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10 Fazit und Ausblick in:

Rita Hansjürgens

In Kontakt kommen, page 309 - 316

Analyse der Entstehung einer Arbeitsbeziehung in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4152-9, ISBN online: 978-3-8288-7011-6, https://doi.org/10.5771/9783828870116-309

Tectum, Baden-Baden
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309 10Fazit und Ausblick Der schon in Erstgesprächen in Suchtberatungsstellen erfolgten Entwicklung einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung zwischen der Fachkraft der Sozialen Arbeit und dem / der Klient_in wird in älteren und neueren erfahrungsbasierten Berichten eine hohe Bedeutung in Bezug auf den weiteren Verlauf eines Hilfeprozesses zugesprochen. Dieses Postulat wurde bisher jedoch nicht auf empirischer Basis plausibilisiert. Das Ziel dieser Arbeit war es daher, mit Hilfe der explorativen Rekonstruktion von Erstgesprächen in Suchtberatungsstellen, diese Lücke im Forschungsstand zu schließen und nachzuzeichnen, wie sich aus qualitativer Perspektive eine sog. „Arbeitsbeziehung“ zwischen einer Fachkraft und einem / einer Klient_in entwickelt und welchen Einflüssen diese Beziehungsentwicklung ausgesetzt ist. Weiterhin sollten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sie sich auf den weiteren Verlauf eines Hilfeprozesses auswirken kann. Die Auswertung des empirisch fundierten Forschungsstandes begründete die Notwendigkeit, das im Fokus stehende Arbeitsfeld in Verbindung mit dem Konstrukt „Sucht“ als Anlass des Hilfesuchens näher zu kontextualisieren und durch sensibilisierende Konzepte mit Blick auf die geplante Aufschließung der empirischen Daten weiter zu ergänzen. Die sich daraus ergebenden Hinweise und Implikationen führten zu einer Konkretisierung der Fragen, die an das Material herangetragen wurden. Diese lauteten: Wie gestaltet und entwickelt sich das Erstgespräch insbesondere in Bezug auf eine, von den Fachkräften angenommene sog. „Arbeitsbeziehung“ zwischen Klient und Fachkraft der Sozialen Arbeit konkret und wie kann diese begrifflich genauer gefasst werden? Kann das interaktionelle Geschehen an bereits theoretisch beschriebene Konzepte rückgekoppelt werden und wenn ja, an welche? Können Elemente identifiziert werden, die die Interaktion beeinflussen und wenn ja, welche? Wie beeinflussen sie die „Arbeitsbeziehung“? Welche Aussagen können darüber getroffen werden, wie sich die Konstituierung einer möglicherweise entstehenden sog. „Arbeitsbeziehung“ zu einem weiteren Verlauf der Hilfe verhält? Gegenstand der Untersuchung war dementsprechend die erste Begegnung zwischen der Fachkraft der Sozialen Arbeit und dem / der Klient_in in einer Suchtberatungsstelle, aus der eine sog. „Arbeitsbeziehung“ hervorgebracht wird. 310 Die methodische Vorgehensweise zur Datenerhebung und –auswertung orientierte sich aufgrund des explorativen Charakters der Fragestellungen am qualitativen Paradigma der „Grounded–Theory“–Methodologie (Glaser; Strauss 2010; Strauss; Corbin 1996). Konkret wurden dreizehn authentische Erstgespräche in Suchtberatungsstellen in verschiedenen Teilen Deutschlands in Form von Audioprotokollen aufgezeichnet und durch begleitende Interviews mit den Klient_innen, Fachkräften und Leitungskräften der Organisation ergänzt. Aus diesen Fällen wurden nach den Prinzipien des „theoretical samplings“ (Glaser; Strauss 2010, S. 53 ff.) die hier dargestellten ausgewählt und in Anlehnung an das sequenzanalytische Verfahren (Wernet 2009) analysiert. Dem gewählten methodischen Verfahren entsprechend wurden Fallstrukturhypothesen über die Begegnung der Interaktionspartner unter den genannten spezifischen Rahmenbedingungen generiert und anschließend vergleichend im Hinblick auf Entstehung, arbeitsfeldspezifische Einflüsse und Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Hilfeprozesses kontrastiert (Kelle; Kluge 2010). Als Ergebnis kann festgestellt werden, dass in allen Fällen die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung als jeweils subjektive Bewertung spezifischer Aspekte der Interaktion in Richtung Vertrauen oder Misstrauen rekonstruiert werden konnte. Die Bewertung der Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen oder Misstrauen kristallisierte sich an einer, aus subjektiver Sicht gelingenden Verständigung über das Anliegen des Klienten heraus und stabilisierte sich am Grad der Zuversicht bezüglich der Möglichkeit zu dessen Realisierung. Dieser Prozess begann in dem Moment, in dem das Anliegen des Klienten thematisch wurde. Deshalb wurde die sich entwickelnde Beziehung ab diesem Zeitpunkt als „Arbeitsbeziehung“ bezeichnet, die zunächst instabil begann und sich dann qualitativ in Richtung einer „eher vertrauensvollen Arbeitsbeziehung“ oder in Richtung einer „eher misstrauischen Arbeitsbeziehung“ stabilisierte. Weiter wurde festgestellt, dass, dem sensibilisierenden Konzept von Kreis (1985) folgend, damit auch der Entwicklung einer Arbeitsbeziehung in einem spezifischen Setting letztlich nicht ausgewichen werden kann, da bereits nach kurzer Zeit der Interaktion das Anliegen des / der Klient_in zur Sprache kam. Dies wurde so gedeutet, dass eine Arbeitsbeziehung nicht einseitig hergestellt werden kann. Weiter wurde rekonstruiert, dass sich die subjektive Bewertung der Interaktionen in Rich- 311 tung Vertrauen oder Misstrauen jedoch nicht auf bewusster Ebene, sondern auf der Basis von „implizitem Beziehungswissen“ (Stern; andere (BCPSG) 2012, S. 62) realisiert, welches als Stimmigkeit im betreffenden Moment wahrscheinlich eher unmittelbar „gespürt“ oder „erfasst“, nicht aber reflexiv „gewusst“ wird. Dieses Geschehen wurde in der Kommunikation der Dyade von Fachkraft und Klient_in sichtbar und konnte auf dieser Basis rekonstruiert werden. Diese Bewertung konnte zwischen den Interaktionspartner_innen jedoch unterschiedlich ausfallen, obwohl sie sich auf das gleiche interaktive Geschehen bezog. Am Material zeigte sich, dass die Bewertung der Arbeitsbeziehung sich eher in Richtung Vertrauen entwickelte, wenn eine Verständigung über das Anliegen des Klienten möglich war, auch wenn es sich als Reaktion auf die Interaktion der Fachkraft veränderte und wenn eine Zuversicht bezüglich der Realisierung dieses Anliegens in erreichbare Nähe zu rücken schien. Die dazugehörenden Interaktionen konnten nonverbal auch durch die, als Unterstützung erlebten Handlungen der Fachkraft oder die, als Kooperation bewerteten Handlungen des Klienten erfolgen. Wichtig war in diesem Zusammenhang, dass die Fachkräfte alle Explikationen über das Anliegen des Klienten aufnahmen. Eine Entwicklung der Bewertung in Richtung Vertrauen zeigte sich im Material an spezifischem kommunikativem Verhalten, welches bereits Arnold (2009, S. 182 f.) für die Ebene der Klienten als „Motivation, Kooperation und Geben von benötigten Informationen“ operationalisiert hatte. Gezeigtes Vertrauen setzte eine spezifische, sich selbst verstärkende Wechselwirkung in Gang. Insbesondere das Geben von weiteren Informationen, nach denen nicht konkret gefragt wurde, ermöglichte für die Fachkräfte ein vertieftes Verständnis der Konstruktionen der Klienten. Die Rekonstruktion legte nahe, dass eine, als angemessen erlebte Reaktion der Fachkräfte auf diese „Öffnung“ von den Klient_innen als „Verstehen“ oder „Verstehen wollen“ erlebt wurde. Als angemessen erlebte Reaktionen, die wiederum Einfluss auf das Kommunikationsverhalten der Klienten genommen haben, waren mit Hilfe der Operationalisierungen aus dem Konzept der „sensitiven Responsivität“ als „Signale bemerken und sich angemessen verhalten“ (Remsperger 2013, S. 15) beschreibbar. Die sich gegenseitig verstärkenden Interaktionen, welche wiederum neue Explikationen der Konstruktionen hervorbrachten, wurden mit Hilfe des sensibilisierenden Konzepts von Stern und der BCPSG (2014, S. 157 f.) als „relationale Schritte“ oder als „Vorangehen“ in Bezug auf die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung eingeordnet. Die Leistung der Fachkraft bestand darin, Klient_innen einen, als subjektiv stimmig erlebten offenen Raum für die Darstellung seiner bzw. ihrer 312 Konstruktionen zu geben und Zuversicht im Hinblick auf dessen Realisierung zu evozieren. Dazu gehörte es, ihre eigene Kommunikation und ihr Verhalten auf der Basis ihres impliziten Beziehungswissens auf den / die Klient_in abzustimmen, sich rekonstruktiv aktiv um eine Verständigung über das Anliegen, das sich im Gespräch verändern oder auch noch entwickeln konnte, zu bemühen und dabei allen Explikationen des Klienten sensibel nachzuspüren und diese aufzunehmen, ohne sie zu bewerten sowie konkrete Möglichkeiten zur Realisierung des explizierten Anliegens anzubieten bzw. die Kommunikation darüber zu ermöglichen. Hier stabilisierte sich letztlich eine eher vertrauensvolle Arbeitsbeziehung. Aus diesem Grund wurde dies als Wahrnehmung einer Brückenfunktion in das Feld von (suchtbezogenen) Hilfen beschrieben. Das sozialarbeiterische Handeln selbst wurde im Rahmen der Untersuchung konzeptionell als explizit sozialpädagogischer Zugang über den „Fall mit“ im Rahmen einer multiperspektivischen Fallarbeit (Müller 2012, S. 54 ff.) rekonstruiert, da diese Falldimension gegenüber den anderen Falldimensionen (Fall von und Fall für) zumindest in dieser Anfangsphase der Beziehung (Erstgespräch) priorisiert wurde. Im Rahmen des zur Verfügung stehenden Fallmaterials wurde vermutet, dass dieses dafür notwendige implizite Beziehungswissen der Fachkräfte sich beruflich auch reflexiv durch Supervision und Fallbesprechungen oder durch Aus– und Fortbildungen herausgebildet hat, aber auch durch die spezifische Konstellationen der Organisation und des Feldes suchtbezogener Hilfen beeinflusst wurde. Von den Fachkräften wurde es als „Erfahrung“ beschrieben, teilweise individuell kategorisiert und fallbezogen expliziert. Es wurde in den Nachinterviews aber nicht explizit an übergeordnete Konzepte (der Sozialen Arbeit), z. B. die oben genannten Konzepte, gebunden. Um diese Beobachtung genauer fassen und analysieren zu können bzw. die Herkunft und ‚Weiterverarbeitung‘ dieses impliziten Beziehungswissens genauer bestimmen zu können, was z. B. für einen Kontext von Ausbildung interessant sein dürfte, bedarf es jedoch weiterer Forschungen, weshalb sie in dieser Arbeit ein Desiderat bleibt. Die Rekonstruktion ergab weiter, dass, wenn das Anliegen des / der Klient_in den Strukturen der Organisation oder Feldes suchtbezogener Hilfen untergeordnet wurde oder Anteile der Explikation des Anliegens eines Klienten nicht aufgenommen wurden bzw. nicht auf Resonanz stießen, sich für die Klient_innen in der Folge die Zuversicht bezüglich der Realisierung ihres Anliegens zu verringern schien. Auf der Basis der sich anschließenden Kommunikation wurde rekonstruiert, 313 dass dies eine Bewertung der Arbeitsbeziehung in Richtung Misstrauen auslöste, was sich als kommunikativer Rückzug des Klienten und als ausschließliches Geben der nötigsten Informationen zeigte. Dies wiederum löste eine Wechselwirkung mit den Fachkräften aus, die ihrerseits mit Bewertungen der Arbeitsbeziehung in Richtung Misstrauen reagierten, nicht thematisierend auf dieses Verhalten eingingen oder mit dem Versuch reagierten, etwas verordnen zu wollen. Dies zeigte sich insbesondere dann, wenn sie Suchtberatung lediglich als Vorstufe für Rehabilitation und nicht als eigenständige Leistung begriffen. Dieser Teil des Überprüfens der Passung des Anliegens in Bezug auf die Möglichkeiten des Feldes wurde als Gatekeeperfunktion beschrieben. Die Wahrnehmung dieser Funktion ermöglichte auf der einen Seite Schutz der Klient_innen vor Überforderung durch ein unreflektiertes „sich Einlassen“ auf eine suchtbezogene Hilfe, die im Modus von Krankheitsbehandlung angeboten oder auch verordnet wird, führte aber durch Überbetonung dieser Funktion auf der anderen Seite dazu, dass Anliegen oder Teile des Anliegens den Strukturvorgaben des Feldes untergeordnet wurden. Explizit zeigte sich an dieser Stelle der Wahrnehmung der Gatekeeperfunktion auch der Einfluss des Feldes suchtbezogener Hilfen auf die qualitative Entwicklung der Arbeitsbeziehung. Diese Dynamik des Feldes wurde so rekonstruiert, dass Suchtberatungsstellen einerseits zwar eine monopolartige Stellung im Feld der suchtbezogenen Hilfen einnehmen und diese nicht ohne weiteres zu ersetzen ist108, andererseits aber durch ihre Zuordnung als sog. „freiwillige Leistung“ der Daseinsvorsorge finanziell prekär ausgestattet sind. Diese prekäre Ausstattung in Verbindung mit der fast vollständigen Etikettierung von Sucht als Krankheit in den Einrichtungen der Suchthilfe (Bauer 2013) befördert eine Interaktionsdynamik zwischen Fachkraft und Klient_in, die die Gatekeeperfunktion in der Suchtberatung in den Vordergrund rücken lässt, wenn es durch fachliche Leistung der Fachkräfte nicht gelingt, die Felddynamik zu neutralisieren. Die Auswirkung dieser Dynamik auf die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung zeigte sich im Material darin, dass in allen aufgezeichneten Gesprächen die Fachkräfte zumindest kurz, offenbar habituell die Rolle eines / einer Gatekeeper_in für das Feld suchtbezogener Hilfen und insbesondere der Rehabilitation Sucht 108 Dies bezieht sich auf die beschriebene Brücken– und Gatekeeperfunktion, die in den zentralen Aufgabenbeschreibungen (s. Kap. 3.2) auch mit „Beratung und Vermittlung“ beschrieben wird. 314 einnahmen. Diese teilweise habituelle Rollenübernahme wiederum führte auf der Kommunikationsebene zu einem, für die Klienten spür– und wahrnehmbaren, Moduswechsel der Interaktion von „Verstehen“ zu „Überprüfen“. Hier entstand in allen Fällen eine Bewertung der Arbeitsbeziehung in Richtung Misstrauen, da die Übernahme dieser Funktion in keinem Fall thematisiert wurde. Mit Blick auf die strukturelle Einordnung in das Feld suchtbezogener Hilfen legen die Ergebnisse der Untersuchung nahe, dass insbesondere die prekäre Ausstattung zu einer Reduktion der Hilfeart Suchtberatung auf eine Zuliefererrolle zu weiterführenden Hilfen und insbesondere zur Rehabilitation als dominanter Hilfeart führen kann. Dies unterstützt damit strukturell eher die Gatekeeperfunktion als die Brückenfunktion. Dieses wiederum blockiert, mindestens aber erschwert, strukturell das Entstehen einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung und hat somit auch Auswirkungen auf die Entwicklung einer für die Annahme und Nachhaltigkeit weiterführender suchtbezogener Hilfen notwendigen Adherence. Eine Entwicklung der Bewertung in Richtung Vertrauen hingegen zeigte sich im Zusammenhang mit den Einflüssen des Feldes, wenn die Klienten in den untersuchten Fällen in der Interaktion mit den Fachkräften der Suchtberatung eine Erfahrung machten, die als Differenzerfahrung im Vergleich zu anderen Erfahrungen im Feld suchtbezogener Hilfen rekonstruiert wurde. Diese bestand u. a. darin, dass die durch die Zuschreibung des Feldes nahegelegte Priorisierung der Gatekeeperfunktion durch fachliches Können (sozialpädagogischer Zugang zum Fall) neutralisiert wurde. Dies bezog sich dann auf die Subjektorientierung der Fachkräfte (z. B. Was möchte jemand?) im Vergleich zur Objektorientierung anderer von den Klienten erlebten Hilfen (z. B. Ist jemand als süchtig zu bezeichnen oder einem zuschreibenden was braucht jemand?). Eine Subjektorientierung konnte allerdings auch hei- ßen, dass ein Anliegen im Sinne einer Auslotung von Passung oder Spielräumen in sich bietende Möglichkeiten des Feldes entsprechend ein– aber nicht untergeordnet wurde. In einigen Fällen war genau dies das Anliegen des / der Klient_in. In allen Erstgesprächen konnten Anteile von Bewertungen der Arbeitsbeziehung in beide Richtungen (Vertrauen oder Misstrauen) rekonstruiert werden. Dennoch wird davon ausgegangen, dass sich zum Ende eine stabilisierte Tendenz in die eine oder andere Richtung entwickelt hatte. In den Fällen, in denen die Tendenz in Richtung Vertrauen rekonstruiert wurde, meldeten die Fachkräfte zurück, dass die Gespräche im 315 Rahmen eines Arbeitsbogens fortgesetzt und auch die im Erstgespräch explizierten Anliegen realisiert wurden. In den Fällen, in denen herausgearbeitet wurde, dass sich eine Tendenz der Bewertung der Arbeitsbeziehung in Richtung Misstrauen stabilisiert hatte, ergab eine Nachfrage bei den Fachkräften zu einem späteren Zeitpunkt, dass weitergehende Gespräche, die nach Erstgesprächen stattfanden, von den Klienten nach zwei bis drei weiteren Kontakten abgebrochen wurden. Dies wurde so gedeutet, dass sich hier eine Fehlabstimmung über die Anliegen und Möglichkeiten zur Hilfe, die im Erstgespräch analysiert werden konnte, fortgesetzt hatte. Dies weist auf einen Zusammenhang zwischen dem Verlauf des Erstgesprächs und dem weiteren Verlauf des Hilfeprozesses hin, sollte aber noch weiter untersucht werden (z. B. mit einem Forschungsdesign, das eher auf einen Längsschnitt ausgerichtet ist). Neben den schon angesprochenen Desideraten bleiben weitere Fragen offen, die den Einfluss auf die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung vor allem in struktureller Perspektive betreffen und die weiter thematisiert werden sollten. Die überwiegende Etikettierung von Sucht als Krankheit, ihre Implikationen und die Ausrichtung zentraler Hilfestrukturen der SGB V und VI an dieser sowie die Erwartung der Anpassung von Klient_innen an diese Strukturen als implizite Voraussetzung zur Annahme dieser Hilfen (Krankheitseinsicht, Adherence) (vgl. Kap. 3.1) führt zum Beispiel zu der Frage, ob und wenn ja, welche strukturellen Alternativen es hierzu geben könnte. Weiter ist zu fragen, wie der Gefahr der Unterordnung von Klient_innenanliegen unter die Anliegen der Organisation Suchtberatung begegnet werden kann, da aufgrund der vorliegenden Untersuchung vermutet wurde, dass dies auch mit der eher prekären, schlecht gesicherten, sehr heterogenen Finanzierung von Suchtberatung und den damit verbundenen Implikationen (vgl. Kap. 3.2.1) in Zusammenhang steht. Die Ergebnisse der HELPS–Studie (Fankhänel et al. 2014) allerdings lassen vermuten, dass ein Verzicht auf die Leistungen einer Suchtberatung als eigenständiger Hilfeart, die einen sozialpädagogischen Zugang zum Fall realisieren kann, wo auch immer sie strukturell angegliedert ist, sowohl Folgen für die Realisierung suchtbezogener Hilfen in der Perspektive von Sucht als Krankheit (vgl. Kap. 9) als auch insbesondere für die Menschen, die vor allem Hilfe suchen, um ihre Anliegen realisieren zu können, haben dürfte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammenfassend kann die am Ausgangspunkt dieser Untersuchung stehende, auf Erfahrungswissen der Fachkräfte beruhende Zuschreibung der Bedeutung von Erstgesprächen in Suchtberatungsstellen unter dem Aspekt der Entwicklung 316 einer Arbeitsbeziehung, die in den Forschungsfragen operationalisiert wurden, nun empirisch plausibilisiert werden. Darüber hinaus kann durch die datenbasierte Entwicklung der Begriffe „Arbeitsbeziehung“, „vertrauensvolle Arbeitsbeziehung“ und „misstrauische Arbeitsbeziehung“ gezeigt werden, wie sich die Dynamik des Feldes suchtbezogener Hilfen bis in die Verästelung der Fallarbeit in diesem Fall der Entwicklung einer Arbeitsbeziehung auswirkt. Dadurch wird es möglich, sozialpolitische Schlussfolgerungen im Sinne der Erweiterung von Möglichkeiten zur Hilfe für Nutzende (vgl. Kap. 9) empirisch zu begründen. Darüber hinaus kann mit der vorliegenden Arbeit auch einen Beitrag zur Entwicklung einer „konsolidierten Wissensbasis“(Sommerfeld et al. 2016, S. 13) für Soziale Arbeit in Bezug auf die Entwicklung einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung im Erstgespräch in Suchtberatungsstellen geleistet werden.

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References

Zusammenfassung

Dem Entstehen einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung zwischen Klient_innen und Fachkräften der Sozialen Arbeit wird insbesondere im Kontext sogenannter Erstgespräche in Suchtberatungsstellen eine hohe Bedeutung beigemessen. Trotz seiner vermuteten Wichtigkeit wurde dieses Postulat bisher nicht empirisch plausibilisiert. Die hier vorgelegte Dissertation untersucht daher Aufzeichnungen realer Erstgespräche in Suchtberatungsstellen. Ziel ist es, begrifflich zu klären, was genau unter einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung verstanden werden kann, ab wann eine Arbeitsbeziehung entsteht und welche Faktoren den Entstehungsprozess beeinflussen. Das Ergebnis dieser qualitativen Untersuchung zeigt, dass die sozialpolitischen Bedingungen, unter denen die fachliche Leistung Suchtberatung erbracht wird, die Definition des Konstruktes Sucht und die Fähigkeit der Fachkräfte, diese Bedingungen im Klient_innenkontakt zu neutralisieren, Einfluss darauf nehmen, ob sich eine eher vertrauensvolle oder eine eher misstrauische Arbeitsbeziehung im Kontext von Suchtberatung entwickelt. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Annahme weiterführender Hilfen.