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5 Zwischenfazit und Konkretisierung der Fragestellung in:

Rita Hansjürgens

In Kontakt kommen, page 75 - 83

Analyse der Entstehung einer Arbeitsbeziehung in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4152-9, ISBN online: 978-3-8288-7011-6, https://doi.org/10.5771/9783828870116-75

Tectum, Baden-Baden
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75 5 Zwischenfazit und Konkretisierung der Fragestellung Im Rahmen dieses Zwischenfazits sollen die bisherigen Schritte und Ergebnisse der Analysen zunächst zusammenfassend reformuliert werden, um im Anschluss daran durch Formulierung von Fragen, die an das Datenmaterial herangetragen werden, das Forschungsanliegen zu konkretisieren. Dieses besteht in der empirischen Plausibilisierung bisher lediglich auf Erfahrungen basierender Einschätzungen zur Bedeutung einer Beziehungsentwicklung schon im Erstgespräch in Suchtberatungsstellen für die Entwicklung einer Hilfebeziehung. Um sich diesem Anliegen zu nähern, wurden in einem ersten Schritt empirische Untersuchungen gesichtet, die Aspekte von „Beratung“, „Beziehung“, oder „Erstgesprächen“ in Kontexten Sozialer Arbeit und / oder Suchthilfe zum Thema hatten. Im Rahmen der Aufarbeitung des Forschungsstandes wurden Arbeiten gesichtet, die einen explizit empirischen methodologischen Zugang haben und sich thematisch mit Beratung und Beziehung in sozialarbeiterischen Handlungsfeldern (Schäfter 2010) im Allgemeinen, im Feld ambulanter Suchthilfe im Besonderen (Peters 2014), mit Vertrauen als spezifisches Konstrukt sozialarbeiterischen Handelns im Allgemeinen (Arnold 2009) und in einem Feld von Suchthilfe im Besonderen (Cleppien 2012) sowie mit dem Thema „Erstgespräche“ im Feld der stationären Erwachsenenpsychiatrie (Wyssen–Kaufmann 2015) und im Feld eines ambulanten Krisendienstes (Freikamp 2012) befassen. Alle diese Untersuchungen weisen hinsichtlich des Forschungsanliegens sowohl Nähen, aber auch deutliche Differenzen auf. Diese lagen im Wesentlichen darin, dass zwar spezifische Konstrukte wie „Beratung“, „Vertrauen“, „Anamnese“ oder „Erstgespräch“ im Fokus des empirischen Teils der Untersuchung standen, diese aber eher in einem hypothesenprüfenden Verfahren mit konkretem Handeln von Professionellen abgeglichen und ggf. die theoretischen Grundlegungen erweitert wurden. In allen Fällen wurde die Bedeutung einer vertrauensvollen Beziehung zwar theoretisch postuliert, in keinem Fall aber die konkrete Entstehung einer Beziehung empirisch rekonstruiert. Insbesondere Arnold (2009), Cleppien (2012), Peters (2014) und Freikamp (2012) betonen die Bedeutung der Einbindung der Interaktion zwischen Fachkraft und Klient_in in strukturelle Gegebenheiten, die als „vertrauenshemmend“ (Arnold 2009, S. 183) gesehen werden könnten. 76 Für das Feld der Suchthilfe konstatiert Peters (2014, S. 80), dass Klienten des von ihm untersuchten ambulanten Beratungsdienstes therapeutisch ausgerichteten Maßnahmen im Sinne einer „Behandlung“ misstrauisch gegenüberständen. Cleppien (2012, S. 62) unterstellt Akteuren in dem von ihm betrachteten Setting (Familienberatung für exzessiv Medien konsumierende Jugendliche) gegenüber den Aussagen von Klienten gar eine feldbedingte „Hermeneutik des Misstrauens“. Interessanterweise postuliert jedoch Peters (2014, S. 77), dass insbesondere ein „sozialpädagogischer Zugang“ in dieser Konstellation hilfreich sei, um Misstrauen zu überwinden. Jedoch wird dies von ihm nicht empirisch konkretisiert oder plausibilisiert. Daher wurde hier ein Desiderat der empirischen Datenlage konstatiert. Diese reicht daher nicht aus, um eindeutige Antworten auf die Frage, wie sich eine Beziehung zwischen Fachkräften der Sozialen Arbeit und ihren Klient_innen in Suchtberatungsstellen entwickelt, geben zu können. Deutlich wurde aber auch die Notwendigkeit, die genauere Kontextualisierung des Handlungsfeldes und seine Implikationen näher zu betrachten, um die Entstehung einer Beziehung und ihre Bedingungen besser erfassen zu können und sich der Konkretisierung des Forschungsanliegens weiter zu nähern. Daher wurde in einem nächsten Schritt dieses spezifische Handlungsfeld kontextualisiert. In den Blick genommen wurden dabei das Konstrukt Sucht und seine Verortung im Hilfekontext, die Organisation suchtbezogener Hilfen und die Spezifikation, was Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen ausmacht. Sucht gilt in der Gesellschaft als ein ambivalent wahrgenommenes Konstrukt. Hierbei handelt es sich um eine alte Debatte, die zwischen zwei als zentral bewerteten Modellen oszilliert: Moralisches Modell: Im Falle eines „Nicht–Maß–halten–Könnens“ wird die Verantwortung für sein Verhalten dem Individuum zugeschrieben. Dies birgt die Gefahr, dass es dafür von Exklusion aus gesellschaftlichen Teilsystemen bedroht ist. Krankheitsmodell: Das Verhalten wird als Teil einer Krankheit gesehen, enthält aber auch die Implikationen einer sozial zugeschriebenen Krankenrolle (das Bedürfnis nach Hilfe haben zu müssen, sich in ein Behandlungssystem einzufinden und für die Dauer der Erkrankung der Autorität der Behandler untergeordnet zu sein). Dies enthält die Gefahr der Parentifizierung. 77 In der Suchhilfe (Suchtberatungen, ambulante und stationäre Behandlungsstellen) in Deutschland hat sich ein sog. kompensatorisches Krankheitsmodell durchgesetzt, bei dem Betroffenen keine Verantwortung für die Entstehung der Suchterkrankung zugeschrieben wird, wohl aber für das Aufsuchen von Hilfe (Kemper 2008, S. 214, Bauer 2013, S. 182 f.). Darüber hinaus ist das Konstrukt Sucht grundsätzlich als soziales und als gesundheitliches Problem anerkannt. Im Unterschied zur Suchthilfe ist in der Bevölkerung das moralische Modell weit verbreitet. Da in Deutschland ca. 4,76 Millionen Menschen (ohne Tabakkonsumierende)36 als direkt von Sucht betroffen eingeschätzt werden (Bundesgesundheitsministerium 2016), ist davon auszugehen, dass viele Menschen, über lebensgeschichtliche Erfahrungen im Umgang mit diesem Konstrukt verfügen. Hinzu kommen noch die Personen, die durch eine Sozialbeziehung mit einer sog. „suchtkranken Person“ verbunden sind und dementsprechend auch über entsprechende Erfahrungen verfügen dürften. Dies bedeutet, dass von einer mehrdeutigen Sichtweise auf das Konstrukt „Sucht“ auszugehen ist, dessen unterschiedliche Deutung sich auch auf die Entwicklung einer Beziehung auswirken könnte. Der Zugang für Betroffene zum System der sozialen Sicherung in Form von sozialversicherungsrechtlichen Leistungen wurde 1968 durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts geebnet, nach dem das Konstrukt Sucht die Merkmale einer Krankheit erfülle. Die Finanzierung eines erheblichen Teils des heute sehr ausdifferenzierten Systems der Suchthilfe fußt auf diesem Urteil. Dennoch bleibt die Diskrepanz zwischen der Zuschreibung in der Bevölkerung und im Suchthilfesystem bis heute. Beide Zuschreibungen haben Vor– und Nachteile für die Betroffenen. Dies begründet die Ambivalenz bei der Suche und Annahme von Hilfe, welche in Bezug auf Süchtige beschrieben wird. Diese Ambivalenz kann jedoch dazu führen, dass Hilfe erst spät unter dem wahrgenommenen Druck von drohender Exklusion aus bestimmten Lebensbereichen gesucht wird. Dies begründet einen häufig in Suchtberatungsstellen wahrgenommen sog. „Zwangskontext“, bei dem die Betroffenen von anderen Personen mehr oder weniger massiv gedrängt werden, Hilfe zu suchen. Ambivalenz und Zwangskontext jedoch führen dazu, dass die, als konstitutiv beschriebene Behandlungsbereit- 36 Werden Tabakkonsumierende mit einbezogen, stiege die Zahl auf 19,5 Millionen Menschen. 78 schaft (Adherence) zu einer Suchtbehandlung nicht vorausgesetzt werden kann, sondern erst gemeinsam mit dem / der Klient_in hervorgebracht werden muss. Suchtberatungsstellen sind Teil des Suchthilfesystems in Deutschland. Im Unterschied zu behandelnden Hilfeangeboten (obwohl diese auch manchmal in Suchtberatungsstellen angesiedelt sind) sind sie nicht im Kontext sozialversicherungsrechtlicher Leistungen, sondern im Rahmen von kommunaler Daseinsvorsorge und in ihrer heutigen Ausdifferenzierung dort als sog. freiwillige Leistung angesiedelt. Da die dort zu Grunde liegende gesetzliche Norm einen großen Interpretationsspielraum lässt, sind die einzelnen Angebote regional unterschiedlich und deshalb wenig vergleichbar organisiert und finanziert. Im Rahmen des Gesamtsystems der Suchthilfe wird Suchtberatungsstellen zum einen grundsätzlich die Aufgabe der Vermeidung von Zwangsunterbringungen aufgrund von psychischer Erkrankung (zu der hier Sucht gezählt wird) und zum anderen die Zuarbeit zu im medizinischen Sinn behandelnden Maßnahmen zugeordnet. Leistungsbeschreibungen und Richtlinien in diesem Kontext beschreiben „Beratung“ und „Vermittlung“ als Kernaufgabe von Suchtberatung. „Beratung“ in diesem Kontext bezieht sich auf „Beratung“ dahingehend, welche Behandlungsmaßnahme eingeleitet werden soll und „Vermittlung“ auf die damit verbundene, sozialrechtlich vorgeschriebene und aus Qualitätsüberlegungen der Kostenträger heraus geforderten Antragstellung. Historisch gewachsene Verstrickungen auf sozialpolitischer Ebene wirken sich möglicherweise implizit auf die Arbeit der Fachkräfte in Suchtberatungsstellen aus. Geht man von dem, durch die Rentenversicherung vorgeschriebenen Verfahrensablauf aus, wird ihnen u. a. als fachlicher Standard nicht nur eine formale, sondern auch eine qualifizierte Vermittlung von Klient_innen in Angebote der Rehabilitation zugeschrieben. Diese, bei sachgerechter Ausführung für die Annahme von Hilfe wahrscheinlich wichtige Tätigkeit, wird jedoch von dem Träger der Rehabilitation explizit nicht gegenfinanziert, obwohl dadurch eine Bindung von Mitarbeiter_innen an Suchtberatungsstellen notwendig ist. Dies bedeutet implizit, dass die Kosten hierfür, an die Kommunen ausgelagert werden, die dies jedoch nur auf „freiwilliger“ Ebene legitimieren können. Durch den Wechsel der Verwaltungsrationalität (Prinzip der Kostendeckung) hin zu einer ökonomischen Rationalität (Prinzip der Steuerung durch Leistungsverträge) können die Kommunen 79 den Kostendruck an die Organisation, hier an die Suchtberatungsstellen, weitergeben. Diese Gemengelage verschärft sich noch, wenn Suchtberatungsstellen eigene Angebote von Rehabilitation oder Nachsorge in den Organisationen realisieren und hierfür Mitarbeiter_innen gebunden haben. Dies geschieht, um eine Strukturvorgabe der Rentenversicherungen zu erfüllen, die aber explizit ebenfalls nicht von dieser gegenfinanziert wird, sondern deren Kosten indirekt damit ebenfalls an die Kommunen weitergegeben werden. Es kann somit vermutet werden, dass der Kostendruck von den Organisationen über die Fachkräfte letztlich implizit an Klient_innen weitergegeben wird, indem dieser sich möglicherweise auf die fachliche Arbeit und somit auch auf die Entwicklung einer Beziehung auswirkt. Fachkräfte der Sozialen Arbeit stellen mit 62 % der Mitarbeiter_innen die größte Berufsgruppe der Beschäftigten in Suchtberatungsstellen, weshalb aus dieser Perspektive von einer dementsprechenden Prägung der Handlungen als spezifisch sozialarbeiterisch ausgegangen werden kann oder könnte. In einer früheren Untersuchung (Hansjürgens 2013) wurden Selbstbeschreibungen der Tätigkeiten in Suchtberatungsstellen mit Fachkräften erhoben. Die Fachkräfte beschrieben, dass sie das genaue Kennenlernen des Falls und der Person des/ der Hilfesuchenden als ihre wichtigste Aufgabe betrachten. Diese Auffassung wurde im Rahmen der damaligen Untersuchung dann mit Hilfe des sensibilisierenden Konzepts der sog. „multiperspektivischen Fallarbeit“ (Müller 2012, S. 57 ff.) rekonstruiert, woraus wiederum abgeleitet wurde, dass eine spezifische Form des Fallverständnissens die Spezifität Sozialer Arbeit in Suchtberatungsstellen darstellt und nach Aussage der Fachkräfte die Grundlage für alle weiteren Aktivitäten und Hilfeangebote bildet. Konzeptionell wurde dieses in Anlehnung an das o. g. Konzept der „multiperspektivischen Fallarbeit“ als „multiperspektivisches Fallverstehen“ eingeordnet. Die anderen Dimensionen der Fallarbeit in dieser konzeptionellen Perspektive (diagnostische Einordnung, sog. „Fall von“ und Überlegungen zur Verweisung an andere Hilfesysteme au- ßerhalb der eigenen Zuständigkeit, sog. „Fall für“) wurden diesem nach Aussage der Fachkräfte untergeordnet. Über diese Konzeptualisierung von Sozialer Arbeit in Suchtberatungsstellen konnte eine inhaltliche Verbindung dieser Tätigkeit zu älteren und neueren erfahrungsbasierten Beschreibungen von Erstgesprächen in Suchtberatungsstellen gezogen werden. Dieser Beginn der Hilfe 80 wurde auf der Basis von Erfahrungswerten als bedeutsam für den weiteren Verlauf der Annahme von Hilfe eingeschätzt, da der sog. „Beziehungsaufbau“ explizit im Erstgespräch verortet und ebenfalls als Grundlage für alle weiteren Tätigkeiten in einem weiterführenden Hilfekontext betrachtet wurde. Daher kann aus diesen erfahrungsbezogenen Beschreibungen geschlussfolgert werden, dass die Entwicklung einer Beziehung den Beginn eines Prozesses darstellt, der als sog. „Arbeitsbogen“ (Feindt; Broszio 2008, S. o. Z.) konzeptualisiert werden, dessen Begrifflichkeit und Bedeutung aber in Bezug auf eine sog. „Arbeitsbeziehung“ noch nicht klar beschrieben werden kann. Da das hier vorgestellte Forschungsprojekt auf den Aspekt der Beziehungsentwicklung fokussiert, wurden in einem weiteren Schritt Konzeptionierungen zur Entwicklung von Beziehungen unter besonderer Berücksichtigung von sog. „Arbeitsbeziehungen“ gesichtet und auf ihre Relevanz hin untersucht. Ein bisher im Rahmen von Sozialer Arbeit rezipiertes Konzept zur Gestaltung professionalisierter Beziehungen von Fachkräften Sozialer Arbeit und ihren Klient_innen, das sog. „Arbeitsbündnis“ (Oevermann 2009, S. 113), postuliert in Bezug auf Parsons eine „widersprüchliche Einheit zwischen diffuser und spezifischer Sozialbeziehung“ (Oevermann 2009, S. 117) und markiert damit einen Unterschied zwischen Beziehungen innerhalb und außerhalb eines beruflichen Kontextes. Diese spezielle Art einer Beziehung erscheint ihm auf der Basis der von ihm markierten Strukturprobleme notwendig, um im Hilfemodus einer stellvertretenden Krisenbewältigung (Oevermann 2009, S. 113) eine Unterstützung zu ermöglichen, die die sehr individuellen Probleme von Klient_innen angemessen bearbeitet. Das Arbeitsbündnis wird nach Oevermann explizit auf Basis methodisierten Wissens von den Fachkräften „hergestellt“ und beruht auf der Kunst des angemessenen Umgangs mit den dafür zentralen Interaktionsmodi von sog. „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ (Oevermann 2009, S. 122 ff.). Ein zentrales Problem stellt in dieser Perspektive die von ihm angenommene, in der Regel im Kontext von Sozialer Arbeit nicht oder nur eingeschränkt gegebene Freiwilligkeit und die Eingebundenheit der Erbringung der Leistung in eine staatlich alimentierte Organisation dar. Daher erscheint fraglich, in welchem Rahmen in einem Setting von Suchtberatung, das wie dargestellt in einem durch das Konstrukt Sucht und dessen Konzeptionierung als Krankheit strukturell mit einem Zwangskontext in 81 Verbindung gebracht werden kann, eine Beziehung in der Konzeption eines Arbeitsbündnisses beobachtet werden kann. Unter Bezugnahme auf Watzlawick et al ((1969) 2007) wurde herausgearbeitet, dass in einem Erstgespräch, dessen Grundlage eine kommunikative Situation ist, der Entstehung einer Beziehung, verstanden als Relation zwischen zwei Menschen im Allgemeinen, prinzipiell nicht ausgewichen werden kann. Aus dieser Perspektive kann die Entwicklung einer solchen Beziehung entweder eher in Richtung „Vertrauen oder Misstrauen gehen“ (Kreis 1985, S. 56). Diese Entwicklung ist abhängig von den Deutungen der Kommunikationssituation durch die konkreten Personen in dieser konkreten Situation. Diese Deutungen beruhen auf den biografischen Erfahrungen des jeweiligen Individuums (ebd.). Für diese Arbeit ist daher von Interesse, ob eine solche Entwicklung in einem Erstgespräch beobachtet werden kann und wie genau sie sich zeigt. Die theoretische Perspektive der BCPSG differenziert die Entwicklung von Beziehung in Bezug zu dem, in therapeutischer Sicht inhaltlich zielorientierten „Vorangehen“ (Stern 2014, S. 157) in Form von „relationale[n] Schritte“ (Stern 2014, S. 158) weiter aus. Die differenzierende Sichtweise besteht darin, dass die Forschergruppe um Stern deutlich macht, dass sowohl die Beziehung als auch die inhaltliche Ebene zwar zusammenhängen und insofern nicht voneinander getrennt werden können, aber diese Entwicklung eben nicht linear kontinuierlich, etwa in zeitlicher Dauer, voranschreitet, sondern von qualitativen Aspekten abhängig ist und sich eher auf verschiedenen Stufen entwickeln kann. Diese Qualitätsstufen entwickeln sich ausgehend von dem jeweiligen impliziten Beziehungswissen weiter, das beide Interaktionspartner biografisch bedingt mitbringen und das diese auf einer subtilen, emotionalen Ebene miteinander abstimmen. Aus neurowissenschaftlicher Perspektive wurde ergänzt, dass dabei Erfahrungen und Vermögen37 „inkorporiert“ im Sinne von den körperlichen und neuronalen Strukturen selbst eingeprägt werden (Fuchs 2013, S. 129 f.). Die Stimmigkeit eines solchen relationalen Schritts innerhalb einer Beziehung wird deshalb in 37 „Vermögen bezeichnen die strukturell gegebene Fähigkeit eines Lebewesens bestimmte Leistungen zu vollziehen […] Ein Vermögen wirkt wie ein Schlüssel zu passenden Schlössern in der Umwelt, denn es hat sich […] an dieser Umwelt herausgeformt“ (Fuchs 2013, S. 131). 82 Bezug auf die gemeinsamen Ziele der Interaktionspartner im betreffenden Moment wahrscheinlich eher unmittelbar 'gespürt' oder 'erfasst', nicht aber reflexiv 'gewusst' (Stern 2014, S. 90). Diese Einheit eines dialogischen Austausches, der inhaltlich relativ kohärent, emotional homogen und auf ein gemeinsames Ziel bezogen ist, bezeichnen die Forscher als Gegenwartsmomente (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 34), die den Großteil des therapeutischen „Vorangehens“ ausmachen. Diese speisen sich allerdings aus der Reproduktion bereits entwickelter habitueller Muster auf der Kognitions–, Emotions– und Verhaltensebene. Qualitative Sprünge in Bezug auf die Weiterentwicklung der Beziehung und des inhaltlichen Bezugs werden in einem „Jetzt–Moment“(Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 35) erreicht, wenn dieser stimmig aufgegriffen wird und sich somit zu einem „Begegnungsmoment“ (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 68) weiterentwickelt. In diesen Momenten differenziert sich bei beiden Interaktionspartnern das implizite Beziehungswissen weiter aus, welches den Prozess der Veränderung voranbringt. Ergänzend dazu weist May (2016, S. 97) darauf hin, dass solchen Begegnungsmomenten in der Regel eine durchaus absichtsvolle Verletzung des, von Stern untersuchten psychotherapeutischen Settings im Sinne einer Problematisierung der damit verbundenen asymmetrischen Rollenverteilung, durch die Nutzenden vorausgeht. In Bezug auf den hier im Mittelpunkt stehenden Kontext kann dies als Hinweis darauf gedeutet werden, dass die strukturelle Eingebundenheit professionalisierter Hilfe sich einerseits in einer Beziehung auszuwirken scheint. Andererseits stellt sich die Frage, ob und wenn ja wie sich eine solche Konstellation in dem hier untersuchten Setting zeigt und ob sich schon zu einem frühen Zeitpunkt der Entwicklung einer Beziehung (im Erstgespräch) eine diesbezüglich relevante Dimension entwickelt bzw. entwickeln kann. Auf der Basis dieser konzeptionellen Einordnungen ist in Bezug auf das hier im Vordergrund stehende Forschungsprojekt zu fragen, inwieweit Einflüsse des hier entfalteten Gesamtkontextes in Bezug auf die anvisierte Entwicklung einer Beziehung die Bereitschaft und das Vermögen eine solche Beziehung hervorzubringen beider Interaktionspartner vorprägen können bzw. vorgeprägt haben. Im Kontext von Erstgesprächen in Suchtberatungsstellen ist hier insbesondere an die persönliche Einstellung zum Konstrukt Sucht (Ambivalenz zwischen Moral und Krankheit, vgl. Kap. 3.1) und an die vieldeutige sozialpolitische Definition des Auftrages der Organisation (hier der Suchtberatungsstelle) all- 83 gemein und / oder im Kontext eines ganzen Systems (hier von Suchthilfe) (vgl. 3.2) als in diesem Sinne lebensgeschichtlich prägend zu denken. Wie in den erfahrungsbezogenen Beschreibungen der Fachkräfte deutlich wurde, wird insbesondere dem Erstgespräch besondere Bedeutung zugschrieben. Weiter zu fragen ist daher, ob und wenn ja, welche Bedeutung oben genannte Einflüsse auf die gemeinsame Gestaltung des Beziehungsraumes im Erstgespräch haben, ob diese mitreflektiert werden und wie Fachkräfte damit gegebenenfalls umgehen bzw. was dies für den hier im Mittelpunkt stehenden Hilfekontext von Sozialer Arbeit in Suchtberatungsstellen bedeuten könnte. Aus der Analyse des empirischen Forschungsstandes, der Kontextualisierung des Forschungsfeldes sowie der ergänzenden sensibilisierenden Konzepte ergeben sich für die Rekonstruktion von Erstgesprächen in Suchtberatungsstellen folgende Forschungsfragen. Wie gestaltet und entwickelt sich das Erstgespräch insbesondere in Bezug auf eine, von den Fachkräften angenommene sog. „Arbeitsbeziehung“ zwischen Klient_in und Fachkraft der Sozialen Arbeit konkret und wie kann diese begrifflich genauer gefasst werden? Kann das interaktionelle Geschehen an bereits theoretisch beschriebene Konzepte rückgekoppelt werden und wenn ja an welche? Können Elemente identifiziert werden, die die Interaktion beeinflussen und wenn ja, welche? Wie beeinflussen Sie das Gespräch? Welche Aussagen können darüber getroffen werden, wie sich die Konstituierung einer möglicherweise entstehenden sog. „Arbeitsbeziehung“ zu einem weiteren Verlauf der Hilfe verhält? Forschungsgegenstand ist dementsprechend das im Rahmen eines professionellen Kontextes einer Alkoholberatungsstelle vermutete Phänomen, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit durch Interaktion mit ihren Klient_innen eine sog. „Arbeitsbeziehung“ hervorbringen, die in erfahrungsbezogenen Beschreibungen dieser Situation als besonders bedeutsam eingestuft wird. Dementsprechend soll nachfolgend bis zur empirischen Klärung bzw. Differenzierung begrifflich zunächst von „Arbeitsbeziehung“38 gesprochen werden. Insgesamt ließen die o. g. Fragestellungen eine qualitativ ausgerichtete Forschungsstrategie sinnvoll erscheinen, die nachfolgend näher expliziert wird. 38 Bis zur empirischen Klärung dieses Begriffs wird er zur Unterscheidung in Anführungsstriche gesetzt, um damit seine Vorläufigkeit zu markieren.

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Zusammenfassung

Dem Entstehen einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung zwischen Klient_innen und Fachkräften der Sozialen Arbeit wird insbesondere im Kontext sogenannter Erstgespräche in Suchtberatungsstellen eine hohe Bedeutung beigemessen. Trotz seiner vermuteten Wichtigkeit wurde dieses Postulat bisher nicht empirisch plausibilisiert. Die hier vorgelegte Dissertation untersucht daher Aufzeichnungen realer Erstgespräche in Suchtberatungsstellen. Ziel ist es, begrifflich zu klären, was genau unter einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung verstanden werden kann, ab wann eine Arbeitsbeziehung entsteht und welche Faktoren den Entstehungsprozess beeinflussen. Das Ergebnis dieser qualitativen Untersuchung zeigt, dass die sozialpolitischen Bedingungen, unter denen die fachliche Leistung Suchtberatung erbracht wird, die Definition des Konstruktes Sucht und die Fähigkeit der Fachkräfte, diese Bedingungen im Klient_innenkontakt zu neutralisieren, Einfluss darauf nehmen, ob sich eine eher vertrauensvolle oder eine eher misstrauische Arbeitsbeziehung im Kontext von Suchtberatung entwickelt. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Annahme weiterführender Hilfen.