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3. Erkundungen in:

Reinhold Vetter

Warschau im Sturm der Geschichte, page 147 - 236

Metamorphosen einer leidgeprüften Stadt

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4153-6, ISBN online: 978-3-8288-7013-0, https://doi.org/10.5771/9783828870130-147

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 44

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Erkundungen Das historische Zentrum: Altstadt und Neustadt Wochentags sind es vor allem ausländische Touristen, die durch die engen Gassen der Warschauer Altstadt streifen, Fotos machen und in den Cafés oder Restaurants am Marktplatz sitzen. Einheimische verirren sich kaum dorthin – es sei denn, sie gehören zu den wenigen in der Altstadt verbliebenen Bewohnern oder arbeiten in den dortigen Museen, Galerien und Antiquitätenländen. Erst an den Wochenenden strömen auch die polnischen Touristen, vor allem aus der Gegend um Warschau, in die Altstadt. Für die Einheimischen wird das historische Zentrum erst interessant, wenn auf dem Marktplatz musikalische Veranstaltungen stattfinden, eine Eisbahn zum Schlittschuhlaufen installiert wird und die große Silvesterparty steigt. In der angrenzenden Neustadt geht es meistens ruhiger zu. Dort huschen Anwohner durch die Gassen oder genießen Eltern mit ihren kleinen Kindern einen Spaziergang auf dem dortigen Marktplatz. Zudem fällt auf, dass die Häuser in der Altstadt in der Regel besser renoviert sind als in der Neustadt. Die Altstadt und die nördlich angrenzende Neustadt bilden das historische Zentrum Warschaus. 173 Die Geschichte der Altstadt geht bis auf das 13. Jahrhundert zurück, als rund um die Burg der Fürsten von Mazowsze die erste Ansiedlung entstand. Der Name Warschau wurde erstmals 1241 in einer lateinischen Urkunde erwähnt (actum et datum Varschevie, deutsch: verfügt und ausgegeben zu Warschau). Die Errichtung der Neustadt begann gegen 1380. Ab 1569 war Warschau ständiger Tagungsort der vereinten Landtage (Sejm) Polens und Litauens, ab 1573 wurde hier die Wahl des Königs abgehalten. Zwischen 1598 und 1611 verlegte König Zygmunt III. Wasa die königliche Residenz von Krakau nach Warschau. De facto war Warschau nun Hauptstadt, wenngleich der entsprechende Rechtsakt erst später erfolgte. So kam es in der Folgezeit auch zu einer Umgestaltung und Ausdehnung der Alt- und Neustadt, die gotischen Bürgerhäuser besonders am Markt der Altstadt wurden zunächst im Stil der Renaissance, dann des Barocks umgebaut. Südlich der Altstadt ließen die Adligen ihre Stadtresidenzen errichten, auch Kirchen entstanden dort. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Entwicklung der Stadt durch den Einfall der schwedischen Truppen unterbrochen. Dann, im 18. Jahrhundert, wurde Warschau mehr und mehr auch zum kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum sowie zum Zentrum neuer politischer Ideen und Strömungen. Hier entwarfen Hugo Kołłątaj und Stanisław Staszic ihre Konzepte zur Reform des Staatswesens, hier wurde die berühm- 3. 3.1. 173 Zum Wiederaufbau beider Stadtteile nach dem Zweiten Weltkrieg siehe S. 60 ff in dieser Publikation. 147 te Verfassung vom 3. Mai 1791 verabschiedet. Auf den Trümmern der durch die schwedische Invasion zerstörten Gebäude entstanden neue Bauwerke. Nach der mehrmaligen Teilung Polens gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Warschau vor allem zum Zentrum des nationalen und sozialen Befreiungskampfes, insbesondere während des Novemberaufstandes 1830 bis 1831 und des Januaraufstandes 1863. Später entstanden auch die ersten Organisationen der polnischen Arbeiterbewegung. 1882 gründete Ludwik Waryński hier die erste sozialistische Partei Wielki Proletariat. Ab 1918 war Warschau dann wieder die Hauptstadt des unabhängigen Polens. Wichtigstes kirchengeschichtliches, religiöses und staatliches Symbol der Altstadt (neben dem Königsschloss) ist die Erzbischöfliche Kathedrale des Martyriums des Johannes des Täufers (Bazylika Archikatedralna p.w. Męczeństwa św Jana Chrzciciela) in der ul. Świętojańska, auf halbem Wege zwischen dem Königsschloss und dem Marktplatz. Die erste steinerne Kirche an dieser Stelle entstand im 15. Jahrhundert, als hier das ursprüngliche hölzerne Bauwerk ersetzt wurde. Später erfolgten mehrere Um- und Erweiterungsbauten. Nach einem Brand im Jahr 1602, bei dem die Kirche vollständig verwüstet wurde, zog sich der Wiederaufbau über das ganze 17. und 18. Jahrhundert hin. In den Jahren 1837 bis 1840 wurde das Gotteshaus im Stil der englischen Neogotik noch einmal durchgreifend umgestaltet.174 In einem Seitenschiff der Kirche befindet sich ein Renaissancegrabmal der letzten Herzöge von Mazowsze, Janusz und Stanisław, sowie das Epitaph des Sejm-Marschalls Stanisław Małachowski, der als maßgeblicher Urheber der Verfassung von 1791 gilt. In der Krypta sind die Warschauer Erzbischöfe bestattet, außerdem Gabriel Narutowicz, der 1922 ermordete polnische Staatspräsident, sowie der Schriftsteller Henryk Sienkiewicz. Hinzu kommen Gedenktafeln für Priester der Erzdiözese Warschau, die im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten ermordet wurden, und auch für Pfadfinder, die im Warschauer Aufstand 1944 gefallen sind. Direkt neben der Kathedrale steht die Gründungskirche der Jesuiten in Polen aus dem frühen 17. Jahrhundert, Sanktuarium Matki Bożej Łaskawej/Unserer Lieben Frau der Gnade. Der Marktplatz in der Altstadt war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts das Zentrum des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Hier empfingen die Bürger 1764 den neu gewählten König Stanisław August Poniatowski, hier setzte sich am 2. Dezember 1789 die sogenannte Schwarze Prozession in Bewegung, als etwa 50 Fahrzeuge mit Warschauer Bürgern zum Königsschloss fuhren, um Poniatowski ein Memorandum zu den Bürgerrechten vorzulegen. Die Demonstration, die vom damaligen Stadtpräsidenten Jan Dekert angeführt wurde, erregte große Aufsehen. Ein Teil der Forderungen des Memorandums gingen in die Verfassung vom 3. Mai 1791 ein. 174 Zum Wiederaufbau der Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg siehe S. 65 in dieser Publikation. 3. Erkundungen 148 Blick auf eine Häuserzeile am Marktplatz in der Altstadt (Quelle: Vetter). Alle vier Seiten des Marktplatzes tragen einen bestimmten Namen. So ist die Westseite nach Hugo Kołłątaj benannt,175 während die nördliche Seite den Namen von Jan Dekert trägt.176 Die östliche Seite erinnert an Franciszek Barss,177 Namensgeber der südlichen Seite ist Ignacy Zakrzewski.178 Auf der Westseite ist das Haus Nr. 27 nach Florian Fukier benannt, ein Nachfahre der Augsburger Familie Fugger. Beim Wiederaufbau des Gebäudes wurde auch der dortige, 300 Jahre alte Weinkeller restauriert. Im Haus Nr. 21a wohnte Hugo Kołłątaj, im Haus Nr. 42 der Dekert-Seite befindet sich der Eingang zum Historischen Museum der Stadt Warschau/Muzeum Historyczne Miasta Warszawy, das sich in mehreren miteinander verbundenen Häusern befindet. Dort werden Straßenpläne, Ansichten, Skulpturen und Porträts zur Geschichte der Stadt von den Anfängen bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt. Auf der 175 Hugo Kołłątaj (1750–1812), Philosoph, Historiker und Publizist, zählte als Mitglied der so genannten Kommission der Nationalen Erziehung (Komisja Edukacji Narodowej) zu den führenden Reformern des späten 18. Jahrhunderts. 176 Jan Dekert (1738–1790), polnischer Kaufmann deutscher Abstammung, ab 1789 für kurzen Zeit Warschauer Stadtpräsident. 177 Franciszek Barss (1760–1812), Publizist, Übersetzer, Diplomat, ebenfalls einer der Reformer der damaligen Zeit, der mit Projekten zur Reform der städtischen Verfassung und des Justizsystems hervortrat. 178 Ignacy Zakrzewski (1745–1802), Stadtpräsident und Kommandant der Bürgermiliz während des Kościuszko-Aufstandes 1794. 3.1. Das historische Zentrum: Altstadt und Neustadt 149 nach Barss benannten Seite befindet sich in Haus Nr. 20 das Mickiewicz-Literaturmuseum/Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza, benannt nach dem berühmten Dichter der Romantik. Im Haus Nr. 5 auf der Zakrzewski-Seite ist das traditionelle Restaurant „Bazyliszek“ untergebracht. Die Kirche des Hl. Martin/Kościół św. Marcina in der ul. Piwna war Schauplatz eines berühmten Hungerstreiks zwischen dem 24. und 31. Mai 1977, mit dem Mitglieder und Anhänger des oppositionellen Komitees zur Verteidigung der Arbeiter/ Komitet Obrony Robotników (KOR) gegen die Inhaftierung von Mitgliedern des Komitees und auch von Arbeitern, die an den Unruhen 1976 in Radom und Ursus beteiligt waren, protestierten – unter ihnen Barbara Toruńczyk, Stanisław Barańczak, Bohdan Cywiński und Henryk Wujec. Der spätere Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki versorgte die polnische Öffentlichkeit mit Nachrichten über den Hungerstreik. Schließlich wurden die Inhaftierten im Zuge einer Amnestie am 22. Juli 1977 freigelassen. Die Martinskirche war ursprünglich ein gotisches Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert, wurde dann aber mehrfach umgestaltet. Im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie wieder ihre spätbarocke Form, die sie vor der Zerstörung gehabt hatte. In der ul. Piwna wohnte zeitweise auch der Außenminister Bronisław Geremek (1932–2008).179 Geht man durch den Torbogen des Glockenturms der Kathedrale und dann entlang der kleinen ul. Dziekania kommt man zu einem kleinen malerischen Platz, der von barocken Häusern umsäumt ist, die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurden. In einem dieser Häuser wohnte Stanisław Stomma.180 Gleich nebenan (Nr. 20–22) findet sich seit 2006 die kleine Gedenkstätte für den polnischen General und CIA-Mitarbeiter Ryszard Kukliński/Izba Pamięci Generała Kuklińskiego.181 Am Übergang der Altstadt zur Neustadt steht das gewaltige Tor (Barbakan) der Stadtmauer, deren Ursprünge bis auf die Befestigungsanlagen im 16. Jahrhundert zurückgehen. Um 1800 wurde das Tor sogar in die umliegende Bebauung einbezogen und zu Wohnzwecken genutzt. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg muss- 179 Vetter, Reinhold: Bronisław Geremek. Der Stratege der polnischen Revolution, Berlin 2014. Siehe auch die S. 204 in dieser Publikation. 180 Stanisław Stomma (1908–2005), Jurist, Publizist und Politiker, gehörte in den 1950er Jahren zu den Mitbegründern der Klubs der Katholischen Intelligenz/Kluby Inteligencji Katolickiej, protestierte im Februar 1976 gegen die Novellierung der polnischen Verfassung, mit der die „führende Rolle“ der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei und das „feste Bündnis Polens mit der Sowjetunion“ festgeschrieben werden sollte. Stomma war damals Abgeordneter der katholischen Gruppe Znak im Sejm. Siehe auch Ptaszyński, Radosław: Stommizm. Biografia polityczna Stanisława Stommy, Krakau 2018. Ebenso Pailer, Wolfgang: Stanisław Stomma, Bonn 1995. 181 Ryszard Kukliński (1930–2004), ab 1964 Offizier im Generalstab des polnischen Militärs, arbeitete ab 1972 mit der amerikanischen CIA zusammen und informierte diese besonders über die Stationierung der sowjetischen Armee in Polen. Durch Kukliński dürften die USA auch vorab über die Verhängung des Kriegszustandes im Dezember 1981 in Polen informiert gewesen sein. Am 7.11.1981 floh Kukliński zunächst nach Westberlin, dann in die USA, wo er später für das amerikanischen Verteidigungsministerium arbeitete. 1984 wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Später wurde das Urteil in eine Gefängnisstrafe umgewandelt und dann ganz aufgehoben. In der Folgezeit erhielt Kukliński in Polen eine ganze Reihe von Ehrungen. Seine sterblichen Überreste liegen auf dem Powązki-Friedhof in Warschau. 3. Erkundungen 150 ten auch die Stadtmauer und das Tor rekonstruiert werden. Der Barbakan wird heute für wechselnde Ausstellungen genutzt. Jenseits der Stadtmauer an der ul. Podwale stehen zwei Denkmäler, die unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Gestaltung viel über die Hintergründe ihrer Entstehung aussagen. Da ist zum einen die große Statue des Schusters Jan Kiliński, der im Jahr 1794 zu den Anführern des Aufstandes unter Tadeusz Kościuszko gegen die russische Besatzungsmacht gehörte. Die Figur, die aus dem Jahr 1936 stammt und 1959 erneut aufgestellt wurde, strahlt Selbstbewusstsein und Kampfeswillen aus und ist somit ein seit jeher allgemein anerkanntes Symbol polnischen Freiheitswillens und des Kampfes um nationale Unabhängigkeit. Demgegenüber verweist das Denkmal des kleinen Aufständischen/Pomnik Małego Powstańca von 1983 darauf, dass sich die vormaligen kommunistischen Machthaber in Polen nur schrittweise zu einer Würdigung des Warschauer Aufstandes von 1944 durchringen konnten.182 Die Statue zeigt einen vorsichtigen, eher finster blickenden kleinen Kämpfer, der nicht gerade Selbstbewusstsein ausstrahlt. Von der Stadtmauer bietet sich auch ein schöner Blick auf die barocke Heilig-Geist-Kirche/Kościół św. Ducha aus dem frühen 18. Jahrhundert. Gleich hinter dem Barbakan auf der rechten Seite steht die frühbarocke Dominikanerkirche/Kościół Dominikanów aus dem 17. Jahrhundert, die ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurde und inzwischen als Pfarrkirche dient. Zu den dortigen Dominikanern gehört auch der renommierte Theologe Jacek Salij.183 Der Marktplatz in der Neustadt wird dominiert von der eindrucksvollen Kirche der Sakramentinerinnen/Kościół Sakramentek. Über dem Kirchenschiff auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes erhebt sich eine gewaltige Kuppel, die weithin sichtbar ist. Der Bau des Gotteshauses geht zurück auf eine Stiftung von Maria Kazimiera Sobieska zum Andenken an den Sieg der katholischen Verbündeten über das türkische Heer 1688/89 vor Wien unter dem Kommando ihres Gemahls, des polnischen Königs Jan III. Sobieski. Unweit am Rande der Uferböschung zur Weichsel steht Warschaus älteste Kirche (aus dem 15. Jahrhundert), allerdings in der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellten neogotischen Gestalt von 1906 bis 1915: die Kirche der Heimsuchung der allerheiligsten Jungfrau Maria/Kościół Nawiedzenia Najświętszej Marii Panny. Von hier bietet sich ein schöner Blick auf die Weichsel und das gegenüberliegende Ufer mit dem Stadtteil Praga. Die nahe gelegene Kirche des heiligen Benno (Kościół św. Benona) wurde im Auftrag von Mitgliedern der Bruderschaft des Heiligen Benno, die in Warschau lebten, im Stil des Barock erbaut und später von den polnischen Redemptoristen übernommen. Während des Warschauer Aufstandes 1944 von der Wehrmacht niedergebrannt, wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut. Nahe der Alt- und Neustadt am Plac Krasińskich steht das eindrucksvolle Gebäude des Obersten Gerichts (Sąd Najwyższy) von 1999. An den Stützpfeilern der Au- 182 Siehe S. 35 ff in dieser Publikation. 183 Der Thomist Jacek Salij (geb.1942) ist Professor der Theologie, Autor einer Reihe von theologischen Standardwerken und Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Schon in den 1970er Jahren nahm er an den intellektuellen Debatten der demokratischen Opposition teil. Zuletzt wurde er von Staatspräsident Andrej Duda mit einem staatlichen Verdienstorden ausgezeichnet. 3.1. Das historische Zentrum: Altstadt und Neustadt 151 ßenfassade sind insgesamt 86 Inschriften angebracht. Dabei handelt es sich um lateinische, vorwiegend römische Rechtsprinzipien, jeweils mit Quellenangaben und polnischer Übersetzung. Hauptquelle der Inschriften ist der Corpus Iuris Civilis, also die Kodifikation des Römischen Rechts aus dem 6. Jahrhundert n. Chr., wie zum Beispiel: „Qui munus publice mandatum accepta pecunia ruperunt, crimine repetundarum postulantur“ („Wer das ihm übertragene Amt durch Annahme von Geldgeschenken missbraucht, wird wegen Bestechung gerichtlich belangt“).184 Beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen in den Monaten Mai bis September ist die multimediale Show mit Wasserspielen sowie Licht- und Toneffekten, die auf dem Freigelände unterhalb der Alt- und Neustadt an der Weichseluferstraße präsentiert wird. Auf einem Schirm aus gestreutem Nebel erscheinen Animationen über die Geschichte Warschaus. Natürlich gibt es dort auch gastronomische Angebote. Auf einem Spielplatz können Kinder im Wasser, das aus Fontänen emporschießt, plantschen. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg Der Königsweg (Trakt Królewski) ist eine der Lebensadern Warschaus und zählt zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Kaum eine andere Stadt auf der Welt verfügt über eine repräsentative Straße in dieser Länge. Ursprünglich bezeichnete man die etwa vier Kilometer lange Strecke bis zum Łazienki-Park und dem Palast Belweder als Königsweg. Später wurde auch die weitere Straßenführung bis zum zehn Kilometer entfernten Sobieski-Schloss in Wilanów miteingeschlossen. Historisch gesehen setzt sich der „Königstrakt“ aus drei repräsentativen Straßenzügen zusammen: ul. Krakowskie Przedmieście, ul. Nowy Świat und Al. Ujazdowskie. Durch die später gebauten Straßen ul. Belewederska, ul. Jana III. Sobieskiego und Al. Wilanowska ist er mit Wilanów verbunden. Die gesamte Trasse verläuft in einem Abstand zwischen einigen Hundert Metern bis zu zwei Kilometern etwa parallel zur Weichsel. Von morgens bis abends pulsiert das Leben in den Straßen Nowy Świat und Krakowskie Przedmieście – fast unabhängig von der Tageszeit, dem Wochentag und dem Wetter. Die einen hetzen zur Arbeit oder kehren müde von dort zurück, andere sitzen in den Cafés und Restaurants, wieder andere gehen einkaufen oder genießen einfach einen Spaziergang. Hinzu kommen die vielen einheimischen und ausländischen Touristen. Kaum ein Gebäude, in dem kein Geschäft, Restaurant oder Café untergebracht ist. Schade nur, dass es der Stadtverwaltung bisher nicht gelungen ist, den regen Verkehr der PKW und städtischen Busse vollständig in Parallelstraßen zu verbannen. Der Sicherheit aller Passanten würde dies sicher nutzen, ebenso wie der Qualität der Luft. Lediglich an den Wochenenden sind Nowy Świat und Krakowskie Przedmieście für den gesamten Verkehr gesperrt. 3.2. 184 Wołodkiewicz, Witold: Regulae iuris. Łacińskie inskrypcje na kolumnach Sądu Najwyższego Rzeczypospolitej, Warschau 2001. 3. Erkundungen 152 Symbole staatlicher und gesellschaftlicher Macht185 Das ganze Panorama der erhalten gebliebenen bzw. wiederaufgebauten Paläste, Residenzen und anderer repräsentativer Bauwerke entlang des Königswegs ist beeindruckend. In dieser Vielfalt spiegelt sich die politische, gesellschaftliche und kulturelle Geschichte Polens seit Beginn der Neuzeit um 1500 – die Phasen nationaler Unabhängigkeit ebenso wie die der Fremdherrschaft. Das Schloss (Zamek Królewski) als langjährige Residenz der polnischen Könige am Rande der Altstadt nimmt dabei natürlich eine zentrale Stellung ein. Bereits im 14. Jahrhundert befand sich an dieser Stelle eine Burg der Fürsten von Mazowsze, von der Reste eines Turms an der Ostseite und eine gotische Mauer auf dem Innenhof zeugen. Der Władysław-Turm mit seinem manieristischen Portal stammt aus der Zeit um 1570. Eine grundlegende Umgestaltung im frühbarocken Stil erfuhr das Schloss in den Jahren 1598 bis 1619. Spätbarocke Formen bestimmen die Fassade zur Weichsel hin, die auf Karl Friedrich Pöppelmann zurückgehen, den Sohn des Schöpfers des Dresdner Zwingers. Während der Amtszeit des Königs Stanisław II. August Poniatowski (1764–1795) wurden der Bibliotheksflügel hinzugefügt und die Innenräume des Schlosses klassizistisch umgestaltet. Bereits seit dem 16. Jahrhundert war das Schloss nicht mehr Privateigentum des Königs, sondern des Staates, so dass hier auch Staatsakte wie die die Verabschiedung der Verfassung vom Mai 1791 stattfanden. Nach deutschen Luftangriffen und Artilleriebeschuss erfasste am 17. September 1939 ein großer Brand das Bauwerk. Zum Glück konnten große Teile der Innenausstattung rechtzeitig ausgelagert werden, darunter Gemälde, Skulpturen, Kamine und andere architektonische Fragmente. Um das Schloss als Symbol polnischer Staatlichkeit „endgültig“ zu zerstören, wurden die baulichen Reste durch die deutschen Besatzer im Herbst 1944 in die Luft gesprengt. Der Wiederaufbau erfolgte dann erst in der ersten Hälfte der 1970er Jahre186, die Fertigstellung der Innenräume dauerte dann sogar bis 1988 an. Der Ballsaal im Inneren des Schlosses beeindruckt vor allem durch die künstlerische Gestaltung der 17 Säulenpaare, mit denen die Leistung von König Stanisław II. August Poniatowski als Kunstmäzen herausgestellt wird. Der Senatorensaal erinnert an die dortige Verabschiedung der Verfassung vom 3. Mai 1791, im Audienzsaal ist der damalige Thron des Königs zu besichtigen. Porträts der Könige, die Marcello Bacciarelli als Hofmaler Poniatowskis erstellt hat, bestimmen das Marmorzimmer. Im Canaletto-Raum befinden sich 23 Stadtlandschaften, ein Werk des venezianischen Malers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto (1720–1780). Das Königsschloss ist heute ein zentraler Zielpunkt für in- und ausländische Touristen, Kunstliebhaber und 185 Der Autor erhebt für das gesamte Kapitel über den „Königsweg“ nicht den Anspruch, die erwähnten Bauwerke und Kunstdenkmäler historisch, politisch und kunsthistorisch umfassend zu beschreiben. Das ist auf dem begrenzten Raum, der zur Verfügung steht, nicht möglich. Vielmehr geht es nur um einige zentrale Aussagen zum Stellenwert und der Einordnung der jeweiligen Objekte. Angesichts der Fülle muss die Liste der besprochenen Objekte auch unvollständig bleiben. 186 Siehe S. 115 ff in dieser Publikation. 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 153 historisch Interessierte, auch Ort staatlicher Feierlichkeiten, von Konferenzen und Kulturveranstaltungen.187 An der Südseite des Schlosses steht der Lubomirski-Palast, der auch Palast unter dem Blechdach (Pałac pod Blachą) genannt wird, weil er schon im 18. Jahrhundert ein Dach aus Blech aufwies. Das Bauwerk von 1720 war Sitz des königlichen Neffen, des am 19. Oktober 1813 bei der Völkerschlacht bei Leipzig gefallenen Marschalls von Frankreich Fürst Józef Antoni Poniatowski. Der barocke, später klassizistisch umgebaute Palast des polnischen Staatspräsidenten (Pałac Prezydencki), auch Statthalter-Palast (Pałac Namiestnikowski) genannt,188 war lange Zeit im Besitz des Großadels, zunächst der Lubomirskis, dann der Familie Radziwiłł. 1818, drei Jahre nach dem Wiener Kongress, wurde der Palast Sitz des ersten russischen Statthalters von Kongresspolen, General Józef Zajączek. In der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude als Amtssitz des polnischen Ministerpräsidenten und der gesamten Regierung. Unter der deutschen Besatzung wurde in dem Palais das „Deutsche Haus“ untergebracht, ein Zentrum für in Warschau lebende Deutsche. Im Mai 1955 wurde hier der Warschauer Pakt gegründet.189 Am 7. Dezember 1970 unterzeichneten hier der damalige polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz und Bundeskanzler Willy Brandt den deutsch-polnischen Vertrag zur Normalisierung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen.190 Außerdem fanden in dem Palast im Frühjahr 1989 die berühmten Verhandlungen am Runden Tisch statt, mit denen die Weichen für die Umwandlung Polens in eine parlamentarische Demokratie und eine Marktwirtschaft gestellt wurden.191 Seit 1995 residiert hier der polnische Staatspräsident. Auch das spätbarocke Palais gegenüber dem Präsidentenpalast erinnert an die Besitz- und Wohnverhältnisse des Großadels in Polen. Nacheinander gehörte es den Dönhoffs, Czartoryskis, Lubomirskis und Potockis. In der Zwischenkriegszeit war hier die schwedische Botschaft untergebracht. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde es rekonstruiert, wobei vom ursprünglichen Palais nur die Wache mit den Skulpturen und die Tore erhalten geblieben sind. Besucher bewundern vor allem das wunderschöne Gitter an den Toren. Heute ist das Palais Sitz des Ministeriums für Kultur und nationales Erbe (Ministerstwo Kultury i Dziedzictwa Narodowego). 187 So fand im Schloss bspw. eine Feier zum 40. Jahrestag des epochalen Besuchs von Willy Brandt im Dezember 1970 in Warschau statt. Siehe Vetter, Reinhold: Willy Brandt und Polen. Gemeinsames Gedenken der Präsidenten Komorowski und Wulff am 7. Dezember 2010 in Warschau. Polen-Analyse, Nr. 81, 12.10.2010. 188 An der ul. Krakowskie Przedmieście zwischen dem skwer Adama Mieckiewicza und der ul. Karowa. 189 Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand. Text unter www.documen tarchiv.de/ddr/1955/warsschauer-pakt.html 190 Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen. Text unter www.documentarchiv.de/brd/ 1970/Warschauer-Vertrag.html. 191 Siehe S. 200 ff in dieser Publikation. 3. Erkundungen 154 An der ul. Wiejska 4–6 befindet sich ein großer Gebäudekomplex, der die Sitzungssäle des Sejms und des Senats, also der beiden Kammern des Parlaments, die parlamentarische Verwaltung, Archive, ein Hotel für die Abgeordneten sowie die Kanzlei des Staatspräsidenten umfasst. Der eindrucksvolle Plenarsaal des Sejms in Form eines überdachten Amphitheaters wurde in den 1920er Jahren nach einem Entwurf des Architekten Kazimierz Skórewicz erbaut und nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs 1948/49 rekonstruiert. In diesem Saal wurde die so genannte April-Verfassung von 1935 verabschiedet, die dem Präsidenten weitgehende Vollmachten einräumte, ebenso die stalinistische Verfassung von 1952. Hier hielt der erste nachkommunistische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki am 12. September 1989 seine berühmte Rede, bevor der Sejm seinem Kabinett und dessen Programm zustimmte. Die Geschichte des Ujazdów-Schlosses (Zamek Ujazdowski) an der hohen Weichselböschung nahe der Stadtautobahn Trasa Łazienkowska geht bis auf das Mittelalter zurück, als hier eine Burg der Herzöge von Mazowsze stand. Später baute man an der Stelle eine kleine Residenz, die dem König und seinem Gefolge für die Jagd diente. Später wurde das Anwesen zu einem großen barocken Schloss erweitert, das Züge einer militärischen Festung annahm. Zeitgenössische Spötter meinten, aus dem Schloss sei schließlich der „Witwensitz“ der Jagiellonen geworden. Tatsächlich residierte hier zwischen 1548 und 1556 die Prinzessin Bona Sforza, bevor sie in ihre süditalienische Heimatstadt Bari zurückkehrte. Als Gattin des Jagiellonen-Königs Zygmunt I. Stary und damit Königin von Polen sowie Großfürstin von Litauen hatte sie zwischen 1518 und 1548 vielfältige Initiativen ergriffen, indem sie unter anderem Schulen und Hospitäler bauen ließ. Später war das Ujazdowski-Schloss auch Wohnsitz der polnisch-litauischen Prinzessin Anna Jagiellonka, Gattin des aus Ungarn stammenden polnischen Königs Stefan Batory, die hier zwischen 1586 und 1596 residierte. In der Folgezeit diente das Schloss zunächst als Kaserne, später als Militärkrankenhaus. Während des Zweiten Weltkriegs durch die deutsche Wehrmacht erheblich zerstört, wurde es erst ab 1975 im ursprünglichen frühbarocken Stil rekonstruiert. Seit 1981 ist es Sitz des Zentrums für zeitgenössische Kunst (Centrum Sztuki Współczesnej). Das Gebäude des Ministerrates, wie in Polen die Regierung genannt wird, bietet viel Anschauungsmaterial für die Geschichte des Landes in den letzten 200 Jahren, denn nach 1900 war das spätklassizistische Bauwerk an der Aleje Ujazdowskie gegen- über dem Łazienki-Park Sitz des russischen Kadettenkorps Alexander Suworow. Im Ersten Weltkrieg wurde dort ein Krankenhaus für verletzte Soldaten und Offiziere eingerichtet, das die deutsche Besatzungsmacht Festungslazarett Nr. 1 nannte. Ab 1920 war das Gebäude Sitz einer Ausbildungsstätte für Unteroffiziere und der Generalinspektion der polnischen Armee. In einem Seitenflügel befand sich die zentrale Militärbibliothek. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde es in den Jahren 1946 bis 1948 wiederaufgebaut. Zunächst tagte hier der Staatsrat, im Jahr 1953 nahm hier der Ministerrat seine Arbeit auf. Seit 1997 trägt der Hauptflügel des Ge- 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 155 bäudes den Namen Kancelaria Prezesa Rady Ministrów (Kanzlei des Ministerpräsidenten). Der Sitz des Ministerrats (Quelle: Wikimedia Commons). Von seinem Büro im ersten Stock hat der Regierungschef einen schönen Blick auf den Łazienki-Park. War in sozialistischen Zeiten der Plac Defilad vor dem Kulturpalast der bevorzugte Ort für offizielle Aufmärsche, so fanden nach der Machtübernahme der polnischen Nationalkonservativen unter Jarosław Kaczyński im Jahr 2015 Militärparaden bevorzugt auf der Aleje Ujazdowski vor dem Gebäude des Ministerrates statt. Schon ab 1989 war der Ort aber auch Schauplatz regierungskritischer Demonstrationen. Auf der Rückseite des gesamten Komplexeses an der Aleja Jana Chrystiana Szucha befindet sich der Sitz des polnischen Verfassungsgerichts (Trybunał Konstytucyjny). Mit einer Fläche von 80 Hektar ist der Łazienki-Park (Łazienki Królewskie, wörtlich: die königlichen Bäder) die größte Parkanlage in Warschau. Genau genommen besteht das Terrain aus zwei Teilen, dem botanischen Garten (Ogród Botaniczny) und dem eigentlichen Park. Ohne Zweifel handelt es sich um den schönsten Landschaftspark in ganz Polen. Außerdem sind die „königlichen Bäder“ der Lieblingspark vieler Warschauer, die dort, fast obligatorisch, mit ihren Familien den Sonntagvormittag verbringen. Vor allem Kinder und ältere Menschen lieben es, die vielen Eichhörnchen im Park zu füttern. Es soll Menschen geben, die dies jeden Tag tun, bei Wind und Wetter. 3. Erkundungen 156 All das hat Tradition, denn schon die polnischen Könige suchten auf dem Terrain Entspannung, Erholung und Zeitvertreib. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts existierte hier ein Tiergarten, wo unter anderem Auerochsen lebten. Wegen der hier sprudelnden Heilquellen wurde 1674 ein Pavillon mit Bädern gebaut. Der letzte polnische König, Stanisław II. August Poniatowski, ließ dieses Badehaus sogar zu seinem Sommersitz mit dem Palast auf der Insel (Pałac na Wypie) ausbauen. Die Südfassade des Bauwerks wird von dem Portikus mit den vier korinthischen Säulen dominiert, während die Skulpturen an der Nordfassade die vier Jahreszeiten, die vier Elemente und die fünf Kontinente symbolisieren. Im Inneren können Besucher vor allem die Rotunde, den Ballsaal und den Baderaum besichtigen. Aber die gesamte Parkanlage birgt noch weitere architektonische und kunsthistorische Kostbarkeiten. So ließ der König für seine Mätresse Elżbieta Grabowska das Weiße Häuschen (Biały Domek) errichten, das nach dem Vorbild des Petit Trianon in Versailles gestaltet ist. Mit der Alten Orangerie (Stara Oranżeria) wurde auch ein Theater für den König gebaut, von dem es heißt, dass ihm die schönen Künste lieber gewesen seien als die Staatsgeschäfte. Ebenso entstand ein Freilufttheater (Amfiteatr) in Gestalt einer Ruine mit antiken Säulen, bei dem die Bühne durch einen Kanal vom Zuschauerraum getrennt ist, der das Anlanden kleinerer Schiffe als Teil der Dramaturgie ermöglicht. Das Jagdschloss (Pałac Myślewicki) diente zeitweise als Residenz des königlichen Neffen Fürst Józef Poniatowski. In späteren Zeiten wurde das Gebäude als Gästehaus der polnischen Regierung genutzt. Hier nächtigten unter anderem Indira Gandhi, Josip Broz Tito und Richard Nixon. Teil des Łazienki-Komplexes ist auch das Palais Belvedere (Pałac Belwederski) an der Aleje Ujazdowskie. 1770 ließ Stanisław II. August Poniatowski hier eine Porzellanmanufaktur einrichten, die sich vor allem an chinesischen Motiven und Formen orientierte. Produkte der Manufaktur können heute im Warschauer Nationalmuseum besichtigt werden. Zwischen 1817 und 1830 residierte hier Großfürst Konstantin Romanow als russischer Statthalter. In der Nacht vom 29. auf den 30. November 1830 griffen rebellierende polnische Offiziere aus der Kadettenschule auf dem Łazienki- Gelände unter Führung von Ludwik Mierosławski das Palais Belvedere an, um Konstantin Romanow gefangen zu nehmen, was aber misslang. Auf jeden Fall löste dies den Novemberaufstand von 1830/31 aus. Bis zum Ersten Weltkrieg stand das Palais den russischen Besatzungsbehörden zur Disposition. Während dieses Krieges residierte hier der deutsche Generalgouverneur Hans von Beseler. Nach Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit durch Polen im Jahr 1918 war das Palais Sitz des Staatsgründers Józef Piłsudski sowie der Staatspräsidenten Gabriel Narutowicz und Stanisław Wojciechowski, zwischen 1926 und 1935 erneut von Piłsudski als faktischem Staatsoberhaupt. Während des Zweiten Weltkriegs macht der in Krakau residierende deutsche Generalgouverneur Hans Frank das Palais zu seiner Warschau Dependance. Nach dem Zweiten Weltkrieg fungierte das Palais als Sitz des Staatsrates, dann residierte hier zwischen 1990 und 1994 Arbeiterführer Lech Wałęsa als Staatspräsident. Anschließend verlegte Wałęsa den Sitz des Staatsoberhauptes in das Statthalter-Palais an der ul. Krakowskie Przedmieście. Das Palais dient heute repräsentativen Zwecken des Staatspräsidenten. Neben dem Belvedere erinnert ein klei- 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 157 ner Platz an Jerzy Giedroyc, den Gründer und langjährigen Chefredakteur der berühmten polnischen Exilzeitschrift Kultura in Maison-Laffitte nahe Paris. Auf der anderen Straßenseite befindet sich das polnische Verteidigungsministerium. Das wohl schönste Schloss in und um Warschau ist die barocke Sommerresidenz des Königs Jan III. Sobieski (1629–1696) am Ende des Königswegs ganz im Süden der Hauptstadt. Nicht zu Unrecht spricht man vom polnischen Versailles. Der Name Wilanów geht auf „Villa Nova“ zurück, wie das Anwesen ursprünglich genannt wurde. Nach dem Tod des Königs war das Schloss im Besitz August II. des Starken (1670– 1733), danach 1694 des Kurfürsten und Herzogs von Sachsen sowie 1697 des Königs von Polen-Litauen und der adligen Familien der Sieniawskis, Lubomirskis, Czartoryskis, Potockis und Branickis. Nach dem Warschauer Aufstand 1944 wurde es von den deutschen Besatzern geplündert und in Brand gesetzt, später im barocken Stil wiederaufgebaut. Im Sobieski-Schloss wohnte Willy Brandt, als er im Dezember 1970 den deutsch-polnischen Normalisierungsvertrag unterzeichnete und zu seiner berühmten Versöhnungsgeste vor dem Denkmal für die jüdischen Aufständischen im Warschauer Ghetto niederkniete. Die Gartenfront des Schlosses in Wilanów (Quelle: Wikimedia Commons) Die architektonische und künstlerische Gestaltung des Schlosses diente vorrangig dem Ziel, die Leistungen und den Ruhm des Königs herauszustellen. Tatsächlich stand Sobieski an der Spitze der vereinigten Truppen des Heeres des Heiligen Römischen Reiches und des polnischen Militärs, das in der berühmten Schlacht am Kahlenberg bei Wien 1683 das türkische Heer vernichtend schlug. So sollen die Skulptu- 3. Erkundungen 158 ren an der Vorderfront des Schlosses die militärischen Erfolge Sobieskis symbolisieren und ihn in eine Reihe mit antiken Helden wie Alexander dem Großen und Herakles stellen. Auf der Gartenseite wurden Fresken angebracht, die Zyklen aus Homers Odyssee und Vergils Aeneis. Eine originelle Sonnenuhr auf der Südseite zeigt Chronos, den Gott der Zeit. Die Innenausstattung in den Stilrichtungen des Barock, Rokoko und Klassizismus umfasst insbesondere die Bibliothek, das große Esszimmer, die privaten Gemächer des Königs mit Originalmöbeln, das Potocki-Museum im Etruskersaal mit zahlreichen antiken Skulpturen aus der Sammlung der Potockis sowie die Wohnräume mit zahlreichen Gemälden, darunter das bekannte Porträt Sobieskis als Befehlshaber hoch zu Ross. Um das Schloss herum erstreckt sich ein sehr regelmäßig gestalteter barocker Garten, weiter entfernt liegt ein englischer Landschaftsgarten mit romantischen Bauten wie einer chinesischen Pagode, einer japanischen Brücke und einem mittelalterlich stilisierten Wasserturm. In der Weihnachtszeit findet in Schloss und Park eine Lichtershow statt, die beides in eine Art magischen Ort verwandelt. Ein Stück Kirchengeschichte Am Königsweg stehen einige der schönsten und interessantesten Kirchen Warschaus – oft direkt neben bedeutenden politischen Bauwerken aus Geschichte und Gegenwart. Diese Gotteshäuser sind ein wichtiges Element der polnischen Kirchengeschichte, etwa der Ordensgemeinschaften, sowie Symbole der engen Verbindung zwischen Nation und Kirche in der Geschichte Polens. In bestimmten historischen Perioden stand die Kirche in enger Verbindung zur Staatsmacht, aber sie war wiederholt auch Teil bzw. wohlwollender Befürworter der Opposition gegen die Machthabenden, wie besonders in den sozialistischen Zeiten. Im 19. Jahrhundert, als Polen kein eigener Staat war, war die Kirche eine wichtige Stütze nationalen Behauptungswillens. Direkt neben dem Königsschloss nahe der Altstadt markiert die Bernhardinerkirche der Hl. Anna (Pobernardyński Koścół św. Anny) den Beginn des Königswegs.192 Die Geschichte dieser Kirche ist eng verbunden mit der Arbeit des Bernhardinerordens, dessen Mönche erstmals 1467 in Polen tätig wurden. Kirche und Kloster, 1533 im gotischen Stil fertiggestellt, waren nach dem Kloster in Krakau die zweite Niederlassung der Bernhardiner in Polen. Die Anlage wurde in den Jahren 1660 bis 1667 im barocken Stil umgebaut, wobei der Chor und der Kreuzgang des Klosters im gotischen Stil erhalten blieben. Zwischen 1786 und 1788 erhielt die Kirche eine klassizistisch geprägte Fassade. Sowohl der Bau des Gotteshauses als auch die spätere Umgestaltung wurden wesentlich mit Mitteln des polnischen Großadels finanziert, besonders der Radziwiłłs und der Potockis. Ab 1928 diente die Kirche auch der katholischen Studentengemeinde der Warschauer Universität. 192 Siehe unter anderem Traczyński, Krzysztof: Kościół św. Anny. Historia i zagrożenia, in Stolica, Nr. 6–7/2017. 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 159 Nach einem Brand im Jahr 1994, bei dem besonders das Dach und der Glockenturm in Mitleidenschaft gezogen wurden, erfolgte der Wiederaufbau in den Jahren 1946 bis 1962, wobei 1949 wegen der Untertunnelung der Stadtautobahn Trasa W-Z Probleme auftraten, da eine der Außenmauern abzurutschen drohte. Doch mittels eines speziellen Elektrolyseverfahrens konnte die Böschung befestigt und damit die Au- ßenmauer gesichert werden. Die Kirche der Himmelfahrt Mariä und des Hl. Joseph (Kościół Wniebowzięcia Najświętszej Maryi Panny i św. Józefa) am Ende des Mickiewicz-Platzes gleich neben dem Präsidentenpalast war eine der ersten Niederlassungen des Karmeliterordens in Polen. Ursprünglich im Stil des Barock errichtet, erhielt sie später eine klassizistische Fassade. Die Kirche ist eine der wenigen Sakralbauten in der Warschauer Innenstadt, die während des Zweiten Weltkriegs nicht zerstört wurden. Deswegen wurde ihr direkt nach dem Krieg bis zum Wiederaufbau der Johannes-Kathedrale die Funktion der Bischofskirche zuerkannt. Als Warschaus schönster Sakralbau gilt die Kirche der Visitantinnen (Kościół Wizytek) unweit der Universität. Der Orden von der Heimsuchung Mariens, in Deutschland auch Salesianerinnen genannt, wurde bereits 1654 von Luisa Maria Gonzaga, der Ehefrau des Königs Jan II. Kazimierz (1609–1672) aus Frankreich nach Polen geholt. Die Kirche im Stil des Klassizismus wurde in zwei Bauphasen (1728–1733 und 1765– 1766) errichtet. Eindrucksvoll ist vor allem die Fassade, die durch Säulenpaare gegliedert ist. Auch diese Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört. Sie ist bis heute bei Hochzeitspaaren sehr beliebt. Die Heilig-Kreuz-Basilika (ul. Krakowskie Przedmieście 3) war wiederholt Schauplatz politisch-patriotischer Ereignisse. So hielt der Sejm hier am 3. Mai 1792 eine Jubiläumssitzung ab, ein Jahr nach der Verabschiedung der berühmten Mai-Verfassung. Als Einheiten der Polizei und der Bürgermiliz am 8. März 1968 gewaltsam gegen protestierende Studenten der nahe gelegenen Universität, die für kulturelle Freiheit und Bürgerrechte demonstrieren, vorgingen, flüchteten viele von ihnen in diese Kirche. Der damalige Primas der katholischen Kirche, Stefan Kardinal Wyszyński, hielt hier 1974 seine berühmte Heilig-Kreuz-Predigt, in der er Glaubensfreiheit und die Gewährung der Menschenrechte einklagte. Am 13. Juni 1987 traf sich Papst Johannes Paul II. hier mit unabhängigen Schriftstellern und Künstlern. Die Kirche im Stil des Barock entstand in den Jahren 1697 bis 1696 an Stelle einer gotischen Kirche, die während der Besetzung Polens durch schwedische Truppen 1650 niedergebrannt worden war. Bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 durch Wehrmacht und SS wurde sie stark in Mitleidenschaft gezogen und musste in den Nachkriegsjahren weitgehend wiederaufgebaut werden. Im Inneren befindet sich ein Epitaph des polnischen Komponisten Frédéric (Fryderyk) Chopin mit einer Porträtbüste und einer Urne, in der sein Herz bestattet ist. Eine Reihe weiterer Persönlichkeiten werden in der Kirche durch Epitaphien geehrt, unter ihnen der Schriftsteller Władys- ław Stanisław Reymont (1867–1925), der Historiker, Dichter und Literaturkritiker Józef Ignacy Kraszewski (1812–1887), der Schriftsteller Bolesław Prus (1847–1912), der Dichter Juliusz Słowacki (1809–1849) sowie General Władysław Anders, Oberbefehlshaber der in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs aufgestellten pol- 3. Erkundungen 160 nischen Streitkräfte, die dann auch in Westeuropa an Kämpfen gegen die Wehrmacht teilgenommen haben. Am Plac Stanisława Małachowskiego unweit des Plac Józefa Piłsudskiego steht die evangelisch-augsburgische Dreifaltigkeitskirche (Kościół Świętej Trójcy), das wichtigste Gotteshaus der protestantischen Christen in Polen. Das klassizistische Bauwerk wurde 1781 seiner Bestimmung übergeben und nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg in den Jahren 1949 bis 1957 wiederaufgebaut. Die Zahl der evangelischen Gläubigen in Polen beträgt etwa 61 000.193 Außer der Warschauer Dreifaltigkeitskirche stehen evangelische Kirchen vor allem in Łódź, Lublin, Płock, Radom, Wieluń und Żyrardów. Die in den Jahren 1818 bis 1825 errichtete Kirche des Hl. Aleksander (Kościół św. Aleksandra) am Drei-Kreuze-Platz (Plac Trzech Krzyży) hatte ursprünglich eine streng klassizistische Form:194 gebaut auf einem runden Grundriss, gedeckt von einer flachen Kuppel wie das Pantheon in Rom, dazu auf der Nord- und der Südseite je ein Portikus auf einem Treppensockel mit einem flachen Giebel. Doch dann erhielt die Kirche zwischen 1886 und 1895 ein „eklektisches Kostüm“, wie Kunsthistoriker den großen Umbau kommentieren. Das bedeutete insbesondere die Errichtung einer weitaus größeren Kuppel im Stil der Neorenaissance sowie den Bau einer großen Eingangshalle nach Süden und zweier gewaltiger Glockentürme. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche in der ursprünglichen Form wiederaufgebaut. Dichter, Denker, politische Führer Wie überall an den Prachtstraßen und Flaniermeilen der Hauptstädte dieser Welt säumen auch den Königsweg in Warschau die Denkmäler, Standbilder und Skulpturen berühmter Landsleute, herausragender Köpfe und verdienter Politiker. Polens erstes politisches Monument ist das Standbild von Sigismund III. Wasa (Kolumna Zygmunta III. Wazy) in der Mitte des Schlossplatzes. Als König von Polen und Großfürst von Litauen, später auch König von Schweden, agierte Sigismund innen- wie außenpolitisch im schwierigen Umfeld des späten 17. Jahrhunderts. Die eindrucksvolle Säule mit der Bronzestatue des Königs erreicht eine Höhe von 22 Metern. Nicht weit entfernt in der ul. Krakowskie Przedmieście 21 steht das Denkmal für Adam Mickiewicz, den bedeutendsten Dichter der polnischen Romantik. Als es 1898 zu seinem 100. Geburtstag aufgestellt wurde, herrschte in Polen eine Zeit heftiger Russifizierung, so dass die Errichtung eines solchen Denkmals nur als herablassende Geste des Zaren in Moskau zu verstehen war. Die Einweihung fand dann auch unter völligem Schweigen der versammelten Menschen und in Anwesenheit zahlreicher russischer Militärs und Spitzel statt. Das Reiterstandbild des polnischen Generals in der Armee Napoleons, Józef Antoni Poniatowski, vor dem Palais des Staatspräsidenten ist ein Werk des dänischen 193 Rocznik Statystyczny 2018, S. 196. 194 Majewski, Jerzy S.: Od rozdroża Złotych Krzyży, in Stolica, Nr. 4/2017. 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 161 Bildhauers Bertel Thorvaldson aus dem Jahr 1832. Der Künstler orientierte sich bei seinem Werk am Denkmal Mark Aurels auf dem römischen Kapitol. Dem Vernehmen nach hatte Zar Alexander II. in Moskau die Erlaubnis zur Errichtung des Standbildes nur unter der Bedingung erteilt, dass keine zeitgenössische Uniform abgebildet würde. Seit Januar 1977 steht in der Grünanlage neben dem Hotel Bristol ein Denkmal für den Schriftsteller und Feuilletonisten Aleksander Głowacki, der die meisten seiner Arbeiten unter dem Pseudonym Bolesław Prus publizierte. Prus, der auch für die humoristische Tageszeitung Kuriert Warszawski schrieb, veröffentlichte 1895 den Roman Pharao, der zwar im alten Ägypten spielt, aber vor allem eine Auseinandersetzung mit Polens Unfreiheit im 19. Jahrhundert ist. Neben der nahe gelegenen Kirche der Visitantinnen befindet sich ein Denkmal zu Ehren von Stefan Kardinal Wyszyński, der in den Jahren 1948 bis 1981 als Primas an der Spitze der Katholischen Kirche Polens stand. In seine Amtszeit fielen auch und gerade die Millenniums-Feiern im Jahr 1966 und erste Schritte der deutsch-polnischen Annäherung. Die Taufe von Mieszko I. im Jahr 966 gilt als Ausgangspunkt für die staatliche und christliche Existenz Polens. Im Zuge der Vorbereitungen für die Jahrtausendfeier schrieben die polnischen Bischöfe einen Brief an ihre deutschen Amtsbrüder, der den berühmten Satz enthielt: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Auch wenn dieser Brief in Deutschland zunächst mit Zurückhaltung aufgenommen wurde, gilt er doch als eine erste wichtige Initiative zur deutsch-polnischen Aussöhnung. In Warschau gibt es drei Denkmäler des polnischen Staatsgründers und Präsidenten der Zwischenkriegszeit Józef Piłsudski. Das wohl wichtigste steht in der Innenstadt, ein weiteres am Palais Belvedere, ein drittes vor der Akademie für Leibeserziehungen. Das Denkmal im Zentrum am früheren Plac Saski, der seit 1990 ebenfalls den Namen Piłsudskis trägt, wurde am 14. August 1995 im Beisein des damaligen Staatspräsidenten Lech Wałęsa eingeweiht – 75 Jahre nach der berühmten Schlacht an der Weichsel während des polnisch-sowjetischen Krieges 1919/20, als Piłsudski Oberbefehlshaber der polnischen Truppen war. Wenige Meter entfernt steht seit 10. November 2018 das Denkmal des verstorbenen Staatspräsidenten Lech Kaczyński, der bei einem Flugzeugabsturz nahe Smolensk am 10. April 2010 ums Leben gekommen ist; 195 ein weiteres Denkmal am Plac Józefa Piłsudskiego sowie eine Tafel vor dem Präsidentenpalais erinnern ebenfalls an diese Katastrophe. Auch das Standbild des Nikolaus Kopernikus (Mikołaj Kopernik, wie er in Polen bezeichnet wird) vor dem Gebäude der Polnischen Akademie der Wissenschaften ist ein Werk von Bertel Thorvaldsen. Nach dem Astronomen, Mathematiker und Arzt Kopernikus, der zwischen 1475 und 1543 vor allem im ostpreußischen Frauenburg 195 Bei dem Absturz einer Regierungsmaschine vom Typ Tu-154 kamen alle 96 Insassen ums Leben, außer Kaczyński und seine Ehefrau der letzte polnische Exilpräsident Ryszard Kaczorowski, Parlamentarier, Minister, Militärs und die Flugbesatzung. Die Hintergründe des Absturzes sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt. 3. Erkundungen 162 (Frombork im heutigen Polen) lebte, ist ein modernes Forschungszentrum im nahe gelegenen Warschauer Stadtteil Powiśle benannt.196 Seit 1990 trägt das Rondo an der Ecke al. Jerozolimskie/ul. Nowy Świat den Namen des 1970 verstorbenen französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle. Vor dem dortigen Centrum Bankowo-Finansowe, dem früheren Sitz des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, wurde im Mai 2005 sogar eine Statue des Politikers aufgestellt. Gerade unter polnischen Konservativen wird de Gaulle sehr geachtet, weil er das Konzept des Europa der Vaterländer vertrat.197 Am Südende des Drei-Kreuze-Platzes (Plac Trzech Krzyży) steht das Denkmal des Mitbegründers der polnischen Bauernbewegung Wincenty Witos (1874–1945). Bis heute gilt Witos, der 1918 bis 1931 Vorsitzender der Bauernpartei PSL und 1920– 1921 Regierungschef war, als konsequenter Vertreter der Interessen der Landbevölkerung. Nur wenige in Warschau kennen das Denkmal des italienischen Offiziers Francesco Nullo (1826–1863) auf einer kleinen Grünfläche an der ul. Frascati nahe des Hotels Sheraton. Nullo war mit Garibaldis Rothemden Kämpfer für die Römische Republik und fiel dann als Teilnehmer des polnischen Aufstandes 1863 gegen die russische Fremdherrschaft. Gegenüber der US-Botschaft befindet sich das Denkmal des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, der sich bis heute in Polen großer Popularität erfreut. Es wurde 2011 von Lech Wałęsa enthüllt. Im nahen Ujazdowski-Park steht das Denkmal des polnischen Komponisten, Pianisten und Politikers Ignacy Jan Paderewski (1860–1941), der nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit als Ministerpräsident an der Spitze der ersten Regierung stand. Zusammen mit Roman Dmowski stand er an der Spitze der polnischen Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz 1919 und unterzeichnete auch den Versailler Vertrag. Auch Dmowski ist ein Denkmal am Königsweg gewidmet. Seit 2006 steht es an der Ecke Al. Ujazdowskie/Al. Szucha. Dessen Errichtung führe in der polnischen Öffentlichkeit zu vielen Kontroversen wegen der nationalistischen und antisemitischen Auffassungen des Politikers. Das Chopin-Denkmal im höher gelegenen Teil des Łazienki-Parks ist Ziel vieler Touristen, aber auch Bürger Warschaus. Alljährlich finden dort in den Sommermonaten jeden Sonntag Konzerte mit Werken des Komponisten statt. Neben dem Belvedere-Palast an der al. Ujazdowskie steht eines der Warschauer Standbilder des polnischen Staatsgründers Józef Piłsudski. Wissenschaft und Kunst Die Entwicklung der Warschauer Universität (Uniwersytet Warszawski – UW) war und ist eng verbunden mit der Geschichte der Hauptstadt und des ganzen Landes. Nicht viele Universitäten in Europa verfügen über eine derart eindrucksvolle Archi- 196 Siehe S. 137 f in dieser Publikation. 197 Siehe bspw. Hall, Aleksander: De Gaulle, Warschau 2002. 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 163 tektur wie diese Hochschule (ul. Krakowskie Przedmieście 26/28). Das gilt besonders für das Tyszkiewicz-Palais, in dem heute die Philologen und Altertumswissenschaftler arbeiten sowie das Universitätsmuseum untergebracht ist, das Uruski-Palais, Sitz des geografischen Instituts, sowie das Kasimir-Palais (Pałac Kazimierzowski), in dem das Rektorat seinen Sitz hat. Die 1816 ins Leben gerufene Universität musste schon nach dem Novemberaufstand 1830/31 ihre Tore wieder schließen.198 Später durfte sie dann in eingeschränkter Form als so genannte „Hauptschule“ (Szkoła Główna) weiterarbeiten, bevor sie 1869 erneut geschlossen wurde. Bis 1914 fungierte sie als Universität des Zaren, an der ausschließlich in russischer Sprache unterrichtet wurde. Im Jahr 1915 genehmigten die deutschen Besatzungsbehörden ihre Wiedereröffnung als polnische Hochschule.199 Die Nazi-Herrschaft in Warschau während des Zweiten Weltkriegs bedeutete natürlich auch eine Schließung der Universität. Zahlreiche Hochschullehrer und Studenten lehrten und lernten im Untergrund weiter. Viele von ihnen, die am Warschauer Aufstand 1944 teilnahmen, verloren ihr Leben.. Trotz starker Zerstörung konnte die Hochschule schon 1945 teilweise ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die Überwindung des Stalinismus ab 1956 war auch und gerade ein Verdienst des intellektuellen Milieus an der UW. Der studentische Aufruhr und der Protest gegen den Antisemitismus im Jahr 1986 hatte hier seinen Ursprung. Die Akademia Sztuk Pięknych (Akademie der schönen Künste) im Palais Czapski (ul. Krakowskie Przedmieście 5) erlitt im 19. Jahrhundert ein ähnliches Schicksal wie die Warschauer Universität mit zeitweiliger Schließung oder Degradierung bis hin zur Abteilung für Malen und Zeichnen an einem Gymnasium. Im Jahr 1904 wurde sie unter der Bezeichnung Warszawska Szkoła Sztuk Pięknych/Warschauer Schule der schönen Künste wiedereröffnet, 1932 erhielt sie dann ihren heutigen Namen. Lehrkräfte der Hochschule hatten einen wichtigen Anteil am Wiederaufbau Warschaus nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rekonstruktion bzw. Restaurierung bedeutsamer Bauwerke. Im südlichen Flügel des Palais wohnte zwischen 1826 und 1830 Frédéric Chopin, bevor er nach Paris ausreiste. Ein Raum seiner damaligen Wohnung wurde zu seinem Andenken gestaltet. Das Palais Staszic (ul. Nowy Świat 79) ist Sitz der Polnischen Akademie der Wissenschaften (Polska Akademia Nauk – PAN). Die Akademie entstand im Jahr 1951, steht jedoch in einer fast 200-jährigen Tradition wissenschaftlicher Gesellschaften und Vereinigungen. Die erste dieser Art war die Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften, für die das spätklassizistische Palais in den Jahren 1820 bis 1823 errichtet wurde. Nach diversen Umbauten im 19. Jahrhundert und den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude in den Nachkriegsjahren in der ursprünglichen Gestalt wiederhergestellt. Der Philosoph, katholische Priester und Politiker Stanisław Staszic (1755–1826) initiierte damals den Bau des Palais als Sitz der um 1800 entstandenen Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften und stellte dafür Mittel aus seinem eigenen Vermö- 198 Historia UW, www.uw.edu.pl/uniwersytet/historia-uw. 199 Zur Bedeutung der Universität in der Zwischenkriegszeit siehe S. 17 in dieser Publikation. 3. Erkundungen 164 gen zur Verfügung. Er organisierte auch eine Sammlung für das 1830 vor dem Gebäude aufgestellte Denkmal von Nikolaus Kopernikus. Staszic gilt als wichtiger Vertreter der Aufklärung in Polen, machte aber auch mit dezidiert antisemitischen Äußerungen von sich reden. Zu den wichtigsten Forschungs- und Ausbildungsstätten Warschaus gehört auch die Technische Universität (Politechnika Warszawska) am Plac Politechniki unweit des Plac Konstytucji. Experten zählen die Hochschule mit ihren 30 000 Studenten und 2000 Lehrkräften sogar zu den renommiertesten derartigen Institutionen in ganz Ostmitteleuropa. Der Universitätsbetrieb gliedert sich in nicht weniger als 17 Fakultäten. Das Hauptgebäude im Stil der italienischen Neorenaissance entstand in den Jahren 1899 bis 2001, musste allerdings nach erheblichen Schäden im Zweiten Weltkrieg grundlegend restauriert werden. Im Jahr 1956 trug auch die Protestversammlung an der Technischen Hochschule dazu bei, den Stalinismus endgültig zu überwinden und den Weg zu einem liberaleren Sozialismus im Zuge des „Polnischen Oktober“ zu öffnen. Auch im März 1968 spielten die Studenten der Hochschule im Rahmen des intellektuellen Protestes gegen die Zensur, die Gängelung der Kultur und des Wissenschaftsbetriebs sowie gegen die antisemitische Kampagne der Machthabenden eine wichtige Rolle. Das modernistische Gebäude des Nationalmuseums (Muzeum Narodowe) unweit vom Rondo Charles’a de Gaulle’a entstand nach einem Entwurf von Tadeusz Tołwiński in den Jahren 1926 bis 1938.200 Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude beschädigt, vor allem aber wurden viele Exponate nach Deutschland überführt, von denen später nur ein Teil wieder nach Warschau gelangte. Ebenso sind bis heute viele Kunstobjekte verschollen bzw. deren private Besitzer nicht bekannt. Zur eindrucksvollen Mittelalterabteilung des Nationalmuseums gehört unter anderem der Altar der Hl. Barbara (1477) aus der Elisabethkirche in Breslau. In der Galerie für westeuropäische Malerei werden insbesondere Werke von Lucas Cranach, Sandro Botticelli, Giovanni Battista Tiepolo und Antoine Watteau gezeigt. Die polnische Malerei repräsentieren Werke von Józef Mehoffer, Stanisław Wyspiański und Jacek Malczewski. Hinzu kommt eine Sammlung frühchristlicher Fresken aus Nubien (8. bis 12. Jahrhundert). Im Herbst 2018 zeigte das Nationalmuseum eine große Ausstellung zum 100-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit Polens.201 Die Nationale Kunstgalerie Zachęta (Zachęta Narodowa Galeria Sztuki) zählt zu den bedeutendsten Institutionen in Polen, die sich der Präsentation und Förderung zeitgenössischer Kunst widmen. Ihre permanente Sammlung umfasst etwa 3600 Werke, darunter 700 Gemälde, 100 Skulpturen und 80 Videoarbeiten, ebenso wie mehr als 2000 Graphiken Zeichnungen und Fotografien. Dabei handelt es sich vor allem um Werke zeitgenössischer polnischer Künstler wie Tadeusz Kantor, Henryk Stażew- 200 Zur Geschichte des Museums siehe S. 18 in dieser Publikation. Siehe auch Przeździecka-Kujałowicz: Aleksandra: „Warszawa oskaża“ – pierwsza powojenna wystawa Muzeum Narodowego w Warszawie. Spotkania z Zabytkami, 11–12/2018. 201 Borodziej, Włodzimierz/Górny, Maciej: „Nach Polen rufend” und überraschendes Echo erntend – die große 100-Jahr-Ausstellung im Warschauer Nationalmuseum, in Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2018. 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 165 ski, Alina Szapocznikow, Mirosław Balka, Katarzyna Kozyra, Zbigniew Libera, Wilhelm Sasnal und Krzysztof Wodiczko. Die Galerie ist aber auch mit zahlreichen Wechselausstellungen bekannter ausländischer Künstler hervorgetreten. Das polnische Wort „zachęta“ bedeutet Ermutigung, Ansporn, Ermunterung. So geht die Gründung der Galerie auf die Gesellschaft zur Förderung der Schönen Künste zurück, die sich ab 1860 um einen festen Sitz für Ausstellungen bemühte. Das Gebäude im Stil der Neorenaissance mit klassizistischen Elementen wurde dann im Dezember 1900 eröffnet und drei Jahre später erweitert. Während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg machten die Nationalsozialisten aus der Zachęta ein „Haus der deutschen Kultur“ zur Präsentation der von ihnen bevorzugten „Kulturgüter“. Seit 2002 ist das Deutsche Historische Institut im Pałac Karnickich (Al. Ujazdowskie 39) untergebracht. Das Palais war in den Jahren 1877/78 für den Adligen Jan Karnicki und dessen Familie errichtet worden. Der Architekt Józef Huss orientierte sich damals an italienischen Vorbildern der Neorenaissance, hatte möglicherweise aber auch die von Friedrich Hitzig projektierte Berliner Villa an der Bellevue-Straße 10 vor Augen. Das Karnicki-Palais ist eines der seltenen Beispiele für Warschauer Gebäude, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden und danach auch keine wesentlichen Umwandlungen erfahren haben. Das 1993 gegründete Deutsche Historische Institut in Warschau ist eines von sechs derartigen Instituten im Ausland. Zusammen mit den Schwesterinstituten in Rom, Paris, London, Washington und Moskau ist es Teil der bundesunmittelbaren Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Seine Aufgabe ist die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte Polens und der deutschpolnischen Beziehungen im europäischen und internationalen Kontext. Ebenso unterstützen seine Mitarbeiter den geschichtswissenschaftlichen Diskurs auf nationaler und internationaler Ebene. Hotels als Teil der Stadtgeschichte Als das Hotel Bellotto unweit des Königsschlosses am 15. April 2016 eröffnet wurde, richteten die Warschauer Medien sogleich den Blick auf die Geschichte des eindrucksvollen Gebäudes, in dem das Luxushotel untergebracht ist. Immerhin war das Bauwerk an der ul. Senatorska 13/15 bis dato vor allem als Primas-Palast (Pałac Prymasowski) bekannt gewesen. Tatsächlich geht dessen Geschichte bis auf das Jahr 1612 zurück, als der damalige Primas der katholischen Kirche, Erzbischof Wojciech Baranowski, den dortigen, um 1600 errichteten Palast zu seinem künftigen Sitz erklärte. Diese Funktion behielt das Bauwerk bis 1795. Seine heutige klassizistische Gestalt erhielt es im Zuge eines Umbaus um 1780, für den damals der Architekt Efraim Schröger verantwortlich zeichnete. Im 19. Jahrhundert, als Polen kein eigener Staat war, residierten in dem Palast Repräsentanten zunächst der preußischen, später der russischen Besatzungsmacht. Später wurde hier eine Offiziersschule untergebracht, danach die Verwaltung für das Fes- 3. Erkundungen 166 tungsbauwesen (Zarząd Inżynerii Wojskowej. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hatte hier das Ministerium für Landwirtschaft und Agrarreform (Ministerstwo Rolnictwa i Reform Rolnych) seinen Sitz. Nach 1949 diente das Gebäude verschiedenen staatlichen und städtischen Institutionen, darunter auch dem Warschauer Standesamt. Im Jahr 1999 kaufte ein Warschauer Medienkonzern den Palast, der dann auch das Hotel Bellotto einrichten ließ. Das Hotel Bristol202 in der ul. Krakowskie Przedmieście gleich neben dem Präsidentenpalast gilt vor allem als Symbol bürgerlichen Lebens im Warschau der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Zu den Begründern und Financiers des 1901 im Stil der Neorenaissance fertiggestellten Hotels gehörte der Komponist, Pianist und Politiker Ignacy Jan Paderewski. Schon bald nach der Eröffnung fanden sich hier illustre Gäste ein, wurden die nobelsten und teuersten Bälle und Empfänge veranstaltet. Im Jahr 1911 wurde in dem Hotel auch der Chemie-Nobelpreis für Marie Curie Skłodowska gefeiert, in den 1930er Jahren hatte der Maler Wojciech Kossak dort sein Atelier. Die Innenausstattung geht auf Jugendstil-Entwürfe des Wiener Architekten Otto Wagner jun. zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Bristol lange Zeit im Besitz der staatlichen Hotelkette Orbis. Später wurde es nach und nach von zwei internationalen Hotelketten übernommen. Als das Hotel im Zuge einer Renovierung im Jahr 1998 ein zusätzliches, mit Glas verkleidetes Dachgeschoss erhielt, sorgte dies für kontroverse Diskussionen in der Warschauer Öffentlichkeit, weil Kritiker meinten, dass diese Ergänzung nicht zum Baustil des Hotels passe. Das in den Jahren 1876/77 erbaute Hotel Europejski (ul. Krakowskie Przedmieście 13) war im gesamten 19. Jahrhundert eines der besten Hotels in Ostmitteleuropa und galt als das modernste im ganzen Machtbereich Russlands. Hier wohnten nicht nur Hotelgäste, sondern hatten auch Autoren und Künstler wie der Schriftsteller, Maler und Fotograf Stanisław Ignacy Wikiewicz (1885–1939) ihre Ateliers. Nach der weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde es wiederaufgebaut, gelangte aber wegen der Enteignungsdekrete von 1948 in staatlichen Besitz. Bis 1959 war in dem Gebäude die Militärisch-Politische Akademie (Akademia Wojskowo-Polityczna) untergebracht.203 1959 übernahm der staatliche Tourismuskonzern Orbis das Gebäude und eröffnete dort im Juli 1962 das Orbis-Europejski. Das dortige Café war ein beliebter Treffpunkt der Warschauer Snobs, im Nachtklub Kamieniołomy (Steinbruch) traf sich die Unterwelt. Nach der Wende von 1989 verfiel das Hotel mehr und mehr, da sich Investitionen wegen eines Rechtsstreits seitens der ehemaligen Besitzer nicht mehr rentierte.1993 sprach das oberste Verwaltungsgericht Grundstück und Gebäude der Erbengemeinschaft der Vorkriegsbesitzer zu. Orbis stellte daraufhin den Hotelbetrieb im Jahr 2005 ein. Nach langem Stillstand und einer umfassenden Renovierung wurde das Hotel im Jahr 2018 als Vorzeigeobjekt einer internationalen Hotelkette 202 Siehe insbesondere Toeplitz-Cieślak, Faustyna/Żukowska, Izabela: Hotel Bristol. Na rogu historii i codzienności, Warschau 2018. 203 Diese Akademie trug bis 1954 sogar den Namen von Feliks Dzierżyński (1877–1926), der ab 1917 an der Spitze der Lenin’schen Geheimpolizei Tscheka stand. 3.2. Vom Königsschloss zur Sobieski-Residenz in Wilanów: der Königsweg 167 wiedereröffnet. Einige Elemente der im Stil der 1960er Jahre gehaltenen Innenarchitektur blieben erhalten. Gedenken an den Zweiten Weltkrieg: Starzyński, Katyń, Aufstand im jüdischen Ghetto, Warschauer Aufstand Der Zweite Weltkrieg war ein dramatischer Einschnitt für die Stadt Warschau.204 Viele Menschen verloren durch die deutsche Besatzung ihr Leben, die Stadt wurde weitgehend zerstört. Der heldenhafte Widerstand blieb erfolglos. Viele der Überlebenden wurden aus Warschau vertrieben oder traten selbst die Flucht an. Polens Hauptstadt schien an ihr Ende gekommen zu sein. So ist es nur allzu verständlich, dass diese schrecklichen Ereignisse auch Jahrzehnte später noch ihren Niederschlag im Bild der Stadt finden. Vor allem im Zentrum Warschaus finden sich zahlreiche Denkmäler, Skulpturen und Wandtafeln, mit denen das damalige Geschehen dokumentiert wird.205 Dabei konnte und kann es offensichtlich nicht ausbleiben, dass die Ideologien der jeweils Machthabenden und ihre spezifische Interpretation der Geschichte das Erinnern und die architektonische und denkmalpflegerische Ausgestaltung beeinflussen. So etwa in den sozialistischen Zeiten vor 1989, als der linke Widerstand gegen die deutschen Besatzer überbetont wurde, während man seit 2015, nachdem Kaczyńskis Partei Recht und Gerechtigkeit die Regierungstätigkeit antrat, mitunter ein Auge zudrückt, wenn es um nationalistische Verfehlungen konservativer Widerständler gegen Hitlers Machthaber in Polen geht. Symbol des heldenhaften Widerstandes gegen den deutschen Überfall im Jahr 1939 war der Warschauer Stadtpräsident Stefan Starzyński.206 Sein Denkmal steht seit November 1993 am Pl. Bankowy vor dem Eingang des Blue Tower Plaza, das im Volksmund auch „himmelblauer Wolkenkratzer“ (Błękitny Wieżowiec) genannt wird. Der Skulptur ist deutlich anzusehen, dass ihr Schöpfer, der Bildhauer Andrzej Renes, Starzyński vor allem als charismatischen Visionär darstellen wollte. So beugt sich dessen Figur über eine Karte Warschaus aus der Zwischenkriegszeit und weist mit einer ausladenden Geste in Richtung der südlichen Stadtteile der polnischen Hauptstadt. Kritiker des Denkmals bemängelten die Gestaltung der Karte, die tatsächlich reichlich überdimensioniert gegenüber der Figur Starzyńskis wirkt. Auch die schlanke Figur, die der Bildhauer dem damaligen Stadtpräsidenten gegeben habe, sowie die Gesichtszüge, so hieß es, erinnerten nur undeutlich an Starzyńskis Äußeres von damals. Bemängelt wurde außerdem die Platzierung direkt vor einem Geschäftszentrum und nicht vor dem gegenüberliegenden Rathaus. 3.3. 204 Siehe S. 24 ff in dieser Publikation. 205 Das Schicksal der Warschauer Juden wird in den Abschnitten auf den S. 29 ff in dieser Publikation dokumentiert. 206 Siehe S. 25 f in dieser Publikation. 3. Erkundungen 168 Andrzej Renes ist unter anderem auch Schöpfer eines Denkmals für den verstorbenen polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczyński und dessen Gattin Maria in der mittelpolnischen Stadt Radom sowie der Skulptur von Kardinal Stefan Wyszyński, der zwischen 1948 und 1981 Primas der Katholischen Kirche Polens war, an der ul. Krakowskie Przedmieście in Warschau. Ein zweites Denkmal für Stefan Starzyński steht neben der Grundschule im Stadtteil Saska Kępa an der Kreuzung al. Stanów Zjednoczonych/ul. Saska. Dieses aus kommunistischen Zeiten stammende Denkmal stand ursprünglich im Sächsischen Garten (Ogród Saski) im Stadtzentrum. Geht es um den Zweiten Weltkrieg, dann ist natürlich das Grabmal des unbekannten Soldaten am Plac Józefa Piłsudskiego, dem vormaligen Plac Saski, ein zentraler Erinnerungsort.207 Während der deutschen Besetzung Warschaus in den Jahren 1939 bis 1944, als das gesamte Gelände des angrenzenden Sächsischen Gartens (Ogród Saski) zu einem Sperrgebiet „Nur für Deutsche“ erklärt wurde, kam es wiederholt zu patriotischen Aktionen einiger Mutiger am Grabmal, indem dort beispielsweise Blumen niederlegt wurden. Bei der Sprengung des Sächsischen Palais durch die Deutschen am 28. Dezember 1944 wurde auch das Grabmal stark in Mitleidenschaft gezogen. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde lediglich das Grabmal wiederhergestellt und am 8. Mai 1946 der Öffentlichkeit übergeben. Seither wurden vor allem die jeweiligen Jahrestage zum Ende des Zweiten Weltkriegs dort feierlich begangen. Ebenso wurden an den Säulen auch Gedenktafeln angebracht, die an Schlachten im Westen Europas bzw. in Nordafrika erinnern, an denen ebenfalls polnische Soldaten teilnahmen, etwa im italienischen Monte Cassino oder in Tobruk. Am 11. Juli 1965 wurde das Grabmal zum Baudenkmal erklärt. Während seines Polenbesuches im Juni 1979 betete dort Johannes Paul II. Nach dem politischen Umschwung von 1989 wurde am Grabmal auch eine Urne mit den sterblichen Überresten eines der mehr als 4000 Polen aufgestellt, die 1940 in Katyń westlich von Smolensk durch Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes NKWD ermordet worden waren. Seit 3. Mai 1991 finden sich an den Säulen des Grabmals auch wieder Gedenktafeln, die an Schlachten und andere bewaffneten Auseinandersetzungen in den Jahren 972 bis 1683, 1768 bis 1920 und 1939 bis 1945 erinnern. Außerdem wurden im Jahr 2016 bzw. 2017 Gedenktafeln angebracht, die den so genannten „Żołnierze wyklęci“ („Verstoßene Soldaten“), also Mitgliedern des bewaffneten antikommunistischen Widerstandes der Jahre 1944 bis 1963, damit auch polnischen Soldaten, die am Ende des Zweiten Weltkriegs im Kampf gegen ukrainische Partisanen gefallen sind, gewidmet sind. Weiterhin ist das Grabmal des unbekannten Soldaten ein zentraler Ort für staatliche Gedenkfeiern und andere Zeremonien. Wiederholt wurde öffentlich darüber diskutiert, ob das Palais Saski nicht wiederaufgebaut werden solle – wenn möglich sogar mit deutscher Finanzhilfe als ein Akt der Wiedergutmachung für die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 2019 machte sich sogar Staatspräsident Andrzej Duda für diese Idee stark. Eine Zeit lang wurden sogar die noch vorhandenen Fundamente des Bauwerks freigelegt und 207 Zur Entstehung des Grabmals in der Zwischenkriegszeit siehe S. 14 in dieser Publikation. 3.3. Gedenken an den Zweiten Weltkrieg: Starzyński, Katyń, Aufstand im jüdischen Ghetto, Warschauer Aufstand 169 von den Spaziergängern neugierig betrachtet. Doch aus den Plänen wurde bislang nichts, weil keine Einigkeit über die Nutzung des wiederhergestellten Bauwerks zu erzielen war.208 Mit den Ausstellungsräumen im X. Pavillon der Warschauer Zitadelle, dem Gefängnismuseum Pawiak im Stadtteil Wola und dem Mausoleum des Kampfes und des Martyriums (Mauzoleum Walki i Męczeństwa) im Gebäude des Ministeriums für nationale Erziehung (Ministerstwo Edukacji Narodowej) im Stadtzentrum umfasst das Warschauer Museum der Unabhängigkeit (Muzeum Niepodległości) drei Einheiten. Im X. Pavillon finden sich vor allem Exponate, die an die Zeit der Teilungen Polens vor 1918 erinnern, als die russische Besatzungsmacht in der zwischen 1832 und 1836 errichteten Zitadelle insgesamt etwa 40 000, vor allem politische Gefangene festhielt – unter ihnen Romuald Traugutt, Józef Piłsudski, Roman Dmowski, Gustaw Ehrenberg, der Priester Jarosław Ściegienny, Jarosław Dąbrowski und Ludwik Waryński. Zu den ausgestellten Exponaten gehören Akten der damaligen Gefängnisverwaltung, Dokumente der Gerichtsverfahren und Urteile, Fotografien, persönliche Gegenstände der Gefangenen, ebenso Dokumente, die über das Schicksal polnischer Deportierter in Sibirien Auskunft geben. Im X. Pavillon werden auch Wanderausstellungen organisiert. Das Gefängnismuseum Pawiak in der ul. Dzielna, das seit Oktober 1965 besteht, ist eine der zentralen Stätten, an denen die Schrecken der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen während des Zweiten Weltkriegs dokumentiert werden. Mehr als 30 000 Menschen kamen hier durch Hunger, Folter und Mord ums Leben. Doch deutsche Aufseher und Henker waren nicht die ersten, die in diesem Kerker ihr tödliches Handwerk ausübten. Schon seit 1829 war hier ein zaristisches Gefängnis, in das die russische Besatzungsmacht politische Gefangene verschwinden ließ. Das Gebäude des Ministeriums für nationale Erziehung in der al. Szucha 25, in dem das Mausoleum des Kampfes und des Martyriums (Mauzoleum Walki i Męczeństwa) untergebracht ist, war während des Zweiten Weltkriegs die Terrorzentrale der deutschen Besatzungsmacht in Warschau. Unter dem Kommando des SS-Obersturmbannführers Josef Meisinger, später des SS-Standartenführers Ludwig Hahn, gingen hier Angehörige der Gestapo, der SS und der Sicherheitspolizei ihrem verbrecherischen Handwerk nach. Es wurde verhört, gefoltert und gemordet. Zu den Opfern zählten insbesondere Mitglieder des polnischen Widerstandes, Geistliche, jüdische Funktionäre und Deserteure der Wehrmacht. Die Leichen der zu Tode gefolterten oder erschlagenen bzw. erschossenen Opfer brachte man in eine Leichenhalle in der ul. Oczki, wo sie von den Angehörigen abgeholt werden konnten. In dem 2008 modernisierten Mausoleum werden die Verhör- und Folterwerkzeuge von damals gezeigt. Tonaufnahmen dokumentieren die Schreie der Opfer. Auch die Isolierzellen können besichtigt werden. Besonders eindrucksvoll sind die multimedialen Vorführungen für das Publikum. 208 Zu dieser Diskussion siehe unter anderem Górski, Jarosław: Zamach na Grób Nieznanego Żołnierza. Przegląd, 24.-30.6.2019. Pałac Saski na stulecie?, in Stolica, Nr. 11–12/2018. 3. Erkundungen 170 Direkt vor der Einfahrt zum Parlamentsgebäude von Sejm und Senat in der ul. Wiejska steht das Denkmal, mit dem der polnische Untergrundstaat während des Zweiten Weltkriegs und die mit diesem verbundene „Heimatarmee“ bzw. „Armee im Lande“ (Armia Krajowa – AK) gewürdigt werden. Die AK war die wichtigste militärische Formation des Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht. Das Denkmal, das den Fortbestand polnischer Staatlichkeit auch während des Zweiten Weltkriegs symbolisieren soll und deshalb nicht zufällig vor dem Parlamentsgebäude aufgestellt wurde, ist nicht zuletzt auch eine Replik auf die sozialistischen Zeiten vor 1989, in denen die damaligen kommunistischen Machthaber dafür sorgten, dass sich das Gedenken an die AK möglichst nicht öffentlich manifestierte. Das im Jahr 1999 der Öffentlichkeit übergebene Bauwerk wurde aus schlesischem Granit gefertigt und ist mit hellen Granitplatten aus einer italienischen Werkstatt verkleidet. Seine Form erinnert an einen Obelisken aus vorchristlichen Zeiten. Nach 1989 war es lediglich eine Frage der Zeit, wann endlich ein Museum eingerichtet würde, das an den Massenmord an polnischen Gefangenen in der Sowjetunion im Frühjahr 1940 durch Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes NKWD erinnert. Zuvor lautete die offizielle Moskauer Version, dass Deutsche, insbesondere Angehörige der SS, das Verbrechen begangen hätten. Damals wurden auf Befehl des Politbüros der KPdSU unter Vorsitz Stalins annähernd 15 000 polnische Offiziere und Grenzbeamte erschossen, die sich vorher in den sowjetischen Lagern Kozielsk, Starobielsk und Ostaszków befunden hatten, mehr als 4000 von ihnen in Katyń nahe Smolensk.209 Da der Name dieses Ortes seit langem als Symbol für das gesamt Verbrechen gilt, war es nur konsequent, dass das im September 2015 in der Zitadelle im Stadtteil Żoliborz eröffnete Museum den Namen Muzeum Katyńskie erhielt. Zu den dort gezeigten Exponaten gehören insbesondere 6000 persönliche Gegenstände der Ermordeten, die bei der Öffnung von Massengräbern in den Jahren 1991 bis 1994 gefunden worden waren. Mit seinem viel beachteten Film Katyń von 2007 hat auch der polnische Regisseur Andrzej Wajda den Ermordeten ein würdiges Denkmal gesetzt. In der Al. Ujazdowskie nahe der ul. Piękna erinnert ein Gedenkstein auf dem Bürgersteig an eine der erfolgreichen Aktionen des polnischen Widerstandes, als ein Kommando der AK am 1. Februar 1944 den SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Franz Kutschera erschoss, der in einem nahe gelegenen Haus in der al. Róż gewohnt hatte. Der als „Henker von Warschau“ titulierte Kutschera galt als einer der Hauptverantwortlichen für deutsche Verbrechen in Warschau. Die deutsche Besatzungsmacht antwortete mit umfangreichen Vergeltungsmaßnahmen. Das Museum des Warschauer Aufstandes (Muzeum Powstania Warszawskiego)210 im Stadtteil Wola war die erste multimedial gestaltete derartige Einrichtung in Polen. Es dokumentiert insbesondere den Verlauf der damaligen Erhebung zwischen 209 Siehe unter anderem Vetter, Reinhold: Wie ein Volk mit der Lüge lebte. Katyń und die Polen, in BI- OS. Zeitschrift für Biografieforschung und Oral History. Nr. 7/1994, S. 101 ff. Ebenso Weber, Claudia: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń, Hamburg 2015. 210 Zum Warschauer Aufstand siehe S. 36 f in dieser Publikation. 3.3. Gedenken an den Zweiten Weltkrieg: Starzyński, Katyń, Aufstand im jüdischen Ghetto, Warschauer Aufstand 171 dem 1. August und 2. Oktober 1944 sowie die Strukturen und die Tätigkeit des polnischen Untergrundstaates während des Zweiten Weltkriegs. Auch der internationale Kontext und die eher ablehnende Haltung der kommunistischen Staatsführung vor 1989 zum damaligen Geschehen werden thematisiert. Andererseits bemängelten Kritiker wiederholt, dass die wiederholte, mitunter sehr kontrovers geführte Diskussion über Sinn und Berechtigung des Aufstandes bei der Gestaltung des Museums zu wenig berücksichtigt worden sei. Das Gebäude des Museums des Warschauer Aufstandes in der ul. Grzybowska 79 (Quelle: Wikimedia Commons) Schon während der Periode der Entstalinisierung ab 1956 war erstmals über die Notwendigkeit eines Museums des Warschauer Aufstandes diskutiert worden, ohne dass konkrete Schritte ergriffen wurden.211 Vor 1989 scheiterten alle Pläne zur Errichtung eines solchen Museums. Immerhin begann man in den 1980er Jahren, Exponate zu sammeln, sogar ein Grundstein wurde gelegt. Selbst nach 1989 scheiterten die Bauarbeiten zunächst an den Auseinandersetzungen über die Eigentumsverhältnisse bei dem vorgesehenen Terrain und der dortigen Bebauung. Erst am 31. Juli 2004 konnte 211 Immerhin erhielt 1957 ein großer Platz im Stadtzentrum an der ul. Świętokrzyska den Namen Plac Powstańców Warszawy (Platz der Aufständischen Warschaus), wobei es die Machthabenden peinlichst vermieden, diese Namensgebung in der Öffentlichkeit auch mit den bürgerlichen Aufständischen von 1944 in Gestalt der Heimatarmee (Armia Krajowa) in Verbindung zu bringen. 3. Erkundungen 172 das Museum der Öffentlichkeit übergeben werden, nachdem sich insbesondere der damalige Stadtpräsident und spätere Staatspräsident Lech Kaczyński dafür eingesetzt hatte. Mit der Entscheidung, das Museum im vormaligen Elektrizitätswerk der Warschauer Straßenbahn an der ul. Grzybowska einzurichten, wurde eine der letzten noch existierenden historischen Industrieruinen Warschaus einem historisch und museumspädagogisch bedeutsamen Zweck zugeführt. Während des Aufstandes konnten polnische Kämpfer tagelang den Angriffen der Einheiten der Wehrmacht und der deutschen Polizei standhalten, bevor sie der Übermacht erlagen. Angestellte des Kraftwerks, die ausgeharrt hatten, wurden von den Deutschen erschossen. Bereits am 1. August 1989 war in der ul. Długa 22 das erste Denkmal für die Kämpfer des Warschauer Aufstandes vor dem Gebäude des Obersten Gerichts der Öffentlichkeit übergeben worden. An der feierlichen Zeremonie nahm sogar der damalige Staatspräsident Wojciech Jaruzelski teil, der schon in sozialistischen Zeiten zu den führenden staatlichen und politischen Persönlichkeiten gehört hatte und im kollektiven Gedächtnis der polnischen Gesellschaft vor allem mit der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 in Verbindung gebracht wird. Kritiker meinten wiederholt, das Denkmal habe kaum künstlerische Aussagekraft und erinnere an die Zeiten des Sozialistischen Realismus in den 1940er und 1950er Jahren. Auf dem Dach der früheren Zentrale der polnischen Post in ul. Zielna 39 nahe dem Kulturpalast befindet sich seit August 2003 eine vier Meter hohe, aus Aluminium gefertigte Darstellung der kotwica (deutsch: Anker), die als Symbol der polnischen Widerstandsbewegung, insbesondere der Heimatarmee, während des Zweiten Weltkriegs gilt. Dabei handelt es sich um eine Verbindung der beiden Buchstaben P und W als Abkürzung von Polska Walcząca (das Kämpfende Polen). Das modernistische, nach der Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs in den 1950er und 1960 Jahren rekonstruierte Bauwerk war bis 1934 das höchste Gebäude in Warschau. Das Denkmal des kleinen Aufständischen (Pomnik Małego Powstańca) an der ul. Podwale neben der alten Stadtmauer erinnert an die vielen jungen Menschen, die am Warschauer Aufstand teilgenommen haben – etwa Pfadfinder, die Kurierdienste leisteten. Die Enthüllung des Denkmals am 1. Oktober 1983 war ein erstes Zeichen dafür, dass sich die kommunistischen Machthaber nach und nach mit einer öffentlichen Würdigung aller Akteure des Warschauer Aufstandes abfanden, nicht nur der linken Aufständischen in Gestalt der Armia Ludowa (Volksarmee), die zuvor von der offiziellen Propaganda als einzige ernstzunehmende Kraft des Widerstandes präsentiert worden war. Tatsächlich hatte auch die Armia Ludowa ihren Anteil am Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht, reichte aber nicht an die Bedeutung der konservativ-nationalen bis nationalistischen Armia Krajowa heran. Im nördlichen Teil des Skaryszewski-Parks im Stadtteil Praga unweit des Nationalstadions befindet sich ein Gedenkstein (Pomnik pamięci podległych lotników brytyjskich), der an sechs Angehörige der britischen Luftwaffe erinnert, die am 14. August 1944 umkamen, als sie von ihrem Flugzeug aus Waffen und Munition für die Aufständischen abwerfen wollten und ihre Maschine von deutscher Artillerie abgeschossen wurde. Das Flugzeug war im italienischen Brindisi gestartet. An der Enthül- 3.3. Gedenken an den Zweiten Weltkrieg: Starzyński, Katyń, Aufstand im jüdischen Ghetto, Warschauer Aufstand 173 lung des Gedenksteins am 4. November 1988 nahm die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher teil. Im Stadtteil Wola an der Kreuzung Al. Solidarność/ul. Leszno befindet sich ein Denkmal (Pomnik Ofiar Rzezi Woli) zum Gedenken an die etwa 50 000 Zivilisten, die in den ersten Tagen des Warschauer Aufstandes durch deutsche Einheiten ermordet wurden.212 Das Denkmal wurde im Rahmen der Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Aufstandes am 27. November 2004 enthüllt. Kommandeur der Einheiten, die den Massenmord von Wola begingen, war der SS- und Polizeiführer des „Reichgaus Wartheland“ Heinz Reinefarth, der später von 1951 bis 1963 Bürgermeister von Westerland auf Sylt war. 75 Jahre später, am 5. August 2019, bat Westerlands Bürgermeister Nikolas Häckel in einer Rede am Denkmal um Vergebung, als er sagte: „Heinz Reinefahrt, oft als ‚Henker von Warschau‘ bezeichnet, leitete Truppen, die während des Warschauer Aufstandes Zivilisten auf den Straßen im Stadtteil Wola exekutierten. Gut bekannt ist auch die Tatsache, dass er nach dem Krieg eine politische Karriere als angesehener Bürgermeister von Westerland auf der Insel Sylt machte. Trotz mehrmaliger polnischer Forderungen wurde er nie an Polen ausgeliefert – und auch in Deutschland nie zur Rechenschaft gezogen. Ich selbst schäme mich dafür und ringe beim Hinschauen um Fassung – als Bürgermeister, aber auch als Privatperson.“213 Auf dem Friedhof von Wola in der ul. Wolska 180–182 ruhen viele der 1944 in diesem Stadtteil Ermordeten ebenso wie Militärs und Zivilisten, die bei der Verteidigung Warschaus im September 1939 ums Leben kamen. Seit 11. Juni 2005 steht an der Kreuzung Al. Ujazdowskie/ul. Chopina ein Denkmal von Stefan Rowecki, Deckname Grot, der bis September 1939 Divisionsgeneral der polnischen Armee war und dann zum führenden Militär des Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht avancierte – zunächst ab 1940 als Kommandant des Verbandes für den bewaffneten Kampf (Związek Walki Zbrojnej – ZWZ), der alle militärischen Kräfte des Untergrunds vereinte, dann nach dessen Umwandlung in die Heimatarmee/Armia Krajowa auch als deren Oberbefehlshaber. Am 30. Juni 1943 gelang es der Gestapo, Rowecki in einer Warschauer Wohnung zu enttarnen. Man brachte ihn nach Berlin, dann ins KZ Sachsenhausen, wo er vermutlich Anfang August 1944 ermordet wurde. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów Wer sich mit der jüdischen Vergangenheit Warschaus befassen will, muss vor allem Muranów nördlich des Stadtzentrums in Augenschein nehmen, wenngleich es auch andere Stadtteile gibt, in denen Spuren früheren jüdischen Lebens zu finden sind, etwa in Praga östlich der Weichsel und auf dem jüdischen Friedhof im Stadtteil Bródno. Doch auf den ersten Blick erinnert in Muranów fast nichts an die früheren Zustände, 3.4. 212 Siehe S. 36 f in dieser Publikation. 213 Zit. nach Sieradzka, Monika: Der Bürgermeister von Sylt und die Last der Geschichte, Deutsche Welle, 6.8.2019. 3. Erkundungen 174 was auch nicht weiter verwunderlich ist, da die deutschen Besatzer den Stadtteil während des Zweiten Weltkriegs praktisch dem Erdboden gleich gemacht haben. Außer einigen baufälligen Häusern gibt es keine Bebauung aus der Vorkriegszeit mehr. Die Straßen sind in der Regel breiter geworden oder wurden in einigen Fällen überhaupt erst nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt, wie die ul. Anielewicza besonders deutlich zeigt. Auch einige Straßennamen wurden geändert.214 Doch wer die Mauern der wuchtigen, stabilen Wohnhäuser anfasst, die schon Anfang der 1950er Jahre in Muranów errichtet wurden, hat buchstäblich die Zeugnisse der Vergangenheit schon in der Hand, denn beim Bau dieser Häuser wurden vielfach auch Trümmer der Vorkriegsbebauung mit eingearbeitet. Später entstanden in Muranów auch die typischen Blocks der 1960er und 1970er Jahre, nach 1989 auch moderne Wohnhäuser. Da es in diesem Stadtteil nach dem Zweiten Weltkriegs keinerlei systematische Exhumierung gab, wurden später immer wieder sterbliche Überreste damaliger Bewohner gefunden, etwa bei der Errichtung der Shopping-Mall Centrum Handlowe Arkadia. Schon im 19. Jahrhundert waren weite Teile von Muranów durch Juden besiedelt worden, die hauptsächlich aus Litauen und Weißrussland kamen. In den Straßen wurde jiddisch, hebräisch und russisch gesprochen. Anfang der 1930er Jahre lebten dann schon mehr als 350 000 Juden in Warschau. Ihr Anteil an der Stadtbevölkerung von insgesamt 1,17 Millionen betrug über 30 Prozent. Damit beherbergte Warschau die größte jüdische Gemeinde der Welt. Bis 1938 stieg die Zahl sogar auf knapp 370 000 an (Warschau insgesamt 1,27 Millionen). Und auch in der polnischen Stadt Łódź lebten mehr Juden (über 330 000) als in Wien (knapp 92 000) und Berlin (annähernd 83 000). In zahlreichen ostpolnischen Städten und Gemeinden bildeten sie sogar die Mehrheit. Insgesamt stellten die Juden in der polnischen Republik der Zwischenkriegszeit mit gut 3 Millionen Menschen rund 10 Prozent der gesamten Bevölkerung. Bis 1941, also zwei Jahre nach Kriegsbeginn, stieg die Zahl sogar auf knapp 3,4 Millionen,215 Polen war damals das Land mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil in Europa. Bereits im Jahr 1931 wohnten zwei Drittel der Warschauer Juden in Muranów sowie angrenzenden Bezirken wie Leszno und Powązki, und dort besonders in Straßen wie Pańska, Twarda, Żelazna, Smocza, Pawia, Okopowa, Młocińska, Bonifraterska, Konwiktorska, Nowolipki, Bielańska Senatorska und Królewska. 216 Durch den Zustrom aus anderen Bezirken Warschaus und auch aus anderen Städten Polens stieg ihre Zahl in den folgenden Jahren sogar noch an, so dass zu Beginn des Zweiten Weltkriegs drei Viertel der Warschauer Juden dort wohnten. 214 Siehe den kartografischen Vergleich zwischen dem Zustand des Straßennetzes und der Bebauung vor der Zerstörung und den heutigen Verhältnissen: Współczesny układ ulic i ostańce zabudowy według stanu na rok 2013 na tle dawnego planu miasta, in Weszpiński, Paweł E.: Getto Warszawskie. Przewodnik po nieistniejącym mieście. Mapy, Warschau 2013. 215 Stankowski, Albert/Weiser Piotr: Demograficzne skutki Holokaustu, in Tych, Feliks/Adamczyk- Grabowska, Monika: Następstwa zagłady Żydów – Polska 1944–2010, Lublin 2011, S. 15. 216 Zalewska, Gabriela: Ludność żydowska w Warszawie w okresie międzywojennym, Warschau 1996, S. 63. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 175 „In den jüdischen Wohngebieten herrschten gewaltige gesellschaftliche Unterschiede. Au- ßer einflussreichen Kaufleuten und Großhändlern lebten dort die kleinen Straßenverkäufer, deren gesamte Habe in einen Korb passte, den sie mit sich umhertrugen. Eng beieinander wohnten arme, noch ärmere und allerärmste Juden – Tagelöhner, Besitzer kleiner Geschäfte und Handwerker, und auch vermögende Juden, Chassiden und Orthodoxe, die nie ihre Fransen und Käppchen ablegten, sowie Neureiche, die sich wie englische Lords kleideten.“217 Neben gepflegten Häusern, die für damalige Verhältnisse modern waren, standen solche aus dem 19. Jahrhundert, deren Besitzern das Geld für eine Erneuerung fehlte. Im Parterre oder ersten Stock residierten oft wohlhabende Familien, während in den höheren Stockwerken sowie auf den Dachböden und in den Hinterhäusern die Ärmeren wohnten.218 Da der gewaltige Zustrom kaum mit dem Bau neuer Häuser sowie der Renovierung bestehender Gebäude einherging, herrschten vielfach katastrophale wohnliche Verhältnisse. Im Jahr 1938 mussten sich durchschnittlich acht Personen eine Kammer teilen. Viele Juden zogen nach Muranów, weil die Mieten dort niedriger waren und sie sich unter ihresgleichen sicherer fühlten. Wer es sich leisten konnte und das nötige Selbstbewusstsein aufbrachte bzw. über gesellschaftliches Renommee verfügte, wohnte vielfach in anderen Bezirken. Das galt besonders für jüdische Wissenschaftler und Künstler sowie für Ärzte, Anwälte und natürlich Familien reicher Industrieller und Bankiers wie die Kronenbergs, Wawelbergs und Natansons. Nach einer Statistik aus dem Jahr 1931 waren 46 Prozent der jüdischen Erwerbstätigen Warschaus in Industrie und Handwerk tätig, gut 34 Prozent im Handel und Versicherungswesen, knapp 8 Prozent im öffentlichen Dienst und in freien Berufen sowie annähernd 5 Prozent im Verkehrswesen. Mit einem Anteil von 64 Prozent stellten die Juden zwei Drittel aller Beschäftigten im Warenhandel der Stadt. Trotz des in Teilen der polnischen Gesellschaft grassierenden Antisemitismus war die Ausübung ihrer Religion kaum gefährdet, hatten die Juden das Recht, sich frei zu Wort zu melden, Zeitungen herauszugeben und Kinder in ihrer Tradition zu erziehen. Auch wenn jüdische Schulen nicht vom Staat finanziert wurden, konnten sie gesellschaftliche Vereinigungen und politische Parteien unterhalten. Stärkste politische Organisation war der linksorientierte Allgemeine Jüdische Arbeiterbund (Algemajner Jidiszer Arbajter Bund).219 Allerdings führte die dramatische Wirtschaftskrise seit Ende der 1920er Jahre auch in Polen zu einem Aufflackern judenfeindlicher Stimmung. Der wirtschaftliche Einbruch des Landes war dramatisch. Wie in anderen europäischen Staaten standen die wechselnden Regierungen in Polen der Krise weitgehend hilflos gegenüber. So 217 Kaliciński, Z.: O Starówce, Pradze i ciepokach. Wspomienia, Warschau 1983; zit. nach ebd., S. 68. 218 Ein entsprechendes Straßenbild aus jenen Zeiten wird beschrieben in Mioduszewska, Zofia: Dźwięki ulicy Zamenhofa, in Stolica, Nr. 10/2017, S. 28 ff. 219 Zu seinen Mitgliedern gehörte auch Marek Edelman, der zusammen mit einigen wenigen Kämpfern den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto überlebte und später in den 1970er und 1980er Jahren zu den Mitgliedern der demokratischen Opposition zählte. Siehe Edelman, Marek: Die Liebe im Ghetto, Frankfurt/Main 2013; Assunto, Rudi/Goldkorn, Włodek: Strażnik. Marek Edelman opowiada, Krakau 1999; Bereś, Witold/Burnetko, Krzysztof: Edelman. Życie do końca, Warschau 2019. 3. Erkundungen 176 rückte die „jüdische Frage“ in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatten. Vielfach wurde die Frage gestellt, ob nicht die Vielzahl der Juden und ihr großes Engagement in bestimmten Berufen „schuld“ an der Krise seien. Nicht zuletzt förderte der katholische Klerus judenfeindliche Tendenzen und schreckte nicht davor zurück, von Juden als ökonomisch lästigen und minderwertigen Elementen zu sprechen.220 Dabei konzentrierten sich die Auseinandersetzungen vor allem auf den Handel. Besonders in den Jahren 1936 und 1937 kam es gerade bei Wochenmärkten zu antijüdischen Pogromen, bei denen mindestens 20 Menschen starben (vor allem Juden, aber auch Polen) und tausende verletzt wurden. Regierung und Behörden lehnten zwar Gewalt gegen Juden ab und ließen teilweise die Polizei einschreiten, zeigten sich aber prinzipiell einverstanden mit dem wirtschaftlichen Boykott gegen die Juden. Der Antisemitismus fand nicht zuletzt im Mittelstand und unter Akademikern Rückhalt, da sich diese gesellschaftlichen Schichten durch die Wirtschaftskrise besonders bedroht fühlten. Eine Art Verdrängungswettbewerb gegenüber den Juden war die Folge. Die dramatische Geschichte des am 16. November 1940 insbesondere auf dem Gebiet von Muranów gebildeten jüdischen Ghettos ist vielfach in wissenschaftlichen Monografien, Augenzeugenberichten und persönlichen Schilderungen dargestellt worden.221 Wie viele Juden sich nach dem Ghetto-Aufstand von 1943 noch in Warschau befanden, ist nicht genau bekannt. Die Angaben der Historiker bewegen sich zwischen 10 000 und 15 000 Personen. Zu ihnen zählten Menschen, die sich mit falschen Pässen relativ ungehindert bewegen konnten, und solche, die ohne geeignete Papiere in ihren Verstecken ausharrten. Eine kleine Gruppe wurde im Pawiak-Gefängnis und im Konzentrationslager in der ul. Gęsia festgehalten. Viele der verbliebenen Juden beteiligten sich am Warschauer Aufstand im August/September 1944. Einige taten dies in den Reihen der Heimatarmee (Armia Krajowa – AK), der großen, verschiedene politische Strömungen umfassenden polnischen Untergrund- und Widerstandsorganisationen, eine größere Anzahl von ihnen als Kämpfer der kommunistischen, weit weniger einflussreichen Volksarmee (Armia Ludowa – AL). Allerdings wurden in der AK mitkämpfende Juden eher widerwillig geduldet. Gleich zu Beginn des Warschauer Aufstandes wurden Juden durch Angehö- 220 Siehe Haumann, Heiko: Polen und Litauen, in Kotopski, E./Schoeps, J./Wallenborn, H. (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa. Band 1 – Länder und Regionen, Darmstadt 2001, S. 270. 221 Siehe insbesondere Engelking, B./Leociak, J.: Getto warszawskie. Przewodnik po nieistniejącym mieście, Warschau 2013; Mieszkowska, A.: Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto, München 2007; Bartoszewski, W.: Das Warschauer Ghetto – wie es wirklich war, Frankfurt/Main 1983; ders.: Uns eint vergossenes Blut. Juden und Polen in der Zeit der Endlösung; Frankfurt/Main 1987; Grynberg, M. (oprac.): Pamiętniki z getta warszawskiego, Warschau 1993; Gutman, I.: Żydzi warszawscy 1939–1943, Warschau 1993; Heydecker, J.J.: Das Warschauer Ghetto. Foto-Dokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahr 1941, München 1983; Lustiger, A.: Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden 1933– 1945, Köln 1994; Sakowska, R.: Ludzie z dzielnicy zamkniętej, Warschau 1993; Leociak, Jacek: Biografie ulic o Żydowskich ulicach Warszawy: od narodzin po Zagładę, Warschau 2017. Literarisch: Andzejewski, J.: Warschauer Karwoche, Frankfurt/Main 1978. – Siehe auch S. 29 f in dieser Publikation. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 177 rige der rechtsextremen, antisemitischen Nationalen Streitkräfte (Narodowe Siły Zbrojne – NSZ) ermordet. Teile der NSZ hatten sich der AK angeschlossen und beteiligten sich am Aufstand. Internationale Aufmerksamkeit für POLIN Ausgangspunkt für eine Erkundung der jüdischen Geschichte des Stadtteils Muranów ist das Museum der Geschichte der polnischen Juden (Muzeum Historii Żydów Polskich – POLIN) Ecke ul. Anielewicza/ul. Zamenhofa. Das hebräische Wort Polin bedeutet Polen oder auch „Hier ruhst Du aus“. Beeindruckend ist schon das Museumsgebäude, das die finnischen Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma entworfen haben, denn das Bauwerk auf dem Grundriss eines Quadrats wird an der Vorderseite durch eine amorph nach unten sich ausweitende Spalte unterbrochen, die auf Besucher einladend wirkt und sich quer durch das gesamte Parterre durchzieht. Die Spalte symbolisiert den Gang durchs Meer beim Auszug der Israeliten aus Ägypten. Andererseits wirken die gläsernen, grün schimmernden Außenwände des Bauwerks wie Bestandteile eines Schreins, der das Innere bewahren soll. Das eindrucksvolle Gebäude des Museums der Geschichte der polnischen Juden im Stadtteil Muranów (Quelle: Vetter). Die Idee zur Errichtung eines Museums, das der Geschichte der polnischen Juden gewidmet ist, geht bis auf das Jahr 1995 zurück und wurde zunächst vor allem durch eine gesellschaftliche Initiativgruppe vertreten. Im Jahr 2005 wurde das Museum offi- 3. Erkundungen 178 ziell als Institution gegründet und der Schirmherrschaft des damaligen polnischen Staatspräsidenten Aleksander Kwaśniewski unterstellt. Ein Jahr später entstand auf dem Baugrund eine Art Installation, ein Ohel (hebräisch Zelt), in dem Ausstellungen eingerichtet und Veranstaltungen organisiert wurden. Im Juni 2007 erfolgte die Grundsteinlegung, an der unter anderem Polens damaliger Staatspräsident Lech Kaczyński, die Warschauer Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz und der Vorsitzende der Vereinigung des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau Marian Turski teilnahmen. Das Museum öffnete im Frühling 2013 seine Tore, ein Jahr später wurde die dortige Dauerausstellung eingeweiht. Der Gang durch die Hauptausstellung vermittelt ganz deutlich den Eindruck, dass es den Gestaltern vorrangig darum ging, den Blick der Besucher auf die gesamte 1000-jährige Geschichte der jüdisch-polnischen Koexistenz zu richten und nicht nur ein reines Holocaust-Museum zu gestalten. Dabei stellte sich das Problem, dass es vielfach an realen Exponaten aus den verschiedenen Jahrhunderten fehlte, weshalb die Veranstalter gezwungen waren, viele Sachverhalte virtuell zu inszenieren. Im Zusammenwirken zwischen dem jüdischen Trägerverein des Museums, dem polnischen Kulturministerium, der Stadtregierung Warschaus sowie der deutschen Regierung und zahlreicher Privatspender aus der ganzen Welt war es reichlich kompliziert, das Geld für den 80 Millionen teuren Neubau sowie für die 15 Millionen teure Dauerausstellung aufzubringen. In der Hauptausstellung, die in acht Abteilungen gegliedert ist, geht es zunächst um die Ankunft der Juden aus den verschiedenen Ländern der Diaspora in Polen. 1264 wurden die Juden durch Bolesław dem Frommen mit dem „Privileg von Kalisz“ rechtlich gleichgestellt. Besonders Kasimir der Große nahm Mitte des 14. Jahrhundert viele jüdische Flüchtlinge in Polen auf. Das „Jüdische Paradies“ („Paradisus Judaeorum“) von 1569 bis 1648 fiel dann in die friedliche Zeit der polnisch-litauischen Adelsrepublik als eine Periode der konfessionellen Toleranz, multikultureller Vielfalt und ökonomischer Prosperität. Diese Periode endete dann mit der Erhebung der Saporoger Kosaken (1648–1657), bei dem annähernd ein Drittel der jüdischen Bevölkerung und auch Teile des polnischen Adels und dessen Eliten ums Leben kamen. Die überlebenden Juden hatten fortan mit Zwangsabgaben, Schuldzuweisungen und kirchlichem Judenhass infolge der Gegenreformation zu kämpfen. Die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen den gesellschaftlichen Gruppen nahm zu. Im 18. Jahrhundert, als Polen zwischen Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt war, verschärfte sich die Ausgrenzung der Juden, weil sich das polnische Nationalbewusstsein in den Zeiten der Unfreiheit sowohl gegen äußere Bedrohungen als auch gegen „innere Feinde“ richtete. Die zum Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Revolutionierung von Wirtschaft und Technik führte auch zu einer Krise der jüdischen Identität und der stärkeren Herausbildung unterschiedlicher Strömungen wie des Zionismus und Antizionismus, der Chassiden, Sozialisten und Kommunisten. Debatten über Emigration oder Verbleib, Autonomie und Assimilation, Tradition und Moderne nahmen zu. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist eine Epoche verstärkten politisch-kulturellen Selbstvertrauens der Juden, aber auch des grassierenden Antisemitismus der polnischen Mehrheitsbevölkerung. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 179 Die Gestaltung der Hauptausstellung orientiert sich am Charakter der jeweiligen Epochen und auch historischen Zäsuren. Geht es um eher gute Zeiten für die Juden, sind auch die entsprechenden Ausstellungsräume groß und angenehm hell gestaltet. Den düsteren Epochen wurden dann kleinere, ins Dunkel getauchte Räume zugeordnet. Von den gut 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind etwa 15 Prozent dem Holocaust gewidmet. Nachdem das Museum der Geschichte der polnischen Juden im Frühling 2013 der Öffentlichkeit übergeben worden war, wurde dieser bedeutsame Schritt für die polnische Museumslandschaft national und international begrüßt. Er galt als Symbol dafür, dass sich Polen voller Verantwortung und selbstbewusst der in der Geschichte besonders des 20. Jahrhunderts nicht selten komplizierten polnisch-jüdischen Beziehungen stellen wolle. Bald schon schwoll der Strom in- und ausländischer Museumsbesucher stark an. Doch mit der Regierungsübernahme der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) im Jahr 2015 deutete sich an, dass es zu Schwierigkeiten kommen könne. Allerdings kamen diese erst im Sommer 2019 richtig zum Ausbruch, als sich PiS- Kulturminister Piotr Gliński weigerte, den bisherigen Direktor des Museums, Dariusz Stola, der von der zuständigen Berufungskommission erneut gewählt worden war, erneut in das Amt zu berufen. Der Auswahlkommission gehören Vertreter von Museumsverbänden und jüdischen Organisationen an. Von den drei Gründerorganisationen des Museums, die der Berufung des Direktors im Konsens zustimmen müssen, hatten die Stadt Warschau und die Vereinigung des Jüdischen Historischen Instituts bereits grünes Licht gegeben. Die Weigerung des Kulturministers führte auch dazu, dass einige private Sponsoren des Museums absprangen. Schließlich erklärte sich Stola im Februar 2020 bereit, auf das ihm zustehende Amt zu verzichten, sollte es den drei Trägern des Museums gelingen, eine personelle Alternative zu finden. Der monatelange Kampf hatte ihn müde gemacht.222 Dariusz Stola hatte seit der Eröffnung des Museums im Jahr 2013 als Direktor an seiner Spitze gestanden. Seither hatte das Museum wiederholt internationale Auszeichnungen erhalten. Stola gilt national und international als renommierter Historiker, der sich unter anderem durch Forschungen zur antisemitischen Kampagne hervortat, die 1968 durch einflussreiche Kreise in der kommunistischen Staatspartei PVAP/PZPR inszeniert worden war. Kulturminister Gliński war insbesondere eine Ausstellung zum 30. Jahrestag dieser Kampagne ein Dorn im Auge, die Stola und seine Mitarbeiter unter dem Titel Fremd zu Hause im Jahr 2018 organisiert hatten. Stola ging es mit dieser Aufstellung nicht nur darum, die damaligen Ereignisse zu erhellen, sondern auch gewisse Traditi- 222 Gnauck, Gerhard: Es wird wieder wegretuschiert. Die Kulturrevolution des Jarosław Kaczyński: Namhafte Einrichtungen spüren den Druck von Polens Regierungspartei. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.2.2020. Martin Sander im Gespräch mit Michael Köhler: Entscheidung im POLIN Museum. Geschichtspolitik in Polen. Deutschlandfunk, 15.2.2010. www.deutschlandfunk.d/geschichtsp olitik-in-Polen-entscheidung-im-polin-museum.691.de.html?drama:article_id=470378. Siehe auch Hassel, Florian: Die Welle kommt erst noch. In Polen werden missliebige Ausstellungen abgesagt. Süddeutsche Zeitung, 28.2.2020. 3. Erkundungen 180 onslinien des polnischen Antisemitismus von damals bis heute aufzuzeigen – Traditionslinien, die von anderen renommierten polnischen Historikern im In- und Ausland bestätigt werden. Viele Mitglieder, Funktionäre und Anhänger der PiS empfinden die Gegenüberstellung antisemitischer Stereotype und Phrasen von 1968 und heute als Skandal. Sie meinen, dass abfällige Bemerkungen über Juden, die heute in der polnischen Gesellschaft laut würden, zwar nicht gerade angebracht seien, aber in einem völlig anderen Kontext als 1968 stünden und daher nicht als antisemitisch einzustufen seien. Für die Exzesse gegen Juden und deren Vertreibung im Jahr 1968 seien nicht polnische Bürger, sondern „vaterlandslose Kommunisten“, also Nicht-Polen verantwortlich gewesen – eine Charakterisierung, die fälschlicherweise in Abrede stellt, dass es sich damals bei der PVAP/PZPR um eine polnische Partei mit zahlreichen polnischen Mitgliedern und Anhängern handelte. Zur herrschenden Geschichtsdoktrin der PiS gehört auch die Auffassung, dass zwar Ukrainer, Russen, Deutsche und andere Völker Antisemiten und dementsprechend Täter sein können, nicht aber die für ihre Toleranz und Gastfreundlichkeit bekannten Polen. Bei PiS-Anhängern ist durchaus auch die Meinung zu hören, dass Juden mit polnisch klingenden Namen ihre wahre Identität verschleiern wollen. Dies sei ein Faktum, dessen Benennung also nicht antisemitisch sein könne. Vielen von ihnen stießen sich außerdem am Motto der Ausstellung Fremd zu Hause, da sie die polnischen Juden in erster Linie als „Gäste“ ansehen, deren „Zuhause“ in Israel sei, nicht aber in Polen. Dariusz Stola hatte auch ein von der PiS-Regierung im Parlament durchgedrücktes Gesetz kritisiert, mit dem unter Strafe gestellt wurde, der polnischen Nation oder dem polnischen Staat eine gewisse Mitverantwortung am Holocaust zu geben. Nach Protesten aus Israel und den USA musste das Parlament das Gesetz später etwas entschärft werden. Dabei haben polnische und internationale Historiker wie Jan Grabowski detailliert nachgewiesen, 223 dass es während und nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus Übergriffe von Polen gegenüber Juden bis hin zu Morden gab, die zahlenmäßig natürlich mit dem massenhaften Judenmord der deutschen Nationalsozialisten zu vergleichen sind. Durch das Vorgehen von Kulturminister Gliński geriet das Museum in eine erste Gefahr, weil langfristige Entscheidungen für neue Ausstellungen und andere Museumsprogramme ohne den auf fünf Jahre gewählten Direktor nicht gefällt werden können. Aber gerade das macht auch den Kern eines lebendigen Museums aus – und gerade darin scheint das Kalkül von Gliński zu bestehen. In Sichtweite von der Vorderfront des Museums steht das 1948 enthüllte Denkmal der Helden des Ghettos für die Aufständischen von 1943, das nach einem Entwurf des jüdischen, in Warschau geborenen Bildhauers Nathan Rapaport in Zusammenarbeit mit Leon Marek Suzin errichtet wurde. Das Ehrenmal besteht aus einer elf Meter hohen Umrahmung aus norwegischem Labradorgestein, das ursprünglich auf 223 Siehe den Exkurs über jüdisches Leben heute und polnisch jüdische Diskussionen auf S. 189 ff in dieser Publikation. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 181 Geheiß des NS-Reichsministers Albert Speer für die Errichtung von Siegesdenkmälern in Warschau vorgesehen war. Die Umrahmung trägt zwei Reliefs, wovon eines den Kämpfern des Aufstandes gewidmet ist, während das zweite eine Gruppe von Juden zeigt, die in die Gaskammern getrieben werden. Die Bilder des Mahnmals, das von zwei großen bronzenen Leuchtern (Menora) geziert wird, gingen im Dezember 1970 um die Welt, als der der damalige Bundeskanzler Willy Brandt dort niederkniete.224 Unweit der rückwärtigen Front des Museums an der Ecke ul. Karmelicka/ul. Lewartowskiego steht eine Gedenktafel für Willy Brandt, die am 6. Dezember 2000 in Anwesenheit des damaligen polnischen Premiers Jerzy Buzek und Bundeskanzler Gerhard Schröder enthüllt wurde. Der kleine Platz rund um die Gedenktafel trägt den Namen Skwer Willy’ego Brandta. Die Initiative für diese Gedenkstätte ging insbesondere von dem polnischen Journalisten Adam Krzemiński aus und wurde später auch vom damaligen polnischen Außenminister Bronisław Geremek befürwortet. Mit dieser Gedenktafel wird an den Kniefall Willy Brandts vor dem Ghetto-Denkmal im Dezember 1970 erinnert (Quelle: Vetter). Nur wenige Schritte vom Museum entfernt an der Kreuzung ul. Miła/ul. Dubois befindet sich ein Mahnmal, das daran erinnert, dass sich an dieser Stelle, damals ul. Mi- ła 18, der unterirdische Sitz des Stabes der jüdischen Kämpfer währen des Aufstandes im Frühjahr 1943 befand, der sog. Bunkier Anielewicza (Anielewicz-Bunker). Mordechaj Anielewicz war der führende Kopf der Jüdischen Kampforganisation (Żydowska 224 Siehe S. 84 f in dieser Publikation. 3. Erkundungen 182 Organizacja Bojowa – ŻOB), die im Dezember 1942 entstand und zu deren Stab auch Marek Edelman gehörte. Schon einige Monate zuvor hatten junge Juden um Anielewicz den Plan für eine Gruppe von Aufständischen entwickelt und auch mit ihrer militärischen Schulung begonnen. Dachorganisation der ŻOB war das Jüdische Nationalkomitee (Żydowski Komitet Narodowy), dem zionistische und sozialistische Kräfte angehörten. Der linke Allgemeine Jüdische Arbeiterbund war in dem Komitee nicht vertreten, gehörte aber zu den tragenden Kräften der Jüdischen Kampforganisation. Der Bunker in der Miła 18 befand sich unter einem Gebäude, das im September 1939 zerstört worden war. Es handelte sich um einen Schutzraum, der Wasser- und Stromanschluss hatte sowie mit Wasser und Lebensmitteln versorgt war. Den Bunker teilte ein langer, enger Korridor, auf beiden Seiten befanden sich Zimmer. Am 8. Mai wurde der Bunker, in dem sich zu diesem Zeitpunkt etwa 300 Menschen befanden, durch eine deutsche Einheit entdeckt, die auch von einer Gruppe ukrainischer Kollaborateure unterstützt wurde. Während vor allem Zivilisten dem Bunker entfliehen konnten, setzten Anielewicz und andere Kämpfer trotz Aufforderung zur Kapitulation den bewaffneten Widerstand fort, auch nachdem die Deutschen begannen, Gas in den Bunker zu leiten. Marek Edelmann und einigen anderen Kämpfern gelang ebenfalls die Flucht durch einen der insgesamt sechs Bunker, der von den Deutschen noch nicht entdeckt worden war. Einem Aufruf von Arie Wilner folgend, begingen die verbliebenen Kämpfer um Anielewicz kollektiv Selbstmord, wobei 120 Aufständische den Tod fanden. Auf Seiten der Deutschen und Ukrainer wurden beim Kampf um den Bunker 86 Personen getötet und 420 verletzt. Auf Initiative des Zentralkomitees der Juden in Polen wurde auf dem Gelände des völlig zerstörten Bunkers im Jahr 1946 aus Trümmern der umliegenden Häuser ein kleiner Hügel aufgeschüttet und an dessen Spitze ein Gedenkstein aufgestellt, der in hebräischer, jiddischer und polnischer Sprache die Aufschrift trägt: „An dieser Stelle fand am 8. Mai 1943 der Kommandant des Aufstandes im Warschauer Ghetto Mordechaj Anielewicz zusammen mit dem Stab der Jüdischen Kampforganisation und anderen Aufständischen der jüdischen Widerstandsbewegung im Kampf gegen die deutschen Besatzer den Tod.“ Im Jahr 2006 wurde unterhalb des Hügels ein kleiner, trapezförmiger Obelisk aufgestellt, auf dem die Namen von 51 jüdischen Kämpfern stehen, deren Identität eindeutig festgestellt werden konnte. Zwei Jahre später zum 65. Jahrestag des Aufstandes im Ghetto würdigten die Staatspräsidenten Polens und Israels, Lech Kaczyński und Szimon Peres, die damaligen Kämpfer. Seit 1946 trägt die Anlage den Namen Anielewicz- Bunker. In der nahe gelegenen ul. Stawki erinnert das Mahnmal Umschlagplatz (polnisch: plac przeładunkowy) daran, dass die Juden des Warschauer Ghettos hier im Sommer 1942 zusammengetrieben und in Güterwagen verladen wurden, die dann zu den Gaskammern im nordöstlich von Warschau gelegenen Treblinka fuhren. Ursprünglich befand sich hier ein Güterbahnhof mit Güterschuppen, Lagerflächen und Verladegleisen, der zum Danziger Bahnhof gehörte. Für den Abtransport der Juden wurde dieser 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 183 Teil des Bahnhofs durch eine Mauer vom übrigen Bahnhofsgelände abgetrennt. Hier fand dann auch die Selektion der Zusammengetrieben statt. Die so genannte „Aktion Reinhardt“ begann im großen Maßstab am 22. Juli 1942 und dauerte zunächst bis 12. September des gleichen Jahres, weitere einzelne Transporte folgten, zeitweise unterbrochen durch den Aufstand im Ghetto. Am Umschlagplatz wurden junge Menschen ausgesondert, um in das so genannte Durchgangslager und später in verschiedene Arbeitslager geschickt zu werden. Viele ältere und behinderte Menschen wurden direkt am Ort oder auf dem nicht weit entfernten jüdischen Friedhof erschossen. Die vielen anderen transportierte man nach Treblinka. An manchen Tagen wurden bis zu 7000 Juden deportiert. Das Mahnmal Umschlagplatz entstand im April 1988 zum 45. Jahrestag des Beginns des Aufstandes in Ghetto. Es trägt in hebräischer, jiddischer, polnischer und englischer Sprache die Inschrift: „Über diesen Pfad des Leidens und des Todes wurden zwischen 1942 und 1943 mehr als 300 000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in die Gaskammern des Hitler’schen Vernichtungslagers getrieben.“ Außerdem wurden in die Marmorwände des Mahnmals die 400 häufigsten jüdischen Vornamen eingraviert. Der Umschlagplatz spielte eine wichtige Rolle in der 1946 publizierten Autobiografie des jüdisch-polnischen Pianisten und Komponisten Władysław Szpilman, dem es gelungen war, sich im Ghetto zu verstecken und zu überleben.225 Szpilman konnte überleben, weil er von dem deutschen Offizier Wilm Hosenfeld heimlich mit Nahrungsmitteln versorgt wurde. In der Verfilmung seines Buches durch Roman Polanski wird der Umschlagplatz ebenfalls dargestellt. An dem Haus in der Warschauer Al. Niepodległości 223, in dem Szpilman sich damals versteckte, erinnert eine Gedenktafel an sein Schicksal. Die am Museum der Geschichte der polnischen Juden vorbeiführende ul. Anielewicza ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich das heutige Straßennetz im Stadtteil Muranów in Struktur und Namensgebung von dem der Vorkriegszeit unterscheidet. Bis zur Zerstörung der Anielewicza und der sie umgebenden Bebauung im Jahr 1943 war sie eine der typischen Straßen des jüdischen Bezirks und des späteren Ghettos: eng, ohne jeden Baumbestand. Heute ist sie eine Straße mit breiten Fahrstreifen sowie Parkund Baumreihen auf beiden Seiten. Vor dem Krieg trug sie den Namen ul. Gęsia (Gänsestraße), am 31. Dezember 1955 wurde sie in ul. Anielewicza umbenannt. Die Wohnblocks auf beiden Seiten waren zum Teil schon in den Jahren 1949/50 entstanden. An der Ecke ul. Anielewicza/ul. Zamenhofa direkt vor dem Museum der Geschichte der polnischen Juden wurde am 27. Dezember 1995 ein Obelisk aufgestellt, der an die Arbeit des Rates für Judenhilfe (Żegota) erinnert. Dieser hatte sich während des Zweiten Weltkriegs bemüht, Hilfe für die drangsalierten Juden zu leisten.226 Die Inschrift auf dem Obelisken lautet: 225 In deutscher Sprache: Szpilman, Władysław: Das wunderbare Überleben. Warschauer Erinnerungen 1939–1945. 226 Siehe S. 33 in dieser Publikation. 3. Erkundungen 184 „1942 – Żegota – 1945. Eine Organisation, die vom Polnischen Untergrundstaat zur Rettung der Juden während des Holocaust gegründet wurde und die als einzige derartige Organisation im besetzten Europa durch die polnische Exilregierung [in London, Anm. d. Verf.] finanziert wurde.“ Der Obelisk wurde 1995 durch den verstorbenen früheren Außenminister Władysław Bartoszewski enthüllt, der damals in dem Rat mitgearbeitet hatte. Das Mahnmal ist Teil einer Kette von insgesamt 22 steinernen Blöcken, in den Boden eingelassenen Inschriften und Wandtafeln, die in den Jahren 1988/89 entlang der Straßen ul. Zamenhofa, ul. Dubois und ul. Stawki aufgestellt bzw. angebracht wurden. Das gesamte Ensemble trägt den Titel „Der Pfad des Martyriums und des Kampfes der Juden in Warschau“ und symbolisiert den letzten Abschnitt des Weges der Juden hin zum Abtransport nach Treblinka. Einer der Granitblöcke erinnert an den Arzt, Pädagogen und Schriftteller Janusz Korczak (Henryk Goldszmit), der freiwillig die Kinder des von ihm betreuten Waisenhauses mit in die Gaskammern begleitete. In südwestlicher Richtung führt die ul. Anielewicza zu einem der beiden jüdischen Friedhöfe Warschaus an der ul. Okopowa Nr. 49/51, die schon zum Stadtteil Wola bzw. Powązki gehört. Dieser jüdische Friedhof ist Teil einer größeren Anlage, zu der auch die beiden großen traditionsreichen Warschauer Friedhöfe Cmentarz Powązkowski und Cmentarz Wojskowy sowie Friedhöfe der Evangelisch-Augsburgischen und Evangelisch-Reformierten Kirche gehören. Der zweite jüdische Friedhof Warschaus befindet sich im Stadtteil Bródno.227 Auf der knapp 34 Hektar großen Friedhofsanlage an der ul. Okopowa befinden sich etwa 200 000 Gräber und größere Grabmale, zum Teil in mehr oder weniger gutem Zustand, zum Teil weitgehend zerstört und verwüstet, so manche Grabstätte ist fast dem Erdboden gleichgemacht. Hinzu kommen Massengräber ermordeter Bewohner des Warschauer Ghettos. Das älteste Grab stammt aus dem Jahr 1807. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte der Friedhof zum abgetrennten Gelände des Warschauer Ghettos. SS- und andere deutsche Einheiten nahmen hier massenhaft Erschießungen von jüdischen Zivilisten und Kämpfern des Aufstandes im Ghetto sowie jüdischen Teilenehmern des Warschauer Aufstandes von 1944 vor. Außerdem zerst- örten sie die Begräbnishalle und Anlagen des Friedhofs, wie etwa zur Wasserversorgung. Auf dem Friedhof liegen die sterblichen Überreste namhafter Rabbiner, Industrieller, Wissenschaftler, Ärzte und Politiker, darunter von Izaak Cylkow, Rabbiner der von den deutschen Besatzern zerstörten großen Synagoge, ebenso wie von Angehörigen der Kaufmanns-, Bankiers- und Fabrikantenfamilie Bergson, Marek Edelman, Adam Czerniaków, dem Vorsitzenden des Warschauer Judenrates während des Zweiten Weltkriegs, Leon Feiner, dem führenden Mitglied des Bundes, dem Arzt Ludwik Hirszfeld, der Schauspielerin Ester Rachel Kamińska, dem Schriftsteller Julian Stryjkowski, dem Historiker Feliks Tych und von Ludwik Zamenhof, der die Kunstsprache 227 Siehe S. 230 in dieser Publikation. Zu beiden Friedhöfen siehe auch Paszkiewiczowie, Hanna i Piotr/ Krajewska Monika: Cmentarze żydowskie w Warszawie, Warschau 1992. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 185 Esperanto entwickelte. Für den in Treblinka ermordeten Janusz Korczak wurde ein symbolisches Grab errichtet. Am Pl. Bankowy, damals Ecke ul. Rymarska/ul. Tłomackie, stand bis zum 16. Mai 1943 die größte Synagoge Warschaus. Das gewaltige Bauwerk war in den Jahren 1875 bis 1878 unter Leitung des Architekten Leandro Marconi errichtet worden. Marconi, in jenen Jahren einer der kreativsten Architekten in der polnischen Hauptstadt, orientierte sich bei seinem Projekt am Brüsseler Justizpalast, dem Pantheon in Rom und der Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße.228 In direkter Nachbarschaft zu dem Gotteshaus befand sich die Judaistische Hauptbibliothek, deren Gebäude in der ul. Tłomackie heute das Jüdische Historische Institut beherbergt. Nach der Niederschlagung des Aufstandes im jüdischen Ghetto ließ SS-Gruppenführer Jürgen Stroop am 16. Mai 1943 die Synagoge sprengen. Anschließend telegrafierte er an seine Vorgesetzten: „Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschaus besteht nicht mehr. Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet.“229 In den 1950er Jahren entschied die Führung der Warschauer Stadtverwaltung, die Synagoge nicht wieder aufbauen zu lassen. Das Jüdische Historische Institut (Żydowski Instytut Historyczny -ŻIH) in der ul. Tłomackie 3/5 kann auf eine reiche wissenschaftliche Tradition zurückblicken und verfügt über große Schätze in seinen Archiven. Am 19. Februar 1928 wurde hier das Institut für judaistische Wissenschaften (Instytut Nauk Judaistycznych) eröffnet, das als erste derartige Institution für Wissenschaft und Lehre in Europa gilt. Am Institut wurden Rabbiner, Prediger, Religionslehrer und auch Mitarbeiter jüdischer Gemeinden und anderer öffentlicher Institutionen ausgebildet. Das Gebäude, in dem sich neben dem Institut die Judaistische Hauptbibliothek (Główna Biblioteka Judaistyczna) befand, bildete zusammen mit der Synagoge einen eindrucksvollen Gebäudekomplex, der Warschaus Stadtbild mitprägte. Im Dezember 1939 wurde die Mehrheit der 30 000 Bücher der Bibliothek durch die deutschen Besatzer beschlagnahmt und vernichtet. Ab 16. November 1940 befand sich das Gebäude auf dem Gelände des Ghettos. Immerhin konnte in seinem Räumen ein gewisses gesellschaftliches Leben mit literarischen Lesungen, Theateraufführungen und Konzerten organisiert werden. Zusammen mit der Sprengung der Synagoge wurden das Institut und die Bibliothek durch die Deutschen in Brand gesetzt. Die Spuren dieser Brandstiftung sind bis heute in der Haupthalle des Instituts zu sehen. Unter Leitung des Zentralkomitees der Juden und mit finanzieller Hilfe jüdischer Organisationen in der USA konnte das Gebäude nach dem Abzug der deutschen Besatzer renoviert werden. Unter der Leitung der vom Zentralkomitee berufenen Zentralen Jüdischen Historischen Kommission (Centralna Żydowska Komisja Historyczna) begann man mit der Sammlung von Dokumenten zum Ghetto und zum Holocaust, 228 Zu den Bauwerken Marconis in Warschau zählten auch das Sobański-Palais, das Zamoyski-Palais und die Nożyk-Synagoge. 229 Zit. nach Bartoszewski, Władysław: Sie kämpften für menschliche Würde. Zeugenbericht eines Christen. DIE ZEIT, 22.4.1983. Siehe auch S. 35 in dieser Publikation. 3. Erkundungen 186 die schon 1946 8000 Akten mit Dokumenten, viele persönliche Erinnerungsstücke, Tagebücher und literarische Werke, auch 2000 Augenzeugenberichte, einige tausend wiedergefundene Bücher, 3000 Fotografien und 250 Gemälde umfasste. Wichtigstes Sammlungsstück war das Ringelblum-Archiv.230 Das Jüdische Historische Institut in der ul. Tłomackie (Quelle: Vetter). Wenig später wurde die Historische Kommission in das Jüdische Historische Institut (Żydowski Instytut Historyczny) umgewandelt, das deren Tätigkeit fortsetzte und auch Sachwalter des Archivs wurde. Die Gesellschaft des Instituts erhielt 1950 Rechtsstatus. Trotz teilweise schwieriger politischer Bedingungen und wiederholt auftretender finanzieller Probleme konnte das Institut auch in den folgenden Jahrzehnten seine Arbeit fortsetzen. Am 1. Januar 2009 erhielt es den Namen Żydowski Instytut Historyczny im. Emanuela Ringelbluma. Heute und in Zukunft umfasst sein Aufgabengebiet die Organisierung wissenschaftlicher Konferenzen und populärwissenschaftlicher Begegnungen, Ausbildung, verlegerische Tätigkeit, Dokumentation von Lebensläufen, Ausbau der Bibliothek und die Sammlung von einschlägigen Kunstgegenständen. 230 Siehe dazu auch Kassow, Samuel D.: Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, Reinbek bei Hamburg 2010. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 187 Nicht nur durch die Sprengung des großen Synagoge 1943 hat sich das Areal am heutigen Pl. Bankowy gegenüber dem Zustand vor dem Zweiten Weltkrieg verändert. Da auch einige Gebäude neben der Synagoge im Krieg zerstört und später nicht wiederaufgebaut wurden, ist der Platz gegenwärtig weitaus größer als damals. Heute wird der Pl. Bankowy durch das Hochhaus Blue Tower Plaza sowie das Rathaus, eine spätklassizistische Anlage aus drei Flügeln mit einem sechssäuligen korinthischen Portikus aus den Jahren 1823–1825, dominiert. Das Gebäude war damals Sitz der Regierungskommission für Einkünfte und Finanzen. Vor dem Rathaus stand bis 1989 das Denkmal des polnischen Adligen Feliks Dzierżyński, der Lenins Geheimpolizei Tscheka, später GPU, NKWD und KGB, gegründet hatte. Das Denkmal wurde im Zuge der Wende 1989 unter dem allgemeinen Beifall des Warschauer Publikums demontiert und dabei in zahlreiche Einzelteile zersplittert. Später wurde hier ein Denkmal für den romantischen Dichter Juliusz Słowacki (1809–1849) errichtet, der von 1829 bis 1831 als Beamter im Gebäude der damaligen Finanzkommission gearbeitet hatte. Verborgen hinter modernen Gebäuden steht die Nożyk-Synagoge in der ul. Twarda 6 unweit des Pl. Grzybowski, also schon im Stadtzentrum Warschaus. Mit seiner prachtvollen Fassade und der reichen Innenausstattung lässt das Gotteshaus die Vielfalt jüdischen Lebens in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wenigstens erahnen. Die Synagoge entstand 1902 im neoromanischen Stil nach einem Entwurf von Leandro Marconi. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie durch die deutschen Besatzer als Lager missbraucht. Seit der Renovierung in den Jahren 1977 bis 1983 wird die Synagoge wieder durch die jüdische Gemeinde Warschaus genutzt. Vor der Synagoge stand bis 2017 das Jüdische Esther-Rachel- und Ida-Kamiński- Theater (Teatr Estery Racheli i Idy Kamińskich-Teatr), bevor es abgerissen wurde, um einem modernen Gebäude zu weichen. Das Theater entstand um 1950 aus der Vereinigung zweier jüdischer Bühnen in Łódź und Breslau/Wrocław, wurde verstaatlicht und war dann in Warschau tätig. In den Jahren 1966 bis 1967 erhielt es ein eigenes Gebäude am Pl. Grzybowski. Das Theater trägt den Namen zweier jüdischer Schauspielerinnen aus der Familie Kamiński: Esther Rachel Kamińska (1870–1925) und deren Tochter Ida Kamińska (1899–1980). Ida Kamińska leitete das Theater bis 1968, bevor sie wegen der antisemitischen Kampagne der Kommunisten Polen verließ und dann abwechselnd in den USA und Israel lebte. Danach übten Juliusz Berger (1928– 1999) und Szymon Szurmiej (1923–2014) die Leitung des Theaters aus. In Folge übernahm Szurmiejs Ehefrau Golda Tencer (* 1949) diese Aufgabe. Eine neue Heimstatt fand das Theater in der ul. Senatorska 35. Der Polnische Architektenverband hatte das vormalige Gebäude zum Baudenkmal erklärt und vergeblich gegen den Abriss protestiert. In der ul. Próżna, die vom Pl. Grzybowski abgeht, sind noch einige wenige Gebäude bzw. deren Fragmente aus der Zwischenkriegszeit erhalten geblieben. Seit 2004 wird in der Straße regelmäßig das Warschauer Singer Festival (Festiwal Warszawa 3. Erkundungen 188 Singera) abgehalten.231 Die Häuser Próżna 7 und 9 wurden in den Jahren 2011 bis 2013 restauriert und in den Bürokomplex Le Palais Office umgestaltet. 2014 begann man mit der Restaurierung der verbliebenen Gebäude und der Straßenführung bzw. -beleuchtung. Die am Pl. Grzybowski entlanglaufende ul. Twarda ist eine der ältesten Straßen Warschau. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts pulsierte hier das jüdische Leben. Noch heute erinnern die dortigen kleinen Werkstätten und Geschäfte an die vormaligen Zeiten. Aus der Zeit des Warschauer Ghettos sind mehrere Elemente der Mauer erhalten geblieben, die während des Zweiten Weltkriegs den jüdischen Bezirk umschlossen. Eines findet sich im Hof des Gebäudes ul. Sienna 55, wo auch eine Gedenktafel an das damalige Geschehen erinnert. Ein zweites steht an der Ecke ul. Grzybowska Nr. 82– 50/ul. Żelazna, wo ebenfalls zwei Gedenktafeln angebracht wurden. Seit dem 1. Oktober 2011 überspannt der „Steg der Erinnerung“ (Kładka Pamięci) die ul. Chłodna nahe der ul. Żelazna. Er erinnert an die Holzbrücke, die während des Zweiten Weltkriegs die beiden Teile des jüdischen Ghettos in Warschau verband. Es handelt sich um eine künstlerische Installation, bei der vier stählerne Pfeiler durch Lichterketten verbunden wurden, die bei Dunkelheit eindrucksvoll an das Geschehen im Ghetto erinnern. Exkurs: Jüdisches Leben heute, jüdisch-polnische Streitpunkte In den 1990er Jahren begann in Polen eine Renaissance des jüdischen Lebens. So entstanden Schulen, an denen Hebräisch unterrichtet und jüdische Kultur gelehrt wird. Bald ging die Zahl der Teilnehmer an Aufsatzwettbewerben über Geschichte oder Kultur der Juden in die Tausende. Großes Interesse finden jüdische Kulturfestivals besonders in Warschau und Krakau. Vor allem junge Menschen begannen, in ihren Biografien zu forschen und ihre jüdisch-religiösen Traditionen zu entdecken. Das galt nicht zuletzt für jene, die aus assimilierten Familien stammen und katholisch erzogen worden waren. Die Gläubigen begannen, sich in jüdischen Gemeinden zu organisieren, die sich 1993 zur Union der jüdischen Gemeinden in Polen zusammenschlossen. An den Universitäten in Warschau und Krakau wurden akademische jüdische Studienprogramme eingerichtet. Krakau ist auch der Sitz der Judaica-Stiftung, die ein weites Spektrum kultureller und pädagogischer Programme anbietet. Außerdem entstanden Zeitungen und Zeitschriften wie Midrasz, deren erster Chefredakteur der Publizist Konstanty Gebert war, der in den 1980er Jahren unter dem Pseudonym „Dawid Warszawski“ in Untergrundzeitungen publiziert hatte. Zu den Autoren von Midrasz zählten und zählen Maria Janion, Krystyna Kersten, Hanna Krall, Dorota Szwarcman, Stanisław Krajewski und Jerzy Tomaszewski. Auch Klezmer-Bands wurden gegründet, die zunehmend an Popularität gewannen. 231 Benannt nach dem jüdisch-polnischen Schriftsteller Isaac Bashevis Singer, der Romane wie „Die Familie Moschkat“, „Jakob der Knecht“, „Spinoza von der Marktstraße“ und „König der Felder“ verfasst. Siehe auch www.festiwalsingera.pl/cele-i-misja/.festiwalsingera.pl. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 189 Die Frage allerdings, wie viele Juden heute in Polen leben, ist nicht einfach zu beantworten. Diverse Zahlen stehen im Raum. Laut Statistischem Jahrbuch zählten die jüdischen Gemeinden, also die Gesamtheit der jüdischen Gläubigen, im Jahr 2018 1860 Mitglieder. Nimmt man die Mitglieder jüdischer kultureller und anderer Vereinigungen hinzu, kommt man auf 2310.232 Davon leben mindestens 700 in Warschau. Soziologen betonen allerdings, es könnten auch 10 000 bis 15 000 jüdische Gläubige sein. Vermutlich leben heute in Polen noch mindestens 100 000 Menschen, die jüdischer Abstammung sind, mehrheitlich aber einen laizistischen Lebensstil pflegen. Die jeweiligen Zahlen hängen davon ab, wie jeweils definiert wird, was es bedeutet, ein Jude zu sein – und auch, wie sich Menschen selbst empfinden. So kamen Kinder häufig in gemischten Familien zur Welt. Die Assimilierung schritt voran und die Identifizierung mit Polen nahm zu, ganz zu schweigen von der Identifizierung mit dem Polnischen im kulturellen Sinne. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der „nichtjüdischen“ Juden, die nichts mit dem jüdischen Leben gemein hatten, da sie bspw. Kommunisten waren und alles Jüdische für nicht mehr aktuell, also für eine Angelegenheit der Zwischenkriegszeit hielten. Oder sie waren Katholiken, so dass ihr Judentum für sie keine ausschlaggebende Bedeutung mehr hatte. Außerdem wird man nie genau erfahren, wie groß die Anzahl derer war und ist, die ihre jüdische Herkunft verheimlichten, um während des Krieges zu überleben, und diese Haltung auch später beibehielten. Manchmal verbargen sie diese sogar vor ihren Ehegatten und Kindern.233 Die historische und politische Bedeutung jüdischer Präsenz im heutigen Polen ist viel größer, als die nackten Zahlen vermuten lassen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalkonservativen der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ von Jarosław Kaczyński im Jahr 2015 gewann der innerpolnische Streit um die Frage, in welchem Ausmaß Polen an der Drangsalierung oder gar Ermordung polnischer Juden während und nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt waren, aus zwei Gründen an Schärfe. Zum einen ergaben neuere Forschungen, dass polnische Bürger in diesem Zusammenhang weitaus mehr Schuld auf sich geladen haben, als bisher angenommen wurde. Zum anderen bemühten sich die Nationalkonservativen, diese Forschungsergebnisse herunterzuspielen und hauptsächlich auf die Polen zu verweisen, die Juden vor den Nationalsozialisten verborgen und damit gerettet hatten, trotz Androhung der Todesstrafe durch die deutschen Besatzer. In der Tat gab es auch zahlreiche dieser selbstlosen und sehr mutigen polnischen Helfer. So kommt der zeitweise in Ottawa lehrende polnische Wissenschaftler Jan Grabowski in seinem 2011 publizierten Buch „Judenjagd“234 zu der Auffassung, dass rund 200 000 polnische Juden, zumeist auf der Flucht, von Polen entweder ermordet oder an die deutschen Besatzer denunziert und ausgeliefert und so in den sicheren Tod geschickt worden seien. Forschungen anderer polnischer Historiker haben diese 232 Rocznikn Statystyczny 2018, www.rocznik_statystzcynz_rzeczypospolitej_polskiej_2018_pdf. 233 Siehe Krajewski, Stanisław: Die gegenwärtige Situation der Juden in Polen. Anzahl: verschwindend gering – Präsenz: bedeutend – Religiosität: zunehmend, in Polen-Analysen, Nr. 45, 3.2.2009. 234 Grabowski, Jan: Judenjagd. Połowanie na Żydów 1924–1945, Warschau 2011. 3. Erkundungen 190 Auffassung bestätigt. Grabowski wurde wegen dieses Buches von nationalkonservativer Seite regelrecht beschimpft und auch, wenngleich ergebnislos, verklagt.235 Grabowski kooperiert mit einer Gruppe polnischer Wissenschaftler des Zentrums zur Erforschung der Judenvernichtung (Centrum Badań nad Zagładą Żydów) an der Polnischen Akademie der Wissenschaften um Barbara Engelking und Jacek Leociak. Zusammen mit Barbara Engelking hat Grabowski im Jahr 2018 zwei Sammelbände unter dem Titel „Noch ist es Nacht. Schicksale von Juden in ausgewählten Verwaltungskreisen Polens“236 herausgegeben, in dem neun Historiker des Zentrums ihre Ergebnisse mehrjähriger Forschungen zu je einem Verwaltungskreis des damals vom NS-Besatzungsregime gebildeten sogenannten Generalgouvernements vorstellen. Anhand dieser Studien über die Judenvernichtung ab 1942 wird deutlich, dass Massenerschießungen gerade auch in ländlichen Regionen weiter verbreitet waren, als bis dato bekannt. Die Forschungsergebnisse zur aktiven Beteiligung von Polen an der Ermordung von Juden – oft aus eigenem Antrieb – stehen im schroffen Gegensatz zum Opfernarrativ der Nationalkonservativen, das in vielerlei Hinsicht gerechtfertigt ist, im Falle der Juden aber kaum zutrifft. Vor allem Angehörige der von den NS-Besatzern geschaffenen, aber über einen gewissen Freiraum verfügenden polnischen so genannten Blauen Polizei waren an der Ermordung von Juden aktiv beteiligt. Schon vor der Veröffentlichung der Sammelbände war bekannt, dass Mitglieder des polnischen Untergrunds Juden getötet haben. Die polnische freiwillige Feuerwehr half bei der Liquidierung von Ghettos: Indem sie versteckte Juden verrieten, halfen Gruppen der polnischen Zivilbevölkerung bei deren Verfolgung mit. So mancher eignete sich den zurückgelassenen Besitz der Juden an. In den untersuchten Verwaltungsgebieten überlebten nur knapp 2 Prozent der dort ansässigen oder dorthin geflüchteten Juden. Wer sich nicht zu einer der Partisanengruppen durchschlagen konnte, verdankte sein Leben in der Regel polnischen Helfern, von denen mindestens 100 ihre Hilfe mit dem Leben bezahlten. Dabei nahmen die Retter das Risiko nicht nur aus humanitären Gründen auf sich, sondern weil sie bisweilen auch von den Juden dafür bezahlt wurden. Obwohl die beiden Sammelbände überhaupt nicht in das Geschichtsbild der Nationalkonservativen passen, wurden sie zu einem Verkaufserfolg. Umso verbissener wurde ihre mediale Kampagne und die ihrer „Historiker“ gegen das Warschauer Zentrum zur Erforschung der Judenvernichtung. Dessen Forscher haben sich mit detaillierten Antworten auf die Kampagne auf der Homepage des Zentrums zur Wehr gesetzt. Die Auseinandersetzungen ab 2015 waren nicht der erste derartige Diskurs nach 1989. Schon in den Jahren 2000/2001 wurde breit über die Ereignisse in Jedwabne, Radziłów, Wąsosz und anderen ostpolnischen Ortschaften diskutiert, wo Polen im Sommer 1941 jüdische Mitbürger ermordet hatten. Ähnlich kontrovers verlief die Diskussion über antijüdische Pogrome und Ausschreitungen in der Nachkriegszeit, 235 Siehe u. a. Croitoru, Joseph: Ein solches Geschichtsbild dulden wir nicht – eine polnische Kampagne gegen die Holocaust-Forschung, in Neue Zürcher Zeitung, 28.3.2019. 236 Engelking, Barbara/Grabowski, Jan: Dalej jest noc. Losy Żydów w wybranych powiatach okupowanej Polski, Warschau 2018. 3.4. Auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit: Muranów 191 etwa in der mittelpolnischen Stadt Kielce im Juni 1946. In beiden Fällen waren es Bücher des polnisch-jüdischen, in den USA lehrenden Soziologen Jan Tomasz Gross, welche die Debatten auslösten. Ging es Gross mit seinem Buch „Nachbarn“237 in erster Linie um den Nachweis, dass die Polen nicht nur Opfer des Zweiten Weltkriegs waren, sondern während dieser Zeit auch Verbrechen begingen, so gipfelte sein Buch „Angst“238 in der These, dass sich die Polen geradezu wie Kollaborateure der Nationalsozialisten verhalten und den Massenmord an den Juden in der Nachkriegszeit fortgesetzt hätten. Diese These wirkte auf viele Polen, nicht nur auf Anhänger der Nationalkonservativen, wie eine Provokation. Während Kritiker von Gross wie der renommierte Soziologe Ireneusz Krzemiński betonten, dass der Autor durch seine überspitzten Schlussfolgerungen den Dialog und die Versöhnung zwischen Polen und Juden blockiere, bewerteten der Historiker Jerzy Jedlicki und der Chefredakteur der Gazeta Wyborcza das Erscheinen des Buches als Startschuss für eine wichtige Debatte. Janusz Kurtyka, damals Leiter des Instituts des nationalen Gedenkens, das die Akten der früheren kommunistischen Geheimdienste aufbewahrt und erforscht, nannte Gross einen „Vampir der Geschichtsschreibung“. In den nationalkonservativen Kreisen der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ wurde dem Autor Verleumdung des polnischen Volkes vorgeworfen. Jedlicki und andere meinen, dass sowohl die Stärken als auch die Schwächen der Schriften von Gross das gewaltige öffentliche Echo verursacht hätten. Immerhin präsentiert der Autor eine Fülle von Material, das in diesem Ausmaß erstmals vor den Augen des polnischen Publikums ausgebreitet wurde und dementsprechend eine enorme Beweiskraft entwickelt. Ausführlich widmet sich Gross dem Mord an den Juden von Jedwabne während des Zweiten Weltkriegs sowie den Pogromen von Kielce und anderswo nach dem Kriegsende. Er thematisiert den grassierenden Antisemitismus im katholischen Klerus, in Teilen der kommunistischen Partei sowie in Behörden und beschreibt außerdem, wie sich Polen den Besitz ermordeter Juden angeeignet hatten. Auch die Mehrheit der Wissenschaftler und Publizisten, die das Erscheinen der Bücher von Gross verteidigen, bemängelt die wissenschaftliche Qualität und die publizistische Darbietung dieser Schriften. Tatsächlich geht Gross in seinen Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen häufig zu weit. Auch wenn es, was kein ernsthafter polnischer und internationaler Autor bestreitet, während und nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitet antisemitische und antijüdische Haltungen in der polnischen Gesellschaft gab, auch wenn es zu den schrecklichen Ereignissen in Jedwabne, Kielce und anderswo kam, rechtfertigt das nicht die Schlussfolgerung von Gross, dass sich die Mehrheit der Polen der „nacheilenden Kollaboration“, wie er schreibt, mit den 237 Siehe S. 33 dieser Publikation. 238 Ebd. 3. Erkundungen 192 Nazis schuldig gemacht und deren Massenmord an den Juden quasi fortgesetzt hätte.239 Ab 2015 war auch zu beobachten, dass rechtsradikale und antisemitische Gruppen zunehmend selbstbewusster und lautstärker in der polnischen Öffentlichkeit auftraten – etwa bei den großen Demonstrationen zum Nationalfeiertag am 11. November, in Fußballstadien und mit örtlichen Aufmärschen beispielsweise in der nordostpolnischen Stadt Białystok. Offenbar nutzten sie den Freiraum, der sich durch das nationalistische Auftreten der PiS Kaczyńskis für sie aufgetan hatte, was nicht bedeutet, dass diese Partei selbst antisemitisch ist, von einzelnen lokalen und regionalen Funktionäre mal abgesehen. Andererseits haben Analysen etwa des Warschauer Meinungsforschungsinstituts CBOS mehrfach gezeigt, dass die Sympathie zahlreicher Polen mit den Juden und die Abneigung gegenüber dem Antisemitismus peu à peu zunimmt. Das Erbe des Sozialistischen Realismus Seit dem 19. Jahrhundert ist die ul. Marszałkowska eine der zentralen Verkehrsachsen im Zentrum Warschaus. Ihre Bedeutung ergab sich vor allem durch den Wiener Bahnhof (Dworzec Wiedeński), der in den Jahren 1844 bis 1845 an der Kreuzung zur Al. Jerozolimskie240 und als Verbindung zu der im nördlichen Stadtteil Żoliborz errichteten Zitadelle entstand. Verlief sie zunächst zwischen der ul. Królewska und der Al. Jerozolimskie, so wurde sie später Schritt für Schritt verlängert – im Norden bis zum pl. Bankowy und im Süden bis zum pl. Unii Lubelskiej. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen auf beiden Seiten der Marszałkowska mehrstöckige Häuser, in denen die Geschäfte renommierter Firmen, Kinos, Restaurants, Cafés und Konditoreien untergebracht waren.241 Nach der weitgehenden Zerstörung dieser Bebauung während des Zweiten Weltkriegs entstanden im zumeist erhaltenen Erdgeschoss dieser Häuser zahlreiche kleine Geschäfte und sonstige Einrichtungen des Kleinhandels, auch das legendäre Café Fogg im Parterre des vormaligen Hauses Nr. 119. Dank dieser privaten Initiativen bürgerte sich bald das geflügelte Wort von der Parterowa Marszałkowska (wörtlich: Erdgeschoss-Marszałkowska) ein. Mit dem Bau des Kulturpalastes und der MDM- Siedlung wurde die Marszałkowska dann in den frühen 1950er Jahren zum zentralen Schauplatz der Verwirklichung des Sozialistischen Realismus, somit einer stalinistischen Städte- und Wohnungsbaupolitik, die sich nach dem Willen der damaligen politischen Machthaber nicht zuletzt durch die Schaffung eines Stadtzentrums mit breiten, für Paraden und Aufmärschen geeigneten Straßen und mächtigen Baukomplexen auszeichnen sollte. 3.5. 239 Zum Verhältnis zwischen Polen und Juden siehe auch Engelking, Barbara/Hirsch, Helga (Hrsg.): Unbequeme Wahrheiten. Polen und sein Verhältnis zu den Juden, Frankfurt/Main 2008. 240 Unweit des heutigen Zentralbahnhofs. 241 Zieliński, Jarosław: Wielkomiejska Marszałkowska, in Stolica, Nr. 8–9/2019, S. 32 f. 3.5. Das Erbe des Sozialistischen Realismus 193 Abreißen? Verschönern? Einhegen? – der Kultur- und Wissenschaftspalast (Pałac Kultury i Nauki) Es gibt in Polen kein zweites Gebäude, das immer wieder so heftig diskutiert wird wie dieser Palast im Zentrum der polnischen Hauptstadt. Das gewaltige Bauwerk, so hat es mitunter den Anschein, lastet wie ein Fluch auf der Seele Warschaus. Beim Anblick des Palastes gewinnt man fast zwangsläufig den Eindruck, der 1953 verstorbene sowjetische Diktator Josef Stalin habe mit diesem „Geschenk“ Polen ein für alle Mal seinen Herrschaftswillen aufgezwungen. Obwohl inzwischen von anderen modernen Wolkenkratzern umstellt, ist der Palast immer noch aus allen Himmelsrichtungen zu sehen. Versagt das Navigationsgerät im Auto, ist er immer noch als Orientierungshilfe willkommen. Die Bürger Warschaus können Stalins „Geschenk“ nicht vollständig verdrängen und ignorieren, dazu ist es einfach zu präsent. Bis auf den heutigen Tag. Die einen sehen den Palast und überhaupt die Bauwerke aus den frühen 1950er Jahren als zugespitzten Ausdruck einer Architektur der Herrschenden und denken dabei an die Geschichte des Stalinismus in Polen.242 Andere verweisen auf deren bis heute geltende städtebauliche und architektonische Vorzüge, etwa wenn es um Wohnsiedlungen geht – insbesondere im Vergleich zu den Plattenbauten aus den 1960er Jahren. Wieder andere wollen, dass der Palast durch Bauten in seiner unmittelbaren Umgebung stärker ins Stadtbild integriert wird. Für viele, vor allem ältere Warschauer ist das Bauwerk hauptsächlich mit schönen Erinnerungen verbunden: die Erholung im dortigen Schwimmbad, der Besuch eines Tanz-, Gymnastik-, Bastel- oder Malkurses, das Ausleihen von Büchern, interessante Filme in einem der dortigen Kinos, sogar der Auftritt der Rolling Stones am 13. April 1967 im Kongresssaal des Kulturpalastes. Wiederholt wurden die mächtigen Fassaden für großflächige Plakate genutzt: mit der blaugelben Fahne der Europäischen Union, auch zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg oder die ersten nachkommunistischen Wahlen in Polen im Juni 1989. So manche Hochzeit wurde im Kulturpalast gefeiert. Die Silhouette des Palastes diente sogar als Hintergrund auf Plakaten, mit denen für Weltuntergangsfilme geworben wurde. Und nicht zuletzt fanden hier die Kongresse der kommunistischen Staatspartei PVAP/PZPR statt, auch der zu ihrer Auflösung am 29. Januar 1990.243 Wiederholt meldeten polnische und internationale Medien, dass der Kulturpalast vor dem Abriss stehe.244 In der Regel basieren derartige Meldungen auf Äußerungen von Politikern, die durch ein Plädoyer für den Abriss Aufmerksamkeit beim Publikum erheischen wollten. So führte der ehemalige polnische Außenminister Radosław Sikorski vor allem ökonomische Gründe für einen Abbruch ins Feld. Das Gebäude, so 242 Zur gesamten Problematik siehe unter anderem Landesdenkmalamt Berlin/Biuro Stołecznego Konserwatora Zabytków Warszawa (Hrsg.): Von Moskau lernen? Architektur und Städtebau des Sozialistischen Realismus. Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Band 38, Berlin 2012. 243 Zur Geschichte des Kulturpalastes siehe insbesondere Murawski, Michał: Kompleks Pałacu. Życie społeczne stalinowskiego wieżowca w kapitalistycznej Warszawie, Warschau 2015. 244 Kellermann, Florian: Warschauer Kulturpalast droht der Abriss, Deutschlandfunk, 16.11.2017, Informationen am Morgen; Hreczuk, Agnieszka: Stalins Riese, in Tagesspiegel, 1.6.2012; MS: Stalins Stinkefinger, in Pester Lloyd, 19.11.2009. 3. Erkundungen 194 der frühere Chefdiplomat, vergeude Unmengen von Energie und bräuchte ohnehin bald eine Generalsanierung, die vermutlich bis zu 100 Millionen Dollar kosten würde. Sikorski träumt öffentlich, dass es doch viel besser wäre, dort einen Park mit einem Teich und einer kleinen Brücke zu schaffen, wo die Warschauer und ihre Gäste zum Picknick gehen könnten. Sikorski bereicherte seine Äußerung mit der Bemerkung, dass der Abriss ein Moment der inneren Reinigung für Polen sein könne, eine Katharsis, vergleichbar mit der Niederlegung der russisch-orthodoxen Alexander-Newski-Kathedrale im Jahr 1924.245 Treffend schrieb ein Kommentator der ungarischen Zeitung Pester Lloyd zu den Abrissplänen: „[…] die Variante ‚Ground Zero‘ [ist] nicht gerade dazu geeignet, sich mit der Geschichte eines Landes, die sich ja in jeder Hauptstadt spiegeln sollte, auseinander zu setzen. Bildersturm hat immer etwas Unzivilisiertes an sich und wäre letztlich auf dem gleichen Niveau wie die ‚Stadtplanung‘ des real demolierenden Sozialismus. Auf Barbarei folgt Barbarei. Dass die Sieger die Stätte des Besiegten nach erfolgreicher Unterwerfung anzünden, ist historisch nichts Neues und menschlich ebenso verständlich wie dumm. Besonders dumm nur, wenn die Sieger selbst drin wohnen und eigentlich mehr Überlebende als Bezwinger sind […] Die Polen wollen den Koloss loswerden, eben auch, weil er russischer Herkunft ist. Doch die Geschichte werden sie dadurch nicht loswerden, die lässt sich nicht abrei- ßen.“246 Ebenso alt wie die „Abrissdebatte“ ist die Diskussion über die Gestaltung des freien Raums, der den Kulturpalast besonders zur ul. Marszałkowska und zur Al. Jerozolimskie hin umgibt. Fast schon regelmäßig tauchten neue Idee auf, was denn mit dem „Geschenk“ zu tun sei, wie seine wuchtige Ausstrahlung gedämpft werden könne. In der Regel beschränken sich die Vorschläge darauf, den Kulturpalast mit hohen, möglichst gläsern gestalteten Gebäuden zu umgeben, um seine Dominanz einigermaßen ertragen zu können. Verwirklicht wurde davon bisher nichts. Immerhin wuchs in seiner näheren und weiteren Umgebung ein Wald von Wolkenkratzern in die Höhe, der jedoch zu einem gegenteiligen Effekt führte, als mit den zuvor gemachten Vorschlägen beabsichtigt war. Da diese Wolkenkratzer, wenn auch modern gestaltet, die gleiche monumentale, abschreckende Ausstrahlung haben, verstärken sie nur die Wirkung des Kulturpalastes, der sich nun, bildlich gesprochen, unter „Gleichgesinnten“ befindet, nicht aber von einer Architektur umgeben ist, die auf die Bürger der Stadt einladend wirkt. Das provozierte den renommierten polnischen Architekten Oskar Hansen im Jahr 2005 zu der Feststellung: „Stets kämpft man gegen den Palast und umstellt ihn mit Häusern, die seine Wirkung verstärkten, anstatt sie abzuschwächen. Man sieht einfach den König, und um ihn herum seine Knechte.“247 Einige Jahre später wurde ein Wettbewerb für den Entwurf des Warschauer Museums für Moderne Kunst veranstaltet, das in der Nähe des Kulturpalastes errichtet werden sollte. Der Sieger des Wettbewerbs, der Schweizer Architekt Christian Kerez, knüpfte 245 Siehe S. 13 in dieser Publikation. 246 MS: Stalins Stinkefinger … (Fn. 247). 247 Zit. nach Springer, Filip: Unerfasste Räume … (Fn. 149). 3.5. Das Erbe des Sozialistischen Realismus 195 mit seinem Entwurf an die Haltung von Hansen an. Er entschied sich für eine nach außen eher minimalistische Gestalt des Museums, das erst durch eine anspruchsvolle Gestaltung des Inneren Eindruck auf die Besucher machen sollte – ganz im Gegensatz zum Kulturpalast, der ja seine, schon von denen damaligen Erbauern und ihren Moskauer Auftraggebern intendierte Wirkung kompromisslos nach außen trägt. Doch der Entwurf von Kerez fand weder großen Anklang in der Warschauer Öffentlichkeit, noch wurde er von der Stadtverwaltung akzeptiert. An der Architekturabteilung der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenshaft fand ab 2014 ein Wettbewerb unter acht Teams von Studenten statt, die Entwürfe für eine städtebauliche Gestaltung des Umfelds des Kulturpalastes erarbeiteten.248 Die Arbeit an den Entwürfen diente der wissenschaftlichen und technischen Ausbildung der Studenten, fand aber nicht Eingang in die konkrete Planung der Warschauer Stadtverwaltung. Schließlich begann der Bau des Museums der modernen Kunst an der Ostseite des Kulturpalastes hin zur ul. Marszałkowska. Grundlage ist ein Entwurf des New Yorker Architekturbüros Thomas Phifer and Partners, der ein nüchternes, langgezogenes vierstöckiges Gebäude vorsieht. Die Baukosten des Museums, dessen Eröffnungstermin auf Februar 2022 festgelegt wurde, hat man auf etwa 500 Millionen Złoty (etwa 1,25 Millionen Euro) veranschlagt. Einige hundert Meter weiter südlich vom Kulturpalast öffnet sich die Marszałkowska hin zum Verfassungsplatz (Pl. Konstytucji), der ebenfalls zu den prägenden Hinterlassenschaften des Sozialistischen Realismus stalinistischer Zeiten zählt. So wie sich dieser Platz heute dem Betrachter präsentiert, ist er ein Widerspruch in sich selbst. Einerseits prägen auch weiterhin die wuchtigen fünf- und mehrstöckigen Wohnhäuser, die gewaltigen Arkaden, die überdimensionierten Kandelaber und die meterhohen Reliefs sozialistischer Arbeiter an den Säulen das Bild dieses „Gesamtkunstwerks“ aus den frühen 1950er Jahren. Andererseits sind auch hier inzwischen fast alle Elemente der Marktwirtschaft sowie der modernen Dienstleistungs- und Freizeitgesellschaft zu finden. An den Fassaden prangen Werbeplakate von Immobilienfirmen, präsentieren Internet- und Mobilfunkdienste ihre Angebote. Neben den Zweigstellen von Banken finden sich teure Cafés, in denen die Bankangestellten ihre Mittagspause genießen können. Wer über die nötigen Einkünfte verfügt, kann in den Geschäften Pariser Modemacher einkaufen. In den Morgenstunden und am späten Nachmittag herrscht auf dem Verfassungsplatz ein höllischer Verkehr, hasten Passanten von einer Haltestelle zu nächsten. Ganz anders das Bild in der nahe gelegenen Al. Wyzwolenie (Allee der Befreiung), die wie der Kulturpalast und einige andere angrenzende Straßen zum Gesamtkomplex des Marszałkowska-Stadtviertels (Marszałkowska Dzielnica Mieszkaniowa – MDM) gehört. Auch hier dominiert der stalinistische Wohnungsbau. Doch anders als am Verfassungsplatz gibt es hier keine Geschäfte, lediglich einige Anwälte und Steuerberater führen dort ihre Büros. Nur Autofahrer, die einen Parkplatz möglichst in der 248 Siehe dazu das Themenheft der Schweizer Zeitschrift Hochparterre vom Oktober 2015: Warschau Mitte. Ein Vorschlag für den Wiederaufbau am Kulturplast. 3. Erkundungen 196 Nähe ihrer Wohnung suchen, bestimmten das Verkehrsgeschehen. Will man der Hektik des Verfassungsplatzes entfliehen, kann man hier einen Moment der Ruhe genie- ßen. Die großzügige Gestaltung der Al. Wyzwolenia mit den Baumreihen und breiten Bürgersteigen geht bis auf das 18. Jahrhundert zurück. Von ihrem östlichen Ende geht der Blick auf den Łazienki-Park und den Ujazdowski-Palast, allerdings auch auf die vielbefahrene Stadtautobahn Trasa Łazienkowska. Doch stalinistische Architektur und entsprechende Wohnviertel finden sich nicht nur im Zentrum Warschaus. Auch die wuchtigen Wohnblocks im Stadtteil Muranów nördlich der Innenstadt gehören dazu. Die dortige Bebauung entstand auf dem Gebiet des vormaligen jüdischen Ghettos, das nach dem Aufstand vom Frühjahr 1943 dem Erdboden gleichgemacht worden war. Seit dem 19. Jahrhundert hatten dort Juden gewohnt, die aus den damaligen östlichen Landesteilen Polens oder von noch weiter östlich zugewandert waren. Die in den 1950er Jahren errichteten Wohnblocks erinnern in keiner Weise mehr an die Bebauung der Vorkriegszeit, etwa in der ul. Anielewicza.249 Wie in Muranów finden sich auch in anderen Stadtteilen Siedlungen, Gebäudekomplexe und einzelne Bauwerke, die schon auf den ersten Blick verraten, dass sie in den Zeiten des Sozialistischen Realismus entstanden sind. Zum Teil strahlen diese durchaus einen gewissen ästhetischen Reiz aus, etwa das Viertel Mariensztat am Weichselufer unweit des Königsschlosses oder die Bebauung westlich der ul. Nowy Świat. Demgegenüber erinnern Wohnsiedlungen wie Praga I und Praga II sowie mächtige Wohnhäuser an der Al. Niepodległości und auch das Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (Ministerstwo Rolnictwa i Rozwoju Wsi) in der ul. Wspólna eher an den machtbewussten Gestaltungswillen regimetreuer Stadtplaner und Architekten in den stalinistischen Zeiten. Es gibt kein anderes Gebäude in Warschau, das den Wechsel vom Sozialismus früherer Zeiten zur heutigen Marktwirtschaft in Polen besser symbolisiert als das „Haus der Partei“, wie es bis 1989/90 genannt wurde. Hinter den Fassaden des mächtigen Bauwerks an der Ecke ul. Nowy Świat/Al. Jerozolimskie tagten früher die obersten Gremien der kommunistischen Staatspartei PVAP/PZPR, insbesondere das Politbüro und das Zentralkomitee, und steuerten die Geschicke des Landes. Hier entschied man über Reform und Restauration, hier besiegelte sich das Schicksal von Parteiführern und Ministerpräsidenten, hier rang sich aber auch das Zentralkomitee 1989 zu der Entscheidung durch, mit der demokratischen Opposition über eine grundlegende Erneuerung des Landes zu verhandeln. 249 Mordechaj Anielewicz war einer der Köpfe des jüdischen Aufstandes im Frühjahr 1943. 3.5. Das Erbe des Sozialistischen Realismus 197 Die frühere Zentrale der polnischen Kommunisten (Quelle: Wikimedia Commons). Heute trägt das Gebäude den Namen Centrum Bankowo-Finansowe und gehört einer Aktiengesellschaft namens Nowy Świat SA, die es zu einem Bürogebäude und Tempel für Luxusartikel umfunktioniert hat. Nun werden im früheren „Haus der Partei“ sündhaft teure Autos verkauft, haben Weltfirmen wie Villeroy&Boch und Mont Blanc ihre Verkaufssalons, können zahlungskräftige Kunden in der Vinoteka La Bodega speisen. Wer etwas auf sich hält und für das Publikum präsent sein möchte, nimmt bei schönem Wetter in einem der Liegestühle vor dem Haupteingang Platz. Das Bauwerk im typischen Stil jener Jahre wurde am 1. Mai 1952 seiner Bestimmung übergeben. Zu den Sitzungen des Zentralkomitees reisten Funktionäre aus dem ganzen Land an, die dann ihre typischen Dienstwagen polnischer oder sowjetischer Produktion vor dem Haupteingang parkten. Diese Sitzungen gingen dann nicht selten zu Lasten des Warschauer Telefonnetzes, weil diverse Leitungen für den öffentlichen Sprechverkehr gesperrt wurden. Polens erster nachkommunistischer Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki hatte entschieden, dass die Einnahmen aus der nun betriebenen Vermietung des Gebäudes vor allem der Bibliothek der Warschauer Universität zu Gute kommen sollen. In den Jahren 1991 bis 2000 hatte Polens Wertpapierbörse hier ihren Sitz. Am 16. November 2009 wurde vor dem Haupteingang eine Statue von Charles de Gaulles enthüllt. 3. Erkundungen 198 Große und kleine Werkstätten der Demokratie: Aufbruch in neue Zeiten Die politische und ökonomische Transformation Polens in den Jahren 1989/90 war ein komplizierter und widersprüchlicher Prozess, dessen friedlicher Verlauf international sehr viel Wohlwollen fand. Auf dem Weg zu einer parlamentarischen Demokratie auf marktwirtschaftlicher Basis mussten viele Hindernisse aus dem Weg geräumt und Lösungen für komplizierte Probleme gefunden werden. All das spielte sich an verschiedenen Orten in Warschau ab, wo regelrecht Geschichte geschrieben wurde. Beginnen wir mit den damaligen Räumlichkeiten des Klubs der katholischen Intelligenz (Klub Inteligencji Katolickiej – KiK) im Zentrum Warschaus in der ul. Kopernika, die im Vorfeld der berühmten Beratungen am Runden Tisch im Frühjahr 1989 eine Rolle spielten.250 Als die politische und ökonomische Krise in Polen im Laufe des Jahres 1988 dramatische Ausmaße annahm, bemühten sich führende Persönlichkeiten des KiK wie Andrzej Stelmachowski und Andrzej Wielowieyski in Gesprächen mit den ZK-Sekretären der PVAP/PZPR Józef Czyrek und Stanisław Ciosek, die Bedingungen für mögliche Verhandlungen zwischen den Machthabenden und der demokratischen Opposition bzw. der „Solidarität“ über eine grundlegende Reform des Landes zu sondieren. Diese Unterredungen waren sicher eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Runden Tisch. Jeweils anschließend informierten Stelmachowski und Wielowieyski polnische Journalisten und auch ausländische Korrespondenten in den Räumlichkeiten des KiK über den Verlauf der Gespräche. Aber die Vorbereitungen auf den Runden Tisch gewannen erst richtig an Dynamik, nachdem am Abend des 30. November 1988 im Studio Nr. 4 von Telewizja Polska in der ul. Woronicza im Stadtteil Mokotów Fernsehgeschichte geschrieben worden war: Eine an diesem Tag ab 20 Uhr ausgestrahlte Fernsehdebatte zwischen Lech Wa- łęsa und dem damaligen Chef der regimetreuen Gewerkschaft OPZZ, Alfred Miodowicz, wurde von Wałęsa, der seinem Konkurrenten haushoch überlegen war,251 klar für sich entschieden. Die Legalisierung der von Wałęsa repräsentierten Gewerkschaft „Solidarität“ war damit nur noch eine Frage der Zeit. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes OBOP am folgenden Tag ergab, dass allein in Warschau 80 Prozent der Erwachsenen den Abend vor dem Fernsehschirm verbracht hatten. „Sein Erfolg [Wałęsas, Anm. d. Verf.]) beruhte zunächst einmal auf seiner eigenen individuellen Leistung. Bislang war von ihm verlangt worden, dass er vor großen Menschenmengen bestehen musste. Und er hatte das in der Regel mit Bravour gemeistert, weil er solche Auftritte liebte. Nun trat er sogar vor einem Millionenpublikum auf, dessen Reaktionen er aber während der Debatte nicht registrieren und gegebenenfalls beeinflussen konnte. Trotzdem meisterte er auch diese Situation. Er verließ sich auf seinen politischen Instinkt und seine Erfahrung, getragen von der felsenfesten Überzeugung, für eine gute Sache zu kämpfen.“252 3.6. 250 Siehe KiK-Warszawa: Krótka Historia Klubu Inteligencji Katolickiej, www.kik.waw.pl/historia/. 251 Siehe S. 122 in dieser Publikation. 252 Vetter, Reinhold: Polens eigensinniger Held. Wie Lech Wałęsa die Kommunisten überlistete, Berlin 2010, S. 241. 3.6. Große und kleine Werkstätten der Demokratie: Aufbruch in neue Zeiten 199 Allerdings hatte Wałęsa im Vorfeld seines Fernsehauftritts auch Berater und Helfer. Führende Berater der „Solidarität“ wie Adam Michnik und Jacek Kuroń handelten die Rahmenbedingungen aus. So bestanden sie darauf, dass die Debatte live geführt wurde, um Manipulationen vorzubeugen, sollte das Gespräch aufgezeichnet und später gesendet werden. Und sie veranlassten, dass im Studio, gut sichtbar für die Zuschauer, eine große Uhr aufgestellt wurde, die es ermöglichte, die Gesprächsanteile zeitlich abzuschätzen. Der Filmregisseur Andrzej Wajda und der Fernsehredakteur Andrzej Bober erklärten Wałęsa, wie man sich vor einer Kamera verhält und warum es gerade bei Fernsehauftritten wichtig ist, deutlich zu sprechen und auch mal Kunstpausen zu machen. Noch am 30. November, dem Tag der abendlichen Debatte, betrieben Ökonomen, Soziologen und Juristen ein Briefing mit Wałęsa, um ihm die nötige Munition für die Auseinandersetzung mit Miodowicz zu geben. Am 18. Dezember 1988 entstand in einem Saal der Kirchengemeinde des Barmherzigen Gottes (Kościół Miłosierdzia Bożego) in der ul. Żytnia im Stadtteil Wola das Bürgerkomitee beim Vorsitzenden der Solidarität (Komitet Obywatelski przy przewodniczącym – NSZZ Solidarność), das zur entscheidenden politischen Basis der demokratischen Opposition für ihr Auftreten am Runden Tisch werden sollte. Später erwies sich das Komitee auch als wichtiges Instrument der Opposition im Wahlkampf vor der Parlamentswahl im Juni 1989 sowie als Basis für die Bildung der ersten Fraktion der „Solidarität“ im Parlament. Zu den Teilnehmern der ersten Sitzung zählten oppositionelle und parteiunabhängige Intellektuelle, Aktivisten und Berater der „Solidarität“, Mitglieder oppositioneller Gruppierungen sowie Wissenschaftler Künstler und Journalisten. Die Versammelten waren sich darin einig, dass ein Dialog mit den Machthabenden um General Wojciech Jaruzelski nur möglich war, wenn diese sich endlich zu einer Legalisierung der „Solidarität“ durchrangen. Zu den wichtigsten Themen am Runden Tisch sollten die Überwindung des Einparteienstaats, die Unabhängigkeit der Justiz, Pluralismus bei den Massenmedien, Privatisierung in der Wirtschaft und freies Unternehmertum gehören. Das Bürgerkomitee war eine jener typischen Einheitsfronten, wie sie auch in anderen Staaten des früheren Ostblocks entstanden. Ihre Aufgabe war es, auf Seiten der Opposition den Systemwechsel zu organisieren. Später, als unter den Bedingungen der parlamentarischen Republik verschiedene politische Parteien entstanden waren, verloren sie ihre Existenzbedingung. Die Parteiführung und Regierung machten den nächsten Schritt hin zum Runden Tisch während einer zweigeteilten Sitzung des Zentralkomitees der PVAP/PZPR, die am 20./21. Dezember 1988 und am 16./17. Januar 1989 im Sitzungssaal im obersten Stockwerk der Parteizentrale an der Al. Jerozolimskie stattfand. Im Vorfeld der Sitzung zeigte sich, dass die Mehrheit der Parteifunktionäre kein Interesse an einem Dialog mit der Opposition und an durchgreifenden Reformen hatte. Parteichef Jaruzelski spielte deshalb sogar mit dem Gedanken an einen Rücktritt vom Amt des Ersten Sekretärs, um diesen Schritt als Druckmittel einzusetzen. Schon während der ersten Sitzungsperiode gelang es ihm, die Zusammensetzung des Politbüros als oberstes Machtorgan zugunsten reformbereiter Kräfte zu verändern. Auch Ministerpräsident 3. Erkundungen 200 Mieczysław Rakowski plädierte für einen Dialog mit der „Solidarität“ und der gesamten Opposition. Als während der zweiten Sitzungsperiode im Januar 1989 die Kritik der kommunistisch-fundamentalisten Kräfte im ZK an Jaruzelski, Rakowski und anderen Spitzenfunktionären anhielt, verkündete Jaruzelski, dass sowohl er als auch Ministerpräsident Rakowski, Innenminister Kiszczak, Verteidigungsminister Siwicki sowie die Politbüromitglieder Barcikowski und Czyrek zurücktreten würden, sollte das ZK die Reformbestrebungen der Parteispitze und ihr Bemühen um einen konstruktiven Dialog mit der Opposition nicht billigen. Die sichtbare Antwort der meisten ZK-Mitglieder war Konsternation. In der folgenden Abstimmung sprachen die Mitglieder des ZK fast einstimmig dem gesamten Politbüro ihr Vertrauen aus – einschließlich der Gruppe um Jaruzelski. Außerdem billigte das ZK eine Entschließung über den Dialog der Parteiführung und der Opposition und zur Einführung des gewerkschaftlichen Pluralismus. Der Weg zum Runden Tisch war nun frei. Der Begriff „Runder Tisch“ umschreibt nicht nur die politische Methode, den Übergang vom Sozialismus zu Demokratie und Marktwirtschaft friedlich zu bewerkstelligen und die entsprechenden Bedingungen in einer zweimonatigen Konferenz auszuhandeln, vielmehr fand diese Konferenz tatsächlich auch an einem runden Tisch statt – zumindest die Eröffnungssitzung am 5. April 1989 und das Abschlussplenum am 5. April. Das runde Möbelstück aus Eiche und Spanplatte wurde kurz vor Beginn der Beratungen bei der renommierten Möbelfabrik in Henryków nordöstlich von Warschau in Auftrag gegeben und dann auch pünktlich im Statthalterpalais (Pa- łac Namiestnikowski) an der ul. Krakowskie Przedmieście nahe der Altstadt aufgestellt. Der runde Tisch hatte einen inneren Durchmesser von neun Metern und bot 56 Teilnehmern Platz. Für den Transport nach Warschau musste er in 14 Teile zerlegt werden. Die Bilder dieser politisch-handwerklichen Rarität gingen damals um die Welt. Während der Konferenz im Frühjahr 1989 fanden viele Sitzungen von Arbeitsgruppen in anderen Räumlichkeiten des Palais oder in umliegenden Gebäuden statt. Das Statthalterpalais ist seit 1995 Sitz des polnischen Staatspräsidenten. 1955 wurde in dem Gebäude der Warschauer Pakt ins Leben gerufen. Am 7. Dezember 1970 unterzeichneten hier der damalige Bundeskanzler Willy Brandt und sein polnischer Amtskollege Józef Cyrankiewicz sowie die Außenminister beider Länder den Warschauer Vertrag253. Für Besucher ist der runde Tisch von damals natürlich eine Attraktion, die an Tagen der Offenen Tür in der Sala Kolumnowa (Säulensaal) des Präsidentenpalais, geschützt durch eine kugelsichere Scheibe, besichtigt werden kann. Ein Ergebnis des Runden Tisches war die Publikation der Tageszeitung Gazeta Wyborcza, die erstmals am 8. Mai 1989 in einer Auflage von 150 000 erschien – die erste wirklich unabhängige Zeitung im nachsozialistischen Polen. Kraft seiner Autorität ernannte Lech Wałęsa den Oppositionellen Adam Michnik zum Chefredakteur. Der renommierte Bürgerrechtler trat an die Spitze ein 20-köpfigen Redaktion, die zu- 253 Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer Beziehungen. 3.6. Große und kleine Werkstätten der Demokratie: Aufbruch in neue Zeiten 201 vor mehrheitlich für die Untergrundzeitung Tygodnik Mazowsze gearbeitet hatte. Michniks Team bezog zunächst Quartier in einer ehemaligen Kinderkrippe in der ul. Iwicka im Stadtteil Mokotów. Gedruckt wurde im damals noch staatlichen Druckbetrieb Dom Słowa Polskiego in der ul. Miedziana im Stadtteil Wola. Zuvor waren dort jahrzehntelang die kommunistische Parteizeitung Trybuna Ludu und andere offizielle Blätter gedruckt worden. Nach der Auflösung des Druckbetriebs im Jahr 2007 wurde in dessen Hauptgebäude ein Supermarkt eingerichtet. Der publizistische Erfolg der Gazeta Wyborcza war gewaltig. Berühmt wurde insbesondere Michniks Text „Wasz prezydent, nasz premier“ („Euer Präsident, unser Ministerpräsident“), mit dem er in die Debatte der Opposition eingriff, ob sie sich an einer künftigen Regierung beteiligen solle oder nicht. Sein Vorschlag, der später auch verwirklicht wurde, bestand darin, dass die Opposition den bisherigen Machthabern die Position des Staatspräsidenten zugestehen solle, während sie selbst den künftigen Ministerpräsidenten stellen müsse. Vor allem in der öffentlichen Diskussion vor den ersten halbfreien Parlamentswahlen im Juni 1989 spielte die Zeitung eine große Rolle. Nicht zufällig lautete ihr Name Gazeta Wyborcza (wörtlich: Wahlzeitung). Später im Vorfeld der Präsidentenwahl 1990 kam es zum Zerwürfnis zwischen der Redaktion und Lech Wałęsa, weil Michniks Team mit bestimmten, ins Autoritäre neigenden politischen Äußerungen des späteren Staatspräsidenten nicht einverstanden war. Im Wahlkampf unterstützte die Zeitung den damaligen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki, der bei der Abstimmung in der ersten Runde aber nur auf dem dritten Platz landete. Wałęsa entzog daraufhin der Gazeta Wyborcza das Recht, den berühmten roten Schriftzug der Gewerkschaft „Solidarität“ auf der Titelseite zu verwenden. Mit der Zeit entwickelte sich der Verlag Agora, der die Gazeta Wyborcza inzwischen herausgab, zu einem Konzern, der auch im Internet präsent war und mit dem Radio TOK FM ins Rundfunkgeschäft einstieg. Im Jahr 2002 bezogen Verlag und Redaktion ein großes modernes Gebäude in der ul. Czerska im Stadtteil Czerniaków südlich der Innenstadt. Um die Jahrhundertwende schien es so, als sei Adam Michnik in eine Korruptionsaffäre um den Filmproduzenten Lew Rywin verwickelt, was aber nie eindeutig nachgewiesen werden konnte. Mit dem Erstarken der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) um Jarosław Kaczyński und deren Regierungstätigkeit zwischen 2005 und 2007 sowie ab 2015 entwickelte sich die Gazeta Wyborcza mehr und mehr zum Sprachrohr der Opposition gegen die Nationalkonservativen. Darauf entzogen ihr die PiS-Regierungen umfangreiche Anzeigenaufträge etwa aus den Ministerien, was der Zeitung erhebliche finanzielle Verluste einbrachte. Zu den Ergebnissen des Runden Tisches gehörte auch, dass die Gewerkschaft „Solidarität“ wieder ihre Wochenzeitung Tygodnik Solidarność herausgeben konnte. Die erste Ausgabe mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren erschien am 2. Juni 1989. Leiter der in Warschau ansässigen Redaktion der Zeitung wurde Tadeusz Mazowiecki. Tygodnik Solidarność war bereits ab 3. April 1981 erschienen, wurde dann aber im Zuge der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981 verboten. Nach der Jahrtausendwende geriet das Blatt mehr und mehr ins politische 3. Erkundungen 202 Fahrwasser der Nationalkonservativen um Jarosław Kaczyński. Im Jahr 2019 lag die verkaufte Auflage nur noch bei gut 8 000 Exemplaren. Die Zahl der Internetabonnenten betrug allerdings Ende 2019 etwa 200 000. Im Vorfeld der halbfreien Parlamentswahl am 4. Juni 1989254 entstand in einem leerstehenden Café am Verfassungsplatz (Plac Konstytucji) Ecke ul. Piękna die Wahlkampfzentrale der „Solidarität“ und der gesamten Opposition in Warschau.255 Das Café mit dem Namen „Niespodzianka“ (deutsch: Überraschung) hatte man dem Verantwortlichen des Bürgerkomitees, Jan Lityński, zugeteilt, als er bei der Warschauer Stadtverwaltung wegen etwaiger Räumlichkeiten nachfragte. Als das dreistöckige Café noch geöffnet war, hatten sich dort vor allem kleine Devisenhändler, Taxifahrer, Verkäufer von Kinokarten und auch Prostituierte aufgehalten. Für Lityński, der ein Team vor allem aus Freiwilligen zusammenstellte, ging es zunächst darum, aus den etwas heruntergekommenen Räumlichkeiten ein halbwegs funktionierendes Büro mit der entsprechenden Einrichtung zu machen. Entsprechende Spenden waren natürlich sehr willkommen. Dann ging es um den Wahlkampf für die Kandidaten. Dabei entstand die Idee, jeden Bewerber der „Solidarität“ und der ganzen Opposition jeweils auf einem Foto mit Lech Wałęsa abzubilden. Fortan war die Rede von der „Lechs Mannschaft“ (polnisch: Drużyna Lecha). Bald erwies sich das Büro als große Attraktion. Viele Bürger kamen vorbei und fragten, wie die Stimmzettel aussähen, wer von der Opposition in welchem Wahlkreis kandidiere, oder zeigten sich einfach nur aus Neugier. Die hier produzierte Wahlkampfzeitung Niespodzianka wurde täglich in 20 000 Exemplaren verteilt. Natürlich konnte hier auch die Gazeta Wyborcza erworben werden. An den Fensterscheiben des Cafés klebten Zettel mit den Hinweisen auf die Uhrzeiten, zu denen Wahlkampfspots von „Lechs Mannschaft“ ausgestrahlt wurden. Berühmt wurde dann das Wahlplakat, das Gary Cooper in der Pose des Cowboys als Hauptdarsteller des Films „Zwölf Uhr mittags“ zeigt, der allerdings keinen Colt trägt, sondern ein Wahlflugblatt mit der Aufschrift „Solidarność“ („Solidarität“) in der Hand hält. Als sich dann am Abend des 4. Juni die Parlamentswahl als großer Erfolg der Opposition herausstellte, kam Polens renommierter Historiker und Bürgerrechtler Bronisław Geremek im Wahlkampfbüro vorbei und sagte triumphierend: „Wir haben eine Bombe gezündet.“ Jubelnde Passanten brachten Sekt vorbei. Auch Geremek war ins Parlament gewählt worden. Am 23. Juni 1989 schlug die Geburtsstunde einer ungewöhnlichen Parlamentsfraktion. Im Auditorium Maximum der Warschauer Universität an der ul. Krakowskie Przedmieście versammelten sich alle neu gewählten Abgeordneten der beiden Kammern Sejm und Senat und bildeten den Obywatelski Klub Parlamentarny (Parlamentarischer Bürgerklub – OKP). Diese Fraktion repräsentierte in großem Maße die damalige oppositionelle bzw. parteiunabhängige Elite Polens. Unter den Abgeordne- 254 Siehe S. 124 in dieser Publikation. 255 Kołodziejcczyk, Marcin: A to niespodzianka, in Polityka, 4. November 2009; Wiśniewski, Jan: Kontrkulturowe kawiarnie Warszawy: Niespodzianka. ngo.pl, 27. April 2012, https://publicystika.ng o.pl/kontrkulturowe-kawiarnie-warszawy. 3.6. Große und kleine Werkstätten der Demokratie: Aufbruch in neue Zeiten 203 ten fanden sich renommierte Juristen, Ökonomen, Historiker, Mediziner, Pädagogen, Architekten und Ingenieure, auch Schriftsteller, Regisseure und Schauspieler sowie verdiente Aktivisten der „Solidarität“. Die Anwesenden wählten Bronisław Geremek zu ihrem Vorsitzenden. Ihre wichtigste Aufgabe bestand fortan darin, die wichtigsten Gesetze zur ökonomischen und politischen Transformation, die in den folgenden Monaten durch die bald darauf gebildete erste nachkommunistische Regierung unter Tadeusz Mazowiecki ausgearbeitet wurden, im Parlament durchzusetzen. Ab 1. Juli 1989 tagte die Fraktion dann regelmäßig im Kolumnensaal des Parlamentsgebäudes an der ul. Wiejska. Bronisław Geremek hatte keine leichte Aufgabe, denn bis auf fünf Ausnahmen, die schon in den 1960er und 1970er Jahren dem Parlament angehört hatten, waren alle Mitglieder des OKP parlamentarische Novizen. Dementsprechend benahmen sie sich auch. Ihre Wortmeldungen während der Beratungen der Fraktion erinnerten oft an langatmige Vorträge von Wissenschaftlern in universitären Hörsälen, Reden vor einem Massenpublikum bei öffentlichen Veranstaltungen, polemische Sticheleien gegenüber dem früheren kommunistischen Gegner, militärisch klingende Anweisungen wie in den Zeiten des Untergrunds und an künstlerische Reflexionen über ästhetische Probleme. Das mag zeitweise in Parlamenten auf der ganzen Welt so sein, erreichte aber im Fall des OKP in den Jahren 1989/90 eine besondere Qualität. Debatten im Sinne einer zielgerichteten legislativen Arbeit mussten die Damen und Herren Abgeordneten erst noch erlernen. Bronisław Geremek musste sich mitunter wie ein elitärer Zuchtmeister aufführen. Nachdem der PVAP-Funktionär Miecyzsław Rakowski Anfang August 1989 vom Amt des Ministerpräsidenten zurückgetreten war, stand die Bildung einer neuen Regierung unmittelbar auf der Tagesordnung. Lech Wałęsa nahm das Heft in die Hand, als er am 7. August öffentlich erklärte, er sehe die einzig mögliche politische Lösung in der Bildung eines Kabinetts auf der Basis einer Koalition zwischen der „Solidarität“ bzw. der ganzen bisherigen Opposition sowie den bisherigen Blockparteien Vereinigte Volkspartei (Zjednoczone Stronnictwo Ludowe – ZSL), gemeinhin Bauernpartei genannt, und Demokratische Partei (Stronnictwo Demokratyczne – SD), um die er sich, wie er betonte, bemühen wolle. In den Parlamentsfraktionen von ZSL und SD hatten mehr und mehr Abgeordnete dafür plädiert, sich endlich von der kommunistischen Staatspartei PVAP/PZPR zu lösen und auf die bisherige Opposition zuzugehen. Im Auftrag von Lech Wałęsa führte der damals noch zu seinen Vertrauenspersonen zählende Jarosław Kaczyński die Koalitionsverhandlungen im Jagdpalais (Pałac Myślewicki) im Łazienki-Park, die dann auch bald mit einem Erfolg endeten. Nach einem abschließenden Gespräch zwischen Wałęsa und den Vorsitzenden der Blockparteien, Roman Malinowski und Jerzy Jóźwiak, erklärten die drei Politiker ihre Bereitschaft, eine, wie es hieß, Koalitionsregierung der nationalen Verantwortung zu bilden, die allen reformbereiten Kräften im Parlament offenstehen sollte, was bedeutete, dass auch Minister der PVAP/PZPR der künftigen Regierung angehören sollten. Am 21. August erteilte der inzwischen zum Staatspräsidenten gewählte Wojciech Jaruzelski Tadeusz Mazowiecki den Auftrag zur Bildung einer Regierung. 3. Erkundungen 204 Drei Tage später wurde Mazowiecki im Sejm zum ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Polens seit der Eingliederung des Landes in den sowjetischen Machtbereich am Ende des Zweiten Weltkriegs gewählt. Auf ihn entfielen 378 Stimmen, während vier Abgeordnete gegen ihn votierten und 41 sich der Stimme enthielten. Von insgesamt 460 Abgeordneten nahmen 423 an der Abstimmung teil. In den folgenden drei Wochen betrachtete Mazowiecki die personelle Gestaltung des künftigen Kabinetts als seine ureigenste, persönliche Aufgabe, bei deren Verwirklichung er weder Lech Wałęsa oder Bronisław Geremek noch anderen Mitglieder der „Solidarität“ und der bisherigen Opposition Einflussnahme gestattete. Am 12. September wurden die neue Regierung und ihr Programm vom Sejm bestätigt. Tadeusz Mazowiecki zu seinem achtzigsten Geburtstag im April 2007 (Quelle: Wikimedia Commons). Den schönen Blick aus seinen Amtsräumen im ersten Stock des Regierungsgebäudes in der Al. Ujazdowskie 1/3 dürfte Tadeusz Mazowiecki nur äußerst selten genossen haben. Überblickt man die drei Jahrzehnte seit 1989, dann lässt sich mit Fug und Recht feststellen, dass Mazowieckis Kabinett die schwierigste Aufgabe aller Regierungen in dieser Zeitspanne zu bewältigen hatte. Die inneren und äußeren Arbeitsbedingungen dieser Regierung hätten kaum komplizierter sein können. Mazowiecki und seine Mannschaft mussten sich immer wieder auf völlig neue Situationen einstellen und sahen sich genötigt, eine Fülle von Problemen mehr oder weniger zeitgleich lösen zu müssen. Die „Neuen“ fingen de facto bei null an, da in den Ministerien und anderen zentralen staatlichen und öffentlichen Institutionen die alten Strukturen 3.6. Große und kleine Werkstätten der Demokratie: Aufbruch in neue Zeiten 205 existierten und die überkommenen sozialistischen Denk- und Verhaltensweisen vorherrschten. Währenddessen gärte es im gesamten damaligen Ostblock. Eine nicht unwichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielte Wojciech Jaruzelski, der seit dem 19. Juli 1989 als Staatspräsident im Palais Belweder unweit des Regierungsgebäudes in der Al. Ujazdowskie residierte. Es war die letzte staatliche Funktion im Leben Jaruzelskis, der die Geschicke Polens über Jahrzehnte hinweg maßgeblich bestimmt hatte. In dieser Zeit verhielt er sich, politisch gesehen, eher vorsichtig, wenig offensiv und gestalterisch, auch wenn er verfassungsrechtlich über enorme Kompetenzen verfügte. Aber genau diese Haltung erwies sich als wichtige Basis des Erfolgs der Regierung von Tadeusz Mazowiecki. Unter den führenden polnischen Historikern herrscht Einigkeit darüber, dass Jaruzelski einerseits sehr stark das alte sozialistische Regime symbolisierte, andererseits aber auch zu den „Architekten“ des Runden Tisches auf Seiten der bisherigen Machthaber und damit zu den Wegbereitern der Transformation gehörte, indem er dann auch die Tätigkeit des Kabinetts von Mazowiecki absicherte. Das bedeutete beispielsweise, Einfluss auf Innenminister Czesław Kiszczak und Verteidigungsminister Florian Siwicki auszuüben, die als Vertreter der PVAPPZPR der Regierung angehörten. So war Kiszczak zwar intensiv damit beschäftigt, Akten seines Ministeriums, die ihm und anderen Repräsentanten des alten Regimes später möglichweise gefährlich werden konnten, zu vernichten, verhielt sich ansonsten aber als eher loyale Partner der Regierung. Mazowiecki: „Kiszczak war ein Mann von General Jaruzelski. Das war zu spüren. Ich ärgerte mich darüber, dass er Akten verbrennen ließ und dies mir gegenüber als übliche Vernichtung von Akten darstellte. Andererseits hat er mir geholfen, Provokationen seitens des SB [des Sicherheitsdienstes, Anm. d. Verf.] zu unterbinden.“256 Jaruzelski selbst bestätigte später, dass es im herkömmlichen Staatsapparat durchaus Bemühungen gab, die Arbeit der Regierung von Mazowiecki zu sabotieren oder gar durch den Einsatz von Gewalt zu beeinflussen: „Das gab es tatsächlich. Nicht so sehr im Militär, dafür aber umso stärker im Bereich des Innenministeriums.“257 Jaruzelskis vormalige Partei PVAP/PZPR, die als kommunistische Staatspartei über Jahrzehnte hinweg Polens Weg bestimmt hatte, vollzog auf ihre Weise den Übergang in die neuen Zeiten. Auf ihrem letzten Parteitag am 29. Januar 1990 im Kongresssaal (Sala Kongresowa) des Kulturpalastes beschlossen die Delegierten, ihre Organisation in Sozialdemokratie der Republik Polen (Socjaldemokracja Rzeczypospolitej Polskiej – SdRP) umzubenennen. Neuer Vorsitzender wurde Aleksander Kwaśniewski, der später zehn Jahre lang das Amt des Staatspräsidenten ausübte. Das Amt des Generalsekretärs übernahm Leszek Miller, der in den Jahren 2001 bis 2004 als Ministerpräsident an der Spitze der Regierung stand. Es war gegen Mitternacht, als der letzte Erste Sekretär der Partei Mieczysław Rakowski, der nur noch allein vorne am Podium saß, die Delegierten aufforderte: „Ge- 256 Zit. nach Biblioteka Polityki: Rewolucja ‘89. Odpowiadają Mazowiecki, Wałęsa, Balcerowicz, Jaruzelski, Geremek, Bielecki, Dorn, Chrzanowski, Kwaśniewski, Orszulik, Michnik, Smolar, Warschau 2009, S. 14. 257 Ebd. S. 58. 3. Erkundungen 206 nossinnen und Genossen, erheben Sie sich von Ihren Plätzen. Bitte die Standarte der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei hinaustragen.“258 Der Zweck heiligt die Mittel: Geschäftsbauten in Wola, Mokotów, Powiśle Die Bebauung entlang der Aleja Jana Pawła II. im Stadtteil Wola zählt zu den großen Überraschungen für Besucher, die erstmals nach Warschau kommen und die Besonderheiten der Stadt aufmerksam registrieren. Während von Norden her die wuchtigen Wohnhäuser aus den 1950er Jahren dominieren, vergleichbar mit der Karl-Marx-Allee in Ostberlin, bestimmten südwärts hin zum Zentralbahnhof die Wolkenkratzer der modernen Geschäftswelt das Bild. An der Hala Mirowska, der berühmten Markthalle, stoßen die beiden architektonischen Welten aufeinander. Der Wechsel könnte nicht schroffer ausfallen. Zusammen mit Mokotów und Powiśle gehört Wola zu den drei Stadtteilen, die sich im Zuge der marktwirtschaftlichen Entwicklung ab 1989 am stärksten verändert haben. Gerade die Hochhäuser an der Al. Jana Pawła II. sowie einige andere Bauten in Wola dominieren seither die Skyline von Warschau. Diese „Errungenschaften“ moderner Architektur erreichen beachtliche Höhen, so Warsaw Spire mit 220 Metern, Warsaw Trade Tower (208 m), Skyliner (195 m), Złota 44 (192 m) und Warsaw one (188 m). Der im Bau befindliche (2019) Varso Tower soll sogar auf 310 Meter anwachsen. Zwischen allen diesen Wolkenkratzern fällt der Palast der Kultur und Wissenschaft aus den 1950er Jahren mit seinen 237 Metern kaum noch auf. Das Centrum LIM mit dem Hotel Marriott (170 m) war das erste Hochhaus, das in der Warschauer City entstand. In der Regel dienen diese Bauwerke vor allem großen nationalen und internationalen Firmen, die dort ihre Verwaltungen untergebracht haben. Auch Hotels finden sich besonders an der Al. Jana Pawła II. Hinzu kommen Banken, private Ausbildungsund Schulungszentren, Anbieter aus der Medienwirtschaft, private medizinische Einrichtungen, Werbeagenturen und Modehäuser. Einige dieser Hochhäuser sind auch vorwiegend als Wohnhäuser für ein zahlungskräftiges Publikum konzipiert. Architektonisch sind die meisten dieser Wolkenkratzer kaum interessant – eben die übliche Mischung aus Beton, Stahl und viel Glas, mit den üblichen einfallslos konstruierten Fassaden. Aus dem Rahmen falle nur einige wenige wir Złota 44 – ein Hochhaus mit Luxusapartments, das Daniel Libeskind projektiert hat. Unter anderem hat der Fußballprofi Robert Lewandowski dort ein Apartment erworben. Wegen seiner eigenwilligen Form nennt man das Bauwerk in Warschau „żagiel“ (Segel). 3.7. 258 Bei der Zeremonie war der Autor dieser Publikation anwesend. 3.7. Der Zweck heiligt die Mittel: Geschäftsbauten in Wola, Mokotów, Powiśle 207 Inzwischen dominieren Hochhäuser wie das Warsaw Spire die Skyline von Warschau (Quelle: Wikimedia Commons). Ebenso wie in Wola ist auch im Süden des Stadtteils Mokotów nach 1989 ein gewaltiges Geschäftsviertel entstanden, in dem nationale und internationale Unternehmen ihre Firmensitze samt Verwaltung und auch Produktionsstätten unterhalten. In diesem Stadtbezirk rund um die Straßen Domaniewska, Wołoska, Cybernetika und Marynarska gibt es allerdings kaum Hochhäuser, vielmehr dominieren fünf- bis zehngeschossige Bauten. Das Gebiet trägt traditionell den Namen Służewiec Przemysłowy, weil dort in sozialistischen Zeiten auch Industriebetriebe angesiedelt waren. Es dauerte jedoch nur ein paar Jahre, bis sich für das Geschäftsviertel auch der Name „Mordor“ einbürgerte, frei nach dem Land, das sich J. R. R. Tolkien für sein Epos „Herr der Ringe“ ausdachte, in dem das diktatorisches Regime von Sauron herrscht und die größten Bösewichte beheimatet sind. Eines Tages postieren einige Angestellte, die in einem der Bürohäuser in der ul. Domaniewska arbeiten, dort sogar ein großes Schild mit der Aufschrift „Mordor“. „Mordor ist eine urbane Verirrung. Günstig zwischen Stadtzentrum und internationalem Flughafen gelegen, entwickelte sich Służewiec Przemysłowy mit rund einer Million Quadratmeter Bürofläche zum größten Geschäftsviertel Polens. Die hohe Dichte von Einkaufszentren, Bürogebäuden, Restaurants und modernen Wohnhäusern in Kombination mit einer unzureichenden Infrastruktur geht zulasten der über 85 000 hier arbeitenden Men- 3. Erkundungen 208 schen. Eine U-Bahn-Linie gibt es nämlich nicht, und so herrscht auf der Hauptverkehrsader und in den engen Seitenstraßen während der Stoßzeiten immer Stau. Hat man es in sein Büro geschafft, bleibt man besser dort, denn öffentliche Räume und Grünflächen gibt es nur wenige, und die Gebäude selbst sind von innen vermutlich attraktiver als von au- ßen – wurden die meisten von ihnen doch zur Jahrtausendwende im klobigen und grellen Stil des Low-Budget-Postmodernismus errichtet.“259 Die öffentliche Kritik an „Mordor“ ist auch der Hintergrund dafür, dass städtebauliche Entwicklungen in anderen geschäftlich geprägten Stadtteilen wie etwa im Hochhausviertel von Wola von der Warschauer Öffentlichkeit durchaus wohlwollend aufgenommen werden. Das gilt besonders für den Plac Europejski (Europaplatz), einem öffentlich zugänglichen Platz neben dem Wolkenkratzer Warsaw Spire. Dieser 2016 eingeweihte Platz war das erste groß angelegte Projekt Warschaus, das dem postmodernen Prinzip des „privatly operated public space“ folgt. Dabei geht es um städtische Freiräume, die sich in Privatbesitz befinden, aber laut städtischen Vorschriften für die Öffentlichkeit zugänglich sein müssen. So verfügt der etwa 1,5 Hektar große Plac Europejski über Galerien, Cafés, Restaurants und Fast-Food-Anbietern sowie über Kaskaden und Grünflächen mit Bäumen und ein Areal für Open-Air-Veranstaltungen. Am Plac Europejski hat die Europäische Grenzschutzagentur Frontex ihren Sitz. Die Erbauer von Bürotürmen in Wola begannen, ähnliche Freiräume in ihre Projektpläne miteinzubeziehen. Im Stadtteil Powiśle an der Weichsel nahe der Altstadt, wo ebenfalls Bürogebäude entstanden sind, ist es vor allem das im Bau befindliche (2019) Projekt der „Elektrownia“, das öffentliches Interesse erregt. Rund um das modernisierte Gebäude eines früheren Kraftwerks entstehen dort Restaurants, Cafés, kleinere Supermärkte und auch ein Hotel. Die „Elektrownia“ soll vor allem von der günstigen Lage am Ufer der Weichsel profitieren, das sich mit seinen Bierständen und Imbissbuden zu einem beliebten Freizeittreff in den Sommermonaten entwickelt hat. In der Nähe befindet sich auch die 1999 eingeweihte Bibliothek der Universität Warschau, auf deren Dach ein botanischer Garten angelegt wurde. Mit einer Fläche von 1,5 Hektar handelt es sich um einen der größten Dachgärten in Europa. Ebenfalls nicht weit entfernt ist das Kopernikus Wissenschaftszentrum (Centrum Nauki Kopernik), das insbesondere ständige Ausstellungen zu Grunderkenntnissen der Astronomie, Physik und Chemie sowie Labore für Experimente, Büroräume, ein multimediales Planetarium sowie ein Restaurant und ein Café umfasst. Die nahe gelegene Station der Metro trägt den Namen des Wissenschaftszentrums. 259 Kusiak, Joanna: Von Mordor zur Matrix. Öffentlicher Raum im Privatbesitz in Warschau Wola, in Bauwelt, 19.2019. Siehe auch Gierak-Onoszki: M w Mordorze, in Polityka, 27. stycznia-2 lutego 2016; Wojtczuk, Michał: Służewiec w korku i kryzysie, in Gazeta Stołeczna, 22.6.2016. 3.7. Der Zweck heiligt die Mittel: Geschäftsbauten in Wola, Mokotów, Powiśle 209 Stadtteil aus der Retorte: Miasteczko Wilanów Kaum ein anderes städtebauliches und architektonisches Projekt hat in Polen derma- ßen viele öffentliche Debatten ausgelöst wie das „Städtchen Wilanów“ (Miasteczko Wilanów) im Süden Warschaus.260 Mit der Zeit wurde es zum bekanntesten Neubaugebiet des Landes, dessen Vorzüge und Nachteile besonders in den Medien ausgiebig erörtert wurden. Befürworter feierten das Projekt sogar als Symbol für den Erfolg der neuen polnischen Mittelschicht und als Teil der Geschichte der postkommunistischen Transformation, während scharfe Kritiker mit Blick auf die weitgehende Homogenität der Bewohner von „Lemingrad“ sprachen – ein Wortspiel aus Lemminge und Leningrad. Vom Umfang her handelt es sich um das größte zusammenhängende Neubaugebiet in Ostmitteleuropa seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Planer des Miasteczko Wilanów orientierten sich an den Ideen des New Urbanism und dachten an eine „Stadt in der Stadt“, die weitgehend autarke Existenz bei hoher Wohndichte und Funktionalität ermöglichen sollte. Als Bezugsgrößen setzten sie das Schloss in Wilanów, den zu errichtenden Tempel der Göttlichen Vorsehung (Świątynia Opatrzności Bożej) sowie die ländliche Umgebung aus Wiesen, Wäldern und Gewässern. Die beiden wichtigsten Straßen sollten den Blick auf das Schloss und die Kirche eröffnen. Bei der Planung war man bemüht, Wohnhäuser und Arbeitsstätten sowie Dienstleistungsbetriebe und Supermärkte so zu platzieren, dass sie weitgehend zu Fuß erreichbar sind. Außerdem verfolgte man das Ziel, den Straßenverkehr so zu gestalten, dass er möglichst dem menschlichen Zusammenleben dient – durch den Bau unauffälliger Tiefgaragen statt großer Freiluftparkplätze, durch verkehrsberuhigende Einrichtungen und Maßnahmen wie den Kreisverkehr, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Bremsschwellen sowie den Bau von Fahrradwegen und breiten Bürgersteigen, ergänzt durch großzügig gestaltete Grünanlagen und Gewässer. Mit seiner vielfältigen Nutzung für Wohnung, Arbeit, Versorgung und Erholung sollte der Stadtteil eine Alternative zur oftmals eintönigen Wohnraumgestaltung in sozialistischen Zeiten darstellen. So entstanden (bis 2019) auf einer Fläche von fast 170 Hektar mehr als 20 000 Wohnungen für etwa 50 000 Bewohner. Die Bauarbeiten auf dem vormaligen Gelände aus Wiesen und Ackerland begannen im Jahr 2002. Zu den Errungenschaften des neuen Stadtteils zählt sicher die Tatsache, dass keines der Gebäude eine maximale Höhe von fünf oberirdischen Geschossen überschreitet, wobei jeweils das oberste Geschoss von der Fassade zurückgesetzt ist. Vielfach sind Penthouse-Wohnungen mit Dachterrassen entstanden. Die Fassaden der Wohnblöcke wurden unterschiedlich gestaltet. Jede Wohnanlage verfügt über Tiefgaragen, wobei für jede Wohnung durchschnittlich mindestens 1,5 Garagenplätze eingerichtet wurden. Die den Straßen zugewandten Erdgeschossräume werden teilweise von Gewerbetreibenden genutzt. Im öf- 3.8. 260 Zu Planung, Bau und Entwicklung des Stadtteils siehe insbesondere Pakuła, Justyna: Miasteczko Wilanów – studium przypadku. Magisterarbeit an der Universität Warschau, Fakultät für Polonistik, April 2015. 3. Erkundungen 210 fentlichen Raum ist Werbung nicht gestattet, nur die Betreiber von gewerblichen Einrichtungen dürfe diese im Erdgeschossbereich anzeigen. Das Stadtviertel verfügt zudem über eine Reihe von Grünflächen, Spielplätzen und Wasserspielen. In einem der Parks wurde eine Laufbahn angelegt. Der Bau von öffentlichen Sportanlagen dauert allerdings noch an (2019). Im Miasteczko Wilanów wurde aber auch der erste private Park Polens im 21. Jahrhundert eingerichtet. Die rund 20 000 Quadratmeter große, im Westen des Stadtviertels gelegene Anlage mit altem Baumbestand gehört zur Wohnanlage Ostoja und ist nur für deren Bewohner nutzbar. Der Zutritt wird über Lesegeräte für Chipkarten geregelt. Auch ein Platz für das Trainieren von Hunden ist vorhanden. Darüber hinaus ist die Ansiedlung von kleineren Gewerbetreibenden und damit die Möglichkeit zu lokaler Versorgung verwirklicht worden. So standen den Bewohnern im Jahr 2019 bereits 50 Restaurants und Cafés zur Verfügung. Gleiches gilt für Supermärkte und Fachgeschäfte. Andererseits besteht ein großer Mangel an öffentlichen Dienstleistungen. So gibt es zu wenig öffentliche Kindergärten und Schulen sowie Anbieter medizinischer Versorgung, die durch die staatliche Sozialversicherung finanziert werden. Bewohner, die medizinische Hilfe brauchen, sind entweder auf teure private Angebote wie etwa im Krankenhaus Medicover am Südrand des Stadtteils angewiesen oder müssen in andere Stadtteile fahren. Außerdem haben sich nicht alle Bauherren bzw. Eigentümer und die von ihnen eingesetzten Verwaltungen an die ursprüngliche Vorgabe gehalten, die von ihnen bebauten Grundstücke wenigstens teilweise öffentlich zugänglich zu machen. Auch im Miasteczko Wilanów gibt es Gated Communitys, die den Grundgedanken des New Urbanism widersprechen. Einige Sport- und Spielplätze sowie Grünanlagen sind nicht für die Allgemeinheit zugänglich. Bekanntlich sorgt eine Zugangskontrolle nicht für soziale Integration und die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls in einem Stadtteil. Der Stadtteil ist nicht, wie ursprünglich betont, eine Gartenstadt, denn der ursprüngliche Plan, nur 30 Prozent des gesamten Geländes zu bebauen, wurde nicht umgesetzt. Hinzu kommt, dass die bestehenden Grünanlagen hauptsächlich aus Rasenflächen, Sträuchern und jungen, also niedrigen Bäumen bestehen. Vom ursprünglichen Baumbestand ist kaum etwas übriggeblieben. Außerdem wurde die geplante Vermischung von Wohnen und Arbeit kaum umgesetzt. Von den zwischenzeitlich geplanten Büroflächen von etwa 250 000 Quadratmetern wurden bis 2018 nur annähernd 30 000 realisiert. 3.8. Stadtteil aus der Retorte: Miasteczko Wilanów 211 Die ul. Sarmacka als typische Straßenführung im Miasteczko Wilanów (Quelle: Wikimedia Commons). Da Miasteczko Wilanów gerade für junge Familien attraktiv ist, besteht ein großer Bedarf an öffentlichen Kindergärten und Schulen. Doch wegen mangelnder Planung der Bezirksverwaltung entstanden zunächst einmal nur mehrere private Kindergärten, während Schüler in andere Stadtteile ausweichen mussten. Erst im Jahr 2015 begann man auch mit dem Bau öffentlicher Einrichtungen. So gibt es inzwischen einen Kindergarten und eine Grundschule, die Fertigstellung einer weiteren Grundschule war für 2020 geplant. Seit 2014 hat die deutsche Willy-Brandt-Schule ihren Sitz in dem Stadtteil, nachdem sie vorher ebenfalls in Wilanów in der Nähe des Schlosses untergebracht war. Der gesamte Komplex auf einer Fläche von 20 000 Quadratmetern umfasst eine Grundschule mit Gymnasium sowie eine Aula und eine Sporthalle. Die Grundschule verfügt über 125 Plätze, im gymnasialen Teil (Sekundarstufe I und II) können 400 Schüler unterrichtet werden. Seit 2018 befindet sich in unmittelbarer Nähe der Willy- Brandt-Schule auch ein deutscher Kindergarten mit 80 Plätzen, dessen pädagogisches Konzept am Orientierungsplan für Bildung in Baden-Württemberg ausgerichtet ist. Im Jahr 2015 begann auch die private British Primary School in dem Stadtteil mit ihrer Tätigkeit. Sie umfasst einen Kindergarten und eine Grundschule. Außerdem gibt es seit 2017 mit der Akademeia High School eine private polnische Oberschule, die sich vor allem durch ihre modernen Laboratorien für biologische, physikalische 3. Erkundungen 212 und chemische Experimente auszeichnet und bei finanzkräftigen polnischen Familien als „Geheimtipp“ für ein späteres Studium an den Universitäten in Oxford und Cambridge gilt. Umstrittenes Wahrzeichen des Miasteczko Wilanów ist zweifelsohne der gewaltige Tempel der Göttlichen Vorsehung (Świątynia Opatrzności Bożej), der die Silhouette des Stadtteils dominiert. Der Kirchenraum im Inneren bietet Platz für 4000 Gläubige. In einem Obergeschoss befinden sich Museen, die Papst Johannes Paul II. und dem früheren Primas der Katholischen Kirche Polens (1901–1981), Stefan Wyszyński, gewidmet sind. In einem Pantheon im unteren Geschoss befinden sich die Gräber insbesondere des letzten Präsidenten der polnischen Exilregierung Ryszard Kaczorowski (1919–2010), des früheren polnischen Außenministers Krzysztof Skubiszewski (1926–2010) sowie des katholischen Priesters und Lyrikers Jan Twardowski (1915– 2006). Die Baukosten des Tempels, der am 11. November 2016 eingeweiht wurde, haben insgesamt 250 Millionen Złoty (gut 59 Millionen Euro, Stand Januar 2019) verschlungen. Für die Verkleidung der gewaltigen Kuppel der Kirche wurden 30 Tonnen Kupfer verarbeitet. Nach außen hin wird das Gebäude durch eine würfelartig anmutende Struktur aus Pfeilern und Streben bestimmt. Im Jahr 2017 wurde der Kirche vom polnischen Architekturportal Bryla.pl der Preis für die Makabryłą Roku 2016 (wörtlich: Spuk des Jahres) verliehen. Der Volksmund nennt das Bauwerk despektierlich „Saftpresse“. Wie oft bei Infrastrukturprojekten dieser Größenordnung waren auch der Bau und die weitere Ausgestaltung des Miasteczko Wilanów mit diversen Skandalen und anderen unliebsamen Vorfällen verbunden, die oft wochenlang auch die Warschauer Medien beschäftigten. – So wurden beim Bau eines der Wohnkomplexe zeitweise nordkoreanische Arbeitskräfte beschäftigt, die unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten musste. Später stellte sich heraus, dass bei der Vermittlung der Arbeiter Bestechungsgelder an Beschäftigte des Bauträgers geflossen waren. – Zeitweise war der Bau eines Vergnügungsparks nach den Vorstellungen von Michael Jackson im Gespräch, wie sie der Sänger nach eigenen Vorstellungen und mit eigenem Geld schon in anderen Teilen der Welt hatte errichten lassen. Obwohl Beauftragte Jacksons schon ein Grundstück in dem Stadtteil erworben hatten, kam das Projekt dann doch nicht zustande. Ein derartiger Vergnügungspark hätte das ganze Konzept für das Miasteczko Wilanów ad absurdum geführt. – Der Bau des Bezirksrathauses auf dem Gelände des Stadtteils war eine fast endlose Geschichte. So führten die Erdarbeiten zum starken Eindringen von Grundwasser, das abgepumpt werden musste, was wiederum zu einem starken Absinken des Grundwasserspiegels führte. Das aber wirkte sich nachteilig auf die Wiesen, Ackerflächen und Baumbestände im Umkreis des Stadtteils aus. Später wurde dann auch bekannt, dass bei der Vergabe des Bauauftrags an eine türkische Firma Bestechungsgelder an den Bezirksbürgermeister geflossen waren. Das aber führte zu einem elfjährigen Stillstand der Bauarbeiten. Erst nach Vergabe des Bauauf- 3.8. Stadtteil aus der Retorte: Miasteczko Wilanów 213 trags an eine andere Firma konnte das Rathaus schließlich nach insgesamt 13 Jahren vollendet werden. – Ursprünglich hatte der private Generalinvestor für den gesamten Stadtteil den Bau der Kanalisation für Frischwasser, Abwasser und Regenwasser mit eigenen Mitteln finanziert. Doch erst nach langen finanziellen und juristischen Auseinandersetzungen konnte das Kanalsystem in städtisches Eigentum überführt werden. – Für öffentliche Aufregung sorgte außerdem die Tatsache, dass die Bezirksverwaltung beim Ankauf von Grundstücken für Kindergärten und Grundschulen stark überhöhte Preise an den Generalinvestor gezahlt hatte. Eine wichtige Prämisse bei der Planung des Miasteczko Wilanów war die Ansiedlung von Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Zwar wohnen in dem Stadtteil neben wohlhabenden Penthouse-Besitzern auch zahlreiche Inhaber von Zwei- und Dreizimmerwohnungen, deren Kauf in der Regel durch Bankkredite finanziert wurde, doch ist die Einwohnerschaft des Miasteczko Wilanów aufgrund guter Ausbildung, geringer Arbeitslosigkeit, Lebensalter, Familienstatus und politischer Anschauung relativ homogen. Hauptsächlich gehört sie dem aufstrebenden neuen Mittelstand Polens an. Unter den Erwachsenen liegt das Durchschnittsalter bei 35 bis 40 Jahren. Der Anteil junger Familien ist hoch. Auch wohnen überdurchschnittlich viele Ausländer in dem Stadtteil. Aufgrund der hohen Geburtenrate und der fortwährenden Schaffung neuen Wohnraums ist Miasteczko Wilanów der am schnellsten wachsende Stadtbezirk Warschaus. Die Arbeitslosenquote betrug hier 2019 nur 0,6 Prozent bei einem gesamtpolnischen Wert von 3,3 Prozent. Vielfach arbeiten die Bewohner in den Niederlassungen internationaler Unternehmen, die im nahe gelegenen Stadtteil Mokotów angesiedelt sind. Viele sind auch freiberuflich tätig. Die Kaufkraft der Menschen ist vergleichsweise hoch, aber ebenso die Verschuldung aufgrund der Bankkredite. Die Bewohner des Miasteczko Wilanów sind in der Regel gut ausgebildet, nicht selten beruflich erfolgreich und dementsprechend selbstbewusst. Ihr Wunsch nach Ordnung ist ausgeprägt. Verkehrsunfälle werden kaum registriert. Die Kriminalitätsrate ist die niedrigste in allen Stadtteilen Warschaus. Bei Wahlen geben die Bewohner ihre Stimme hauptsächlich der liberal-konservativen Bürgerplattform. Die Wahlbeteiligung ist überdurchschnittlich hoch. Linke, Kulturschaffende, Militärs, Beamte: Żoliborz Der Name des Stadtteils geht zurück auf das französische joli bord (schönes Ufer, polnisch: piękny brzeg), wie ein Kloster des Ordens der Piaristen genannt wurde, das im 18. Jahrhundert am Ufer der Weichsel in der Höhe von Żoliborz lag.261 Der historisch 3.9. 261 Zur Geschichte des Stadtteils siehe insbesondere Pawłowski, Tomasz/Zieliński, Jarosław: Żoliborz. Przewodnik historyczny, Warschau 2008; Pawłowski, Tomasz: Przedwojenny Żoliborz. Najpiękniejsze fotografie, Warschau 2009; Heyman, Łukasz: Nowy Żoliborz 1918–1939, Breslau 1976; Dunin- Wąsowicz, Paweł: Na Żoliborzu 1939–1945, Warschau 1984. 3. Erkundungen 214 geprägte Name des Stadtteils lässt sich durchaus bis heute nachvollziehen, auch wenn Żoliborz im Laufe der Geschichte nicht nur Schönes widerfahren ist. Immerhin handelt es sich um einen der Stadtteile Warschaus, der auch und gerade durch Parks, Wiesen und kleinere Wälder geprägt ist. Doch es gibt noch mehr Besonderheiten, die Żoliborz von anderen Stadtteilen unterschiedet. So wurde dieser im Norden Warschaus gelegene Bezirk erst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zum integralen Bestandteil der polnischen Hauptstadt. Außerdem siedelten hier vorrangig bestimmte Schichten der Gesellschaft, besonders Militärs, Stadtbedienstete, Bewohner genossenschaftlicher Siedlungen sowie Journalisten und Kulturschaffende, an. Diese soziale Zusammensetzung blieb auch in kommunistischen Zeiten bestehen und prägt bis heute mehr oder weniger zumindest die zentralen Teile von Żoliborz. Im Zentrum dieses Stadtteils fielen die ersten Schüsse während des Warschauer Aufstandes im Spätsommer 1944. Die Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs waren in Żoliborz nicht ganz so dramatisch wie in der Stadtmitte von Warschau. Administrativ bilden Stary Żoliborz rund um den Plac Wilsona, in nördlicher Richtung Marymont-Potok sowie das westlich gelegene Sady Żoliborskie mit dem Powązki-Friedhof und dem früheren Industriegebiet Żoliborz Przemysłowy, in dem inzwischen hauptsächlich Wohnhäuser stehen, die wichtigsten Bezirke des heutigen Stadtteils Żoliborz. Nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes im Jahr 1831 erteilte Zar Nikolaus I. den Befehl, auf dem Gebiet des heutigen Żoliborz eine Zitadelle zu errichten, von der fortan alle polnischen Widerstandsaktionen und Unabhängigkeitsbestrebungen bekämpft werden sollten. In dem Fort, das am 4. Mai 1834 seiner Bestimmung übergeben wurde, waren dann regelmäßig etwa 5000 russische Soldaten stationiert, deren Zahl während des Januaraufstandes 1863/64 auf über 16 000 anstieg. Die umliegenden Gebiete der Zitadelle, also die direkten Anrainer der Stadtmitte Warschaus, wurden zu Sperrgebieten erklärt, auf denen keinerlei Bebauung errichtet werden durfte, um freies Schussfeld für die Kanonen zu haben. Die Entfernung zur Warschauer Altstadt betrug weniger als einen Kilometer. Als politisches Gefängnis und als Hinrichtungsort erlangte die Zitadelle traurigen Ruhm. So wurde dort am 5. August 1864 Romuald Traugutt gehängt, der die polnischen Truppen während des Aufstandes befehligt hatte, und mit ihm viele andere. Während des Ersten Weltkriegs nutzte die deutsche Besatzungsmacht die Zitadelle insbesondere als Waffenlager und als Standort eines Radiosenders. Nach Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit im Jahr 1918 übernahm das polnische Militär die weitgehend unbeschädigte Zitadelle und richtete dort ebenfalls ein Waffenlager ein. Auch kleinere Truppenteile wurden in den Kasernen stationiert. Hinzu kamen Ausbildungszentren sowie ein Labor für Waffentechnik. Im Jahr 1945 übernahm das Kommando des Warschauer Militärbezirks der polnischen Armee die Zitadelle. Teile der alten Befestigungsanlagen und Schießscharten wurden abgebrochen. Seit September 2015 hat das Katyń-Museum seinen Sitz auf dem Gelände der Zitadelle.262 262 Zu diesem Museum siehe S. 171 in dieser Publikation. 3.9. Linke, Kulturschaffende, Militärs, Beamte: Żoliborz 215 Später begann dort auch der Bau des Museums der Geschichte Polens sowie eines Museums des polnischen Militärs.263 Wegen der Zitadelle und deren Nutzung durch die russische Besatzungsmacht begann die städtebauliche Entwicklung erst nach dem Ersten Weltkrieg. Bereits am 18. März 1916 hatte der Magistrat der Stadt Warschau die Eingemeindung von Żoliborz beschlossen und dafür sogar die Zustimmung des Generals Hans von Beseler erhalten, der an der Spitze der deutschen Zivilverwaltung stand, die inzwischen im Generalgouvernement Warschau die Macht ausübte. Der Stadtentwicklungsplan von 1925 sah dann vor, Żoliborz in fünf Bezirke einzuteilen, die sich wie ein Trapez um den Plac Wilsona, der zunächst Plac Żeromskiego genannt wurde, gruppieren sollten: Żoliborz Oficerski (das der Offiziere), Żoliborz Dolny (das niedere), Żoliborz Centralny (das zentrale), Żoliborz Spółdzielczy (das der Genossenschaften) und Żoliborz Urzędniczy (das der Beamten). Schon in den frühen 1920er Jahren organisierten die Offiziere des in Żoliborz stationierten Militärs den Bau eines eigenen Wohnviertels nahe der Zitadelle und gründeten zu diesem Zweck sogar eine eigene Genossenschaft (Mieszkaniowo-Budowlane Stowarzyszenie Spółdzielni Oificerów), der seitens der Warschauer Stadtverwaltung eine 32 Hektar große Fläche zugeteil wurdet, auf der dann insbesondere komfortable Einfamilienhäuser entstanden. Der Grundstein für das erste, in der ul. Czarneckigo gelegene Haus wurde am 18. Juli 1922 gelegt. Allen diesen Häusern waren auch großzügige Gartenflächen zugeordnet. Sogar Polens Staatsoberhaupt Józef Piłsudski ließ sich dort ein Grundstück reservieren, zog es dann aber vor, in Sulejówek nordwestlich von Warschau zu wohnen. Immerhin nahm seine zweite Ehefrau Aleksandra an Grundsteinlegungen für Wohnhäuser teil. Besonders die Residenzen der Offiziere begründeten schon in der Zwischenkriegszeit den Ruf von Żoliborz als Villenviertel Warschaus, der sich auch in den sozialistischen Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hat. Charakteristisch für diesen Wohnbezirk war außerdem, dass dort mit Aleja Wojska Polskiego eine 80 Meter breite Prachtstraße gebaut wurde, die dann vor allem militärischen Aufmärschen diente (bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs) Eine zweite gesellschaftliche Gruppe, die sich in Żoliborz ansiedelte, war die der Staatsbediensteten. Auch sie gründeten zu diesem Zweck ihre eigene Genossenschaft (Spółdzielnia Mieszkaniowa „Zaścianek Żoliborski“). Ihre Häuser entstanden vor allem in den Straßen Felińskiego, Wojska Polskiego, Wieniawskiego und Brodzińskiego sowie am Plac Henkla. Mit ihren weißgetünchten Außenwänden und roten Ziegeldächern sowie den sie verbindenden Mauern erinnerten diese zumeist zweistöckigen Häuser deutlich an das Vorbild des polnischen Gutshofes aus barocken und klassizistischen Zeiten.264 Leider wurde dieser Teil von Żoliborz während des Warschauer Aufstandes 1944 durch die deutschen Besatzungstruppen weitgehend zerstört und nach den Zweiten Weltkrieg auch nicht wiederaufgebaut. Vielmehr setzte man Ge- 263 Budowa nowa siedziba Muzeum Wojska Polskiego w Warszawie: www.muzeumwp.pl/budowa.php. 264 Siehe die Fotos in Pawłowski, Tomasz: Przedwojenny Żoliborz. Najpiękniejsze Fotografie, Warschau 2009, S. 24–28. 3. Erkundungen 216 bäude zwischen die wenigen erhalten gebliebenen Wohnhäuser, deren architektonische Gestalt sich diametral von diesen „Gutshöfen“ unterschied. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Żoliborz auch zu einem Stadtteil, in dem viele Angehörige der Warschauer Intelligenz wohnten, die in der Regel politisch links dachten und zum Teil auch Anhänger des sozialistischen, allerdings zunehmend autoritär regierenden Staatsführers Józef Piłsudski waren. Diese linke Orientierung blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten, wenngleich die Sozialisten mehr und mehr durch die Kommunisten in den Hintergrund gedrängt wurden. Stellvertretend für das linke Milieu der Zwischenkriegszeit war das Limanowski- Gymnasium, das zu einem Hort für die Kinder der linken Intelligenz wurde. Zu denen, die diese Schule besuchten, gehörten unter anderem der Historiker, Bürgerrechtler und Außenminister Bronisław Geremek, der Schauspieler Zbigniew Zapasiewicz, der Kardiologe Zbigniew Religa und der Historiker Andrzej Garlicki. Der Historiker, Soziologe und Politiker Bolesław Limanowski (1835–1935) gilt als einer der Gründerväter der Sozialisten in Polen. Das Gymnasium (I. Liceum Ogólnokszałcące im. Bolesława Limanowskiego) in der ul. Felińskiego 15 entstand 1934 auf Initiative der Gesellschaft der Freunde der Kinder (Towarzystwo Przyjaciół Dzieci – TPD). Diese Gesellschaft stand der nichtkommunistischen Linken in Gestalt der Polska Partia Socjalistyczna – PPS sowie der 1921 entstandenen Wohnungsgenossenschaft Warszawska Spółdzielnia Mieszkaniowa – WSM nahe. TPD ergriff auch eine Fülle von Initiativen zur sozialen, gesundheitlichen, pädagogischen und kulturellen Betreuung von Kindern vor allem aus sozial schwachen Familien. Ziel der im Dezember 1921 ins Leben gerufenen Wohnungsgenossenschaft WSM war es, Wohnraum zu schaffen, der auch für Arbeiterfamilien bezahlbar war, was ihr weitgehend auch gelang. Motto ihrer Tätigkeit war ein Satz aus einem Text des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, der 25. April 1849 in der Zeitung La Tribune des Peuples erschienen war: „Das Schicksal der Arbeitersiedlungen hängt von den Arbeitern selbst ab.“265 So entstanden besonders in den 1930er Jahren insgesamt neun Wohnblöcke mit Zwei- und Dreizimmerwohnungen, insbesondere in den Stra- ßen Mickiewicza, Krasińskiego, Toeplitza und Suzina sowie am Plac Wilsona. In den meisten Fällen verfügten die Wohnungen auch über Balkons. Zwischen den Häusern wurden Grünflächen und Spielplätze angelegt. Jeder Wohnblock verfügte über einen eigenen Kindergarten. Hinzu kamen Wäschereien, Werkstätten, Bibliotheken und Lebensmittelgeschäfte. Die drei- bzw. vierstöckigen Häuser bzw. Häuserreihen wurden in der Regel funktional-modernistisch gestaltet, enthielten zum Teil aber auch Elemente, die an die Architektur der polnischen Gutshöfe erinnerten.266 Für die WSM- Siedlungen wurde auch ein eigenes Fernheizwerk gebaut. 265 Zit. nach ebd., S. 181. 266 Siehe die Fotos in Pawłowski, Przedwojenny … (Fn. 274), S. 36–61. 3.9. Linke, Kulturschaffende, Militärs, Beamte: Żoliborz 217 Eine der typischen Genossenschaftssiedlungen in Żoliborz, wie sie in der Mehrzahl bis heute bestehen. Die Aufnahme stammt aus den 1960er Jahren (Quelle:Wikimedia Commons). Auch die Journalisten gründeten eine Genossenschaft, die sich in Żoliborz mit Wohnungsbau beschäftigte. So entstand dann in den Jahren 1928/29 eine ganze Siedlung aus zweistöckigen, langgestreckten Häuserreihen und auch Ein- oder Zweifamilienhäusern, in die vor allem Mitglieder des Warschauer Journalistenverbandes einzogen. Die meisten dieser Häuser, besonders in den Straßen Krasińskiego, Sułkowskiego, Karpińskiego, Tucholska und Dzienikarska (wörtlich: Straße der Journalisten), blieben bis heute erhalten oder wurden nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut. Auch der Journalist und Schriftsteller Melchior Wańkowicz wohnte dort und hat das Leben in der Siedlung in einem seiner Bücher beschrieben und kommentiert.267 267 Melchior Wańkowicz (1892–1974) schrieb Reportagen, Reiseberichte und Erzählungen und trat auch als Herausgeber der Werke von Aldous Huxley, André Malraux, Thomas Mann, Marcel Proust, Erich Maria Remarque und Upton Sinclair. Wańkowicz nahm 1920 am Polnisch-Sowjetischen Krieg teil, schrieb später eine dreibändige Reportage über die Schlacht von Monte Cassino in den ersten 3. Erkundungen 218 Wie Militärs, Staatsbedienstete, Fabrikarbeiter und Journalisten ließen sich auch Kulturschaffende und Wissenschaftler schon in der Zwischenkriegszeit in Żoliborz nieder – eine Tradition, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte. So wohnten in Żoliborz schon vor 1989 unter anderem die Filmregisseure Andrzej Wajda und Krzysztof Zanussi, der Soziologe Jan Strzelecki und der Historiker und Deutschlandexperte Mieczysław Tomala. Ebenso hat sich der zeitweise dort ansässige Schriftsteller Kazimierz Brandys mit dem Stadtteil beschäftigt, indem er Bewusstseinsstrukturen der dortigen Bewohner beschrieb und analysierte.268 Auch Żoliborz blieb von der deutschen Besatzungsherrschaft während des Zweiten Weltkriegs nicht verschont. Wie in anderen Stadtteilen kam es hier ebenfalls zu zahlreichen Verhaftungen von jüdischen und nichtjüdischen Polen besonders seitens der Gestapo. Zu den Verhafteten gehörte auch der Historiker, Publizist und Politiker Władysław Bartoszewski.269 Straßen erhielten deutsche Namen – unter anderem die ul. Mickiewicza (fortan Invalidenstraße), ul. Marymoncka (Modlinerstraße), ul. Krasińskiego (Weichselstaße) sowie der Plac Wilsona (Danzigerplatz). Einige Kasernen der Zitadelle wurden durch die Deutschen in die Luft gesprengt. Die Repressionen konnten allerdings nicht verhindern, dass auch in Żoliborz Strukturen des polnischen Untergrundstaates entstanden und Sabotageakte auf deutsche Einrichtungen verübt wurden. Gerichte im Untergrund verhängten sogar Todesurteile gegen Personen, die mit den Deutschen kollaboriert hatten. Żoliborz war ebenfalls Schauplatz des Warschauer Aufstandes im Spätsommer 1944, wenngleich die härtesten Kämpfe und die größten Zerstörungen seitens der deutschen Besatzer in der Alt- und Neustadt sowie im Zentrum Warschaus stattfanden. Zu Beginn des Aufstandes verfügte die Armia Krajowa (Heimatarmee) über etwa 3500 Soldaten in Żoliborz, die Zahl der Kämpfer der linken Armia Ludowa (Volksarmee) konnte bis heute nicht genau ermittelt werden. In den ersten Wochen der Erhebung wurden Teile von Żoliborz zu einem befreiten Gebiet, in dem vergleichsweise normales Leben möglich war. Im Kloster der Schwestern der Auferstehung (ul. Krasińskiego 31) wurde sogar ein Krankenhaus für die verletzten polnischen Soldaten eingerichtet. Später wurde das Kloster zu einem hart umkämpften Stützpunkt („Twierdza Zmartwychwstanek“, deutsch: Festung der Auferstehenden). Für die Aufständischen in Żoliborz war es wichtig, den Kontakt zu ihren Kameraden in der Alt- und Neustadt sowie im Stadtzentrum möglichst ungehindert aufrechtzuerhalten. So konnten AK-Soldaten herangeführt werden, die sich bislang im Wald von Kampinos (Puszcza Kampinoska) nördlich von Warschau versteckt gehalten hatten. So kam es am Danziger Bahnhof (Dworzec Gdański) mehrfach zu erbitterten Kämpfen, besonders am 20./21. August 1944. Die zwischen Stadtzentrum und Żoliborz verlaufenden Abwasserkanäle wurden dann auch zu einem wichtigen Fluchtweg, Monaten des Jahres 1944 und ging dann in die USA. Erst im Mai 1958 kehrte er nach Polen zurück, wo er zeitweise politisch in Ungnade fiel. Zu Żoliborz siehe Wańkowicz, Melchior: Ziele na kraterze, Warschau 1973, S. 92, 102, 372/73, 425. 268 Brandys, Kazimierz: Briefe an Frau Z. Berlin 1965. 269 Zu Władysław Bartoszewski siehe die S. 33 in dieser Publikation. 3.9. Linke, Kulturschaffende, Militärs, Beamte: Żoliborz 219 je mehr die deutschen Besatzer die Oberhand gewannen. Am frühen Abend des 30. September 1944 kapitulierten die Aufständischen in Żoliborz. Im Januar 1945 begannen die Aufräumarbeiten. Dabei spielte das polnische Militär eine wichtige Rolle, besonders wenn es um das Auffinden von Minen ging. Die Zerstörung der Bebauung und der Straßen war beträchtlich, wenngleich nicht in dem Ausmaß wie in der Innenstadt Warschaus. So betrugen die Schäden etwa in den Genossenschaftssiedlungen der WSM zwischen 25 und 75 Prozent. Sowohl diese Siedlungen als auch andere Wohnblöcke konnten in der Folgezeit nur teilweise wiederaufgebaut werden. So wurde auch das Kloster der Schwestern der Auferstehung nur partiell rekonstruiert. Ebenso verblieben im Villenviertel Żoliborz Oficerski nach den Aufräumarbeiten einige größere freie Flächen, die dann erst in den1960er und 1970erJahren wieder bebaut wurden. Mitte der 1950er Jahre entstanden die ersten Betriebe im Industriegebiet Żoliborz Przemysłowy. Zu den wichtigen Neubaugebieten im Rahmen des Wohnungsbaus gehörten dann ab den 1960er Jahren die verschiedenen Siedlungen der „Sady Żoliborskie“ (deutsch: die Obstgärten von Żoliborz – wegen der zwischen den Häusern angelegten Gärten). Weitere Siedlungen wie Osiedle „Potok“ und Osiedle „Parkowa“ kamen in den 1970er und 1980er Jahren hinzu. Ein wichtiges Wahrzeichen des ganzen Stadtteils ist die Stanisław-Kostka-Kirche in der ul. Krasińskiego nahe dem Plac Wilsona. Der Bau des modernistischen Gotteshauses hatte zwar schon 1930 begonnen, konnte aber erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs abgeschlossen werden, wobei dann auch die Schäden durch deutschen Artilleriebeschuss beseitig wurden. Für viele Polen verbindet sich die Bedeutung dieser Kirche vor allem mit dem Namen des Priesters Jerzy Popiełuszko, der dort ab Mai 1980 wirkte und besonders nach Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 Predigten hielt, die eminent politisch und gegen das kommunistische Regime gerichtet waren. Popiełuszko gehörte zu einer Gruppe jüngerer Priester im ganzen Land, die ihre seelsorgerische Arbeit mit scharfer Kritik an den herrschenden Verhältnissen und aktivem Eintreten für die Rechte der arbeitenden Menschen verbanden.270 Die Entführung und Ermordung des Priesters durch Funktionäre des Sicherheitsdienstes am 19. Oktober 1984 löste eine große politische Erschütterung aus.271 Das Verbrechen rief auch deshalb große Bestürzung in ganz Polen hervor, weil zuvor schon mehrere katholische Geistliche entführt und misshandelt worden waren. Auch Popiełuszko musste sich vor seiner Entführung wiederholt staatlicher Repressalien erwehren. „Unbekannte“ demolierten sein Auto und seine Wohnung und versuchten ihn in Misskredit zu bringen, indem sie in seinen Räumen Sprengstoffladungen und Tränengasgranaten deponierten, die dann bei polizeilichen Durchsuchungen „aufgefunden“ wurden. Die katholische Kirchenhierarchie reagierte einerseits mit deutlicher Kritik an Popiełuszko‘s offenem Eintreten für die in die Illegalität gedrängte Gewerk- 270 Siehe Blachnicki, Franciszek (Hrsg.): Popiełuszko, Jerzy. An das Volk. Predigten und Überlegungen 1982–1984, Düsseldorf 1985. 271 Siehe u. a. Leszyńska, Dorota/Vetter, Reinhold: Der Tod des Priesters. Zur Ermordung von Jerzy Popiełuszko und zum Prozess gegen seine Mörder, in Osteuropa-Archiv Juni 1985, S. A303 ff. 3. Erkundungen 220 schaft „Solidarität“, aber auch mit Sorge um seine körperliche Unversehrtheit und überhaupt sein Leben. Die Beerdigung des Ermordeten272 am 3. November 1984, an der mehr als 100 000 Menschen teilnahmen, war auch und gerade eine friedliche, politische Demonstration gegen die staatlich legitimierte Gewalt. Auch wenn die Partei- und Staatsführung um General Wojciech Jaruzelski jede Mitverantwortung an dem Mord zurückwies und vermutlich nicht über entsprechende Pläne informiert war, reicht doch ein Blick in die einschlägigen Artikel des damaligen Regierungssprechers Jerzy Urban, um zu erkennen, dass die Machthabenden ein gehöriges Maß an Mitschuld für die Tat trugen. So gefiel sich Urban darin, Popiełuszko als politischen Fanatiker und als „Savonarola des Antikommunismus“ zu denunzieren, der die emotionalen Bedürfnisse seiner Gläubigen befriedige und „Spektakel des Hasses“ veranstalte.273 Überhaupt haben die damaligen primitiven Denk- und Verhaltensmuster vieler Funktionäre des Sicherheitsapparats sowie die Verhängung des Kriegsrechts und das daraus resultierende, von der Partei- und Staatführung legitimierte Vorgehen gegen die „Solidarität“ und ihre Anhänger als Hintergrund des Verbrechens eine Rolle gespielt. Angesichts der großen Empörung im ganzen Land trat die Partei- und Staatsführung die Flucht nach vorne an. Während einer Sitzung am 26. Oktober 1984, also noch vor der Beerdigung Popiełuszkos, forderte das Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei eine schnelle Aufklärung des Verbrechens, nicht ohne dem für den Sicherheitsdienst verantwortlichen Innenministerium sein Vertrauen auszusprechen. Nach dieser Weichenstellung wurden die drei Funktionäre des Sicherheitsdienstes Grzegorz Piotrowski, Leszek Pękała und Waldemar Marek Chmielewski als unmittelbare Täter sowie der als Auftraggeber identifizierte zuständige Abteilungsleiter des Innenministeriums Adam Pietruszka nach einem kurzen Verfahren vor einem Gericht in Thorn zu Haftstrafen zwischen 14 und 25 Jahren verurteilt.274 Bis heute sind die Kostka-Kirche und das Grab Popiełuszkos ein Wallfahrtsort für viele polnische Katholiken. Am Wohnhaus in der ul. Mickiewicza 27 befindet sich eine Gedenktafel für den Historiker und Bürgerrechtler Jacek Kuroń (1934–2004), der dort bis zu seinem Tod gewohnt hatte.275 Die Wohnung hatten Kurońs Eltern schon 1946 bezogen. Auch im Żeromski-Park am Plac Wilsona befindet sich ein Gedenkstein für Kuroń. 272 Sein Grab befindet sich auf dem Kirchengelände. 273 Rem, Jan (damaliges Pseudonym von Jerzy Urban): Samosądy – Seanse nienawiści, in Tu i teraz, 19.9.1984. 274 Detailliert dazu Lammich, Siegfried: Der Popiełuszko-Prozess – Sicherheitspolizei und katholische Kirche in Polen, Köln 1985. 275 Jacek Kuroń war zeit seines Lebens ein Anhänger linker politischer Ideen. In jungen Jahren engagierte er sich als Pfadfinder und als Mitglied der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, geriet dann aber zunehmend in Widerspruch zur politischen Praxis dieser Partei und zum staatlichen System in Polen. 1965 veröffentlichte er zusammen mit Karol Modzelewski den berühmten „Offenen Brief an die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei“, in dem beide eine scharfe linke Kritik am damaligen sozialistischen System in Polen formulierten und von der Diktatur einer monopolistischen und monolithischen Partei sprachen. Wenig später wurde beide zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. In den späten 1970er Jahren gehörte Kuroń zu den führenden Mitgliedern des oppositionellen Komitees zur Verteidigung der Arbeiter, ab 1980 war er Berater des Vorstandes der Gewerkschaft „Solida- 3.9. Linke, Kulturschaffende, Militärs, Beamte: Żoliborz 221 Auf halbem Wege zwischen dem Plac Wilsona und der Zitadelle an der ul. Kaniowska liegt ein kleiner, dreieckiger Platz, der an den polnischen Radiopionier Andrzej Woyciechowski (1946–1995) erinnert. Mit Radio Zet gründete er einen der ersten privaten Radiosender des Landes, der am 28.9.1990 erstmals auf Sendung ging. Der Stadtteil Młociny nördlich von Żoliborz beherbergt die Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität (Uniwersytet Kardinała Stefana Wyszyńskiego). Die Hochschule ist Nachfolgerin der Katholischen Theologischen Akademie (Akademia Teologii- Katolickiej), die seit 1954 bestanden hatte. Die Umwandlung der Akademie in eine Universität erfolgte durch ein Gesetz, das der Sejm am 22. September 1999 verabschiedete. Tags zuvor hatten die Regierung und die katholische Bischofskonferenz eine entsprechende staats- und kirchenrechtliche Vereinbarung getroffen. An der Universität unterrichten knapp 800 Wissenschaftler mehr als 10 000 Studenten und betreiben auch Forschungsprojekte. Der vormalige „wilde Osten“ als modernes Experimentierfeld: Praga Mit dem Bus oder dem Auto, ja zu Fuß, ist Praga schnell zu erreichen. Nur zehn Minuten dauert die Fahrt mit der Straßenbahn von der Warschauer Altstadt am linken Ufer der Weichsel zum Stadtteil Praga auf der rechten Seite des Flusses, der inzwischen als integraler Bestandteil der polnischen Hauptstadt gilt.276 Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wer Praga sehenden Auges durchstreift, erkennt schnell die Widersprüche zwischen alt und neu, archaisch und modern, langweilig und hochinteressant. Es gab Zeiten, da wurde Praga „der wilde Osten“ Warschaus genannt. Auch vom „Bermuda-Dreieck“ war die Rede, in dem vor allem Kriminelle und Drogenabhängige ihr Unwesen treiben, ebenso vom „polnisch-jüdisch-russisch-deutschen Babel“. Schon Straßennamen wie ul. Stalowa (Stahlstraße), ul. Krowia (Kuh-) und ul. Targowa (Markt-) erinnern an die Wirtschaftsgeschichte von Praga, die ul. Konopacka an den Adligen Ksawery Konopacki, der den Bau des Stadtteils Nowa Praga finanzierte, und schließlich der Różycki-Basar, der auf den Unternehmer Julian Różycki und dessen Verdienste für die Herstellung von Medikamenten zurückgeht. Das Viertel Szmu- 3.10. rität“. Wegen seiner oppositionellen Tätigkeit wurde er auch in den 1980er Jahren mehrfach interniert. Zwischen 1989 und 1991 war Kuroń Arbeits- und Sozialminister und unterstützte als solcher die harten marktwirtschaftlichen Reformen des Finanzministers Leszek Balcerowicz, was er später öffentlich als Fehler eingestand. In den Jahren 1991 bis 2001 war er Abgeordneter im Sejm. 276 Administrativ bestehen die beiden Stadtbezirke Praga-Północ (Praga-Nord), zu dem die Stadtteile Stara Praga, Nowa Praga, Szmulowizna und Pelcowizna gehören, und Praga-Południe (Praga-Süd) mit den Stadtteilen Saska-Kępa, Kamionek, Grochów und Gocław. Im Warschauer Sprachgebrauch fallen auch nördliche bzw. nordöstliche Stadtteile wie Białołęka und Targówek sowie südliche und südöstliche Stadtteile wie Wawer und Wesoła unter „Praga“. Hier geht es hauptsächlich um das Zentrum von Praga zwischen Al. Waszyngtona und ul. Stefana Starzyńskiego. Der Stadtteil Saska- Kępa wird gesondert im folgenden Abschnitt des Buches behandelt. 3. Erkundungen 222 lowizna wurde zeitweise auch „Szmulki“ genannt, weil dort im 18. Jahrhundert der jüdische Händler, Bankier und Investor Szmul Zbytkower tätig war.277 In den Jahren 1568 bis 1573 entstand die erste, über 500 Meter lange Brücke zwischen dem Warschauer Stadtzentrum und der ersten geschlossenen Siedlung auf dem östlichen Weichselufer, die Praga genannt wurde. Der Name geht entweder zurück auf das polnische Wort wypraszanie (erbitten, gewinnen, herausnehmen), in diesem Fall die Rodung von Wald zur Gewinnung von Anbauflächen, oder auf die Tatsache, dass dort möglicherweise Tschechen angesiedelt worden waren. Seit Ende des 16. Jahrhunderts war Praga ein Zentrum des Handels mit Vieh, Getreide, Holz, Lebensmittel und allerlei Trödel. Im Jahr 1648 erhielt Praga die Stadtrechte, im 19. Jahrhundert wurde der Stadtteil zu einem wichtigen Industriezentrum. Gesamtpolnische historische Bedeutung erhielt Praga nicht zuletzt durch die Schlachten, die dort stattfanden. So endete im Jahr 1794 im Rahmen des Kościuszko- Aufstandes die dortige militärische Auseinandersetzung mit einer schweren Niederlage der polnischen Truppen gegen das russische Militär sowie 1831 mit dem Novemberaufstand, als die polnischen Einheiten ebenfalls gegen eine russische Übermacht kapitulieren mussten. Im September 1944 rückte die Rote Armee bis nach den Praga vor, ohne aber den Warschauer Aufständischen im Zentrum der Hauptstadt gegen die deutschen Besatzer zu Hilfe zu kommen.278 Während des Zweiten Weltkriegs wurde Praga nicht ganz so massiv zerstört wie das Stadtzentrum auf der linken Seite der Weichsel. In kommunistischen Zeiten wurde Praga vergrößert, es entstanden neue Industriebetriebe und Wohnsiedlungen, ebenso neue Straßen, doch Stadtentwicklung im allgemeinen Sinne wurde dort nicht betrieben. Praga in seiner ganzen Widersprüchlichkeit Besonders die ul. Brzeska ist ein Schauplatz voller Gegensätze. Dort stehen zahlreiche baufällige Wohnhäuser, denen man ansieht, dass sie jahrzehntelang nicht renoviert wurden. Eine ältere Dame, die in einem dieser Häuser wohnt, seufzte gegenüber dem Autor dieses Buches: „Wir sterben mit unseren Häusern.“ Aber nach 1989 sind in Praga auch moderne Wohnblocks entstanden, die ein gehöriges Maß an Lebensqualität bieten – etwa in den Straßen Zamoyskiego und Grochowska mit der Gartenfront zum Skaryszewski-Park sowie am Weichselufer, zum Teil als Gated Communitys, in 277 Siehe u. a. Praga w starej Fotografii. Wstęp Elżbieta Wichrowska. Fotografie Jerzy Woropiński. Olszanica 2015. 278 Zu den Hintergründen siehe u. a. Vetter, Reinhold: Polens diensteifriger General. Späte Einsichten des Kommunisten Wojciech Jaruzelski, Berlin 2018, S. 85 ff. Ebenso Mijnssen, Ivo: Ohne Unterstützung durch die Rote Armee konnte der Aufstand in Warschau nicht gelingen. Doch Stalin sah beinahe tatenlos zu, in Neue Zürcher Zeitung, 30.7.2019. Berühmt wurde die Szene in dem Film „Kanał“ (Der Kanal) des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda, als Aufständische versuchen, durch das Warschauer Kanalsystem flüchten. Sie stoßen an das Ende eines Ausgangs an der Weichsel, den die Deutschen vergittert haben, und müssen erkennen, dass am östliche Ufer (in Praga) niemand steht, der ihnen helfen kann – eine subtile Kritik an der Roten Armee, die den kommunistischen Zensoren bei der „Abnahme“ des Films im Jahr 1957 nicht weiter auffiel. 3.10. Der vormalige „wilde Osten“ als modernes Experimentierfeld: Praga 223 denen sich Besserverdienende Warschaus hinter hohen Zäunen und Mauern verstecken können und sich nicht für den Mikrokosmos Praga interessieren müssen. In einer Radioreportage über die Eindrücke einer international zusammengesetzten Touristengruppe hieß es über die ul. Brzeska: „Auf der einen Seite hast du ein Haus, das herausgeputzt ist und schön aussieht[,] und auf der anderen Seite siehst Du ein Gebäude, das halb verfallen ist und wo die Menschen unter ziemlich miesen Bedingungen hausen müssen. Das ist Praga, der Stadtteil der Kontraste. Das schafft nicht zuletzt auch viele soziale Probleme.“279 Die ul. Brzeska ist zwar eine Ikone, aber ihr kommt heute keinesfalls mehr die Bedeutung zu, die sie in früheren Zeiten hatte. Verschwunden sind die kleineren Industriebetriebe und Werkstätten von Handwerkern, die hier noch bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ihren Sitz hatten. Auch der Handel blühte hier. Seine Bedeutung ergab sich nicht zuletzt durch die Nähe des Terespoler Bahnhofs (Dworzec Terespolski), der später im heutigen Ostbahnhof (Dworzec Wschodni) aufging. Das Gebäude des einstmals für Warschau und die ganze umliegende Region bedeutsamen Eisenbahnerhospitals Szpital Kolejowej im. dr. Okoński in der Brzeska 12 beherbergt heute ein privates medizinisches Versorgungszentrum, dessen Patientenkreis kaum über Praga hinausgeht. Zwischen der ul. Brzeska und der ul. Targowa befindet sich der berühmte Różycki-Basar, dessen Glanzzeiten allerdings schon lange vorbei sind. Nur noch wenige der etwa hundert Holzbuden werden noch genutzt. In kommunistischen Zeiten gab es hier fast alles, was in den offiziellen Geschäften kaum oder gar nicht erhältlich war. Das Angebot reichte von Jeans aus China und weißen Hochzeitskleidern über Kommunionschuhe, Südfrüchte und Devisen bis zu gegrillten Hühnern, getrockneten Pilzen und Kartoffelklößen mit Zwiebeln in Einmachgläsern. Die „Flaki“, eine heiße Suppe aus Schweine-oder Rinderinnereien, auf dem Różycki-Basar war berühmt. Wer wollte, konnte sich beim Kartenspiel das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Heute gibt es hier fast nur noch Polyestersakkos, billige Hochzeitskleider und kleinere Gegenstände, die bei der Taufe und Kommunion gebraucht werden. Eine ernste Konkurrenz erwuchs dem Różycki-Basar schon ab 1989 mit dem Jarmark Europa, der im Stadion des 10. Jahrestages (Stadion Dziesięciolecia) am Weichselufer280 organisiert wurde. Dort wurden neben dem vom Różycki-Basar bekannten Sortiment auch geschmuggelte Zigaretten, CDs, Videokassetten, Waffen, Munition und Drogen angeboten. Der Umsatz im Stadion stieg zeitweise auf 12 Milliarden Złoty jährlich. Viele Warschauer erinnern sich an die Karawanen von Käufern, die besonders samstags und sonntags mit ihren großen bunten Plastiktüten über die Weichselbrücken zogen, um im Stadion einzukaufen. 279 Tillmann, Pauline: Szeneviertel mit Charme und sozialen Kontrasten, www.deutschlandfunk.de/pra ga-in-warschau-szeneviertel-mit-charme-und-sozialen.1242.de.html. 280 Siehe S. 1 in dieser Publikation. 3. Erkundungen 224 Eingang zum Różycki-Basar an der ul. Targowa im Stadteil Praga (Quelle: Vetter). Heutzutage finden die Einkäufe vor allem in der Galeria Wileńska an der Ecke ul. Targowa/al. Solidarności statt, einer jener großen Shopping-Malls, wie sie mittlerweile in den zahlreichen Warschauer Stadtteilen zu finden sind. In den etwa 90 Geschäften gibt es sowohl das übliche Sortiment internationaler Handelsketten, wie es weltweit zu finden ist, als auch die Produkte polnischer Hersteller. Die Preise sind in der Regel auch für Normal- und Geringverdiener erschwinglich, was dem Różycki-Basar endgültig das Wasser abgegraben hat. Hinzu kommen zahlreiche Cafés, Schnellrestaurants und Kinderspielplätze, was die Galeria gerade an Wochenenden zu einem beliebten Ausflugsziel mit der ganzen Familie macht. Der große Platz an der Ecke ul. Targowa/al. Solidarności ist das heutige Zentrum von Praga – nicht zuletzt deshalb, weil sich hier die Haltestelle Dworzec Wileński der U-Bahn-Linie U2 befindet, die vom Zentrum Warschaus in den Nordosten der Stadt führt. Praga hat sich außerdem zu einem Geheimtipp für Freizeitgestaltung gemausert. Das gilt besonders für die Cafés, Restaurants, Biergärten und Bars in der ul. Ząbkowska. Mal dominiert das klassische Ambiente, mal werden besonders junge Leute und deren Bedürfnisse angesprochen. Fast schon eine Institution ist die Studentenkneipe „W Oparach Absurdu“ (wörtlich: Im Nebel des Absurden), deren Existenz sich aber auch mehr und mehr unter Touristen herumspricht. Die Gäste nehmen dort auf Vintage-Stühlen aus den 1950er Jahren Platz, Stehlampen aus der Vorkriegszeit strahlen 3.10. Der vormalige „wilde Osten“ als modernes Experimentierfeld: Praga 225 gedämpftes Licht aus, oft spielen polnische Ska-Bands. Mit Piroggen und Schmalzbroten ist die Speisekarte eher klassisch polnisch. Die Party-Nacht feiert man eher im Club „Hydrozagadka“ (zagadka = Rätsel). Zahlungskräftige Restaurantbesucher bevorzugen das „Wschodnia“ in der ul. Mińska 25, das von Mateusz Gessler geführt wird, dessen Familie inzwischen für eine Reihe von Feinschmecker-Restaurants in verschiedenen Warschauer Stadtteilen verantwortlich zeichnet. Unweit des „Wschodnia“ werden Oldtimer aus den Zeiten der Volksrepublik für Rundfahrten angeboten. Auch ein Bio-Markt mit ökologisch hergestellten Produkten ist nicht weit. Zwischendurch lohnt sich ein Besuch in der Warszawska Wytwórnia Wódek „Koneser“ (Warschauer Wodkahersteller „Kenner“) in der ul. Ząbkowska 27–35. Die neogotische Fabrikanlage aus dem 19. Jahrhundert beherbergte lange Jahre einen der größten polnischen Wodkaproduzenten, der erstmals die typischen Wodkamarken Wyborowa, Luksusowa und Żubrówka auf den Markt brachte. Das notwendige Wasser gewann man aus eigens auf dem Gelände gebohrten Tiefbrunnen. Erst im Jahr 2009 wurde hier die Herstellung von Wodka eingestellt. Heute befinden sich in dem Gebäude insbesondere das Theater Wytwórnia, die Galerie Luksfera (für künstlerische Fotografie), die Galerie von Klima Bocheńska (moderne Kunst) sowie das Magazyn Praga (moderne Kunst). Der ganze Campus des Centrum Praskie Koneser, zu dem auch das Wodka-Museum gehört, hat sich zu einem beliebten Zentrum für Shopping, Bankgeschäfte, Restaurantbesuche, Fitness und medizinische Versorgung entwickelt. Dort residieren Geschäfte, Banken, Restaurants, Cafés, Galerien und auch ein Hotel. Außerdem befindet sich dort der Campus Warsaw for Startups, wo junge Unternehmer und solche, die dies werden möchten, ihre Erfahrungen austauschen. Schon in den 1990er Jahren hatte der deutsche Siemens-Konzern einen Produktionsstandort in Praga an der ul. Żupnicza eingerichtet. Auch das im Jahr 2012 eingeweihte Nationalstadion (Stadion Narodowy), das auf den Fundamenten des Stadions des 10. Jahrestages errichtet wurde, ist inzwischen ein wichtiges Element der Freizeitgestaltung der Bürger Pragas und ganz Warschaus, denn dort finden nicht nur Sportveranstaltungen, sondern auch Konzerte mit Rockund klassischer Musik statt. Im Winter wird dort eine Eislauffläche installiert. Auch Buchmessen und Konferenzen haben in den großen Räumlichkeiten rund um die Sportfläche schon stattgefunden. Gleich neben dem Nationalstadion (Ecke Al. Zieleniecka/Al. Waszyngtona) erstreckt sich der weiträumige Park Skaryszewski, der mit einer Fläche von 58 Hektar zu den größten Parkanlagen Warschaus zählt. Der Park, der seit 1973 unter Denkmalschutz steht, ist dem polnischen Komponisten Ignacy Jan Paderewski (1860–1941) gewidmet, dessen Büste gleich am Eingang aufgestellt wurde. Auf dem Gelände des Parks befinden sich auch Denkmäler bzw. Gedenktafeln für die Mineure der polnischen Heimatarmee, für die gefallenen britischen Piloten, die den Warschauer Aufständischen 1944 zu Hilfe kommen wollten, auch für die Anfang 1945 in Warschau einmarschierenden sowjetischen Truppen sowie die Polen, die bei dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 ums Leben kamen. Besonders an den Wochenenden ist der Park das Ziel vieler Erholungssuchender aus den umliegenden Stadtvierteln. 3. Erkundungen 226 Der Wandel in Praga wird nicht zuletzt durch das heutige Aussehen des Ostbahnhofs (Dworzec Wschodnia) an der ul. Kijowska symbolisiert. Noch im Jahr 2008 bezeichnete die Tageszeitung Gazeta Wyborcza zu Recht den Ostbahnhof als den schlechtesten unter 23 Bahnhöfen der größten polnischen Städte.281 Das galt für die mangelnde Sauberkeit und die Gefährdung der Fahrgäste durch Kleinkriminelle, die viel zu kleinen Fahrkartenschalter, die verschmutzten Toiletten, Warteräume und Gepäckaufbewahrung, überhaupt die ganze „Ästhetik“ des Bahnhofs. Seit der Renovierung des Jahres 2012 ist das anders. Die Fahrkartenschalter sind modern, die Informationstafeln funktionieren elektronisch, auch wurden Überwachungskameras angebracht, Aufzüge zu den Bahnsteigen installiert und der ganze Bahnhof für Behinderte freundlicher gestaltet. Das ganze Innere des Bahnhofs wirkte fortan einladend, nicht abschreckend wie in den Jahrzehnten zuvor. Spuren der Vergangenheit Beim notwendigen Interesse für den rasanten Wandel in Praga darf die Erkundung der Spuren aus der Vergangenheit nicht fehlen. Immerhin handelt es sich um einen Stadtteil, der auch historisch kaum spannender sein könnte. So lebten und leben hier Polen, Russen und Ukrainer, auch Juden, Deutsche und Angehörige anderer Nationalitäten bzw. Volksgruppen. Mit Blick auf das 19. Jahrhundert erkennt man, dass schon russische Militärs und Bürokraten in Praga als Besatzer dominierten, bevor die Fremdherrschaft des faschistischen Deutschlands auch den Osten Warschaus erfasste. Die Spuren der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sind hier ebenso noch zu erkennen wie die der Volksrepublik vor 1989, deren Industriepolitik sich in Żerań nördlich des Zentrums von Praga manifestierte. Direkt an der zentralen Kreuzung Pragas, Ecke ul. Targowa/al. Solidarności, steht der spätklassizistische Gebäudekomplex, in dem heute die Direktion der polnischen Eisenbahn PKP Polskie Linie Kolejowe residiert. Die historische Bedeutung des Komplexes aus insgesamt sieben, zum Teil miteinander verbundenen Bauwerken erschließt sich schnell, wenn man die Liste all der Staatsorgane, Behörden und Verkehrsbetriebe liest, die seit den 1930er Jahren hier ihren Sitz hatten. So war schon zwischen 1931 und 1939 in dem Gebäudekomplex eine Eisenbahndirektion untergebracht. Dann okkupierten bis 1944 Führungsoffiziere der Wehrmacht die Anlage.282 Nach dem Abzug der Deutschen zog hier die erste Warschauer Stadtverwaltung mit Stadtpräsident Marian Spychalski ein, ebenso die städtische Abteilung des im Aufbau befindlichen, kommunistisch dominierten Sicherheitsdienstes sowie die Redaktion der neuen Zeitung Życie Warszawy. Im Jahr 1945 war hier der Sitz der ersten polnischen Staatlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg, d.h. des Landes- 281 Śmietana, Krzysztof: Witamy na Wschodnim – najgorszym polskim dworcu, in Gazeta Wyborcza, 22.8.2008. 282 Zur Situation in Praga während des Warschauer Aufstandes und den dort anwesenden Einheiten der Roten Armee siehe S. 37 in dieser Publikation. 3.10. Der vormalige „wilde Osten“ als modernes Experimentierfeld: Praga 227 nationalrates und der vorläufigen Regierung der Republik Polen, die dann in die „Vorläufige Regierung der Nationalen Einheit“ überging.283 Anschließend folgten 1949 der Dachverband der polnischen Motorindustrie, das Parteikomitee der PVAP/ PZPR für die Eisenbahner, 1964 die Import-Export-Zentrale für technische Ausrüstungen des Eisenbahnwesens und schließlich 2001 die Direktion der PKP. Außerdem haben die Vorstände verschiedener Gewerkschaften dort ihren Sitz. Wenn wundert es also, wenn über dem Gebäudekomplex eine große weiß-rote polnische Nationalflagge weht. Dem mächtigen Gebäudekomplex direkt gegenüber steht die, nicht weniger, wenn auch auf eine andere Weise eindrucksvolle, schön restaurierte orthodoxe Kathedrale der Hl. Maria Magdalena, die Metropolitankirche der autokephalen orthodoxen Kirche in Polen. Die aus den 1860er Jahren stammende Kirche im byzantinisch-russischen Stil symbolisiert mit ihren fünf Kuppeln Christus und die vier Evangelisten. Das Innere des Gotteshauses ist geschmückt mit einer vergoldeten Ikonostase und Wandmalereien, in denen die Propheten sowie die Heiligen der Ostkirche dargestellt sind. Die orthodoxe Kathedrale der H. Maria Magdalena in Praga (Quelle: Vetter). Warum diese orthodoxe Kirche in Praga? Gerade auch dieser Stadtteil erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine rege Zuwanderung. Unter den tausenden Neuankömmlingen waren nicht zuletzt Russen und orthodoxe Gläubige aus den östlichen Regionen des damaligen Polens. Hinzu kamen die Offiziere und Soldaten aus 283 Siehe S. 50 ff in dieser Publikation. 3. Erkundungen 228 den Truppen, die Russland als eine der drei Besatzungsmächte in Polen stationiert hatte. Im gesamten Praga machten die orthodoxen Gläubigen etwa 10 Prozent der Einwohner aus. Als das öffentlich vorgetragene Bedürfnis nach einem orthodoxen Gotteshaus immer stärker wurde, stimmten schließlich die orthodoxe Geistlichkeit und auch die weltliche Macht Russlands dem Bau einer Kirche in Praga zu. Zum Glück wurde das Gotteshaus während des Zweiten Weltkriegs weit weniger beschädigt als Kirchen und andere Bauwerke im Zentrum Warschaus. Mehrere Rekonstruktionen und Renovierungen in den 1950er, 1960er und 1990er Jahren führten Schritt für Schritt zur Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes. Nach 2000 wurden die Fresken restauriert. Hinter dem Eingangstor des Warschauers Zoos, der sich im Norden an das Zentrum von Praga anschließt, verbirgt sich eine Geschichte, die historisch und menschlich eindrucksvoll ist, von der allerdings nur wenige Menschen sowohl im Westen als auch in Polen wissen. Hier steht noch die Villa der Eheleute Antonia und Jan Żabiński, die während des Zweiten Weltkriegs unter Lebensgefahr Juden gerettet haben.284 In eher schmucklosen Villa erinnert ein kleines Museum an die damaligen Ereignisse. Nachdem die Wehrmacht Warschau besetzt hatte, wurde auf der Löweninsel des Zoos ein Waffenlager errichtet. Zuvor erschossen deutsche Soldaten die Raubkatzen, während Nilpferde, Luchse und ein Elefantenbaby nach Deutschland entführt wurden. Eine Gruppe betrunkener Offiziere der Gestapo erschoss in einer Silvesternacht die verbliebenen Tiere. Aber die NS-Offiziere bemerkten nicht, dass sich ganz in der Nähe, nämlich im Keller der Żabińskis sowie in einigen Tiergehegen und Vorratskammern, Juden versteckt hielten. Immer dann, wenn sich Deutsche der Villa näherten und damit unmittelbar Gefahr drohte, spielte Antonia Żabińska auf dem Klavier möglichst laut Offenbachs „Nur schnell nach Kreta, nur fort, nur fort“ aus der Operette „La belle Hélène“, um die Verborgenen zu warnen. Die meisten der versteckten Juden entkamen dem Warschauer Ghetto. Żabiński gelang es, sie durch das Warschauer Arbeitsamt in die Freiheit zu lotsen, denn die Vorderseite des Amtes gehörte zum freien Teil der Stadt, während eine nicht bewachte Tür an der Rückseite ins Ghetto führte. Wiederholt brachte Żabiński Juden auf diesem Weg in das Versteck auf dem Zoogelände. Dabei nutzte er auch seine Kontakte zum Warschauer Untergrund. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute das Ehepaar den Zoo wieder auf. Doch die kommunistischen Machthaber entließen Żabiński 1951 als Direktor, eben weil er als Mitglied der Heimatarmee (Armia Krajowa) Kontakt zum antikommunistischen Untergrund gehabt hatte. Sein Nachfolger wohnte nicht mehr in der Villa auf dem Zoogelände, so dass diese mehr und mehr zur Abstellkammer verkam. Nach Jahren gelang es den Kindern der Żabińskis, die Villa wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Im Jahr 2015 wurde das Museum eröffnet, das ausschließlich vom Verein 284 Tomczuk, Jacek: Z getta do zoo. Jak Małżeństwo Żabińskich ratowało Żydów, in Newsweek, 6.-12.3.2017; Bieber, Friedemann: Das Haus im Zoo, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.3.2017; Ackerman, Diane: Die Frau des Zoodirektors; München 2016. Unter dem gleichnamigen Titel kam auch ein Film mit Jessica Chastain in die Kinos. 3.10. Der vormalige „wilde Osten“ als modernes Experimentierfeld: Praga 229 der Freunde des Zoos finanziert wird. Staatliche oder städtische Zuschüsse gibt es bislang nicht. Die Tochter Teresa Żabińska sprach wiederholt davon, ihre Eltern hätten etwa 300 Juden gerettet. Wissenschaftler sehen diese Zahl allerdings mit einer gewissen Vorsicht. So betonte der Holocaust-Forscher Jacek Leociak: „Solche Zahlen haben eher symbolischen Charakter […] Die Zahl von 300 sagt auch etwas über unsere Wünsche aus, über das Bemühen, sich selbst davon zu überzeugen, dass wir überhaupt nicht so schlecht waren, sondern dass wir uns als Polen anständig verhalten haben. Wir wissen nicht genau, wie viele Personen die Żabińskis gerettet haben, weil es dazu keine wissenschaftliche Forschung gibt.“285 Aber auch unter Wissenschaftlern gibt es niemanden, der bestreitet, dass das Ehepaar Juden gerettet hat, und das unter Lebensgefahr. Die Geschichte des Ehepaars Żabiński wurde in dem 2017 erschienenen Spielfilm „The Zookeepers’s wife“ erzählt. Spuren früheren jüdischen Lebens in Praga286 finden sich auch in der ul. Jagiellońska, wo das zwischen 1911 und 1914 erbaute damalige Michał-Bergson-Erziehungshaus (Gmach wychowawczy im. Michała Bergsona) steht. Eine Gedenktafel an der Vorderfront erinnert an die damalige Funktion des Gebäudes. Heute befinden sich dort das Kindertheater Baj und ein Kindergarten. Erhalten blieb auch das Akademische Haus der jüdischen Studenten (Dom Akademicki Studentów Żydowskich) in der ul. Sierakowska aus den Jahren 1924 bis 1926, das heute als Verwaltungssitz dient. In der ul. Kłopotowskiego steht noch eine Villa aus den Jahren 1910 bis 1913, in dem sich bis zum Zweiten Weltkrieg ein jüdisches Ritualbad (Mikwa, auch Mikwe) befand. In dem benachbarten kleinen Park stand bis 1961 das im Krieg beschädigte Gebäude der Synagoge von Praga, das dann aber aufgrund einer Entscheidung der kommunistischen Stadtbehörden abgetragen wurde. In Bródno nordöstlich von Praga an der ul. Św. Wincentego befindet sich einer der beiden größeren jüdischen Friedhöfe Warschaus. Der Anblick der dortigen Grabsteine, die regelrecht herumliegen oder sogar über einander gestapelt sind, muss jeden Besucher ins Nachdenken bringen. Auf dieser riesigen Grabstätte wurden in den Jahren 1743 bis 1940 annähernd 250 000 Verstorbene beerdigt. Als der Friedhof im Jahr 1780 auch offiziell geweiht wurde, hatten die Juden Pragas schon lange auf diesen Tag gewartet, da sie zuvor gezwungen waren, ihre Toten auf anderen, zum Teil entfernten Friedhöfen zu beerdigen. Die letzten Bestattungen fanden hier in den Tagen vor der Abriegelung des Warschauer Ghettos im Jahr 1940 statt. In den Nachkriegsjahrzehnten kam es wiederholt vor, dass sich Polen, die Häuser bauen oder renovieren wollten, auf dem Friedhof mit Baumaterial versorgten. Erst Mitte der 1980er Jahre finanzierte die Stiftung der Familie Nissenbaum die Einzäunung des Friedhofsgeländes und die Errichtung eines würdigen Eingangstores. Bis Ende 2019 haben es das polnische Kulturministerium und die Warschauer Stadtver- 285 Tomczak, Jacek: Z getta … (Fn. 191), S. 45. 286 Siehe dazu als Überblick Dylewski, Adam: Ruda, córka Cwiego. Historia Żydów na warszawskiej Pradze, Wołowiec 2018. Der polnische Regisseur Roman Polański drehte in Praga Szenen für seinen Film „Der Pianist“ über den jüdisch-polnischen Pianisten und Komponisten Władysław Szpilman. 3. Erkundungen 230 waltung immer wieder abgelehnt, finanzielle Zuschüsse zur Renovierung des Friedhofs zu gewähren. Die jüdische Gemeinde sah sich bis dato nicht in der Lage, die erforderlichen Mittel von etwa einer Million Euro aus eigener Kraft aufzubringen. Ihr Plan ist es, auf dem Friedhofsgelände vier thematisch strukturierte Lehrpfade anzulegen, die den Besuchern die jüdische Geschichte auf der rechten Weichselseite Warschaus näherbringen, grundlegende Prinzipien des Judentums vermitteln, berühmte Juden Warschaus vorstellen und einen tieferen Einblick in die jüdische Kultur ermöglichen sollen.287 Zentrum des katholischen Lebens in Praga ist die Kathedrale des Hl. Erzengels Michael und des Hl. Märtyrers Florian (Katedra Św. Archanioła i Św. Floriana Męczennika) in der ul. Floriańska 3. Das hoch aufragende Bauwerk, dessen rote Türme weithin sichtbar sind und die Silhouette von Praga dominieren, entstand in den Jahren 1887 bis 1904. Im September 1944 wurde es durch die deutschen Besatzer gesprengt. Der Wiederaufbau zog sich dann bis 1972 hin. Schon im 17. Jahrhundert waren hier ein Kloster und eine Kirche der Bernhardiner entstanden, die aber den Wirren der Napoleonischen Kirche im frühen 19. Jahrhundert zum Opfer fielen. Im Juni 1999 besuchte der damalige Papst Johannes Paul II. die Kathedrale in Praga. Ältestes Sakralbauwerk in Praga ist die Loretto-Kirche der Allerheiligsten Mutter Gottes (Kościół Najświętszej Matki Bożej Loretańskiej), wobei allerdings nur einige Bauteile des Klosters und der Kirche, die zwischen 1628 und 1638 als Bauwerk der Renaissance errichtet worden waren, erhalten geblieben sind. In den Wirren der Schwedenkriege, des Kościuszko-Aufstandes, der napoleonischen Zeit Warschaus und des Zweiten Weltkrieges war das gesamte Bauwerk weitgehend zerstört und später wiederaufgebaut worden, zuletzt in den Jahren 1958 bis 1964. Die Anlage gliedert sich in das freistehende kirchliche Gebäude sowie einen Kreuzgang mit vier runden Ecktürmen. Interessante Einblicke in die Warschauer Industriegeschichte offenbart ein Blick auf die Entwicklung des PKW-Herstellers Fabryka Samochodów Osobowych (FSO). Nachdem die kommunistisch geführte Regierung 1948 beschlossen hatte, die polnische Autoproduktion der Zwischenkriegszeit wiederaufzubauen, kam es sogar zu einem Lizenzvertrag mit dem italienischen Fiat-Konzern, dessen Implementierung aber am aufkommenden Kalten Krieg zwischen Ost und West scheiterte. Nach der Gründung der FSO am 17. Januar 1950 wurden zunächst in Lizenz sowjetische Modelle hergestellt. Ab 1957 wurde dann mit dem Typ FSO-Syrena ein PKW-Modell gefertigt, das auf eigener polnischer Entwicklungsarbeit basierte. Aufgrund eines erneuten Lizenzvertrags mit Fiat begann im September 1967 die Produktion des Polski Fiat 125p, dessen Fertigung erst im Mai 1991 endete, obwohl der Lizenzvertrag schon einige Jahre zuvor ausgelaufen war. Schon im Mai 1978 hatte man auch mit der Produktion des FSO-Polonez begonnen. Sowohl der Polski Fiat 125p als auch der Polonez entwickelten sich zu beliebten Dauerbrennern auf dem polnischen Automarkt. Im September 1995 stiegt dann der koreanische Daewoo-Konzern bei FSO ein. Doch mit den Daewoo-Modellen Matiz und Lanos konnte die Firma auf dem polni- 287 Siehe Lesser, Gabriele: Keinen Złoty für Bródno, in Jüdische Allgemeine, 25.8.2014. 3.10. Der vormalige „wilde Osten“ als modernes Experimentierfeld: Praga 231 schen Markt nie richtig Fuß fassen. Schon früh hieß es in Warschau, Daewoo habe bei der Vertragsunterzeichnung kein klares Konzept für die Marktzugang vorlegen können, sei aber vom damaligen Privatisierungsminister Wiesław Kaczmarek bevorzugt worden. In den polnischen Medien war deshalb wiederholt von Korruption die Rede, was aber nie eindeutig nachgewiesen werden konnte. Nachdem Daewoo mit dem Engagement in Warschau gescheitert war, stiegen zunächst das ukrainische Unternehmen AwtoZAZ, dann die zypriotische Firma Almeda Investments bei FSO ein. Doch beiden Investoren gelang es nicht, der Autoproduktion in Żeran neue Impulse zu geben. Im Oktober 2011 wurden die Maschinen versteigert und ein Tel der Gebäude abgerissen. Auf dem inzwischen der Stadt gehörenden Gelände soll eine Wohnsiedlung für 23 000 Menschen entstehen, de facto ein neuer Stadtteil mit Wohnungen, Büros, Geschäften, Parks und Sportplätzen. Bei FSO wurde aber auch Geschichte der polnischen Arbeiterbewegung geschrieben. So protestierte die dortige Belegschaft im Oktober 1956 gegen den Versuch des in Warschau angereisten sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow, den neuen polnischen Parteichef Władysław Gomułka von dessen Liberalisierungskurs abzubringen. Sowohl die Protestkundgebungen bei FSO und in anderen polnischen Städten als auch das Wissen Gomułkas um seine Popularität in der Bevölkerung und seine Hartnäckigkeit haben dazu geführt, dass Chruschtschow unverrichteter Dinge wieder abreisen musste. Sowjetische, in Polen stationierte Panzerdivisionen mussten in ihre Kasernen zurückkehren. Die sächsische Insel im Fluss: Saska Kępa Ähnlich wie Praga ist auch Saska Kępa am rechten Ufer der Weichsel nicht weit vom Stadtzentrum Warschaus entfernt. Die Fahrt über die Poniatowski-Brücke mit Bus, Auto oder Straßenbahn dauert nur ein paar Minuten – allerdings nicht morgens und am späten Nachmittag zu den Stoßzeiten, wenn große Staus die Stadtautobahn blockieren. Dann kann die Fahrt Richtung Osten auch zum zeitaufwendigen Geduldspiel werden. Saska Kępa offenbart Eigenheiten, die diesen Stadtteil deutlich vom übrigen Warschau abheben. Das gilt für die Siedlungsgeschichte und die Entwicklung der dortigen Bevölkerungsstruktur ebenso wie für die architektonische Prägung und den Stellenwert dieses Stadtteils im Gesamtgefüge der polnischen Hauptstadt. Die Ursprünge von Saska Kępa gehen bis auf das Mittelalter zurück. Und es fehlt nicht an Historikern, die der Ansicht sind, dass damals das dortige Terrain Teil des Stadtteils Solec gewesen sei, der am linken Weichselufer liegt. Erst das katastrophale Hochwasser von 1484 und die damit verbundene Änderung des Flussbetts der Weichsel habe Saska Kępa zur Insel gemacht, die sich später dem rechten Weichselufer angegliedert habe. Allerdings gibt es auch Historiker, diese Theorie nicht teilen. Auf jeden Fall geht der Name Saska Kępa auch auf die „Inseltheorie“ zurück, denn „Kępa“ bedeutet Insel, ebenso „Insel im Fluss“, und „saska“ ist der polnische Ausdruck für „sächsisch“, was im Falle des Namens Saska Kępa darauf verweist, dass der sächsische 3.11. 3. Erkundungen 232 König August III., der von 1734 bis 1763 auch auf dem polnischen Königsthron saß, im Jahr 1735 das dortige Terrain pachtete.288 Seine Vorgänger als Pächter waren 1692 holländische, flämische und friesische Siedler, die wegen religiöser Verfolgung aus ihrer Heimat geflohen waren, dann aber vor Ablauf des Pachtvertrags wegen der ständigen Überschwemmungen und der Auswirkungen der Schwedenkriege wieder weiterzogen. Auch Kaufleute aus Schottland siedelten sich zeitweise hier an. Das später Saska Kępa genannte Gebiet war in jener Zeit vor allem ein Ort der Viehzucht und des Gemüseanbaus. Unter August III. entstand hier die erste Eislaufbahn. Richtig beliebt wurde das rechte Weichselufer im 19. Jahrhundert, weil viele Warschauer hier ihre sonntäglichen Spaziergänge machten, auf die Jagd gingen und dem Treiben von Akrobaten und Dompteuren folgten, die hier ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Auf provisorischen Bühnen wurde getanzt. Besonders an den Wochenenden legten hier kleine Schiffe mit vergnügungssüchtigen Besuchern aus den westlichen Stadtteilen an. Im Jahr 1864 standen auf dem Gebiet ganze 14 Häuser mit insgesamt 114 Bewohnern. Pläne zur stärkeren Besiedlung wurden aufgestellt, konnten aber erst nach 1920 verwirklicht werden. Immerhin wurde in den Jahren 1910/1911 die erste Straße gebaut. Während des Ersten Weltkriegs und des Polnischen-Sowjetischen Krieges um 1920 diente Saska Kępa als militärisches Rückzugsgebiet, hier wurden Feldlazarette und Munitionslager errichtet. Nach dem Wiederaufbau der im Krieg stark beschädigten Poniatowski-Brücke entwickelte sich Saska Kępa in den 1920er und 1930er Jahren zu einem Stadtteil, in dem vermögende Warschauer ihre eleganten Villen bauen ließen. Architekten wie Bohdan Lachert und Józef Szanajca projektierten Residenzen im Stil des Modernismus. Lacherts eigene Villa in der ul. Katowicka 9/11 ist erhalten geblieben. Diese Entwicklung nahm ein jähes Ende, als 1939 auch in diesem Stadtteil Barrikaden gegen die anrückenden deutschen Truppen gebaut wurden, so an der Ecke ul. Francuska/ul. Zwycięzców, auch in der ul. Bajońska, der ul. Ateńska und der ul. Berneńska, wo dann auch Kämpfe stattfanden. Dabei wurden etwa 20 der Villen in Saska Kępa zerstört. Im Jahr 1946 wurde der Stadtteil in den Verwaltungsbezirk Praga-Południe eingegliedert und gelangte damit in einen Verbund mit Praga, das historisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich in anderen Zusammenhängen stand. Das „bürgerliche“ Saska Kępa wurde quasi mit dem „proletarisch-bäuerlichen“ Praga in einen administrativen Topf geworfen. So veränderte sich das Gesicht des Stadtteils. Statt Villen wurden nun einfache Wohnhäuser gebaut. Und aus den Villen wurden Häuser mit Ein- oder Zweizimmerwohnungen, weil die Behörden per Verordnung dort zusätzliche Bewohner einquartierten. So entwickelte sich Saska Kępa zu einem genuinen Bestandteil von Praga, während die alteingesessenen Bewohner diese Entwicklung mit zunehmendem Argwohn verfolgten. 288 Zur Geschichte siehe u.a. den Einleitungsaufsatz in Faryna-Paszkiewicz, Hanna (oprac.): Saska Kępa w listach, opisach, wspomnieniach. Warschau 2004. 3.11. Die sächsische Insel im Fluss: Saska Kępa 233 Die späten 1950er und vor allem die 1960er Jahre waren dann eine Zeit des rein zweckgerichteten Wohnungsbaus in Saska Kępa. Zunächst entstanden jene Blocks aus grauen Ziegeln, die zum Teil bis heute nicht verputzt sind. Dann kamen weitere, schon etwas ansehnlicher gestaltete Siedlungen für etwa 8000 Bewohner hinzu, die wegen ihrer Lage an der ul. Międzynarodowa frei nach dem Kampflied der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung „Die Internationale“ (polnisch: Międzynarodówka) genannt wurden. Eine zweite Siedlung, insbesondere an der ul. Lotaryńska, erhielt im Volksmund den Spitznamen „Die Siedlung der Sparer“, weil dort Menschen einzogen, die für den Erwerb dieser Wohnung Geld bei der staatlichen Sparkasse PKO gespart hatten. Nach 1989 entstanden dann auch in Saska Kępa Wohnblocks, die modernen Ansprüchen genügen, etwa an der ul. Zwycięzców. Heute ist Saska Kępa wieder ein bürgerliches Viertel, will man diesen Begriff auf all jene anwenden, die nicht schlecht verdienen, auch auf Freiberufler wie Ärzte und Anwälte, ebenso Journalisten, Wissenschaftler und Staatsbedienstete. Auch so manche diplomatische Vertretung anderer Staaten findet sich in Saska Kępa. Viele Bürger mit höherem Einkommen und vor allem Leute aus der Wirtschaft, die schnell zu viel Geld gekommen sind, zieht es eher in den Süden Warschaus, also in Viertel wie Powsin, Kabaty, Konstancin und Anin, die mehr Platz für großzügiger gestaltete Anwesen im Grünen bieten und wo die Luft besser ist. Vor dem Hintergrund der Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklung ist es kein Zufall, dass Saska Kępa auch und gerade ein Stadtteil der internationalen Stra- ßennamen ist. An den Ersten Weltkrieg und den nachfolgenden Polnisch-Sowjetischen Krieg erinnern die Straße der Verteidiger (Obrońców) und der Sieger (Zwycięzców), die Französische Straße (Francuska), die Straße von Versailles (Wersalska) und die Den Haag-Straße. Die Namen verschiedener Staaten haben ebenfalls ihren Platz im Straßennetz des Stadtteils, so die Lettische Str. (Łotewska), die Estnische (Estońska), die Mexikanische (Meksykańska), die Kubanische (Kubańska) und die Finnische (Finlandzka). Ebenso finden sich hier die Namen europäischer Städte, etwa Madrycka, Bukareszteńska, Kopenhaska, Zagrzebska, Londyńska, Ateńska und Lizbońska. Lang ist außerdem die Liste bekannter Persönlichkeiten, die in Saska Kępa gewohnt haben. Sie reicht von den Komponisten Witold Lutosławski und Tadeusy Baird und dem Arzt Ludwik Hirszfeld bis zu dem Architekten Bohdan Lachert, der Malerin Teresa Roszkowska und dem Schauspieler Zygmunt Hübner. So haben die geschichtsund kulturbewussten Bürger von Saska Kępa immer auch Büsten und Skulpturen für Berühmtheiten aufgestellt bzw. Gedenktafeln für sie angebracht, die in der Regel bis heute erhalten geblieben sind. Dazu zählen die Skulpturen der Schriftsteller Stefan Żeromski (Pl. Przymierza) und Bolesław Prus (vor dem Gymnasium an der ul. Zwycięzców), der Schriftstellerin Agnieszka Osiecka (Ecke ul. Francuska und ul. Obrońców), des Romantikers Adam Mickiewicz (ul. Kubańska), des amerikanischen Staatsgründers George Washington, den man in Polen Jerzy Waszyngton nennt (am Rondo Waszyngtona), sowie des berühmten Warschauer Stadtpräsidenten der Zwischenkriegszeit Stefan Starzyński (am Wał Międzeszyński). Im Weiteren die Gedenktafel für Witold Lutosławski (ul. Zwycięzców Nr. 39). Am Gebäude der früheren bundes- 3. Erkundungen 234 deutschen Botschaft in der ul. Dąbrowiecka erinnert ein Schaukasten an einige tausend Flüchtlinge aus der DDR, die in Warschau ausharrten, bevor sie in die Bundesrepublik ausreisen durften. An der früheren Botschaft der Bundesrepublik in der ul. Dąbrowiecka erinnert ein Schaukasten mit Fotos und Texten an die Flüchlinge aus der DDR, die 1989 über Warschau in den Westen ausreisen konnten (Quelle: Vetter). Herz von Saska Kępa ist die ul. Francuska, die sich deutlich von anderen Warschauer Flaniermeilen unterscheidet. Die niedrige Bebauung mit größtenteils renovierten modernistischen Gebäuden aus der Zwischenkriegszeit vermittelt schon fast einen gemütlichen, familiären Eindruck. Auch die Bäume auf beiden Straßenseiten tragen dazu bei. Kaum ein Haus, in dem sich kein Geschäft, Café oder Restaurant befindet. Mitunter wird im Sommer gerade an den Wochenenden der Straßenverkehr gesperrt, um dem bunten Treiben noch mehr Raum zu geben. Alteingesessene Warschauer, die an der ul. Francuska wohnen, ärgern sich allerdings darüber, dass sie wegen des Trubels vor allem an den Wochenenden kaum vor Mitternacht Schlaf finden. Auch das sandige Ufer der Weichsel auf der Höhe von Saska Kępa hat sich zu einem beliebten Freizeitpark gemausert, wo vor allem junge Leute ihre Grillfeuer entzünden. Wie die Bewohner von Praga schätzen auch ihre Nachbarn in Saska Kępa Spaziergänge im Skaryszewski-Park als Freizeitvergnügen. 3.11. Die sächsische Insel im Fluss: Saska Kępa 235 Ein Manko von Saska Kępa ist die Stadtautobahn Trasa Łazienkowska, die den Stadtteil in zwei Hälften teilt und für die direkten Anwohner äußerst ruhestörend wirkt. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens in Warschau sind hiesige Straßen wie die ul. Francuska und die ul. Saska zu den Stoßzeiten morgens und spätnachmittags hoffnungslos verstopft. 3. Erkundungen 236

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References

Abstract

Warsaw's cityscape reflects the great upheavals of recent European history like no other. From the complete destruction in the Second World War, through the reconstruction and redesign of the city under communist rule, to the modern European metropolis shaped by capitalism, they all had a formative influence on the Polish capital.

Reinhold Vetter lived in Warsaw for thirty years and explored the city in every corner. He knows the buildings and places and their history and, with this volume, provides a comprehensive study of the influence of war, foreign rule, ideology, politics and economy on urban planning and architecture.

Zusammenfassung

Warschaus Stadtbild spiegelt wie kein zweites die großen Stürme und Verwerfungen der jüngeren europäischen Geschichte wider. Von der völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg über den Wiederaufbau und die Neugestaltung der Stadt nach kommunistischer Maßgabe bis zur modernen, kapitalistisch geprägten europäischen Metropole hatten sie alle einen prägenden Einfluss auf die polnische Hauptstadt.

Reinhold Vetter hat dreißig Jahre in Warschau gelebt und die Stadt bis in alle Winkel erkundet. Er kennt die Bauwerke und Orte und ihre Geschichte und liefert mit diesem Band eine umfassende Studie zum Einfluss von Krieg, Fremdherrschaft, Ideologie, Politik und Wirtschaft auf Städtebau und Architektur.