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3. Forschungsdesign, methodische Aufarbeitung und Erkenntnisgewinnung in:

Philipp Gies

Transnationale Soziale Dialoge in der EU, page 91 - 114

Mechanismus sozialer Normbildung - Entwicklung einer neuen Staatlichkeit?

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4134-5, ISBN online: 978-3-8288-6997-4, https://doi.org/10.5771/9783828869974-91

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 76

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
91 3. Forschungsdesign, methodische Aufarbeitung und Erkenntnisgewinnung Um die Forschungsfrage und die Hypothesen beantworten zu können, werden in diesem Abschnitt das Forschungsdesign und die Forschungsmethoden dargestellt. Die Untersuchung basiert auf einem Mixed-Method-Design mit quantitativen und qualitativen Phasen, die komplementär aufeinander aufbauen. Es ist das Ziel dieser Untersuchung, über theoriegestützte Kategorien die Normprodukte von Information und Konsultation in einer Datenbank zu quantifizieren, um im Anschluss diese Daten für qualitative Bewertungen zu nutzen. Durch den Methoden-Mix ist keine klare Verortung der Untersuchung in die Dichotomie quantitativ-qualitativ möglich. Die quantitative Methode stellt hier eine Kernkomponente der Untersuchung dar, um die große Zahl von über 2.900 abgeschlossenen Dokumenten in den europäischen Sozialen Dialogen erfassbar zu machen und ihren Inhalt zu analysieren. Darauf bauen qualitativ erklärende und hervorhebende Erhebungsmethoden auf, um eine komplexere Betrachtung und Kontexteinordnung der Informationen möglich zu machen. Durch die eigenständige Aussagekraft der empirischen Erhebung liegt nach Kelle 2007 ein quantitativer Schwerpunkt vor. Die qualitative Ergänzung führe zu einem sequentiellen quantitativ-qualitativen Design (QUANT qual). Mit der Bildung von Erhebungskategorien liegen zudem klassische Elemente qualitativer Forschung vor. Die Implementation der qualitativen Methoden wird bereits frühzeitig 315 Inzwischen gibt es eine Fülle an Sammelwerken, die sich mit der Kombination beider Vorgehen auseinandersetzen und damit frühere Widersprüche zwischen quantitativen und qualitativen Methoden aufbrechen. Mehr unter: Shadish et al. 2002; Kelle 2007; Fowler 2009; Hancock und Mueller 2010; Holling et al. 2010; Mey und Mruck 2010a; Tashakkori und Teddlie 2010; Denzin und Lincoln 2011; Kuckartz 2014. 316 Yin 2009, S. 19. 317 Kelle 2007, S. 286; Kuckartz 2014, S. 78. 318 Mayring 2015, S. 22. 92 angestrebt - auf Basis der Forschungshypothesen werden leitfadengestützte Expert*inneninterviews durchgeführt. Dieses Design dient eher einem erklärenden oder vertiefenden Vorgehen. Für die konkrete Forschungspraxis verändert sich das Vorgehen durch eine Mixed-Method-Design nicht, da bei der komplementären Anwendung der Methoden nach einem klassisch linearen Untersuchungsablauf vorgegangen wird: 1. Planungsphase, 2. Phase der Datenerhebung, 3. Phase der Datenanalyse, 4. Phase der Interpretation und der Bewertung der Ergebnisse. Zusammen zielt der Methoden-Mix hier auf die Informationsgewinnung, um letztlich aus der Fülle an Informationen eine Bewertung zu ziehen. In diesem Kapitel soll insbesondere auf die zweite Phase eingegangen werden, um hier die Methoden für die Analyse einzuführen. 319 Einen ausführlichen Überblick über die Mixed-Method-Forschungsdesigns und ihre Erklärungskraft bietet Creswell 2003. 320 Kuckartz 2014, S. 62. 321 Morse und Maddox 2014, S. 525. 93 Abbildung 3: Ablaufplan der Untersuchung Eigene Darstellung 322 Vier Phasen eines Untersuchungsmodells, angelehnt an Kuckartz 2014, S. 62ff. 94 3.1 Erhebungsmethoden und Auswertungsmethoden Für die Beantwortung der zentralen Fragestellung sowie der Überprüfung der herausgearbeiteten Hypothesen werden vier verschiedene Methoden angewandt. In diesem Abschnitt sollen diese Methoden einerseits vorgestellt werden, andererseits wird aufgezeigt, wie sie in das Forschungsdesign implementiert sind. Daraus ergibt sich ein Darstellungsplan der unterschiedlichen Erhebungsmethoden für diesen Abschnitt. Dabei bauen qualitative Forschungsmethoden auf quantitative Verfahren komplementär auf, um neben generalisierenden Aussagen auch tiefere Einblicke in den Untersuchungsgegenstand zu erhalten. Das bedeutet, dass zunächst eine quantitative Inhaltsanalyse durchgeführt wird, die es über eine empirische Datenbank- und Dokumentenauswertung ermöglicht, „fixierte Kommunikation“ systematisch nachzuvollziehen und theoriegeleitet Schlussfolgerungen zu entwerfen. So werden die Informationen in den Dokumenten zunächst als getrennte Variablen für eine Datenbankauswertung erhoben, um sie anschließend in einen Zusammenhang zu kontextualisieren. Durch die zusätzlichen qualitativen Methoden der Untersuchung – Expert*inneninterview und Fallstudien – sollen sowohl Besonderheiten aus den Dokumenten hervorgehoben, als auch weiterführende Informationen zu dem Untersuchungsgegenstand ermittelt werden. Die Diffusionsanalyse kombiniert dann die Erkenntnisse in einem induktiven und deduktiven Vorgehen. 323 Kelle 2007. 324 Mayring 2015, S. 12. 325 Ebd., S. 17. 95 Abbildung 4: Aufbau der Forschungsmethoden Eigene Darstellung 3.1.1 Inhaltsanalyse – Datenbankauswertung und Dokumentenanalyse Um die über 2900 vorhandenen Dokumente der transnationalen Sozialen Dialoge auszuwerten, wird auf die Methode der quantitativen Inhaltsanalyse und konkret der Datenbankauswertung und Dokumentenanalyse zurückgegriffen. Unabhängig von der genauen Zuordnung steht fest, dass eine Inhaltanalyse als erste Forschungsmethode eine Integration quantitativer und qualitativer Methoden als hybrider Ansatz ermöglicht. In ihr sollen Kommunikationsprozesse abgebildet werden, so dass sich unter anderem die Kontingenzanalyse anbietet. Dabei werden Inhalte der Dokumente auf Überschneidungen und gemeinsame Häufigkeiten (Kontingenz) getestet. Durch den quantitativen Schwerpunkt wird die Verteilung von Häufigkeiten in den verschiedenen Formen der europäischen Sozialen Dialoge sichtbar. Hierbei ist es nötig, theoriegestützt verschiedene Kategorien zu bilden, um spezifische Formulierungen in den Dokumenten abstrak- 326 Angelehnt an das Vorgehen nach Kelle 2007; Gläser und Laudel 2010; Flick 2014; Kuckartz 2014, S. 77; Mayring 2015. 327 Mayring 2015, S. 20. 328 Ebd. S. 16. 96 teren Sinnzusammenhängen zuzuordnen. Als Folge entsteht eine höhere Vergleichbarkeit der Inhalte. Auf dieser Basis können Schlüsse über Inhalt, einen Bedeutungswandel und die bisherige Normbildungsfähigkeit gezogen werden. Die Erkenntnisse aus dem aktuellen Stand der Forschung, wie die Diskrepanzen zwischen den abgeschlossenen Verträgen und der Wirksamkeit, können begrenzt kontextualisierbar gemacht werden. Nach Schreier sind, unabhängig von einem quantitativen oder qualitativen Vorgehen, vier Arbeitselemente unerlässlich: „a coding frame, generating category definitions, segmenting the material into coding units, and distinguishing between a pilot phase and a main phase of analysis“. Diese Abfolge wird auch in dieser Untersuchung vollzogen. Im Folgenden werden die einzelnen durchgeführten methodischen Arbeitsschritte dieser Phasen aufgeführt. Entwicklung eines Codierrahmens In der Entwicklungsphase gilt es zu prüfen, welche Datenmenge vorhanden ist, ob daraus eine Auswahl zu treffen ist und wie das Forschungsdesign aussehen muss. In diesem Fall liegt durch das Forschungsprojekt A7 eine Gesamterhebung der Dokumente der Sozialen Dialoge in der EU zugrunde. Aus der Datenbank werden alle Dokumente, die Regelungen zu Information und Konsultation beinhalten, gefiltert. Diese Dokumente stellen hier somit die Analyseeinheit dar. Die notwendige Forschungsfrage und Forschungshypothesen wurden in den vorangegangenen Kapiteln entwickelt. Kategorienbildung und -definition Um mit Analyseeinheiten arbeiten zu können, muss der Inhalt der Dokumente in Kernaussagen paraphrasiert werden. Hierfür wird in einem ersten Schritt ein Erhebungsbogen entwickelt. Dieser Erhebungsbogen besteht aus verschiedenen Kategorien, die theoriegestützt den zu untersuchenden Inhalt jedes Dokuments gleich erfassen soll, um spezifische Formulierungen in den Dokumenten abstrakteren Sinnzusammenhängen zuzuordnen. Hieraus wird die höhere Vergleichbarkeit der Inhalte untereinander entwickelt. Ziel ist es, über die Kategorienbildung ein System zu erstellen, mit dem der Inhalt unter „Oberbegriffe” zusammengefasst wird. Darauf folgend werden Variablen (bzw. „Coding 329 Schreier 2014, S. 170. 330 Vgl. z. B. Waddington 2011b, S. 526. 331 Schreier 2014, S. 173. 332 Ebd., S. 174. 333 Ebd., S. 170. 334 Schnell et al. 2014, S. 401; Mayring 2015, S. 69. 97 units” oder Codiereinheiten) erstellt, die die Merkmalsausprägungen der verschiedenen Kategorien abbilden sollen. Wesentlich für diese Untersuchung ist, dass die Behandlung von Information und Konsultation sowie die spezifischen Kriterien im Fokus stehen. Dabei kann auf einige Studien zurückgegriffen werden. Zudem baut die Untersuchung auf den zehn Kategorien des Forschungsprojekts A7 des Sonderforschungsbereiches 597 der Universität Bremen auf. Für den Fokus auf Information und Konsultation kommen 17 neue Kategorien hinzu. Hierbei soll die Erhebung mit den Ergebnissen von Projekt A7 vergleichbar bleiben. Entsprechend stellen die ersten vier Bereiche die Vergleichbarkeit auf den physischen Erhebungsbögen direkt her. Die zusätzliche Erhebung erfolgt in den weiteren 13 Bereichen. Dieser Erhebungsbogen mit ausführlichem Codierrahmen und Kategoriendefinition soll die Intercoderreliabilität gewährleisten. Für die im Forschungsprojekt A7 des SFB 597 bereits erhobenen Outcomes wird somit eine Nacherhebung erstellt, die auf eine Bewertung des Arbeitsschwerpunkts Information und Konsultation ausgelegt ist. Hierbei handelt es sich um 1629 Outcomes, die erneut durch einen Erhebungsbogen überprüft werden. Die Nacherhebung für Information und Konsultation basiert im Wesentlichen auf den festgelegten spezifischen Kriterien und muss, durch einen sehr hohen Anteil der verschiedenen Gründungsabkommen, mit einem Überhang auf der Unternehmensebene umgehen. Daraus resultiert die Notwendigkeit, das Kategorienschema zu erweitern und neue Kategorien theorie- und empiriegestützt zu bilden. Grundlage der deduktiven Kategorienbildung sind dabei die subsidiären Mindeststandards der Richtlinie für Europäische Betriebsräte von 1994 (RL 94/45/EG), festgehalten im Anhang der Richtlinie. Diese Mindeststandards bilden prozedurale Kriterien für Information und Konsultation und sind bei der Analyse dadurch für alle Dialogformen grundlegend. Zudem sollen durch verschiedene induktive Kategorien mögliche Innovationen und Weiterentwicklungen der Kriterien überprüft werden. Diese Kategorien basieren unter anderem 335 Schnell et al. 2014, S. 399; Schreier 2014, S. 173. 336 Für speziellere Untersuchungen haben u. a. Dufresne et al. 2006 eine ähnliche Untersuchung anhand des sektoralen und sektorübergreifenden Dialogs an 200 Dokumenten durchgeführt. Müller et al. 2013 haben im Metallsektor eine Untersuchung mit verschiedenen Variablen auf Unternehmensebene durchgeführt. 337 Hierbei handelt es sich um: 1. Bezeichnungen 2. Datum, Laufzeit 3. Dokumententyp 4. Sozialpartner 5. Sektoren 6. Datenbanken/Dialogformen 7. Feld 8. Implementierung 10. Kommentar. Eine ausführlichere Darstellung der Datenerhebung im Projekt A7 sowie der weiteren genutzten Methoden unter: Mückenberger und Nebe 2017 (im Erscheinen). 338 Der Erhebungsbogen und das Codebook zu Information und Konsultation befinden sich im Anhang. 98 auf nationalen und internationalen Regelungsquellen zu Information und Konsultation. Wie ebenfalls bei den Kriterien vermerkt, werden in der Untersuchung auch die wesentlichen Themen von Information und Konsultation, Antizipation und Präventionsmaßnahmen , erfasst. Über das Kategorienschema zeigen sich so Querbezüge zwischen den Dialogformen. Insgesamt kann geprüft werden, ob die europäischen Sozialen Dialoge eine innovative Weiterentwicklung vornehmen. Und im begrenzten Rahmen kann nachvollzogen werden, ob dafür auf bereits anderweitig anerkannte Regelungsansätze zurückgegriffen wird. Codierung Mit dem Fokus auf die quantitative Analyse mit qualitativer Ergänzung handelt es sich konkret um eine aus der quantitativen Inhaltsanalyse entwickelte codebook analysis, die an den Prozeduren der content analysis ansetzt. Allerdings werden hier Kategorien verwendet, die bereits vorab deduktiv definiert sind. Diese bereits in Kapitel 2 erschlossenen, theorie- und empiriegestützten Kategorien werden in diesem Schritt durch das Codebook einheitlich quantifizierbar. Das dafür verwendete Codebook enthält die Kategoriennamen und Kurzdefinitionen, allerdings ohne die Genauigkeit des in der qualitativen Inhaltsanalyse für ähnliche Zwecke verwendeten Kodierleitfadens. Die Quantifizierung dieser Erhebung erfolgt mit Hilfe von Variablen, die im Codebuch einen Wert zugewiesen bekommen. Durch ihre Funktion werden sie in der quantitativen Inhaltsanalyse auch als Codiereinheit definiert. Die Variablen haben eine parametrische Funktion, nämlich aussagekräftig und eindeutig Bereiche abzubilden. Durch die Verbindung zu der bestehenden Erhebung des Forschungsprojektes A7 und seiner Variablen sowie der hier entworfenen Kriterien von transnationaler Information und Konsultation ergibt sich ein Set an Variablen für die Inhaltsanalyse: 339 Nebe und Ritschel 2009. 340 Für eine ausführliche Beschreibung der Forschungsmethode und seiner Anwendungsmöglichkeiten siehe Neuendorf 2002. 341 Mayring 2010, S. 609; Schnell et al. 2014, S. 415. 99 Tabelle 3: Abdeckung der Kriterien von Information und Konsultation durch die Untersuchungsvariablen EU- Sozialstaatlichkeit Kriterien Untersuchungsvariablen Se lb st be st im m un g eigene Interessenäußerung/ -durchsetzung 6. Dok. Typ Initiativrechte 1. Bezeichnung 57. Zugangsrechte externe Expertise 42. eigene freie Wahl von Sachverst. 43. Zusatz_Anzahl zusätzl. Vertreter*innen 44. Zusatz_ Gewerkschaftszugehörigkeit von Vertreter*innen Kostenübernahme 46. Kosten_übernahme 47. Kosten_Extra Qualifikationen 49. Frei_Stundenkonto 50. Frei_Arbeitszeit 51. Frei_K.A. 52. Frei_anderes 53.Frei_Zahl_Stundenkonto _EBR 54.Frei_Zahl_Stundenkonto _Sekretariat 55. Frei_anderes(TEXT) 48. Kosten_welche Extra 100 D em ok ra tis ch e G es ta ltu ng innovative Organisationsentwicklung 58. anticipation of change 59. subcommittee 62. Sonderfall* Verfahrensstabilität 38. Häuf_Anzahl der Treffen 39. Häuf_Anzahl Treffen enger Ausschuss 40. Häuf_Treffen ohne AG 45. Ausstattung Prozessreichweite 35. Befungnis_ Unterrichtung 36. Befugnis_Anhörung 37. Befugnis_ Mitbestimmung Einfluss der Akteure 56. Rechtzeitigkeit Repräsentativität geregelt durch Dialogform** institutionalisierte Ebene 28. Kernarb. Norm 41. enger Ausschuss 60. EBR Bezug*** Eigene Darstellung * Die Variable „Sonderfall“ bezieht sich sehr konkret auf Regelungen in RL 94/45/EG zu Dolmetscher*innen und Sachverständigen und erfasst, wenn diese gesetzl. Regelungen bei EBR nicht erfüllt werden. ** In den Variablen 7-17 werden im Projekt A7 die verschiedenen Akteure, der Sektor sowie die Größe des Unternehmens erfasst und bieten so verschiedene Parameter zu Repräsentativität. *** Die Variable „EBR Bezug“ gilt nur für Mischformen und TCA. Eine mögliche Institutionalisierung über die Einbindung von EBR in die Verhandlungen wird hier erfasst. 101 Neben diesem Set konnten über eine offene Kommentarspalte (Variable 61) ergänzende, uneinheitliche Informationen zu dem jeweiligen Dokument notiert werden. Die Auswahl dieser Kriterien sowie ihre Zuordnung zu bestimmten Variablen basiert dabei zunächst deduktiv aus der Literatur abgeleitet und entstammen speziell aus den schwerpunktspezifischen Arbeiten, die in 2.3.3 vorgestellt wurden. Im Rahmen der – später vorzustellenden – Testphase der Erhebung und Codierung wurde die Aussagekraft überprüft und Besonderheiten sowie Redundanzen in den Dokumenten berücksichtigt. So wurden daraufhin Variablen ergänzt und genauer spezifiziert, um sie den in der Tabelle aufgeführten Kriterien besser zuordnen zu können. Ziel war es eine möglichst hohe Erklärungskraft und Eindeutigkeit herzustellen. Letztlich wurde entsprechend bei der Auswahl der Variablen darauf geachtet, dass sie möglichst stark die Kriterien von Information und Konsultation abdecken und sich untereinander abgrenzen lassen. Allerdings gibt es zwangsläufig einige Überschneidungspunkte in der Praxis. So ist für eine kontinuierliche Arbeit und Verfahrensstabilität eine materielle wie finanzielle Ausstattung des Gremiums nötig. Am Beispiel der EBR zeigt sich, dass die Kosten hierfür die Unternehmen zu tragen haben. Hieraus ergibt sich eine Überschneidung zwischen den Variablen Ausstattung (Variable 45) und Kostenübernahme (Variable 46). Für die hier vorgenommene Untersuchung wird dennoch eine Trennung, die sich aus Artikel 7 der subsidiären Vorschriften im Anhang der EBR-Richtlinie 94/45/EG ergibt, aufrechterhalten. Die Unterscheidung erfolgt im Weiteren einerseits zwischen „erforderlichen finanziellen und materiellen Mitteln“[, um die] „Aufgaben in angemessener Weise“ [wahrnehmen zu können (Ausstattung), und andererseits den] „anfallenden Kosten einschließlich der Dolmetscherkosten sowie die Aufenthalts- und Reisekosten“ (Kostenübernahme). Entsprechend lassen sich mit Hilfe des Codebuches für jede Variable eindeutige Werte zuordnen, so dass sie sowohl ausgezählt als auch in Bezug zu einander gestellt werden können. Diese Quantifizierung jeder Variable kann in verschiedenen Skalenniveaus erfolgen. Bei einer nominalskalierten Variable nimmt diese eine Eigenschaft ein, oder auch nicht. Bei einer Ordinalskala wird eine Rangordnung zwischen den Variablen erstellt. Bei einer Intervallskala wird ein Abstand messbar. Und bei einer metrischen Verhältnisskala existiert ein natürlicher Nullpunkt. Aus den Skalenniveaus ergeben sich verschiedene Zuordnungen der Variablen. Beispielhaft kann die Variable 14 (Zugangsrecht) mit Ja und Nein/K.A. erhoben werden. In diesem Fall wird den Ausprägungen ein bestimmter Wert zugeordnet, um sie in der Datenbank eindeutig zu erfassen. In 342 Rat der Europäischen Union 1994, S. 72: Artikel 7 im Anhang der Richtlinie 94/45/EG. 343 Mayring 2015, S. 18. 102 diesem Beispiel wird die Variable quantifiziert in ja = 1 und Nein/K.A. = 0. Es liegt eine nominalskalierte Variable vor. Nur bei der Variable 61 (Kommentar) gibt es in dieser Erhebung eine Abweichung, da es sich hier nicht um eine nummerische Wertzuweisung handelt. Hier wird von den Codierer*innen ein Text zu ergänzenden Beobachtungen und Auffälligkeiten formuliert. Dieser Text wird mit in die Datenbank übertragen, kann durch seine spezifischen Eigenschaften aber nicht quantitativ verarbeitet werden. Insgesamt werden 28 neue Variablen in der Nacherhebung erhoben, um die spezifischen Kriterien zu prüfen. Die Ausprägungen der Variablen der Nacherhebung sind teilweise unterschiedlich. So gibt es mehrere Variablen, die einen Wert von 0-1 einnehmen können und so als bi-nominale Variablen gelten. Variable 48 („Welche Kosten Extra“) kann hingegen die Werte 0-7 annehmen. Unabhängig von ihren Ausprägungen sind durchgängig alle Variablen der Erhebung nominal skaliert. Aus den möglichen Ausprägungen kann keine Reihenfolge oder ein messbarer Abstand hergeleitet werden. Dies hat bedeutende Folgen für die Datenbankauswertung. Die Besonderheit an Variablen der Nominalskala ist, dass sie sich zwar eindeutig zuordnen lassen, aber kaum statistische Berechnungen ermöglichen. So kann durch lineare Modelle das Vorliegen oder das Fehlen eines Attributs geschätzt werden. Bei dieser Kodierung „stellt die Gruppe, die mit 0 kodiert wurde […] den Bezugspunkt für die Berechnung der Effektschätzung dar” . Durch das Erhebungsdesign ergeben sich konkrete Ziele für die Untersuchung. So ist herauszufinden, ob die Kriterien erfüllt werden, ob sich aus ihrer Häufigkeit eine Schieflage in der Analyse ergibt und ob sich bestimmte Ausprägungen überschneiden. Beispielhaft steht dafür, dass in der Untersuchung ein Unternehmen aus einem bestimmten Land ist oder nicht. Es kann seinen offiziellen Stammsitz nicht in mehreren Ländern gleichzeitig haben. Gleichzeitig ist bei der quantitativen Auswertung der Sitz nicht höher zu bewerten, als der Zeitpunkt, an dem das Abkommen geschlossen wurde. Eine Bewertung kann erst mit Hilfe einer Kontextualisierung und schließlich der qualitativen Methoden durchgeführt werden. Ein mögliches Verfahren für die Bearbeitung der Daten ist die Kontingenztafel (oder auch Kreuztabelle). Hier werden Merkmalsausprägungen verschiedener Variablen (mindestens einer erklärenden Variable A und einer zu erklärenden Variable B) übereinandergelegt, um ihre Häufigkeitsverteilung sichtbar zu machen. Durch eine zu erwartende Normalverteilung, die sich aus der Gesamthäufigkeit der zugrundeliegenden Zahlen ergibt, lassen sich Abweichungen ausmachen. Aus diesen Abweichungen lassen sich die Einflüsse der erklärenden 344 Engel und Wuggenig 2012, S. 239. 345 Mayring 2015, S. 16. 103 Variable auf die erklärte Variable zeigen. Der Abgleich zur Normalverteilung entsteht als eine Häufigkeit bezogen auf die Fallzahl, aber auch in Bezug auf die Spalte und Reihe der Kreuztabelle. Als Interpretationsmuster lässt sich daraus schließen, ob Variable X die Verteilung der Häufigkeit einer Merkmalsausprägung bedeutend beeinflusst. So wird ein direktes Abbild der Datenbank aufgezeigt. Durch die Nutzung computergestützter Analyseverfahren kann der Einfluss der transnationalen SDe in der EU auf Information und Konsultation geprüft werden, in dem die Variablen mit allen erhobenen Dokumenten „übereinander gelegt“ werden. Es wird hier durch eine Vollerhebung eine verlässliche Häufigkeitsverteilung mit ihren Abweichungen von der Normalverteilung abgebildet. Pilot-Phase: Pretests und Datenbereinigung Auf Grundlage dieser Ergebungsbögen und des Codebooks kann im nächsten Schritt manuell die Erhebung vorgenommen werden. Hierzu werden die Dokumente auf die erstellten Oberbegriffe überprüft und auf dem Erhebungsbogen die entsprechenden Ergebnisse notiert. Um für die eigentliche Auswertung Fehler zu minimieren, werden dabei zwei Verfahren zusätzlich durchgeführt. Pre-Test Mit einem Testlauf anhand eines kleinen test samples aus allen Dialogformen müssen vorher die klassischen Gütekriterien, Reliabilität und Validität , getestet werden, um die Fehleranfälligkeit des Erhebungsbogens zu reduzieren. Übliche Fehler sind einerseits ungenaue oder unvollständige Kategorien, die nach dem Pre-Test vervollständigt werden können. Oder andererseits missverständliche Definitionen und Arbeitsaufträge für die Codierer*innen, wodurch eine fehlerhafte Erhebung möglich ist. Ziel ist es, die Gültigkeit und Reproduzierbarkeit der Daten zu gewährleisten. Die Reliabilität wird in dieser Untersuchung durch zwei Tests gewährleistet. Die Daten des Projektes A7 wurden durch parallele Tests überprüft, bei denen die Codierer*innen ausgewählte Dokumente erheben und die Erhebung vergleichen. In dieser Untersuchung wird die Reliabilität der Nacherhebung zudem durch Re-Tests sichergestellt. Dabei werden Dokumente erneut erhoben. Die Validität wird durch Tests aus den Extremgruppen erreicht, hier aus den verschiedenen Sozialen Dialogen, und der Einbeziehung von Au- ßenkriterien, also vergleichbaren Studien zum Untersuchungsgegenstand. Da es für den Untersuchungsgegenstand keine weiteren vergleichenden Studien in 346 Mayring 2015, S. 123. 347 Ebd. 104 diesem Umfang gibt, werden Kriterien zu den jeweils einzelnen Dialogformen hinzugezogen. Datenbereinigung Nach dieser Fehleranalyse werden alle Dokumente mit Regelungen zu Information und Konsultation erhoben, um physisch die Informationen abzubilden. Daran anschließend werden diese Erhebungsbögen für die Verarbeitung und Auswertung quantifiziert. Daraus ergibt sich allerdings ein Übertragungsproblem, so dass eine Datenbereinigung vorgenommen werden muss. Hierbei gilt es verschiedene Vorgänge zu beachten. So wird die Datenbank durch die Überprüfung der Kodiereinheiten unter anderem auf Tippfehler geprüft, Fehlende Daten (Missings) ermittelt, Ausreißer festgestellt, Dopplungen entfernt, Variablen für die Analyse transformiert sowie (fast) perfekte Korrelationen zwischen Variablen überprüft. Main-Phase: Durchführung der Analyse und Ergebnisdarstellung Sobald alle vorherigen Schritte abgeschlossen sind, beginnt die Hauptphase der Untersuchung. Sie hat zum Ziel, die Analyse durchzuführen und ihre Ergebnisse darzustellen. Die Betonnung in dieser Untersuchung liegt auf den rechtlich verbindlichen Outcomes der europäischen SDe. So wird jedes Outcome auf die Kriterien überprüft und sichtbar gemacht. Jeweilige Leistungen in den Dialogformen werden durch diese Erhebung operationalisierbar gemacht. Für die Forschungspraxis dieser Untersuchung wurde ein bestimmter Ablauf für die Durchführung beibehalten: (a) Mittels der Kontextfaktoren wird strukturiert dargestellt, wie sich die Outcomes jeweils dem Datum (Variable: Datum), dem Sitz (Variable: AG_Sitz) und dem Sektor (Variable: AG_Sektor) zuordnen. Aus dieser Zuordnung ergibt sich eine Normalverteilung der Outcomes. (b) Daran schließt eine Inhaltsanalyse an, die anhand der spezifischen Kriterien die Normalverteilung erklärt. Die Inhaltsanalyse besteht hier aus zwei formalen Schritten. Zunächst erfolgt in der Datenbank ein Abgleich der strukturellen Kontextfaktoren mit den definierten Variablen zu Information und Konsultation durch Kreuztabellen in SPSS. Hieraus ergibt sich eine Häufigkeitsverteilung der verschiedenen Merkmalsausprägungen. Beispielhaft zeigt sich, wie häufig Rechtzeitigkeit in Outcomes definiert ist und ob der Sektor diese Häufigkeit beeinflusst. 348 Diese Überprüfung entspricht dem empfohlenen Vorgehen von Tabachnick und Fidell 2007, S. 60. 105 Zudem können anhand der Normalverteilung Outcomes, die als Ausreißer gelten, kenntlich gemacht werden. Diese werden im nächsten Schritt qualitativ gesichtet und die Ursachen für die Abweichung in einen Kontext gesetzt. Als Beispiel zeigt sich, dass sehr häufig Unternehmen aus Österreich Zugangsrechte gewährleisten. Dies steht in Zusammenhang mit nationalen Regelungen, die auch auf europäischer Ebene angewandt werden. Insgesamt entsteht durch dieses Vorgehen eine umfangreiche Ansammlung an Informationen, die in der Gesamtbetrachtung sowohl eine positive als auch eine negative Einordnung der Outcomes möglich macht. (c) Die Abfolge der Ergebnisdarstellung ergibt sich aus dem vergleichenden Charakter der empirischen Untersuchung und der aufgezeigten Anbindung an staatliche Durchsetzungsmechanismen. Zunächst wird die Abweichung zwischen Dokumenten, die Information und Konsultation regeln, und der Gesamtzahl an Dokumenten in der Datenbank dargestellt. Dies erlaubt im Verlauf eine Einschätzung und Rückführung auf die Gesamtheit der transnationalen Sozialen Dialoge. Darauf folgt die Darstellung der Ergebnisse nach den verschiedenen Dialogformen. Dabei schließt jede Dialogform mit einem Zwischenfazit ab. Ziel der empirischen Untersuchung ist, den Arbeitsschwerpunkt so präzise wie möglich abzubilden, ohne die Fähigkeit vorsichtiger Generalisierbarkeit zu verlieren. 3.1.2 Leitfadengestützte Interviews Mit der Anwendung leitfadengestützter Expert*inneninterviews findet eine weitere Fokussierung auf die Hypothesen und die Fragestellung der Untersuchung statt. So ist eine Besonderheit der Expert*inneninterviews, dass die Biographie der interviewten Person in den Hintergrund rückt und dafür ihre Funktion als Expert*in hervorgehoben wird. Wodurch eine Unterscheidung in Lai*in und Expert*in anhand des Untersuchungsgegenstands nötig. Im Folgenden soll kurz das Vorgehen für diese Untersuchung abgebildet werden. Auswahl, praktischer Ablauf, Anonymisierung und Implementation Für die Untersuchung wurden nur Personen ausgewählt, die über wissenschaftliche oder praktische Expertise verfügen. Es handelt sich bei den Interviewten um Personen mit unterschiedlichem Zugang zum Untersuchungsgegenstand. Sie 349 Einen umfangreichen Überblick zum Ablauf von Interviews, den Stärken und Grenzen dieser Methode stellen Gläser und Laudel 2010 dar. Mit dem Ziel einer konsistenten Umsetzung der Interviews richtet sich die Durchführung der Interviews in dieser Untersuchung nach dem dort empfohlenen Verfahren. 350 Mey und Mruck 2010b, S. 427. 106 können sich dabei in einer Rolle befinden, die Ihnen einen Überblick über die allgemeinen Entwicklungen der Sozialen Dialoge ermöglicht. Oder die Person kann auch mit nur einem spezifischen Aspekt, wie zum Beispiel einem Europäischen Betriebsrat, zu tun haben. Expert*innen sind hier Personen, die „aufgrund ihrer Position über besondere Informationen verfügen“ . Diese Position soll durch eine Zuordnung sichtbar gemacht werden. So unterteilt sich die Gruppe der Interviewten zu einem Teil in wissenschaftliche Expert*innen, zum anderen Teil in Personen mit praktischer Expertise. Eine praktische Erfahrung gliedert sich zudem in die Arbeitnehmer*innenseite und die Arbeitgeber*innenseite. Dies ist wichtig, da hier partielle Interessengegensätze zugrunde liegen. Insgesamt wurden auf dieser Basis zwölf Interviews durchgeführt. Diese unterteilen sich in sechs Personen, die sich wissenschaftliche mit transnationalen Sozialen Dialogen oder speziell mit Information und Konsultation auseinandersetzen. Sowie sechs Personen, die praktisch mit oder in diesen Dialogen arbeiten. Die Bedeutung der jeweiligen Person für die Sozialen Dialoge wird im jeweiligen Kontext der Arbeit vorgestellt – etwa in Abschnitt 4.2, den Fallstudien. Zudem gibt es durch die obligatorische Anonymisierung der Interviewten eine Umschreibung der jeweiligen Personen im Anhang. Aus der Forschungspraxis haben sich aus verschiedenen Gründen zwei Typen von Interviews ergeben, das persönliche Gespräch und das Telefoninterview. Bei der Durchführung zeigt sich eine wichtige Einschränkung bei den Telefoninterviews. Es können, wie beim face to face Interview, Fragen an den Interviewten gerichtet werden, allerdings hat der Interviewer „deutlich geringere Kontrolle über das Gespräch und eine geringere Ausbeute an Informationen.“ Zudem bleiben, im Gegensatz zu dem face to face Gespräch, die Gestik und Mimik des Interviewten unklar, es besteht keine Möglichkeit, weitere hilfreiche Dokumente auszutauschen oder Hintergrundinformationen zu sammeln. In der Untersuchung durften alle Interviews aufgezeichnet werden, wodurch sie im nächsten Schritt transkribiert werden konnten. Hierfür gibt es keine allgemeingültigen Vorgaben , dennoch werden für die Untersuchung ein paar Regeln angewandt. Bei der Transkription wird die Standardorthographie verwendet 351 Gläser und Laudel 2010, S. 11. 352 Diese Anzahl an Interviews wird durch die Einbettung in den Forschungsrahmen vervielfältigt. So wurden für das gesamte Forschungsprojekt 53 Interviews geführt – 25 Interviews mit Wissenschaftler*innen und 28 Interviews mit Personen, die praktisch mit oder in transnationalen Dialogen arbeiten (siehe Mückenberger und Nebe 2017 (im Erscheinen)). 353 Gläser und Laudel 2010, S. 153. 354 Ebd. 355 Ebd., S. 193. 107 und nicht literarische Bezeichnungen. Zudem sind Gesprächspausen, die jeweilige sprechende Person und unverständliche Passagen gekennzeichnet. Nicht notiert wurden lachen, räuspern und andere Besonderheiten. Da die Anonymität der befragten Person gewahrt werden muss, ergibt sich für die Widergabe der Inhalte eine einheitliche Anonymisierung. Ziel der Anonymisierung ist es, eine vertrauliche Basis herzustellen, die zu einem erhöhten Grad der Informationsgewinnung führt, ohne dass dies mit Konsequenzen für die Personen behaftet ist. Basierend auf der Expertise erfolgt die Anonymisierung in eine standardisierte Kombination, die darauf rückschließen lässt, in welcher der oben genannten Funktionen die Person interviewt wurde. Dazu sind drei Schritte notwendig: (a) Wissenschaftler*innen werden mit einem W gekennzeichnet, Expert*innen aus einem Arbeitgeber*innen- oder Arbeitnehmer*innenverband mit V und Expert*innen aus Unternehmen mit U. (b) Zur Präzisierung wird bei Wissenschaftler*innen unterschieden zwischen arbeitsschwerpunktübergreifenden (aü) und arbeitsschwerpunktspezifischen (as) Expert*innen. Personen aus einem Verband werden in Arbeitgeber*innenverband (av) und Gewerkschaft (gw) unterteilt. Personen aus Unternehmen unterteilen sich in Arbeitgeber*innen (ag) und Arbeitnehmer*innen (an). (c) Zur eindeutigen Benennung werden zudem die Interviews durchnummeriert. Diese Unterteilung wird auch bei den Fallstudien angewandt. So wird eine Arbeitnehmerin im Europäischen Betriebsrat eines Unternehmens abgekürzt als: U an [Interviewzahl]. In dieser Untersuchung werden die leitfadengestützten Interviews bereits nach der Hypothesenbildung in den methodischen Ablauf implementiert. So laufen die quantitative Datenerhebung und die qualitativen Interviews parallel zueinander. Dies hat den Vorteil, dass die Bewertung der Hypothesen im Vordergrund der Untersuchung steht und bereits in der Phase der Datenerhebung Abweichungen zwischen den schriftlichen Vereinbarungen und Praxiseindrücken der Expert*innen auffallen. Im praktischen Vorgehen in der Untersuchung kann somit hier bereits ein erstes Zwischenfazit erfolgen. 3.1.3 Fallstudien Im Forschungsablauf folgt die Implementation der Fallstudien im Anschluss an die Informationserhebung und die gemeinsame hypothesenbezogene Zwischen- 356 Gläser und Laudel 2010, S. 279. 108 bilanz der Inhaltsanalyse und Expert*inneninterviews. Methodisch wird hier ebenfalls auf leitfadengestützte Interviews aufgebaut, die aber direkt in den entsprechenden Fällen (hier zwei Unternehmen) geführt werden. Fallstudien bieten die Möglichkeit, spezielle Informationen über einen Fall (oder wenige Fälle) aufzuarbeiten und durch die Erhebung zusätzlicher Informationen umfassender zu analysieren. Sie dienen in der Wissenschaft der „Erklärung“, „Beschreibung“, „Illustration“ oder „Hervorhebung“ . Durch die verschiedenen Ansätze und der Möglichkeit, sie in unterschiedliche Forschungsdesigns zu integrieren, bieten sich eine oder mehrere Fallstudien besonders für einen Methoden-Mix an. Design, Auswahl und praktisches Vorgehen Dabei sind das Design und die Auswahl der Fallstudien von besonderer Bedeutung. Ein Fall soll hier mehr Informationen über die Normbildung und Normverbreitung gewinnen, die sich aus der Datenbank nicht ergeben. Dies trifft auf Unternehmen und Verbände und staatliche Institutionen zu, da diese Akteure im Zentrum der Normbildung, Normverbreitung und gesetzlichen Durchsetzung sind. In dieser Untersuchung wird ein Design mit zwei Unternehmensfallstudien ausgewählt, um mehr (praktische) Informationen für die Hypothesenbewertung zu sammeln. Darüber hinaus bietet es sich hier an, Unternehmen mit Zugang zu mehr als einer Dialogform auszuwählen, um genauer auf die Entwicklung der transnationalen SDe und ihrer möglichen Verbindung in der Praxis eingehen zu können. Für die Auswahl gab es bereits einige wichtige Vorkenntnisse. So waren wichtige Auswahlkriterien die Abweichungen von den prozeduralen Vorgaben des europäischen Rechtsrahmens und Hinweise von Expert*innen auf praktische Besonderheiten. Ziel dieser Fallstudien war die Sammlung von ergänzenden Informationen über die Einbettung der Informations- und Konsultationsmechanismen in Unternehmen. Entsprechend bewusst wurde ein Telekommunikationsunternehmen ausgewählt, dass - durch seine ehemals staatliche Verwurzelung - einen besonderen Zugang zum sektoralen Sozialen Dialog verfügt und darüber mögliche Auswirkungen eines Wandels von Staatlichkeit sichtbar werden. In der Datenbank ist das frühzeitige sektorale Engagement hervorzuheben. In Vorgesprächen wurde zusätzlich auf die hohe Verwobenheit der Telekommunikationsbranche in der 357 Yin 2009, S. 19. 358 Ebd., S. 24. 359 Einen Überblick zu Fallstudien sowie der Auswahl von Designs und Falltypen bieten Yin 2009, S. 53 und Schreier 2010. 109 EU durch Übernahmen, Tochtergesellschaften und Spin Offs verwiesen. Im ausgewählten Fall existiert außerdem seit längerer Zeit ein Europäischer Betriebsrat, so dass in den Interviews mögliche Überschneidungen der Dialogformen erfragt wurden. So können die Outcomes für Information und Konsultation dialogübergreifend in einem Unternehmen überprüft werden. Zudem soll mit einem sehr großen deutschen Chemieunternehmen besonders die Einbindung von Europäischen Betriebsräten in die transnationale Normbildung überprüft werden. Die erkennbare Besonderheit bei diesem Unternehmen liegt in der Festschreibung von unterschiedlichen Gremien innerhalb der frühzeitig etablierten Europäischen Betriebsratsvereinbarung. Zusätzlich existieren verbindliche Abkommen, die auf europäischer Ebene über keinen staatlichen Durchsetzungsmechanismus verfügen. An diesem Fall können neue Informationen über die Ausdifferenzierung transnationaler Sozialer Dialoge und dem Bezug auf europäische Regulierungen gewonnen werden. Zugleich stellt der Chemiesektor einen sehr aktiven Bereich in der europäischen Normsetzung dar. Durch beide Fallstudien lassen sich neue Informationen für die Entwicklung von normbildenden und -verbreiternden Leistungen und ihrer praktischen Wirksamkeit im Arbeitsschwerpunkt Information und Konsultation erlangen und analysieren. Zudem können die zusätzlichen Ergebnisse der empirischen Nacherhebung in einen qualitativen Rahmen gesetzt werden. 3.1.4 Diffusionsanalyse Diffusion wurde bereits in der politikwissenschaftlichen, betriebswirtschaftlichen und Literaturanalyse erfolgreich nachvollzogen und erfasst Normen oder Ideen, die ausgehend von einem Startpunkt in andere Politikfelder, Unternehmen oder über Regionen hinaus verbreitet werden. Für Untersuchungen mit Fokus auf die Normbildung gibt es bis jetzt noch keine systematische Diffusionsmethodik. Dabei kann gerade hier davon ausgegangen werden, dass konkrete Normen entweder zwischen Rechtsrahmen „wandern“ oder auf supranationaler Ebene neue Normbildung entsteht und bestehende Normen dabei identisch übernommen werden oder modifiziert Geltung bekommen. Diese Untersuchung bildet somit einen ersten Versuch, Normdiffusion anhand der Normbildung durch die transnationalen Sozialen Dialoge mit dem Fokus auf Information und Konsultation zu beleuchten. In dem hier gebotenen Umfang können nur Aussagen über Existenz von Normdiffusion getroffen werden, nicht über ihre Generalisierbarkeit. 360 Rogers 2003; Keller 2004; Brach 2005; Holzinger et al. 2007; Börzel und Risse 2009; Karnowski 2011; Yang 2016. 110 Definition Für die methodische Bearbeitung bedeutet Diffusion in der Untersuchung die Verbreitung von Regelungsgegenständen, die sich aber auf eine Ursprungsnorm zurückführen lassen. Sie „wird als ein Prozess beschrieben, bei dem Innovationen durch Kanäle über einen bestimmten Zeitraum unter Mitgliedern eines sozialen Systems kommuniziert werden. Diffusion stellt somit im Grunde eine spezielle Form der Kommunikation dar“ . Innovativ ist die Diffusion für diese Untersuchung, wenn es für das Regelungsprinzip zu einer Verbreiterung des Regelungsgegenstandes kommt, und keine Gleichzeitigkeit der Regelungen vorliegt. Neben der zeitlichen Komponente ist auch der Kontext wichtig, um zu erkennen, ob ein Bezug vorliegt und so eine „Normwanderung“ stattgefunden hat. Nur so kann ausgeschlossen werden, dass die Normen nicht unabhängig voneinander entwickelt wurden. Praktische Analyse Die explorative Forschungspraxis basiert auf zwei unterschiedlichen Vorgehensweisen. Besonders ist hieran, dass durch die bisherigen Methoden vertiefend die Sozialen Dialoge untersucht wurden, mit der Diffusionsanalyse aber ein exploratives Element hinzukommt. Im Gegensatz zu einem sehr linearen Ablauf müssen dabei die Suchkriterien wiederholend angepasst werden. Für die Implementation in das Forschungsdesign bietet sich, durch das notwendige Vorwissen, die Diffusionsanalyse als ergänzender, abschließender Schritt zur Datenanalyse an. Wie die Fallanalyse kann sie in einem begrenzten Rahmen weiterführende Ergebnisse für die Bewertung der transnationalen Sozialen Dialoge liefern. In der Analyse werden quantitativ durch eine deduktive Datenbanksuche die Widerkehr der ausgewählten Regelungsprinzipien in verschiedenen Normtexten überprüft. Als Datenbanken stehen in dieser Untersuchung Juris und Eurlex zur Verfügung. Zudem werden qualitativ ausgewählte Regelungsprinzipien induktiv aus den Outcomes der transnationalen Sozialen Dialoge ermittelt. Diese Regelungsprinzipien werden daraufhin auf eine Diffusion in andere Bereiche der SDe geprüft. Deduktiv Deduktives Vorgehen heißt, dass die Abkommen der Sozialen Dialoge selbst Regelungsgegenstände hervorbringen, die diffundieren können. Hier schließt 361 Mückenberger und Nebe 2017 (im Erscheinen, Hervorhebung im Original). 362 Bei diesem Vorgehen handelt es sich um eine Adaption von Diffusionsanalysen auf die Normbildung in transnationalen SDe aus anderen Disziplinen. Sehr nahe kommt diesem Vorgehen die Diffusion von Innovationen in Netzwerken bei Rogers 2003; Tews 2011. 111 sich ein eher heuristisches Verfahren an, da die einzelnen Dokumente selbst zum „Sender“ und/oder „Empfänger“ diffundierender Regelungsgegenstände werden können. Praktisch ist davon auszugehen, dass besonders bei den geschlossenen, rechtsverbindlichen Outcomes innovative Regelungskonzepte für allgemeine oder sektorale Bedürfnisse entwickelt werden. Nach dieser manuellen Zuordnung kann statistisch erfasst werden, wann welches Unternehmen oder welcher Verband ein Thema bearbeitet hat und ob danach durch die Diffusion supranational eine Norm gebildet wurde. Induktiv Induktiv wird anhand festgelegter Regelungsbegriffe, Rechtsgrundlagen und Rechtswerdung in den verschiedenen Datenbanken, wie EurLex , gesucht. Verschiedene Suchbegriffe in Deutsch und Englisch können dabei in ihrer Zusammenfassung und Kumulation ein Regelungskonzept bilden. Grundlage sind die Kriterien für Information und Konsultation. Ein Abgleich ermöglicht die Entwicklung bestimmter Regelungsprinzipien nachzuvollziehen. Dieses Vorgehen ermöglicht es die zeitlich genaue Wiedererkennung von bekannten Begriffen der Sozialpartner in offiziellen Dokumenten der EU-Institutionen sowie der Mitgliedsländer und erlaubt damit einen ersten Schluss zu fassen, ob Begriffe und Konzepte innovativ bei den Sozialpartnern vorkommen und wann bzw. wie diese in offizielle Normen des Rechtsrahmens diffundieren. Zwischen der Entstehung einer Regelung in dem transnationalen Sozialen Dialog und der Entwicklung in Institutionen zur Norm kann dabei aus zwei Gründen eine zeitliche Verschiebung bestehen. Einerseits muss sich das innovative Konzept erst etablieren, bevor es über den Bereich hinaus wahrgenommen wird. Zweitens benötigt es durch unterschiedlich enge Kooperationen der sektoralen Netzwerke unterschiedlich lange Zeitspannen. Eine genaue Rückführung der Norm auf die Ursprungsregelung, und umgekehrt, beinhaltet durch die Dauer und verschiedene Netzwerkkonstellationen somit eine Unschärfe. Sollte in dieser Untersuchung eine Diffusion ermittelt werden, kann diese Unschärfe hier nicht ausführlich überprüft werden und sollte Teil weiterer Forschungsvorhaben sein. 363 Dieses Vorgehen baut unter anderem auf die ersten Erkenntnisse zur Normverbreitung durch qualitative Vergleiche von Normen bei Deakin und Koukiadaki 2010 auf. 364 Zugänglich unter: http://eur-lex.europa.eu/advanced-search-form.html, letzter Zugriff: 29.04.2016. 112 3.2 Zusammenfassende Darstellung der Methoden In diesem Kapitel wurde dargestellt, dass für die Untersuchung ein Mixed- Method-Design verfolgt wird. Die Forschungsmethoden darin sind eine Inhaltsanalyse, leitfadengestützte Expert*inneninterviews, Fallstudien und eine Diffusionsanalyse. Für eine vergleichende Analyse der Dokumente der Sozialen Dialoge in der EU, mit dem Fokus auf Information und Konsultation und dem Ziel einer Hypothesenprüfung, ergibt sich ein systematischer Untersuchungsablauf mit quantitativem Schwerpunkt (QUANT qual). Abbildung 5: Implementation der Methoden im Forschungsdesign Eigene Darstellung Wie im Kapitel weiter ausgeführt, soll, basierend auf den verschiedenen Erhebungs- und Auswertungsmethoden, ein möglichst genaues Bild über die Normbildung und Normverbreitung in den transnationalen Sozialen Dialogen erho- 113 ben werden, um abschließend über die Grenzen der Dialogformen eine umfassende Bewertung der Hypothesen vorzunehmen. Dieser Schritt lässt Rückschlüsse und Tendenzen auf den Wandel aktueller Staatlichkeit anhand Sozialer Dialoge zu. Im nächsten Kapitel wird aufbauend auf die Erkenntnisse des Forschungsstandes und des Forschungsdesigns die vorgestellte Methodik angewandt. Die erhobenen Daten der vier Methoden werden analysiert und jeweils für den Abschnitt in einem Zwischenfazit sowie in einer vergleichenden Synthese bewertet.

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Zusammenfassung

Mit einer politikwissenschaftlichen Perspektive untersucht Philipp Gies, welche Entwicklungen transnationale Soziale Dialoge in der EU durchlaufen haben und welche Rolle sie jeweils einnehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Fragen: Nimmt die Aushandlungsaktivität von transnationalen Sozialen Dialogen zu? Produzieren sie auch sozialstaatsadäquate Arbeitsrechtnormen, die früher Staaten vorbehalten waren? Und zu welchem Zeitpunkt sind die Aktivitäten eher normkonkretisierend oder eher norminitiierend? Die Erkenntnisse dieser Untersuchung geben so einerseits weiteren Aufschluss über die im Arbeitsrecht viel diskutierte These des “Bargaining in the Shadow of the law”, andererseits wird das Konzept der Transnationalisierung durch Internationalisierung und Privatisierung weiterentwickelt. Aufbauend auf einer umfassenden Auswertung von 2900 Verhandlungsergebnissen (allen bisher bekannten Verhandlungsergebnissen Sozialer Dialoge in der EU) wird ein detaillierter Blick auf die Regelungen zu Partizipation geworfen. Im Fokus stehen dabei sowohl sektorübergreifende/sektorale Soziale Dialoge als auch Europäische Betriebsräte und Transnationale Unternehmensabkommen. Auffällig sind dabei besonders die verschiedenen Akteurskonstellationen sowie in welchem Umfang im europäischen Kontext verbindliche Verhandlungen getroffen werden, denn diese Entwicklungen erlauben einen Blick auf sozialstaatliche Entwicklungspotentiale hybrider (staatlich/nicht-staatlicher) Normgebungsverfahren.