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7 Darstellung der Fälle in:

Rita Hansjürgens

In Kontakt kommen, page 97 - 264

Analyse der Entstehung einer Arbeitsbeziehung in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4152-9, ISBN online: 978-3-8288-7011-6, https://doi.org/10.5771/9783828870116-97

Tectum, Baden-Baden
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97 7 Darstellung der Fälle Die Fälle werden in der Reihenfolge der, durch „theoretical sampling“ (Glaser; Strauss 2010, S. 53) begründeten Auswahl vorgestellt. Innerhalb des jeweiligen Falles wird zunächst die gemeinsame Interaktion auf der Inhaltsebene deskriptiv dargestellt. Danach erfolgt beispielhaft eine Auswahl aus der sequentiellen Feinanalyse der Fälle, die die Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ exemplarisch zeigt. Diese werden, wie im Kapitel zur Methodologie erläutert, ergänzt durch Aussagen aus den Begleitinterviews und bei Bedarf aus den Interviews mit den Leitungskräften. Schließlich werden auf dieser Basis anhand der zentralen Fragestellungen der Dissertation diesbezügliche Lesarten der Fallanalysen formuliert. 7.1 Frau Burgdorf und Herr Uhlenbrock Begonnen wurde mit der Auswertung des Gesprächsprotokolls von Herrn Uhlenbrock und Frau Burgdorf. Als inhaltliche Kriterien für die Auswahl dieses Interaktionsprotokolls können die Tatsachen festgehalten werden, dass es sich hierbei um ein vollständiges Set aus Gespräch, Interview mit der Fachkraft und Interview mit dem Klienten handelt und dass die Einrichtung A, in der das Gespräch aufgezeichnet wurde, die größte Auswahl an Gesprächen für weitere Kontrastierungen bereithielt. Ein weiteres Kriterium war, dass es sich auf der Inhaltsebene scheinbar um einen „einfachen“ Fall handelt, denn Herr Uhlenbrock, kommt laut seinem geäußerten Anliegen41 mit einer klaren Vorstellung bezüglich der Inhalte des Gesprächs: er möchte in eine stationäre Rehabilitation Sucht vermittelt werden. Darüber hinaus handelt es sich um eine Interaktionskonstellation von Mann (Klient) und Frau (Fachkraft). Mit Blick auf die Fachkräfte, die ein Interesse an einer Mitarbeit ange- 41 Im Zusammenhang mit der Auswertung von Fällen wird nachfolgend von einer allgemeinen Definition des Wortes „Anliegen“ ausgegangen, die im Duden u. a. als „zur Bearbeitung anstehend“ und als „Wunsch, Bitte, Angelegenheit, die jemandem am Herzen liegt“ angegeben ist (http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Anliegen). Diese Definition drückt meines Erachtens gut den Umstand aus, dass aus der subjektiven Perspektive einer Person etwas realisiert werden soll, das neben einem sachlichen auch einen affektiv bedeutsamen Aspekt für sie hat. Deshalb erscheint die Wahl dieses Begriffes gerade im Zusammenhang mit Suchtmittelkonsum angemessen. 98 meldet hatten und mit Blick auf die zu erwartende Verteilung der Geschlechter bei den Klient_innen42 war davon auszugehen, dass diese Konstellation innerhalb der aufgezeichneten Fälle am häufigsten anzutreffen sein würde, so dass sich hier mit Blick auf die Möglichkeiten zur minimalen Kontrastierung die meisten Auswahlmöglichkeiten an weiteren Fällen ergaben. Gegenstand der ersten Fallanalyse ist daher die Begegnung zwischen Frau Burgdorf und Herrn Uhlenbrock. Ort der Begegnung ist die Suchtberatungsstelle A (s. Tabelle 1 Übersicht Kontextbedingungen des erhobenen Datenmaterials). Zeitpunkt der Begegnung ist die sog. „offene“ Sprechstunde der Beratungsstelle, die zweimal wöchentlich stattfindet. Die Fachkraft Frau Burgdorf ist Ende 40, arbeitet seit 14 Jahren in dieser Beratungsstelle und seit 6 Jahren im Arbeitsbereich der ambulanten Suchtberatung. Sie hat Sozialpädagogik studiert und im Bildungsbereich gearbeitet, bevor sie zur Suchtberatung gewechselt ist. Sie hat mehrere Weiterbildungen zu Gesprächsführung und systemischer Arbeit im Allgemeinen (Systemische Familienberatung, Acceptance und Commitmenttherapy) und mit Suchtklienten im Besonderen (Angehörigenarbeit, Move (Motivierende Frühintervention), Doppeldiagnosen) absolviert, aber keine von der Deutschen Rentenversicherung anerkannte Ausbildung als Suchttherapeutin. Der Klient Herr Uhlenbrock kam ohne vorherige telefonische Anmeldung, welche in dieser Beratungsstelle im Rahmen der sog. „offenen Sprechstunde“ nicht erforderlich ist. Herr Uhlenbrock hatte in früheren Jahren schon mal Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle in einer anderen Stadt und hat dort auch bereits eine ambulante suchttherapeutische Maßnahme durchlaufen. Die Beratungsstelle A sucht er zum ersten Mal auf. Beide Interaktionspartner wissen also nichts voneinander und begegnen sich im Rahmen der transkribierten Audioaufzeichnung zum ersten Mal. Das aufgezeichnete Gespräch wurde in inhaltliche Sinneinheiten gegliedert, die nachfolgend als „Sequenz“ oder „Gesprächsphase“ benannt sind. Die Zusammenfassung erfolgt zum einen nach inhaltlichen Aspekten und zum anderen danach, wie eine unter den oben beschriebenen Aspekten zusammengestellte Sinneinheit endet und wie die nächste beginnt, da 42 Bei allen Suchtmustern, die in Beratungsstellen registriert werden, abgesehen von Medikamentenkonsum und Essstörungen, ist die Anzahl der betroffenen Männer mindestens doppelt so hoch, meistens aber noch um ein Vielfaches höher als die der betroffenen Frauen (Braun et al. 2017b, S. Tab. 2.01). 99 im Rahmen einer sequentiellen Auswertung diese Aspekte für die Interpretation des Fallmaterials von besonderem Interesse sind (vgl. Oevermann 2012). 7.1.1 Inhaltliche Zusammenfassung des Gesprächs Das aufgezeichnete43 Gespräch beginnt damit, dass Frau Burgdorf nach der Begrüßung kurz die Arbeitsregeln der Beratungsstelle benennt (Anonymität, Kostenfreiheit und Freiwilligkeit). Danach fordert sie Herrn Uhlenbrock auf, zu berichten, was denn sein Anliegen sei. Dieser antwortet darauf mit einer ausführlichen Darstellung seiner subjektiven Sicht auf die, ihn in die Beratungsstelle führende Situation. Diese Phase wird von Frau Burgdorf im Wesentlichen mit Hörersignalen, vereinzelt mit einem aufmunternden Kommentar (Wow, ok, jaha #00:02:14–1#)44, mit einer zusammenfassenden Bemerkung (Das heißt, sie haben über anderthalb Jahre gespielt. #00:04:07–2#) oder einem kurzen Deutungsangebot (gehen Sie aufs Glatteis #00:03:57–0#) begleitet. Der Klient hat bis zur Zeitmarke #00:07:29–1# die mit Abstand höheren Redeanteile und wird von Frau Burgdorf nicht durch z.B. vertiefende Nachfragen, die eventuell ein Fragekonzept vermuten ließen, daran gehindert, sondern eher noch dazu ermuntert, seinem, auf der Interaktionsebene wahrnehmbaren Drang zur Darstellung seiner subjektiven Situation zu folgen. Lediglich die zusammenfassenden Bemerkungen von Frau Burgdorf lassen darauf schließen, dass es eher das Muster des Suchtverhaltens (hier des Spielens), nicht aber z. B. mögliche Ursachen oder Folgen sind, die das hörbar geäußerte Interesse von Frau Burgdorf hervorrufen. In einer längeren, lediglich mit Hörersignalen begleiteten Äußerung des Klienten (#00:05:20–1#–#00:07:29–1#) geht dieser auf verschiedene Themen ein: auf seine Familiensituation, auf seinen subjektiver Leidensdruck, auf seine subjektiven Überlegungen bezüglich Hilfsmöglichkeiten und auf eine Konkretisierung seines Anliegens. 43 In dieser Beratungsstelle ist es so, dass die jeweilige Fachkraft, hier Frau Burgdorf, vom Sekretariat informiert wird, dass sich ein_e Klient_in im Wartezimmer befindet. Daraufhin holt dann die Fachkraft den / die Klient_in dort ab. Auf dem Weg zum Büro der Fachkraft entspinnt sich oft ein sog. „Smalltalk“, der hier nicht aufgezeichnet werden konnte, in dem sich aber auch schon eine erste „Beziehung“ im definierten Sinne, ein sog. „erster Eindruck“ entwickeln kann. Die Aufzeichnung beginnt mit dem Beginn des „offiziellen“ Beratungsgespräches. 44 Interpretation der Zeitmarke: #HH:MM:SS–S/10# 100 Frau Burgdorf nimmt ausschließlich den Aspekt der Überlegungen zum Hilfesuchen in den Blick. Die anderen Anteile der subjektiven Äu- ßerung bleiben von ihr unberücksichtigt. Hier kommt es nach der Er- öffnungsphase zu einer ersten längeren Sprecheinheit von Frau Burgdorf (#00:07:29–1#–#00:08:03–8#), in der sie grundsätzliche Therapiemöglichkeiten45 und die speziellen Möglichkeiten in ihrem Haus (sog. ambulante Rehabilitation) aufzählt, obwohl Herr Uhlenbrock nicht explizit nach diesen gefragt hatte. Es folgt eine Phase der Verhandlung darüber, welche Form der Rehabilitation für die Situation von Herrn Uhlenbrock die geeignete ist (#00:08:08–3#–#00:13:57–3#). Ob diese Form der suchtbezogenen Hilfen für Herrn Uhlenbrock geeignet ist und ob es möglicherweise noch andere Formen der Hilfe und Unterstützung gibt, scheint bei beiden Interaktionspartnern nicht von Interesse zu sein. Auch in dieser Phase sind die Gesprächsanteile von Herrn Uhlenbrock weit höher als die von Frau Burgdorf. Herr Uhlenbrock begründet sein Anliegen sehr wortreich und umfänglich, u. a. mit Explikationen zu den Folgen seines Spielverhaltens und subjektiven Konstruktionen über die Ursachen dieses Verhalten und die Gründe, warum er gerne eine sog. „stationäre Therapie“ möchte. Frau Burgdorf begleitet diese Ausführungen mit Hörersignalen und einer inhaltlichen Nachfrage. Wieder folgt eine wortreiche und umfängliche Explikation im oben dargestelltem Sinne durch Herrn Uhlenbrock, die damit endet, dass er sein Anliegen, seine Probleme bearbeiten zu wollen, wiederholt. Insofern ist hier nicht von einem „sich verlieren“ in einem Erzählfluss, sondern eher von einem Überzeugungsversuch hinsichtlich seines Anliegens auszugehen. Offensichtlich glaubt der Klient, er müsse Frau Burgdorf von der Plausibilität seiner Argumente überzeugen. Hierauf reagiert die Fachkraft damit, dass Sie Herrn Uhlenbrock die Autonomie über die Entscheidung in der Frage, welche Hilfemaßnahme er in Anspruch nehmen möchte, verbal zurückgibt. Dies führt dazu, dass Herr Uhlenbrock wieder beginnt über subjektive Konstruktionen, diesmal bezüglich der Ursachen seines Spielverhaltens, zu sprechen (#00:13:57–3#–#00:18:29–4#). In dieser Situation sind 45 Diese Maßnahme wäre unter formalen Gesichtspunkten korrekter als medizinische Rehabilitation Sucht zu bezeichnen. Möglicherweise folgt Frau Burgdorf hier den sprachlichen Äußerungen von Herrn Uhlenbrock. 101 die Sprechakte gleichmäßiger verteilt. Herrn Uhlenbrocks Sprecheinheiten sind kürzer und thematisch begrenzter und Frau Burgdorf stellt Nachfragen, die das Thema vertiefen und auf die Herr Uhlenbrock wiederum bereitwillig eingeht. In dieser Phase ist erstmals ein systematisches „sich aufeinander beziehen“ beider Interaktionspartner zu beobachten. Diese Sequenz endet damit, dass Herr Uhlenbrock erneut betont, dass er Hilfe haben möchte (#00:18:39–6#). Die nächste Phase (#00:18:29–4#–#00:22:06–9#) beginnt damit, dass Frau Burgdorf erstmals von sich aus ein neues Thema anspricht, indem sie danach fragt, wie es denn gelungen sei das, von Herrn Uhlenbrock problematisierte Spielverhalten zu stoppen. Hiermit ist nach Ressourcen gefragt. Herr Uhlenbrock nimmt das Thema auf und berichtet erneut über seine subjektiven Konstruktionen zu diesem Thema. Es entspinnt sich ein zielgerichteter Dialog, der von Frau Burgdorf u. a. durch vertiefende Nachfragen gesteuert wird. Die Wechsel zwischen den Sprechakten werden kürzer. Dies ist jedoch nicht als insbesondere von Herrn Uhlenbrock ausgehende Einsilbigkeit zu deuten, im Gegenteil ist erstmals ein Wechselspiel mit sich gegenseitig ergänzenden Äußerungen zu beobachten. Dies lässt darauf schließen, dass die Akteure sich verbal aufeinander eingependelt haben. Nach Stern ließe sich diese Phase als eine Aneinanderreihung von sog. “Gegenwartsmomenten” (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 34) deuten. Die Sequenz endet damit, dass Herr Uhlenbrock von der Zeit berichtet, in der er wieder angefangen hat zu spielen, welches er als ein Scheitern in einer Phase darstellt, in der er und sein familiales Umfeld dachten, dass er sich “super entwickelt” (#00:22:01–7#) habe. Frau Burgdorf greift dieses Thema auf und versucht die genaueren Umstände des erneuten Beginns des Spielens zu explorieren (#00:22:06–9#– #00:26:58–8#). Dies geschieht nicht im Modus eines zielgerichteten „Frage–Antwort–Spiels“, sondern u. a. wieder als Wechselspiel sich gegenseitig ergänzender Äußerungen, wie dies schon oben beschrieben wurde. In der nächsten Sequenz sind die längsten zusammenhängenden Sprechanteile der Fachkraft zu beobachten (#00:26:58–8#–#00:35:56– 9#). In dieser Phase gibt sie fachliche Einschätzungen der, von Herrn Uhlenbrock gehörten Explikationen ab, ohne direkt nach diesen gefragt worden zu sein. Es scheint, als wäre dies jetzt für sie an der Reihe. Dies deutet darauf hin, dass sie möglicherweise einem inneren Ablauf folgt, 102 ohne ihn jedoch zu explizieren. Es entspinnt sich wieder ein Dialog, in dem Herr Uhlenbrock die Einschätzungen ratifiziert, indem er sie (bis auf einmal) durch weitergehende subjektive Einschätzungen ergänzt. Insofern ist auch hier ein systematisches „sich aufeinander Beziehen“ zu beobachten. Dieses kann auch als Versuch eines inhaltlichen „Vorangehens“ (Stern 2014, S. 157) eingeordnet werden, weil die Sequenz damit endet, dass Frau Burgdorf einen konkreten Vorschlag macht, welche therapeutische Maßnahme sie für Herrn Uhlenbrock für geeignet hält. Dieser Vorschlag entspricht zwar nicht dem Wunsch nach sog. „stationärer Therapie“, den er geäußert hatte, jedoch überlässt sie ihm die Entscheidung. Herr Uhlenbrock reagiert darauf mit einer konkreten, unvermittelten Nachfrage zu einer Einschätzung seiner versicherungsrechtlichen Situation in Bezug auf die Beantragung einer Rehabilitation Sucht, auf die Frau Burgdorf ohne zu zögern antwortet. Dies wirkt wie eine Art Kompetenztest, dem Frau Burgdorf durch Herrn Uhlenbrock unterzogen wird (#00:35:56–9#–#00:37:01–8#). Frau Burgdorf bekräftigt daraufhin ihre Einschätzung bzgl. der Angemessenheit einer ambulanten Maßnahme. Es entspinnt sich eine Art Verhandlung darüber, unter welchen Umständen und wie genau ein Antrag zu stellen sei (#00:37:01–8#– #00:41:33–5#). Dieses führt das Gespräch thematisch an den Anfang zurück. Die Sequenz endet damit, dass Herr Uhlenbrock sich die Entscheidung, welche Maßnahme er genau in Anspruch nehmen möchte, offen hält. Für ihn steht nur fest, dass er eine Rehabilitation machen möchte. Die kurze Schlussphase (#00:41:33–5#–#00:43:36–7#) beginnt damit, dass Frau Burgdorf Herrn Uhlenbrock in einem längeren Wortbeitrag darin bestätigt, sich Zeit für diese Entscheidung zu nehmen. Herr Uhlenbrock knüpft daran an, indem er sein Suchtverhalten mit einer Krankheitsmetapher (Schnupfen) belegt. Frau Burgdorf greift diese Metapher auf und modelliert sie um (Diabetes). Dem wird von Herrn Uhlenbrock nicht widersprochen, für ihn ist das Gespräch beendet. Daraufhin kündigt Frau Burgdorf an, dass sie das Aufnahmegerät jetzt ausschalten wird, um personalisierte Daten für das Dokumentationssystem abfragen zu können. 103 7.1.2 Darstellung für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ wichtiger Passagen Nachfolgend sollen beispielhaft einige Passagen vorgestellt werden, die exemplarisch die Situation in der Anfangsphase, in der Mittelphase und am Ende des Gespräches vorstellen und aus denen der jeweilige “Beziehungsstatus” sowie mögliche Einflussfaktoren darauf sichtbar werden. Im Sinne der sequentiellen Logik der Fallinterpretation, einer Auswertung von Anfang an, beginnt diese mit der ersten aufgezeichneten Interaktion zwischen Frau Burgdorf und Herrn Uhlenbrock46. „Herzlich Willkommen in der Suchtkrankenhilfe“ Frau Burgdorf: So, jetzt gehts los. Dann erst mal herzlich willkommen in der Suchtkrankenhilfe. Sind Sie das erste Mal da? #00:00:09–1# Herr Uhlenbrock.: Ja. #00:00:10–0# Frau Burgdorf: Ok, dann sag ich auch nochmal vorneweg, ist Ihnen vielleicht auch klar, dass wir unter Schweigepflicht stehen, //ok// das was wir besprechen werden, bleibt auf jeden Fall hier im Haus, Beratung ist für Sie kostenfrei. Sie entscheiden ob und was Sie verändern wollen. Also sie gehen jetzt keinerlei Verpflichtungen ein //ok//, ob Sie wiederkommen wollen und alles. 00:00:31–3# Herr Uhlenbrock: Ok #00:00:32–3# Frau Burgdorf: Das ist erstmal offen von den Rahmenbedingungen her. Was ist denn ihr Anliegen? #00:00:34–1# Die aufgezeichnete Interaktion beginnt mit einer ersten Äußerung von Frau Burgdorf. Sie beginnt das Gespräch mit den Worten: „So, jetzt geht’s los.“ Dies markiert ein Startsignal und möglicherweise eine Aufforderung an den Klienten, dass jetzt das Beratungsgespräch beginnt. Möglicherweise ist es auch eine Selbstoffenbarung in dem Sinne, dass jetzt nach dem Einschalten des Tonbandes der offizielle Teil im Unterschied zum Small–Talk beginnt. 46 Für diesen und alle anderen dargestellten Fälle gilt: Transkribiert wurde in Anlehnung an Bohnsack et al. 2011 (Transkriptionsprogramm f4): //ok// bezeichnet z.B. ein Hörersignal des Gegenüber. Genauere Angaben zu den Transkriptionsregeln finden sich im Anhang bei den verschriftlichen Protokollen. 104 47Beiden Deutungen haben die sprachliche Markierung eines Beginns gemeinsam, wobei unklar ist, ob diese mit einer Aufforderung verknüpft ist und wenn ja, wer damit adressiert ist und wozu aufgefordert wird. Frau Burgdorf fährt fort: „Dann erst mal herzlich willkommen in der Suchtkrankenhilfe.“ Diese Äußerung stellt im 2. Satzteil, „herzlich willkommen in der Suchtkrankenhilfe“ eine, in dieser Phase übliche Begrü- ßung eines Gastgebers gegenüber einer Person dar, die zum ersten Mal in diesem Haus ist und markiert gleichzeitig den institutionellen Rahmen der Suchtkrankenhilfe. Der erste Teil des Satzes „Dann erstmal“ relativiert das „herzlich willkommen“ dahingehend, dass er auf einen routinierten Ablauf verweist. Genauer verweist er darauf, dass es erwartbaren gesellschaftlichen Gepflogenheiten entspricht, eine fremde Person in den eigenen Räumen willkommen zu heißen. Gleichzeitig entwertet es damit die mögliche persönliche, subjektorientierte Deutung der Begrüßungsformel und reduziert sie auf eine Routine ohne persönlichen Bezug. Denkbar ist aber auch, dass die herzliche, persönlich gemeinte Willkommensäußerung schon im möglicherweise zuvor erfolgten „Smalltalk“ auf dem Weg ins Beratungszimmer erfolgt ist und nur noch mal für die Aufnahme „abgespult“ wurde. Mit der nachfolgenden Frage „Sind Sie zum ersten Mal da?“ wird Herr Uhlenbrock erstmals aufgefordert einen Beitrag zum Gespräch zu leisten. Inhaltlich wird nach einer Formalie gefragt. Dementsprechend fällt auch die Antwort des Klienten mit einem einfachen, auf das Notwendigste begrenzten „Ja“ aus und folgt damit der inhaltlich–sachlichen Intention der Frage. Somit ist der Gesprächsball wieder bei der Fachkraft. Sie nimmt den Kommunikationsfaden mit einem „OK“ wieder auf. Dieses bedeutet für sie, wenn die nachfolgenden Äußerungen betrachtet werden, dass sie eine, wieder routiniert wirkende „Einführung“ für „Neue“ abhält, indem sie auf die institutionellen48 Eckpfeiler der Einrichtung (Schweigegebot und Kostenfreiheit) und auf ein allgemeines 47 Im Text fett markierte Elemente stellen eine Deutung der vorangegangenen Paraphrasierungen und der Entwicklung möglicher Lesarten dar. 48 Diese werden neben „Anonymität“ und „Offenheit für Jede“ als „Leitprinzipien“ auf der Homepage der Einrichtung genannt. 105 Beratungsgebot, nämlich der Ergebnisoffenheit hinweist („Sie entscheiden, ob und was Sie verändern wollen. Also Sie gehen jetzt keinerlei Verpflichtung ein […]“). Der nachfolgende Halbsatz „… ob Sie wiederkommen wollen“ konkretisiert, was mit „Verpflichtung“ gemeint sein könnte. Das darauf folgende „..und alles“ verweist wiederum auf einen routinemäßigen Ablauf, bei dem davon ausgegangen wird, dass es noch mehr mögliche Verpflichtungen geben könnte, auf die jetzt aber nicht näher eingegangen wird. Frau Burgdorf scheint jedoch davon auszugehen, dass Herr Uhlenbrock über die Aufgaben und Arbeitsweisen einer Suchtberatungsstelle informiert ist, denn die Passage beginnt mit den Worten: „Ok, dann sag ich auch nochmal vorne weg, ist Ihnen aber vielleicht auch schon klar.“ Die Antwort des Klienten scheint ihr Recht zu geben, denn er antwortet mit einem schlichten „OK“, ohne weitere Fragen zu stellen. Dies könnte bedeuten, dass sie tatsächlich wusste oder vermutete, dass er die Abläufe einer Suchtberatungsstelle kennt. Dann stellt sich allerdings die Frage, wieso sie das vermutete oder auch wusste. Denkbar wäre ein beiläufiger Hinweis im Smalltalk. Möglich wäre auch, dass Herr Uhlenbrock von der routinierten Art der Fachkraft eingeschüchtert ist und sich nicht traut nachzufragen oder dass er darauf vertraut, dass in dieser Einrichtung schon nichts passieren wird, was ihm schadet. Bei der letzten Deutung stellt sich die Frage, wieso er sich da sicher ist. Möglicherweise, weil er eine solche Einrichtung tatsächlich schon kennt. Allen Lesarten haben bis jetzt gemeinsam, dass es sich bis zu diesem Zeitpunkt im Gespräch der beiden Personen bezüglich der Frage, wie sie in Kontakt kommen, um einen scheinbar institutionell routinierten Ablauf handelt, bei dem entweder beide die Spielregeln kennen oder glauben sie zu kennen, zumindest aber keinen Nachteil erwarten, wenn sie das Spiel ‚Erstkontakt in der Suchtkrankenhilfe‘ mitspielen. Die Einladung zu einem Dialog, im Sinne eines sich inhaltlich aufeinander Beziehens und Weiterentwickelns eines Gedankens oder im Sinne einer diesbezüglichen Aufforderung, ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Die Gesprächseröffnung ist stattdessen von routinierten Floskeln geprägt und scheint den Klienten in seiner ersten Reaktion nicht zu irritieren. 106 Frau Burgdorf fährt fort, indem sie sagt: „Es ist erstmal offen von den Rahmenbedingungen her.“ Sie knüpft damit inhaltlich an die Aufzählung der institutionellen und fachlichen Eckpunkte aus dem Absatz davor an und konkretisiert, dass es sich damit aus Ihrer Sicht um den Rahmen der Interaktion handelt. Weiter beschreibt sie diesen mit dem Wort „offen“ und schränkt mit dem Wort „erstmal“ aber gleichzeitig ein, dass es sich hierbei um eine vorläufige Vereinbarung handelt. Wann, durch wen und wodurch diese Einschränkung geschehen könnte, bleibt offen. Möglich ist auch, dass es sich um ein Füllwort handelt, dass an dieser Stelle routinemäßig benutzt wird, um später vom Klienten nicht für die versprochene Offenheit verpflichtet werden zu können. Eine weitere Möglichkeit ist die unreflektierte Benutzung des Wortes im Sinne eines professionellen Habitus als Sozialarbeiterin, die Offenheit verspricht aber gleichzeitig die Kontrolle über die Situation für sich beansprucht. Beiden Deutungen haben wieder das Moment der Routine gemeinsam. Der nächste Satz ist als Frage formuliert und lautet: „Was ist denn ihr Anliegen?“ Damit markiert er die Aufforderung an den Klienten, den Grund seines Kommens und das zu benennen, was er in der Beratungsstelle möchte. Frau Burgdorf geht also davon aus, dass Herr Uhlenbrock ein Anliegen hat und nicht nur einfach so in die Sprechstunde gekommen ist. Sie scheint auch davon auszugehen, dass dem Klienten schon klar ist, was er möchte. Dies setzt voraus, dass sie möglicherweise davon ausgeht, dass er seine Situation schon zumindest anfänglich reflektiert hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass eine Veränderung nötig, möglich und auch von ihm gewollt ist. Sie scheint weiterhin davon auszugehen, dass er bereits eine Idee für diese mögliche Veränderung entwickelt hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass eine Suchtberatungsstelle bei der Veränderung hilfreich sein könnte, er also eine klare Erwartung an Frau Burgdorf richten kann. Dies aber ist genau der Prozess, der üblicherweise in Beratungsstellen geleistet wird: Jemanden, der mit unspezifischen Beschwerden kommt, zu unterstützen und aus diesen ein konkretes Anliegen zu entwickeln, das möglicherweise darin besteht, eine Veränderung im Leben vornehmen zu wollen. Dies wirft wiederum die Frage auf, ob sie schon weiß, wer da vor ihr sitzt, obwohl er zum ersten Mal in der Beratungsstelle ist und wenn ja, woher sie dies weiß. Gefragt werden kann in diesem Kontext auch, ob sich das routinemäßige Abspulen einer Floskel oder eines Spiels fortsetzt, das lautet: ‚Nach der Begrüßung, dem Andeuten von institutionellen und fachlichen Eckpunkten ist Herr Uhlenbrock dran zu sagen, was er will‘. Eine Aufforderung zu einem Dialog im o. g. 107 Sinne ist auch hier nicht zu erkennen, obwohl inhaltlich dazu aufgefordert zu werden scheint. Am Beginn zeigt sich somit ein routinierter Ablauf, der von Frau Burgdorf gesteuert und inszeniert wird. Routine bedeutet Sicherheit, aber auch kein Eingehen auf subjektive Besonderheiten. Herr Uhlenbrock wehrt sich nicht dagegen, geht mit, kennt es vielleicht schon. Er zeigt keine Unsicherheit in der Form, dass er möglicherweise Unsicherheitslaute wie z. B. “Ähs” hervorbringt oder nachfragt. Im Gegenteil scheint er mit “ok” das Gesagte zu ratifizieren, was Frau Burgdorf wiederum dazu zu ermutigen scheint, ihre Routine fortzusetzen. Als erste Einschätzung der „Arbeitsbeziehung“ in Form einer subjektiv bewerteten Relation scheint der Versuch von Frau Burgdorf zu stehen, ein routiniertes Angebot zur Vorgehensweise zu machen, dem sich Herr Uhlenbrock zunächst scheinbar anpasst. Insofern ist es als ein erster, gemeinsamer Versuch, über die Inszenierung von Sicherheit über Routine, eine kommunikative Passung herzustellen, zu werten. Eine erste Veränderung in der Beziehung zeigt sich in folgender Sequenz aus der Anfangsphase: Frau Burgdorf: Jetzt haben Sie gerade gesagt bis Mai, (.) das heißt Sie spielen jetzt im Moment noch oder nicht mehr? #00:02:11–2# Herr Uhlenbrock: Nein. Ich bin spielfrei seit ungefähr sechs Monaten. #00:02:12–6# Frau Burgdorf: Wow, ok, jaha #00:02:14–1# Herr Uhlenbrock: Ich hab das auch ganz gut im Griff aber //ja// die Konsequenzen, die sich jetzt dadraus ergeben haben, einmal so der Job–Verlust //mmhm// ähm wieder sehr hohe Schulden //mmhm// führen einfach dazu, dass ich mich in Behandlung begeben muss, weil //mmhm// ich einfach Angst habe, dass es mal wieder soweit sein könnte #00:02:35–7# Frau Burgdorf: ja das verstehe ich #00:02:35–7# Herr Uhlenbrock: und ich möchte jetzt einfach einen Neu–Start machen.//mmhm// und wenn ich, jetzt bin ich im Moment selbständig, also ich war drei Monate arbeitslos. //mmhm// und ähm bin jetzt seit 01.12. selbständig. ähm (.) ja! möchte jetzt auf jeden Fall da an mir arbeiten//mmhm// weil sonst nimmt das kein gutes Ende. Also es ist ich merke jetzt auch, das ist ne deutlich stärkere, dass es mir deutlich näher geht als es damals der Fall war. (.) Also ich hab das damals schon auch äh damals war hat noch n Job //mmhm// mein Arbeitgeber wusste auch Bescheid //mmhm// Äh das hat mir sehr geholfen damals 108 //mmhm// muss ich sagen. Ich war sehr stabil. //ja// aber leider Gottes halt äh ja kam dann im März der (leiser werdend) große Rückfall. #00:03:18–2# Frau Burgdorf: Jo. (.)(.)#00:03:25–0# Herr Uhlenbrock: Ich hattne private Insolvenz hinter mir //ja//, von 2004, wo ich leider Gottes die Restschuldbefreiung untersagt wurde // aha// (.) habe aber n Großteil der Schulden jetzt bezahlt und ähm (.) ja ich war einfach Anfang 2013 irgendwo, wos mir (.) gutging. //mmhm// Ich hatte n super Job, mit sehr hoher Verantwortung //mmhm// eigenen Mitarbeitern (.) Ich war weitestgehend schuldenfrei //mmhm// ähm und das ist mit eines meiner Hauptprobleme. Immer wenns mir gut geht, dann (.)(.)(.) #00:03:57–0# Frau Burgdorf: gehen Sie aufs Glatteis #00:03:57–0# Herr Uhlenbrock: hau ich mit meinem eigenen Arsch alles wieder um. //mmhm// und das war diesmal richtig massiv, weil ich hab den Job jetzt im Mai verloren. //mmhm// #00:04:05–7# Frau Burgdorf: Das heißt sie haben über anderthalb Jahre gespielt. #00:04:07–2# Herr Uhlenbrock: Jaja #00:04:09–0# Frau Burgdorf: Ja #00:04:09–5# Zu Beginn dieses Abschnitts fragt Frau Burgdorf zum ersten Mal inhaltlich etwas nach und signalisiert damit ein Interesse an einem spezifischen Detail der Darstellung des Klienten, nämlich an der Klärung der Frage, ob Herr Uhlenbrock im Moment spielt oder nicht. Offensichtlich hat die Klärung dieser Frage eine besondere Bedeutung für sie. Mit Blick auf die vorangegangenen Aussagen des Klienten49 könnte eine Lesart in Frage kommen, nach der sie versucht für sich zu klären, ob die vorangegangenen Ausführungen von Herrn Uhlenbrock, bei der die Frage offen geblieben war, ob das geschilderte aktuelle Problemverhalten mit seiner Spielsucht zu tun hat, eine Bedeutung hat. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sie in Bezug auf seinen Wunsch nach stationärer Rehabilitation, versucht zu klären, ob dieser Wunsch mit Blick auf die formalen Voraussetzungen zur Kostenübernahme durch entsprechende Kostenträger zu realisieren ist. Ein entscheidender Faktor in dieser Beurteilung ist, neben der Motivation für die beantragte Form der Behandlung, auch die, von der beantragenden Stelle bzw. Fachkraft ein- 49 Herr Uhlenbrock hatte erklärt, dass er spielsüchtig sei (#00:00:40–8#) und sich bezüglich einer stationären Beratung gerne beraten lassen wollen würde (#00:01:53–7#). 109 geschätzte sog. Fähigkeit „abstinent während einer ambulanten Entwöhnung zu leben.“ (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund 2013a, S. 12). Über die letztliche Bewilligung des Antrages entscheidet der medizinische Dienst der Rentenversicherung. In dieser Perspektive ist ein Klient ein Bittsteller im Sinne eines Antragstellers und die Fachkraft der Sozialen Arbeit in der Suchtberatungsstelle hat eine Gatekeeper–Funktion50 im Sinne einer Entscheidungsmacht darüber, ob sie einen Antrag stellt oder nicht. Dies markiert eine, vom Feld der suchtbezogenen Hilfen nahegelegte Beziehungsdefinition zwischen Klient und Fachkraft. Wird diese Sichtweise von den Akteuren übernommen, so wird aus dieser äußeren Nahelegung eine subjektiv bewertete Relation, die das weitere Interaktionsgeschehen prägen kann.51 Dieser Logik aus Sicht eines Klienten mit einer klaren Vorstellung darüber, was ihm gut tut, folgend, muss Frau Burgdorf überzeugt werden, einen entsprechenden Antrag zu stellen, der den formulierten Kriterien der Rentenversicherung entspricht. Diese aber wiederum ist dazu angehalten nur solche Anträge zu stellen, die auch Aussicht auf Erfolg haben. Dies erzeugt mit Blick auf die „Arbeitsbeziehung“ möglicherweise eine gegenseitige vorsichtige Haltung eher in Richtung Misstrauen und wirkt zumindest aber einschränkend auf die Gestaltung einer unbelasteten Beziehung. Deren oberste Prinzipien sind Freiwilligkeit und Ergebnisoffenheit, wie Frau Burgdorf in ihrem Eingangsstatement ausführte. Insofern handelt es sich um eine widersprüchliche Situation für den Klienten und auch für die Fachkraft. Denn hier scheint ein latenter Zielkonflikt strukturell angelegt und an Suchtberatungsstellen ausgelagert zu sein, um möglicherweise die Notwendigkeit von Zielklarheit und Bereitschaft zur Behandlung in den behandelnden Institutionen nicht zu gefährden. 50 Gatekeeper ist eine „Bezeichnung für diejenigen Mitglieder von Gruppen oder Organisationen, welche einen oder mehrere der 'Kanäle' kontrollieren, über die die Gruppe oder Organisation mit ihrer Umwelt in Verbindung tritt, und von denen es daher z. B. abhängt, welche Informationen, die übrigen Gruppen bzw. Organisationsmitglieder 'von außen' erhalten.“ (Fuchs–Heinritz 2011, S. 507) In diesem Fall könnte dies die Verbindung zwischen Beratungsstelle und Rentenversicherung sein. 51 Allerdings hat die Fachkraft aus Sicht des Kostenträgers nur die Funktion des 1. Gatekeepers, in dem Sinne, dass sie einen ausführlich inhaltlich begründeten Vorschlag unterbreitet. Die endgültige Entscheidungsinstanz ist der medizinische Dienst der Rentenversicherung. 110 Insofern nehmen die äußeren Rahmenbedingungen der Kostenträger einer suchttherapeutischen Maßnahme direkten Einfluss auf die Gestaltung der „Arbeitsbeziehung“ zwischen Klient_in und Fachkraft. Indem sie die professionelle Autonomie durch direkte Vorgaben, die nicht gesetzlicher Natur sind, einschränken und durch eine eigene, in diesem Fall professionsfremde Instanz kontrollieren (vgl. Kap. 3.2.3), veranlassen sie beide Gesprächsakteure zu einem eher strategischen Verhalten in Bezug auf zu realisierende, subjektive Zielzustände (der Klient will eine bestimmte Form von Hilfe–stationäre Reha, die Fachkraft will einen inhaltlich und formal korrekten Antrag stellen). Herr Uhlenbrock antwortet kurz, klar und sachbezogen auf die Frage der Fachkraft mit der Angabe eines Zeitraums, in dem er „spielfrei“ sei. Er benutzt wieder dieses Wort, das Frau Burgdorf aber zuvor in ihrer Frage nicht benutzt hat. Frau Burgdorf reagiert erstmalig in diesem Gespräch mit einer nicht primär sachlichen Antwort, indem sie die Zeitangabe mit einem „Wow, ok“ kommentiert. Dieses deutet entweder auf eine (positive) Überraschung hin, mit der sie nicht gerechnet zu haben scheint oder auf den Versuch, die Leistung des Klienten aktiv zu würdigen. Die Deutungen haben gemeinsam, dass Herr Uhlenbrock sich offenbar ermutigt fühlt, weiter von seiner Einschätzung der Lage zu berichten. Zunächst stimmt er der vermeintlichen Anerkennung seiner Leistung zu, um dann einzuschränken, dass die Konsequenzen, die sich aus seinem Spielverhalten ergeben haben, dergestalt sind, dass er seinen Arbeitsplatz verloren und hohe Schulden habe und dass dies der Grund sei, warum er sich gezwungen sieht sich „in Behandlung begeben“ zu müssen. Im Vergleich zu den bisherigen Ausführungen wirkt diese Schlussfolgerung nüchtern und schlicht und lässt den Wunsch nach einem Schutzraum durchscheinen. Er fährt fort, dass er Angst habe, dass „es“ bald „wieder soweit“ sein könnte. Was genau damit gemeint ist, bleibt unklar. Interessant ist, dass an dieser Stelle zum ersten Mal von Seiten des Klienten ein Gefühl benannt wird. Frau Burgdorf fragt nicht nach, was mit „wieder soweit sein“ gemeint ist, sondern reagiert mit einem „Das verstehe ich“. Zum ersten Mal nimmt sie mit einer eher empathisch geprägten Äußerung direkt Bezug auf die Darstellung des Klienten. Für den Aufbau einer „Arbeitsbeziehung“ bedeutet dieses Verhalten insofern eine Veränderung, als dass Fachkraft und Klient zum ersten Mal auf der Gefühlsebene aufeinander reagieren und insofern von einer Angleichung gesprochen werden kann. 111 Herr Uhlenbrock betont noch einmal fast beteuernd seinen Wunsch einen „Neustart“ machen zu wollen und fährt damit fort weitere Details über seinen Erwerbsstatus zu berichten, z. B. dass er sich kürzlich (gezwungener Maßen) selbstständig gemacht hat. Im nächsten Satz bekräftigt er mit einem „ja“ seine Motivation etwas verändern zu wollen („muss an mir arbeiten“), da es sonst „ein böses Ende“ nähme. Weiter zieht er einen Vergleich zu seiner ersten Situation, in der er eine Leistung beantragt hat und betont, dass ihn diese Situation im Vergleich mehr belaste. Er macht dies vor allem an der jetzt veränderten Erwerbssituation fest, bei der er im Vergleich zu damals nun allein in der Verantwortung ist, ohne den „Schutzraum“ einer festen Arbeitsstelle zu haben. Er betont nochmals die Bedeutung dieser Einbindung in einen Arbeitskontext auch in Bezug auf den Erfolg seiner Suchttherapie („war sehr stabil damals“), um dann die Passage mit der Aussage „dann kam leider Gottes der große Rückfall“ zu beenden. Er spricht dies leise, als ob es ihm peinlich wäre. Auffällig ist auch, dass es sich so anhört, als hätte er nichts damit zu tun. Stattdessen sei ‚der Rückfall‘ wie ein Unfall einfach passiert. Die Worte „leider Gottes“ wirken wie einstudiert, als hätte er diese Geschichte schon öfter erzählt. Dies steht in latentem Widerspruch zu seiner Ankündigung, jetzt aber wirklich an sich arbeiten zu wollen und drückt möglicherweise eine Ambivalenz aus, die bereits als Implikation der Betrachtungsweise von Sucht als Krankheit beschrieben wurde (vgl.: Kap. 3.1.2.). Im Vergleich mit der vorherigen, eher schlichten Äußerung wirkt diese wieder eher aufgesetzt. Frau Burgdorf reagiert mit einem „Jo“. Dies klingt nach „alles klar, Sie brauchen nicht weiter zu sprechen“ und markiert einen deutlichen Unterschied zur Erwiderung davor, in der so etwas wie Empathie durchschien. Möglicherweise ist sie auch abgelenkt oder hört nicht richtig zu. Eine andere Lesart wäre, dass hier von einer Konfrontation von Frau Burgdorf ausgegangen werden kann, durch die sie den dramatischen Erzählungen von Herrn Uhlenbrock ein Ende setzen möchte, die sie als intuitive, bewährte Verhaltensstrategie wertet, um Mitleid zu erhalten oder nicht verurteilt zu werden. Insofern wäre es eine Disziplinierung. Auf jeden Fall scheint das, was Herr Uhlenbrock sagt, für sie nicht von gesteigertem Interesse zu sein. Herr Uhlenbrock ist irritiert, denn der Gesprächsfaden reißt für ca. 2 Sekunden ab. Betrachtet man beide Seiten, die des Klienten und die der Fachkraft, so entsteht ein Bild des „sich aufeinander Einpendelns“, eines Trials and Error, eines worauf reagiert der Andere und worauf nicht. Herr Uhlenbrock nimmt in dieser Phase den deutlich aktiveren Part ein bzw. 112 scheint zwischen dem Wunsch nach subjektiver Selbstdarstellung und dem Versuch, das zu liefern, was er glaubt, was die Beraterin in Bezug auf das von ihm anvisierte Ziel einer stationären Rehabilitation hören möchte, zu schwanken. Insofern ist die Tendenz in Richtung Vertrauen oder Misstrauen für Herrn Uhlenbrock noch nicht entschieden. Deutlich wird, dass Herr Uhlenbrock, wenn Frau Burgdorf empathisch auf ihn eingeht, zu weiteren Ausführungen ermutigt wird. Wenn sie ihre eigenen Strategien verfolgt (Abklopfen der Kriterien für stationäre Reha), reagiert Herr Uhlenbrock mit einer dramatisierenden subjektiven Darstellung, was wiederum bei Frau Burgdorf dazu führt, dass sie signalisiert, dass sie an weiteren diesbezügliche Ausführungen nicht interessiert ist („jo“). Insofern ist die dargestellte Szene ein Beispiel für „relationale Schritte“ (Stern 2014, S. 158) und das „Vorangehen“ (Stern 2014, S. 157) sowie äu- ßere Einflussfaktoren darauf. Insbesondere die letzte Interaktion mit dem Abreißen des Kommunikationsfadens zeigt, dass die Stimmigkeit eines solchen relationalen Schritts in Bezug auf die gemeinsamen Ziele der Interaktionspartner im betreffenden Moment wahrscheinlich eher unmittelbar 'gespürt' oder 'erfasst', nicht aber reflexiv 'gewusst' wird (Stern 2014, S. 90). Frau Burgdorf scheint dabei intuitiv auf die dramatisierende Kommunikation zu reagieren, Herr Uhlenbrock hat jedoch möglicherweise eine empathische Reaktion auf seine Darstellung des sog. „Rückfallgeschehens“ erwartet. Danach nimmt Herr Uhlenbrock den Kommunikationsfaden wieder auf und berichtet über weitere Details seiner finanziellen Verhältnisse und der Situation bevor er wieder mit dem Spielen anfing, ohne dass Frau Burgdorf nach diesen Informationen fragt. Er beschriebt in diesem Kontext seine Privatinsolvenz mit einer Verweigerung der Restschuldbefreiung. Er beschreibt seine Position im Betrieb, bei dem er tätig war („super Job mit hoher Verantwortung und eigenen Mitarbeitern“). Anfang 2013 sei er weitgehend schuldenfrei gewesen (trotz verweigerter Restschuldbefreiung). Auch diese Darstellung klingt danach, als sei er ein redlicher, fleißiger, verantwortungsvoller Mann, der von der Spielsucht im Modus eines Unfalls „heimgesucht“ wurde. Dass dies objektiv 113 nicht stimmen kann, wird am Detail der Verweigerung der Restschuldbefreiung deutlich, die ein „schuldhaftes Gegenarbeiten“ gegen die Regulierung voraussetzt52. Möglicherweise ist diese Definition eines Suchtverhaltens als unkalkulierbarer Unfall (maximal durch Fahrlässigkeit oder mangelnde Aufmerksamkeit verursacht) ein Teil seines Selbstkonzeptes, bei dem er sich selbst als Opfer darstellt (Glücksspielsucht als Krankheit) und sich so seiner Verantwortung entziehen kann. Herr Uhlenbrock fährt mit der Ankündigung einer generalisierenden Einschätzung der intrapsychischen Problematik fort, so wie sie sich aus seiner Sicht darstellt („…das ist eins meiner Hauptprobleme“) Er beginnt den nächsten Satz mit „Immer wenns mir gut geht, dann“ und hört dann auf zu sprechen, sodass eine Pause von ca. 3 Sekunden entsteht. Dies zeigt an, dass er momentan keine Worte findet, um das ausdrücken zu können, was er ausdrücken möchte oder er fordert sein Gegenüber damit auf, den Satz zu beenden. Frau Burgdorf entspricht dieser Aufforderung und beendet den Satz mit „dann gehen Sie aufs Glatteis“. Diese Äußerung ist angelehnt an eine Volksweisheit, die besagt, „wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Glatteis“. Diese drückt aus, dass Erfolge oder anhaltende positive Situationen häufig zu Übermut oder Selbstüberschätzung führen und jemanden somit zu unüberlegten Handlungen verleiten. Inhaltlich gesehen ist diese Deutung passend zu dem, was Herr Uhlenbrock vorher ausgedrückt hat, wird aber von ihm abgelehnt, indem er selbst den Satz mit „hau ich mit meinem Arsch alles wieder um“ beendet. Dies ist im Verhältnis zu der Deutung der Fachkraft eine deutlich aggressivere Ausdrucksweise, erinnert vom Bild eher an einen „Elefanten im Porzellanladen“ und passt möglicherweise eher zum Selbstkonzept des Klienten, nun mal so zu sein und nichts dafür zu können. Dieses Selbstkonzept ist wiederum ein Bild dafür, dass er keine Verantwortung für sein Tun übernimmt bzw. aus seiner Sicht übernehmen kann. An dieser Stelle wird deutlich, dass es der Fachkraft noch nicht gelungen ist, sich auf das Selbstbild des Klienten einzustellen und ihn „verbal 52 Spielsucht allein ist für das Insolvenzgericht kein Grund einem, von den Gläubigern gestellten Antrag auf Versagung der Restschuldbefreiung stattzugeben. Die Gründe für eine Versagung liegen nach § 290 InsO eher im Bereich der schuldhaften Insolvenzverschleppung, der mangelnden Mitwirkung bei der Schuldenregulierung oder bei mutwillig verschwenderischem Verhalten. 114 da abzuholen, wo er steht“. Das Selbstbild des Klienten und die Außenwahrnehmung der Fachkraft passen an dieser Stelle noch nicht zusammen. So gesehen war die Satzergänzung eine Art „Testballon“, ob schon ein Verstehen und damit eine Antizipation von Herrn Uhlenbrocks Sichtweise möglich ist, der an dieser Stelle jedoch zunächst gescheitert ist. Herr Uhlenbrock geht erneut dramatisierend auf die Erfahrung des Arbeitsplatzverlustes ein. Frau Burgdorf reagiert mit einer sachlichen Nachfrage bezüglich der Dauer der Spielphase. Damit zieht sie sich nach dem gescheiterten Test der Antizipation durch Herrn Uhlenbrock zunächst auf die Exploration objektiver Daten zurück. Für die Beziehungsebene bedeutet dies jedoch eine weitere Irritation, da Herr Uhlenbrock möglicherweise authentisch in seinem Gefühl war, als er von dem Arbeitsplatzverlust erzählte und es sich zwar wie eine strategische Erzählung anhörte, dies aber zumindest nicht ausschließlich der Fall war. Dementsprechend antwortet er mit einem etwas ungeduldig klingenden „Ja, ja“. Frau Burgdorf reagiert auch mit einem „ja“ und erst danach setzt der Erzählfluss des Klienten wieder ein, sodass hier noch einmal der Versuch der gegenseitigen Annäherung deutlich wird, bei dem beide und insbesondere Frau Burgdorf versuchen, sich auf das Gegen- über einzustellen. „Das ist der Punkt, wo ich Hilfe brauche“ Die nächsten Szenen stammen aus dem Mittelteil des Gesprächs. Herr Uhlenbrock: ähm ja und äh das ist einfach der Punkt //mmhm//, wo ich jetzt einfach Hilfe brauche, weil sonst ähm (.) schaff ich des nit. #00:18:39–6# Frau Burgdorf: Wie haben Sie es denn geschafft dann im Mai zu stoppen, das Spielen? Also, das finde ich ja beeindruckend, wenn Sie sagen, das ist eigentlich immer mehr geworden und haben sies aber hingekriegt und auch (.) für son langen Zeitraum #00:18:46–9# Herr Uhlenbrock: zum einen weil das Geld, die finanziellen Möglichkeiten nicht mehr so gegeben waren, des ist //mhm ok//der eine Grund gewesen und der zweite Grund war einfach ähm (.) diese Kündigung, die hat mich schon ähm (.) ja die hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. #00:19:02–3# Frau Burgdorf: ok. mhm. #00:19:02–8# Herr Uhlenbrock: und ähm ich war dann gedanklich äh (.)(.)ja so, dass ich äh a gar keine Lust mehr hatte. //mmhm// ja, wie gesagt, die Finanzen waren jetzt nicht mehr so, 115 //mmhm//dass ich mir das //mmhm// großartig erlauben konnte. //mmhm// und es äh war auch früher bevor ich meine Therapie gemacht hab, gab es immer Phasen, wo ich monatelang nichts gemacht habe. //mmhm ok// es ist nicht so, dass ich(.) da jetzt äh äh durchgehend jetzt immer gespielt habe //mmhm// aber ich habs halt dann immer wenn, immer exzessiv gemacht.//mmhm// und des war jetzt auch wieder der Fall und dann kam ja Anfang Mai die Kündigung //mmhm// ähm wo ich dann auch äh innerhalb kürzester Zeit äh ähm mein Büro räumen musste //mmhm// (.) und des hat mir einfach ja den Boden komplett unter den Füßen weggerissen. Da war des Spielen auf einmal (.)(.)ja weit weg. Es ist auch heute so //mmhm// ich hab auch überhaupt gar keine äh Gedanken im Moment ans Spielen. //mmhm// komischerweise //mmhm// nur ich hab Angst, dass es wieder kommt. #00:20:01–0# Frau Burgdorf: Ja, das kann ich gut verstehen. #00:20:02–2# Herr Uhlenbrock beendet seinen „Erzählstrom“ über die Erlebnisse aus der Vergangenheit aus der davor liegenden Sequenz mit der Feststellung, dass er jetzt Hilfe brauche. Inhaltlich markiert diese Textstelle einen Wendepunkt, da sie nun in die Gegenwart wechselt. Sprachlich wird dies durch die Wendung „das ist jetzt einfach der Punkt“ sichtbar. Er scheint im Modus des „bei sich und seinen Gefühlen sein“ zu bleiben, denn er benennt schlicht den Umstand, dass er Hilfe brauche, weil er es sonst nicht schaffe. Dabei macht er keine direkten Vorschläge dazu, wie er sich diese Hilfe vorstellt, so wie er das zuvor getan hat als er im Modus „Strategie“ gesprochen und seine Aussagen dahingehend pointiert hat, dass sie für die Beantragung einer Reha Maßnahme passen. Gleichzeitig klingt seine Aussage wie ein Offenbarungseid, eine Selbstbezichtigung, ein Eingeständnis des Scheiterns. Im Modus der authentischen Schilderung der Gefühle des Klienten könnte diese auch ein Hinweis auf seine tatsächliche Befindlichkeit sein. Frau Burgdorf reagiert inhaltlich nicht auf das Eingeständnis des Scheiterns, sondern fokussiert in ihrer Nachfrage auf die Aussage, die Herr Uhlenbrock in der Schilderung des Ablaufs gemacht hat, nämlich die Tatsache, dass er Mitte des Jahres aufgehört hat zu spielen. Sie nimmt erstmals eine explizite Wertung für das vor, was Herr Uhlenbrock berichtet. Das Stoppen des problematischen Spielens und damit des Selbstschädigungsprozesses des Klienten und das Andauern bis zum Zeitpunkt des Gesprächs werden von ihr positiv konnotiert. Man kann an dieser Stelle von einer ressourcen– und lösungsorientierten Intervention sprechen. Herr Uhlenbrock nennt als Grund das Ausgehen des Geldes, aber auch die Kündigung seiner Arbeitsstelle. Verstärkt wird diese Aussage durch das Bild für sein Erleben, dass dies ihm den Boden unter den Füßen 116 weggerissen hätte. Auch an dieser Stelle gibt Herr Uhlenbrock mehr Informationen als nötig wären, um ein strategisches Ziel zu erreichen. Eine andere Deutung wäre, dass Herr Uhlenbrock dramatisiert, um ev. Mitgefühl zu evozieren. Weitergehend geht er sachlich differenzierter auf die Frage der Fachkraft ein, wie es ihm gelungen sei, sein problematisches Verhalten zu kontrollieren. Er wiederholt die Formulierung, dass die Kündigung ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hätte und für ihn ein wesentliches Kriterium für die Veränderung seines Spielverhaltens war. Welchen Grund diese Kündigung hatte, wird an dieser Stelle nicht deutlich. Damit wiederholt sich die Struktur, dass er sachlich über das Stoppen seines Spielverhaltens spricht und in dem Moment emotional wird, in dem er über die Kündigung spricht. Ein weiterer emotionaler Moment kommt hinzu, als er sagt, dass er habe Angst, dass das Spielen wiederkomme. Diese Aussage präsentiert sich schlicht und nicht dramatisierend, wieder ohne, dass Frau Burgdorf danach fragt. Frau Burgdorf reagiert mit der sachlich–empathischen Feststellung, dass sie das gut verstehen könnte und gibt damit das Signal, dass sie die, von dem Klienten mit Emotionen verknüpften sachlichen Hintergründe als plausibel ratifiziert und damit den Klienten in seiner subjektiven Schilderung bestätigt. Sie hinterfragt den Grund der Kündigung nicht, der auch im Spielverhalten des Klienten oder möglicherweise in einem Betrug liegen könnte. Dies legt nahe, dass ihr die nicht dramatisierende emotionale Öffnung des Klienten wichtiger erscheint als die Klärung objektiver Tatbestände. Für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ lässt sich damit feststellen, dass Herr Uhlenbrock auf eine ressourcen– und lösungsorientierte Intervention der Fachkraft mit einer weiteren Öffnung auf der emotionalen Ebene reagiert. Gleichzeitig werden die Punkte, die subjektiv emotional besetzt sind, deutlicher sichtbar. Auf einen weiteren Punkt ist an dieser Stelle einzugehen: Durch die Benutzung der Attribuierung „komischerweise“ signalisiert Herr Uhlenbrock Unsicherheit, zumindest aber die Inszenierung von Unsicherheit in Bezug darauf, dass er gar nicht an das Spielen denkt. Die darauf folgende Aussage, dass er Angst habe, stellt hierzu eine Steigerung dar. Frau Burgdorf schließt mit einem, die Aussagen von Herrn Uhlenbrock ratifizierenden „Ja“ an. Die Aussage, dass Sie dies (die Aussagen des Klienten) nicht nur verstehen, sondern „gut“ verstehen kann, enthält ebenfalls eine Steigerung und signalisiert oder inszeniert, im Gegenteil zu der Äußerung des Klienten, Sicherheit. Auf der Beziehungsebene 117 bedeutet dies, dass Frau Burgdorf auf eine Unsicherheitsäußerung des Klienten mit der Inszenierung von Sicherheit reagiert. Direkt im Anschluss findet sich folgende Szene: Herr Uhlenbrock: und aber ich möchte mir auch vor allen Dingen n andern Bereich, es geht ja nicht nur es geht ja auch, dass ich viele halt Menschen in meinem Umfeld und ich hab komischerweise obwohl ich eigentlich noch jeden in meinem Umfeld schon mittlerweile einmal massivst enttäuscht habe. Des ist jetzt nit so, dass es nur meine Lebensgefährtin betrifft//mmhm// des betrifft meine Tochter, //mmhm//des betrifft meine Schwester, des betrifft meine Freunde, die werden ja genauso angelogen von mir oder wurden genauso angelogen von mir aber dennoch halten sie mir die Stange//mmhm// und dennoch sagen sie mir, dass ich für sie n wertvoller Mensch bin also ich hab eigentlich n super Umfeld. #00:20:41–7# Frau Burgdorf: Das ist n großes Glück, das die noch zu Ihnen stehen #00:20:42–2# Herr Uhlenbrock: ne gute ja gute Voraussetzungen //mmhm// aber ich muss das jetzt einfach mal innen Griff bekommen,//mmhm//, dem auch gerecht zu werden weil sonst #00:20:52–6# Frau Burgdorf: nicht nochmal wieder aufs Spiel setzen, ne mmhm #00:20:50–6# Herr Uhlenbrock: also #00:20:53–7# Frau Burgdorf: ja! #00:20:53–7# Die nächste Aussage des Klienten beginnt eher kryptisch. Es wird zunächst nicht deutlich, worauf er hinaus möchte. Deutlich wird im ersten Teilsatz nur, dass er etwas für ihn wichtiges sagen möchte, denn es fällt der Ausdruck „vor allen Dingen“. Erst im zweiten Teil des Satzes wird klar, dass er über sein soziales Nahfeld spricht. Wieder fällt der Begriff „komischerweise“, der auf eine Unsicherheit hindeutet. Diese bezieht sich darauf, dass sein soziales Umfeld, das er ausdrücklich über seine Lebenspartnerschaft hinaus definiert, zu ihm steht und ihn für einen „wertvollen Menschen“ hält, trotzdem er es belogen und betrogen habe. Der Gesprächsbeitrag des Klienten endet mit der etwas selbstzufrieden klingenden Feststellung, dass er „eigentlich n super Umfeld“ hat. Frau Burgdorf bestätigt auf der Inhaltsebene, dass es ein großes Glück für ihn sei, dass seine Frau noch zu ihm stehe. Diese Bestätigung wird aber durch das „noch“ eingeschränkt und erhält dadurch einen warnenden Charakter. Diese Aussage wird von der Aussage des Klienten überlagert, der das gute Umfeld für eine gute Voraussetzung hält. Unklar bleibt wofür: Für die Bewältigung der Spielsucht oder für die Bewilligung einer Reha–Maßnahme? Auch bei den nächsten Aussagen wird 118 auf der Inhaltsebene nicht ganz klar, worauf diese sich beziehen. Was muss er „jetzt endlich mal innen Griff bekommen“? Dies kann sich sowohl auf das problematische Spielen als auch auf die Reha Maßnahme beziehen. Er beginnt eine Schlussfolgerung zu ziehen, die von der Fachkraft durch die Aussage, dass er nicht nochmal etwas aufs Spiel setzen will oder soll, beendet wird. Es scheint, als wolle Herr Uhlenbrock noch etwas entgegnen. Frau Burgdorf antwortet mit einem kräftigen „Ja“. Diese Kommunikation, insbesondere das Ende dieser Interaktion, ist von außen betrachtet eher weniger durch klare inhaltliche Aussagen geprägt. Es wirkt eher so als gäbe es eine innere Übereinstimmung. Herr Uhlenbrock scheint zu glauben, dass Frau Burgdorf weiß, was er denkt, denn er widerspricht nicht, als diese seinen Satz beendet. Auch Frau Burgdorf scheint zu glauben, dass sie weiß, was Herr Uhlenbrock denkt, denn sie beendet die Interaktion mit einem „Ja“, das als Ausruf gekennzeichnet ist. Hier ist eine gegenseitige Antizipation von Gedanken zu beobachten, die einen „Gegenwartsmoment“ (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 34) markiert. Gleichzeitig ist diese Aussage für den Klienten in Bezug auf sein Ziel riskant, denn das Vorhandensein eines intakten Familienumfeldes ist eher eine Indikation für eine ambulante, als für eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme (Deutsche Rentenversicherung Bund 2013a, S. 12). Daher zeigt sich hier die Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen. „Aber ich muss mich ja nicht heute entscheiden“–„Ja, genau“ Die nachfolgende Sequenz markiert den Beginn des Schlussteils, in dem beide Interaktionspartner den Stand des Gespräches resümieren. Herr Uhlenbrock: Ok ähm (.) Das ich ne Therapie mache, das steht für mich fest //mmhm//(.) Da heißt also da können wir n Haken dahinter machen. //mmhm// Deswegen wenn Sie jetzt Termine hätten, […] und das dann mit Ihnen gemeinsam machen, um dann halt eben zu entscheiden, ok machen wir hier jetzt stationär oder mache ich ambulant. #00:40:59–5# Frau Burgdorf: jaha ok #00:41:02–1# Herr Uhlenbrock: Also ich muss da ganz ehrlich auch, äh ich muss da auch mit meiner Lebensgefährtin nochmal drüber sprechen. //jaha// ähm, (.)(.)(.) die hat natürlich, das seh ich jetzt nicht als Grund, ne aber die hat natürlich, die sagt natürlich (.) du musst stationär, das hat nix gebracht.//ja// ne? //ja// also ist ja der Klassiker //ja// ähm (.) Ich muss da einfach nochmal mit ihr sprechen //ja// ähm (.) um aber ich muss mich ja nicht heute entscheiden sondern es reicht ja, wenn ich mich dann (.) entscheide, wenn wir dann den Antrag stellen. //ja!// aber ich muss das jetzt einfach nochmal sacken lassen. //mmhm// #00:41:33–5# 119 Frau Burgdorf: Ja, (.) genau. Also lassen Sie das sacken //ja// erstmal auf jeden Fall, Sie können gerne auch mit ihrer Lebensgefährtin zusammen hierhin kommen //mmhm//, wenn Sie ne unterschiedliche Einschätzung haben //mmhm// oder wenn die sagt, ich will einfach mal wissen, was denn da passiert oder so, bringen Sie die herzlich gerne mit. […]. Gerade für Angerhörige, das ist hier oft so, die Therapie und danach ist Heilung dann fertig. //mmhm// Sie selber werden vielmehr gespürt haben, das das Schritte //ja, ja// auf dem Weg sind und dass Sie danach auch weiter //ja// an sich was gearbeitet haben, was in Ihnen in Bewegung war,//mmhm// als das Angehörige von außen//ja// das auch oft wahrnehmen ne? #00:42:46–1# Die erste Aussage des Klienten in dieser Sequenz zeigt „den Stand der Verhandlungen“, den er auch sprachlich markiert (Da können wir n Haken dran machen). Für ihn steht fest, dass er eine Rehabilitation machen möchte. Dieses hatte er schon in der Anfangssequenz als Anliegen ge- äußert. Als Veränderung hat sich nur ergeben, dass er offener für die Art und Weise der Maßnahme zu sein scheint. Hatte er am Anfang ge- äußert, dass er sich „mal beraten lassen“ wollte, so möchte er jetzt „das Thema angehen“ und „das dann mit Ihnen machen“. Eine sprachliche Veränderung zeigt sich im Wechsel vom Passiv zum Aktiv und vom Unbestimmten zum Bestimmten. Die Tatsache, dass noch nicht alle Feinheiten geklärt sind scheint ihn aber nicht zu stören, denn eine Entscheidung kann er auch später noch treffen. Nach einer eher zurückhaltenden Phase in Bezug auf Offenheit und Kooperation verbalisiert er nun klar seinen Standpunkt. Diese Äußerung markiert eine Rückkehr zum Modus der Offenheit und schließt den Kreis zum Anfang des Gesprächs. Frau Burgdorf drückt mit einem knappen Hörersignal ihr Verstehen und ihr Einverständnis aus. Herr Uhlenbrock leitet seine nächste Äußerung mit einem „ganz ehrlich“ ein, was möglicherweise einen intuitiven Hinweis auf die Authentizität der nachfolgenden Äußerung liefert, als wolle er schon im Vorfeld der Fehlinterpretation vorbeugen, dass er durch seine abwartende Haltung zu einer strategischen Kommunikation zurückkehrt. Die Erklärung folgt, indem er ergänzt, dass er mit seiner Lebenspartnerin darüber sprechen müsse, da sie auf eine stationäre Behandlung bestehe. Damit liefert er ungefragt eine Erklärung für sein Beharren auf einer stationären Behandlung, obwohl die objektiven Umstände eher für eine ambulante Behandlung zu sprechen scheinen. Gleichzeitig hält er sich die angebotene Option offen über den Modus der Maßnahme nochmal nachzudenken. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass er mit seiner Lebenspartnerin nochmal „in Verhandlung“ treten will oder muss, dies aber nicht so offen zugeben möchte. 120 Möglicherweise sind auch noch andere Gründe im Spiel, die er nicht offen benennt, so wie er auch den Umstand, dass seine Lebenspartnerin klare Vorstellungen dazu geäußert hat, was jetzt zu tun ist, erst benannt hat als deutlich wurde, dass er mit seiner Argumentation nicht „durchkommen“ würde. Diese Äußerung böte daher die Möglichkeit, sie als ein Eingeständnis des strategischen Verhaltens zu deuten und damit eine Einladung für eine Konfrontation bzw. eine Thematisierung auf der Beziehungsebene zu bieten. Frau Burgdorf geht jedoch nicht darauf ein, obwohl sie dies sehr wohl auch auf dieser Ebene wahrgenommen hat53. Stattdessen baut sie ihm eine Brücke, betont den erreichten Status quo und lädt ein, auch mit seiner Lebenspartnerin weiter über die strittigen Punkte im Gespräch zu bleiben. Dies markiert einen Modus von Kooperation statt Konfrontation, obwohl eine Einladung dazu bestand. Dies könnte auf einen Beziehungstest von Herrn Uhlenbrock hindeuten. Im Nachinterview mit Herrn Uhlenbrock betont er das Element, dass ihm die Entscheidung über die Form der Behandlung überlassen wurde, als wichtig für seine Entscheidung den Kontakt fortzusetzen. „„Also die Aufnahme war super. Muss ich echt sagen. Äh ich bin auch äh, komme gerne hierher. Ich unterhalt mich gerne mit ihr. […]. Äh, wo ich mir unsicher war, war die Art [der Rehabilitationsform, Erg. R. H.]. Und das hab ich jetzt vor zwei Wochen, vor drei Wochen entschieden. […] „Sie hat immer gesagt: " Es ist Ihre Entscheidung"[…] Und sie treffen die Entscheidung. […] aber sie, sie hätt's besser gefunden, wenn ich gesagt hätt' ich mach die ambulante. […] Aber sie ist jetzt nicht nachtragend.“ (Nachinterview mit Herrn Uhlenbrock #00:19:53–8#) Die Verwendung des Wortlautes „nicht nachtragend“ deutet auf Schuldgefühle hin und die Erwähnung darauf, dass es sich bei diesem Erleben, um etwas Besonderes oder Wichtiges gehandelt hat: Ihm die Entscheidung selbstverantwortlich zu überlassen, ohne ihn auf der Beziehungsebene zu bestrafen, obwohl sie zu einem anderen Ergebnis in ihren Überlegungen gekommen ist. Das Treffen einer autonomen Ent- 53 Die Textstelle von Frau Burgdorf aus dem Nachinterview lautet: „und nachdem ich ihm dann nochmal deutlich ne ambulante ans Herz gelegt habe, kam er dann damit um die Ecke, dass seine Partnerin aber gesagt hätte, er müsste jetzt stationär, weil ambulant hätte ja nichts genützt“ (#00:03:36–7#). 121 scheidung scheint bei ihm eine Dissonanz auf der Beziehungsebene auszulösen. Dies ist daran erkennbar, dass er zu erkennen gibt, dass er sich gegen den Willen von Frau Burgdorf durchgesetzt hat (”sie wollt erst nicht”), es also in seiner Wahrnehmung einen Machtkampf gegeben hat. Er betont aber auch, dass er es entschieden habe, es aber etwas gedauert hat, bis er dies getan hat oder tun konnte. Eine weitere Lesart wäre, dass sich dies nicht oder nicht nur auf Frau Burgdorf als Person bezieht, sondern, dass sie für ihn auch für eine bestimmte soziale Ordnung steht und er davon ausgeht, dass er mit seinem Verhalten soziale Regeln verletzt hat (die Antrag– oder Bittstellerposition), die einem Klienten seiner Wahrnehmung oder seiner Erfahrung nach zugeschrieben wird. Deshalb ist es wichtig für ihn festzustellen, dass Frau Burgdorf “nicht nachtragend” ist. In dieser Lesart würde sie ihm die Verletzung der sozialen Regel vergeben, die einher geht mit der Bewertung von Sucht als Krankheit: eine expertokratische Stellung einer Diagnose, der im Sinne von Compliance Folge zu leisten ist, wenn Hilfe erfolgen soll. Dies markiert eine möglicherweise neue Erfahrung von Herrn Uhlenbrock in diesem Kontext, die dazu führt, dass er “gerne hierher” kommt und “gerne mit ihr spricht”. Beide Lesarten haben gemeinsam, dass die Betonung und Umsetzung der Autonomie des Klienten dazu führt, dass dieser sein Anliegen angenommen sieht, es ihm aber gleichzeitig wichtig ist, dass ihm Frau Burgdorf als Person, aber auch in ihrer beruflichen Rolle wohlgesonnen ist und keine Rachegefühle gegen ihn hegt, die dazu führen, dass ihm zu einem späteren Zeitpunkt sein Verhalten vorgeworfen wird. Insofern zeigt sich hier eine Verbundenheit der Beziehungsebene mit der Inhaltsebene. Es zeigt sich auch, dass ein Gefühl von Sicherheit, mindestens aber Kontrollierbarkeit der Beziehungsebene für den Klienten wichtig ist, um sich auf den Prozess der autonomen Auswahl eines, für seine Bedarfe passenden Therapiesetting einzulassen. Die nächste Sequenz zeigt das Ende des aufgenommenen Teils des Erstgespräches. Herr Uhlenbrock: Ja, das ist sicherlich so soson bisschen so wie beim Schnupfen ne? Dann geht man zu Arzt, dann kriegt man Medikament und dann isser weg. So isses natürlich hier nicht ne und des ist son bisschen auch so damals der Wunsch auch gewesen oder beziehungsweise die Erwartung gewesen, so nach dem Motto //mmhm//ok so jetzt macht er die Therapie //mmhm//und wenn er die dann gemacht hat dann wars das Thema //ja// einfach so Sachen. #00:43:07–8# Frau Burgdorf: Na es ist eher wie ne Diabetes. Es ist eben kein Schnupfen. //mmhm// mit der Diabetes kann man wunderbar alt werden, wenn man sich an bestimmte Regeln 122 hält //mmhm// und wenn nicht hat man n Problem //mmhm// und das ist bei ner Suchterkrankung genauso. //ja// wenn man sich an bestimmte Regeln hält gehts ziemlich gut (.)(.) aber das muss man sich klar machen. #00:43:22–3# Herr Uhlenbrock: ok– gut! #00:43:25–8# Frau Burgdorf: Gut. Dann ähm mach ich jetzt das Gerät aus, weil ich noch son paar statistische Angaben, ihre Adresse und so was brauche, das geht aber nicht mehr aufs Band, //ok// Danke Ihnen erstmal für Ihre Bereitschaft, das Sie sich dafür auch (unklar) #00:43:36–7# Herr Uhlenbrock: Gerne #00:43:36–7# Frau Burgdorf geht zum Aufnahmegerät und schaltet es aus. Herr Uhlenbrock bietet ein Bild an, wie eine Sucht im Modus einer medizinischen Logik gedeutet werden könnte und deutet damit implizit einen Erkenntnisprozess an, dass es so „natürlich hier nicht“ sei und dass es aber „son bisschen […] damals der Wunsch gewesen oder beziehungsweise die Erwartung gewesen“ sei. Er spricht dabei zunächst von „man“ und meint damit möglicherweise sich selbst, um dann später von „dann macht er die Therapie“ zu sprechen und damit anzudeuten, dass diese Sichtweise möglicherweise auch in seinem sozialen Umfeld verbreitet war oder ist. Dieses Bild impliziert das Moment des Scheiterns. „eher wie Diabetes“ Frau Burgdorf geht darauf ein, indem sie ihm ein anderes Bild, ebenfalls aus der Medizinlogik, anbietet, nämlich das einer verbreiteten chronischen Krankheit, mit der man lernen kann zu leben. Dieses Bild distanziert sich vom persönlichen Scheitern, verändert den Fokus der Sichtweise und lädt den Klienten ein, sich damit auseinanderzusetzen. Durch die Ausdifferenzierung des Bildes von Herrn Uhlenbrock inszeniert sie damit gleichzeitig Kompetenz. Herr Uhlenbrock reagiert mit einem „ok–gut“. Dies markiert eher keine Ratifizierung des Gesagten, sondern deutet an, dass Herr Uhlenbrock das Gespräch aus seiner Sicht als beendet betrachtet, ohne auf die Einladung zur Auseinandersetzung einzugehen. Frau Burgdorf beginnt ihren nächsten Satz auch mit „Gut“, bevor sie das weitere Verfahren erläutert und sich beim Klienten für sein Mitwirken bei dem Forschungsprojekt bedankt, ohne wiederum auf eine Auseinandersetzung zu bestehen. Damit folgt sie der Initiative des Klienten das Gespräch beenden zu wollen. Diese Interaktionen zwi- 123 schen Klient und Fachkraft zeigen nochmal ein „sich aufeinander Beziehen“ und die Fähigkeit, trotz Unterschiedlichkeiten einen gemeinsamen Schlusspunkt setzen zu können. Auf der Beziehungsebene deutet dies auf eine, für beide Parteien geltende Klarheit (wir wissen woran wir miteinander sind) hin, mit der beide Interaktionspartner zu diesem Zeitpunkt genauso zufrieden sind, wie mit dem Ergebnis des Gespräches. Dies deutet insofern auf eine subjektiv bewertete Relation in Richtung Vertrauen hin, als dass der noch nicht fertig ausgetragene Konflikt um die Art und Weise der Rehabilitationsmaßnahme argumentativ geführt werden kann, ohne zu einem Rückzug von Herrn Uhlenbrock zu führen. Im Nachinterview mit Frau Burgdorf wurde deutlich, dass Herr Uhlenbrock nach dem Ausschalten des Aufnahmegerätes noch eine, für die Analyse der „Arbeitsbeziehung“ wichtige Information gegeben hat. Er erzählte, dass er in nicht unerheblichem Maße auch „kiffen“ würde54. Frau Burgdorf deutet dies als weitere vertrauensvolle Öffnung des Klienten ihr gegenüber und damit als gute Basis für eine weitere Zusammenarbeit, denn „er hätte nichts erzählen müssen“. Frau Burgdorf hatte sich ja bereits auf das Aussetzen der sofortigen Klärung der Therapieform eingelassen. Das er dies erst nach dem Ausschalten des Aufnahmegerätes erzählte, ließe sich daher auch als latentes Misstrauen gegen- über der Forschenden als „unsichtbarer Dritten“ im Raum deuten. 7.1.3 Lesart des Falles in Bezug auf die Fragestellung In der Anfangsphase pendeln sich beide Interaktionspartner aufeinander ein, wobei Frau Burgdorf am Anfang im Modus von sachlich orientierter Routine den spezifischen Rahmen der Interaktion markiert. Die Abstimmung gelingt im Sinne eins Vorangehens, wenn Herr Uhlenbrock neben strategischer Erzählung zur Erreichung seines Ziel auch selbstreflexiv berichtet und Frau Burgdorf darauf auf einer empathi- 54 Die entsprechende Textstelle aus dem Nachinterview mit Frau Burgdorf lautet: “Ein Schritt ist sicher auch noch mal mit ihm zu besprechen, wie gehts ihm jetzt wenn er nicht kifft. Das hatte er […] erst zum Ende deutlich gemacht, ist leider nicht mehr auf dem Band, ähm das spricht für mich aber auch nochmal dafür, dass ne Arbeitsbeziehung da ist. […]Der hatte das vorher mal dezent angedeutet ja ab und zu mal Cannabis, da hab ich aber nicht nachgefragt. Der hätte mir da nichts erzählen müssen“ (#00:20:34–2#) 124 schen Ebene reagiert. Die Abstimmung gelingt nicht, wenn Herr Uhlenbrock eine empathische Reaktion erwartet, aber Frau Burgdorf auf einen, von ihr als strategisch bewerteten Teil der Interaktion reagiert. Die Kommunikation stockt. Die strategische Kommunikation von Herr Uhlenbrock scheint mit den Regeln des Felds zusammenzuhängen, die spezifische Bedingungen definieren, unter denen die, von Herrn Uhlenbrock erwartete Hilfe gewährt wird. Dabei wird der Beratungsstelle eine spezifische Rolle zugeschrieben, die Frau Burgdorf auch auszufüllen scheint, da sie zum Ende der Anfangsphase zurückweisend auf die Gesprächsanteile reagiert, die sie diesbezüglich als strategisch einordnet. Im Mittelteil des Gesprächs zeigt sich ein Kommunikationsmuster, das sich zwischen den Akteuren herausgebildet hat. Je mehr Raum Herr Uhlenbrock für die subjektive Entfaltung seiner Sichtweise erhält, ohne negative Bewertungen fürchten zu müssen, desto mehr selbstreflexive Details erzählt er ungefragt. Hier werden erste Hinweise auf eine Bildung von Vertrauen in der Operationalisierung von Arnold (2009) sichtbar: Vor allem das Geben von Informationen, Kooperation und Motivation. Frau Burgdorf kann sich möglicherweise aufgrund der bekannt werdenden Details auf die Konstruktionen von Herrn Uhlenbrock einlassen, ohne ihnen ihre Konstruktion im Sinne einer Konfrontation entgegenzusetzen. Die „Arbeitsbeziehung“ zeigt sich konkret in der verbalen Antizipation von Gedanken und der anschließenden Ratifizierung durch das Gegenüber. Zum Ende des Gesprächs zeigt sich erneut der latent schwelende, noch nicht geklärte Konflikt, welche Maßnahme denn nun konkret in Angriff genommen werden soll. Hier unterzieht Herr Uhlenbrock die Fachkraft einem Kompetenztest, indem er unvermittelt sozialrechtliche Details zur Vermittlung abfragt. Dies kann insofern auch als Beziehungstest gedeutet werden, da die Fachkraft ein solches Vorgehen als Verletzung ihrer Rolle als Expertin auch zurückweisen könnte. Sie tut dies nicht und ermöglicht Herrn Uhlenbrock hier möglicherweise eine neue Erfahrung, indem sie ihren Worten, aus denen Herr Uhlenbrock möglicherweise „Sie ist nicht nachtragend“ impliziert gespürt hatte, Taten folgen lässt. Das entstandene Vertrauen zeigt sich hier in der Eröffnung des starken Cannabiskonsums, zu dem Frau Burgdorf im Nachinterview sagt: „Das hätte er mir nicht sagen müssen“. Die „Arbeitsbeziehung“ hat sich im Unterschied zum Anfang insofern verändert, dass Herr Uhlenbrock am Anfang davon ausging in Bezug auf Frau Burgdorf in 125 der Rolle eines einfachen Antragstellers zu sein, der durch strategische Argumentation die Gatekeeperin (im Sinne der Zuständigen für die Antragstellung) von seinem Anliegen überzeugen muss. Die Änderung besteht darin, dass er in Bezug auf das Feld der suchtbezogenen Hilfen zwar immer noch ein Antragsteller ist, sich in Bezug auf Frau Burgdorf aber die mit ihr verbunden geglaubte Hierarchisierung zumindest hin zu einem autonom entscheidenden Antragsteller verschoben hat. Dies gibt ihm die Sicherheit, sein Anliegen mit den dahinterliegenden Implikationen des Cannabiskonsums zu spezifizieren und ermöglicht es damit Frau Burgdorf, gemeinsam mit ihm eine, für seine Wünsche und Bedürfnisse angemessene Lösung zu finden. Im Einzelnen lassen sich folgende Elemente konkretisieren, die im hier dargestellten Fall die „Arbeitsbeziehung“ von Herrn Uhlenbrock und Frau Burgdorf beeinflussten. So konnte im vorherigen Unterkapitel am Material gezeigt werden, dass empathisches „Dabei–sein“ von Seiten Frau Burgdorfs zu Zeichen von Vertrauen (Arnold 2009) führte, wenn Herr Uhlenbrock, ihrer Wahrnehmung entsprechend, authentisch über sein subjektives Erleben berichtete oder sie versuchte sich in seine subjektlogische55 Denkweise einzufühlen. Das Vertrauen führte dazu, dass Herr Uhlenbrock ungefragt weitere Details erzählte und es dadurch Frau Burgdorf ermöglichte, in Bezug auf ihn ein Verhaltensmuster anfänglich zu rekonstruieren. Im Nachinterview mit Frau Burgdorf, das noch am selben Tag des Gespräches stattfand, äußerte sie Hypothesen als Ergebnis der Verhaltensmusterrekonstruktion von Herrn Uhlenbrock. Sie kategorisierte sie auf der Basis ihrer bisherigen Erfahrungen mit Klient_innen. Diese Kategorisierungen befanden sich eher auf einer gefühlten als auf einer gewussten Ebene. Das Sprechen darüber, war mit Unsicherheit verbunden, was sich auch sprachlich zeigte. Vermutet werden kann daher, dass es so im Alltag nicht verbalisiert wird und es sich daher eher um ein implizites Beziehungswissen (vgl. Kap.) handelt, das sich in einem berufsbezogenen Kontext herausgebildet hat. „ (.)(.) Ja, das geht son bisschen in son ähm, ich erzähl jetzt mal und das ist doch irgendwie(.) damit zu spielen, der ist halt Spieler. […] Er hatte auch son bisschen was gespieltes. Nicht im Sinne von gekünstelt, aber so (.) it's 55 Nach Baumann stellt der Begriff der Subjektlogik eine Spezifizierung des Begriffs des Verstehens dar, da er "deutlich macht, dass es um die (systemisch ausgedrückt) sinnstiftenden Eigenkonstruktionen von Wirklichkeit des Betroffenen geht." (Baumann 2009, S. 24) 126 part of the game. Ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll. Das ist mehr n Gefühl. (Nachinterview Frau Burgdorf zu Herrn Uhlenbrock #00:01:19–5#) Dieses implizite, berufsbezogene56 Beziehungswissen ermöglichte es Frau Burgdorf im Sinne eines sich ausgebildeten Vermögens zunehmend angemessen auf ihn zu reagieren und somit weitere Erzähl– und Reflexionsphasen von Herr Uhlenbrock zu evozieren. Als Vermögen in dieser Perspektive können für diesen Fall zum Beispiel das empathische Mitgehen, die Anerkennung von emotional besetzten subjektiven Konstruktionen und damit die Inszenierung von Sicherheit auf der Beziehungsebene („das kann ich gut verstehen“) benannt werden. Ein „Beziehungstest“, den Frau Burgdorf bestehen musste (Abfragen sozialrechtlicher Details), erweist sich in dieser Perspektive als Bewährungsprobe eines möglicherweise von Herrn Uhlenbrock auf der Basis seines bisherigen impliziten Beziehungswissens auch mit möglicherweise ähnlichen Arrangements (z. B. Suchtberatungsstelle, Antragstellung etc.) different erlebten Verhaltens. Dies könnte sich in diesem Fall zum Beispiel auf das Erleben eines kooperativen Brückenbauens („nicht heute entscheiden“) von Frau Burgdorf beziehen. Das Bestehen des Beziehungstest führte in der Folge dann dazu, dass Herr Uhlenbrock die Kommunikation im Modus von Vertrauen fortsetzte und ein „Vorangehen“ (Stern 2014, S. 157) möglich wurde. Im Unterschied dazu führte das „Nicht–Transparent–machen“ der eigenen handlungsleitenden Logik von Frau Burgdorf, insbesondere wenn sie an der Logik des Feldes der suchtbezogenen Hilfen orientiert war, zur Übernahme der, vom Feld nahegelegten Gatekeeperfunktion für weitere Hilfen und in der Folge der fehlgeschlagenen Abstimmung dazu, dass Herr Uhlenbrock Misstrauen zeigte und sich kommunikativ zurückzog. Aber nicht nur die Interaktionen von Frau Burgdorf trugen zur subjektiven Bewertung der Beziehung in Richtung Vertrauen bei, sondern auch die von Herrn Uhlenbrock. Insofern handelt es sich um eine sich wechselseitig bedingende Entwicklung. Mit Blick auf Herrn Uhlenbrock 56 Eine Trennung zwischen berufsbezogenem und anderweitig erworbenem impliziten Beziehungswissen ist an dieser Stelle rein analytisch und soll nur verdeutlichen, dass es in beruflichen Kontexten nicht nur „zum Einsatz“ kommt, sondern sich auch weiterentwickeln kann. Insofern bezieht sich eine lebensgeschichtliche Entwicklung auf alle Bereiche menschlichen Lebens. 127 kann dabei festgehalten werden, dass das zunehmende Erzählen ungefragter Details („Öffnen“, hierbei insbesondere das Berichten des Cannabiskonsums), die von Frau Burgdorf authentisch eingeschätzte Selbstreflexion und die Kooperation dazu führen, dass die „Arbeitsbeziehung“ von Frau Burgdorf als „ausgesprochen guter Kontakt“ (Nachinterview Frau Burgdorf #00:06:33–6#) eingeschätzt wird. Im Unterschied dazu ist in der Analyse auch zu beobachten, dass Frau Burgdorf immer dann mit Misstrauen reagiert, wenn Herr Uhlenbrock Kooperation oder Selbstreflexion dramatisch inszeniert bzw. dies von Frau Burgdorf so bewertet wurde und sie daraufhin eine Disziplinierung zeigt („jo“). Als drittes Element konnte neben den Interaktionen von Frau Burgdorf und Herrn Uhlenbrock, die Regeln des Feldes der suchtbezogenen Hilfen als beziehungsbeeinflussend ausgemacht werden. Als vertrauensfördernd wurde von Herrn Uhlenbrock grundsätzlich die Möglichkeit der Suchtrehabilitation eingeschätzt, da er sie schon einmal als hilfreich für sich erlebt hatte. Als in der Beziehung Misstrauen fördernd erwies sich hingegen die Notwendigkeit, sich für eine bestimmte Form der Hilfe entscheiden zu müssen bzw. den Entscheidungskriterien entsprechen zu müssen. Dies beinhaltet einen Zielkonflikt für den Klienten: Auf der einen Seite authentisch und offen sein zu müssen und auch sein zu wollen (sich öffnen) und auf der anderen Seite dann unter Umständen nicht die gewünschte Hilfeform erlangen zu können, wenn die vom Feld erwarteten oder definierten Bedingungen nicht, nur teilweise oder nicht überzeugend erfüllt werden bzw. dies vom Gegenüber (hier der Fachkraft) so eingeschätzt wird. Dieser Konflikt zeigt sich in diesem Fall im „Ringen“ um die „Gewährung“ von stationärer Suchtrehabilitation, das sich durch das Gespräch und auch die Nachgespräche zieht. Diese Lesart wird gestützt durch die Beschreibung der Leitungskraft Herrn Günther in dieser Beratungsstelle, die die Selbstwahrnehmung der Beratungsstelle wie folgt darstellt: „Ja, ich glaube dass wir hier erst einmal eine ganz wichtige Schnittstelle sind zwischen den Betroffenen[…] und weiterführenden stationären ambulanten Angeboten. Ich glaube ohne diese Schnittstelle würde das ganze System so nicht funktionieren und zwar […] die Menschen mit denen wir hier zusammenarbeiten:[…], die halt nicht so straight ihren Weg gehen wie bei einer Beantragung einer Kur, wo jemand relativ schnell klar hat: Ich mache das, gehe zur Rentenversicherung oder lasse mich dort entspre- 128 chend vermitteln, sondern hier ist einfach eine ganz große Blase noch dazwischen wo sich ganz viel tut, auch von innen heraus bei den Menschen und von außen natürlich auch vom ganzen Familiensystem.“ (Nachinterview mit der Leitungskraft der Einrichtung A, Herrn Günther #00:13:48– 1#) Insbesondere der Hinweis auf Menschen, „die halt nicht so straight ihren Weg gehen“ verweist noch einmal auf die schon in Kapitel 3.1.2 postulierte Notwendigkeit, in Bezug auf Sucht in der Sichtweise von Krankheit „Adherence“ herstellen zu müssen. Deutlich wird aber auch, dass diese Notwendigkeit zur Adherence nicht, wie im o. g. Kapitel postuliert wird, nur für die konkrete Person besteht, sondern auch für andere soziale Systeme gilt. Beispielhaft kann hier das Familiensystem genannt werden, das auch bei Herrn Uhlenbrock eine Rolle spielte, da dieser „erst mit seiner Frau sprechen muss“, um das weitere Vorgehen ratifizieren zu können. Sommerfeld et al. sprechen in diesem Zusammenhang von "Handlungssystemen" (2016, S. 59 ff.), die spezifische Integrationsbedingungen haben, mit denen sich das Individuum mit seinen Möglichkeiten auseinandersetzen muss. Neben dem Familiensystem können beispielsweise auch die Systeme der Arbeit, der Freunde und der Freizeit genannt werden. Auch Hilfesysteme, wie z. B. das System der suchtbezogenen Hilfen, gehören dazu. In dieser Lesart bedeutet die Aussage, dass Herr Uhlenbrock erst seine Frau fragen muss, daher keinen Widerstand oder kein Ausweichen, sondern eine Reaktion auf die, in seinem Familiensystem herrschende Integrationsbedingungen. In dieser Perspektive gibt daher die, an Suchtberatungsstellen ausgelagerte Arbeit der Herstellung und Abstimmung von Adherence mit der Person und seinem weiteren sozialen Umfeld, von der Herr Günther weiter sagt, dass diese ihm wichtig erscheint, „weil das ganze System sonst nicht funktioniert“, einen weiteren Hinweis auf die Integrationsbedingungen, mit denen sich das Individuum, hier Herr Uhlenbrock, aber auch Frau Burgdorf in ihrer Rolle als Gatekeeperin, auseinandersetzen muss. Diese Auseinandersetzung führt dann zu spezifischen Verhaltensweisen, hier z. B. strategischem Verhalten, um eine spezifische Maßnahme erhalten zu können. Zusammenfassend kann für den hier dargestellten Fall nach dem ersten Gespräch konstatiert werden, dass sich die „Arbeitsbeziehung“ zwischen Herrn Uhlenbrock und Frau Burgdorf eher in Richtung Vertrauen entwickelt hat, denn zum Ende des Gespräches konnten aktive, auf die Zukunft gerichtete Kommunikationsanteile beschrieben werden und es 129 wurde ein neuer Termin vereinbart, der von Herrn Uhlenbrock genauso wie weitere Folgetermine wahrgenommen wurde. In einem Gespräch mit der Fachkraft über die Entwicklung des Falles nach ca. einem halben Jahr berichtete sie, dass Herr Uhlenbrock wie geplant eine stationäre Rehabilitation angetreten und diese auch planmäßig beendet hatte. Eine direkte Kausalität zur Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ im ersten Gespräch kann jedoch deshalb nicht hergestellt werden. Gleichzeitig hat Herr Uhlenbrock auch im Nachinterview nach vier Wochen noch sehr klar von seinem Vorhaben, die Rehabilitation absolvieren zu wollen, berichtet. Die oben beschriebene Entwicklung des Falles steht dem nicht entgegen, so dass es plausibel erscheint, zumindest aber nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Entwicklung der konkreten „Arbeitsbeziehung“ im ersten Gespräch, die hier in Richtung Vertrauen gedeutet wurde, einen Einfluss auf die Realisierung des Hilfewunsches hatte. 7.2 Frau Burgdorf und Herr Veit Um die Relevanz in Bezug auf die theoretischen Nahelegungen des Falles Frau Burgdorf und Herr Uhlenbrock weiter zu verdichten, wurde als nächstes ein Gespräch gewählt, bei dem die objektiven Merkmale auf der formalen und der inhaltlichen Ebene möglichst minimal kontrastierten. Insbesondere das Merkmal der Fachkraft sollte möglichst identisch sein, um zu überprüfen, ob und wenn ja wie sich das Verhalten der Fachkraft in Bezug auf eine_n andere_n Klient_in verändert, wenn diese_r einen ähnlichen Beratungswunsch äußert. Die Wahl fiel auf das Gespräch zwischen Frau Burgdorf und Herrn Veit. Das zunächst geäußerte Gesprächsanliegen ist ähnlich: Auch Herr Veit äußert zunächst den Wunsch, in Rehabilitation vermittelt zu werden. Die Varianzen liegen im Alter, in der Art des problematisierten Suchtmittelkonsums und in der Vorerfahrung im Kontext von suchtbezogenen Hilfen. Herr Veit ist ebenfalls nicht nur zum ersten Mal in dieser Beratungsstelle, sondern auch zum ersten Mal in einer Suchtberatungsstelle überhaupt. Zum Zeitpunkt der Aufzeichnung ist er 20 Jahre alt. Fachkraft und Klient begegnen sich zum ersten Mal. Auch hier kann aufgrund der Organisation der Beratungsstelle nicht ausgeschlossen werden, dass ein erster Smalltalk bereits auf dem Weg zum Büro von Frau Burgdorf stattgefunden hat. Auch für dieses Gespräch wurde im Anschluss die Fach- 130 kraft Frau Burgdorf über ihr Erleben in Bezug darauf befragt. Ein Interview mit Herrn Veit konnte hingegen nicht aufgezeichnet werden. Er ist zum dritten Gesprächstermin mit Frau Burgdorf nicht mehr erschienen und hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Autorisierung für ein Interview erteilt. Diese sollte erst später eingeholt werden. Dementsprechend konnte Frau Burgdorf aus Datenschutzgründen keine Kontaktdaten von Herrn Veit für das Forschungsprojekt herausgeben und dieser konnte somit nicht erreicht werden. 7.2.1 Inhaltliche Zusammenfassung des Gesprächs Die Aufzeichnung des Erstgespräches beginnt damit, dass Frau Burgdorf Herrn Veit begrüßt und ihn danach fragt, ob er zum ersten Mal in der Beratungsstelle sei. Diese Frage wird von Herrn Veits Antwort überlappt, der bejaht zum ersten Mal in der Beratungsstelle zu sein und über sein Anliegen zu sprechen beginnt. Frau Burgdorf begleitet dies mit Hörersignalen, ermutigt ihn weiter zu sprechen und lässt zwischendurch die, aus dem ersten Gespräch bekannten Arbeitsregeln in das Gespräch einfließen (#00:00:00–0# #00:01:03–0#). Danach beginnt ein Abschnitt, in dem Frau Burgdorf Herrn Veit zunächst zu den Umständen des Aufsuchens der Beratungsstelle und anschließend zu der Art und Weise seines Suchtmittelkonsums befragt. Herr Veit berichtet bereitwillig, dass er am Tag zuvor mit seiner Mutter in der Suchtambulanz des örtlichen Psychiatriekrankenhauses war und von dort mit dem Auftrag sich in eine Rehabilitation vermitteln zu lassen in die Beratungsstelle verwiesen wurde. Die Sequenz endet damit, dass Herr Veit ohne direkt danach gefragt worden zu sein, über den konkreten Anlass berichtet, aus dem er überhaupt Kontakt zum System der Suchthilfe (Psychiatrieambulanz) aufgenommen hatte (#00:01:03– 0#– #00:02:09–1#). Nachfolgend beschreibt er den Anlass genauer als einen, als bedrohlich erlebten Intoxikationszustand von dem, vor der Sprechstunde liegenden Wochenende57. Er erzählt, teilweise dramatisierend (#00:03:05–5#), wie er diesen subjektiv erlebt hat und welche Schlüsse er für sich daraus zieht (#00:02:09–1#–#00:04:10–4#). Diese Phase wird von Frau Burgdorf 57 Der Vorfall war in der Nacht von Freitag auf Samstag. Am Montag war er in der Sprechstunde der Suchtambulanz der Psychiatrie und am Dienstag suchte er die offene Sprechstunde der Suchtberatungsstelle auf. 131 mit Hörersignalen und kurzen Nachfragen im Modus von Empathie (#00:02:49–4#) und Ressourcenorientierung (#00:03:31–4#) begleitet. Diese Sequenz endet damit, dass Herr Veit betont, dass dies der Anlass sei, warum er nun Hilfe suche. Der nächste Abschnitt beginnt damit, dass Frau Burgdorf nachfragt, ob er denn aktuell konsumiere, sich also nach dem Abstinenzstatus des Klienten erkundigt. Dies nimmt Herr Veit zum Anlass dies zu verneinen und ausführlich darzustellen, wie er sich von seinem „alten Leben“ verabschiedet (#00:04:10–4#–#00:05:26–6#) hat. In diesem Zuge wird deutlich, dass Herr Veit schon früh (mit 15 Jahren) Probleme hatte, die im Zusammenhang mit Suchtmitteln standen (#00:04:36–0#) und zu Auswirkungen in seinem Leben geführt haben. Diese Äußerungen werden wieder von Hörersignalen und empathischen Äußerungen von Frau Burgdorf begleitet. In dieser Phase drückt Herr Veit seine Konstruktionen auf eine kindliche Weise aus, durch die er eine Anerkennung seiner „Leistung“ (2 Tage Abstinenz) geradezu herausfordert, bei der Frau Burgdorf aber „mitspielt“ und ihm dadurch möglicherweise eine neue Erfahrung ermöglicht (#00:04:55–8#–#00:05:26–6#). Die Phase endet damit, dass Herr Veit sich erneut an die Situation vom Wochenende zu erinnern scheint, indem er verbalisiert, dass er eine solche Situation niemandem wünsche. Der nächste Abschnitt beginnt damit, dass Frau Burgdorf erneut eine selbstvergewissernde Frage zum Abstinenzstatus stellt. Dies führt dazu, dass Herr Veit davon berichtet, dass er schon mal einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Station hatte und dass sich sein Suchtmittelkonsum danach verstärkt hat. Er berichtet dies im Modus des subjektiven Erlebens und der Bekräftigung des ‚sich–verändern–wollens‘. Diese Phase wird wieder mit Hörersignalen und einer inhaltlichen Nachfrage von Frau Burgdorf begleitet, worauf der Klient in einer weiteren Erzählphase berichtet, wie er seinen Eltern seinen Suchtmittelkonsum eröffnet hat (#00:05:26–6#–#00:07:58–4#). Diese Phase endet damit, dass Herr Veit mitteilt, wie stolz und erleichtert er darüber sei, dass seine Eltern nun über seinen Suchtmittelkonsum Bescheid wüssten. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Herr Veit die höheren Redeanteile. Dies ändert sich jedoch im nächsten Abschnitt (#00:07:58–4#– #00:12:43–7#), in dem Frau Burgdorf zunächst nachfragt, was er sich denn nun als Hilfe vorstelle, sich dabei aber direkt auf die Hilfeform der sog. „Therapie“ fokussiert. Herr Veit geht jedoch nicht direkt darauf ein, sondern 132 beschreibt eine eigene, eher vage Vorstellung davon, was Hilfe für ihn bedeutet. Frau Burgdorf beharrt jedoch darauf, dass sie sich am ehesten eine stationäre suchttherapeutische Maßnahme für ihn vorstellen könne und fängt an, sich nach sozialrechtlich relevanten Details zu erkundigen. Herr Veit macht jedoch deutlich, dass er sich eher andere Maßnahmen als eine stationäre Reha Maßnahme vorstellen könnte und spricht weiter eher vage von Gruppen. Frau Burgdorf geht jedoch nicht darauf ein und beginnt von Spielräumen innerhalb einer Rehabilitationsmaßnahme zu berichten. Diese reichen von Spezialisierungen verschiedener Kliniken bis zur Möglichkeit einer ambulanten Maßnahme im eigenen Haus. In dieser Phase hat Frau Burgdorf die höheren Redeanteile. Die Phase endet damit, dass sie auf die Äußerung des Klienten, dass er schon mit 15 Drogenprobleme gehabt habe, Bezug nimmt. Hierauf geht Herr Veit mit weiteren subjektiven biografischen Erzählungen darüber ein, wie er diese Phase im Kontext seiner Freundschaften erlebt hat. Diese werden von Frau Burgdorf wieder mit Hörersignalen, aber auch mit einer weiteren inhaltlichen Nachfrage begleitet. Dies führt dazu, dass Herr Veit seine biographische Erzählung auf sein Erleben seiner Kindheit und Jugend erweitert (#00:12:43–7#–#00:17:16–4#). Diese Phase endet erneut damit, dass Herr Veit, diesmal in einem sachlicheren, weniger dramatischen Modus, erzählt, dass er es nun „besser“ machen wolle. Am Anfang der nächsten Phase (#00:17:16–4#– #00:21:24–1#) geht Frau Burgdorf kurz auf Herr Veits Erzählungen ein, wiederholt nochmal ihre Empfehlung für eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme und antizipiert gleichzeitig eine ablehnende Haltung von Herrn Veit. Diese wird von ihm auch prompt bestätigt und er begründet seine ablehnende Haltung mit dem Wunsch „es aus eigener Kraft“ schaffen zu wollen. Frau Burgdorf geht zwar zunächst kurz wieder auf die Äußerung, es selbst schaffen zu wollen, ein, aber nicht auf den inhaltlichen Aspekt, dass Herr Veit eine suchttherapeutische Maßnahme explizit für sich ablehnt, als ob sie diesen nicht gehört oder nicht wahrgenommen hätte (#00:18:27–5#). Sie stellt fest, dass es nun an der Reihe sei einen „Antrag“ zu stellen und stellt die Frage nach dem Kostenträger in den Raum. Hierauf reagiert Herr Veit lediglich auf der Sachebene, indem er erzählt, dass „die Dame“ von der Ambulanz gesagt habe, dies sei die Rentenversicherung. Dies markiert einen Unterschied zu den bisherigen Erzählungen, bei denen immer wieder auch teilweise dramatisie- 133 rende, emotionale Aspekte hörbar wurden. Man könnte daher von einem Rückzugsverhalten sprechen. Frau Burgdorf geht darauf jedoch nicht ein, sondern fragt weiter auf der Sachebene, ob er erwerbstätig gewesen sei. Herr Veit reagiert darauf mit einer weiteren biografischen Erzählung über seine Erfahrungen mit der Erwerbstätigkeit, bei der wieder emotionale Färbungen deutlich werden. Nachdem sie dies wieder mit Hörersignalen begleitet hat, fokussiert Frau Burgdorf in einer vertiefenden Frage jedoch wieder auf der Sachebene auf die Dauer der Erwerbstätigkeit, sodass deutlich wird, dass sie immer noch beim Thema der Prüfung der sozialversicherungsrechtlichen Voraussetzungen für eine Antragstellung ist und sich nicht auf die emotionale Ebene des Klienten einlässt. Die Sequenz endet damit, dass Frau Burgdorf ihre Hilfe bei der Antragstellung anbietet und dafür einen weiteren Termin , worauf Herr Veit jedoch nur zurückhaltend, fast abwehrend reagiert, indem er berichtet, dass er bereits einen Termin in der Suchtambulanz habe. Die Schlusssequenz (#00:21:24–1#– #00:22:56–4#) in der Aufzeichnung beginnt mit der Nachfrage von Frau Burgdorf, bei „wem“ Herr Veit in der Klinik denn in Behandlung sei. Daraufhin entspinnt sich eine Art Smalltalk über den ungewöhnlichen Namen der behandelnden Ärztin. Frau Burgdorf zeigt auf, wie sie sich die Zusammenarbeit, einschließlich einer Überprüfung der Abstinenz des Klienten vorstellt, bleibt dabei aber bei ihrer Lösungsidee der Beantragung einer Rehabilitationsmaßnahme für Herrn Veit. Dieser reagiert mit zurückhaltenden Hörersignalen. Dies erweckt den Anschein, als würde er auch inhaltlich folgen. Das Gespräch endet damit, dass Frau Burgdorf sich für die Kooperation in Bezug auf die Bereitschaft zur Audioaufnahme des Gesprächs bedankt, welches von Herrn Veit mit einer Höflichkeitsfloskel beantwortet wird. 7.2.2 Darstellung für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ wichtiger Passagen “…ich bin das erste Mal hier” Frau Burgdorf: So, dann begrüß' ich Sie noch mal hier in der Beratungsstelle. (.) Sie sind das erste Mal hier oder waren Sie schon mal hier? #00:00:09–2# Herr Veit: Nee ich bin das erste Mal hier (.) #00:00:10–0# Frau Burgdorf: Ok . #00:00:10–9# Herr Veit: Ich bin hier (.), weil ich gestern beim ähm in der XY–Klinik war. #00:00:14–9# Frau Burgdorf: Ja, ok. #00:00:15–4# 134 Herr Veit: Da in der offenen Sprechstunde und deswegen bin ich jetzt hier ... #00:00:18– 0# Frau Burgdorf: Ja. #00:00:18–2# Herr Veit: Weil ich so'n Bass, glaub ich, also so'n Antrag für Langzeittherapie (.)Bescheinigung oder so was brauche #00:00:25–4# Frau Burgdorf: Ja, ah ok. #00:00:26–2# Herr Veit: Und deswegen bin ich eigentlich, ich weiß selbst nicht, was ich genau (.) hier machen muss, ähm, sagen muss ((lacht)) #00:00:32–8# Nach dem Einschalten des Geräts begrüßt Frau Burgdorf den Klienten. Diese Begrüßung ist insofern besonders, als dass sie ihn „nochmal“ in der Beratungsstelle begrüßt. Denkbar ist, dass sie dies bereits zum ersten Mal im Wartezimmer getan hat, als sie ihn von dort, so wie es der Routine in dieser Beratungsstelle entspricht, abgeholt hat und sie die Begrüßung für die Aufnahme wiederholt. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Begrüßung eine routinierte Floskel oder ein Ritual darstellt, mit dem jedes Beratungsgespräch begonnen wird. Denkbar ist auch, dass dieses Ritual den Beginn des „offiziellen“ Gesprächs darstellt. Nach dem Begrüßungssatz findet sich eine kurze Pause. Möglicherweise erwartet Frau Burgdorf, dass Herr Veit antwortet oder möchte ihm die Gelegenheit geben das Wort zu ergreifen, was er aber nicht tut. Aus diesem Grund fährt Frau Burgdorf mit der Frage fort, ob Herr Veit zum ersten Mal in der Beratungsstelle sei oder ob er diese im Vorfeld schon mal aufgesucht habe. Dies ist eine unverfängliche Frage, auf die Herr Veit auf jeden Fall eine Antwort weiß und die deshalb den Gesprächsball zum Klienten spielt. Denkbar ist auch, dass diese Information z. B. für die Dokumentation wichtig ist. Herr Veit antwortet, indem er sich verneinend auf den letzten Teil der Frage bezieht und darstellt, dass er zum ersten Mal da sei. Frau Burgdorf reagiert darauf mit einem kurzen „Ok“, welches sich mit den Ausführungen des Klienten überlappt und deshalb auch als Hörersignal gewertet werden kann. Tatsächlich fährt Herr Veit damit fort zu sagen, warum er in die Beratungsstelle gekommen ist. Er beginnt mit „Ich bin hier“ und macht dann eine kurze Pause, so als müsste er Mut fassen oder sich konzentrieren. Nach der Pause fährt mit der Begründung fort, dass er am Tag davor in der XY–Klinik, gemeint ist die örtliche Suchtambulanz der psychiatrischen Klinik, gewesen sei. Diese Antwort erstaunt dahingehend, dass die Konsultation der Suchtambulanz erstmal keinen Grund darstellt, um anschließend eine Beratungsstelle für Suchtkranke aufzusuchen. Denkbar ist, dass es sich um eine Weiterver- 135 mittlung der Suchtambulanz an die Beratungsstelle handelt. Frau Burgdorf scheint dies jedoch nicht zu verwundern, denn sie antwortet mit einem kurzen „ja, ok“ Dies spricht dafür, dass die Kombination erst in der Suchtambulanz gewesen zu sein und dann die Suchtberatungsstelle aufzusuchen nicht zum ersten Mal vorkommt, ihr dieses Verfahren also geläufig ist. Vielleicht gibt es eine Kooperation. Herr Veit präzisiert, dass er auch dort in der offenen Sprechstunde gewesen sei und dass er „deswegen“ diese Beratungsstelle aufgesucht habe. Diese Aussage erhärtet den Verdacht, dass es eine arbeitsteilige Verbindung zwischen den Einrichtungen zu geben scheint, denn Frau Burgdorf quittiert auch dies lediglich mit einem Hörersignal. Herr Veit fährt mit der Präzisierung fort, dass er „son Bass, glaube ich, son Antrag, sone Bescheinigung für eine Langzeittherapie“ brauche. Dieser Satz ist aus einem Alltagsverständnis heraus erstmal völlig unverständlich und erklärt sich aus einem Kontextwissen rund um die Beantragung von Leistungen. Die Unklarheit kann an dieser Stelle aber nicht komplett aufgelöst werden, klar ist lediglich, dass mit Bass die Beratungsstelle gemeint ist, da diese so heißt. Die Benutzung von unbestimmten Artikeln vor den Fachwörtern vermittelt den Eindruck, dass er nicht genau weiß, was das Gesagte bedeutet und nur Aufträge abarbeitet. Dies wiederum deutet eher auf ein Abgeben der Verantwortung an Autoritäten oder Institutionen, als auf ein eigenverantwortliches, autonomes Handeln hin. Zu diesem frühen Zeitpunkt des Gesprächs ist eher von einem habituellen als von einem bewusst inszenierten Verhalten auszugehen. Aus diesem Grund kann dieses Verhalten ein Hinweis auf ein Muster des Klienten sein, das in der Entstehung einer „Arbeitsbeziehung“ berücksichtigt werden muss. Da es sich um einen recht jungen Klienten handelt (20 Jahre) könnte im Umgang mit sozialen Autoritäten von einem (noch) habitualisierten Kinderverhalten in Form von Subordination ausgegangen werden. Die faktische Unwissenheit wird durch die Benutzung des Wortes „Langzeittherapie“ unterstrichen. Diese Maßnahme ist im Katalog der Maßnahmen, deren Kostenstandardmäßig von den Leistungsträgern übernommen werden, nicht vorgesehen. Es handelt sich dabei um einen älteren Ausdruck für eine, in der Regel stationäre Rehabilitationsmaßnahme Sucht, der im offiziellen Fachterminus von Einrichtungen nicht (mehr) vorkommt. Es stellt sich also die Frage, woher Herr Veit diesen Ausdruck kennt. Möglicherweise aus seinem privaten Umfeld oder aus Klientenkreisen, der sog. „Szene“. Dies aber bedeutet, dass die Idee eine 136 solche Maßnahme wahrnehmen zu wollen nicht von ihm oder aus einem fachlichen Umfeld stammt. Unklar ist, ob ein Druck aus den o. g. Kreisen dahintersteht oder ob er diese Idee zusammen mit seinem Umfeld entwickelt und auch für sich als „gute Idee“ ratifiziert hat. Dazu könnte auch gehören, dass nicht nur formale Ideen und Phantasien (Langzeit– Therapie), sondern auch inhaltliche entwickelt wurden, über die er sich ggf. auch im informellen Kreis informiert hat. Dies birgt die Gefahr von „Ent–Täuschungen“, wenn es zu einem späteren Zeitpunkt darum gehen könnte, diese Ideen mit der (zu erwartenden) Realität zu vergleichen, was möglicherweise zu Frustrationen führt. Falls er dieses Anliegen in der Suchtambulanz vorgetragen hat, scheint darauf nicht näher differenzierend eingegangen worden zu sein, denn er benutzt den Terminus weiter oder es wurde darauf eingegangen und er ignoriert die Hinweise oder kann nichts damit anfangen. Diese Überlegungen haben gemeinsam, dass Herr Veit sich schon eine Lösung für sein Problem zurechtgelegt hat, die wahrscheinlich nicht aus einem fachlichen Kontext stammt und daher mit eigenen Phantasien und Konstruktionen ausgestattet ist. Die örtliche Suchtambulanz hat hierfür eine „Nicht–Zuständigkeit“ reklamiert und ihn möglicherweise mit dem Auftrag der Beantragung einer suchttherapeutischen Maßnahme an die Beratungsstelle weiterverwiesen, ohne dass Herr Veit im Detail wüsste, was das für ihn bedeutet. Es scheint eher so, als dass er mit einem Auftrag in die Sprechstunde gekommen ist, der offensichtlich aus der Suchtambulanz zu stammen scheint. Somit erhärtet sich der Verdacht weiter, dass es eine, wie auch immer geartete arbeitsteilige Verbindung zwischen den Stellen zu geben scheint, bei der die eine Stelle der anderen Aufträge erteilen kann. Möglicherweise wurde aber auch eine Nichtpassung zwischen den Konstruktionen von Herrn Veit („Langzeittherapie“) und den erwartbaren Realitäten einer suchttherapeutischen Behandlung festgestellt, für deren Klärung man sich nicht als zuständig ansah. Es handelt sich also um eine Schnittstellenaufgabe, die arbeitsteilig zwischen zwei Stellen gelöst zu sein scheint, wobei sich diese Logik dem Klienten nicht von vorneherein zu erschließen scheint. Für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ bedeutet dies, dass Herr Veit nicht partizipativ an der Entwicklung einer Lösungsstrategie beteiligt worden ist, sondern dass er autoritär „geschickt“ wird, ohne sicherzustellen, dass er die Hintergründe dieses Vorgehens verstanden hat. Die Klärung und Abarbeitung von Formalitäten („Antrag“) wird dabei einer anderen 137 Stelle überlassen. Für Herrn Veit könnte dies so aussehen, als handele es sich um eine Kleinigkeit, die kurz zu erledigen ist. Herr Veit knüpft inhaltlich an das zuvor Gesagte an und bestätigt die Vermutung, dass er nicht genau weiß, was er „eigentlich hier machen“ oder „sagen muss“. Anschließend lacht er und unterstreicht damit seine Unsicherheit. Frau Burgdorf sagt im Nachgespräch, dass er beim Ankommen „furchtbar nervös“ (Nachgespräch Frau Burgdorf zu Herrn Veit #00:01:00–5#) gewirkt habe. Das Wort „eigentlich“ relativiert die Aussage und es könnte gefragt werden, was denn „uneigentlich“ der Fall ist: Ahnt er was zu tun oder zu sagen ist oder spielt er den Unwissenden? Diese Unwissenheit so offen zu benennen zeugt von einer, an Naivität grenzenden Offenheit, möglicherweise auch von Hilflosigkeit oder deren bewusster Inszenierung. Ohne das Lachen könnte diese Aussage auch als Provokation verstanden werden, auf jeden Fall fordert dieses Verhalten aber eine Reaktion der Fachkraft auch auf der Beziehungsebene heraus. Wird sie den provokanten Teil erkennen und ihn zurechtweisen bzw. abweisend reagieren oder auf die jungenhafte Naivität eingehen und weiter zugänglich sein? Da gerade erst 30 Sekunden des Gesprächs vergangen sind und er sehr nervös ist entspringt dieses Verhalten möglicherweise einem Verhaltensmuster des Klienten unsicheren Situationen mit einem doppeldeutigen Verhalten zu begegnen, um zu testen, „welcher Gesinnung“ sein Gegenüber ist–Freund oder Feind? Aus dieser Perspektive kann von einem ersten Beziehungstest des Klienten gegenüber der Fachkraft ausgegangen werden, der möglicherweise aber nicht bewusst inszeniert wurde, sondern eher als Teil eines habituellen Verhaltensmusters gewertet werden kann. Frau Burgdorf: Ja, okay ((lacht)) Sie müssen gar nichts sagen((lacht)). Ich sag einfach noch mal gerade vorne weg, dass wir unter Schweigepflicht stehen als Beratungsstelle. Das, was wir besprechen, bleibt hier im Haus (atmet tief ein). Beratung ist für Sie kostenfrei. Jetzt haben Sie grad schon gesagt, Sie kommen mit der Idee Langzeittherapieantrag #00:00:48–3# Herr Veit: :mhm (zustimmend) #00:00:48–6# Frau Burgdorf: (…) Wenn Sie sich das zwischendurch anders überlegen oder was auch immer passiert, das ist alles ok, also Sie gehen keinerlei (.) Verpflichtungen ein. #00:00:57– 8# Herr Veit: Mhm, ja #00:00:58–0# Frau Burgdorf: Wenn Sie jetzt erstmal hierhin kommen, das ist erst einmal wichtig für die Rahmenbedingungen. #00:01:01–2# Herr Veit: Mhm, ist gut. #00:01:03–0# 138 Die Reaktion von Frau Burgdorf mit einem verbalen Hörersignal und ebenfalls einem Lachen zeigt an, dass diese von der offenen Aussage des Klienten überrascht ist. Offensichtlich entspricht ein solches Verhalten nicht dem, was sie kennt. Damit wird in diesem Moment ein routiniertes Abspulen üblicher Gepflogenheiten durchbrochen. Möglicherweise ist dies auch als intuitive mimetische Anpassung an das Verhalten des Gegenübers im Sinne eines „Pacing“ (Weerth 1994, S. 130) zu werten. Insofern könnte von einem Versuch einer gegenseitigen Abstimmung im Sinne „relationaler Schritte“ ausgegangen werden, die eher gespürt als gewusst werden (Stern 2014, S. 158). Sie fährt damit fort, dass Herr Veit „gar nichts sagen brauche“ und lacht erneut. Möglicherweise hat sie ihre Überraschung noch nicht überwunden. Ihre Aussage wirkt wie eine Beruhigung der wahrgenommenen Nervosität von Herrn Veit. Sie stellt sich damit auf der Beziehungsebene auf ihn ein, denn inhaltlich ist die Aussage, dass Herr Veit „gar nichts“ sagen brauche zumindest fragwürdig, da mit einem schweigenden Klienten nur schwierig gearbeitet werden kann. So zeigt sich hier eine möglicherweise intuitive, habituelle Orientierung daran, auf der Beziehungsebene zunächst Sicherheit zu Lasten einer inhaltlich korrekten Aussage zu schaffen. Sie fährt dann erklärend fort, indem sie im Modus von Routine auf die Prinzipien der Beratungsstelle, die auf der Homepage genannt werden, hinweist: Schweigepflicht und Kostenfreiheit. Das tiefe Einatmen zeigt, dass sie ihre Überraschung überwunden zu haben scheint, sich vielleicht konzentriert und mit dem Hinweis auf die Kostenfreiheit wieder zur Routine übergeht. Danach knüpft sie in den Worten von Herrn Veit an das formulierte Anliegen an („Langzeittherapie“) und spielt damit den Ball wieder zu ihm zurück. Dieser reagiert mit einem ratifizierenden Hörersignal ohne sich inhaltlich weiter zu äußern. Dies aber scheint Frau Burgdorf nicht erwartet zu haben, denn es entsteht eine kleine Pause von ca. 3 Sek. Frau Burgdorf nimmt den Gesprächsfaden wieder auf und scheint die Gesprächspause als weiteres Zeichen von Unsicherheit zu deuten. Ihre nächsten Worte klingen wie eine Beruhigung für jemanden, der in einer ungewohnten Situation nicht nur nervös, sondern „furchtbar nervös58“ ist, der also eher Angst hat, dass etwas mit ihm passiert oder gemacht 58 Die Wortkombination „furchtbar nervös“ deutet auf eine Steigerung von „nervös“, definiert als leichte Angst, hin, also darauf, dass jemand Angst hat, diese zeigt und / oder diese im Rahmen eines Übertragungsphänomens spürbar ist. 139 wird, auf das er keinen Einfluss hat. Somit kann dies als weiterer Beitrag zur Beruhigung gedeutet werden. Sie spricht die wahrgenommene Deutung des „Nervös–seins“ des Klienten im Sinne eines Spiegelns aber nicht an, wie dies in einer beraterischen oder therapeutischen Situation angezeigt wäre, um diese möglicherweise mit einer kognitiven Umstrukturierung (Wilken 2005) zu bearbeiten oder zu verifizieren. Stattdessen geht sie inhaltlich auf einen möglicherweise antizipierten Autonomieverlust ein, indem sie mehrfach auf unterschiedlich Art und Weise betont, dass dieses in der Beratungsstelle nicht der Fall sein wird und dass er die maßgebende Instanz für Entscheidungen ist. Dies ist auf gewisse Weise paternalistisch und passt zur Beziehungsstruktur Erwachsener–Kind. Für den Beziehungsaufbau bedeutet dies, dass es der Fachkraft wichtig zu sein scheint, dass Herr Veit sich insbesondere in Bezug auf den Schutz seiner Autonomie sicher fühlt, obwohl er sich nicht explizit dazu geäußert hat und sie dies auch nicht durch Nachfrage verifiziert. Diagnostisches Instrument für eine Antizipation scheinen nonverbale Signale zu sein, möglicherweise Übertragungen. Darüber hinaus steht in dieser Phase des Gesprächs nicht eine mögliche beraterisch–therapeutische Intervention im Vordergrund, sondern die habituelle Inszenierung von Sicherheit. In diesem Fall bedeutet dies die Klärung der Rahmenbedingungen der Beratungsstelle, die hier als Auslöser von Unsicherheit antizipiert werden. Herr Veit reagiert mit einem etwas zögerlichen, verbalen Hörersignal. Möglicherweise glaubt er nicht, was er gehört hat oder er hat es nicht verstanden. Frau Burgdorf reagiert, indem sie deutlich macht, dass es erstmal wichtig ist, dass er überhaupt in die Beratungsstelle kommt. Damit setzt sie ihre Erwartungshaltung soweit herab, wie es ihr in einer solchen Stelle möglich ist, in der eine sog. Komm–Struktur herrscht, was bedeutet, dass die Klienten zur Beratungsstelle kommen müssen und nicht von den Fachkräften z. B. in ihrem Zuhause oder an anderen Orten aufgesucht werden. Insofern baut sie ihm hier eine Brücke und macht ihm damit nicht nur auf der Beziehungsebene, sondern auch auf der Inhaltsebene ein spezifisches Angebot. Der nächste Satz erscheint etwas uneindeutig, denn warum dies für welche Rahmenbedingungen wichtig sein soll, wird aus dem Wortlaut nicht klar. Möglicherweise ist gemeint, dass das Kommen des Klienten wichtig ist, um die genannten 140 Rahmenbedingungen für sich nutzen zu können. Vielleicht sind auch andere Rahmenbedingungen, z. B. die des Feldes der suchtbezogenen Hilfen, gemeint. Es scheint, als habe Frau Burgdorf eine bestimmte Struktur im Kopf, die sie aber nicht transparent macht. Herr Veit aber scheint verstanden zu haben, was Frau Burgdorf sagen will, glaubt es verstanden zu haben oder möchte, dass das Thema beendet wird und reagiert in Bezug auf das vorherige zögerliche Hörersignal mit einem eindeutigeren „ist gut“. Denkbar ist auch, dass es eine Ratifizierung der, von der Fachkraft vorgestellten Arbeitsprinzipien der Beratungsstelle bedeutet. In einer weiteren Lesart könnte er glauben, hier in der gezeigten Rolle eines jungen Menschen auf dem Weg zum Erwachsenen Begleitung bei einem Entwicklungsthema (Überdenken seines Suchtmittelkonsums) erhalten zu können, indem er „erst einmal nur kommt“ und dabei „keinerlei Verpflichtungen“ eingeht. Die Deutungen haben gemeinsam, dass aus Sicht des Klienten das Thema damit beendet ist. Ob beide von denselben „Rahmenbedingungen“ ausgehen und was genau Herr Veit ratifiziert, bleibt zunächst unklar. Frau Burgdorf: (Atmet tief ein) Ähm, Sie waren in der Suchtambulanz inner Sprechstunde (.) #00:01:07–5# Herr Veit: Mhm, genau. #00:01:08–3# Frau Burgdorf: Und dann hat man Sie hierhin geschickt. Bass, das ist die Beratungsstelle für Alkohol und sonstige Suchtfragen(.). #00:01:13–3# Herr Veit: Achso (.) Ja ich meine Mutter sagte mir, das heißt Bass und @(.)@ #00:01:18–0# Frau Burgdorf: Joa #00:01:18–6# Herr Veit: Weil also sonst nehm ich sie eigentlich mit (genuschelt), weil ich das selbst noch nicht wirklich kann und diese ganzen Formulare und(.) #00:01:25–6# Frau Burgdorf: Jaa #00:01:26–0# Herr Veit: Sowas, aber da sie keine Zeit hat (.), Zeit hatte (.), bin ich trotzdem hier (leise) #00:01:31–3# Frau Burgdorf: Ja, super, dass Sie hier sind @(.)@ #00:01:33–7# Herr Veit: @(.)@ #00:01:33–6# Die nächste Interaktion beginnt damit, dass Frau Burgdorf tief einatmet. Dies deutet auf eine, wie auch immer geartete Besonderheit hin: Vielleicht muss sie sich konzentrieren, vielleicht ist sie ungeduldig oder vielleicht bekommt sie schlecht Luft. Aber wie auch schon zuvor, scheint es ein habituelles Signal zu sein, dass auch für sie das Thema der routinierte Vorstellung dessen, was in der Beratungsstelle passiert oder passieren kann, abgeschlossen zu sein scheint, denn sie knüpft an die Rekonstruktion der Bedingungen, wie Herr Veit in die Stelle gekommen ist, wieder an. Sie fragt also nicht nach, was genau er in der Sequenz davor ratifiziert hat. Demgegenüber scheint ihr die 141 Rekonstruktion der Überweisung von der Suchtambulanz wichtig zu sein. Möglicherweise folgt sie wieder einem inneren Ablaufplan, den sie aber nicht transparent macht oder sie spielt den Ball der Interaktion wieder zum Klienten, da er weitererzählen soll. Möglicherweise ist es ihr wichtig, dass er erzählt. An dieser Stelle könnte sich andeuten, dass es der Fachkraft nicht nur darum geht objektive Daten zu erheben, sondern auch darum eine Interaktion mit dem Klienten in Gang zu setzen, bei der Herr Veit frei von sich erzählt, d. h. in eine Narration oder einen Erzählstrom59 kommt (Schütze 1984b). Allerdings erfolgt kein Impuls, der den Klienten eindeutig dazu ermutigt dies zu tun. Stattdessen entsteht eine kurze Pause. Diese erzeugt eine gewisse Spannung oder Unsicherheit und steht damit im Widerspruch zu dem, im vorherigen Abschnitt verbalisierten „Sie müssen hier gar nichts sagen.“ und dem Bemühen, Sicherheit zu schaffen, denn die Uneindeutigkeit „soll ich erzählen oder nicht“ erzeugt eine Spannung zwischen Gesagtem und Gemeintem und bewirkt somit eher Unsicherheit. Darauf reagiert Herr Veit erneut mit einem unbestimmten Hörersignal, indem er lediglich die inhaltliche Aussage der Fachkraft, dass er ja aus der Suchtambulanz komme, bestätigt. Frau Burgdorf unternimmt einen weiteren Anlauf der Rekonstruktion des Weges des Klienten, indem sie pointiert, dass Herr Veit „geschickt“60 wurde und knüpft dann mit einer Erklärung des Wortes „BASS“ an, das Herr Veit benutzt hatte, ohne zu verstehen, was es bedeutet. Dies hat etwas Belehrendes und setzt damit das Beziehungsverhältnis Erwachsener–Kind fort. Es entsteht eine kurze Pause, bevor Herr Veit mit einem „Ach so“ antwortet, wieder eine Pause entsteht und ein kurzes verbales Stutzen („Ja ich“) folgt, das wieder mit einer Pause beendet wird. Dies deutet auf eine Überraschung oder Verunsicherung hin: eine Aufklärung über den 59 (Schütze 1984b, S. 79) geht davon aus, dass es zwischen dem Erzählstrom und der konkret erlebten Erfahrung eine Entsprechung gibt und dass durch Rekonstruktion dieser Erfahrungen ein ‚Zugang‘ zu den Mustern und individuellen Konstruktionen der Wirklichkeit eines Menschen möglich ist. Dies wiederum ermöglicht es diese Informationen zu diagnostischen Zwecken zu nutzen, um Schwierigkeiten zu antizipieren und geeignete Interventionen vorschlagen zu können. 60 Der Ausdruck von jemandem „geschickt“ worden zu sein symbolisiert in dieser Beratungsstelle den Umstand, dass jemand nicht aus freien Stücken gekommen ist, sondern dass möglicherweise ein „Zwangskontext“ vorliegt. Dieser Umstand wiederum ist relevant für die Beurteilung der „Motivation“ eines Klienten als Voraussetzung zur Beantragung von Leistungen zur Rehabilitation. In diesem Kontext wird es deshalb wie ein Fachwort verwandt. 142 Namen der Beratungsstelle hat er nicht erwartet. Damit wird deutlicher, dass das Verhalten der Fachkraft im Widerspruch zu dem Gesagten steht bzw. Herr Veit auf der Inhaltsebene möglicherweise etwas anderes erwartet hat. Anstatt Sicherheit zu vermitteln, schafft ihre Bemerkung damit Unsicherheit, mindestens aber Überraschung. Herr Veit fährt fort, dass ihm seine Mutter gesagt habe, dass die Beratungsstelle so heiße dass er sie „normalerweise“ mitnehme, weil er „sowas“ noch nicht könne und dass sie auch bei dem Gespräch in der Suchtambulanz dabei gewesen sei. Dies könnte auf einen Zwangskontext hinweisen, falls die Mutter ihn gedrängt hat, diese Schritte zu gehen. Für den Beziehungsaufbau bedeutet dies jedoch, dass Herr Veit damit aufzeigt oder inszeniert, dass er bisher noch nicht oder nur eingeschränkt bereit oder in der Lage ist, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen oder das ihm das noch nicht zugetraut wurde. Es handelt sich aufgrund seines jungen Alters wahrscheinlich um ein habituelles Muster und bestätigt das oben genannte Muster Erwachsener–Kind mit dem Fokus auf Hilflosigkeit und / oder Schutzbedürftigkeit. In einer Suchthilfestruktur, die auf Verantwortung übernehmendes, rationales „Erwachsenen“–Verhalten eingestellt ist, sind dann Habitus– Struktur–Konflikte im Sinne einer Überforderung des Klienten vorprogrammiert. In dieser Perspektive wird das expertokratische Verhalten der Suchtambulanz, Herrn Veit weiterzuschicken, ohne sicherzustellen, dass er weiß, was er tut oder was zu tun er aufgefordert wurde, reproduziert. In einer anderen Perspektive hat Herr Veit Verantwortung übernommen und ist ohne seine Mutter zum Termin erschienen. Dies weist auf einen aktuellen Versuch Verantwortung zu übernehmen, „erwachsener“ zu werden und rational zu agieren hin. Eine andere Lesart wäre, dass er ein solches Verhalten inszeniert und Frau Burgdorf damit implizit auffordert, sein Bemühen anerkennend zu würdigen. Insofern deutet sich hier möglicherweise ein Emanzipationsprojekt oder die Inszenierung eines solchen durch Herrn Veit an, das an einer Auseinandersetzung mit dem Suchtmittelkonsum und seinen Folgen ausagiert wird. In dieser Lesart wäre dies vielleicht wieder ein habitueller Beziehungstest dahingehend, ob Frau Burgdorf sich auf ihn und seine Konstruktionen einstellt oder bereit ist, sich darauf einzustellen. Da diese Lesart auch schon zu einem früheren Zeitpunkt in den Blick kam („weiß nicht, was ich hier sagen muss“) und sich damit innerhalb kürzester Zeit wiederholt, deutet dies darauf hin, dass Herr Veit es möglichweise 143 gewohnt ist, Anerkennung offensiv einfordern zu müssen oder dass er sich über diese Verhaltensweise, die sich als unkonventionell zeigt und auch bei Frau Burgdorf Überraschung ausgelöst hat, Kontrolle über die Kommunikation und damit Sicherheit verschafft. Frau Burgdorf reagiert mit einer Bestätigung, fast mit einem Lob. Damit nimmt Frau Burgdorf die angebotene Beziehungsebene Erwachsener– Kind auf, indem sie ein erwartetes oder erwünschtes Verhalten positiv verstärkt und das Spiel sozusagen mitspielt, ob inszeniert oder nicht. Sie reagiert mit ihrer Intervention intuitiv auf die Lesart „Suche nach Anerkennung“ und sieht dies als Teil ihres fachlichen Verhaltens, um einen Kontakt herzustellen, wie sie im Nachinterview erläutert. „, also die Anerkennung, die er sonst über den Konsum gekriegt hat, die hat er hier ganz klar über die Abstinenz eingefordert. […] Aber das is ok, also das darf er, das is ja @(.)@ völlig in Ordnung @(.)@ Geb' ich ihm auch gerne. Aber das ähm (.) ich finde das macht's einfacher, Zumindest erstmal in einen Kontakt zu kommen. #00:05:38–3# Andererseits deutet sich hier durch das Lachen auch an, dass sie die Verstärkung des erwünschten Verhaltens im Sinne eines Emanzipationsprojekts oder –versuchs von Herrn Veit legitim findet und auch bereit ist, dort mitzuwirken. Dies gilt auch, falls es sich um eine Inszenierung handelt, um Anerkennung einzufordern. Allerdings sieht sie dies nicht als ihre eigentliche Aufgabe an, sondern lediglich als Einstieg in etwas anderes („zumindest erstmal“). Herr Veit reagiert mit einem kleinen Auflachen. Dies deutet wieder auf eine Überraschung oder Unsicherheit hin. “…ich will mich beraten lassen, was man da machen kann” Frau Burgdorf: ((lacht)) Ja, okay. Ähm(.), jetzt haben Sie gerade noch mal gesagt, auf jeden Fall Unterstützung, damit Sie Ihr Leben in den Griff kriegen, damit Sie weiter drogenfrei bleiben (.). Haben Sie sich schon mal irgendwie informiert, was das heißt, Therapie zu machen, oder ähm? #00:08:19–2# Herr Veit: Ähm nee, also deswegen bin ich hier. Also es ist ja wirklich jetzt erst seit Samstag(.)(.)//mhm//möchte mich, also ich will mich beraten lassen, was, was man da machen kann. #00:08:28–9# Frau Burgdorf: //mhm// #00:08:29–4# Herr Veit: Also ich weiß, dass man (.) äh da inner XY–Klinik da ne (.) so, dass es da Gruppen gibt, wo man drüber reden kann und dass man da klären kann. #00:08:38–3# 144 Frau Burgdorf: //mhm////mhm////mhm// Genau. (Atmet tief ein)(.) Also, würde ich Ihnen auf jeden Fall auch empfehlen, in Richtung Therapie zu gucken (.) ähm, (.) Therapie heißt, also, dass Sie, ich würd Ihnen auch ne Klinik empfehlen. Ich sach das mal einfach so deutlich. Wenn Sie sagen, es gibt auch noch so'n Drumherum mit hohem Aggressionspotential und erstmal sich wieder sortieren und, äähm, gibt's unterschiedliche Kliniken, die sich darauf spezialisiert haben. #00:09:05–3# Herr Veit: //mhm// (leise). #00:09:06–0# Der Beginn der auszuwertenden Stelle (Lachen und „ja, ok“) bezieht sich noch auf die vorhergehende Sequenz und schließt sie damit ab. Der sich anschließende Verlegenheitslaut und die kurze Pause markieren den Übergang in ein neues Thema. Frau Burgdorf knüpft an den, von Herrn Veit geäußerten Wunsch nach Unterstützung an und benutzt hierfür scheinbar die, von ihm selbst gewählten Worte: „auf jeden Fall Unterstützung“, „das Leben in den Griff kriegen“ und „drogenfrei“. Damit fasst sie aber das von ihr konstruierte Anliegen des Klienten zusammen, denn Herr Veit hat diese Worte zu keinem Zeitpunkt benutzt. Trotzdem passt die Aussage von der Art der Wortwahl her zu der Ausdrucksweise von Herrn Veit. Eine andere Möglichkeit im Sinne einer Inszenierung von Kompetenz wäre gewesen, Fachausdrücke wie „Hilfebedarf“, „Lebensbewältigung“ oder „abstinent“ zu benutzen. Dass Frau Burgdorf das hier nicht tut, zeigt, dass sie sich dem Sprachduktus des Klienten anpasst, möglicherweise mit dem Ziel „ich verstehe dich“ zu Lasten der Möglichkeit der Darstellung von Kompetenz zu signalisieren. Es ist ihr an dieser Stelle wichtiger, Herrn Veit zu signalisieren, dass sie ihn versteht, als dass sie ihre Fachkompetenz darstellt. Dadurch, dass sie es auf einer sprachlichen Ebene tut, von der sie ausgeht, dass er sie nachvollziehen kann, eröffnet sie auch die Möglichkeit für Herrn Veit, dass was sie verstanden hat, auf der Inhaltsebene zu ratifizieren oder zu relativieren. Als nächstes versucht sie die Frage nach der Art der Unterstützung zu konkretisieren und bringt den Begriff „Therapie“ ins Spiel bzw. fragt, ob Herr Veit sich über diese Art der Unterstützung schon informiert hat. Damit greift sie möglicherweise die, von ihm benutzte Formulierung der „Langzeittherapie“ auf. Herr Veit verneint dies und relativiert sein ursprünglich formuliertes Anliegen, indem er darauf verweist, dass das Ereignis, das die Reflexion über seinen Suchtmittelkonsum ausgelöst hat, ja erst am zurückliegen- 145 den Wochenende61 stattgefunden habe. Er relativiert sein Anliegen dahingehend, dass er sich beraten lassen will, welche Möglichkeiten der Hilfe überhaupt bestehen. Seinen grundsätzlichen Wunsch nach Unterstützung wiederholt er und verstärkt ihn noch, indem er das Wort „will“ benutzt. Dies verändert den Auftrag an Frau Burgdorf grundlegend von einer (möglicherweise administrativen) Vermittlung hin zu einer allgemeinen ergebnisoffenen Beratung über Angebote der (professionellen Sucht–) Hilfe. Herr Veit modifiziert somit sein Anliegen. Darauf reagiert Frau Burgdorf mit einem Hörersignal. Herr Veit fährt damit fort, dass er wüsste, dass es Gruppen „in der Klinik“ gäbe, „wo man drüber reden“ könne. Die Aussage zeigt sich wie am Anfang des Gesprächs relativ unspezifisch und vermittelt den Eindruck, dass er nicht wirklich weiß worüber er spricht. Welche Klinik meint er? Ist es die Klinik, die der Suchtambulanz angeschlossen ist oder eine andere? Meint er ein offenes Gesprächsangebot oder eine spezifische Maßnahme? Bringt er das Beispiel ein, um zu zeigen, dass er sich informiert hat? In jedem Fall wirft dieser Gesprächsbeitrag von Herrn Veit viele Fragen auf und klärt nicht wirklich, was er möchte. Frau Burgdorf nimmt diese Fragen jedoch nicht wahr. Stattdessen fasst sie die Beschreibung eher als einen weiteren Hinweis auf ein, in der angesprochenen Klinik stattfindendes Angebot einer stationären Entwöhnungstherapie (ein weiteres Wort, diesmal aus dem medizinischen Kontext für eine Rehabilitationsmaßnahme Sucht) auf und tätigt eine fachliche Einschätzung, indem sie eine solche Maßnahme in Bezug auf den Klienten grundsätzlich als sinnvoll beschreibt. Dabei wird das eindeutige „auf jeden Fall“ durch das „auch“ wieder relativiert. Trotzdem wird hier eine eindeutige Richtung ihrerseits benannt. Damit scheint sie weniger an der genauen Klärung des subjektiven Interesses von Herrn Veit interessiert zu sein. Sie scheint ihre Diagnose schon gefällt zu haben, denn sie setzt an zu erklären, was Therapie bedeutet, unterbricht sich dann aber, um zu sagen, dass Sie auch eine „Klinik“ im Sinne einer stationären Behandlung empfehlen würde. Damit geht sie nicht explizit auf das modifizierte Anliegen des Klienten bezüglich der grundsätzlichen Beratung über Möglichkeiten ein. Dies scheint aber nicht ihre übliche Vorgehensweise zu sein, denn sie relativiert: „ich sag das einfach 61Am Samstag (möglicherweise in der Nacht von Freitag auf Samstag) war das Ereignis, sonntags haben möglicherweise die Gespräche mit der Familie stattgefunden, montags war er in der Sprechstunde der Psychiatrie und dienstags morgens fand das hier protokollierte Gespräch statt. 146 mal so deutlich“. Dies lässt den Schluss zu, dass es sich bei der Empfehlung eine Klinik aufzusuchen, um eine explizit auf diesen Klienten gerichtete fachliche Einschätzung ihrerseits handelt. Sie begründet dies dann mit einem Bezug auf die Erzählung des Klienten über seinen Klinikaufenthalt wegen des „aggressiven Verhaltens“. Auffällig ist auch hier, dass sie den Sprachduktus des Klienten benutzt und eine Möglichkeit zur Inszenierung fachlicher Kompetenz durch die Benutzung von Fachwörtern verstreichen lässt. Unklar bleibt hier jedoch, ob es Gewohnheit oder bewusstes Handeln ist, denn sie bleibt in ihrer Beschreibung unklar („und, und, und“). Wichtiger scheint ihr zu sein, deutlich zu machen, dass es Kliniken gibt bzw. ihr Kliniken bekannt sind, die einen problematischen Konsum von psychoaktiven Substanzen in Verbindung mit einer komorbiden Störung bei jungen Patienten behandeln. Die Reaktion des Klienten wirkt, als füge er sich in sein Schicksal, denn er geht (zunächst?) nicht in die Opposition oder Diskussion, obwohl er kurz zuvor einen anderen Wunsch geäußert hatte. Stattdessen reagiert er mit einem leisen Hörersignal. Er ist mit seinem Anliegen nicht gehört worden, obwohl Frau Burgdorf zuvor „ich verstehe dich“ signalisiert hatte. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Beziehungsstruktur sich in das, zwischen der Fachkraft und Herr Veit hier etablierte asymmetrische Verhaltensmuster in Bezug auf die Möglichkeiten des Feldes (inkl. der eigenen Beratungsstelle), diesmal in der Variation als Expertin–Klient, verfestigt. Dies enttäuscht die geäußerten Erwartungen von Herrn Veit, denn Frau Burgdorf hatte mit Hilfe einer sprachlichen Angleichung „Verstehen“ signalisiert. Frau Burgdorf: Ähm, (.) Klinik heißt, wie alt sind Sie? Muss mal einmal zwischendurch fragen. #00:09:11–6# Herr Veit: Zwanzig. #00:09:11–8# Frau Burgdorf: Zwanzig. Okay. Äähm, dass Sie sechzehn Wochen inner Therapie sind, vielleicht auch n bisschen länger. Also bei Leuten, die noch so jung sind wie Sie (.) bewilligen die Kassen manchmal auch ne bisschen längere Zeit (.) (Atmet ein) Muss man gucken, dass Sie einfach n bisschen mehr Zeit haben, sich zu sortieren. #00:09:30–1# Herr Veit: Also ich (.) Ich weiß, dass ich diese Klinik so nich. Also ich ich ähm, ich brauch so ne Klinik nich, also, dass ich wieder über längere Wochen da bin (.). Weil es, es macht für mich, es macht mich da an sich so'n bisschen selbst fertig. Ich brauch schon meine Freiheit. //mhm (zustimmend) // Aber ich, ich, ich will das auch ganz.. Also ich, ich möchte auch Hilfe haben. //mhm////mhm// Und wenn's dann so Gruppen, ich weiß nicht ich glaub, so wie das da bei, da gibt's ja so Gruppen, wo man hingehen kann //mhm// Und wo dann einem geholfen wird, wo man erst mal drüber, über seine 147 Probleme reden kann. //mhm// Und das ist das, was ich eigentlich (.) so brauche. //mhm// (zustimmend) Oder gerne hätte. #00:10:07–0# Frau Burgdorf: //mhm// (höher). (.) (Atmet tief ein) Sie waren schon mal länger auch inner Klinik, oder...? #00:10:12–0# Herr Veit: Vier Wochen. Ich war vier Wochen drin. (.) Ich hatte. #00:10:15–9# Frau Burgdorf: Ja . Genau, das ham Sie gerade gesagt. Das ist aber ähm (.) das ist noch mal ne andere Nummer, als ne Therapie.(.) Ähm, bei 'ner Therapie ham Sie einfach erheblich mehr Freiheiten. #00:10:26–8# Herr Veit: //mhm// Ja. #00:10:27–2# Frau Burgdorf: Ich sach Ihnen einfach mal beide Möglichkeiten, die es gibt und Sie überlegen sich das in aller Ruhe und wir machen n neuen Termin aus und besprechen das dann noch mal weiter. Sie müssen's ja heute nich unbedingt entscheiden, sondern wichtig is einfach, dass der erste Schritt getan is, dass Sie hier sind, dass Sie wissen , es geht überhaupt vorwärts. #00:10:43–1# Frau Burgdorf stellt eine formale Frage nach dem Alter und entschuldigt sich quasi, dass sie diese Formalität an dieser Stelle einbringt. Offensichtlich hat sie eine Art Schema im Kopf, dass sie innerlich abarbeitet und mit dem sie nicht weitermachen kann, ohne diese Information zu haben. Herr Veit antwortet mit dem Zahlwort „Zwanzig“. Knapper hätte man nicht antworten können, ohne die Antwort zu verweigern. Ist er vielleicht irritiert? Frau Burgdorf wiederholt das Alter und beschreibt einen formalen Rahmen für eine stationäre Rehabilitation Sucht („16 Wochen inner Therapie“). Sie stellt in Aussicht, dass sich der Aufenthalt aufgrund des geringen Alters des Klienten auch verlängern könnte. Möglicherweise gibt es formale Vorgaben, aber auch Ausnahmeregelungen, die dies bei Bedarf ermöglichen. Sie scheint anzunehmen, dass Herr Veit „es nötig hat“ sich „länger zu sortieren“, was heißt, dass er mehr Zeit braucht als andere, möglicherweise lebensältere Klienten mit problematischem Suchtmittelkonsum. Konkret bedeutet das, dass sie möglicherweise schon eine Idee hat, was dem Klienten helfen könnte. Dies verfestigt das asymmetrische Beziehungsverhältnis. Darüber hinaus scheint die Unterscheidung, wie viel und welche Therapie jemand braucht, von formalen Bedingungen, wie dem Alter, und nicht vom tatsächlichen Bedarf abhängig zu sein. Frau Burgdorf scheint laut zu überlegen, wie strategisch argumentiert werden muss, um gegenüber einem Kostenträger genug Zeit für eine Therapie herauszuschlagen. Für sie ist die Entscheidung, was nun zu tun ist, im Modus eines Expertenurteils gefallen, ohne diese für Herrn Veit ergebnisoffen zurückzukoppeln. Damit hat Herr Veit nicht gerechnet. Er wirkt überrascht und versucht zu explizieren, dass er Hilfe möchte. Dabei braucht er zwei Anläufe, um 148 zu sagen, dass er einen derartigen Klinikaufenthalt nicht wünscht. Stattdessen hat er eine eigene Idee, was ihm helfen könnte („Gruppen, wo man hingehen kann“). Er argumentiert, dass es ihn „fertig“ mache so lange in der Klinik zu sein und dass er „seine Freiheit“ brauche. Er argumentiert emotional. Es scheint ihm wichtig, dass Frau Burgdorf seine Argumentation versteht, denn er beschreibt in seinen Worten, was er für eine Hilfe möchte. Dies ist ein Hinweis darauf, dass er möglicherweise auf der Basis seiner Erfahrung einen Autonomieverlust in einer Klinik antizipiert und dies für ihn einen Hinderungsgrund für die Annahme von Hilfe in Form von Rehabilitation darstellt. Entstand am Anfang des Gesprächs der Eindruck, dass er das geäußerte Anliegen der „Langzeittherapie“ eher unreflektiert von anderen Ebenen übernommen hat, so zeigt sich an dieser Stelle klar das Anliegen des Klienten aus seiner eigenen subjektiven Perspektive: Hilfe annehmen, aber zu seinen eigensinnigen Bedingungen. Dennoch kann die offene Ablehnung der Überlegungen der Fachkraft durch den Klienten für den Aufbau einer „Arbeitsbeziehung“ paradoxerweise als ein Zeichen von Vertrauen gedeutet werden, das möglicherweise durch vorhergehende Interaktionen mit Frau Burgdorf evoziert wurde. Als Grund hierfür kann Herr Veits offene Argumentation dahingehend, warum das „vorgefertigte Angebot“ der stationären Reha aus seiner Sicht nicht für ihn in Frage kommt, genannt werden. Diese bedeutet gegenüber einem subordinativen Folgen einer Empfehlung von sozialen Autoritäten („Langzeittherapie“) ein Risiko, das er hier eingeht. Insofern könnte sein Verhalten einen Versuch darstellen, die Beziehungsstruktur „Erwachsener–Kind“ oder „Experte–Klient / Patient“ in Frage zu stellen. Dabei lässt er durchblicken, dass er Angst vor einem Autonomieverlust hat, was einerseits auf eine weitere vertrauensvolle Öffnung hindeutet und eine wichtige Information für die weitere Beratung und für adäquate Hilfeangebote darstellt. Andererseits deutet der Schlusssatz „oder gerne hätte“ eine subordinative Unterordnung unter die expertokratische Einordnung des privaten Umfeldes (Langzeittherapie), der Suchtambulanz („soll mich vermitteln lassen“) und letztlich auch von Frau Burgdorf („empfehle stationäre Therapie) an. Insofern deutet dieser Sprechakt auf eine Entscheidungssituation hin, wie Herr Veit sie schon zweimal gezeigt hat. Wird Frau Burgdorf seiner Argumentation folgen oder nicht? Frau Burgdorf: //mhm// (höher). (.) (Atmet tief ein) Sie waren schon mal länger auch innere Klinik, oder...? #00:10:12–0# Herr Veit: Vier Wochen. Ich war vier Wochen drin. (.) Ich hatte. #00:10:15–9# 149 Frau Burgdorf: Ja . Genau, das Häm Sie gerade gesagt. Das ist aber ähm (.) das ist noch mal ne andere Nummer, als ne Therapie. (.) Ähm, bei 'ner Therapie ham Sie einfach erheblich mehr Freiheiten. #00:10:26–8# Herr Veit: //mhm// Ja. #00:10:27–2# Frau Burgdorf: Ich sach Ihnen einfach mal beide Möglichkeiten, die es gibt und Sie überlegen sich das in aller Ruhe und wir machen n neuen Termin aus und besprechen das dann noch mal weiter. Sie müssen's ja heute nich unbedingt entscheiden, sondern wichtig is einfach, dass der erste Schritt getan is, dass Sie hier sind, dass Sie wissen , es geht überhaupt vorwärts. #00:10:43–1# Herr Veit: Ja. #00:10:43–1# Frau Burgdorf: Ähm, (.) es gibt die Möglichkeit hier bei uns im Haus ne ambulante Therapie zu machen. #00:10:50–7# Herr Veit: //mhm// Ja. #00:10:51–4# Frau Burgdorf: Das heißt, Sie würden n halbes Jahr, die meisten verlängern dann noch mal auf n Jahr, aber so, so diesen Zeitraum. Einmal in der Woche zum Gruppengespräch hier hinkommen und ungefähr alle zwei Wochen zum Einzelgespräch. #00:11:04–3# Herr Veit: //mhm// Ja. #00:11:05–4# Frau Burgdorf: Und in den Gruppen, ähm, geht's am Anfang erstmal darum, so'n, so'n Fachwissen noch mal zum Thema Abhängigkeit zu kriegen, also was passiert im Gehirn, warum is ne Rückfallgefahr da, was kann ich dann tun. Solche Geschichten. Und danach geht's dann tatsächlich um die Frage, wie ähm, wie kann ich mein Leben so gestalten, dass ich zufrieden bin, dass ich 'n ausgeglichenes Leben habe. #00:11:31–8# Herr Veit: Ja. #00:11:32–5# Frau Burgdorf: Oder mein Leben in den Griff kriege, so ham Sie's grad formuliert, ne? Das wär so Inhalt der Gespräche.(.) (Atmet tief ein) Ähm, die andere Möglichkeit ist eben ne so genannte stationäre Therapie zu machen, das is aber was anderes als der Krankenhausaufenthalt, den Sie hier in der Klinik hatten. #00:11:48–8# Herr Veit: //mhm// Ja. #00:11:49–8# Frau Burgdorf: Ähm, es gibt zum Beispiel in XY ne Klinik, die hat sich auch spezialisiert auf Leute zwischen 18 und 25. Also da wären Sie mit Gleichaltrigen zusammen(.) (holt tief Luft) Da geht's um genau das gleiche Thema, wie krieg' ich mein Leben wieder in den Griff ,... #00:12:05–2# Herr Veit: //mhm// (interessiert) #00:12:05–9# Frau Burgdorf: ...aber Sie würden einfach erheblich mehr Unterstützung kriegen, weil Sie einfach den ganzen Tag da wären. Sie hätten auch da Gruppengespräche, können sich mit Leuten unterhalten. //mhm// Die sind auch spezialisiert auf Ihren, auf Ihren Konsum, also Alkohol, Cannabis, Amphetamine, so dieser ganze Bereich, das ähm, joa da sind die einfach so die Fachklinik für. (Atmet tief ein) Sie würden da aber auch Hilfe kriegen ähm zum Thema ähm Bewerbung, Jobsuche ähm so all diese Geschichten, auch noch mal genauer mit denen gucken können. Sie haben ja recht jung, sag ich mal so , angefangen regelmäßig zu konsumieren. #00:12:43–7# Herr Veit: Ja. (zustimmend) #00:12:43–7# Frau Burgdorf spricht das Thema des „längeren Klinikaufenthalts“ an. Gemeint ist der Psychiatrieaufenthalt des Klienten, über den er schon vorher berichtet hatte (# 00:05:57). Herr Veit reagiert auf die geschlossene Frage mit einer Aussage über die Dauer und setzt an weitere Inhalte zu berichten, wird von der Fachkraft aber unterbrochen. Die Zeit 150 für weitere subjektlogische Explikationen ist vorüber, nun geht es um andere Dinge. Tatsächlich wird in der danach folgenden Explikation deutlich, dass sie die einführende Frage als „Aufhänger“ benutzt hat, um dem Klienten das System und einzelne Maßnahmen der Suchttherapie zu erklären. Welche prinzipiellen Möglichkeiten gibt es und wie sieht die „Arbeit“ in den Maßnahmen aus? Dabei versucht sie immer wieder inhaltlich an die Explikationen des Klienten anzuknüpfen. Die Ausführungen wirken trotz der Anknüpfungen routiniert. Sie wechselt für den Klienten unvermittelt in die Rolle einer Brokerin62 von Maßnahmen, wie sie neben der Funktion der Gatekeeperin z. B. im Konzept des Casemanagements beschrieben ist (vgl. Bojack et al. 2010). Dabei verweist sie als erstes auf ein Angebot im eigenen Haus. Herr Veit reagiert neutral, fast zurückhaltend mit Hörersignalen. Lediglich als sie eine besondere Einrichtung für junge Erwachsene erwähnt, scheint er interessiert. Daraufhin erklärt Frau Burgdorf fast werbend, aus welchen Gründen sie eine solche Maßnahme für ihn für geeignet hält. Dieses Verhalten steht im Widerspruch zu der Aussage kurz zuvor, dass er eine Entscheidung in Bezug auf eine bestimmte Maßnahmeform heute nicht zu treffen braucht. Trotzdem wirkt es so, als habe Frau Burgdorf sich innerlich bezüglich der Art und Weise der Maßnahme schon festgelegt. Herr Veit reagiert darauf zurückhaltend und scheinbar verbal zustimmend. Diese Zurückhaltung steht im Widerspruch zu dem expressiven Verhalten, das er im Modus der Narration gezeigt hat. Dies könnte als Unsicherheit oder konfliktvermeidendes Verhalten im Sinne einer äußerlichen Zustimmung, aber innerlichen Ablehnung gedeutet werden und weist damit auf eine Verunsicherung auf der Beziehungsebene hin. Frau Burgdorf wechselt aus Sicht des Klienten abrupt die Rolle von der Beraterin zur Gatekeeperin bzw. Brokerin. Möglicherweise folgt sie einer inneren Orientierung. Sie verweist dabei als erstes auf ein Angebot im eigenen Haus. Herr Veit reagiert eher zurückhaltend. Die Möglichkeit, das Angebot von Herrn Veit, zu seinen Bedingungen Verantwortung zu übernehmen, aufzugreifen, ist vertan. Frau Burgdorf orientiert 62 "Eine der Hauptfunktionen besteht in der sogenannten Broker–Funktion, wobei der Casemanager in Absprache mit dem Kunden Aufgaben des Organisierens, Beschaffens und Aushandelns von Dienstleistungen übernimmt. Er macht auf der Grundlage seiner Kenntnisse verschiedene Vorschläge bezüglich möglicher Hilfen und Dienstleistungen zur Behebung der gegebenen Problemlage und beachtet den Verlauf der Unterstützungsleistung." (Bojack et al. 2010, S. 88) 151 sich im Modus von Routine an den Möglichkeiten des Feldes und geht nicht darauf ein, mit Herrn Veit nach anderen Hilfemöglichkeiten zu suchen. Aber warum geht Frau Burgdorf nicht auf das modifizierte Anliegen von Herrn Veit ein? Vermutet Sie aus einer Expertensicht, dass diese Art von Hilfe für die Problematik nicht geeignet ist? Konnte sie das Anliegen des Klienten im Sinne eines mangelnden empathischen Zugangs nicht verstehen oder hat sie es für sich als "nicht machbar, nicht relevant" innerlich verworfen? Es scheint, als hätte Frau Burgdorf sich in diesem Sinne positioniert, ohne dies allerdings zu kommunizieren. Sie tut jedoch zunächst so, als würde sie das Anliegen nachvollziehen können (zustimmende Hörersignale), das Herr Veit beschreibt. Innerlich scheint sie aber schon eine Entscheidung getroffen zu haben, wie sich in diesem Gesprächsausschnitt gezeigt hat. Insofern sind ihre Hörersignale im Gesprächsausschnitt davor eher habituell und nicht authentisch. Für die Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ bedeutet dies die implizite Botschaft für Herrn Veit: Im Zweifelsfall orientiert sich Frau Burgdorf an den Erwartungen des Feldes zu Lasten der geäußerten Wünsche des Klienten, obwohl sie es auf der Inhaltsebene am Anfang des Gesprächs anders angekündigt hatte. Zur vertiefenden Analyse dieser beiden Szenen, die insbesondere die Frage aufwirft, warum Frau Burgdorf sich entgegen ihrer Ankündigung aus der Anfangssequenz („sie gehen hier keinerlei Verpflichtung ein“) auf diese Art und Weise verhält, sollen weitere Kontextinformationen aus dem Nachinterview mit Frau Burgdorf zu diesem Gespräch hinzugezogen werden. Auf die Frage, woran sie erkannt habe, ob eine „Arbeitsbeziehung“ im Sinne einer vertrauensvollen Beziehung entstanden sei, antwortet Frau Burgdorf: Ähm, dass er offen kommuniziert. (.) Dass er Blickkontakt hält. Ähm, aber wirklich auch daran, dass sein Auftrag da im Moment zumindest so klar ist. Ähm, (.) auch daran, dass wir ähm, (.) dass, also dass ich durchaus sagen konnte, ähm, ich sehe Sie eigentlich eher in einer stationären Therapie und er gesagt hat, joa das kann ich verstehen, warum er das machen soll, aber ich will ambulant. Ähm, also der konnte da für sich sorgen, konnte das aussprechen. Ich denke da is einfach auch, das war für ihn auch ok. Das spricht für mich für 'ne Arbeitsbeziehung, die funktioniert. #00:04:07– 4# 152 Bei der Begründung ihrer subjektiven Einschätzung, dass im aufgezeichneten Gespräch eine, aus ihrer Perspektive funktionierende Arbeitsbeziehung63 entstanden sei, stützt sich Frau Burgdorf auf ihre Einschätzung, dass sein Auftrag „so klar“ gewesen sei. Zwar wird dies durch die Formulierung „im Moment“ eingeschränkt, dennoch vermittelt sie den Eindruck, dass Herr Veit sich eindeutig in Bezug auf die Wahrnehmung der Vermittlung in eine ambulante Rehabilitationsmaßnahme geäußert habe und definiert dies für sich als „klaren“ Auftrag. Diese Einschätzung wiederholt sie im Nachinterview an zwei weiteren Stellen. „dass ich wirklich gedacht habe, ähm, der hat's mir einfach gemacht. Aber, also deshalb, weil er zum einen wirklich klar war mit seinem Anliegen. […]“ (Nachinterview Frau Burgdorf zum Gespräch Herr Veit #00:05:38–3# ) und „also es gibt 'ne klare Absprache, wie's weiter geht. Ähm, er will ambulante Therapie machen. […]“(Nachinterview Frau Burgdorf zum Gespräch Herr Veit #00:11:15–8#) Es scheint für Frau Burgdorf keinen Zweifel an ihrer diesbezüglichen Wahrnehmung zu geben. Die obige Analyse der Gesprächssequenz hingegen zeigt ein anderes Bild, da ein „klarer Auftrag“ in Richtung Vermittlung in Rehabilitation genau nicht der Fall ist. Herr Veit hat die Vermittlung in eine solche Maßnahme abgelehnt und sich stattdessen eine Beratung über alternative Hilfemöglichkeiten jenseits von der sog. „Therapie“ gewünscht. Erklärungsbedürftig ist daher, wie es zu dieser Fehleinschätzung bzw. Fehlwahrnehmung kommen konnte. Die einfachste Erklärung wäre, dass Frau Burgdorf sich verhört hat. Dem ist entgegenzuhalten, dass Herr Veit in der zweiten Textstelle des Gesprächs ausführlich darstellt, dass und warum er so eine Lösung nicht möchte. Eine weitere Erklärung wäre, dass Frau Burgdorf sich im Rahmen einer expertokratischen Einschätzung explizit gegen die Wünsche von Herrn Veit positioniert. Dies erklärt aber noch nicht ihre scheinbare Überzeugung, Herr Veit 63 Die Lesart einer „Arbeitsbeziehung, die funktioniert“ beschreibt in der bisher entwickelten Perspektive das Entstehen einer subjektiven Bewertung der Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen im Sinne von Arnold (2009). 153 selbst habe sich für die Vermittlung in eine solche Maßnahme entschieden bzw. dies beauftragt. Es wird deutlich, dass dies aus ihrer Sicht sogar „so klar“ gewesen sein muss, dass sie darüber die Existenz einer Beziehung in Richtung Vertrauen konstruiert hat. Eine andere Lesart wäre, dass Frau Burgdorf diese Einschätzung implizit oder habituell (also nicht wissentlich) selbst konstruiert hat, weil es aus ihrer Perspektive keine andere Möglichkeit zur Unterstützung von Herrn Veit geben kann und er dies selbst schon eingesehen habe. Gestützt wird diese Deutung durch die Eingangssequenz des Nachinterviews mit ihr: „Frau Burgdorf: Ok. (.) Ähm, genau, es is 'n Mann, […]t Konsument von Alkohol, Cannabis, Amphetaminen, MDMA. //mhm//, geschickt von der äh Suchtambulanz der XY–Klinik ähm und mit dem Auftrag an mich, ihn in eine Langzeittherapie zu vermitteln. #00:01:00–5# Interviewer: Ok. Das war seine Idee oder die Idee der Klinik? #00:01:05– 0# Frau Burgdorf: Nee, seine Idee. //mhm// Er hat sich an die Klinik um Hilfe gewandt und ähm, aber schon mit der Idee, 'ne Therapie zu machen. #00:01:12–1# Interviewer: Das heißt, er ist da hingegangen und die haben ihn hierhin, die haben ihn zu euch geschickt? #00:01:16–9# Frau Burgdorf: Genau, weil wir die Vermittlung machen. Die Klinik macht nur dann Vermittlung, wenn die Leute stationär aufgenommen sind.“ #00:01:21–7#“ (Nachinterview Frau Burgdorf zum Gespräch mit Herrn Veit“). In dieser Lesart müsste Adherence nicht mehr hergestellt werden („er hats mir leicht gemacht“) und die Beratungsstelle hätte nur den administrativen Auftrag der Vermittlung. Insofern wäre die ambulante Variante schon ein Zugeständnis im Sinne eines Brückenbaus an Herrn Veit, da Frau Burgdorf aufgrund eines „hohen Aggressionspotentials“ eine stationäre Reha empfohlen hatte, er aber argumentierte, dass er „seine Freiheit“ brauche. Hier würde es dann nur noch um das „wie“, aber nicht mehr um das „ob“, geschweige denn um den Ausschluss einer solchen Maßnahme gehen. Gestützt wird diese Lesart durch die Fortsetzung der o. g. dritten Erwähnung dieser Konstruktion: „[…] Ich hab mit ihm jetzt gesagt, das machen wir immer so, das hab ich gar nicht mit ihm diskutiert. Ähm, dass er für den, bevor wir mit der Beantragung anfangen, erstmal 'ne Zeit lang die Abstinenz hinkriegen muss. 154 Wenn das gut klappt (.).ähm machen wir den Antrag. Wenn das nicht klappt, müssen wir noch mal gucken, wie er das entweder schaffen kann und wir schieben den Antrag raus oder wir gucken doch Richtung stationär.“ (Nachinterview Frau Burgdorf zum Gespräch Herr Veit #00:11:15– 8#) Diese Lesart ließe sich noch durch weitere Argumente stützen. Zum einen legt die örtliche Organisation der suchtbezogenen Hilfen dies nahe. Dies zeigt sich insbesondere in der Tatsache, dass Herr Veit von der Suchtambulanz mit einem scheinbar einfachen administrativen Vermittlungsauftrag (s. o.) „geschickt“ wurde. Zum anderen lässt die Definition von Sucht als Krankheit, insbesondere in Kombination mit einer weiteren psychischen Auffälligkeit (hohes Aggressionspotential), die Deutung zu, dass in dieser Perspektive eine Behandlung einen professionellen Rahmen erfordert, von dem Frau Burgdorf möglicherweise denkt, dass dieser in der Beratungsstelle oder in einem anderen Setting (z. B. Selbsthilfe) nicht gewährleistet werden kann oder sie sich dem nicht gewachsen fühlt. Dazu sagt sie an anderer Stelle: „Ähm, (.) ich sach jetzt mal 'n bisschen lax, der is nich ohne, dieser Knabe. Der wirkte hier, wie gesagt, sehr dünn und blass. Hat aber im Juni 4 Wochen inner XY–Klinik verbracht, weil er, so wie er's sagte, Schwierigkeiten mit seinem Aggressionspotenzial hatte und Mordgedanken hatte. [… ] Aber das ist schon immer sowas, wo ich denke: okay ich kenn' jetzt aber erstmal auch nur einen Teil von ihm. […].“ (Nachinterview Frau Burgdorf zum Gespräch Herr Veit #00:10:34–7# Eine Deutung des Suchtmittelkonsums und der Auseinandersetzung damit, insbesondere unter dem, aus ihrer Sicht erschwerend hinzukommenden Aspekt der Gewalttätigkeit („der ist nicht ohne dieser Knabe“), als emanzipatorisches Projekt in ihrer Zuständigkeit ist für Frau Burgdorf nicht denkbar oder kommt ihr nicht in den Sinn. Die grundsätzliche strukturelle und nicht nur die örtliche Organisation von Hilfen im Kontext Sucht legt dies auch nicht nahe (s. Kap. 3.2.3). Darüber hinaus deutet Frau Burgdorf den, sich in diesem Kontext anbahnenden offen ausgesprochenen Konflikt paradoxerweise scheinbar als Zeichen einer entstandenen Beziehung in Richtung Vertrauen („er konnte da für sich sorgen, er konnte das offen aussprechen“). Diese Deutung als Teil einer „funktionierenden Arbeitsbeziehung“ wird unterstrichen durch ihre erste Aussage über die Beziehung, nämlich, „dass er offen kommuniziert“ habe. „Offen“ lässt sich daher so deuten, dass 155 die Aussage von Herrn Veit von Frau Burgdorf als authentisch und nicht strategisch im Sinne einer Zielabsicht interpretiert wurde. Diese Deutung trifft sie auf der Basis ihrer bisherigen berufsbezogenen Beziehungserfahrungen mit Klient_innen, denn sie berichtet an anderer Stelle im Nachinterview: „Ich hab schon öfter so 20–jährige Hüpfer gehabt. Die sich seit Jahren die Birne zugekifft haben und dann irgendwann auf den Dreh kommen, das ist doch scheiße und ich schmeiß mein Leben weg. Und die kommen hierhin und brauchen im Grunde erstmal ne Mama. Und so'n mindestens innerliches "komm ich nehm' dich jetzt mal in den Arm und das ist auch alles schwierig und wir finden aber schon einen Weg". #00:07:18–7# Auf der Beziehungsebene kann sie das Hilfesuchverhalten zwar als Emanzipationsprojekt von Herrn Veit deuten, sieht sich aber auf der Handlungsebene nicht als langfristig dafür zuständig („erstmal“). Zuständig sieht sie sich nur für die „Herstellung“ von Adherence bis, so könnte in dieser Lesart ergänzt werden, die Krankheitseinsicht gegeben ist. Die Beziehungsebene wird hierbei als Medium genutzt, um in letzter Konsequenz den Selbstschädigungsprozess zu unterbrechen. Aus dieser Perspektive ermöglicht ein offener Konflikt mit einer, als authentisch beurteilten Kommunikation den Austausch rationaler, in diesem Sinne „vernünftiger“ Argumente zu der Frage, wie die Unterbrechung des Selbstschädigungsprozesses als oberstes Ziel auf der Basis gegebener Möglichkeiten des Feldes realisiert werden kann. Aus der Sicht von Herrn Veit allerdings bleibt der implizite Wunsch nach ausschließlicher Begleitung ohne ein langfristiges Ziel dabei ungehört und damit unerhört im Sinne von „diese Lösung kann es nicht geben“. Insofern stellt der geäußerte Wunsch von Herrn Veit eine „Setting–Verletzung“ oder den Wunsch danach dar, denn im Rahmen der suchtbezogenen Hilfen besteht als sog. „professionelles Leitthema“ eine fast vollständige Übereinstimmung mit der Sichtweise „Sucht als Krankheit“ (vgl. Kap. 3.1). Dies wiederum bedeutet eine stringente Ausrichtung auf suchttherapeutische Hilfen im Sinne einer Heilung (s. Kap. 3.1.1). Für die Entstehung einer „Arbeitsbeziehung“ bedeutet das „nicht (er– )hören“ der Wünsche von Herrn Veit in der hier entfalteten Perspektive dann nicht eine tendenzielle Entwicklung hin zu Vertrauen, wie dies von Frau Burgdorf gedeutet wurde, sondern eher eine Entwicklung hin zu Misstrauen. Daher kann die offene, emotionsbesetzte Ansprache des 156 Konfliktes auch aus Sicht von Herrn Veit als Situation gedeutet werden, die Ähnlichkeit mit einem sog. „Jetzt–Moment“ (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 35) hat und in Bezug mit kairosartigen Konstellationen steht, in denen sich Entscheidendes im Beratungsprozess ereignet. Die Fehlinterpretation von Frau Burgdorf, die die Ansprache des Konfliktes auf der Basis ihrer Erfahrungen und der vermuteten Orientierung an der Ausrichtung Sucht als Krankheit verhindert, führt dazu, dass sie diesen Moment hier nicht stimmig aufgreift. Darüber hinaus deutet sie ihn sogar konträr als Zeichen von Vertrauen und als eine Ratifizierung ihrer Vorgehensweise, weil es ausgehend von ihrer Konstruktion der Situation keine andere Umgangsweise mit der Situation, als die von ihr vorgeschlagene, geben kann. Sie orientiert sich hier somit habituell–routiniert eher an den Möglichkeiten des Feldes, als an den Wünschen des Klienten, obwohl sich in dem Moment, in dem er eigensinnige Lösungen entwarf, die Möglichkeit einer Veränderung der subjektiven Bewertung der Beziehung aus Sicht von Herrn Veit anbot. Insofern handelt es sich in der Perspektive der Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ um ein Scheitern der kairosartigen Konstellation oder wie Stern dies in Bezug auf Jetzt–Momente formuliert um eine „verpasste Gelegenheit“ (Stern 2014, S. 183 f.). “Das sind jetzt erstmal die Rahmenbedingungen” Nachfolgend soll die Schlusssequenz des Protokolls analysiert werden. Frau Burgdorf: Das sind jetzt erstmal die Rahmenbedingungen. (Atmet tief ein) Für die ambulante Therapie is Voraussetzung, dass Sie weiter abstinent bleiben. #00:20:20–8# Herr Veit: //mhm// das.. #00:20:21–8# Frau Burgdorf: Das haben Sie vor. Das is mir klar, ich sag aber einfach auch noch mal, dass das die Voraussetzung is, weil manchmal Leute auch denken, ähm, Sie können quasi konsumieren bis die ambulante Therapie losgeht. Herr Veit: //mhm//Ja. #00:20:37–2# Frau Burgdorf: Das funktioniert aber nicht, sondern man muss selbstständig es hinkriegen, nix zu nehmen und die Therapie is quasi die Absicherung, dass das funktioniert. Von daher, bevor wir ne ambulante Therapie beantragen, gucken wir auch immer, dass 'n bisschen Zeit ins Land geht, dass jemand erstmal selber für sich ausprobiert, ich krieg' das jetzt hin mit der Abstinenz. #00:20:54–5# Herr Veit: //mhm// Ja. #00:20:56–0# Frau Burgdorf: Dabei kann ich Sie gerne unterstützen, das heißt, wir machen hier einfach 'n neuen Termin aus, gucken wie's Ihnen geht. #00:21:01–3# Frau Burgdorf beendet eine zuvor begonnene Sequenz, bei der sie offensichtlich etwas erläutert hat, was sie als Rahmenbedingungen be- 157 zeichnet. Das tiefe Einatmen beendet diese Sequenz und könnte gleichzeitig darauf hindeuten, dass nun etwas folgt, von dem Frau Burgdorf möglicherweise antizipiert, dass es für den Klienten unangenehm sein könnte. Auf jeden Fall markiert das Einatmen eine Trennung zwischen dem ersten Teil, der beendet wird (sachliche Aufklärung) und dem zweiten Teil, bei dem es dann um etwas anderes geht. Diese Sequenz beginnt damit, dass Frau Burgdorf konstatiert, dass für eine ambulante suchtrehabilitative Maßnahme die Abstinenz eine Voraussetzung darstellt. Dies hört sich erstmal nach einer sachlichen Information an, scheint aber etwas anderes zu sein. Herr Veit reagiert mit einem Hörersignal und setzt an, etwas zu sagen, wird aber von der Fachkraft unterbrochen, die klar stellt, dass ihr bewusst sei, dass er „das“ (gemeint ist die Abstinenz) vorhabe. Hier deutet sich ein Konflikt an. Zum einen lässt Frau Burgdorf den Klienten nicht ausreden, zum anderen deutet sie an, dass sie seiner Selbsteinschätzung, dass er abstinent bleiben will, nicht traut oder dass sie ihm dieses Abstinenzvorhaben nicht zutraut. Dies sagt sie aber nicht direkt, sondern maskiert es in der allgemeinen Aussage „weil manche Leute denken“. Herr Veit weist diese Unterstellung nicht zurück, sondern reagiert mit einem Hörersignal und dem Ansatz einer Antwort, bei der er aber wieder von der Fachkraft unterbrochen wird. Diese setzt ihre „Rede“ fort, bei der implizit deutlich wird, dass sie nicht glaubt, dass Herr Veit für eine ambulante Maßnahme geeignet ist, da sie unterstellt, dass Herr Veit zu diesem Zeitpunkt nicht willens oder in der Lage ist, die von den Richtlinien der Deutschen Rentenversicherung geforderte (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund 2013b) Suchtmittelabstinenz zu halten. Die Maßnahmen, die sie vorschlägt, klingen routiniert, wie Standardmaßnahmen. Dies deutet darauf hin, dass sie die Rolle einer Gatekeeperin wahrnimmt. Diese Rolle verlangt, dass sie die Abstinenzfähigkeit eines Klienten beurteilen muss, wenn sie den formalen Vorgaben folgen will, die der Leistungsträger setzt (ebd.). Diesem Ziel möglicherweise folgend schlägt sie vor, einen neuen Termin zu vereinbaren, womit sie ihre Hilfe beim „Ausprobieren“ der Abstinenz anbietet. In der Rolle der Gatekeeperin antwortet Frau Burgdorf auf die Vorgaben des Leistungsträgers, der eine objektive Beurteilung der Abstinenzfähigkeit verlangt. Gleichwohl bietet sie ihre Unterstützung an. Indem sie einen konkreten Vorschlag für das weitere Vorgehen macht, übernimmt sie die „Führung“ im Gespräch und bietet einen Wechsel von der Reflexions– auf die Handlungsebene an. 158 Herr Veit: Also, ich hab jetzt ähm nächste Woche Montag, also am 29. da muss ich noch mal in die Klinik hin und da muss ich äh, äh in so'n Becher reinpinkeln, so wegen den Drogen, erstmal gucken, was, was da drinneis, also was in mir drinne is. #00:21:16–7# Frau Burgdorf: //mhm// Genau. #00:21:18–4# Herr Veit: Und dann (.) das man da erstmal schaut, wie lange ich abstinent geblieben bin oder so, aber #00:21:24–1# Frau Burgdorf: Ja. Genau. Bei wem war'n Sie denn in der Klinik? #00:21:26–7# Herr Veit: Ich war äh, (.) bei Dr. XY? #00:21:31–4# Frau Burgdorf: Ja. Ahja, //mhm// #00:21:32–7# Herr Veit: Doch stimmt, bei ihr war ich. #00:21:35–3# Frau Burgdorf: Genau, die gibt's, so ne kleinere, doch die ist das. #00:21:38–5# Herr Veit: Also der Name wunderte mich schon 'n bisschen, deswegen kann ich den behalten. #00:21:40–8# Frau Burgdorf: ((lacht)) (laut) Stimmt, der is ungewöhnlich. #00:21:42–5# Herr Veit: @(.)@ #00:21:43–5# Frau Burgdorf: Ähm, ok, also das heißt, Sie sind mit der in Kontakt, Sie bleiben hier im Kontakt und wenn Sie das ne Zeit, also vielleicht vier Wochen gut hinkriegen, ähm, dann wäre der nächste Schritt, dass wir die ambulante Therapie beantragen. #00:21:57–1# Herr Veit: //mhm// Ja. #00:21:58–7# Herr Veit akzeptiert die Führungsübernahme der Fachkraft und reagiert explizit auf den Vorschlag des neuen Termins, indem er einen bereits bestehenden Termin in der überweisenden Suchtambulanz erwähnt. Implizit spricht er das Thema der Abstinenz und der Überprüfung der Abstinenz an, indem er von einem geplanten Nachweisverfahren über eine Urinkontrolle berichtet. An dieser Stelle wird die unklare Schnittstellensituation zwischen den Organisationen deutlich, denn die Suchtambulanz hatte den Erstkontakt, führt von sich aus eine objektive Abstinenzkontrolle durch, überweist den Klienten aber zur Beratung über Maßnahmen und Vermittlung an die Beratungsstelle, die die Abstinenzfähigkeit einschätzen soll, aber keine Möglichkeit zur objektiven Überprüfung derselben hat. Dieses Verfahren findet ohne direkte Absprachen der Organisationen untereinander statt und ist einzig auf die Bereitschaft zur Informationsvermittlung durch den Klienten selbst angewiesen. Beide Prozesse finden ohne eine inhaltliche Absprache parallel zueinander statt. Dies wird auch im weiteren Gesprächsverlauf deutlich, in dem Frau Burgdorf die objektiven Details des Kontaktes in der Suchtambulanz erfragt, über dieses Vorgehen der Klinik aber nicht überrascht zu sein scheint. Am Schluss der Sequenz konkretisiert Frau Burgdorf die Bedingung zur Beantragung einer ambulanten Maßnahme im Modus der Gatekeeperin. Das Thema „Vereinbaren eines neuen Termins“ und damit die Möglichkeit der Verstetigung des Kontaktes wird 159 in dieser Sequenz seitens des Klienten zunächst vermieden. Auf die Konkretisierung der Vorgehensweise durch Frau Burgdorf reagiert er zögerlich. Für die Entwicklung der Beziehungsebene bedeutet dies, dass Herr Veit möglicherweise unsicher ist, ob er die von der Fachkraft angebotene Vorgehensweise ratifizieren soll, indem er einen neuen Termin vereinbart. Dies zeigt eher eine Tendenz in Richtung von Misstrauen, denn er wirkt wenig zukunftsgerichtet. Er kooperiert zwar, zeigt aber eine eher zurückhaltende Motivation für die Terminvereinbarung. Frau Burgdorf: Und bis dahin machen wir hier auf jeden Fall auch Gespräche, dass Sie jetzt nicht so freischwebend alleine klarkommen müssen. #00:22:39–0# Herr Veit: @(.)@ Das freut mich.@(.)@ #00:22:40–6# Frau Burgdorf: (Atmet tief ein) Ok, dann wäre mein Vorschlag für heute, wir machen 'n neuen Termin aus. #00:22:44–8# Herr Veit: //mhm// #00:22:45–4# Frau Burgdorf: Und ich brauch von Ihnen noch Name, Adresse, 'n paar statistische Angaben. #00:22:48–8# Herr Veit: //mhm// Is kein Problem. #00:22:49–7# Frau Burgdorf: Dann mach ich aber vorher den Apparat aus, dass das auf jeden Fall anonym is, ja? #00:22:52–8# Herr Veit: //mhm// Das is gut. #00:22:53–5# Frau Burgdorf: Danke, dass wir das aufnehmen konnten. #00:22:55–5# Herr Veit: Is kein Problem. #00:22:56–4# (Aufnahmegerät wird ausgeschaltet) Die letzte Sequenz dieses Protokolls wird dadurch eröffnet, dass Frau Burgdorf weitere unterstützende Gespräche anbietet. Offenbar hat sie das Gefühl, dass Herr Veit sich allein gelassen fühlen könnte. Warum sie zu dieser Einschätzung kommt, wird nicht ganz klar. Möglicherweise ist es Herrn Veit auch nicht klar, denn seine verbale Reaktion wird durch unsichere Auflacher gerahmt. Auch die verbale Reaktion selbst zeugt von Unsicherheit, denn es wird nicht so recht deutlich, was ihn freut: das Angebot weiterer Gespräche oder die Tatsache, dass er nicht alleine „klarkommen“ muss. Die Rekonstruktion aus dem Mittelteil legt als Lesart nahe, dass er sich den Verlauf des Gespräches und das Ergebnis anders vorgestellt hat. Frau Burgdorf geht auf diese Unsicherheit aber nicht ein, aus ihrer Sicht scheint alles gesagt. Hiermit ist eine weitere Möglichkeit der Reparatur der kairosartigen Konstellation vertan. Würde sie auf die Unsicherheit reagieren und nachfragen, könnte das Thema „Begleitung“ noch einmal besprochen werden. Dies deutet auf ein Verbleiben in der Rolle der Gatekeeperin hin. Sie wieder- 160 holt ihren Vorschlag, einen neuen Termin zu vereinbaren. Herr Veit reagiert erneut lediglich mit einem zögerlichen Hörersignal. Auch auf diese Zurückhaltung geht Frau Burgdorf nicht ein und bestätigt den Eindruck, dass aus ihrer Sicht alles gesagt zu sein scheint. Das Muster wiederholt sich .Es scheint, als fühle Herr Veit sich nicht verstanden und würde darauf warten, dass Frau Burgdorf es bemerkt. Eine andere Lesart wäre, dass er enttäuscht ist und nur minimal reagiert, um nicht unhöflich zu sein. Eine dritte Lesart wäre, dass er sich seinem „Schicksal“, dass er hier nicht das bekommt, was er möchte, fügt oder er zu müde ist, um erneut seinen Wunsch darzustellen. Allen Lesarten haben gemeinsam, dass seine Reaktionen in Bezug auf die Zukunft und mögliche Veränderungen wenig motiviert wirken. Frau Burgdorf verweist im Modus der Routine auf die Notwendigkeit formale Daten für das Dokumentationssystem zu erheben. Herr Veit geht darauf ein, indem er sagt, dass dies kein Problem sei. Möglicherweise hat er die Anfrage der Fachkraft als implizite Frage nach seinem Einverständnis gedeutet oder er reagiert sich höflich unterordnend im Modus der Beziehungsstruktur Kind–Erwachsener. Frau Burgdorf scheint schon einen Schritt weiter zu sein. Offenbar erwartet sie keinen Widerstand bei der Frage nach den Daten und spricht das Ausschalten des Aufnahmegerätes an, damit diese anonym bleiben. Dies geschieht ebenfalls im Modus der Routine. Herr Veit reagiert mit einem erfreuten, vielleicht erleichterten „Das ist gut“. Möglicherweise hatte er vergessen, dass das Gerät noch lief. Frau Burgdorf bedankt sich für die Bereitschaft zur Aufnahme. Herr Veit reagiert erneut mit einem eher gleichgültigen „Is kein Problem“, ebenfalls im Modus einer routinierten Antwort. So endet das Gespräch im gegenseitigen Austausch von Floskeln im Modus von höflicher Routine. Bestehen bleibt der Eindruck einer nicht oder nur teilweise gelungenen kommunikativen Abstimmung auf der Beziehungsebene. 7.2.3 Lesarten des Falles in Bezug auf die Fragestellung Der Beginn der Begegnung ist geprägt von einer starken Unsicherheit von Herrn Veit, die sich in einem naiv offenen, habituell subordinativem Verhalten zeigt. Dem versucht Frau Burgdorf durch routinierte Verweise auf die Arbeitsregeln, die zunächst einen inhaltlich offenen Rahmen anbieten, zu begegnen. Sie stellt sich intuitiv auf das, von Herrn Veit gezeigte und von ihr auf der Basis ihres Erfahrungswissens nahegelegte Beziehungsverhältnis Kind–Erwachsener ein. Der damit 161 verbundenen Implikation eines passiven Verhaltens von Herrn Veit versucht Frau Burgdorf in ihrer Wahrnehmung durch die Inszenierung von Sicherheit zu begegnen. Dies gelingt dahingehend, dass Herr Veit “sich öffnet” und von seinen Erlebnissen, die ihn dazu bewogen haben, sich Hilfe zu suchen sowie von Vorerfahrungen durch einen Aufenthalt in der Psychiatrie, erzählt. Dies deutet auf eine Beziehungsentwicklung in Richtung Vertrauen hin. In der Aushandlung darüber, welchen “Auftrag” Herr Veit an die Beratungsstelle mitbringt, kommt es jedoch zu einem Abstimmungsfehler, der als Scheitern einer kairosartigen Konstellation in Bezug auf eine Entscheidung im Beratungsprozess rekonstruiert wurde und der bis zum Ende des Gesprächs „nicht repariert“ (Stern 2014, S. 70) werden konnte. Das Ende des Gesprächs ist geprägt durch einen kommunikativen Rückzug von Herrn Veit, der sich insbesondere in der eher ablehnenden Haltung in Bezug auf eine neue Terminvereinbarung zeigt. Dies kann, mit Blick auf den Anfang des Gesprächs, als Wandel der Tendenz von zunächst Vertrauen hin zu Misstrauen bei Herrn Veit gedeutet werden. Da dieses von Frau Burgdorf im Nachgespräch jedoch gegenteilig eingeschätzt wurde, zeigt sich hier die Subjektivität der Bewertung einer Beziehung sowie eine eher diskontinuierliche dynamische Entwicklung im Sinne eines Kontinuums. Die am Anfang der „Arbeitsbeziehung“ erkennbare Entwicklung von Vertrauen bei Herrn Veit konnte in den Momenten ausgemacht werden, in denen Frau Burgdorf die Affekte des Klienten erspürte (“er war furchtbar nervös”), ihre Interaktionen (Inszenierung von Sicherheit zu Lasten der Inszenierung von Kompetenz und inhaltlicher Klarheit) darauf ausrichtete und versuchte Selbstreflexionen zu evozieren. Eine Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ hin eher zu Misstrauen bei Herrn Veit zeigt sich im kommunikativen Rückzug und in der wenig zukunftsgerichteten Interaktion am Ende des Gespräches. In der Analyse konnten verschiedene Elemente rekonstruiert werden, die dazu beigetragen haben dürften. Ein wichtiges Element war dabei das Scheitern einer kairosartigen Konstellation in Bezug auf die Entwicklung des Beratungsprozesses, die bis zum Ende des Gesprächs nicht „repariert“ wurde. Diese Reparatur erfolgte nicht, weil Frau Burgdorf das Scheitern nicht bemerkte, da sie auch im Nachgespräch noch einen aus ihrer Sicht „ausgesprochen guten Kontakt“ mit einem Klienten annahm, der es ihr 162 „leicht gemacht“ habe. Sie begründete dies vor allem damit, dass in ihrer Wahrnehmung, „sein Auftrag so klar“ gewesen sei. Diese Einschätzung erfolgte, wegen ihrer Fokussierung auf den zuerst geäußerten „Auftrag“, der Vermittlung in eine stationäre Therapie („Langzeittherapie“), zu Lasten der Orientierung an den eigensinnigen Wünschen von Herrn Veit. Diese bestanden aus einer Begleitung bei der Veränderung seines Suchtmittel–Konsums, bei der er sich nicht in einen spezifischen Rahmen von Suchtrehabilitation begeben muss und damit auch aus einem subjektiven Emanzipationsprojekt. Frau Burgdorf jedoch sah sich in diesem Fall „erstmal“ nur dann für eine Begleitung der Veränderungsversuche in Bezug auf den Suchtmittelkonsum zuständig, wenn sie nicht in Zusammenhang mit der Zielperspektive einer Weitervermittlung in die, dafür eher zuständige Instanz der Rehabilitation stand. Insbesondere die, aus ihrer Sicht als Erschwernis wahrgenommenen Erfahrungen aus dem vorangegangenen Psychiatrieaufenthalt von Herrn Veit wegen „Mordgedanken“ scheinen hierbei eine Rolle gespielt zu haben. Diese Lesart wird auch durch die Reflexion der Leitung dieser Beratungsstelle gestützt. „Ich glaube aus Beratersicht gibt manchmal die Vermittlung etwas Sicherheit, das ist etwas Handfestes mit einem Ergebnis. Und dieser andere Prozess, diese Begleitung, die ist manchmal für den Berater eigentlich ein Mehrwert. Ich glaube, das ist manchmal den Beratern zu wenig Handfestes.“ (Interview mit der Leitung der Beratungsstelle Herrn Günther #00:19:49–1#) Die Einschätzung, dass es sich bei der Begleitung von Veränderungsprozessen eher um einen „Mehrwert“ als um einen eigentlichen Wert handelt, macht die grundsätzliche Fixierung auf die Vermittlung und das Verständnis einer Beratungsstelle als „Durchgangsstation“ deutlich. Die Aussage über die Sicherheit mit Blick auf ein Ziel zeigt die Orientierung an der Sichtweise von Sucht als Krankheit, die es (in darauf spezialisierten Einrichtungen) zu heilen gilt und die, wie in Kapitel 3.1 beschrieben wurde, vom überwiegenden Teil der Suchthilfe Einrichtungen in Deutschland geteilt wird. Eine, also auch für diesen Fall als plausibel anzunehmende, diesbezügliche Orientierung von Frau Burgdorf64 an dieser Einstellung böte eine 64 Dies gilt insbesondere deshalb, da Frau Burgdorf über keine, vom Leistungsträger der Rehabilitation anerkannte Ausbildung zur Suchttherapeutin verfügt. 163 Erklärung dafür an, warum sich schon in der Anfangssequenz des Gesprächs ein, für die Beziehungsentwicklung folgenschweres Missverständnis entwickelte: Frau Burgdorf nutzte dieses „sich Einlassen“ auf die, von Herrn Veit durch sein Verhalten nahegelegte Beziehungsstruktur (Erwachsener–Kind) lediglich habituell–methodisch als Medium zur Herstellung von Adherence und als Möglichkeit zur Exploration des Falles mit Hilfe von Selbstreflexionen des Klienten. Ihre Aussagen „Sie müssen hier gar nichts sagen“, „es reicht, wenn sie erstmal hierhin kommen“ und „sie verpflichten sich zu nichts“, so wurde im Nachinterview deutlich, waren bewusst inszeniert. Sie sollten zur Beruhigung eines „furchtbar nervösen“ jungen Mannes dienen, der erstmal „eine Mama“ und ein aufmunterndes „wir finden schon einen Weg“ braucht, damit er sich auf das Eigentliche, die Vermittlung in eine sog. „Therapie“, einlassen kann. Dass Herr Veit dies möglicherweise auch als Angebot auf der Inhaltsebene, hier einen Ort zu finden, an dem er die Ver- änderungswünsche in Bezug auf seinen Suchtmittelkonsum und die damit verbundenen Folgen thematisieren kann und dabei durch Gespräche begleitet wird, ohne sich zu „etwas zu verpflichten“, da es reicht, wenn er „einfach nur kommt“ und an dem er vielleicht auch „gar nichts sagen muss“, deuten kann und insofern möglicherweise als etwas Eigentliches und nicht nur als Durchgangsstation betrachtet, kommt ihr für diesen Fall offenbar nicht in den Sinn. Insofern legt dies nahe, dass es sich bei der Frage der Zuständigkeit um eine habituelle Orientierung handelt. In diesem Kontext stellt sich die Frage, warum sie diese grundsätzliche Orientierung nicht thematisierte, als Herr Veit klar äußerte, dass er eine stationäre Rehabilitation nicht möchte („brauch so ne Klinik nicht“) und warum sie stattdessen einfach darüber hinweg geht, ohne es selbst zu merken („er hat es mir leicht gemacht“). Mit ihrem Lösungsvorschlag der „ambulanten Therapie“, den sie anstatt ihrer eigentlichen Einschätzung der „stationären Therapie“ nennt, versucht sie ausgehend von ihrer subjektiv konstruierten Perspektive, „der Auftrag ist klar, er will Therapie“, lediglich dem geäußerten Bedürfnis von Herrn Veit nach Autonomie im Sinne einer Brücke entgegenzukommen. Damit enttäuscht sie aber die Erwartung von Herrn Veit hier einen Ort für sein Emanzipationsprojekt zu finden, die sie durch ihre absichtliche Inszenierung von Sicherheit am Anfang des Gesprächs selbst evoziert hat. So kommt es zu einer „verpassten Gelegenheit“ in Bezug auf die Verstetigung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen. Somit hat gerade die lediglich empathische Inszenierung von Sicherheit auf der Beziehungsebene zu Lasten inhaltlicher Klarheit dazu geführt, 164 dass Herr Veit sich geöffnet und offenbart hat, was er wirklich möchte. Er folgte nicht mehr einfach dem, was ihm von anderer Seite nahegelegt wurde („Langzeittherapie“). Auf diese Weise kam es zu einer subjektiven Bewertung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen durch beide Interaktionspartnern. Gleichzeitig weckte dies auf der anderen Seite aber auch Erwartungen bei Herrn Veit bezüglich der Art und Weise der Unterstützung. Diese wurden von Frau Burgdorf aufgrund ihrer habituellen Einstellungen zumindest im Erstgespräch aber nicht befriedigt und führten daher am Ende des Gesprächs zu einer tendenziellen Entwicklung der Beziehung in Richtung Misstrauen. Somit hängt das entwickelte Misstrauen von Herrn Veit auch damit zusammen, dass ihm seine Vorstellungen von Hilfe, deren Explikation zuvor durch das Verhalten von Frau Burgdorf evoziert wurden, am Ende des Gesprächs in diesem Kontext wenig realisierbar erscheinen mussten. Daher bezieht sich die Bewertung der Beziehung in Richtung Vertrauen oder Misstrauen in diesem Fall nicht ausschließlich auf die Person von Frau Burgdorf und ihre habituelle oder methodische Fähigkeit, sich auf eine andere Person empathisch einzustellen, sondern kristallisiert sich auch an der spezifischen Art und Weise heraus, mit welchen feldbezogenen, inhaltlichen Einstellungen sie ihre berufsbezogene Rolle ausfüllt. Zum Zusammenhang mit dem weiteren Verlauf des Hilfeprozesses kann konstatiert werden, dass Herr Veit den dritten vereinbarten Termin mit Frau Burgdorf ohne Ankündigung nicht mehr wahrnahm, den Kontakt also abgebrochen hat. Wie für den Fall zuvor kann auch hier keine Kausalität rekonstruiert werden. Dennoch erscheint es plausibel, dass sich die, in diesem Erstgespräch konstituierte, zum Ende hin eher von Misstrauen geprägte Beziehungsstruktur auf das Hilfesuchverhalten von Herrn Veit in dieser konkreten Konstellation zumindest mit ausgewirkt haben könnte, wenn sie sich in den beiden Gesprächen, die noch stattfanden, nicht verändert hat. 7.3 Frau Dorenkamp und Herr Quante In den vorangegangenen Fällen wurde deutlich, dass zwar eine „Arbeitsbeziehung“ zwischen Fachkraft und Klient entstanden ist, dass aber die Orientierung an den Regeln des Feldes zur Beantragung einer weiterführenden Maßnahme, genauer gesagt einer medizinischen Rehabilitation Sucht, einen Einfluss darauf hatten, wie sich die „Arbeitsbeziehung“ entwickelt. Insbesondere die Übernahme der Gatekeeper- 165 rolle für das Feld war als Einfluss nehmend identifiziert worden. Allerdings kamen beide Klienten in die Beratungsstelle, um sich genau zu diesem Thema beraten zu lassen. Daher soll nun als nächstes ein Fall dargestellt werden, der auf den Merkmalsebenen der Einrichtung und der Fachkraft kontrastierte, aber auf der Ebene des Klienten (jüngerer Mann, polyvalentes Konsummuster) Ähnlichkeiten mit dem vorhergehenden Fall aufwies, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch hier Einflüsse vorliegen könnten. Hier bot sich der Fall Herr Quante und Frau Dorenkamp an. Gegenstand der Falldarstellung ist die Begegnung zwischen dem Klienten Herrn Quante und der Sozialarbeiterin Frau Dorenkamp in der Beratungsstelle B (s. Tabelle 1 Übersicht Kontextbedingungen des erhobenen Datenmaterials). Herr Quante ist 27 Jahre alt und hat telefonisch einen Termin in der Suchtberatungsstelle B vereinbart. Er ist pünktlich zum vereinbarten Termin erschienen. Frau Dorenkamp erwähnt im Nachinterview explizit, dass er „pünktlich […] sogar überpünktlich“ gewesen sei (Nachinterview mit Frau Dorenkamp zum Gespräch mit Herrn Quante #00:01:44–5#). Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie ein solches Verhalten ungewöhnlich findet und es deshalb besonders herausstellt. Könnte es auch ein Test gewesen sein? Das Setting in der Beratungsstelle ist so gestaltet, dass Termine direkt mit den Fachkräften vereinbart werden, da keine Verwaltungskraft vorhanden und keine offene Sprechstunde eingerichtet ist. Im Nachinterview mit der Fachkraft Frau Dorenkamp wurde deutlich, dass im vorliegenden Fall der Termin für das hier analysierte Gespräch mit ihr vereinbart wurde. Bei diesem telefonischen Kontakt zwischen Frau Dorenkamp und Herrn Quante wurde dieser über das Forschungsvorhaben informiert. Als Herr Quante zum Termin kam wurde ihm das Informationsblatt ausgehändigt und um schriftliche Zustimmung gebeten. Herr Quante erwähnte bei der Terminvereinbarung, dass er schon einmal in der Beratungsstelle gewesen sei, um sich bezüglich einer sog. MPU65 65 Bei der MPU handelt es sich um eine medizinisch–psychologische Begutachtung zur Überprüfung der Fahreignung. Dieses Gutachten stellt eine Prognose zu der Frage dar, wie sich eine Person, der die Erlaubnis zum Führen eines Fahrzeugs auf öffentlichen Straßen aufgrund von schwerwiegenden Verstößen gegen die STVO entzogen wurde, bei erneuter Zulassung im Straßenverkehr bewähren wird oder nicht. Konsumierende von psychoaktiven Substanzen stellen den überwiegenden Anteil der Antragsteller dar.(Knoche 2014: S. 1) 166 Vorbereitung zu informieren und dabei kurz Kontakt zu Frau Dorenkamp gehabt habe. In der Aufgabenteilung der Beratungsstelle ist geregelt, dass der Kollege von Frau Dorenkamp dieses Feld betreut und dass Herr Quante deshalb von ihr im Rahmen der organisatorisch verteilten Zuständigkeit an ihn weiterverwiesen wurde. Aus dieser Verweisung ergab sich aber kein weiterer Kontakt, sodass keine Daten im Dokumentationssystem über Herrn Quante aufgezeichnet wurden. Frau Dorenkamp bemerkte hierzu, dass sie sich an den Klienten auch bei der Namensnennung und bei seiner Ankunft in der Beratungsstelle nicht erinnert habe und es für sie deshalb wie ein Erstgespräch sei, obwohl Herr Quante schon mal kurz mit ihr gesprochen habe. Das Gespräch fand morgens um 07.00 Uhr, im Anschluss an die Nachtschicht des Klienten in der Beratungsstelle statt. Frau Dorenkamp kommentierte hierzu im Nachinterview, dass sie diesen Terminvorschlag gemacht habe, weil Herr Quante dann im Anschluss an das Gespräch schlafen könne und dies auch für sie gut sei, denn dann sei sie selbst auch noch „frisch“. In besonderen Situationen mache sie das manchmal, um den Klienten entgegenzukommen (vgl. Nachinterview Frau Dorenkamp zum Gespräch mit Herrn Quante, #00:34:20–6#– #00:35:58–0#). Dies kann in dieser Lesart als Zeichen an Herrn Quante gewertet werden, dass Frau Dorenkamp bereit ist, sich auf ihn ganz persönlich und auf das, was er mitbringt einzustellen. Es könnte in einer anderen Lesart aber auch als „Test“ verstanden werden, ob er bereit ist, sich auf das Gespräch einzustellen. So könnte es ja z. B. auch ein Bedürfnis von ihm sein, nach einer Nachtschicht erst einmal zu schlafen und sich frisch zu machen und den Termin vor der nächsten Schicht wahrzunehmen, damit er „frisch“ ist oder sein kann. Zur Fachkraft Frau Dorenkamp ist anzumerken, dass sie zum Zeitpunkt des Gespräches 57 Jahre alt ist. Sie hat in der ehemaligen DDR als Erzieherin gearbeitet und dann in einem der ersten, nach der Wende angebotenen Studiengänge Soziale Arbeit studiert hat. Ihr erster Arbeitsplatz ab Mitte der 90er Jahre war schon bei dem jetzigen Träger. Die Suchtberatungsstelle in der heutigen Form hat sie, ausgehend von einem Selbsthilfeprojekt für chronifizierte Alkoholiker in der ehemaligen DDR, mit aufgebaut. Später hat sie eine Ausbildung als Suchttherapeutin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie absolviert, um als zusätzliche Finanzierungsquelle für die Beratungsstelle ambulante Nachsorge nach den Richtlinien der Deutschen Rentenversicherung anbieten zu 167 können. Sie ist gleichzeitig mit der Leitung der Stelle betraut und betreut im Rahmen ihrer Tätigkeit mehrere Anlaufstellen im Landkreis, zu denen allgemeine Beratungsstellen und auch Krankenhäuser gehören. Darüber hinaus begleiten Sie und ihr Kollege noch drei Selbsthilfegruppen. Eine weitere wichtige Finanzierungsquelle für die Beratungsstelle, die in einem weiten ländlichen Flächenkreis liegt, sind die sog. MPU–Kurse, bei denen Klienten hinsichtlich der Überprüfung ihrer Fahreignung begutachtet werden. Für die Durchführung der MPU–Begleitung ist ihr Kollege (60 Jahre) verantwortlich. Er wurde nach der Wende als Sozialhelfer ausgebildet und hat davor schon das ehemalige Selbsthilfeprojekt in der damaligen DDR mit aufgebaut, aus der die Beratungsstelle erwachsen ist. 7.3.1 Inhaltliche Zusammenfassung des Gesprächs Die Aufzeichnung des Gespräches beginnt damit, dass Frau Dorenkamp darauf hinweist, dass das Aufnahmegerät jetzt eingeschaltet sei und ab jetzt alles, von beiden Personen Gesagte aufgezeichnet wird. Nach der Ratifizierung von Herrn Quante kündigt Frau Dorenkamp an, dass sie nun seine “Personalien” aufnehmen wolle. Hierauf geht Herr Quante aber nicht ein, sondern berichtet, dass er schon mal in der Beratungsstelle gewesen sei, dann aber den Kontakt “unterbrochen” habe. Weiterhin spricht er in eher fragmentarischen Sätzen über das, was aus seiner Sicht in der Zwischenzeit passiert sei und über sein Anliegen. Inhaltlich wird deutlich, dass er nach einem gerichtlich verhängten Fahrverbot aufgrund von Drogenkonsum nun mit einer sog. “medizinisch– psychologischen Untersuchung (MPU)” die Fahrerlaubnis wiedererlangen möchte. Dazu sei er zum Zeitpunkt des Gesprächs 4 Monate abstinent. Von welchem Suchtmittel wird nicht gesagt. Die Sequenz endet mit der Artikulation seines Anliegens, das darin besteht, “etwas mehr dafür zu tun, dass es auch so bleibt”. Diese Äußerungen werden von Frau Dorenkamp mit Hörersignalen begleitet (#00:00:00–0#–#00:01:19– 5#). Die nächste Sequenz (#00:02:08–6#–#00:03:36–6#) beginnt damit, dass Frau Dorenkamp den Klienten lobt und zu einer Zusammenfassung ansetzt, bei der sie aber von Herrn Quante unterbrochen wird, der wieder fragmentarisch sprudelnd weitere Einzelheiten der oben beschriebenen Konstruktion erzählt. Inhaltlich berichtet er Einzelheiten über die Hintergründe des gerichtlich verhängten Fahrverbots und dass er etwas „angefangen“ habe. Hierauf geht Frau Dorenkamp ein und fragt nach, 168 wo er denn nun „hingehe“. Herr Quante antwortet darauf und nennt einen Ort, an dem er eine sog. „MPU–Vorbereitung“ absolviere. Unvermittelt verlässt Frau Dorenkamp die Klientenzentrierung und fragt nach den Kosten für die Vorbereitung. Herr Quante nennt die Kosten. Darauf reagiert die Fachkraft mit einem Ausdruck großen Erstaunens. Dies wiederum veranlasst Herr Quante dazu, die Kosten über das Angebot der Seminarinhalte zu rechtfertigen. Frau Dorenkamp geht auf eine Metakommunikationsebene und versucht zu rekonstruieren, wie Herr Quante zu diesem Institut gekommen ist. Hierauf reagiert Herr Quante mit großer Verunsicherung, die sich in einer stammelnden Antwort, dass er es nicht mehr wisse und einem zögerlichen Versuch der Rekonstruktion, wie er zu diesem Institut gelangt ist, zeigt. Die Sequenz endet damit, dass Frau Dorenkamp ankündigt, ein anderes Thema besprechen zu wollen, was von Herrn Quante ratifiziert wird. Im darauffolgenden Teil (#00:03:46–4#–#00:08:39–7#) erklärt Frau Dorenkamp, warum sie keine Informationen über Herrn Quante hat und dieser rechtfertigt sich, dass er „fast“ eine Unterlage eingereicht hätte. Sie kündigt an, da keine Informationen vorliegen, diese nun aufzunehmen zu wollen. Herr Quante fügt sich und es beginnt eine Phase, in der formale Daten abgefragt werden und in der die gestellten Fragen von Herrn Quante nur kurz und knapp inhaltlich beantwortet werden. Diese Fragen beziehen sich offensichtlich auf ein vorgefertigtes Schema und haben nur unsystematisch einen direkten Zusammenhang mit den vorherigen Äußerungen von Herrn Quante. Die Sequenz endet damit, dass Frau Dorenkamp den Abstinenzstatus abfragt und sich nach der Antwort noch einmal absichert, ob es auch erst seit dem Zeitpunkt sei. Zu Beginn des nächsten Abschnitts (#00:09:20–7# –#00:14:45–5#) bestätigt Herr Quante dies und beginnt nochmal zu erklären, wie er bei Frau B., bei der er “Tests macht”, angekommen sei. Frau Dorenkamp resümiert kurz und fährt mit der Befragung fort. Herr Quante ratifiziert die Zusammenfassung und beantwortet die gestellte Frage. Es wird deutlich, dass es sich bei Frau B. um eine Ärztin handeln muss. Die Befragung wird im Stil der vorherigen Sequenz fortgesetzt und Herr Quante antwortet bereitwillig. An der Art der Nachfragen wird deutlich, dass Frau Dorenkamp sich nach und nach ein Bild des Falles rekonstruiert und zu wissen scheint, worüber er spricht, denn sie stellt verschiedene implizite, vertiefende Nachfragen, um seine Aussagen weiter zu objektivieren. Über die Klärung der objektiven Daten scheinen beide Interak- 169 tionspartner Sicherheit zu gewinnen, denn Fragen und Antworten beziehen sich systematisch aufeinander. Auch Herr Quante spricht ruhiger und seine Aussagen werden klarer. Die Sequenz endet erneut mit Nachfragen von Frau Dorenkamp zu dem Institut, bei dem Herr Quante die MPU–Vorbereitung absolviert und Herr Quante bietet an, zum nächsten Termin weitere Unterlagen von zu Hause mitzubringen. Nachfolgend (#00:14:52–7#–#00:15:58–9#) lehnt Frau Dorenkamp das Angebot mit dem Hinweis ab, dass sie dieses lediglich persönlich interessiert hätte und dass sie den Preis, der von dem Institut verlangt wird, „ganz schlimm“ finde. Herr Quante geht in die Rechtfertigung und wiederholt, dass er unbedingt „etwas“ habe machen wollen. Frau Dorenkamp unterbricht ihn und sagt, dass er ja auch Geld verdiene und es dann auch „ok“ sei, für ein Angebot zu zahlen. Daraufhin spricht Herr Quante an, dass er schon bei Herrn S.66 gewesen sei, dass ihm das, was dieser ihm angeboten hätte, aber zu wenig gewesen sei. Frau Dorenkamp bestätigt, dass dieser nur „Einzelgespräche“ mache und fragt nach, ob „es“ (gemeint ist das Informationsgespräch in der anderen Institution) „professioneller“ gewesen sei. Herr Quante bestätigt dies. Frau Dorenkamp nimmt dies lapidar zur Kenntnis und geht nur kurz darauf ein. Die Sequenz endet mit einem Bestätigungssignal von Frau Dorenkamp („Ja, ja, ja“). Die nächste Sequenz (#00:16:26–6#–#00:21:39–0#) wird von Herrn Quante eröffnet, der sich nochmal dafür rechtfertigt, dass er das andere Institut gewählt hat, indem er darauf hinweist, dass die MPU in seinem Fall aufgrund der Quantität und Qualität der ihm zur Last gelegten Drogendelikte und verkehrsbezogenen Straftaten (Schwarzfahren) „nicht gerade leicht wird“. Dies wird von Frau Dorenkamp aufgegriffen. Die Interaktionspartner scheinen sich einig zu sein, dass Herr S. nicht der richtige Ansprechpartner für Herr Quante und seine Situation gewesen zu sein scheint. Herr Quante räumt ein, dass er sich aber auch bezüglich des Angebotes des Institutes nicht sicher ist, ob sein Vorhaben, seine Fahrerlaubnis wieder zu erlangen, gelingen kann. Darauf geht Frau Dorenkamp empathisch ein. Das ermutigt Herrn Quante zu einer längeren, selbstreflexiven Beschreibung seiner Aktivitäten und seiner Lernerfolge in dem Seminar. Auf diese Reflexionen reagiert Frau 66 In einer Nachfrage konnte geklärt werden, dass es sich bei Herrn S. um den Kollegen von Frau Dorenkamp handelte, an den sie ihn bei dem ersten Kontakt verwiesen hatte. 170 Dorenkamp empathisch mit einer Deutung. Darauf antwortet Herr Quante mit einer weiteren „Öffnung“, indem er ungefragt weitere Details berichtet. Auch hier fragt Frau Dorenkamp empathisch nach und es folgt eine weitere Erzählung. Zwischendurch äußert sich Frau Dorenkamp erstaunt über die umfangreiche Erzählaktivität, was Herrn Quante aber nicht verunsichert, sondern weiter berichten lässt. Die Sequenz endet damit, dass er „den Kreis schließt“ und wiederholt, was sein Anliegen ist. Im Unterschied zum Anfang wirkt dies viel klarer und strukturierter. Die nächste Sequenz (#00:21:52–1#–#00:28:00–9#) wird wieder von Herrn Quante eröffnet, der nun mit einem weiteren Anliegen herausrückt. Seine eigentliche Sorge scheint zu sein, dem prüfenden Psychologen nicht deutlich machen zu können, dass es ihm ernst ist mit der Abstinenz. Hierauf geht Frau Dorenkamp pragmatisch mit einem Tipp ein („Seien Sie ehrlich“) und empfiehlt den Besuch der, von ihr geleiteten Abstinenzgruppe. Herr Quante reagiert zurückhaltend. Frau Dorenkamp beginnt die Gruppe und das Gruppenprogramm des Hauses und der Umgebung umfänglich vorzustellen. Herr Quante bleibt zurückhaltend und antwortet darauf mit einer wiederholten wortreichen Beteuerung (#00:28:52–1#–#00:33:31–7#), dass er etwas für sich ändern wolle, im Moment aber auch kein wirkliches Problem verspüre. Frau Dorenkamp geht hierauf empathisch mit einer Deutung ein, die von Herrn Quante auch ratifiziert und mit dem Beispiel eines sog. „Rückfalls“ belegt wird. Auf diese Sorge reagiert Frau Dorenkamp mit einer Inszenierung von Solidarität, indem sie davon spricht, dass „wir das hinkriegen“. Dies wird gefolgt von einer erneuten wortreichen Vorstellung des Gruppenangebots, bei der sie eine Deutung äußert, die von Herrn Quante aber nicht ratifiziert wird. In der nächsten Sequenz (#00:28:52–1#–#00:35:35–4#) stellt sich heraus, dass das empathische Nachfrage von Frau Dorenkamp eine Art „Testsituation“ für die Situation der MPU wahr, bei der es offenbar darum geht, sich selbst als „abhängig“ zu definieren und in der Folge „alles dafür tun zu wollen“ dies zu beenden. Sie konfrontiert Herrn Quante mit ihrer Einschätzung, dass er in einer solchen Situation wohl „durchgefallen“ wäre. Diese Wendung des Gespräches hat Herr Quante nicht erwartet, weshalb er nachfragt, ob er denn wirklich „abhängig“ sei. Daraufhin erläutert Frau Dorenkamp unter Rückgriff auf die zuvor erhobenen objektiven Daten diese Lesart und Herr Quante räumt ein, dass 171 man dies wohl auch so sehen könne. Daraufhin bestätigt Frau Dorenkamp, dass Herr Quante in einer realen Situation wohl durch die MPU– Prüfung durchgefallen wäre. Es entsteht eine kurze Pause. Danach (#00:36:53–5#–#00:38:33–5#) folgt eine längere Erzählung von Herrn Quante mit weiteren Details über die Zeit seines Suchtmittelkonsums. Frau Dorenkamp äußert sich anerkennend über die bisherigen Bemühungen und Selbstreflexionen des Klienten und fragt unvermittelt, ob es noch Eltern gäbe. Herr Quante antwortet offenbar überrascht nur kurz und knapp darauf. Zum Ende äu- ßert Frau Dorenkamp eine Vermutung, die Herr Quante aber zurückweist. Damit scheint der inhaltliche Teil des Gespräches abgeschlossen zu sein, denn nun geht es bis zum Ende des Gespräches (#00:38:54–0# – #00:43:28–6#) um eine etwas längere Aushandlung des weiteren Vorgehens. Für Frau Dorenkamp scheint es keinen Zweifel daran zu geben, dass es dabei inhaltlich nur um den Besuch der, von ihr mehrfach vorgestellten „Gruppe“ gehen kann. Für sie scheint lediglich offen zu sein, wann Herr Quante zum ersten Mal dort erscheint. Die längere Dauer der Aushandlung bezieht sich auf die konkrete Terminierung, wann Herr Quante in die Gruppe kommt und wann der erste Einzeltermin mit Frau Dorenkamp stattfindet. 7.3.2 Darstellung für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ wichtiger Passagen „Ich würd jetzt erst mal die Personalien aufnehmen“ Frau Dorenkamp: (blätterndes Geräusch) Ich hab jetzt schon mal mir erlaubt, das anzumachen. #00:00:09–0# Herr Quante: Ja #00:00:11–2# Frau Dorenkamp: Das zeichnet das jetzt alles auf.//mmhm// Steht ja da schon alles drinnen.//ja// Das was beide sagen. #00:00:16–6# Herr Quante: Gut. #00:00:18–4# Frau Dorenkamp: Äh (.)(.) Ich würde jetzt erstmal die Personalien aufnehmen. #00:00:24–3# Nach dem Einschalten des Aufnahmegerätes ist zunächst ein Rascheln zu hören. Frau Dorenkamp eröffnet das aufgezeichnete Gespräch, indem sie verbalisiert, dass sie das Aufnahmegerät angestellt hat. Die gemeinsame Interaktion hat also schon vor dem Einschalten begonnen. 172 Eine Wiederholung der Begrüßung für die Aufnahme wurde nicht extra inszeniert. Was geblättert wird, bleibt unklar. Herr Quante ratifiziert die Verbalisierung mit einem Hörersignal. Frau Dorenkamp fügt erklärend hinzu, dass ab diesem Zeitpunkt alles aufgezeichnet wird. Herr Quante reagiert mit einem neutralen Hörersignal. Frau Dorenkamp fährt fort, dass da schon alles „drinne“ stehe. Gemeint ist wahrscheinlich das Informationsblatt zum Forschungsprojekt. Auch dieses wird von dem Klienten mit einem positiven Hörersignal quittiert. Frau Dorenkamp ergänzt, dass das Aufnahmegerät beide Gesprächsanteile, auch die der Fachkraft, aufzeichnen wird. Diese Äußerung stellt einen interessanten Aspekt dar, denn eigentlich scheint es eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass ein einfaches Aufnahmegerät, um das es sich hier handelt (Mp3–player mit Aufnahmefunktion), alle Geräusche in einem Raum aufzeichnet und nicht von sich aus selektiert. Daher zielt die Äußerung der Fachkraft auf einen anderen Aspekt ab. Die Aussage „das, was wa (wir) beide sagen“ betont stattdessen den Aspekt der Egalität zwischen beiden Gesprächspartnern. Es scheint der Fachkraft wichtig zu sein, diesen Aspekt zu betonen, warum wird zunächst nicht deutlich. Eine Möglichkeit wäre, dass es ihr wichtig ist, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Eine weitere Möglichkeit wäre es, dass sie dem Klienten das Gefühl von Sicherheit geben will, damit er nicht überlegen muss, was er sagt und was nicht. Eine andere Möglichkeit könnte sein, dass sie und Herr Quante aufpassen müssen, was sie sagen, damit keine Dinge aufgezeichnet werden, die sie besser nicht gesagt hätte. Zuletzt könnte sie die Aussage auch getroffen haben, um sich selbst daran zu erinnern, dass das Gespräch aufgezeichnet wird. Diese Interpretationen haben jedoch die Verbalisierung der Egalität beider anwesender Personen unter den gegebenen Bedingungen (hier der Aufzeichnung des Gesprächs) gemeinsam. Herr Quante reagiert mit einer Ratifikation und schließt damit die Situation ab. Frau Dorenkamp eröffnet ein neues Thema. Sie kündigt an, dass sie jetzt erstmal die Personalien aufnehmen wollen würde. Damit übernimmt sie die Führung im Gespräch. Die Formulierung „ich würde“ relativiert diese Vorgehensweise jedoch als Möglichkeit, mit der sie jetzt das Gespräch weiterführen würde. Damit gibt sie dem Klienten implizit die Möglichkeit, auch einen anderen Gesprächseinstieg zu wählen und damit diese Vorgehensweise zurückzuweisen. Inhaltlich markiert diese Aussage einen Unterschied zu den anderen Gesprächen, in denen als erstes nach dem Anlass der Beratung gefragt wurde. Sprachlich erinnert diese Formulierung an einen Verwaltungsakt oder ein Polizeiverhör. Damit macht Frau Dorenkamp deutlich, dass es sich bei diesem Gespräch nicht um ein beliebiges 173 „mal drüber reden“ handelt, sondern dass es eine Bedeutung hat. Im Zusammenhang mit der Betonung, dass das Gespräch aufgezeichnet wird, könnte es zu einer Verunsicherung des Klienten führen. Weiterhin wird nicht ganz klar, was genau damit gemeint ist und welchen Umfang die Aufnahme der Personalien hat. Die Formulierung „Jetzt erst mal“ deutet an, dass es danach noch einen anderen Teil des Gespräches geben kann oder wird. Damit verbalisiert sie eine Struktur des Gespräches. Dies könnte dazu führen, dass Herr Quante insofern Sicherheit gewinnt, dass er weiß wie das Gespräch verlaufen wird. Gleichzeitig deutet sich damit an, dass es einen Teil des Gespräches geben kann oder geben wird, bei dem die Auswertung der, mit „Personalien“ bezeichneten, möglicherweise objektiven Daten eine Rolle spielen könnte. Möglicherweise gehört die Aufnahme der Personalien aber auch zur Routine ihrer Strukturierung dieser Art von Gesprächen. Diese Vorgehensweise gibt dem Gespräch einen formal administrativen Charakter und teilt es in einen objektiven und in einen subjektiven Teil. Herr Quante: Ähm, ich war vorletztes Jahr schon einmal hier gewesen. //mmhm// Hab denn aber mich nich nochmal gemeldet und unterbrochen also letzte Woche ich hab ne MPU angefangen (.)(.) Weil ich vom Gericht aus, ne Sperre bekommen habe. //jaha// habe ich das Ganze hier unterbrochen //jaha// und hab jetzt wieder ähm im (.) Februar angefangen und bin jetzt seit 15.02. von Drogen also äh abstinent. (.)//mmhm// und würd jetzt aber gerne noch nebenher noch was machen ähm (.)(.)(.)hab ich eigentlich jetzt wegen der MPU angefangen mit Drogen aufhören und hab jetzt eigentlich mitgekriegt, dass mir eigentlich jetze (.)(.)naja (murmelnd zu sich selbst) wie soll ich jetzt sagen.(.) (wieder lauter) besser geht oder ich möchte das jetze (.) auch so bleibt. Nicht, dass ich das aus dem Grund mache wegen der MPU, hab das zwar (.) deswegen (.) musste ichs ja anfangen. (.) Würde jetzt aber noch n bisschen mehr dafür tun, dass es auch (.) ja äh so bleibt. #00:01:19–5# Frau Dorenkamp: Das ist das, was wir uns wünschen. (.) //ja (lächelnd?)// Das hört sich richtig gut an! So wenn ich das also #00:01:24–9# Herr Quante: Ich hab jetzt so wirklich mitgekriegt, (.) wo ich, wo ich letztes Jahr hier war. Ich war einmal hier gewesen auch aus dem Grund wegen der MPU #00:01:30–4# Frau Dorenkamp: Ja #00:01:31–9# Herr Quante: (.)(.) wo ichs denn aufhören für mich, weil ich denn ich hab insgesamt ähm (.) hab dann nochmal ne Sperre bekommen und auch ne dreieinhalb Jahre Bewährung, weil ich insgesamt 11mal auch 11 mal angehalten wurde. äh bin, hab denn noch mal musste meinen Führerschein abgeben, bin denn noch weiter schwarzgefahren, auch unter Drogen–Einfluss und hab denn jetze äh jetzt ja noch ne Sperre bekommen dreieinhalb Jahre und die Sperre läuft jetzt nächstes Jahr im April ab //mmhm// und hab denn natürlich jezte im Februar hab ich angefangen, mach seit 15.02. (.) ja (.) ich #00:02:06–3# Herr Quante weist das Ansinnen der Fachkraft zurück und setzt von sich aus einen Anfangspunkt des Gespräches, indem er sagt, dass er schon einmal in dieser Beratungsstelle gewesen sein, dann den Kontakt 174 abgebrochen und in der Woche vor diesem Termin eine MPU „angefangen“ habe. Dies bedeutet wahrscheinlich, dass er ein kommerzielles Angebot zur Vorbereitung auf die medizinisch–psychologische Begutachtung der Fahreignung begonnen hat. Danach erfolgt eine kurze Pause, in der Herr Quante möglicherweise eine Erwiderung der Fachkraft erwartet, die aber nicht erfolgt. Also spricht er weiter und begründet sein „Nicht–Melden“ damit, dass er eine „Sperre“ vom Gericht bekommen habe. Diese besagt möglicherweise, dass er erst nach Ablauf einer gerichtlich festgesetzten Frist einen Antrag auf Begutachtung stellen kann. Dies ratifiziert Frau Dorenkamp mit einem positiven Hörersignal. Möglicherweise erinnert sie sich an den Fall oder sie findet die Begründung plausibel. Weiter sagt Herr Quante, dass er im Februar (4 Monate vor dem Gespräch) „wieder angefangen habe“. Womit er angefangen hat, wird dabei nicht deutlich. Er schließt mit der Information ab, dass er seit dem 15.02 von Drogen „abstinent“ sei. Die Nennung des konkreten Datums unterstreicht möglicherweise die Bedeutung, die der genannte Umstand für den Klienten hat. Möglicherweise hat er mit der Abstinenz „wieder angefangen“. Dies bedeutet, dass er nach dem letzten Gespräch wieder konsumiert hat. Frau Dorenkamp reagiert mit einem neutralen Hörersignal und es entsteht wieder eine kurze Pause. Möglicherweise erwartet Herr Quante eine Reaktion der Fachkraft, die diese aber wiederum nicht spontan gibt. Erneut setzt Herr Quante an, weiterzuerzählen, diesmal über seine Motivation die Beratungsstelle erneut aufzusuchen. Er differenziert dabei zwischen dem „mit den Drogen aufhören“ und dem Wunsch die sog. Abstinenz aufrecht zu erhalten, („möchte, dass das jetzte auch so bleibt“), weil es ihm „damit besser“ ginge. Weiter differenziert er zwischen dem Anlass der Veränderung („musste ja anfangen wegen der MPU“) und dem darüberhinausgehenden Wunsch diese Veränderung zu stabilisieren, der mit der Zusage verbunden ist, daran arbeiten zu wollen. Dies impliziert die (zunächst erstmal scheinbare) Erkenntnis, dass eine einmal umgesetzte Abstinenz kein Garant dafür ist, dass dies immer so bleibt. Der Gesprächsbeitrag des Klienten wirkt unsicher. Zweimal scheint er auf die Antwort der Fachkraft zu warten, die diese aber nicht gibt. Sie geht nicht auf Herrn Quante ein, kommt ihm nicht entgegen. Ist sie überrascht von diesem Wortbeitrag, der nicht zu ihrer Aufforderung passt oder ist sie verstimmt und hüllt sich in Schweigen? Diese fehlenden Reaktionen scheinen ihn weiter unter Druck zu setzen. Der Inhalt ist geprägt von Rechtfertigungen, warum er damals den Kontakt nicht fortgesetzt hat und dem Bekenntnis von nunmehr viermonatiger Abstinenz verbunden mit dem Wunsch diesen Zustand aufrecht erhalten zu wollen, aus eigenem Willen und 175 nicht aus strategischen Gründen. Dies präsentiert sich als fast zu schön, um wahr zu sein, denn damit würde er einen perfekten Klienten abgeben. Zusammengefasst scheint es dem Klienten wichtig zu sein Frau Dorenkamp davon zu überzeugen, dass es ihm ernst damit ist, seinen eingeschlagenen Weg weiterzuführen und zu zeigen, dass er die Hilfe der Fachkraft in Anspruch nehmen möchte, obwohl er einen ersten Kontakt zunächst abgebrochen hatte. Fürchtet er abgewiesen zu werden? Wenn dies geschehen würde, was wäre daran schlimm? Antizipiert er die Situation der Begutachtung, bei der es auch darum geht, die Gutachter zu überzeugen, dass es ihm ernst ist, sein Verhalten, aufgrund dessen ihm die Fahreignung abgesprochen wurde, dauerhaft ge- ändert zu haben? Die vorgebrachten Äußerungen erwecken trotz der inhaltlichen Beteuerung des Gegenteils zunächst den Eindruck eines strategischen Verhaltens. Frau Dorenkamp reagiert, indem sie auf den Aspekt des „perfekten Klienten“ eingeht und sagt, dass das das sei, was man sich wünsche. Diese Aussage klingt zwar anerkennend, zeigt aber trotzdem eine gewisse Zurückhaltung und ein Misstrauen. Es könnte auch heißen: „zu schön, um wahr zu sein“. Damit wird hier eine doppelte Botschaft gesendet. Herr Quante wirkt überrascht (ja?) und als würde er lächeln. Hat er mit dieser anerkennenden Reaktion nicht gerechnet? Hat er mehr Misstrauen erwartet? Oder bemerkt er die Zurückhaltung nicht? Frau Dorenkamp fährt fort und bekräftigt die Anerkennung, obwohl auch hier noch eine gewisse Zurückhaltung durchklingt (hört sich richtig gut an). Dennoch kann dies als Anerkennung gelesen werden. Sie setzt an, um weiterzusprechen, möglicherweise um zusammenzufassen, was sie gehört hat, wird jedoch vom Klienten unterbrochen. Dieser erzählt ungefragt weitere Details über das, was er zuvor umrissen hatte. Es scheint, als habe ihn die Anerkennung ermutigt, mit dem Stil, mit dem er begonnen hatte, weiterzumachen. Um noch mehr Anerkennung zu bekommen? Die Ausführungen wirken sprunghaft und die Sätze werden nicht beendet, so als müsse er weiter überzeugen. Spürt er die Zurückhaltung der Fachkraft? Inhaltlich dreht es sich um den Zusammenhang zwischen dem Auto fahren unter Drogeneinfluss, den (gerichtlichen) Folgen und der, sich daraus ergebenden zeitlichen Perspektiven. Der Beitrag endet mit der Nennung des Datums 15.02., das er als Beginn seiner Abstinenzphase genannt hatte. Der Satz bleibt unvollendet und es wird nicht deutlich, was Herr Quante ausdrücken möchte. Das Satzende ist geprägt von zunehmender Unsicherheit, die durch die Pause und das Füllwort „ja“ sichtbar wird, dem eine weitere Pause folgt. Dies 176 erweckt den Eindruck, als ob Herr Quante selbst nicht genau wisse, was er sagen möchte und als ob er diese Unsicherheit mit der Wiederholung von Bekanntem, von dem er glaubt, dass es seiner Sache dienlich sein könnte, zu überspielen versucht. Dies wiederum lässt möglicherweise darauf schließen, dass Herr Quante sich unter Druck gesetzt fühlt. Was löst diesen Druck aus? Die bevorstehende Begutachtung? Die zunächst zurückhaltende Reaktion von Frau Dorenkamp? Hat er das Gefühl, dass er etwas beweisen muss? Eine andere Erklärung wäre, dass diese Impulsivität verbunden mit einer gewissen Unstrukturiertheit, wie sie im letzten Abschnitt deutlich wird, ein Hinweis auf den Konsum von Amphetaminen sein könnte67. Sollte letzteres der Fall sein, so würde dies die bisherigen inhaltlichen Aussagen konterkarieren und die Frage aufwerfen, warum er sich dann so bemüht, Frau Dorenkamp zu überzeugen, die keinen Einfluss auf die Begutachtung hat. Die Frage ist, ob dem Klienten das klar ist oder ob er denkt, dass bescheinigte Termine in einer Suchtberatungsstelle möglicherweise dazu beitragen könnten, die Gutachter positiv zu beeinflussen. Dies sind Fragen, die zunächst offen bleiben müssen. Alle Lesarten haben jedoch gemeinsam, dass eine Unsicherheit über die genauen Absichten und das Anliegen des Klienten bleibt, obwohl er diese scheinbar offensiv präsentiert. Dies spiegelt Frau Dorenkamp durch ihre zurückhaltenden Reaktionen, obwohl sie die Äußerungen des Klienten gleichzeitig scheinbar anerkennt. Dies führt wiederum dazu, dass Herr Quante seine Äußerungen wiederholt und mit mehr fragmentarischen Details ausschmückt, dabei aber immer unsicherer wirkt. Frau Dorenkamp: Wo gehen Sie jetzt hin? #00:02:08–6# Herr Quante: Ich bin also Tests mache ich bei Frau ähm Dr. B. #00:02:12–7# Frau Dorenkamp: Ja #00:02:15–9# Herr Quante: und äh die MPU Vorbereitung, die mach ich bei, Sie kennen das, Institut M., in G.–Stadt (.)//mmhm//(.) Dort mache ich meine ähm Seminare, meine Vorbereitungsseminare. (.)(.) #00:02:26–8# Frau Dorenkamp: Was kost das? #00:02:30–3# Herr Quante: (.)(.) In G–Stadt jetzt 1.300 Euro. #00:02:34–0# Frau Dorenkamp: Ne! (.)(.)(.) #00:02:37–4# Herr Quante: Ich werd auch hier abgeholt. ähm Insgesamt hab ich da 4 Seminare noch. Ich hab jetz am 20. also jetzt (.) nächste Woche? am 20. 06 mein nächstes Drogenseminar da.(.)(.) und ähm ja. #00:02:48–1# 67 Das Gespräch fand um 7 Uhr morgens nach der Nachtschicht des Klienten statt. 177 Frau Dorenkamp beginnt ein neues Thema. Sie fragt nach, wo er denn hinginge. Dies ist zunächst erstmal eine inhaltlich unklare Frage. Sie bezieht sich möglicherweise auf die Tatsache, dass Herr Quante Hilfe in Bezug auf seine Vorbereitung auf die MPU in Anspruch genommen hat, diese Hilfe aber nicht in der Beratungsstelle stattfindet, obwohl Frau Dorenkamp Herrn Quante nach einer kurzen Kontaktaufnahme zu ihrem Kollegen weitergeschickt hatte. Die Frage könnte sich aber auch auf etwas anderes beziehen. Herr Quante antwortet, dass er „Tests“ bei einer Frau Dr. B. mache, weicht damit der Frage nach dem anderen Institut aber aus. Auch aus dieser Antwort wird nicht wirklich klar, was er damit meint. Er scheint aber davon auszugehen, dass Frau Dorenkamp weiß, was er meint und dass sie diese Äußerung einordnen kann. Mit dieser Einschätzung scheint er richtig zu liegen, denn Frau Dorenkamp reagiert mit einem „Ja“. Wobei auch hier nicht deutlich wird, ob sie meint, dass sie den Klienten verstanden hat oder ob sie tatsächlich weiß, wovon er spricht. Nun benennt Herr Quante das Institut, bei dem er die „Vorbereitungsseminare“ für die MPU macht. Die Bemerkung „sie kennen das“ in Bezug auf den Namen des Instituts deutet darauf hin, dass es sich möglicherweise um eine spezifische „Szene“ oder einen „Markt“ handelt, auf dem mehrere Akteure mit dem gleichen oder ähnlichen Angebot tätig sind und zu dem auch die Beratungsstelle gehört. Aus einer anderen Perspektive könnte es sich um einen Kompetenztest handeln: Kennt die Beraterin das Institut oder kennt sie es nicht und weist seinen Einwurf zurück? Frau Dorenkamp äußert sich nicht direkt. Stattdessen reagiert sie lediglich mit einem Hörersignal und fragt unvermittelt nach den Kosten. Dies überrascht und ist insofern erklärungsbedürftig, dass es in Bezug auf das geäußerte Anliegen erst einmal irrelevant erscheint. Hier fokussiert Frau Dorenkamp möglicherweise den oben angesprochenen Markt, auf dem die Beratungsstelle ein weiterer Akteur und das Institut ein Mitbewerber zu sein scheint. Hier wechselt sie damit spontan und für den Klienten unberechenbar in die Rolle einer Leitung oder Managerin der Organisation. Dass Herr Quante dieses Institut besucht, scheint ein latentes Konfliktthema zu sein, denn es überlagert die Kommunikation nun schon seit Anfang des Gesprächs. Herr Quante scheint entweder überrascht über die direkte Nachfrage oder er überlegt, ob er etwas dazu sagen möchte, denn es entsteht eine kurze Pause. Beide Deutungen weisen auf Unsicherheit hin. Herr Quante entscheidet sich dazu auf die direkte Frage auch direkt zu antworten und nennt 178 einen Betrag. Frau Dorenkamp kommentiert diesen mit einem spontanen Ausdruck der Überraschung. Sie bleibt damit in der Leitungsrolle. Dies könnte von Herrn Quante auch als Anklage gedeutet werden: „Viel zu teuer eingekauft, bei uns wäre es günstiger gewesen.“ Es entsteht eine längere Pause, bevor Herr Quante antwortet. Auch dies deutet wieder auf Unsicherheit hin. In seiner Antwort zählt er Leistungen auf, die er für diesen Geldbetrag bekommt oder von denen er davon ausgeht, dass er sie bekommen wird, weil sie möglicherweise vertraglich vereinbart wurden. Die Aufzählung wirkt wie eine Rechtfertigung, bei der sich sprachlich das gleiche Muster (sprudelndes Erzählen, ungefragte Details, Sätze werden nicht beendet, das Ende mit Stottern und einem unsouverän wirkendem Abschluss) zeigt, wie zuvor. Die Unsicherheit des Klienten ist weiter gestiegen und die vielen Worte sind ein Versuch dies zu überspielen. Frau Dorenkamp: (.)(.) Ich gucke so entsetzt. (.) Haben wir da beim letzten Mal drüber gesprochen? Oder hatten Sie mir von der MPU damals nichts erzählt? #00:02:57–6# Herr Quante: Ähm #00:02:58–2# Frau Dorenkamp: Weiß ich nicht mehr #00:02:58–2# Herr Quante: Doch äh äh, hat äh hat, hab ich ja erzählt gehabt äh #00:03:02–6# Frau Dorenkamp: und hab ich sie eher an (??? unverständlich) verwiesen oder? #00:03:04–4# Herr Quante: Ja, genau ja, bin ja jetzt, hab ja jetzt auch noch mal ähm neu angefangen. (nachdenklich zu sich selbst) Ich weiß auch gar nicht, wie ich da dahin gekommen bin. #00:03:12–5# Frau Dorenkamp: Aber Sie #00:03:12–5# Herr Quante: Aber ach so, ach so, weil ich, ich war noch mal bei der Führerschein–Stelle gewesen//mmhm// weil ja meine ähm (.)(.) bei der Zufis(??) wurde mir eigentlich geraten, ich sollte das lieber da machen (.)(.)(.) wurde mir so in Dings empfohlen so äh, dass ich mich da bei Frau K. halt melden soll. //mmhm// #00:03:32–5# Frau Dorenkamp: (.)(.) Herr Quante. wir machen erst mal das das Andere #00:03:36–6# Herr Quante: Ja. #00:03:36–6# Frau Dorenkamp verbalisiert einen weiteren möglichen Grund der Verunsicherung des Klienten: Sie hat „entsetzt“ geschaut. Dieses geschieht nach einer Gesprächspause. Möglicherweise hat sie realisiert, dass das Gespräch in eine Sackgasse geraten ist, im Modus der Selbstreflexion ihren Anteil daran erkannt und mit Hilfe von Metakommunikation verbalisiert. Das „entsetzte“ Schauen wirft inhaltlich die Frage auf, ob Herr Quante etwas falsch gemacht hat und wenn ja, was. Weiterhin lässt sich 179 die Frage stellen, was genau sie an der Höhe des genannten Geldbetrages entsetzt. Das diese offenbleibenden Fragen zur Verunsicherung des Gegenübers beitragen, erscheint plausibel. Ein weiterer Umstand mag zur Verunsicherung des Klienten beitragen. Das Erstgespräch findet in einem Beratungssetting statt, in dem ein spezifisches rollenförmiges Verhalten des Beratenden erwartet werden kann. Dies sieht nach einem gängigen Konzept (z. B. Kähler; Gregusch 2015, S. 76 ff.) vor, dass der oder die Berater_in sich Äußerungen des Klienten gegenüber nicht wertend verhält, zur Selbstdarstellung einlädt und ggf. vertiefende Nachfragen stellt, um den / die Klient_in besser verstehen zu können. Dies ist hier nicht der Fall, da Frau Dorenkamp sich nicht an diese „Regeln“ hält. Dies kann auf eine selbstherrliche Willkür hindeuten, bei der Frau Dorenkamp selbst die Instanz ist, die die Regeln des Miteinanders bestimmt, sodass andere sich nach ihr richten müssen. Eine weitere Lesart wäre, dass sie sich einfach authentisch verhält, gemessen an dem, was ihr in diesem Moment gerade wichtig ist oder in den Kopf kommt und dass sie dafür willkürlich zwischen verschiedenen beruflichen Rollen (Beraterin, Managerin, Kollegin, konkurrierende Akteurin in einem Wettbewerb um Ressourcen) springt. Diese Unberechenbarkeit des Verhaltens führt in dieser Situation, bei der der Klient sich möglicherweise auf eine bestimmte Rolle und dem, was er sich darunter vorstellt (hier Suchtberaterin), eingestellt hat und in der sich noch kein eindeutiges Verhältnis gegenüber der Person herauskristallisiert hat, zu Unsicherheit und ev. zu Misstrauen. Die darauffolgenden Nachfragen wirken in den Lesarten selbstherrliches oder spontan willkürliches Verhalten zunächst inquisitorisch und könnten ein Rechtfertigungsverhalten des Klienten evozieren, wodurch dieser weiter unter Druck gesetzt wird. Eine andere Lesart wäre, dass sie sich selbst in Frage stellt und versucht zu rekonstruieren, ob sie in der Verweisung vielleicht einen Fehler gemacht haben könnte. Beiden Lesarten haben gemeinsam, dass eher eine weitere Verunsicherung als das Gefühl von Sicherheit beim Klienten evoziert wird. Der Verlegenheitslaut des Klienten bestätigt zumindest eine Verunsicherung. Die nächste Äußerung der Fachkraft beinhaltet eine Information auf der Sachebene („Erinner mich nicht mehr“). Dies spricht eher für die Lesart des Nachfragens und des Versuchs einer Rekonstruktion des tatsächlich Geschehenen. Diese Deutungsmöglichkeit scheint bei Herrn Quante aber nicht anzukommen, denn er reagiert sehr verunsichert. Dies zeigt sich an seinem stotternden Satzbau in Verbindung mit vielen „ähs“. Möglicherweise deutet er das Verhalten auf der Basis 180 seiner biografischen Erfahrung und damit auf der Basis seines impliziten Beziehungswissens als Konfrontation. Frau Dorenkamp setzt nach und bringt den Kern des Ganzen zur Sprache: „Ich hatte sie doch an ??? (Unverständlich)68 verwiesen“. Möglicherweise ist sie aufgrund ihrer Identifizierung mit ihrer Einrichtung (die sie aufgebaut hat und in der sie mehrere Rollen69 ausfüllt) emotional gekränkt, weil Herr Quante ihrer damaligen Überweisung, an die sie sich selbst nicht erinnert, nicht gefolgt ist. Dies deutet auf einen Deutungsmachtanspruch gegenüber der Autonomie des Klienten hin. Wieder reagiert Herr Quante verunsichert und kann sich selbst nicht mehr erinnern, wie er „dahin gekommen“ ist. Frau Dorenkamp setzt zu einer Erwiderung an, die mit „Aber“ beginnt, was auf eine andere Meinung hindeutet (z. B., dass er sich doch erinnern können müsste o. ä.), wird aber vom Klienten unterbrochen. Dieser erinnert sich jetzt doch wieder, dass ihm auf der Zulassungsstelle des Landkreises, die für die Erteilung bzw. Wiedererteilung von Fahrerlaubnissen zuständig ist, geraten wurde, sich bei einer „Frau K.“ zu melden und dass er es „lieber woanders“ machen soll. Wie die genannte Person genau ins Bild passt, wird nicht klar. Im Gegenteil scheinen die Zusammenhänge immer verworrener zu werden, weitere Fragen aufzuwerfen und sich vom grob formulierten Anliegen des Klienten (den jetzigen –abstinenten– Zustand aufrechterhalten, auch um seine Fahrerlaubnis wieder zu erlangen) zu entfernen. Es entsteht eine weitere Gesprächspause. Das Gespräch ist in eine Sackgasse geraten. Die starke affektive Beteiligung von Herrn Quante deutet darauf hin, dass es sich hier um eine kairosartige Konstellation in Bezug auf die Entwicklung des Beratungsprozesses handelt. Diese bezieht sich darauf, dass es für ihn von entscheidender Bedeutung ist, wie Frau Dorenkamp sein „Fremd–gehen“ zur anderen Institution bewertet. Wird sie ihn anklagen und dafür verurteilen? Diese Lesart wird gestützt durch seine Aussagen im Nachinterview. 68 In der Audioaufzeichnung ist dieser Teil nicht zu verstehen. Es spricht jedoch einiges dafür, dass sie ihn an ihren Kollegen verwiesen hat, der für diese Art von Beratung in der Suchtberatungsstelle zuständig ist. So geht es zumindest auch aus der Nachbefragung der Fachkraft hervor: „Ja, ich also in diesem kurzen Gespräch erkläre ich das immer, sage ‚ich find ja gut, dass Sie gekommen sind, aber für die MPU ist mein Kollege zuständig‘. Und schicke den dann praktisch zu meinem Kollegen“. (Nachgespräch mit Frau Dorenkamp zum Gespräch mit Herrn Quante: #00:04:54–0#) 69 Die Rollen sind Suchtberaterin, Suchttherapeutin und Leitung. 181 „Hm, ich war letztes Jahr war ich schon mal bei Frau Dorenkamp gewesen, auch nur zum Erstgespräch. Weil ich hatte nämlich letztes Jahr schon mal 'ne MPU angefangen, hab denn aber vom Gericht, ich sag mal, 'ne Sperre bekommen. Und dann hatte ich mich aber nicht noch mal bei Frau Dorenkamp gemeldet, also ich war nur einmal da gewesen. Und denn ja, jetzt nach einem Jahr wieder hin. Da hatte ich erst 'n bisschen Bedenken gehabt so, […] Da dachte ich so, weil meistens ja, ich kenn das z.B. ähm aus (unverständlich) oder wenn irgendwas ist s, da sagten sie auch "es kann doch nicht sein, dass ich mich ein Jahr nicht mehr gemeldet hatte" oder irgendwas so. […]“(Nachinterview mit Herrn Quante #00:10:01–3#–#00:10:31–2# Frau Dorenkamp scheint zu merken, dass Herr Quante affektiv beteiligt ist. Sie realisiert die, von Herrn Quante befürchtete Möglichkeit einer Anklage nicht, greift das Thema aber auch nicht im Sinne einer Entlastung für ihn auf. Indem sie ihn direkt mit seinem Namen anspricht, schlägt sie stattdessen vor mit dem „Anderen“ weiterzumachen. Gemeint ist wahrscheinlich die „Aufnahme der Personalien“. Der Unterschied zur ersten Situation, in der dieser Vorschlags unterbreitet wurde, ist, dass diese keine sprachliche Möglichkeit des Ausweichens mehr enthält. E handelt sich diesmal mehr um eine Ansage, als um einen Vorschlag. Damit übernimmt Frau Dorenkamp erneut und diesmal noch restriktiver die Führung im Gespräch im Modus von Machtaus- übung. Dies wird nun von dem Klienten ratifiziert, der möglicherweise eingeschüchtert oder erleichtert ist, dass es zu keiner Anklage gekommen ist, obwohl sie kritisch nachgefragt hat. Die nächsten beiden Sequenzen stammen aus dem Teil des Gespräches, in dem Frau Dorenkamp die Daten aufnimmt, die sie „Personalien“ genannt hat. In der Tat gestaltete sich dieser Teil als eine Art routiniertes Abfragen von Daten. Frau Dorenkamp hat Herrn Quante danach gefragt, wie oft er denn noch dort zum Seminar müsse und sich den Flyer des Instituts zeigen lassen, den Herr Quante mitgebracht hat. Frau Dorenkamp: (vorlesend) Für Einzeltermin mit Fr. K. #00:14:30–4# Herr Quante: Ja genau. Sie ist selber Doktor äh, ja. #00:14:33–4# Frau Dorenkamp: Hat sie das gesagt? (….) Keine Ahnung? #00:14:38–1# Herr Quante: Das hab ich von anderen, ich hab noch andere Unterlagen. Da steht das glaub ich drauf zu Hause. Ich hab das bloß jetzt, damit ich überhaupt was mit hab, schnell eingepackt. #00:14:45–5# Frau Dorenkamp: Na, es hätte mich jetzt bloß interessiert. Ich finde die, die Summe finde ich natürlich ganz schlimm, 1300€. #00:14:52–7# 182 Herr Quante: Ja. Aber ähm, das wollen wir, wie ich es vorhin gesagt hab, ich wollte das jetzt einfach unbedingt ähm... #00:15:00–7# Frau Dorenkamp: Ist ja ok. Und ich sag mal, Sie verdienen Geld und das ist sicherlich auch nicht ganz so wenig. #00:15:04–7# Frau Dorenkamp liest aus dem Flyer vor. Ist es eine Kostenaufstellung, mit den Preisen für einen Einzeltermin mit Frau K.? Herr Quante gerät in eine Rechtfertigungshaltung. Er behauptet, Frau K. sei ein „Doktor“. Versucht er damit die, von Frau Dorenkamp latent in Frage gestellte Kompetenz der Einrichtung aufzupeppen und sie „fremd zu inszenieren?“ Wenn dem so seien sollte, fühlt er sich vielleicht angegriffen, weil er sich mit der Einrichtung identifiziert und hat das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Hier wiederholt sich das Thema aus einer früheren Szene: Herr Quante hat die andere Einrichtung vorgezogen. Wird Frau Dorenkamp ihn doch noch anklagen? Herr Quante versucht auszuweichen, indem er anbietet, den Titel der Frau K. nachzuschauen. Frau Dorenkamp lenkt ein und deklariert ihren Einwand als persönliches Interesse und nicht als Konfrontation für Herrn Quante. Gleichzeitig macht sie noch eine Bemerkung zur Summe, die sie „ganz schlimm findet“. Das Thema ist noch nicht vom Tisch. Herr Quante fängt an zu stottern. Mit diesem bewertenden Nachsatz hat er nicht gerechnet. Er gerät wieder unter Druck. Daraufhin rudert Frau Dorenkamp erneut zurück und relativiert ihre Aussage, indem sie legitimiert, dass Herr Quante diesen, aus ihrer Sicht zu hohen Preis bezahlt. In dieser Phase schwankt sie zwischen ihrer Rolle als Beraterin und als Leiterin der Einrichtung, die auch im Blick haben muss, wie ihre Angebote am Markt platziert sind. Für Herrn Quante bedeutet dieser erneute Rollenwechsel von Frau Dorenkamp eine Verunsicherung, denn er kann nicht sicher sein, ob das Thema nicht doch nochmal angesprochen wird und er erneut das Gefühl bekommt, sich rechtfertigen zu müssen. Herr Quante: Das war letztes Jahr, wo ich angefangen hab, ich war auch bei Herrn äh..//S.//, Herr S70. auch gewesen und äh (.) ja. Der hatte mir auch gesagt, ich sollte eigentlich kurz vorher ähm ja. #00:15:20–0# Frau Dorenkamp: Wir machen das anders. Wir machen nur Einzelgespräche. Also Herr S. bietet das an, der macht nur Einzelgespräche. Herr Quante: Ich wollte ja vorher ungefähr, kurz bevor das Dings. #00:15:28–5# Frau Dorenkamp: Genau. #00:15:29–0# 70 Bei Herrn S. handelt es sich um den Kollegen von Frau Dorenkamp, an den sie ihn verwiesen hatte. 183 Herr Quante: Aber ich muss ehrlich sagen, ich hab ja bei ihr auch so ein Erstgespräch gehabt und als ich das alles, weil die haben auch, weil ich ja doch 'n bisschen mehr, nicht nur eine Sache gehabt habe, //mhm//, das hat mir da alles 'n bisschen ähm vom Umfang her, beim Erstgespräch hat sich das 'n bisschen besser angehört. War zwar vom Preis her teuer, aber dachte ich, weil ich, ja. Oder die Angst, dass ich jetzte ähm. Das hat sich da 'n bisschen äh.. #00:15:53–1# Frau Dorenkamp: Professioneller, ja? #00:15:53–8# Herr Quante: Professioneller. #00:15:54–8# Frau Dorenkamp: Ja, die beschäftigen sich ja auch nur damit, ja. #00:15:56–6# Herr Quante: Nur damit. #00:15:57–5# Frau Dorenkamp: Ja. Ja, ja. #00:15:58–9# Herr Quante: Und weil ich so, die haben auch jetzt beim äh, bei Dings gemacht äh. (.) Na auf jeden Fall bei der Führerscheinstelle haben die gesagt, naja meine MPU wird nicht gerade leicht, sag ich jetzt mal, bei den 11 Sachen. Und dann auch die Schwarzfahrt noch. Und das, weil da alles mit Komplettpaket ist. //mhm// Herr. Dr. S. hat ja nur die Einzelgespräche gemacht, und ich hätte ja noch mal extra hin gemusst, weil er macht ja das nicht äh...Die Schwarzfahrt ist ja nicht direkt das mit den Drogen, das ist ja schon wieder 'n anderes. #00:16:26–6# Frau Dorenkamp: Das ist was anderes. #00:16:27–4# Herr Quante: Das ist ja schon wieder was anderes. Und da hab ich komplett alles mit einmal drinne. #00:16:31–0# Frau Dorenkamp: //mhm// #00:16:32–0# Herr Quante: Ob's nun was bringt, das kann ich Ihnen erst hinter her, also. #00:16:35–3# Frau Dorenkamp: Ich denke mal bei dem Preis, da wär ich stinkesauer @(.)@., . wenn das nicht... Herr Quante: ...Da hab ich auch gesagt, also bei dem Preis, wenn's denn nicht bringt. Die haben auch gesagt, die haben jetzte von der Durchfallquote her haben die 90%, oder 95%, die auch dann wirklich bestehen. Der Rest ist auch vieles, was auch ähm von einem selber aus kommt. Da hab ich jetzt auch beim Erstseminar dort gelernt, (.) die Psychologen, die merken ja wirklich, mach ich das jetzt nur wegen der MPU, mach ich das von mir selber aus. Da hab ich jetzt auch schon sag ich mal etliche Sachen gelernt, ich muss es von mir selber aus machen. Die kriegen da ja auch sofort mit, quatsch ich denen da jetzt sag ich mal, mach ich das nur wegen der MPU oder mach ich das von mir selber aus. Und ich hab jetzt auch selber mitgekriegt, naja dass jetzt ein paar Sachen anders laufen. Und da ich jetzt auch keine Drogen mehr nehme, dass jetzt ein paar Sachen auch äh, haben sich seit Februar jetzt doch 'n paar Sachen geändert. //mhm// Wo ich jetzt, wo mehr so kommt, dass ich auch wirklich das von mir aus will. Dass ich das alles jetzt so'n bisschen verändern tue. #00:17:37–6# Frau Dorenkamp: //mhm//. #00:17:39–0# Nun spricht Herr Quante das Thema von sich aus an und berichtet, dass er einen Termin bei Herrn S., dem Kollegen von Frau Dorenkamp, gehabt habe und dass dieser gesagt habe, dass er sich kurz vor etwas nicht 184 näher bezeichnetem melden soll. Nun ist es Frau Dorenkamp, die eher in eine Verteidigungshaltung geht und Herrn Quante mit der Aussage unterbricht, dass sie das hier anders machen und dass Herr S. nur Einzeltermine macht, obwohl dies von Herrn Quante nicht thematisiert wurde. Der Sinn ihres Einwurfs erschließt sich nicht sofort. Vergleicht sie ihr Angebot mit dem anderen an dem Herr Quante teilnimmt? In ihrer Rolle als Leitungskraft könnte sie dies kennen. Für Herrn Quante scheint sich ihr Einwand auch nicht ganz zu erschließen, denn er setzt seine Rede fort, wird aber wieder von Frau Dorenkamp unterbrochen. Die ratifiziert etwas, dass sie nicht wissen kann, nämlich was damals im Kontakt mit Herrn S. passiert ist oder nicht. Ahnt sie vielleicht etwas? Herr Quante lässt sich nicht beirren und berichtet weiter von einem Erstgespräch, was er bei „ihr“, gemeint ist wahrscheinlich Frau K. vom anderen Institut, gehabt habe. Die Einleitung „muss ich ehrlich sagen“ deutet darauf hin, dass es möglicherweise zu einem Geständnis oder einer Konfrontation seinerseits, worüber auch immer, kommen könnte. Tatsächlich stellt sich heraus, dass er das Erstgespräch in dem Institut für sein Anliegen besser geeignet fand, obwohl es teurer gewesen sei. Damit konfrontiert Herr Quante Frau Dorenkamp in ihrer Rolle als Vorgesetzte und Kollegin von Herrn S. Auf diesen Aspekt geht Frau Dorenkamp ein und fragt mit einem Wort „Professioneller“? Was genau sie damit meint wird nicht klar. Vielleicht hat sie schon geahnt, dass dies der Grund für das „sich nicht melden“ von Herrn Quante gewesen sein könnte und will es nun ganz genau wissen. Damit wehrt sie die Konfrontation nicht ab, sondern deutet an, dass sie diese Entscheidung plausibel findet. Herr Quante bestätigt, indem er das Wort wiederholt, auch ohne zu klären, ob beide das Gleiche meinen. Deutlich aber wird, dass Herr Quante dem Kollegen Herrn S. nicht zugetraut hat, ihm bei der Lösung seines Problems zu helfen. Er fand das andere Angebot zielführender. Aber trotzdem hat er sich wieder gemeldet. An dieser Stelle böte sich die Gelegenheit nachzufragen, was ihn denn nun dazu bringt, sich erneut zu melden oder sein erneutes Hilfegesuch zurückzuweisen, so wie er dies schon in der früheren Szene befürchtet hatte. Stattdessen bleibt Frau Dorenkamp in der Leitungsrolle und verteidigt ihren Kollegen erneut, indem sie sagt, dass die anderen ja nichts anderes machen würden. Dies klingt aber eher defensiv, fast als hätte sie es schon vermutet oder als ob sie es nicht zum ersten Mal hört. Warum diese Argumentation begründen soll, dass deren Angebot „professioneller“ im Sinne von zielführender sein soll, wird nicht 185 klar. Dennoch ratifiziert Herr Quante dies, indem er die Worte wiederholt und Frau Dorenkamp damit nicht erneut konfrontiert. Er begründet nun erneut, inhaltlich bezogen auf seine Situation, seine damalige Entscheidung. Diese Begründung wird von Frau Dorenkamp ratifiziert. Herr Quante greift ihre Worte auf und wiederholt seine Begründung. Nach einem Hörersignal von Frau Dorenkamp spricht er weiter und verleiht seiner Sorge Ausdruck, dass das nun alles nichts bringen könnte. Frau Dorenkamp greift die Worte auf und ergänzt, dass sie bei dem Preis dann ganz schön sauer wäre. Dies ist noch mal ein entscheidender Punkt, denn sie hätte auch sagen können: „Dann sind Sie selber schuld, hätten Sie mal unser Angebot genommen“. Dies tut sie nicht, sondern wendet sich Herrn Quante nun wieder in ihrer Rolle als Beraterin zu. Herr Quante scheint geradezu erleichtert zu sein, denn er fällt ihr ins Wort und berichtet umfänglich davon, was die Psychologen zum Thema „durchfallen“ gesagt hätten. Für die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung bedeutet dies einen entscheidenden Punkt. Das Thema „warum ist Herr Quante nicht wiedergekommen“ hat sich bis hierher durchgezogen und konnte nun geklärt werden. Dazu hat Herr Quante seine Rolle als unsicherer, hilfesuchender Klient verlassen und als autonom entscheidender Kunde begründet, warum er das andere Angebot für ihn angemessener fand. Damit ist er, auf der Basis seiner bisherigen Erfahrungen, das Risiko einer Zurückweisung durch Frau Dorenkamp eingegangen. Diese Sorge hatte ihn schon die ganze Zeit beschäftigt und auch im Nachgespräch brachte er dies zur Sprache (s. o.). Die hier dargestellte Szene ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil hier die Sorge von Herrn Quante vor Zurückweisung bei gleichzeitigem Signalisieren von Verstehen seiner damaligen Beweggründe angemessen aufgegriffen wurde. Im Nachinterview sagt er dazu: „Also das war so erstmal, abgesehen davon äh war ich eigentlich so, ja erstmal hingehen und gucken, wie's wird so. (Leiser) Aber dann war ich eigentlich ganz positiv überrascht. […] Es muss ja auch immer so ‘n bisschen vom Gefühl, von der Chemie so stimmen, sag ich jetzt mal. Wenn man sich vielleicht unwohl fühlt oder, das war eigentlich ganz gut gewesen. […] Also ich hatte sonst das Gefühl so, dass sie es auch so ähm verstanden hat. […] (.)(.)Ähm, das war eigentlich, eigentlich war es nicht so, wo ich jetzt hinterher sagen könnte, […], wo ich dachte "es kann doch nicht sein, dass ich mich nicht gemeldet hab" oder irgendwas anderes. Sie hat eigentlich keine weiteren Ansprüche gesagt, ist eigentlich jetzt so ja. Ich bin 186 jetzt so zufrieden, weil ich jetzt das Gefühl hab, dass mir da geholfen werden kann. (Nachinterview Herr Quante zum Gespräch mit Frau Dorenkamp #00:10:46–3# –#00:12:10–0#) Dass Frau Dorenkamp keine weiteren „Ansprüche“ gestellt hat, deutet darauf hin, dass er das Gefühl hatte, hier so sein zu können, wie er ist. Positiv überrascht hat ihn, dass das möglich war, obwohl er zunächst ihre Hinweise auf Hilfe nicht angenommen und er möglicherweise deswegen ein schlechtes Gewissen hatte. Bei der oben stehenden Szene kann aus der Sicht von Herrn Quante insofern von einer kairosartigen Konstellation in Bezug auf eine wichtige Entwicklung im Beratungsprozess ausgegangen werden, als dass Herr Quante trotz zunächst zurückhaltender Reaktionen von Frau Dorenkamp das Setting des „Verhörten“ verlässt und an– und ausspricht, warum er das andere Institut gewählt hat. Dies wurde von Frau Dorenkamp aus seiner Sicht offenbar angemessen aufgegriffen, sodass die „Chemie“ nun stimmt. „Und nun wollte ich mich jetzte noch mal bei Ihnen melden“ Nach dem, von Unsicherheit geprägten Anfang, der nur durch Frau Dorenkamps rigide Struktursetzung durchbrochen werden konnte, beginnt Herr Quante nun ausführlich zu berichten. Frau Dorenkamp äu- ßert sich dazu im Nachinterview auf die Frage, ob und wenn ja, wie sie in Kontakt gekommen seien, wie folgt: ich hatte auch gar nicht so das Gefühl, dass er irgendwas verschweigen möchte oder irgendwas nicht. Sondern auch so ein bisschen Erlösung. Jetzt kann ich das erzählen, was mit mir los ist und ich möchte gerne da was tun, dass das äh (.) was loswerden ja, so. Ich möchte loswerden, was alles passiert ist bisher und äh ja, das kann ich hier machen und da krieg ich auch Hilfe. Doch so hab ich das empfunden. (Nachinterview Frau Dorenkamp zu Gespräch Herr Quante #00:18:02–3#) Was sie damit meint, zeigt sich in der nächsten auszuwertenden Sequenz, der seit der eben analysierten Sequenz schon ähnliche vorausgegangen sind. Frau Dorenkamp: //mhm// Aber Sie sind ja nicht irgendwie gehemmt? Also ich find ja erstaunlich, wie Sie so erzählen, erzählen, erzählen. Das ist ja eigentlich immer so typisch bei Leuten, die drauf sind und nicht...Aber das scheint ja normal zu sein, dass Sie so, so viel... #00:20:22–8# 187 Herr Quante: Ja ich hab jetzt so gemerkt jetzt auch, so ein bisschen zwischendurch so, dass äh (.) naja die Energie manchmal so da ist. Wie so hyperaktiv fühle ich mich dann manchmal jetzt eigentlich. Obwohl ich jetzte eigentlich nischt mehr mache so. Ja. Ich hab auch jetzte, letzte Woche, angefangen, früher waren die Hobbies jetzt nicht in Anführungsstrichen so da gewesen. Hab jetzt mit meiner Freundin angefangen, sind wir nach Q. so das Bad da in der Stadt, haben wir uns jetzt vorgenommen, einmal und letzte Woche waren wir zum ersten Mal da gewesen, dass wir ein–, zweimal die Woche schwimmen gehen. Irgendwas so, mal ne Aktivität, normale Aktivität anfangen so. Ja. (.)(.) Und nun wollte ich mich jetzte noch mal bei Ihnen melden, oder dass wir vielleicht, weiß ich nicht, weil meine große Sorge ist, wenn ich da jetzt noch zur MPU hingehe, ähm und gut ich hab jetzte seit 13 Jahren Drogen genommen. Und ich selber, wem willsten jetzt erzählen, ich hab ja wirklich angefangen, die MPU war der Hauptgrund, wo ich das jetzt anfangen musste sag ich jetzt mal. #00:21:38–3# Frau Dorenkamp: Ja. #00:21:39–0# Hat Frau Dorenkamp bisher nur implizit bei den Ausführungen von Herrn Quante zu seinen Konstruktionen nachgefragt, stellt sie nun nach einem neutralen Hörersignal zunächst eine rhetorische Frage, um dann ihre Bewertung der vorausgegangen Situationen mitzuteilen: Für sie ist es wichtig zu unterscheiden, ob Herr Quante „drauf“ ist (aktuell Suchtmittel konsumiert hat) oder ob er auch im nüchternen Zustand aus ihrer Sicht ungewöhnlich71 mitteilsam ist. Implizit ist mit dieser Bewertung die Beurteilung der Frage verbunden, ob es sich bei der Formulierung des Anliegens des Klienten um eine Strategie handelt, um durch den ‚freiwilligen‘ Besuch der Suchtberatungsstelle eine gute Ausgangsposition bei der Begutachtung der Fahreignung im Rahmen der MPU zu haben, oder ob das Anliegen72 des Klienten davon unabhängig und authentischer Natur ist. Sie scheint zu dem Ergebnis gekommen zu sein, dass er nicht „drauf“ ist und teilt ihm dies relativ unverblümt mit. Sie sagt sehr direkt und ohne sprachliche Schnörkel, wie die Dinge aus ihrer Sicht liegen. Dies wirkt für eine Beratung erneut mindestens unkonventionell. Es entsteht eine kleine Pause. Herr Quante lächelt. Auf die Frage, wie sie das Lächeln interpretiert hat, sagt sie im Nachinterview: 71 Im Nachinterview sagt sie dazu: „Also ich muss sagen, zum Anfang hab ich gedacht, er nimmt noch was, weil er so euphorisch, so sprudelnd erzählt hat, was ja eigentlich immer so ein Zeichen dafür ist. Ich hab ihm das auch reflektiert, hab das auch, weil mir das so aufgefallen ist, da hat er bloß gelächelt drüber […]“ (Nachinterview Frau Dorenkamp zum Gespräch mit Herrn Quante #00:14:26– 2#) 72 Herr Quante hat berichtet, dass er wegen der MPU mit dem Drogenkonsum aufgehört und gemerkt habe, dass es ihm damit besser geht. Nun möchte er das dies so bleibt (vgl. #00:01:19–5#). 188 „Also so so, ja ich kann, ich kann abstinent leben, guck mal, ich kann das. So hab ich das interpretiert.“ (Nachinterview Frau Dorenkamp zum Gespräch mit Herrn Quante #00:15:30–6#) Tatsächlich geht Herr Quante erklärend auf den Inhalt der Bemerkung von Frau Dorenkamp, dass er ihrer Meinung nach ungewöhnlich gesprächig sei, ein und bestätigt, dass er auch schon gemerkt hat, dass „zwischendurch“ „die Energie“ so da sei. Er fühle sich dann „wie so hyperaktiv“. Herr Quante ist von dem distanzierenden „man“ aus vorhergehenden Erzählungen zum „ich“ und ins Präsens gewechselt. Damit zeigt sich auch sprachlich das Ankommen in der Gegenwart. Weiter berichtet er von „neuen“, „normalen“ Freizeitaktivitäten, die er jetzt mit seiner Freundin (anstatt mit den „Kumpels“) unternehme. Mit dem Ankommen in der Gegenwart und dem Ausblick in die Zukunft scheint sich der Kreis für den Klienten zu schließen, denn er knüpft erneut daran an, dass er sich ja hier nochmal gemeldet habe und benennt einen weiteren Grund dafür: Er hat Sorge, dass ihm aufgrund seines langen Suchtmittelkonsums von den Gutachtern der MPU nicht geglaubt wird. Auch Frau Dorenkamp merkte im Nachinterview an, dass sie zunächst dachte, dass er weiter konsumieren würde und dass sie erst in dieser Interaktion zu dem Schluss kam, dass dies nicht der Fall sei. Herr Quante beweist eine gute Selbstreflexionsfähigkeit, indem er antizipiert, dass seine Art bei Beurteilern im Kontext von Sucht zunächst Misstrauen auslösen könnte. Möglicherweise hat er auch die Erfahrung gemacht, dass ihm seine authentischen Absichten in den anderen Institutionen, z. B. dem Institut, in dem er den Vorbereitungskurs für die MPU absolviert, nicht geglaubt wurden oder dass er sich dort nicht verständlich machen konnte. In beiden Dimensionen hat er aktuell (und wahrscheinlich auch in dem kurzen allerersten Kontakt, an den Frau Dorenkamp sich nicht mehr erinnert) in dieser Organisation eine andere Erfahrung gemacht. Hier fühlt er sich verstanden. Mit Blick auf die unkonventionelle, direkte Art der Kommunikation von Frau Dorenkamp kann auch gesagt werden: Hier hat er das Gefühl, dass Frau Dorenkamp „seine“ Sprache spricht und dass er sich nicht einem anderen Sprachgebrauch anpassen muss, in dem er sich vielleicht ungeübt fühlt und in dem er sich in der Folge nicht glaubhaft verständlich machen könnte. Herr Quante: Aber ich weiß auch, der Psychologe will eigentlich, dass ich jetzte ein Jahr abstinent nicht nur wegen der ähm.. #00:21:52–1# Frau Dorenkamp: Wegen des Führerscheins. #00:21:52–9# 189 Herr Quante: Wegen des Führerscheins, der will ja wirklich, dass 'ne Veränderung da ist. Und da will ich mich wirklich, ja. #00:21:58–2# Frau Dorenkamp: Aber jetzt sagen Sie gerade wieder, was der Psychologe will. Was wollen Sie? #00:22:01–8# Herr Quante: Ich will ähm, meine Sorge ist eigentlich, dass ich denen das nicht vermitteln kann. #00:22:07–7# Frau Dorenkamp: Ah ja, hm. #00:22:09–0# Herr Quante: Also, dass ich das ähm ja von mir aus mache. Und da will ich jetzt noch mehr nutzen, dass ich jetzt noch mal zum Beratungsgespräch gehe, dass ich noch was mehr hab. Ich hab noch mehr getan jetzt so. Dass ich da ähm, ja. Ich kann zwar sagen, gut ich hab jetzt zwar ein Jahr lang, gut Abstinenznachweis musste ich ja machen. Ich hab jetzt vielleicht ein größeres Seminar, hab ne größere Vorbereitung gemacht. Aber der will ja sehen, was mach ich noch zusätzlich. Und da will ich jetzt noch zusätzlich jetzte ähm... #00:22:37–6# Frau Dorenkamp: //mhm// Also ich sag mal grundsätzlich finde ich es sowieso gut, erstmal auch dieser was Sie jetzt zum Anfang gesagt haben, dass Sie gesagt haben, ähm ich möchte eben, ich genieße das, dass das jetzt so ist, dass ich nach so vielen Jahren drogenfrei leben kann ohne große Probleme. Zum Anfang ist das ja sicherlich schwerer gefallen, je länger der Abstand ist, umso einfacher wird's ja eigentlich. Ja. Ähm sicher können wir überlegen, wie wir das am günstigsten machen, ähm wie Sie das dem Psychologen vermitteln, ähm...Also ich sag eigentlich immer vom Prinzip her, seien Sie ehrlich. #00:23:19–2# Herr Quante: Na das auch. #00:23:20–7# Frau Dorenkamp: Sagen Sie, was mit Ihnen los ist. Dass Sie das festgestellt haben und dass Sie selber losgegangen sind und gesagt haben "ich weiß, da ist 'ne Beratungsstelle, da gehe ich jetzt noch mal hin und suche mir noch mal ein bisschen zusätzliche Hilfe". Wie lange das läuft oder wie lange der Zeitraum sein wird, das ist ja 'ne ganz andere Frage. Wir haben also einmal in der Woche auch Gruppe, dienstags 16 Uhr. Äh das würde ich Ihnen empfehlen. Das machen wir mit den anderen, die zur MPU kommen auch, dass wir sagen ähm "wer abhängig ist, sollte auch zur Gruppe kommen". #00:23:56–5# Herr Quante: Hm. #00:23:57–4# Die nächste Sequenz beginnt damit, dass Herr Quante darüber berichtet, was er denkt, was „der Psychologe“ (ist der Gutachter für die MPU gemeint?) von ihm möchte. Dabei fehlt ihm das letzte Wort, was von der Fachkraft ergänzt wird. Er will wahrscheinlich MPU sagen (Artikel „der“), sie ergänzt jedoch „wegen des Führerscheins“. Er ratifiziert diese Ergänzung, obwohl er nach einem anderen Wort, einem Fachwort, gesucht hat. Sie benutzt in der Ergänzung ein alltagssprachliches Wort. Dies könnte vom Klienten als Signal der Fachkraft verstanden werden, dass er auch mit einfachen Worten ausdrücken kann, was er möchte und trotzdem verstanden wird. Dies könnte für den Klienten 190 eine Entlastung darstellen und gleichzeitig das Vertrauen darin bestärken, dass er hier so sein kann, wie er ist, ohne sich dahingehend verstellen zu müssen. Auch könnte dies ein Signal von Frau Dorenkamp sein, dass sie weiß wie man sich ausdrücken muss, ohne sich zu verstellen. Sie inszeniert damit also ihre Kompetenz. Tatsächlich greift Herr Quante die Worte der Fachkraft auf, wiederholt und ergänzt sie um weitere Details über das, was er denkt, was der Psychologe von ihm hören will. Es klingt ein wenig nach Prüfungsangst. Er scheint das Gefühl zu haben, der Situation nicht gewachsen zu sein. Frau Dorenkamp fragt nach den Wünschen des Klienten und kritisiert implizit den Versuch sich strategisch verhalten und versuchen zu wollen, zu antizipieren, was der Psychologe von ihm hören möchte. Sie konfrontiert ihn. Er greift zunächst ihre Worte auf, folgt ihr also ein weiteres Mal, ändert dann aber die Strategie und berichtet von seiner „Sorge“, nämlich dass er „denen“ „das“ nicht vermitteln kann. Hier wird wieder die unpräzise Sprache in einer Situation von Verunsicherung deutlich. Er versucht ihr gegenüber nicht mehr etwas zu inszenieren, sondern sagt, wie es für ihn ist. Sie begleitet die Aussage mit einem Hörersignal, ohne nachzufragen und ihn damit indirekt zu korrigieren. Er präzisiert, was er meint, indem er sein Anliegen, dass er wirklich etwas verändern möchte, wiederholt und aufzählt, was er bis jetzt schon dafür getan hat. Frau Dorenkamp und Herr Quante arbeiten zusammen. Gleichzeitig offenbart Herr Quante seine Strategie. Er legt die Karten auf den Tisch: Damit zeigt er sein Vertrauen. Frau Dorenkamp nimmt dazu differenziert Stellung: Sie sagt, was sie bisher von ihm und seinem Anliegen verstanden hat und gibt ihm die Zusage, dass und wie sie ihn bei seinem Anliegen unterstützen will. Dabei spricht sie im letzten Teil der Sequenz von „wir“. Auch sie hat ihr Misstrauen abgelegt und ist bereit mit dem Klienten weiter zu arbeiten. Der Beitrag der Fachkraft endet mit dem Ratschlag, dass Herr Quante „ehrlich“ sein soll. Dies stellt in zweifacher Hinsicht einen Bruch der Beratungskonventionen dar: 1. Ein Ratschlag kann immer nur allgemeiner Natur sein und sich damit nicht auf die spezielle subjektive Situation des Klienten beziehen, außer wenn er von außen kommt und in einer ambivalenten Situation geradezu dazu einlädt ihn abzulehnen. 2. Der Rat „ehrlich“ zu sein impliziert, dass Frau Dorenkamp davon ausgeht, dass Herr Quante oder die Klienten, die sie in diesem Kontext kennengelernt hat, „unehrlich“ waren, d. h. gelogen haben. Dies wäre ein Griff in die ganz alte Mottenkiste der Vorurteile gegenüber Suchtkranken: nämlich, dass 191 sie lügen und dass dies zur Krankheit dazu gehört. Andererseits wiederholt sich hier das Muster der Fachkraft ihn sprachlich (durch eine, möglicherweise auch an die Erfahrungswelt des Klienten andockende Alltagssprache) und inhaltlich dort abzuholen, wo sie ihn vermutet und damit das Vertrauen weiter zu stärken. Trotzdem wirkt dieses Verhalten paternalistisch. Tatsächlich weist Herr Quante den Rat in Teilen zurück. Zumindest scheint er jedoch nicht ganz davon überzeugt zu sein, dass es so einfach sein soll, denn es folgt eine eher zurückhaltende Antwort, in der er ihr nur zum Teil Recht gibt („das auch“). Ist er ihr bis hierhin sprachlich immer sehr genau gefolgt und hat damit auch immer gesagt, was er vermutet hat, was sie vielleicht hören möchte, traut er sich hier, ihr zumindest nicht in allen Teilen zu folgen und einen leisen Zweifel durchblicken zu lassen, ob das denn wohl ausreiche. Bereits zuvor hatte er die Sorge formuliert, dass es gerade nicht ausreicht ehrlich zu sein, wenn die objektiven Daten (langjähriger Drogenkonsum, wiederholter Verstoß gegen die StVO, der Beginn der Veränderung mit Anordnung der MPU und nicht freiwillig) daran zweifeln lassen, dass er wirklich etwas verändern will. Hier zeigt sich erneut das Vertrauen, diesmal in Form der Risikobereitschaft, da er eine Zurechtweisung auf der Beziehungsebene oder eine Zurückweisung seines Anliegens riskiert. Dies geschieht nicht. Stattdessen reformuliert Frau Dorenkamp ihren Ratschlag „seien sie ehrlich“, obwohl Herr Quante diesen bereits angezweifelt hatte. Damit bewegt sie sich nicht mehr auf der Explorationsebene, sondern schon auf einer Lösungsebene. Dann macht sie einen Schwenk und bringt „die Gruppe“ ins Spiel, die sie „sehr empfehlen würde“. Dies klingt aber eher nach einer Verordnung als nach einer „Empfehlung“ oder nach einer Standardmaßnahme, die „wir“ hier „immer so machen“. Gleichzeitig bringt sie, möglicherweise auch im Modus von Routine, das Wort „abhängig“ ins Spiel, obwohl Herr Quante in der Szene zuvor gezeigt hat, dass er stolz darauf ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu konsumieren. Sein zentrales Problem und seine hauptsächliche Sorge besteht stattdessen darin, dass er das Gefühl hat, dass ihm nicht geglaubt wird. Indem Frau Dorenkamp nun scheinbar im Modus von Routine erst eine Gruppe empfiehlt und dann auch noch sagt, dass dies die Standardmaßnahme für alle sei, die „abhängig“ seien, könnte die Situation, die als Vertiefung der subjektiven Bewertung in Richtung „Vertrauen“ rekonstruiert wurde, wieder erschüttert werden. Frau Dorenkamp könnte in seiner Perspektive hiermit zum Ausdruck bringen, dass sie ihm doch nicht glaubt. Denkbar ist aber 192 auch, dass der Satz, da er von „wir sagen immer“ eingeleitet wurde, habituell abgespult wurde und von einer Einstellung von „Sucht als chronischer Krankheit“ ausgeht, bei der im System der suchtbezogenen Hilfen grundsätzlich von einer dauerhaft nötigen Unterstützung eines Klienten (vgl. Kap. 3.1.1) ausgegangen wird. Wie das Gruppenangebot Herrn Quante bei seinem speziellen Problem helfen soll, begründet sie an dieser Stelle nicht weiter. Für sie ist der Fall klar. Deshalb zeigt sich die Idee zur weiteren Zusammenarbeit, die Frau Dorenkamp hier präsentiert, als habituelle Standardlösung für ein spezifisches Problem. Herr Quante reagiert mit einem Hörersignal, das als Zurückhaltung oder als Aufmerksamkeit für das, was Frau Dorenkamp vorschlägt, gedeutet werden kann. „Wenn wir uns einen Plan machen, wie wir das machen“ Frau Dorenkamp: Und ich sag jetzt mal so, wenn wir uns 'nen Plan machen, wie wir das machen, dann müssen wir einfach gucken, wie kriegen wir das hin, dass das über den April nächsten Jahres hinaus funktioniert. #00:30:40–8# Herr Quante: Hm. #00:30:41–4# Frau Dorenkamp: Ja. Darum ist denk ich so 'ne Anbindung an die Gruppe auch 'ne gute Sache. (.) Ähm, es ist ja auch so ‘n bisschen, also wir haben ja in der Gruppe Regeln und ähm eine Regel ist u.a. Verbundenheit mit der Gruppe nennen wir das. Und ähm das erkläre ich immer so, dass man, wenn man mal nicht kommt, auch Bescheid sagt. Also dass man mit der Gruppe seine Verbundenheit auch dadurch zum Ausdruck bringt, dass man sagt, ähm wenn ich jetzt mal, auch selbst wenn ich mal keine Lust habe, kann ich da anrufen und sagen ich komme heute nicht, aber nächste Woche bin ich wieder da, oder übernächste Woche ja. Ähm also man hat so ein Stück Verpflichtung, weil man geht ja auch irgendwo ein Stück Verpflichtung ein, wenn man so 'ne Gruppe besucht. Man äh, ich denke für einige ist das ja auch so ähm (.) sie haben keinen, mit dem sie zu Hause über das Thema sprechen können, der da überhaupt sich vorstellen kann, was da überhaupt mit einem passiert. Und wenn Ihre Freundin noch nie was genommen hat, dann äh weiß sie das sicherlich auch nicht. Sie bemüht sich sicherlich für Sie Verständnis zu haben, aber so richtig weiß sie eigentlich nicht, warum das so, warum man über so einen langen Zeitraum Drogen nimmt und damit überhaupt nicht aufhört. Sind Sie sich bewusst, dass Sie abhängig sind von den Drogen? #00:32:09–9# Herr Quante: (.)(.) Ja, unbewusst sag ich jetzt mal. Also ähm (.)(.) kann ich schwer sagen. Ich hab irgendwo das Gefühl gehabt, ich könnt ja auch von jetzt auf ähm (.)(.). Ja, ich hab eigentlich auch deswegen auch nur aufgehört. Das ist ja das eigentlich jetzt so. Vorher, ich hätte jetzt vorher nicht gesagt, ich hör mit dem Zeug auf, weil ich jetzt das will. Jetzt war eigentlich 'n Grund da, warum ich das gemacht habe. Hab denn jetzt dadurch erst so mitgekriegt so, dass ähm so ein paar Sachen ja doch besser sind. #00:32:47–2# Frau Dorenkamp: Und im Alltag kommen Sie jetzt aber klar, es fehlt Ihnen nichts? #00:32:52–0# 193 Herr Quante: Fehlt mir nicht so, ja. Ist alles in Anführungsstrichen „noch bisschen klarer" geworden, so was vorher immer noch, gerade auch die Sachen immer, wo ja zwischendurch mit dem Anhalten, wo ich ja auch Straftaten beging wegen Drogen. Immer wieder eigentlich deswegen Ärger gehabt und vorher eigentlich nicht deswegen, sag ich mal nach dem dritten Mal, wo ich bei der Polizei war, hätt ich ja auch schon sagen können „oh jetzt haste schon so viel Stress damit gehabt", hätte ja aufhören können. Aber ich hab trotzdem denn nicht gemacht so. Also das war ja davor die ganzen Strafsachen, war vielleicht nicht, ja, nicht genug gewesen, also das hat noch nicht gereicht so mit Abhängigkeit, wo man das Unbewusste so... #00:33:31–7# Frau Dorenkamp: Naja, das ist die Frage: Sind Sie sich im Klaren darüber, dass Sie abhängig sind? Nein, sind Sie nicht. #00:33:37–7# Herr Quante: Naja so nicht, also im Moment nicht so. #00:33:40–4# Frau Dorenkamp: Und diese Sache würde Ihnen bei der MPU ein Bein stellen. #00:33:42– 7# Herr Quante: Ja. #00:33:43–3# Frau Dorenkamp: Denn danach fragt der Sie. Und der fragt Sie nicht so wie ich jetzt. #00:33:46–2# Herr Quante: Ja, ja. #00:33:46–8# Frau Dorenkamp: Er sagt nicht: „Sind Sie abhängig?", sondern er hinterfragt das anders. #00:33:50–4# Am Anfang der Sequenz kündigt Frau Dorenkamp an, den Gesprächsmodus von Reflexion zu Management wechseln zu wollen, indem sie davon spricht, dass man sich gemeinsam („wir“) einen Plan machen wolle. Darauf reagiert Herr Quante erneut mit einem neutralen Hörersignal. Danach wechselt Frau Dorenkamp das Thema und spricht erneut werbend über die Funktion der Gruppe. Erst sind ihre Erklärungen allgemein, dann hört es sich so an, als spreche sie den Klienten direkt an. Dies präsentiert sich als Einleitung zu der überraschenden Frage, ob Herr Quante sich bewusst sei, dass er abhängig sei. Sie hat sich da offenbar schon ein Urteil gebildet. Diese direkte Frage, quasi die Gretchenfrage im Kontext einer MPU–Beurteilung, bringt den Klienten aus dem Konzept. Damit hat er nicht gerechnet. Er antwortet ausweichend. Offenbar ist die Antwort auf die Frage eher ein „Nein“, er hält sich nicht für abhängig. Frau Dorenkamp geht auf die präsentierten Erklärungen ein und hakt nochmal inhaltlich nach. Herr Quante geht darauf ein und berichtet über seine Ambivalenz in dieser Frage im Modus von Selbstreflexion. Das wollte Frau Dorenkamp aber nicht hören. Sie beantwortet ihre Frage selbst mit einem „Nein“. Es stellt sich nun heraus, dass diese Nachfrage, welche zunächst im Modus von Empathie gestellt zu sein scheint, ein „Test“ bzw. eine Simulation der unterstellten Beurteilungssituation war. Frau Dorenkamp löst dies nun auf. Inso- 194 fern handelt es sich hier um eine offene Konfrontation, bei der ein Geständnis und nicht eine differenzierende Reflexion die einzig richtige Antwort gewesen wäre. Dies widerspricht ihrem Rat „Seien Sie ehrlich, sagen Sie, was mit Ihnen ist“. Insofern schafft sie hier eine Unmöglichkeitskonstruktion. Ist Herr Quante ehrlich, ist er in der MPU durchgefallen, bekennt er strategisch, dass er abhängig sei und gelobt Besserung, kann ihm Unehrlichkeit unterstellt werden und er riskiert, dass ihm nicht geglaubt wird. Diese Konstruktion schafft durch die Hilfe von Frau Dorenkamp eine Abhängigkeit. Die Unvorhersehbarkeit dieses „Tests“ verstärkt für Herrn Quante den Eindruck von Hilfsbedürftigkeit. Herr Quante: Ist man abhängig? Drogen, Alkohol, davon ist man ja... #00:33:54–0# Frau Dorenkamp: (.) Ähm ich denke, wenn das so wie das bei Ihnen gelaufen ist, wenn Sie so, Sie haben ja eigentlich nur unter Drogen funktioniert, die letzten 13 Jahre haben Sie vorhin gesagt. #00:34:09–3# Herr Quante: Ja. #00:34:09–8# Frau Dorenkamp: Ja, und ähm Sie haben aber trotzdem, ich mein Sie haben trotzdem 'n erweiterten Realschulabschluss gemacht, Sie haben 'ne Lehre abgeschlossen und haben gearbeitet. Wo soll denn jetzt eigentlich die äh (.) die Erkenntnis herkommen? Es hat ja, ihr Leben hat irgendwo funktioniert... #00:34:28–5# Herr Quante: Naja, äh... Frau Dorenkamp: ...von daher ist der Entzug des Führerscheins und diese Straftaten, die in dem Zusammenhang mit entstanden sind, 'n Glücksfall für Sie. (.) Weil er Sie auf den Weg geführt hat, auf dem Sie jetzt sind. (.) Sonst hätten Sie doch weiter Drogen genommen, es hat ja alles funktioniert, oder? #00:34:47–4# Herr Quante: Nee, nee. Ja nee. Ich hab das schon, ist ja nicht nur, bei der ersten Lehre bin ich raus geflogen, ich hab ähm (.) so 'ne dicke Akte von so an Straftaten wegen ähm wegen Drogen. War bei der Bundeswehr, bin dort raus geflogen wegen Drogen. Also im Nachhinein so ist es eigentlich, bin ich mir eigentlich bewusst, dass ich mir dadurch viel versaut hab so im Nachhinein so. //mhm// Was mir jetzte eigentlich, ist alles jetzt so im Zeitraum zusammen gefallen, wo ich sag gut es ist alles ganz schön viel geworden. Mein Führerschein hab ich jetzt schon, musste ich 2011 abgeben. Ich hätte ihn ja nach'm ersten Mal (.) ja gleich meine MPU machen können. Nee ich bin... #00:35:34–5# Frau Dorenkamp: Ja, da wären Sie durchgefallen. #00:35:35–4# Herr Quante wirkt überrascht und will anfangen zu diskutieren, dass man doch wohl nur von Drogen oder Alkohol abhängig sein. Er ist noch gefangen in der Überraschung und nicht bereit für eine Reflexion der Situation auf der Metaebene. Frau Dorenkamp versucht das „Ergebnis“ ihres Tests damit zu erklären, dass er aus ihrer Sicht kein Bewusstsein dafür entwickeln konnte und bleibt mit dieser Aussage auf der Metaebene. Herr Quante versucht ihr zu widersprechen. Frau Dorenkamp 195 erläutert ihre Ansicht weiter und löst damit den Verdacht auf, den Klienten bloßstellen zu wollen. Auf jeden Fall ist es aber eine Demonstration ihrer Macht und, in ihrer Darstellung eines unangekündigten Probetests, auch eine Inszenierung von Kompetenz. Offenbar weiß sie sehr genau, wie diese Tests laufen. Herr Quante geht in den Widerspruch und erläutert, was wegen der Drogen in seinem Leben alles nicht gut gelaufen ist. Er hat die Intervention von Frau Dorenkamp nicht verstanden oder will sich nicht auf diese einlassen und bleibt auf der Inhaltsebene. Frau Dorenkamp ist inhaltlich noch bei dem Test und wiederholt das potentielle Ergebnis aus ihrer Sicht. Herr Quante und Frau Dorenkamp reden aneinander vorbei. Frau Dorenkamp scheint den Klienten mit dem „Test“ in Form einer Konfrontation überfordert, auf der Ebene der Inszenierung von Kompetenz vielleicht aber auch beeindruckt zu haben. Auf jeden Fall hat sie ihn mit dieser Konfrontation verunsichert. Herr Quante: (.)(.) Ja, ich bin ja denn noch, ich bin ja 4 Jahre, 3 Jahre lang weiter schwarz gefahren und trotzdem Drogen genommen. Also ich hab ja denn trotzdem nicht meine MPU, ich hätt ja trotzdem, ich hätte ja 2011 mein ein Jahr Abstinenz äh, das hab ich ja nicht gemacht so äh..//mhm// So und da bin ich jetzt, 'n Haufen Schulden dadurch. Also das ist mir schon klar, dass wegen den ganzen Drogen eigentlich äh...Ich hab jetzt zwar so gerade gekriegt meinen (.) äh meinen Abschluss geschafft, das war auch mein Glück, warum ich nicht in Knast gekommen bin. Ich hab ja, bin ja dreieinhalb Jahre Bewährung gekriegt. Und das war genau in dem Zeitraum, ich hatte vorher noch meine Theorieprüfung gemacht, war denn beim Gericht, //mhm//, und konnte denn sagen, dass ich nächste Woche meine Abschlussprüfung habe. Das hat mir eigentlich ähm ja, nochmal den Kopp' gerettet, dass ich nicht äh (.) in Knast geh. Weil ich hatte vorher, beim ersten Mal, einen Monat lang Bewährung gekriegt, bin dann noch mal schwarzgefahren. So und wenn einmal schon Bewährung ist, ist es eigentlich ja so, wenn man inner Bewährungsstrafe die gleiche Strafe noch mal macht, kommt man ja, geht man gleich weg, ja. //mhm// Und hab dann eigentlich Glück gehabt, dass ich denn gerade meinen, gesagt hab, gut der Betrieb übernimmt mich dann auch, wenn ich meine Prüfung bestehe und ja haben sie's denn noch mal auf dreieinhalb Jahre Bewährung verlängert gehabt. Plus halt denn die dreieinhalb Jahre auch Führerschein weg. #00:36:53–5# Frau Dorenkamp: Und die sind auch dann rum nächstes Jahr, die dreieinhalb Jahre Bewährung? #00:36:57–5# Herr Quante: Äh (.) die sind dann noch nicht um. Die sind, mein Bewährungshelfer ist ja Herr ähm... #00:37:03–7# Frau Dorenkamp: Herr M. #00:37:04–5# Herr Quante: Herr M., äh die sind dann noch nicht um. Die gehen noch länger denn. Ein Jahr noch. #00:37:09–1# Die nächste Sequenz beginnt mit einem längeren Sprechakt des Klienten, in dem er die Zusammenhänge zwischen den Ordnungswidrigkeiten, aufgrund denen er den Führerschein abgeben musste, den dazuge- 196 hörigen rechtlichen Verwicklungen (Schulden, wahrscheinlich aufgrund von Geldstrafen, Gerichtsverfahren, gerichtliche Auflagen etc.) und seinem Bemühen, um ein, in seiner Definition „normales“ Leben (Abschluss der Ausbildung, Übernahme in ein Arbeitsverhältnis) als eine „Rettung“ vor einer Gefängnisstrafe darstellt. Deutlich werden die bereits beschriebenen Kommunikationsmuster des Klienten, aber auch, dass er bereitwillig kooperiert. Dies könnte auf Vertrauen hinweisen oder aber auch in die Richtung von Unterordnung aufgrund von Machtausübung gehen. Im Unterschied zu den, als vertrauensvoll rekonstruierten Sequenzen fehlt hier das Element des „Sprudelns“. Frau Dorenkamp greift den Aspekt der Dauer der, zur Bewährung ausgesetzten Strafe auf. Damit fokussiert sie auf einen zeitlichen und objektiven Aspekt. Möglicherweise versucht sie die Aussagen des Klienten für sich zu strukturieren oder sie sammelt weitere „objektive“ Daten (s. Anfangssequenz). Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, auf die subjektiven Aspekte dessen, was Herr Quante geschildert hat, zu fokussieren. Dies tut sie aber nicht, sondern fragt nach weiteren Details. Herr Quante reagiert mit einer kurzen Pause und einem Verlegenheitslaut. Er ist möglicherweise überrascht. Hatte er mit einer weiteren Aufforderung zur Ausführung seiner subjektiven Wahrnehmungen gerechnet oder hätte er dies gerne tun wollen? Er entschließt sich aber dann doch auf die Frage zu antworten und ergänzt die Antwort ungefragt um ein weiteres (objektives) Detail, nämlich, dass er einen Bewährungshelfer hat, dessen Name ihm aber jetzt nicht einfällt. Dies wirkt etwas übereifrig. Frau Dorenkamp geht auf diese neue Information ein, indem sie schlicht den Namen ergänzt, der dem Klienten nicht eingefallen war. Es scheint nur eine Möglichkeit zu geben, denn sie fragt nicht, sondern stellt fest, dass es dann wohl Herr M. sein muss. Wenn es stimmt, hat sie damit wieder ihre Kompetenz inszeniert und gleichzeitig gezeigt, dass Sie den Ausführungen von Herrn Quante aufmerksam folgt und im Sinne eines Dabeiseins angemessen auf ihn eingeht. Für diese Lesart spricht, dass sie keine weiteren Nachfragen stellt oder ihren Beitrag einleitet. Herr Quante wiederholt den Namen von Herrn M. und bestätigt damit indirekt, dass es sich tatsächlich um ihn handelt. Dann fährt er nahtlos damit fort die Beendigung der Bewährungsauflage zu konkretisieren, fühlt sich also durch ihre Ergänzung nicht gestört. Diese Interaktion zeigt ein direktes „aufeinander bezogen sein“ im Sinne einer Abstimmung. Herr Quante gewinnt wieder an Sicherheit. 197 Frau Dorenkamp: Und es war bei der Bewährung keine Auflage in die Suchtberatung zu gehen? #00:37:13–3# Herr Quante: (verneint) hmhm. #00:37:15–0# Frau Dorenkamp: (.)(.)//mhm//, gut. Herr M. wird sich drüber freuen, wenn Sie ihm das sagen. Das kennt der bestimmt gar nicht, dass einer freiwillig hier her geht. Ja. Also wie gesagt, ich bin überrascht, dass Sie so, dass Sie dieses Bewusstsein entwickeln, ja "ich will das, ich will mein Leben ändern". Das ist selten bei so jungen Leuten, also hab ich jedenfalls bis jetzt selten erlebt. Finde ich toll! Gibt's Eltern? #00:37:46–3# Herr Quante: (bejaht) Hm. #00:37:47–5# Frau Dorenkamp: Und was sagen die dazu? #00:37:49–3# Herr Quante: Ja meine Mutter, ähm (.) sind getrennt, aber ähm also meine Mutter, die weiß das auch alles so und äh ja. (.)(.) Die hat auch, ich hab ihr gesagt, dass ich heut 'n Termin hier hab so, davon ist sie auch, ja freut sie sich auch (Herr Quante scheint zu lächeln dabei). #00:38:06–8# Frau Dorenkamp: Und Vati? #00:38:08–3# Herr Quante: (.) Ja, mit dem hab ich weniger Kontakt, ist aber, der weiß aber auch Bescheid so ja. #00:38:13–8# Frau Dorenkamp: Weniger Kontakt heißt? #00:38:16–3# Herr Quante: (.) Na seh ich seltener. (.)(.) Ja. #00:38:22–7# Frau Dorenkamp: Auch kein Bedürfnis? #00:38:24–4# Herr Quante: Ja doch, ab und zu mal, aber nicht so unbedingt so. #00:38:28–8# Frau Dorenkamp: Es ist aber nicht (?) M., oder doch? #00:38:30–9# Herr Quante: Nee. #00:38:31–4# Frau Dorenkamp: Nee. #00:38:31–8# Herr Quante: Nee. #00:38:32–3# Frau Dorenkamp: Schade. #00:38:32–8# Herr Quante: Na. ((lacht)) #00:38:33–5# Frau Dorenkamp eröffnet diese Sequenz, indem sie nachfragt, ob es denn von Seiten des Bewährungshelfers eine Auflage dahingehend gäbe, in der Suchtberatungsstelle zu erscheinen. Sie stellt diese Frage nicht offen, sondern subtil als eine Art Rückversicherung. Dies wirkt wie ein letzter Test, ob Herr Quante denn auch wirklich ohne Aufforderung von außen da ist. Es scheint, als könne sie es noch immer nicht glauben. Ist dies wieder ein Test? Herr Quante gibt ein verneinendes Signal. Der Eindruck, dass die Motivation, die Herr Quante hier präsentiert, in ihrer Wahrnehmung eher selten anzutreffen ist, verstärkt sich, denn sie geht erneut darauf ein und sagt, dass der Bewährungshelfer Herr M. sich „freuen“ würde, wenn Herr Quante ihm erzählt, dass er 198 freiwillig zur Suchtberatung gegangen sei. Dass ein professioneller Helfer sich freut, wenn ein Klient Hilfe annimmt, deutet auf einen affektiv besetzten Teil der Klientenbeziehung hin, den Frau Dorenkamp wie selbstverständlich auch für andere professionelle Helfer voraussetzt. Offensichtlich hat sie keinen Zweifel daran, dass es anders sein könnte. Dies könnte erklären, warum sie Herrn Quante so vielen Tests, einschließlich einer Konfrontation, unterzogen hat. Sie muss sicher sein, dass der Klient es ernst meint, um selbst nicht enttäuscht zu werden. Sie verbalisiert erneut ihre Überraschung über die offenbar glaubhaft gezeigte Veränderungsbereitschaft und macht dies sowohl am jungen Alter des Klienten als auch an der Tatsache fest, dass sie dies selten erlebt habe. Erstmalig bewertet sie dieses Verhalten als „toll“. Offenbar hat sie ihre letzten Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Klienten abgelegt. Ohne eine Reaktion des Klienten abzuwarten fragt sie unvermittelt, ob es auch Eltern gäbe. Dies erscheint zunächst unlogisch, denn natürlich muss es zumindest biologische Eltern geben, wenn ein Mensch leibhaftig vor einem sitzt. Herr Quante reagiert zunächst zögerlich, vielleicht auch überrascht über den plötzlichen Themenwechsel, mit einem bejahenden Hörersignal. Frau Dorenkamp hakt nach und fragt, was denn die dazu sagen würden. Warum sie dieses Thema anschneidet, bleibt unklar. Will sie die sozialen Handlungssysteme des Klienten rekonstruieren oder ist es eine „spontane Eingebung“? Die erste Reaktion des Klienten ist erneut im Bereich der etwas zögerlichen Zurückhaltung („Ja, meine Mutter ähm (.)“) zu verorten. Er antwortet direkt auf die Frage und fügt wieder eine zusätzliche Information (dass die Eltern geschieden sind) hinzu. Dennoch wirkt es zögerlich, als fühle er sich ausgefragt. Es entsteht eine kurze Pause. Überlegt er, ob er freiwillig weitere Informationen geben soll? In der nächsten Sequenz scheint es, als habe er sich genau dazu entschlossen, denn er fügt in einem Erzählmodus weitere Informationen hinzu, nämlich dass er seine Mutter über den Termin informiert habe und dass sie sich darüber freue. Dies ließe Rückschlüsse auf die Beziehung zu seiner Mutter zu bzw. böte die Möglichkeit, diese Thematik durch Nachfragen zu verifizieren oder weiter zu vertiefen. Frau Dorenkamp beginnt jedoch ein neues Thema und fragt nach dem Vater. Ihr Fragen wirkt nun wieder wie ein Verhör. Will sie Herrn Quante verunsichern? Sie benutzt für ihre Fragen nur die minimal notwendige Anzahl an Worten. Sie scheint davon auszugehen, dass Herr Quante schon versteht, was sie meint. Die Antwort des Klienten fällt wieder etwas zögerlich aus. Er entschließt sich, sich auf die Frage, was die Eltern „dazu sagen“ zu beziehen und antwortet, dass sie weniger Kontakt haben, aber dass auch er Bescheid 199 wisse. Dies zeigt trotz der spärlich gegebenen Informationen ein anderes Bild von einer „Arbeitsbeziehung“. Tatsächlich fragt Frau Dorenkamp nach, was denn mit „weniger Kontakt“ gemeint sei. Die Antwort des Klienten kommt sehr zögerlich. Er will das Thema nicht vertiefen. Findet er die Frage übergriffig? Frau Dorenkamp scheint diese Zurückhaltung nicht zu bemerken. Möglicherweise ist sie auch dabei eine Hypothese zu verifizieren. Sie möchte das Thema weiter vertiefen und fragt nach, ob er denn kein Bedürfnis danach habe. Diese Nachfrage erscheint willkürlich und wieder „unkonventionell“. Herr Quante antwortet vage, fast allgemein. Es scheint ein latenter Konflikt zu entstehen. Frau Dorenkamp fragt nach. Herr Quante möchte zwar nicht wirklich antworten, sieht sich aber möglicherweise weiter in der Verpflichtung, seine Motivation zur Veränderung deutlich machen zu müssen. Dies könnte eine Möglichkeit sein, warum er die Nachfragen von Frau Dorenkamp nicht zurückweist. Frau Dorenkamp löst die Situation auf, indem sie nachfragt, ob es denn eine bestimmte Person sei (M.), was Herr Quante verneint. Frau Dorenkamp greift diese Verneinung verbal auf, worauf Herr Quante erneut die Verneinung wiederholt. In dieser gegenseitigen Wiederholung zeigt sich ein „sich aufeinander einschwingen“ und eine gegenseitige Vergewisserung der „Arbeitsbeziehung“ und des Verstehens. Frau Dorenkamp bewertet diese Zurückweisung als „schade“. Handelt es sich bei der Person um eine bekannte Persönlichkeit, die auch dem Klienten bekannt ist? Er scheint ihre Nachfrage absurd zu finden, denn er lacht. Dieses Lachen wirkt wie eine Befreiung aus einer angespannten Situation. Die Bewertung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen bleibt gefestigt. Herr Quante demonstriert trotz des verhörartigen Fragens Kooperationsbereitschaft. Im Nachinterview berichtet Frau Dorenkamp dazu, dass ihr Nachfragen nach den Eltern eine weitere Art von Test gewesen sei, da ihr das Verhalten von Herrn Quante ungewöhnlich vorkam. „dieses sprudelnde Erzählen. Das war so wie als wenn einer so äh 'nen Stöpsel gezogen hat, und dann läuft es ja. Und ich weiß ja nicht, es kann ja sein, dass er immer so erzählt. Das weiß ich nicht. Aber für mich war das sehr ungewöhnlich, dass ein junger Mensch so, normalerweise ist doch bei jungen Menschen so, dass man denen erstmal alles aus der Nase ziehen muss. […] Und das war bei ihm überhaupt nicht. Er war eigentlich auch bereit, alles was ich so angestupst habe, also wie gesagt auch nach den Eltern hab ich ja gefragt, äh da hat er also auch immer irgendwas zu gesagt. Manchmal stutzen die dann und antworten nicht oder man merkt, dass sie 200 das noch nicht so erzählen wollen. Gerade so beim ersten Mal, ja. Aber der war eigentlich bereit, über alles zu erzählen“. (Nachinterview Frau Dorenkamp zum Gespräch mit Herrn Quante #00:19:08–9# ) Diese Aussage legt den Schluss nahe, dass sie in dieser Situation eigentlich mit einer Zurückweisung gerechnet hat und nun über das entgegengebrachte Vertrauen positiv überrascht ist. Diesem Test ist wieder eine Interaktion (hier die Anerkennung der Motivationsleistung von Herrn Quante) vorausgegangen, die den Klienten auf der Beziehungsebene zuerst in Sicherheit wiegt, um ihn dann zu testen. Damit wiederholt sich das Muster der Unberechenbarkeit für den Klienten. Er darf sich in der „Arbeitsbeziehung“ nie zu sicher fühlen. Es könnte ein Test mit einer Zurückweisung oder Konfrontation folgen. Auf der anderen Seite ist es „nur“ ein Test und die grundsätzliche Bereitschaft zur Unterstützung bleibt gewahrt. Aber es ist eine sich wiederholende Demonstration von Macht, dem die verbale Betonung von Egalität („wir“) auf der Handlungsebene entgegensteht. Diese Machtausübung erfordert mindestens den deutlichen Willen des Gegen- übers zur Kooperation, vielleicht auch zur Unterordnung. Dieser Wille wird verstärkt durch das Gefühl der Hilfebedürftigkeit oder Unsicherheit, das durch die Erfahrung des Nichtbestehens eines Tests („da wären sie durchgefallen“) evoziert wird. Das Gefühl der Unsicherheit könnte aber auch zum Verlassen der Situation führen oder zur Gegenkonfrontation verleiten. Die Interaktionsstruktur der Inszenierung von Unsicherheit zur Machtausübung spiegelt sich in der MPU zur Wiedererlangung der Fahrerlaubnis, deren (vermeintliche) Konstruktion Frau Dorenkamp in ihrem unangekündigten Test demonstriert hat. Ein systematischer Zusammenhang dieser Struktur zum Verhalten von Frau Dorenkamp lässt sich jedoch nicht konstruieren. 7.3.3 Lesarten des Falles in Bezug auf die Fragestellung Die „Arbeitsbeziehung“ von Herrn Quante und Frau Dorenkamp entwickelt sich grundsätzlich im Wechselspiel zwischen habituell und bewusst inszenierter Verunsicherung und der Schaffung von Sicherheit durch Frau Dorenkamp. Dieses Wechselspiel zeigt sich für Herrn Quante als nicht kontrollierbar und verstärkt damit einerseits das Hilfebedürfnis und andererseits das Vertrauen darin, dass dieses in erster Linie durch die Person von Frau Dorenkamp befriedigt werden kann. Vertrauen und Sicherheit werden gestärkt, als Herr Quante berichtet, warum er sich für ein anderes Institut entschieden hat und damit auch 201 die Organisation der Beratungsstelle kritisiert. Hier verlässt er die Rolle des Hilfesuchenden und agiert autonom. Diese Situation führt dazu, dass Herr Quante „sprudelnd“ von seinen Erlebnissen, Konstruktionen und Wünschen berichtet und von Frau Dorenkamp empathisch durch Hörersignale, Reformulierungen oder Deutungen begleitet wird. Dies wiederum evoziert weitere Erzählungen und führt dazu, dass Frau Dorenkamp zum einen neben den zuvor erhobenen objektiven Daten („Personalien“) auch Einblicke in die subjektiven Konstruktionen von Herrn Quante erhält. Zum anderen teilt Herr Quante in diesem Kontext letztlich sein ganz konkretes Anliegen und seine Strategie, mit der er dieses erreichen will, mit, was auch von Frau Dorenkamp nachvollzogen und ratifiziert wird. Genau dies führt dazu, dass Herr Quante sich „verstanden“ fühlt und Frau Dorenkamp sein Anliegen als authentisch deutet, obwohl sie die offene, mitteilsame Art von Herrn Quante sehr „ungewöhnlich“ findet und sie damit ihrem bisherigen impliziten Beziehungswissen („normalerweise ist es doch bei jungen Menschen so, dass man denen erstmal alles aus der Nase ziehen muss“) widerspricht. Insofern handelt es sich für Frau Dorenkamp um eine neue Erfahrung. Diese unterzieht sie mehrfach Tests. Dies könnte bereits in der Terminsetzung der Fall gewesen sein, zeigt sich aber explizit in der Konfrontation („Da wären sie durchgefallen“), dem Fragen nach einer gerichtlichen Auflage („und es ist keine Auflage zur Suchtberatung zu gehen?“) und dem unvermittelten Nachfragen nach den Eltern („gibt’s Eltern?“). Daher scheint es in diesem Fall auch ein möglicherweise habituelles Bedürfnis nach Vertrauen in den Klienten von Seiten der Fachkraft zu geben, möglicherweise auch um persönliche Enttäuschungen zu vermeiden („Da freut sich Herr M. bestimmt“), die aufgrund von einer Identifikation mit den Zielen des Klienten entstehen könnten. Ein Kriterium für dieses Vertrauen der Fachkraft in den Klienten könnte der authentische Wille zur Veränderung und zur Anpassung an gegebene Strukturen sein (Termin um 07.00 Uhr und Bereitschaft zum Besuch der Gruppe). Dies wiederum bedeutet, dass auch sie die Beziehung als Medium nutzt, aber nicht um beim Klienten Vertrauen in eine spezifische Behandlung (hier der Besuch der Gruppe) und damit Motivation zur Mitarbeit zu evozieren, sondern um seine tatsächliche und nicht nur verbal artikulierte Motivation zur Mitarbeit zu testen. Insofern ist dies neben der Möglichkeit einer persönlichen Motivierung inhaltlich auch ein Hinweis auf eine Variante der strukturellen Sichtweise von Sucht als Krankheit. Hierbei wird nicht versucht, Adherence herzustellen, sondern diese auf Authenzität zu testen. Dazu scheint es nötig zu sein, 202 dass Herrn Quante sich aus freien Stücken als abhängig bekennt. Erwartet wird hier keine selbstreflexive Überlegung, an deren Ende möglicherweise die Überzeugung „ich bin abhängig“ steht, sondern das Bekenntnis als Voraussetzung einer erfolgversprechenden Fortsetzung der Gewährung von Unterstützung. Ziel einer solchen Hilfestellung wäre die Aufhebung belastender Nebeneffekte des Konsums durch eine dauerhafte sog. „zufriedene Abstinenz“73, so wie Herr Quante dies scheinbar auch als Anliegen formuliert hatte („weil ich gemerkt habe, dass es mir dadurch besser geht“). Die beschriebene Testung des authentischen Willens zur Abstinenz greift im hier vorliegenden Fall der Situation der MPU zur Beurteilung der Wiedererteilung der Fahrerlaubnis durch den Gatekeeper des durchführenden Psychologen vor. Dieser Mechanismus scheint sich genauso auf die Teilnahme an der Gruppe zu beziehen, die offenbar das Bekenntnis abhängig zu sein als kohärenzstiftendes Gemeinsames zu haben scheint. Gatekeeperin hierfür ist Frau Dorenkamp. Demgegenüber bezieht sich der Wunsch von Herrn Quante nach Hilfe inhaltlich auf die Möglichkeit der Realisierung ganz konkreter Ziele: der Wiedererlangung der Fahrerlaubnis und der Möglichkeit über die Realisierung dieses Ziels hinaus Unterstützung zu erhalten. Ob er deswegen abhängig ist oder nicht, ist für ihn zweitrangig („Ist man abhängig?“). Die Aufforderung zu einem Bekenntnis hierzu erweckt eher sein Misstrauen, sodass er versucht diesen Punkt mit Frau Dorenkamp zu diskutieren, die daraufhin die MPU–Situation inszeniert („da wären sie durchgefallen“) und damit Macht und Kompetenz inszeniert. Vertrauen entwickelt sich grundsätzlich in Bezug auf die Person Frau Dorenkamp, insofern dass sie ihm in ihrer Rolle bei der Unterstützung seiner Ziele wird helfen können. Dieses Vertrauen hat er in einem ersten Anlauf in der Beratungsstelle in Bezug auf ihren Kollegen nicht entwickeln können. Das Kriterium für dieses Vertrauens ist ein Gefühl von 73 Der Begriff „zufriedene Abstinenz“ wird im Kontext von Selbsthilfe vor allem in Verbindung mit Alkoholkonsum als Zieldimension zur Aufrechterhaltung der erreichten Veränderung genutzt (vgl. z. B. http://www.forum–alkoholiker.de/forum–zufriedene–abstinenz.php oder http://www.dhs.de/arbeitsfelder/selbsthilfe.html). Diese Zieldimension entspringt einem Verständnis von Sucht als „chronischer Krankheit“ (vgl. Kap. 3.1.1), bei der die Person für die Inanspruchnahme und die Aufrechterhaltung des Behandlungserfolges verantwortlich gemacht wird, wenngleich eingeräumt wird, dass sie dauerhaft auf (punktuelle) Unterstützung durch das Gesundheitssystem angewiesen sein kann. 203 „sie versteht mich“ bzw. „ich kann mich ihr verständlich machen“, „sie bemüht sich, mich zu verstehen“, „sie hat Ideen, wie mein Anliegen erreicht werden kann“ und nicht „es wird erwartet, dass ich mich verständlich mache“. Im Nachgespräch drückt Herr Quante dies so aus: „(.)(.) Also irgendwie, hab ich mich da so verstanden gefühlt und wo sie gesagt hat so mit der Gruppe oder so, dass da vielleicht auch andere sind, die dann auch so, die die gleichen Probleme haben. […] das ist mehr so Alkohol. Aber dass da auch welche dabei sind, die trotzdem noch weiterhin die Gruppe besuchen, seit 5 Jahren trocken sind so. Das ist ja so das so eigentlich, was ich denn ähm, ja was ich dann auch möchte.“ (Nachgespräch Herr Quante zum Gespräch mit Frau Dorenkamp #00:14:48–2#) Dieses Gefühl des „sie versteht mich“ wird evoziert durch ein empathisches Einfühlen von Frau Dorenkamp, die Betonung von Egalität („wir“), die Inszenierung von Kompetenz („da wären sie durchgefallen“) und das Sprechen der gleichen Sprache („sie sind ja nicht irgendwie gehemmt?“). Dies führt für ihn zu der Interpretation, dass die „Chemie stimmt“. Dadurch, dass sie auf ihn eingeht, weckt sie darüber hinaus die spezifische Erwartung auf die tatsächliche Realisierung seiner Ziele. Dafür lässt er sich darauf ein, zur Gruppe zu gehen, obwohl „das mehr so Alkohol“ ist. Wenn Frau Dorenkamp sagt, dass es gut ist, dann wird es so sein (Risikobereitschaft). In einer Nachfrage über den Verbleib von Herrn Quante teilte Frau Dorenkamp mit, dass dieser wie vereinbart zur Gruppe erschienen sei, diese aber nur dreimal besucht und dann den Kontakt abgebrochen habe. In der Gruppe seien in der Zeit, in der Herr Quante dort war wohl nicht die richtigen Personen gewesen, da die Jüngeren nicht zur Gruppe gekommen seien. Auf weitere Nachfrage berichtete sie außerdem, dass sie Herrn Quante in Bezug auf die Einzelgespräche an ihren Kollegen weitergeleitet habe, weil dieser für die Thematik zuständig sei. Diese Umstände legen mit Blick auf die „Arbeitsbeziehung“ nahe, dass sich das Vertrauen von Herrn Quante durch die Erwartung, dass die Gruppe auf seine persönlichen Schwierigkeiten eingehen kann, nicht bewähren konnte und darüber hinaus das Vertrauen, Unterstützung durch Frau Dorenkamp persönlich zu erhalten, durch die erneute Weiterleitung an den Kollegen enttäuscht wurde. Warum Frau Dorenkamp Herrn Quante letztlich doch an ihren Kollegen weitergeleitet hat, konnte nicht eindeutig festgestellt werden. Denkbar wäre, dass sie mit der Weiterleitung den Versuch unternommen hat, die, an ihre Person gebundene „Arbeitsbeziehung“ mit der Tendenz zu Vertrauen, an die, 204 in der Organisationsstruktur dafür vorgesehene Person weiterzuleiten. Dies ist jedoch gescheitert, so wie dies auch im Rahmen des sog. „Stellvertreterparadox“ von Wyssen–Kaufman (2012) in ihrer Untersuchung im Feld der stationären Psychiatrie beschrieben wurde. Damit würde Frau Dorenkamps Orientierung an einer Struktur zumindest in der Bewährung der Beziehung die Orientierung an dem persönlichen Bedarf von Herrn Quante überlagern. Allerdings müssen in diesem Zusammenhang die prekären Infrastrukturbedingungen der Beratungsstelle und die Konzentrierung von Aufgaben bei der Person von Frau Dorenkamp mitberücksichtigt werden, da diese bei der Entscheidung, Herrn Quante strukturell anders einbinden zu wollen, nachdem er in der Beratungsstelle und in der Gruppe angekommen war und einen hoch motivierten Eindruck machte, eine Rolle gespielt haben dürften. Dass die subjektive Bewertung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen von Herrn Quante möglicherweise enttäuscht wurde, wurde daher zumindest auch durch die prekäre Infrastruktur der Beratungsstelle mitbeeinflusst. Dies begründet sich darin, dass Herr Quante das Vertrauen in die Person von Frau Dorenkamp entwickelt hat, dies aber offenbar nicht in Bezug auf die Gruppe oder ihren Kollegen Herrn S. weiterentwickeln konnte. 7.4 Herr Cieslik und Herr Timmermann Die, im Fall von Frau Dorenkamp und Herr Quante herausgearbeitete, Fallstruktur ergab auch im Vergleich mit den bereits ausgewerteten Fällen weitere Übereinstimmungen insbesondere in Bezug auf den Einfluss außerhalb und innerhalb gelagerter Strukturen auf die Beziehungsdyade, die das Verhalten der Fachkraft, aber auch des Klienten strukturierten. Aus diesem Grund wird als nächstes ein Fall vorgestellt, der potentiell zur Falsifizierung von Elementen der Fallstruktur geeignet sein könnte. Es wurde nach einem Fall mit maximal kontrastierenden Merkmalen auf den Ebenen der Person des Klienten, des Beraters und des Anliegens gesucht. Da sich in allen Fällen abzeichnete, dass die Auseinandersetzung der Klienten mit den Vorgaben insbesondere suchtbezogener Hilfen die „Arbeitsbeziehung“ beeinflusste, sollte nun ein Fall gewählt werden, bei dem der Klient keine feste Vorstellung davon hat, ob er überhaupt eine weitergehende Maßnahme in Anspruch nehmen möchte und sich lediglich in Bezug auf seine persönliche Situation und inneren Konflikte beraten lassen wollte. Dadurch, so wurde 205 vermutet, könnte der Beratungsanteil bei einer vom Klienten selbst eingeforderten Vermittlung in ein weiterführendes Hilfeangebot höher sein als der Casemanagementanteil. Darüber hinaus befanden sich die bisherigen Klienten in einer sozioökonomischen Drucksituation aufgrund von drohendem oder bereits erfolgtem Arbeitsplatzverlust und / oder anderen sozialen Schwierigkeiten (drohender dauerhafter Verlust der Fahrerlaubnis oder desolate Situation des sozialen Nahfeldes von Familie und Freunden). Aus diesem Grund wurde ein Fall gesucht, bei dem aufgrund einer gesicherten Integration in eine Erwerbsarbeit und / oder in ein Familiensystem mit einem, zumindest in einem dieser Kontexte höheren Anspruch von Selbstbestimmung und Selbstsicherheit zu rechnen war. Da alle Fachkräfte in den bereits ausgewerteten Fällen weiblich waren, wurde zusätzlich nach einem Fall gesucht, bei dem die Fachkraft männlich ist. Hier bot sich der Fall von Herrn Cieslik und Herrn Timmermann an. Gegenstand dieser Falldarstellung ist die Begegnung zwischen dem Klienten Herrn Timmermann und der Fachkraft Herrn Cieslik. Herr Cieslik ist 58 Jahre alt, Sozialarbeiter und seit über 20 Jahren in der Beratungsstelle in seiner Position tätig. Er hat eine VDR–anerkannte Ausbildung in Gesprächstherapie (GWG). Er war zeitweise in der ambulanten Reha tätig, ist dies zurzeit aber nur in Zeiten von Urlaubsvertretung. Sein Büro ist in der zweiten Etage der Beratungsstelle und nachdem er Klienten aus dem Wartezimmer abgeholt hat, entsteht auf dem gemeinsamen Weg nach oben meistens ein kleiner Smalltalk über das Wetter, die Treppe nach oben oder die Anfahrt. So sei es nach Aussage von Herrn Cieslik auch bei diesem Klienten gewesen. Herr Timmermann ist 48 Jahre alt und zum ersten Mal in dieser Beratungsstelle, aber auch zum ersten Mal in einer Suchtberatungsstelle überhaupt. Im Vorfeld war er bei einem ortsansässigen Neurologen wegen Depression und drohendem Burnout in Behandlung, der früher Leiter einer Suchtklinik war. Von diesem sei er, berichtete der Klient im Rahmen der Datenaufnahme für das Dokumentationsprogramm nachdem das Aufnahmegerät aus war, mit groben Worten grundsätzlich auf die Notwendigkeit, eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen verwiesen worden. Er habe sich "rausgeschmissen" gefühlt. Bezüglich des Umgangs mit seiner Person habe er den Neurologen anschließend zur Rede gestellt und sich einen solchen Ton verbeten. Herr Timmermann kam ohne vorherige Anmeldung in die Sprechstunde und musste etwas warten bis Herr Cieslik, der an dem Tag für die Sprechstunde zuständig 206 war, ihn drannehmen konnte. An dem Tag hatte es stark geregnet, sodass die Kleidung von Herrn Timmermann nass geworden war. 7.4.1 Inhaltliche Zusammenfassung des Gesprächs Die Aufzeichnung des Gesprächs beginnt damit, dass Herr Cieslik sich mitfühlend zu den nassen Hosenbeinen von Herrn Timmermann äu- ßert und von diesem direkt lachend mit einer Bestätigung der Annahme unterbrochen wird, dass das Warten mit nassen Beinen unangenehm war. Darauf geht Herr Cieslik ein und beide lachen. Danach unterbricht wieder Herr Timmermann die Situation und beginnt, ratifiziert von Herrn Cieslik, zu berichten, warum er die Beratungsstelle aufgesucht hat (#00:00:00–0#–#00:02:27–1#). Diese Sequenz wird von Herrn Cieslik mit Hörersignalen und Reformulierungen begleitet. Inhaltlich spricht er davon, dass er die Themen Alkohol– und Nikotinkonsum und noch ein „drittes Thema“ besprechen will, das er aber erst später ansprechen möchte. Anschließend (#00:02:27–1#–#00:07:22–9#) berichtet er von einem früheren Versuch mit seinen Themen umzugehen und von seinem familiären und beruflichen Hintergrund. Er hat sich über ein „Herz– Kreislauf–Training“ zu früherer Zeit schon einmal eine Auszeit von seiner Arbeit organisiert. Er ist geschieden und hat vier Kinder, von denen das jüngste im Jugendalter ist. Die Kinder leben bei seiner geschiedenen Frau. Er berichtet weiter, dass er seit zwei Jahren wieder verheiratet ist und dass seine Frau sich von ihm getrennt habe. Dies sei das dritte Thema. Er berichtet über seine Konstruktionen dazu, wie es zur Trennung gekommen sei und wie dies im Zusammenhang mit seinem Konsum stehe. Auch diese Phase wird von Herrn Cieslik vor allem durch Hörersignale, gelegentliche Reformulierungen oder implizite Nachfragen begleitet. Am Anfang der nächsten Sequenz (#00:07:22–9#–#00:12:32–3#) beginnt zum ersten Mal Herr Cieslik mit einem neuen Thema und fragt, was denn Herr Timmermann beruflich mache. Dieser antwortet bereitwillig, dass er einer von drei Geschäftsführern in einem großen internationalen Unternehmen sei. Auch die Arbeitsbelastung dort trage zu seinem Stress und seinem Alkoholkonsum bei. Dann sei er mit einer Magenschleimhautentzündung krank gewesen, die er heute auf seinen Alkoholkonsum zurückführt. Seinem Hausarzt und einem Neurologen habe er über beruflichen Stress berichtet. Diese hätten ihn dann wegen Erschöpfung krankgeschrieben. Herr Cieslik möchte in die Erzählung ein- 207 haken, wird aber von Herrn Timmermann unterbrochen, der seine Erzählung fortsetzt und wieder die Verbindung zu seiner gescheiterten Ehe herstellt. Auch diese Phase wird von Herrn Cieslik zuhörend, durch verbale und nonverbale Signale mitgehend und Verstehen signalisierend begleitet. Herr Timmermann berichtet nachfolgend selbstreflexiv über den Prozess des Erkennens eines Zusammenhangs zwischen der zu vielen Arbeit, dem Scheitern seiner Beziehung, seinem Alkoholkonsum, den Grübeleien, seinem schlechter werdenden Allgemeinzustand und dem subjektiv immer notwendiger werdenden Verstecken. (#00:12:32–3#–#00:16:28–5#). Auch diese Phase wird im bekannten Modus von Herrn Cieslik begleitet. In der nächsten Sequenz berichtet Herr Timmermann über seinen Entschluss etwas ändern zu wollen, seine Ideen, wie dies geschehen kann und was er dafür schon alles unternommen hat (#00:16:28–5#–#00:19:30–7#). Herr Cieslik ist auch in dieser Phase bei den Konstruktionen von Herrn Timmermann und begleitet sie unterstützend und reformulierend. Nun kommt Herr Timmermann zum Wesentlichen und nennt sein Anliegen (#00:19:30–7#– #00:21:47–4#). Er möchte sich informieren, welche Möglichkeiten es für ihn „im Anschluss an die Kur“ gäbe. Was genau er damit meint, sagt er nicht. Herr Cieslik bezieht dies grundsätzlich auf die Möglichkeiten einer suchttherapeutischen Behandlung, empfiehlt aber eine vertiefende „Diagnostik“, damit Herr Timmermann für sich eine „gute Entscheidung“ treffen könne. Herr Timmermann entgegnet, dass er darüber nachdenken müsse und kommt am Ende der Sequenz wieder auf seine Frau zu sprechen. In der nächsten Sequenz reflektiert er über die aktuelle Situation und wie er sich aktuell bemüht auf seine Frau zuzugehen (#00:21:47–4#–#00:23:38–2#) Die Sequenz endet damit, dass Herr Cieslik versucht ihn wieder auf das Thema Alkoholkonsum und die subjektive Bedeutung der Entscheidung für Abstinenz zu bringen. Hierauf lässt sich Herr Timmermann ein und es beginnt eine Reflexion (#00:23:38–2#–#00:27:05–8#) über die Versuche von Herrn Timmermann im Laufe der letzten Monate mit dem Trinken aufzuhören. An dessen Ende wiederholt Herr Cieslik seinen Vorschlag, weitere „Diagnostik“ zu machen, um besser herausfinden zu können, wie genau die, sich scheinbar wiederholenden Kreisläufe von der Beziehung zu seiner Frau, der Arbeitssituation, einer vorher von ihm erwähnte Rheumaerkrankung und dem Alkoholkonsum zusammenhängen. Die Sequenz endet damit, dass er vorschlägt mit diesen Terminen nach der, von Herrn Timmermann schon angekündigten Kur wegen seines Rheumas zu beginnen. Dieser überlegt laut, ob man nicht auch schon vorher da- 208 mit beginnen könne. Die Sequenz endet damit, dass Herr Cieslik zustimmt, dass es sinnvoll sein könnte sich schon vor der Kur zu einem weiteren Gespräch zu treffen und tiefergehend darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten einer Behandlung sinnvoll sein könnten. Dem stimmt Herr Timmermann zu, weil er keine Erfahrung habe, was es alles für Möglichkeiten suchttherapeutischer Behandlung gäbe. Im nächsten Abschnitt (#00:27:05–8#–#00:33:53–0#) informiert Herr Cieslik über die Möglichkeiten und Implikationen (Dauer, Kostenübernahme) suchttherapeutischer Hilfen und Herr Timmermann zeigt sich interessiert. Im Verlauf des Gesprächs kommt es zu einem kleinen Konflikt, als Herr Cieslik sich verwundert darüber zeigt, dass Herr Timmermann es geschafft hat die Rentenversicherung „auszutricksen“, indem er durch zweimaligen Widerspruch und zusätzliche ärztliche Gutachten die Kostenübernahme für die Rheumakur durchgesetzt hat, obwohl ein bekanntes latentes Alkoholproblem im Hintergrund schwelte. Daraufhin geht Herr Timmermann in die Rechtfertigung und Herr Cieslik wechselt schnell das Thema, möglicherweise damit der Konflikt nicht eskaliert. In der Schlussphase des Gesprächs (#00:33:53–0#–#00:37:58– 6#) beginnt Herr Timmermann zunächst über Wiedereingliederung zu reden und kommt dann darauf, dass er dies in seiner beruflichen Position für ein wichtiges Instrument halte, weil es wichtig sei Menschen mit ihrem Wissen für die Firma zu erhalten und ihnen Möglichkeiten zu geben nach einer Krankheitsphase wieder Fuß zu fassen. Diese Aussage wird von Herrn Cieslik reformulierend und mit Hörersignalen begleitet. Das Gespräch endet damit, dass Herr Cieslik einen Impuls setzt, das Gespräch an dieser Stelle zu beenden und Herr Timmermann nachfragt, ob denn die nächsten Gespräche auch mit ihm wären. Herr Cieslik bestätigt das und das Aufnahmegerät wird ausgeschaltet. 7.4.2 Darstellung für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ wichtiger Passagen „Warum bin ich hier?“ Herr Cieslik: Das war (.)nicht so angenehm die erste Stunde hier (.) mit nassen Beinen #00:00:09–7# Herr Timmermann: Das glauben Sie wohl ((lacht)) ((lacht)) #00:00:09–7# Herr Cieslik: zu sitzen((lacht)) ((lacht)) (.)(.) Ja. (.) #00:00:16–8# Herr Timmermann: Warum bin ich hier? #00:00:16–8# Herr Cieslik: Genau. #00:00:20–3# 209 Herr Cieslik eröffnet das Gespräch, indem er empathisch Bezug auf den aktuellen Kontext nimmt. Es hat stark geregnet, die Hose des Klienten ist auf dem Weg zur Beratungsstelle nass geworden, er hat im Wartezimmer gesessen und auf den Gesprächsbeginn gewartet. Dem Gesprächsbeginn ist möglicherweise bereits ein Smalltalk und die Klärung vorausgegangen, ob Herr Timmermann bereit ist, am Forschungsprojekt mitzuwirken. Herr Timmermann unterbricht Herrn Cieslik und gibt dem empathischen Auftakt eine spezifische Wendung. Er bestätigt inhaltlich die Befürchtung der Fachkraft, dass die Situation unangenehm gewesen sein könnte, deutlich und verstärkt sie sogar, sendet aber gleichzeitig auf der nonverbalen Ebene durch das laute starke Lachen ein anderes Signal. Überspielt er seine Unsicherheit? Jedenfalls ist er nicht gelassen. Herr Cieslik geht zunächst nonverbal auf das lange Lachen ein, nimmt damit dieses Signal auf und beendet ruhig den angefangenen Satz, der von dem Klienten unterbrochen wurde. Es entsteht eine Pause, in der beide Gesprächspartner zur Ruhe kommen und der Gesprächsmodus wechselt. Die Pause wird von der Fachkraft mit dem Füllwort „Ja“ beendet. Dies versteht Herr Timmermann als Aufforderung, etwas zu sagen. Er vergewissert sich, indem er nachfragt und dabei implizit die Rolle des Gegenübers einnimmt. Die Nachfrage wird von der Fachkraft inhaltlich bestätigt: Er soll sagen, warum er da ist. Diese kurze Sequenz zeigt, dass Herr Timmermann die Regeln, die Choreographie einer solchen Situation, sehr genau zu kennen scheint. Ein formales Gespräch wird durch situationsbezogenen Smalltalk eingeleitet, bevor man zum Wesentlichen kommt. Dadurch, dass er dies verbal antizipiert („Warum bin ich da?“), inszeniert er diese Kenntnis und gleichzeitig den Anspruch, das Gespräch führen zu wollen. Insofern hält er sich nicht an die Regeln, obwohl er sie genau zu kennen scheint. Möglicherweise ist er es selbst gewohnt solche Gespräche „auf der anderen Seite“ zu führen und die Übernahme der Gesprächsführung gibt ihm in dieser Situation Sicherheit. Der Berater scheint darüber nicht irritiert und versucht auch nicht, selbst die Führung zu übernehmen, sondern ‚folgt‘ dem Klienten nonverbal (Lachen) und verbal, indem er die vorweg genommene Gesprächsaufforderung einfach nur kurz bestätigt. Damit signalisiert er, dass er gewillt ist, dem, vom Klienten eingeschlagenen Weg zu folgen, auch wenn dieser unkonventionell ist und Herr Timmermann sich in Kenntnis der Regeln nicht an diese hält und somit seinen Eigensinn demonstriert. 210 Im Nachinterview berichten beide unter Benutzung einer ähnlichen Wortwahl, dass sie sehr schnell einen „Draht“ zueinander gefunden hätten: „Also äh, ich (.) würd schon sagen, dass wir relativ schnell (.) ne vertrauensvolle Atmosphäre hinbekommen haben, […]Vielleicht auch n Stück weit dadurch, dass die Atmosphäre hier ne andere war, als beim äh Arzt74, ne? //ja// Das auch sag ich mal die lange Wartezeit, er war relativ schnell und zügig drangekommen //ja// und äh ja, ich will es mal so formulieren, wir haben schnell n Draht gefunden, ne? Gemeinsame Ebene, ne gemeinsame Sprache.“ (Nachinterview Herr Cieslik zum Gespräch mit Herrn Timmermann #00:06:49–9#) „als ich hier ankam, natürlich mit 'nem erstmal sehr unwohlen Gefühl, irgendwo mit einer zurechtgelegten äh Geschichte. Was erzähl ich denn da? Äh hab ich insbesondere hier mit dem Kollegen Cieslik äh ja eigentlich sehr schnell 'n Draht gefunden. Sehr schnell 'n Draht gefunden, mich mich zu öffnen. […] Ja, das das war in keinster Weise der Ansatz beim Neurologen. Das war aber unmittelbar der Ansatz hier.“ (Nachinterview Herr Timmermann zum Gespräch mit Herrn Cieslik #00:08:13–3#) Diese Aussagen könnten ein Hinweis darauf sein, dass die „Atmosphäre“ und der „Draht zueinander“ möglicherweise schon auf dem Weg in das Beratungszimmer auf der Ebene eines „impliziten Beziehungswissens“ (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 62) „gespürt“ wurde. Darüber hinaus lässt sich in dieser Szene möglicherweise schon direkt am Anfang des Gesprächs, dem ein Smalltalk auf der Treppe und eine kurze Abfrage bezüglich des Forschungsprojektes vorausgegangen ist, möglicherweise in Abgrenzung zur Situation beim „Neurologen“, ein 74 Mit „Arzt“ ist der Neurologe gemeint, auf dessen Intervention Herr Cieslik die Beratungsstelle aufgesucht und bei dem er vor dem Gespräch vier Stunden im Wartezimmer gewartet hat. Im Nachinterview berichtet Herr Timmermann: „Ja, äh der Neurologe selbst, ist nicht mein Freund. […] Äh der hat mir nach 'ner halben Stunde Eingangsgespräch die Pistole auf die Brust gesetzt. Und hat gesagt: "Sie können dann wieder kommen, wenn Sie abstinent sind". Fand ich jetzt nicht unbedingt 'n taktisches äh Mittel, was mir geholfen hat. Im Gegenteil, es hat mich wütend gemacht. (Räuspert sich) Als ich ihm beim zweiten Besuch dann auch gebeichtet habe, dass ich zwar deutlich schon runtergefahren bin, dass ich aber trotzdem noch irgendwo 20% der Menge getrunken hab in der Zeit, wie wie davor, wurd er richtig wütend und hat mich (.) versucht eigentlich zu provozieren und über die Provokation dazu zu bewegen, es zu lassen. Und äh dieses Mittel, hilft bei mir nicht. Das hab ich ihm auch gesagt.“ (Nachinterview Herr Timmermann zum Gespräch mit Herrn Cieslik # ca.00: 7:30#) 211 „Begegnungsmoment“ (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 68) rekonstruieren, auf jeden Fall aber ein angemessenes Aufgreifen einer kairosartigen Konstellation in Bezug auf eine wichtige Entwicklung im Beratungsprozess. Herr Timmermann:(.) Ich hab seit nem halben, dreiviertel Jahr (.) relativ hohes Suchtpotential //jaha, jaha// (räuspert sich) (.) also ich spreche von Alkohol und ich spreche von Nikotin //jaha// äh (.) komm noch zu nem dritten Thema n bisschen später (.) Alkohol(.)sucht drückt sich bei mir so aus: Ich bin (.) mit Leib und Seele Biertrinker //mmhm// schon dreißig Jahr//mmhm// und äh (.) hab sukzessive mein Konsum (.) (atmet ein) gesteigert (atmet aus) //ja// will ich mal sagen so in dem letzten zwei Jahren und des ist mir zur Gewohnheit geworden fünf, sechs Bier am Tag zu trinken //ah ja// oder das Bedürfnis zu haben //mmhm// fünf bis sechs Bier zu trinken #00:00:58–7# Herr Cieslik: Sie merken schon ne, da #00:00:59–5# Herr Timmermann: es sind mal acht es sind mal zwei //ja.// Es ist seit (.) würd mal sagen seit einem Jahr nie keines. #00:01:08–8# Herr Cieslik: Ja, also das es ordentlich regelmäßig geworden ist. #00:01:11–3# Herr Timmermann: Ordentlich zur Regelmäßigkeit geworden ist. #00:01:13–3# Herr Cieslik: Genau mhm #00:01:14–7# Nach einer kurzen Pause eröffnet Herr Timmermann die nächste Sequenz. Er berichtet, dass er seit einem spezifischen Zeitraum ein „relativ hohes Suchtpotenzial“ habe. Vom Sprachduktus hört sich dies so an, als berichte er einem Arzt über ein Symptom, das er an sich wahrgenommen hat. Die Wortwahl „Suchtpotential“ deutet auf einen elaborierten, fast fachlichen Sprachgebrauch hin. Der Zusammenhang ist jedoch laienhaft. Nicht ein Mensch hat ein Suchtpotential, sondern eine psychoaktive Substanz. In dem Zusammenhang, den Herr Timmermann ausdrücken möchte (eine möglicherweise seit diesem Zeitraum bestehende Belastung in Verbindung mit einem erhöhten Konsum), würde ein Experte eher von einer „Suchtgefährdung“ sprechen, diesen Begriff in diesem Sprachkontext aber wahrscheinlich nicht zeitlich eingrenzen. „Ich bin seit einem dreiviertel Jahr suchtgefährdet“ würde man nicht sagen, da es suggeriert, dass dies ein Zustand ist, der entweder da oder nicht da ist und dies ist fachlich falsch. Dies deutet entweder auf eine verstärkte Unsicherheit des Klienten hin, die er mit seiner eloquenten Sprachwahl zu verschleiern versucht oder auf den Versuch, Kompetenz zu inszenieren, um sein Gegenüber zu verunsichern, denn dies würde wieder im Modus eines Rollentausches geschehen. Wenn Herr Cieslik auch unsicher ist und Sicherheit im Einhalten formalisierter Abläufe oder im Inszenieren von Kompetenz sucht, könnte dieses Verhalten des Klienten zu einem Konflikt führen. Die Reaktion der Fachkraft besteht in einem deutlichen positiven Hörersignal, das 212 Herr Timmermann zum Anlass nimmt, das Thema zu konkretisieren. Er nennt zwei Themen, deutet ein drittes an, über das er aber erst zu einem späteren Zeitpunkt sprechen möchte. Dieses Verhalten ist äu- ßerst strukturiert, scheint emotionslos. Die Andeutung, dass er den Zeitpunkt bestimmt, wann er das dritte Thema ansprechen möchte, deutet entweder auf einen Autonomieanspruch hin, der keinen Widerspruch duldet oder auf sein Bedürfnis, eine Situation kontrollieren zu können. Offenbar ist er es gewohnt, „strukturierte Ansagen“ zu machen, verbunden mit der Erwartung, dass ihm gefolgt wird. Eine andere Deutung wäre, dass äußere Strukturen oder streng rationales Vorgehen ihm Sicherheit geben und er in einer, für ihn unsicheren Situation, darin Halt sucht. Dies bedeutet umgekehrt, dass irrrationales oder emotionales Verhalten ihn verunsichert, genau wie unberechenbare, chaotische (Verhaltens–) Muster. Auf der Interaktionsebene legt dies demnach eher die Deutung nahe, dass er die Interaktion kontrollieren muss, um sich sicher zu fühlen. Das Muster der Interaktion zwischen Klient und Fachkraft wiederholt sich. Herr Cieslik antwortet mit einem Hörersignal und nutzt die Gelegenheit von kurzen Pausen nicht, um „dazwischen zu gehen“ und z. B. die Struktur zu übernehmen, indem er eine Nachfrage stellt oder selber ein Thema vorgibt. Damit signalisiert er nonverbal: „Ich höre zu und versuche nicht, dich zu beeinflussen“ und überlässt Herrn Timmermann damit die Kontrolle über die Interaktion. Dies führt dazu, dass Herr Timmermann das Thema vertieft bzw. im Sinne eines „Erzählzwanges“75 vertiefen muss, weil er es selbst angeschnitten hat. Offenbar fühlt er sich sicher. Dies ist insofern erstaunlich, als dass Herr Cieslik sich scheinbar intuitiv „richtig“ verhält, obwohl Herr Timmermann sich, wie schon beschrieben, nicht an die unausgesprochenen Regeln in einer Beratungssituation hält. Dies könnte entweder auf ein berufliches implizites Beziehungswissen (sog. Erfahrung) hindeuten oder auf den „Draht“ zueinander, den beide beschrieben haben und der sich in „Vertrauen“ ausdrückt. Herr Timmermann vertieft das Thema „Alkohol“, das er als erstes genannt hatte und folgt damit der, von ihm gesetzten Struktur im Modus von Rationalität. Er führt aus: „Ich bin mit Leib und Seele Biertrinker schon dreißig Jahre“. Dieser Satz steht strukturell und inhaltlich im Widerspruch zum bisher Präsentierten: Der erste Teil ist alles andere als 75 Nach Kallmeyer und Schütze ist eine narrative Erzählung von sog. „Zugzwängen zur Sachverhaltsdarstellung“ geprägt: Detaillierungszwang, Kondensierungszwang und Gestaltschließungszwang (Kallmeyer; Schütze 1977, S. 187). 213 strukturiert und rational. Der zweite Teil wirft zumindest die Frage auf, wie es dreißig Jahre klappen konnte „mit Leib und Seele“ Biertrinker zu sein ohne dabei eine Suchtgefährdung aufzuweisen. Er deutet auf eine Lebenseinstellung hin, die er scheinbar nicht (mehr) verfolgt oder die in Frage gestellt zu sein scheint, denn sonst wäre er nicht in der Beratungsstelle. Darüber hinaus ist die Frage, was genau er damit meint, von Interesse für eine vertiefte Exploration seines Konsumverhaltens. So gesehen bietet diese Aussage eine Steilvorlage für Herr Cieslik an, sich jetzt mit inhaltlichen Nachfragen einzubringen, um eine Objektivierung der Aussage zu erreichen. Eine andere Lesart ist, dass es sich dabei um eine dramatisierende Inszenierung handelt, um das Gespräch weiter kontrollieren zu können. (s. Muster oben). Wenn dem so ist, so erzählt er diese „Geschichte“ wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Wenn er sich so auch beim Neurologen inszeniert hat, so erklärt dies den harschen Hinweis eine Suchtberatung aufzusuchen, weil dieser sich für diese „Fälle“ als nicht (mehr76) zuständig sieht. Die Inszenierung führte damit letztlich zum dargestellten Konflikt, bei dem Herr Timmermann sich deutlich missverstanden und nicht gut angenommen fühlte, woraufhin er aus seiner Sicht aus guten Gründen den Kontakt beendete. Daher kann diese Inszenierung auch als Testsituation für Herrn Cieslik gesehen werden. Herr Cieslik bleibt im Modus des Zuhörens mit Hörersignalen, obwohl die Worte, wie dargestellt, ihn deutlich einladen, zu reagieren. Dies bedeutet für die „Arbeitsbeziehung“, dass er der Versuchung widersteht, sich selbst mit einer objektivierenden Deutung zu inszenieren und dem Klienten stattdessen Raum für seine subjektive Darstellung lässt. Herr Timmermann fährt nach einer kurzen Pause und einem Verlegenheitslaut mit der Erzählung fort. Diese beiden Signale deuten entweder auf eine Überraschung (er hat nicht damit gerechnet, dass das Gegenüber nichts zu seinen Worten sagt) oder auf die Einleitung von etwas Neuem, noch nicht oder weniger Expliziertem oder auf etwas Unangenehmem hin. Die Deutungen haben eine kurze, erstmals wahrnehmbare Verunsicherung des Klienten gemeinsam. Geht man von der „Testsituation“ aus, so könnte es sich um eine „neue Erfahrung“ handeln. Herr Timmermann berichtet weiter, dass sich sein Konsum „sukzessive“ gesteigert habe. Das Wort „gesteigert“ ist umrahmt von hörbaren Atemgeräuschen. Dies deutet darauf hin, dass es ihm mög- 76 Der Neurologe war vor seiner Niederlassung lange Jahre Leiter einer Suchtklinik. 214 lichweise schwer fällt dies zu explizieren, deutet es doch auf einen latenten Verlust der Kontrolle hin. Dies wiederum empfindet Herr Timmermann, wie oben gezeigt wurde, als bedrohlich. Insofern stellt diese klare Explikation ein Zeichen von Vertrauen in Herr Cieslik oder eine Steigerung der Testsituation in Form einer noch deutlicheren Einladung dar, auf der Inhaltsebene zu reagieren: 30 Jahre mit Leib und Seele Biertrinker als Lebenseinstellung und dann den Konsum sukzessive (also zielgerichtet) gesteigert. Darauf muss ein Suchtberater doch inhaltlich reagieren. Diese Aussage wird von der Fachkraft mit einem positiven Hörersignal begleitet. Herr Timmermann konkretisiert von sich aus, was er mit „gesteigert“ meint und spricht in diesem Zusammenhang zunächst von „Gewohnheit“ (unreflektierter Konsum) und dann von „Bedürfnis“ (reflektierter Konsum entgegen besseren Wissens). Auch diese Wortwahl deutet auf eine Steigerung bzw. Verfestigung des Konsummusters hin. Die Zurückhaltung der Fachkraft bei der „Einladung“ zur Intervention hat dazu geführt, dass Herr Timmermann Vertrauen gezeigt und von sich aus im Modus von Authentizität die Explikation seines Selbstbildes so konkretisiert hat, dass es deutlich greifbarer ist als vorher. Damit wechselt die Kontrolle über das Gespräch. Herr Cieslik setzt zu einer Verbalisierung im Modus von „Spiegelung“ an („Sie merken schon“), wird aber vom Klienten unterbrochen. Dieser war noch nicht fertig mit seiner Explikation, denn er konkretisiert sein Konsummuster weiter. Er endet damit, dass er sagt, dass es nie eines gewesen sei. Damit reproduziert er sein Muster, dass insbesondere der erlebte Kontrollverlust ihm zu schaffen macht. Damit liefert er, ohne danach gefragt worden zu sein, einen wichtigen Hinweis für Ansatzmöglichkeiten einer passgenauen Hilfe bzw. für die Gestaltung einer „Arbeitsbeziehung“, in die er Vertrauen haben kann: Es ist wichtig für ihn die Kontrolle über die Situation zu behalten bzw. wieder zu erlangen. Damit inszeniert er ein zentrales Verhaltensmuster und gibt damit die Möglichkeit, sich kommunikativ auf ihn einzustellen. Herr Cieslik setzt die angefangene zusammenfassende Verbalisierung mit einem Fokus auf die Regelmäßigkeit und nicht auf die Menge fort, ohne dies zu bewerten. Damit inszeniert er Kompetenz, denn nach den Leitlinien der suchtmedizinischen Diagnostik (ICD–10) ist dies eines der Leitsymptome. Herr Timmermann übernimmt fast wörtlich die Formulierung der Fachkraft und zeigt damit, dass er sie ratifiziert und dass er sich verstanden fühlt. Herr Cieslik schließt diese Sequenz mit einer erneuten Bestätigung ab. Dies zeigt, dass für ihn die kommunikative 215 Verständigung über dieses Thema (Wahrnehmung der Steigerung des Alkohol–Konsumverhaltens des Klienten als ein Ausgangspunkt für weitere Explorationen) damit abgeschlossen ist. Herr Timmermann: Und daneben (.) (.) rauch ich auch (.)(.) größere Ordnungen auch seit dreißig Jahren //mmhm////mmhm// hab nur acht Monate irgendwann ausgesetzt vor 15 Jahren, aber das ist glaube ich nicht erwähnenswert. //mmhm// #00:01:28–1# Herr Cieslik: Jo, aber immerhin, ne? #00:01:29–3# Herr Timmermann: Und es ging seinerzeit als ich, (.) als ich über die Firma die Chance hatte sone Kur zu machen //ja// dreieinhalb Wochen //ja// und äh da bin ich hingefahren mit dem Vorhaben (.) jetzt lässt du das mal alles sein und es ging auch //mmhm// komischerweise ging das, ich sag mal in dem Moment, weg von allem, ja? //mmhm// weg von Beruf, weg von Familie (atmet ein) //mmhm// äh ich war zu der Zeit mit meiner ersten Frau verheiratet //jaha// mit vier Kindern. Also schon erhebliche Stresspotentiale um mich herum //mmhm// auch im Job ne relativ verantwortliche Tätigkeit als Abteilungsleiter und (.) es wuchs mir damals schon ziemlich übern Kopf, das war, das war das Problem. #00:02:11–2# Herr Cieslik: Sie sind auch noch in der gleichen Firma, oder? #00:02:12–2# Herr Timmermann: Ich bin noch in der gleichen Firma. Also damals wuchs mir übern Kopf, weil eben vier kleine Kinder im Haus und äh neu in der Verantwortung in der Firma //jaha//, die mich da schon erheblich gefordert hat #00:02:27–1# Herr Cieslik: Gut das is , #00:02:27–1# Herr Timmermann: Da hab ich den Ausbruch gesucht übern so genanntes Herz– und Kreislauftraining //mmhm// (räuspert sich) was äh mir von der Firma ermöglicht wurde //mmhm// zur Förderung der Arbeitsfähigkeit sag ich mal der Führungskräfte //ja// Äh (.) das hatte sehr gut getan. #00:02:43–0# Herr Cieslik: Ja, auch mal raus aus allem //ja// zu sein und (.) #00:02:46–5# Wieder eröffnet Herr Timmermann ein neues Thema. Er spricht das Rauchen an, welches er in der Einleitung auch als 2. Thema angeben hatte. Er spricht am Anfang zögerlich mit zwei Pausen, so als müsste er sich erst überlegen, was und wie er es sagt. Möglicherweise strukturiert er seinen Beitrag vor. Inhaltlich geht es um sein Konsummuster beim Thema Rauchen. Seine Äußerungen werden von der Fachkraft mit Hörersignalen begleitet. Der Gesprächsbeitrag endet mit der Aussage, dass eine kurze Abstinenzzeit vor 15 Jahren, so glaube er, „nicht erwähnenswert“ sei. Dies präsentiert sich als subtile Aufforderung an Herr Cieslik, darauf zu reagieren, will er die Höflichkeitsregel nicht verletzen. Reagiert er, muss er sich zu der Aussage positionieren und damit eine Bewertung vornehmen. Zu sagen, dass es erwähnenswert wäre, wäre fachlich unglaubwürdig und könnte als strategisches Lob zur Verbesserung der „Arbeitsbeziehung“ enttarnt werden. Der Aussage zuzustimmen könnte in dieser frühen Beziehung als Unhöflichkeit gewertet werden. Außerdem besteht möglicherweise eine implizite Erwartung des 216 Klienten, die, im Rahmen einer psychosozialen Beratung benannten Erfolge auch zu würdigen und aus ihnen zu lernen. Möglicherweise ist Herr Timmermann rhetorisch geschult. Aus dieser Perspektive handelt es sich um eine rhetorische Herausforderung. Herr Cieslik reagiert mit einem etwas zurückhaltenden, „Jo–aber immerhin“ und umschifft diese rhetorische Klippe, indem seine Reaktion zurückhaltend, aber trotzdem den Erfolg würdigend ausfällt. Möglicherweise testet Herr Timmermann, ob Herr Cieslik ihm rhetorisch gewachsen ist. Herr Timmermann expliziert, wie er es damals geschafft habe, eine zumindest kurzzeitige Abstinenz zu erreichen. Er sei mit dem Vorsatz, „das alles mal sein“ zu lassen, zu einer „Kur“ gefahren, die er „von der Firma“ aus gemacht habe. Gemeint ist wahrscheinlich sein Alkohol– und Nikotinkonsum. Eine Suchtrehabilitation scheint es nicht gewesen zu sein, eher eine Maßnahme zur Gesundheitsförderung. Möglicherweise hat er die Maßnahme dazu benutzt, um einen Abstinenzversuch zu starten, ohne eben gerade eine Suchtrehabilitation zu machen. Er regelt die Dinge auf seine Weise, ohne sich an die Regeln zu halten, aber auch ohne offiziell dagegen zu verstoßen. Das Muster des Ringens um Kontrolle, das zuvor schon herausgearbeitet wurde, zeigt sich auch in der Beschreibung des Versuchs den Suchtmittelkonsum einzustellen: Sobald die „Stresspotenziale77“ (Familie mit 4 Kindern, neuer Job in einer Führungsposition) nicht vorhanden waren, gelang es, das Konsummuster zu ändern. Diese Konstellation seines damaligen Lebensumfeldes „wuchs ihm über den Kopf“, entzog sich also einer rationalen Kontrolle. Herr Cieslik begleitet diese Explikation mit Hörersignalen und fragt nach, ob er noch immer in der Firma sei. Es erscheint zunächst seltsam darauf zu fokussieren, bietet die Explikation des Klienten doch eine Menge anderer Ansatzpunkte zur Exploration an. Herr Timmermann geht auch nur kurz auf diese Frage ein und wiederholt den letzten Teil seiner Explikation. Will er sichergehen, dass Herr Cieslik ihn richtig verstanden hat? Möglicherweise hat er erwartet, dass Herr Cieslik darauf näher eingeht. Falls dem so ist, war die vorherige Geschichte möglicherweise das Ergebnis einer kalkulierten Strategie: Er präsentiert seine Geschichte, die er sich als Erklärung für sein Verhalten zurechtgelegt hat. Insofern ist sie in diesem Moment nicht das Ergebnis einer authentischen Selbstreflexion. 77 Diese können in diesem Zusammenhang auch als potentielle Quellen des Kontrollverlustes der Umwelt gedeutet werden. Damit deutet sich an, dass es sich bei dem Konsummuster des Klienten um eine Strategie handeln könnte, die Angst vor einem Kontrollverlust zu dämpfen. Beide Substanzen reduzieren Angst und Schmerzen (vgl. Goßler 2010, S. 63 Mann; Rommelspacher 1999, S. 188). 217 Herr Cieslik bemerkt diese offenbar implizite Erwartung und will relativierend („Gut also“) darauf eingehen, wird aber vom Klienten unterbrochen, der ein weiteres Detail seiner Geschichte präsentiert: Nämlich die Art und Weise der „Kur“. Es handelt sich tatsächlich um ein Training zur Gesundheitsförderung, was die Firmenleitung Führungskräften (möglicherweise als Incentive) angedeihen lässt. Hier wird ein weiteres Detail des Musters des Klienten deutlich: Er nutzt seine Möglichkeiten und es ist ihm wichtig nicht aufzufallen, nach Außen den Schein zu wahren. Mit 4 Kindern und einem neuem Job in einer Führungsposition etwas für die Gesundheit zum Stressabbau zu tun, unter dem Label von „Herz–Kreislauf“, ist nach außen für viele Menschen nachvollziehbar. Auch jetzt wahrt er den Schein, verhält sich strategisch. Er scheint offen zu kommunizieren und bietet Möglichkeiten der Exploration an, die aber mit dem Ziel verknüpft sind, das Gespräch zu kontrollieren und die Aufmerksamkeit der Fachkraft auf Details zu lenken, die er inszeniert hat. Dies lässt hinter der Fassade auf einen eher ängstlichen Menschen schließen. In dieser Perspektive verschafft Herr Timmermann der Fachkraft Einblicke in seine subjektiven Sinnkonstruktionen. Herr Cieslik folgt der Darstellung verbal, lässt ihm ‚seine Bühne‘, schafft dadurch weiter Sicherheit und kann sich trotzdem nach und nach ein Bild von Herrn Timmermann im Sinne einer Exploration seiner subjektiv–handlungsleitenden Konstruktionen machen. Herr Timmermann: zwischenzeitlich ist viel passiert, die Kinder sind (.) mehr oder weniger groß, ich lebe seit acht Jahren, neun Jahren getrennt von meiner (.) Familie, allerdings getrennt heißt die Kinder können jederzeit zu mir kommen. Bin seit zwei Jahren neu verheiratet (.)(.)(.) lebe in dieser Beziehung seit einem Monat in Trennung (.) //ah ja// was so, (.) der dritte Beitrag is, ne? //mmhm// den ich, den ich nennen wollte. Ich hab im Zuge dieses Jahres eigentlich festgestellt, (atmet tief ein) dass es mir unglaublich schwer fällt alleine zu sein (.) und meine Frau war sehr viel auf Reisen //mmhm// beruflich. Ich anteilig auch. Wir haben uns, wenn man so will, seit (.) April nur noch abgeklatscht, der eine ist gekommen, der andere ist gegangen //mmhm// und wenn wir natürlich dann zusammen waren dann (.) prallte da auch relativ viel aufeinander, ne? Jeder hatte viel erlebt //mmhm// und irgendwo ham wir uns dann doch nicht die Zeit genommen das vernünftig auszutauschen. #00:03:51–9# Herr Cieslik: Ja, ich denke, dass dann bei jedem auch der Stau da ist ne? #00:03:56–2# Herr Timmermann: Extrem #00:03:56–2# Herr Cieslik: auch was los zu werden und dann ist das ja auch nur die halbe Miete, //ja// äh ne? weil #00:04:00–4# Herr Timmermann: Ja beziehungsweise es geht dann auch einfach zu schnell. Man kann sich nicht annehmen, //genau// man nimmt sich nicht die Ruhe //mmhm// und äh 218 meine Frau hat auch noch n paar Hobbies mehr als ich. //mmhm// Also ich hab nur meine Kinder als Hobby äh meine Frau macht noch Musik, macht auch Sport //mmhm// also wenn sie denn da mal da war, war sie schon wieder weg @(.)@ #00:04:19–3# Herr Cieslik: Ok #00:04:20–0# Herr Timmermann vertieft das Thema Familie weiter. Inhaltlich berichtet er, dass er von seiner ersten Frau getrennt lebt, seine Kinder aber „immer zu ihm kommen können“. Dies ist eine interessante Formulierung, deutet es doch auf die Erwartungshaltung einer einseitigen Kontaktaufnahme, für die sich Herr Timmermann nicht verantwortlich zu fühlen scheint und die damit dynamische Folgen für die Beziehungsgestaltung zu seinen Kindern hat. Denn es bleibt offen, ob seine Kinder tatsächlich zu ihm kommen, zumal sie inzwischen erwachsen sind, wie er sagt, und was dies für ihn bedeutet. Nahtlos schließt Herr Timmermann an, dass er seit zwei Jahren neu verheiratet sei. Dies deutet darauf hin, dass er das Thema ‚alte‘ Familie abgeschlossen zu haben scheint. Es folgt eine Pause. Diese deutet darauf hin, dass jetzt etwas kommt, was ihm möglicherweise unangenehm ist, was ihn unsicher macht o. ä. Tatsächlich berichtet er, dass er seit einem Monat getrennt von seiner Frau lebt. Danach erfolgt eine weitere Pause. Die Katze ist aus dem Sack. Die Trennung von seiner Frau stellt das wesentliche Belastungsmoment für den Klienten dar. Herr Cieslik konnotiert dies mit einem Hörersignal, das ausdrückt, dass er die Bedeutung dieser Aussage für den Klienten erfasst „Ah ja.“ Dies deutet auf den Modus hin, den Remsperger (2013) als „sensitive Responsivität“78 beschreibt und der sich hier lediglich in einem passenden Hörersignal an der richtigen Stelle ausdrückt. Herr Timmermann bestätigt die wahrgenommene Bedeutung verbal, denn er eröffnet, dass dies neben seinem Suchtmittelkonsum das dritte „Thema“ war, das er ansprechen wollte. Es stellt sich allerdings die Frage, ob dies nicht das Hauptthema ist und ob der Suchtmittelkonsum, über den er relativ emotionsfrei sprach und für dessen Regulation er eigene Wege gefunden hat, nur die ‚Eintrittskarte‘ für diese Beratung war. An dieser Stelle bleibt zunächst noch offen, in welchem Zusammenhang der Konsum von Suchtmitteln, die Trennung von seiner zweiten Frau, das spezifische Beziehungsmuster in Form von einem starken Kontrollwunsch und die resp. Ängstlichkeit stehen. Herr Timmermann 78 Remsperger operationalisiert sensitive Responsivität als „Signale bemerken“ (Zugänglichkeit und Aufmerksamkeit) und „sich auf Signale angemessen verhalten“ (Promptheit der Reaktion, Richtigkeit der Interpretation, generelle Haltung– Akzeptanz, Wertschätzung, Interesse, Respekt vor Autonomie–, Involvement, emotionales Klima, Stimulation).(Remsperger 2013, S. 15) 219 setzt die Beschreibung der Situation mit seiner jetzigen Frau fort. Die Formulierung „habe ich festgestellt“ in Verbindung mit einem tiefen Einatmen deutet auf einen Erkenntnisprozess hin. Aus diesem Grund kann, trotz relativer Nüchternheit der Beschreibung, von einem Moduswechsel von einem eher strategischen Berichten hin zu einem „Erzählstrom“79 ausgegangen werden. Dieser wurde durch die zurückhaltende, für Herrn Timmermann aber deutlich wahrnehmbare Begleitung durch Herrn Cieslik evoziert. Herr Timmermann äußert sich im Nachinterview dazu wie folgt: „In die Reflektion zu gehen und ja ich sag mal (.) zum Nachdenken in der richtigen Richtung angeregt zu werden. […] (.)(.) Hmm, im Prinzip die sehr ruhige Art [von Herrn Cieslik Erg. R. H.]. Äh hat mich auch ruhiger werden lassen.“ (#00:08:35–1# Nachinterview Herr Timmermann zum Gespräch mit Herr Cieslik) Die Äußerungen von Herrn Timmermann werden von Herrn Cieslik zunächst lediglich mit Hörersignalen begleitet. Eine Spiegelung mit einer, möglicherweise entlastend gemeinten Relativierung, dass dann bei „jedem […] der Stau“ da sei, schließt sich an. Was genau mit Stau gemeint ist, bleibt an dieser Stelle offen. Für die Beziehungsentwicklung zwischen Fachkraft und Klient aber ist entscheidend, dass Herr Timmermann sich durch diese Äußerung verstanden fühlt, denn er antwortet mit einer Verstärkung, die sich wahrscheinlich auf das Wort „Stau“ bezieht. Darauf reagiert Herr Cieslik mit einer weiteren empathischen Äußerung im Modus einer Spiegelung. Offensichtlich meinen beide zu wissen, wovon genau der andere spricht. Wichtig für die Fragestellung ist jedoch die Feststellung, dass es sich um Äußerungen des gegenseitigen Verstehens und emotionalen Mitgehens handelt, sodass die Äußerungen der Fachkraft wiederum als im Modus der „sensitiven Responsivität“ erfolgend beschrieben werden können. Als Reaktion darauf vertieft Herr Timmermann, ohne danach gefragt worden zu sein, das Thema und erzählt weitere Details, sodass auf der Ebene einer Fallrekonstruktion möglicherweise weitere Elemente für eine diagnostische Einordnung sichtbar werden. Die Explikation wird wieder durch Hörersignale begleitet. Diese Weiterentwicklung der sukzessiven Vertie- 79 Schütze geht davon aus, dass es zwischen dem Erzählstrom und der konkret erlebten Erfahrung eine Entsprechung gibt und dass durch die Rekonstruktion dieser Erfahrungen ein ‚Zugang‘ zu den Mustern und individuellen Konstruktionen der Wirklichkeit eines Menschen möglich ist.(Schütze 1984a, S. 79). 220 fung im Modus eines „Vorangehens“ (Stern 2014, S. 157) wurde eingeleitet durch die zunächst abwartende Haltung der Fachkraft, als Herr Timmermann im Modus von strategischer Inszenierung Details seines Suchtmittelkonsums präsentierte und Herr Cieslik diese erste Präsentation lediglich im Modus der sensitiven Responsivität konnotierte, ohne jedoch direkt auf diese einzugehen. Dies evozierte einen authentischen Erzählstrom von Herrn Timmermann, da ihm das Gefühl vermittelt wurde, verstanden zu werden. Dies ist insofern bedeutsam, als dass es sich bei der Institution um eine Suchtberatungsstelle handelt und Herr Timmermann bis jetzt noch kein klares Anliegen vorgebracht hat, was genau er in Bezug auf seinen Suchtmittelkonsum besprechen möchte. Aus diesem Grund konnte die Frage der institutionellen Zuständigkeit noch nicht eindeutig geklärt werden. Dies wiederum deutet darauf, dass die Frage des Fallverstehens80 für Herr Cieslik vor der Klärung einer formalen Zuständigkeit steht, was wiederum einen Rückschluss auf eine Einstellung von Herrn Cieslik in seiner beruflichen Rolle zulässt. „Hab n paar Bücher gelesen auch in der Zwischenzeit“ Herr Timmermann: Hab n paar Bücher gelesen auch in der Zwischenzeit. #00:15:20–3# Herr Cieslik: Ah ja. #00:15:20–3# Herr Timmermann: ((lacht)) #00:15:21–2# Herr Cieslik: ((lacht)) #00:15:22–4# Herr Timmermann: Besser schlau als blau und solche Dinge, //ja// kennen Sie wahrscheinlich. #00:15:24–1# Herr Cieslik: Ja, ja, genau mhm #00:15:25–4# Herr Timmermann: Und wie bekämpft man Depressionen oder Glücklich miteinander oder wie auch immer, alles Mögliche #00:15:31–5# Herr Cieslik: jaha, jaha. Ja, dann sind Sie ja im Grunde genommen auch schon aufm guten Weg, ne? #00:15:36–7# In dieser Szene gibt Herr Timmermann weitere Hinweise auf seine Bewältigungsstrategie für die, von ihm geschilderten Schwierigkeiten: Er liest Bücher. Er versucht also ein psychosoziales Problem durch Theoretisierung kognitiv zu bewältigen. Er hat nicht nur ein Buch, sondern sogar mehrere gelesen. Dies deutet auf ein abwägendes Verhalten hin. Er ist nicht mit der erstbesten Lösung, die halbwegs plausibel klingt, 80 Fallverstehen kann mit Heiner (2004, S. 91) als die „Fähigkeit der Verknüpfung von verallgemeinerbaren, wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen mit der Erfassung der Besonderheiten des Einzelfalles [...]" definiert werden. 221 zufrieden. Er ist kritisch, vielleicht auch misstrauisch und vertraut grundsätzlich einer Expertenmeinung, obwohl er sich auch ein eigenes Urteil bildet. Hier klingt sein Autonomiebedürfnis an und er unterbreitet implizit das Angebot, nachzufragen, welche Bücher er gelesen hat. Will er seine Kompetenz inszenieren? Herr Cieslik quittiert dies mit einem Hörersignal, das deutlich werden lässt, dass er diese Explikation mit Interesse zur Kenntnis nimmt. Möglicherweise deutet er sie innerlich, expliziert dies jedoch nicht. Er fragt auch nicht weiter nach und enttäuscht somit möglicherweise die implizite Erwartung des Klienten. Ist es ihm egal, was Herr Timmermann gelesen hat? Wenn ja, deutet dies auf eine Verifizierung der Vermutung hin, dass er versucht zu explizieren, was das Bücherlesen als Bewältigungsmodus für Herrn Timmermann bedeutet. Dies geschieht aber möglicherweise nicht explizit, sondern implizit. Herr Timmermann reagiert darauf mit Lachen. Dies kann Verunsicherung bedeuten, da Herr Cieslik nicht auf den, möglicherweise (implizit) intendierten Inszenierungsversuchs von Kompetenz reagiert und inhaltlich nicht nachfragt. Möglicherweise antizipiert er auch eine Ablehnung dieser Bewältigungsstrategie. Eine andere Möglichkeit der Deutung ist, dass er erkannt hat, dass diese Strategie Muster zwar erklärt, auf der Handlungsebene aber nicht dazu beiträgt Muster zu verändern, da verstehen alleine nicht ausreicht, um etwas zu tun. Aus diesem Grund könnte ihm dieser Bewältigungsversuch auch peinlich sein. Herr Cieslik stimmt in dieses Lachen ein. Dieses spontane Mitlachen kann im Modus eines selbstregulierten mimetischen Vermögens und als Zeichen des „miteinander im Kontakt seins“ gedeutet werden. Dieses wird von May als „lebendige Arbeit“ bezeichnet81. Eine andere Lesart wäre, dass Herr Cieslik Herrn Timmermann auslacht. Herr Timmermann scheint diese Lesart aber nicht zu teilen, sondern expliziert welche Bücher er gelesen hat und fragt nach, ob Herr Cieslik diese kenne. Damit vergewissert er sich auf der einen Seite, ob es ‚die richtigen‘ Bücher waren und unterzieht Herr Cieslik auf der anderen Seite einem ‚Kompetenztest‘. Gleichzeitig beinhaltet seine Frage die implizite Einladung, selbst Kompetenz zu inszenieren und z. B. die fachliche Qualität der Bücher zu bewerten oder andere Bücher ‚als Ergänzung‘ zu nennen. Somit kann diese Äußerung von Herrn Timmermann, analog zu den Analysen aus dem ersten Teil, als Versuch gesehen 81 Lebendige Arbeit setzt sich "vor allem aus solchen, nicht akkumulierbaren Eigenschaften wie Spontanität und Sensibilität sowie kooporativen und mimetischen Vermögen zusammen, […] die nur aus der Unmittelbarkeit von Beziehungsverhältnissen selbst produziert werden können."(May 2006, S. 44) 222 werden, das Gespräch durch Setzen einer subtilen Einladung zur Konkurrenz zu kontrollieren. Herr Cieslik bestätigt, dass er diese Bücher kennt, unterzieht sie aber keiner Wertung und wiederholt stattdessen seine Anerkennung für den Bewältigungsversuch des Klienten. Herr Timmermann beschreibt dies im Nachinterview folgendermaßen: „Und einfach das Gefühl, da sitzt jetzt nicht der Besserwisser, der mir beibringen will, wie ich zu denken habe, sondern der akzeptiert, wie ich denke und mir ab und zu mal irgendwo einhakend äh noch mal noch mal hilft, 'ne Spur weiterzudenken. […] #00:12:22–0# (Nachinterview Herr Timmermann zum Gespräch mit Herrn Cieslik) Durch diese Verhaltensweise umschifft Herr Cieslik erneut die subtile Einladung, selbst Kompetenz zu inszenieren, denn diese hätte auf der Kommunikationsebene zu einer Konkurrenzsituation und letztlich zu einem Machtkampf führen können. Dies geschieht ohne Herrn Timmermann dabei zu verunsichern. Stattdessen wird seine Leistung zur Bewältigung erneut anerkannt. Gleichzeitig ist damit aber auch der Versuch des Klienten das Gespräch zu kontrollieren, indem dieses bei einem, für den Klienten weniger oder nicht angstbesetzten Thema (hier wäre z. B. eine Diskussion über richtige oder falsche Lektüre möglich gewesen) verweilt, vereitelt, sodass Herr Timmermann jetzt ein neues Thema setzen muss, sofern das Gespräch fortgesetzt werden soll. Dies geschieht, ohne dass Herr Timmermann direkt gefragt werden muss. Dies wiederum wirkt sich auf der Beziehungsebene aus, denn Herr Timmermann fühlt sich nicht ausgefragt und hat das Gefühl das Gespräch unter Kontrolle zu haben. Daher kann seine subjektive Bewertung in Richtung Vertrauen gehen. „Also wir können das theoretisch auch […] vorher mal feststellen oder so“ Herr Timmermann: Das war ja, das muss ich wirklich sagen, //mmhm// die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr die war, die war ganz ganz schwierig, weil (.) (atmet tief ein) ich hatte auch Angst davor, einfach in diese freien Tage zu gehen //ja. // weil da war klar, konnste nicht dich in Job verflüchtigen, sondern du hast die blöden Tage frei //genau// und du bist gerade allein gelassen worden, ne #00:23:09–5# Herr Cieslik: Genau #00:23:11–6# Herr Timmermann: äh und da alleine zu sitzen und permanent zu grübeln, das war (.) grauenvoll //mmhm// //mmhm// #00:23:16–6# Herr Cieslik: Also ich sag, das wäre so eine Möglichkeit in diese Richtung auch nochmal 223 diagnostisch genau zu gucken //ja, ja// damit Sie auch für sich ne? ok, Partnerin ist die eine Seite ne? wenn Sie den Wunsch hat, dass Sie ohne Alkohol leben, aber ich denke wichtiger ist ja noch, dass Sie, für sich ne innere eigene gute Entscheidung treffen können. #00:23:38–2# Herr Timmermann: Ja im Inneren habe ich die für mich eigentlich getroffen, ich bin halt noch nicht so weit, dass ich das äh (atmet zischend ein) jetzt behaupten könnte, Geduld habe, also //genau// ich könnte jetzt leicht sagen: (ironischer Tonfall)"Dieses Jahr habe ich bisher nur ganz wenig getrunken." #00:23:49–3# Herr Cieslik: ((lacht)) ((lacht)) #00:23:50–8# Herr Timmermann: ((lacht)) ((lacht)) aber es ist ja noch nicht so alt. #00:23:53–6# Herr Cieslik: Nein, wirklich, @(.)@ aber gut, es ist ja schon mal zumindest schon mal die Tendenz, ne? #00:24:00–1# Herr Timmermann: ja. #00:24:00–1# Herr Timmermann berichtet, dass er die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester als sehr belastend82 empfunden hat. Herr Cieslik macht erneut83 den Vorschlag für eine weitere vertiefende Analyse der Trinksituation von Herrn Timmermann und konkretisiert dies in Bezug darauf, dass es aus seiner Sicht wichtig scheint zu unterscheiden, was seine Partnerin von ihm möchte und was er möchte. Insofern nimmt Herr Cieslik hier eine klientenzentrierte Position ein, indem er eine Gewichtung vornimmt und die Wünsche und Vorstellungen von Herrn Timmermann höher bewertet als die anderer Beteiligter. Herr Timmermann greift dies zwar auch auf, weicht aber in letzter Konsequenz trotzdem wieder aus und überspielt die Situation mit einer selbstironischen Bemerkung, die aber auch ein Test sein kann, da sie das Geständnis enthält, dass er weiter getrunken hat. Beim Neurologen und auch bei seiner Partnerin hat er sich in einer ähnlichen Situation „rausgeschmissen“ gefühlt. Welchen Aspekt wird Herr Cieslik aufgreifen? Herr Cieslik geht 82 Das Gespräch fand an einem 08.Januar statt. 83 Herr Timmermann hatte zu einem früheren Zeitpunkt nach Möglichkeiten der Weiterarbeit gefragt: „deswegen bin ja auch hier //genau//, was bieten Sie an, welche Möglichkeiten gäbe es, ich sags mal im Anschluss, ich sage bewusst im Anschluss an Kur, weil ich glaube, das macht jetzt keinen Sinn, morgen was zu starten, was dann übernächste Woche schon wieder äh ausgesetzt wird //genau// ( #00:19:49–0#) Daraufhin hatte Herr Cieslik bereits zweimal den Vorschlag einer vertieferenden Analyse gemacht: “An erster Stelle würde ich eher auch vorschlagen, nochmal n genaueres Bild sich zu machen, vielleicht auch in Anführungsstrichen auch Diagnostik (#00:20:33 #)“ und „Von daher auch der Vorschlag ,//mmhm// sich das auch nochmal genauer anzuschauen, damit Sie auch ne gute eigene Entscheidung treffen können“ (#00:21:21–7#). In beiden Fällen hatte Herr Timmermann auf diese Vorschläge ausweichend mit weiteren vertiefenderen Erzählungen geantwortet. 224 auf den ironischen Aspekt ein und lacht. Damit ist eine Abstinenzforderung als Voraussetzung für einen weiteren Kontakt, wie beim Neurologen und bei seiner Partnerin, vom Tisch und die Differenzerfahrung vom Anfang des Gesprächs bestätigt sich. Herr Timmermann lacht auch nochmal verstärkt über die Selbstironie seiner Bemerkung, die aber auch den Aspekt der Frage zu der tatsächlichen Möglichkeit der Realisierung in sich trägt, wenn er es selbst in dieser kurzen Zeit nicht schafft abstinent zu sein. Herr Cieslik geht erneut darauf ein, greift diesen Aspekt implizit auf und wendet ihn zum Positiven, indem er die positive Tendenz würdigt. Dass Herr Timmermann seine Wahrnehmung darauf gerichtet hat, ob er hier einem Urteil unterzogen wird, zeigt sich in folgendem Zitat aus dem Nachtinterview: „Nicht ein einziges Mal, dass da irgendwo 'ne Kategorisierung, Klassifizierung @(.)@ oder was auch immer stattfindet. Sondern einfach, dass ich hier als Individuum als Person respektiert werde. Dass meine Sorgen und und äh die daraus resultierenden Probleme auch äh akzeptiert werden. […]“ #00:13:10–8# (Nachinterview Herr Timmermann zum Gespräch mit Herrn Cieslik) Darüber hinaus legt diese Szene vor dem Hintergrund, dass gemeinsames Lachen in verschiedenen Kulturen als Zeichen der Zugehörigkeit dekodiert wird und in den verschiedenen Stadien der Beziehung sowie von willentlichem Lachen unterschieden werden kann (Bryant et al. 2016; Bryant; Aktipis 2014), nahe, dass es sich hier wiederum um eine Situation handelt, die je nach subjektiver Deutung bezüglich der Authentizität, beidseitig zu Vertrauen oder auch zu Misstrauen führen kann. Insofern handelt es sich hier um eine Entscheidungssituation, deren Ergebnis die nächsten Szenen zeigen werden. In dieser Szene ratifiziert Herr Timmermann zunächst die Deutung von Herrn Cieslik. Herr Cieslik: Wo Sie was erkannt haben, wo Sie sagen, da muss ich (.) für mich etwas ver- ändern. (.) und das ist der erste Schritt oder der zweite Schritt schon. #00:24:06–8# Herr Timmermann: Ja und des (stöhnt leicht) ist son Wechselspiel ja? Erkannt hab ich das im August, September, im Oktober, November hab ich des äh //mmhm// gemacht, was Sie gerade gesagt haben, ich hab halbiert, sagn wa mal halbiert. (.) Ich hab aber immer noch getrunken, vor den Augen meiner Frau. (.)(.) und an den zwei, drei Tagen, wo ich das nicht vor den Augen meiner Frau getan habe, habe ichs eben heimlich getan (.) und sie hat das trotzdem gemerkt. #00:24:35–0# Herr Cieslik: und da #00:24:35–0# Herr Timmermann: und das war für sie so der Auslöser so zu sagen, du belügst mich, das Vertrauen ist weg //mmhm// und äh damit schwindet die Liebe jetzt endgültig. 225 //mmhm// //mmhm// und das tat richtig weh. //mmhm//und äh letztendlich aus der Situation heraus hab ich, hab ich erkannt, ok (.) ihr Verlangen, also mein Verlangen war, runterzufahren, ihr Verlangen sie will mich #00:24:59–5# Herr Cieslik: null #00:24:59–5# Herr Timmermann: null trinken //mmhm// //mmhm// und das wahrscheinlich nicht über zwei Wochen, sondern mal über ne Zeit von hoffentlich mal nem Jahr //mmhm////mmhm// #00:25:10–5# Herr Cieslik: Gut, das wäre dann, #00:25:13–7# Herr Timmermann: Ob man dann irgend jemals wieder überhaupt @(.)@ n @(.)@ dosierten, n dosiertes Glas Wein trinken kann, also ich weiß es nicht, #00:25:19–7# Herr Cieslik: Na, deswegen isses ja denke ich wichtig, genau diagnostisch dahin zu gucken, weil wie gesagt, bei Abhängigkeit oder einer Abhängigkeitserkrankung da empfehlen wir eher in Richtung Abstinenz zu gucken. //mmhm// weil im Grunde genommen, diese Kontrollfähigkeit auf Dauer nicht mehr da ist. Ne? Das kann maaalne Zeit lang dann wieder gut gehen, (.) stellen sich aber bestimmte Lebensumstände ein äh kann man fest darauf gehen, das geht wieder weiter. Der Alkohol wird dann wieder zum entsprechenden Medikament, um Probleme #00:25:55–0# Herr Timmermann: zu verdrängen, #00:25:55–6# Herr Cieslik: zu verdrängen, zu vergessen oder Depressionen vermeintlich ertragbarer zu machen und und und #00:26:02–2# Herr Timmermann: mhm (.)(.) #00:26:04–2# Herr Cieslik würdigt die Leistung des Klienten „schon was erkannt“ zu haben, deutet dies als „schon zweiten Schritt“ und verstärkt die Würdigung der Leistung von Herrn Timmermann. Jetzt kommt Herr Timmermann auf den Punkt, der ihn als „Biertrinker mit Leib und Seele seit 30 Jahren“ wahrscheinlich stark beschäftigt. Was ist, wenn er lange Zeit nicht oder gar nicht mehr trinken kann oder darf, weil seine Frau dies in seiner Perspektive als Bedingung setzt? Vor dem Hintergrund der Aussage vom Anfang kann vermutet werden, dass Alkohol trinken in seinem bisherigen Leben noch mehr war als ein Problemlöser oder ein Antidepressivum in schwierigen Zeiten. Alkoholtrinken als äußeres 226 Zeichen der Dazugehörigkeit84, ev. sogar als Teil der Identität? Vielleicht wirkt der Alkohol auch seit 30 Jahren angstlösend und ist daher nötig, um überhaupt mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, sich zu entspannen, gemeinsam Spaß zu haben. Insofern würde er neben der psychischen auch eine soziale Funktion erfüllen. Wenn dem so sein sollte, so handelt es sich bei der Frage der Abstinenz aus seiner Perspektive um ein, für ihn bedeutsames Thema auf mehreren Ebenen, das weit über die Frage einer reinen Willensentscheidung hinausgehen kann (vgl. auch Kap. 3.1). Insofern könnte das Anschneiden dieses Themas auch mit einer inhaltlichen Entscheidungssituation verknüpft sein. Wie wird sich Herr Cieslik verhalten? Wird er letztlich doch, genau wie seine Frau, Abstinenz fordern? Oder wird er der schwierigen Frage ausweichen? Herr Cieslik wiederholt erneut seinen Vorschlag zum weiteren Vorgehen und argumentiert mit Hilfe der, vom Klienten zuvor explizierten Dynamik von dysfunktionalen Bewältigungsversuchen mit Hilfe von Alkohol. Diese erweitert er mit „und und und“, ohne jedoch konkret zu werden und ermöglicht damit Herrn Timmermann, dies mit seinen diffusen Ängsten zu füllen, ohne diese explizieren zu müssen. Daraufhin folgt Herr Timmermann Herrn Ciesliks Argumentation erstmalig ohne zu widersprechen oder auszuweichen. Insofern kann dies auch als eine gelungene Inszenierung von Kompetenz gewertet werden, die einen Fort- 84 Herr Timmermann spricht mit einem bayrischen Akzent. Dies legt nahe, dass er in Bayern aufgewachsen ist. Es wird vermutet, dass Bier dort, im Vergleich zu anderen Regionen, eine spezifische Bedeutung hat, die weit über die eines einfachen Getränks oder Genussmittels hinaus geht. Als Beispiel für eine mögliche Explikation eines bayrischen Lebensgefühls in Zusammenhang mit Bier bietet folgende Aussage auf der Homepage des bayrischen Brauerbundes an: „Bier ist insofern in der Wahrnehmung vieler Menschen – Bayern und Gäste des Freistaates – integraler Bestandteil bayerischer Kultur und Lebensart, nach außen imageprägend und nach innen identitätsstiftend. Da ist es für den Charakter des Bieres als „Bayerisches Volksgetränk“ nicht entscheidend, ob in Bayern im Jahr und pro Kopf ein paar Schluck mehr oder weniger getrunken werden.“ (http://www.bayrisch– bier.de/bier–wissen/bayerisches–volksgetrank/, Zugriff am 28.02.2017). Wenn Herr Timmermann sich also als „Biertrinker mit Leib und Seele“ bezeichnet und dazu noch aus Bayern kommt, könnte diese Aussage auch mit einem speziellen Lebens– oder Identitätsgefühl zusammenhängen, bei dem Bier trinken eine besondere Rolle spielt und das insofern Auswirkungen auf die Forderung nach einer lebenslangen Abstinenz haben. 227 schritt hinsichtlich des Ziels, den Klienten aus seinem Gedankenkarussell zu lösen und einen neuen Gedanken zu etablieren bzw. angstfrei zulassen zu können, darstellt. Entscheidend ist, dass Herr Timmermann diese Interaktion nicht als Inszenierung oder als methodische Behandlung erlebt, sondern als in Bezug auf seine geäußerten Probleme tatsächlich hilfreich. Auf die Frage im Nachinterview, ob Herr Timmermann Herrn Cieslik als Experten erlebt habe, der Antworten schon bereit habe, sagt er: „Nein, das Gefühl hab ich jetzt überhaupt nicht bei dem Herrn Cieslik. Sondern, einfach 'n guter Zuhörer, der dann versucht mit, ja natürlich 'n bisschen Analysetechnik ja, äh auch auch irgendwo die Spur zu finden. Wo kann da noch 'n Würzelchen liegen, was vielleicht mit ein Auslöser für die, für die Sucht auch war. Oder ein Auslöser letztendlich für die Art, wie ich meine Sorgen bekämpfe. Ja, das das war das Kernthema letztendlich. (Nachinterview Herr Timmermann zum Gespräch mit Herr Cieslik #00:10:18–5#“) Herr Cieslik: Also es wär noch mal ne Einladung, ne? Wir würden dann nach der Therapie hier n Gespräch weitermachen oder #00:26:12–6# Herr Timmermann: Also wir können das theoretisch auch irgendwo vorher mal (.)(.) feststellen oder so. Ich sag jetzt nur #00:26:19–0# Herr Cieslik: Wär auch ne Möglichkeit #00:26:19–0# Herr Timmermann: Mein Gedanke war halt jetzt in irgend ne (.)(.) Gruppe einzutreten, Gruppengespräche zu führen, das macht wahrscheinlich jetzt wenig Sinn, sich einmal blicken zu lassen und dann drei Wochen vier Wochen nicht da zu sein. #00:26:30–6# Herr Cieslik: Ich denke, dann wäre es sinnvoll, wir würden vielleicht noch vor der äh Reha–Behandlung vielleicht noch ein Gespräch führen, dass sie da auch schon mal für sich n Stück äh Klarheit bekommen und es wäre dann auch die Fragen von weitergehenden Hilfen. (.)(.) Ne es gibt ja auch //mmhm// weitergehende gute Hilfen im Bereich von Alkoholabhängigkeit oder Nikotinabhängigkeit sagte ich schon, in Form von Therapien unterschiedlichster Art. (.), die einem tatsächlich dann auch mit diesem Problem weiterhelfen können. #00:26:58–4# Herr Timmermann: und wie kann ich mir das vorstellen, Therapien unterschiedlicher Art? Also da hab ich jetzt wirklich keine #00:27:03–4# Herr Cieslik: es gibt einmal so die großen #00:27:03–8# Herr Timmermann: Erfahrung. #00:27:05–8# Herr Cieslik bekräftigt seinen Vorschlag, die Gespräche in der Beratungsstelle nach der Reha fortzusetzen. Offenbar geht er davon aus, dass Herr Timmermann die bevorstehende Rheuma–Reha nicht dafür nutzen kann oder will, seine Probleme mit dem Alkohol zu besprechen. Am Ende des Satzes steht ein „oder“. Entweder wollte er noch etwas 228 anfügen und wurde von Herrn Timmermann unterbrochen oder er fordert ihn implizit dazu auf, sich zu seinem, zum dritten Mal wiederholten Angebot zu verhalten. Dabei berücksichtigt er explizit das Autonomiebedürfnis des Klienten („Einladung“) und seine Vorgaben zu weiteren Maßnahmen („nach der Therapie“). Warum er das Wort „Therapie“ benutzt, wird nicht deutlich, handelt es sich doch um eine Rehabilitationsmaßnahme (Kur) in Bezug auf seine Rheumaerkrankung. Denkbar ist, dass es ein habitueller Versprecher ist, da der Begriff „Rehabilitationsmaßnahme“ im Kontext von Suchtmedizin aus historischen Gründen vom Wort „Therapie“ für eine Rehabilitation Sucht überlagert ist (s. Kap. 3.2.1). Trotzdem kann als Ziel dieser Intervention der Versuch beschrieben werden, Herrn Timmermann, unter expliziter Berücksichtigung seiner spezifisch gezeigten psychosozialen Interaktionsmuster, ein passgenaues Angebot im Rahmen der Beratungsstelle zu machen. Im Unterschied zu vorher weicht Herr Timmermann diesmal nicht aus, indem er weitere Details expliziert, sondern geht darauf ein und schlägt von sich aus sogar vor, dass „man“ ja noch vor Antritt der, von ihm geplanten Reha–Maßnahme mit Gesprächen beginnen könnte. Insofern zeigt sich hier das subjektiv bewertete Vertrauen in die Person und die Fachkompetenz von Herrn Cieslik. So kann hier in Zusammenhang mit den vorhergehenden Szenen konstatiert werden, dass die langsame Annäherung dazu geführt hat, dass ein weiterer Schritt, der Herr Cieslik objektiv möglicherweise schon zu einem früheren Zeitpunkt klar war und nötig erschien und der für ihn im Rahmen seiner beruflichen Arbeit Routine ist, nun auch Herrn Timmermann sachlich und inhaltlich angemessen erscheinen zu lassen. Er ist nun bereit, ihn für sich in Erwägung zu ziehen, weil er ein realistisches, erreichbares Ziel aus seiner jetzigen, subjektiven Position darstellen kann und er Herrn Cieslik zutraut, ihn dabei zu unterstützen (Bewertung der „Arbeitsbeziehung“ zu Herrn Cieslik in dessen spezifischer Rolle als Suchtberater in Richtung Vertrauen). Herr Cieslik ratifiziert den Vorschlag scheinbar teilnahmslos („das könne man auch machen“). Daraufhin expliziert Herr Timmermann seine eigentliche weitergehende Lösungsidee: Er wolle erst nach der anvisierten medizinischen Reha eine Selbsthilfegruppe besuchen. Nun konkretisiert Herr Cieslik nochmals sein Angebot und bietet an, noch vor Beginn der Reha weitere Gespräche zu führen. Damit geht er auf den, von Herrn Timmermann selbst eingebrachten Vorschlag ein und schafft damit eine Verbindlichkeit, sodass dieser sich nur schwer ent- 229 ziehen kann. Nach einer kurzen Pause stellt er weitergehende suchtmedizinische Hilfen vor. Herr Timmermann zeigt sich interessiert und fragt nach weiteren Details. „Aber da haben Sie Glück gehabt“ Herr Cieslik: Aber da haben Sie Glück gehabt, dass die Deutsche Rentenversicherung Ihnen das bewilligt hat. (.)(.) #00:30:46–8# Herr Timmermann: Ja Glück, weiß ich nicht. #00:30:50–7# Herr Cieslik: Eigentlich sind die sehr achtsam darauf, sobald Alkoholprobleme mit angegeben werden, //mhm// geht das eigentlich automatisch in Richtung Entwöhnungsbehandlung //mmhm// oder zumindest die fachärztliche Feststellung. #00:31:05–7# Herr Timmermann: Ja gut, ich denk mir, das in dem Moment die 15 Jahre rheumatologisches ich nenns jetzt mal Gutachten oder Attest //mmhm// meines äh Arztes jetzt da vordergründig waren. #00:31:16–1# Herr Cieslik: Ist jetzt auch müßig zu spekulieren #00:31:16–1# Herr Cieslik teilt erstmalig eine Bewertung der Aktivitäten bzw. Konstruktionen mit, die Herr Timmermann präsentiert. Inhaltlich geht es um die, vom Klienten beantragte medizinische Reha in Bezug auf sein Rheuma, die nach zwei Widersprüchen von der Rentenversicherung bewilligt wurde, obwohl auf Betreiben von Herrn Timmermann Nikotin und Alkohol als begleitende Komponenten auf dem Antrag angekreuzt waren. Offenbar stellt die Genehmigung dieses Antrages für Herrn Cieslik einen derart bemerkenswerten Umstand dar, dass er ihn thematisiert. Erstmals in diesem Gespräch sind somit administrative Rahmenbedingungen und Zuständigkeiten Thema. Es entsteht eine kurze Pause. Herr Timmermann könnte überrascht sein über die Wende des Gesprächs und die explizierte Einschätzung der Fachkraft oder überlegen, wie er darauf reagieren soll. Wenn letzteres der Fall ist, wird die Antwort strategisch ausfallen. Tatsächlich reagiert Herr Timmermann vorsichtig relativierend. Er würde es nicht Glück nennen. Spielt er damit auf seine Leistung an, die Widersprüche durchgesetzt und somit einen „Sieg“ über die Bürokratie errungen zu haben, um seine Vorstellung dessen, was ihm guttut, durchzusetzen? Wenn es kein Glück war, ist es strategische Leistung. Möglicherweise erwartet er oder hat von der Fachkraft eine Anerkennung seiner Leistung des Durchsetzens erwartet, wie dies bisher auch erfolgt war und ist enttäuscht. Herr Cieslik erläutert, was er mit Glück meint. Er argumentiert ausgehend von seiner möglichen Erfahrung im Umgang mit der Rentenversicherung. Damit inszeniert er Feldkompetenz und deutet gleichzeitig an, dass er die Vorgehensweise des Klienten, eine medizinische Reha 230 vorzuschieben, nicht oder nur teilweise ratifiziert. Er scheint dies nicht für den ‚richtigen‘ Weg zu halten Dies steht im Widerspruch zu seinen Reaktionen in den vorgehenden Sequenzen, in denen er die Leistung des Klienten, seinen Weg zu gehen, anerkannte und ist somit erklärungsbedürftig. Es deutet auf einen Rollenwechsel vom Berater zum Gatekeeper des medizinischen Versorgungssystems hin. Dieser Rollenwechsel kommt für den Klienten offenbar überraschend und irritiert daher latent die „Arbeitsbeziehung“. Möglicherweise ist die Rolle des Gatekeepers habitualisiert und Herr Cieslik reagiert damit auf den, aus seiner Sicht ungewöhnlichen Vorgang, der Bewilligung der Rehabilitationsmaßnahme, indem er ihn erstmalig bewertend kommentiert. Herr Timmermann reagiert mit einer strategischen, vorsichtigen Antwort und verlässt damit den Modus der Offenheit. Er scheint irritiert über den Moduswechsel von Herrn Cieslik. Dieser tritt den Rückzug an, indem er versucht, das Thema zu beenden. Hat er bemerkt, dass Herr Timmermann irritiert ist und sich zurückzieht? Herr Timmermann: War auch meine vordergründige Argumentation in den Widersprüchen. //mmhm// (.) Gut, da (.) hab ich jetzt explizit Alkohol und Nikotin auch nicht mehr reingeschrieben. //mmhm// wenn ich mal wieder diese Erschöpfungserscheinungen und Schlafmangel und äh alle Begleiterscheinungen, die eigentlich aus allem Möglichen resultiern können //mmhm// und das äh ist nun mal jetzt durchgegangen. Da war eben auch mein Gedanke, vielleicht bietet mir diese Klinik ne Plattform (.)(.) (atmet tief ein) irgendwo sinnvolle (atmet aus) (.) ja ich nenns jetzt auch Therapiemöglichkeiten im Anschluss zu finden und sei es, wenn sie mich in irgend n Hobbie treiben, ne? Vielleicht fang ich dann an, Tischtennis zu spielen oder ich weiß es nicht. Irgendwo #00:32:00–6# Herr Cieslik: Zumindestens ist es #00:32:01–0# Herr Timmermann: irgendwo diese Ablenkungen zu finden. #00:32:01–3# Herr Cieslik: Zumindestens ist es, sagten Sie ja eben auch schon mal, es ist erst mal n guter Start. Ne? n guter Start im (.) Anhalten und Dinge weiter zu verändern. #00:32:13–6# Für Herrn Timmermann ist das Thema aber noch nicht beendet. Er fängt an, sein Vorgehen zu rechtfertigen und räumt ein, dass er in die Widersprüche Alkohol und Zigaretten nicht mehr „reingeschrieben“ habe. Insofern ratifiziert er den Einwand der Fachkraft und erkennt damit indirekt die Inszenierung seiner Feldkompetenz an, bleibt aber unsicher. Offenbar ist es ihm wichtig, dass Herr Cieslik sein Vorgehen ratifiziert. Dies zeigt sich auch im Nachinterview auf die Frage, ob Rehabilitation Sucht auch Thema des Gespräches gewesen sei: 231 „Das war , das war im ersten Gespräch war das Thema. Und als ich dann erzählt hab, dass ich da gerade in so 'nem Antragsverfahren unterwegs bin. War sicherlich auch 'ne gewisse Skepsis. Nach dem Motto "Hm, ist das denn wohl das Richtige?" Äh aber mit der Einstellung, wie ich sie gerade beschrieben habe, war das auch jetzt @(.)@ für den Suchtberater durchaus ok, weil er, weil er dabei erkannt hat, da is 'n Wille dahinter.“ (Nachinterview Herr Timmermann zum Gespräch mit Herrn Cieslik #00:19:49–4#) Interessant an dieser Aussage ist auch, dass er Herrn Cieslik zum ersten und einzigen Mal im Nachinterview als „Suchtberater“ tituliert. Zuvor hat er immer nur den Namen benutzt. Dies deutet im Kontext dieser administrativen Einbindung der Hilfe auf eine ausschließliche Wahrnehmung von Herrn Cieslik als fast anonymisierten Rollenträger85 hin, während die Person in den anderen Bezügen zumindest mit vorkam. Herr Cieslik unterbricht Herrn Timmermann, um zu einer Bewertung anzusetzen, wird aber vom Klienten unterbrochen, der mit seiner Ausführung noch nicht fertig war. Dies zeigt noch einmal, dass es ihm wichtig ist, dass er ‚richtig‘ verstanden wird und dass seine Konstruktionen ratifiziert werden. Danach setzt Herr Cieslik seine Bewertung im Modus von Anerkennung fort, indem er das Vorgehen von Herrn Timmermann als guten „Start“, um „Dinge weiter zu verändern“ würdigt. Diese Interaktion präsentiert sich als nur in Teilen aufeinander bezogen und wirkt wie der Versuch einer Schadensbegrenzung. Hat Herr Cieslik gespürt, dass Herr Timmermann durch die Äußerung der Fachkraft in der Gatekeeper–Rolle verunsichert war? Herr Cieslik setzt das, sich als bereits probat erwiesene Instrument der Würdigung des Lösungsversuchs des Klienten ein. Allerdings findet sich eine Einschränkung: Es ist ein Start, nicht die Lösung des Problems. Damit wird eine Leerstelle geschaffen, die den Klienten implizit auffordert noch einen Schritt weiter in diese Richtung zu denken. Hier zeigt sich implizit entweder die fachliche Orientierung von Herrn Cieslik dahingehend, dass in letzter Konsequenz nur eine Suchtrehabilitation für die dargestellte Problemkonstellation hilfreich sein kann oder aber die feldbezogene Erfahrung, dass Herr Timmermann in einem, in erster Linie zuständigkeitsbezogenen Feld in einer anderen Maßnahme als einer Suchtrehabilitation keine Chance hat, sein Anliegen adäquat zu bearbeiten. Diese Überlegungen haben gemeinsam, dass 85 In Bezug auf die anderen am Hilfeprozess bisher Beteiligten spricht er von „der Neurologe“ als distanzierteste Form und „mein Hausarzt“ als etwas personalisierte Form der Titulierung. 232 die Regeln des Feldes hier einen Einfluss auf die Bewertung der „Arbeitsbeziehung“ nehmen. Dies zeigt sich darin, dass das mühsam durch mehrere Tests verstetigte Vertrauen von Herrn Timmermann kurzzeitig so irritiert war, dass er sich im Nachgespräch nach ca. 5 Wochen noch an diese Situation erinnert hat. Herr Timmermann: Ne die Schwierigkeit wird sein, dann (.) wieder reinzugehen und von einem Tag, auf den andern den Schalter wieder ganz hochzulegen, das ist dann die gefährliche Zeit //mmhm// würd ich mal einschätzen ne? //mmhm// (.)(.) #00:32:28–1# Herr Cieslik: Gut gäbe es immer noch Möglichkeiten über stufenweise Wiedereingliederung nachzudenken, (.)(.)(.) nur als (.) Möglichkeit //mhm// nochmal mit zu bedenken und dann hat man vielleicht nicht ganz so diesen Crash. #00:32:42–1# Herr Timmermann: Also ich will da auf jeden Fall diese Geschichten, diese Geschichten auch (.)(.) ich nehm mal an Aufnahmegespräch, ich nehm mal an, in der Kur wirds in ähnliches geben wie wir beide es jetzt führen.//genau// es wird mit Sicherheit auch n paar medizinische (.) äh Dinge geben in den ersten ein zwei Tagen, also ich werde es nicht verbergen, ich werde es ganz offen mit anzusprechen,,//mmhm// ich werde da um entsprechende Unterstützung auch während der drei Wochen oder vielleicht werdens ja dann auch vier mich bemühen. (.)(.) und hatte eben jetzt so, das hab ich mir vielleicht auch so zurechtgebaut vielleicht gibts ja da auch Anschlusskurs Möglichkeiten an dem Klinikum, ich mein dreißig Kilometer, L. ist jetzt auch nicht //mmhm// die Welt. Wenn dort irgendwas Sinnvolles anläuft, was man fortsetzen kann, dann ist das ja auch ein Aspekt, ne? //mmhm// #00:33:32–3# Tatsächlich kommt Herr Timmermann der impliziten Aufforderung, weiter als bis zur Reha zu denken, nach und expliziert seine Sorge, was nach der Reha kommt. Darin wird deutlich, dass er implizit die Einschätzung der Fachkraft ratifiziert, dass die Reha nur der Beginn einer (wie auch immer gearteten) Veränderung sein kann. Die Einschätzung des Klienten im Modus einer eher rhetorischen, am Ende gestellten Frage, ob nach der Reha „die gefährliche Zeit“ sein könnte, wird von der Fachkraft mit einem Hörersignal ratifiziert. Offensichtlich weiß Herr Cieslik, was Herr Timmermann damit meint und teilt seine Einschätzung. Insofern stellt dieses Hörersignal eine subtile Inszenierung von Kompetenz und Verstehen dar. Die anschließende Pause deutet auf einen Themenwechsel hin. Herr Cieslik spricht das Thema der „Wiedereingliederung“ an. Dies stellt bezogen auf die Sorge des Klienten einen direkten Lösungsvorschlag dar und markiert insofern einen erneuten Moduswechsel: Vom Berater zum Casemanager. Möglicherweise reagiert er damit auf den immer noch vakant gebliebenen Auftrag des Klienten, indem er versucht zu antizipieren, was dieser vielleicht wollen könnte. Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, warum er bis jetzt nicht direkt danach gefragt hat. Eine Erklärung ergäbe sich 233 aus dem Kontextwissen. Herr Cieslik ist ausgebildet als Gesprächstherapeut. In dieser Art der Ausbildung steht eine eher paraphrasierende, nondirektive Form der Kommunikation im Vordergrund. Insofern ist seine Art der Gesprächsführung möglicherweise habitualisiert und in diesem Kontext der Organisation der Beratungsstelle routiniert. Diese Routine scheint es zu erfordern, dem Klienten ein weiterführendes Angebot zu machen. Die Antwort des Klienten fällt bezogen auf das Angebot, über eine Wiedereingliederungsmaßnahme zu sprechen, eher ausweichend aus. Offenbar ist es nicht das, was er wollte. Er stellt eine weitere Konstruktion vor, von der er zugibt, dass er sie sich zurechtgelegt hat und von der er nicht wirklich weiß, ob sie so auch realistisch ist. Herr Cieslik: Wie gesagt, es kann ja auch die Empfehlung sein, zu nur weiteren ambulanten Therapie #00:33:40–2# Herr Timmermann: Die ja vielleicht auch sogar von dort ausgesprochen werden kann. #00:33:42–1# Herr Cieslik: Genau. Das hab ich damit gemeint. Dass die Empfehlung an den Rentenversicherungsträger von dort ausgeht: Bitte in diese Richtung weitergucken. (.) #00:33:53–0# Herr Timmermann: Na, Sie haben gerade das Wörtchen Wiedereingliederung verwendet. @(.)@ Da hab ich jetzt sag sags mal ne ganz große Scheu vor. //ja. Ja:// Weil das klingt so nach ewig langer Auszeit und äh ich mein ich hab ja auch n paar Erfahrungen in Menschenführung. //ja. // und ich hatte auch schon einige Menschen vor mir, die mit nem Burnout n halbes Jahr, n dreiviertel Jahr oder auch n Jahr weg waren. Da sprach ich dann über Wiedereingliederung. ((lacht)) #00:34:21–3# Herr Cieslik startet einen neuen Versuch, eine weitergehende Maßnahme vorzuschlagen: ambulante Therapie. Es stellt sich auch hier die Frage, warum er das tut. Er hätte auch dabei bleiben können, dass erstmal weitere Gespräche geführt werden und dass dies ausreichend ist. Insofern erscheint auch dieser Vorschlag eher habituell und nicht auf die „Arbeitsbeziehung“ zu Herrn Timmermann angepasst. Dies scheint auch Herr Timmermann wahrzunehmen, denn er reagiert eher ausweichend. Dafür kommt er auf das Thema der „Wiedereingliederung“ zurück und expliziert, was er für ein Problem hat: Er stand in seiner beruflichen Rolle auf der anderen Seite und hat Schwierigkeiten damit, dieses Instrument nun auch auf sich selbst anzuwenden. Dies schließt an seine Explikationen zu seinem beruflichen Kontext an: Es wird einiges an gesundheitsfördernden Maßnahmen im Kontext von beruflichem Gesundheitsmanagement angeboten, aber nicht aus inhaltlicher Überzeugung, sondern aus strategischem Kalkül. Letztlich darf man im 234 beruflichen System keine Schwäche zeigen, schon gar nicht als Führungskraft. Sein Lachen zeigt jedoch an, dass ihm diese Paradoxie zumindest intuitiv klar zu sein scheint. Darüber hinaus deutet er an, dass das Instrument der „Wiedereingliederung“ für ihn impliziten Regeln des Feldes unterworfen ist, damit es zur Anwendung kommen kann. Diese bewegen sich im Rahmen einer sozial akzeptierten ärztlichen Diagnose (Burnout) und einer mehrmonatigen Abwesenheit. Beides trifft auf ihn nicht zu. Für das Gespräch bedeutet diese Entwicklung, dass Herr Timmermann ausweicht und sich der, von ihm selbst aufgeworfenen und von der Fachkraft evozierten Frage nicht wirklich stellen möchte: Was passiert nach der Reha? Den, im Modus der Habitualisierung und Routine antizipierten, Vorschlägen der Fachkraft begegnet Herr Timmermann eher misstrauisch, indem er ausweicht. Insofern ist das Gespräch inhaltlich in einem Stillstand. Auf der Beziehungsebene ist so viel Vertrauen entstanden, dass Herr Timmermann durch das Eintauchen in Erzählströme einiges von seinen Mustern und Konstruktionen enthüllt hat. Herr Cieslik: Gut! Mein Vorschlag, dann würde ich mit Ihnen nochmal n Termin (.) in nächster Zeit machen, in der nächsten Woche? #00:35:48–4# Herr Timmermann: Muss ich mal gucken, was ich in der nächsten Woche #00:35:49–6# Herr Cieslik: Genau und dann kann es weitergehen, ok #00:35:55–9# Herr Timmermann: das wäre dann auch ein Termin mit Ihnen? #00:36:47–9# Herr Cieslik: mit mir, genau #00:37:11–0# (Gerät wird ausgeschaltet.) Herr Cieslik schlägt recht restriktiv vor „in nächster Zeit“ einen Termin zu machen. Spürt er, dass ein Verharren auf diesem Thema der Weiterbehandlung den Klienten verunsichern und damit zu Misstrauen führen könnte? Herr Timmermann scheint überrascht zu sein, dass Herr Cieslik so konkret einen neuen Termin vorschlägt und reagiert zurückhaltend. Herr Cieslik stellt in Aussicht, dass „es“ dann „weitergehen“ könnte. Dies scheint Herrn Timmermann aber nicht auszureichen, denn er fragt explizit nach, ob der Termin denn auch bei Herrn Cieslik sein wird. Dies wird bejaht. Diese Erkundigung kann als, auf eine Person in einer spezifischen Rolle oder auf ein spezifisches Setting bezogene Form von Vertrauen gewertet werden, denn implizit wird damit zum Ausdruck gebracht, dass die mögliche Annahme eines weiteren Gesprächsangebotes nicht für eine andere Person gelten würde. Eine rein sachliche Orientierung („es“ kann weitergehen) reicht offenbar 235 nicht aus. Dennoch bleibt in dieser Aufzeichnung offen, ob Herr Timmermann einen neuen Termin vereinbart und ob er ihn auch wahrnimmt. 7.4.3 Lesarten des Falles in Bezug auf die Fragestellung Das Gespräch beginnt mit einem angemessenen Aufgreifen einer kairosartige Konstellation in Bezug auf eine wichtige Entwicklung im Beratungsprozess, das sich möglicherweise als gefühlte, nicht gewusste Differenzerfahrung zu bereits gemachten Erfahrungen von Herrn Timmermann auf der Basis einer anderen „Atmosphäre“ und einem vorausgegangenen Smalltalk noch vor Beginn des eigentlichen Beratungsgespräches realisiert. Trotzdem ist das Verhalten des Klienten in der Anfangsphase von Unsicherheit geprägt, die er über subtil unkonventionelles und eigensinniges Verhalten für ein Beratungsgespräch überspielt, indem er die Themen und Modi vorgibt. Herr Cieslik folgt dieser Eigensinnigkeit nonverbal, aber im Modus von sensitiver Responsivität (Remsperger 2013), ohne sich selbst dadurch verunsichern zu lassen. Er lässt dem Klienten Raum, sich solche Inszenierungen zu schaffen, die ihm Sicherheit geben und verzichtet dabei selbst auf strukturgebende Interventionen. Dieses Verhalten von Herrn Cieslik führt dazu, dass Herr Timmermann sich zunehmend sicher fühlt und die „Arbeitsbeziehung“ zunehmend als vertrauenswürdig bewertet, weil er aus seiner Perspektive keine Bewertung oder Verurteilung fürchten muss („Nicht ein einziges Mal, dass da irgendwo 'ne Kategorisierung, Klassifizierung oder was auch immer stattfindet“), obwohl er durch sein kommunikatives Verhalten dazu einlädt („Hab n paar Bücher gelesen–kennen Sie wahrscheinlich“). Die zurückhaltende Struktursetzung von Herrn Cieslik im Modus von sensitiver Responsivität führt dazu, dass Herr Timmermann die selbstgesetzten Themen vertieft, indem er zunehmend Details konkretisiert. Dies geschieht zunächst im Modus von strategischer Erzählung, wandelt sich aber nach und nach über den Effekt des „Erzählzwangs“ (Kallmeyer; Schütze 1977) in einen authentischen Erzählstrom im Modus von Selbstreflexion. Dies wiederum ermöglicht Herrn Cieslik nach und nach die Kommunikationsmuster von Herrn Timmermann zu rekonstruieren und strategische Erzählungen von authentischen zu unterscheiden. Dadurch setzt er intuitiv Signale an den „richtigen“ Stellen („Ah ja“) und evoziert damit weitere vertiefende Erzählströme. Die Erfassung der Muster von Herrn Timmermann ermöglicht Herrn Cieslik eine wertfreie (!) Deutung und Antizipation seiner Denkweise in Bezug auf seinen Suchtmittelkonsum. Herr Timmermann 236 fühlt sich verstanden, zumindest aber nicht abgewertet („da sitzt jetzt nicht der Besserwisser“) und zeigt dies in weiteren authentischen Erzählströmen, ohne nach diesen gefragt worden zu sein, obwohl er dies auch als „Gesprächstechnik“ erkennt („einfach 'n guter Zuhörer, der dann versucht mit, ja natürlich 'n bisschen Analysetechnik ja, äh auch irgendwo die Spur zu finden“). Dieser Prozess, der sich sozusagen aus sich selbst heraus entwickelt hat, wird von Herrn Cieslik nicht durch formale Interventionen, z. B. zur Klärung einer formalen Zuständigkeit, beeinflusst und ermöglicht ihm somit den Fall vertiefter zu verstehen. Auch dieses trägt zur Bewertung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen bei Herrn Timmermann bei („dass ich hier als Individuum als Person respektiert werde“) und ermöglicht letztlich ein „Vorangehen“ (Stern 2014, S. 157) in diesem Fall. Auf der Ebene des Beratungsgesprächs führt dies dazu, dass Herr Timmermann den Vorschlag von Herrn Cieslik für weitere Gespräche annimmt und sogar von sich aus vorschlägt, dies noch vor Beginn der, von ihm anvisierten Rehabilitation beginnen zu lassen, obwohl er dies so nicht vorhatte („können wir dies theoretisch auch mal vorher feststellen“). Eine Irritation erfährt die „Arbeitsbeziehung“ in der Schlussphase des Gesprächs, in der Herr Cieslik erstmalig ein Vorgehen von Herrn Timmermann nicht ratifiziert und würdigt. Thema dieser Konfrontation ist Herrn Timmermanns Vorgehen beim Durchsetzen der Kostenübernahme für die Rheuma–Rehabilitation, die nicht den Regeln des Feldes entspricht, weil dort Suchtmittelkonsum als eigener Sektor behandelt wird und als Ausschlusskriterium für andere Formen der Rehabilitation zu gelten scheint. Darüber hinaus zieht Herr Cieslik habituell oder aus Erfahrung implizit in Zweifel, dass die Konstruktion von Herrn Timmermann in Bezug auf sein Anliegen den Suchtmittelkonsum dauerhaft zu reduzieren oder zu vermeiden zielführend sein kann („es ist ein Anfang“). Die latent aufkommende Unsicherheit, deren Folge ein Wandel zu Misstrauen sein kann, zeigt sich in wieder zunehmender strategischer Rechtfertigung und Erzählung von Herrn Timmermann („Wiedereingliederung“). Dieser Prozess wird von Herrn Cieslik durch die Setzung eines konkreten Terminvorschlags zur Weiterarbeit unterbrochen („dann würde ich mit Ihnen nochmal einen Termin machen“). Dieses wird von Herrn Timmermann nur zögerlich ratifiziert. Erklärungsbedürftig ist, warum Herr Cieslik, der auf der persönlichen Ebene so souverän mit allen Konstruktionen und Einladungen zu Konkurrenz von Herrn Timmermann umgegangen ist, auf der Ebene der administrativen Zuständigkeit und der administrativen Verfahren plötzlich mit 237 Nichtratifikation reagiert und ausgerechnet diese Ebene zur Konfrontation wählt. Denkbar ist, dass er selbst auf dieser Ebene unsicher ist und deswegen nicht souverän sein kann oder er dies habituell tut. Was genau die Gründe hierfür sind, muss an dieser Stelle offen bleiben, denn das Protokoll und auch das Nachinterview geben darüber keinen vertiefenden Aufschluss. Deutlich aber wird, dass durch diese mögliche Unsicherheit oder habituelle Reaktion die „Arbeitsbeziehung“ zwischen Herrn Cieslik und Herrn Timmermann beeinflusst wurde. Nur die Struktursetzung und die Zusicherung einer, zwar auch sachlichen („es“ kann weitergehen), aber aus der Perspektive von Herrn Timmermann wichtiger erscheinenden persönlichen Unterstützung durch Herrn Cieslik haben letztlich dazu geführt, dass die „Arbeitsbeziehung“ fortgesetzt wurde. Letztendlich haben bis zum Beginn der Rehabilitation von Herrn Timmermann fünf weitere wöchentliche Termine stattgefunden. Somit kann an diesem Fall auch gezeigt werden, wie die Bearbeitung eines sachlichen Inhalts erst über die zunächst primär personenbezogene Beziehung (als subjektive Bewertung in Richtung Vertrauen) möglich wurde. 7.5 Frau Finke und Herr Leipold Die bisherigen Kontrastierungsversuche bezogen sich auf die äußeren Merkmale des Falles: die Person der Fachkraft oder des Klienten sowie auch mögliche Problemkonstellationen, die die Klienten mitbrachten. Nun soll in einem weiteren Schritt ein weiteres inhaltliches Kriterium auf der Merkmalsebene des Agierens der Fachkraft in ihrer professionellen Rolle hinzugenommen werden, das möglichst maximal von den bisherigen Fällen kontrastiert. In den bisherigen Fällen sind die Fachkräfte von Anfang an empathisch und nicht konfrontierend auf innere Konflikte der Klienten eingegangen. Dies führte zu der Unterstellung, dass es ihnen auf der professionellen Handlungsebene wichtig war, zunächst eine möglichst gute personenbezogene Beziehung mit Hilfe von Kommunikation aufzubauen, bevor die inhaltliche Arbeit an der Problemkonstellation des / der Klient_in, in der dann auch „schwierige Themen“ möglicherweise in Form einer verbalen Konfrontation bearbeitet werden, in den Vordergrund gerückt wird. Für das Forschungsprojekt stellte sich daher die Frage, ob nicht noch ein Fall gefunden werden kann, bei dem eine rein sachliche Fallorientierung ohne aktiven Fokus der Fachkraft auf einen „primären kommunikativen Aufbau einer sog. „guten Arbeitsbeziehung“ im Sinne einer Beziehung, die mit Vertrauen 238 bewertet wird vorliegt, bzw. bei dem dieser Fokus aus methodischen Gründen möglicherweise sogar als unnötig abgelehnt wird. Die Wahl fiel auf das Gespräch zwischen Herr Leipold, seiner Mutter und Frau Finke (Einrichtung D) (Fall 5). Das Kriterium für die Auswahl des Gespräches war das primär sehr sachliche, an den äußeren Wünschen des Klienten orientierte Agieren der Fachkraft zu Lasten einer empathischen Thematisierung innerer Konflikte. Auf der Merkmalsebenen der Person der Fachkraft und des Klienten, des Konsummusters und des Anliegens kontrastiert dieser Fall minimal zu den Fällen Frau Burgdorf und Herr Veit und Frau Dorenkamp und Herr Quante. Es handelt sich hier um einen relativ jungen männlichen Klienten, der Suchtmittel konsumiert hat. In Bezug auf seinen Konsum sagt er, „das geht so nicht mehr“ und bringt demnach erstmal eine relativ hohe Veränderungsmotivation mit. In diesem Fall stellt sich demnach die Frage, wie dieses Ziel unter den Bedingungen, die der Klient mitbringt, erreicht werden kann. Gegenstand dieser Falldarstellung ist daher das Erstgespräch zwischen der Fachkraft Frau Finke und dem Klienten Herrn Leipold sowie dessen Mutter, die Herrn Leipold begleitet. Aus dem Kontext ist bekannt, dass Herr Leipold einen Beratungstermin in einer kleinen Außenstelle einer Beratungsstelle in Süddeutschland vereinbart hat und dabei berichtet, dass er zeitnah eine Entgiftungsbehandlung beendet und dort eine sog. „Suchttherapie“ beantragt habe, diese aber nicht wie gehofft zusätzlich eine sog. „Traumatherapie“ anbiete. Deshalb wolle er sich beraten lassen, welche anderen Möglichkeiten zur Behandlung es gäbe. Herr Leipold ist ca. 23 Jahre alt. Zum Gespräch hat er seine Mutter mitgebracht. Ob Frau Finke klar war, dass das Gespräch zu dritt standfinden würde, geht aus dem Kontext nicht hervor. Die Beratungsstelle ist eine Zweigstelle einer größeren Beratungsstelle und wird von Frau Finke als „Ein– Frau–Stelle“ (#00:01:10–4# Nachinterview Frau Finke zum Gespräch mit Herrn und Frau Leipold) beschrieben. Es ist daher davon auszugehen, dass Herr Leipold und seine Mutter nach ihrer Ankunft in der Beratungsstelle direkt von ihr in Empfang genommen wurden. Zur Fachkraft Frau Finke ist zu sagen, dass sie zum Zeitpunkt des Gesprächs 57 Jahre alt ist und seit 13 Jahren in der Suchtberatungsstelle bei einem konfessionell geprägten Träger arbeitet. Sie hat Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre Sozialarbeit studiert und in den 90er Jahre ein Aufbaustudium zur Gesundheitspädagogin absolviert. Sie verfügt über mehrere Fortbildungen in methodischen Verfahren (Yoga, Psycho- 239 drama, sozialtherapeutisches Rollenspiel und CRAFT86). In der Beratungsstelle ist sie außer für die allgemeine Suchtberatung, auch für die Raucherentwöhnungskurse mit Atem– und Entspannungsübungen, die Suchtakupunktur und die Begleitung einer Angehörigengruppe zuständig. 7.5.1 Inhaltliche Zusammenfassung des Gesprächs Die Aufzeichnung des Gesprächsprotokolls beginnt damit, dass zunächst Formalitäten, wie das Lesen und Unterschreiben eines Formulars, abgearbeitet werden und dazu murmelnde und kommentierende Sprechakte erfolgen (#00:00:00–0#–#00:02:20–5#). Danach stellt Frau Finke sich kurz vor und Herr Leipold berichtet über die Umstände seiner Kontaktaufnahme zur Beratungsstelle, seine aktuelle Situation und sein Anliegen eine Therapieeinrichtung finden zu wollen (#00:02:20– 5#–#00:06:12–6#). Dabei verliert er sich in Details und seine Mutter unterstützt ihn bei der Darstellung. Inhaltlich ist von Bedeutung, dass er am Tag zuvor eine Entgiftung von sog. „Kräutermischungen“87 abgeschlossen hat und in dem Zuge eine Rehabilitationsmaßnahme beantragt wurde. Er hat im Jahr zuvor schon einmal eine solche Maßnahme begonnen, dann aber abgebrochen, weil die Therapeutin, die mit ihm eine Traumatherapie durchgeführt hat, aus persönlichen Gründen ausgefallen ist88 und er die, aus seiner Sicht im suchttherapeutischen Teil geforderte sog. „lebenslange Abstinenz“ von allen Suchtmitteln, so z. B. auch von Alkohol, nicht für sich akzeptieren wollte und das Gefühl hatte, dies nicht offen thematisieren zu dürfen. Dieser Punkt beschäftigt ihn mit Blick auf die neue, schon beantragte Maßnahme sehr. Die darauffolgende Sequenz (#00:06:12–6#–#00:13:02–9#) ist geprägt von der Beschäftigung mit diesem Thema. Zunächst schließt Frau Finke an das Thema an und erläutert, dass die Forderung nach lebenslanger Abstinenz in den „allermeisten“ Kliniken gestellt würde, bringt dann aber 86 CRAFT ist ein verhaltensorientiertes methodisches Konzept zur Arbeit mit Angehörigen und Familien von Suchtkranken (Smith; Meyers 2013) 87 Sog. „Räucher– oder Kräutermischungen“ sind häufig synthetisch hergestellte Cannabinoide, die legal z. B. in sog „Headshops“ vertrieben werden. Sie wirken viel unberechenbarer und auch stärker als natürliche Cannabinoide wie z. B. in Hanf, haben aber den Vorteil, dass sie legal zu erwerben sind. Häufig werden sie in Kombination mit Cannabis konsumiert (https://legal–high–inhaltsstoffe.de/de/fachkr%C3%A4fte.html). 88 Im Gespräch sagt er, dass sie einen Trauerfall in der Familie gehabt habe und im Nachinterview spricht er davon, dass sie krank geworden sei. 240 einen, für Herrn Leipold offenbar neuen Gedanken ein, dass dies zwar innerhalb der Maßnahme so sei, dass Herr Leipold aber außerhalb der Maßnahme wieder selbst darüber entscheiden könne, ob er der Forderung Folge leisten wolle. Dies verwirrt Herrn Leipold und seine Mutter hilft ihm seinen Gedanken darzustellen, dass er diese Botschaft in der Therapie aber anders verstanden hätte. Daraufhin erläutert Frau Finke in zwei längeren Gesprächsbeiträgen differenzierend die Sichtweisen, wie eine Forderung nach lebenslanger Abstinenz zustande komme und wie sie sich begründet, bleibt aber bei ihrer Aussage, dass im Leben au- ßerhalb der Einrichtung jeder selbst entscheiden könne. Damit bringt sie zum Ausdruck, dass sie die Sorgen, die sich Herr Leipold darüber macht, verstehen könne. Diese Aussage scheint Herrn Leipold sehr zu erleichtern. In der darauffolgenden Sequenz wendet er sich seinem eigentlichen Anliegen zu: Er möchte eine Therapieeinrichtung finden, die auch eine Traumatherapie durchführt (#00:13:02–9#–#00:18:58–4#). Die Einrichtung, in die er von der Entgiftung aus vermittelt wurde, bietet dieses Angebot nicht an. Frau Finke ist zunächst unsicher, weil sie, wie sie im Nachinterview sagt, nicht auf ein so spezielles Anliegen eingestellt war, bietet aber an, sich kundig zu machen. Zunächst rekonstruiert sie durch gezielte Nachfragen den Stand des Vermittlungsverfahrens und macht sich dann in der Beratungsstelle auf die Suche nach, aus ihrer Sicht geeignetem Prospektmaterial. Dafür verlässt sie den Raum. Herr Leipold und seine Mutter unterhalten sich und stellen fest, dass sie nicht wissen, wo die sog. Kostenzusage für die Therapie eigentlich hingeschickt wird. Diesen Punkt sprechen sie an, als Frau Finke mit Prospektmaterial wiederkommt und fragen kleinteilig nach, sodass nur schwer ersichtlich wird, worum es eigentlich geht. Im darauffolgenden Teil des Gesprächs (#00:18:58–4#–#00:28:12–1#) wird dieses zunächst von einem Telefonanruf von außen kurz unterbrochen. Danach telefoniert Frau Finke im Beisein von Herrn Leipold und seiner Mutter mit mehreren Einrichtungen. Anschließend berichtet sie darüber, dass sie eine Einrichtung nicht erreicht hat und eine andere sie an eine „Spezialistin“ weiterverwiesen hat, die gesagt habe, dass sie eine parallele Behandlung nicht empfiehlt. Auf die Nachfrage der Mutter von Herrn Leipold, warum dies so sei, expliziert Frau Finke die Argumentation dieser „Spezialistin“, rezipiert sie offenbar auch für sich und macht Vorschläge zum weiteren Vorgehen. Diese werden von Herrn Leipold und seiner Mutter aber nicht ratifiziert und Frau Finke macht sich erneut auf die Suche, diesmal im Internet. Die Mutter von Herrn Leipold setzt zu einer Erklärung an und Herr Leipold sagt, dass er ja schon damals mit einer Traumabehandlung angefangen habe. Dann wird das Gespräch erneut 241 von einem ankommenden Anruf unterbrochen. Danach folgte eine Phase getrennter Aktivitäten. Herr Leipold und seine Mutter unterhalten sich, ob sie jemanden privat kennen, der ihnen weiterhelfen kann und Frau Finke sucht nach Prospekten und im Internet (#00:28:12–1#– #00:33:01–5#). In der letzten Phase des Gesprächs (#00:33:01–5#– #00:38:13–2#) präsentiert Frau Finke ihr Rechercheergebnis, das von Herrn Leipold und seiner Mutter positiv konnotiert und ratifiziert wird. Die Interaktionspartner kommen überein, dass Herr Leipold und seine Mutter zu Hause nochmal „in Ruhe gucken“. Frau Finke lädt im Modus von Routine ein, sie nochmal zu kontaktieren, wenn Bedarf sei und es bei anderen Stellen, die sie eigentlich für zuständig hält, nicht weiterginge. Sie vergewissert sich explizit, ob damit die Anliegen und Fragen von Herrn Leipold aus seiner Sicht angemessen beantwortet seien. Dies wird von Herrn Leipold explizit ratifiziert. Die Mutter von Herrn Leipold fragt nach einer Visitenkarte und fragt, ob Frau Finke „immer“ erreichbar sei. Es entspinnt sich ein kurzer Dialog über die Möglichkeiten Frau Finke noch einmal erreichen zu können, wenn Bedarf ist. Herr Leipold und seine Mutter bedanken sich explizit für die Beratung. Nach der Abschiedsgrußformel, die Herr Leipold erwidert, wird das Aufnahmegerät ausgeschaltet. 7.5.2 Darstellung für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ wichtiger Passagen Der hier vorgestellten Szene ist eine Abarbeitung von Formalien vorausgegangen, bei der kurz Daten abgefragt und Unterschriften eingeholt wurden. Dieser Szene direkt vorausgehend hat Frau Finke nach der Telefonnummer von Herrn Leipold gefragt und er hat diese genannt. „Ja dann möchte ich mich auch kurz vorstellen“ Frau Finke: //mhm// .... (wiederholt Telefonnummer und schreibt). (tippt am Computer). Gut, vielen Dank (.) Herr Leipold. (.) Ja, dann möchte ich mich auch kurz vorstellen. Mein Name ist Finke, ich bin hier als Sozialarbeiterin und Suchtberaterin schon seit (.) vielen Jahren tätig. Ja genau. #00:02:20–5# Herr Leipold: (putzt sich die Nase) #00:02:21–0# Frau Finke: Und ähm, (.)(.) das ist hier die Beratungsstelle von der diakonischen Bezirksstelle in …(Ortsname). Leider hier auch und (.) ich bin hier in der Außenstelle in …(Ortsname) tätig //mhm//. Genau. Und jetzt hatten Sie ja angerufen und gesagt //genau//, dass Sie ne Entgiftung machen zurzeit noch oder längst abgeschlossen haben. #00:02:42– 9# Herr Leipold: Die hab ich jetzt regulär abgeschlossen //ja//, also ich wurd jetzt gestern 242 entlassen //mhm// (.)(.). Ähm, jetzt ham wir auf der Entgiftung ham wir nen Kostennantrag gestellt //aha//(.) an die Rentenversicherung. //aha// (.)(.) Ähm, jetzt ist halt meine Frage nur ähm (.)(.)(.)(.)(.)(.) (.) ich brauch äh in Anführungsstrichen (.) ne Traumatherapie oder nen Traumatherapeut, (.) weil äähm in meinem Kindesalter ist n (.) Missbrauch stattgefunden //mhm//(.) und ähm das Ganze muss ich halt aufarbeiten //mhm//. Ähm (.)(.) meine Frage ist jetzt, wei::l (.) ich hab da äh ein Drogenproblem. //ja, ja, aha// (.) Ähm, das handelt sich um die äh Räuchermischung //mhm//, also um die äh Kräutermischung. #00:03:26–2# Frau Finke: Kräutermischungen. #00:03:27–3# Frau Finke wiederholt die Telefonnummer, schreibt sie auf und tippt am Computer. Anschließend bedankt sie sich bei Herrn Leipold. Nach einer kurzen Pause fährt sie fort und kündigt an, sich „auch kurz vorstellen“ zu wollen. Damit würdigt sie den Umstand, dass Herr Leipold und seine Mutter sozusagen in Vorleistung gegangen sind und ihre Daten schon preisgegeben haben. Dies stellt zumindest symbolisch den Versuch dar, diesem Ungleichgewicht etwas entgegenzusetzen. Sie stellt sich mit ihrem Namen, ihrer Berufsbezeichnung und ihrer Stellung in der Organisation vor und bekräftigt dies noch einmal, als müsste sie sich vergewissern, dass ihre Angabe auch richtig so ist. Diese Vorstellung präsentiert sich im Sinne eines „Eröffnungsrituals“ als etwas gekünstelt und als nicht direkt auf die beiden anwesenden Personen bezogen. Im Hintergrund ist ein Naseputzen zu hören. Dies wirkt als würde die “Eröffnungsrede“ auch als solche dekodiert, als Auftakt, bevor man zum Wesentlichen übergeht. Frau Finke setzt ihre Rede fort, indem sie kurz die Hauptstelle und die Nebenstelle, in der sich die Herr Leipold und seine Mutter befinden, nennt. Es stellt sich die Frage, ob dies nicht für die Aufnahme inszeniert ist. Im nächsten Satz nimmt sie Bezug auf den Umstand, wie genau dieses Treffen zustande gekommen ist. Herr Leipold hat angerufen und bereits am Telefon zumindest kurz geschildert, dass er sich zurzeit in eine Entgiftungsbehandlung befinde. Ob er auch etwas zu seinem Anliegen gesagt hat, bleibt offen. Frau Finke spielt den Gesprächsball zu Herrn Leipold verbunden mit der impliziten Aufforderung, den Anlass seines Kommens zu explizieren. Herr Leipold greift den Ansatz von Frau Finke auf und bestätigt, dass er eine Entgiftung zwischenzeitlich „regulär“ beendet habe. Die Formulierung „regulär“ ist ein Hinweis darauf, dass Herr Leipold keine sog. „disziplinarische“ Entlassung hatte, bei der Patienten aus der Behandlung entlassen werden, weil sie gegen dortige Regeln verstoßen. Regelverstöße können z. B. der Konsum von psychoaktiven Substanzen, die Anwendung von Gewalt oder die Weigerung an den therapeutischen 243 Angeboten teilzunehmen sein. Insofern weist Herr Leipold mit der Betonung der „regulären“ Entlassung auf seine Motivation hin, alles dafür tun zu wollen, seinen Suchtmittelkonsum im Sinne einer Krankheit beenden zu wollen und passt sich damit an die Krankenrolle (Parsons 1970, S. 50–52) an. Weiter berichtet er davon, dass „wir“ einen Kostenantrag gestellt haben. Wer „wir“ ist, wird nicht deutlich. Vielleicht ist seine Mutter gemeint oder ein Freund? Es wurde ein Antrag an die Rentenversicherung gestellt. Dies bedeutet, dass Herr Leipold eine Rehabilitationsbehandlung beantragt hat. Welcher Art ist nicht ganz klar, möglicherweise handelt es sich um eine Rehabilitation Sucht. Dies wird jedoch nicht explizit kommuniziert. Stattdessen scheint Herr Leipold davon auszugehen, dass Frau Finke schon weiß, um was es sich handelt. Zumindest in seiner Wahrnehmung scheint es sich um logisch aufeinanderfolgende Schritte zu handeln, um eine Selbstverständlichkeit. Es stellt sich die Frage, wie er darauf kommt. Ist ihm dies so vermittelt worden und wenn ja, von wem? Auf jeden Fall scheinen die weiteren Schritte klar zu sein, sodass, wenn er am Tag zuvor regulär entlassen und der Antrag gestellt wurde, dem weiteren Vorangehen nichts mehr im Weg stehen dürfte. Herr Leipold spricht weiter und sagt, dass er nur noch eine Frage hätte. Dies hört sich nach einer Kleinigkeit an. Die Frage ist, warum dies nicht mit der Entgiftungsstation geklärt werden konnte und warum dazu ein eigener Termin in einer Beratungsstelle notwendig ist, die in diesen Fall bisher nicht involviert war. Nun konkretisiert Herr Leipold seine Frage. Er sagt, dass er „in Anführungsstrichen“ eine sog. „Traumatherapie“ „brauche“ und fährt dann mit der Begründung fort, dass er in seiner Kindheit einen „sexuellen Missbrauch“ erlebt habe, den er jetzt „aufarbeiten muss“. Dies sind viele Informationen über Herrn Leipold, die er in zwei Sätzen präsentiert und die klingen, als wären sie einstudiert. Er sagt dies ohne erkennbare affektive Beteiligung, eher als sachliche Information. Die angekündigte Frage ist aber damit nicht gestellt. Offenbar sind dies nicht die Inhalte, über die er mit Frau Finke sprechen möchte, obwohl sie selbst auch Fragen aufwerfen, wie z. B. die, woher Herr Leipold weiß, dass er eine Traumatherapie „braucht“. Welche Vorstellung hat er von einer Traumatherapie zur „Aufarbeitung“ eines sexuellen Übergriffs? Steht seine anwesende Mutter zu dieser Thematik in irgendeiner Form in Zusammenhang und wenn ja, in welchem? Was hat das mit dem Rehabilitationsantrag und der Entgiftung zu tun? Was möchte er in der Suchtberatungsstelle? Diese Fragen haben gemeinsam, dass allein in diesen zwei Sätzen eine komplexe Problematik auf unterschiedlichen Ebenen angedeutet wird, 244 die es erstmal zu entschlüsseln gilt. Auf jeden Fall ist eine weitere Präzisierung nötig. Dazu setzt Herr Leipold in seinem nächsten Satz an und erhöht die Komplexität, indem er berichtet, dass er auch ein „Drogenproblem“ habe, genauer handele es sich um eine „Räuchermischung“. Kurz darauf nennt er noch das Wort „Kräutermischung“. Frau Finke ist den Darstellungen von Herrn Leipold teilweise mit neutralen Hörersignalen „//mmhm//“, teilweise mit stimmvollen Hörersignalen „//aha, jaja“// gefolgt. Die stimmvollen Hörersignale kamen bei den Worten „Rentenversicherung“, „Antrag gestellt“ und „Drogenproblem“. Offenbar sind dies die Stichworte, die sie ohne Problem einsortieren kann und über die sie sich möglicherweise einen Zugang zum Fall verschaffen wird. Das Wort Kräutermischung wiederholt sie. Vielleicht um sicherzugehen, dass sie es richtig verstanden hat? Seine angekündigte Frage hat Herr Leipold noch nicht konkretisiert. Herr Leipold: Genau //mhm, mhm//. Ähm, (.)(.) ich hab auch schon mal ne Therapie angefangen(.), die hab ich ähm leider nur bis zum dritten Monat abs– äh absolviert. Äh (.)(.), leider deshalb ähm (.)(.)(.), weil ich in den drei Monaten nur drei Einzelgespräche hatte //mhm// u::nd das war mir dann selber irgendwie zu wenig (.), wei::l die Rentenversicherung hat mir ja auch klare Angaben irgendwo vorgelegt, dass ich mindestens ähm zwei Einzelgespräche in der Woche eigentlich haben sollte //mhm//. Ähm das war in der Therapieeinrichtung, also in ... (nennt die Einrichtung) war ich //mhm//, das war da leider nicht möglich, weil die ... (Name der Fachkraft) hatte ja selber nen Todesfall in ihrer Familie //mhm// und die musste sich u::m ja, um die Beerdigung //mhm// etc. pp. alles kümmern //mhm// und war dann leider selber (.) oft verhindert //aha// und das war halt dann auch das ä::h Resümee das ich halt gesagt hab: Okay, ich brech die Therapie hier ab, weil (.) ich //mhm, mhm, ja//. (hustet) Ähm,(.) (.) ich bin dann rausgekommen aus der Therapie. Äh //mhm// #00:04:29–7# Frau Finke: Wann war das? Wann haben Sie diese erste Therapie gemacht? #00:04:33–1# Herr Leipold: Ähm #00:04:33–8# Mutter von Herrn Leipold: Letztes Jahr. #00:04:35–3# Herr Leipold: Letztes Ja::hr i::m (.) März //ahja, mhm// hab ich die angefangen, ja. //mhm// #00:04:42–1# Mutter von Herrn Leipold: Bist im Januar rein zum Entgiften und im Februar schon. #00:04:45–1# Herr Leipold: Im Februar schon? Ja? #00:04:45–7# Frau Finke: Februar? //mhm, mhm// Das war dann Februar 2016? Ja? #00:04:52–0# Herr Leipold fährt mit der Darstellung des Kontextes seines potentiellen Anliegens fort, dass er lapidar als „Ich hab nur ne Frage“ angekündigt hatte. Er hat vor ca. einem Jahr schon mal eine Rehabilitation Sucht angefangen, diese aber nach ca. vier Wochen abgebrochen, weil er das 245 Gefühl hatte aufgrund von äußeren Rahmenbedingungen (Therapeutin nicht verfügbar) nicht zu dem Ziel kommen zu können, das er sich vorgenommen hatte. Um welches Ziel es sich genau gehandelt hat, erklärt er in dieser Szene nicht weiter. Die Konkretisierung der Daten scheint ihm und seiner Mutter wichtiger zu sein. Auf dieses Thema reagiert auch Frau Finke, indem sie sich vergewissernd nachfragt. Damit ist das Anliegen von Herrn Leipold wieder um eine Ebene, diesmal um die administrativ–formale Ebene, komplexer geworden, aber nicht klarer. Herr Leipold: Genau. (.) U::nd äh bin dann auch wieder in den gleichen Raum (.) wieder zurückgezogen und das war halt auch der große Fehler. Ich bin dann wieder nach ... (nennt Städtenamen) zurückgezogen, also //mhm// in denselben Raum wieder zurück //mhm//. (.)(.) Hab mir dann oder hab dann auch ne Frau kennengelernt u::nd die hat auch konsumiert //mhm// und das war halt auch ääh (.)(.)(.) ja (.), das war halt, das war halt der große Fehler, was ich gemacht hab, dass ich mir halt auch selber ne Freundin gesucht hab oder halt auch die Freundin kennengelernt hab //mhm//, wo auch selber ein Suchtproblem hat, wo:: selber konsumiert (atmet ein) //mhm// und bin dann (.) wieder rückfällig geworden //mhm, mhm//. Äähm (.)(.)(.), ich hab bis dato auch noch ke– oder äh bis jetzt auch noch kein Alkoholproblem //mhm// und das ist halt auch das, was mir halt auch so im Kopf rumschwirrt. Ich hab klar eingesehen äh die Drogen (.) geht nicht mehr //mhm//, //mhm//aber in der Therapie ist halt das, da reden sie von ner kompletten Abstinenz, ähm (.)(.) und das ist halt auch das was mir so die ganze Zeit im Kopf rumschwirrt: Ähm (.)(.) gibts eigentlich Einrichtungen oder (.)//mhm//(.) ä::h gibt es Einrichtungen, wo:: (.)(.) (leiser zu seiner Mutter) ich weiß auch nicht, wie ich das beschreiben soll #00:06:00 Mutter von Herrn Leipold: Ja, wo das nicht vorausgesetzt wird. Damit er dann auch, wenn er jetzt absolut von der Droge weg will //mhm//, damit es dann auch heißt also er darf nicht mehr zu Silvester ein Glas Sekt zum Anstoßen oder mal ein Bier trinken oder was weiß ich. #00:06:12–6# Herr Leipold berichtet weiter und stellt dar, wie er nach dem Ende der Rehabilitation wieder in seine Wohnumgebung (eine Großstadt im Süden Deutschlands) zurückgezogen ist und dort eine Frau kennengelernt hat, die ebenfalls Drogen konsumiert hat. Welches Suchtmittel genau gemeint ist, wird nicht klar, scheint aber auch nicht von Belang zu sein. Dennoch hat diese Bekanntschaft aus seiner Sicht dazu geführt, dass er „rückfällig“ geworden ist und wieder Suchtmittel konsumiert hat. Er betont allerdings, dass er kein Alkoholproblem habe und dass ihm das die ganze Zeit im Kopf „herumschwirre“, ihn also in der Art gedanklich beschäftigt, dass er es hier deutlich hervorgehoben expliziert. Wie dies jetzt in den Gesamtzusammenhang passt, wird auf Anhieb nicht klar. Herr Leipold allerdings scheint eine klare Struktur im Kopf zu haben. Somit zeigt sich hier eine subjektlogische Struktur, die sich zunächst nur 246 für Herrn Leipold selbst erschließt und nur auf der Basis der Rekonstruktion seiner Erlebnisse zu erfassen ist. Die subjektlogische Struktur wird klarer, als er berichtet, dass er eingesehen habe, dass „das mit den Drogen nicht mehr geht“, aber dass „die in der Therapie89“ von einer „kompletten Abstinenz“ geredet hätten und dass dieses ihm auch im Kopf „rumschwirre“. Er setzt zu einer Frage an, aus dessen Ansatz hervorgeht, dass er nach einem spezifischen Einrichtungstypus fragen möchte. Offenbar fällt ihm aber kein passendes Wort dafür ein. Hilfesuchend wendet er sich an seine Mutter. Diese springt für ihn ein und ergänzt, dass man nach einer Einrichtung suche, die „das“ nicht voraussetzen würde. Auch ihr fällt das passende Wort nicht ein. Aus ihrer Ergänzung wird deutlich, dass es um ein offensichtlich propagiertes lebenslanges Abstinenzgebot geht, dem ihr Sohn sich nicht aussetzen möchte und dessen Sinn sie möglicherweise auch in Frage stellt. In dieser Interaktion klärt sich die Rolle der Mutter in diesem Gespräch. Sie scheint dabei zu sein, um ihren Sohn verbal zu unterstützen, weil dieser möglicherweise das Gefühl hat, sich gegenüber Frau Finke oder der Institution Beratungsstelle nicht ausreichend verständlich machen zu können. Möglicherweise beruht dies auf Erfahrungen, die Herr Leipold bereits in der Auseinandersetzung mit, zum Feld der suchbezogenen Hilfen gehörigen Einrichtungen gemacht hat und ist damit Teil seines impliziten Beziehungswissens, dass er in das Gespräch mit Frau Finke hineinbringt und auf dessen Basis sich die „Arbeitsbeziehung“ zwischen den Interaktionspartnern entwickelt. Gleichzeitig wirft dieser Gesprächsbeitrag ein Schlaglicht auf die Implikation der Sichtweise von Sucht als Krankheit, die als professionelle Leitlinie in Einrichtungen der Suchthilfe verankert ist und die von Teilen der Bevölkerung nicht ohne weiteres nachvollzogen werden kann, da hier eher eine Einstellung von Sucht als Willensschwäche vorherrscht. (vgl. Kap. 3.1.2) Dies zeigt sich auch in der Rede von Herrn Leipold, der im Sinne einer Willensbekundung davon spricht, dass er „eingesehen habe“, dass das mit den Drogen nicht mehr ginge. Dieser implizite Definitionskonflikt, der im Rahmen der ersten vier Wochen der Therapie offenbar nicht ausgeräumt werden konnte, vielleicht aber auch nicht thematisiert, sondern, wie seine Mutter formuliert hat, „vorausgesetzt“ wurde, scheint dazu beigetragen zu haben, dass die Maßnahme abgebrochen wurde. Nun wird aber das Anliegen von Herrn Leipold klarer, der eine Einrichtung finden möchte, die ein anderes Ver- 89 Hier ist wahrscheinlich die abgebrochene Rehabilitationsmaßnahme gemeint. 247 ständnis von Sucht hat und gleichzeitig das Angebot einer sog. Traumatherapie beinhaltet (s. Anfang des Gesprächs). Frau Finke sagt Folgendes zu der Situation, in der ihr klar wurde, was Herr Leipold für ein Anliegen vorschwebt: „Ich hatte erst so n bisschen so ne Verunsicherung nicht, //ja// weil ich dann dachte: Oh Mensch, was haben die jetzt hier für spezielle Fragen? //ja// Ähm (.) bist du jetzt gar nicht so drauf vorbereitet und da war ich etwas verunsichert […] #00:19:45–8# (Nachinterview Frau Finke zum Gespräch mit Herr Leipold und seiner Mutter) Auf die Nachfrage, ob ein Gefühl der eigenen Sicherheit beim Thema „in Kontakt kommen“ eine Rolle spiele, erwidert sie: „Ja, natürlich, klar. Das man selbst eben auch sicher ist und äh somit dann auch dem Klienten, der Klientin gegenüber (.)(.) souverän, gelassen, ruhig/, zugewandt dann auch äh (.) gegenüber //mhm// sich verhält.[…] Ja, dass der dann auch das Gefühl hat, hier bin ich richtig, hier ist jemand, äh die weiß Bescheid äh die äh ähm (.) bemüht sich ähm meiner Frage oder meinem Anliegen nachzukommen, mir die Informationen zu geben oder eben auch wirk– wirklich mich (.) fachkompetent zu beraten. #00:20:36–5# (Nachinterview Frau Finke zum Gespräch mit Herr Leipold und seiner Mutter) Diese Aussagen aus dem Nachinterview sind ein Hinweis darauf, dass bei Frau Finke als Beraterin durch das spezielle, also ungewöhnliche Anliegen von Herrn Leipold Unsicherheit ausgelöst wurde. Es schien auch deswegen ungewöhnlich, weil hier deutlich wird, dass die Implikationen der Sichtweise von Sucht als Krankheit für ihn ein so großes Problem dargestellt haben, dass er dies zum Anlass genommen hat, eine Behandlungsmaßnahme abzubrechen. Da in der deutschen Suchthilfe aber eine fast einhellige Etikettierung von Sucht als Krankheit herrscht90, stellt sich das Anliegen von Herrn Leipold auf den ersten Blick als schwierig bis nicht möglich dar, zumal hinzukommt, dass er zusätzlich 90 „In der deutschen Suchthilfe besteht eine fast vollständige Etikettierung von Sucht als Krankheit und fast völlige Ablehnung von Sucht als Willensschwäche. (…) Deutlich ist die professionsübergreifende eindeutige Etikettierung von Abhängigkeit als Krankheit und der bevorzugte Modus der kompensatorischen Verantwortungszuschreibung für Entstehung und Bewältigung der Abhängigkeit, d. h. Abhängigen wird eine geringe Tatschuld für die Entstehung und hohe Bringschuld für die Bewältigung zugeschrieben“ (Bauer 2013, S. 182). 248 eine spezielle Form einer psychotherapeutischen Behandlung in Anspruch nehmen möchte. Um also selber Sicherheit („das Gefühl ich bin hier richtig“) geben zu können und somit die Basis für eine subjektive Bewertung in Richtung Vertrauen legen zu können, muss sie zunächst selber wieder Sicherheit gewinnen und sich vergewissern, dass sie eine Konstruktion schaffen kann, die das Anliegen ernst nimmt. Eine andere Möglichkeit wäre, das Anliegen von Herrn Leipold als unmöglich, nicht machbar oder zu schwierig zurückzuweisen. Damit würde sie aber zumindest zunächst eine Bewertung der Beziehung in Richtung Misstrauen auslösen, da Herr Leipold dies als Konfrontation auffassen könnte oder er das Gefühl bekommen könnte, dass sein Anliegen nicht verstanden oder nicht ernst genommen wird. Insofern nimmt hier die Konstruktion der suchtbezogenen Hilfen sowie ihre immanente Einstellung implizit Einfluss auf die Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“, da sie bei Frau Finke als jemand, der um Unterstützung angefragt wurde, zunächst selbst erst einmal Unsicherheit auslöst. Frau Finke: Also während der Therapiezeit, also soweit ich weiß, sind alle Therapieeinrichtungen abstinenzorientiert. Also dass Sie in dieser Therapiezeit, egal wie lange die jetzt dauert, ob das jetzt drei Wochen sind oder drei Monate oder so, dass Sie da auch völlig abstinent leben #00:06:26–2# Herr Leipold: Das ist klar. Das ist #00:06:26–5# Frau Finke: Was Sie hinterher machen (.), sag ich jetzt mal ganz salopp, das ist ihre Angelegenheit. #00:06:30–5# Herr Leipold: Ja, das, das ist klar //ja//. Während der Therapiezeit, das versteh ich ja //ja//. Das, da äh bin ich ja in nem Rahmen, wo #00:06:35–3# Frau Finke: Genau. Da ist also auch Alkoholabstinenz angesagt #00:06:37–7# Herr Leipold: Genau . Das, das ver–, das ver– #00:06:39–1# Mutter von Herrn Leipold: So hat er das doch nicht gemeint. Er hat das dann gemeint, auf den #00:06:40–9# Herr Leipold: Danach. #00:06:41–6# Frau Finke: Ja danach, das ist Ihre Entscheidung. #00:06:43–9# Herr Leipold: Weil, weil, weil #00:06:45–4# Frau Finke: Das ist Ihre Entscheidung, (.) wie Sie dann mit Drogen und Alkohol, ist ne legale Droge ganz klar, wie Sie damit dann umgehen. #00:06:52–4# Frau Finke greift das, von Herrn Leipold angeschnittene Thema auf und hebt den Aspekt hervor, dass das Abstinenzgebot während der Zeit der Therapie und in allen Therapieeinrichtungen gelte. Herr Leipold wirft ein, dass ihm das klar sei. Frau Finke ergänzt, dass das, was er nach der 249 Therapie mache, seine Angelegenheit sei. Damit räumt sie ein, dass innerhalb einer Rehabilitation andere Regeln gelten als außerhalb. Während der Therapiedauer muss er sich an das komplette Abstinenzgebot halten, außerhalb kann er selbst entscheiden. Herr Leipold ist überrascht. Auch seine Mutter wirft ein, dass ihr Sohn das so nicht gemeint hätte. Offensichtlich befürchten beide nicht richtig verstanden worden zu sein oder mit ihrer Frage nicht ernst genommen zu werden. Sie sprechen beide zusammen. Dies weist auf aktualisierte Affekte hin. Frau Finke bleibt dabei und wiederholt, dass es die Entscheidung von Herrn Leipold sei, ob er nach der Therapie Alkohol konsumieren möchte oder nicht. Herr Leipold kann es immer noch nicht glauben und setzt zu einer Erklärung an, in der er dreimal das Wort „weil“ wiederholt. Er scheint aufgeregt zu sein. Offenbar hat er während seiner Zeit in der Rehabilitationseinrichtung oder auch an anderer Stelle gegenteilige Botschaften gehört. An dieser Stelle wird deutlich, dass er ungeübt darin zu sein scheint, seine Gefühle und Gedanken auszudrücken. Frau Finke wiederholt ein drittes Mal in klaren Worten, dass es die Entscheidung von Herrn Leipold sei, wie er mit Alkohol und Drogen umgehen möchte. Damit positioniert sie sich inhaltlich gegen das Paradigma Sucht als Krankheit und für das Paradigma Sucht als Willensschwäche oder, positiv gewendet, für einen Konsum von Suchtmitteln als autonome Entscheidung des Subjekts, deren Konsequenzen selbst verantwortet und getragen werden müssen. Für die Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ bedeutet dies, dass sie ein klares Signal dahingehend setzt, dass sie das Anliegen von Herrn Leipold verstanden hat, sie dieses ernst nimmt, sich eindeutig, möglicherweise auch gegen die Botschaften der Rehaklinik positioniert und dass es ihr wichtig ist, dass Herr Leipold dies versteht. Herr Leipold: Weil bei mir sch–, weil bei mir hing das halt im Kopf, wei::l (.)(.) ähm, weil sie halt grad in der Therapie halt auch im ... (nennt den Namen der Institution) haben sie von ner kompletten Abstinenz geredet. //ja// U::nd dann kam mir das halt wirklich selber irgendwann so vor als würd ich mich da nur so irgendwo durchschlängeln und hab da halt immer irgendwo dann "Ja" und "Amen" gesagt //mhm// und gesagt: "Ja okay, dann werd ich auch kein Glas Alkohol mehr anrühren" //mhm// u::nd ä::hm (.) konnte mich dann auch nicht so (.) öffnen wie ich mich eigentlich ö– öffnen sollte //aha, okay//und das ja //mhm//. #00:07:19–6# Frau Finke: Weil da eben die ganz klare Vorgabe war ähm man muss den Rest seines Lebens auch alkoholabstinent verbringen. #00:07:26–4# Herr Leipold: Genau , //mhm//, genau //ja//. #00:07:28–0# In der nächsten Sequenz wird die Schwierigkeit von Herrn Leipold in der Einrichtung, die er besucht hat, deutlicher: Er hatte das Gefühl nicht 250 authentisch sein zu können. Deshalb konnte er sich in seiner Wahrnehmung nicht öffnen, wie er sich eigentlich hätte öffnen sollen und wollen (#00:07:19–6#). Stattdessen hatte er das Gefühl sich „durchzuschlängeln“ und zu allem „ja und Amen“ zu sagen. Allein diese Wortwahl zeugt von der empfundenen Doppelbödigkeit in diesem Kontext. Um sich öffnen zu können ist es für Herrn Leipold offenbar wichtig, das Gefühl zu haben, authentisch sein zu dürfen, ohne befürchten zu müssen von anderen Akteuren (Therapeuten, aber auch Mitpatienten) in diesem Kontext dafür abgewertet zu werden. Dieses Gefühl scheint er dort nicht gehabt zu haben. Dieses Gefühl scheint aber dann auch damit zusammenzuhängen, welche Art von Beziehung Herr Leipold zu den anderen Akteuren dort aufbauen konnte: eine Beziehung eher in Richtung Vertrauen (Motivation, Kooperation und das Geben von Information (Arnold 2009, S. 184)) oder eine eher in Richtung Misstrauen. Frau Finke bietet eine Spiegelung an, „weil das die ganz klare Vorgabe“ war und greift damit diesen Aspekt zwar nicht explizit auf, deutet aber an, dass sie intuitiv ahnt, worum es gehen könnte. Im Nachinterview sagt sie dazu: „Ja, ich meine ich hab ja selbst viele Jahre auch in so einer Therapieeinrichtung gearbeitet und weiß eben, dass es da durchaus eben auch Situationen geben kann, wo dann eben in Gruppen– oder in Einzelgesprächen ähm ja wirklich ähm (.) gelobt und versprochen wird äh das und das machen wir und das und das lassen wir einfach äh (.), weil man vielleicht auch als Klient weiß ähm ja das muss man halt den //mhm// Therapeuten hing– @(.)@ vorgeben und erzählen, dann sind die zufrieden, ja. Also dass da auch ein Stück weit auch viel gelogen und geschauspielert wird. Gerade wenn es eben um solche ähm Fragen geht: Abstinenz? (.) Lebenslang oder (.) ja auch nicht? Ja, also das äh und das denke ich (.) hat er (.) in Frage gestellt, um sich eben ähm auch in diesem Gespräch, das wir hier geführt haben, mir offen gesagt. […] Er hat eben jetzt nicht da eben diplomatisch, strategisch, taktisch, klug oder einfach so geschauspielert. […] Das ist oft auch eben passiert und das höre ich ja auch immer wieder von Leuten, die in Therapieeinrichtungen waren oder sind, dass viele da eben auch wirklich die Zeit nur absitzen. Das weiß man auch. (Nachinterview Frau Finke zum Gespräch mit Herrn Leipold #00:17:26–2#) Somit teilt und ratifiziert sie innerlich die Wahrnehmung von Herrn Leipold und kann den, von ihm angedeuteten Aspekt in der hier analysierten Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ auf der Basis ihres beruflich erworbenen impliziten Beziehungswissens intuitiv wahrnehmen 251 und deshalb aufgreifen. Darüber hinaus sieht sie es als ihre Aufgabe an, Konventionen des Suchthilfesystems oder verkürzte Darstellungen, die zu Fragen bei Klienten führen, weil sie sich daran reiben, zu klären und dabei ihre Möglichkeiten zu betonen. „Das sehe ich auch als meine Aufgabe an //ja//, dann eben auch bei Fragen zu erklären nicht? Oder er hat mir zum Beispiel auch ähm (.) ja diese schwierige Situation geschildert, in der er sich (.) wohl befand als er da in der Therapieeinrichtung war, wo alle dann ganz klar gesagt haben: Sie werden bis zu ihrem Lebensende, so hat er es geschildert, abstinent leben auch vom Alkohol und da hat er so für sich innerlich oftmals gedacht: Mh, kann ich das überhaupt? Will ich das überhaupt? Und dann haben wir dieses Thema auch nochmal etwas ausführlicher besprochen und da hatte ich den Eindruck, dass ihn das auch ein Stück weit erleichtert hat. #00:13:38– 3# (Nachinterview Frau Finke zum Gespräch mit Herrn Leipold) Herr Leipold hat in der Einrichtung erlebt, dass sein Bedürfnis in Bezug auf die Frage nach der Abstinenz authentisch sein zu wollen und diese kritisch zu hinterfragen dort als Verletzung des gesetzten Settings gesehen wurde (besser man sagt, was die Therapeuten hören wollen). Deshalb kann die offene, authentische Thematisierung hier in der Beratungsstelle, die auch den suchtbezogenen Hilfen zuzurechnen ist, aus seiner Sicht als bewusste Settingverletzung, vielleicht sogar als Konfrontation interpretiert werden. Die Aktivierung der Affekte im Vorfeld dieser Sequenz und das mehrmalige Nachfragen nach diesem Aspekt deuten auf eine starke innerliche Beteiligung von Herrn Leipold hin, weshalb es sich hier um eine kairosartige Konstellation in Bezug auf eine wichtige Entwicklung im Beratungsprozess handeln könnte, die von Frau Finke aufgegriffen wurde. Dieses Aufgreifen wurde in der dargestellten Sequenz von Herrn Leipold ratifiziert und kann deshalb aus seiner Perspektive als angemessen beurteilt werden, da sich hier auf einer gespürten, nicht gewussten Ebene für ihn entschieden hat, um es mit den Worten von Frau Finke zu sagen, „ob er hier richtig“ ist. Die Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ dürfte also einen wichtigen Schritt in Richtung Vertrauen gemacht haben. „Jetzt werd ich da mal anrufen“ Frau Finke: . ....(Name Einrichtung), jetzt werd ich da mal anrufen. (Tippt Nummer ein). Da ist gerade nur der Anrufbeantworter dran. (.) Und (.)(.) das müsste ich dann nochmal später probieren. ....(Name Einrichtung), probieren wir es da nochmal. (Tippt Nummer ein). (Am Telefon:) Ja, Grüß Gott. Hier ist Finke, diakonische Bezirksststelle ....(Ortsname), Außenstelle ....(Ortsname), Suchtberatung. Ich hatte mal eine Fra::ge und zwar zu dem 252 Therapiekonzept Ihres Hauses. Machen Sie auch Traumatherapie? (.) (.) //mhm// (.) (.) //mhm// (.) (.) //mhm, okay// (nennt Telefonnummer) (.) (.) (nennt Name Fachkraft) und die ist? //mhm, okay// (.) (.) Ä::h, ich hab hier jetzt gerade mal so ein eine Kurzkonzeption vorliegen. (.) (.) Das ist das, ja genau, ja, ja. (.) (.) Ach ne ....(Name Fachkraft), dann würd ich mal versuchen die jetzt noch zu erreichen. (.) (.) //mhm// Alles klar, dankeschön. Tschüss (legt auf). Versuch ich mal die grade mal diese Spezialistin zu erreichen von dieser Therapieeinrichtung Haus ....(Name Einrichtung). (Tippt Nummer). (leise) Das wäre dieses. (Am Telefon:) Ja, Grüß Gott ....(Name Fachkraft). Hier ist Finke, diakonische Bezirksstelle ....(Ortsname), Außenstelle ....(Ortsname), Suchtberatung. Hab grade von Ihrer Kollegin Ihre Durchwahl bekommen. Hier sitzt gerade ein junger Mann (.) bei mir, der ein Interesse an ner äh Drogentherapie hat, der hat grad ne Entgiftung gemacht, aber mit äh Traumatherapie dabei. (.) (.) Bieten Sie nicht an? (.) (.) //mhm, ja// (.) (.) //mhm// (.) (.) Das heißt also nach dann nach nach so ner Entwöhnungstherapie (.)(.) dann wärs sinnvoll danach die Traumatherapie zu machen //mhm//. (.) (.) //ja::// (.) (.) //mhm, mhm// (.) (.) //mhm// Ja, da scheint er wohl auch (Telefon klingelt) schon was zu haben, aber er wollte jetzt einfach sich nochmal erkundigen, deshalb ist er auch hier zum Erstgespräch in der Beratungsstelle, hier bei mir. Wegen so ner Traumabehandlung (.) (.) //mhm, ja// (.) (.) //ja// (.) (.) //ja// (.) (.) //mhm// (.) (.) //mhm// (.) (.) //mhm, mhm// (.) Okay, dann bedanke ich mich für die Auskunft. //mhm, jo// Tschüss (legt auf). Also diese Kollegin sagte eben, dass es ähm dass sie keine Traumatherapie anbieten in dem Haus. Sie sind zwar spezialisiert eben auch auf Doppeldiagnosen, das heißt eben wenn man noch andere psychische Erkrankungen hat, das weiß ich ja nicht wie das bei Ihnen jetzt aussieht, ob man da noch irgendwas diagnostiziert hat. Ne Schizophrenie:: oder was auch immer, außer jetzt ihrer (.) äh Suchtmittelabhängigkeit, äh jetzt von diesen Kräutermischungen. Äh, aber Traumatherapie empfiehlt Sie sowieso auch erst nach einer Entwöhnung. Nach ner ganz in Anführungsstrichen normalen, klassischen ähm Sucht– ä::h Drogentherapie danach dann eben diese Traumatherapie zu machen //mhm//. #00:25:41–8# Frau Finke wechselt das Thema. Sie kündigt an, in einer Reha Einrichtung anrufen zu wollen. Sie kommentiert, dass sie bei einer Nummer niemanden erreicht hat und es nun bei einer anderen Einrichtung versuchen will. Sie telefoniert erneut in Gegenwart von Herr Leipold und seiner Mutter und erkundigt sich nach den Möglichkeiten einer Traumatherapie. Aus ihren Antworten lässt sich schließen, dass der oder die Gesprächspartner_in sie weiterverweist. Frau Finke kündigt an, jetzt die „Spezialistin“ anrufen zu wollen, telefoniert weiter und wiederholt ihr Anliegen gegenüber der Person am anderen Ende der Leitung. Nach Beendigung des Telefonats wendet sie sich an Herrn Leipold und seine Mutter und berichtet, dass in diesem Haus keine Traumatherapien angeboten würden. Zwar sei man dort auf „Doppeldiagnosen“ spezialisiert, aber dies würde nur zutreffen, wenn bei ihm noch eine andere psychische Erkrankung diagnostiziert worden wäre. Sie nennt das Beispiel „Schizophrenie“. Außerdem würde die Spezialistin eine „Traumatherapie“ auch erst nach einer Therapie der Suchtmittelabhängigkeit 253 empfehlen. Somit berichtet Frau Finke wertfrei und ohne eigene Kommentierung das Ergebnis ihres Telefonates. Sie hat damit Herrn Leipold die Arbeit der Informationsbeschaffung abgenommen, ohne explizit darum gebeten worden zu sein. Dies könnte von ihm als übergriffig erlebt werden. Herr Leipold sagt dazu im Nachinterview: „ich bin mit ä::h mit mit gar keiner Erwartung reingegangen und von dem her (.)(.) hat mich dann halt einfach nur positiv überrascht, dass ja (.) dass sich Zeit für mich genommen wurde […] Ja, ich bi– ich bin eigentlich so von ner so von ner halben Stunde sag ich mal ausgegangen und nicht das ä::hm die Frau Finke ja eigentlich auch gleich so agiert u::nd selber auch auf äh auf Therapien anruft und auch dann nachfrägt, weil man es aus den Flyern nicht ähm erlesen konnte, (.) ob sie Traumatherapien machen und da hat sie sich dann gleich dahinter geklemmt und ähm wollte das dann gleich rausfinden und das fand ich halt echt gut, ja. […] Ähm. Ja, mir mirham dann ä::h irgendwo:: selber dann gesagt: Okay ä::h jetzt ist uns erstmal (.) soweit geholfen ähm. (.) Wir können ja selber daheim jetzt an–, weil sie hat ja sie hat ja gesagt ähm (.)(.) wenn man wenn man die Begriffe so und so in Google eingibt, dann äh dann findet man die ganzen Traumatherapien u::nd dann hab ich gesagt: Okay, dann ist mir jetzt soweit geholfen u::nd ä::h ich bedanke mich dafür, ja“ #00:08:49–0 # #00:10:00–9# (Nachinterview Herr Leipold zum Gespräch mit Frau Finke) Aus dieser Kommentierung von Herrn Leipold wird deutlich, dass ihn das Agieren von Frau Finke ziemlich überrascht hat. Möglicherweise handelt es sich daher um eine neue Erfahrung dahingehend, dass er nicht nur mit Worten, sondern auch tatkräftig unterstützt wird, obwohl es, wie oben im Text deutlich wurde, zunächst kein positives Ergebnis im Sinne einer konkreten Zusage einer Klinik gibt. Er hat jedoch ein Beispiel dafür bekommen, wie nach dem, was ihm wichtig ist gesucht werden kann und will die Bemühungen zu Hause fortsetzen. Insofern kann das ungefragte Telefonieren in diesem Fall im Nachhinein als Unterstützung und Aktivierung von Selbsthilfepotentialen gewertet werden. Wie diese Aktion zur Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ beigetragen hat, erklärt Herr Leipold wie folgt: „also (.) es muss halt auch einfach irgendwo die (.) Sympathie stimmen sag ich mal, […] das war eigentlich schon beim Reinkommen. […] Ja, grad dass sie halt auch ä::hm ä::h selber dann auch bei den Therapien angerufen hat und auch noch ähm //mhm// das selber versucht hat rauszukriegen, (.)(.) ob (.) die jetzt speziell Traumatherapie machen und da hat sich das Ganze eigentlich auch verstärkt #00:12:23–3#–#00:13:10–4# (Nachinterview Herr Leipold zum Gespräch mit Frau Finke) 254 Als wichtig ist hier der Aspekt zu werten, dass Frau Finke „selber“ telefoniert hat und damit Herrn Leipold von einer Aufgabe entlastet, die ihm sichtlich schwerfällt: Dies betrifft die Auseinandersetzung mit den, an die Möglichkeit zur Wahrnehmung einer psychotherapeutischen Behandlung geknüpften, schwierigen administrativen Klärungen, insbesondere wenn, wie in seinem Fall, Suchtmittelkonsum hinzukommt, der formal zum Ausschluss aus der Therapie zu führen scheint. Zusätzlich ist anzumerken, dass dieser Ausschluss zumindest fachlich fragwürdig erscheint, denn die Ergebnisse in einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2012 „weisen zweifellos auf das enge, wechselseitige Zusammenspiel zwischen Trauma, PTBS und Sucht hin. Es wird deutlich, dass es zur Unterbrechung dieses Teufelskreises nicht ausreicht, sich bei der Behandlung lediglich auf eine der Störungen zu beschränken. Hierdurch wird jedoch die seit langem weitverbreitete Praxis in Frage gestellt, Abstinenz als Voraussetzung für den Beginn der Traumaarbeit zu betrachten“(Potthast; Catani 2012, S. 231). Mutter von Herrn Leipold: Und warum dann hinterher? #00:25:43–3# Frau Finke: Weil eben erstmal äh, denk ich, ä::h der Körper und auch der @(.)@ Geist klar und nüchtern werden sollen und das man sich dann eben auch auf so äh so ein doch auch sicherlich sehr, sehr schwierigen Prozess einlassen kann und auch die nötige Stabilität dann eben auch hat ne //mhm//, zum Beispiel die Drogenfreiheit auch ne //mhm, okay//. Also das ist jetzt, die bietens jetzt eben nicht an. Hier hab ich jetzt äh niemanden erreicht, also ähm das wäre vielleicht auch zu überlegen, ob sie sowas dann hinterher möglicherweise im ambulanten (.) Setting machen. Jetzt nicht in so ne stationäre Einrichtung gehen, sondern sich nen niedergelassenen Psychotherapeuten oder Psychotherapeutin suchen da äh, die eben auch äh spezialisiert sind (.) darauf und das dann in Ruhe aufarbeiten ne //okay//. Also insofern wäre dann ....(Name Einrichtung, in die Herr Leipold von der Entgiftung aus vermittelt werden soll), wenn das jetzt sowieso schon (.) angegeben wurde oder vorgeschlagen wurde, vielleicht gar nicht so #00:26:36–3# Mutter von Herrn Leipold: Ja, aber das ist erst Ende März. #00:26:37–6# Frau Finke: Was denn Ende März? #00:26:38–8# Herr Leipold: Die haben erst wieder Aufnahme Ende März. #00:26:41–6# Frau Finke: Ja, gut. Ich meine andere Einrichtungen, da werden Sie auch Wartezeiten haben ne. #00:26:45–4# Herr Leipold: Das ist schlimm //ja//.(.) Ähm, könnte ich mir (.) den Flyer mitnehmen? #00:26:50–6# Frau Finke: Ja natürlich, klar. #00:26:52–8# Herr Leipold: Ah, das ist von der BWLV. Die BWLV kenn ich //mhm, genau, mhm//. #00:26:59–0# Mutter von Herrn Leipold: Und das sind jetzt die einzigen zwei, wo Sie haben? 255 #00:27:00–9# Frau Finke: Nein, ich hab noch mehrere, ganz klar. Aber ich könnte jetzt auch nochmal grade eben ä::hm im Internet schauen. (.)(.) (wendet sich ab– Stimme wird leiser) Aber das sind jetzt (.)(.) so mit die äh Therapieeinrichtungen, wohin wir eben unter anderem auch hin vermitteln ne.). #00:27:46–5# Tippende Geräusche und Stille im Raum ca. 1 Minute–(Frau Finke recherchiert im Internet) Die Mutter von Herrn Leipold greift den Aspekt auf, dass die “Spezialistin” gesagt habe, dass sie eher ein Nacheinander der Therapien empfehlen würde. Sie würde gern wissen, warum diese Empfehlung ausgesprochen wird. Damit fragt sie Frau Finke fachlich–inhaltlich an. Hat sie vielleicht auch hier eine andere Meinung, wie am Anfang des Gesprächs in Bezug auf die dauerhafte Abstinenz? Frau Finke antwortet in einer recht einfachen Sprache, dass der “Geist” eben auch klar sein müsse, um sich auf einen “sehr sehr schwierigen Prozess” einlassen zu können. Damit rezipiert Frau Finke die Darstellung der „Spezialistin“ und es stellt sich die Frage, warum sie sich in dieser Art äußert. Kennt sie die Untersuchungen oder teilt sie deren Schlussfolgerungen nicht? Nimmt sie die „Spezialistin“ oder das Konzept der Klinik in Schutz und möchte dieses vor den Klienten nicht als veraltet bloßstellen? Letzteres würde auf eine habituelle Verflechtung mit dieser Einrichtung hindeuten. Sie geht nicht weiter erklärend darauf ein und resümiert, dass die Einrichtung dies nun mal nicht anbieten würde. Dies klingt, als wolle sie das Thema schnell beenden und deutet implizit darauf hin, dass sie die Einschätzung der „Spezialistin“ möglicherweise nicht oder nur eingeschränkt teilt. Eine andere Lesart wäre, dass sie es als ihre Aufgabe ansieht eine solche inhaltliche Frage zu beurteilen. Erklärungsbedürftig ist in beiden Fällen, warum sie die Suche von Herrn Leipold nach einer passenden Einrichtung so engagiert unterstützt. In Bezug auf dieses Thema sagt Frau Finke im Nachinterview: „ich seh mich ein Stück weit auch als eine Dienstleisterin und wenn hier jemand herkommt und sagt: Hier ich hab die und die Probleme und möchte die und die Information oder Beratung, dann ist das erstmal (.) vorrangig (.) für mich äh, dass (.) die Ebene auf der ich kommuniziere und das kann man ja auch als eine Art (.) Beziehung durchaus sehen, aber ähm ich äh äh ja gehe nicht gleich so in die Tiefe. Auf keinen Fall. #00:09:57–7# (Nachinterview Frau Finke zum Gespräch mit Herrn Leipold und seiner Mutter) Diese Aussage wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis diese vorrangige Dienstleistungsorientierung zu der hier vor allem interessierenden 256 Fragestellung der Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ steht. Ist für eine solche Dienstleistungsorientierung aus ihrer Sicht eine Beziehung nötig oder eher nicht und wie zeigt sich das in diesem Fall? Hierauf antwortet sie: „Ja doch, natürlich schon. Ich muss mich dem Menschen ja zuwenden, ich muss ihn ernst nehmen, ich hätte ja auch gleich sagen können: Ach, das bilden sie sich ein oder irgendwie ihn abwerten oder ihm sagen können: Glaub ich jetzt nicht oder wie kommen sie drauf oder so, sondern einfach ich nehm das ja erstmal so auch an, was er mir hier sagt und was ihn eben offenbar umtreibt und das scheint offenbar dieses äh äh Erleben da in der Vergangenheit zu sein und äh äh versuche dann eben auch seinem Wunsch oder seiner Frage: Gibt es da ne Einrichtung, wo das vielleicht doch auch //mhm// zusammen behandelt werden könnte, äh da eben auch ihm Informationen zu liefern So.“ #00:10:52–0# (Nachinterview Frau Finke zum Gespräch mit Herrn Leipold und seiner Mutter) Diese Aussage präzisiert das zuvor Gesagte. Hier wird deutlicher, dass es Frau Finke in erster Linie darum geht, sich an dem “Menschen” zu orientieren, sich ihm “zuzuwenden” und ihn “ernst” zu nehmen. Dafür hinterfragt sie die, ihr angebotenen Konstruktionen nicht, sondern versucht wie in diesem Fall z. B. Antworten auf seine konkreten Fragen zu finden. Trotz dieser sehr sachlichen Orientierung räumt sie ein, dass aus ihrer Sicht trotzdem eine Beziehung notwendig erscheint. Möglicherweise führt gerade diese rein sachliche Orientierung an den Fragen und Anliegen des Klienten und nicht an einer Organisation dazu, dass dieses Verhalten von Herrn Leipold als neue Erfahrung erlebt wird und das Verhältnis zu Frau Finke als in Richtung Vertrauen gehend bewertet wird. Er muss sich keinen administrativen Vorgaben (z. B. Kostenzusage) unterordnen, sondern bekommt Unterstützung dahingehend, wie er sein Anliegen realisieren kann, auch wenn dieses für Frau Finke nicht sofort einleuchtend erscheint und sie zunächst den Eindruck gewonnen hat, dass es ihn “umtreibt”. In diesem Sinne agiert sie weiter und schlägt eine Alternative für den Fall vor, dass es nicht möglich sein sollte einen Platz für Herrn Leipold zu finden. Sie erweitert damit die Möglichkeiten. Dies geschieht nicht im Modus einer wertenden Empfehlung. Diesem Vorschlag begegnet die Mutter von Herrn Leipold mit dem Einwand, dass es ja erst Ende März sei. Diesen Einwand kann Frau Finke nicht sofort einordnen und fragt nach. Herr Leipold ergänzt, dass “die” erst Ende März wieder Aufnahme hätten. Gemeint ist wahrscheinlich die Einrichtung, in die die 257 Entgiftung vermittelt hat. Warum merkt die Mutter von Herrn Leipold dies auf den Vorschlag von Frau Finke hin an? Möchte sie ihrem Sohn bei der Realisierung seines Vorhabens helfen und reagiert deshalb fürsorglich? Oder hat sie Sorge, dass, wenn er jetzt wieder bei ihr einzieht, es zu Konflikten kommen könnte und möchte deshalb den Zeitraum des Zusammenlebens so kurz wie möglich halten? Oder ist sie mit den Rechercheergebnissen von Frau Finke nicht einverstanden und denkt, dass es noch bessere, im Sinne von schnelleren Möglichkeiten des Therapieantritts geben müsste? In all diesen Fällen scheint für sie nicht ein inhaltlicher, sondern ein zeitlicher Aspekt im Vordergrund zu stehen. Frau Finke gibt zu bedenken, dass in jedem Fall mit Wartezeiten zu rechnen sei. Sie fragt aber auch nicht nach, welche Gründe die Mutter von Frau Leipold zu dieser Reaktion veranlasst haben und bleibt damit auf der Ebene der praktischen Hilfe. Herr Leipold wirft ein, dass “das” “schlimm” sei. Es scheint, als habe er gemeint, dass die Einrichtung aus seiner Sicht erst zu spät aufnimmt. Es folgt eine Zustimmung (//ja//), die aber nicht eindeutig Frau Finke oder der Mutter von Herrn Leipold zugeordnet werden kann. In beiden Fällen bedeutet es jedoch, dass das Thema damit abgeschlossen ist. Wenn die Mutter von Herrn Leipold der Einschätzung ihres Sohnes zustimmt und beide es “schlimm” finden, wird aufgrund der Orientierung an den Bedarfen der Klienten eine weitere Suche nach Alternativen nötig. Wenn Frau Finke der Einschätzung im Sinne eines Mitgehens zustimmt, wird auch sie nach weiteren Alternativen Ausschau halten. Nach einer kurzen Pause fragt Herr Leipold, ob er “den Flyer” mitnehmen darf. Dies deutet auf eine Akzeptanz der Situation hin, dass im Moment kein Weiterkommen in dem Thema möglich zu sein scheint. Er scheint aber weiter gewillt zu sein, sein Anliegen voranzutreiben, indem er die Recherche nach Einrichtungen möglicherweise zu Hause fortsetzt, denn er möchte den Flyer “mit” nehmen. Frau Finke erteilt ihre Erlaubnis und geht nicht weiter auf das Thema ein, warum es “schlimm” ist bis Ende März warten zu müssen. Herr Leipold beginnt scheinbar in einem Flyer zu lesen und kommuniziert Bruchstücke davon nach außen. Offenbar möchte er sich mit der Suche nach weiteren Alternativen beschäftigen. Die Mutter von Herrn Leipold fragt nach, ob dies denn “die einzigen zwei” Einrichtungen seien. Frau Finke verneint dies und ergänzt, dass es die Einrichtungen seien, in die sie “unter anderem auch” vermitteln würde. Dies klingt danach, als ob sie als erstes die ihr bekannten Einrichtungen im Modus von Routine herausgesucht hätte. Sie scheint sich abzuwenden, denn 258 die Stimme wird leiser. Für eine Minute wird nicht gesprochen und es sind nur tippende Geräusche zu hören. Frau Finke scheint weiter im Internet zu recherchieren. Damit wiederholt sich das Muster, dass sie sich weiter an den Wünschen von Herrn Leipold und seiner Mutter orientiert, auch wenn sich ihr die Logik dieser subjektiven Wunschkonstruktion möglicherweise nicht ganz erschließt. Gleichzeitig inszeniert sie Verlässlichkeit in einer Situation, die Herr Leipold „schlimm“ findet. Dies kommuniziert sie nicht verbal, zeigt es jedoch durch ihr Handeln. „Genau die [Information] haben wir ja jetzt“ Frau Finke: Dass Sie da vielleicht einfach nochmal gucken. AHG (.) Kliniken und ähm (.) dann wäre jetzt die Frage, da ja schon äh in ....(Ortsname) eben (.) eigentlich Ihre zuständige Suchtberaterin für Sie tätig geworden ist, ob die das dann (.) weitermachen ja //mhm// oder ob Sie sagen, ob die dann sagen: Ne, das machen wir jetzt nicht. Wir haben das angeleiert und jetzt sieh zu. Aber eigentlich denk ich ist das ja eher deren Zuständigkeitsbereich Sie da weiter zu beraten //mhm//, wenn Sie jetzt spezielle Wünsche haben, wie jetzt zum Beispiel eben sone Traumatherapie machen zu wollen. (.) U::nd ähm wenn das jetzt aber aus welchen Gründen auch immer nicht klappen sollte, können Sie sich ja gerne wieder (.) hierher wenden und dann bräuchte ich aber eben auch ähm die Unterlagen, die Sie bisher dann mit der Kollegin //genau// hatten und dann müsste man dann hier vielleicht einfach die ganze Sache (.) in Gang bringen //ja// oder noch eventuell ne Umwidmung äh anleiten oder was auch immer / mhm, okay //. So wie ich Sie verstanden hab sind Sie erstmal hierher gekommen um ne Information zu bekommen. #00:37:30–9# Herr Leipold: Genau, die haben wir ja jetzt. #00:37:31–6# Frau Finke: Und die haben Sie jetzt gekriegt //genau// nach einigen Versuchen und ähm ja jetzt würde ich einfach sagen, dass Sie damit erstmal weiter gucken //genau// und sich dann gegebenenfalls gerne wieder hierher wenden dürfen //genau//. #00:37:42–8# Diese Sequenz wird von Frau Finke eröffnet, indem sie wiederholt, dass „Sie“, gemeint sind möglicherweise Herr Leipold und seine Mutter, jetzt selbst noch einmal schauen sollen. Ihr Angebot, dass sie noch einmal telefonieren will, wiederholt sie nicht. Sie spricht ein anderes, für sie noch offenes Thema an und fragt, ob die „eigentlich zuständige Suchtberaterin“ „das“ „weitermachen“ würde. Damit knüpft sie inhaltlich an das Thema vom Anfang des Gesprächs an, als es darum ging formal administrative Fragen der Beantragung der Kosten für die Behandlung zu klären. Offenbar fühlt sie sich nicht primär für diesen Teil zuständig, sondern ordnet ihn der Sozialberatung in der Entgiftungsklinik zu, aus der Herr Leipold am Tag zuvor entlassen wurde. Gleich- 259 zeitig antizipiert sie die Möglichkeit, dass dies von dort nicht übernommen werden könnte („wenn die jetzt sagen, sieh zu“). Dieses Vorgehen scheint sie nicht zu überraschen, wenngleich sie explizit betont, dass sie den administrativen Teil in deren Verantwortung sieht, wenn sie schon den informativ–inhaltlichen Teil erledigt hat. Obwohl sie sich formal nicht zuständig sieht, bietet sie an, dass Herr Leipold sich wieder an sie wenden kann, wenn er dies für nötig hält. Gleichzeitig nennt sie Rahmenbedingungen dafür, dass weitere Kontakte stattfinden können, um den Prozess fortzusetzen. Sie braucht alle formalen Unterlagen. Sie fährt damit fort, dass sie ihn verstanden hat, dass aber das primäre Anliegen, Informationen zu erhalten für sie damit beendet ist. Diese Sichtweise wird von Herrn Leipold ratifiziert und auch nochmal von Frau Finke bestätigt. Sie schlägt vor, dass „sie“, gemeint sind möglicherweise Herr Leipold und seine Mutter, jetzt erstmal zu Hause schauen sollen. Sie wiederholt ihr Angebot, dass man sich dann wieder an sie wenden dürfe. Dies betont die Möglichkeitsform des Angebotes im Sinne einer autonomen Entscheidung und delegiert die Verantwortung dafür, dieses Angebot auch anzunehmen, an Herrn Leipold. Dieser Redebeitrag wird von Herrn Leipold mit zustimmenden Hörersignalen begleitet. Offenbar ist er zufrieden mit dem Erreichten. Mutter von Herrn Leipold: Können Sie mir vielleicht von Ihnen ein Kärtchen #00:37:44–2# Frau Finke: Kärtchen? Hab ich. #00:37:45–6# Mutter von Herrn Leipold: Das wäre super //genau//. #00:37:48–6# Frau Finke: Bitteschön. #00:37:48–7# Mutter von Herrn Leipold: Ok, dankeschön. #00:37:49–6# Herr Leipold: Wunderbar. #00:37:50–2# Die Mutter von Herr Leipold fragt, ob sie vielleicht ein „Kärtchen“, gemeint ist wahrscheinlich eine Visitenkarte mit den Kontaktdaten von Frau Finke erhalten kann. Diesen Satz bringt sie aber nicht zu Ende, es fehlt das Wort „geben“. Andere mögliche Ergänzungen wie „zeigen“, „malen“ oder ähnliches machen an dieser Stelle keinen Sinn. Sie möchte die Kontaktdaten zu Frau Finke sichern. Plant sie ein Wiederkommen bereits ein? Dies scheint sie anders zu sehen als ihr Sohn, der erstmal mit dem Erreichten zufrieden zu sein scheint. Auch Frau Finke scheint überrascht. Hat sie damit nicht gerechnet? Sie bestätigt, dass sie ein solches Kärtchen hat, scheint es aber nicht sofort auszuhändigen, denn die Mutter von Herrn Leipold hakt nach und wiederholt, dass es super wäre. Frau Finke scheint das Kärtchen auszuhändigen, denn die Mutter 260 von Herrn Leipold bedankt sich. Herr Leipold findet das wunderbar. Er scheint immer noch zufrieden zu sein. Hier deutet sich ein weiterer Aspekt der Rolle von Herrn Leipolds Mutter an. Sie passt nicht nur auf, dass alles richtig verstanden wird, fragt im Zweifelsfall nach und hilft bei Übersetzungen, sie sichert auch die Nachhaltigkeit, falls die Dinge nicht so laufen, wie ihr Sohn sich das vorstellt. Mutter von Herrn Leipold: Stehen da auch die Zeiten oder sind Sie immer erreichbar? #00:37:53–7# Frau Finke: Ähm ja, immer jetzt natürlich nicht. Aber ich bin //achso// ähm äh schon äh #00:37:57–1# Mutter von Herrn Leipold: Tagsüber? #00:37:57–5# Frau Finke: von montags bis freitags, außer mittwochs, da bin ich meistens äh außerhalb //okay// tätig //okay//. Und sonst gibt’s nen Anrufbeantworter, der läuft oder Sie schreiben //okay// mir ne E–Mail //okay, okay//. #00:38:07–9# Mutter von Herrn Leipold: Alles klar. #00:38:08–5# Herr Leipold: Wunderbar. #00:38:09–0# Frau Finke: Ja, gut. #00:38:09–9# Herr Leipold: Dann bedank ich mich. #00:38:10–4# Frau Finke: Ja gerne. #00:38:10–6# Mutter von Herrn Leipold: Vielen Dank für die Beratung. #00:38:13–0# Frau Finke: Wiedersehen, auf Wiedersehen. #00:38:13–2# Herr Leipold: Auf Wiedersehen . Die Mutter von Frau Leipold scheint die Visitenkarte kurz zu lesen und fragt nach, ob da auch Zeiten ständen oder ob Frau Finke immer erreichbar sei. Frau Finke ist irritiert: „Immer jetzt natürlich nicht“. Während sie sich noch sammelt, fragt die Mutter von Herrn Leipold erneut nach (“tagsüber?“). Denkt sie, dass Frau Finke auch nachts erreichbar sei? Hier zeigt sich erneut, dass die Mutter von Herrn Leipold nicht oder nur wenig mit Konventionen, z. B. mit „Bürozeiten“, vertraut zu sein scheint. Oder setzt sie hier mit ihrem möglicherweise gespielten Unwissen eine Provokation, um damit auf die Selbstverständlichkeit aufmerksam zu machen, mit der Konventionen als bekannt vorausgesetzt werden? Eine andere Lesart wäre, dass sie ganz sicher gehen will, dass sie Frau Finke im Falle eines Bedarfes erreichen kann. Wenn dies so wäre, so würde es bedeuten, dass sie auf jeden Fall davon ausgeht, dass ein weiterer Kontakt nötig wird, was auf Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten ihres Sohnes, die Dinge selbst zu regeln, hindeuten könnte, auch wenn er sich selbständig und motiviert zeigt. Oder es deutet auf ein 261 Misstrauen gegenüber administrativen Stellen hin, die im Falle auftretender Schwierigkeiten durch Nichterreichbarkeit glänzen und dann so tun, als ob man davon hätte wissen müssen. Auf all diese möglichen Aspekte geht Frau Finke nicht ein und expliziert sachlich die Möglichkeiten, wie sie für einen Kontakt erreicht werden kann. Frau Leipold zeigt ein Verstehen an („alles klar“). Herr Leipold findet es wieder „wunderbar“. Was genau er damit meint, wird nicht klar. Vielleicht, dass seine Mutter daran gedacht hat, sich ein Kärtchen geben zu lassen, oder dass Frau Finke signalisiert hat, wie genau sie erreicht werden kann. Frau Finke zeigt an, dass für sie das Thema „Erreichbarkeit“ damit beendet ist. Herr Leipold bedankt sich und Frau Finke antwortet mit einer Höflichkeitsfloskel. Nun bedankt sich auch die Mutter von Herrn Leipold explizit für „die Beratung“. Offenbar legen beide Wert auf anerkennende Höflichkeitsformeln oder sie meinen es Ernst und haben die Beratung als hilfreich erlebt und wollen ihre Dankbarkeit explizit zum Ausdruck bringen. Frau Finke scheint damit nicht gerechnet zu haben und hatte schon zu einem formellen Abschiedsgruß angesetzt, der von Herrn Leipold erwidert wird. Danach wird das Aufnahmegerät abgeschaltet. Die Abschiedsszene enthält nochmal eine Musterwiederholung, bei der die Mutter von Herrn Leipold scheinbar Selbstverständlichkeiten explizit nachfragt und damit bei Frau Finke für Irritation sorgt. Frau Finke thematisiert diese Irritation aber nicht, sondern beantwortet die gestellte Frage sachlich. Inhaltlich deutet die Nachfrage der Mutter von Herrn Leipold darauf hin, dass sie, trotz eines möglicherweise habituellen Misstrauens gegenüber Formalem, einzuplanen scheint, erneut den Kontakt zu Frau Finke zu suchen, obwohl das Anliegen, mit dem Herr Leipold in die Beratungsstelle gekommen ist, abgearbeitet zu sein scheint. Ob dies als eine Bewertung der Beziehung in Richtung Vertrauen gedeutet werden kann, ist nicht ganz eindeutig. Es könnte aber so sein, da sie von sich aus und in einer Situation nach einer Karte gefragt hat, in der Frau Finke schon signalisiert hatte, dass das angefragte Anliegen für sie beendet sei. 7.5.3 Lesarten des Falles in Bezug auf die Fragestellung Die „Arbeitsbeziehung“ von Frau Finke und Herrn Leipold ist von Anfang an, zumindest ausgehend dem Klienten, von, wie er sagt, „Sympathie” geprägt. Während des Gesprächs selbst werden nur wenige Af- 262 fekte sichtbar. Eine Ausnahme bildet in der Anfangsphase des Gesprächs eine Situation, in der Herr Leipold von der Erfahrung in einer früheren Rehabilitationsmaßnahme berichtet. Diese habe er nach eigener Aussage auch deswegen abgebrochen, weil er mit der dort explizierten Forderung nach „lebenslanger Abstinenz von allen Suchtmitteln“ nicht zurechtgekommen sei. Ein angemessenes Aufgreifen einer kairosartigen Konstellation in Bezug auf eine wichtige Entwicklung im Beratungsprozess kommt zustande, als Frau Finke auch bei mehrfacher Nachfrage Verständnis für seine Haltung zeigt und diese erklärend differenziert, sodass eine Integration seiner Einstellung und der der Einrichtung denkbar wird. Dies geschieht authentisch auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen in diesem Feld und markiert für Herrn Leipold eine erste Gegenerfahrung zu seinen Erlebnissen, die eher auf einer Konfrontation mit dieser Sichtweise beruhte. Eine weitere Gegenerfahrung ist die Inszenierung von Verlässlichkeit, als Frau Finke es nicht bei einem Gespräch über das Anliegen von Herrn Leipold belässt, sondern sich aktiv und emsig im Beisein des Klienten und seiner Mutter auf die Suche nach einer passenden Einrichtung macht. Dabei nimmt sie konkretisierende Klärungen selbst telefonisch vor und überlässt diese nicht Herrn Leipold. Hier verstärkt sich, obwohl Frau Finke inhaltlich zunächst nicht erfolgreich ist, nach Aussage von Herrn Leipold die „Sympathie“, weshalb die Situation als eine Verstetigung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen gedeutet werden kann. Die Bewährung des Vertrauens geschieht, weil Frau Finke Herrn Leipold damit von der Herausforderung der, vom Feld der suchtbezogenen Hilfen geforderten formalen Vorklärungen zur Realisierung seines Anliegens entlastet, da es ihm selbst nicht leicht fällt, die Komplexität der Voraussetzungen und Implikationen des Systems zu durchschauen. Auch dies zeigt sich als Differenzerfahrung zu seinen Erlebnissen einer formal administrativen Vermittlung in der Entgiftung, die nicht das gewünschte Ergebnis brachte und bei der er mit der Korrektur dieses Ergebnisses allein gelassen wurde, weil die Fachkraft dort sich nicht als dafür zuständig ansah. Am Ende des Gesprächs scheint das Anliegen geklärt zu sein, Frau Finke spricht jedoch im Modus von Routine das Angebot zur Weiterarbeit aus. Kurz vor der Verabschiedung zeigt sich die Mutter von Herrn Leipold an diesem Angebot interessiert und möchte eine Visitenkarte mitnehmen, während Herr Leipold zunächst zufrieden ist und nun selbst weiter aktiv sein möchte. Somit hat sich nicht nur eine „Arbeitsbeziehung“ zu Herrn Leipold, sondern auch zu seiner Mutter entwickelt, die bis dahin zwar am Gespräch teilgenommen, sich inhaltlich aber zurückgehalten und eher im Modus von tendenziellem Misstrauen 263 vor allem an Stellen kleinteilig nachgefragt hatte, bei denen es um die tatsächliche Realisierung des Anliegens ging. In dem hier dargestellten Gespräch lassen sich verschiede Elemente finden, die die Entwicklung der „Arbeitsbeziehung“ beeinflussen. Durch die genaue Nachfrage von scheinbaren Selbstverständlichkeiten der suchtbezogenen Hilfen („Kostenzusage“, „lebenslange Abstinenz“, Nachordnung von Suchttherapie und Traumatherapie, „immer erreichbar?“), werden Einstellungen und habituelle Verfahrensweisen des Suchthilfesystems, Konventionen, aber auch administrative Zumutungen sichtbar. Die Nachfragen sorgen zunächst für Irritationen bei Frau Finke, die sie aber nicht als Konfrontation thematisiert, sondern sachlich beantwortet. Dies geschieht auf der Basis ihrer beruflichen Einstellung, denn sie sieht es explizit als ihre Aufgabe an, hier zur Klärung und Unterstützung der Realisierung der Anliegen des Klienten beizutragen, auch wenn die Organisationsstrukturen und Konventionen des Feldes dieses zunächst nicht nahezulegen scheinen. Wichtig für die Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen war es dabei, die aufgetretenen Diskrepanzen und Klärungen, die sich aus der subjektiven Perspektive des Klienten ergeben haben, wahr– und ernst zu nehmen und angemessen und passgenau im Modus von Kooperation und nicht im Modus von Konfrontation auf diese einzugehen. Dies stellte zumindest für Herrn Leipold eine neue Erfahrung in Bezug auf das Suchthilfesystem dar. Die Verstetigung der „Arbeitsbeziehung“ in Richtung Vertrauen bei Herrn Leipold und die Entwicklung hin zu Vertrauen bei seiner Mutter führte dann konkret dazu, dass ein möglicherweise habituell erfolgtes Angebot zu weiteren Gesprächen bei Bedarf ernsthaft in Betracht gezogen wurde, obwohl das angefragte Anliegen explizit als abgearbeitet eingeordnet wurde. Auf Nachfrage sechs Wochen nach dem Gespräch teilte Frau Finke mit, dass Herr Leipold und seine Mutter noch mehrfach den Kontakt gesucht hatten und sie die gewünschte Umschreibung in eine Rehaklinik mit Traumatherapie vorgenommen hat. Dies gelang allerdings nicht in der zunächst gewünschten Klinik, da diese keinen Behandlungsvertrag mit dem, für Herrn Leipold zuständigen Kostenträger hatte. Die Einrichtung, in der er die Therapie abgebrochen hatte, bietet aber auch Traumatherapie an. Hierfür habe er eine Kostenzusage erhalten und sei nach der Aussage von Frau Finke bereit, es dort nochmal zu versuchen. 264 Somit kann geschlussfolgert werden, dass es durch die Aufnahme und Entwicklung einer „Arbeitsbeziehung“, verstanden als subjektive Bewertung derselben in Richtung Vertrauen, für den Klienten möglich wurde, sich mit den Implikationen der Angebotsstruktur der Suchthilfe vertiefender auseinander zu setzen, seine Selbsthilfepotentiale zu aktivieren und letztlich auch die Motivation zu entwickeln, sich einen, für ihn realisierbar erscheinenden Weg zu suchen. Dieses Vertrauen bezog sich auf die realistisch zu erwartende Unterstützung von Frau Finke in ihrer beruflichen Rolle bei der Realisierung seines Anliegens.

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Zusammenfassung

Dem Entstehen einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung zwischen Klient_innen und Fachkräften der Sozialen Arbeit wird insbesondere im Kontext sogenannter Erstgespräche in Suchtberatungsstellen eine hohe Bedeutung beigemessen. Trotz seiner vermuteten Wichtigkeit wurde dieses Postulat bisher nicht empirisch plausibilisiert. Die hier vorgelegte Dissertation untersucht daher Aufzeichnungen realer Erstgespräche in Suchtberatungsstellen. Ziel ist es, begrifflich zu klären, was genau unter einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung verstanden werden kann, ab wann eine Arbeitsbeziehung entsteht und welche Faktoren den Entstehungsprozess beeinflussen. Das Ergebnis dieser qualitativen Untersuchung zeigt, dass die sozialpolitischen Bedingungen, unter denen die fachliche Leistung Suchtberatung erbracht wird, die Definition des Konstruktes Sucht und die Fähigkeit der Fachkräfte, diese Bedingungen im Klient_innenkontakt zu neutralisieren, Einfluss darauf nehmen, ob sich eine eher vertrauensvolle oder eine eher misstrauische Arbeitsbeziehung im Kontext von Suchtberatung entwickelt. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Annahme weiterführender Hilfen.