Content

F Programmgestaltung in:

Eberhard Steindorf

Die Konzerttätigkeit der Königlichen muskialischen Kapelle zu Dresden (1817-1858), page 594 - 628

Institutionsgeschichtliche Studie und Dokumentation

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4155-0, ISBN online: 978-3-8288-7015-4, https://doi.org/10.5771/9783828870154-594

Series: Dresdner Schriften zur Musik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
F Programmgestaltung Ü bersicht In den 1820er und 1830er Jahren gab es sowohl öffentliche als auch kapellinteme Diskus sionen, wie denn Konzertprogramme auszusehen hätten. So legte 1828 Carl Borromäus von Miltitz in zwei Artikeln für die AZ seine Sicht der Dinge dar. In Dresden musikalisch ausgebildet, zeitweise am Hofe, aber auch vielseitig künstlerisch tätig (siehe Komponisten-Register), zielte der Autor mit seinen Vorschlägen auf eine Konzerttätigkeit der Kö niglichen musikalischen Kapelle, die seinerzeit - sechs Jahre nach dem Scheitern der unter dem Einfluss Carl Maria von Webers eingeführten Abonnementskonzerte - noch Wunschvorstellung war. Mit einer anderen Anordnung der Concerte, wie sie derzeit abliefen, sollten seiner Meinung nach die Kunst generell gefördert, sowohl der Ruf der Kapelle, als das Vergnügen des Auditoriums (zugleich dessen Aufgeschlossenheit und musikalische Bil dung) erhöht, auch zeitgenössische Komponisten bekannt gemacht werden können. Ins Zentrum seiner Überlegungen stellte er die Sinfonie, für die Deutschland wie sonst kein anderes europäisches Land durch zahlreiche Komponisten gültige Beiträge - unerreicht und unverdunkelt - geliefert habe. Oratorien- und Kantatenmusik verwies er in die Kirche, Opemmusik aufs Theater. Ein so herrliches Institut, als die Dresdner Hofkapelle ist, dürfe die sinfonische Literatur nicht den Franzosen oder Engländern überlassen, sondern sie müsse den abgeschiedenen [deutschen] Herren der Musik die herrlichsten Monumente durch die Auf führungen der großen Sinfonien setzen. Von Miltitz bedauerte, dass man statt Sinfonien der Meister immer nur italiänisches Ouvertürengeklingel und Concertistenkünste zu hören bekäme, die wahrlich ein solches Orchester nicht werth seien, und man gebe uns nicht immer 'bloß Con certe und wieder Concerte, sondern jene oft erwähnten großen Sinfonien. (NB. In die gleiche Richtung ging die Kritik, dass 1831 Ausschnitte aus Haydns „Jahreszeiten" von italieni schen Sängern in italienischer Sprache gesungen wurden (F 16) und dass es Beethoven schwer habe gegenüber modischen Franzosen wie Auber und Boieldieu (F 17), Berlioz sollte ebenso hinter die deutschen Sinfoniker zurücktreten. (F 115)) Einheimische und Fremde, fuhr von Miltitz fort, sollten mit Stolz und Bewunderung nicht nur hören, dass, sondern wie unser Orchester diese Werke [die „großen Sinfonien"] vorträgt. (NB. Die Kritik ergänzte: Virtuosen wie den Kammermusikern der Kapelle müßte die Bekanntschaft mit solchen Werken eher erfreulich sein, als deren Aufführung ihnen zur Ehre gereichen würde. (F 18)) Für die inhaltliche Gestaltung eines Konzerts schlug von Miltitz zweiteilige Programme vor: Der erste Teil sollte eine Sinfonie, der zweite vokale und instrumentale Solostücke sowie Ouvertüren - französischer und italienischer Provenienz nicht ausgeschlossen enthalten. Damit könne die Instrumentalmusik auch bei der Hofkapelle ihren in Deutschland üblichen Rang erlangen, das Orchester selbst seine Qualitäten zeigen und ihre jüngeren Mitglieder weiterbilden. Was die musikalische Bildung des Publikums be trifft, lehnte er das bloße Ausrichten auf den Publikumsgeschmack ab; dies zeuge von Faulheit, Schlendrianweise und üblem 'Willen. Das Publikum fühlt weit richtiger, lebendiger und zarter, richtet weit gelinder und unterscheidet weit feiner als jene ihren critischen einseitigen Mo nopolisten, die auf selbstgeschaffenen 'Wolken verächtlich auf die Menge herabsehen [...]. Man biete nur dem Publicum immer das Beßte, und es wird stets am Beßten Geschmack finden. (D 15, D 16) 594 Ein ungenannter Autor formulierte 1837 in der AMZ für die Einrichtung der hiesigen Concerte ein Gegenmodell, mit dem er Einheit in die Mannißfaltigkeit, das jetzt so hoch stehende Orchesterspiel zur Geltung und die dem Deutschen allein ungehörige Gattung der Sinfonie immer mehr empor zu bringen gedachte. Auch er schlug vor, ein Konzert in zwei Abteilungen zu gliedern, über die dann eine Sinfonie verteilt würde: Zu Anfang der ersten Abteilung sollte eine kräftige Ouvertüre oder der erste Satz einer Sinfonie stehen; ein Solokonzert und ein Gesangsstück könnten folgen. Der zweite Teil beginne mit dem Mittelsatz einer Sinfonie und dazu gehörigem Allegro oder mit einem größeren Bläseren semble; darauf könnten, wenn möglich, eine Arie und schließlich das Sinfoniefinale folgen. Zum Abschluss aber gestattete er eine Konzession an die Eitelkeit des Concertisten, der verlange, daß er den letzten Eindruck mache, und er gestand ihm noch den Vortrag eines Stücks aus dem üblichen Repertoire der virtuosen Rondos und Variatio nen zu. Die Aufnahme eines ernste[n] Ensemble's aus der Oratorienmusik wollte er ver suchsweise und in Abhängigkeit vom Localgeschmack zulassen. Entschieden aber wandte er sich gegen Lieder, Romanzen im beliebten französischen Nasenton, Barcarolen, Kuhhirtenlieder aus Tyrol oder Schweiz. (D 17) Im Herbst 1833 entspann sich innerhalb der Königlichen musikalischen Kapelle eine kontroverse Diskussion über die Programmgestaltung der Palmsonntagskonzerte im Allgemeinen und für das Jahr 1834 im Speziellen. Auslöser war ein Brief Francesco Morlacchis an die Kapellmitglieder (F 4a), in dem er im Hauptgrundsatz dafür plä dierte, nur längst classisch anerkannte Werke, also Compositionen verstorbener Meister, deren Ruhm sie überlebt 'hat, anzusetzen. Diese hätten den erforderlichen hohen ästhetischen Werth, erhöhten den Ruf dieser Konzerte im Ausland und dienten dem 'Vortheil des In stituts, also der angestrebten ständigen Vermehrung des Witwen- und Waisenfonds durch „gesicherte" Einnahmen. Er berief sich dabei auf Amsterdam und London, wo gleiche Auswahlkriterien gelten würden. Morlacchi sah weder unser Institut schon so fest au f seinen Ruhm begründet noch alle Schätze der Vorwelt so erschöpft, dass er bereit gewesen wäre, von dieser Absichtserklärung abzugehen; außerdem fühlte er sich durch rege Theilnahme und lebendiges Wohlgefallen des Publikums in seiner Überzeu gung bestätigt. Er würde sich lieber für die Reprise eines in seinem Sinne klassischen Werkes entscheiden als an einem so feyerlichen Tage eine -moderne Composition aufführen zu wollen und verwies darauf, dass zum Beispiel Händels Messias in Dresden noch nie zu hören gewesen sei. (Morlacchi dirigierte denn auch dieses Werk - eins der ersten aller Zeiten, wie er schrieb - am darauffolgenden Palmsonntag des Jahres 1834). Als einen der lebenden Komponisten, dessen Zudringlichkeiten - so empfand es wohl Morlacchi - ihm generell unangenehm gewesen sein müssen, spielte er auf Friedrich Schneider an, dessen Weltgericht im ersten Palmsonntagskonzert 1827 offensichtlich gegen seinen Willen zur Aufführung angenommen, aber trotzdem unter seiner Leitung musiziert worden war und der nun erneut eins seiner Werke mit gewisser Dringlichkeit ange boten hatte. (Eine Mitteilung von Kapellmeister Reißiger an Hofrat Winkler, aus der man gewisse „Mauscheleien" herauslesen könnte, ging übrigens auf den Vorgang ein - F 4c) Jedenfalls beschied Morlacchi in Sachen Schneider - quasi stellvertretend für an dere Zeitgenossen - dass dessen Oratorien dereinst auch in unseren Concerten Platz fin den, wenn sie au f das nächste Jahrhundert mit dem Rufe der Classiztität übergegangen seyn 595 werden, deßen sich iezt die Werke eines Bach, Händel, Haydn und Mozart erfreuen - die Auf zählung dieser Meister war zwar höchst respektabel für einen Italiener, bot jedoch keine erfreulichen Aussichten für die lebenden Komponisten! (Die Presse wusste aller dings, dass 1835 Morlacchis Vorschlag, eine neue Sinfonie von Spohr zu spielen, - von der Kapelle? - abgelehnt worden war. (G 14)) In dem Zusammenhang wandte sich Morlacchi trotz Bitten so vieler Freunde auch dagegen, eigene Werke und solche seines Kollegen Reißiger, also der amtierenden Kapellmeister, in die Palmsonntags-Pro gramme aufzunehmen, weil er darin einen Missbrauch der Konzerte zu persönlichen Zwecken sah - eine höchst (be-)achtenswerte Haltung. In den Statuten des Unterstüt zungsfonds von 1854 legte man sich, noch immer im Sinne von Morlacchis konservati ver Haltung, au f stets klassische, oder [ergänzend ] nur musikalische Werke von hoher künstlerischer Gediegenheit fest. (E 20/Anfüge A, § 1) Eine Protokollnotiz weist darauf hin, dass in einer Kapellversammlung am 5. März 1834, zweieinhalb Wochen vor der von Morlacchi gewünschten und inzwischen angesetzten Messias-Aufführung, der Brief des Kapellmeisters (F 4a) verlesen wurde und dessen Ansichten allgemeine Zustim mungfanden (F 4b). Carl Gottlob Peschke, Kapellgeiger und einer der Vorsteher, konnte sich mit der Auffassung unseres verehrten Kgl. C.M.Morlacchi gar nicht einverstanden erklären. In einem Schreiben vom Oktober 1833 an seine Vorstandskollegen (F 4d) plädierte er da für, in unseren großen Concerten das Neu-Classische mit dem Alt-Classischen möglichst in Verbindung zu bringen. Gerade mit Rücksicht auf die Einnahmen sah er darin eine Chance, auch dem Genius der lebenden Zeitgenossen die verdiente Huldigung widerfahren zu lassen [...], und auf diese Art zugleich alle Theile des Publicums zu befriedigen [ ...] und das selbe zu bilden. Er vertrat die Ansicht, sich erst dann aufs Alt-Classische zu beschränken und an unserer Celebrität zu arbeiten, wenn wir einen Fonds von mindestens 20.000 Th. besit zen. Peschke misstraute auf Grund seiner Erfahrungen der Eingrenzung des Reper toires auf die von Morlacchi privilegierte Literatur und bezog sich konkret auf die Auf führung von Bachs Matthäuspassion 1833 - ein erhabenes Werk, voll von ergreifender poe tischer Wahrheit. Zwar würden bei einer Wiederholung geiviß mehrere Hundert [ ...] mit Entzücken und Begeisterung aufs Neue davon ergriffen seyn, [ ...] aber jedenfalls Tausende und Mehrere, theils aus schüchterner Bescheidenheit, theils um nicht ihren etwaigen, wenn auch oft nur eingebildeten Kennerruf aufs Spiel zu setzen, zwar schweigen, der Aufführungjedoch nicht beiwohnen. Abschließend äußerte Peschke seine Freude auf eine Zeit, in der auf solche Aspekte keine Rücksicht mehr genommen werden müsse und man sich nur der Kunst und ihren 'höheren Genüssen widmen könne. Die Aussage Kreisers (Kreiser 1918, S. 70), dass die Kapelle in den Musikalischen Akademien außer der Ouvertüre [ ...] noch eine Sinfonie oder einen Sinfoniesatz vortrug, kann durch die ermittelten, detaillierten Programme, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, nicht bestätigt werden. Außerdem war in den Statuten für die Palm sonntagskonzerte festgelegt, was in der Praxis auch im Allgemeinen so gehandhabt wurde, dass die Kapelle sich in allen diesen Concerten lediglich auf die Aufführung der betreffenden Concert-Ouvertüren und au f das Accompagnement der darin vorkommenden So losätze und Gesangsnummern beschränken solle, und können demnach Symphonien niemals darin aufgeführt werden. (E 20/Anfüge B, § 24) 596 Dass Programmgestaltung als generelles Problem aufgefasst und über Jahrzehnte diskutiert wurde, belegt eine anregende Artikelserie Franz Brendels in der NZfM, de ren Herausgeber er in der Nachfolge Robert Schumanns seit 1845 war, mit der er im August und September 1856 Thesen zur Concertreform vorstellte. (D 63) Deshalb möge sie, auch weil sie in Dresden durchaus zur Kenntnis genommen worden sein dürfte, hier kurz in die Betrachtung einbezogen werden. Brendel beklagte einen unaufhaltsamen Verfall des Theaters, wogegen man es im Concert nicht hlos -mit einem gebildetem Publicum, sondern in der Regel auch mit gebildeteren, das Gute wollenden [ ...] Directoren zu tun habe. Er forderte die Hinwendung zum Zeitgenössischen und dessen Verknüpfung mit dem Klassischen. Das Publikum wolle jedoch nicht einen practischen Cursus über Kunstge schichte [ ...] durchmachen, wenn es Concerte besucht. [ ...] Es sucht Kunstgenuß, und allein dieser kann demnach das Princip der Gestaltung abgeben. [ ...] Das Publicum verlangt Mannichfaltigkeit, jedoch dürfe diese nicht chaotisches Durcheinander hervorbringen. Beethoven sei die Grundlage der Programmgestaltung, auf der sich die Musik zwi schen Schubert und den Neuen wie Wagner, Liszt und Berlioz ausbreiten könne. Das 18. Jahrhundert sollte sparsam, Haydn und Mozart dürften nun nicht mehr gleichbe rechtigt berücksichtigt werden: Man beobachte das Publicum, und man wird finden, daß die Werke der zuletzt genannten Meister nicht mehr zünden (siehe auch S 101). Neben die Sin fonie müsse Kirchen- und Opemmusik treten. Das Publikum erwarte die üblichen Standard-Programme (Ouvertüre - Solokonzert - zwei Arien - Sinfonie). Die Sinfonie könne am Anfang stehen wegen der da noch vorhandenen Frische der Zuhörer (trotz der Gefahr, dass Zuspätkommende die Aufführung stören), aber auch am Ende, um einen befriedigenden Eindruck mit nach Hause zu nehmen. Virtuosen und die zu selten einbezo genen Orchestersolisten hätten ihren Platz in den Konzerten, wobei deren Repertoires - wie das der Sänger - erweiterungsbedürftig sei; dafür trügen die Kapellmeister große Verantwortung. Italienische Arien und Nationalgesänge könnten in fremder Sprache gesungen werden, allerdings gehörte dann eine deutsche Übersetzung der Texte in die Hände der Besucher. Schon 1826 bei der Einführung der Palmsonntags konzerte legte man fest, dass Textbücher zu den Werken gedruckt und ans Publikum zum Besten der Anstalt zu verkaufen seien. (E 71); am Palmsonntag 1830 zum Beispiel wurde dafür eine Einnahme von etwa 45 Talern registriert. (E 50) Überlieferte Textbü cher zum Beispiel für die Palmsonntagskonzerte am 4.4.1830 und am 15.4.1832 in ita lienischer bzw. lateinischer Sprache mit deutscher Übersetzung, für das Abonne mentskonzert am 22.12.1821 sowie der Hinweis auf den Preis der Textbücher auf dem Anschlagszettel für das Abonnementskonzert am 28.10.1848 (D 48) belegen, dass dies in Kapellkonzerten durchaus allgemeine Praxis gewesen ist. Für die Zuhörer sollte es außerdem Werkerläuterungen in der Presse und in Konzertprogrammen geben. Natürlich begleitete die Kritik kontinuierlich und aufmerksam die Programm gestaltung der Kapell-Konzerte durch die Jahrzehnte und über die gesamte Breite hinweg von den Abonnementskonzerten, den Konzerten für die Pensionsfonds und den verschiedenen Wohltätigkeitskonzerten bis - wenngleich in geringerem Maße - zu den Musikalischen Akademien mit Kapellbeteiligung: mit positiven wie negativen Urteilen, manchmal, damals nicht anders als heute, auch mit einander widersprechen den Ansichten bei ein und demselben Projekt. Bereits in den 1820er Jahren verwies 597 man auf beispielhafte, maßstabsetzende Programme, so auf ein glänzend angeordnetes Vocal- und Instrumentalconcert (F 1) und darauf, daß vielleicht noch nie in Dresden eine so wahrhaft große geistliche Musik gehört worden ist. (F 2) 1833 wurde, daran anknüpfend, die Programmzusammenstellung der seit kurzem von der königl. Capelle zu Dresden gege benen Concerte gelobt, die in ästhetischer, artistischer und moralischer Hinsicht [ ...] dem Zeitgeist des jetzigen Publicums angemessen gewesen und nicht nur fü r den Kenner, sondern auch fü r den Laien sehr passend gewählt worden sei: Bios Humanität, der Gegensatz von Egoismus, kann hier die Triebfeder sein, seine Meinung einigermaßen an den Tag zu legen. (F 4) In den Folgejahren erschienen den Rezensenten viele Vortragsfolgen reich und würdig (F 7), mit feinem Sinn (F 13, F 104), mannigfaltig (F 12), interessant und lobenswerth (F 10, 29, 104), mit Sachkenntnis zusammengesetzt (F 11), sorgfältig (G 33), mutig (F 9) ge wählt und einmal sogar des Herrlichen und Herrlichsten so viel (F 14) darbietend. Solche Anerkennung galt zweifellos den Programmgestaltern, also den Kapell- und Konzert meistern wie, besonders hervorgehoben etwa im Falle von Bachs Matthäuspassion, auch dem Kapellvorstand. (G 11) Wenn das erste Abonnementskonzert im Januar 1848 unter Wagners Leitung die Hoffnungen in würdiger Weise erfüllt, ja übertroffen hatte (S i l ) , dürfte damit auch die Gestaltung des Programms gemeint worden sein. Im Gegensatz zu den „offiziellen Konzerten" der Königlichen musikalischen Ka pelle wurden die Programme der Musikalischen Akademien, wie schon erwähnt, als eine ganz eigene Kategorie konzertanter Veranstaltungen in der Presse kaum bespro chen, und wenn ja, dann eher abwertend, auch zum Teil hinsichtlich der von Kapellmusikern verantworteten. (O 7) 1848 las man ein rigoroses Urteil: Überhaupt aber ist die Zeit fü r solche Concerte, in denen man nach Salonmanier eine Fülle ausgesuchter süßer Leckerbissen erhält, aber mit ungeheurem Appetite nach einem soliden, sättigenden Gerichte, nach einem Stück guter Musik, die ins Innere greift, betrübt von dannen geht, gänzlich vor über. (F 39) Eine Ausnahme bildete, vielleicht bezeichnenderweise, ein Abend des Kapellklarinettisten Johann Gottlieb Kotte - wohl ein Musiker mit Können, Wissen und Geschmack - , der sich mit Stückwahl und Stil ganz offensichtlich über das Gros ähnli cher Konzerte erhob und deshalb besonders bemerkenswert erschien: Er übertraf bei weitem die Ansprüche, welche man an 'Virtuosenconcerte jetzt zu stellen fast gewohnt ist, weil er bestrebt war, möglichst Tüchtiges und Interessantes zu 'bieten, und das wahrhaft künstleri sche neben dem virtuosen Element zur Geltung zu bringen. (F 6, auch S 58) Mit dem Festkonzert zum 300-jährigen Bestehen der Dresdner Kapelle am 22. Sep tember 1848, das Kompositionen ihrer Kapellmeister von Johann Walter bis Carl Gott lieb Reißiger und Richard Wagner enthielt und das man zu den höchst bemerkenswerthen Leistungen zählte (F 8), schien plötzlich in der Residenz eine allgemeine Aufmerksam keit für „historische Programme", speziell mit lokalem Bezug, geweckt worden zu sein. Ähnlichen Zielen folgte zum Beispiel ein Konzert zum Besten des Pensionsfonds für den Hoftheater-Chor am 7. November 1851 mit Kompositionen von sächsischen Ka pellmeistern, in historischer Reihenfolge geordnet, ebenfalls von Walter bis Wagner, dessen Programm den Zuhörern klingende Einsichten in musikalische Zusammenhänge hat vermitteln können: Keine Beschreibung, keine Kritik wird das Publikum so vollkommen in den Stand setzen, sich über die Musik früherer Zeit, über ihre weitere Ausbildung, Vervoll kommnung oder Entartung ein richtiges Urteil zu bilden. (F 11) Vorausgegangen waren 598 übrigens schon in den 1830er Jahren Konzerte in historischer Beziehung mit Carl Kloss, wenn auch nicht mit dieser speziellen Dresden-Ausrichtung. Kammermusikern wie einer breiteren Dresdner Hörerschaft (einschließlich der Kri tik) erschloss sich mit den kapelleigenen, „historischen" Programmen ein neues, weites Feld der Literatur und zumindest eine Ahnung von Reichtum und Bedeutung der lo kalen musikalischen Geschichte. Und sogleich wurde die Forderung erhoben, bei der Programmgestaltung an der Berücksichtigung älterer Musik festzuhalten. (F 111, 117, 118) Eine Sonderstellung Dresdens gegenüber anderen Städten mit ähnlichen, auf die musikalische Historie ausgerichteten Bestrebungen (etwa des Leipziger Gewandhau ses unter Mendelssohn) rückte alsbald die Möglichkeit einer Konzentration auf das eigene, reiche Erbe in den Blickpunkt, denn es gibt 'keine Kapelle, welche mit so vielseitigem historischem Interesse derartiges Repertoire aus den Compositionen ihrer Dirigenten aufstellen könnte wie die Dresdner. Diese verkörpere die innere technische und geistige Entwickelung der Tondichtkunst [ ...] von den ersten Anfängen der sächsischen Kapellsänger bis zu dem jet zigen glänzenden Zustande des Kapellorchesters. (M 25) Es wurde plötzlich deutlich, dass man in Dresden zu jeder Zeit bemüht gewesen ist, Vortreffliches zu schaffen. (F 11) Garant dafür, dass stets ein mit Sachkenntniß zusammengesetztes Programm (F 11) zur Auffüh rung kam, dürfte Moritz Fürstenau, Kapellflötist und -chronist gewesen sein, der nicht nur über die notwendigen Kenntnisse, sondern auch als Kustos der Königlichen Musi kaliensammlung über den unmittelbaren Zugang zu Handschriften und alten Drucken verfügte. Dankbar wurde die Einrichtung solcher Konzerte eben auch deshalb ver merkt, weil die meisten der Bewohner Dresdens mit den Werken der Meister, welche in ihrer Vaterstadt wirkten, weniger bekannt sind und bekannt sein können, als es jene Werke verdie nen (F 49), und jeder Freund classischer Musik wird [ ...] etwas gefunden haben, was seiner besonderen Richtung in dem weiten Felde classischer Musik vorzugsweise entspricht. (F 56) Es regte sich allerdings auch Widerspruch: Ausschließlich historische Konzerte, schrieb man, hätten immer einen pedantischen Eindruck gemacht, welcher den vollen Genuß ver scheucht; bei ihnen scheine es, als wenn man die Geister der Jahrhunderte in die Regalfächer eines Naturalienkabinetts wie die armen Thierbälge einfangen und klassificiren wollte. (F 27) Außer Frage stand aber auch, dass über die Werke unserer Dresdner Meister die abspre chendsten und verdammensten Urtheile gesprochen würden, meist von Personen [...], welche entweder von jener Musik nichts kennen oder diese der von ihnen beliebten musikalischen Richtung nicht entsprechen. (F 49, auch F 11) Unabhängig von solchen Meinungen wünschte man sich schließlich sogar alljährlich ein Programm nur mit Dresdner Kompo nisten (F 56, F 122), selbst ein Zyklus wurde angeregt (F 118); man konnte sich sogar vorstellen, lieber derartige Konzerte zu erleben als unbefriedigende Opernvorstellun gen. (F 49, F 118) Kritik an der Programmgestaltung besonders der Konzerte für den Pensionsfonds der Königlichen musikalischen Kapelle machte sich vorrangig an folgenden Punkten fest: Erstens erschien sinfonisches Repertoire allzu sehr eingeschränkt, wobei die Presse anerkannte, dass ein wichtiger Grund dafür in den meist äußerst begrenzten Probenmöglichkeiten lag (Q): Nun, man muß eben zufrieden sein, wenn das Mögliche ge schieht. (F 52) Das führte natürlich zu zahlreichen Reprisen vor allem der Sinfonien, auch innerhalb ein und desselben Jahres (F 32); letzteres, sagte man ziemlich sarkas 599 tisch, versetze das Publikum nicht nur häufig geradehin in die Classe der renommirtesten Wiederkäuer (F 23), sondern hielte es auch vom Besuch ab. (F 32) Zweitens hatten die Veranstalter selbstverständlich darauf zu achten, dass sich der Pensionsfonds vermeh ren möge, und sie gerieten damit durchaus in ein gewisses Dilemma: Die Wittwen und Waisen der seligen Kapellmitglieder schreien nach Brod, wie die 'Verwalter der Pensionskasse nach Geld - und vor solchem Geschreie verstummt alle Ästhetik. (F 52, auch F 63); und Beet hoven war eben immer das beste Zugmittel. Dass ein solches pauschales Urteil, das ein einzelnes Programm zu einer Verallgemeinerung nutzt, unzutreffend und ungerecht war, kann man an manch anderem Konzert sehen. Nicht zuletzt aus der Notwendig keit, Kasse zu machen (F 63), aber auch aus der bereits erwähnten, vorrangig konserva tiven Grundhaltung der Verantwortlichen, resultiert entgegen den gerechten Ansprüchen der lebenden Komponisten nicht das Fehlen, aber doch ein deutlicher Mangel an wirklich Zeitgenössischem (F 65): Die Bekanntschaft mit der neuern Instrumental- und Kammermu sik ist fast ganz vernachlässigt, wurde Mitte der 1850er Jahre bemängelt, und man habe zwanzig Jahre Literatur verschlafen, weil mit Beethoven die Epoche der Sinfonie als beendet betrachtet werde. (F 57) Das führte eben zu einer gewissen Einförmigkeit des sinfonischen Angebots. (F 54) Sehr hart wurde formuliert: Die Zweigroschenkonzerte (das heißt: die der städtischen Musikkorps) 'bei Bier und Tabak tragen dem Zeitgeiste mehr Rechnung als die Dresdner Kapelle. (F 57, auch F 59) Dass nur ausnahmsweise neuere und neueste Musik präsentiert wurde (F 22), was zu dieser deutlichen Einseitigkeit des Repertoires führte, schrieb man auch der Furcht vor möglicher Protektion von Kompo nisten und einer zu weit getriebenen Scheu vor der Auswahl zu, insofern diese rücksichtsvoll keine Interessen verletzen möchte: eine Beschränkung, die im Interesse der Kunst und ihrer Meister lebhaft zu beklagen ist, da sie - bei aller Achtung der Todten - eine Einseitigkeit er zeugt, welche mit gutem 'Willen und verständiger Anordnung leicht zu beseitigen wäre. (F 22) Dass es in der Kapelle und ihrer künstlerischen Leitung ernsthafte Diskussionen zu dieser Frage gegeben hat, zeigen die bereits erwähnten kontroversen Positionen zwi schen Kapellmeister Morlacchi und Orchestervorstand Peschke (F 4a, F 4d), und sie machen deutlich, wie ernsthaft im Orchester und seiner künstlerischen Leitung diese Frage bereits relativ früh diskutiert worden ist. Immer wieder klang das Bedauern darüber auf, dass die Königliche musikalische Kapelle zu wenige und zu selten Sinfonien spiele (F 19, F 21); denn dies geschah im Allgemeinen nur ein- bis zweimal pro Jahr, nämlich am Palmsonntag, oft mit einer Wiederholung des Werkes im sommerlichen Wohltätigkeitskonzert im Palais im Gro ßen Garten. (F 19, F 21) Damit verlange man, das Publikum solle ein ganzes Jahr lang an einem solchen Brosamen seinen Hunger stillen. (F 23) Generelle Kritik richtete sich gegen die Vernachlässigung der deutschen Musik, besonders der deutschen Sinfonik, zu gunsten des Rossinismus, der Rossini-Dudelei, die den Zugang eben zu deutscher Musik zu verstellen vermochte (F 3, F 17) - bis hinein in die Programmgestaltung: So wurde nicht ohne Ironie - kritisiert, dass eine Bach-Suite für Streicher zwischen einer „Troubadour"-Arie und einer schmachtenden Romance platziert wurde: Der alte, kernfeste, echt deutsche Bach wußte sich gar nicht zurechtzufinden. [ ...] Man glaubt hier, daß diese Zusam menstellung nur darum gewählt wurde, um musikalisch die anscheinende Annäherung Deutschlands an die französisch-englisch-italienische Allianz vorzubereiten. (F 129) Bei den 600 Klassikern dominierte eindeutig Beethoven; Haydn, selbst Mozart (F 20) bildeten die Ausnahme. Von den nachfolgenden Komponistengenerationen wird noch die Rede sein. Für die Programme der Palmsonntagskonzerte war die Verbindung zwischen Sin fonie und Oratorium üblich. Es wurde davor gewarnt, diese Regelung zu vernachläs sigen, selbst wenn nicht immer die gewählte Sinfonie und das dazu erklingende Ora torium zusammenpassten (F 68, F 70) - wie zum Beispiel etwa die Verbindung von Bachs Weihnachtsoratorium mit Beethovens 9. Sinfonie - denn dies würde die frühere außergewöhnliche Bedeutung der Konzerte und ihren wohlverdienten R u f[ ...] über Dresden hinaus schädigen. (F 64, auch F 42) Das zeitgenössische Oratorium allerdings fand man, festgemacht vor allem an dem Komponisten Friedrich Schneider, unzeitgemäß, weil es ihm an der Tiefe von Bach und Händel mangele. (F 30) Vor allem legte man Wert auf die Pflege Händel'scher Oratorien: für den musikalischen Genuß, [ ...] die Förderung des musikalischen Geschmacks und der musikalischen Bildung. (F 44) Zwei große Werke in ei nem Programm - zwei Sinfonien (F 51, F 120) oder auch Sinfonie und Oratorium (F 70) - begann man in den 1850er Jahren abzulehnen; dies führe zu einer Erschlaffung der Aufmerksamkeit (F 51) und sei fü r unsere modernen Ohren etwas zu viel des Guten [...], denn wir leben [ ...] schneller, eiliger, und der eisenbahnhastende Charakter der Gegenwart mache sich in allen Lebensbereichen geltend; deshalb seien Concerte so kurz und ge drängt als möglich [zu] arrangiren. Sie sollten maximal zwei Stunden dauern. (F 70, G 10, Musikalische Akademien betreffend auch F 48). Andererseits wurde das Palmsonn tags-Programm 1850 gerade deshalb kritisiert, weil zwar eine Beethoven-Sinfonie, aber kein Oratorium aufgeführt wurde: Dies sei weder fü r den musikalischen Genuß, noch fü r die Förderung des musikalischen Geschmacks und der musikalischen Bildung fü r wirksam zu erachten gewesen. (F 44, siehe auch F 64, F 65) Seien die Programme zu umfangreich, gingen Teile des Publikums vorzeitig. (F 16, G 9) Schon 1828 hatte man im Judas Maccabäus Händels manche Rezitative und schwach instrumentierte Arien gestrichen und den zweiten und dritten Teil zu einem zusammengefasst, um b i l l i g e Rücksicht au f die Ermüdung der Sänger und auf den Geschmack der M e h r z a h l zu nehmen (S 48); 1833 wurde die Aufführungsdauer von Bachs Matthäuspassion mit zwei Stunden angege ben (F 74), 1840 hätte man sich im gleichen Werk (noch) mehr Kürzungen in den Rezitativen gewünscht. (F 20) Viele Programme außerhalb der Palmsonntagskonzerte, auch von der Königlichen musikalischen Kapelle verantwortete oder solche mit ihrer Beteiligung, galten als zu vielseitig, zu bunt, ohne klare Linie (F 14, 65-68), da doch schöne Einzelstücke, obwohl sie das Publikum wünsche (F 48), noch kein Programm ergäben. (F 43, 45, 48) Sogar der ungewohnt geringe Besuch des Palmsonntagskonzerts 1842 wurde auf ein „gestü ckeltes" Programm zurückgeführt. (S 22) Man nannte so etwas Mannichfaltigkeitsprogramme (F 65), die als Mittel zu einer momentanen Unterhaltung angesehen würden. (F 48) Auch wurde vielfach auf Virtuosenstückchen gesetzt, was die Hörer mehr herbei zieht als eine noch so schöne und gediegene, noch so trefflich ausgeführte Musik. (F 24) Aus solchen Piecen bilde sich statt eines künstlerischen Ganzen, was jedes Concert sein sollte, ein Ragout, dem übrigens - eine beachtenswerte Selbstkritik - die Presse oft nicht ent schieden genug entgegentrete. (F 28) So höre man in den Musikalischen Akademien, 601 deren Zeit vorüber sei (1848), -nach Salonmanier eine Fülle ausgesuchter Leckerbissen - ein schließlich der ewigen Wiederholung populärer Ouvertüren und Virtuosenkonzerte (F 18) - aber es bliebe der ungeheure Appetit nach einem soliden, sättigenden Gerichte, nach einem Stück guter Musik, die ins Innere greift, ungestillt. (F 39) Die Klassiker hätten der Allianz weichen müssen, die Auber, Boieuldieu (ergänzt sei der Name Rossini) usw. mit dem allmächtigen Zeitgeist geschlossen 'haben. (F 17) Außerdem sei zu bedauern, daß größe ren Orchesterkompositionen das alte Herkommen keinen Raum gewähre. (F 34, F 36) - Jeden falls aber darf verlangt werden, daß die Programme der Mannichfaltigkeitsconcerte nach Inhalt und Anordnung den aesthetischen Anforderungen entsprechen, die eine höhere Kunstintelli genz an sie stellt, und daß die gerechten Ansprüche der lebenden Componisten gehörige Be rücksichtigung dabei finden.(F 52) So lautet denn ein Fazit für das Leben wie die Kunst: Wahrheit schreit die Zeit - leider noch sehr vergebens in politicis - aber in der Kunst wollen wir doch [ ...] die diplomatische kitzelnde Tonlüge aufrichtig zu beseitigen suchen. (F 39) In diesem Sinne waren die Ansprüche an die 1848 eingeführten Abonnementskonzerte der Kapelle von vornherein hoch: Von diesen Concerten muss alles und jedes eitle Virtuo sentreibenferngehalten werden. [ ...] Sie können und müssen als mustergültig dastehen. (F 35) Richard Wagner hatte schon 1846 bedauert, dass neuere Werke in Dresden weitge hend unbekannt blieben. (D 19) In ihren Hinweisen zur Programmgestaltung wünschte sich die Presse denn auch einen regen und strebsamen Unternehmungsgeist der Kapell-Verantwortlichen in dieser Richtung. (F 124) Sie sollten den Reiz von Neu heiten auf das Publikum wirken lassen (F 130), aber dabei doch sorgfältig auswählen, um - wie sich herausgestellt hat - Fehlleistungen wie zum Beispiel die Uraufführung einer als unfertig beurteilten Sinfonie des Dresdner Musiklehrers Fritz Spindler, die als langweilig empfundene Partitur des Königssohn von Robert Schumann oder den rundweg abzulehnenden 91. Psalm von Giacomo Meyerbeer (und alle drei an einem Abend dargeboten) zu vermeiden. (F 61) 1855 stand für einen Kritiker fest, dass Ge genwartsmusik oft schwächelnd auf Gefühl und Charakter wirk[e] durch Weichheit, Empfin delei, Unnatur und Geziertheit, durch Kocketterie mit einer Zartheit, Reinheit und Andächtigkeit, die nichts anderes sind als Flucht vor dem Geraden, aufrichtig Entschiedenen, vor der in neren Treue, welche die Idee in ihrer ganzen inneren Fülle in Wahrhaftigkeit und Kraft gestal tet, und er verwies auf Händel als Vorbild. (F 79) Dass neue Werke auf Zustimmung gestoßen und als beispielhaft und der Fortsetzung für würdig beurteilt worden sind, ging aus den guten Besprechungen von Niels Gade (Sinfonie) und - sonst nicht unum stritten (s.u.) - Berlioz, Liszt (F 86, 88, 89) und Mendelssohn (Athalia) hervor. (F 46) Auch Richard Wagner bedauerte, dass Dresden zu der gewiß sehr kleinen Zahl von bedeu tenden Städten gehört, in denen gewisse ausgezeichnete neuere Werke gar nicht bekannt wer den. (D 19). Seine Pläne für einen Verein zur Interessenvertretung junger und neuerer Komponisten (F 110) blieben ohne praktische Folgen. Carl Gottlieb Reißiger wurde nach der Uraufführung seines Oratoriums David aufgefordert, in Zukunft nicht nur um seine Stücke, sondern auch fü r die Wahl der Werke anderer lebender Componisten be sorgt [zu] sein. (F 121) Auf der einen Seite vermisste man Zeitgenössisches, auf der an deren forderte man ein breiteres Angebot an Klassischem - am Wichtigsten schien je doch, Werke zu spielen, die dem Publikum einen Genuß bereiten. (F 62) So vertrat man die schon recht nationalistische Meinung, es sollten Neue wie Berlioz (also ausländi- 602 sehe Tonsetzer) erst dann angesetzt werden, wenn alle b e d e u t e n d e n Symphonie werke der neuern d e u t s c h e n Componisten dem Publikum vorgeführt worden sind. (F 115, D 15) Namen wie Mendelssohn, Schumann und Schubert wurden genannt. (F 52, 57, 59) Andererseits wiederum haben gerade Mendelssohn (F 35-37, 54, 58, 69) und Schumann (F 69) schlechte Kritiken bekommen. Ansetzungen von Sinfonien, auch in Wohltätigkeitskonzerten, haben sich als Publikumsmagneten erwiesen. (F 47, F 48) Zu den Anregungen gehörte die Aufführung bisher selten oder gar nicht gehörter In strumentalmusik. Zum Beispiel wurden nach der erfolgreichen Wiedergabe einer Streichersuite Johann Sebastian Bachs andere seiner Instrumentalwerke gewünscht. (F 119, 125, 128) Weitere Repertoireideen betrafen aus der Dresdner Kapelltradition ein Oratorium von Johann Gottlieb Naumann (F 114), Finales aus Opern, die nicht im ge genwärtigen Spielplan des Hoftheaters standen (F 112, 119, 132) und - Musik aus Ri chard Wagners Lohengrin, aus der man seit dem Festkonzert zum 300-jährigen Kapelljubiläum 1848 (jetzt schrieb man immerhin das Jahr 1855) sechs Jahre nach der Flucht des noch immer geächteten Kapellmeisters aus Dresden nichts wieder hat hören kön nen und auf deren Erscheinen [ ...] au f der Dresdner Bühne noch immer -nicht zu hoffen sei. (F 127) Deklamationen in Konzerten, die - vor allem in Musikalischen Akademien, aber auch in anderen Formen - nicht unüblich waren, sollten tunlichst unterbleiben. (F 51) Manche sakral geprägten Stücke wie Glucks De profundis, Palestrinas Stabat mater oder Bachs Matthäuspassion gehörten in die Kirche und nicht in den Konzertsaal. (F 35, 36, 91) Aus den besonders gut beurteilten Komponisten und Werken sei auf einige hinge wiesen: so auf Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion - ein Zeugnis von der Reinheit und Größe des Bach'schen Genies (F 72, F 73); dessen Motette Singet dem Herrn ein -neues Lied eine wichtige Wahl als Beweis fü r das klare Bewußstein von dem Zweck dieser [Abonne ments-] Concerte (F 75); h-Moll-Messe und Weihnachtsoratorium erfuhren ihrer Bedeutung gemäße Würdi gung. (F 82, F 90) Herausgehoben wurde die bereits erwähnte (leider nicht näher defi nierte) Orchestersuite von Bach, in der die Instrumental-Musik einen seltenen Triumph fe i erte (M 88), welche man immer wieder gern hört, namentlich in so selten schöner, wahrhaft plastischer Weise. (M 89) Georg Friedrich Händels Jephta sagte man unverjährbare Kraft und Würde nach (F 76); Der Messias schlug in die Scheinwelt von musikalischen Masken und Zerrbildern [ ...] wie ein Gewitter ein (F 77); Samson gehöre zu den Vorbildern an Aufrich tigkeit und Gesundheit, [ ...] die stets klar, wahr und begeistert au f Zweck und Kern der Sache vorgingen. (F 80) Johann Gottlieb Naumanns Vater unser galt gleichsam als Dresdner Bekenntniswerk: Etwas Vollendeteres gibt es nicht im Reich der Töne. (F 71) Der Auffüh rung von Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie am Palmsonntag 1846 müssten alsbald weitere Wiedergaben folgen (F 96), so lange es [die Rede ist von 1854] sogar Musiker gibt, welche dieses große Epos theilweise fü r Unsinn erklärten (F 126); aber die lang behauptete Unverständlichkeit [ ...] schwindet durch öfteres Hören mehr und mehr. (F 83) Die bis dahin in Dresden offenbar unbekannte Prometheus-Musik Beethovens fand als regelrechte Entdeckung Anerkennung. (F 84) Franz Liszt, dessen Engagement als Dirigent eigener Werke im November 1857 Chordirektor Christian Wilhelm Fischer in die Wege geleitet 603 hatte (F 15, F 87), wurde als bedeutsame, geistig anregende Erscheinung gewürdigt (F 89, 105, 86), die gerne wieder willkommen sei. (F 86) Nach der Uraufführung von Carl Gottlieb Reißigers David-Oratorium hob man dessen tiefes religiöses Gemüth hervor, und bei Carl August Krebs' Te Deum verwies man auf eine Frische und begeisterte Lebendig keit, die man in seinen Dirigaten oft vermisse. (F 85) Uber viele Komponisten und Werke waren die Urteile gespalten; einige negative, denen aber eben gleicherweise auch positive entgegenstehen, seien herausgegriffen: So erschien 1833 einem Kritiker die andernorts herausgestellte Wahl der Matthäuspassion Bachs nicht die gelungenste (F 91), da nur ein kleiner Theil des Publicums ein solches Werk zu würdigen versteht. (F 91) Georg Friedrich Händel hielt man 1844 für nicht zeitgemäß. (E 93) Alessandro Scarlattis doppelchöriges Tu es Petrus ließ 1850 ziemlich 'kalt, und man fand es außerdem im Programm zwischen Mendelssohn, Haydn und Beethoven de plaziert. (F 100) Robert Schumanns Faust-Musik von 1849 bleibt der Vorlage Vieles schul dig. (F 99) Ähnlich lautete das Urteil 1843 über Richard Wagners Faust-Ouvertüre: Sie sei der Vorlage nicht gewachsen und trotz einzelner Schönheiten nicht vom Bewußtsein der hohem Einheit gehalten; die Faust-Musik von Fürst Radziwill galt - der Maßstäbe wegen sei es erwähnt - angemessener fü r das Gedicht. (F 95) Gioacchino Rossinis Stabat mater blieb 1843 ohne besonderen Eindruck. (F 92) Felix Mendelssohn Bartholdys vielge spieltem g-Moll-Klavierkonzert, welches nachgerade zu dem Unvermeidlichen zu rechnen ist, war man 1848 überdrüssig. (F 97) Hector Berlioz erschien 1851 - man staune - seit geraumer Zeit schon unserer neuesten Gegenwart in etwas entrückt; dann sollte man bei der geringen Zahl von Kapellkonzerten doch lieber Beethoven spielen! (F 101) Franz Liszts Musik erregte 1857 Bewunderung, Hilflosigkeit und Ablehnung (F 89); man beurteilte sie als formlos, unmelodisch, das Ohr überreizend - pikante Harmonisierung und In strumentierung ersetze die Durchführung. (F 105) Scharf schoss man gegen Virtuosen stücke, die vornehmlich in den Musikalischen Akademien (aber auch mitunter in Wohltätigkeitskonzerten) geboten wurden: Derartige Potpourrifabrikate sollte man übri gens zu den abgelagerten Musikzöpfen rechnen, schrieb der Kritiker 1851 über eine Oberon Fantasie von Henri Vieuxtemps/Heinrich Wolf, denn nichts langweilt mehr als eine er kannte Geschmacklosigkeit. (F 102) Details F l Man erlebte ein glänzend angeordnetes Vocal- und Instrumental-Concert. AMZ, Jg. 20, Nr. 42, über 20.9.1818 F 2 Das Programm erhob diese Feier zu einer der würdigsten, welche nur in irgend einem Hei ligthum hat stattfinden können. [ ...] Man meinte, daß vielleicht noch nie in Dresden eine so wahrhaft große geistliche Musik gehört worden ist. AZ, 15.7.1826, über 28.6.1826 F 3 Im Palmsonntagskonzert am 30.3.1828 beobachtete der Kritiker, dass Beethovens 5. Sinfonie offenbar größeres Interesse geweckt hatte als der Judas Maccabäus Händels. 604 Wie wenig nun dieses mag gerechtfertigt werden, so natürlich wird es doch Jedem erscheinen, so lange D r e s d e n nicht ö f t e r , als bisher, ältere classische Werke wird gehört haben. Denn um deren Herrlichkeit zu ergründen, ist man zur Zeit noch durch R o s s i n i ' s Du delei viel zu sehr verwöhnt, und die Zahl derjenigen ist nicht gering, denen eine hübsche Pas sage fü r den Triumph eines Componisten gilt. O D e u t s c h l a n d , du schönes, du e i n z i g e s Land der H a y d n und M o z a r t e l o S ü d s a c h s e n , du enge Wiege eines S c h ü t z , K e i s e r und H ä n d e l , eines S e b . B a c h , G r a u n und N a u m a n n [...], wohin hat dich der, nun schon in Italien selbst ob seiner Leerheit verspottete R o s s i n i s m u s verleitet! Hervorgehoben wird der Sinn des Königshauses für klassische Mu sik: Nicht nur das Concert selbst verschönte die Gegenwart der meisten Glieder der k ö n i g l i c h e n F a m i l i e , sondern Mehrere Derselben wohnten sogar, um den edlen und seltenen Genuß Sich zu verdoppeln, der G e n e r a l p r o b e 'bei. DrMZ, 12.4.1828, über 30.3.1828 F 4 Wenn man über die seit Kurzem von der königl. Capelle zu Dresden gegebenen Concerte in ästhetischer, artistischer und moralischer Hinsicht Betrachtungen, die dem Zeitgeiste des jetzi gen Publicums angemessen und erwünscht sind, und die zur Aufmerksamkeit au f gewisse Be gebenheitenführen, anstellen wollte, so hätte man ein unübersehbares Feld zu bearbeiten, und doch 'kein Honorar dafür zu erwarten. Bios Humanität, der Gegensatz von Egoismus, 'kann 'hier die Triebfeder sein, seine Meinung einigermaßen an den Tag zu legen. [ ...] Die am 8. und 15. Februar 1833 gegebenen Armenkonzerte, wo die Tonstücke nicht nur fü r den Kenner, son dern auch fü r den Laien sehr passend gewählt und ganz vollkommen executirt wurden, welches auch öffentlich anerkannt worden ist, verdienen noch mehr gerühmt zu werden, weil man dabei in jeder Hinsicht auch offen und gerecht zu Werke ging. CStBZ, 27.4.1833 F 4a Der Inhalt eines undatierten, vermutlich 1833 verfassten, nicht Unterzeichneten Schrei bens dürfte eine (ins Deutsche übersetzte) Mitteilung von Kapellmeister Francesco Morlacchi an die Königl. musikalische Kapelle sein (siehe F 4a), mit der er zur Pro grammgestaltung für das Palmsonntagskonzert 1834 und darüber hinaus grundsätz lich Stellung nahm. Ehe wir zur Wahl der Music schreiten die im nächsten Concerte am Palmsonntage 1834 auf geführt werden soll, halte ich der Unterzeichnete es fü r Pflicht denen Herren der K. S. Capelle welche dies zu berathen versammelt sind, meine Ansicht über diesen Gegenstand in's Gedächtniß zurückzurufen. Der Hauptgrundsatz, den ich aufzustellen zu müssen glaube, ist, diesen Concerten durch die wohl zu überlegende Wahl des aufzuführenden Musicstückes, den möglicht hohen ästhetischen Werth zu geben und dadurch ihren R uf im Auslande zu erhöhen, weil hieraus der Glanz der Capelle und der 'Vortheil des Instituts selbst 'hervorgeht. Um dies zu erreichen, scheint es mir unerlässlich festzusetzen, daß in den großen am Palm sonntage zu gebenden Concerten durchaus nur längst als classisch anerkannte Werke, also Compositionen verstorbener Meister, deren Ruhm sie überlebt hat, gegeben werden können. Und obschon (man) gegen meine Überzeugung ein paar Mal von dieser Ansicht abgewichen 605 ist, so 'hat doch die Erfahrung deren Richtigkeit 'bewährt. Ja, eben deshalb, weil man all zu nachgiebig die Aufführung eines Oratoriums des H. Capellmeister's Schneider in Dessau be willigt hat, ward uns von demselben Componisten im verflossenen Jahre ein zweytes angeboten; und weil ich fürchte daß solche Anerbieten auch von anderen Seiten wiederholt werden möch ten, so fühle ich mich bewogen, meine Bedenklichkeiten nochmals dagegen in Erinnerung zu bringen. Beharren die Herren Capell-Concertmeister und Vorsteher dennoch au f ihrem 'Vorsätze und treten dann die unausbleiblichen nachtheiligen Folgen fü r den höheren R uf unseres Institutes ein, so wird wenigstens diese meine Erklärung, von welcher ich wünsche daß sie zu den Acten genommen werde, den Beweis darlegen, daß ich immer gegen diese Maasregel gestimmt habe. Auch an anderen Orten, Z.B. in Wien und Amsterdamm, hat man dieselbe Ansicht, die ich heege, aufgestellt und weit früher als die ältesten unter uns gebohren wurden, bestand schon in den berühmten Concert spiritual in London das Gesetz, daß um alle Rivalitäten zu vermeiden, und zugleich den [evtl.: erstrangigen?] R uf dieses 'berühmten und -noch iezt 'bestehenden Insti tuts zu erhöhen, immer nur classische Werke verstorbener Componisten aufgeführt werden sollten, und unser berühmter Landsmann, der sogenannte englische Bach /: Emanuel Bach .7 konnte während seines Aufenthaltes in London trotz dem R uf seines (Könnens?) und der leb haften 'Verwendung der Königin von England es nicht erreichen daß bey seinen Lebzeiten eines seiner 'bewährten Werke wäre aufgeführt worden. Und in der That, ist denn unser Institut schon so fest au f seinen Ruhm begründet oder im Auslande so allgemein accreditirt, daß es einer Vermehrung nicht mehr 'bedürfe, oder wohl Compositionen die noch 'kein classisches Ansehen 'haben ein solches verleihen könnte[n] ? Haben wir wirklich alle Schätze der Vorwelt so erschöpft, daß wir kein würdiges Werk jener Zeit dem Geschmacke eines feingebildeten Publikums mehr vorführen 'könnten? Dürfen wir unbeachtet lassen, welch rege Theilnahme, welch lebendiges 'Wohlgefallen das hie sige Publicum und unser hochverehrter Prinz Mitregent *), dieser erhabene Kenner und Freund unserer schönen Kunst, an der Aufführung solcher altclassischer Werke bewiesen ha ben? Und wenn man zugeben müsste, was jedoch factisch wiederlegt werden 'kann, daß die 'bewähr testen Musikwerke der Vorzeit hier schon bekannt wären - doch ward Z.B. Händels Messias eins der ersten aller Zeiten 'hier :noch nie gegeben **) - so würde ich lieber zu der "Wiederholung irgend eines großen [evtl.: Altwerkes?] der Muße zurückkehren als an einem so feyerlichen Tage eine moderne Composition aufführen wollen. Damit aber Niemand glaube daß ich aus irgend einer persönlichen Rücksicht die moderne Music und -namentlich die -vom H. Capellmeister Schneider uns angeboten[e], aus unserem Institut ausgeschlossen wünsche so lege ich hier mein Glaubensbekenntniß über diesen Componisten ab, indem ich erkläre daß ich ihn fü r einen trefflichen Chromatiker und fü r einen der ersten Contrapunctisten unserer Zeit halte. Was seine Oratorien betrifft, so werden sie dereinst auch in unseren Concerten Platz finden, wenn sie au f das nächste Jahrhundert mit dem Rufe der Classicität übergegangen seyn werden, deßen sich ietzt die Werke eines Bach, Händel, Haydn und Mozart erfreuen. Und ich bin überzeugt daß wenn H. Capellmeister Schneider hier ge genwärtig wäre und meine Ansichten prüfte, er ganz gewiß zu bescheiden seyn würde um sich mit jenen Herren der Music auf gleiche Höhe und seinen erst erwachsenden R uf mit ihrem längst gereiften in gleiches Verhältniß stellen zu wollen. 606 Wenn, den Bitten so vieler Freunde nachgebend, ich selbst oder mein Herr College, unsere ei genen Arbeiten zu Gehör 'hätten bringen wollen, würde uns denn nicht selbst der Tadel getrof fen haben, daß wir ein Institut das neben dem Zweck der Wittwenunterstützung den [evtl.: höheren?] der Wiederhervorbringung religiöser Musik beabsichtigt, misbrauchten um unsere eigenen Arbeiten zu hören? Und würde ein solches Unternehmen unserm Institute den R uf eines classischen verschaffen können? ***) Allerdings mag es recht bequem seyn ein Musicwerk mit allen ausgeschriebenen Stimmen an geboten zu erhalten und so einer Menge Sorgen, Bemühungen und Kosten überhoben zu seyn. Allein in welchem Lichte würden wir erscheinen, wenn wir aus bloser träger Bequemlichkeit Jedem der uns eine Music mit allem was zur Aufführung nöthigfix und fertig anböte, gleich zu Willen seyn wollten - als wenn uns bey der Wahl unserer großen Musicaufführungen 'bloß der Eigennutz und die Ersparungsrücksichten leiteten? Diese Gefahr aber, so unwürdig beurtheilt zu werden, ist es die uns bevorsteht. Um ihr zu entgehen, halte ich es fü r meine Pflicht streng au f den Vorrang der classischen Music verstorbener Meister zu bestehen und ich fordere Sie meine Herren au f diese Ansicht gemeinschaftlich zu unterstützen. Möge uns alle derselbe Ge danke begeistern, nämlich den R uf unserer großen Concerte au f den höchst möglichen Grad zu bringen. Dies ist das einzig würdige Mittel auch seinen Fonds zu vermehren und 'hinwiederum die Ehre der Kunst mit dem Interesse des Instituts zu vereinigen. SHStA, 10026 Geh. Kabinett, Loc. 15147/5, fol. 290 f. (91 f.) *) Prinz Friedrich, der spätere König Friedrich August II., fungierte seit 1830 als Mitre gent König Antons. **) Der Messias stand dann gemäß Morlacchis Plädoyer im nächst folgenden Palm sonntagskonzert am 23.3.1834 auf dem Programm. ***) Zuvor hatte Morlacchi einmal selbst gegen seine nunmehrige Forderung versto ßen, als er am 15.4.1832 den „Canto religioso" aus seiner Oper Der Renegat dirigierte. F 4 b Lt. Protokoll von Hofrat Karl Theodor Winkler wurde in der Kapellversammlung am 5. März 1834 Morlacchis Brief (F 4a) verlesen, dessen Ansichten allgemeine Zustimmung fanden. SHStA, 10026 Geh. Kabinett, Loc. 15147/5, fol. 300 F 4 c In einem undatierten Brief informierte Kapellmeister Reißiger Hofrat Karl Theodor Winkler über einen Besuch des Hoforganisten und Leiters der Dreyssigschen Singakade mie, Johann Gottlob Schneider, der berichtete, dass sein Bruder Friedrich Schneider be fürchte, sein Oratorium Pharao könnte erneut für das Palmsonntagskonzert (1834) abge lehnt werden. Mit meines Kollegen Wahl [d.h. Morlacchis Entscheidung für den Messias, vgl. F 4a] bin ich einverstanden - nur fragt sich dabei, wie unsere Kapelle ohne Makel aus der Schneiderschen Venvirrung hervorgehen könne? - fest versprochen ist dem braven Schneider nichts - [ . . . ] Was mich betrifft, so 'kann ich die Versicherung geben, daß ich dem braven Schneider nichts anders geäußert, als daß ich hoffe, sein Werk werde nächstes Jahr vorgeschlagen und - o b er in diesem Falle auf unsere Einladung selbst hiherkommen und dirigieren könne? Winkler möge dies der Kapellversammlung (am 5. März, siehe F 4b) mitteilen, da er, Reißiger, selbst verhindert sei teilzunehmen. SHStA, 10026 Geh. Kabinett, Loc. 15147/5, fol. 292 (93) 607 Kammermusiker und Orchestervorstand Carl Gottlob Peschke schrieb an seine Vor standskollegen, er habe sich die von Hofrat Winkler zur Kenntnis erhaltene Schrift un seres verehrten Kgl.C.M. Morlacchi durchgelesen und darin nur die schönsten zweckmäßigsten Ansichten fü r die Ehre und den R uf der Capelle gefunden. M it voller Zuversicht spreche ich das aus und mit mir geiviß jeder der 'hier versammelten Herren; denn wer sollte sich nicht innig darüber freuen, einen Mann, welcher so großartige Gesinnung 'hegt und der Würde des Ganzen sich selbst so aufopfernd hinzugeben vermag, an der Spitze der Capelle zu wissen. Gewiß jeder wird sich des geistigen Strebens unseres Kgl.C.M. mit Liebe anschmiegen [?], um so nach und nach das hohe Ziel, einer 'Weitberühmtheit zu erreichen. Allein, etwas anderes scheint mir, jetzt wenigstens, noch hauptsächlicher zu sein. Wir 'haben jetzt noch sehr au f das Materielle Rücksicht zu nehmen, um einen leider sehr kleinen Fonds möglichst zu vergrößern, von welchem die Interessen kaum ausreichen unsere Wittben zu be friedigen. Peschke schlägt vor, erst dann an unserer Celebrität zu arbeiten, wenn wir einen Fonds von mindestens 20.000 Th. besitzen, Erst dann möchte es an der Zeit seyn, unabhängig vom Publi cum, frey nach den vom Kgl.C.M. angegebenen Principien au f die Aufführung altclassischer Meisterwerke uns zu beschränken. Ich wage es, von mir selbst mit einiger Zuversicht zu sagen, daß ich eine Reihe von Jahren 'hin durch unser Dresdner Publicum aufmerksam beobachtet habe und daß mir daher so manche Erfahrung zur Seite steht. A uf diese Erfahrung gestützt, darf ich vielleicht behaupten, daß nun [wenn] namentlich die Passion von Seb. Bach, ein erhabenes Werk, voll von ergreifender poeti scher Wahrheit, wiederholt werden sollte, geiviß mehrere Hunderte /ich selbst zähle mich mit inniger Freude zu denselben/ mit Entzücken und Begeisterung aufs Neue davon ergriffen seyn, daß aber jedenfalls Tausend und Mehrere, theils aus schüchterner Bescheidenheit, theils um nicht ihren etwaigen, wenn auch oft nur eingebildeten Kennerruf aufs Spiel zu setzen, zwar schweigen, der Aufführung jedoch nicht beiwohnen würden. Und, meine Herren, ich glaube doch, wir 'brauchen jetzt noch mehrere Jahre 'hindurch Tausende, weil uns, hinsichtlich unseres pecuniären Interesses, welches wir vor allem Anderen im Auge haben müssen, wenige Hun derte 'keinen großen Nutzen gewähren würden. Unter diesen Umständen wäre nach meinem unmaaßgeblichen Erachten vorzuschlagen, daß wir zuweilen in unseren großen Concerts das Neu-Classische mit dem Alt-Classischen mög lichst in 'Verbindung 'brächten, uns dabey die Gelegenheit, dem Genius der lebenden Zeitgenos sen die verdiente Huldigung widerfahren zu lassen, offen erhielten, und au f diese Art zugleich alle Theile des Publicums zu befriedigen suchten. Denn dasselbe zu 'bilden und ihm Geschmack fü r das Erhabene und Großartige der Alten beyzubringen ist ja ohnehin ein Concert im Jahre, wie schon in einer früheren Conferenz ausgesprochen wurde, nicht 'hinreichend. Wahrhaft freue ich mich aber auf eine Zeit und ich hoffe sie zu erleben, wo wir rein von allem Ueber-Interesse [?] diese Concerte nur der Kunst und ihren 'höheren Genüssen widmen werden. Schon im voraus fühle ich -mich beglückt, den Ruhm, den wir dadurch im Auslande genießen werden, mit Ihnen, verehrte Herren, und der ganzen Capelle theilen zu können. 9. October (Jahreszahl unkenntlich, vermutlich 1833, siehe auch F 4a, F 4b ) SHStA, 10026 Geh. Kabinett, Loc. 15147/5, fol. 287-289 (89 f.) F 4 d 608 Es gewähren auch die Musikaufführungen einen ausgezeichneten Genuß, ehensowol der Aus führung selbst als der Wahl der Musikstücke wegen, da uns hier in der Regel ältere classische Arbeiten zu Gehör 'kommen, welche außerdem selten dem Publico dargeboten werden. LpZ, 3.4.1844, über 31.3.1844 F 6 Das Programm übertraf bei weitem die Ansprüche, welche man an Virtuosenconcerte jetzt zu stellen fast gewohnt ist. Kammermusiker Kotte beabsichtigte, möglichst Tüchtiges und In teressantes zu bieten, und das wahrhaft künstlerische neben dem virtuosen Element zur Gel tung zu bringen. DMgbl, 6.2.1848, über 4.2.1848 F 7 Ein reiches - künstlerisch reich, meinen wir - und würdiges Programm. DMgbl, 14.2.1848, über 12.2.1848 F 8 Das historische Programm gehörte geiviß zu den höchst bemerkenswerthen Leistungen. [ ...] Alle [Werke] waren interessant, fast alle [wurden] beifällig aufgenommen. Besonderen An klang fanden die Kompositionen von Heimchen, Naumann, Paer, Morlacchi, Reißiger und Weber. LpZ, 29.9.1848, über 22.9.1848 F 9 Einem mutigen Programm mit zwei Neuheiten wurde Anerkennung gezollt. DrJ, 9.11.1850, über 7.11.1850 F 1 0 Die Zusammenstellung des Programms sei interessant und lobenswert wie selten ge wesen. DrJ, 18.1.1851, über 16.1.1851 F l l Man hörte ein mit Sachkenntnis zusammengesetztes Programm. [ ...] Keine Beschreibung, keine Kritik wird das Publikum so vollkommen in den Stand setzen, sich über die Musik frühe rer Zeit, über ihre weitere Ausbildung, Vervollkommnung oder Entartung ein richtiges Urteil zu 'bilden. Es sollte wohl gezeigt werden, wie man in Dresden zu jeder Zeit bemüht gewesen ist, 'Vortreffliches zu schaffen. Negative Urteile kämen meist von Leuten, die die Dresdner Musik gar nicht kennen bzw. diese nicht in ihre Richtung passe. Jedenfalls galt für die ses Programm: die Zusammensetzung war eine sehr glückliche. SCZ, 9.11.1851, über 7.11.1851 F 12 Das Konzert sei wegen der mannigfaltigen Programmwahl [ ...] vortrefflich gewesen. SCZ, 10.11.1852, über 8.11.1852 F 5 609 Man hörte ein mit feinem Sinn zusammengesetztes, höchst interessantes Programm. SCZ, 8.12.1854, über 6.12.1854 F 1 4 Das Programm habe des Herrlichsten und Herrlichen so viel enthalten, sei aber zu vielsei tig, zu bunt und ohne roten Faden gewesen. DrN, 27.2.1857, über 25.2.1857 F 15 Hrn. Chordirektor Fischer aber, welcher das vom Publicum so ungewöhnlich besuchte und aus gezeichnete Concert veranlaßt hatte, [sei] unser bester Dank fü r diese künstlerische That ge sagt. NZfM, 20.11.1857, über 7.11.1857 - siehe auch F 87 F 1 6 Kritik gab es an der Titulierung des Palmsonntagskonzerts in manchen Ankündigun gen als „geistliche M usik" angesichts eines Programms, das Beethovens 4. Sinfonie und Ausschnitte aus Haydns Jahreszeiten enthielt. Das Publikum wäre mit Mozarts Re quiem und der Beethoven-Sinfonie gut bedient gewesen; es seien auch viele Zuhörer nach der Sinfonie gegangen. Hinter der Aufführung der Jahreszeiten in italienischer Sprache hätte wohl die Absicht gestanden, die siegende Herrlichkeit der Italiener bey Auf führung deutscher Musik zu zeigen? Es wurde gefragt, warum man die Partien nicht mit deutschen Sängern besetzt hatte, die die berühmtesten [ ...] in Deutschland sind. AMZ, Jg. 23, Nr. 16, über 27.3.1831 F 1 7 Beethoven, der uns, einem Zauberer gleich, bald in die Wolken hebt und bei den Chören des Himmels einführt, bald mit gewaltiger Faust in die Tiefen der Erde schleudert und mit dem Donner der Töne spielend vertraut macht, [ ...] kommt höchst selten zum 'Vorschein. Das wahr haft Große und Edle mußte [ ...] der Allianz weichen, welche Auber, Boieldieu usw. mit dem allmächtigen Zeitgeist geschlossen haben. CStBZ, 19.3.1833, über 8.2.1833 F 18 Kritisiert wurde die ewige Wiederholung einiger längst bekannter Ouvertüren oder Lofotschen und Pechatschekschen Violinconcerte! [ ...] Wie weit dankbarer würden wir aber der ho hen Kapelle nicht sein, uns in Concerten dergleichen [gemeint sind Stücke wie das Not turno von Spohr] hören zu lassen. [ ...] Wir meinen, solchen Virtuosen [wie den Kammer musikern der Kapelle] müßte die Bekanntschaft mit solchen Werken eben so erfreulich sein, als deren Ausführung ihnen zur Ehre gereichen würde, denn daß diese so beschaffen sein würde, glauben wir gern; nur recht scharfe Zeichnung, Licht und Schatten, dies läßt den Cha rakter der Musik erst klar werden, besonders einen recht kräftigen Contrast zwischen dem Forte und dem Piano - doch p.p., mein Lieber, wissen Sie, was es heißt, solchen 'Virtuosen Lehren zu geben? CStBZ, 3.2.1833 F 13 610 Der Rezensent bedauerte, innerhalb eines Jahres von der Kapelle nur zwei Sinfonien gehört zu haben. CStBZ, 17.4.1833, über 31.3.1833 F 2 0 Der Kritiker behauptete, dass Beethovens Leonoren-Ouvertüre das Publikum angezogen habe und nicht Bachs Matthäuspassion, in der man sich Kürzungen der Rezitative ge wünscht hätte. Leider würden Beethoven-Sinfonien gespielt, während man Mozarts Jupitersinfonie nur zweimal gehört habe. NZfM, 28.4.1840, über 12.4.1840 F 21 Es wurde bedauert, dass in Palmsonntagskonzerten nur ausnahmsweise Werke leben der Komponisten zu hören seien. Ein Mangel sei dabei, dass die Kapelle in anderen Konzerten keine Sinfonien spiele, um das Interesse des Publikums für die Palmsonn tagskonzerte nicht zu mindern, sondern es vielmehr anzufachen. Aber es sei doch so: Je öfter man die Sinfonien spielt, desto mehr wachsen Interesse und Verständnis. DBbl, 4.4.1844, über 31.3.1844 F 22 Beklagt wurde, dass die Programme der Palmsonntagskonzerte klassische Werke ver storbener Komponisten bevorzugen. Man verzichte auf zeitgenössische Werke wahr scheinlich aus Furcht vor möglicher Protection oder anderweiten Einflüssen und aus einer zu weit getriebenen Scheu vor der Auswahl, insofern diese rücksichtsvoll keine Interessen verlet zen möchte: eine Beschränkung, die im Interesse der Kunst und ihrer Meister lebhaft zu bekla gen ist, da sie - bei aller Achtung der Todten - eine Einseitigkeit erzeugt, welche mit gutem Willen und verständiger Anordnung leicht zu beseitigen wäre. NZfM, 15.4.1844, über 3.3.1844 F 23 Die Kapelle spiele eine Sinfonie nur im Palmsonntagskonzert und wiederhole diese dann im Sommer noch einmal. Es heißt doch wahrhaftig, das musikalische Publicum gera dehin in die Classe der renommirtesten Wiederkäuer setzen, wenn man wirklich verlangt, es solle ein ganzes Jahr lang an einem solchen Brosamen seinen Hunger stillen. Die Schuld an diesem Zustand wird dem umfangreichen Dienst der Kapelle zugeschrieben. NZfM, 11.11.1844 F 24 [ ...] denn bei allem hochgerühmten Dresdner Kunstsinne zieht doch irgend ein Virtuosen stückchen bei weitem eher das Publicum herbei, als eine noch so schöne und gediegene, noch so trefflich ausgeführte Musik. Das ist nun einmal so, und nicht nur 'bei uns allein! AMZ, Jg. 37, Nr. 40, Oktober 1845 F 1 9 611 Dass der Besuch dieser Academien, namentlich der letzten [gemeint ist Aschermittwoch, 5.2.1845] ein sehr spärlicher war, wird den nicht Wunder nehmen, der erkannt hat, dass der Sinn fü r tüchtige, classische Musik hier hei weitem mehr affectirt, als wirklich vorhanden ist, ein Uebelstand, der auch das Aufhören der seit einigen Wintern durch den Musikdirector Har tung arrangirten Abonnementsconcerte veranlasste, in denen fü r Dresden die einzige Gelegen heit geboten war, grössere Instrumentalcompositionen 'kennen zu lernen. AMZ, Jg. 47, Nr. 41, Oktober 1845 F 2 6 In einer Vorschau auf das Palmsonntagskonzert 1846 wurde Beethovens 9. Sinfonie als Werk und deren Ansetzung kritisiert. Außerdem gab es Kritik am Dirigenten (ohne Wagners Namen zu nennen) wegen seiner Stückwahl und der Befürchtung, man werde Beethoven in Pariser Manier zu hören bekommen. WaMZ, 26.2.1846, über 5.4.1846 F 27 Sogenannte historische Koncerte vollständig und mit peinlicher Absichtlichkeit zu assortiren, hat [gemeint war: im Gegensatz zu historisch-zeitgenössisch ausgewogenen Program men] immer einen üblen pedantischen Eindruck gemacht, welcher den vollen Genuß ver scheucht; es ist, als wenn man die Geister der Jahrhunderte in die Regalfächer eines Natura lienkabinetts wie die armen Thierbälge einfangen und klassificiren wollte. DrTgbl, 10.10.1846, über 8.10.1846 F 2 8 Gesangs- und Instrumentalvirtuosität gehört zu den schönsten Erscheinungen der Kunst; aber wie selten findet man sie in der Gegenwart, wo die Begriffe über die Kunst der Ausführung fast au f den Kopf gestellt sind. Sänger und Sängerinnen nehmen sich die Freiheit, mit den elen desten Arien das Programm des Concerts zu verunstalten, und die Instrumental-Virtuosen stellen ihre im Schweiße des Angesichts erfundenen Compositionen neben Beethoven'sche Symphonien. Die Directoren sind oftmals so schwach, solchen Forderungen, zugleich den Wünschen des Publicums allzuweit nachzugeben, und statt eines künstlerischen Ganzen, was jedes Concert sein sollte, ein Ragout zu bieten. Entschiedener Tadel trifft solche Directoren, mehr aber noch die musikalischen Zeitungen, welche, statt solchem Unwesen entgegenzutreten, und mit Strenge eine höhere Anschauung festzuhalten, zuweilen die Haltung so sehr verlieren, daß sie untergeordnete, oder ganz unkünstlerische Leistungen mit dem unangemessensten Beifall 'krönen, und so zu der allgemeinen Begriffsverwirrung beitragen. NZfM, 18.7.1846 F 29 Die Wahl des Vorgetragenen zeugte vom edelsten, geistvollsten Sinn und Gemüthe und ge bührt dem Wähler, dem Ordner, dem Leiter und den wackern Ausführern eine gleiche Ver dienst-Anerkennung. DrZ, 13.10.1846, über 8.10.1846 F 25 612 Der Kritiker hielt die Form des Oratoriums generell für unzeitgemäß, Friedrich Schneider als Komponist sowieso (und er beschwerte sich, dass der Kapellkomite ihn von der an das Konzert anschließenden Festtafel ausgeschlossen hatte). DrJ, 9.11.1846, über 7.11.1846 F 31 In einer anderen Zeitung schrieb derselbe Kritiker, dass Schneiders Kompositionen nunmehr unaktuell seien. Nach Beendigung des Koncerts war zu Ehren des Kapellmeisters Schneider ein Festmahl veranstaltet, worüber wir Nichts zu berichten 'haben, als etwa den Grund dieses „Nichtbeachtens". Der Kapellkomite hatte sich aus unbehaglichem Gefühl gegen ein selbständiges kritisches Wirken durch einen ehrenwerthen Beschluß, den das Gedächtniß nicht in eherne Tafeln graben möge, vor unsrer persönlichen Theilnahme zu sichern gewusst: ne quid respublica detrimenti capiat. DrTgbl, 9.11.1846, über 7.11.1846 F 32 Bei dem Concerte, das die Kapelle veranstaltet, begeht man gewöhnlich den Fehler, Musikstücke aufzuführen, welche schon möglichst oft gehört wurden (wir können fü r die Ursache nur den Wunsch ansehen, die Proben abzukürzen). Diesem Umstande ist wohl der spärliche Besuch dieser Concerte zuzuschreiben. In neuerer Zeit scheint man zu der Ansicht gekommen zu sein, daß es so nicht bleiben könne. NZfM, 12.8.1847, über 17.2.1847 F 33 Die Wiederholung von Beethovens 9. Sinfonie am Palmsonntag 1847 habe diese ver mutlich populärer machen sollen: Zu diesem Endzweck hätte sie aber schneller folgen müs sen, denn von Laien ist es wohl nicht zu erwarten, daß sie nach Verlauf eines Jahres da tiefer eindringen werden, wo ihr 'Verständnis damals aufgehalten wurde. NZfM, 12.8.1847, über 28.3.1847 F 34 Es wurde festgestellt, daß größeren Orchesterkompositionen das alte Herkommen keinen Raum gewähre in diesen Konzerten [d.h. in Musikalischen Akademien. Für diese Lücke brächten die Abonnementskonzerte der Kapelle einen Ausgleich]. Das Konzert sei mit über zwei Stunden zu lang gewesen. DMgbl, 6.2.1848, über 4.2.1848 F 35 Es hieß, Glucks De profundis gehöre in die Kirche, und Mendelssohns 42. Psalm sei kein außergewöhnliches Werk. DrTgbl, 14.2.1848, über 12.2.1848 F 3 0 613 Ein ganz ähnliches Urteil galt ca. vier Wochen später Palestrinas Stabat mater (dies ge höre in die Kirche), und wiederum stieß man sich an Mendelssohn mit seiner nicht be friedigenden 3. Sinfonie. DrTgbl, 11.3.1848, über 8.3.1848 F 3 7 Es gab anlässlich der Aufführung von Mendelssohns Elias eine allgemeine Kritik an der protestantischen Oratorienmusik nach Bach und Händel, die trotz aller modernen Möglichkeiten nicht deren Tiefe erreiche. Obgleich Mendelssohn eine Ausnahme bilde, sei er epigonal, außerdem sei der Text misslungen. DrJ, 21.4.1848, über 16.4.1848 F 3 8 Es wurde Kritik am historischen Programm des Kapelljubiläums geübt, weil zuguns ten weniger bedeutender Kapellmeister Komponisten wie zum Beispiel Antonio Lotti und Nicola Porpora nicht berücksichtigt worden seien. Das habe vermutlich an Zeitund Materialmangel gelegen. DrJ, 25.9.1848, über 22.9.1848 F 3 9 Überhaupt aber ist die Zeit fü r solche Concerte, in denen man nach Salonmanier eine Fülle ausgesuchter süßer Leckerbissen erhält, aber -mit ungeheurem Appetite nach einem soliden, sät tigenden Gerichte, nach einem Stück guter Musik, die ins Innere greift, betrübt von dannen geht, gänzlich vorüber [betrifft Programme der Musikalischen Akademien]. Wahrheit schreit die Zeit - leider noch sehr vergebens in politicis - aber in der Kunst wollen wir doch darauf hören und die diplomatisch kitzelnde Tonlüge aufrichtig zu beseitigen suchen. DrJ, 28.11.1848, über 25.11.1848 F 4 0 Geistliche Werke seien zwar schön, aber hier in diesem Programm zu aphoristisch. DrJ, 18.12.1848, über 16.12.1848 F41 Man hätte in den Konzerten anstelle der Aneinanderreihung von Chorstücken lieber Opemausschnitte mit Solisten gehört. DrJ, 23.2.1849, über 21.2.1849 F 42 Zwei große Sinfonien in einem Programm überfordern den Hörer, obwohl Sinfonien bei der Capelle eine Rarität seien. Statt einer zweiten Sinfonie hätte man lieber ein Orato rium gehört. DrJ, 16.2.1850, über 13.2.1850 F 3 6 614 Das Programm des nächsten Palmsonntagskonzerts werde nicht mehr Publikum anlo cken als das des vergangenen Aschermittwoch-Konzerts. [...] Die schönen Einzelstü cke des ersten Teils ergäben kein Programm. Vermisst wird die Ankündigung von den zwei üblichen Großwerken, die auch stets Besucher von auswärts angezogen hätten. DrJ, 9.3.1850, über 24.3.1850 F 4 4 Die Palmsonntagskonzerte boten bisher immer ein Oratorium vollständig und in vollende ter Ausführung. [ ...] Jetzt hat man uns Dieses noch genommen, und es ist keine Aussicht vor handen [...], ein derartiges Tonwerk in großartiger Ausführung und mit unbeschränkter Öf fentlichkeit wieder zu hören. [ ...] Händels erhabene Werke sind also fü r das größere Publikum Dresdens verloren. Das diesjährige Programm sei weder fü r den musikalischen Genuß, noch fü r die Förderung des musikalischen Geschmacks und der musikalischen Bildung fü r wirksam zu erachten gewesen. DrJ, 27.3.1850, über 24.3.1850 F 45 Das Programm schien unserer Localkritik als ein verfehltes. NZfM, 12.7.1850, über 24.3.1850 F 4 6 Das Programm wurde gelobt, weil es für Dresden Neues brachte. NZfM, 13.12.1850, über 7.11.1850 (Sinfonie von Gade, Athalia von Mendelssohn). F 4 7 Das Concert fü r die Wittwen und Waisen der Kapellmitglieder war gleichwohl zahlreich be sucht: ist der regelmäßige Besuch desselben 'Vielen eine liebe Gewohnheit, Manchen eine Gele genheit zum Wohlthun, so werden die Meisten doch von den Symphonie-Aufführungen ange zogen. NZfM, 9.5.1851, über 13.4.1851 F 4 8 Gerühmt wurde an den Wohltätigkeitskonzerten im Palais des Großen Gartens die jedesmalige Aufführung einer Sinfonie, gerügt die Gestaltung des ersten Konzertteils. [...] namentlich scheint man bei Aufstellung des heutigen Programms des ersten Theiles die Musik lediglich als ein Mittel zu einer momentanen Unterhaltung angesehen zu haben. [ . . . ] Man will den ersten Theil nicht eben wie den zweiten aus e i n e m Tonwerke bestehen lassen, weil man (ob mit Recht, bezweifeln wir) glaubt, das Publikum wünsche mehr Einzelnes zu hören. Bei Erfüllung dieses angeblichen Wunsches hat man aber nicht nöthig, die ihrem Charakter nach verschiedensten Piecen unmittelbar auf einander folgen zu lassen und dadurch die Zuhörer aus einer Stimmung in die andere gleichsam zu reißen und zu stoßen. [ .. .] Ein gewisser Zusam menhang, eine gewisse Verbindung der einzelnen Charaktere der aufzuführenden Musikstücke könnte doch stattfinden, wenigstens soweit, daß nicht das Folgende den Eindruck des Vorher gehenden gewaltsam vernichtet. SCZ. 28.8.1851, über 26.8.1851 F 43 615 Man hat uns [ ...] durch Aufführung einzelner Piecen zeigen wollen, wie man in Dresden zu jeder Zeit bemüht gewesen ist, 'Vortreffliches zu schaffen, und es ist auch dieser Zweck ein sehr dankenswerther, und zwar um so mehr, als der größte Theil der Bewohner Dresdens mit den Werken der Meister, welche in ihrer Vaterstadt und unter den Auspicien der die Musik so überaus begünstigenden sächsischen Regenten wirkten, weniger bekannt sind und bekannt s e i n k ö n n e n , als es jene Werke verdienen. [ ...] Das Eine sei erwähnt, daß -man 'nämlich sehr häufig über die Werke unserer Dresdner Meister die absprechendsten und verdammensten Urtheile hört, daß aber diese Urtheile in der Regel nur von Personen ausgehen, welche entweder von jener Musik gar nichts kennen und nur im 'Voraus annehmen, daß sie der von ihnen belieb ten musikalischen Richtung, neben welcher nichts existiren darf, nicht entsprechen, oder von solchen, welche einige schwächere und unbedeutendere Werke, an welchen die dresdner Schule natürlich eben so reich ist, wie jede andere, gehört haben und von diesen au f die sämmtlichen übrigen ihnen unbekannten schließen und sie als „zopfig“ bezeichnen. [ ...] Die Zusammenset zung des heutigen Concerts war eine sehr glückliche und man hatte aus dem überaus reichen Material fast fü r jeden der verschiedenen Capellmeister ein ihn vorzüglich charakterisirendes Stück herausgefunden. [ ...] Wir müssen unsern schon oben ausgesprochenen Wunsch, uns häufiger, vielleicht sogar an eigentlich fü r die Oper bestimmten Abenden derartige Concerte zu geben, wiederholt aussprechen. SCZ, 9.11.1851, über 7.11.1851 F 50 Am dresden-historischen Programm rügte der Kritiker eine falsche Auswahl. Aber be m erkensw ert ist noch der Umstand, daß in der Schlußnummer des Concerts zum ersten Male wieder Musik von Wagner im Theater ertönte. NZfM, 5.12.1851, über 7.11.1851 F 51 Die Programmgestaltung sei zwar besser als früher und das Konzert zahlreich wie nie zuvor besucht gewesen, aber zwei Sinfonien in einem Programm seien zuviel für die Zuhörer. Es trete leicht eine Erschlaffung der Aufmerksamkeit ein; deshalb sollte lieber mehr Gesungenes oder Konzertantes angesetzt werden. Gewünscht seien in großen Konzerten nur zwei Musikwerke: eine Sinfonie und ein Chorwerk; Deklamationen seien fehl am Platze. SCZ, 27.2.1852, über 25.2.1852 F 52 Umso mehr dürfte die Forderung gerechtfertigt sein, in diesen Concerten durch Aufführung ganzer größerer Werke der bedeutenden Mittelaufivendung am würdigsten zu entsprechen. Aus Mangel an der nöthigen Zeit zur gehörigen 'Vorbereitung 'hat sich gleichwohl der Gebrauch gebildet, fast nur am Palmsonntage ein Oratorien- oder Cantatenwerk neben einer Beethoven'schen Symphonie zu Gehör zu bringen, fü r die übrigen Concerte aber Mannichfaltigkeitsprogramme aufzustellen, deren einzelne Nummern noch dazu nur selten au f Neuheit An spruch machen. Nun, man muß eben zufrieden sein, wenn das Mögliche geschieht! Jedenfalls F 4 9 616 aber darf verlangt werden, daß die Programme der Mannichfaltigkeitsconcerte nach Inhalt und Anordnung den aesthetischen Anforderungen entsprechen, die eine höhere Kunstintelligenz an sie stellt, und daß die gerechten Ansprüche der lebenden Componisten gehörige Berücksichti gung dabei finden. [ ...] Die Wittwen und Waisen aber der seligen Kapellmitglieder schreien nach Brod, wie die Verwalter der Pensionskasse nach Geld - und vor solchem Geschreie ver stummt alle Aesthetik! Ungerecht jedoch gegen die Lebenden - Schaffenden wie Genießenden bleibt es, wenn man in einer Stadt von Schumann's Symphonien noch gar 'keine, 'von den Sym phonien Mendelssohn's und Gade's aber erst je eine zur Aufführung gekommen ist, an einem Concertabend eine Beethoven'sche u n d eine Mozart'sche Symphonie giebt. NZfM, 16.4.1852, über 25.2.1852 F 53 Die vortreffliche Execution der Sinfonie von Beethoven ließ mit Bedauern empfinden, daß sol che musikalischen Genüsse von der Kapelle zu selten geboten werden, und eine Abhilfe dieses Mangels würde von seiten des Publicums das teilnehmendste Entgegenkommen finden. DrJ, 2.9.1852, über 31.8.1852 F 5 4 Wie Meyerbeer die Opembühne scheine Mendelssohn allmählich die Programme der Konzerte zu beherrschen. Das führe zu Einförmigkeit. Man hätte sich mehr Publikum gewünscht, aber es sei wohl durch dieses Programm nicht angelockt worden. SCZ, 2.9.1852, über 31.8.1852 F 55 Der spärliche Besuch sei begründet gewesen in der Programmgestaltung: nicht alle mögen die alte Musik. Mangelndes Interesse liege auch begründet in der geringen Sorgfalt, mit welcher die Concerte öfter hergestellt wurden und an den zu späten Pro gramm-Ankündigungen. DrJ, 10.11.1852, über 8.11.1852 F 5 6 Das Programm des heutigen Concerts zeichnete sich eben so sehr durch die 'Vortrefflichkeit der einzelnen gewählten Musikstücke als durch deren Mannigfaltigkeit aus, und jeder Freund classischer Musik wird darin Etwas gefunden 'haben, was seiner besondern Richtung in dem weiten Felde classischer Musik vorzugsweise entspricht. Es wird jährlich ein Programm mit aus schließlich Dresdner Komponisten gewünscht. SCZ, 10.11.1852, über 8.11.1852 F 57 Die Bekanntschaft mit der neuern Instrumental- und Kammermusik ist fast gänzlich vernach lässigt, wenn wir einige wenige unsystematische, rein experimentelle 'Versuche abrechnen. Die Zweigroschenconcerte bei Bier und Tabak tragen dem Zeitgeist mehr Rechnung, als die Dresd ner Kapelle, welche in ihren jährlichen vier Concerten die Epoche der Symphonie thatsächlich mit Beethoven abzuschließen scheint. Man habe zwanzig Jahre Literatur verschlafen und 617 ignoriert und lasse nun auf Beethoven Wagner folgen, ohne die Mittelglieder, Schubert, Schumann und Berlioz, und Erscheinungen wie Mendelssohn und Gade, kaum flüchtig 'berührt zu 'haben. So habe die Liedertafel rühmlichst Schumanns Pilgerfahrt und Mendelssohns Chor zum Ödipus in Kolonnos mit Heinrich Gustav Kunzes Musikkorps aufgeführt, woraus sich die Frage ergebe, warum sich die Kapelle zu solchen Kunstzwecken nicht von selbst angetrieben fühlt, mitzuwirken, zumal wenn einer ihrer Kapellmeister [Carl August Krebs] dirigiert? Das ist ein fauler Fleck in den hießigen Kunstverhältnissen. NZfM, 17.12.1852 F 58 Die Werke seien alle ausgezeichnet gewesen, aber im Programm hätten sie sich gegen seitig im Wege gestanden. SCZ, 11.2.1853, über 9.2.1853 F 59 Die längst wieder sehr vermissten Abonnementskonzerte würden in Dresden mangelnde Kenntnis des sinfonischen Repertoires hervorrufen. Dresden kennt Werke wie Mendelssohns Lobgesang *), Athalia und Walpurgisnacht *), Gade's Comala, Schumann's Peri *), etc. entweder noch gar nicht, oder nur von hiesigen Musikchören. Dresden lernte bis jetzt Instrumentalwerke, wie Schubert's *), Schumann's *), Gade's *) und Mendelssohn's*) Symphonien und Ouvertüren mit wenigen Ausnahmen (die man Hiller's früherer Thätigkeit verdankt) nur aus Zweigroschenconcerten mit und ohne Rauch 'kennen. Die Konzerte zeichnen sich ohnehin durch eine Stabilität aus, die in's Unglaubliche geht. Es habe in vier Konzerten zweimal eine Bach-Suite und zweimal die Beethoven-Sinfonie in F-Dur gegeben sowie Mendelssohns Sommemachtstraum-Ouvertüre, die man alle acht Tage im Theater 'hörte [...], und zwar aus 'keinem anderen Grunde, als um Proben zu ersparen! Da Mendelssohn, Gade, Schubert, Schumann oder Berlioz *) fehlen: Fragt man nach dem Warum? so 'heißt es entweder die Theilnahmslosigkeit des Publikum's, oder die Intendanz, oder der Mangel eines Locales, und dgl. seien Schuld, daß kein Concert zu Stande komme. Und die Kapelle erklärt, sie habe keine Zeit zu Proben! [...] Keine Zeit, um wenigstens die vier Jahresconcerte mit geivählten, neuen und neuesten Erscheinungen ausstatten zu 'können! NZfM, 27.5.1853 *) Dies ist bei aller Begrenztheit des Repertoires sachlich nicht richtig (siehe Register Komponisten) F 60 Das Programm sei fast zu klassisch, zu streng für ein Sommerkonzert gewesen. DrJ, 31.8.1853, über 29.8.1853 F61 Das Programm dieses speziellen Konzerts war diesmal eher zeitgenössisch statt bisher oft historisch; ein klassisches Werk wäre wünschenswert, zumal die Spindler-Sinfonie unfer tig, Schumann langweilig und Meyerbeer abzulehnen gewesen wären; nur Mendelssohn war für den Kritiker akzeptabel. DrJ, 9.11.1853, über 7.11.1853 618 Man solle nur Werke aufführen, die dem Publikum einen Genuß bereiten. Die Komposi tion von Schumann habe nicht dazugehört. SCZ, 9.11.1853, über 7.11.1853 F 63 So reich dasselbe [das Programm] an bester Musik war, so hat doch bei der Anordnung und Zusammenstellung des Programms fü r diesmal ersichtlich mehr der Zweck Kasse zu machen, als der künstlerische Geschmack obgewaltet; jener Zweck ist zum Wohle des Pensionsfonds er reicht, doch bleibt wünschenswerth, daß der letztere Gesichtspunkt fürderhin stets vollkomme ner damit vereinigt bleibe. DrJ, 3.3.1854, über 1.3.1854 F 6 4 Durch dieses Repertoire und das Abgehen von zwei großen Werken drohe die Gefahr, die frühere außergewöhnliche Bedeutung der Palmsonntagskonzerte einzubüßen und den wohlverdienten R u f[ ...] über Dresden 'hinaus zu verlieren. DrJ, 11.4.1854, über 9.4.1854 F 65 Gerügt wurde die große Mannichfaltigkeit des Programms. [ ...] Diese Art von Concerten mögen fü r das größere Publikum einen gewissen Reiz haben; ob die Kunst durch sie gefördert wird, ist eine andere Frage, deren Beantwortung nicht in den Bereich unserer Referate gehört. NZfM, 16.5.1856, über 7.4.1856 F 6 6 Man wartete mit einem reichhaltigen, aber dochfast zu 'bunten Programm auf. NZfM, 20.2.1857, über 29.1.1857 F 6 7 Das Programm sei zu vielseitig, zu bunt und ohne Faden gewesen, habe aber des Herr lichsten und Herrlichen so viel geboten. DrJ, 27.2.1857, über 25.2.1857 F 68 Das wunderliebliche heitere, übrigens auch meisterhaft ausgeführte Stück paßt nicht zu dem ernsten Oratorium und zerstört dessen Eindruck. DrN, DrJ, SCZ, 7.4.57, über 5.4.1857 (Beethoven: 8. Sinfonie) F 6 9 Der Eindruck der Schumann-Sinfonie war kein hinreißender oder auch nur erwärmender, obgleich auch viel Schönes und Interessantes zu hören war. Es gab auch Vorbehalte ge gen Mendelssohn, dessen „Loreley" kühl 'bis ans Herz 'hinan gewesen sei. NZfM, 10.9.1858, über 17.2.1858 F 62 619 Handels Messias und Beethovens 8. Sinfonie in einem Programm: Es läßt sich, ganz abge sehen von der Heterogenität beider Meisterwerke, nicht läugnen, daß dies fü r unsere modernen Ohren etwas zu viel des Guten war. [ ...] Wir leben mit einem Wort schneller, eiliger, und der eisenbahnhastende Charakter der Gegenwart macht sich in allen 'Verhältnissen des Daseins mit überwiegender Macht geltend. Deshalb sei es angebracht, die Concerte so kurz und gedrängt als möglich [zu] arrangieren. Zu lange Konzerte würden den Genuß beeinträchtigen, ab spannen und den guten Eindruck des ersten Teils verwischen. Es seien zwei Stunden das Maximum. NZfM, 22.5.1857, über 5.4.1857 (Händel: Messias, Beethoven: 8. Sinfonie) F71 Herausgestellt wurde das 'Vater unser Naumanns, das man in Dresden wohl nicht ohne das Bekenntniß 'hören 'kann: etwas 'Vollendeteres gebe es nicht im Reich der Töne. AMZ, Jg. 28, Nr. 29, über 28.6.1826 F 72 Wenn die Anordner dieser höchst anziehenden Jahresfeier immer dafür besorgt gewesen sind, auch den Freunden der alten klassischen Musik in den aufgeführten Tonwerken zu genügen, so wird die diesjährige ganz besonders dazu bestimmt seyn, und eine Arbeit zur Ausführung (bringen), welche in jeder Hinsicht die allgemeinste Aufmerksamkeit verdient. [ ...] Diese Pas sionsmusik nach dem Evangelisten Matthäus [ ...] ist, so bejahrt sie auch ist, doch ein so fr i sches, kraftvolles, in's Innerste des Gemüths dringendes, aber zugleich um so reines, gediegenes und geschlossenes Werk, daß es au f alle Herzen den tiefsten Eindruck zu machen nicht verfeh len 'kann. Es steht gleichsam seiner Form nach zwischen dem alten Chore der griechischen Tra gödie und der heutigen Kantate als geschichtliches Mittelglied da. [ ...] Welcher schönen, ernst heiligen Feier sehen wir daher an diesem Tage unter Mitwirkung der trefflichen und zahlrei chen Musikchöre entgegen! AZ, 23.3.1833, über 31.3.1833 F 73 Es genüge uns nur hier zu sagen: in welchem Menschen nur ein Funke religiöser Andacht ist, in welchem nicht alles Gefühl fü r Großes und Erhabenes erloschen ist, der wird sich bei der Anhörung dieses Werkes hingerissen fühlen zur Andacht, zur Anbetung Gottes; welcher M u siktreibende auch nur die geringste Idee von musikalischer Schönheit hat, der wird entzückt sein von der Reinheit und Größe des Bach'schen Genies. CStBZ, 17.4.1833, über 31.3.1833 F 74 Die Aufführung der Matthäuspassion dauerte zwei Stunden. NZfM, 28.4.1840, über 12.4.1840 F 7 0 620 Die Wahl der Bach-Motette Singet dem Herrn ein neues Lied wurde als besonders kühn beurteilt. Manchem Ohre -mag 'bei dieser ersten Bekanntschaft mit dem mystischen Herrn ganz wunderlich zu Muthe gewesen sein: bei diesem unerschöpflichen Musikstrome, der sich mit elementarischer Kraft immer erneuert, stärkt und in kunstvollem, gothischem Aufbau wieder holt. [ ...] Das Werk war eine würdige Wahl und zeugte fü r das klare Bewußtsein von dem Zwecke dieser Concerte. DrTgbl, 24.1.1848, über 22.1.1848 F 7 6 Handels Jephta wurde unverjährbare Kraft und Würde zugesprochen. MfgL, 8.5.1844, über 31.3.1844 F 77 Handels Messias schlug in die Scheinwelt von musikalischen Masken und Zerrbildern [ ...] wie ein Gewitter ein. DrN, 7.4.1857, über 5.4.1857 F 78 Die Bearbeitung des Messias durch Mozart sei (im Gegensatz zu der von J. F. Mosel) ein Glücksfall. DrN, DrJ, SCZ, 7.4.1857, über 5.4.1857 F 7 9 Es stehe fest, dass Kompositionen der Gegenwart oft schwächelnd au f Gefühl und Charak ter wirken durch "Weichheit, Empfindelei, Unnatur und Geziertheit, durch Kocketterie mit einer Zartheit, Reinheit und Andächtigkeit, die nichts Anderes sind als Flucht vor dem Geraden, auf richtig Entschiedenen, vor der inneren Treue, welche die Idee in ihrer ganzen inneren Fülle in Wahrhaftigkeit und Kraft gestaltet. [ ...] In solcher Gegenwart müssen wir erhoben und uns kräftigend zu solchen Vorbildern an Aufrichtigkeit und Gesundheit (wie Händel) aufschauen, die stets "klar, wahr und begeistert au f Zweck und Kern der Sache vorgingen. DrJ, 3.4.1855, über 1.4.1855 F 80 Der Kritiker forderte eine sofortige Wiederholung von Beethovens 9. Sinfonie an den bevorstehenden (Oster-)Feiertagen. Die Erinnerung an den göttlichen Traum der letzten Aufführung würde sich festigen und Früchte tragen "können. DrA, 9.4.1846, über 5.4.1846 F 81 Der DrA war nicht das einzige Blatt, das eine Wiederholung der „Neunten" wünschte. NZfM, 17.5.1846, über 5.4.1846 F 75 621 Die Kritik äußerte eine hohe Meinung über Bachs h-Moll-Messe; nicht einmal Beetho vens Missa solemnis sei ihr an Bedeutung gleichzusetzen. DrJ, 30.10.1850, über 28.10.1850 F 83 Die lang behauptete Unverständlichkeit dieses gigantischen Werkes [Beethovens 9. Sinfonie] schwindet durch öfteres Hören mehr und mehr; die Idee der edelsten Freude und höchsten Liebe, die sich in dieser Dichtung und dem Chaos der Harmonien zu unendlichster Erhebung und innigster Hingebung aufschwingt, 'kann den Herzen der Hörer nicht zu lange unverständ lich scheinen. DrJ, 22.3.1853, über 20.3.1853 F 8 4 Leider war der Referent verhindert, dieses interessante und schöne Werk zu hören, und muß sich deshalb nur begnügen, den Unternehmern des Konzerts die dankbarste Anerkennung fü r die Aufführung desselben auszusprechen. SCZ, 27.2.1857, über 25.2.1857 (Beethoven: Prometheus-Musik) F 85 Die Kompositionen von Reißiger und Krebs verdienten den Ehrenpreis; für Reißiger habe das tief religiöse Gemüth, für Krebs zündende Frische und begeisterte Lebendigkeit ge sprochen, zumal die Aufführung beider Werke aufdas Glänzendste gelungen war. DrN, 27.2.1857, über 25.2.1857 F 8 6 Franz Liszt möge bald wiederkommen. DrN, 9.11.1857, über 7.11.1857 F 87 Das Konzert mit Franz Liszt hatte Chordirektor Fischer in die Wege geleitet. DrN, 9.11.1857, über 7.11.1857 - siehe auch F 15 F 88 Liszt war vom Vorstand jenes Pensions-Instituts [gemeint ist: des Theaterchors] zu die sem Konzert eingeladen worden, was von Freunden und Gegnern des Komponisten und der neuesten musikalischen Richtung, [ ...] deren hervorragendster Repräsentant in Deutschland Liszt gegenwärtig unbestreitbar ist, begrüßt worden ist. SCZ, 7.11.1857 F 89 Die Werke Liszts hätten Bewunderung, Hilflosigkeit und Ablehnung verursacht, sie führten aber als geistige Bewegung den musikalischen Fortschritt an. Und so muß ich auch den genialen Claviervirtuosen in seiner neuen Stellung als unermüdlicher reformatori- F 82 622 scher Componist eine 'bedeutsame, geistig anregende Erscheinung nennen. Bewundernswert sei die geistige Energie seines Willens, die ihn zu einem großen Anreger werden ließ. DrJ, 10.11.1857, über 7.11.1857 F 90 Es sei verdienstvoll gewesen, Bachs Weihnachtsoratorium anzusetzen. SCZ, 30.3.1858, über 28.3.1858 F 91 Die Wahl der Matthäuspassion war doch nicht die gelungenste, da nur ein kleiner Theil des Publikums ein solches Werk zu würdigen versteht. Als Oratorium in einer Kirche aufgeführt, würde sie den größten Beifall erhalten 'haben. CStBZ, 27.4.1833, über 31.3.1833 F 92 Rossini's Stabat mater (hier noch neu) machte den Beschluß, ohne sonderlichen Eindruck her vorzubringen. AMZ, 30.8.1843, über 9.8.1843 F 93 Handels Musik wurde als nicht zeitgemäß beurteilt. AMZ, 26.4.1844, über 31.3.1844 F 9 4 Man schrieb, Wagners Faust-Ouvertüre werde der dichterischen Vorlage nicht gerecht. Es sei nicht gelungen, die einzelnen Züge zu einem geordneten, klaren und übersichtlichen Bilde zu vereinigen. Aus Einzelheiten sei kein Ganzes entstanden, sondern ein fortwäh rendes Vordringen, das nicht vom Bewußtsein der höhern Einheit gehalten wird, ohne Durch führung, das wie ein wildes Chaos um so mehr au f den Hörer einstürzt, als auch die Form fast ganz vernachlässigt ist, dadurch aber trotz einzelner Schönheiten [ ...] einen reinen Genuß nicht ermöglicht, und eine Unbehaglichkeit erzeugt, die sich nicht wegbannen lässt. DBbl, 25.7.1844, über 22.7.1844 F 95 Es gab weitere Kritik an Wagners Faust-Ouvertüre, welcher man zwar nicht Originalität und Tiefe absprechen darf, wo jedoch der Instrumentallärm sich bemerkbar machte. Die Faust Musik von Fürst Radziwill sei angemessener fü r das Gedicht. EU, 12.8.1844, über 22.7.1844 F 9 6 Der Kritiker regte baldige weitere Aufführungen von Beethovens 9. Sinfonie an; damit würden vorhandene Vorurteile ganz verschwinden. NZfM, 17.5.1846, über 5.4.1846 623 Man schien des g-Moll-Klavierkonzerts von Mendelssohn überdrüssig zu werden, wel ches nachgerade zu dem Unvermeidlichen zu rechnen ist. NZfM, 3.10.1848, über 4.3.1848 F 98 Nach der Meinung eines Kritikers bleibe in Beethovens 9. Sinfonie offen, wie lange wir nämlich in dem gärenden D-moll-Vordersatze zu ringen haben, wie viele mahnende Baßrecitative wir noch werden hören müssen, bis Beethoven's Weissagung der Einigkeit, Freude und glücklichen 'Verbrüderung in Erfüllung geht. DrJ, 4.4.1849, über 1.4.1849 F 99 Die Faust-Musik Schumanns befriedigt nicht, bleibt der 'Vorlage 'Vieles schuldig. DrJ, über 29.8.1849 F 100 Scarlattis Musik ließ das Publikum ziemlich kalt; das Werk sei nach Haydn und Men delssohn deplaciert gewesen. DrJ, 27.3.1850, über 24.3.1850 F 101 Bei der Wahl der Sinfonie fantastique mochte die Erinnerung an die Aufführung unter Leitung des Komponisten im Jahre 1843 mitgewirkt haben, doch ist das Werk seit gerau mer Zeit schon unserer neuesten Gegenwart in etwas entrückt und fü r so seltene Concertaufführungen der Kapelle, wie uns jetzt werden, möchten Beethoven's Sinfonien am willkom mensten sein. SCZ, 7.3.1851, über 5.3.1851 F 102 Derartige Potpourrifabrikate sollte man übrigens zu den abgelagerten Musikzöpfen legen. [ ...] Nichts langweilt mehr als eine erkannte Geschmacklosigkeit. DrJ, 19.11.1851, über 17.11.1851 (Oberon-Fantasie von Vieuxtemps/Wolff) F 103 Schumanns Königssohn missfiel und erzielte keinen Beifall. Man möchte bitte nur Werke aufführen, die dem Publikum einen Genuß bereiten. SCZ, 9.11.1853, über 7.11.1853 F 104 Man hörte ein mit feinem Sinn zusammengesetztes, höchst interessantes Programm. SCZ, 8.12.1854, über 6.12.1854 F 9 7 624 F105 Der Rezensent wendete sich in seiner Besprechung des Liszt-Konzerts gegen Pro grammmusik, kritisiert deren Formlosigkeit und dass zuviel hineingeheimnist werde in diese Musik; das „Magnificat" am Schluss der Dante-Sinfonie sei deplaciert. Er ver misste die frische und schöne Melodie, die Ausführung der Gedanken, eine Durchfüh rung, die hier durch pikante Harmonisierung und Instrumentierung ersetzt würde. Durch Vorhalte, Dissonanzen, lange Orgelpunkte werde das Ohr überreizt; da machten dann die Dreiklangsmodulationen des „Magnificat" eher einen wunderlichen Eindruck, fast wie ein unmotivirtes Kokettieren mit Palästrinaschen Formen. Aber Liszt sei trotzdem überall als der geistreiche Mann erkennbar. SCZ, 10.11.1857, über 7.11.1857 F 106 Uber Werth und Schwächen der Werke von Schumann und Mendelssohn wollte sich der Kritiker nicht äußern. NZfM, 10.9.1858, über 17.2.1858 F 107 Hinsichtlich der Programmgestaltung sei hier auf den Artikel von Carl Borromäus von Miltitz in der AZ vom 5.1.1828 verwiesen. D 16, D 17 F 108 Vorgeschlagen wurde, Sinfonien in Konzerten, speziell in Palmsonntagskonzerten, Oratorien, Messen usw. aufzuführen. Die Palmsonntagskonzerte sollten etwa zwei Stunden dauern. AMZ, Jg. 34, Nr. 19, über 15.4.1832 F 109 KM Carl Gottlob Peschke lobte in einem undatierten Schreiben u.a. die Aufführung der Matthäuspassion: ein erhabenes Werk voll von ergreifender poetischer 'Wahrheit. In seiner Meinung über eine Wiederaufführung blieb er zweispaltig. Für die Programmgestal tung empfahl er das „Neu Classische mit dem „Alt Classischen" in Verbindung zu brin gen. SHStA, 10026, Geh. Kabinett, Loc. 15147/5, fol. 288 f. - Kontext siehe F 4d F 110 Es ist ein Verein zu gründen aus allen Komponisten des 'Vaterlandes, Musiktheoretikern und ausübenden Musikern. Dieser wählt einen Ausschuss, der vor allem die Interes sen der jüngeren und neueren Komponisten dem Institut gegenüber vertreten soll. Dem Ausschuss gehören auch der Direktor des Instituts, der Kapellmeister und vom Or chester gewählte Kammermusiker an. Es sollen Werke junger und neuer Komponisten bekannt gemacht werden. Deshalb wird monatlich ein Tag dazu verwendet, diese sich und dem Ausschüsse zu Gehör zu bringen. 625 Will ein Künstler [ein Komponist?] au f eigene Rechnung ein Konzert veranstalten, so hat er die Anfrage um Unterstützung des Orchesters zunächst an den vereinigten Ausschuß zu 'brin gen; erhält er dessen Zustimmung, so ist der 'Vorschlag an das gesammte Orchester zu 'bringen, welches nach Stimmenmehrheit über den Antrag entscheidet: seine Mitwirkung ist dann un entgeltlich. Wagner 1907c, S. 271 F 111 Der Rezensent empfahl für die Programme ein gut zusammengestelltes Repertoire, wobei die Beachtung älterer Musik indessen wohl 'beizubehalten wäre. DrTgbl, 24.1.1848 F 112 Gewünscht wurden Opemfinales von Werken, die nicht im Spielplan stünden oder nicht mehr gespielt würden. DrTgbl, 14.2.1848, über 12.2.1848 - auch F 1 1 9 ,F 132 F 113 Ein Leser bat um eine Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie unter Wagners Leitung in den Abonnementskonzerten. DrA, 28.10.1848 F 114 Der Rezensent schlug für einen Palmsonntag Naumanns Oratorium I pellegrini al sepolchro vor, das ein seit 25 Jahren vergrabener Schatz sei. DrJ, 9.3.1850, über 24.3.1850 F 115 Übrigens muß selbst Derjenige, welcher Berlioz vollkommen Recht widerfahren läßt, wün schen, daß in Zukunft nicht eher die Hand nach den Symphonien aus der Seinestadt ausge streckt werde, als bis alle b e d e u t e n d e n Symphonieiverke der neueren d e u t s c h e n Componisten dem Publikum vorgeführt worden sind. Bei dieser Rücksichtnahme wird die Wittwenkasse der Kapelle nichts einbüßen. NZfM, 11.4.1851, über 5.3 1851 F 116 Zum 50-jährigen Dienstjubiläum von Vice-lntendant Hofrat Theodor Winkler sorgte die Aufführung des großen Marschs aus Wagner's Tannhäuser unter der Beamtenschaft und der Hofgesellschaft für heftige Diskussionen. NZfM, 9.5.1851 F 117 Ein ähnliches historisches Programm sollte wieder geplant werden. DrJ, 9.11.1851, über 7.11.1851 626 Mit Rücksicht auf die Konzertdauer und die Zeitsprünge müsse eine Trennung von kirchlicher und weltlicher Musik erfolgen. Gerade für Dresden böte sich im Hinblick auf historische Musik der Zyklusgedanke an. Man solle zukünftig lieber öfter solche Konzertabende anstelle von Opemaufführungen ansetzen. SCZ, 9.11.1851, über 7.11.1851 F 119 Es wurde die Forderung nach großen Finales nicht im Spielplan befindlicher Opern *), zum Beispiel von Cherubim oder Mozart (Idomeneo), geäußert, oder nach bisher nicht gehörten Instrumentalwerken, wie zum Beispiel eine Sinfonie von Johann Sebastian Bach. DrJ, 27.2.1852, über 25.2.1852 - *) auch F 112, F 132 F 120 Die Aschermittwoch-Concerte zeichneten sich früher in der Regel durch unangemessen zu sammengesetzte Programme aus; von dieser Auszeichnung 'hat -man diesmal abgesehen, und die Zusammenstellung der Musikstücke war, wenn auch noch nicht eine gute, doch wenigstens eine bessere, als in den früheren Jahren. Der Fortschritt ist nicht unbelohnt geblieben, und wir erinnern uns nicht, jemals ein Aschermittwoch-Concert in Dresden so zahlreich besucht gese hen zu haben, als das heutige. Dass zwei Sinfonien auf dem Programm standen, erscheint uns etwas zu viel, [...] , was leicht eine Erschlaffung der Aufmerksamkeit herbeiführt. [ ...] Gewünscht werden Programme, die eine Sinfonie und eine oratorische Komposition enthalten. SCZ, 27.2.1852, über 25.2.1852 F 121 Zuerst ist die Aufführung dieses neuen Werkes eines L e b e n d e n [Reißigers Oratorium David] ein erneuter Beweis dafür, daß man 'hier endlich von dem kuriosen Grundsatz abgegan gen ist, am Palmsonntage nur Tonwerke verstorbener Meister aufzuführen. Es sei für Reißi ger verpflichtend, dass er neben seiner ganz natürlichen Berücksichtigung zugleich die Verpflichtung erblicke, in Zukunft fü r die Wahl der Werke a n d e r e r lebender Componisten besorgt zu sein. NZfM, 21.5.1852 F 122 Der Rezensent regte jährlich ein Programm ausschließlich mit Werken von Dresdner Komponisten an. SCZ, 10.11.1852, über 8.11.1852 F 123 Es wurde der dringende Wunsch nach der Aufführung der anderen Bach-Suiten geäußert. DrJ, 31.8.1853, über 29.8.1853 F 124 Der Kritiker erhoffte künstlerisch reg- und strebsamen Unternehmungsgeist. DrJ, 11.4.1854, über 9.4.1854 F 118 627 Es sollten mehr ungern entbehrte und fü r Dresden beklagenswerth fehlende Vorträge von Or chesterwerken zu 'hören sein. DrJ, 9.2.1854, über 7.2.1854 F 126 Es wurden vorgeschlagen Der Messias, die Matthäuspassion, Cherubinis Requiem, Beet hovens Missa solemnis und 9. Sinfonie, die noch nicht oft genug gehört scheint, so lange es sogar Musiker gibt, welche dies große Epos theilweisefür „Unsinn" erklären. DrJ, 11.4.1854, über 9.4.1854 F 127 Es wurde bedauert, dass seit dem Jubiläumskonzert der Kapelle mit dem Finale des ersten Aktes aus Lohengrin (man unterstellt hierbei fälschlicherweise auch noch das Lohengrin-Vorspiel) und Ausschnitten in einem Konzert des „Orpheus" nichts wieder aus dieser Oper Wagners erklungen sei. Wie die Verhältnisse gegenwärtig sind, ist das Er scheinen des Lohengrin au f der Dresdner Bühne noch immer nicht zu hoffen. NZfM, 5.1.1855 F 128 Die mehrfache Wiederholung der Bach-Suite wurde anerkannt, aber auch der Wunsch nach anderen Werken Bachs angemeldet. SCZ, 9.11.1855, über 7.11.1855 F 129 Es wurde kritisiert, dass die Bach-Suite zwischen einer Troubadour-Arie und einer schmachtenden Romance positioniert war. Der alte, kernfeste, echt deutsche Bach wußte sich gar nicht zurechtzufinden. [ ...] Man glaubt hier, daß diese Zusammenstellung nur darum ge wählt wurde, um musikalisch die anscheinende Annäherung Deutschlands an die französisch englisch-italienische Allianz vorzubereiten. NZfM, 23.11.1855, über 7.11.1855 F 130 Man sollte statt bekannter Stücke auch den Reiz von Neuheiten aufs Publikum wirken lassen. SCZ, 9.11.1856, über 7.11.1856 F 131 Da wenig Publikum gekommen war, wurde für die Zukunft die Aufführung eines größeren Werkes in diesem Konzert empfohlen. DrJ, 9.11.1856, über 7.11.1856 F 132 Der Rezensent hätte es verdienstvoller gefunden, wenn man statt Mendelssohn ein Fi nale von Mozart, Paer oder Rossini angesetzt hätte, was bei dem verfügbaren Personal kein Problem gewesen wäre. SCZ, 19.2.1858, über 17.2.1858 - F 112, F 119 F 125 628

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird als Opern- wie als Konzertorchester hohe internationale Anerkennung gezollt. Während die 1548 gegründete kurfürstliche Hofkapelle schon seit dem 17. Jahrhundert der Bühne verpflichtet war, bildete sie als Königliche musikalische Kapelle ihre Qualitäten auf dem Konzertpodium in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich und in erstaunlichem Umfang aus – eine Entwicklung, die bisher weitgehend unerforscht geblieben ist. Die vorliegende Dokumentation gibt, vorwiegend anhand von Presse- und Archivmaterial, einen Überblick über Daten, Programme, Interpreten, Konzertformen, Säle, Veranstalter, interne und äußere Vorgänge, künstlerische Leistungen und Bedingungen, kritische Wertungen und Publikumsresonanz in den Jahren zwischen 1817 und 1858, als die Kapellmeister Morlacchi, Weber, Wagner und Reißiger an der Spitze des Orchesters standen. Eine vorangestellte Studie weist auf die Tradition der Kapelle und das institutionelle und künstlerische Gefüge hin, in dem sich ihre Konzertaktivitäten vollzogen.