2. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - Epitaphien und Grabplatten, page 5 - 14

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4142-0, ISBN online: 978-3-8288-7003-1, https://doi.org/10.5771/9783828870031-5

Tectum, Baden-Baden
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5 2. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele 2.1 Philosophie des Todes Die Frage, die die Menschheit seit Tausenden von Jahren umtreibt ist zugleich die Suche nach einer menschlichen Seele: Ist der Tod das endgültige Ende der menschlichen Existenz oder gibt es etwas, was nach dem Tod noch weiter existiert? Existiert etwas, was unser irdisches Dasein in körperloser Form unsterblich macht. In der Philosophie der griechischen Antike stehen sich zwei konträre Positionen gegenüber: die dualistische und die monistische Anthropologie. Bei der dualistischen Sichtweise, die erstmals von Sokrates vertreten wurde, ist der Mensch eine Verbindung aus zwei Substanzen; zum einen der menschliche Organismus, die körperliche Substanz, und zum anderen die immaterielle Substanz, die Seele. Epikur vertritt die gegenteilige Auffassung. Nach seiner Sichtweise endet das Leben des Menschen vollständig mit dem endgültigen Ausfall der körperlichen Funktionen.4 Der Tod betrifft uns nicht. Wenn wir noch am Leben sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod kommt, sind wir nicht mehr am Leben. Die Philosophie versucht seit über 2000 Jahren hierauf eine Antwort zu geben. Die Bandbreite der Antworten reicht von der philosophischen Begründung für die Unsterblichkeit der Seele bis zur völligen Ablehnung einer weiteren körperlosen Existenz nach dem Tod. Erstmals in der antiken griechischsprachigen Überlieferung begegnete uns ein Nachdenken über die Unsterblichkeit der Seele. Noch weiter zurück reichen die ersten Zeugnisse der Auseinandersetzung mit dem Tod, z. B. durch Grabbeigaben, und einem möglichen Weiterleben im Jenseits. Paläontologen schließen aus dem Fund von Ganzkörper- 4 Vgl. H. Wittwer (Hrsg.): Der Tod, Stuttgart 2014, S. 11. bestattungen um 30.000 v. Chr. dass bereits in dieser Zeit Jenseitsvorstellungen existierten.5 Die Bestattung des ganzen Körper war für ein Weiterleben im Jenseits unabdingbare Voraussetzung. Sie war zudem in dieser Zeit nur für privilegierte Personen üblich. Darauf weisen kostbare Beigaben in den Gräbern hin, die man gefunden hat. Auch der Totenkult der Ägypter fasziniert noch heute. Die zahlreichen Funde mumifizierter Leichname geben Zeugnis für einen sehr aktiven Totenkult und die Vorstellungen über ein Leben über den Tod hinaus. Der Weg zum ewigen Leben war allerdings nicht einfach. Die gefährliche Reise durch die Unterwelt musste zunächst bewältigt werden, bis man vor dem Totengericht des Osiris stand. Vor diesem Gericht musste der Verstorbene überzeugend darlegen, dass er ein rechtschaffenes Leben geführt hat. Wenn die Anhörung vor dem Totengericht nicht erfolgreich verlief, kam der Tote in die Verdammnis, wo er gepeinigt und gefoltert wurde. Wurde die Prüfung vor Osiris erfolgreich bestanden, so konnte der Tote sein ewiges Leben im Jenseits weiter führen. Die Toten waren dann ihren Göttern nahe. Das Jenseits war eine Sphäre des ewigen Lebens.6 Eine weitere Quelle für Trauervorgänge und Trauerverarbeitung ist in dem ca. 2800 v. Chr. entstandenen Gilgamesch-Epos aufgeführt. Gilgamesch war ein Herrscher im heutigen Irak, dem damaligen Sumer. Er trat gegenüber seinen Untertanen äu- ßerst brutal auf. Man überlegte, und dies war eine Besonderheit, wie man dem Herrscher helfen könnte. Niemand dachte an Rebellion gegenüber dem Tyrannen. Man kam zu dem Schluss, der Herrscher brauche einen Freund. Auf der Suche nach einem Freund stieß man auf Enkidu, der seit Jahren im Wald ein Einsiedlerleben führte. Mit einer List schaffte man es, dass Gilgamesch Enkidu kennen und schätzen lernt. Beide bestanden zusammen zahlreiche Abenteuer. Beim letzten Abenteuer starb Enkidu. Gilgamesch war traurig und verstört über den Tod seines Freundes. Er hatte große Angst vor dem eigenen Tod und suchte nach einem Kraut, dass ihm das ewige Leben sichern sollte. Ein alter weiser Mann riet ihm, sich täglich am Leben zu erfreuen, da das ewige Leben ausschließlich den Göttern vorbehalten sei. Die Lösung bestand 5 Vgl. H. Ullrich: Totenriten und Bestattung im Paläolithikum, in: F. Horst, H. Keiling (Hrsg.): Bestattungswesen und Totenkultur in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, Berlin 1991, S. 23–34, hier S. 25. 6 Vgl. J. Assmann: Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München 2001. 6 Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele somit in einem hedonistischen Leben im Diesseits, da der Weg ins Jenseits für Sterbliche verschlossen blieb.7 Bei Homer stellt sich in seiner Ilias, einer Beschreibung des Trojanischen Krieges, das Schattenreich des Todes so bedrückend dar, das der griechische Held des Trojanischen Krieges, Achill, lieber lebendiger Feldarbeiter wäre als toter Held. Der Tod ist das Ende des körperlichen Lebens. Über diese Aussage herrscht Einigkeit in allen Religionen, unabhängig davon, ob sie an die Seelenwanderung, an die Unterwelt als das Reich der Toten oder an die Auferstehung glauben.8 Weiter Einigkeit herrscht darüber, dass der körperliche Tod unumkehrbar ist. In den meisten Kulturen wurde und wird der Tod nicht als das Ende des Daseins verstanden. Der Tod wird als Übergang zu einer anderen Form der Existenz begriffen. Im Christentum ist der Tod nur das vorläufige Ende des Lebens. Die noch heute offizielle katholische Lehre geht davon aus, dass am Tag des Jüngsten Gerichts alle Gläubigen auferstehen werden. Unterschiede zu der evangelischen Lehre bestehen nur in der Abfolge des Übergangs zur Wiederauferstehung. So gibt es bei den evangelischen Christen kein Fegefeuer. Im Ergebnis lehren beide Konfessionen, dass sich am Tage der Auferstehung die Jenseitsvorstellungen der Gläubigen im ewigen Leben widerspiegeln werden. Es bleibt allerdings der Zweifel für viele Menschen: Was geschieht mit mir in der Zeit von meinem Tod bis zur Auferstehung? So verwundert es nicht, wenn die Philosophie die grundsätzliche Frage nach dem Wert der Sterblichkeit diskutiert. Wie lässt sich in einem Gedankenspiel ein unendliches, unsterbliches Leben gestalten oder ist die Sterblichkeit eine notwendige Bedingung für ein attraktives menschliches Leben? Literarisch wurde diese Frage durch zwei bekannte Autoren im letzten Jahrhundert bearbeitet. Simone de Beauvoir beschreibt in ihrem Roman „Alle Menschen sind sterblich“9, die Geschichte von Raimondo Fosca, der im 13. Jahrhundert durch einen Trank seine Unsterblichkeit erlangte. Fosca bleibt über die Jahrhunderte hindurch unsterblich. Eindrucksvoll wird diese erlangte Unsterblichkeit als Fluch beschrieben. 7 Vgl. A. Langenmayr: Trauer und Trauerverarbeitung aus psychologischer Sicht, in M. Herzog (Hrsg.): Totengedenken und Trauerkultur, Stuttgart 2001, S. 23– 40, hier S. 24 f. 8 Vgl. H. Wittwer, a. a. O., 2014, S. 9. 9 Vgl. S. de Beauvoir: Alle Menschen sind sterblich, 42. Auflage, Hamburg 2017. 7 Philosophie des Todes Er verliert seine Frauen, seine Kinder und all jene, die ihn immer nur eine Zeitspanne des Lebens begleiteten; nur er muss ständig weiterleben. Fosca resigniert an seiner Unsterblichkeit. Mehrere Rollen, die er über sechs Jahrhunderte ausfüllt, bringen keine Erlösung. Über diese Jahrhunderte reift die Erkenntnis, dass die Sehnsüchte wie auch die Hoffnungen der Menschen unerfüllbar sind. Gleichwohl bringt seine Ewigkeit, die die Gnade des Todes nicht kennt, bei ihm die Erkenntnis, dass die Sterblichen ihr vergängliches Leben mit Sinn zu füllen haben. Jorge Luis Borges10, erzählt ebenfalls eine Geschichte über einen Unsterblichen und seine Resignation über die Situation nicht sterblich zu sein. Während de Beauvoir ihren Fosca alleine als Unsterblichen unter all den Sterblichen lässt, zeigt Borges die Problematik der Unsterblichkeit am Beispiel der Bewohner einer ganzen Stadt auf. Die Erzählung spielt zur Zeit der Herrschaft des römischen Kaisers Diokletian (284– 312 n. Chr.). Der Legionär Marcus Flaminius Rufus war auf der Suche nach der Stadt der Unsterblichen. Als er sie gefunden hatte, fand er auch den Fluss in dem das Wasser für die Unsterblichkeit floss. Er trank von dem Wasser und erlangte Unsterblichkeit. Rufus stellte mit Erstaunen fest, dass die Bewohner vor der Mauer der Stadt wie die Tiere dahinvegetierten und keiner Sprache mächtig waren. Die unsterblichen Bewohner dämmerten untätig vor sich hin, zeigten kein Interesse an ihrer Umwelt oder ihren Gefährten. Borges lässt Homer in seiner Erzählung als einen der Unsterblichen auftreten. Dieser erzählt Rufus, dass die unsterblichen Bewohner zu der Einsicht gelangt seien, dass es sich nicht lohne bei der unendlich zur Verfügung stehenden Zeit für irgendetwas tätig zu sein. Dem Leiden einer ständigen Wiederholung können die Bewohner nur durch Flucht in den halb bewusstlosen Dämmerzustand entkommen. Beide Geschichten zeigen die Unmöglichkeit eines erfüllten Lebens in der Unsterblichkeit auf. Die Endlichkeit des Lebens ist ein Segen für jedes menschliche Leben.11 Der alte Traum der Unsterblichkeit ist ein Wunsch, an dem niemand festhalten kann, wenn er sich die Folgen dieses Schritts im Detail vor Augen führt. Wenn unser Leben nicht end- 10 Vgl. J. L. Borges: Der Unsterbliche, in: Das Aleph, 10. Auflage, Frankfurt 2014, S. 11–28. 11 Vgl. M. Kreuels: Über den vermeintlichen Wert der Sterblichkeit, Berlin 2015, S. 13. 8 Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele lich wäre, dann wär all unser Tun und Handeln bedeutungslos.12 Unser Tod ist die Begründung für die Existenz einer jeden Religion. Erst diese Erkenntnis führt dazu, dass für die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens der Moment kommt, wo sie sich mit der Frage des Todes auseinandersetzen. Die Anlässe für eine solche Befassung mit dem eigenen Tod kann der Tod eines geliebten Menschen sein, der zum Nachdenken über die eigene Sterblichkeit anregt. Aber auch eine Krankheit oder ein runder Geburtstag in fortgeschrittenem Alter kann dazu führen, dass man sein Leben bilanziert und sich damit befasst, wie man die knapper werdende Zeit verbringen möchte. Für viele Menschen existiert offensichtlich ein starkes Bedürfnis, an einer Fortexistenz nach dem körperlichen Tod zu glauben.13 Sehr eindrucksvoll wird dieser Sachverhalt von den antiken Philosophen Platon und Sokrates erläutert. Platon ein Schüler des Sokrates hat die Argumente für die Existenz der Seele in seinem Werk Phaidon14 niedergeschrieben. Hierin schildert er den Abend vor dem Tod seines Lehrers Sokrates, der zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt wurde. Diese Form der Hinrichtung durch Trinken eines Saftes aus dem gefleckten Schierling, war im antiken Griechenland eine übliche Strafe. Sokrates, der selbst keine Schriften der Nachwelt hinterlassen hatte, versammelte am Abend vor seinem Tod seine Schüler, unter anderem auch Phaidon, um im Angesicht seines eigenen Todes die Existenz einer Seele philosophisch zu begründen. Ihm ging es um die Beschaffenheit der Seele, ihre Abgrenzung zum Körper und um ihr Schicksal nach dem Tod. Er betrachtete die individuelle Seele eines jeden Menschen als unzerstörbar und sah in ihr den Träger der Kenntnisse, Fähigkeiten und Erinnerungen des Menschen. Beim Tod trennt sich die Seele vom Körper. Es bestehe kein Grund zur Todesfurcht, denn der Tod bedeutet nur Zerstörung des jeweiligen Körpers, die Person aber ist die Seele, die immer intakt erhalten bleibt. Die Überzeugung Sokrates war es, dass das Schicksal der Seele nach dem Tod von ihrem Verhalten während des Lebens abhänge. Hierbei sei eine philosophische Lebensführung die op- 12 Vgl. H. Wittwer: Risiken und Nebenwirkungen der Lebensverlängerung, in: H. J. Höhn (Hrsg.): Welt ohne Tod – Hoffnung oder Schreckensvision, Hannover 2003, S. 19–58, hier: S. 34. 13 Vgl. H. Wittwer (Hrsg.): Philosophie des Todes, Stuttgart 2009, S. 14. 14 Vgl. Platon: Phaidon, in: H. Wittwer (Hrsg.): Der Tod, a. a. O., 2014, S. 31–55. 9 Philosophie des Todes timale Lebensform. Diese Sichtweise war der Grund zu einer gelassenen Haltung und einem heiteren, unbeschwerten Sterben. Der von Platon niedergeschriebene Dialog zwischen Sokrates und seinen Schülern wirkt von der Antike bis heute nach und beeinflusst auch die theologische Diskussion über eine mögliche individuelle Fortexistenz nach dem Tod. Bis zum frühen Mittelalter galt der Tod im christlichen Abendland als ein Übergang in eine bessere Welt. Begründet wurde diese mit dem Glauben der christlichen Auferstehung, die einen öffentlichen Umgang mit dem Sterben und dem Tod förderte. Anders als die heutige Befassung mit dem Tod, die das Sterben und den Tod an den Rand des öffentlichen Bewusstseins drängt, wurde früher im Beisein der Familie, der Freunde und der Nachbarn gestorben. Aufgrund der Katastrophen des Spätmittelalters, die sich in Kriegen, Hungersnöten und Seuchen ausdrückten, änderte sich die Sichtweise auf den Tod. Nunmehr wurde die Vorbereitung auf das eigene Sterben und den Tod als äußerst dringlich angesehen. Es entwickelte sich eine „Kunst des Sterbens“ (ars moriendi). Eine gute christliche Vorbereitung des Lebens im Hinblick darauf, dieses Leben gut abzuschließen, prägte das spätmittelalterliche Leben. Der Tod wurde nicht mehr als das natürliche Ende gesehen, sondern als unerwartet und schnell eintretend betrachtet. Der Tod wurde, insbesondere nach dem Dreißigjährigen Krieg, zum Schauspiel. Dies drückte sich in Trauergebräuchen, Trauerbekleidung und einem in vielen Ausprägungen auftretenden Gedenken aus. Zahlreiche Gedenktafeln, Denkmäler, aufwändig gestaltete Gräber, Grabplatten und Epitaphien geben ein Zeugnis dafür ab. 10 Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele 2.2 Der Umgang mit den Toten im Wechsel der Jahrhunderte Der Umgang mit den Toten änderte sich seit der christlichen Zeitrechnung. Obwohl die Menschen eine Vertrautheit mit dem Tod hatten, hielten sie die Toten abseits. Die Toten wurden außerhalb der Städte bestattet. Das Aufkommen des Märtyrertums im 3. Jahrhundert sowie der Volksglaube, dass man nur am Jüngsten Tag auferstehen werde, wenn man ein angemessenes und unversehrtes Grab erhalte, änderte die Einstellung zum Tod und zu seinen Ausdrucksformen. Eine möglichst räumliche Nähe des eigenen Bestattungsortes zu den Reliquien von Märtyrern sollte die Wiederauferstehung am Jüngsten Tag absichern. Märtyrer wurden als Heilige angesehen, die einen Platz im Himmel sicher hatten. Ausdruck fand diese enge Verbindung auch auf den Grabinschriften, so z. B. „… dessen Gebeine in diesem Grabe ruhn, hat das Verdienst erworben, den Gräbern der Heiligen nahe zu sein …“ oder „Unter dem Schutz der Märtyrer muß man die ewige Ruhe suchen; der sehr Heilige Vincent und die Heiligen, seine Gefährten und ihm Ebenbürtigen, wachen über diesen Platz und verbannen die Finsternisse, indem sie den Schimmer des wahren Lichts verbreiten.“15Diese im 6. Jahrhundert auftretende Form der Bestattung lag räumlich aber immer noch vor den Toren der Städte. Über den Gräbern der Märtyrer wurden kleinere Kapellen errichtet. Verwaltet wurden diese Grabstätten meist von Ordensgemeinschaften, die auch die immer größer werdenden Pilgerscharen betreuten. Neben den Friedhofskapellen wurden zunehmend auch Kirchen innerhalb der Stadtmauern erbaut. Diese unterschieden sich allerdings dadurch, dass sich in den Kirchen zunächst keine Gräber befanden. Umgekehrt wurden die Friedhofskapellen von Toten geradezu überschwemmt.16 Die Dualität zwischen Friedhofskapelle und Kirchen im Zentrum führte zu einer Änderung der Bestattungskultur seit der Antike. Das alte Bestattungsverbot innerhalb der Stadtmauern und die Angst, die die Toten ausgelöst hatten, existierte nicht mehr. Etwa zu Beginn des 15 P. Arie’s. Geschichte des Todes, 13. Auflage, München 2015, S. 48. 16 Vgl. ebenda, S. 50. 11 Der Umgang mit den Toten im Wechsel der Jahrhunderte 7. Jahrhunderts lässt sich diese Veränderung feststellen.17 Die Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern wurden aufgegeben. Sie verfielen und wucherten zu. Gelegentliche Wiederbenutzung in Zeiten der Pestepidemien änderte nichts an dem grundsätzlichen Wandel. Die außerhalb der Stadtmauern liegenden Friedhöfe wurden durch Grabstellen ersetzt, die räumlich direkt neben den innerstädtischen Kirchen lagen. Allerdings galt bis weit in die Neuzeit hinein, dass namentlich identifizierbare Totenruhestätten im Einzelgrab nur für Angehörige der Mittelund Oberschicht, Sammelgräber indes für die Armen die Regel waren. Eine Grabstätte in der Kirche war für die Armen undenkbar. Die Bestattung der Toten im Umfeld der Reliquien der Heiligen und die über diesen Reliquien errichteten Kirchen wurden zu einem Spezifikum der christlichen Zivilisation. Begräbnisstätten vor und in den Kirchen waren Orte, die auf geweihtem und heiligem Grund die Gebete für die Seelen der Verstorbenen aufnahmen. Im Mittelalter festigte sich weiter die Vorstellung, dass die Gebete der Lebenden für die Toten umso wirksamer seien, je näher sie an dem Grabe des Märtyrers gesprochen würden.18 Gleichwohl gab es immer noch einen Zwiespalt zwischen dem Kirchenrecht und der Alltagspraxis. Die Konzilien haben jahrhundertelang eine strikte Trennung zwischen dem Innenraum und dem geweihten Raum im Umkreis der Kirche vorgeschrieben. Die Gläubigen hatten ihre Grablegungen außerhalb der Kirche vorzunehmen. Ausschließlich Priester, Bischöfe, Mönche und privilegierte Laien durften ihre letzte Ruhestätte im Kircheninnenraum finden. Dieses Verbot der Bestattung in Kirchen für Nicht-Kleriker wurde im Laufe der Jahrhunderte sukzessive aufgehoben. Anfangs versuchte man noch den Chorraum von Bestattungen freizuhalten: „Kein Leichnam darf in der Nähe des Altars bestattet werden, wo der Leib und das Blut des Herrn bereitet oder dargeboten werden, es sei denn die Leiber der Heiligen Väter.“19 Diese kirchenrechtlich geforderte Trennung wurde aber nicht stringent eingehalten. Privilegien der Macht, des Reichtums und des Geldes trugen dazu bei, dass man bis zum 18. Jahrhundert Grabstätten von Nicht-Klerikern auch in den Kircheninnenräumen zuließ. Kirchen waren teilweise mit Grabstätten „zugepflastert“. 17 Vgl. P. Arie’s, a. a. O., S. 52. 18 Vgl. ebenda, S. 58. 19 Ebenda, S. 64. 12 Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele Der mangelnde Platz in Kirchen und auf den Friedhöfen führte um das 14. Jahrhundert dazu, dass man die mehr oder minder ausgebleichten Gebeine aus den Gräbern entnahm, um Platz für neue zu schaffen. Die Gebeine wurden in den Kellern, den Dachstühlen, den Galerien der Kirchen aber auch in speziell errichteten Gebeinhäusern, sog. Ossuarien, aufgebahrt. Eine spezielle Bestattungspraxis wurde für die Personen eingeführt, die sich eine Bestattung in den Kirchen bzw. in den Beinhäusern nicht leisten konnten. In Gemeinschaftsgräbern wurden bis zu 1000 Leichname bestattet. Diese Gemeinschaftsgräber blieben geöffnet und wurden erst bei Erreichen der Kapazität notdürftig mit Erde geschlossen. Häufig wurde dann direkt daneben das nächste Gemeinschaftsgrab ausgehoben. Solche Gemeinschaftsgräber waren nicht allein den Pestepidemien oder Hungersnöten geschuldet, sondern lange Zeit geübte Bestattungspraxis für die ärmere Bevölkerung. Einen bildhaften Ausdruck über die unterschiedlichen Bestattungsrituale zeigen auch die Epitaphien und Grabplatten des Wetzlarer Doms. Die beiden auf der Süd- und Nordseite befindlichen Friedhöfe wurden Mitte des 18. Jahrhunderts aufgegeben. Ebenso verlor die Michaelskapelle ihre Bedeutung als Beinhaus. Was geblieben ist, sind die 53 Epitaphien und Grabplatten, die heute das Innere des Wetzlarer Doms schmücken. 13 Der Umgang mit den Toten im Wechsel der Jahrhunderte

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Zusammenfassung

Im Wetzlarer Dom zeugen 50 Grabplatten und Epitaphien, die in der Kirche platziert sind, und drei, die sich an den Außenwänden der Süd- und Nordseite befinden, von einer über vier Jahrhunderte währenden Trauerkultur. Alle Gedenkplatten sollten der Nachwelt zur Erinnerung an die Verstorbenen dienen. Durch die exponierte Platzierung in und um den Dom ist der Personenkreis der Verstorbenen auf Ritter, Schöffen, Kanzler, Geistliche katholischer und evangelischer Konfession, Assessoren, Prokuratoren des Reichskammergerichts sowie deren Angehörige begrenzt.

Jürgen Wegmann erläutert die 53 Gedenkplatten aus der Zeit von 1362 bis 1792 ausführlich und erweckt die Personen und ihre Lebensgeschichten so wieder zum Leben. Die oftmals nur noch schwer lesbaren, zum Teil umfangreichen Texte in deutscher und lateinischer Sprache wurden in eine heute lesbare Form gebracht. Fotografien der Epitaphien runden die Erläuterungen ab. Dem Leser werden damit erstmals das umfangreiche historische Bild- und Textmaterial der Epitaphien und Grabplatten des Wetzlarer Doms sowie die Verstorbenen selbst in einer Fassung präsentiert, die bisher Verborgenes offenlegt.