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Leben IV Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit in:

Michael Hofmeister

Alexander Ritter, page 231 - 270

Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4138-3, ISBN online: 978-3-8288-7004-8, https://doi.org/10.5771/9783828870048-231

Series: Frankfurter Wagner-Kontexte, vol. 1

Tectum, Baden-Baden
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231 Leben IV Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit 233 9. Erste Jahre in Würzburg (1863–1867) Als die Ritters 1863 nach Würzburg zogen und damit auf bayerischen Boden kamen, regierte in München noch König Max II. Joseph, der 1848 den Thron bestiegen hatte. Kein Jahr später, am 10. März 1864, starb der Monarch jedoch und sein gerade einmal achtzehnjähriger Sohn wurde als Ludwig II. neuer König von Bayern. Der berief sogleich den von ihm bewunderten Komponisten Richard Wagner zu sich, womit das Königreich Bayern von heute auf morgen – und trotz aller Rückschläge auch auf Dauer – zum Zufluchtsort Wagners wurde. Damit hatte die Wahl Würzburgs zunächst natürlich nichts zu tun, Alexander und Franziska Ritter waren einfach froh, in der kleinen fränkischen Stadt (1863 lebten in Würzburg 41.575 Einwohner) ein Engagement erhalten zu haben und rechneten sicher nicht damit, dort mit einigen kürzeren Unterbrechungen insgesamt 19 Jahre ihres Lebens zu verbringen. Für Franziska Ritter bedeutete der Umzug nach Würzburg immerhin eine Heimkehr. Sie hatte in der fränkischen Stadt ihre Kindheit verbracht und dort bereits elf Jahre lang gewohnt. 1830, knapp ein Jahr nach ihrer Geburt, war sie mit ihren Eltern von Augsburg nach Würzburg gekommen, da die beiden dort am Theater engagiert worden waren – Albert Wagner als Sänger, seine Frau Elise als Schauspielerin. Bekanntermaßen wirkte auch Franziskas Onkel Richard 1833 kurzzeitig als Chordirektor an diesem Haus, und sie selbst war zusammen mit ihrer Schwester Johanna bereits im Kindesalter genau dort zum ersten Mal auf den Brettern gestanden. Nun, über zwanzig Jahre später, kam sie als erfahrene Schauspielerin an diesen Kindheitsort, das Würzburger Stadttheater, zurück. Alexander Ritter seinerseits trat eine Stelle als Geiger an, und man war guter Dinge. Der Meldebogen der Würzburger Behörden vermerkt zuoberst den „Einzug“ am „28.7.“, und dass Alexander als „Concertmeister beim hiesigen Stadttheater engagirt“ war.1 9.1. Engagement am Stadttheater Das Würzburger Theater trug die Bezeichnung „Stadttheater“ seit 1845, es war vorwiegend privatwirtschaftlich organisiert und vom Magistrat der Stadt lediglich beaufsichtigt. Mit Ankunft der Ritters begann auch die Ära eines neuen Direktors: Emil Hahn (1832–1897), der als Schauspieler in Karlsruhe und Hamburg reüssiert hatte, übernahm nun für sieben Jahre, von 1863 bis 1870, die Leitung des Hauses.2 Wie der Kontakt zu den Ritters zustande gekommen war, ist nicht bekannt, doch man war sich über das Doppelengagement bald einig geworden. Eine Einigkeit, von der schnell nicht mehr viel übrig war, denn bereits Anfang Dezember (die Spielzeit ging von 1. September bis 1. Mai) beklagte sich Alexander bitter über die Atmosphäre am Theater und über eine handfeste Intrige gegen Franziska: 1 Meldebogen, Stadtarchiv Würzburg, Zeitgeschichtliche Sammlung, Biografische Mappe Alexander Ritter. 2 Zur Geschichte des Würzburger Theaters vgl. Schulz, Wolfgang: Theater in Würzburg 1600–1945, Diss. Würzburg 1970. Zum Wirken der Ritters am Theater findet sich dort allerdings keinerlei Hinweis. Ebenso wenig konnten Originalquellen wie Verträge etc. als Beweis des Engagements ausfindig gemacht werden. 234 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens „Der Director Hahn hat nämlich eine Stiefmutter, eine alternde Coquette, die ihm das ganze Geld zur Directionsübernahme vorgestreckt hat und unter deren Pantoffel er daher steht. Diese nun hatte die Keckheit Rollen wie die Pompadour im Narziß, die Donna Diana, Elisabeth etc. zu spielen“.3 Wenig später, zum Jahreswechsel 1863/64, beschrieb Alexander Ritter dann auch seine eigenen Kämpfe: „mein Anfang hier war zu brillant, er hat meinen alten Collegen Hamm so bange gemacht, daß er es sich zur Aufgabe gestellt [hat,] mir ein weiteres Aufkommen determinirt unmöglich zu machen, und es grenzt ans Unglaubliche[,] was dieser Mensch für Niederträchtigkeiten gegen mich ausführt[,] sobald ich nur Miene mache wieder mal öffentlich auftreten zu wollen“.4 Bei Ritters „brillantem“ Debut wird es sich um den Theaterabend des 9. Oktober 1863 gehandelt haben, an dem er im Rahmen der Orchestermusik, die zur Flankierung zweier unterhaltender Theaterstücke diente, das 5. Violinkonzert op. 55 von Charles-Auguste de Bériot, sowie nicht näher bestimmte Varia tionen von Henri Vieuxtemps zum Besten gab.5 Bei dem „alten Collegen“ handelte es sich um Johann Valentin Hamm (1811–1874), ein fränkisches Urgestein, mit dem Ritter sich offenbar den Konzertmeisterposten teilen musste. Hamm war vor allem als Leiter und Komponist von Märschen 3 Alexander Ritter an Julie Kummer, Würzburg, 3.12.1863 (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 36). Unver- öffentlicht. 4 Alexander Ritter an Julie Kummer, o. D. [Jahreswechsel 1863/64] (SSB; Mus.ep. Alexander Ritter 31). Unveröffentlicht. 5 Theaterzettel vom 9.10.1863 (vgl. Abb. 13), UB Würzburg (URL: http://theaterzettel.franconica.uni-wuerzburg.de/ (zuletzt aufgerufen am 2.4.2017)). Interessanterweise gastierte noch im gleichen Monat ein gewisser Geiger Rudolph Gleichauf „aus Paris“ mit einem nahezu identischen Programm (Bériot- Konzerte und Vieuxtemps) am Theater (vgl. Theaterzettel vom 29. und 31.10.1863). Für den Rest der Saison hingegen kam ein solches Programm mit musikalischen Solonummern nicht mehr vor – auch Ritter trat nicht mehr in dieser Form öffentlich in Erscheinung. Abb. 13: Theaterzettel vom 9. Oktober 1863 235 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit und Unterhaltungsmusik im nahen Kurort Bad Kissingen erfolgreich, wo im Sommer auch das Würzburger Orchester mitspielte. Anhand der zahlreich erhaltenen Würz burger Theaterzettel lassen sich Fakten und Aufführungszahlen gut nachvollziehen. Franziska Ritter stand in der Spielzeit insge samt 28 Mal auf der Bühne und verkörperte neben einigen Rollen in mediokren Schwän ken und Komödien immerhin auch drei große Rollen der deutschen Klassik: Minna von Barnhelm, Klärchen (Egmont) und Amalie (Die Räuber). Das Opernrepertoire in Würzburg war zeitüblich bunt gemischt und umfangreich. Nicht weniger als 29 ver schiedene Opern wurden an insgesamt 69 Abenden gespielt, d. h. jede davon meist nur zweimal aufgeführt. Auch eine Komische Oper Das Gespenst sowie ein „großes melodramatisches Schauspiel“ Lore-Ley des Würzburger Kapellmeisters Adolphe l’Arronge (1838–1908) standen auf dem Spielplan. Der hatte am Leipziger Konservatorium studiert, wirkte über die Jahre neben Würzburg auch in Köln, Stuttgart und Königsberg u. a. als Theaterkapellmeister und wurde später Bühnendichter und Theaterdirektor in Berlin. Über sein persönliches Verhältnis zu den Ritters ist nichts weiter bekannt. Am 17. und 28. Dezember 1863 gab das Würzburger Theater Wagners Tannhäuser – mutmaßlich einer der Höhepunkte in Alexander Ritters Würzburger Zeit als Konzertmeister. Das Jahr 1864 begann mit einigem Hin und Her: Das Ehepaar Ritter hoffte eigentlich darauf, Würzburg zur nächsten Spielzeit wieder verlassen zu können, doch ein in Aussicht gestelltes Wiederengagement Franziskas am Hoftheater in Schwerin zerschlug sich. Die beiden hatten sich daher notgedrungen „nun also entschloßen[,] noch einen Winter hier auszuharren“.6 Bald sahen sie der nächsten Spielzeit sogar wieder zuversichtlich entgegen – das Verhältnis zu Direktor Hahn hatte sich nach Aufklärung einer Intrige nämlich plötzlich wesentlich verbessert, und die Ritters glaubten sogar, für ihr Wiederengagement günstigere Vertragsbedingungen erwirkt zu haben: [Wir haben] „ganz gute Veränderungen bewirkt, mein alter wackliger College geht ab, ich werde also Erster und Einziger, dann werden jeden Sonntag Nachmittag Cassen-Symphonie-Concerte […] von der Theatercapelle gegeben werden, deren Direction ich habe. Dies war uns ein Hauptgrund zu bleiben. Außerdem werde ich in Leipzig fast ein ganz neues Orchester engagiren, u. hoffe[,] daß es mir da mit David’s Hülfe gelingen wird[,] ein recht gutes zusammenzustellen. Fränze hat sich auch gute Fachbestimmungen gemacht, und bei ihrer neueren Beliebtheit beim Publikum und dem neu-geschloßenen Frieden mit der Direction kann man schon hoffen[,] daß sie sich den zweiten Winter hier wohler fühlen wird“.7 Als wäre es im Theaterbetrieb und im Leben eines Künstlerpaars nicht anders möglich, erwiesen sich diese Hoffnungen aber nur allzu schnell wieder als nichtig. Im Auf und Ab der Befindlichkeiten war es schon bald doch zum endgültigen Bruch mit Hahn und dem Würzburger Theater gekommen. Ritter berichtete, 6 Alexander Ritter an Julie Kummer, o. D. [wohl Ende März 1864] (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 35). Unveröffentlicht. 7 Ebda. 236 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens „daß wir keinesfalls in Würzburg bleiben, wenigstens nicht am Theater, da ein neulicher geschäftlicher Vorfall mit Hahn […] uns noch Gottseidank zur rechten Zeit die Augen über diesen Menschen geöffnet hat, und uns namentlich klar gezeigt hat[,] wie er alle mündlichen Versprechungen für nächstes Jahr uns nur in der Absicht gegeben hat: sie nicht zu halten. […] Was nun für nächsten Winter mit uns wird[,] daran denken wir noch gar nicht, nur die nächste Zukunft beschäftigt uns“.8 Dieser Brief vom April 1864 war wahrscheinlich der letzte, den Alexander Ritter an seine Schwester Julie schrieb – es ist zumindest der letzte, der erhalten ist. Julie Kummer verstarb 1864 unerwartet, und ohne dass vorher von einer Krankheit die Rede gewesen wäre. Ritter hatte erst im Jahr zuvor, im Herbst 1863, den Verlust seiner Schwester Emilie zu beklagen gehabt, die in Pisa, wo sie bei der Mutter wohnte, gestorben war.9 Mit Julies Tod riss das letzte familiäre Band nach Dresden, der Rest von Alexanders Familie lebte mittlerweile in Italien. Und es versiegt damit auch die Quelle, aus der auf den letzten Seiten so ausgiebig zitiert wurde. Für die kommenden Lebensjahre stehen dem Biographen wieder weniger Informationen aus erster Hand zur Verfügung. Somit bleiben auch die Beweggründe der Ritters unklar, warum sie zunächst doch in Würzburg blieben, als sie mit Ende der Saison am 1. Mai 1864 aus dem Ensemble des Stadttheaters ausschieden. Eine andere Festanstellung hatte sich jedenfalls nicht finden lassen und möglicherweise war die Resignation über den Theaterbetrieb tatsächlich an einen Punkt gekommen, an dem man sich lieber vollständig von der Bühne zurückzog. Zumindest Franziska beendete nun ihre aktive Karriere. „Wir trösten uns nur mit dem Gedanken[,] daß dieses kostspielige Vagabundenleben uns die endliche Erkenntniß beigebracht hat[,] daß das was wir suchen auf der Welt nicht zu finden ist. Nachdem wir dies eingesehn[,] haben wir auch alle unsere Wünsche u. Hoffnungen aufgegeben u. den Entschluß gefaßt[,] nur noch der Erziehung unserer holden Kinder zu leben. Wir wollen uns denn einen billigen kleinen Ort aussuchen […] und da nach Kräften ökonomisiren[,] so daß wir so Gott will die paar heillosen Jahre wieder einbringen“.10 So dachte Ritter bereits 1863, vor dem Würzburger Engagement – nach den negativen Erfahrungen der Saison wird sich diese pessimistische Sicht noch verfestigt haben. Inwieweit es sich dabei evtl. um eine Stilisierung handelt, die die Biographen Ritters posthum nur zu gern aufgegriffen haben, oder ob man in der Tat von einem Lebensthema Ritters sprechen könnte, das von hohen, künstlerischen Idealen, die an der profanen, ökonomisierten Realität scheiterten, handelte und dann zu einer Weltflucht führte, wird immer wieder zu hinterfragen sein. In dem nun schon mehrfach herangezogenen Brief an Levi bezeichnete Ritter jedenfalls im Nachhinein und scheinbar bedauernd Würzburg als den selbstgesetzten Endpunkt seiner Theaterkarriere: 8 Alexander Ritter an Julie Kummer, o. D. [Poststempel 14.4.1864] (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 37). Unveröffentlicht. 9 Von beiden Schwestern konnte kein genaues Todes-Datum ermittelt werden. 10 Alexander Ritter an Julie Kummer, o. O., 11.5.1863 (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 33). Unveröffentlicht. 237 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit „Später war ich noch zwei Jahre Concertmeister u. Dirigent kleinerer Opern in Würzburg unter der Direction Hahn. Von dem unmusikalischen Treiben an den Stadttheatern angeekelt, faßte ich hier leider den Entschluß, keine solche Stelle mehr anzunehmen“.11 9.2. „Verfall und Reform – Eine Schilderung deutscher Theaterzustände“ Zunächst verstand Alexander Ritter das Privatisieren12 allerdings noch nicht als vollständigen Rückzug von allen Theaterangelegenheiten. Vielmehr nutze er die Zeit ohne feste Verpflichtungen dazu, sich umso intensiver mit der Situation der Theater zu befassen und seine Ansichten darüber in einer zwanzig Seiten starken Broschüre zu Papier zu bringen. Sein Essay Verfall und Reform. Eine Schilderung deutscher Theaterzustände nebst einem Vorschlag zur Reorganisation der Provinzial-Bühnen13 kann wohl als Provokation, als eine Art Abrechnung mit Theaterdirektor Emil Hahn verstanden werden. Ritter hatte seine Schrift „dem hochlöblichen Stadtmagistrate zu Würzburg ehrfurchtsvoll gewidmet“, versprach sich also möglicherweise eine ganz konkrete Einflussnahme auf das Würzburger Theater. Von der geringen Reichweite eines solchen Privatdrucks einmal abgesehen, wollte er sich darüber hinaus aber sicher auch überregional profilieren, als Publizist im Sinne des neudeutschen Musiker-Bildes ebenso, wie als kompetenter potentieller Musikdirektor für andere „Provinzial-Bühnen“. Dass er sich mit seiner Einmischung jedoch auch Türen verschloss, da es sich Theaterdirektoren gut überlegt haben werden, einen solch ambitionierten Geiger zu verpflichten, wird er in Kauf genommen haben. Die Abhandlung ist dem Titel folgend in zwei Abschnitte, „Verfall“ und „Reform“, gegliedert. Einen Verfall diagnostiziert Ritter durchaus im moralischen Sinne, wirke doch „die Bühne“ mit ihrem „mächtigsten Einfluß auf den geistigen Entwickelungsgang der Bevölkerung“ derzeit nicht mehr als „dritte Anstalt“ neben Schule und Kirche erbauend und im Sinne der „Grundsätze des Staates“, sondern geradezu entgegengesetzt und „höchst verderblich“.14 Vor allem aber sei die „Schauspielkunst“ an sich und folgerichtig auch die „Bühnendichtung“ akut im Verfall begriffen. Dies habe seinen ganz praktischen Grund nun aber „lediglich in der tendenz- und überhaupt gedankenlosen, lüderlichen Führung der Bühne von seiten ihrer Leiter“. Denen gehe es nicht mehr um die Kunst, sondern nur ums Geschäft, den „Cassenertrag“.15 Dem Publikum – den niederen Klassen insbesondere – setze man daher gerne rein unterhaltende Dutzendware vor. Schlechtes Repertoire verderbe aber zwangsläufig die Schauspieler (Ritter spricht explizit vom Schauspiel und den Schauspielern, auf Oper und Musik geht er zunächst nicht ein), und die gutwilligen unter ihnen müssten daran verzweifeln. Am Ende verschlechtere das wiederum den Geschmack des Publi- 11 Alexander Ritter an Hermann Levi, Meiningen, 16.1.1886 (LOC Washington; ML95.R6.). Unveröffentlicht. 12 Im Meldebogen wurde der Eintrag „Concertmeister beim hiesigen Stadttheater engagirt“ in der Spalte „Stand und Erwerb“ später (möglicherweise bereits 1864) ergänzt: „nun Privatier dahier“. Stadtarchiv Würzburg, Zeitgeschichtliche Sammlung, Biografische Mappe Alexander Ritter. 13 Ritter, Alexander: Verfall und Reform. Eine Schilderung deutscher Theaterzustände nebst einem Vorschlag zur Reorganisation der Provinzial-Bühnen, Würzburg 1864. 14 Vgl. Ritter, Verfall und Reform, S. 5 f. 15 Ebda., S. 6 f. 238 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens kums. Das Grundübel sei aber die „Unfähigkeit des Directors“, entsprechend gute Stücke und Schauspieler aufzubieten.16 Am Verfall trage die öffentliche Hand eine gehörige Mitschuld: „Bei der Vergabe der Stadttheater-Directionen wird leider mit noch viel größerem Unbedacht verfahren [als an den Hoftheatern]. Hier ist nur das Eine maßgebend: welche Caution das betreffende Individuum zu stellen im Stande ist“, nicht aber „Fachkenntniß“.17 Ritters Vorschlag zur „Reform“ zielt daher vor allem auf die Magistrate kleinerer Städte ab. Zwar sei das Endziel eine staatlich geförderte „Nationalbühne“ im Sinne Eduard Devrients (an dessen Reformschrift Ritter sich nach eigener Angabe orientiert18), aber ein kleiner Stadtmagistrat habe es eben leichter, auf dem Weg dahin vorneweg zu gehen und könne damit ein ehrenvolles Exempel abgeben. Der Magistrat „übernimmt das Theater auf Rechnung der Stadt“ und setzt ein „Directorium“ aus „einem darstellenden Künstler“, dem „Kapellmeister“ und einem „Dramaturgen“ ein, die fest bezahlt sein müssten und nicht an den Einnahmen beteiligt, so Ritters Vorschlag.19 Zuletzt teilt Ritter noch seine Vorstellungen von einem idealen Repertoire mit, dessen „Stamm“ aus nicht häufig angesetzten, aber „mit umso größerer Regelmäßigkeit“ gepflegten „Classikern“ bestehen solle. Bei Neuerscheinungen solle „ungesäumt“ „jede“ gebracht werden, die „das Interesse der Zeit in irgend einer Weise zu erregen fähig ist“. Wobei Ritter den jungen Dichtern großzügig vier bis fünf Versuche zugesteht, ehe ein wirklich „bühnengerechtes“ Drama dabei herauskommen könne (möglicherweise hatte er hier seinen Bruder Karl im Sinn?).20 Interessant dann die Empfehlung, dass „das Tie f -Er nste und das Derb-Komi sche am seltensten, das vorwiegend Heite re mit e r nste r Tendenz am häufigsten vertreten“ sein solle.21 Mit einigen praktisch-organisatorischen Hinweisen beschließt Ritter seine Schrift und wünscht sich eine wohlwollende Berücksichtigung. Ritter führt in Verfall und Reform auch ein aktuelles Beispiel für den Niedergang eines Theaters an (hütet sich aber geflissentlich, ein Wort über das Würzburger Stadttheater zu verlieren): anhand des Theaters Leipzig könne man den beschriebenen Verfall gut studieren.22 Damit wird Ritter sehr konkret, und auch wenn er den Namen nicht nennt, muss sich seine Kritik doch auf Bernhard Rudolph Wirsing (1808–1878) beziehen. Das ist insofern interessant, als Wirsing das Leipziger Theater bereits seit 1849 leitete und Alexander Ritter während seines Studiums als Aushilfsgeiger im Orchester Einblick in Wirsings Anfänge hatte. Während seines Leipzig-Aufenthaltes 1862/63 hatte er vielleicht erneut die Gelegenheit gehabt, sich einen direkten Eindruck zu verschaffen. Dennoch scheint es nicht, als beruhe Ritters Kritik auf objektiven Tatsachen. Soweit im Rahmen dieser Arbeit nachvollziehbar, galt Wirsing durchaus als erfolgreicher Theaterleiter. In seine Amtszeit fiel die Uraufführung von Schumanns Genoveva, und Wagners Tannhäuser und Lohengrin hatte er in Leipzig sehr früh auf den Spielplan gesetzt. Womit Wirsing eigentlich Ritters Missfallen erregte, bleibt daher im Dunkeln. Paradoxerweise könnte der in Ritters Reformschrift kritisierte Wirsing gleichzeitig das Vorbild für dieselbe geliefert haben, denn nur zwei Jahre vor Ritter hatte er 1862 eine umfängliche Schrift mit dem Titel Das Deutsche Theater veröf- 16 Ebda., S. 11. 17 Ebda., S. 7. 18 Devrient, Eduard: Das Nationaltheater des neuen Deutschlands, Leipzig 1849. 19 Vgl. Ritter, Verfall und Reform, S. 14 ff. 20 Ebda., S. 16 f. 21 Ebda., S. 18. 22 Ebda., S. 12 f. 239 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit fentlicht. Auch Wirsing beklagte darin einen „bedenklichen Rückschritt gegen früher“ und sah „die Schaubühne in Deutschland […] ihrem gänzlichen Verfall entgegen gehen“.23 Ferner prangerte er die unsachgemäße „Concessionirung der Theaterdirectoren“ seitens der Behörden24 und den Verfall des Repertoires durch „Ueberhandnehmen der Posse“25 an. Sein 250 Seiten starkes, verschiedene Aspekte des Theaterlebens (inkl. der Oper) umfassend behandelndes Buch gliedert er in drei „Abschnitte“: 1) Die Theaterzustände der Gegenwart 2) Vorschläge zu einer gründlichen Reform des deutschen Theaters 3) Andeutungen zu einer zweckmäßigen Bühnenleitung Ritters Vorgehen liegt also ein gängiges Schema zugrunde, es handelt sich mitunter nur um eine Konkretisierung auf die kleineren Verhältnisse am (Würzburger) Stadttheater, wohingegen Wirsing ein landesweites Konzept mit eingeteilten „Theaterdistricten“ verfolgte. So sind denn in den Reformvorschlägen am ehesten Unterschiede zwischen den beiden zu erkennen: wo Ritter z. B. ein mehrköpfiges „Directorium“ vorschlägt, pocht Wirsing auf eine starke „Oberleitung“, eine einzelne Führungspersönlichkeit als „Vorstand“26 (er schrieb sein Buch ja aus der Warte des amtierenden Theaterdirektors). Korrespondent für die NZfM Von den diversen Empfindlichkeiten der neudeutschen Musiker untereinander war bereits die Rede. Das Auf und Ab der Beziehungen der Einzelnen untereinander und dessen Gründe sind nicht immer einfach nachzuvollziehen. Fakt ist, dass z. B. zwischen Ritter und Bülow in diesen Jahren Funkstille herrschte. Im (ohnehin nicht komplett überlieferten) Briefwechsel der beiden klafft daher eine Lücke, was auch dazu beiträgt, dass über die Jahre 1863–1866 relativ wenig in Ritters Leben bekannt ist. Bülow bestätigt gegenüber dem gemeinsamen Freund Richard Pohl: „à propos correspondire [ich] auch mit Damrosch nicht mehr, ebenso wenig mit Sascha Ritter“.27 Auch um Alexander Ritters Kontakt zu Franz Brendel und der Neuen Zeitschrift für Musik schien es in dieser Zeit schlecht bestellt, schrieb er doch sarkastisch an seine Schwester: „Das Einzige wofür ich in musikalischer Beziehung hier meinem Schöpfer danke, ist[,] daß ich gar keine Brendel’sche Zeitung zu Gesicht bekomme“.28 Dabei stand Alexander Ritter über Jahre hinweg (1857–1871) als Würzburger Korrespondent auf 23 Wirsing, [Bernhard] Rudolph: Das Deutsche Theater. Eine Darstellung der gegenwärtigen Theaterzustände nebst Andeutungen zu einer zweckmäßigen Reform und Bühnenleitung, Leipzig 1862, Vorwort, S. X. 24 Ebda., S. 7. 25 Ebda., S. 37. 26 Ebda., S. 150 f. 27 Hans von Bülow an Richard Pohl, Berlin, 1.5.1863. In: Bülow, Briefe und Schriften IV-3, S. 526. An anderer Stelle heißt es: „Übrigens mit Damrosch und A. Ritter bin ich ebenfalls außer Verkehr getreten!“. Vgl. Hans von Bülow an Felix Draeseke, Berlin, 23.8.1863. In: Bülow, Briefe und Schriften IV-3, S. 539. 28 Alexander Ritter an Julie Kummer, o. D. [Jahreswechsel 63/64] (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 31). Unveröffentlicht. 240 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens dem Titelblatt der Zeitung vermerkt.29 Tatsächlich auch Beiträge verfasst hat er jedoch erst 1866 und offenbar auch nur für den einen Jahrgang. Damals erschienen immerhin zwei Besprechungen, die ohne Verfassernamen oder Pseudonym abgedruckt wurden, die aber mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihm stammen. In beiden dieser Kritiken werden Konzerte Ritters positiv erwähnt, was an das Eigenlob der Stettiner Artikel erinnert. In späteren Jahren scheinen hingegen keine weiteren Würzburg-Artikel von Ritter mehr erschienen zu sein. Der erste kurze Bericht vom 13. April 186630 behandelt ausschließlich Theodor Ratzenberger (1840–1879), einen Liszt- und Cornelius-Schüler, der für einige Zeit in Würzburg wirkte und dessen Erfolge als Pianist und Lehrer. Ein kleiner Hinweis macht bereits auf Ritter und sein Quartett aufmerksam. Der zweite Bericht erschien am 1. Juni 186631 und widmet sich ganz dem Ritter’schen Quartett: Es ist die Rede vom Mut, „auf eigenes Risico drei junge Künstler engagirt“ zu haben und von „Ritter’s geistig musikalischer Reife“. Man sei ihm überdies „großen Dank schuldig“ für Bülows erstes Auftreten in Würzburg. Am Ende findet sich noch eine Spitze gegen Ritters früheren Arbeitgeber: „so konnten wir den Besuch des hiesigen Theaters meiden, da die Oper bei der Besetzung der vergangenen Saison nicht genießbar war“ – zweifellos ein echter Ritter-Artikel. 9.3. Richard Wagner in München – Die Uraufführung von Tristan und Isolde Die in der Tat unglaubliche Geschichte der Errettung Wagners aus tiefster Verzweiflung und Schuldenlast durch das „wundersame“ Eintreten Ludwigs II. in sein Leben ist bekannt. Seit Mai 1864 hielt sich Wagner auf Wunsch des Königs in Bayern auf, zunächst am Starnberger See, dann in der Residenzstadt München.32 Noch im November zog auch das Ehepaar Bülow an die Isar und bald band Wagner mit Peter Cornelius, Heinrich Porges, Ludwig Nohl, Friedrich Schmitt, aber auch Gottfried Semper u. a. eine ganze Reihe von Weggenossen in seinen Münchner Umkreis ein – wie im Schweizer Exil schwebte ihm eine Art „Kolonie“ vor. Der „junge König“ öffnete ihm Herz und Schatulle, und der sich entwickelnde, gelinde gesagt überschwängliche Briefwechsel der beiden ist legendär. München hätte zur Wagner-, ja gar zur Festspielstadt werden können. Ebenso bekannt ist, wie Wagner es sozusagen binnen Jahresfrist dennoch fertigbrachte, sich in München wieder unmöglich zu machen. Anfang Dezember 1865 wurde er aufgefordert, die Stadt zu verlassen, nachdem er sich massiv in die bayerische Politik eingemischt und nicht nur die Münchner Regierungsbeamten, sondern auch die öffentliche Meinung gegen sich aufgebracht hatte. Das private Desaster, in das er seinen Freund Bülow und dessen Frau Cosima hineinzog, (und das durch den Missbrauch einer königlichen Ehrenerklärung auch staatspolitische Ausmaße annehmen sollte) schwelte zunächst noch unter der Oberfläche. 29 Vgl. NZfM, Bd. 62, 1866, S. I. „Mit Beiträgen von […] A. Ritter in Würzburg“. Ab 1872 änderte sich die Gestaltung der NZfM insofern, als dieses Titelblatt wegfiel und durch ein Gesamtinhaltsverzeichnis ersetzt wurde, in das Korrespondentennamen dann nur aufgenommen wurden, wenn auch tatsächlich Artikel von ihnen im Jahrgang enthalten waren. 30 NZfM, Bd. 62, Nr. 16, 13.4.1866, S. 133. 31 NZfM, Bd. 62, Nr. 23, 1.6.1866, S. 194 f. 32 Ereignisse und Daten zu Richard Wagner vgl. Gregor-Dellin, Richard Wagner, 523 ff. und Ders., Wagner-Chronik, S. 107 ff. 241 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit Während Wagner für sich und den König kräftig Pläne schmiedete und enorm produktiv war (er verfasste einen Bericht über eine in München zu errichtende deutsche Musikschule, setzte den Plan eines eigens zu errichtenden Theaters für den noch fertigzustellenden Ring des Nibelungen durch, legte einen Parsifal-Entwurf vor, arbeitete an der Siegfried-Partitur weiter, begann seine Autobiographie und schrieb Tagebuch-Aufzeichnungen für Ludwig – das spätere Was ist deutsch? – nieder), kümmerte sich Hans von Bülow um die nach fast sechs Jahren endlich realisierbare Uraufführung von Tristan und Isolde – des, wie er hellsichtig schrieb „wichtigsten künstlerischen Ereignisses – ich sage dieses Jahrhunderts“.33 Am Tag des Probenbeginns zum Tristan (am 10. April) erblickte auch eine andere Isolde das Licht der Welt: Cosima von Bülow schenkte ihrem Mann eine Tochter diesen Namens. Deren tatsächlicher Vater allerdings hieß – Richard Wagner. Würzburg war von diesen Ereignissen in der Hauptstadt München natürlich weit entfernt, und die Ritters waren zu diesem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich ahnungslos über die Vorgänge hinter den Kulissen. Aber es ergab sich 1865 durch das Ereignis auf großer öffentlicher Bühne doch die Gelegenheit, erstmals nach München zu kommen, Wagner wiederzusehen und sich ihm einen weiteren Schritt anzunähern. Für den 15. Mai 1865 war die Premiere von Tristan und Isolde angesetzt, und Alexander und Franziska Ritter waren wie viele Anhänger Wagners erwartungsfroh nach München gekommen. Noch am Vorabend des erwarteten Ereignisses trafen sich der Schilderung Adolf Jensens zufolge „um 5 Uhr“ eine Anzahl von auswärtigen Besuchern in Wagners Heim. Zu der geselligen Runde zählten auch „Alexander Ritter nebst Frau aus Würzburg, liebenswürdige, prächtige Menschen“. Den Abend verbrachte Ritter dann mit Jensen, Röckel und Heinrich Porges im Hotel „Vier Jahreszeiten“34, nicht ahnend, dass der nächste Tag eine böse Überraschung bringen sollte: Wegen plötzlicher Erkrankung der Sängerin der Isolde, Malwine Schnorr von Carolsfeld, musste die Vorstellung ganz kurzfristig abgesagt werden. Das seit knapp sechs Jahren vollendete Werk, das in Karlsruhe und Wien nach vielen Proben als unaufführbar zurückgewiesen worden war, musste noch ein paar Wochen länger auf seine Uraufführung und Rehabilitierung warten. Es gab für Wagner an diesem Tag noch eine weitere Hiobsbotschaft: Ihm wurde ein alter Schuldschein präsentiert, den er sofort zu begleichen hatte, offenbar eine Intrige seiner Münchner Gegner, die das fast vergessene Papier angekauft hatten und dazu einsetzen wollten, Wagner am Tag der Tristan-Premiere in die Bredouille zu bringen. Nur durch Einspringen der Kabinettskasse entging Wagner der peinlichen Situation. Dieses abenteuerlich-anekdotische Detail, das so typisch für Wagners Biographie zu sein scheint, sei hier nur erwähnt, weil es wohl erstmals von Carl Friedrich Glasenapp in seiner großen Biographie an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Als „Gewährsmann“ für seine Schilderung führt Glasenapp jedoch niemand anderen als Alexander Ritter an.35 33 Hans von Bülow an Peter Cornelius, 4.7.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 186. 34 Vgl. Adolf Jensen an seine Frau, 17.5.1865. In: La Mara [=Lipsius, Marie]: Musikerbriefe aus fünf Jahrhunderten, Bd. II, Leipzig o.J. [1886], S. 353 f. 35 Vgl. Glasenapp, Leben Richard Wagner’s, Bd. 4, S. 78 f. Die Begebenheit wird auch von Reinhard Frhr. von Lichtenberg in seinem Vorwort zu Julius Knieses Tagebuchblättern wiedergegeben, der sich ebenfalls auf eine persönliche Mitteilung Alexander Ritters beruft (vgl. Kniese, Julie (Hrsg.): Der Kampf zweier Welten um das Bayreuther Erbe, Leipzig 1931, S. 18). Kurioserweise berichtet auch noch der greise Richard Strauss in den undatierten Aufzeichnungen „Mein Vater“, diese Geschichte aus Ritters Mund gehört zu haben und gibt dabei sogar den Urheber der Intrige an: „[…] da sich sogar ein großer Künstler wie Moritz von Schwind in seinem Hasse gegen Wagner so weit vergaß, daß er massenhaft Schuldscheine Wagners aufgekauft hatte, um Wagner am Tage der Münchner Tristanpremière verhaften 242 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Der Schock über die abgesagte Premiere muss auch bei den Freunden Wagners groß gewesen sein. Wie es weitergehen sollte, war zunächst unklar. Viele der Angereisten blieben noch einige Tage in München und warteten ab. Am 22. Mai war schließlich auch Wagners Geburtstag. „Die bestimmte Aussicht, daß die erste Aufführung noch in derselben Woche stattfinden werde, hielt aber fast alle in der Nähe zurück. Am Vormittage war der Sammelpunkt der Freunde bei Bülow, am Nachmittage in Wagners reizender Villa“.36 Auch Ritters waren noch dabei, als Bülow in seinem Salon neueste Liszt-Werke (z. B. den Totentanz) am Klavier vorstellte, und im Hause Wagner noch ungehörte Ausschnitte aus Rheingold und Meistersinger präsentiert wurden,37 ehe sie zurück nach Würzburg fuhren. Abb. 14: Gruppenphoto anlässlich der Uraufführung des Tristan. Alexander Ritter ist Vierter von rechts. Wie heiter die Tage nach der geplatzten Premiere in München mit Wagner waren, schildert Glasenapp.38 Ritter unternahm viel mit Jensen39, und am 17. Mai versammelte sich eine ganze Reihe von in München ausharrenden Freunden beim Hofphotographen Albert, wo das berühmte Gruppenphoto entstand, auf dem auch Alexander Ritter zu sehen ist (Abb. 14). u. ins Schuldgefängniß werfen zu lassen. Alexander Ritter hat es mir erzählt.“ (RSA; „Blaues Tagebuch IX“, S. 9. Vgl. Strauss, Richard: Späte Aufzeichnungen, hrsg. von Marion Beyer, Jürgen May und Walter Werbeck, Mainz 2016 (=Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft Bd. 21), S. 246. Diese Passage fehlt im Abdruck von „Mein Vater“ in den von Willi Schuh herausgegebenen Betrachtungen und Erinnerungen. 36 Vgl. Pohl, Schriften I, S. 114. 37 Ebda., S. 114 f. 38 Vgl. Glasenapp, Leben Richard Wagner’s, Bd. 4, S. 82 f. 39 Vgl. La Mara, Musikerbriefe, S. 358: „Mit Ritters bin ich viel zusammen und werde durch ihn vermutlich manches Sehenswerthe sehen, was mir sonst verschlossen bliebe“. 243 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit Zwischen den Freunden Draeseke (links von ihm) und Damrosch (rechts von ihm) posiert er als sichtbarer Teil des größeren Freundeskreises um Richard Wagner – den er fest in den Blick nimmt. Erst am 10. Juni war es dann endgültig soweit – alle Sänger waren in Hochform und Tristan und Isolde wurde im Münchner Hoftheater zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Alexander und Franziska waren erneut aus Würzburg angereist und verbrachten bereits am 8. und 9. Juni Zeit mit Richard Wagner, wie der in seinen „Annalen“ ohne nähere Angaben knapp vermerkte.40 Bei dem Großaufmarsch berufener und unberufener Wagnerfreunde und der Belastung, die die Premiere für Wagner darstellte, wird sich kaum die Gelegenheit ergeben haben, mit dem Komponisten unter vier Augen zu verkehren und die mit erst zwei Begegnungen recht junge Bekanntschaft zwischen Alexander Ritter und Richard Wagner zu intensivieren. Dennoch waren die beiden Tristan-Reisen nach München mit ihren Begegnungen und Eindrücken für Ritter sicher ein prägendes Erlebnis, und seinen Platz zumindest im weiteren Freundeskreis Wagners hatte er damit nun eingenommen. 9.4. Peter Cornelius zu Besuch in Würzburg Zwei Monate nach der Tristan-Premiere, Anfang August, war Peter Cornelius zu Besuch bei Familie Ritter in Würzburg. Durch seine Briefe erhält man einen kleinen Einblick in die private Lebensweise Alexanders und Franziskas: „Ritters, wohlhabende Leute, wohnten in einem hellen, lustigen Hause, wo alles Komfort atmete. In dem schönen Salon des ersten Stocks umarmte mich bald Alexander. […] Beide rauchen Zigaretten“.41 Die damalige Wohnung lag in der Strohgasse 1142, die seit 1895 Heinestraße heißt, und existiert heute nicht mehr. Durch Cornelius’ Bericht, der Ritters ja in durchaus sympathischem Licht erscheinen lässt, erfährt man en passent aber auch, dass sie mit einem gemeinsamen Freund aus Weimarer Tagen, dem Sänger Gaspary, der sich ebenfalls im kleinen Würzburg niedergelassen hatte, für Cornelius völlig unverständlicherweise nicht mehr verkehrten. Gaspary habe Cornelius an Ritters Tür begleitet, sei aber nicht mit hochgekommen.43 Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen, schien es Ritter immer wieder schwer zu fallen, mit vielen seiner Freunde guten Kontakt zu halten. Kurz nach Cornelius war Felix Draeseke auf ein paar Tage zu Besuch in Würzburg – offenbar hatte die Tristan-Premiere Gelegenheit geboten, sich wieder anzunähern. Roeders Bericht zufolge, „begab sich Draeseke nach Würzburg, wo ihn Alexander Ritter freundlich aufnahm und an den Ohrenarzt Prof. Dr. Trölsch empfahl. […] Am 17. August trat er die Rückreise an“.44 Allerdings brach der Kontakt danach bald wieder ab und zwischen Draeseke und Ritter kam es im Laufe der Jahre nur noch zu wenigen, eher kühlen Begegnungen. Mit Cornelius verstanden Ritters sich jedenfalls blendend und man sprach auch viel über Musik. Cornelius’ Kommentare zu Ritters Quartett-Kompositionen werden noch in diesem Kapitel behandelt, und von der grundsätzlichen musikalischen Kritik, die damals an Wag- 40 Vgl. Wagner, Mein Leben, S. 761. 41 Peter Cornelius an Bertha Jung, München, 10.8.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 216 f. 42 Meldebogen, Stadtarchiv Würzburg. Die Adressen wurden noch bis 1868/69 in anderer Form angegeben: Strohgasse 11 entsprach „I 109“, auch die Angabe „Strohgasse 109“ findet sich mitunter als Adresse. 43 Peter Cornelius an Bertha Jung, München, 10.8.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 216. 44 Vgl. Roeder, Draeseke I, S. 168. 244 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens ners Tristan geübt wurde, wird an anderer Stelle die Rede sein.45 Auch der Mensch Richard Wagner wurde von beiden kritisch betrachtet: „Er [Wagner] ist in beständigem Delirium, mit ihm zu leben müßte eine Qual sein“, zitiert Cornelius seinen Freund Ritter.46 Peter Cornelius war zu diesem Zeitpunkt bei Wagner und Bülow in Ungnade gefallen, da er zur Premiere des Tristan nicht erschienen war und sich schon seit Wochen aus München absentiert hatte (dass er sich um die Premiere seiner eigenen Oper Der Cid kümmern musste, zählte da nicht). Er gehörte zu denen, die besonders sensibel auf Wagners Selbstherrlichkeit reagierten. Seit dem 30. Dezember 1864 wohnte Cornelius in München in Wagners Umfeld, und alle seine Vorahnungen, er werde nur wieder als „geistiges Möbel“ missbraucht werden, schienen sich bestätigt zu haben. An Alexander Ritter berichtet Cornelius über Wagners „Nervengereiztheit“ und formuliert das Paradoxon, dem sich jeder Anhänger Wagners gegenübersah: „Man muß ihn eben als den einzigen unter den Geistern, der er ist, nehmen, den Menschen ertragen und – lieben“.47 Wagners Egomanie bekam sein Umfeld gerade in der Münchner Zeit zu spüren: Cornelius, Tausig, Weißheimer – sie alle fühlten sich von Wagner gegängelt und eingeengt. Vor diesem Hintergrund wirkt es noch überraschender, was Anfang November 1865 Alexander Ritter widerfuhr: Er erhielt den ersten an ihn adressierten Brief von Richard Wagner. Dem nicht unfreundlichen Schreiben war ein Geldbetrag beigelegt – es handelte sich um die Rückzahlung der 100 Taler, die Wagner sich vor drei Jahren in Leipzig geborgt hatte.48 Wagner beglich freiwillig seine Schulden! „Es war für mich recht schmerzlich, [...] dass es mir nicht einmal möglich ward, Euch guten Kindern das kleine Darlehen zurückzuerstatten, mit welchem Ihr mir vor 3 Jahren so sehr freundlich zur Bekämpfung einer recht üblen Lage halfet. […] Da ich mich jetzt endlich ein wenig mit Geld versehen konnte, seid mir nicht böse, dass ich Euch, mit den geliehenen 100 Thalern zugleich eine kleine Zubusse zu den Auslagen erstatte, welche Euer von mir so gewünschter Besuch in München verursachte. […] Ich bin Ihrer Familie, lieber Sascha, aus den vergangenen Jahren so grossen Dank für die mir damals gebrachten Opfer schuldig, dass ich, der ich niemals zu einem nur irgend so zu nennendem Vermögen kommen werde [...], wohl schwerlich daran denken kann, auch das Materielle jener Verpflichtungen gegen Euch zurückzuerstatten. Seid Ihr aber einmal in Noth, und ist Euch mit etwas geholfen, so rechnet auf mich als Freund, sobald nur irgend mir etwas zu Gebote steht. Als Zeugnis meiner Aufrichtigkeit diene Euch, dass ich heute von selbst an Euch denke. […] Kann ich, so komme ich bald einmal zu Euch. Es ist mir lieb, Euch in Würzburg u. nicht in Leipzig zu wissen“.49 Erst am 18. Oktober hatte Wagner von Ludwig II. 40.000 Gulden ausgezahlt bekommen. Seine Schuld bei Ritter über 100 Taler entsprach ca. 175 Gulden – die konnte er nun gut verschmerzen. Dem Schluss des Briefes lässt sich entnehmen, dass Ritters offenbar erneut überlegt hatten, nach Leipzig zu gehen, sich letztlich aber doch entschieden hatten, in Würzburg zu bleiben. Dort suchte sich Alexander nun eine neue Herausforderung abseits des Theaters. 45 Vgl. Werk III-h. 46 Peter Cornelius an Bertha Jung, München, 10.8.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 217. 47 Peter Cornelius an Alexander Ritter, München, 26.8.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 240. 48 Vgl. Leben III-8.3. 49 Richard Wagner an Alexander Ritter, München, 2.11.1865. In: Wagner, Briefe XVII, S. 318. 245 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit 9.5. Die Gründung des „Ritter’schen Quartetts“ Schon Ende 1863 hatte Alexander Ritter gegenüber seiner Schwester von geplanten Streichquartettabenden in Würzburg gesprochen, die vorerst aber nicht zustande kamen: „Mit meinen Quartettsoiréen scheint [es] nichts zu werden da[,] die Subscription die Kosten nicht deckt, einstweilen haben wir es auf die Fastenzeit hinausgeschoben, ich glaub aber[,] sie werden wohl ganz unterbleiben“.50 Erst zwei Jahre später, im Dezember 1865 war es dann soweit, dass Ritter und seine Kollegen Ludwig Baer aus Frankfurt, Gustav Schlemüller aus Königsberg und Rudolf Hennig aus Leipzig – nach ihrem Primarius das „Ritter’sche Quartett“ benannt – „einen Cyklus von Quartettabenden“ begannen.51 Ritter hatte die drei Musiker auf eigene Kosten engagiert. Bis Ende März 1866 veranstaltete er acht solcher Soireen in Würzburg, wobei Quartette von Haydn, Mozart und Beethoven die Grundlage der Programme bildeten – jeweils deren eines und in dieser Reihenfolge gespielt, was also einem vergleichsweise klassischen und konventionellen Programmkonzept entspricht. Seine eigentliche Vorliebe galt den späten Quartetten Beethovens, die Mitte des 19. Jahrhunderts noch immer als ungeheuerlich galten und von Ensembles wie den Gebrüdern Müller erst allmählich ins Bewusstsein des Publikums gebracht wurden: De facto fand aus dieser Werkgruppe jedoch nur Beethovens letztes Quartett op. 135 Eingang ins Repertoire des Ritter-Quartetts. Bemerkenswert ist das Programm der „VIII. Soirée“, die am 27. März 1866 stattfand. Damals galt dieses Datum mancherorts irrtümlich (richtig wäre der 26.3.) als der Todestag Beethovens.52 Anlässlich dieses Gedenktages spielte das Ritter’sche Quartett ein reines Beethoven-Programm (op. 18/1, op. 59/3 und op. 135) (Abb. 15). Besonders hervorzuheben ist außerdem die Mitwirkung Hans von Bülows bei der Soiree am 20. Januar 1866. Bülow war Ritters Einladung gefolgt, bzw. hatte sich angeboten und war erstmalig für ein Konzert nach Würzburg gekommen. Erst kurz zuvor hatten die beiden das längere Schweigen gebrochen und die Freundschaft umso inniger wiederaufgenommen. 50 Alexander Ritter an Julie Kummer, Würzburg, 3.12.1863 (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 36). Unver- öffentlicht. 51 Vgl. NZfM, Bd. 61, Nr. 51, 15.12.1865, S. 454. 52 Vgl. z. B. den Artikel Beethoven in: Neues Universal-Lexicon der Tonkunst, hrsg. von Julius Schladebach, Band I, Dresden 1855, S. 358. Dieses Lexikon wurde „Unter Mitwirkung“ u. a. Franz Liszts herausgegeben, und auch der Dresdner Julius Schladebach selbst war Alexander Ritter persönlich bekannt. Abb. 15: Würzburger Abendblatt, 26. Jg., Nr. 69, 21.3.1866, o. S. 246 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Noch vor dem ersten Auftritt in Würzburg, gleichsam bevor sie sich dem heimischen Publikum stellte, präsentierte die neugegründete Quartett-Formation ihr frisch einstudiertes Programm auswärts. Laut einer Konzertanzeige in der lokalen Zeitung hatte das Ritter’sche Quartett am Donnerstag den 30. November 1865 Haydn, Mozart und Beethoven in Bamberg gespielt.53 Am 4. Dezember war es in Nürnberg zu Gast54 und auch als der Würzburger Konzertzyklus angelaufen war, konzertierte man noch einmal außerhalb, und zwar am 16. Februar 1866 in Erlangen mit dem Basis-Programm.55 Nach nur einer Saison, im Sommer 1866, war die Zeit des Ritter’schen Quartetts bereits wieder vorbei. Nach unzähligen Proben und gut besuchten Konzerten, nachdem der langwierige Prozess des Zusammenfindens, der gerade in einer Quartettformation ja wesentlich ist, erste Früchte zeigte, wird Ritter der Weggang seines Cellisten Hennig getroffen haben. Zwar 53 Vgl. Bamberger Tagblatt, Nr. 326, 28. 11.1865. 54 NZfM Bd. 61, Nr. 52, S. 463. Vgl. auch Peter Cornelius an Alexander Ritter, 13.12.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 319. 55 Vgl. Erlanger Tagblatt, 13.2.1866, S. 106. Siehe Abb. 16. Abb. 17: Das Ritter’sche Quartett Abb. 16: Erlanger Tagblatt, 13.2.1866, S. 106. 247 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit suchte er per Zeitungsanzeige noch nach einem neuen Cellisten für sein Quartett56, aber letztlich gab er die Idee eines festen Ensembles auf – sicher auch in der Einsicht, dass es auf Dauer kein Publikum für eine ganze Quartett-Konzertreihe in Würzburg geben und die Einnahmen in keinem Verhältnis zu den Kosten und dem Aufwand stehen würden. Damit muss man wohl auch das eigene Quartettensemble, das den eigenen Namen trug, zu der Reihe von gescheiterten Projekten Ritters und den vergeblichen Versuchen, sich im musikalischen Leben zu etablieren und sichtbar zu bleiben, rechnen. Als ein durchaus positiver „Nebeneffekt“ des Quartettspiels und der intensiven Beschäftigung mit der Gattung Streichquartett darf gelten, dass Ritter eigene kompositorische Versuche auf diesem Gebiet unternahm. Es dürften Anfang der 1860er Jahre mehrere Quartettkompositionen oder Teile davon entstanden sein, wovon sich nur das später als op. 1 veröffentlichte c-moll-Quartett erhalten hat (vgl. Werk II-d.). Cornelius berichtet nach seinem Besuch bei Ritter in Würzburg im August 1865 vom gemeinsamen „Studium eines Streichquartetts“: „ich hatte die Befriedigung ihm manches Beifällige sagen zu können“.57 Er verwendet also explizit den Plural und spricht auch noch von künftigen Kompositionen: „Deine Quartette sind höchst ersprießliche Studien, und das ist eine Schule für alles!“. Er rät Ritter zu einer „vernünftige[n] Suite für Quartett“: „Hast Du so etwas für Streichquartett gut geschrieben – so wird Dir auch sinfonisch alles gelingen“.58 Kurz darauf, im September 1865, konnte Ritter einem Mitglied des Müller-Quartetts eine abgeschlossene Quartettkomposition zuschicken, in der Hoffnung, es könnte durch das Ensemble aufgeführt werden.59 Ob es sich um das spätere op. 1 gehandelt hat, lässt sich nicht sagen. Zu einer Aufführung durch die Gebrüder Müller kam es nicht, doch Ritter ließ sich nicht entmutigen und hegte weitere Kompositionspläne: „Glück auf zum Quartett“ spornte ihn sein Freund Bülow im Frühjahr 1866 an und schlägt ihm bemerkenswerterweise genau wie Cornelius eine „Suite für Quartett in mehreren Sätzen[,] etwa wie [Beethovens op.] 130“ vor.60 Leider gibt es keine weiteren Hinweise, ob Ritter sich auf diesen Vorschlag eingelassen hat, oder welche weiteren Kompositionen er für Streichquartett fertigstellen konnte. Lediglich von einem Quintett d-moll für Klavier, zwei Violinen, Viola und Violoncello ist bei Hausegger noch die Rede, das ca. 1867 entstanden sein soll.61 Neben den eigenen Soireen hatte Alexander Ritter und sein Quartett in den ersten Monaten des Jahres 1866 noch bei anderen Konzertveranstaltungen in Würzburg mitgewirkt, u. a. am 27.2. in einem Konzert des befreundeten Pianisten Ratzenberger62 und am 1.3. in einem Konzert einer auswärtigen Pianistin, Anna Mehlig.63 Bemerkenswert ist v. a. der kleine Beitrag, den Ritter als Sologeiger in einem Konzert des Hofsängers Bohrer aus Stuttgart am 4. Januar in der Würzburger Schrannenhalle leistete, als er „Fantasiestücke für Violine: a) Adagio, b) Introduction und Fuge“ eigener Komposition zum Besten gab.64 Damit gehört die 56 Vgl. Signale für die Musikalische Welt, Jg. 24, Nr. 40, 20.9.1866, S. 659. 57 Peter Cornelius an Bertha Jung, München, 10.8.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 217. 58 Peter Cornelius an Alexander Ritter, München, 26.8.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 242. 59 Alexander Ritter an Hermann [?] Müller, Würzburg, 12.9.1865 (WLB Stuttgart; Cod. hist. 4° 540). Unveröffentlicht. 60 Hans von Bülow an Alexander Ritter, München, 9.4.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 108. 61 Vgl. Hausegger, Bild, S. 55 und S. 59. 62 Würzburger Journal, 12. Jg., Nr. 49, 26.2.1866, o. S. 63 Würzburger Journal, 12. Jg., Nr. 52, 1.3.1866, o. S. 64 Konzertanzeige Würzburger Abendblatt, 26. Jg., Nr. 3, 3.1.1866., o. S. 248 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens erste Jahreshälfte 1866 zu den aktivsten Perioden in Ritters selbstorganisierter Konzerttätigkeit. Danach wurde es in Würzburg zunächst ruhiger um ihn. 9.6. Wagner, Liszt, Bülow – wechselvolle Beziehungen zu den Idolen Die Ereignisse in München hatten unterdessen ihren Lauf genommen. Während des Rauschs der Tristan-Premiere, die beim Publikum, weniger jedoch in der Presse ein großer Erfolg war, mochten Wagners Probleme für eine Weile verflogen sein. Tatsächlich war nach einem Artikel in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 19. Februar und Wagners Antwort darauf die Lage für den Komponisten in München bereits so verfahren, dass er dem König am 9. März die Vertrauensfrage gestellt hatte. Einige Monate konnte er sich noch in München halten, bis nach einem erneuten Schlagabtausch in der Presse selbst Ludwig nicht mehr anders konnte, als ihm nahezulegen, das bayerische Staatsgebiet zu verlassen. Während Wagner sich in die Schweiz zurückzog und vorerst in Genf wohnte, blieben Bülows um den Schein zu wahren zunächst in München. Die Rolle, die Cosima in Sachen Wagner spielte, ließ sich gegenüber Freunden nicht mehr verheimlichen. Cornelius schrieb Alexander Ritter von „Kunden, die unerhört sind, die man brieflich nicht mitteilen kann“ und diagnostiziert: „der Bruch stellt sich täglich […] unheilbarer heraus“.65 Doch so unerträglich die Situation letztlich – für alle Beteiligten – gewesen sein muss, die Fassade bröckelte nur langsam. Vor allem Hans von Bülow, dem seine Lage wohl bewusst war, litt fürchterlich unter diesem Zustand. Es wurde schon davon berichtet, dass Anfang des Jahres 1866 eine längere Verstimmung zwischen Ritter und Bülow wieder aus der Welt geräumt war. Möglicherweise hatte Bülow in seiner Verfassung das Bedürfnis, die alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Er bot Ritter sogleich an, nach Würzburg zu kommen und spielte denn auch tatsächlich am 18. Januar dort einen Soloabend66 und wirkte am 20. in einer Soiree des Ritter-Quartetts mit. Danach bedankte er sich bei Ritter: „es war mir sehr, sehr wohl in Würzburg!“.67 Die Gelegenheit eines Gegenbesuchs ergab sich einen Monat später, als die Ritters nach München kamen, um der deutschen Erstaufführung der Legende von der Heiligen Elisabeth von Franz Liszt beizuwohnen, die Bülow dort am 23. Februar dirigierte. Am Vortag trafen sie sich auch mit Peter Cornelius, dessen Briefe dieser Zeit von einer milden Zuneigung zu Alexander und besonders Franziska durchdrungen sind.68 Seit wann es einen direkten Kontakt Franziskas oder Alexanders auch zu Cosima von Bülow gab, lässt sich schwer beurteilen, die erhaltenen Briefe Cosimas an Ritters datieren erst später. Immerhin waren die beiden aber zu der Ehre gekommen, von Cosima einen ersten Teil von Wagners Autobiographie Mein Leben in ihrer Niederschrift ausgehändigt zu bekommen. Auf Wunsch Ludwigs II. – und offenkundig selbst von der Idee sehr angetan – hatte Richard Wagner am 17. Juli 1865 begonnen, Cosima von Bülow seine Autobiographie zu diktieren. Es sollte daraus ein jahrelanges Projekt werden, das am Ende über 1000 Seiten hervorbrachte, doch zunächst wurde die Arbeit daran schon nach wenigen Tagen wieder ein- 65 Peter Cornelius an Alexander Ritter, München, 13.12.1865. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 319. 66 Vgl. Birkin, Bülow, 438. 67 Hans von Bülow an Alexander Ritter, München, 7.2.1866. In: Briefe und Schriften V-4, S. 82. 68 Vgl. Peter Cornelius an Heinrich Porges und an Bertha Jung, beide 23.2.1866. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 354 f. 249 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit gestellt. Als am 21. Juli Wagner die Nachricht vom Tode Ludwig Schnorr von Carolsfelds erreichte, war er so erschüttert, dass er die Selbstbiographie beiseitelegte, die in der kurzen Zeit immerhin schon auf 40 Seiten angewachsen war. Diesen ersten Teil aus Wagners Mein Leben müssen Ritters von Cosima Anfang 1866 – möglicherweise bei oder nach dem Aufenthalt in München – als Manuskript zu lesen bekommen haben. Als Wagner sich bald darauf entschloss, das Diktat fortzusetzen, wurden die Blätter wieder benötigt, und Cosima ließ Ritter durch ihren Mann Hans von Bülow wissen: „[Cosima] bittet dringend, ihr das Manuskript von Wotan’s Autobiographie […] zurückzusenden“.69 Cosima selbst betonte später gegenüber Franziska, dass „Ihnen, und zwar Ihnen einzig unter allen meinen Bekannten, die Blätter aus der Biographie mit[zu]theilen“, durchaus nicht selbstverständlich gewesen sei.70 Frau von Bülow betrieb die Sache Wagners auch nach außen hin und unternahm am 5. März 1866 z. B. einen erneuten Anlauf, eine Rückkehr Wagners nach Bayern zu sondieren. Sie hatte Audienz beim Minister von der Pfrondten gehabt und berichtete davon an keinen geringeren als den König, mit dem sie umfangreich korrespondierte: „[ich] sprach ihm von Würzburg, wo die Nichte Wagner’s lebt, die vielleicht für eine freundliche Niederlassung dort sorgen könnte“.71 Ob das mit Ritters abgesprochen war oder nicht, ob es ernst gemeint oder nur ein Test war – Cosima suchte nach einem Hintertürchen. Von Würzburg war dann allerdings nicht wieder die Rede und eine Rückkehr Wagners nach Bayern auf unbestimmte Zeit verschoben. Noch im April bezog er am Stadtrand von Luzern sein Anwesen am See, das berühmte Haus Triebschen. „Franz Liszt in Amsterdam“ Bei der Aufführung von Liszts Hl. Elisabeth in München könnte auch noch eine andere Idee aufgekommen sein, die jedenfalls in direkterem Zusammenhang mit Liszt steht. Bald nach dem Konzert schrieb Bülow seinem Freund Ritter: „Es wäre sehr hübsch von Dir, wenn Du ihm [Liszt] Deine Eindrücke von seinem Werke meldetest“.72 Ob und in welcher Form Ritter darauf einging, ist nicht nachvollziehbar, es ist kein solcher Brief an Liszt überliefert, aber er könnte sich damit für eine Aufgabe qualifiziert haben, die ihm wenig später angetragen wurde: Am 25., 27. und 29. April 1866 wurden in Amsterdam Konzerte zu Ehren Franz Liszts veranstaltet, bei denen von den örtlichen Kräften u. a. sein 13. Psalm, Les Préludes und die Graner Messe zur Aufführung gebracht wurden. Ebenfalls eingeladen war Hans von Bülow, der dort einige Klavierwerke Liszts präsentierte. Über diese Amsterdamer Konzerte sollte nun Alexander Ritter einen Bericht für die NZfM verfassen, was für ihn einen großen und recht ehrenvollen Auftrag bedeutete. Jedenfalls bescherte er ihm eine Auslandsreise und einige anregende Tage in der Entourage des verehrten Liszt. Das Resultat, Ritters Artikel Franz Liszt in Amsterdam, erschien im Mai 1866, aufgeteilt auf zwei Nummern der NZfM.73 Aus einem Brief Bülows geht hervor, dass Ritter den Arti- 69 Hans von Bülow an Alexander Ritter, München, 4.3.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 98. Hinter Wotan verbirgt sich natürlich Richard Wagner. 70 Cosima von Bülow an Franziska Ritter, 18.3.73 (RWG; Hs 36-VIII-2). Unveröffentlicht. 71 Cosima von Bülow an Ludwig II., 5.3.1866. In: Schad, Martha (Hrsg.): Cosima Wagner und Ludwig II. von Bayern. Briefe. Eine erstaunliche Korrespondenz, Bergisch Gladbach 1996, S. 182. 72 Hans von Bülow an Alexander Ritter, München, 4.3.66. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 98. 73 Ritter, Alexander: Franz Liszt in Amsterdam. In: NZfM, Bd. 62, Nr. 22, 25.5.1866, S. 181–183. 250 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens kel vorab seinem Freund zur Ansicht überlassen hatte. Möglicherweise sind dessen „kleine Abänderungen“ in Ritters endgültige Fassung übernommen worden.74 Bülow hatte Ritter auch bestärkt, „Liszt’s Rath nachzukommen und Dich litterarisch [sic] zu beschäftigen“, also in Zukunft öfter die Feder zu ergreifen. Außerdem schlug Bülow einen interessanten Taktikwechsel vor: die Neudeutschen sollten in ihren Artikeln zukünftig „nicht mehr wie ein Oppositionschef sprechen“, sondern die Gegner einfach ignorieren.75 Dass Bülow dieser Gedanke nach der Lektüre von Ritters Artikel gekommen war, verwundert nicht – Ritter hatte sich regelrecht auf die Gegenpartei eingeschossen: Franz Liszt in Amsterdam besteht zu zwei Dritteln aus einer Rechtfertigung Liszts und dem Anprangern der „Böswilligkeit“ der Presse. Auf diese Presse-Schelte Ritters reagierte ein Rezensent der Neuen Berliner Musikzeitung prompt mit dem Bedauern darüber, „daß der geniale Meister seine Anhänger nicht zu mehr Tact und Anstand anleite“.76 Ritter unternimmt in seinem Artikel den nicht unproblematischen Versuch, zwei heikle Fragen zu beantworten: warum Liszt Deutschland verlassen und warum er die niederen Weihen empfangen habe. Ersteres erkläre sich aus dem Undank, der Liszt in Deutschland widerfahren sei, nachdem er sich in Weimar selbstlos für die Kunst aufgeopfert habe. Letzteres zu kommentieren sei im Grunde „tactlos, ja profanisirend“, doch sei jedenfalls nicht von einer Weltflucht auszugehen, vielmehr habe Liszts „Productivität“ „eher zu- als abgenommen“ und an den aktuellen „Kunstzuständen“ nehme der Abbé nach wie vor „aufrichtigen wiewol mehr passiven Antheil“.77 In der anschließenden Besprechung der Amsterdamer Konzerte geht Ritter nicht näher auf die dargebotenen Werke ein, sondern beschreibt relativ knapp die Leistung der Ausführenden und den überwältigenden Erfolg, sowie die Verehrung, die Franz Liszt entgegengebracht wurde. Neben den musikalischen Eindrücken, die Ritter bei dieser Reise empfing und die literarischen Niederschlag in seinem Artikel fanden, könnte er auch einige delikatere private Einblicke gewonnen haben. Franz Liszt hatte darauf bestanden, dass er und sein Schwiegersohn Bülow auf dieser Reise von Cosima, der Tochter und Ehegattin, begleitet würden. Peter Cornelius hatte erfasst, worum es eigentlich ging, als er kommentierte: „Cosima macht die Reise, um sich mit ihrem Vater auszusöhnen, der es ihr […] sehr verübelt hat, daß sie zu Wagner nach Genf gereist ist“.78 Liszt war von der Beziehung seiner Tochter zu Wagner alles andere als begeistert, nicht zuletzt aus Loyalität seinem Lieblingsschüler und Schwiegersohn Bülow gegenüber. Er wollte Cosima um sich haben und hoffte, sie noch beeinflussen zu können. Spätestens bei dieser Gelegenheit dürfte Ritter etwas von der gespannten Atmosphäre und der Affäre um Cosima mitbekommen haben. Eine Bemerkung Bülows legt nahe, Ritter habe in diesen Amsterdamer Tagen, wohl als Bülow mit Proben etc. beschäftigt war, auch Zeit alleine mit Cosima verbracht, bedankt er sich doch bei ihm für „Deine ritterliche Begleitung meiner Frau“.79 Bülow weihte seinen Freund Ritter irgendwann in seine Vorstellung einer gesichtswahrenden Trennung ein: Cosima sollte erst zwei Jahre lang bei ihrem Vater Franz Liszt bleiben, ehe sie zu Wagner dürfe. Kolportiert wird dies jedenfalls in Glasenapps Wagner-Biographie „nach mündlicher Mitteilung“ Ritters.80 74 Hans von Bülow an Alexander Ritter, München, 13.5.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 111. 75 Ebda., S. 111 f. 76 Neue Berliner Musikzeitung, Jg. 20, Nr. 22, 30.5.1866, S. 173. 77 Vgl. Ritter, Liszt in Amsterdam, S. 182. 78 Peter Cornelius an Bertha Jung, o. D. [22.4.1866]. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 368. 79 Hans von Bülow an Alexander Ritter, München, 13.5.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 111. 80 Vgl. Glasenapp, Leben Richard Wagner’s, Bd. 4, S. 184. 251 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit 10. Fluchtversuche (1867–1869) 10.1. Fluchtpunkt Italien? – Erinnerungen an eine Jugendfreundschaft Alexander Ritter wollte seine Mutter und Geschwister, die seit vielen Jahren in Italien wohnten, endlich einmal wiedersehen und hatte daher mindestens seit April 1866 Reisepläne geschmiedet.81 Spätestens ab Juli hielt er sich dann tatsächlich in Italien auf, darauf weisen Briefe Peter Cornelius’ hin.82 Dort traf er sowohl seinen Bruder Karl in Mailand83 als auch seine Mutter und seine Schwester Alexandrine in Pisa. Die Rückreise war für den 16. August geplant.84 In jenem Sommer 1866 verschränkten sich Ritters unsichere Zukunftsperspektive und der private Scherbenhaufen Hans von Bülows mit der angespannten politischen Situation im Deutschen Bund. Am 14. Juni begann der sogenannte Deutsche oder Preu- ßisch-Österreichische Krieg, in dessen Verlauf preußische Truppen im Juli auch bis nach Würzburg gelangten, wohin sich die bayerische Armee zurückgezogen hatte. Es ist nicht ganz klar, ob Alexander Ritters Reise nach Italien damit in einem Zusammenhang steht, er also befürchteten Kämpfen ausgewichen war, von denen Würzburg dann in geringem Umfang tatsächlich betroffen war – wie Bülow seinem Freund nach Italien berichtete85 und z. B. Felix Dahn es in seinen Erinnerungen festhielt.86 Hans von Bülow entwickelte aus anderen Gründen einen Drang nach Italien. Noch bis Juni hielt er es in München aus, am 6.6.1866 bat er um seine Entlassung. „Nach dem Unerhörten was in München vorgegangen“87 war, wusste er nicht, wohin er sich wenden sollte. Wobei für den Baron das „Unerhörte“ auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht Cosimas Handeln war, sondern das Gerede darüber und seine angegriffene Ehre. Die Fassade musste erhalten bleiben, sei es um den Preis der Selbstverleugnung. Das ging so weit, dass Bülow, Cosima und Wagner eine Zeit lang in Triebschen unter einem Dach zusammenlebten. Bülow hatte seine Frau vorausgeschickt, um „dem armen Einsamen [d. h. Wagner!] Gesellschaft zu leisten“, so schreibt er an Ritter.88 Der arme Einsame war er indes selbst – und Cosima längst wieder schwanger von Wagner. Bülow war in einem erbärmlichen Zustand, und die Briefe, die er an Ritter richtete, wirken wie Hilferufe, auch wenn er selbst seinem Freund gegen- über noch nicht Klartext über den Ehebruch reden konnte. Er war plötzlich besessen von der Idee, sein Glück in Italien zu versuchen. So hatte er wieder Briefkontakt zu Karl Ritter 81 Vgl. Alexander Ritter an Hermann [?] Müller, Würzburg, 14.4.1866 (WLB Stuttgart; Cod. hist. 4° 540). Unveröffentlicht. 82 In einem Brief vom 25.6.1866 hofft Cornelius Ritter noch in Würzburg anzutreffen, die Briefe vom 19.7. und 5.8. richten sich an Ritter in Italien. Vgl. Cornelius, Literarische Werke, S. 397 ff. 83 Vgl. Karl Ritter an Hans von Bülow, Turin, 19.7.1866 (RWG; Hs 56-I-17). Unveröffentlicht. Dort heißt es: „A Milano m’incontrai col fratello e colla cognata“. Wie auch mit Alexander schrieb Bülow mit Karl Ritter gerne ein paar Worte auf Italienisch, plante er doch, selbst nach Italien zu gehen. 84 Hans von Bülow an Alexander Ritter, Triebschen, 14.8.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 137. 85 „vor einigen Tagen soll gerade in der Strohgasse [Ritters Adresse] eine preußische Granate zerplatzt sein“. Vgl. Hans von Bülow an Alexander Ritter, Triebschen, 31.7.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 130. 86 Vgl. Dahn, Felix: Erinnerungen, 4. Buch, Bd. 1, Leipzig 1894, S. 164–168. 87 Hans von Bülow an Alexander Ritter, Triebschen, 20.7.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 126. 88 Hans von Bülow an Alexander Ritter, München, 13.5.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 110. 252 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens aufgenommen, der sich in Turin aufhielt, und ihn um Empfehlungen für Italien gebeten. Seinem Bruder Alexander unterbreitete Bülow dann einen naiven Vorschlag: „Höre mich einmal an! Wie wäre es, wir gingen beide diesen Winter nach Mailand, versuchten unser Glück. Du könntest im Orchester leicht eine Anstellung finden, ich vielleicht Lehrerpraxis in Pensionaten und dergleichen. Wir lassen unsere Frauen einstweilen in Bayern zurück. Deine Frau verläßt ganz einfach Würzburg und zieht zur meinigen. […] Zu Zweien leben wir vielleicht in Italien billiger als je Einer für sich“.89 Alexander Ritters Antwort war wohl wenig ermunternd, sodass Bülow nachlegte: „Der Sinn meines Vorschlags war: Anbieten vollständiger Fraternität, Collegialität. Ein egoistischer Gedanke wirkte allerdings mit: mir graut vor dem Alleinstehen. […] Entschließe Dich Deinerseits. Gehen wir nach Mailand. Was willst Du ferner in Würzburg? Das ist gebrandschatzt. Dort haben die Leute kein Concertgeld mehr für den nächsten Winter“.90 Vielleicht hatte auch Ritter ernsthaft darüber nachgedacht, dauerhaft zu seiner Familie nach Italien zu gehen, allerdings war die politische Situation dort auch nicht eben ruhig. Italien hatte gleichfalls Truppen mobilisiert und Österreich am 20. Juni 1866 den Krieg erklärt. Es ging um Venetien, das im Wiener Frieden vom 3. Oktober dann von Österreich an Italien abgetreten wurde. Ritters Antworten an Bülow liegen nicht vor, aber offenbar waren ihm dessen fantastische Auswanderungs-Ideen zu vage. Hinzukommt, dass Alexander von der Begegnung mit seinem Bruder Karl ziemlich enttäuscht war, er hatte keinen Zugang mehr zu ihm gefunden. Der alte Dreierbund der Dresdner Kindheit zwischen den Ritter-Brüdern und Bülow war nurmehr eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen. Ihn wiederzubeleben war eine Illusion, doch rangen alle Drei immer wieder um diese alte Freundschaft. Karl war dabei sicher der Schwierigste und am wenigsten Erreichbare, doch gerade im Sommer 1866 standen er und Bülow wieder in einem engeren brieflichen Kontakt. Bülow wollte sich mit Karls Rückzug nicht abfinden und beschwor Alexanders Solidarität: „Schmerzlich überrascht wurde auch ich durch Deine Mittheiungen über unseren Karl. Sähest Du nicht doch zu schwarz? […] Mit uns müßte doch Karl umgehen, und was könnten wir unmerkbar für wohlthuenden Einfluß auf ihn gewinnen! Es wird mir peinlich schwer, ihn ganz aufzugeben“.91 Tatsächlich zeigte sich Karl gegenüber Bülow kurzzeitig sogar sehr zugänglich. Er schilderte ihm die Verhältnisse in Italien, riet aber auch, München nicht fallen zu lassen, schließlich sei eine „deutsche Kapellmeisterstelle doch auch nicht übel“. Und wie Bülow ließ er sich zu unrealistischen aber enthusiastischen Plänen hinreißen: „Sei’s in Deutschland oder in Italien, diese Correspondenz verjüngt mich, und ich schmiede Pläne, für einige Zeit in Deine Nähe zu ziehen“.92 89 Hans von Bülow an Alexander Ritter, Triebschen, 20.7.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 127 f. 90 Hans von Bülow an Alexander Ritter, Triebschen, 31.7.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 132. 91 Hans von Bülow an Alexander Ritter, Triebschen, 14.8.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 139. 92 Karl Ritter an Hans von Bülow, Turin, 24.8.1866 (RWG; Hs 56-I-20). Unveröffentlicht. 253 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit Aus all den Italien-Plänen und Freundschaftsbekundungen wurde jedoch nichts. Alle Drei waren orientierungslos und sehnten sich einerseits danach, an die heitere Zeit der Jugendfreund schaft anzuknüpfen, andererseits aber waren sie mittlerweile zu sehr in ihren jeweiligen Lebenssituationen verfangen, als dass es dafür eine Chance gegeben hätte. Der zitierte Brief Karl Ritters an Bülow ist der letzte erhaltene aus dieser Reihe, und wie sich Karls Spur immer mehr im Sand verläuft, so waren auch die gemeinsamen Pläne mit Bülow zerflossen. Am 14. August gab Bülow Alexander Ritter in einem Brief darin recht, dass die Italien-Pläne nicht ausführbar seien – und bat doch am gleichen Tag Jessie Laussot in Florenz um ein Empfehlungs schreiben, um nach Mailand zu gehen.93 Letztendlich gab aber auch Bülow seine Italienpläne auf, ließ im September 1866 Cosima in Triebschen bei Wagner zurück und zog vorübergehend als Klavierlehrer nach Basel. Erst 1869 willigte er in die Scheidung ein, die dann 1870 vollzogen wurde. Seine Töchter, die offiziell alle vier als seine eigenen galten, überließ er Cosima und Wagner. Von Wagner, dem Komponisten, kam Bülow vorerst allerdings nicht los, er bewunderte Die Meistersinger von Nürnberg aufrichtig und ging 1867 zurück nach München, um das neue Werk als Hofkapellmeister einzustudieren. Einen ziemlich konkreten Versuch, doch noch in Italien einen Fuß in die Tür zu bekommen, unternahm indes Alexander Ritter ein halbes Jahr später. Er erhielt im Januar 1867 von Franz Liszt ein erbetenes Empfehlungsschreiben an einen Dr. Cuturi in Pisa. Dieses bescheinigt, dass Ritter „pour le poste qu’on lui offrait à Pise“ bestens geeignet sei und hebt „son remarquable talent de Violoniste et sa capacité comme directeur d’Orchestre“ hervor.94 Ein solches Lob, verbunden mit der Beglaubigung eines untadeligen Charakters, ist in einer Empfehlung natürlich zu erwarten. Liszts Formulierung „parmi mes amis d’Allemagne il en est peu dont je conserve un souvenir aussi affectueux“ darf man aber getrost als echte Wertschätzung verstehen.95 Ob Ritters Bewerbung scheiterte, oder ob er ein Angebot aus Pisa ausschlug, ist nicht bekannt, jedenfalls verblieb Ritter letztlich doch – in Würzburg. Neuen Umgang konnte Ritter dort immerhin pflegen, als in den zwei Spielzeiten 1866– 1868 der enthusiastische junge Wagnerianer Wendelin Weißheimer (1838–1910), den Ritter wohl aus seinen Weimarer Tagen bei Liszt oder spätestens seit den Tonkünstlerversammlungen bereits kannte, als Kapellmeister ans Würzburger Stadttheater kam. Weißheimer berichtet über seine Freundschaft zum Ehepaar Ritter: „Gleich nach unserer Ankunft besuchten wir Alexander Ritter und seine Gemahlin Franziska […] mit welchen wir uns rasch auf das innigste befreundeten und in deren reizender Gesellschaft wir die schöne Umgebung Würzburgs aufsuchten“.96 93 Vgl. Hans von Bülow an Jessie Laussot, 14.8.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 140 f. und Hans von Bülow an Alexander Ritter, Triebschen, 14.8.1866. In: Ebda., S. 137. 94 Franz Liszt an Dr. Cuturi, Rom, 22.1.1867. In: Liszt, Briefe II, S. 97. Am gleichen Tag bestätigte Liszt die Empfehlung und schrieb an Ritter: „Es soll mich sehr freuen, wenn sich diese Angelegenheit zu Ihrer Zufriedenheit abgewickelt und sie wieder in meine Nähe bringt“ (Franz Liszt an Alexander Ritter, 22.1.1867, Abschrift von Marie Lipsius, GSA; 59/455,5. Unveröffentlicht). 95 Ebda., S. 97 f. 96 Vgl. Weißheimer, Wendelin: Erlebnisse mit Richard Wagner, Franz Liszt und vielen anderen Zeitgenossen, Stuttgart und Leipzig 1898, S. 355. 254 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Weißheimer setzte damals selten gespielte Mozart-Opern wie La clemenza di Tito und Idomeneo auf den Spielplan, und unter seiner Leitung wurde am 13. Dezember 1866 auch Wagners große Oper Rienzi erstmals in Würzburg gespielt.97 Richard Wagner lobte ihn dafür in einem Brief ausdrücklich, beklagt sich aber über ausbleibende Tantiemen-Zahlungen seitens des Theaterdirektors Hahn, woraufhin Weißheimer sogar einen Rechtsanwalt bemühte. Ritter war gleichsam aus erster Hand im Bilde: „seinen [Wagners] Brief glaube ich Freund Ritter gegeben zu haben“.98 10.2. Erneute Geigenstudien – ausgerechnet in Paris (1867) Anfang der 1860er Jahre lag Alexander Ritters Violinstudium am Leipziger Konservatorium bereits ein Jahrzehnt zurück. Es waren zehn Jahre voller Routine und ungezählter Orchesterdienste, und nur manchmal hatten sich auch solistische Auftritte ergeben. Als Ritter dann ohne feste Stelle und ohne Aussicht auf solistisches Konzertieren war, entwickelte er umso größeren Ehrgeiz, an seinem Violinspiel zu feilen. Es wurde bereits geschildert, wie er 1861 in Schwerin mit „wahrhaft diabolischen Zähigkeit“ an sich arbeitete und übte. Da er allein mit eisernem Willen und nur aus sich heraus technisch allerdings nur bedingt vorankam, nutzte Ritter die Gelegenheit, als er 1863 in Leipzig weilte, wieder Stunden bei seinem alten Lehrer Ferdinand David zu nehmen – der habe ihn dann auch „tüchtig vorwärts“ gebracht. Anfang 1864 jedoch – Ritter steckte in Würzburg nun wieder mitten in der Theaterroutine – hatte sich eine gewisse Resignation eingestellt: „Wozu ich eigentlich die Geige noch treibe weiß ich gar nicht[,] da es doch scheint[,] daß ich mir niemals auch nur die bescheidenste Stellung dadurch erringen werde“.99 Noch einmal drei Jahre später stellt sich die Situation noch ernüchternder dar: Ritter hatte sich eigentlich vorgenommen, keine feste Stellung am Theater mehr anzunehmen, an eine größere Karriere als Solist war wohl nicht mehr zu glauben und seine Quartettunternehmung in Würzburg war gerade eingestellt worden. Die Frage, „wozu“ er sich auf der Geige weiter abmühte, war also nicht unberechtigt. Der Schritt, zu dem sich Ritter im Frühjahr 1867 entschloss, ist daher durchaus überraschend. In Würzburg nur privatisierend, augenscheinlich noch ohne ein neues Projekt in Aussicht, drängte es ihn, noch einmal alles auf eine Karte zu setzen und in seine technische Vervollkommnung zu investieren. Alexander Ritter ging für mehrere Wochen100 nach Paris und nahm Unterricht bei zwei der größten Lehrer-Koryphäen seiner Zeit: Hubert Léonard (1819–1890) und Lambert Massart (1811–1892). Damit gestattete er sich den Luxus, parallel bei zwei Konkurrenten, die auch unterschiedliche Ansätze vertraten, zu studieren. Ritter dachte wohl, sich so die Vorteile beider Schulen aneignen zu können. Leider gibt es keinerlei direkte Informationen über Ritters Paris-Aufenthalt. Es ist stark anzunehmen, dass er nicht von sich aus auf diese Idee gekommen war, sondern sich von Kollegen dazu hatte ermuntern lassen. Er traf in Paris nämlich auf einige bekannte Gesich- 97 Vgl. den Theaterzettel des entsprechenden Tages (UB Würzburg, URL: http://theaterzettel.franconica. uni-wuerzburg.de/scans/1863_157.png (zuletzt aufgerufen am 5.4.2017). 98 Weißheimer, Erlebnisse, S. 364. 99 Alexander Ritter an Julie Kummer, o.O., o.D. [Jahreswechsel 1863/64] (SSB; Mus.ep. Alexander Ritter 31). Unveröff ent licht. 100 Rösch spricht von einem „vierteljährigen Cursus“ (vgl. Rösch, Mahnruf, S. 235), bei Hausegger ist von „zwei Monaten“ die Rede (vgl. Hausegger, Bild, S. 46). 255 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit ter: Seit 1863 lebte dort sein ehemaliger Kommilitone Wilhelm Langhans. Er war nach dem gemeinsamen Studium in Leipzig bei Ferdinand David von 1852–1856 als Geiger im Gewandhausorchester engagiert. Daneben konnte er in diesem Zeitraum auch weitere technische Studien bei Delphin Alald betreiben und hielt sich dazu erstmals in Paris auf. Nach Stationen in Düsseldorf und Hamburg war er dorthin zurückgekehrt und lebte bis 1869 in Paris. Gemeinsam mit seiner Frau Louise Langhans-Japha, einer virtuosen Pianistin, die auch komponierte, spielte er im Pariser Musikleben dieser Jahre eine nicht unbedeutende Rolle. Er führte dort noch unbekannte deutsche Musik ein, allen voran Schumann’sche Kammermusik, und er verkehrte mit Größen wie Camille Saint-Saëns, César Franck und Giacomo Rossini.101 Langhans könnte einer der einflussreichsten Bekannten Ritters in Paris gewesen sein – ob das heißt, dass dieser damit auch in den beschriebe nen Kreisen und Salons verkehrte und dieselben Komponisten kennenlernte, lässt sich nicht nachvollziehen. Rossini immerhin starb erst 1868, doch lässt kein Wort Ritters auf eine solche Bekanntschaft schlie- ßen. Ein anderer Kommilitone aus Leipziger Zeit befand sich dieser Tage ebenfalls in Paris: Alexander Winterberger, der vor allem ein Freund des Bruders Karl Ritter war und mit diesem 1859 einige Zeit in Italien verbracht hatte, gehörte mutmaßlich zu Alexanders Umgang in der französischen Hauptstadt. Bleibt noch der Hinweis auf Franz Ries (1846–1932), einen Neffen des Beethoven-Schülers Ferdinand Ries, der von 1866–1868 ebenfalls bei Massart in Paris studierte und später noch eine einflussreiche Freundschaft mit Ritter pflegte. Während Rösch nur wenige Zeilen zum Paris-Aufenthalt liefert102, scheint Hausegger über mehr Informationen verfügt zu haben. Ihm zufolge lernte Ritter in Paris auch die berühmten Geiger und Komponisten Henri Vieuxtemps (1820–1881) und Henryk Wieniawski (1835–1880) kennen und konnte zahlreiche Eindrücke vom reichen Pariser Konzertleben gewinnen.103 Die Ironie der Geschichte wollte es, dass Ritter zehn Jahre zuvor – lange bevor es ihn selbst nach Paris zog – für deutsche Geiger, die glaubten, sich in Frankreich oder Belgien weiterbilden zu müssen, nur Spott und Unverständnis übrig gehabt hatte. In seinem Artikel „Aus Stettin“ in der Neuen Zeitschrift für Musik vom 13. November 1857, seinem ersten Zeitungsbeitrag überhaupt, hatte er über einen Kollegen mit Namen Rosenthal geschrieben: „Er hat das Jahr über bei Léonard in Brüssel studirt und soll große Fortschritte gemacht haben. O ihr deutschen Geiger, warum denn immer nach Brüssel oder Paris? Seht, Joachim ist so nah! Aber freilich er macht euch nicht salonfähig!!“.104 Ausgerechnet jenen berühmten Léonard, den er hier erwähnt, suchte Ritter nun selbst in Paris auf. Joachim hingegen schied als Referenz mittlerweile ohnehin aus, hatte der sich doch von den Neudeutschen ab- und Johannes Brahms zugewandt. Über Ritters Geigenkünste lässt sich allgemein nur schwer urteilen. Es ist gut möglich, dass es nicht rein technische Gründe waren, die eine größere Karriere Ritters verhindert hatten. Doch auch wenn er ein hervorragend ausgebildeter Violinist gewesen sein mag – und 101 Vgl. Babbe, Annkatrin: Eintrag „Langhans, Louise (Luise) Hermine, geb. Japha“. In: Instrumentalistinnen-Lexikon, Homepage des Sophie Drinker Institutes, Bremen (URL: http://www.sophie-drinker-institut.de/cms/index.php/langhans-louise (zuletzt abgerufen am 24.1.2017)). 102 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 235. 103 Vgl. Hausegger, Bild, S. 44–46. 104 NZfM, Bd. 47, Nr. 20, 13.11.1857, S. 217. 256 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens wann, wenn nicht nach dem Paris-Aufenthalt hätte dies zutreffen können? – kam er mit seinem Instrument auf keinen grünen Zweig im Sinne einer Solistenlaufbahn. 10.3. Enttäuschte Hoffnungen in München Obwohl es unter der Oberfläche gewaltig brodelte, schien sich die Sache Wagners in München 1867 etwas zu konsolidieren, und es begann eine zweite Phase der Umsetzung seiner Ideen. Im April wurde Hans von Bülow von Ludwig II. zum Hofkapellmeister ernannt und kehrte gewissermaßen rehabilitiert nach München zurück. Wagner wusste, dass er Bülow brauchte und zögerte nicht, ihm die Verantwortungs- und Arbeitslast der Umsetzung seiner Projekte aufzubürden – zu einem Zeitpunkt als er ihn gleichzeitig um seine Frau und Familie brachte. Bülow sollte die Uraufführung von Die Meistersinger von Nürnberg vorbereiten und die Direktion der Königlichen Musikschule in München übernehmen, die im Oktober 1867 nach den Instruktionen Richard Wagners eröffnet wurde. Wagner hatte dazu am 31. März 1865 seinem königlichen Freund und Förderer seinen Bericht über eine in München zu errichtende deutsche Musikschule vorgelegt, der alsbald auch im Druck erschienen war. Zunächst musste das alte Konservatorium abgewickelt und neue Strukturen geschaffen werden. Wagner konnte zwar sein Ideal eines „Ateliers für Musik“ nicht in allen Punkten durchsetzen, wie z. B. in Personalfragen (Nichtverpflichtung Heinrich Porges’, Oberaufsicht der Musikschule durch den Hofmusik-Intendanten Karl von Perfall) und er war in die konkrete Realisation 1867 gar nicht mehr direkt involviert – aber es war doch eine Institution entstanden, die eng mit Wagner assoziiert war.105 Bülow und Cornelius, mitunter die besten Freunde Alexander Ritters, waren als Lehrer an der Königlichen Musikschule tätig. Gut möglich, dass Ritter sich daher Hoffnungen machte, auch für ihn würde sich eine Anstellung in München ergeben. Belegt sind solche Hoffnungen zumindest für die andere Institution, der Hans von Bülow vorstand: das Münchner Hoforchester. Im Juni 1867 gab es anscheinend konkrete Pläne Bülows – ob aus eigenem Antrieb oder auf Bitten Ritters initiiert, ist nicht ganz klar –, seinen langjährigen Freund ins Orchester nach München zu holen. Cornelius war eingeweiht und konnte Ritter über den Stand der Dinge zunächst berichten: Bülow „habe auch mit [dem Intendanten] Perfall gesprochen, Dich für das dortige Orchester zu engagieren“. Ritter solle nur abwarten, denn Bülow sei mit den Lohengrin-Proben vollkommen in Beschlag genommen. Cornelius war zu diesem Zeitpunkt „überzeugt, daß Bülow in Deiner Angelegenheit durchaus auf dem einmal gefassten Plan beharrt“, und sogar Wagner selbst, so Cornelius, „wisse davon, daß Bülow Dich im Orchester anstellen wolle“.106 Wagner mag „gewusst“, ja sogar gebilligt haben – eingesetzt hat er sich für den Mann seiner Nichte in diesem Punkt wohl kaum. Immerhin hatte Bülow Ritter offenbar wenig später ein konkretes Angebot unterbreitet, dessen Bedingungen dieser jedoch brüsk ablehnte. Dies und „daß die Sache zerfahren“ war, erfährt man wiederum durch einen Cornelius-Brief: „Er [Bülow] sagte: Ritter hat mir einen groben Brief geschrieben. Er habe Dir nur 500 Gulden anbieten können, und diese nicht ohne die Bedingung einer Art Konkurrenzkonzerts, das Du vortragen müßtest“. Cornelius könne ihm „keinen guten 105 Zur Geschichte der Königlichen Musikschule vgl. Jost, Christa: Richard Wagners Münchner Atelier für Musik und die Königliche Musikschule (1865–1874). In: Schmitt, Stephan: Geschichte der Hochschule für Musik und Theater München von den Anfängen bis 1945, Tutzing 2005, S. 35–109. 106 Peter Cornelius an Alexander Ritter, Feldafing, 4.6.1867. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 516. 257 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit Rat erteilen“ und sei „betrübt, […] daß die aufblitzende Hoffnung, Dich und Deine Frau hier zu haben, so bald wieder zuschanden sein sollte“.107 Von Hans von Bülow, dem Böswilligkeit oder auch nur mangelnden Einsatz zu unterstellen keinerlei Anhaltspunkt vorliegt, sind zu diesem Vorgang keine Briefe erhalten, – vielmehr klafft in der Bülow-Briefausgabe bei den Briefen an Ritter von 1867 an eine Lücke, die zwölf Jahre umfasst und erst 1879 geschlossen wird. Es liegt also nahe, dass Ritter seinem Freund das Scheitern eines Engagements persönlich anlastete und übelnahm. Die gemeinsame Jugendfreundin Jessie schrieb Ritter noch im Juli: „Es thut mir leid, daß Sie mit Bülow ganz auseinander gekommen sind. Ich war es auch einige Jahre – und kann mir schon gut denken[,] daß Gründe dazu nicht fehlen, aber es ist nicht angenehm Jugend-relations über Bord werfen zu müssen“.108 Jedoch sind auch anderlei Verwerfungen im Verhältnis der beiden denkbar, befand sich Bülow doch gerade in seiner schwersten privaten Krise, und besteht doch die Möglichkeit, dass Ritter sich damals in der heiklen Entscheidungsfrage von Freundes- versus Meisterloyalität nicht völlig zur Zufriedenheit Bülows verhalten hat. Die Engagement-Angelegenheit sollte jedenfalls noch ein ganzes Jahr später ein Nachspiel haben, das die Umstände rückwirkend ein wenig erhellt (s. u.). Ritter blieb also weiter in Würzburg, sollte aber noch im gleichen Sommer trotzdem unter dem Dirigat Bülows spielen. Vom 20. bis 25. August fand die mittlerweile 5. Tonkünstlerversammlung statt, die diesmal in Meiningen abgehalten wurde. Wie einem ausführlichen Bericht der Neuen Zeitschrift für Musik zu entnehmen ist, spielte Alexander Ritter im Orchester und wirkte damit an den Aufführungen verschiedener Werke seiner Kollegen mit.109 Auf dem Programm standen neben Hauptwerken von Liszt und Berlioz u. a. Draesekes Ballade Helge’s Treue, Duette von Cornelius, Damroschs Violinkonzert fis-moll und Bülows (Karl Ritter gewidmete) Symphonische Dichtung Nirwana. Wie Ritter und Bülow sich in Meiningen begegnet sind, ist nicht dokumentiert, die Verstimmung war jedenfalls noch lange nicht aus der Welt. Aber es gab Gelegenheit, andere alte Freundschaften zu pflegen, wie z. B. die mit Peter Cornelius, der aus Meiningen seiner Braut berichtet: „Mit Ritters verkehr’ ich ganz auf dem alten Fuß; es sind Menschen. Ich sitz’ in ihrem Salon, Dir dies zu schreiben. Die Franziska ist eine herrliche, seelengute Frau, alle Liebe und Achtung für sie“.110 Unmittelbar im Anschluss begab sich die neudeutsche Gemeinde nach Eisenach, wo am 26. August im Festsaal der neu in Stand gesetzten Wartburg Liszts Oratorium Die Legende von der Hl. Elisabeth aufgeführt wurde111, höchstwahrscheinlich unter Mitwirkung Ritters im Orchester, auch wenn Peter Cornelius in seiner Besprechung nur erwähnt, dass „David, 107 Peter Cornelius an Alexander Ritter, Feldafing, 12.6.1867. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 518. 108 Jessie Laussot an Alexander Ritter, Bad Nauheim, 12.7.1867 (RWG; Hs 80-III-4). Unveröffentlicht. 109 NZfM Bd. 63, Nr. 37, 6.9.1867, S. 317. 110 Peter Cornelius an Bertha Jung, Meiningen, 24.8.1867. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 535. 111 Zur Aufführung auf der Wartburg vgl. z. B. Weißheimer, Erlebnisse, S. 364 ff. 258 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Reményi und Kömpel die ersten Geigen führten“.112 Zurück in Würzburg, blieb Ritter zunächst Privatier – ohne Einkommen und öffentliche Funktion. Immer noch muss er über genügend Zinseinnahmen aus den russischen Anlagen verfügt haben, um sich über Wasser zu halten. Hausegger spricht von einem von Ritter ausgeschlagenen Angebot, die Direktion des Würzburger Theaters zu übernehmen113 (was nichts anderes, als den Erfolg seiner Reformschrift bedeutet hätte), wofür es aber keinen Nachweis gibt. Die Meistersinger und der Eklat zwischen Ritters und Wagner Das Jahr verging, und das nächste tiefgreifende Ereignis in Ritters Leben war das Erscheinen von Richard Wagners neuester Oper. In einem durch Hausegger faksimiliert überlieferten Briefausschnitt zeigt sich Ritters Enthusiasmus darüber, den Klavierauszug der Meistersinger erstmals in Händen zu halten.114 Selbstverständlich waren er und seine Frau in München dann vor Ort, als sich am 21. Juni 1868 im Münchener Hoftheater für Wagners Werk zum ersten Mal der Vorhang hob. Peter Cornelius’ Bericht in der Zeitschrift Die Tonhalle erwähnt „das Künstlerpaar Ritter aus Würzburg, welches ebenso enthusiastisch gewissenhaft nach New-York gefahren sein würde, wenn die »Meistersinger« dort zum ersten Male aufgeführt worden wären“.115 Die Uraufführung geriet zu einem außerordentlichen Erfolg – ähnlich dem des Rienzi, als der neunjährige Ritter 1841 in Dresden erstmals in Wagners Welt eingetaucht war. Am Enthusiasmus für Wagners Werk hatte es bei Ritters sicher nicht gefehlt, umso enttäuschter waren sie wohl von den Umständen rund um die Uraufführung. Anders als noch bei der Tristan-Premiere gab es kein geselliges Beisammensein mit Richard Wagner, es gelang Franziska und Alexander Ritter im Gegenteil nicht einmal, überhaupt zu dem „Onkel“ durchzudringen und ihm persönlich zu begegnen. Hinzu kommt noch, dass sie sich im Hause Bülows von der unbefangenen Art Cosimas verhöhnt fühlten, die das Zerwürfnis mit Bülow um das geplatzte Münchner Engagement einfach überging und wohl den Eindruck erweckte, als wollte sie Wagner von seinen Freunden abschirmen. Es entstand eine komplizierte Situation, in der Ritters sich von allen Seiten brüskiert sahen. Franziska muss daraufhin ihrem Onkel einen Brief geschrieben haben, in dem sie sich über dessen Verhalten und Unzugänglichkeit beklagte. Die Antwort Wagners an Franziska ist erhalten und sie kann als regelrechte Zurechtweisung bezeichnet werden. Er verwehrt sich darin gegen den „Klatsch“, er sei „undurchdringlich abgesperrt“ gewesen und stellt den Zusammenhang mit dem gescheiterten Münchner Engagement Ritters her: „Es hat mir leid genug gethan, zu erfahren, auf welche Weise sich mein u. Bülow’s Wunsch, Euch nach München zu ziehen, zerschlagen hat. Auf genaueste Nachforschung ersehe ich 112 Cornelius, Peter: »Die heilige Elisabeth« von Franz Liszt. Erinnerung an die Gründungsfeier der Wartburg. In: Cornelius, Literarische Werke III, S. 159–166, hier S. 162. 113 Hausegger, Bild, S. 46. 114 Alexander Ritter an Franziska Ritter, Würzburg, 3.5.1868. Faksimile der ersten drei Seiten des Briefs in: Hausegger, Bild, Einlage zwischen S. 72 und 73; andere Auszüge aus diesem Brief werden zitiert: Ebda., S. 53 f. 115 Cornelius, Peter: Richard Wagners „Meistersinger“ in München (Entwurf). In: Cornelius, Literarische Werke III, S. 175. 259 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit nichts anderes, als dass auf den Brief eines gänzlich Unberufenen, des jungen Mihalowitzsch [sic]116, dein Mann ein Schreiben von unerhörtester Fassung an Bülow erlassen hat, worauf dieser allerdings nichts andres zu thun hatte als zu schweigen. Leider äusserte sich auch Liszt bei seinem letzten Besuche im vorigen Herbst mir dahin, dass Sascha zu denjenigen gehöre, welche ihm erwiesene Freundschaftsdienste nicht ertragen könnten. […] Wie thörig hast du dir nun diesmal die armen Meistersinger verdorben!“.117 Schuld an der Nichtanstellung sei demnach ausschließlich Alexander Ritter selbst gewesen, wegen seines schon bei Cornelius erwähnten „groben“ Briefes an Bülow. Cosima zeigt erstmals klar ihre Omnipräsenz, indem sie es übernimmt, Klärung zu schaffen und den Ritters zu antworten – und straft damit letztlich Wagners Bestreiten seiner Abgeschirmtheit Lügen. In ihrem Brief an die Ritters (dem ersten erhaltenen) spricht sie sowohl im Namen Bülows als auch Wagners – schon ganz, wie sie es als Wagners Ehefrau später immer tun sollte. Geschickt taktiert sie, um einerseits die Unantastbarkeit Wagners klarzustellen, aber andererseits die Ritters wieder ins Boot zu holen. Cosima gibt zunächst eine ausführliche Darstellung der alten Engagement-Angelegenheit aus ihrer Sicht: „Als mein Mann [Bülow] seinen Vorschlag gemacht hatte[,] erhielt er von Herrn Ritter einen ausführlichen Brief[,] in welchem dieser neben seiner Bereitwilligkeit anzunehmen doch auch seine Bedenken eingehend aussprach, es läge ihm daran seine Studien in Paris fortzuführen, andrerseits befürchtete er, würde es ihm in München ergehen ungefähr wie seinerzeit in Weimar, wo der Vater [Liszt] alle drei vier Monate einmal dirigirte und die übrige Zeit Herr Ritter der Nöthigung sich zu unterziehen hatte[,] unter mehr oder weniger unfähigen Dirigenten zu spielen. Ich entsinne mich nicht, dass in diesem Brief eine baldige Antwort gewünscht wurde“ (Ritter hatte also nicht gerade unbedingte Begeisterung für das Engagement gezeigt). Bülows eigene „Stellung“ sei nach seiner Rückkehr nach München „eine vague, unbestimmte ja unsichere“ gewesen, er habe daher „nichts garantiren“ können und sich „weder in seiner Stellung bei der Kapelle noch bei der Schule sicher genug [gefühlt,] um Ihrem Herrn Gemahl über seine Bedenken hinweg zu helfen“. „Herrn v. M. [Michalovich] hatte er [Bülow] in der ganzen Zeit nicht gesehen“ (Es scheint also ausgemacht, dass Ritters Ungehaltensein etwas mit einer voreiligen Äußerung Ödön Michalovichs zu tun gehabt hatte, ehe über ein Engagement wirklich entschieden war). Cosima fährt fort, Ritters Brief sei „in ungebührlich heftig auffahrendem Tone geschrieben“ gewesen, woraufhin Bülow mit nur „vier Zeilen“ und „sehr verstimmt“ geantwortet habe. Cosima habe damals bereits einen erklärenden Brief mit Hinweis auf Bülows berufliche Belastung und einem Appell an die alte Freundschaft an die Ritters geschickt (der nicht erhalten ist), doch sei der „nicht mit Wohlwollen aufgenommen“ worden. Als dann knapp ein Jahr später die Ritters anlässlich der Meistersinger-Premiere nach München kamen, hätten sie Cosimas Verhalten missverstanden. „Ich vergass ganz und gar[,] dass Sie mich eigentlich zurückgewiesen, freute mich, dass Sie in mein Haus kamen, und habe sehr gelitten, dass Sie Ihren Onkel nicht gesehen haben“. Den Beschwerdebrief Franziskas habe Wagner ihr, Cosima, gezeigt. Den „Bericht, den er von mir verlangt hatte“ habe er aber „nicht richtig verstanden“. Auch was den „Ausspruch“ Liszts betrifft, rudert Cosima zurück und behauptet, der sei „von Weisheimer [sic] mitge- 116 Ödön von Mihalovich (1842–1929), Schüler von Peter Cornelius in München. Sein Name taucht in den Briefen Cornelius’ an Ritter der Jahre 1866/67 – aber nur dort – mehrfach auf. Ihnen zufolge verstanden Ritter und Mihalovich sich gut. 117 Richard Wagner an Franziska Ritter, Luzern, 10.7.1868 (RWG; Hs 36-VIII-11). Unveröffentlicht. 260 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens theilt“ worden, und sie könne „nicht für die Exaktheit desselben stehen“, da sie nicht mit Liszt persönlich über Ritter gesprochen habe.118 Wagners wütender Brief beruhte demnach nur auf den Erklärungen Cosimas und nachdem sie diese relativiert hatte, folgte prompt ein Brief Wagners, in dem er gegenüber seiner Nichte einen versöhnlichen Ton anschlug: „sollte ich dir demnach eine auf eine unrichtige Vermuthung begründete Verstimmung gezeigt [haben], so bitte ich dir’s ab“.119 Damit war die Angelegenheit zwar in gewissem Sinne geklärt, vollständig bereinigt wurden die Spannungen aber erst Anfang der 1870er Jahre. Von all diesen Reibungen und Verstimmungen zwischen Wagner und Ritters erfährt man bei Hausegger und Rösch natürlich nichts. Bekanntlich waren private Spannungen zwischen Wagner und seinen Freunden nichts Außergewöhnliches. Es waren ja nicht nur die strengkatholischen Bayern, die eifersüchtigen Hofschranzen und unmusikalischen Verwaltungsbeamten, bei denen Wagner aneckte. Gerade in den Münchner Jahren vergraulte er auch viele seiner eigenen Anhänger. Allein im Jahr 1868 kam es zum Bruch mit mehreren alten Freunden: Laube, Semper, Röckel und Weißheimer wandten sich vollständig von ihm ab. Mit Alexander Ritter lag die Sache anders. Der konnte sich nicht aus Wagners Nähe zurückziehen, weil es bis dato noch gar nicht zu einem regelmäßigen näheren Umgang gekommen war. Entfernten sich alte Anhänger immer mehr, oder fielen vom Glauben ab, je nach Standpunkt, so näherten sich Ritters gegenläufig immer mehr an. Von Rückschlägen wie denen aus dem Jahr 1868 ließen sie sich nicht abbringen, die Erfahrung anderer war ihnen nicht Warnung genug. Die Ritters sollten sich im Laufe der Jahre mit Cosima und Richard Wagner arrangieren. Die „besten“ Jahre mit Wagners lagen erst noch vor ihnen, weil sie sich willig den von Wagner (oder Cosima?) diktierten Gesetzen eines Meisterkults unterwarfen und die Asymmetrie ihres Verhältnisses akzeptierten. Für den Moment, d. h. das Ende der 1860er Jahre, bleibt festzuhalten, dass die Beziehungen Alexander Ritters zu Wagner auf einem Tiefpunkt waren. Es gab anscheinend keinen Kontakt bis 1871, als Cosima und Richard längst verheiratet waren und sich die Wogen der dramatischen Münchner Jahre etwas geglättet hatten. Durch Franziska bestand immerhin ein verwandtschaftliches Band zu Wagner, das sich so leicht nicht zerstören ließ. Sie war denn auch nach wie vor Wagners primäre Ansprechpartnerin. 118 Cosima von Bülow an Franziska Ritter, o. O., 23.7.1868. (RWG; Hs 36-VIII-13 [Diese Signatur existiert doppelt! Die beiden versehentlich so katalogisierten Briefe Cosimas sind aber datiert und daher eindeutig zu unterscheiden]). Unveröffentlicht. 119 Richard Wagner an Franziska Ritter, Luzern, 23.10.1868 (RWG; Hs 36-VIII-12). Unveröffentlicht. 261 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit 10.4. Missglückter Neuanfang in Berlin Schon 1866 hatte neben Italien auch Berlin zu den Optionen gehört, die Ritter mit Bülow diskutiert hatte, als er mit dem Gedanken spielte, Würzburg zu verlassen.120 Im Herbst 1868 fasste er nun doch noch den Entschluss, sein Glück in Berlin zu versuchen. Nicht ohne Genugtuung wird er seinen Fortgang aus Würzburg, wo ihm bis dato kein Glück beschieden war, vorbereitet haben. Nachdem er in Würzburg zwei Jahre lang nicht aufgetreten war, veranstaltete er nun ein letztes Konzert. Doch ausgerechnet dieses Abschiedskonzert, das Ritter am 6. Oktober in der Schrannenhalle gab, widerspricht der Vorstellung, Ritter sei zu dem Zeitpunkt in Würzburg isoliert gewesen und gleichsam aus der Stadt geekelt worden. Er dirigierte selbst das Theaterorchester und führte das Meistersinger-Vorspiel, Beethovens VII. Symphonie und eine neue „Festmusik“ aus eigener Feder auf. Als Geiger spielte er eine Beethoven-Romanze und gab dabei die Orchesterleitung ausgerechnet an den „alten Collegen“ Valentin Hamm ab, mit dem er sich Jahre zuvor in den Haaren gehabt hatte.121 Das alles klingt sehr versöhnlich, und der Abend wurde ein großer Erfolg. Dennoch war der Entschluss, sein Glück an der Spree zu versuchen, gefasst, sodass wenig später die NZfM vermelden konnte: „Alexander Ritter ist von Würzburg nach einem glänzenden Abschieds-Conzerte mit seiner Familie nach Berlin übergesiedelt“.122 Wie Ritter sich sein Wirken in der Preußischen Hauptstadt genau vorgestellt haben mag, bleibt im Dunkeln. Rösch spricht von Plänen, „zur Propaganda für Liszt und Wagner“ ein eigenes „modernes Orchester“ aufzubauen, die schnell scheiterten.123 Nachweisen lassen sich an musikalischen Aktivitäten Ritters tatsächlich nur drei Kammermusikmatineen der Berliner Singakademie, an denen er mitgewirkt hat. Sie fanden am 28.2., 21.3. und 14.4.1869 statt und boten Kammermusikwerke von Schumann (Klavierquartett op. 47), Raff (Streichquartett op. 137/4), Volkmann (b-moll-Trio) und Ries (Streichquartett op. 5). Die Kritiken in der Neuen Berliner Musikzeitung waren alles andere als euphorisch. Der Rezensent mutmaßte z. B., dass einige Stellen im Raff-Quartett „vielleicht erst durch vollendeteres Ensemblespiel zu besserer Geltung gelangen würden“124 – Ritter beeilte sich daraufhin, seinem früheren Lehrer Joachim Raff zu versichern, das journalistische „Gewäsch über die Aufnahme Ihres Quartettes“ würde „eine ganz falsche Meinung […] geben – es [das Quartett] hat allgemein sehr gefallen“.125 Allein: auch das Ries-Quartett „litt in der Wirkung durch die Ausführung, welche die Reinheit des Tones sehr oft vermissen liess“, glaubt man der Berliner Kritik.126 Kurioserweise verfasste Ritter für just dieselbe Zeitung später eine Rezension eben jenes Quartetts op. 5 von Franz Ries, die am 12. Mai erschien (möglicherweise aber auch schon vor der Konzertkritik eingereicht worden war).127 Die eingehende musikalische Analyse des Quartetts mit zahlreichen Notenbeispielen reflektiert auch Ritters Beschäftigung mit den 120 Hans von Bülow an Alexander Ritter, Basel, 22.12.1866. In: Bülow, Briefe und Schriften V-4, S. 164. 121 NZfM, Bd. 64, Nr. 44, 23.10.1868, S. 377. 122 NZfM, Bd. 64, Nr. 43, 16.10.1868, S. 370. Was allerdings der folgenden Ausgabe der NZfM widerspricht, wo es heißt: [Ritter] „gedenkt überzusiedeln“ (vgl. NZfM, Bd. 64, Nr. 44, 23.10.1868, S. 377). 123 Rösch, Mahnruf, S. 235. 124 Neue Berliner Musikzeitung, 23. Jg., Nr. 9, 3.3.1869, S. 67. 125 Alexander Ritter an Joachim Raff, Berlin, 22.3.1869 (BSB; Raffiana I, Ritter Alexander). Unveröffentlicht. 126 Neue Berliner Musikzeitung, 23. Jg., Nr. 12, 24.3.1869, S. 96. 127 Ritter, Alexander: Ries, Franz. Op. 5. Quartett (D-moll). In: Neue Berliner Musikzeitung, Jg. 23, Nr. 19, S. 153 f. 262 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens formalen Erfordernissen der Gattung, ist aber wohl hauptsächlich als gutgemeinte Propaganda zugunsten des befreundeten Ries zu lesen. Drei Matineen und ein Artikel für eine Berliner Zeitung – das ist offensichtlich die magere Bilanz des Berliner Neuanfangs, den sich die Ritters erträumt hatten. Immerhin hatten sie in Berlin die Familie Franziskas um sich. Deren Schwester Johanna Wagner-Jachmann hatte sogar an zwei der Matineen mitgewirkt – sicher, um mit ihrer Popularität der Unternehmung ein wenig unter die Arme zu greifen. Was insofern ganz interessant ist, als Johanna bereits 1861 ihre Sängerkarriere aufgegeben und den Wechsel ins Schauspielfach vollzogen hatte. Sie hatte am 30. September 1861 in Berlin als Goethes Iphigenie debütiert und stand seitdem unverändert beliebt als Schauspielerin auf der Berliner Bühne128 – damit war sie quasi zu einer Konkurrentin Franziskas geworden. Die Frage hier ist nun, ob Johanna in Ritters Konzerten nicht eher wieder als Sängerin aufgetreten war denn als Rezitatorin – aus den Zeitungsberichten geht dies nicht hervor. Immerhin war sie noch 1876 in der Lage, bei den ersten Bayreuther Festspielen die Alt-Partien der Ersten Norn und der Schwertleite im Ring des Nibelungen zu übernehmen. Doch die familiären Bande konnten nicht wettmachen, dass es in Berlin anscheinend keinerlei Betätigungsfeld und damit keine Perspektive für die Ritters gab. Alexander Ritter hatte sich verkalkuliert und beklagte sich über „eine so bodenlose Verkommenheit des musikalischen Lebens[,] wie ich sie hier in Berlin angetroffen“.129 Letztlich erschien es da immer noch ratsamer, nach Würzburg zurückzukehren, wo wenigstens die Lebenshaltungskosten günstiger waren. Am 10. Juni 1869 war Ritter mit seiner Familie wieder dort angekommen und bezog eine Wohnung am Stadtrand in der Weingartenstraße 25.130 Kaum dass der Alltag in Würzburg wiederaufgenommen war, starb am 11. September 1869 Alexanders Mutter Julie Ritter in Pisa, zwei Monate vor Vollendung ihres 75. Lebensjahres. Um die Frau, die in den 1850er Jahren so bedeutsam für Wagners Überleben war, war es die letzten Jahre ruhig geworden. Alexander kümmerte sich um den Nachlass, nähere Umstände z. B. des Begräbnisses in Pisa sind nicht bekannt. Die älteste Schwester Alexandrine hatte bis zuletzt bei der Mutter gelebt und blieb auch nach deren Tode in Italien. 128 Vgl. Jachmann, Johanna Jachmann-Wagner, S. 153 ff. 129 Alexander Ritter an Joachim Raff, Berlin, 22.3.1869 (BSB; Raffiana I, Ritter Alexander). Unveröffentlicht. 130 Laut „Aufenthaltsanzeige“ und Meldebogen (Stadtarchiv Würzburg). 263 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit 11. Zurück in Würzburg (1870–1872) Nach dem gescheiterten Versuch, in Berlin Fuß zu fassen, ohne Aussicht auf eine Stelle in München oder andernorts, richtete sich Ritter wieder in Würzburg ein. Mittlerweile hatte sich dort eine neue Streichquartett-Formation gebildet, die aus den Herren Hamm (Valentin und sein Sohn Carl), Brandl und Bernhard bestand und ihrerseits Soireen gab. Zusammen mit diesem Ensemble spielte Ritter am 29. April Mendelssohns Oktett.131 Ansonsten lässt sich für 1870 kaum eine Konzerttätigkeit Ritters nachweisen, immerhin aber wurde am Ostermontag, dem 18. April, ein „symphonisches Concert“ unter seiner eigenen Leitung veranstaltet, in dem Theodor Ratzenberger das Es-Dur-Konzert Liszts spielte und auch eine „Orchesterphantasie“ von Ritter selbst auf dem Programm stand – die genaue Identität des Werkes bleibt unklar.132 Ritters Freund Hans von Bülow konzertierte am 14. Juni erneut mit einem Solo-Programm in der Stadt.133 Möglicherweise ein Zeichen dafür, dass sich sein Verhältnis zu Ritter wieder normalisiert hatte. Im Briefwechsel der beiden klafft, wie erwähnt, eine Lücke. 11.1. Annäherung an Wagner – Konzert in Mannheim und ein guter Rat „Am Morgen ruft mir R. [Richard] zu: »Du bist eigentlich ein Wunderweib, ich überlegte mir eben deinen Brief an Franziska Ritter, das ist vielleicht das Schönste, was du getan« (es war eine Verstimmung eingetreten, die ich [bei]zulegen versuchte)“.134 Dieser Eintrag Cosimas in ihr Tagebuch stammt vom Mai 1870. Ihr Brief, von dem hier die Rede ist, scheint nicht überliefert zu sein, und damit bleibt im Dunkeln, um welche Art von Verstimmung es sich gehandelt haben könnte. Oder sollte Richard Wagner sich hier vielmehr an den schon ausführlich zitierten Brief Cosimas von 1868 (nach den Verwerfungen um die Münchner Geigenstelle und der Nichtbegegnung bei der Meistersinger-Uraufführung) erinnert haben, der in der Tat eine Intervention Cosimas bedeutet hatte? Welches andere Zerwürfnis hätte 1870 erneut auftreten können? Jedenfalls beleuchtet die Passage Cosimas Rolle als Bindeglied zwischen den Ritters und Richard Wagner. Sie gab die Wagner-Erklärerin und hielt die verwandten Freunde bzw. befreundeten Verwandten sowohl auf Distanz als bei der Stange. Dass Cosima sich die Pflege alter, d. h. vor ihrer Zeit bestandener Freundschaften Richard Wagners zur Aufgabe gemacht hatte, verrät wenige Jahre später ein Tagebucheintrag, in dem es heißt, sie trachte danach, „alle diejenigen, mit denen R.[ichard] einst in näherem Verkehr gestanden, mit ihm in Beziehung zu erhalten und so die traurige bisherige Unstetheit seines äußeren Lebens durch einen Zusammenhang der inneren Beziehungen auszugleichen“.135 In Mannheim begann am 1. Juni 1871 eine Erfolgsgeschichte, die sich bald deutschlandweit und später die ganze Welt umspannend fortsetzen sollte: es wurde dort der erste 131 Vgl. Anzeige in: Würzburger Journal, 16. Jg., Nr. 101, 28.4.1870, o. S. 132 Vgl. NZfM, Bd. 66, Nr. 20, 13.5.1870, S. 195. Zur Identität der „Orchesterphantasie“ vgl. Werk V-m. 133 Vgl. Birkin, Bülow, S. 459. 134 Eintrag „Samstag 7ten“ [Mai 1870]. In: Cosima Wagner, Tagebücher I, S. 228. 135 Eintrag „Montag 21ten“ [April 1873] In: Cosima Wagner, Tagebücher I, S. 671. Der Eintrag entstand am Tag, nachdem Wagners ihren Besuch bei Ritters in Würzburg beendet hatten, lässt sich also direkt auf diese beziehen. 264 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Richard-Wagner-Verein gegründet. Die Idee stammte von dem Musikalienhändler Emil Heckel, der damit den Bayreuther Patronatsverein und eine baldige Uraufführung des Ring des Nibelungen finanziell unterstützen wollte. Dieser ersten Vereins-Gründung in Mannheim waren schon im August weitere in Leipzig und München gefolgt. Wagner kam die Unterstützung sehr gelegen und er bedankte sich bei Heckel und seinem Verein mit einem Konzert, das am 20. Dezember in Mannheim stattfand. Er dirigierte seinen Kaisermarsch, die Einleitungen zu Lohengrin, Die Meistersinger von Nürnberg und Tristan und Isolde (mit anschließendem Liebestod), sowie die Ouvertüre zu Mozarts Zauberflöte und die VII. Symphonie von Ludwig van Beethoven. Eine lebhafte Schilderung des Konzertes und der anschlie- ßenden Feier, bei der Wagner hoch geehrt wurde, findet sich bei Richard Pohl.136 Neben diesem offiziellen Teil in größerem Rahmen kam es in Mannheim auch zu einer Begegnung im kleinen Kreis. Wagner war bereits am 16. Dezember zu den Proben angereist und erwartete Cosima, die am nächsten Tag eintraf. Auch Friedrich Nietzsche und Richard Pohl stießen hinzu, und schließlich kamen am Tag vor dem Konzert auch Alexander und Franziska Ritter in Mannheim an. Cosimas Tagebuch vermerkt für diesen 19. Dezember: „Ankunft Ritters, die R.[ichard] in Würzburg schon gesehen […]. Abends Pohl, Ritters und Nietzsche“.137 Wagner hatte kurz zuvor in Bayreuth über das Festspielhaus verhandelt und war auf der Reise offenbar in Würzburg von Ritters kurz begrüßt worden. Nun waren die beiden also in Mannheim und wurden Zeuge, wie Wagner am Vormittag des 20. Dezembers sich vom Mannheimer Orchester das sogenannte Siegfried-Idyll vorspielen ließ, das er seiner Frau Cosima knapp ein Jahr zuvor zum Geburtstag dargebracht hatte und das vorerst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.138 Am Abend erlebten sie Wagner als Dirigenten bei dem großen Konzert und als Redner, der sich auf dem Festbankett im Europäischen Hof geistreich bedankte.139 Auswärtige Freunde Wagners schienen zu diesem Anlass außer den Genannten keine weiteren erschienen zu sein, man befand sich also in elitärer Runde. Der junge Baseler Philologie-Professor Friedrich Nietzsche war dieser Tage geradezu zum Hausfreund der Wagners geworden, der „älteste Wagnerianer“ (Wagner) Richard Pohl kam vom nahen Baden-Baden herüber. Letzteren kannten Ritters schon aus Weimar, Nietzsche sollten sie bei dieser Gelegenheit erstmalig begegnen, und schließlich trat Cosima ihnen jetzt erstmals als Wagners neue Ehefrau und damit als ihre „Tante“ entgegen. Wie es zu der Einladung nach Mannheim gekommen war, ist nicht bekannt, möglicherweise war es eine spontane Verabredung mit Wagner, als man sich kurz zuvor in Würzburg sah. Mannheim war schließlich relativ nah, sodass man sich kurzfristig zu diesem Ausflug entschlossen haben könnte. Tatsächlich könnte die Begegnung mit Wagner in Mannheim für Alexander Ritter sehr bedeutsam gewesen sein. Es ergab sich endlich Gelegenheit zum persönlichen Gespräch in kleiner Runde, sein Verhältnis zu Wagner wurde enger. Darüber hinaus könnte Ritter aus dem Mund seines Idols einen ganz konkreten Impuls für sein zukünftiges Schaffen erhalten haben. Sei es direkt an Ritter adressiert, sei es am Festbankett in eine größere Runde gesprochen – Wagner hatte sich in Mannheim offenbar zu einer Problemstellung geäußert, 136 Pohl, Richard: Ein Wagner-Konzert in Mannheim. Richard Wagner als Dirigent. In: Pohl, Schriften I, S. 186–205. 137 Vgl. Cosima Wagner, Tagebücher I, S. 468. 138 Vgl. Glasenapp, Leben Richard Wagner’s IV, S. 383. 139 Eine weitere Schilderung, die auch Ritters Anwesenheit erwähnt, findet sich bei Heckel, Karl: Hugo Wolf in seinem Verhältnis zu Richard Wagner, München und Leipzig 1905, S. 7. 265 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit die noch Generationen von Komponisten beschäftigen sollte: das Komponieren von Opern neben und nach Wagners eigenen Musikdramen. Friedrich Rösch druckt einen längeren Ausschnitt aus dieser Stellungnahme Wagners in Zitatform ab, als sei er ihm so wörtlich von Alexander Ritter (seinerseits wörtlich Wagner zitierend?) wiedergegeben worden. Demnach lobte Wagner die „Einsicht“ der „jungen Componisten“, „heutzutage keine Opern alten Stiles mehr schreiben zu können“. Es fehle aber noch die „Erkenntniss“, „dass sie mit ihren musikalischen Dramen nun nicht blos einfach ihn [Wagner] und seine Stoffe copiren dürften“. Den „germanischen Heldenmythos“ habe er ihnen „ein für allemal unmöglich gemacht“, „dagegen gebe es in den kleineren Ideenkreisen der Sage, des Märchens, der Legende u. s. w. noch viele Stoffe, die von ihm nicht gehoben seien“.140 Diese hellsichtige Diagnose Wagners, die nicht zuletzt auf gehörigem Selbstbewusstsein fußte, beschrieb recht gut die Situation, in der sich Alexander Ritter bei den Plänen zu seiner ersten Oper befand. Die Abhilfe, die Wagner gleich mitlieferte, indem er die Anregung zu Märchenstoffen gab, sollte Ritter tatsächlich aufgreifen (vgl. Werk IV-k.). Von der möglichen Langzeitwirkung auf den Opernkomponisten Ritter einmal abgesehen, war das Konzerterlebnis in Mannheim jedenfalls dazu angetan, schon reichlich vorhandene Begeisterung für Wagners Musik noch weiter zu steigern. Ein Brief, den Friedrich Nietzsche post festum an Erwin Rohde schrieb, mag dies bezeugen: „Übrigens fühle ich mich in meinen Erkenntnissen der Musik wunderbar befestigt und von deren Richtigkeit überzeugt – durch das, was ich diese Woche in Mannheim, mit Wagner zusammen, erlebte. Was sind alle sonstigen künstlerischen Erinnerungen und Erfahrungen, gemessen an diesen allerletzten! Mir ging es wie einem, dem eine Ahnung sich endlich erfüllt“.141 Auch wenn es sich hier im Speziellen um ein Zeugnis von Nietzsches sich entwickelnder „dionysischer“ Musikauffassung handelt, kann es doch auch für den Erlebniswert der Mannheimer Tage allgemein stehen, der auch für Ritter galt. 140 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 235. Was die Echtheit dieses wegweisenden Diktums Wagners angeht, so scheint die einzige Quelle tatsächlich Röschs Artikel zu sein. Cosima, die Wagners Auslassungen zur Musik doch so akribisch festhielt, hat diese Gedanken ihres Gatten jedenfalls nicht in ihr Tagebuch aufgenommen. Noch vor Rösch wies Max Schillings in seinem Ritter-Nachruf auf den persönlichen Rat Wagners hin, „seine Kräfte vor Zersplitterung zu bewahren, sie auf engem Raum zu konzentrieren“ – woraufhin Ritter den „modernen Einakter“ „geschaffen“ habe (vgl. Schilings, Alexander Ritter, S. 968). Bei Schillings fehlen allerdings Angaben zu Ort und Zeitpunkt dieses Rats, sowie der Wagner’sche Wortlaut. 141 Friedrich Nietzsche an Erwin Rohde, o.O. [Basel], o.D. [nach 21.12.1871]. In: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe in 8 Bänden, Bd. 3, München und Berlin/New York 1986, S. 256. 266 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens 11.2. Bekanntschaft mit Friedrich Nietzsche Ein eigenes Kapitel „Ritter und Nietzsche“ – so klang- und reizvoll ein solcher Titel sich auch ausnimmt – muss leider sehr knapp ausfallen. Neben den wenigen belegbaren Begegnungen der beiden als Gäste des gemeinsamen Idols Wagner in Bayreuth, z. B. bei der Grundsteinlegung 1872 (wo immerhin ein gemeinsamer Spaziergang bezeugt ist142), scheint es zu keinem weiteren Kontakt gekommen zu sein. Ein Brief Cosima Wagners an Ritter legt zwar nahe, Ritter habe sich angeschickt, Nietzsche zu schreiben: „Haben Sie an Nietzsche geschrieben? Verabsäumen Sie dies ja nicht, die Feinde schweigen nicht, warum sollen da die Freunde nicht sprechen“,143 im Nachlass des Philosophen, der als nahezu vollständig gilt, findet sich jedoch kein Schreiben Alexander Ritters. Ebenso wenig scheint andersherum Nietzsche sich je an Ritter gewandt zu haben, obwohl Cosima diesem 1874 ankündigte, Nietzsche werde auf dem Heimweg von Bayreuth in Würzburg Station machen und sich telegraphisch anmelden: „von ihm werden sie alle möglichen Wahnfriedlichen Details erfahren“.144 Es sieht so aus, als handelte es sich bei diesen Hinweisen auf einen Kontakt zwischen Ritter und Nietzsche außerhalb Bayreuths mehr um den Wunsch oder das Anmahnen Cosimas, einen möglichst homogenen, gleichgesinnten Freundeskreis um Wagner zu schaffen, als um reelle und gewollte Bande zwischen den Angesprochenen. Im Übrigen fehlen in den reichlich vorhandenen Briefen Cosimas an Nietzsche weitere derartige Andeutungen, und „Ritters“ werden überhaupt nur ein einziges Mal am Rande erwähnt.145 Mit der Freund- und Gefolgschaft Nietzsches gegenüber Wagner war es bekanntlich ohnehin bald wieder vorbei. Nach seinem Abfallen von Bayreuth und dem „Meister“ war Nietzsche natürlich ein rotes Tuch – für Wahnfried ebenso wie für Alexander Ritter. Dessen wenige spätere Äußerungen über Nietzsches Werk sind allesamt ablehnend.146 Vor allem den jungen Richard Strauss sollte Ritter so eindrücklich wie vergeblich vor Nietzsches Einfluss warnen. 1872 lag die Sache noch etwas anders. Nicht nur Peter Cornelius war mit Nietzsches „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ vertraut (vgl. Anm. 142), auch Bülow war ein 142 Vgl. Peter Cornelius an Bertha Cornelius, Bayreuth, Pfingstsonntag [19.5.] 1872 in: Cornelius, Literarische Werke II, S. 690: „Nun führte er [Wagner] uns tiefer in den Park, da begegneten uns Ritter, mit der hoch und hübsch aufgeblühten Elsa [Ritters älteste Tochter Else], Nietzsche, Herr von Gersdorf. Ich machte Nietzsche meine Reverenz über sein Buch“. 143 Cosima Wagner an Alexander Ritter, Bayreuth, 9.10.1873 (RWG; Hs 36-VIII-12). Unveröffentlicht. 144 Cosima Wagner an Alexander Ritter, o. O., 13.8.1874 (RWG; Hs 36-VIII-19). Unveröffentlicht. 145 Cosima Wagner an Friedrich Nietzsche, 14.6.1872 in: Die Briefe Cosima Wagners an Friedriche Nietzsche (hrsg. von Erhart Thierbach), II. Teil, Weimar 1940, S. 34. 146 Vgl. z. B. Alexander Ritter an Hans von Bülow, Würzburg, 27.4.1881 (SBB; Mus. ep. Alexander Ritter 9): „Das fürchterliche Buch von Nietzsche! [gemeint ist evtl. „Die Morgenröte“] […] Als ich früher Nietzsches »Rich. Wagner in Bayreuth« las[,] habe ich übrigens ihm einen fürchterlichen Katzenjammer prognostizirt auf die colossale Besoffenheit in der er sich in diesem Buche förmlich wälzt. Nach seinem letzten Buch bin ich nun aber im Zweifel ob Besoffenheit oder Katzenjammer ein hässlicherer Anblick ist“. 1893 schrieb Ritter an Richard Strauss – in der Überzeugung, sein Schützling sei von Nietzsches Werken beeinflusst worden, als er seinen Operntext Guntram gegen Ritters Willen geändert hatte: „Nietzsche ist ein Mensch der aus Perversität (Schlechtigkeit der Characteranlage) schließlich wirklich verrückt geworden ist, – also von dem braucht man wohl nicht weiter zu reden“ (Alexander Ritter an Richard Strauss, München, 17.1.1893 (RSA). Auch in: Youmans, Ten letters, S. 13). 267 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit begeisterter Leser des eben erschienenen Buches. Alexander Ritter seinerseits erzählte Richard Wagner einmal, wie er von Bülow geradezu gedrängt worden war, diese Schrift zu lesen. Wagner berichtete belustigt an Cosima: „Dienstag früh 7 Uhr weiter, über Würzburg, wo Ritter’s bis Bamberg einstiegen. Viel erzählt von Hans [von Bülow] u. a. dass er Alexander gedroht, er werde nie wieder mit ihm reden, wenn er nicht sofort Nietzsche’s Buch sich anschaffe!“.147 Ein eigenes Urteil Ritters über die im Wagnerkreis so positiv rezipierte „Geburt der Tragödie“ ist allerdings nicht bekannt. 11.3. Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses 1872 Die Zeugen des Mannheimer Konzertes sollten sich ein halbes Jahr später zu einem nicht minder feierlichen Anlass wiedersehen. Wagners 59. Geburtstag am 22. Mai 1872 war als Termin für die Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses festgesetzt worden. Wieder reisten die Ritters bereits ein paar Tage vorher an (am 18. Mai) und verkehrten in einem kleinen, anregenden Kreis: „Ankunft von Pr.[ofessor] Nietzsche, Herrn v. Gersdorff und Ritters. Auch Herr Heckel aus Mannheim da“, protokolliert Cosima Wagner.148 Einen Tag später erschienen auch die Freunde Peter Cornelius und Heinrich Porges. Der eigentliche Festakt der Grundsteinlegung auf dem grünen Hügel am 22. Mai fand vormittags bei strömendem Regen statt. Adelheid von Schorn, eine Schülerin Liszts, erinnert sich, wie die Schlamm- und Lehmmassen diejenigen Damen, die es überhaupt bis auf den Hügel geschafft hatten, davon abhielten, ihre Wagen zu verlassen. Sie jedoch habe nicht gezögert und dabei eine einzige Verbündete gefunden: „Mich trieb es aber unaufhaltsam – was gingen mich in dem Moment nasse Füße und Kleider an! – Ich stieg aus und trat unter das Holzgerüst – mit mir noch ein weibliches Wesen: Frau Alexander Ritter, geb. Wagner […]. Wir beide haben hinter Richard Wagner gestanden, als er die drei feierlichen Schläge mit dem Hammer auf den Stein that“.149 Das Fest-Konzert mit Wagners Rede, Meistersinger-Ausschnitten, Kaisermarsch und Beethovens IX. Symphonie musste witterungsbedingt im Bayreuther Barocktheater stattfinden. Abends beim Bankett, so kolportiert Glasenapp in einer Anmerkung, sei es zu einem Zwischenfall mit dem Journalisten Gumprecht gekommen, der sich eingeschlichen haben und von Alexander Ritter zurechtgewiesen worden sein soll.150 Beide Ritters hatten sich also als überaus loyale und begeisterte Anhänger erwiesen, sie taten alles, um sich endlich im engeren Wagnerkreis zu etablieren. Dass sie dafür bereitwillig das Spiel der Wagner’schen Hofhaltung mitspielten und sich anzubiedern wussten, musste Peter Cornelius, der sich den beiden ehedem so nahe gefühlt hatte, mit gewisser Betroffenheit feststellen: 147 Richard Wagner an Cosima Wagner, Bayreuth, 25.4.1872. In: Wagner, Briefe XXIV, S. 166. 148 Vgl. Cosima Wagner, Tagebücher I, S. 521. 149 Vgl. Schorn, Adelheid von: Zwei Menschenalter. Erinnerungen und Briefe, Berlin 1901, S. 217. 150 Vgl. Glasenapp, Leben Richard Wagner’s IV, S. 451. 268 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens „Danach sah ich Wagner noch, weil er mich zufällig bat, mit hinauf in die Loge zu kommen, wo er sein Glas Bier trank. Dort umringten ihn die Ritters. Ritter küßte ihm sogar die Hand! – – –“.151 11.4. Gegenseitige Besuche und Annäherungen Die Ritters bei Liszt in Weimar und bei Bülow in München Irgendwann im Frühjahr 1872 muss Alexander Ritter ein paar Tage in Weimar verbracht und sich mit Franz Liszt über seine Kompositionen beredet haben. Er hatte sich zur Veröffentlichung des Streichquartetts und einiger Lieder entschlossen und holte sich gewissermaßen das Plazet des Meisters. Liszt soll Ritters Quartett als „meisterhaft“ bezeichnet haben. Über seine Liedkompositionen tauschte Ritter sich zusätzlich mit der Sängerin Rosa von Milde aus. Von den Liedern sei sie „auf das Nachhaltigste gefesselt“ gewesen und soll ihm auch die Komposition der Liebesnächte „dringend nahegelegt“ haben.152 Aus einem späteren Brief an die Sängerin, der dies belegt, geht auch hervor, dass er den Sommer des Jahres 1872 in München verbracht hatte, Peter Cornelius getroffen und in gutem Einvernehmen mit Hans von Bülow eine glückliche Zeit verlebt hatte: „Da ich den ganzen Sommer abwechselnd in München u. im Gebirge verbracht, so habe ich, namentlich im täglichen Verkehr mit Bülow u. eines schnell um ihn versammelten Kreises von Münchener u. auswärtigen Künstlern, noch vieles genoßen u. erlebt“.153 Spätestens zu diesem Zeitpunkt standen Ritter und Bülow also wieder auf freundschaftlichem Fuße, und Ritter fühlte noch nicht die Notwendigkeit, sich zwischen Wagner und Bülow entscheiden zu müssen. Die Wagners machen Station in Würzburg Am 10. November nahmen Alexander und Franziska Ritter am Würzburger Bahnhof hohen Besuch in Empfang: das Ehepaar Wagner machte auf der Durchreise in ihrer Stadt Station. Es blieb nicht bei einem kurzen Begrüßen, Wagners hatten sich Zeit genommen und blieben zwei Tage. Cosimas Tagebuch liefert die Details: „kommen heiter in Würzburg an. Die vortrefflichen Ritters empfangen uns“. Nachdem sie ihr „Absteigequartier im Kronprinzen“ bezogen hatten, stand noch am selben Sonntagabend ein Besuch des Stadttheaters an – man ging „um 7 Uhr in »Don Juan«“. Wagner hielt wohl die Sänger für „genug gut begabt“, die Aufführung aber für „abscheulich verlumpt“.154 Am nächsten Tag besichtigten Wagners und Ritters gemeinsam das „Schloss“ und ein „großartiger Eindruck namentlich des Treppenhau- 151 Peter Cornelius an Bertha Cornelius, Bayreuth, Pfingstmontag [20.5.] 1872. In: Cornelius, Literarische Werke II, S. 691. 152 Vgl. Hausegger, Bild, S. 56 f. 153 Alexander Ritter an Rosa von Milde, Würzburg, 15.10.1872 (BSB; Mildeana, A. Ritter). Unveröffentlicht. 154 Vgl. Cosima Wagner, Tagebücher I, S. 596. 269 Leben IV: Musikalische Unternehmungen – Wiederholtes Scheitern und Sesshaftigkeit ses“ bemächtigte sich Cosimas. Zu Mittag aß man im Hause Ritter, wo es Cosima „sehr behaglich und angenehm“ schien, und am Abend kamen Ritters in den Kronprinzen, wo man sich „ein weniges aus der Götterdämmerung, aus »Faust« und die »Kapitulation« vorgenommen“ hatte, wie Cosima penibel vermerkt.155 Am Dienstag, den 12. November nahmen Wagners wieder „Abschied von Würzburg und Ritters“156 und bestiegen den Zug nach Frankfurt. Sie traten damit eine längere Reise zu verschiedenen Theatern an, von der sie erst am 15. Dezember wieder nach Bayreuth zurückkehren sollten. Was in Cosimas Tagebuch nicht vermerkt ist, höchstwahrscheinlich aber auch Thema war bei den Gesprächen in Würzburg: Alexander Ritter hatte sich gerade in Chemnitz für die Position eines Musikdirektors beworben und stand entweder kurz vor dem abzuhaltenden Probedirigat oder hatte es bereits absolviert. Vor Jahren hatte er sich zwar geschworen, nie wieder einen Posten an einem Theater anzunehmen – die Chemnitzer Position, von der er glaubte, er werde in ihr hauptsächlich Sinfoniekonzerte dirigieren, schien ihm aber durchaus annehmbar. Letztendlich werden aber vor allem finanzielle Zwänge ausschlaggebend für Ritters Bewerbung gewesen sein. Die Chemnitzer sprachen sich für ihn aus, und spätestens mit seiner Unterschrift unter den Vertrag mit dem Stadtmusikchor am 25. November war es definitiv: Ritter würde Würzburg verlassen und zum Ende des Jahres in die sächsische Kleinstadt gehen. 155 Ebda. Gelesen wurde aus Goethes Faust II und dem „Lustspiel“ Wagners Eine Kapitulation von 1870. 156 Ebda. S. 597.

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References

Zusammenfassung

Autor Michael Hofmeister befasst sich in seiner Dissertation mit einem Wegbegleiter Richard Wagners. Seit Dresdner Kindertagen von ihm geprägt, heiratete Alexander Ritter (1833–1896) Wagners Nichte Franziska und baute sich u. a. mit Franz Liszt, Hans von Bülow und Peter Cornelius ein Wagner-nahes Netzwerk auf. Später war er es, der den jungen Richard Strauss zu Wagner hinführte. Hofmeisters Buch schließt eine Lücke, die die Wagner- und Strauss-Forschung seit Langem beklagt. Erstmals wertet er alle greifbaren Quellen aus und bringt den Lesern die Persönlichkeit Alexander Ritters nahe. Gleichzeitig nimmt er ihn als eigenständigen Komponisten ernst und gewährt tiefe Einblicke in sein heute völlig vergessenes Werk.