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Q Proben, Dienstbelastung und Konzerttätigkeit in:

Eberhard Steindorf

Die Konzerttätigkeit der Königlichen muskialischen Kapelle zu Dresden (1817-1858), page 801 - 814

Institutionsgeschichtliche Studie und Dokumentation

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4155-0, ISBN online: 978-3-8288-7015-4, https://doi.org/10.5771/9783828870154-801

Series: Dresdner Schriften zur Musik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Q Proben, Dienstbelastung und Konzerttätigkeit Übersicht Die dienstliche Belastung der Kammermusiker der Königlichen musikalischen Kapelle (Q la) wurde vielfach als sehr, oft als zu hoch eingeschätzt und allgemein beklagt. Für das Jahr 1844 sind 344 Dienste registriert worden, nur 22 Tage waren dienstfrei geblie ben. (Q 2) Einen geregelten Urlaub in Form von Theaterferien gab es nicht; das ganze Jahr wurde ohne Pause und an mehreren Aufführungsorten durchgespielt. (Q 3) Das The ater bot in täglichem Wechsel Opern, Ballette, Possen, Vaudevilles, Schauspiele und Konzerte an; bei Schauspielen musste das Orchester zu jeder Aufführung für die Zwischenaktmusiken präsent sein. (Q 4, Q 5) Im Sommer fielen zudem Doppelvor stellungen durch Aufführungen im Stadtzentrum oder in Pillnitz und im Theater auf dem Linckeschen Bade an, für die dann aus einer eben nur zur Noth ausreichenden An zahl von Musikern zwei separate Orchester zusammenzustellen waren. (Q 4, Q 5) Ri chard Wagner hat übrigens in seinem „Entwurf zur Organisation eines deutschen Na tionaltheaters" gerade vor einer solchen Zersplitterung gewarnt und angeregt, ein e i n z i g e s wohl zusammengesetztes Orchester zu bilden. (A 6) König Friedrich August I. hatte das Theater auf dem Linckeschen Bade 1817 für die Sommerbespielung anmieten und zum Beispiel während Carl Maria von Webers Zeit ca. 25 % des deutschen Opern repertoires dort spielen lassen. Zunächst nur für wenige Jahre angedacht, wurde es schließlich bis 1858 vom Hofe genutzt. (Becker, Die deutsche Oper in Dresden, S. 30) Im Jahre 1829 galt, dass im Winter zwischen Sonntag und Donnerstag außer zwei deutschen Schauspielen auch zweimal deutsche Oper sowie mittwochs und sonn abends in der Regel italienische Oper gespielt wurde. (Q 2a). Im November 1830 gab die Generaldirektion für die Theaterabonnenten bekannt, dass das Hoftheater zukünftig auch freitags spielen werde und kündigte damit für die Kapelle weiterhin pro Woche (mindestens) vier Opernvorstellungen an: je zwei deutsche und italienische Opern. (Q 2b) Generell keine Aufführungen setzte man in der Karwoche und an den 1. Feier tagen zu Weinachten, Ostern und Pfingsten an. Kirchenmusikalischen Verpflichtungen hatte die Kapelle an ca. 200 (Q 5) bis 250 (Q 1) Tagen pro Jahr nachzukommen. Die NMZ sprach für 1844 sogar von annähernd 300 Diensten im Jahr. (Zitiert nach Land mann 2013, S. 2) Durch den täglichen Wechsel der Stücke scheinen die anfallenden Proben für das Orchester sehr zahlreich gewesen zu sein. (Q 4) Musiker, die Opern proben und -Vorstellungen zu absolvieren hatten, wurden nicht von Kirchendiensten am gleichen Tage befreit. (Q lb) In die Werke mit noch tieferem Studium einzudringen, damit sie selber an einer so ganz voll endeten Ausführung ihre Freude haben konnten, blieb den Kammermusikern verwehrt, wenn die Capelle ängstlich nach dem Uhrzeiger schauend aus der Probe zum Kirchendienste und aus diesem wieder zur Probe oder auch zur Aufführung selbst gehetzt wird. (Q 24) Carl Maria von Weber beklagte zudem 1825 die Notwendigkeit einer ungleichen Dienst verteilung infolge der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit der Kammermusiker: Mancherley Individuen von höchst schwachem Talente sind hier durch Verhältnisse einge drungen, gegen die die pflichtbewußten Bitten und Protestationen der Kapell-Meister unwirk- 801 sam blieben. Bei den großen Schwierigkeiten der neuen Musik ist es daher natürlich, daß immer nur die Fähigeren zu einem Opernorchester ausgewählt werden, so daß fast der ganze Dienst allein au f denen nachstehend Gezeichneten, etwa die Hälfte des Ganzen, ruht, wodurch ein Mißverhältnis entsteht, über welches die Beteiligten mit Recht klagen, während die Dirigenten, wollen sie die Musiken zur Zufriedenheit des allerhöchsten Hauses ausgeführt wissen, nicht anders zu Werke gehen können. (Zitiert nach Becker 1962, S. 29) Die NZfM forderte 1844 die Generaldirektion auf, sie müsse etwas tun, falls sie den Schein meiden will, eine tüch tige Capelle, die einzige Stütze des Kirchen- und Bühnendienstes, niedrigen Handwerkern gleich zu achten, die buchstäblich um das tägliche Brod vom Morgen bis zum Abend auch der geistlosesten Beschäftigung sich unterziehen müssen. Unter den Sorgen des täglichen Lebens um Nahrung und Kleidung geht gar bald alle Begeisterung zu Grunde [...] ; es tritt unaus weichlich jene Verdumpfung, jene Apathie ein, welche den Künstler zum mechanischen Hand werker herabdrückt. (Q 17) Zeit und Gelegenheit zum Privatverdienst, zum Beispiel durch Unterrichten (D 19), blieben wenig, ebenso für die Veranstaltung eigener Musikalischer Akademien, für die ohnehin nur eine begrenzte Anzahl von Kammermusikern in Frage kam. (O 8, O 9) Andererseits erwähnte man, dass etliche Kapellmitglieder dennoch Klavierstunden erteilten und mit dazu beitrugen, dass Dresden begann, sich zu einem Pianopolis zu entwickeln. (Heger 1894, S. 63) 1844 wurde im Hinblick auf die Konzerttätigkeit be dauert, dass die Kapelle bei ihrer dienstlichen Beanspruchung kaum in der Lage sei, Zusätzliches zu leisten. (B 22) Ein Jahr später wies man erneut darauf hin, dass sie durch Opern und Opernproben, durch den erschlaffenden und ertödtenden Schlendrian des Zwischenaktmusizierens in den Schauspielvorstellungen, und nicht minder durch den vielfa chen Kirchendienst [ ...] in Bezug auf Zeit und Kräfte so in Anspruch genommen ist, daß ihr wirklich nur mit Anstrengung und Aufopferung ein weiteres künstlerisches Wirken möglich bliebe, das meinte etwa die Durchführung von Abonnementskonzerten. (D 18, D 22) Kapellmeister Wagner befürchtete deshalb, dass die Musiker wohl mit dem schuldigen Pflichtgefühl, geiviß aber nicht mit dem Mute und der Lust an die vielen [Konzert-]Proben gehen würde[n]. (D 19) Die Generaldirektion wurde aufgefordert, dafür mehr Zeit zur Verfügung zu stellen (D 22) und die Dienste besser zu planen, denn eine fürsorgliche Eintheilung könnte manche musikalische Arbeit der Kapelle mindern. (D 23) Im Zusammen hang mit der Diskussion, ob die Abonnementskonzerte 1848/1849 außerhalb des Dienstes - gleichsam als freiwillige Leistung der Musiker - stattfinden könnten und der gesamte Erlös der Kapelle zufließen würde, entschied Generaldirektor von Lütti chau rigoros zugunsten der dienstlichen Lösung, überzeugt, dass er mit diesen absolut rechtlosen Musikern so verfahren konnte, wie er es persönlich und Kraft seines Amtes für angebracht hielt (U § 1, 2, 16): Diese Abonnements-Concerte sind von der Generaldirection angeordneter Dienst und keiner von Ihnen kann sich davon ausschließen. [ ...] Glaubt er [der Generaldirektor] durch Concerte Vortheil und gute Einnahmen zu haben, wer kann ihn hindern, so viel Concerte zu geben [die Kapellmitglieder demnach so rücksichtslos zu vereinnahmen] als ihm gut dünkt, und wenn es jährlich 50 wären, Sie müssten sie unbedingt alle spielen, selbst wenn der Erlös Ihnen nicht zuflösse. (D 54) Die Gegebenheiten schienen (1844) an die Substanz des Orchesters zu gehen, zumal, wenn man noch Dienste und Bezahlung ins Verhältnis setzte. (M 8) Drastisch-ironisch bemerkte diesbezüglich eine 802 Stimme aus dem Jahre 1846, dass die K apelle fü r ihren anstrengenden Dienst, [ ...] ärger geschunden wird, wie die Droschkengäule und nicht einmal, gleich diesen, wenigstens durch die Aussicht au f ein gutes und reichliches Futter sich trösten 'kann, [ ...] sondern nur ein wah res Zeisigfutter erhielte. (Wanderer Treumund 1846, S. 305 f.) Klagen über das eingeschränkte sinfonische Repertoire in den Palmsonntagskon zerten, das auch Auswirkungen auf den Publikumszuspruch hatte, führten immer in die Dienstproblematik, zu dem Mangel an der nöthigen Zeit zur Vorbereitung. (F 23, 32, 52) Oder: Wir können fü r die Ursache nur den Wunsch ansehen, die Proben abzukürzen. (F 32) Besonders das Aussparen neuerer oder überhaupt zeitgenössischer Komponis ten in den Programmen - zum Beispiel Schubert, Schumann, Mendelssohn, Gade oder Berlioz - wurde trotz immer wieder festzustellenden Desinteresses des Publikums und der Generaldirektion auf das Fehlen eines geeigneten Konzertsaales und der genügen den Anzahl von Proben zurück geführt. So war schließlich ein höchst resignatives Resümee zu lesen: Nun, man muß eben zufrieden sein, wenn das Mögliche geschieht. (F 52) Konkrete Angaben speziell über Konzertproben sind spärlich überliefert: Für Fausts Verdammung 1854 unter der Leitung von Hector Berlioz waren es drei (Q 30, M 82). Für Beethovens 9. Sinfonie 1838 hatten Reißiger drei Proben (Q 19a), Wagner 1846 sechs (Q 19, M 48, M 140). Für das 1. Abonnementskonzert 1848 unter Wagners Leitung gab es vier (D 45), das schwierige Liszt-Programm fand nach nur wenigen Proben statt. (M 94) Einer Aussage des Kammermusikers Hiebendahl gemäß könnten drei Proben mit allerersten Musikern für gewöhnlich schon eine Ausnahme gewesen sein. (Q 19a). Sehr deutlich wurden immer wieder - noch einmal sei es zitiert - die nicht ausreichend zur Verfügung gestellten Probenmöglichkeiten für Kapellkonzerte betont. (Q 13-15,18, 24-28, 31) Für 1853 klang das so: Keine Zeit, um mindestens die vier Jahresconcerte mit ge wählten, neuen und neuesten Erscheinungen ausstatten zu können! (F 59), obwohl die Oper seit anderthalb Jahren ohne die geringste Novität [...], die man nur mit Anstand nennen könnte, in Erscheinung getreten sei. (Q 28) Ein Zeichen dafür, dass die Kapelle, trotz al lem, zu jeder Zeit in Höchstform antreten konnte, war, dass sie unter Berlioz' Leitung mangels Probenzeit dessen Lear-Ouvertüre prima vista gespielt hat. (M 82) Als Proben raum für Konzerte ist 1827 der Saal des Zwingergebäudes genannt worden. (E 15, B 14) Beachtet man die Äußerungen der Presse über das Verhältnis zwischen der Pro benbelastung durch den Theateralltag und das Leistungsvermögen der Kapelle in Konzerten, sind nur relativ wenige Äußerungen der Anerkennung oder Bewunderung für die trotzdem erbrachten künstlerischen Ergebnisse zu finden. (Q 11, 24, 25, 31, 32, M 8 , M 157) Die Mehrzahl sind Feststellungen über die negativen Folgen des anschei nend ständigen „Probenmarathons" und Beschwerden über zu wenige oder zu ge drängt und strapaziös angesetzte Proben für wichtige Konzertvorhaben. 1844 wurde die Befürchtung geäußert, dass es der Kapelle schwer werde, ihren alten, wohlverdienten R u f[ ...] 'bei dem sehr anstrengenden Dienste und ihrer geringen Besoldung zu erhalten. (M 8, Q 12, 13, 15, 17) Über den 7.11.1848 berichtete man, die Kapelle habe durch zwei Proben und durch Kirchenmusik seit Morgens 9 Uhr fast ohne Unterbrechung unter Waffen gestan den (Q 23) - am Abend spielte sie dann noch das Konzert zugunsten des Hoftheater chors mit Händels Alexanderfest und Beethovens Eroica\ Es wurden Aufführungsmän gel (Q 14, Q 15) festgestellt, Einschränkungen im sinfonischen Repertoire, über Palm 803 sonntag hinaus, beklagt wegen der notgedrungen unvermeidbaren Wiederholungen immer der gleichen Sinfonien (Q 21, 26-29), was sich einmal sogar böswillig als gren zenlose, unverantwortliche Faulheit der Musiker las (Q 28); das Fehlen von Muße und Ruhe des Studiums nöthiger Vorbereitung habe nur durch die Vorzüglichkeit der Kapelle kompensiert werden können. (Q 25) Die hohe dienstliche Beanspruchung zog in zeitweise sich häufenden Einzelfällen gravierende physische und psychische Folgen bis hin zu Erschlaffung, moralischer und körperlicher Abspannung und Erkrankung (O 124) nach sich. Die Akten im Sächsi schen Hauptstaatsarchiv Dresden sind voll von ärztlichen Attesten und Gesuchen der Musiker um Freistellung für Kuren und ärztliche Behandlungen. Wagner klagte dar über, dass Musiker infolge dienstlicher Überlastung nicht voll einsatzfähig seien. (O 124) Die unausweichliche Vernachlässigung des privaten Studiums durch Zeit druck mit der Folge einer gewissen, zeitweiligen Unlust am Musizieren wurde als ein die Qualität beeinträchtigendes Problem benannt. (Q 4) Man liest 1844 von einem ermüdenden, oft geisttödtenden Dienst, und dass unsere mit Recht berühmte Kapelle [ ...] oft Gott dankt, wenn sie nur 'keine Musik zu hören und zu machen 'braucht. Dazu kam, dass die Musiker bei ihrer verhältnißmäßig so geringen Besoldung [ ...] au f den kärglichen Nebener werb durch Unterrichtsstunden [ ...] um des lieben Brodes willen angewiesen waren. (Q 16) Die Kapelle, hieß es ebenfalls 1844, werde durch den oft geistlosen, Lust und Freude an der Kunst methodisch tödtenden, anstrengenden Dienst, der vielmal aber auch nichts weiter als ein fades Wiederkäuen längst ab- und ausgedroschenen Strohes ist, so ermattet, physisch und künstlerisch so abgespannt und erschlafft, ja allmählig geradehin aufgerieben, daß eine unmit telbare, kräftige und begeisterte Wirksamkeit fü r die freie Kunst und deren großartige Schöp fungen ihr billigerweise kaum mag zugemuthet werden. [...] In der einzigen musikalischen Stütze des Kirchen- und Bühnendienstes [ ...] trete unausweichlich jene Verdumpfung, jene Apathie ein, welche den Künstler zum mechanischen Handwerker herabdrückt. [ ...] Als Grundlage für eine Veränderung der Verhältnisse wurde 1844 erkannt: Eine k ü n s t l e r i s c h e R e f o r m thut unserer Capelle noth, von der einfestgesetztes, gedeihli ches Wirken der Capelle, die Verhütung ihres Unterganges, abhängig erscheint. (Q 17) Dass sich in der Zukunft kaum etwas geändert hat, geht aus der Würdigung einer ausge zeichneten Orchesterleistung im Jahre 1856 hervor, die erbracht wurde, obgleich das Concert in eine Zeit fiel, wo vielfacher Dienst leicht hätte Ermattung voraussetzen lassen und einer genügenden 'Vorbereitung des Concerts entgegenstand. (M 157) Eine konkrete Forderung des Orchesters nach Diensterleichterung ist aus dem Jahre 1831 überliefert, als es um Verschonung von den Vorstellungen mit Seiltänzern, Ta schendieben, Equilibristen usw. ersuchte, die es als lästig und erniedrigend für die Kam mermusiker und als Missbrauch ihrer Kunst bezeichnete (für diese Dinge gäbe es die Extramusiker); 31 Kapellmitglieder hatten diese Eingabe unterzeichnet. Der Antrag wurde abgelehnt. (Q 9, Q 10, E 80) Giovanni Battista Polledro bat einmal um Reduzie rung seiner Konzertmeister-Dienste, da er befürchtete, daß das ununterbrochen fortge setzte Vorspielen, in der Kirche, bey den so häufigen Opern-Proben und bey Aufführungen selbst auf Dauer seine geigerischen Qualitäten, wie Feinheit und Reinheit des Vortrags und die eigentliche Virtuosität beeinträchtige. Seinem Ersuchen wurde seitens des Gene raldirektors stattgegeben - mit der einschränkenden Auflage, in Vorstellungen und 804 Proben anwesend zu sein, auch wenn er nicht spielt, um durch Beratung zu leiten. (Q 8) Aber auch die übrigen Kapellmitglieder betraf dieses Problem. So beklagte Richard Wagner, daß dem Künstler durch zu häufige Verwendung im Dienste die nötige Muße und Lust zum Privatstudium entzogen wird, und man 'kann annehmen, daß 'von da ab, wo ein M u siker den Eifer fü r Privatstudien aufgibt, um sich mit seiner erlangten Fertigkeit 'bloß 'noch zur Verwendung fü r den Dienst zu begnügen, er auch zurückgeht und den immer sich steigenden Ansprüchen an seine Kunstfertigkeit stets weniger entsprechen 'können wird. (Q 4) In seinen Reformideen forderte Richard Wagner alles in allem die genaue Regulierung und Verteilung des Dienstes (Q 4), dessen Abschaffung auf dem Linckeschen Bade und unvorstellbar - die allmähliche Einstellung der dienstlichen Verpflichtungen zur Kir chenmusik. (Q 7) Die ständige Teilung des Orchesters könne vermieden werden, und konstante Besetzungen (zum Beispiel keine Wechsel bei den Bläsern) wären garantiert, was der Feinheit des 'Vortrags zu Gute käme und die Ungleichheit der Stimmung vermeiden helfe. Er schlug für das Königliche Hoftheater ein Orchester mit 60 Musikern vor, in dem er gegenüber dem vorhandenen Personalstand die Streicherstellen vermehren und die Bläserstellen verringern würde. Ein vollendetes Orchesterspiel ergäbe sich, wenn sämmtliche Musiker unter sich zu einem ungetheilten Körper verwachsen würden. (Q 6) Die Presse hoffte angesichts der Überbelastung und zur Erhaltung der künstlerischen Leistungsfähigkeit der Kapelle auf eine allgemeine Erweckung und Belebung des Kunstge fühls und Künstlenverthes. (Q 17) Die Musiker sollten von den Konzerteinnahmen profitieren können - zur Ermunterung und Unterstützung bei ihrem anstrengenden Dienst. (Q 22, D 21, D 22) Die Schuld an der Misere schrieb man der Generaldirektion zu, die einen geschäftsmäßigen, die Begriffe der Kunst verleugnenden und nach Geivohnheit verletzen den Betrieb dieser Concerte leite. (Q 24) Aus einer Kontroverse im Jahre 1849 über die Aufteilung der Einnahmen aus den Abonnementskonzerten, auf die das Orchester einen Anspruch erhob, geht die gegenteilige Auffassung des Generaldirektors von Lüttichau und darüber hinaus zu dienstlichen Fragen überhaupt ebenso deutlich wie hart hervor: Die Königliche Kapelle ist ein 'Verein, an dessen Spitze Se. Majestät der König steht und im Auf träge desselben der Generaldirector, dessen Anordnungen Sie allenthalben Folge zu leisten haben. Sie sind dafür 'bezahlt, Sie 'haben 'keinen bemessenen, sondern völlig unbemessenen Dienst (D 54), und es sei eine irrige Meinung, ein Abonnementskonzert nicht fü r königlichen Dienst an zusehen (D 56). Mit Reskript vom 10.12.1831 wurde für Kapellmeister und Kammermusiker im Hof dienst das Tragen einer Uniform angeordnet. Sie bestand u.a. aus einem lichtblauen Rock mit einer Reihe weißer Knöpfe, die das königliche Wappen trugen, aus Kragen, die silbern bestickt und eingefasst waren, kurzen weißen Beinkleidern und weißen Strümp fen, Schuhen mit weißen Schnallen, einem Degen und einem dreieckigen Hut mit weißer Agraffe, Knopf und Kokarde. Die Uniform der Konzertmeister war reicher bestickt als die der Kammermusiker, Aspiranten trugen keine. Die Orchestermitglieder hatten ihre Uni form selbst zu finanzieren, wobei bedürftigen Kammermusikern ein königlicher Kostenvor schuss 'bewilligt werden konnte (nach Brescius 1898, S. 35). In einer Generalversammlung des Jahres 1832 diskutierte die Kapelle einen Antrag an den König, mit dem sie den Er laß der [für die Dienstkleidung] noch zu leistenden Zahlungen erwirken wollte. (E 82) 805 Ebenfalls 1831 wurden Kapellmeister und Kammermusiker zum Dienst in der Kommunalgarde verpflichtet. Anträge auf Befreiung wurden generell abgelehnt; le diglich bei Bläsern waren gelegentliche Ausnahmeregelungen möglich (nach Brescius 1898, S. 37). In der Abrechnung für die erste Serie der Abonnementskonzerte im Frühjahr 1848 tauchen zwei Positionen auf, die innerhalb der Kapelle eine feine Differenzierung in den „Arbeitsmitteln" nach Dienstrang aufzeigen: Seifensieder Gatemann lieferte weiße Stearinkerzen für Kapell- und Konzertmeister in Proben und Konzerten, Seifensieder Stöhn jedoch Talglichter für die Kammermusiker. (D 45) Details Q i In der Hofkirche erklangen jährlich an etwa 250 Tagen Messen, Motetten, Vigilien und Vespern. Nach: Kummer 1938, S. 57 Q la Als dienstliche Aufgaben der Kapelle galten die Kirchenmusik in der katholischen Hofkirche, die Oper, Konzerte bei Hofe. (Nicht genannt sind hier die öffentlichen, von der Generaldirektion oder von der Ka pelle selbst veranstalteten Konzerte sowie die Verpflichtungen in den Schauspielauf führungen des Hoftheaters. Außerdem wirkte das Orchester im Winterhalbjahr neben seinem Dienst in einer wechselnden Anzahl von Musikalischen Akademien mit.) Nach: Schumann 1829, S. 70 Q lb Wenn Kammermusiker an demselben Tage Opernprobe haben, an welchen sie zum Kirchen dienste nöthig, dürfen sie sich deshalb nicht von letzterem dispensieren. U: Gesetzliche Vorschriften für die Mitglieder der Königl. Sächs. musikalischen Ka pelle, o. J. § 16 Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, 1 MB 8 1569 Rara Q 2 Für ein gewöhnliches Orchestermitglied wurden 1844 jährlich 344 Dienste und nur 21 dienstfreie Tage genannt. Nach: Kummer 1938, S. 119 Einem Bericht der Kapell- und Konzertmeister zufolge wurden 1844 pro Kammermu siker 344 Dienste geleistet und 22 freie Tage gewährt. 1829 wurden 257 Dienste und 108 freie Tage gezählt. Nach: Brescius 1898, S. 11 806 Im Winter ist viermal wöchentlich, Sonntag, Montag, Dienstag, Donnerstag, deutsches Schau spiel oder deutsche Oper; Mittwochs und Sonnabends aber in der Regel italienische Oper [...] Italienische Oper ist im Sommer nicht so oft wie im Winter, und Abonnement findet ebenfalls nur fü r den Winter statt. Nach: Schumann 1829, S. 69 Q 2b In einem Abonnementsangebot gibt die General-Direction der Königl. musikalischen Ka pelle und Hoftheater am 4.11.1830 die Erlaubnis des Königs bekannt, daß das Königl. Hof theater in der Stadt auch an den Freitagen dem Publikum geöffnet werde, und in Folge dessen von nächster Woche an des Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags, deutsche Vorstel lungen, abwechselnd mit Schauspiel und Oper, des Mittwochs und Sonnabends aber, wie bis her, italienische Opern stattfinden. StA, OA Q 3 Theaterferien fü r das gesamte Personal gab es nicht; man spielte das ganze Jahr 'hindurch. Nicht gespielt im Theater wurde in der Karwoche sowie an den 1. Feiertagen zu Weih nachten, Ostern und Pfingsten. Kummer 1938, S. 195 f. Q 2a Q 3a [ ...] der bei weitem überwiegend gewordene Theil seiner [des Hoforchesters] Beschäftigung kommt iedoch dem Theater zu gut, in welchem fü r Schauspiel und Oper das Orchester allein von ihm gestellt wird. Seine Benutzung zur Privatunterhaltung des Hofes hat sich von selbst au f diese Weise außerordentlich beschränkt; die Kapelle hat in der letzten Zeit nur am Neu jahrstage während der königlichen Tafel, und am zweiten Ostertage bei einem Hoffeste einen Theil der Unterhaltung zu besorgen gehabt, außerdem sind an verschiedenen Abenden, na mentlich des Winters, einzelne Virtuosen der Kapelle zur Unterhaltung des Hofes mit 'verwen det worden. Der Genuß an den Leistungen des Institutes ist somit fast ausschließlich der Öf fentlichkeit zugewendet. Wagner 1907c, S. 250 Q 3b Regelmäßig fand ein Hofkonzert der Kapelle am Ostermontag statt. Im Winter gab es im Allgemeinen keine Hofkonzerte mit Orchester. Auch bei Besuchen auswärtiger Fürstlichkeiten, von Gesandten, Diplomaten und hohen Militärs konnten Hofkonzerte angesetzt werden. Adolph schreibt zwar über die Schuch-Zeit, seine Feststellungen können aber wohl auch auf die davor liegenden Jahrzehnte übertragen werden. Die Programmgestaltung lag in den Händen der Kapellmeister. Die Programme durften nicht zu lang sein, weil anschließend Cercle und Souper gehalten wurde. Die Musiker konnten während des Cercle das Fob der Zuhörer entgegennehmen, das Essen fand 807 für sie separiert von der Gesellschaft statt. Bei den Kammermusikern wurde auf Ab wechslung gesehen; natürlich wollten möglichst viele beteiligt sein. Für Mitglieder der Kapelle und der Oper waren die Hofkonzerte Dienst. Nach: Adolph 1932, S. 145 ff. Q4 Wagner beklagte, daß dem Künstler durch zu häufige Verwendung im Dienste die nötige Muße und Lust zum Privatstudium entzogen wird, und man kann annehmen, daß von da ab, wo ein Musiker den Eifer fü r Privatstudien aufgibt, um sich mit seiner erlangten Fertigkeit bloß noch zur Verwendung fü r den Dienst zu begnügen, er auch zurückgeht und den immer sich steigernden Ansprüchen an seine Kunstfertigkeit stets weniger entsprechen können wird. Der wichtigste Punkt 'bei der Organisation einer Königlichen Kapelle ist daher eine genaue Re gulierung und 'Verteilung des Dienstes. [ ...] Der Dienst der Königlichen Kapelle fü r das Hoftheater besteht in größeren und kleineren Opern, Konzert, Posse, Ballett, Vaudeville und Zwischenaktmusik zu Schauspielen, welche in täglichen Vorstellungen miteinander abwechseln. Der ständige Stückewechsel im Reper toirebetrieb mache eine unverhältnismäßige Zahl von Proben notwendig, so daß, rechnet man nun noch einen sehr starken Kirchendienst hinzu, es augenscheinlich erhellt, daß der sämtliche Dienst nicht durchgehends von denselben Musikern verrichtet werden darf, ohne Erschlaffung und moralische wie physische Abspannung derselben 'herbeizuführen. Wagner 1910, S. 346-348 Q 5 Wagner sprach von bislang jährlich über 200 Kirchendiensten und täglichem Dienste im Theater, in dem wöchentlich 3 bis 4 Opern gegeben wurden, außerdem aber zu jedem Schau spiel ein Orchester fü r die Zwischenaktmusik gestellt werden musste. Dazu kamen im Sommer oft doppelte Vorstellungen, in der Stadt und in dem Sommertheater, fü r welche häufig 'hier das Orchester zu einer großen Oper, dort das Orchester zu einem Singspiel erfordert wurde; eine übermäßige Anzahl von Proben wurden durch diese mannigfaltigen 'Vorstellungen und 'bei dem unruhigen Wechsel derselben bedingt. Hierfür war die erwähnte Zahl von Musikern eben nur die zur Noth ausreichende, da das Orchester in sich zu zwei Orchestern kombinirt werden musste. Durch die neue Organisation des Nationaltheaters [ ...] wird die Zahl der sogenannten Spiel tage in einer Woche au f 5 beschränkt sein: von diesen Tagen werden nur 2, in sehr seltenen Fällen höchstens 3 der Oper zugewiesen sein: die Musik in den Zwischenakten des Schauspiels wird hoffentlich aber gänzlich abgeschafft werden. Wagner 1907c, S. 261 Q 6 Wagner will dahin kommen, dass das Orchester wegen dienstlicher Zersplitterung nicht mehr in zwei Orchester geteilt werden muss, sondern er denkt daran, ein e i n z i g e s wohl zusammengesetztes Orchester zu bilden. [...] die unaufhörlich wechselnde Zusammenstellung des Bläserchores durch die verschiedenen Blasinstrumentisten ist der vollendeten künstlerischen Feinheit im 'Vortrage, namentlich durch 808 Ungleichheit der Stimmung, in vielen Fällen noch sehr hinderlich gewesen. Ein vollendetes Orchesterspiel kann nur dann erzielt werden, wenn sämmtliche Musiker unter sich wie zu ei nem untheilbaren Körper verwachsen. Im neuen Königl. Hoftheater hat sich fü r die größere Oper die nachstehende Besetzung als notwenig herausgestellt: 20 Violinen, 6 Bratschen, 6 Violoncelle, 4 bis 5 Kontrabässe, 2 bis 3 Flöten, 2 bis 3 Hoboen (incl. Englisches Horn), 2 bis 3 Klarinetten (incl. Bassklarinette), 2 bis 3 Fagotte, 4 Hörner, 2 'bis 3 Trompeten, 3 Posaunen, 1 Paar Pauken. Wagner will vierte Bläserstellen streichen und die dadurch frei werdenden Positionen den Streichern zuschlagen; Accessisten werden überflüssig, in besonderen Fällen könnte auf Mitglieder der zu bildenden Schülerklasse zurückgegriffen werden. Wagner 1907c, S. 263-265 Q 7 Das Orchester der Kapelle wird aber mit diesen Vorstellungen [gemeint ist: auf dem Lincke schen Bade] nichts mehr zu thun 'haben. Außerdem beabsichtigt Wagner, die Mitwirkung des Orchesters in der Kirche im Laufe der Zeit allmählich gänzlich aufzugeben. Wagner 1907c, S. 263 Q 8 Kztmstr. Giovanni Battista Polledro bat König Friedrich August I. um Reduzierung der Vorspieler-Dienste, nicht wegen Abneigung gegen anhaltende Thätigkeit, sondern blos aus Besorgniß, daß das ununterbrochen fortgesetzte Vorspielen, in der Kirche, bey den so häufigen Opern-Proben und bey den Aufführungen selbst, welches mit großen körperlichen Anstren gungen verbunden, namentlich einen weit stärkern, durchgreifendem Bogenstrich erfordert, als der Vortrag eines Concerts oder Variationen, ihn über lang oder kurz um die Zartheit und Reinheit des Vortrags bringen dürfte, au f deren Erhaltung bedacht zu seyn er sich verpflichtet glaube, wenn er die eigentliche Virtuosität au f seinem Instrumente nicht bald ganz verlohren gehen sehen wolle. Generaldirektor Graf Vitzthum von Eckstädt unterstützte den Antrag des Konzert meisters nicht ohne Einschränkung, denn er bemerkte, Polledro solle in Proben und Vorstellungen anwesend sein, auch wenn er nicht spiele, um durch Beratung zu leiten. SHStA, 10026, Geh. Kabinett, Loc. 15146/4, fol. 222 Q 9 Eine Eingabe der Vorsteher vom 23. Mai 1831 wurde in der Orchesterversammlung am 3. November 1831 zur Kenntnis genommen. Es ging darum, dass die Kapellmitglieder von Vorstellungen von Seiltänzern, Taschenspielern, Ecquilibristen u.s.w. vom Mitspiel im Orchester befreit werden. Man plädierte für die Unterstützung von fremden Kunstver wandten, welche durch ihre Leistungen als wahre musikalische Künstler darauf Anspruch ma chen können, aber bey Fällen wo ihre Kunstleistungen gewissermaßen nur gemißbraucht wer den, glauben sie es sich und der Ehre des ganzen Vereins schuldig zu seyn, E. Hohe General Direktion au f den Nachtheil, welcher fü r die Kapelle daraus entspringt, aufmerksam zu ma chen, u. zu überzeugen, wie auch dahin zu vermögen, daß dergleichen musikalische Unterstüt 809 zungen auch nur fü r Musikvereine geringerer Art geeignet seyen und ferner nur von solchen aufgeführt werden mögten. Die Eingabe ist von 31 Kammermusikern unterschrieben worden, angeführt von An ton Bernhard Fürstenau. SHStA, 10026 Geh. Kabinett, Loc. 15147/5, fol. 250 (124) - (auch E 80) Q 10 Auszug aus dem Protokoll der Kapellversammlung vom 3. November 1831 zu diesem Vorgang, verfasst von Karl Theodor Winkler: Zahlreiche Kammermusiker haben eine Schrift unterzeichnet, in der sie die Generaldi rektion um Vermittlung bitten, dass sie künftig bey den au f dem Königl. Theater etwa ein tretenden 'Vorstellungen von Seiltänzern, Taschenspielern, Equlibristen u.s.w. vom Mitspiel im Orchester verschont bleiben. Allerdings wird allgemein das Lästige und Erniedrigende fü r Künstler gefühlt, bey solchen Gaukeleyen mitwirken zu müßen und die feste Hoffnung gehegt, daß die GeneralDirection welche der musikalischen Kapelle schon so viele Beiveise von Wohl wollen und Beachtung gegeben hat, bey ähnlichen Fällen die Königl. Kammermusiker und Expectanten ganz vom Spiel im Orchester entbinden und an solchen Abenden die Orchestermusik durch die 'beim Theater angestellten Extramusiker geneigtest besorgen lassen werden. Die Vorsteher wurden beauftragt, der Generaldirektion den entsprechenden Proto kollauszug zur Entscheidung vorzulegen. Anmerkung des Generaldirektors von Lüttichau vom 26. November 1831: Kann nicht berücksichtigt werden, SHStA, 10026 Geh. Kabinett, Loc. 151547/5, fol. 248 f. Q U Wagner bedauerte, dass eine ganze Anzahl von Violinisten u.a. infolge dienstlicher Überforderung nicht voll einsatzfähig war. Er nannte dabei die Namen der Geiger Friedrich Franz, Simon Winterstein und Franz Anton Morgenroth. Wagner 1910, S. 362 f. Q 12 Die Pianistin Anna Caroline de Belville-Oury habe die Orchesterbegleitung erschwert, weil sie sich zu sehr gehen lässt [...], besonders wenn nicht genug Proben vorausgegangen. NZfM, 5.5.1834, über 21.4.1834 (Beethoven: 5. Klavierkonzert) Q 13 Festgestellt wurde, dass die Kapelle ihren alten, wohlverdienten R uf zu erhalten strebt, ob wohl ihr das jetzt bei dem sehr anstrengenden Dienste und ihrer geringen Besoldung schwer genug gemacht ist. DBbl, 1.2.1844 810 Mängel in der Aufführung von Beethovens Pastorale wurden den zu wenigen Proben zu geschrieben und mit der Aufforderung verbunden, Sinfonien öfter zu spielen, auch als Zwischenaktmusiken im Schauspiel. DBbl, 4.4.1844, über 31.3.1844 Q 15 Dass in der Aufführung nicht alles gelungen sei, habe gelegen an den wenigen Gesammtproben, welche der Natur der Sache nach gehalten werden können, und in denen eine Einheit, im Bo genstriche z.B. und in der Behandlung der Crescendi und Diminuendi, bei einem aus so vielen Elementen zusammengesetzten Orchester gar nicht zu erreichen ist. NZfM, Bd. 20, Nr. 32,18.4.1844, über 31.3.1844 Q 16 An größeren Musikaufführungen sind wir sehr arm. [...] Und doch wäre es in dem vorliegenden Falle so unmöglich nicht, da es an tüchtigen Kräften nicht mangelt. Da ist unsere mit Recht be rühmte Capelle, die aber einen so ermüdenden, oft geisttödtenden Dienst, und verhältnißmäßig so geringe Besoldung hat, daß sie auf den kärglichen 'Nebenerwerb durch Unterrichtsstunden gerade hin um des lieben Brodes willen angewiesen ist, und oft Gott dankt, wenn sie nur keine Musik zu hören und zu machen 'braucht. NZfM, 13.6.1844 Q 17 Die Kapelle würde durch den oft geistlosen, Lust und Freude an der Kunst methodisch tödtenden, angestrengten Dienst, der vielmal aber auch nichts weiter als ein fades "Wiederkäuen längst ahund ausgedroschenen Strohes ist, so ermattet, physisch und künstlerisch so abgespannt und er schlafft, ja allmählig geradehin aufgerieben, daß eine unmittelbare, kräftige und begeisterte Wirk samkeit fü r die freie Kunst und deren großartige Schöpfungen ihr billigerweise kaum mag zugemuthet werden. Die Direktion müsse etwas tun, falls sie den bösen Schein meiden will, eine tüchtige Capelle, die einzige musikalische Stütze des Kirchen- und Bühnendienstes, niedrigen Handwerkern gleich zu achten, die buchstäblich um das tägliche Brod vom Morgen bis zum Abend auch der geistlosesten Beschäftigung sich unterziehen müssen. Unter den Sorgen des täglichen Lebens um Nahrung und Kleidung geht gar bald alle Begeisterung zu Grunde [...]; es tritt unausweichlich jene Ver dumpfung, jene Apathie ein, welche den Künstler zum mechanischen Handwerker herabdrückt. [...] Eine künstlerische Reform thut unserer Capelle noth, eine Enveckung und Belebung des Künstlergefühls und Künstlenverthes. [ ...] Hier haben wir nur hinzuzufügen, daß von einer sol chen Reform der ganzen Verhältnisse ein festgesetztes, gedeihliches Wirken der Capelle, die Verhü tung ihres Unterganges, abhängig erscheint. NZfM, 11.11.1844 - auch D 19, F 23 Q 18 Königliche musikalische Kapelle und Dirigent stehen bei großen Aufführungen wie den Palm sonntagskonzerten immer wieder vor der Aufgabe, daß in wenigen Proben ein Conglomerat der verschiedenartigsten Kräfte zu einer tüchtigen Gesammtleistung herangebildet werden muss. NZfM, 19.3.1845, über 16.3.1845 Q14 811 Die Kapelle leistete nach nur sechs Proben wirklich Erstaunliches. NZfM, 17.5.1846, über 5.4.1846 (Beethoven, 9. Sinfonie) Q 19a Der Oboist KM Rudolf Hiebendahl schrieb in der Zeitschrift „Das Orchester" (1886, Nr. 13) aus eigenem Erleben: Es fanden drei Proben statt, wobei man bedenken muss das Reißiger es mit allerersten Mitwirkenden zu tun hatte. [Diese Aussage klingt fast so, als seien drei Proben an gesichts der Qualität der Kapelle relativ reichlich gewesen. E.St.] Kreiser 1918, S. 73 Q 20 Leider kam auch sein [Dreyschocks, vermutlich Alexander] zweites Concert nicht unter Mitwir kung der Capelle zu Stande. Die unlustigen Schwierigkeiten [gemeint sind wohl die dienstlichen Überlastungen] sind so hartnäckiger und ermüdender Art, daß der üble Geruch, den Dresden in der Musikwelt genießt, ein wohl erworbener und eigentümlich verdienter ist. SfdmW, 17.2.1847 Q21 Es sei ein Fehler, immer wieder Musikstücke aufzuführen, welche schon möglichst oft gehört wurden (wir 'können fü r die Ursache nur den Wunsch ansehen, die Proben abzukürzen). NZfM, 12.8.1847 Q22 Die Einnahmen der künftigen Abonnementskonzerte sollten der Kapelle zugute kommen, die eine Ermunterung und Unterstützung 'bei ihrem anstrengenden Dienste ohne Zweifel wohl verdient. DMgbl, 2.1.1848 Q23 Die Kapelle stand an diesem Tage durch zwei Proben und durch Kirchenmusik seit Morgens 9 Uhr fast ohne Unterbrechung unter Waffen; es wird demnach außer dem abendlichen Konzert von zwei Konzertproben und Dienst in der Hofkirche an einem Tage gesprochen! DrJ, 10.11.1848, über 7.11.1848 Q 24 Der schwungvolle und im Einzelnen meisterhafte Vortrag [...] verhindert der künstlerischen Er kenntnis nicht den 'Wunsch, es möge der Capelle Zeit zugestanden werden, in die Specialitäten sol cher Werke mit noch tieferem Studium einzudringen, damit sie selber an einer so ganz vollendeten Ausführung ihre Freude habe, welche allein ihres Standpunktes würdig ist. Es kann Dies allerdings nicht in dem Maße erreicht werden, wenn die Capelle ängstlich nach dem Uhrzeiger schauend aus der Probe zum Kirchendienste und aus diesem wieder zur Probe oder auch noch zur Aufführung selbst gehetzt wird; bei einem so geschäftsmäßigen, die Begriffe der Kunst verleugnenden und nach Gewohnheit verletzenden Betrieb dieser Concerte von Seiten der Direction fehlt Muße und Ruhe des Studiums und die nöthige ausdauernde Kraft, und es ist dann allerdings um so mehr eine ausge zeichnete Leistung vom Publicum anzuerkennen. DrJ, 22.11.1848, über 18.11.1848 (Beethoven: 6. Sinfonie) Q19 812 Der Kapelle fehle Muße und Ruhe nöthiger Vorbereitung, und nur die Vorzüglichkeit derselben verdeckt diesen Umstand. DrJ, 28.8.1851, über 26.8.1851 Q 26 Da auf die 'Vorbereitung solcher Concertaufführungen der hiesigen Kapelle stets nur wenig Zeit verwendet werden 'kann, so enthalten die Programme derselben nur selten Neues. NZfM, 12.9.1851, über 26.8.1851 Q 27 Aus Mangel an der nöthigen Zeit zur gehörigen Vorbereitung hat sich gleichwohl der Gebrauch gebildet, fast nur am Palmsonntage ein Oratorien- oder Cantatenwerk neben einer Beethoven'schen Symphonie zu Gehör zu bringen. NZfM, 16.4.1852, über 25.2.1852 Q 28 Kritisiert werden die vielen Werk-Wiederholungen in den Kapellkonzerten, und zwar aus keinem anderen Grunde, als um die Proben zu ersparen! [...] Ein solches 'Verfahren nennt -man auf gut Deutsch Faulheit, grenzenlose, unverantwortliche Faulheit, bei einem Musik-Institute in einer deutschen Residenz mit so 'bedeutenden Mitteln und Kräften. Wenn das Fehlen neuerer Werke in den Konzerten angesprochen werde, erkläre die Ka pelle, sie habe keine Zeit zu Proben! Keine Zeit - wahrscheinlich wegen der vielen neuen Opern, die seit 1 % Jahren alle Kräfte ununterbrochen beschäftigen! Keine Zeit, um mindestens die vier Jahresconcerte mit geivählten, neuen und neuesten Erscheinungen ausstatten zu können! Zur Aufklärung dieser Ironie ist hinzugesetzt: die Oper sei eineinhalb Jahre ohne die ge ringste Novität [...], die man nur mit Anstand nennen könnte, gewesen. NZfM, 27.5.1853 - auch F 59 Q 29 Ein besseres Programm habe sich wohl wegen anderer vielseitiger Beschäftigung der Ka pelle nicht arrangieren lassen. DrJ, 11.4.1854, über 9.4.1854 Q 30 Für die Einstudierung von Fausts Verdammung standen Berlioz drei Proben zur Verfü gung- NZfM, 14.7.1854 Q31 Es sind so ausgezeichnete Feistungen der Kapelle in diesem Falle um so mehr anerkennenswerth, da gerade zum Aschermittwoch-Concert die Zeit fü r nothwendige Proben viel zu kärglich zugemessen ist und die gelingende Ausführung daher die vorzügliche künstlerische Fähigkeit des Instituts glänzend 'hervortreten lässt. DrJ, 8.2.1856, über 6.2.1856 Q25 813 Das Konzert fiel in eine Zeit, wo vielfacher Dienst leicht hätte eine Ermattung voraussetzen lassen und einer genügenden 'Vorbereitung des Concerts entgegenstand. Bei der Kapelle muß mit Bewunderung die Feinheit, Präcision und Vollendung des Vortrags anerkannt werden, -namentlich da das Concert in eine Zeit fiel, wo vielfacher Dienst leicht 'hätte eine Ermattung voraussetzen lassen. Es wurde aber auch darauf hingewiesen, dass die Probenzeiten für Konzerte (meist wegen Überlastung der Kapelle) zu kapp bemessen, die Leistungen jedoch trotzdem höchst anerkennenswert seien. DrJ, 9.11.1856, über 7.11.1856 Q 32 814

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References

Zusammenfassung

Der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird als Opern- wie als Konzertorchester hohe internationale Anerkennung gezollt. Während die 1548 gegründete kurfürstliche Hofkapelle schon seit dem 17. Jahrhundert der Bühne verpflichtet war, bildete sie als Königliche musikalische Kapelle ihre Qualitäten auf dem Konzertpodium in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich und in erstaunlichem Umfang aus – eine Entwicklung, die bisher weitgehend unerforscht geblieben ist. Die vorliegende Dokumentation gibt, vorwiegend anhand von Presse- und Archivmaterial, einen Überblick über Daten, Programme, Interpreten, Konzertformen, Säle, Veranstalter, interne und äußere Vorgänge, künstlerische Leistungen und Bedingungen, kritische Wertungen und Publikumsresonanz in den Jahren zwischen 1817 und 1858, als die Kapellmeister Morlacchi, Weber, Wagner und Reißiger an der Spitze des Orchesters standen. Eine vorangestellte Studie weist auf die Tradition der Kapelle und das institutionelle und künstlerische Gefüge hin, in dem sich ihre Konzertaktivitäten vollzogen.