5. Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - Epitaphien und Grabplatten, page 37 - 52

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4142-0, ISBN online: 978-3-8288-7003-1, https://doi.org/10.5771/9783828870031-37

Tectum, Baden-Baden
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37 5. Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Einige der Epitaphien des Wetzlarer Doms geben interessante Informationen über die Verstorbenen preis. Zum einen kann man dies an den teilweise sehr schönen Bildmotiven ablesen und zum anderen beinhalten die Texte oft eine Fülle an Informationen über das gottesfürchtige Leben der Verstorbenen. Darüber hinaus ragen einzelne Verstorbene durch ihre außergewöhnlichen beruflichen Aktivitäten bzw. durch ihre weiten Reisen aus der Fülle der übrigen Verstorbenen heraus. Ebenso zeichnet sich eine Gruppe, hier die der Angehörigen des Reichskammergerichts, durch ein sehr ausgeprägtes Standesdenken aus. Weitere Besonderheiten der Epitaphien des Wetzlarer Doms lassen sich anhand einzelner Gruppen von Verstorbenen, geordnet nach der gesellschaftlichen Stellung, erläutern. Ein Beispiel für eine etwas missglückte Restaurierung zeigt das Epitaph von Anselm Hun (2).40 Der rote Sandstein hat aufgrund seines Alters deutliche Abnutzungsspuren. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die Gesichtspartie und auch die Haltung der Hände im Schoß des Ritters erst in neuerer Zeit nach einer im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts vorgenommenen Restaurierung missglückt sind. Die restaurierte Gesichtspartie wirkt auf den Betrachter äußert künstlich konstruiert, die Hände im Schoß verdecken den in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts noch sichtbaren Schwertknauf. So hat diese misslungene Restaurierung in der jüngeren Zeit etwas bewirkt, was die natürliche Abnutzung über 600 Jahre nicht geschafft hat: einen Verlust der Authentizität der Abbildung des Ritters Anselm Hun. 40 Vgl. auch die Nummerierung im Dokumentationsteil. Kanoniker Eine Gruppe von drei Epitaphien zeigt Kanoniker des Marienstifts. Das Marienstift, das zu Beginn des 10. Jahrhunderts gegründet wurde, war die zentrale kirchliche Institution in Wetzlar bis zum Beginn der Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts. Erst 1803, durch den Niedergang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, endete nach über 800 Jahren diese Institution in Wetzlar. Kanoniker, die stellvertretend für diese Zeiten mit ihren Epitaphien im Wetzlarer Dom abgebildet sind, standen an der Spitze des Stifts. Ihre Bedeutung für Wetzlar und für den Wetzlarer Dom nahm zwar mit der Reformation ab, allerdings führte die Blütezeit des Stifts über 500 Jahre zu einem Wohlstand, der den Bau des Wetzlarer Doms in seiner heute noch erhaltenden Form erst ermöglichte. Johannes von der Kraen (3), Cuno von Rückingen (4) und Nycolas von der Krae (5) stehen stellvertretend für diese Blütezeit. Ritter Zwei weitere Epitaphien, die heute nebeneinander im Südschiff platziert sind, zeigen Vater und Sohn als Abkömmlinge eines Rittergeschlechts aus den Jahren 1485? und 1503?.41 Die bildhaften Darstellungen von Philip von Bicken dem Älteren (7) und dem Jüngeren (10) ähneln sich. Beide Epitaphien zeigen aufrecht stehende Ritter in Rüstungen. Gemeinsam ist Vater und Sohn, dass beide zu ihren Füssen zwei Tierfiguren zeigen. Bei dem Vater sind zwei Löwen erkennbar. Bei dem Sohn ist nur noch ein Löwe erkennbar. Philip von Bicken der Jüngere war laut Eheabredung vom 21. Januar 1461 mit Heilwig von dem Bongart verheiratet. Diese war eine Tochter des Ritters Godart von dem Bongart, der zusammen mit Bernhard von Breidenbach und Graf Johann zu Solms 1483/1484 eine Pilgerreise ins Heilige Land nach Jerusalem unternahm.42 Solche Pilgerfahrten waren im 15. Jahrhundert eine gängige Übung der Adligen, um auf den Spuren Christi zu wandeln und sich am Heiligen 41 Die genauen Sterbedaten sind nicht mehr exakt ermittelbar. 42 Vgl. Philipp von Bicken der Jüngere, vor 1503 (1510?), Wetzlar, in: Grabdenkmäler (Stand: 8.9.2008). 38 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Grab in Jerusalem zum Ritter schlagen zu lassen. Darauf weist auch ein weiteres Epitaph im Wetzlarer Dom explizit hin. Auf dem Epitaph des Heydenreich zu Dernbach (8) ist auf dem linken Rand der Text enthalten „… er ist zu Sankt Katharinen am Berge Sinai gewesen.“ Quellen zufolge kehrte er 1443 von seinem Besuch in das Heilige Land nach Wetzlar zurück.43 Pilgerfahrten ins Heilige Land Eine Pilgerfahrt war zur damaligen Zeit kein Einzelfall. Übertragen auf die heutige Zeit des Tourismus kam es ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einem „Pauschaltourismus“ nach Jerusalem zur Grabeskirche und zum Katharinenkloster auf dem Sinai. Pilgerfahrten in das Heilige Land waren zu einer regelrechten Massenbewegung geworden. So beschreibt Konrad Grünemberg44 in seinem Tagebuch seine Reise nach Jerusalem im Jahr 1486. Am 22. April 1486 bricht er zusammen mit seinem Knecht Kaspar Gaisberg vom Bodensee nach Venedig auf. Dort besteigen beide ein Schiff, das sie nach Jaffa bringt. Danach geht es auf Eseln weiter bis nach Jerusalem, wo er nach Zahlung eines angemessenen Betrages am Heiligen Grab zum Ritter geschlagen wird. Grünemberg hat sich sehr gründlich auf seine Reise vorbereitet: Er schließt einen Vertrag mit einem Reeder, der die Reise schon acht Mal unternommen hat, er plant Führungen und Besichtigungen, erstellt akribisch Gepäck- und Proviantlisten, die zu einem späteren Zeitpunkt als „Reiseführer“ und Merkzettel für nachfolgende Reisende dienen könnten. Die Tatsache, dass er beschließt, sich auf die Fahrt nach Jerusalem zu begeben, zeigt seine Frömmigkeit, aber auch seinen Mut. Reisen in diesen Zeiten waren ein hochriskantes Unterfangen: Die Wege waren schlecht, überall lauerten Räuber, wilde Tiere, fremde Söldner; die Herbergen waren schmutzig, die Verpflegung knapp und schlecht und Krankheiten an der Tagesordnung. 43 Vgl. A. Schoenwerk, a. a. O., S. 219. 44 Vgl. Konrad Grünemberg: Von Konstanz nach Jerusalem – Eine Pilgerfahrt zum Heiligen Grab im Jahre 1486, Osnabrück 2015. 39 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Auch der Reisebericht des Eberhard von Brambach und Albrecht Graf von Löwenstein45 von ihrer Pilgerfahrt ins Heilige Land in den Jahren 1561/1562 gibt Zeugnis für diesen „Pauschaltourismus“. Wenn auch über die Pilgerfahrt des Heydenreich zu Dernbach keine weiteren schriftlichen Nachweise erhalten sind, so können die Reiseberichte des Konrad Grünemberg, des Eberhard von Brambach und des Albrecht Graf von Löwenstein einen Eindruck über die beschwerliche und gefährliche Pilgerfahrt vermitteln. Mit ein Grund für den ansteigenden Pilgerstrom ab Mitte des 15. Jahrhunderts waren die zahlreichen Reiseberichte der vielen glücklich und wohlbehalten wieder in die Heimat zurückgekehrten Pilger. Die Motive der Pilger waren sehr vielschichtig. So bot die Pilgerfahrt die Möglichkeit, Handelsbeziehungen auszubauen, für andere war es die Erfüllung eines Gelübdes oder der Dank für ein gewährtes Anliegen. Auch die Auferlegung als Buße oder Strafe konnte eine Rolle für die Pilgerfahrt spielen.46 Ebenso übten „Berufspilger“ gegen angemessene Bezahlung für Dritte die Pilgerfahrt aus. Aber auch der Ablasshandel brachte viele Pilger dazu, ihre Sündenstrafen durch eine Wallfahrt zu verringern. Adlige hatten zudem noch eine besondere Motivation. Sie konnten sich in der Grabeskirche in Jerusalem zum Ritter vom Heiligen Grab schlagen lassen. Dies verschaffte den Pilgern nach ihrer Rückkehr in die Heimat hohes Ansehen. Die damit verbundenen Zeichen, wie z. B. das Jerusalemkreuz, schmückten nach dem Tod der Pilger ihre Grabsteine und Epitaphien. Die sehr persönlichen Reiseberichte zählen nicht nur die Mitreisenden und die täglichen Vorkommnisse auf, sie enthalten auch eine detaillierte Aufzählung über die, die auf der Pilgerfahrt den Tod fanden. Eine genaue Beschreibung der Heiligen Stätte gehörte zu jedem Reisebericht. Hierbei bezog man sich gerne auf die Texte aus älteren Reiseberichten. Die Reisegruppen waren zumeist sehr bunt zusammengesetzt. Neben Adligen mit ihren Dienern gehörten auch Bürgerliche, Mönche und Nonnen dazu. Die Nationalitäten waren zum Teil bunt gemischt. Die Pilger kamen aus allen Richtungen nach Ve- 45 Vgl. S. Kern: Mit aufgespannten Segeln im Namen Gottes nach Jerusalem, in : Susanne Kern: Steinernes Mosaik des Todes, Regensburg 2017, S. 514–529. 46 Vgl. ebenda, S. 514. 40 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen nedig, dem Ausgangspunkt der Schiffsreise ins Heilige Land. Schon zur damaligen Zeit wurde die Schiffsreise im Detail vertraglich festgelegt und häufig notariell beglaubigt.47 Einen besonderen Raum nahmen dabei die Regelungen über die Verpflegung ein. „So sollen die Pilger allwegen morgens ein Gläslein voll Moluasier oder Muscateller ungemischt / mit samtt einer Biscoten … alle tag zweymal zu essen geben / nemlich / morgens und nachts / und an Fleischtagen gut frisch Fleisch /gesottens und gebratens / ehrlich / als wenn sie in einer Herberg weren … sollten sie den Bilgrin Parmason Keß geben …und guten Wein under die Mahlzeit geben / als Roten und Weissen / auf der ganzen Reyß sowie in der Wochen einmal weisse Tischtücher.“ Die Fahrt dauerte mehrere Wochen. Sie ging an Dubrovnik vorbei, es folgten Heraklion auf Kreta und schließlich Jaffa. Eine Eigenart war das Anbringen von Graffiti an den Mauern und Steinen der besuchten historischen Stätten. Noch heute lassen sich z. B. in der Grabeskirche in Jerusalem die Nachweise solcher Besuche aus dem Mittelalter besichtigen. Auch damals war diese „Erinnerungskultur“ nicht von jedem gerne gesehen. In Jaffa angekommen warteten die Pilger auf ihren „Reiseführer“. Dieser gehörte dem Franziskanerorden an, dessen Mönche für die Begleitung und die seelsorgerische Betreuung der Pilger verantwortlich waren. Zusammen mit den venezianischen Reedern und den muslimischen Behörden hatten sie diese Pauschalpilgerreisen fest im Griff.48 Jeder Pilger bekam eine feste Begleitperson, da er sich nicht alleine auf den Heiligen Stätten bewegen durfte. In Jerusalem hatte man dann unter der Führung eines Franziskanerpaters ein strammes Besichtigungsprogramm zu bewältigen. Es war streng verboten, irgendwelche Reliquien zu entwenden. Gleichwohl war es gängige Praxis, sich an den Gesteinen zu bedienen. Auch zur damaligen Zeit herrschte schon ein reger Handel mit gefälschten Reliquien vor Ort. Am Ende des Aufenthalts in Jerusalem stand dann der Ritterschlag. Dieser fand in nächtlicher Stunde in der Grabeskirche nach einer festgelegten Zeremonie statt. Zuvor mussten die Auserwählten einen größeren Geldbetrag an den Franziskanerorden zahlen. 47 Vgl. S. Kern, a. a. O., S. 520. 48 Vgl. ebenda, S. 524. 41 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Ein Teil der in Jerusalem zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagenen Pilger reiste dann noch zum Katharinenkloster auf den Sinai. Hier pilgerte man zum Grab der Heiligen Katharina von Alexandrien, besuchte den Ort des „brennenden Dornbuschs“ und die Stelle, an der Moses Wasser aus dem Felsen schlug. Ein Fläschchen Öl aus dem Katharinenkloster wurde mit nach Hause genommen und in der Heimat als Reliquie der Kirche vermacht. Die Rückreise vom Sinai ging zumeist über Kairo und Alexandria. Dort bestieg man ein Schiff nach Venedig, um nach der Ankunft den weiteren Heimweg anzutreten. Kanzler Ein weiteres Epitaph aus dem Jahr 1588 von Johannes Klotz (12) grenzt sich mit seiner ausführlichen Textdarstellung von den Epitaphien des 16. und auch des 17. Jahrhunderts ab. Durch die ausführliche Lebensbeschreibung wie auch durch die umfassenden Lobpreisungen ist es seiner Zeit voraus. Erstmals findet man Hinweise auf die Verwandten des Verstorbenen, die als Stifter dieses Epitaphs aufgeführt sind. Diese Art von umfangreichen Texten ist erst 100 Jahre später wiederzufinden. Zahlreiche Epitaphien der Angehörigen des Reichskammergerichts lehnten sich daran an. Auch die Bildmotive dieses Epitaphs sind im Wetzlarer Dom ein Unikat für diese Zeit. Handwerker Ein außergewöhnliches Bildmotiv zeigt auch das Epitaph des Johannes Theis (16). Der vor dem gekreuzigten Christus niederkniende Mann zeigt Johannes Theis. Die Besonderheit an dem Bildmotiv ist die Kleidung des Knienden. Diese gehört in die Zeit des Sterbejahrs um 1651. Weiterhin erwähnenswert ist der Text, der in deutscher Sprache auf dem Epitaph aufgetragen ist. Es ist nicht klar, welche gesellschaftliche Stellung Johannes Theis einnahm. Wegen des im Wappen aufgeführten Hobels vermutet man, dass hier einem Tischler oder Schreiner gedacht wird. Weitere Quellen, die dies bestätigen liegen nicht vor. 42 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Evangelische und katholische Geistliche Eine besondere Gruppe von Epitaphien ist den katholischen und evangelischen Geistlichen gewidmet. So findet man 2 Epitaphien von katholischen (11 + 17) und 4 Epitaphien von evangelischen (18 + 21 + 24 + 27) Geistlichen im Wetzlarer Dom. Während sich die Epitaphien der beiden katholischen Pfarrer durch großflächige Bildmotive, die den Verstorbenen zeigen, auszeichnen, enthalten die Epitaphien der evangelischen Pfarrer überwiegend Texte. Interessant ist ein Vergleich der Epitaphien des katholischen Pfarrers Johann Conrad Hertstein (17) und des evangelischen Pfarrers Jakob Hert (18). Beide liegen mit ihren Sterbejahren dicht beieinander (Herstein 1652, Hert 1658), zeigen aber deutliche Unterschiede in der Gestaltung ihrer Epitaphien. Dem großen Bildnis des katholischen Pfarrers steht ein schlichtes Textfeld des evangelischen Pfarrers gegenüber. Diese bildhafte Schlichtheit setzt sich in allen Epitaphien der evangelischen Pfarrer fort. Hier drückt sich besonders plastisch die Sichtweise der katholischen und evangelischen Kirche in den Epitaphien aus. Jakob Hert führt im Textfeld noch seine Ehefrau und seine 8 Kinder mit auf. Bei Wilhem Cauly (21) werden in sachlicher Form sein Lebensweg und der Lebensweg seiner Ehefrau beschrieben. Das Epitaph des evangelischen Pfarrers Johann Georg Weller (24) beschreibt kurz seinen Lebensweg. In dem Epitaph des evangelischen Pfarrers Johann Friedrich Schultze (27), der 1691 verstorben ist, kann man bereits einen Trend in der textlichen Gestaltung ausmachen, der sich im nächsten Jahrhundert bei fast allen Epitaphien fortsetzt: eine Würdigung der Person, die das ehrenvolle und fromme Leben eines Jeden in den Mittelpunkt stellt. Die in den vorigen Jahrhunderten geübte Praxis einer sachlichen Information tritt in den Hintergrund. Kinder Eine weitere Gruppe von Epitaphien ist Kindern gewidmet. Insgesamt finden wir 4 Epitaphien. Auf dem Epitaph von Johannes und Catharina Willems (19) wird in einem sehr kurzen sachlichen Text der beiden Kinder gedacht, die beide am 28. April 1665 verstorben sind. Der gemeinsame Todestag deutet auf einen Unfall hin. Ebenfalls zeitlich relativ nah 43 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen beisammen liegt das Todesdatum der beiden Kinder Margareth und Johannes Hirshorn (20). Beide Kinder sind 1668 im Alter von 7 bzw. 10 Jahren verstorben. Das Todesdatum lässt die Schlussfolgerung zu, dass beide an einer Krankheit gestorben sein könnten. Weitere Informationen lassen sich dem sachlichen Text des Epitaphs nicht entnehmen. Ein Epitaph, dass Wilhelmine Henrietta von Ludolf (35) gewidmet ist, ehrt die Tochter eines Assessors am Reichskammergericht, die mit 28 Jahren unverheiratet verstorben ist. Der Text auf der Gedenkplatte ist ganz im Stil der Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen gehalten. Neben kurzen Angaben zur Person wird die Tochter für ihre Frömmigkeit umfassend gelobt. Das letzte Epitaph in der Reihe der Gedenkplatten verstorbener Kinder weist wieder auf eine mögliche Krankheit hin. Dorothee Charlotte und Heinrich Johann Vergenius (52) sind 1776 mit 6 ½ und 1778 mit 11 ½ Jahren verstorben. Der Text enthält ausschließlich die Namen, das Geburts- und das Sterbedatum. Ehefrauen und Mütter Als weitere Gruppe, denen mit einem Epitaph gedacht wird, lassen sich 14 Ehefrauen und 2 Mütter zusammenfassen. Hierbei ist zu unterscheiden, ob der Ehefrau ein eigenes Epitaph gewidmet ist oder ob sie bei ihrem verstorbenen Ehemann mitaufgeführt wird. Den beiden Müttern lässt sich jeweils ein eigenständiges Epitaph zuordnen. So wird der 1599 verstorbenen Dorothea Schwartz (13) und der 1757 verstorbenen Maria Margareta von Ortmann (48) gedacht. Für beide gilt, dass ihr Epitaph eine Verbindung zu jeweils einem anderen Epitaph aufweist. So ist Dorothea Schwartz die Mutter von Anna Elisabeth Gwenden (15), die wiederum die Ehefrau von Philipp Gwenden (14) ist. Maria Margaretha von Ortman ist die Mutter von Johann Peter von Ortmann (51). Beide Epitaphien sind im Hauptschiff des Wetzlarer Doms an der Nordseite nebeneinander angebracht. Die Sterbedaten der Ehefrauen, denen ein eigenes Epitaph gewidmet ist, reichen von 1502 bis 1787. Insgesamt sind 8 solcher Epitaphien vorhanden. Hierzu zählen Lisa Stommel (9), Anna Elisabeth Gwenden (15), Juliane Schlosser (30), Anna Maria Eva Lieb (32), Maria Franziska von Heeser (37), Maria Ursula Bonn (40), Maria Anna Seraphina von Claus- 44 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen bruch (41), Elisabeth von Ruland (53). Die Epitaphien der Ehefrauen von Angehörigen des Reichskammergerichts (ab Juliane Schlosser) sind im aufwändigen Text-und Bildstil der Assessoren des Reichskammergerichts gehalten. Diese Ehefrauen hatten ihren festen Platz im Hierarchiegebilde des Reichskammergerichts, der dann am Ende ihres Lebens einen angemessen Ausdruck im Epitaph gefunden hat. Über die Ehefrauen, derer zusammen mit ihrem Ehemann mit einem gemeinsamen Epitaph gedacht wird, wird zumeist mit einem sachlichen Text über ihr Leben und ihren Tod berichtet. Hierzu zählen Sabina Hert (18), Anna Gertraud Cauly (21), Anna Katharina Mohr (31), Anna Elisabeth Winckler (38), Maria Anna von Borie (46) und Auguste Christiane Elisabethe Rotberg (50). Angehörige des Reichskammergerichts Eine weitere Gruppe, die einen großen Raum mit ihren Epitaphien einnimmt, ist durch die Zugehörigkeit zum Reichskammergericht charakterisiert. Der Sitz des Reichskammergerichts, dem höchsten Gericht des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von 1689 bis 1806, führte für die Stadt zu Ansehen und Wohlstand. Wenn auch Anfangs die Angehörigen des Reichskammergerichts wenig Begeisterung für die Wahl der Stadt Wetzlar aufbringen konnten, hat man sich dann doch 117 Jahre lang in Wetzlar aufgehalten. Gleichzeitig profitierten die Wetzlarer Bürger von dem Wohlstand der Reichskammergerichtsangehörigen und ihrer Familien. 45 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Das elitäre Standesdenken der Reichskammer gerichts angehörigen und ihrer Familien Das Standesdenken drückte sich nicht nur gegenüber den übrigen Bürgern der Stadt Wetzlar aus. Auch innerhalb des Reichskammergerichts teilte sich eine weitere Klassengesellschaft auf. Im Jahre 1798 hat Johann Niklas Becker49 eine treff ende Einteilung der Klassengesellschaft des Reichskammergerichtes vorgenommen. Er identifi ziert mehrere Klassen, die jede für sich einen eigenen Standeskosmos ausmachen und selten miteinander in Berührung traten. So waren in der ersten Klasse die Kammerrichter, die Präsidenten und die Assessoren vereint. Diese bildeten quasi den Adelsstand der Reichskammergerichtsangehörigen. Die zweite Klasse setzte sich aus den Advokaten und Prokuratoren zusammen. Gleichwohl, so merkt er an, konnten die Einnahmen der Advokaten und Prokuratoren das Vielfache der Einnahmen der Mitglieder der oberen Klasse ausmachen. Sie hatten aber so gut wie keine Chance den elitären Standesdünkel der ersten Klasse zu durchbrechen. Jede der Klassen lebte für sich in der freien Reichsstadt Wetzlar. Was beide Klassen gemeinsam hatten, war die Abgrenzung gegenüber den Bürgern der Stadt Wetzlar. Gesellschaft liche Verbindungen zu den Bürgen fanden so gut wie nicht statt. Die Hierarchie des Reichskammergerichts hat folgende Stufen: Das höchste Amt hatte der Kammerrichter inne, er war der Stellvertreter des Kaisers und musste katholisch und von hohem Adel sein. Ihm folgten in der Hierarchiestufe seine beiden Vertreter, die Reichskammergerichtspräsidenten. Sie rekrutierten sich zumeist aus Assessoren. Seit dem Augsburger Religionsfrieden musste einer katholisch und einer evangelisch sein.50Danach folgten die Assessoren. Sie waren die Richter, die die Urteile sprachen. Danach kamen die Prokuratoren und Advokaten. Advokaten waren Parteienvertreter, die die Schrift sätze für die Mandanten entwarfen, sie wirkten außergerichtlich. Die Prokuratoren vertraten hingegen die Mandanten vor Gericht, sie waren die eigentlichen Prozessbevollmächtigten der streitenden Partei- 49 Vgl. A. Baumann: Manifestation von Standesdünkel? Die Grabmäler der Reichskammergerichtsangehörigen im Wetzlarer Dom, in: Reiner Sörries (Hrsg): Kultur des Todes, Kassel 2007, S. 9–20, hier S. 9. 50 Vgl. ebenda, S. 10. 46 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen en. Diese konnten aber auch die Aufgaben der Advokaten wahrnehmen. Im Laufe der Zeit setzte sich durch, dass die Prokuratoren auch häufi ger die Aufgaben der Advokaten übernahmen. Die Ausbildung war gleich, beide mussten ein akademisches Studium absolvieren und den Grad eines juristischen Doktors oder Lizentiaten erwerben. „Am Gericht klagen konnten Fürsten, Grafen und Reichsritter aber auch Untertanen. Allerdings waren deren Klagemöglichkeiten durch sog. Appellationsprivilegien ihrer Herrschaft eingeschränkt.“51 Das Reichs kammergericht war nur für zivilrechtliche Streitigkeiten zuständig, wie z. B. bei Fällen die Erbschaft en, Schulden, gebrochene Verträge, Abgaben, Fronen, Pfändungen, Versicherungen, Landfriedensbruch, Grenzstreitigkeiten und Religionskonfl ikte. Der Standesdünkel zwischen den Richtern und Anwälten setzte sich in der Zeit des Reichskammergerichtes in Wetzlar von 1689 bis 1806 ständig fort. Die Richter hatten gegenüber den Advokaten und Prokuratoren Disziplinargewalt, die sie auch umfassend wahrnahmen. So waren gesellschaft liche Kontakte zwischen den Hierarchiestufen der Reichskammergerichtsangehörigen verpönt.52 Baumann fasst diesen Standesdünkel und die Abschottung von Seiten der Richter in der Frage zusammen, ob sich dies auch in der Wahl der Grabstätte bzw. dem Standort für die Epitaphien ausdrückte.53 Allein die Tatsache, dass ein Epitaph im Wetzlarer Dom platziert ist, zeigt das Privileg der Reichskammergerichtsangehörigen. Durch die übliche Bezahlung an die Kirchengemeinde bei einer Platzierung einer Gedenkplatte oder sogar einer Grablegung im Dom wurde die Besonderheit dokumentiert. Bezüglich der Wahl des Standortes kann man heute keine Wertung mehr vornehmen, da sich kein Epitaph bzw. Grabplatte mehr am ursprünglichen Ort befi ndet. Interessant ist, dass sich im Wetzlarer Dom keine Gedenkplatte eines Kammerrichters oder eines Präsidenten befi ndet. Diese wurden in ihrer Heimatstadt in der Familiengrabstätte beerdigt. Was man fi ndet, sind 15 Epitaphien von Assessoren und 2 Epitaphien von Prokuratoren. 51 A. Baumann, a. a. O., S. 9. 52 Vgl. ebenda, S. 10. 53 Vgl. ebenda, a. a. O., S. 10. 47 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Zwei weitere Epitaphien gehören zum Arzt der Reichskammergerichtsangehörigen (50) und eine große Besonderheit, zu einem Diener eines Kammerrichters (34). Das erste Epitaph, das einem Assessor gewidmet ist, gehört Erich Mauritius (26). Die Textstellen des Epitaphs für Erich Mauritius, der 1691 verstorben ist, vermitteln einen sehr guten Eindruck darüber, wie man sachliche und emotionale Informationen über das Leben eines Assessors auf einer Gedenkplatte präsentiert. Diese Art des überbordenden Lobs setzte sich nahezu bei allen weiteren Epitaphien der Assessoren und Prokuratoren fort. Mauritius selber wurde bekannt durch juristische Studien und Schrift en über Hexenprozesse. Der Richter, der über Hexen urteilte Die von Mauritius 1664 an der Tübinger Universität vorgelegte Dissertation behandelte die Hexerei und Hexenprozesse. Er selber hatte einen unerschütterlichen Glauben an Hexen und an die Macht des Teufels. Eine gerichtliche Verfolgung der Hexen sah er als unabdingbar an. Seine Schrift en über die Hexen behandelten grundsätzlich juristische Sachverhalte. So war es üblich, die Beschuldigten aufgrund von zwei oder drei Zeugenaussagen einer sog. „peinlichen Befragung“, also der Folter zu unterziehen. Widerstand der Beklagte dieser Tortur, ohne seine Schuld zu bekennen, hatte das Gerichtsurteil auf Freispruch zu lauten.54 Allerdings stellte Mauritius die übliche Praxis der Schuldfähigkeit in Frage. Ein Indiz für die Schuldhaft igkeit von Beklagten wurde aus der sog. Wasserprobe abgeleitet. Daneben gab es eine weitere Untersuchungsmethode nach einer Schuldfähigkeit, die sog. Nadelprobe. Bei der Wasserprobe dominierte die gebundene Wasserprobe. Hierbei wurden dem Beklagten die rechte Hand an den linken Fuß und die linke Hand an den rechten Fuß gebunden. Dann wurde der Beklagte, meist von einem Boot aus, vom Scharfrichter ins Wasser geworfen. Zur Bergung wurde ein Sicherheitsstrick an dem Beschuldigten 54 Vgl. S. Lorenz: Erich Mauritius († 1691 in Wetzlar) – ein Jurist im Zeitalter der Hexenverfolgung, Schrift enreihe der Gesellschaft für Reichskammergerichtsforschung, Heft 27, Wetzlar 2001, S. 19. 48 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen befestigt. Ging der Delinquent unter, war er unschuldig, schwamm er jedoch, dann war er schuldig.55 Dass dabei in den meisten Fällen die Beschuldigten, die untergingen, ihr Leben ließen, wurde in Kauf genommen. Immerhin hatte die Justizbehörde dann den Beweis, dass die Beschuldigten unschuldig war. Bei der Nadelprobe, die Mauritius ebenfalls ablehnte, untersuchte das Gericht den Beschuldigten auf Hexenmale. Dies war nach allgemeinem Verständnis der Beweis für einen Vertragsschluss mit dem Teufel, der dies durch das „Hexenmal“ auf dem Körper des Beschuldigten dokumentierte. Stach der Scharfrichter mit einer Nadel in das Mal und der oder die Beklagte zeigte keinen Schmerz und es fl oss kein Blut, dann war dies ein „juristisches“ Indiz für die Schuldfähigkeit. Dabei wurden auch Werkzeuge eingesetzt, die zum Betrug an den Opfern dienten, denn bei ihnen wich bei Druck die Nadel in den Schaft zurück, sodass weder Schmerz noch Blutfl uss entstehen konnten. Einen großen Teil seiner Dissertation widmete Mauritius der sog. Besagung. Darunter versteht man die Anschuldigung Dritter gegen- über dem oder der Beklagten. Mauritius erkannte die Gefahr der Willkürlichkeit einer solchen Besagung und lehnte sie mit juristischer Argumentation ab. Eine solche „Anschwärzung“ könne nicht zu Verurteilung, Folter oder Inhaft ierung führen. Diese Meinung war in Juristenkreisen im 17. Jahrhundert allerdings strittig. 1665 wechselte Mauritius an die Universität Kiel, wo er die erste Professur an der Juristenfakultät übernahm. Auch hier war er mit juristischen Gutachten im Zusammenhang mit Hexenprozessen befasst.56 Seine Gutachten zeigen, dass er auch in Kiel den Glauben an Hexen nicht ablegte, aber auch im Interesse der Beschuldigten zur Vorsicht und Mäßigung bei der Schuldfrage riet. Diese Sichtweise verhinderte aber nicht, dass 1671 aufgrund einer juristischen Stellungnahme von Mauritius 12 Personen wegen Hexerei zur sog. Feuerstrafe herangezogen, d. h. verbrannt wurden.57 Diese Personen hätten nach der „peinlichen Befragung“ gestanden, dass sie Gott verlassen haben, um sich dem Teufel zu ergeben und Schaden an Mensch und Vieh anzurichten. 55 Vgl. S. Lorenz, a. a. O., S. 21. 56 Vgl. A. Baumann, a. a. O., S. 29. 57 Vgl. ebenda, S. 29. 49 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen Der schwäbische Kreis präsentierte ihn 1671 zum Assessor am Reichskammergericht in Speyer. 1689 fl üchtete er vor den französischen Truppen von Speyer nach Frankfurt am Main, um ein Jahr später nach Wetzlar überzusiedeln.58 Dort ist er dann am 1. September 1691 gestorben. Der Assessor Erich Mauritius war laut Lorenz59 der einzige Richter des Reichskammergerichts, der sich intensiv mit Fragen der Hexerei befasste. 1697 folgte das zweite Epitaph eines Angehörigen des Reichskammergerichts. Der Prokurator Johannes Eichrodt (28) war zunächst Advokat in Speyer und wurde dann Prokurator. Sein Epitaph enthält die Inschrift „… und so kehrte er, der schon längst Asche gewesen war, zur Asche zurück.“ Die Deutung dieser Inschrift könnte darauf hinweisen, dass Eichrodt den erzwungenen Wechsel nach Wetzlar nicht gut verkraft ete und ihm der elitäre Standesdünkel der Assessoren in seinen letzten Lebensjahren schwer zu schaff en gemacht hatte.60 Ein sehr schön gestaltetes Epitaph ist dem Assessor Hulderich von Eyben (29) gewidmet, der 1699 verstorben ist. Auch auf diesem Epitaph sind wieder umfassend löbliche Textstellen über den Ruhm und die unzähligen Verdienste des Verstorbenen aufgeführt. Das zweite Epitaph eines Prokurators gehört Gotthart Johann Marquart (31), der 1710 verstorben ist. Auch Marquart war zunächst als Advokat in Speyer und dann ab 1690 als Prokurator in Wetzlar tätig. Sein Epitaph, das auch seiner Ehefrau gewidmet ist, ist textlich und in seiner Bilddarstellung sehr schlicht gehalten und hebt sich daher von den sonst üblichen Epitaphien der Assessoren deutlich ab. Die weiteren Epitaphien der Assessoren des Reichskammergerichts, die sich in ihren Bildmotiven ähneln aber sich auch in der textlichen Gestaltung zwischen sachlichen Informationen und zum Teil umfassenden Lobpreisungen unterscheiden, betreff en Friedrich Schrag (33), Christoph Gottfried von Geismar (36), Joachim Georg von Plönnies (39), Johann Melchior Cramer und Johann Arnold Heinrich Joseph von Clausbruch (41), Friedrich Kasimir von Gemmingen (42), Johann Chris- 58 Vgl. A. Baumann, a. a. O., S. 36. 59 Vgl. S. Lorenz, a. a. O., S. 36. 60 Vgl. ebenda, S. 17. 50 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen toph von Schmitz (43), Joahnn Stepan von Speckmann (44), Anton Gerlach von Schwartzenfels (45), Johann Franz Aegidius von Borie (46), Gerard Georg Wilhelm Franz Xaver Freiherr von Vogelius (47), Valentin Ferdinand Freiherr von Gudenus (49) und Johann Peter von Ortmann (51). Drei dieser Assessoren heben sich durch einige Besonderheiten aus der Fülle der Assessoren heraus. So ist das Epitaph des Friedrich Kasimir von Gemmingen trotz der herausragenden Stellung des Verstorbenen textlich auf das notwendigste beschränkt. Das weitverzweigte Rittergeschlecht Gemmingen gehörte zu den ältesten und angesehensten Familien der Reichsritterschaft. Weniger bedeutende Assessoren erwecken daher durch die aufwändige Gestaltung und den oft großen Lobpreisungen den Eindruck, dass ihre Angehörigen die Verstorbenen noch einmal nach ihrem Tod besonders in den Mittelpunkt stellen wollten. Über den Verstorbenen Assessor Johann Christoph Schmitz (43) ist aus Sekundärquellen bekannt, dass er durch drei für ihn äußerst vorteilhafte Ehen seine Reichskammergerichtskarriere nachhaltig förderte. Und letztlich zeigt sich bei dem Assessor Johann Stephan von Speckmann (44), dass sich das am Reichskammergericht vorherrschende Standesdenken auch einmal durchbrechen ließ. Dieser Assessor war einer der wenigen, der es, trotz erheblicher Widerstände, vom Prokurator zum Assessor schaffte. Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahre 1806 endete auch die Zeit des Reichskammergerichts in Wetzlar. Im Jahre 1791 endet die Praxis, mit Epitaphien im Wetzlarer Dom an die Verstorbenen zu erinnern. 51 Der Wetzlarer Dom – Besonderheiten der Epitaphien, Grabplatten und Personen

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References

Zusammenfassung

Im Wetzlarer Dom zeugen 50 Grabplatten und Epitaphien, die in der Kirche platziert sind, und drei, die sich an den Außenwänden der Süd- und Nordseite befinden, von einer über vier Jahrhunderte währenden Trauerkultur. Alle Gedenkplatten sollten der Nachwelt zur Erinnerung an die Verstorbenen dienen. Durch die exponierte Platzierung in und um den Dom ist der Personenkreis der Verstorbenen auf Ritter, Schöffen, Kanzler, Geistliche katholischer und evangelischer Konfession, Assessoren, Prokuratoren des Reichskammergerichts sowie deren Angehörige begrenzt.

Jürgen Wegmann erläutert die 53 Gedenkplatten aus der Zeit von 1362 bis 1792 ausführlich und erweckt die Personen und ihre Lebensgeschichten so wieder zum Leben. Die oftmals nur noch schwer lesbaren, zum Teil umfangreichen Texte in deutscher und lateinischer Sprache wurden in eine heute lesbare Form gebracht. Fotografien der Epitaphien runden die Erläuterungen ab. Dem Leser werden damit erstmals das umfangreiche historische Bild- und Textmaterial der Epitaphien und Grabplatten des Wetzlarer Doms sowie die Verstorbenen selbst in einer Fassung präsentiert, die bisher Verborgenes offenlegt.