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9. Schlussbetrachtung und Ausblick in:

Judith Böddeker

Der Einsatz von Vokabellernstrategien in Alphabetisierungskursen, page 187 - 192

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4141-3, ISBN online: 978-3-8288-6995-0, https://doi.org/10.5771/9783828869950-187

Tectum, Baden-Baden
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Schlussbetrachtung und Ausblick Ziel dieser Arbeit war es, aufzuzeigen, dass trotz großer Heterogenität der TN in Bezug auf ihre Erstsprache und ihren Lernstand schon in Basis-Alphabetisierungskursen ein expliziter Einsatz von Lernstrategien möglich und sogar effektiv ist. Es wurden drei Lernstrategien getestet und anhand von LFKs ausgewertet, mit welcher Strategie die besten Ergebnisse erzielt wurden. Außerdem hatten die TN nach der Einführung aller zu testenden Strategien die Möglichkeit, selbstständig eine auszuwählen, um neuen Wortschatz zu lernen. Mittels eines Signifikanztests wurde zunächst überprüft, ob die angewandten Testformen (LFKs) einen ansteigenden Schwierigkeitsgrad haben. Gemäß Hypothesentest kann davon ausgegangen werden. Es zeigte sich ein signifikanter Leistungsunterschied für die verschiedenen Lernstrategien: Das beste Ergebnis wurde erzielt, wenn die TN sich selbst eine Wortschatzlernstrategie aussuchen durften. Innerhalb der drei Strategien ohne Selbstauswahlmöglichkeit wurde mit den Karteikarten am erfolgreichsten gelernt. Es ist jedoch auf die recht kleine Stichprobe dieser Untersuchung hinzuweisen und die sich daraus ergebende eingeschränkte Generalisierbarkeit (s. Kapitel 8.1). Für zukünftige Forschungen zu diesem Thema empfiehlt es sich daher nach Möglichkeit mit größeren Stichproben zu arbeiten, um die externe Validität zu erhöhen. Der explizite Einsatz von Vokabellernstrategien in der fremdsprachlichen Alphabetisierung von Erwachsenen war bisher nicht Forschungsgegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung. Diese Arbeit soll daher helfen, die Erwachsenen-Alphabetisierungsarbeit von Migranten zu verbessern. Neben den Ergebnissen, die unter realen Bedingungen gewonnen wurden, war es das Ziel, unter Einbeziehung der Sprachlehrforschung für DaZ/DaF, einen empirischen Beitrag zum aktuellen Forschungsstand im Bereich der fremdsprachlichen Alphabetisierung im unmittelbar praxisbezogenen Feld zu leisten. 9. 187 Vorstellbare weitere Forschungsarbeiten in diesem Bereich liegen u. a. darin, vermehrt Erkenntnisse über die heterogene Zielgruppe der TN in Alphabetisierungskursen und ihr spezifisches Lernverhalten zu gewinnen. Neben den hier erforschten Vokabellernstrategien erscheint z. B. die Analyse von weiteren Vokabellernstrategien sowie von Vermeidungsstrategien und Kompensationsstrategien sinnvoll, um deren Einfluss auf den individuellen Lernprozess herauszufinden. Ein Forschungsdesiderat hinsichtlich des Arbeitens mit Lernstrategien wäre, herauszufinden, ob Probanden auch nach einem langen Zeitraum die Lernstrategien noch einsetzen. Zudem könnten die Lernerfolge mit anderen Strategien in Alphabetisierungskursen gemessen werden, bspw. das Arbeiten mit Notizzetteln oder (in etwas höheren Kursen) mit Mindmaps. Auch die Fragen, welcher Zusammenhang zwischen individuellen Lernhintergründen und zwischen einem bestimmten Bildungsstand und der Wahl einer präferierten Lernstrategie besteht, sind interessante Studiengrundlagen für weitere Arbeiten. Zum Beispiel wäre es möglich, die Unterscheidung zwischen primären Analphabeten und Zweitschriftlernern in Hinblick auf die Strategieauswahl in einer Studie zu untersuchen, um so wissenschaftlich belegbare Rückschlüsse darauf ziehen zu können, welche Strategien sich besonders für Analphabeten ohne bzw. mit Schulbildung eignen. Außerdem stellt sich die Frage, ob in höheren Alpha-Kursen dieselben Strategien eingesetzt werden sollten wie in Basiskursen oder ob andere, kognitiv anspruchsvollere Strategien zu besseren Lernfortschritten führen würden. Dies alles könnte eine Grundlage für die Planung binnendifferenzierter Strategievermittlung in Alphabetisierungskursen darstellen. Die im BAMF-Konzept aufgeführten globalen Lernziele in Alphabetisierungskursen, die Vorteile des autonomen Arbeitens in den sehr heterogenen Gruppen der Zweitalphabetisierung sowie das in Kapitel 4.4.1 erstellte System für geeignete Strategien für besagte TN lassen darauf schließen, dass Vokabellernstrategien auch in Basis-Alphabetisierungskursen dazu beitragen, das Lernen von neuem Wortschatz zu erleichtern. Voraussetzung für den expliziten Einsatz von Vokabellernstrategien ist zum einen, dass diese ausführlich eingeführt werden, damit die TN eindeutig wissen, wie sie die Strategie anwenden sollen. Zum ande- 9. Schlussbetrachtung und Ausblick 188 ren empfiehlt es sich, dass die Prozesse des Wahrnehmens, Erkennens und Verstehens von Buchstaben schon ineinandergreifen, um nachhaltiges Lernen zu ermöglichen (vgl. Traugott-Hajdu 2014: 44). Sind diese Kenntnisse vorhanden, kann es viele Vorteile haben, im Kontext der fremdsprachlichen Alphabetisierung mit Lernstrategien zu arbeiten: Sie fördern das selbstständige Arbeiten und sie können binnendifferenziert eingesetzt werden. Jeder Lerner entscheidet selbst, wie viele Wörter innerhalb welchen zeitlichen Rahmens er mit dem Vokabelheft, den Wort-Bild-Karten oder den Karteikarten (oder einer anderen Lernstrategie) üben möchte. Durch die visuell-haptischen Materialien wird das Zusammenspiel von Kopf- und Handarbeit unterstützt. Au- ßerdem sind die Strategien sowohl in Gruppen (vor allem die Wort- Bild-Karten durch „Memory-Spielen“) als auch in Partner- oder Einzelarbeit anzuwenden. Ein weiterer positiver Aspekt der Lernstrategien ist, dass sie sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unterrichts eingesetzt werden können. Zu bedenken ist beim Einsatz von Vokabellernstrategien, dass zu verwendende Bilder eindeutig sein müssen. Eine kleine Einschränkung gibt es hier, da es manchmal sehr schwierig ist, bestimmte Wörter bildlich darzustellen. Bei der Wortgruppe der Adjektive kommt es besonders oft zu Schwierigkeiten. Viele Wortgruppen lassen sich anhand von Bildern auch gar nicht darstellen, wie Konjunktionen oder Adverbien. Weiter muss berücksichtigt werden, dass die Lehrkraft den TN ein Angebot an verschiedenen Strategien geben sollte, um unterschiedliche Lerntypen anzusprechen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in Basis-Alphabetisierungskursen erfolgreich mit Lernstrategien gearbeitet werden kann, nicht kurstragend, aber als konstantes Element, das punktuell anhand von offenen Unterrichtsformen oder als festes Ritual innerhalb von Wortschatzlernphasen eingesetzt werden kann. Besonders die Strategie „Karteikarten“ fördert durch ihr komplexes System, selbst zu entscheiden, ob ein Wort gut/mittel/schlecht beherrscht wird, das Reflexionsvermögen der TN. Der bewusste Umgang mit Lernstrategien gibt den TN die Chance, ihr eigenes Lernen zu optimieren. In Deutschland ist seit einiger Zeit ein sehr großer Anstieg an neu Zugewanderten ohne Kenntnis des lateinischen Alphabets festzustellen (s. Kapitel 1). Es wird daher immer wichtiger zu verstehen, dass Alpha- 9. Schlussbetrachtung und Ausblick 189 betisierung ein langer Prozess ist und keine Angelegenheit, die innerhalb weniger Wochen abgeschlossen werden kann (s. Kapitel 3.3) und dass diesbezüglich auch geeignete Lehrkräfte eingesetzt werden müssen: „Die Alphabetisierung von Migranten verlangt eine fundierte Ausbildung in zwei Bereichen: im Sprachunterricht und im Schriftsprachunterricht“ (Ritter 2002: 17). Die Lehrkräfte in diesen Kursen stehen vor besonderen didaktischen Herausforderungen und brauchen fundierte Kenntnisse über methodische Vorgehensweisen und zielgruppengerechte Lernmaterialien für die Alphabetisierung in der Zweitsprache. In den letzten Jahren ist in dieser Angelegenheit reagiert worden – so wurde vom BAMF die Zusatzqualifizierung für Lehrkräfte in Alphabetisierung (ZQ Alpha) eingeführt. Ab dem 01.01.2018 dürfen demnach nur noch Lehrkräfte in Alphabetisierungskursen eingesetzt werden, die diese Qualifikation entweder durch ein entsprechendes Studium oder durch eine Zusatzqualifizierung90 in diesem Bereich nachweisen können. Die additive Zusatzqualifizierung darf nur bei einer vom Bundesamt akkreditierten Einrichtung erworben werden.91 Innerhalb der Zusatzqualifizierung gibt es allerdings noch kein Modul im Bereich des Einsatzes von Lernstrategien in Alphabetisierungskursen. Wünschenswert wäre für die Zukunft, dass dieses in den Lehrplan integriert wird, um die Lehrkräfte dahingehend besser zu schulen: „Im Alphabetisierungskurs lernen MigrantInnen also idealerweise lesen und schreiben ebenso wie die Sprache Deutsch mit Grammatik, Wortschatz und Kommunikation und eben als drittes „Fach“ auch noch ad- äquate Lernstrategien für diese zwei Fächer. Idealerweise sind das nicht abstrakte gehaltene Lerntipps, sondern konkrete Strategien für konkrete Lernziele […]. Dafür müssen die Unterrichtenden den Erwerbsprozess 90 Die Zusatzqualifizierung kann sowohl unverkürzt (80 UE) oder verkürzt (40 UE) absolviert werden. Dies hängt von der Art der bereits erworbenen Qualifikationen ab, vgl. http://www.bamf.de/DE/Infothek/Lehrkraefte/Zusatzqualifikation/zusatz – Stand: 18.03.2017. 91 Eine Liste der Anbieter einer Zusatzqualifizierung für Lehrkräfte in Alphabetisierungskursen, die fortlaufend aktualisiert wird, befindet sich unter: http://www.ba mf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Integrationskurse/Lehrkraef te/liste-einrichtungen-zusatzqualifizierung-alpha-pdf.pdf;jsessionid=2C6D0B5F4 C89F7BC1ADB352730A0E4A2.1_cid368?__blob=publicationFile – Stand: 18.03.2017. 9. Schlussbetrachtung und Ausblick 190 gut kennen sowie zu den Lernenden hinschauen und sehen können, was diese brauchen“ (Ritter 2008 b: 91). Es ist zu hoffen, dass viele Kursleiter zukünftig expliziter mit Lernstrategien in ihren Kursen arbeiten, um den TN das Lernen von Wortschatz zu erleichtern. Die überwiegende Zahl der TN, die einen Alphabetisierungskurs besucht, geht davon aus, dass Wortschatz vor allem beiläufig erworben wird (vgl. Markov/Scheithauer/Schramm 2015: 147). TN auch im Unterricht ein Angebot für strukturiertes Lernen von neuem Wortschatz zu machen, ist aber äußerst sinnvoll. Dies kann mithilfe von Vokabellernstrategien realisiert werden. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass Lernstrategien nur eine Variable von vielen sind, die den Erfolg oder Misserfolg im Fremdsprachenlernen beeinflussen. Ein großer Wunsch hinsichtlich der Unterstützung der Lehrkräfte ist zudem, in Alphabetisierungskursen die TN stärker nach ihren bisherigen Sprach/Schriftsprachstand zu trennen. Damit ist gemeint, dass es vermehrt spezielle Kurse nur für primäre Analphabeten, Zweitschriftlerner und funktionale Analphabeten geben sollte, um die Zielgruppe zu homogenisieren und für sie passende Strategien und Methoden einsetzen zu können. Auch bei einer Gruppe rein primärer Analphabeten oder bei reinen Zweitschriftlernern wird das Sprach- und Schriftsprachniveau noch sehr unterschiedlich sein, aber der Lehrkraft würde dennoch viel Arbeit in Bezug auf die binnendifferenzierte Materialerstellung abgenommen werden. Ein weiteres Desiderat in diesem Bereich ist es, verstärkt mit lernbegleitenden Interviews durch Dolmetscher zu arbeiten. Sie unterstützen den Reflexionsprozess der Zielgruppe und ermöglichen ein stärkeres Nachdenken über Unterrichtsinhalte und Strategien. Durch sie können anhand von kleinschrittiger Vorgehensweise viele Interessen, Wünsche und Standpunkte der TN in Erfahrung gebracht werden, die sie sich im regulären Unterricht zu äußern scheuen würden, ohne Anleitung nicht reflektieren könnten und sprachlich nicht ausdrücken könnten. Umfangreichere Reflexionsbögen einzusetzen, wäre dagegen für viele TN zu komplex und zu schriftlastig, weshalb lernbegleitende Interviews in diesem Fall zu bevorzugen sind. In diesem Zusammenhang schließt sich die Frage an, ob Methoden der Reflexion für Lerner entwickelt werden können, die nur wenig 9. Schlussbetrachtung und Ausblick 191 reflektieren können. (s. Kapitel 6.4.2). Da (vor allem in kleineren wissenschaftlichen Studien) nicht immer die Möglichkeit gegeben ist, Interviews mit Dolmetschern für zum Teil nicht geläufige Herkunftssprachen (z. B. Dari, Tamil oder Panjabi) durchzuführen, wäre es eine gute Alternative im Bereich der Reflexionsmöglichkeiten für Analphabeten, intensiver zu forschen. 9. Schlussbetrachtung und Ausblick 192

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Zusammenfassung

Die anhaltende Zuwanderung von Flüchtlingen, die oft über gar keine oder nur wenige Schriftsprachkenntnisse verfügen, macht es erforderlich, den Lernern schnellstmöglich Lesen und Schreiben beizubringen. Die Vermittlung von geeigneten Lernstrategien kann dabei unterstützen, diese Fertigkeiten innerhalb und außerhalb des Kurses zu trainieren. Judith Böddeker erprobt im Rahmen ihrer Studie erstmals drei Vokabellernstrategien in Basis-Kursen für nicht (lateinisch) alphabetisierte Migranten. Die Potentiale für den Einsatz von Vokabellernstrategien werden aufgezeigt. Die Autorin stellt dar, welche Schwierigkeiten und Besonderheiten beim Arbeiten mit Lernstrategien innerhalb dieser Zielgruppe auftreten und welche der getesteten Strategien den größten Lernerfolg verzeichnet. Der Leser erhält didaktisch-methodische Anregungen für den Unterricht.