1. Grabplatten und Epitaphien als Ausdruck einer Trauerkultur in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - Epitaphien und Grabplatten, page 1 - 4

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4142-0, ISBN online: 978-3-8288-7003-1, https://doi.org/10.5771/9783828870031-1

Tectum, Baden-Baden
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1 1. Grabplatten und Epitaphien als Ausdruck einer Trauerkultur Der Wetzlarer Dom als eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands zählt insgesamt 53 Grabplatten und Epitaphien. Die Zeitspanne der Platten reicht von 1362 bis 1792. Allen Platten gemeinsam ist das Gedenken an die Verstorbenen, die namentlich auf den Grabplatten und Epitaphien aufgeführt sind. Keine der Gedenkplatten befindet sich noch an ihrem historischen Standort. Durch umfangreiche Renovierungsarbeiten in der Zeit von der ersten Datierung einer Gedenkplatte aus dem Jahre 1362 bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts kam es immer wieder zu Verlagerungen der Grabplatten und Epitaphien. Daher kann man heute bei allen Gedenkplatten von Epitaphien sprechen. Epitaphien sind dadurch charakterisiert, dass sie losgelöst vom eigentlichen Grab des Verstorbenen einen separaten Platz zum Gedenken an diesen einnehmen. Bei näherer Betrachtung der Epitaphien kann man feststellen, dass es sich bei den Verstorbenen, denen man ein „Denkmal“ im Wetzlarer Dom gesetzt hat, unabhängig von dem Todesjahr, um Bürger der Stadt Wetzlar handelt, die zu Lebzeiten eine besondere Stellung in der Stadt einnahmen. So findet man z. B. Ritter, Geistliche katholischer und evangelischer Konfession, Assessoren, Prokuratoren des Reichskammergerichts sowie deren Angehörige. Das sogenannte „gemeine“ Volk der Bauern und Handwerker fand keinen Platz auf einem Epitaph im Wetzlarer Dom. Diesem Personenkreis blieb der vor dem Dom auf der Südseite gelegene Friedhof als Begräbnis- bzw. Gedenkstätte vorbehalten, der 1757 aufgegeben wurde. Auch ein Teil der heute im Wetzlarer Dom aufgestellten Epitaphien hatte ursprünglich seinen Standort als Grabplatte auf dem Friedhof an der Südseite des Doms. Ein besonderer Friedhof, der den Stiftsangehörigen vorbehalten blieb, lag auf der Nordseite des Doms. Auch dieser Friedhof wurde aufgegeben. Die Auswahl der heute noch erhaltenen 53 Epitaphien lässt keine nachvollziehbare Struktur erkennen. Offensichtlich hat man diejenigen Epitaphien aufgestellt, die noch vorhanden waren oder die man bei den umfangreichen Renovierungsarbeiten immer wieder gefunden hat. Eine größere Anzahl der Grabsteine vom Friedhof hat sicher auch den Weg in die Fundamente Wetzlarer Häuser gefunden. Auch die Platzierung entzieht sich einer erkennbaren Struktur. So sind das Sterbedatum und die gesellschaftliche Rolle des Verstorbenen kein Ordnungskriterium. Wenn sich die Verantwortlichen bei der heute vorzufindenden Platzierung etwas gedacht haben, so sind diese Überlegungen verloren gegangen. Wenn auch vereinzelt die Meinung vertreten wird, dass die Epitaphien des Wetzlarer Doms nicht von kunsthistorischer Bedeutung seien,1 so geben die zum Teil aufwändig gestalteten Bild- und Textdarstellungen ein sehr interessantes Zeugnis für eine Trauerkultur über rund 430 Jahren in Wetzlar. Dem Besucher des Wetzlarer Doms wird auffallen, dass eine Vielzahl der Epitaphien stark abgenutzt und somit im Textteil nur mit Schwierigkeiten lesbar ist. Darüber hinaus enthalten gerade die Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen2 häufig umfangreiche Texte, die in lateinischer Sprache verfasst worden sind. Auch die Setzung der Texte auf dem Epitaph erscheint aus heutiger Sicht merkwürdig. So haben Steinmetze einzelne Wörter so auf den Epitaphien platziert, dass sie mitten im Wort auf unterschiedliche Zeilen zu lesen sind. Einige Epitaphien aus der Zeit des Reichskammergerichts sind auch nicht frei von Rechtschreibfehlern. Offensichtlich waren die Steinmetze nicht immer der lateinischen Sprache mächtig. Gemeinsam ist allen Epitaphien, dass sie ein Ausdruck für eine individuelle Trauerkultur sind. Die 53 Epitaphien geben einen guten Einblick über die Entwicklung einer Trauerkultur durch rund vier Jahrhunderte. Gleichwohl ist einschränkend darauf hinzuweisen, dass man 1 Stellvertretend für diese Meinung: vgl. O. Peter: Kunstwerke aus fünf Jahrhunderten, Wetzlar 1999, S. 39. 2 Vgl. dazu auch J. Wegmann: Der Wetzlarer Dom – ein Haus für zwei Konfessionen, Baden-Baden 2017, S. 67–78. 2 Grabplatten und Epitaphien als Ausdruck einer Trauerkultur durch die Epitaphien nur eine Sichtweise auf privilegierte Bürger bekommt. Die Platzierung der Grabplatten oder Epitaphien im Wetzlarer Dom war ausschließlich der oberen Bürgerschicht vorbehalten. Es war auch, und dies kann man gut an den Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen festmachen, eine Frage des Geldes. Die oftmals sehr aufwändig gestalteten Epitaphien konnten sich nur eine geringe Zahl von wohlhabenden Wetzlarer Bürger leisten. Unabhängig von dem Wohlstand der Verstorbenen eint sie doch der gemeinsame Glaube an eine Existenz der Seele nach dem Tod. Fast alle Epitaphien geben Zeugnis für eine tiefe Frömmigkeit. Die von Gloël3 auch als „schwülstige“ Texte auf den Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen bezeichneten umfangreichen Angaben über die bzw. den Verstorbene(n) lassen erkennen, dass die Auftraggeber der Epitaphien den Verstorbenen einen Weg in das Jenseits durch die Nennung bedeutender Verdienste zu Lebzeiten sichern wollte. Diese Form der Trauerkultur reicht weit in die Vergangenheit zurück. So lassen sich die Überlegungen über eine Unsterblichkeit der Seele für das christliche Abendland bis zu den antiken Griechen zurückverfolgen. Um zu verstehen, wie die Angehörigen die Verstorbenen auf den Epitaphien des Wetzlarer Doms in Erinnerung halten wollten, ist daher ein kleiner historischer Streifzug über die Entwicklung des Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele hilfreich. 3 Vgl. H. Gloël: Die alten Wetzlarer Grabsteine und Epitaphien, Wetzlar 1925. 3 Grabplatten und Epitaphien als Ausdruck einer Trauerkultur

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Zusammenfassung

Im Wetzlarer Dom zeugen 50 Grabplatten und Epitaphien, die in der Kirche platziert sind, und drei, die sich an den Außenwänden der Süd- und Nordseite befinden, von einer über vier Jahrhunderte währenden Trauerkultur. Alle Gedenkplatten sollten der Nachwelt zur Erinnerung an die Verstorbenen dienen. Durch die exponierte Platzierung in und um den Dom ist der Personenkreis der Verstorbenen auf Ritter, Schöffen, Kanzler, Geistliche katholischer und evangelischer Konfession, Assessoren, Prokuratoren des Reichskammergerichts sowie deren Angehörige begrenzt.

Jürgen Wegmann erläutert die 53 Gedenkplatten aus der Zeit von 1362 bis 1792 ausführlich und erweckt die Personen und ihre Lebensgeschichten so wieder zum Leben. Die oftmals nur noch schwer lesbaren, zum Teil umfangreichen Texte in deutscher und lateinischer Sprache wurden in eine heute lesbare Form gebracht. Fotografien der Epitaphien runden die Erläuterungen ab. Dem Leser werden damit erstmals das umfangreiche historische Bild- und Textmaterial der Epitaphien und Grabplatten des Wetzlarer Doms sowie die Verstorbenen selbst in einer Fassung präsentiert, die bisher Verborgenes offenlegt.