4. Der Wetzlarer Dom – ein kurzer historischer Aufriss in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - Epitaphien und Grabplatten, page 25 - 36

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4142-0, ISBN online: 978-3-8288-7003-1, https://doi.org/10.5771/9783828870031-25

Tectum, Baden-Baden
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25 4. Der Wetzlarer Dom – ein kurzer historischer Aufriss 4.1 Die Zeit vor der Reformation Der Stadtschreiber Johann Philipp Chelius berichtete 1664, dass am 6. Oktober 897 der heutige Dom zu Wetzlar als Salvatorkirche (Kirche, die dem Heiland gewidmet war) geweiht wurde. Unabhängig von dem historischen Beleg reicht die Historie des Doms bis in die Zeit um 800 zurück. Vor der Weihe in 897 existierte bereits ein Vorgängerbau am heutigen Standort. Ausgangspunkt der Besiedlung des Domberges waren zwei wesentliche Faktoren. Zum einen verlief eine aus dem Rhein-Main-Gebiet kommende und nach Westfalen weiterführende Heerstraße durch eine Furt über die Lahn. Zum anderen wurde diese Straße durch eine fränkische Feste gesichert, die um 800 an der Stelle der in 897 geweihten Kirche stand. Erbaut wurde diese Feste vermutlich durch Mitglieder des rheinfränkischen Grafengeschlechts der Rupertiner oder deren Erben, den Konradinern.24 Reste dieser ersten Kirche sind unter dem heutigen Chor im Ostteil nachgewiesen worden. Bei umfangreichen Renovierungsarbeiten von 1904 bis 1910 sowie Ausgrabungen im Dom zu Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden diese Reste entdeckt. Den Angaben des Stadtschreibers Chelius zufolge, soll ein konradinischer Bischof, Rudolf von Würzburg, auf Veranlassung seines Bruders Gebhard II. die Kirche als Salvatorkirche am 6. Oktober 897 geweiht haben. Der Salvatorkirche folgte eine spätromanische Stiftskirche. Dem Bau dieser Stiftskirche ging die Gründung eines Marienstifts zu Beginn des 10. Jahrhunderts durch die konradinischen Herzöge Udo und Hermann 24 Vgl. E. Sebald: Der Dom zu Wetzlar, Königstein im Taunus 1989, S. 7. voraus. Das Marienstift nahm im Laufe der folgenden Jahrhunderte eine bedeutende Rolle für den Dom und für die Stadt Wetzlar ein. Das zu Beginn des 10. Jahrhunderts als Kollegiatstift gegründete Stift verfügte von Beginn an über umfangreichen Landbesitz und weiteren Einnahmequellen, die es ermöglichten, eine größere Anzahl von Stiftsangehörigen zu ernähren. Die Mitglieder des Kollegiatstifts, auch als Stiftskapitel bezeichnet, lebten als klerikale Gemeinschaft, ohne einer Ordensgemeinschaft anzugehören. Insofern unterschieden sie sich deutlich von den Mönchsgemeinschaften. Die von den Stiftsgründern eingebrachten Ländereien bildeten die Lebensgrundlage der Stiftsangehörigen. Während die Anzahl der Mönche in einem Kloster in der Regel nicht beschränkt war, war die Anzahl der Stiftsmitglieder abhängig von den Einnahmen des Stifts. So war es seit dem 12. Jahrhundert üblich, den Anteil der Stiftsherren an den Einnahmen des Stifts festzusetzen (sog. Pfründe). Durch die Aufgabe der Stiftsmitglieder, für das Seelenheil der Stifter und ihrer Angehörigen zu beten, waren Zustiftungen die Regel. Damit konnten Familien, die Gelder stifteten, sicherstellen, dass die Stiftsmitglieder durch ihre ständige Gebetsfürsorge für ein gottesfürchtiges Leben der Betroffenen sorgten. Neben den sog. Pfründen für ihre Tätigkeit gab es als weitere Einnahmequelle noch sog. Präsenzgelder. Diese Einnahmequelle entstand zu Beginn des 13. Jahrhunderts und sollte die Stiftsmitglieder dazu „motivieren“, möglichst zahlreich an den Totenoffizien, einer besonderen Form des Stundengebets für Verstorbene, persönlich teilzunehmen.25 Das Marienstift nahm von der Gründung zu Beginn des 10. Jahrhunderts bis zur Auflösung im Jahre 1803 eine zentrale und bedeutende Rolle in der Stadt Wetzlar ein. Die Stiftsherren haben über die Jahrhunderte hinweg das Auf und Ab der Stadt Wetzlar aktiv mitgestaltet. Durch die dominante Lage des heutigen Doms auf dem Domberg war die Rolle des Stifts auch weithin sichtbar. Die Hinterlassenschaft der Stiftsherren, der Wetzlarer Dom, ist auch heute noch das markanteste Bauwerk der Stadt. Die Entwicklung des Gebäudes verlief parallel mit der Entwicklung des Marienstifts. Schon bald nach der Weihe der Kirche im Jahre 897 wurde die Stiftskirche erweitert. Sichtbar aus dieser Zeit ist einer der heute noch vorhandenen 25 Vgl. E. Sebald, a. a. O., S. 5. 26 Der Wetzlarer Dom – ein kurzer historischer Aufriss Kirchentürme, der sog. Heidenturm. Der davor liegende Heidenhof entstand im Zuge des späteren gotischen Umbaus. Die bis dahin vorhandene Kirche wurde im heutigen Chorteil im Osten erweitert und symbolisierte mit zwei markanten Türmen im Westteil ein weithin sichtbares Symbol für die Bedeutung des Marienstifts. Der kleine Marktflecken Wetzlar, der aus einer Ansammlung von Häusern bestand, erlangte die besondere Aufmerksamkeit des Kaisers Friedrich Barbarossa. Im Jahre 1180 erhielt Wetzlar die Rechte einer freien Reichsstadt.26 Damit war die zunehmende Bedeutung der Stadt und für des Marienstifts für die nächsten Jahrhunderte vorgezeichnet. Dies sollte sich auch in dem erweiterten Kirchenbau ausdrücken. Mit dem Bau des bis in die heutige Zeit erhaltenen Doms wurde um 1230 begonnen.27 Weder das Datum der Grundsteinlegung noch das Datum der Weihe sind überliefert. Der Beginn des Baus im gotischen Baustil wird in engem Zusammenhang mit der rechtlichen Aufteilung der Kirche in eine Stiftskirche und in eine Pfarrkirche gebracht. Die Stadt verfügte im 11. und 12. Jahrhundert über keine eigene Stadtkirche. Daher fungierte die Stiftskirche bereits zu dieser Zeit auch als Pfarrkirche. Die Pfarrkirche war aber von Anbeginn dem Stift inkorporiert, d. h., sie befand sich im Besitz des Marienstifts und somit flossen die Einnahmen aus der Pfarrkirche dem Marienstift zu. Der Bau der gotischen Kirche zog sich über Jahrhunderte hin. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts konnten mit dem Bau des hölzernen Spitzhelms auf dem Südturm die Bauarbeiten abgeschlossen werden. Es dauerte somit über 260 Jahre bis die Kirche in dem heute noch präsenten gotischen Baustil fertiggestellt wurde. Geprägt war diese lange Zeit der Bauarbeiten auch durch die Frage der Finanzierung dieses für die Stadt Wetzlar äußerst ehrgeizigen Bauwerkes. Wetzlar erlebte bis zum Jahr 1400 einen wirtschaftlichen Aufschwung. So resultierte der Wohlstand aus dem Eisenerzbergbau und der Eisenverarbeitung sowie aus der günstigen Verkehrslage. Die heute noch existierende Brücke, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde, ermöglichte zudem einen ungehinderten Übergang über den Fluss. 26 Vgl. H. Gloël: Der Dom zu Wetzlar, Wetzlar 1925, S. 3. 27 Vgl. E. Sebald, a. a. O., S. 22. 27 Die Zeit vor der Reformation Abb. 1: Wetzlarer Dom und alte Lahnbrücke Der erste Bauabschnitt dauerte von 1230 bis 1250 und betraf den Chor.28 Miteinbezogen in diesen Bauabschnitt war auch die heutige Stephanuskapelle, die früher dem Heiligen Petrus geweiht gewesen sein muss und in Quellen aus dieser Zeit als Peterskapelle bezeichnet wird.29 Der Chorbereich war geprägt durch zwei Laufgänge, die heute nur noch als Fragmente erhalten sind. 28 Vgl. E. Sebald, a. a. O., S. 20. 29 Vgl. ebenda, a. a. O., S. 21. 28 Um auch während der Bauphase die Kirche für Gottesdienste zu nutzen, baute man die neue Kirche, die gegenüber dem romanischen Vorgängerbau größer ausgelegt war, um diesen Vorgängerbau herum. Nach Fertigstellung der neuen Kirche wurden die Mauern der alten Kirche beseitigt. Direkt nach Fertigstellung des Chorbereiches wurde der Beschluss gefasst, die ganze Kirche zu erweitern. So wurde im Jahr 1255 mit dem Bau des südlichen Querhauses und dem Seitenschiff begonnen. Auch die heute noch als Repliken am frühgotischen Südportal aufgestellten Skulpturen wurden in dieser Zeit geschaffen. Durch den Bau des südlichen Querhauses und des Seitenschiffs wurde der Raum für die Gottesdienste der Gemeinde längere Zeit erheblich beeinträchtigt, da nur das Mittel- und das Nordschiff zur Verfügung standen. 29 Die enorme Ausweitung des gotischen Kirchenbaus gegenüber dem bestehenden romanischen Vorgängerbau schränkte die Kapazität des auf der Nordseite befindliche Stiftsfriedhof und des auf der Südseite liegende Gemeindefriedhofs ein. Der Südbau des Doms wurde wohl um das Jahr 1270 vollendet. Die Pläne des Stifts sahen nach seiner Fertigstellung die Neugestaltung der Nordseite vor. Zur Finanzierung dieses weiteren für die Stadt Wetzlar monumentalen Bauwerks wurden auch Gelder aus dem damals üblichen Ablasshandel herangezogen. 1278 wurde die wegen der Erweiterung des Chors abgerissene Nikolauskapelle erneut errichtet. Bevor der Neubau der Nordseite in Angriff genommen wurde, trat eine Pause von rund 22 Jahren ein. Der Grund für die Verzögerung wird in einem Streit zwischen dem Stift und der Stadt Wetzlar über die Wahl der Dombauherren gesehen. Bezieht man die 22 Jahre Baupause mit ein, so wurde ab 1292 mit dem Neubau der Nordseite begonnen. Schon 15 Jahre später, im Jahre 1307, wurden Gottesdienste im nördlichen Querschiff gefeiert. Zudem wurden 1307 und 1308 in der Stiftskirche mehrere Altäre gegründet und dotiert. Da das frühgotische Südschiff mit Altären schon besetzt war, müssten die neuen Altäre ihren Platz im nördlichen Querschiff gefunden haben.30 Gleichwohl war im Jahr 1307 noch nicht der gesamte Nordteil fertiggestellt. Hierfür wurden weitere 25 Jahre benötigt. Damit war um das Jahr 1332 ein weiterer bedeutender Teil der gotischen Kirche fertiggestellt. Ein besonderes Merkmal der Nordseite war der Kreuzgang, der im Laufe der Baugeschichte in drei Baustilen vorhanden war. So wird ein romanischer Kreuzgang im Jahre 1239 erwähnt, ihm folgten ein frühgotischer und dann ein hochgotischer Kreuzgang, der 1307 erwähnt wird.31 Von diesen Bauten sind heute nur noch Spuren in der nördlichen Domfassade erkennbar. Kurz nach der Fertigstellung der Nordseite ist der Lettner (lat. lectorium, Lesepult) entstanden. Um 1340 wurde so der Chorbereich, der den Stiftsangehörigen vorbehalten war, vom übrigen Teil der Kirche, die der Gemeinde zur Verfügung stand, durch eine Trennwand separiert. Nachdem man den Bau des Südflügels, des Mittelschiffs und des Nordflügels bis 1332 fertiggestellt hatte, stand der Bau des gotischen Westbaus 30 Vgl. H. Gloël (b), a. a. O., S. 38. 31 Vgl. ebenda. 30 Der Wetzlarer Dom – ein kurzer historischer Aufriss an. Der Plan ging von zwei imposanten Kirchentürmen und einem besonderen Westportal sowie einem Südportal des Turmes aus. Durch den Abriss der beiden romanischen Türme und den geplanten Bau der beiden gotischen Türme sollte ein eindrucksvoller Abschluss des Kirchenbaus erreicht werden. Diese gewollte Monumentalität der Kirche sollte die Bedeutung der Stadt Wetzlar weit ins Land sichtbar machen. Der Stadtschreiber Chelius berichtete 1664 davon, dass man im Jahr 1336 mit dem Bau des gotischen Westbaus begonnen habe. Dieses Datum ist umstritten, da diese Zeit recht ungünstig aus der Sicht der Stadt Wetzlar war. Die Stadt hatte 1334 durch eine große Feuerbrunst einen immensen Schaden erlitten. Der Kaiser erließ daraufhin für 10 Jahre die Reichssteuer.32 Andere Quellen berichten, dass man bis zum Jahr 1360 die Fundamente des Süd- und des Nordturms fertiggestellt hatte.33 Man ging zu diesem Zeitpunkt immer noch davon aus, beide Türme zu bauen. Dann muss bis Beginn der 80er Jahre des 14. Jahrhunderts eine Baupause gewesen sein. Kurz danach wurde weitergebaut und das Untergeschoß des Westbaus bis zum Jahr 1385 fertiggestellt. Es ist ein Wunder, dass bis zum Jahr 1385 weitergebaut wurde. Denn nach der Blütezeit Wetzlars im 13. Jahrhundert folgte ab Mitte des 14. Jahrhunderts ein großer Niedergang in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Dies ist nur dadurch erklärbar, dass der Großteil der Baulasten nicht unmittelbar von der mittellosen Stadt zu tragen war. Eine besondere Baukasse, die von Vertretern des Stifts und des Rates verwaltet wurde, speiste die Kasse aus den Einkünften des Marienstifts und aus der Hälfte der Einnahmen der Pfarrei.34 Aus dieser Notzeit der Stadt erklärt sich der Umstand, dass in den folgenden Jahren davon Abstand genommen wurde, den geplanten Nordturm zu vollenden. Obwohl die Gelder knapp waren, schufen die Baumeister mit dem Westportal und dem Südportal des vollendeten Turmes besondere Zeugnisse gotischer Baukunst. Die beiden Portale gehören mit zu den eindrucksvollsten Bauleistungen des Wetzlarer Doms. 1399 und 1404 führten zwei Erlasse des Erzbischofs von Trier die besondere Schönheit der Kirche und des Westportals an. Sie berichteten von einem prächtig errichteten königlichen Bau und nannten die Kir- 32 Vgl. H. Gloël (b), a. a. O., S. 44. 33 Vgl. E. Sebald, a. a. O., S. 57. 34 Vgl. H. Gloël (b), a. a. O., S. 61. 31 Die Zeit vor der Reformation che eine Königstochter.35 Das zweite Geschoss des Südturms wurde erst 100 Jahre später fertiggestellt. An zwei Stellen des Turms ist die Jahreszahl 1486 vermerkt. Anhand der Lokalisierung dieser Jahreszahl des auf der Südmauer des Doms aufsitzenden Treppentürmchens konnte man den Baufortschritt bis in diese Höhe feststellen. Es fehlte somit noch das dritte Geschoss. Dieses wurde Anfang des 16. Jahrhunderts fertiggestellt. Da die Blütezeit Wetzlars Mitte des 14. Jahrhunderts vorbei war, ist es umso beeindruckender, dass es zu dieser Zeit gelungen ist, das dritte Geschoss des Südturms fertigzustellen. Stadt und Stift sahen sich zur Finanzierung der Fertigstellung des dritten Geschosses genötigt, Wetzlarer Bürger durch die Lande zu schicken, um Gelder für den Kirchenbau zu erbitten. Auch der Ablasshandel wurde wieder als Finanzierungsquelle eingesetzt. Das Stift veräußerte zudem eine Reihe von Grundstücken, um den Erlös zur Finanzierung des Südturms zu verwenden.36 Die Mittel reichten jedoch nur zur Fertigstellung des Südturms, während der Nordturm bis heute nur bis zum ersten Geschoss fertig gestellt wurde. Mittlerweile sind über 500 Jahre vergangen, in denen der Wetzlarer Dom über nur einen weit in die Landschaft aufragenden gotischen Kirchturm und einen sich in den Hintergrund duckenden romanischen Nordturm verfügt. Die fehlenden Gelder zur Vollendung haben auch ihre Spuren in der unvollendeten Skulpturenausschmückung der Westfassade und dem Tor zur Südseite hinterlassen. Der unvollendete Dom zu Wetzlar und seine wechselvolle Baugeschichte sind ein eindrucksvoller Beleg für die wechselhafte Geschichte der Stadt Wetzlar bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Zeiten des Wohlstandes wechselten sich mit Zeiten des Niedergangs ab. Dieser Wechsel setzte sich auch in den folgenden 500 Jahren, die mit der Reformation ihren Anfang nahmen, fort. Die Spuren, die das Marienstift bis zum Beginn der Reformation im Dom hinterlassen hat, sind auch bei den Epitaphien und Grabplatten sichtbar. Von dem ersten Epitaph in 1362 bis 1527, 10 Jahre nach Beginn der Reformation durch die Veröffentlichung der 95 Thesen des Martin Luther, sind 11 Epitaphien im Wetzlarer Dom platziert. Darunter befinden sich einige Stiftsangehörige. Die größte Anzahl an Epitaphien ist allerdings in die Zeit der Reformation bis 1792 einzuordnen. 35 Vgl. ebenda. 36 Vgl. H. Gloël, a. a. O., S. 64. 32 Der Wetzlarer Dom – ein kurzer historischer Aufriss 4.2 Die Zeit nach der Reformation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Die Beendigung bzw. Einstellung der Bauarbeiten am Dom zu Wetzlar fallen in die Zeit des Beginns der Reformation in Europa. Während die Reformation durch die Person Martin Luther erstmals ein charismatisches Bild bekam und die Kritik an der bestehenden Kirche sich auch aufgrund des Buchdrucks rasant verbreitete, muss man für die freie Reichsstadt Wetzlar festhalten, dass dieser Sturm der Reformation zunächst nur als ein laues Lüftchen wahrgenommen wurde. Erst durch das offizielle Bekenntnis des Stadtrates zum evangelischen Glauben im Jahr 1542 trat eine neue Situation für beide Konfessionen ein. Das Jahr 1542 wird erstmals vom Stadtschreiber Chelius im Jahr 1664 angeführt. In diesem Jahr soll der Stadtpfarrer Anton oder Antoni öffentlich in der Stiftskirche das Augsburger Glaubensbekenntnis gepredigt haben. Das Augsburger Bekenntnis wurde von Philipp Melanchthon zusammen mit Martin Luther verfasst und im Jahr 1530 auf dem Augsburger Reichstag Kaiser Karl V. als Glaubensbekenntnis von evangelischen Fürsten und Reichsstädten präsentiert. In diesem evangelischen Bekenntnis wurde der Versuch unternommen eine gemeinsame Glaubensgrundlage mit der katholischen Kirche zu beschreiben sowie Missstände beim Namen zu nennen. Während das Bekenntnis von der katholischen Kirche abgelehnt wurde, ist es heute Teil der Bekenntnisse der lutherischen Landeskirchen in Deutschland. Festzuhalten ist, dass es sich bei dem Wetzlarer Dom um eine der ältesten, auch heute noch in Nutzung befindlichen Simultankirche Deutschlands handelt. Nach dem öffentlichen Bekenntnis der Stadt Wetzlar als protestantische Stadt blieben nur noch die Stiftsherren und ihr Gesinde katholisch. Eine katholische Gemeinde existierte somit für lange Zeit nicht mehr in Wetzlar. Dem Stift stand nur noch der Chor zur Verfügung. Der andere Teil, Haupt, Süd- und Nordschiff, wurden von der evangelischen Gemeinde genutzt. Noch immer verfügte das Stift über umfangreichen Besitz an Güter-, Natural- und Geldeinkünften; viele Familien waren dem Stift nach wie vor wirtschaftlich verpflichtet. Auch gewährte Sonderrechte, wie z. B. eine eigene Gerichtsbarkeit und Steu- 33 Die Zeit nach der Reformation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erbefreiung, blieben zum großen Teil in Kraft.37 Bemerkenswert bleibt, dass die Frage des Eigentums an der Kirche nicht weiter diskutiert wurde. Das Stift blieb bei aller Dominanz der evangelischen Bürgerschaft und der zunehmenden Bedeutungslosigkeit des Stifts der Eigentümer des monumentalen Bauwerkes. Mit dem „Prager Fenstersturz“ im Mai 1618 begann der Dreißigjährige Krieg. In Wetzlar dürften die Vorkommnisse 1618 in Prag kaum zur Kenntnis genommen worden sein. Evangelischer Rat und katholische Stiftsherren waren nach wie vor noch mit kleinlichen Streitereien befasst. Es wurde auch nicht leichter, als 1621 der Dreißigjährige Krieg Wetzlar erreichte. Zum ersten Mal erlebte Wetzlar militärische Einquartierungen in seinen Mauern. Spanische Soldaten besetzten bis 1631 Wetzlar. Im November 1631 näherte sich das Schwedenheer der Stadt Wetzlar. Sie wurde kampflos von den Spaniern geräumt. Mit den Schweden kehrte eine neue Ordnung ein. Die evangelische Bürgerschaft schöpfte neue Hoffnung. Im November 1634 zogen wieder kaiserliche Truppen in Wetzlar ein. Verbunden mit der Niederlage der Schweden trat auch eine Wendung im Dreißigjährigen Krieg ein. Aus dem Krieg der Konfessionen wurde ein Krieg der Nationen. Diese Veränderung brachte der Stadt Wetzlar für die kommenden Jahre ständig wechselnde Besatzungen. Der Westfälische Frieden von 1648 brachte endlich etwas Ruhe nach den 30 Jahren andauernden Schrecken des Krieges. Gleichzeitig war der Wetzlarer Dom aufgrund der unterlassenen Sanierung wegen des Dreißigjährigen Krieges in einem desolaten baulichen Zustand. Auch die Bedeutung der freien Reichsstadt Wetzlar nahm in den kommenden Jahren weiter ab. Nicht nur der Dreißigjährige Krieg, auch Naturkatastrophen und Seuchen hatten den Bürgern zugesetzt. So wurde eine Blütezeit wie im 13. Jahrhundert bis dato nicht mehr erreicht. Gegen Ende des so schwierigen 17. Jahrhunderts flackerte ein Hoffnungsschimmer auf. Die freie Reichsstadt Wetzlar wurde von 1689 bis 1806 Sitz des obersten Gerichts für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Ein Umstand, der für 117 Jahre der Stadt wieder Ansehen und Wohlstand verschaffte. Bereits Ende des Jahres 1689 trafen die ersten Kammergerichtsfamilien ein. Somit stieg auch die Anzahl der katholischen Familien an. 37 Vgl. A. Schoenwerk, a. a. O., S. 226. 34 Der Wetzlarer Dom – ein kurzer historischer Aufriss Ein besonderes Privileg der Mitglieder des Reichskammergerichts war die Befreiung von allen Personalabgaben und bürgerlichen Lasten sowie die Befreiung von Steuern auf Lebensmittel und Zölle. Schoenwerk spricht in diesem Zusammenhang von der Bildung eines eigenen Juristenstaates auf dem Gebiet der freien Reichsstadt Wetzlar.38 Dieser Umstand war ein ständiger „Stachel im Fleisch“ des Rates der Stadt. Unabhängig von den Querelen mit dem Rat der Stadt führte der Einzug des Reichskammergerichts in Wetzlar für die Bürgerschaft zu einem rapiden Aufschwung. So brachten über 1000 Personen des Gerichts einschließlich ihrer Familien sowie über die Jahre des Sitzes eine größere Anzahl von Visitationsangehörigen Ansehen und Wohlstand in die Stadt. Sehr bewusst wurde eine Distanz zwischen den Reichkammergerichtsangehörigen und dem Rest der Bevölkerung gepflegt. Die Bürgerschaft nahm nicht teil an der vornehmen Welt der Reichskammergerichtsangehörigen und ihrer Familien. Dennoch zog sie ihren Nutzen daraus. Sie profitierte von einer regen Bautätigkeit, die auch heute noch die Wetzlarer Altstadt prägt. Große Palais und Herrenhäuser erinnern uns an diese besondere Zeit in Wetzlar. Neue Zünfte fanden ihren Absatz, so die Perückenmacher, Knopfmacher, Barbiere und Buchbinder. Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen prägten das bürgerliche Leben. Auch gab es große Verbesserungen auf den Gebieten der Hygiene, des Brandschutzes, der Sicherheit und des Schulwesens. Die Bildung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, auf der einen Seite die Reichskammergerichtsfamilien und auf der anderen Seite die landwirtschaftlich und handwerklich geprägte Bürgerschaft, führte zu einem materiellen Zweckbündnis. Dies brachte aber auch keine Annäherung. Was sich auch in der Nutzung des Wetzlarer Doms widerspiegelte. Die Klagen der Reichskammergerichtsangehörigen über unhaltbare hygienische Zustände machte auch vor dem Friedhof auf dem Kirchenvorplatz vor der Südseite des Doms nicht Halt. Die Behauptung einer Überbelegung und das Aufsteigen übler Gerüche störten das Wohlempfinden der Kameralen und ihrer Familien. So kam es 1757 zu einer Verlegung des Friedhofs, 500 m in östlicher Richtung vom Dom entfernt, vor das Wöllbachertor. 38 Vgl. A. Schoenwerk, a. a. O., S. 263. 35 Die Zeit nach der Reformation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Nachdem im Jahre 1689 die ersten Mitglieder des Reichskammergerichts ihren Wohnsitz in Wetzlar genommen und der Rat der Stadt alle Forderungen akzeptiert hatte, wurde auf Anordnung des Kaisers im Mai 1693 die Eröffnung des Reichskammergerichts offiziell vollzogen. Die Blütezeit des Reichskammergerichts kann man heute nicht nur alleine an den zum Teil prachtvollen Altstadtpalais ablesen. Auch im Dom haben die Reichskammergerichtsangehörigen mit ihren Epitaphien ihre Spuren hinterlassen. Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahre 1806 endete auch die Zeit des Reichskammergerichts in Wetzlar. Der Umstand der Aufhebung des Reichskammergerichts brachte gleichzeitig ab 1806 einen Verlust von rund 1000 Einwohnern mit sich.39 39 Vgl. A. Schoenwerk, a. a. O., S. 280 f. 36 Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit

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References

Zusammenfassung

Im Wetzlarer Dom zeugen 50 Grabplatten und Epitaphien, die in der Kirche platziert sind, und drei, die sich an den Außenwänden der Süd- und Nordseite befinden, von einer über vier Jahrhunderte währenden Trauerkultur. Alle Gedenkplatten sollten der Nachwelt zur Erinnerung an die Verstorbenen dienen. Durch die exponierte Platzierung in und um den Dom ist der Personenkreis der Verstorbenen auf Ritter, Schöffen, Kanzler, Geistliche katholischer und evangelischer Konfession, Assessoren, Prokuratoren des Reichskammergerichts sowie deren Angehörige begrenzt.

Jürgen Wegmann erläutert die 53 Gedenkplatten aus der Zeit von 1362 bis 1792 ausführlich und erweckt die Personen und ihre Lebensgeschichten so wieder zum Leben. Die oftmals nur noch schwer lesbaren, zum Teil umfangreichen Texte in deutscher und lateinischer Sprache wurden in eine heute lesbare Form gebracht. Fotografien der Epitaphien runden die Erläuterungen ab. Dem Leser werden damit erstmals das umfangreiche historische Bild- und Textmaterial der Epitaphien und Grabplatten des Wetzlarer Doms sowie die Verstorbenen selbst in einer Fassung präsentiert, die bisher Verborgenes offenlegt.