wichtigste Grundlage bildet, da sie je nach Fragestellung umfangreiche Hintergrundinformationen zu dem Orden oder dem Ehrenzeichen an sich, zum Träger oder auch zum Prozess der Verleihung generiert. Für den Bereich der Auszeichnungen des Königreichs Hannover sind im Niedersächsischen Landesarchiv große Bestände erhalten geblieben und in den verschiedenen Archivtektoniken, also den Standorten Aurich, Bückeburg, Hannover, Oldenburg, Osnabrück, Stade und Wolfenbüttel verteilt und einsehbar. Die Bestände beinhalten üblicherweise Statuten zu den Orden und Ehrenzeichen, sowie Reklamationen und Eingaben an die General-Ordens-Kommission, die sich bis 1866 um Vorschläge und Aberkennungen von Auszeichnungen im Auftrag des Königs kümmerte. Die einzelnen Vorgänge sind dabei nicht immer vollständig vorhanden. Zumeist besteht ein Vorgang aus der Eingabe einer Person oder unterer Behörde, zum Beispiel einer Landdrostei, einer im 19. Jahrhundert im Königreich Hannover eingerichteten Mittelbehörde. Hinzu kommen dann eine amtliche Stellungnahme und die Weiterleitung an die General-Ordens-Kommission oder ein Ministerium, gefolgt von einer Entscheidung und der Antwort an die Mittelbehörde. Unter Umständen wurden Eingaben von Einzelpersonen auch direkt an die General-Ordens-Kommission gerichtet oder es kommt noch Schriftverkehr zwischen Ministerien und Behörden hinzu, wenn es um die Recherche über erfüllte oder nichterfüllte Verleihungsbedingungen geht. Anträge von Militärangehörigen wurden üblicherweise von der General-Adjutantur bearbeitet, deren Bestände ebenfalls in großem Umfang zur Verfügung stehen und die in vielen Angelegenheiten mit der General-Ordens-Kommission korrespondierte. Neben den öffentlich zugänglichen Beständen existieren weitere Akten mit ordenskundlichem Bezug im Familienarchiv der Welfen an den Standorten Hannover und Marienburg und sind nur mit Genehmigung des Depositars einsehbar. Die Auszeichnung und Belohnung von Untertanen betrachteten Souveräne im 19. Jahrhundert im Wesentlichen als ihre Privatangelegenheit. So entschied der König von Hannover grundsätzlich über die Vergabe von Orden und Ehrenzeichen, seien es auch die niedrigsten Verdienstauszeichnungen in der Hierarchie gewesen, wie etwa das Allgemeine Ehrenzeichen. Ausnahme blieben die Medaillen für Kriege und Feldzüge, die in so großer Zahl verliehen wurden, dass die Entscheidung über erfüllte Verleihungsvoraussetzungen delegiert werden konnte und musste. Der Rest fiel nach damaligem Verständnis in die Privatsphäre des Monarchen, weswegen Preußen im Zuge der Annektierung 1866 keinen Anspruch auf Bestände zu Ordenssachen erhob. Sie kamen stattdessen auf das Schloss Marienburg bei Hannover und Teile davon später auch nach Gmunden in das Exil des Königs, wo sich diese Akten teilweise mit den Akten der Exilverwaltung vermischten. Die Eingaben, Reklamationen und Vorschläge bezüglich der Orden und Ehrenzeichen sind außerordentlich ergiebige Quellen. Sie geben uns Auskunft zu bürokratischen Abläufen vom Vorschlag für eine Auszeichnung bis zum Akt der Verleihung und lassen durch die Darstellung von Ereignissen und Verhalten, die zur Verleihung einer Auszeichnung führten, das bloße Artefakt der Dekoration aus seiner Anonymität heraustreten. Die mit den Ordenszeichen einhergehenden Verleihungsurkunden 3. Umfang und Einordnung der Quellen. 19 oder auch Militär- und Wehrpässe enthalten üblicherweise keinerlei Informationen zu den Gründen einer Auszeichnung. Wer dies erfahren will, muss zwangsläufig in Archivbeständen recherchieren und auch dann ist eine Dokumentation nicht selbstverständlich. Nicht jede Verleihung eines Verdienstordens oder einer Tapferkeitsauszeichnung konnte umfassend dokumentiert werden. Dieser Aufwand wäre beispielsweise bei der millionenfachen Verleihung des Eisernen Kreuzes im Ersten Weltkrieg kaum zu bewältigen gewesen. Die Schreiben der Antragsteller, vorwiegend Veteranen, die um nachträgliche Verleihung einer Auszeichnung oder Ersatz für eine verlorengegangene Medaille baten, lassen Rückschlüsse auf ihre Motivation erkennen. Was bedeutete so eine Auszeichnung für jeden Einzelnen und was erhofften sie sich schlussendlich dadurch? Wie und mit welchen rhetorischen Mitteln versuchten sie eine Behörde oder gar den König persönlich davon zu überzeugen, ihnen noch Jahrzehnte nach einem Krieg eine prestigeträchtige Auszeichnung zu verleihen? Um die Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen für die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund einer Kultur der Ehre zu verstehen, ist die umfangreiche Auswertung solcher Quellen unverzichtbar. In die Kategorie der schriftlichen Quellen fallen weiterhin Gesetzestexte, die in Zeitungen oder Büchern veröffentlicht wurden, um über die Stiftung neuer Auszeichnungen zu informieren. Dies beinhaltet auch die Privilegien, die mit bestimmten Auszeichnungen verbunden waren, wie etwa bei der höchsten Tapferkeitsauszeichnung für Unteroffiziere und Mannschaften im preußischen Heer – dem Goldenen Militärverdienstkreuz. Neben dem monatlichen Ehrensold erweiterte man im Dritten Reich die Privilegien von Inhabern höchster Tapferkeitsauszeichnungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs sukzessive. Die meisten dieser Erlasse wurden im Reichsgesetzblatt veröffentlicht oder aber sie waren für den internen Gebrauch in einer Behörde gedacht. Sie geben Zeugnis darüber, wie unter ideologischen Gesichtspunkten Orden und Ehrenzeichen nachträglich mit Privilegien aufgewertet werden konnten, um so das Ansehen ihrer Träger zu erhöhen und sie gleichzeitig möglichst in das Bewusstsein der Gegenwart zu rücken. Für die Zeit der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts kommen ebenfalls noch Flugblätter und Bekanntmachungen hinzu, die damals in Umlauf gebracht wurden und sich inhaltlich mit Orden und Ehrenzeichen, ihrer Trageweise und der Abstellung von Missbräuchen beim Tragen beschäftigten und darüber informieren sollten.65/66 Dies war aufgrund der Vielzahl an Ehrenzeichen, die in dieser Zeit gestiftet wurden, notwendig geworden. So setzte man auch Trageverbote für Orden und Ehrenzeichen vor dem Hintergrund politischer Veränderungen, wie der Gründung und Auflösung des Königreichs Westphalen, durch. 65 Bekanntmachung, betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1815. / Bekanntmachung wegen Abstellung der Mißbräuche, welche in den willkührlichen Abänderungen der Krieges-Denkmünzen, Orden und Ehrenzeichen stattfinden. Berlin 1816. 66 Friedrich Wilhelm III von Preußen: Allerhöchste Kabinetsorder, die Bestrafung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen betreffend. De Dato Troppau, den 19ten November 1820. Berlin 1820. I. Einleitung. 20 Den letzten wichtigen Typus im Bereich der schriftlichen Quellen ist der aus Literatur und Prosa. Dazu zählen biographische Schriften, die Bezug auf Auszeichnungen oder ihre gesellschaftliche Bedeutung nehmen, wie etwa die Memoiren des hannoverschen Infanteristen Friedrich Freudenthal, der im Rahmen seiner Kindheitserinnerungen auch die Verehrung alter Waterloo-Veteranen in einem dörflichen Umfeld beschreibt.67 Hans Magnus Enzensberger liefert uns mit seinem Essay Die Vorzüge der Peinlichkeit68 aus dem Jahr 1991 eine wichtige zeitgenössische Stimme zur gegenwärtigen Wahrnehmung des Auszeichnungswesens, auf die im Laufe der Arbeit immer wieder Bezug genommen wird. Der Text macht im Stil einer Glosse die auffällige Zurückhaltung bei der Annahme und dem Umgang mit verliehenen Orden in der Bundesrepublik Deutschland deutlich und bietet damit einen krassen Kontrast zum Kaiserreich oder der Zeit des Nationalsozialismus, in Bezug auf den Status solcher Ehrungen. Die Schriftsteller des 19. oder beginnenden 20. Jahrhunderts zeichnen in einigen ihrer Prosawerke dagegen ein anderes Bild, was das Tragen von Orden und Ehrenzeichen und die damit einhergehende Anerkennung angeht. Romanciers wie Honoré de Balzac, Leo Tolstoi, Heinrich Mann oder auch Theodor Fontane beschreiben in ihren Werken Angehörige der Aristokratie, die mit ihren Auszeichnungen in Erscheinung treten. Diese meist in knappen Nebensätzen wiedergegebene Information spielte jedoch eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis jener Protagonisten, auf das diese Autoren genauestens Wert legten, wenn es um die Beschreibung der bürgerlichen oder adligen Gesellschaft ging. Es handelt sich zwar um fiktive Texte, doch waren die Schriftsteller des Realismus genaue Beobachter ihrer Umgebung und viele ihrer Beschreibungen geben dem Leser heute noch eine Vorstellung davon, welche Nuancierungen solche Symbole in einer stark hierarchisierten Welt ausmachen konnten. 67 Freudenthal, Friedrich: Erinnerungen eines hannoverschen Infanteristen von Lüneburg bis Langensalza 1866. Bremen 1895 (Reprint Bad Langensalza 2003). 68 Enzensberger, Hans Magnus: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991. S. 221 ff. 3. Umfang und Einordnung der Quellen. 21

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References

Zusammenfassung

Orden und Ehrenzeichen gehörten zur Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert. Sie wiesen ihre Träger als Teilnehmer von Schlachten und Feldzügen aus, als verdiente Staatsdiener, Künstler oder Lebensretter. Tragbare Auszeichnungen waren fest in das Ehrverständnis jener Zeit verankert und förderten dadurch Selbstbewusstsein und Anspruch gleichermaßen. Sie machten darüber hinaus soziale Unterschiede nach außen hin sichtbar und ließen den Beliehenen Aufstiegs- und Karrierechancen erahnen. Doch wie genau war so ein staatliches Auszeichnungssystem aufgebaut und inwiefern profitierte der Souverän von der Vergabe der wertvollen Kleinode? Der Autor beschäftigt sich im vorliegenden Werk umfassend mit den Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, das in über 50 Jahren ein komplexes System an Auszeichnungen hervorbrachte und seine Bürger umfänglich für Loyalität und Anhänglichkeit belohnte. Dabei werden nicht nur soziale, kulturelle und ikonographische Aspekte des Auszeichnungsprozesses beleuchtet, sondern auch die politische Geschichte des Königreichs Hannover und seine Bedeutung im Kontext von Tradition und Erinnerung nach 1866 in besonderem Maße fokussiert.