3. Bedeutung der Epitaphien und Grabplatten im Spiegel der Jahrhunderte in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - Epitaphien und Grabplatten, page 15 - 24

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4142-0, ISBN online: 978-3-8288-7003-1, https://doi.org/10.5771/9783828870031-15

Tectum, Baden-Baden
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15 3. Bedeutung der Epitaphien und Grabplatten im Spiegel der Jahrhunderte 3.1 Wesen der Epitaphien und Grabplatten Während bei den Grabdenkmälern und Grabplatten der Ober- und Mittelschicht bereits im frühen Mittelalter kunstvolle Erinnerungsstätten geschaffen wurden, kamen Epitaphien erst Anfang des 14. Jahrhunderts im Bürgertum mittelalterlicher Städte auf. Der Begriff „Epitaph“ ist griechischen Ursprungs und bedeutet „zum Grab bzw. Begräbnis gehörig“. Epitaphien wurden zumeist in Stein gefertigt und in der Regel in der Kirche aufgehängt. Als Textsprache wurde überwiegend Latein verwendet. Gelegentlich setzte sich aber auch die Volkssprache im deutschen Raum durch. Die Gestaltung der Epitaphien war sehr vielschichtig. Prunkvolle Gedenktafeln wurden neben schlichten Epitaphien platziert. In den meisten Fällen handelt es sich um Unikate. Wenn sich auch durch die Jahrhunderte unterschiedlich aufwändige Gestaltungen unterscheiden lassen, so spiegeln sich einzelne Zeitabschnitte in einer gewissen Einheitlichkeit der optischen Gestaltung in den Epitaphien wider. In der gesellschaftlichen Stellung des Verstorbenen drückte sich früher auch die jeweilige Platzierung aus. So war dem Klerus der Chorbereich vorbehalten. Gegen eine hohe Gebühr konnte sich ein kleiner Kreis von Adligen und wohlhabenden Bürgern einen Platz im Innenraum der Kirche sichern. Die Preise für die Platzierung der Adligen und wohlhabenden Bürger waren zum Teil gestaffelt. Je näher die Platzierung an den Chorbereich heranreichte, umso höher fiel die Gebühr aus. Epitaphien verblieben im Besitz der jeweiligen Familie und waren nur der Obhut der Kirche übergebene Objekte. Die heutige Anbringung der Epitaphien in den Kirchen ist in den meisten Fällen nicht mehr der ursprüngliche Standort. Eine direkte Verbindung zu den dazugehörigen Grabstellen ist somit nicht mehr möglich. Ebenso verhält es sich mit den Grabplatten, die heute auch keinen direkten Bezug mehr zu der historischen Grabstätte haben. Zerstörungen, Renovierungen und Neugestaltungen der Kircheninnenräume über Jahrhunderte hinweg, lassen meist keine Bezüge mehr zur Grabstätte zu. Zum Teil ist aber auf den ehemaligen Grabplatten noch erkennbar, dass diese in früheren Zeiten im Boden eingelassen waren. Die massiven Abnutzungen der Schriften und bildlichen Motive zeugen von den Gebrauchsspuren durch Fußspuren zahlreicher Gottesdienstbesucher. Durch den direkten Verlust des Bezugs zur ursprünglichen Grabstätte lassen sich auch diese Grabplatten heute als Epitaphien einordnen. Allerdings ist bei der Interpretation der Texte, Wappen und Bildmotive immer darauf zu achten, dass es sich ursprünglich um eine Grabplatte handelte. Durch die räumliche Trennung von der eigentlichen Begräbnisstätte nahmen die Epitaphien den Charakter von „Ersatzgrabmälern“ an. Epitaphien wurden in den Kirchen angebracht und waren aufgrund eines so exponierten Standortes ausschließlich der Ober- und Mittelschicht vorbehalten. Ihre Präsenz in den Kirchenräumen verschaffte den Epitaphien eine tiefe Verbundenheit bei den öffentlichen Gottesdiensten. Die Gläubigen feierten ihre Gottesdienste umgeben von den sichtbaren Erinnerungstafeln der Toten. Die Menschen sahen darin eine Verbundenheit mit der Gemeinschaft der Heiligen und der Gläubigen. Diejenigen, an die man sich erinnerte waren so auch nach ihrem Tod nicht dem Vergessen ausgesetzt.20 Zeichen der Erinnerung gaben den Familien die Möglichkeit, der Verstorbenen zu gedenken. Gleichzeitig bekam die Öffentlichkeit die Gelegenheit, für die Toten zu beten. Sie standen stellvertretend für ein Gedenken an alle Toten. Die Gestaltung der Erinnerung und auch die Absichten, die damit verbunden waren, haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Epitaphien, die im 14. Jahrhundert beim Bürgertum mittelalterlicher Städte auftraten, boten einen großen Spielraum für eine sehr individuelle 20 Vgl. C. Berger-Zell: Abwesend und doch präsent, Wandlungen der Trauerkultur in Deutschland, Göttingen 2013, S. 132. 16 Bedeutung der Epitaphien und Grabplatten im Spiegel der Jahrhunderte Gestaltung als Erinnerung an den Toten. An den Inhalten der Epitaphien lassen sich deutlich die Veränderung des Glaubens und die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft in den Jahrhunderten erkennen. Vor der Reformation herrschten biblische Motive vor. Der Verstorbene war Teil des religiösen Bildes. Mit der Reformation änderte sich dies. Das Porträt des Verstorbenen war nicht mehr Teil des religiösen Bildes. Das Leben des Verstorbenen wurde zum Teil umfangreich mit Wort und Bild kunstvoll in ein religiöses Leben eingebunden. Das Ziel von protestantischen Epitaphien war es, den Betrachter zu trösten, ihn zu ermahnen und ihn in seinem Glauben zu stärken. Ein Epitaph sollte Bekenntnis ablegen, dass Christus auferstanden war und damit eine Gnade bewirkte, die ein ruhmvolles Totengedenken für den Betrachter darstellte. Die soziale Repräsentation des Verstorbenen in einem Kircheninnenraum schuf ein Gedenken an den Verstorbenen, dass zeitlich über seinen Tod hinausging. Die protestantische Betrachtung stellte die Leistungen des Verstorbenen zu seinen Lebzeiten in den Vordergrund und schaffte somit Trost für die Hinterbliebenen. Die katholische Betrachtung stellte hingegen die Sorge um das Seelenheil in den Mittelpunkt. Gegen Ende des späten 17. Jahrhunderts steht die Person der Verstorbenen im Mittelpunkt des Epitaphs. Biblische Bilder fehlen, eine personenbezogene Darstellung rückt in den Mittelpunkt. Emotionalität, Beziehungen, Trauer, Lobpreisungen, die Gelehrsamkeit und die Bildung des Verstorbenen werden zum Teil in „schwülstigen“ Texten auf dem Epitaph aufgeführt. Die Verbreitung des Rufes von den Taten des Verstorbenen zeigen starke Anlehnungen an antike Texte.21 Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dauerte diese Form des Gedenkens an die Verstorbenen an. Danach erfolgte ein Umdenken in der Form des Gedenkens an die Verstorbenen. Sie gehörten nicht mehr, wie seit dem Mittelalter, zur sozialen Gemeinschaft mit den Lebenden und den Toten. Man lagerte das Totengedenken auf die häufig am Rande der Stadt befindlichen Friedhöfe aus. 21 Vgl. C. Berger-Zell, a. a. O., S. 133–136. 17 Wesen der Epitaphien und Grabplatten 3.2. Inhalte der Epitaphien und Grabplatten Epitaphien und auch Grabplatten verzeichneten bis zum 14. Jahrhundert zumeist eine Identitätsangabe über den Verstorbenen, also den Namen, seine gesellschaftliche Stellung und das Todesdatum. Das Geburtsjahr bzw. das Alter findet man bei Epitaphien aus dieser Zeit kaum. Bei späteren Epitaphien und Grabplatten wurde dann ein an Gott gerichtetes Gebet für die Seele des Verstorbenen aufgenommen. Solche Gebete waren anonym an die Kirche gerichtet, ohne jemanden direkt anzusprechen. Dies änderte sich später. Nun trat eine direkte Ansprache an die Vorübergehenden in den Vordergrund. So z. B. durch Formulierungen wie „… halte ein Wanderer…“, „… Wanderer, traure und lies …“, „… bleibe stehen, Wanderer …“, „… ihr guten Leute, die ihr hier vorüberkommt, werdet um Gottes willen nicht müde, zu beten. Für die Seele des Leichnams, der hier unten ruht.“ So wurden die Vorübergehenden zu einem Dialog mit dem Verstorbenen aufgefordert, um sich mit dem Verstorbenen und seinem Seelenheil, aber auch mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Dies ist die alte christliche Tradition des „memento mori“, d. h. sich seiner eigenen Sterblichkeit immer bewusst zu sein. Der Vorübergehende wird eingeladen, den Tod zu bedenken und Einkehr zu halten.22 Der Vorübergehende ist hier nicht nur als Angehöriger, Freund oder Vertrauter des Verstorbenen gemeint, der ihn gekannt hat, seinen Tod beklagt und beweint. Der Gesprächspartner ist jeder Vorübergehende, d. h. auch jeder Fremde, der die Kirche aufsucht. Die Kirche als öffentlicher Ort steht Jedem offen. Daher liegt eine Begründung in der Platzierung der Epitaphien an einem öffentlichen Ort darin, dass der Verstorbene Jedermann für sein Seelenheil einnehmen möchte. Gerade der Kircheninnenraum und hier insbesondere die Nähe zum Altar laden die Besucher zum Gebet ein. Mit seinem Epitaph möchte der Verstorbene möglichst nahe bei den Betenden sein, um an den Gebeten für seine Barmherzigkeit im ewigen Leben teilzuhaben. Umfangreiche Lebensgeschichten auf den Epitaphien, insbesondere im 18. Jahrhundert, sollten den Vorübergehenden zum Verweilen veranlassen und einen Kreislauf von Ansehen und Andenken schaffen. 22 Vgl. P. Arie’s, a. a. O., S. 280–282. 18 Bedeutung der Epitaphien und Grabplatten im Spiegel der Jahrhunderte 3.3. Die geschichtliche Entwicklung der Epitaphien – dargestellt am Beispiel des Wetzlarer Doms Epitaphien erfuhren einen Wandel in der Text- und der Bilddarstellung während der Jahrhunderte. Deutlich ablesen lässt sich dieser Wandel an den Grabplatten und Epitaphien des Wetzlarer Doms. Wenn auch keine absolute Stringenz durch die Jahrhunderte von 1362 bis 1792 erkennbar ist, so zeigen die 53 Beispiele einen guten Querschnitt in der Entwicklung der Texte, Bilder und auch der Materialien.23 So beginnt alles mit dem Epitaph des Schöffen Richolf Reige (1), der 1362 verstarb. Seine Gedenktafel ist äußerst schlicht gehalten und enthält wenig Text. Die beiden weiteren Epitaphien aus dem 14. Jahrhundert, die des Anselm Hun (2) und Johannes von der Kraen (3), zeichnen sich durch eine lebensgroße figürliche Darstellung des Verstorbenen aus. Die Textpassagen sind auch hier eher kurz gehalten. Allen Epitaphien aus dem 14. Jahrhundert gemeinsam ist die Nennung des Sterbejahres. Aus dem 15. Jahrhundert sind insgesamt 5 Epitaphien vorhanden. In diesem Jahrhundert wurden Epitaphien mit einer großen Bildsprache versehen. Aufwendig gearbeitete Steinmetzarbeiten stellen die figürlichen Arbeiten in den Vordergrund. Erstmals tauchen auch persönliche Lobpreisungen der Verstorbenen auf den Gedenktafeln auf. Jede der 5 Epitaphien aus dieser Zeit weist eine Besonderheit auf. So zeigt das Epitaph des Cuno von Rückingen (4), der 1400 verstorben ist, die lebensgroße Figur eines Klerikers sowie sehr schöne weitere plastische figürliche Darstellungen. Das Epitaph des Nicolas von der Krae (5) aus dem Jahr 1428 ist ein Unikat, da es das Einzige ist, das ursprünglich sehr aufwändig in seiner figürlichen und textlichen Darstellung mit Blei ausgefüllt war. Das Epitaph des Ehepaars Ludwig und Palmenia Pussel (6) ist durch eine sehr aussagekräftige bildliche Bibeldarstellung charakterisiert. Auch dies ist eine Darstellung, die so nur einmal im Wetzlarer Dom auftritt. Zwei weitere Epitaphien, die in das 15. Jahrhundert fallen, 23 Vgl. dazu auch den umfangreichen Dokumentationsteil der 53 Epitaphien in Kapitel 7. Bei den einzelnen Epitaphien ist jeweils die laufende Nummer aus dem Dokumentationsteil angeführt. 19 Die geschichtliche Entwicklung der Epitaphien zeigen ebenfalls ausgeprägte figürliche Darstellungen. Während das Epitaph von Philip von Bicken dem Älteren (7) eine großflächige Ritterfigur mit Tierfiguren abbildet, zeigt das Epitaph des Heydenreich von Dernbach (8) ein kunstvoll und sehr aufwendig ausgestaltetes Relief. Die Texte sind auf allen 5 Epitaphien des 15. Jahrhunderts äußerst knapp gehalten. Erstmals findet man bei den Epitaphien 7 und 8 auch den Text in deutscher Sprache. Bei den 5 Epitaphien aus dem 16. Jahrhundert dominieren ebenfalls die Bildmotive. Bei dem Epitaph von Lisa Stommel (9) ist die Besonderheit der Darstellung die Schrift und der zwei Wappen, die in Kupfer ausgeführt sind. Weitere Motive auf der sonst freien Platte sind über die Jahrhunderte verwischt und mit einer glättenden Putzschicht versehen. Auch auf den Epitaphien des Philip von Bicken dem Jüngern (10) und Dorothea Schwarz (13) überwiegen die Bildmotive. Hinzu kommt bei diesen Epitaphien ein deutscher Text. Das Epitaph des Caspar Drekol (11) besticht durch seine sehr plastische Steinmetzarbeit der Figur. Darüber hinaus wurde die Schrift neben dem Sterbedatum, dem Namen und der gesellschaftlichen Stellung mit Ortsangabe um eine Lobpreisung ergänzt. Erstmals findet man bei dem Epitaph des Johannes Klotz (12) mit dem Sterbejahr 1588 einen sehr ausführlichen Text in lateinischer Sprache. Umfangreiche Lobpreisungen über das untadelige Leben des Johannes Klotz füllen die Hälfte des Epitaphs. Diese Form der grenzenlosen Lobpreisung im 17. und 18. Jahrhundert bei den Epitaphien des Wetzlarer Doms ist bei den Angehörigen des Reichskammergerichts mehrfach zu finden. Das 17. Jahrhundert weist insgesamt 16 Epitaphien aus und zeigt gegenüber den Jahrhunderten vorher eine deutlich größere Textlastigkeit, die auf Kosten der bildhaften Darstellung geht. Die Personen spielen nur noch bei wenigen Epitaphien als Bilddarstellung eine Rolle. Von den 16 Epitaphien aus dem 17. Jahrhundert zeichnen sich nur noch 3 Epitaphien durch markante Bilder aus, so das Epitaph des Johannes Theis (16), der 1651/1681? verstorben ist. Dieses Epitaph hat ein Alleinstellungsmerkmal. Es zeigt einen knienden Mann in zeitgemäßer Kleidung vor dem gekreuzigten Herrn. Darüber hinaus sind die Bibeltexte in deutscher Sprache verfasst. Ebenfalls ein Bildmotiv zeigt das Epitaph des Johannes Konrad Hertstein (17), der 1652 verstorben ist. In 20 Bedeutung der Epitaphien und Grabplatten im Spiegel der Jahrhunderte Lebensgröße ist hier der Verstorbene abgebildet. Die Ränder sind mit einem lateinischen Text versehen. Das dritte Bildmotiv aus dem 17. Jahrhundert gehört Adam Quintin von Herberstein (23), der 1674 verstorben ist. Dieses Epitaph zeigt einen aufrecht stehenden Anführer eines Reiterregiments in ausgeprägt herrischer Haltung. Die übrigen Epitaphien lassen sich in zwei unterschiedliche Darstellungsformen gliedern. Zum einen sind es Gedenksteine überwiegend in Sandstein mit großem Textanteil, und zum anderen treten gegen Ende des 17. Jahrhunderts erstmals kunstvoll gestaltete Gedenktafeln für die Angehörigen des Reichskammergerichts auf. Die Epitaphien, die sich durch große Textteile bzw. auf Bildmotive mit Familienwappen auszeichnen, gehören Philip Gwenden (14), verstorben 1605, seiner Ehefrau Anna Elisabeth Gwenden (15), verstorben 1611, Jakob Hert (18), verstorben 1658, Johannes und Catharina Willems (19), beide 1665 verstorben, Margarethe und Johannes Hirshorn (20), beide 1668 verstorben, Wilhelm Cauly (21), verstorben 1670/1671?, H. Johannes Servatius Dietrich (22), verstorben 1673, Johann Georg Weller (24), verstorben 1683, Johann Friedrich Pausch (25), verstorben 1689 und Johann Friedrich Schultze (27), verstorben 1691. Das erste Epitaph, das einem Assessor des Reichskammergerichts gewidmet ist, gehört zu Erich Mauritius (26), der 1691 verstorben ist. Dieses Epitaph zeigt in seinen heroischen und zum Teil sehr „schwülstigen“ Texten eine Richtung auf, die bei späteren Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen zum Standard gewählt wird. Das zweite Epitaph eines Angehörigen des Reichskammergerichts ist noch etwas zurückhaltender formuliert und gehört zu Johannes Eichrodt (28), der 1697 verstorben ist. Mit dem dritten Epitaph eines Assessors des Reichskammergerichts wird dem 1699 verstorbenen Hulderich von Eyben (29) gedacht. Hier wird die mit Erich Mauritius begonnene Tradition der Lobpreisungen fortgeführt. Von den 16 Epitaphien aus dem 17. Jahrhundert sind die Texte von 10 Gedenktafeln in deutscher Sprache verfasst worden. Die meisten Epitaphien verzeichnet das 18. Jahrhundert. Insgesamt findet man im Wetzlarer Dom 24 Epitaphien aus diesem Jahrhundert. 22 der Epitaphien lassen sich den Angehörigen des Reichskammergerichts zuordnen. Dieser Umstand ist dem Sitz des Reichskammergerichts in Wetzlar von 1689 bis 1806 zu verdanken. In den Epitaphien der 21 Die geschichtliche Entwicklung der Epitaphien Reichskammergerichtsangehörigen spiegelt sich das elitäre Standesdenken seiner Angehörigen wider. Die Ausgestaltung der Gedenktafeln ähnelt sich teilweise. Eindeutig dominierend sind die umfangreichen Textteile. Die Bildteile umfassen überwiegend die Familienwappen sowie einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen, der für die Vergänglichkeit des Lebens steht. Ein großer Teil der Personen, denen man mit den Epitaphien gedenkt, stellt sich mit großen persönlichen Lobpreisungen dar. Die Texte wirken in unserer Zeit häufig stark überzogen. Hochgestochene Textpassagen mit zum Teil pathetischen Inhalten hinterlassen für die heutige Zeit einen etwas befremdlichen Eindruck. Gleichwohl muss man sich die Rolle der Angehörigen des Reichskammergerichts vor Augen halten. Das ausgeprägte Standesdenken sowie die Abgrenzung zum Rest der Wetzlarer Bevölkerung in der damaligen Zeit begründeten diese persönlichen Lobpreisungen. Zudem war es auch nur einer vermögenden Schicht vorbehalten, eine Gedenktafel im Wetzlarer Dom aufzustellen. Das Epitaph der 1710 verstorbenen Juliane Schlosser (30), Ehefrau eines Visitators, zeichnet sich durch eine äußerst aufwändige Steinmetzarbeit aus. Angaben zum Ehemann und einige kurze Angaben zu Juliane Schlosser bestimmen den Textteil. Dieses Epitaph ist typisch für weitere Epitaphien, die jeweils einer Ehefrau oder den Kindern von Assessoren, Prokuratoren und Advokaten gewidmet sind. Der Textteil des Ehemanns überwiegt gegenüber dem Textteil der Verstorbenen. Dem 1710 verstorbenen Gotthard Johann Marquart (31) und seiner Ehefrau ist ein eher schlichtes Epitaph gewidmet. Auch hier bestimmt ein umfangreicher Textteil mit Angaben über die Familie die Gedenktafel. Anna Maria Eva Lieb (32), 1711 verstorben, war die Ehefrau eines Visitators. Kurze Textteile zum Ehemann und den Kindern bestimmen das Epitaph. Das Epitaph von Friedrich Schrag (33), der 1718 verstorben ist, enthält einen umfangreichen Textteil mit persönlichen Daten und einem sehr heroischen Text. Die optische Gestaltung ist eher schlicht gehalten. Bei dem 1721 verstorbenen Franz Richard (34), handelt es sich um eine Gedenktafel, die aus den Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen herausragt. Die Besonderheit besteht darin, dass hier der 22 Bedeutung der Epitaphien und Grabplatten im Spiegel der Jahrhunderte Kammerrichter, als oberste Instanz des Reichskammergerichts, seinem Diener ein Denkmal setzt. Der Text ist schlicht gehalten. Epitaph Nr. 35 ist der 1724 verstorbenen Wilhelmine Henrietta von Ludolf gewidmet. Das Denkmal setzten ihr die Eltern. Der umfassende Textteil enthält sachliche, wie auch lobende Texte über das kurze Leben der Tochter. Eine Reihe weiterer Epitaphien von Assessoren sind von der textlichen und bildhaften Darstellung ähnlich aufgebaut. Der Textteil würdigt die Assessoren mit einer überwiegend großen Fülle an Berichten über das Leben bzw. über die besonderen Leistungen. Darüber hinaus sind alle Epitaphien durch aufwändige Steinmetzarbeiten charakterisiert und aus Lahnmarmor hergestellt. Hierzu zählen: • Christoph Gottfried Freiherrr von Geismar(36), verstorben 1725 • Joachim Georg von Plönnies (39), verstorben 1733 • Friedrich Kasimir von Gemmingen (42), verstorben 1744 • Johann Christoph von Schmitz (43), verstorben 1747 • Johann Stephan von Speckmann (44), verstorben 1751 • Anton Gerlach von Schwartzenfels (45), verstorben 1752 • Johann Franz Aegidius von Borie zu Schönbach (46), verstorben 1753 • Gerard Georg Wilhelm Franz Xaver Freiherr von Vogelius (47), verstorben 1754 • Valentin Ferdinand Freiherr von Gudenus (49), verstorben 1758 • Johann Peter von Ortmann, (51), verstorben 1775 Ebenfalls in diese Kategorie fällt ein Epitaph, dass zwar Maria Anna Seraphina von Clausbruch (41) gewidmet ist, aber als späteren Zusatz im unteren Teil noch den Ehemann Johannes Melchior Cramer von Clausbruch und den Sohn Johannes Arnold Heinrich Joseph von Clausbruch, beides Assessoren, mit aufnimmt. Weitere Epitaphien, die die Textteile in den Vordergrund stellen, sind den Ehefrauen, einer Mutter und Kindern von Reichskammergerichtsangehörigen gewidmet. So 1727 Maria Franziska von Heeser (37), 1734 Maria Ursula Bonn (40), 1757 Maria Margareta von Ortmann (48), 1776 und 1778 Dorothee Charlotte und Heinrich Johann Vergenius (51) und 1787 Elisabeth von Ruland (53). 23 Die geschichtliche Entwicklung der Epitaphien Einem Arzt und seiner Ehefrau wurde 1755 und 1767 ein Epitaph mit umfangreichen Textteilen gewidmet. Das Epitaph von Auguste Christiane Elisabethe und Heinrich Christoph Rotberg (50) ist insofern von besonderer Bedeutung, da es in deutscher Sprache verfasst wurde. Diese Abgrenzung gegenüber den Assessoren, die ausschließlich in lateinischer Sprache gewürdigt wurden, relativiert das Standesdenken durch den ausschließlich für die Reichskammergerichtangehörigen zuständigen Kameralarzt. Ebenfalls aus der Masse der Epitaphien der Assessoren ragt die Gedenkplatte des Buchdruckers und Buchhändlers Georg Ernst Winckler (38) und seiner Ehefrau Anna Elisabeth Winckler heraus. Dieses Epitaph ist aus Lahnmarmor gearbeitet und mit umfangreichen Texten in deutscher Sprache versehen. Ende des 18. Jahrhunderts endet dann die Tradition der Epitaphien. Zum einen verliert das Reichskammergericht seine Bedeutung in Wetzlar und zum anderen erfährt die Trauerkultur eine Wandlung. Schlichtere Grabplatten auf den Friedhöfen stehen ab Anfang des 19. Jahrhunderts im Vordergrund. Das Aufstellen von Epitaphien in den Kir chen innenräumen verliert an Bedeutung. 24 Bedeutung der Epitaphien und Grabplatten im Spiegel der Jahrhunderte

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Zusammenfassung

Im Wetzlarer Dom zeugen 50 Grabplatten und Epitaphien, die in der Kirche platziert sind, und drei, die sich an den Außenwänden der Süd- und Nordseite befinden, von einer über vier Jahrhunderte währenden Trauerkultur. Alle Gedenkplatten sollten der Nachwelt zur Erinnerung an die Verstorbenen dienen. Durch die exponierte Platzierung in und um den Dom ist der Personenkreis der Verstorbenen auf Ritter, Schöffen, Kanzler, Geistliche katholischer und evangelischer Konfession, Assessoren, Prokuratoren des Reichskammergerichts sowie deren Angehörige begrenzt.

Jürgen Wegmann erläutert die 53 Gedenkplatten aus der Zeit von 1362 bis 1792 ausführlich und erweckt die Personen und ihre Lebensgeschichten so wieder zum Leben. Die oftmals nur noch schwer lesbaren, zum Teil umfangreichen Texte in deutscher und lateinischer Sprache wurden in eine heute lesbare Form gebracht. Fotografien der Epitaphien runden die Erläuterungen ab. Dem Leser werden damit erstmals das umfangreiche historische Bild- und Textmaterial der Epitaphien und Grabplatten des Wetzlarer Doms sowie die Verstorbenen selbst in einer Fassung präsentiert, die bisher Verborgenes offenlegt.