3 Theoretische Perspektiven der Netzwerkforschung in:

Bastian Laier

Soziale Netzwerke von Lehrerinnen und Lehrern, page 59 - 114

Erklärungen und Konsequenzen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4117-8, ISBN online: 978-3-8288-6994-3, https://doi.org/10.5771/9783828869943-59

Tectum, Baden-Baden
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3 Theoretische Perspektiven der Netzwerkforschung Dieses Kapitel widmet sich der Darstellung theoretischer Perspektiven, die im Rahmen der sozialen Netzwerkanalyse eingenommen werden können. Obwohl die soziale Netzwerkanalyse ein relativ neues Paradigma innerhalb der Sozialwissenschaften darstellt, ist sie für sich genommen noch keine eigenständige Theorie (Stegbauer und Hennig 2012). Dennoch existieren in diesem Bereich bereits zahlreiche Ansätze mit unterschiedlichen Erklärungszielen. Eine Sache ist ihnen jedoch gemein: sie berücksichtigen das Relationale zwischen Menschen oder anderen Untersuchungseinheiten. Ein Kernelement dieser Ansätze ist es, dass Beziehungsgeflechte nicht nur als Gegebenheiten betrachtet werden. Sie sind sowohl erklärungsbedürftig als auch folgenträchtig. Aus diesem Grund soll im Folgenden eine Systematisierung der zentralen Perspektiven erfolgen. Wenn von Netzwerktheorien die Rede ist, lassen sich im Allgemeinen zwei Denkrichtungen unterscheiden. Zum einen existieren Theorien, die die Entstehung von Netzwerken beschreiben und zum anderen gibt es ein Theorienangebot, das auf die Folgen von Netzwerken fokussiert. Eine begriffliche Unterscheidung lässt sich anhand des Erklärungsfokus der verschiedenen Ansätze vollziehen. Eine Theorie, die primär Erklärungsansätze für die Formation von Netzwerken liefert, lässt sich als ” theory of networks“ (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 40) einordnen. Theorien, die ihren Fokus dagegen auf die Folgen sozialer Netzwerke legen, lassen sich unter dem Begriff ” network theories“ (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 40) subsumieren. Diese aufgezeigte Zweiteilung soll auch im Hinblick auf die eigenen empirischen Analysen Bestand haben. Netzwerkeigenschaften werden zum einen als Explanandum bzw. abhängige Variable betrachtet, wenn Hypothesen zur Formation von Netzwerken getestet werden. Zum anderen rückt die Bedeutung von Netzwerkeigenschaften als Explanans bzw. 59 unabhängige Variable in den Vordergrund, wenn die Folgen von Netzwerken im Vordergrund stehen. An dieser perspektivischen Zweiteilung orientiert sich dieses Kapitel, sodass in Abschnitt 3.1 zunächst Theorien vorgestellt werden, die sich der Erklärung der Formation sozialer Netzwerke widmen. Im Einzelnen werden die Ansätze von Festinger (1957) und Heider (1958) in Abschnitt 3.1.1 zusammengefast. Neben diesen sozialpsychologischen Ansätzen wird in Abschnitt 3.1.2 auch auf die empirisch gut abgesicherte Homophilie in sozialen Netzwerken eingegangen. Gemeint ist damit, dass Beziehungen zwischen Personen häufig mit Ähnlichkeiten zwischen diesen einhergehen. Diese Ähnlichkeiten unterscheiden sich merkmalsspezifisch und werden dementsprechend vorgestellt. Letztlich wird in Abschnitt 3.1.3 das Rational-Choice-Paradigma herangezogen, das eine dritte Perspektive zur Formation sozialer Netzwerke liefert. Anschließend verschiebt sich in Abschnitt 3.2 der Fokus auf Theorien, die die Folgen von sozialen Netzwerken beschreiben. Es handelt sich dabei um die wohl prominentesten Ansätze des Netzwerkparadigmas. Klassiker wie Granovetters (1973) Stärke schwacher Beziehungen (Abschnitt 3.2.1), Colemans (1988) Sozialkapitalansatz (Abschnitt 3.2.2), Milgrams (1967) small world theory (Abschnitt 3.2.3) sowie Burts (1992, 2002) Theorie der strukturellen Löcher (Abschnitt 3.2.4) werden im Einzelnen dargestellt. Ein Charakteristikum dieser Theorien ist es, dass sie mit Aussagen nach dem Prinzip ” Netzwerkeigenschaft X beeinflusst Outcome Y“ (übersetzt nach Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 40) argumentieren und sich bloß durch eine eigene Schwerpunktsetzung auf spezielle Einzelaspekte sozialer Netzwerke unterscheiden. In Abschnitt 3.2.5 erfolgt deshalb eine Synthese dieser Ansätze. Dem Vorschlag von Borgatti und Lopez-Kidwell (2011) folgend wird ein theoretisches Modell zu Grunde gelegt, welches die Gemeinsamkeiten der dargestellten Ansätze vereint und als basales theoretisches Konstrukt leitend für die Formulierung der empirisch zu testenden Hypo- 60 thesen sein soll. Es handelt sich dabei um das ” network flow model“ (NFM) (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 40). Im Anschluss an die theoretischen Ausführungen wird in Kapitel 4 der Forschungsstand im Hinblick auf die forschungsleitenden Fragen dieser Studie referiert. Auf der Basis der theoretischen Grundlagen und der Gesamtschau der empirischen Erkenntnisse erfolgt dann die Herleitung analyseleitender Hypothesen. 3.1 Theorien zur Formation sozialer Netzwerke Wie setzen sich soziale Netzwerke zusammen und welche Mechanismen führen zu ihren speziellen Konstellationen? Gibt es konstante Prinzipien, die bei der Formation sozialer Netzwerke zum Tragen kommen? Der Beantwortung solcher Fragen widmen sich die in diesem Abschnitt vorgestellten Theorien. Dabei handelt es sich nicht immer um genuin soziologische Theorien. Ein Großteil der Theorien, die die Formation sozialer Netzwerke erklären möchten, hat seinen Ursprung in der Sozialpsychologie. Dabei ist es wichtig deutlich zu machen, dass die vorgestellten Ansätze nicht immer erklären möchten, wie einzelne Kanten zwischen Knoten tatsächlich entstehen, vielmehr bieten sie Erklärungsangebote für empirisch beobachtbare Strukturen. Es geht also eher um theoretische Überlegungen zu den Voraussetzungen, die vorgefundene Strukturen bedingen und Netzwerkstrukturen letztlich erklärbar machen. 3.1.1 Konsistenztheorien Bei den Konsistenztheorien handelt es sich um eine Theorienfamilie aus dem Bereich der Sozialpsychologie. Die prominentesten Ansätze bilden die Balancetheorie von Heider (1958) sowie die Theorie der kognitiven Dissonanz nach Festinger (1957). Im Folgenden werden diese theoretischen 61 Ansätze erläutert und im Hinblick auf die Fragestellung dieser Untersuchung diskutiert. Balancetheorie Die Basis der dargestellten Theorie bildet die Annahme, dass Menschen Einstellungen und Wahrnehmungen zu verschiedenen Sachverhalten, Personen und Handlungen haben, die als Kognitionen bezeichnet werden. Gleichermaßen wird davon ausgegangen, dass sich diese nicht getrennt voneinander betrachten lassen. Zwischen ihnen besteht vielmehr eine wechselseitige Beeinflussung. Stimmige Kognitionen rufen ein Gefühl der Harmonie hervor und sind erstrebenswert. Stehen sie dagegen konträr zueinander, so wird behauptet, dass Personen versuchen, ein stimmiges Verhältnis zwischen ihnen herzustellen (Klauer 2006). Am folgenden Beispiel soll dies verdeutlicht werden: In einer Partnerschaft haben sowohl der Mann als auch die Frau bestimmte Einstellungen zum Thema Kinderwunsch. Wie sich die beiden gegenseitig wahrnehmen, hängt unter anderem davon ab, ob sie unterschiedlich oder gleich zu diesem Thema eingestellt sind. Gemäß den Konsistenztheorien können dabei konsistente und inkonsistente Strukturen entstehen. Ausgehend davon, dass die Partnerschaft als positive Kognition gewertet wird, können die Strukturen wie folgt aussehen. Die konsistenten Fälle sind, dass sich beide Partner entweder Kinder wünschen oder aber, dass beide diesen Wunsch nicht verspüren. Dabei empfinden die Partner die Übereinstimmung ihrer Einstellungen als harmonisch. Im Falle der Inkonsistenz hätte einer der Partner einen ausgeprägten Kinderwunsch, während der andere diesen nicht hegt. Inkonsistente Strukturen sind durch Spannungen belastet und verlangen vom Individuum, sie aufzulösen. In dem gegebenen Beispiel könnte sich einer der Partner der Einstellung des anderen anpassen, um so die angespannte Lage zu lösen. Eine weitere Möglichkeit zur Auflösung der 62 Abbildung 2: Beziehungsgeflecht zwischen drei Elementen. Erläuterung: Beziehungsgeflecht zwischen dem Wahrnehmer P , der Person O und einer Entität X. Zwischen P und O sowie P und X bestehen positive Beziehungen. Zwischen O und X besteht eine negative Beziehung (Klauer 2006: 381). Spannung bestünde darin, die Partnerschaft neu zu bewerten und sich ggf. zu trennen. Konsistente und inkonsistente – in Heiders (1958) Terminologie balancierte und unbalancierte Strukturen – bilden den Mittelpunkt der Theorie der kognitiven Balance oder einfach der Balancetheorie. Sie widmet sich insbesondere positiven und negativen Beziehungen zwischen zwei oder drei Elementen. Zu den Elementen zählen ein Wahrnehmer P ( ” person“) samt seinen Kognitionen, eine weitere Person O ( ” other“) sowie nicht personale Entitäten X (Wasserman und Faust 2009: 223). Auf Seiten der Beziehungen unterscheidet man die Gefühlsrelationen, z. B. Liebe oder auch Hass, von solchen Beziehungen, die ohne eine Evaluation auskommen, wie bspw. Ähnlichkeiten oder auch Kontraste. Die genannten Beispiele zeigen, dass jeweils Beziehungen im Fokus stehen, deren positive Seiten ein negatives Gegenstück aufweisen. Das Beziehungsgeflecht zwischen diesen Elementen lässt sich grafisch wie in Abbildung 2 darstellen (Klauer 2006: 380 f.). 63 Die Analogie zu einem Soziogramm ist kaum zu verkennen (Jansen, 2006: 40). In dem sogenannten Tripel19 ist der Wahrnehmer P über eine durchgezogene Linie mit der zweiten Person O verbunden, was eine positive Beziehung zwischen diesen Elementen symbolisiert. Ebenso besteht eine durchgezogene Linie zwischen P und X, einem Objekt oder Sachverhalt. O ist mit X durch eine gestrichelte Linie verbunden. Diese Verbindung kennzeichnet eine negative Beziehung zwischen diesen beiden Elementen. Zwischen P und O besteht eine positive Beziehung (z. B. Partnerschaft) aber der Sachverhalt X (z. B. die Einstellung zum Kinderwunsch) wird von P positiv und von O negativ bewertet. In der Abbildung 2 wird also eine unbalancierte Struktur dargestellt, die für den Wahrnehmer P zu Spannungen führt, die aufgelöst werden müssen. Gemäß der Balancetheorie können so dargestellte Strukturen nur zwei verschiedene Zustände annehmen. Sie sind balanciert, wenn alle drei Beziehungen positiv sind oder wenn zwei der drei Beziehungen negativ sind und eine positiv ist. Die balancierten Strukturen sind gemäß der Theorie stabil, während unbalancierte Zustände dazu neigen, sich zu verändern. Bei drei Elementen und zwei Ausprägungsformen zwischen ihnen ergeben sich insgesamt acht Kombinationsmöglichkeiten, von denen vier balanciert und vier unbalanciert sind (siehe Abbildung 3). Auf der Basis dieser theoretischen Überlegungen und Annahmen macht die Theorie der kognitiven Balance zentrale Vorhersagen. Balancierte Strukturen sollten häufiger als ihre Gegenstücke auftreten. Die Spannungen, die bei unbalancierten Strukturen auftreten, führen zu Unbehagen, weswegen die beteiligten Akteure bestrebt sind, balancierten Strukturen den Vorzug zu geben. Balancierte Strukturen sind weiterhin stabiler als unbalancierte. Daraus folgt, dass unbalancierte Strukturen eher Änderungen unterworfen werden. Diese geschieht über eine Verschiebung hin zu balancierten Strukturen. Letztlich sollten unvollständige Strukturen sich ebenfalls in Richtung balancierter Strukturen vervollständigen (Klauer 2006: 380 ff.). 19 Im Gegensatz zu einer Triade wird bei einem Tripel oder Triplett die Identität der Elemente berücksichtigt (Jansen 2006: 62). 64 Abbildung 3: Die acht möglichen Beziehungsstrukturen zwischen drei Elementen. Erläuterung: Die Strukturen (1) bis (4) sind balancierte Strukturen zwischen dem Wahrnehmer P , der Person O und einer Entität X. Die Strukturen (5) bis (8) sind unbalanciert (Klauer 2006: 382). Um die in Abbildung 3 dargestellten Tripels besser zu verstehen, sollen diese an einem Beispiel erläutert werden. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass X nicht zwangsweise ein Objekt sein muss, sondern durchaus auch eine dritte Person sein kann. Eine dritte Person wird häufig mit Q bezeichnet, der Einfachheit halber soll hier aber weiterhin von X gesprochen werden (Wasserman und Faust 2009: 224). Man denke sich nun den Fall, dass zwischen drei Personen O, P und X Freundschaft (im positiven Fall) und Feindschaft (im negativen Fall) dargestellt wird. Betrachtet man zunächst die ersten vier Tripels aus Abbildung 3, die allesamt balanciert sind, so findet man gleich drei Tripels, die das Sprichwort ” Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ abbilden. Es sind die Tripels (2), (3) und (4). Tripel (1) stellt eine Gruppe von drei Freunden dar. Die unbalancierten Tripels (5) bis (8) zeigen deutlich auf, dass sie Potenzial für Spannung innerhalb des Tripels bieten. Auch hier lassen sich drei Tripels verallgemeinert zusammenfassen. Die Tripels (5), (6) und (7) stellen jeweils den Fall dar, dass zwei Personen miteinander befreundet sind und eine dieser beiden Personen ist mit der dritten Person befreundet, während die andere ein Feind der dritten Person 65 ist. Solche Situationen führen naturgemäß zu Spannungen innerhalb des Tripels. In der Realität lassen sich solche Strukturen dennoch beobachten, wenn man bspw. an das politische Weltgeschehen denkt, so lassen sie sich hin und wieder entdecken. Tripel (8) ist ebenfalls durch Spannung gekennzeichnet, da es hier nur negative Beziehungen zwischen den Elementen gibt. Die Spannung entsteht allerdings nicht alleine dadurch, dass die drei Elemente verfeindet sind, also die Wahl der Beziehung (Feindschaft vs. Freundschaft), sondern vielmehr durch die Konstellation, dass es bspw. aus der Sicht von P schwierig zu akzeptieren ist, dass man mit O, einer Person zu der man eine negative Beziehung hat, eine Gemeinsamkeit hat, nämlich die Feindschaft gegenüber X. In den gegebenen Beispielen blieb bislang unerwähnt, dass die Balancetheorie in ihrem Ursprung auf einen einzigen Akteur (P ) fokussiert, weshalb die obige Verallgemeinerung der Tripels nicht ganz korrekt ist. Sie müssten jeweils aus der Sicht von P interpretiert werden. Da dieses strenge Konzept im Verlauf der Untersuchung ohnehin aufgeweicht wird, soll diese Verallgemeinerung an dieser Stelle erlaubt sein. Des Weiteren sind die Beziehungen innerhalb des Tripels gerichtet. So ist z. B. aus Tripel (8) nicht ersichtlich, wie X zu P oder O steht. Für die Analyse sozialer Netzwerke erscheint dieses Konzept daher noch nicht ausreichend. Für ungerichtete Beziehungen, die positiv oder negativ sein können, entsteht dadurch zwar kein Problem, rücken aber gerichtete Beziehungen oder gar Beziehungen in den Fokus der Betrachtung, die nicht die beiden Pole positiv und negativ aufweisen, so stößt man an die Grenzen dieser theoretischen Modellierung. Darüber hinaus gibt es weitere triftige Gründe, warum die Theorie der kognitiven Balance nach Heider (1958) nicht ohne Weiteres auf die Analyse sozialer Netzwerke übertragbar ist. Auf die Probleme und mögliche Lösungen soll im Folgenden eingegangen werden. Eine erste Einschränkung der Theorie der kognitiven Balance besteht in ihrem Fokus auf lediglich zwei bzw. drei Elemente. Aufbauend auf Heiders (1958) Gedanken bemühen sich Cartwright und Harary (1956) um eine Anwendbarkeit der Theorie auf Strukturen mit mehr als drei Elementen. 66 Unter Anwendung der Graphentheorie gelang ihnen eine mathematische Formalisierung der Theorie der kognitiven Balance, sodass nunmehr Strukturen mit mehr als drei Elementen untersuchbar sind. In der Folge wird auch von struktureller Balance gesprochen. Praktisch wird dazu ein Graph mit mehr als drei Elementen in seine Semizyklen unterteilt, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie geschlossene Linienzüge sind, die aus den Kanten des ursprünglichen Graphs gebildet werden und selbst nicht in kleinere geschlossene Linienzüge unterteilt werden können. Ein Semizyklus wird dann als balanciert betrachtet, wenn er ausschließlich aus positiven Beziehungen besteht oder eine gerade Anzahl von negativen Relationen aufweist. Rückschlüsse auf die Balance der Gesamtstruktur resultieren dann über eine Anteilsberechnung der balancierten an allen Semizyklen (Klauer 2006: 383–385; Wasserman und Faust 2009: 221). Diese Verallgemeinerung der Theorie erwies sich als besonders fruchtbar im Hinblick auf die Vorhersage von Veränderungen von Strukturen. Zum einen gilt das Positivitätsprinzip, das besagt, dass sich bei der Transformation von unbalancierten hin zu balancierten Strukturen primär negative Beziehungen in positive Beziehungen verwandeln. Zum anderen gilt das Ökonomieprinzip. Demnach werden balancierte Strukturen bevorzugt so erstellt, dass möglichst wenige Beziehungsänderungen stattfinden (Klauer 2006: 385). Eine weitere Einschränkung der Balancetheorie betrifft ihre Beschränkung auf dichotome Beziehungsausprägungen. Einstellungen und Wahrnehmungen sowie Beziehungen zu Personen lassen sich in bestimmten Fällen, z. B. hinsichtlich der Kontakthäufigkeit, neben ihrer Richtung auch graduell abstufen. Ein Vorschlag zur Aufnahme der Intensität oder Stärke von Beziehungen stammt von Osgood und Tannenbaum (1955), die in der Folge von Kongruität sprechen. Kongruität ist gegeben, wenn sowohl Stärke als auch Vorzeichen einer Beziehung gleich sind. Ihr Ansatz definiert Balance somit etwas strenger, da nicht nur das Vorzeichen einer Beziehung in Betracht gezogen wird. Im Hinblick auf die Vorhersagen ergibt sich daraus, dass schwache Einstellungen stärkeren Veränderungen unterworfen sind als sol- 67 che, die bereits im Vorfeld stark ausgeprägt waren. Diesen Effekt macht man sich gerne in der Werbung zunutze. Beliebte Personen äußern sich zu bisher eher neutral bewerteten Objekten, was aus Sicht der Werbungtreibenden zu einer hoffentlich starken Veränderung der Einstellung der Rezipienten führt (Klauer 2006: 385 f.). Doch diese Bemühungen lösen noch nicht das Problem, dass die Theorie der kognitiven Balance eine eindeutige Fokussierung auf Beziehungen hat, die positiv oder negativ evaluiert werden können. Demnach können Beziehungsarten, wie Ratschläge geben oder Zusammenarbeit nicht unter Einnahme der Perspektive der Balancetheorie untersucht werden (Wasserman und Faust 2009: 222 f.). Empirische Evidenzen weisen jedoch darauf hin, dass Beziehungsarten, die positiv oder negativ bewertbar sind, im Rahmen von Netzwerkerhebungen und -analysen eher selten sind (Davis 1970; Davis und Leinhardt 1972; Leinhardt 1973). Um die Analyse solcher Netzwerke zu ermöglichen, bemühten sich Holland und Leinhardt (1970, 1971) um eine Verallgemeinerung der Theorie. Durch die Annahme, dass man stets nur eine Seite einer bewerteten Beziehung untersucht, bspw. nur Freundschaft und nicht ihr Gegenstück Feindschaft, gelingt die Übertragbarkeit der Balancetheorie auf Beziehungsarten, die nicht bewertet sind, wie z. B. Zusammenarbeit.20 Ihre Überlegungen münden in das allgemeine Konzept der Transitivität. Dieses Konzept beinhaltet die bislang dargestellten Weiterentwicklungen als Sonderfälle und bietet den Vorteil einer breiten Anwendbarkeit (Wasserman und Faust 2009: 242 f.). Da die in dieser Studie untersuchten Beziehungsarten primär nicht bewertetet sind, wird folglich auf das Konzept der Transitivität zurückgegriffen. Ein Zitat fasst das Konzept der Transitivität im Wesentlichen zusammen: ” Interpersonal choices tend to be transitive – if P chooses O and O chooses X, then P is likely to choose X.“ (Davis et al. 1971: 309). Transitivität besagt im Prinzip, dass bspw. eine Freundschaft zwischen zwei Personen 20 Eine Erläuterung der notwendigen Schritte und Annahmen findet sich in Wasserman und Faust (2009: 242 ff.). 68 wahrscheinlich ist, sofern sie einen gemeinsamen Freund haben. Empirische Evidenzen weisen in der Tat darauf hin, dass Transitivität eine stark strukturierende Kraft im Bereich der Formation sozialer Netzwerke ist (Holland und Leinhardt 1972). ” In fact, many recent methods center on finding “what else” remains in a data set after “removing” tendencies toward transitivity“ (Wasserman und Faust 2009: 247). Das Zitat macht deutlich, wie stark verbreitet das Prinzip der Transitivität in der Analyse von sozialen Netzwerken ist. Inwiefern sich das Wirkungsprinzip von Transitivität bezogen auf die empirischen Analysen dieser Untersuchung bestätigen lässt, sei an dieser Stelle noch offengelassen. Obwohl darauf verwiesen wurde, dass Transitivität ein starkes Strukturmerkmal sozialer Netzwerke ist, muss doch einschränkend darauf hingewiesen werden, dass dies sicherlich nur der Fall bei speziellen Arten von Beziehungen sein kann. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Für Freundschaft als eine Art der Beziehung wurde bereits ausreichend plausibilisiert und auch empirische Evidenz (Davis und Leinhardt 1972) geliefert, dass sie eine Tendenz zur Transitivität aufweist. Wie verhält es sich aber mit der Beziehungsart Liebe? Wenn P bspw. O liebt und O liebt X, dann ist sicherlich nicht zu erwarten, dass P auch X liebt. Im Gegenteil. Man könnte erwarten, dass P eine gewisse Abneigung gegenüber X hat, da diese Person ein Nebenbuhler im Ringen um die Gunst von O ist. Das Prinzip der Transitivität kann also nur in bestimmten Beziehungsarten zum Tragen kommen. Fraglich und spannend im Hinblick auf die empirischen Analysen dieser Untersuchung wird sein, ob sich ein Unterschied hinsichtlich der Transitivität verschiedener Beziehungsarten feststellen lässt. Bevor die zweite große Konsistenztheorie – die Theorie der kognitiven Dissonanz – diskutiert wird, erfolgt ein knappes Zwischenfazit. Zusammenfassend dargestellt hat sich Heiders (1958) Theorie der kognitiven Balance zunächst durch eine graphentheoretisch fundierte Formalisierung durch Cartwright und Harary (1956) weiterentwickelt. Dadurch konnte die Theorie auch auf größere Strukturen angewendet werden. Es blieb jedoch das Problem der 69 Notwendigkeit von bipolaren Beziehungen, die bei sozialen Netzwerkanalysen aber eher selten in dieser Form erhoben werden. Holland und Leinhardt (1970) lieferten dann mit dem Konzept der Transitivität eine Verallgemeinerung, die auch auf Beziehungen anwendbar ist, die ohne eine Zweiteilung in positive und negative Beziehungen auskommen. Diese knappe Darstellung von Heider hin zu Transitivität ist auf das äußerste Minimum reduziert. Eine ausführliche Erläuterung findet sich in Wasserman und Faust (2009: 220–248). Implikationen des Konzepts der Transitivität werden in der Hypothesenbildung (Abschnitt 4.1) und letztlich in den empirischen Analysen (Abschnitt 6.1) diskutiert. Theorie der kognitiven Dissonanz Die Theorie der kognitiven Dissonanz (Festinger 1957) ist ebenfalls der Familie der Konsistenztheorien zuzurechnen und sicherlich eine der bedeutendsten Theorien der Sozialpsychologie. Den Konsistenztheorien ist die Grundannahme gemein, dass Menschen danach streben, ihre Kognitionen in einem harmonischen, spannungsfreien Verhältnis zueinander zu halten. Es wurde gezeigt, dass die Balancetheorie in ihrer ursprünglichen Form mit relativ vielen Restriktionen versehen ist. Während Heider (1958) sich mit kognitiven Triaden beschäftigt, fokussiert die Theorie der kognitiven Dissonanz nach Festinger (1957) auf die Beziehungen der Kognitionen zueinander (Peus et al. 2006: 373 ff.). Sie ist somit wesentlich breiter aufgestellt. Kognitionen können zu verschiedenen Einstellungen, Meinungen, Personen und Verhaltensweisen vorliegen. Der Kern der Theorie besteht in dem Postulat, dass zwei Kognitionen entweder in einem konsonanten oder dissonanten Verhältnis zueinanderstehen. Ein Individuum kann die Kognitionen ” Ich möchte gesund leben“ und ” Ich esse täglich Obst und Gemüse“ sehr gut miteinander vereinbaren. Die beiden Kognitionen sind in Festingers (1957) Terminologie konsonant. Die Kognitionen ” Ich möchte gesund leben“ und ” Ich bin Raucher“ sind dagegen objektiv betrachtet nur 70 schwerlich vereinbar. Sie sind dissonant und erzeugen bei dem Individuum eine gewisse Anspannung, die als Dissonanz bezeichnet wird. Hinzuzufügen ist, dass das gegebene Beispiel zwar plausibel und logisch erscheint, die Regeln, nach denen Dissonanz entsteht, sind jedoch frei von jeder Vernunft. Objektive Maßstäbe kommen nicht zwingend zur Geltung. Ob zwei ausgewählte Kognitionen dissonant oder konsonant sind, entscheidet sich von Individuum zu Individuum neu (Peus et al. 2006: 373). Zusätzlich können weitere Kognitionen dazu beitragen, bestehende dissonante Kognitionen aufzuweichen. Im obigen Beispiel könnte der rauchende aber dennoch nach Gesundheit Strebende sich durch die Kognition ” Ich kriege keinen Krebs, mir passiert sowas nicht“ vor allzu großer Dissonanz schützen. An diesem Beispiel werden zwei Aspekte deutlich. Erstens kann Dissonanz unterschiedlich stark auftreten. Die Stärke bestimmt sich dabei über das Verhältnis der konsonanten zu den dissonanten Kognitionen sowie der individuellen Gewichtung der einzelnen Kognitionen.21 Zweitens gibt es Wege, um Dissonanz aufzulösen bzw. zu reduzieren. Dies kann bspw. durch das Hinzufügen konsonanter, dem Entfernen dissonanter oder durch das Ersetzen bestehender Kognitionen erreicht werden (Peus et al. 2006: 373 f.). Wendet man die Theorie der kognitiven Dissonanz auf den Untersuchungsgegenstand ” soziale Netzwerke von Lehrkräften“ an, so sind verschiedene Wege denkbar, wie bei Lehrkräften kognitive Dissonanz entstehen kann. Zum einen besteht die Forderung, dass sich Lehrkräfte konsequent weiterbilden sollen, dass sie ihren Unterricht am neuesten Stand der Bildungsforschung oder zumindest ihrer Unterrichtsfächer ausrichten, dass sie professionell mit ihren Arbeitskollegen umgehen und vieles mehr (Grams Davy 2017: 21 ff.). Die Liste der Forderungen lässt sich ohne Weiteres fortsetzen. Diese Forderungen können sich in den einzelnen Lehrkräften mehr oder minder als Kognitionen manifestieren. Gleichzeitig ist die Ausübung des Lehramts aber damit verbunden, dass die Gestaltung des Unterrichts der jeweiligen Lehrkraft selbst 21 Für mathematische Modellierungen dieses Aspekts vgl. Sakai (1999) sowie Schultz und Lepper (1999). 71 überlassen ist. An dieser Stelle kristallisiert sich das Potenzial für kognitive Dissonanz heraus. Aber nicht ausschließlich dort. Kognitive Dissonanz kann genauso gut auf der Ebene der sozialen Vernetzung entstehen. Analog zu Heider (1958) könnte die Teilhabe an einer unbalancierten Triade Dissonanz erzeugen. Einen Freund zu haben, der einen Freund hat, mit dem man selbst nicht befreundet ist, kann durchaus belastend sein. Dieser Gedankengang läuft ziemlich parallel zu den Überlegungen der Balancetheorie. Folglich lässt sich dieser Aspekt der Theorie der kognitiven Dissonanz ebenfalls mit dem Konzept der Transitivität fassen. Fraglich bleibt auch hier, ob in dem professionellen Setting Schule derartige Folgerungen zutreffend sind. Die in weiten Zügen durch formale Vorgaben geprägte Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften muss nicht notwendigerweise Dissonanz erzeugen, sofern eine unbalancierte Triade vorliegt. Bei expressiven Beziehungen dagegen erscheint dies wahrscheinlicher. Ein zweiter Aspekt der Theorie betrifft den Umgang mit Dissonanz. In dem Abschnitt zur Balancetheorie wurde bereits dargelegt, wie mit unbalancierten Strukturen umgegangen werden kann und welche Tendenzen dabei bestehen. Die Theorie der kognitiven Dissonanz postuliert hierzu eigene Lösungsstrategien, die im Folgenden kurz erläutert werden. Es wurde bereits erwähnt, dass bereits entstandene Dissonanz reduziert werden kann. Vier Arten der Dissonanzreduktion werden im Folgenden dargestellt. Bei der ersten Art handelt es sich um einfache Kognitionsänderungen. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass fast jede Entscheidung zu einem gewissen Grad Dissonanz hervorrufen kann. Wählt ein Individuum zwischen mehreren Alternativen eine aus, verpasst es in der Rational-Choice- Terminologie den Nutzen, den die anderen Alternativen geboten hätten. Gleichzeitig muss es nun mit den Kosten seiner Wahl leben. Verpasster Nutzen sowie entstandene Kosten ergeben dissonante Kognitionen in Bezug auf die getroffene Entscheidung (Peus et al. 2006: 374 ff.). Das Individuum kann nun entweder seine Entscheidung revidieren, was häufig zu Mehrkosten führt, oder aber die Kognitionen über Kosten und Nutzen der Alternativen 72 sowie der getroffenen Wahl ändern. Empirische Studien (Harmon-Jones und Harmon-Jones 2002) weisen darauf hin, dass letztere Variante, die Kognitionsänderungen, eine weit verbreitete Strategie zur Dissonanzreduktion sind. Dabei werden die Kognitionen über die Kosten der gewählten Alternative ausgeblendet oder durch solche über den Nutzen ersetzt. Dadurch gewinnt die gewählte Alternative deutlich an Attraktivität gegenüber den nicht gewählten Alternativen. Gleichzeitig werden die nicht gewählten Alternativen auf die gleiche Weise abgestuft. Die Alternativen rücken in ihrer Wertung somit weiter auseinander. Die zweite Art der Dissonanzreduktion betrifft die post-hoc-Suche nach Informationen. Nach einer Entscheidungsfindung tendieren Personen dazu, sich primär Informationen zu suchen, die ihre Entscheidung stützen. Es wird versucht, konsonante Kognitionen hinzuzufügen. Das Besondere daran ist, dass Kognitionen oftmals nur zu einem gewissen Grad aus der Person heraus entstehen können. Besteht keine Möglichkeit mehr, neue konsonante Kognitionen aus dem Individuum heraus zu addieren, müssen diese extern gesucht werden. Dies geschieht, so das Postulat, über eine selektive Auswahl von Informationen, die konsonant mit der getroffenen Entscheidung sind. Dieses Phänomen wird als ” confirmation bias“ bezeichnet und wurde bereits mehrfach empirisch bestätigt.22 Das Bias wird verstärkt, wenn die Informationssuche unter zeitlichem Druck steht, wenn eine Auswahl an einer großen Menge von Informationen getroffen werden muss, wenn die Informationen von (vermeintlichen) Experten stammen oder wenn finanzielle Kosten bei der Informationssuche auftreten (Peus et al. 2006: 376). Diese Form der Dissonanzreduktion könnte sich im Hinblick auf die ausstehenden Analysen insofern zeigen, als dass bei der Vernetzung der Lehrkräfte ein Muster entstehen kann. Lehrkräfte, die selbst eine geringe Nutzung von Evidenzen für ihre Arbeit aufweisen, oder solche, die sich wenig an Evidenzen orientieren, könnten Bestätigung bei Kolleginnen und Kollegen suchen, die sich ähnlich 22 Eine Meta-Analyse (D’Alessio und Allen 2002) von insgesamt 16 Studien aus den Jahren 1956 bis 1996 bestätigt dieses Phänomen. 73 verhalten bzw. ähnlich eingestellt sind. Da dieser Aspekt ebenfalls aus den Erkenntnissen der Homophilieforschung hervorgeht, wird darauf ausgiebiger in Abschnitt 3.1.2 eingegangen. Zusammengefasst lassen sich die Aussagen der Konsistenztheorien darauf verdichten, dass soziale Beziehungen und somit soziale Netzwerke durch Mechanismen der Erstellung von Harmonie (Heider 1958) bzw. Dissonanzreduktion (Festinger 1957) gekennzeichnet sind. Diese Mechanismen führen dazu, dass Transitivität ein herausragendes Merkmal sozialer Beziehungen ist. Gleichzeitig wurde argumentiert, dass Transitivität in Abhängigkeit der Beziehungsart in verschiedenen Abstufungen auftreten kann. 3.1.2 Homophilie in sozialen Netzwerken Neben den bereits vorgestellten Konsistenztheorien, die Erklärungsangebote für vorgefundene Netzwerkstrukturen bieten, gibt es einen Bereich der Netzwerkforschung, der sich ebenfalls um Vorhersagen der Struktur von Netzwerken bemüht. Genau genommen ist das im Folgenden dargestellte Phänomen gar keine Theorie, sondern vielmehr eine empirisch gut abgesicherte Regelmäßigkeit. Gemeint ist das Phänomen der Homophilie. Das Sprichwort ” Gleich und Gleich gesellt sich gern“ oder sein englisches Pendant ” Birds of a feather flock together“ (McPherson et al. 2001) fasst sehr schön zusammen, was mit Homophilie gemeint ist.23 Menschen oder allgemeiner soziale Entitäten haben eine Tendenz, sich mit anderen zu verknüpfen, die ihnen in bestimmten Merkmalen ähnlich sind. Man könnte an dieser Stelle bereits einwenden, dass die Balancetheorie oder auch die Theorie der kognitiven Dissonanz ganz ähnliche Vorhersagen machen (Stegbauer 2016: 89). Um seine Kognitionen in Balance zu halten, geht man primär Bindungen ein, bei denen es Übereinstimmungen im Hinblick auf bspw. bestimmte Einstellungen gibt. Mit anderen Worten sind es Ähnlichkeiten zwischen 23 McPherson et al. (2001) merken in ihrem gleichnamigen Artikel an, dass die Verwendung des Sprichworts in diesem Kontext auf Lazarsfeld und Merton (1954) zurückgeht, die es wiederum Burton (1927 [1651]) zusprechen. 74 Entitäten, die gemäß den Konsistenztheorien überdauernde Verbindungen ermöglichen. Ansonsten drohen kognitive Dissonanz oder ein Zustand der Unbalanciertheit, die Bande zu brechen. Das Phänomen der Homophilie geht jedoch darüber hinaus. Es betrifft zwar auch, aber eben nicht nur die Balance von Einstellungen und Handlungen. Es ist für viele Merkmale nachgewiesen, bei denen sich die Konsistenztheorien schwertun würden, die vorhandene Tendenz zu erklären. Inwiefern die Konsistenztheorien an mancher Stelle zu kurz greifen, soll im Folgenden erläutert werden. Die frühe Homophilieforschung, die sich Anfang der 1920er Jahre etablierte, fokussierte auf kleine Gruppen, bei denen ein Ethnograph die Verbindungen zwischen wenigen Gruppenmitglieder noch selbst beobachten konnte. Solche Gruppen fanden sich vor allem in Schulklassen oder auch kleineren Stadtteilen (McPherson et al. 2001: 417 ff.). Aus diesen Studien ist bekannt, dass Homophilie im Bereich demographischer Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad vorliegt (Bott 1928; Loomis 1946). Ebenso konnte Homophilie bei psychologischen Merkmalen wie Intelligenz oder Einstellungen nachgewiesen werden (Almack 1922; Richardson 1940). Im weiteren Entwicklungsverlauf der Homophilieforschung untersuchten Forscherinnen und Forscher primär die in den 1950er Jahren in den Vereinigten Staaten aktuelle Thematik der Rassentrennung. Die Ergebnisse dieser Forschung zeigen auf, dass Homophilie im Bereich Rasse und Ethnie stark verbreitet ist (Schofield 1995). In den 1980er Jahren gelang dann die Ausweitung der Homophilieforschung auf größere Samples, wodurch die bislang gefundenen Evidenzen auf ein breiteres Fundament gestellt werden konnten. Vor der Jahrtausendwende rückten dann vermehrt organisationale Kontexte von Netzwerken in den Fokus der Betrachtung (McPherson et al. 2001: 417 ff.). Aus analytischer Sicht stellt sich zunächst die Frage, wie das Homophilieprinzip gemessen bzw. operationalisiert wird. McPherson et al. (2001: 418 f.) erkennen drei häufig verwendete Herangehensweisen in der einschlägigen Forschungsliteratur. Erstens lässt sich Homophilie als relative Häufigkeit von Verbindungen innerhalb einer Gruppe sowie zwischen Gruppen fas- 75 sen. Ein Beispiel dafür liefern Blau et al. (1982), die Heterogenität am Beispiel von Mischehen zwischen Weißen und Nicht-Weißen untersuchten. Ihre Studie zeigte, dass es bei dieser Methode eine starke Abhängigkeit von der Verteilung der Gruppen in der Grundgesamtheit gibt. Für Mitglieder einer kleinen Gruppe ist es z. B. wahrscheinlicher, dass sie häufiger mit Mitgliedern der anderen Gruppe verbunden sind, während die einer großen Gruppe dazu tendieren, Kontakte innerhalb der eigenen Gruppe zu haben. Dieser Umstand lässt sich auf die Gelegenheitsstrukturen zurückführen, die sich den jeweiligen Gruppen bieten. Um diesem Umstand gerecht zu werden, kann Homophilie auch zweitens anhand von Abweichungen zwischen einer empirisch beobachteten Verteilung und den Vorhersagen eines baseline-Modells bestimmt werden. Das baseline- Modell sieht randomisierte Kontakte zwischen den Untersuchungseinheiten vor. Übertrifft ein beobachteter Homophilie-Wert einer bestimmten Gruppe den des randomisierten Modells, wird von verstärkter Homophilie ausgegangen und umgekehrt. Dieser Ansatz neigt jedoch dazu, dass sich ähnliche Personen häufiger verbinden als bei gegebenen relativen Häufigkeiten zu erwarten wäre (z. B. Marsden 1988). Eine dritte Variante besteht in der einfachen Bestimmung der Homogenität eines Netzwerks oder der Ähnlichkeit seiner Dyaden. Bei diesem Vorschlag lässt sich allerdings nicht unterscheiden, ob die so gemessene Homophilie Ergebnis von strukturell gegebenen Gelegenheitsstrukturen (bspw. der Verteilung in der Grundgesamtheit), oder ob sie Ergebnis eines Auswahlprozesses ist (McPherson et al. 2001: 419). Um der Unterscheidung gerecht zu werden, dass strukturgegebene Homophilie etwas anderes ist als solche, die sich auf Auswahlprozesse zurückführen lässt, wird vorgeschlagen, erstere Variante als ” baseline homophily“ und letztere als ” inbreeding homophily“ (McPherson et al. 2001: 419) zu bezeichnen. Baseline-Homophilie entsteht aus gegebenen Verteilungsstrukturen und mit ihnen einhergehenden Gelegenheitsstrukturen. An einer Nonnenschule 76 dürfte bspw. die Homophilie in Ratgebernetzwerken ihrer Lehrkräfte sehr hoch sein, was jedoch nicht bedeutet, dass intergeschlechtliche Kontakte per se von Nonnen gemieden werden.24 Misst man jedoch eine ähnlich hohe Homophilie in Ratgebernetzwerken von Lehrkräften einer Schule, in der die Geschlechter zu gleichen Teilen verteilt sind, so wird diese Form als Inbreeding-Homophilie bezeichnet. Des Weiteren werden zwei Dimensionen der Homophilie unterschieden: Statushomophilie und Wertehomophilie. Statushomophilie beinhaltet soziodemographische Merkmale, die von der Gesellschaft verwendet werden, um den formellen, informellen oder zugeschriebenen Status einer Person zu bestimmen. Diese Merkmale können askriptiv sein (Alter, Geschlecht, Ethnie, etc.) oder müssen erworben werden (Religion, Bildung, Beruf, etc.) (McPherson et al. 2001: 419; Lazarsfeld und Merton 1954). Im Hinblick auf die Hypothesenbildung sollen im Folgenden Erkenntnisse der Homophilieforschung zu ausgewählten Merkmalen präsentiert werden. Für die Statushomophilie betrifft dies die Merkmale Alter und Geschlecht. Die relevanten Merkmale der Wertehomophilie sind die beiden übergeordneten Kategorien Verhalten und Einstellungen. Homophilie: Geschlecht Forschung zur Homophilie des Geschlechts kommt, je nachdem welche Analyseebene man im Blick hat, zu unterschiedlichen Aussagen. Auf der Ebene von Nationalstaaten bspw. kann beobachtete Homophilie der Inbreeding- Homophilie zugesprochen werden. Dies liegt an der Verteilung der Geschlechter, die in Nationalstaaten i. d. R. relativ gleichverteilt sind. In den Vereinigten Staaten wurde dementsprechend ein gewisser Grad dieser Art der Geschlechtshomophilie nachgewiesen. Frauen haben, wenn man Beziehungen zu Verwandten ausschließt, geschlechtshomogenere Netzwerke (z. B. Marsden 1987). In Organisationen lassen sich dagegen, denkt man an 24 Nur sehr spezielle Kontakte werden verneint. 77 das Beispiel der Nonnenschule zurück, häufig sehr schiefe Verteilungen der Geschlechter beobachten. Somit besteht bereits ein Großteil der beobachtbaren Geschlechterhomophilie durch Baseline-Homophilie (Bielby und Baron 1986). In der Folge zeigen sich für Männer häufig homogenere Netzwerke, da sie in den untersuchten Organisationen die Mehrheit bilden. Allgemein tendiert die Mehrheit dazu, homogenere Netzwerke zu haben, während die Minderheit heterogenere Netzwerke aufweist.25 Für die Bestimmung der Geschlechtshomophilie in den sozialen Netzwerken von Lehrkräften ist es deshalb relevant, die Verteilung des Geschlechts innerhalb der untersuchten Schule in Betracht zu ziehen. Fraglich ist, ob sich die oben dargestellten Befunde, die aus allgemeinen Bevölkerungsumfragen stammen, im Kontext Schule reproduzieren lassen und ob es hinsichtlich verschiedener Arten von Beziehungen Unterschiede zu vermerken gibt. Homophilie: Alter Ob Netzwerke nach Alter eher heterogen oder homogen sind, hängt in hohem Maße davon ab, welche Art von Beziehung untersucht wird. Die Altershomogenität ist in der dyadischen Beziehung Ehe bspw. relativ hoch. Gleiches gilt für enge Freundschaften sowie lockere Beziehungen, in denen z. B. Freizeitaktivitäten besprochen werden. Monetäre und andere Unterstützungsnetzwerke tendieren dagegen zu mehr Heterogenität, da in ihnen der Anteil der Verwandten relativ hoch ist (McPherson et al. 2001: 424 f.). Im Hinblick auf die sozialen Netzwerke von Lehrkräften stellt sich die Frage, ob sich Altershomophilie in instrumentellen und expressiven Beziehungen unterscheidet. Durch die formale Prägung instrumenteller Beziehungen dürften Altersunterschiede eine geringere Rolle spielen als in den affektiv gefärbten expressiven Beziehungen (Meredith et al. 2017). 25 Eine Aufzählung und Erläuterung empirischer Studien, die diesen Befund belegen, findet sich in McPherson et al. (2001: 422–424) sowie Scheidegger (2010: 58–60). 78 Homophilie: Verhalten Im Hinblick auf die Analysen dieser Untersuchung kommt der Verhaltenshomophilie eine besondere Bedeutung zu. Die Forschung zu diesem Bereich hat sich lange Zeit damit beschäftigt, dass bei Jugendlichen die Tendenz zu beobachten ist, Beziehungen mit anderen zu pflegen, die gleiche oder ähnliche Verhaltensmuster aufweisen. Diese Tendenz wurde zunächst als Evidenz für das Vorhandensein von Peergroup-Einflüssen bewertet. Mit dem Aufkommen von Längsschnittdaten kam jedoch eine andere Interpretation auf (McPherson et al. 2001: 428). Cohen (1977) kommt zu dem Schluss, dass Konformitätsdruck (Roethlisberger und Dickson 1939) und selektiver Ausschluss von unpassenden Gruppenmitgliedern nicht als einzige Ursachen für die Homogenität von Peergroups gesehen werden können. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen deuten darauf hin, dass bereits bei der Entstehung von Gruppen homophile Wahlen getroffen werden. Ähnliche Verhaltensweisen machen demnach eine Verbindung zwischen Personen wahrscheinlicher. Im Anschluss lassen sich aber durchaus Wirkungen von Konformitätsdruck nachweisen. Für die Untersuchung der Lehrkräfte stellt sich die Frage, ob das Ausmaß evidenzbasierten Handelns als Verhaltensweise gelten kann, die den sozialen Netzwerken zu ihrer Struktur verhilft. Schließen sich also Personen in arbeitsbezogenen oder expressiven Beziehungen zusammen, die bereits im Vorfeld ähnlich agieren? Zur Klärung dieser Frage sind jedoch Verlaufsdaten erforderlich, es kann aber zumindest überprüft werden, ob verhaltenshomophile Netzwerke vorgefunden werden. Homophilie: Einstellungen Die Forschungsliteratur zur Einstellungshomophilie kommt zu einem ähnlichen Schluss wie die Forschung zur Verhaltenshomophilie. ” As with behaviors, however, the selection into relationships with similar others appears to be a much more powerful force than interpersonal influence within the friendship network (Cohen 1977; Kandel 1978).“ (McPherson et al. 2001: 79 428 f.). Einstellungshomophilie scheint demnach ebenfalls eine Folge ursprünglicher Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten zu sein, die sich erst im Anschluss durch Angleichungen tendenziell verstärkt. Einschränkend muss darauf hingewiesen werden, dass zwei Personen, die in einer Beziehung zueinander stehen, oftmals sehr unterschiedliche Einstellungen zu bestimmten Themen haben können. Diese Diskrepanz kommt jedoch nicht immer zum Vorschein, da die Unterschiede oftmals einfach nicht zur Sprache gebracht und sozusagen ausgeklammert werden, vorausgesetzt, dass sie den Personen überhaupt bekannt sind (Knoke 1990; Verbrugge 1977). Im Hinblick auf die empirischen Analysen dieser Studie, in denen unter anderem Einstellungen zu evidenzbasiertem Handeln untersucht werden, stellt sich die Frage, ob diese Einstellungen eine formgebende Wirkung für die untersuchten Netzwerke haben. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich in der Gesamtschau der Literatur zur Homophilieforschung ein roter Faden erkennen lässt. Soziale Beziehungen sind durch Ähnlichkeiten zwischen ihren einzelnen Entitäten gekennzeichnet. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Homophilie zu einem gewissen Grad bereits durch gegebene Gelegenheitsstrukturen (Baseline- Homophilie) entstehen kann und im Anschluss durch Auswahlprozesse (Inbreeding-Homophilie) beeinflusst wird. Für die Analysen im empirischen Teil dieser Untersuchung ist zu erwarten, dass soziodemographische sowie Einstellungsmerkmale eine strukturgebende Wirkung auf die sozialen Netzwerke der Lehrkräfte haben. Weiterführend stellt sich die Frage, inwiefern der Grad der Homophilie zwischen verschiedenen Beziehungsarten variiert. 3.1.3 Rational-Choice-Theorie In den vorangegangenen Kapiteln wurden Ansätze diskutiert, die herangezogen werden, um die Formation von Netzwerken nachzuvollziehen. Die wesentlichen Argumente bilden dabei sozialpsychologische Konzepte wie Balance der Kognitionen bzw. die Vermeidung kognitiver Dissonanz. Soziale 80 Vernetzung ist demnach ein Prozess, der darauf abzielt, dass die daran teilnehmenden Individuen einen Zustand des inneren Wohlbefindens erlangen bzw. disharmonische Zustände vermeiden. Des Weiteren lässt sich empirisch nachweisen, dass Ähnlichkeiten zwischen Personen ausschlaggebend für Verbindungen zwischen Personen sind. Das Prinzip der Homophilie lässt sich an unterschiedlichen Merkmalen wie z. B. Alter und Geschlecht oder aber auch Verhalten und Einstellungen feststellen. Der nun vorgestellte Ansatz bildet in gewissem Maße einen Kontrast zu den bisherigen Ausführungen. Im Folgenden soll das Rational-Choice-Paradigma (RC) als ein weiterer Erklärungsansatz für die Formation von sozialen Netzwerken herangezogen werden. Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass bestimmte Beziehungsarten strategisch geplant sind. Prägnant formuliert unterhalten Individuen Beziehungen zu anderen, sofern diese ihnen einen Nutzen versprechen. Dies lässt sich insbesondere für instrumentelle Beziehungen erwarten, da sie Zugang zu spezifischen Information oder Hilfeleistungen bieten, die im Arbeitsalltag hilfreich sind. Wenn ein solcher Bedarf besteht, so die Kernaussage, stehen Individuen vor der Wahl, an wen sie sich wenden und sie entscheiden dabei mehr oder minder rational. Was das genau bedeutet, soll im Folgenden erläutert werden. Das RC-Paradigma ist dem methodologischen Individualismus zuzuordnen. Das Ziel besteht darin, Handlungen einzelner Akteure erklärbar zu machen, um somit soziale Phänomene auf der Makroebene zu erklären. Dabei wird berücksichtigt, dass die Individuen bereits durch Makrophänomene geprägt werden. Dieses Erklärungsschema ist allgemein als Coleman’sche Badewanne (Coleman 1990) bekannt. Ausgehend von der Makroebene wird in einem ersten Schritt, der Logik der Situation, eine Verbindung zwischen der Makro- und Mikroebene hergestellt. Dies geschieht über sogenannte Brückenhypothesen. Die Beschreibung der relevanten Situationsmerkmale kann unter anderem die Einbettung eines Individuums in größere soziale Strukturen – z. B. soziale Netzwerke – beinhalten. Die Logik der Selektion ist auf der Mikroebene angesiedelt und bildet den zweiten Schritt. Hier 81 wird eine Regel aufgestellt, nach der ein Individuum bei gegebenen Umständen seine Handlung wählt. Der dritte Schritt besteht in der Logik der Aggregation. Dabei werden die individuellen Handlungswahlen über eine Aggregationsregel zusammengefasst, um letztlich das auf der Makroebene liegende Phänomen zu erklären (Esser 1999a; Esser 1999b). Für dieses Erklärungsschema wird eine nomologische Handlungstheorie benötigt und an dieser Stelle kommen die RC-Theorien zum Tragen. Der Plural wird bewusst verwendet, da innerhalb des Paradigmas verschiedene Varianten existieren. Eine Konstante bildet die Annahme, dass Akteure über Ressourcen verfügen, die sie zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen können. Dabei können sie immer zwischen mindestens zwei Alternativen wählen (Diekmann und Voss 2004: 16).26 Die Ressourcen werden dann so eingesetzt, dass die Ziele so gut wie möglich erreicht werden.27 Diese knappe Umschreibung wird dem RC-Paradigma zwar nicht gerecht, aber sie enthält bereits die drei wesentlichen Bausteine seiner Theorien. Erstens stehen die Akteure im Zentrum der theoretischen Modellierung. Sie verfügen zweitens über Ressourcen, die im Übrigen auch als Restriktion gefasst werden können. Sie haben Präferenzen und können weiterhin stets zwischen mindestens zwei Alternativen wählen. Beziehungen in sozialen Netzwerken können sowohl Ressource als auch Restriktion sein. Eltern sind ein gutes Beispiel dafür. Sie sind bspw. Ressource, wenn sie ihr heranwachsendes Kind, das gerade ein Studium beginnt, finanziell unterstützen. Auf der anderen Seite werden die meisten auch die Situation kennen, dass Eltern eine Restriktion sind, wenn sie dem Kind z. B. in jungen Jahren verbieten, mit Freunden zu spielen, bevor nicht die Hausaufgaben gemacht sind. Eine empirisch gut abgesicherte Präferenz ist die im vorangegangenen Kapitel beschriebene Tendenz zur Homophilie in bestimmten sozialen Beziehungen. Der dritte und letzte Baustein der RC-Theorien besteht in der Notwendigkeit einer 26 Auch das Nichtstun kann eine Alternative sein. 27 Was mit der Formulierung ” so gut wie möglich“ gemeint ist, unterscheidet die verschiedenen Varianten der RC-Theorie. 82 Entscheidungsregel, die eindeutig angibt, welche Handlung die Akteure ausführen werden (Diekmann und Voss 2004). Die soziale Netzwerkanalyse und ihre Konzepte lassen sich an verschiedenen Stellen in das Theoriegebilde des RC-Paradigmas integrieren. Es wurde bereits beschrieben, dass bei der Logik der Situation die soziale Einbettung, also die Einordnung eines Individuums in übergeordnete soziale Strukturen, berücksichtigt werden kann. Hedström (1994) verbindet bspw. den RC-Ansatz mit dem Netzwerkparadigma, um die Ausbreitung von Gewerkschaften in Schweden zu erklären. Eine Studie von Brüderl et al. (1993) ist zwar nicht dem Netzwerkparadigma zuzuordnen, betont aber ebenfalls die Bedeutung der strukturellen Einbettung von Individuen und den daraus entstehenden Gelegenheitsstrukturen. Die Autoren argumentieren, dass im Rahmen der sozialen Mobilitätsforschung strukturelle Komponenten aufgrund verschiedener Probleme, z. B. der Operationalisierung, zu selten berücksichtigt werden (Brüderl et al. 1993: 173). Ihr Argument ist stichhaltig und die Ergebnisse der Studie zeigen auf, dass strukturelle Faktoren durchaus eine Rolle spielen, wenn es um Beförderungen geht. Ebenso könnte man annehmen, dass neben den hierarchischen Strukturen und der Einbettung in organisationale Gelegenheitsstrukturen auch die soziale Einbettung der Individuen bedeutsam für Beförderungen ist. Eine plausible ad-hoc- Hypothese könnte lauten, dass das umgangssprachliche ” Vitamin B“ einen positiven Einfluss auf die Beförderung eines Individuums hat. Ein Vorteil einer Verbindung aus RC und dem Netzwerkparadigma besteht also darin, dass die oftmals impliziten Annahmen über die soziale Einbettung der Individuen einer empirischen Messung zugänglich gemacht werden. Die Verknüpfung von Mikro- und Makroebene bildet jedoch nicht den einzigen Ansatzpunkt.28 Auch auf der Mikroebene, auf der die Logik der Selektion verortet ist, lassen sich das Netzwerk- und das RC-Paradigma 28 Auch wenn das klassische Erklärungsschema von einer Makro-Mikro-Makro-Erklärung ausgeht, sind Erklärungen, in denen die Meso-Ebene berücksichtigt wird, gangbar, da sie der ” . . .multi level causal structure“ (Hechter und Kanazawa 1997: 200) gerecht werden, die typisch für RC-Ansätze ist. 83 vereinen. Eine Beziehung zu jemandem aufzubauen oder eine bereits vorhandene Beziehung aufrechtzuerhalten, kann aus Sicht des Individuums nutzenstiftend sein, weshalb es bei der Modellierung der Entscheidungswahl berücksichtigt werden kann. Dabei gilt es zu bedenken, dass ein Kontakt sowohl Nutzen als auch Kosten hervorrufen kann. Schließlich benötigt man zumindest Zeit, um ihn zu pflegen. Auch andere Kosten sind an dieser Stelle denkbar. Einen Beitrag aus dieser Richtung, auch wenn er sich nicht explizit dem RC-Paradigma zuordnet, liefern Borgatti und Cross (2003). Im Rahmen einer Studie zu organisationalem Lernen und der Informationssuche von Individuen argumentieren sie, dass die strukturelle Einbettung der Akteure alleine nicht ausreicht, um zu erklären, an wen sie sich bei der Informationssuche wenden. Die Autoren vermuten, dass bestimmte Merkmale von Beziehungen, die zwischen den Individuen einer Organisation bestehen, mitverantwortlich dafür sind, ob eine Person eine andere um Rat bittet oder eben nicht. Im Wesentlichen sollen vier Beziehungsmerkmale Aufschluss darüber geben, an wen Personen sich wenden, wenn sie Rat suchen. Zunächst einmal muss ein Individuum wissen, über welches Wissen sein Gegenüber verfügt. Möchte Person i von Person j einen Rat, so muss i erst einmal wissen, ob j zu der Sache etwas sagen kann. Ebenso spielt die Kenntnis über die Expertise des Gegenübers eine Rolle. Demnach genügt es nicht zu wissen, dass j mit der Materie vertraut ist. Um Rat von ihr zu erbitten, muss auch eine positive Bewertung der Expertise von j vorliegen. Des Weiteren muss i auch Zugang zu j haben. Die Autoren zielen damit zwar auf eine zeitliche Dimension ab, indem sie argumentieren, dass i insofern Zugang benötigt, als dass j sich auch die Zeit nimmt, um i beratend zur Seite zu stehen. Ferner argumentieren die Autoren aber auch, dass räumliche Nähe einen Einfluss auf die Entscheidung ausübt, wen man um Rat bittet. Das letzte Merkmal bilden die erwarteten Kosten, die i entstehen, wenn sie j um Rat fragt. Diese Kosten können bspw. darin bestehen, dass i mit der gestellten Frage offenbart, auf einem bestimmten 84 Gebiet Wissenslücken zu haben. Spricht sich dies herum, kann das Folgen für die Reputation oder das Selbstbewusstsein von i haben. Aus diesen einzelnen Komponenten wird ein formales Modell hergeleitet, das die Entscheidung erklären soll, an wen sich Personen innerhalb einer Organisation wenden, wenn sie Rat suchen. In der Gesamtschau der Argumentation von Borgatti und Cross (2003) lassen sich offensichtliche Parallelen zu dem RC-Paradigma erkennen, auch wenn die Autoren nicht explizit darauf eingehen. In den Begriffen der RC-Theorie versuchen die Akteure einen Nutzen aus einer Verbindung zu einer anderen Person zu ziehen und um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie in Betracht ziehen, dass ihnen von Person zu Person unterschiedliche Nutzen und Kosten entstehen, die von den vorgestellten Beziehungsmerkmalen abhängig sind. Eine RC-theoretische Entscheidungsregel würde dann lauten, dass sich die Individuen mit denjenigen Personen verbinden, bei denen sie den höchsten Nettonutzen erwarten. Präferenzen, wie z. B. die Tendenz zu merkmalsspezifischer Homophilie, können dabei berücksichtigt werden. Die soziale Einbettung der Individuen könnte weiterhin berücksichtigt werden, indem Positionsmerkmale der Akteure, wie z. B. die Zentralität, in ein Erklärungsmodell aufgenommen werden. Besonders zentrale Akteure könnten einerseits eine gesteigerte Aufmerksamkeit bei der Informationssuche erhalten, da sie besonders stark in das Netzwerk eingebunden sind. Andererseits könnte auch das Gegenteil zutreffend sein, da zeitliche Restriktionen dazu führen, dass diese zentralen Akteure nur noch unter bestimmten Bedingungen um Rat gebeten werden. Des Weiteren gilt es zu bedenken, dass bei den bisherigen Darstellungen eine instrumentelle Beziehungsform im Fokus stand. Es stellte sich die Frage, ob sich diese Überlegungen auch auf expressive Beziehungsarten, wie z. B. Freundschaft, anwenden lassen. Denkt man bspw. an eine Schulklasse, so könnte ebenfalls zielgerichtete Vernetzung im Sinne der RC-Theorien stattfinden. Wer mit zentralen Akteuren verbunden ist, darf bspw. Nutzen in Form von Prestige erwarten. Für ein RC-theoretisches Modell der Vernetzung in Freundschaftsnetzwerken spielen jedoch womöglich andere Parameter 85 eine Rolle als bei der Vernetzung bei der Informationssuche. Doch dies ist bereits Spekulation und soll nur darauf aufmerksam machen, dass durch eine Verbindung aus RC und sozialer Netzwerkanalyse Synergien entstehen, die die beiden Paradigmen gegenseitig befruchten können (vgl. dazu auch Braun und Gautschi (2009)). In der vorliegendens Untersuchung wurden ebenfalls Ratgebernetzwerke erhoben, allerdings fehlen in den Daten Informationen über die oben genannten Beziehungsmerkmale. Folglich lässt sich das formale Modell anhand der vorliegenden Daten leider nicht überprüfen. Dennoch wird dieser Ansatz aufgenommen, da er eine mögliche Alternativerklärung neben den Vorhersagen der sozialpsychologischen Ansätze und der Homophilieforschung bietet. Gleichzeitig stellt die Verbindung der beiden Ansätze ein Forschungsdesiderat für zukünftige Studien dar. 3.2 Theorien zu Folgen sozialer Netzwerke Nachdem mögliche Erklärungsansätze für die Formation von sozialen Netzwerken präsentiert wurden, sollen die folgenden Abschnitte eine Darstellung der prominentesten Ansätze geben, die zur Erklärung der Folgen sozialer Netzwerke herangezogen werden. Im Einzelnen wird in Abschnitt 3.2.1 Granovetters (1973) These der Stärke schwacher Beziehungen beleuchtet. Abschnitt 3.2.2 ist der Präsentation von Colemans (1988) Sozialkapitalansatz gewidmet. Milgrams (1967) Small World Theory ist Gegenstand von Abschnitt 3.2.3 und Abschnitt 3.2.4 fokussiert auf Burts (1992) strukturelle Löcher. Im Anschluss an die Präsentation dieser vier Ansätze erfolgt in Abschnitt 3.2.5 eine Synthese der Ansätze, die in ein basales Modell mündet. Dabei wird der Gedanke verfolgt, dass den vier Ansätzen ein gemeinsames Modell zugrunde liegt, das als ” network flow model“ (NFM) (Borgatti und Halgin 2011; Borgatti und Lopez-Kidwell 2011) bezeichnet wird. 86 3.2.1 Granovetters Strength of Weak Ties Die Theorie der ” Strength of Weak Ties“ (SWT) (Granovetter 1973) oder im Deutschen die Theorie der Stärke schwacher Beziehungen dürfte einer der bekanntesten Ansätze der Netzwerkforschung sein. In seinem prominenten Artikel liefert Granovetter (1973) eine qualitative Analyse der Stärke von ” ties“, also Verbindungen zwischen zwei Akteuren. Er argumentiert, dass die soziale Netzwerkanalyse ein geeignetes Werkzeug sei, um eine Verbindung zwischen Mikro- und Makroebene herzustellen. Dieses Vorgehen illustriert er, indem er aufzeigt, wie Makrophänomene auf einen ausgewählten Aspekt sozialer Interaktionen zurückgeführt werden können, nämlich auf die Stärke von Beziehungen.29 Im Speziellen expliziert er diesen Gedanken an der Überlappung von Freundschaftsnetzwerken zweier Individuen, die sich, je nach Stärke der Beziehung zwischen den beiden Akteuren, mehr oder minder stark überlappen. Diesem Prinzip folgend untersucht er die Auswirkungen der Stärke von Beziehungen auf individueller Ebene, überträgt sie aber auch auf Makrophänomene, wie z. B. die Diffusion von Informationen. Dabei betont er insbesondere, dass schwachen Beziehungen eine tragende Rolle bei den untersuchten Phänomenen zukommt. Dieser Gedanke steht im Gegensatz zu anderen Netzwerkmodellen, in denen primär starke Beziehungen untersucht wurden, was jedoch zu einer Engführung ihrer Anwendbarkeit auf kleine Gruppen führt. Durch den Fokus auf schwache Beziehungen verspricht sich Granovetter eine Öffnung der möglichen Analysen, sodass auch Beziehungen zwischen Gruppen und Segmenten der Sozialstruktur Untersuchungsgegenstände sein können, die sich eben nicht als kleine, wohl definierte Gruppen kennzeichnen lassen (Granovetter 1973: 1360). Vor dem Hintergrund der in dieser Arbeit verfolgten Fragestellung erscheinen die Ausführungen zu den Auswirkungen der Stärke von Beziehungen auf die Diffusion von Informationen von besonderem Interesse, weshalb 29 Diese Argumentation erscheint vor dem Hintergrund der Darstellungen zum RC- Paradigma, insbesondere der Coleman’schen Badewanne, zumindest vertraut. 87 diese näher erläutert werden. Dazu soll zunächst geklärt werden, was genau die Stärke von Beziehungen kennzeichnet. Im Prinzip handelt es sich dabei um die Idee, dass sich die Stärke von Beziehungen als eine (Linear-) Kombination darstellen lässt, die sich aus gemeinsam verbrachter Zeit, emotionaler Intensität, Intimität und der Reziprozität der Leistungen zusammensetzt, die im Rahmen der speziellen Beziehungen erbracht werden (Granovetter 1973: 1361).30 Weiterhin wird angenommen, dass die Elemente, aus denen sich die Stärke der Beziehung zusammensetzt, weitestgehend unabhängig voneinander sind, obwohl zu erwarten ist, dass sie stark miteinander korrelieren. Letztlich basiert seine Argumentation auf der Annahme, dass sich Beziehungen (in Abstufungen) als stark, schwach oder fehlend charakterisieren lassen, wobei Beziehungen ohne substantielle Inhalte, wie z. B. ein bloßes morgendliches Zunicken auf der Straße, zu den fehlenden Beziehungen gezählt werden (Granovetter 1973: 1361). Um die Grundidee der SWT zu verdeutlichen, kann man sich zwei beliebige Personen vorstellen, die A und B genannt werden. Zusätzlich gibt es eine Menge von Personen S = C,D,E, . . ., die eine Beziehung mit A und/oder B haben (Granovetter 1973: 1362). Die eigentliche Hypothese lautet dann, je stärker die Beziehung zwischen A und B ist, desto größer ist auch der Anteil der Personen aus S, mit denen die beiden eine Beziehung haben, sei es eine starke oder eine schwache. Es ist zu erwarten, dass diese Überlappung am geringsten ist, wenn die Beziehung zwischen A und B fehlt und am größten, wenn die beiden eine starke Beziehung haben. Diese Hypothese fußt auf drei zentralen Annahmen. Erstens benötigen starke Beziehungen tendenziell einen größeren Zeitaufwand und Zeit stellt eine knappe Ressource dar. Wenn es bspw. die starken Freundschaftsbeziehungen A− B und A− C gibt, so ist es wahrscheinlich, 30 Kapferer (1969) schlägt bspw. vor, die Stärke von Beziehungen anhand ihrer Multiplexität zu bestimmen. Borgatti und Halgin (2011: 1176 ff.) argumentieren diesbezüglich, dass eine derartige Definition starker Beziehungen unnötig sei. Bei genauerer Betrachtung der Theorie sei es lediglich die Eigenschaft starker Verbindungen, Transitivität zu erzeugen, die letztlich im Rahmen der Theorie Anwendung findet. 88 dass B und C früher oder später auch befreundet sind, da die Zeit, die B mit C verbringt, in gewissem Maße davon abhängig ist, wieviel Zeit A mit B bzw. A mit C verbringt. Im Kern bedeutet das, dass es früher oder später aufgrund der knappen Ressource Zeit zu einem Treffen aller drei Personen gleichzeitig kommt, wodurch schließlich B und C eine zumindest schwache freundschaftliche Beziehung aufbauen können. Bei der zweiten Annahme stützt sich Granovetter auf die Neigung zur Homphilie. Personen, die eine starke Beziehung zueinander haben, sind sich tendenziell ähnlich. Wenn A und B sowie A und C sich ähnlich sind, so ist es wahrscheinlich, dass B und C ebenfalls Gemeinsamkeiten haben, was wiederum eine Beziehung der beiden begünstigt, sofern sie sich begegnen. Im Umkehrschluss lässt sich argumentieren, dass bei lediglich schwachen A−B- und A−C-Beziehungen eine B−C-Beziehung unwahrscheinlicher wird, da es eine geringere Chance auf gemeinsame Zeit sowie geringere Ähnlichkeiten zwischen B und C gibt. Drittens sieht er seine Hypothese durch die Theorie der kognitiven Balance (Heider 1958; Newcomb 1961) gestärkt, wonach die starken Beziehungen A−B und A−C dazu führen, dass B und C, wenn sie voneinander wissen, ebenfalls eine positive Bindung eingehen. Ansonsten hätten B und C jeweils mit psychologischen Belastungen zu kämpfen, da sie danach streben, kongruente Gefühle mit ihrem Freund A zu haben. Die Idee dahinter lässt sich so formulieren, dass der Freund eines Freundes auch mein Freund ist bzw., dass er es früher oder später wird. Bei schwachen A−B- und A−C-Beziehungen wären die resultierenden psychologischen Belastungen weniger ausgeprägt, weshalb in diesem Fall die B − C-Verbindung unwahrscheinlicher wird bzw. eine fehlende Verbindung nicht zu der beschriebenen psychologischen Belastung führt. Was lässt sich nun aus der oben beschriebenen Überlappungshypothese, die auf den dargestellten Annahmen basiert, für die vorliegende Untersuchung schließen? Im Kern geht es um die Stärke schwacher Beziehungen, die dem Artikel von Granovetter (1973) seinen Namen gab. Genauer gesagt besteht die Stärke schwacher Beziehungen darin, dass sie bei Diffusionsprozessen 89 hilfreich sind. Worin diese Stärke sich begründet, wird im Folgenden näher erläutert. Aus den bisherigen Ausführungen geht hervor, dass Triaden mit ausschließlich zwei starken Beziehungen selten vorkommen sollten. In einer Überspitzung nennt Granovetter diese Art von Triade eine ” forbidden triad“ (Granovetter 1973: 1363) und empirische Studien scheinen diese Hypothese insofern zu unterstützen, als dass verbotene Triaden in Untersuchungen tatsächlich seltener beobachtet werden, als es bei einer zufälligen Verteilung zu erwarten wäre (Davis 1970: 845). Die Bedeutung der verbotenen Triade lässt sich an der Funktion einer Beziehung als Brücke festmachen. Eine Brücke innerhalb eines Netzwerks ist eine Beziehung, die den einzigen Pfad zwischen zwei Knoten bereitstellt (Harary et al. 1965: 198).31 Brücken ermöglichen somit Informationsflüsse oder andere Diffusionsprozesse zwischen Knoten eines Netzwerks, die ansonsten nur indirekt miteinander verbunden sind. Dies stellt auch den Grund für die Stärke der schwachen Beziehungen dar. Unter der Annahme, dass verbotene Triaden tatsächlich selten bis nie vorkommen, lässt sich schließen, dass starke Beziehungen keine Brücke sein können. Dieser Schluss lässt sich anhand der Beispieltriade bestehend aus A, B und C erklären. Wenn A und B durch eine starke Beziehung miteinander verknüpft sind und C ebenfalls eine starke Verbindung mit A hat, so kann die Verbindung zwischen A und B keine Brücke sein, denn zwischen C und B muss unter dem Ausschluss der verbotenen Triade bereits eine zumindest schwache Beziehung bestehen, wodurch die starke A−B-Beziehung keine Brücke mehr sein kann, da bereits ein Pfad zwischen B und C besteht. Wäre die A−B-Beziehung dagegen schwach, träfe diese Restriktion nicht zu. Diese Aussage lässt sich dahingehend verallgemeinern, dass alle Brücken schwache Beziehungen sein müssen, wobei nicht jede schwache Beziehung automatische eine Brücke ist. In großen Netzwerken wird die strenge Annahme, dass eine Brücke den einzigen Pfad zwischen zwei Knoten bietet, eher selten zutreffen. Dennoch lässt sich hier eine lokale Brückenfunktion 31 Ein Pfad definiert sich als eine Sequenz von Kanten, bei denen der Endpunkt der einen Kante den Startpunkt der anderen darstellt (Hennig et al. 2012: 113). Pfade verbinden Knoten und werden in der Netzwerkanalyse als Distanzmaß verwendet. 90 ausmachen. Auch wenn es mehrere Pfade zwischen zwei Knoten geben sollte, so ist sicherlich der kürzere Pfad i. d. R. effizienter. Das Partyspiel ” Stille Post“ verdeutlicht diesen Gedanken. Eine Person startet das Spiel, indem sie der Person rechts neben ihr einen Satz ins Ohr flüstert. Diese gibt den Satz wiederum an die nächste Person weiter und dieses Vorgehen wiederholt sich, bis sich der Kreis schließt. Die letzte Person spricht den Satz dann laut aus. Während der eingegebene Satz nach ein bis zwei Weitergaben noch ziemlich nahe an der ursprünglichen Information sein dürfte, verfälscht sich dieser mit Verlängerung der Kommunikationskette zunehmend, was den Witz des Spiels ausmacht. Offensichtlich hat dieses Beispiel eher anekdotische Evidenz, es versinnbildlicht jedoch, dass bei Kommunikationsketten kürzere Wege zu bevorzugen sind. Harary et al. (1965) gehen in diesem Zusammenhang davon aus, dass es eine kritische Distanz zwischen Knoten gibt, ab der es aufgrund anfallender Kosten und Verzerrungen nicht mehr lohnend ist, Informationen zu beziehen. Aus diesem Grund bezieht sich Granovetter (1973: 1365) in seinem Vokabular auf lokale Brücken n-ten Grades, wobei n den kürzesten Pfad zwischen den zwei Knoten der Brücke darstellt, diese selbst ausgenommen. Aus denselben Gründen, aus denen nur schwache Beziehungen Brücken sein können, können auch nur schwache Beziehungen lokale Brücken sein. Dies stellt wiederum eine Stärke von schwachen Beziehungen dar, da sie eine Möglichkeit schaffen, mehrere und vor allem kürzere Pfade zwischen Knoten eines Netzwerks zu bilden, wodurch letztlich die Diffusion von Informationen (oder anderen Ressourcen) begünstigt wird. Zusammenfassend basiert die SWT auf der Annahme der Transitivität starker Beziehungen. Wenn A mit B verbunden ist und B mit C, sollte auch A mit C verbunden sein, sofern die Verbindungen zwischen A und B sowie B und C starke Verbindungen sind. Die Transitivität sozialer Beziehungen ist somit eine Funktion der Stärke der Verbindungen und kein allgemeines Merkmal sozialer Strukturen (Granovetter 1973: 1377). Transitive Verbindungen sind weiterhin durch hohe Redundanz der in ihnen zirkulierenden Informationen gekennzeichnet (Rapoport 1963). Schwachen 91 Beziehungen kommt dann aufgrund ihrer möglichen Brückenfunktion eine besondere Eignung zur Weiterleitung neuer Informationen zu. Enthält ein Netzwerk mehr schwache Beziehungen, sollte es tendenziell auch mehr Brücken aufweisen, wodurch es letztlich besser geeignet ist, Informationen im Netzwerk zu verteilen. Sowohl auf individueller als auch auf Gruppenebene stellen schwache Verbindungen eine Form von Sozialkapital dar. Zu einer ähnlichen Aussage kommt auch der folgende Abschnitt, in dem der Begriff des Sozialkapitals genauer erläutert wird. 3.2.2 Colemans Social Capital Colemans (1988) Konzept des Sozialkapitals (CSC) versteht sich als Bindeglied zweier theoretischer Denkrichtungen. Die eine der beiden beschreibt Akteure als sozialisierte Menschen, deren Handlungen durch soziale Normen geleitet werden. Diese Strömung bezeichnet Coleman als die soziologische Strömung. Dieser Denkrichtung stellt er Modelle und Theorien der neoklassischen Ökonomie, denen ein rationalistisches Akteursmodell zugrunde liegt und die dadurch gekennzeichnet sind, dass die Akteure Ziele unabhängig und ausschließlich vor dem Hintergrund des Eigeninteresses verfolgen. Nach diesen Modellen ist die Nutzenmaximierung handlungsleitend. Unter Berücksichtigung des Konzepts des sozialen Kapitals sieht Coleman (1988: 95) eine Möglichkeit der Integration sozialer Strukturen in das RC-Paradigma. Die Notwendigkeit dieses Schritts begründet sich durch die nicht von der Hand zu weisenden Kritik an den jeweiligen Denkrichtungen. In der soziologischen Denkweise wird behauptet, dass die Handlungen der Akteure durch ihre soziale Umwelt geformt werden. Allerdings wird dabei gänzlich ausgeschlossen, dass die Akteure eine interne Antriebsfeder haben, die für sie handlungsleitend sein könnte. Die neoklassische Ökonomie scheitert dagegen an der empirischen Realität. Menschen handeln unterschiedlich, je nachdem in welchen sozialen Kontexten sie sich befinden. Sie sind auch nicht immer nur am Eigeninteresse ausgerichtet (Coleman 1988: 96). 92 Angetrieben durch bestehende Bemühungen um eine Fusion der zwei Denkrichtungen schlägt Coleman das Konzept des Sozialkapitals vor, allerdings mit der klaren Zielsetzung, das Prinzip der rationalen Handlung, das den ökonomischen Ansätzen inhärent ist, für die Analyse sozialer Systeme fruchtbar zu machen (Coleman 1988: 97). Soziales Kapital wird als Werkzeug zur Integration bestimmter Elemente der soziologischen Strömung betrachtet. Coleman ist es wichtig, nicht bloß eine Mixtur der beiden Denkrichtungen vorzuschlagen, sondern eine Integration bestimmter Elemente, die auf einem kohärenten theoretischen Rahmen basiert. Den theoretischen Rahmen bildet dabei die Theorie der rationalen Handlung, die bereits in Abschnitt 3.1.3 erläutert wurde. Das Sozialkapital reiht sich in dieses Gebilde ein und stellt lediglich eine weitere Ressource dar, derer sich die Akteure bedienen können. Definiert wird Sozialkapital über seine Funktion, die durch zwei Elemente wesentlich geprägt wird. Sozialkapital trägt immer einen Aspekt sozialer Strukturen in sich und es ist produktiv in dem Sinne, dass es Handlungen der Akteure erleichtert und Handlungsergebnisse ermöglicht, die ohne diese spezifische Ressource nicht möglich gewesen wären. Neu ist an dem Sozialkapital gegenüber anderen Kapitalformen seine Verortung in Strukturen sozialer Beziehungen. Physisches Kapital liegt bspw. in Form von Maschinen zur Produktion von Gütern vor und ist somit direkt greifbar. Humankapital dagegen setzt sich aus den Fertigkeiten und dem Wissen eines Akteurs zusammen und ist folglich nur indirekt zu begreifen. Das Sozialkapital ist ebenfalls indirekter Natur, da es sich aus den sozialen Beziehungen eines Akteurs speist. Trotz seiner indirekten Natur kann Sozialkapital gewinnbringend aktiviert werden (Coleman 1988: 100 f.). Aus theoretischer Sicht und im Hinblick auf die Modellbildung bietet das Konzept des Sozialkapitals den Vorteil, soziale Strukturen hinsichtlich ihrer ausgeübten Funktion zu betrachten, was bedeutet, dass sich aus ihnen Ressourcen bilden, die von Akteuren für die Verfolgung ihrer Ziele genutzt werden können. Ungeachtet der Form, in der soziales Kapital auftritt, erfüllt es diese Funktion. In seinen Erläuterungen verschiedener Formen sozialen 93 Kapitals bezieht sich Coleman neben den Verpflichtungen, Erwartungen und der Vertrauenswürdigkeit von Strukturen ( ” Obligations, Expectations, and Trustworthiness of Structures“ (Coleman 1988: 102)) sowie den Normen und effektiven Sanktionen ( ” Norms and Effective Sanctions“ (Coleman 1988: 104)) auch auf Informationskanäle ( ” Information Channels“ (Coleman 1988: 104)). Dieser Form sozialen Kapitals kommt vor dem Hintergrund der Fragestellung dieser Studie eine besondere Aufmerksamkeit zu. Soziale Beziehungen bieten soziales Kapital, indem sie Akteure mit Informationen versorgen, an die sie selbst nicht ohne Weiteres herankommen. Informationsbeschaffung ist i. d. R. mit einem gewissen Aufwand verbunden und eine Alternative bietet sich in Gesprächen unterschiedlicher Art. Diesem Gedanken folgend stellen soziale Beziehungen von Lehrkräften potenzielle Ressourcen dar, die die Lehrkräfte gewinnbringend aktivieren können.32 Wenn Lehrkräfte sich zu schulischen Problemen informieren möchten, können sie dazu ihre Kontakte zu den anderen Lehrkräften der Schule bemühen, durch ein Gespräch auf dem Pausenhof, im Lehrerzimmer oder aber durch ein formelles Gespräch im Rahmen einer dienstlichen Sitzung. Informationen können in all diesen Formen ausgetauscht werden und folglich stellen Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen eine Ressource dar, die für Lehrkräfte passiv und aktiv nützlich sein kann. Die gewonnen Informationen können handlungsleitend genutzt werden und ersparen dem individuellen Akteur gegebenenfalls eine lange Suche nach der gewünschten Information. Im Folgenden wird dieser Gedanke an einem Beispiel konkretisiert. Steht eine Lehrkraft vor der Aufgabe, eine bestimmte Neuerung im Unterricht umzusetzen, kann sie dazu entweder pädagogische Fachzeitschriften einsehen, das Internet befragen oder sonstige Quellen, die ihr zur Verfügung stehen, durcharbeiten. Das bedeutet für diese Lehrkraft zunächst einen bestimmten Suchaufwand, um die passenden Informationen zu finden und 32 Der Zusatz, dass es sich dabei lediglich um potenzielle Ressourcen handelt, geht zurück auf die Kritik an Colemans Konzeption von Sozialkapital. Das Gleichsetzen von sozialem Kapital mit der Möglichkeit, Ressourcen aus diesem zu beziehen, birgt die Gefahr tautologischer Aussagen (Portes 1998: 5 f.). 94 anschließend muss sie sich die Informationen noch aneignen und auf ihren speziellen Kontext übertragen, was ebenfalls einen gewissen Aufwand bedeutet. Stattdessen kann sie aber auch eine Kollegin oder einen Kollegen aufsuchen und in dieser speziellen Sache um Rat bitten. In diesem Fall ist es für die Lehrkraft von Vorteil, wenn sie vorab eine Ahnung hat, welche Kollegin oder welcher Kollege ihr die gewünschten Informationen liefern kann und darüber hinaus auch gewillt ist, sich die Zeit zu nehmen, sie ihr zu geben (vgl. dazu Borgatti und Cross 2003). Besonders bequem wäre es für die Lehrkraft, wenn sie eine befreundete Kollegin abends auf ein Glas Wein einlädt und sich bei der Gelegenheit die neue Lehrmethode erklären lässt. Sie könnte ihre Informationen aber auch eher zufällig im Rahmen eines informellen Gesprächs zwischen zwei Unterrichtsstunden erhalten, da eine Kollegin, mit der sie häufiger die Pause verbringt, ihr beiläufig von ihrer Erfahrung mit einer Neuerung berichtet. Ein weiterer Aspekt ergibt sich aus dem Umstand, dass die Lehrkraft auch Ressourcen außerhalb der Grenzen des Kollegiums haben kann. Beispielsweise eine befreundete Lehrkraft, die an einer anderen Schule tätig ist oder auch eine Person außerhalb des Schulsystems, die sich aufgrund eigener beruflicher Gründe mit Themen beschäftigt, die für die Lehrkraft relevant sein können, bspw. ein befreundeter Wissenschaftler. Vor diesem Hintergrund begründet sich eine duale Herangehensweise mittels egozentrierter Netzwerke einerseits und der Analyse von innerschulischen Gesamtnetzwerken andererseits. Die prinzipielle Offenheit der egozentrierten Netzwerke bietet die Möglichkeit, Rückschlüsse auf außerhalb der Schulgrenzen verortete Ressourcen der Lehrkräfte zu ziehen. Es wird deutlich, dass die unterschiedlichsten Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen für eine Lehrkraft wichtig sein können, um an gewünschte Informationen zu gelangen. Sie stellen potenzielle Ressourcen dar, die die Lehrkräfte aktivieren können, um ihre Handlungen zu erleichtern. Coleman (1988) bezieht sich in seiner Ausarbeitung zum Sozialkapital auch explizit auf soziale Netzwerke und berücksichtigt dabei einschlägige Quellen und Konzepte, 95 wie z. B. die ” embeddedness“ von Granovetter (1985). In seinen Analysen der Einflüsse auf einen Schulabbruch, anhand derer er die Fruchtbarkeit des Sozialkapitals zeigen möchte, bezieht er sich allerdings nicht auf Daten, die mit Instrumenten der Netzwerkanalyse generiert wurden. Stattdessen greift er auf Approximationen an das Sozialkapital der untersuchten Schüler zurück: ob bspw. ein oder zwei Elternteile im Haushalt vorhanden sind oder wie viele Geschwister das Schulkind hat. Im Hinblick auf die noch folgenden Analysen und entsprechend der obigen Erläuterungen erscheint eine netzwerkanalytische Herangehensweise dem Konzept gerechter zu werden, da sie explizit den dyadischen Charakter von Beziehungen berücksichtigt und diesen einer direkteren Messung zugänglich macht. So kann z. B. die bloße Anzahl der Kontakte einer Lehrkraft als geeigneter Indikator für das vorhandene Sozialkapital gedeutet werden. Je mehr Quellen angezapft werden können, desto wahrscheinlicher ist es, eine passende Antwort auf die eigene Frage zu erhalten. Diese Aussage trifft jedoch nur zu, wenn die Quellen auch die gewünschten Informationen besitzen. Mit anderen Worten: Es hilft einer Lehrkraft wenig, mit allen anderen Lehrkräften des Kollegiums über irgendeine Art von Beziehung verbunden zu sein, wenn bestimmte Informationen einfach nicht im Kollegium vorhanden sind oder weitergegeben werden.33 Colemans Konzeption von Sozialkapital ist keinesfalls die erste Erwähnung von Sozialkapital im Rahmen sozialwissenschaftlicher Analysen. Bourdieu (1986) gilt als einer der Ersten, der sich der Ausarbeitung dieses Konzepts gewidmet hat. Seine Definition von Sozialkapital ” the aggregate of the actual or potential resources which are linked to possession of a durable network of more or less institutionalized relationships of mutual acquaintance or recognition“ (Bourdieu 1986: 248) beinhaltet bereits die Aspekte, die auch bei Colemans Konzeption zentral sind. Im Kern besagt sie, dass soziales Kapital eine tatsächlich oder potenziell vorhandene Ressource ist, die an 33 Portes (1998: 5 f.) weist darauf hin, dass die Motivation, Information zu erhalten, eine andere sein dürfte als die, sie zu geben. 96 Netzwerke mehr oder minder institutionalisierter Beziehungen gekoppelt ist. Eine systematische Bearbeitung des Konzepts bedarf einer analytischen Trennung zwischen den Besitzern und den Quellen des Sozialkapitals sowie den Ressourcen an sich, die sich aus dem Sozialkapital ergeben. Die Besitzer sind Akteure, die Beziehungen zu anderen Akteuren unterhalten, an die sie auf der Grundlage der vorhandenen Beziehung Forderungen stellen können. Diese anderen Akteure stellen somit die Quellen für unterschiedliche Ressourcen dar, sofern sie gewillt sind, der Forderung des Besitzers nachzukommen. Die Ressourcen sind es dann letztlich, die dem Akteur Handlungen vereinfachen (Portes 1998: 5 f.). Übertragen auf soziale Netzwerke von Lehrerinnen und Lehrern lässt sich dies verdeutlichen. Jede Lehrkraft ist Träger eines gewissen Maßes an Sozialkapital. Anzapfbare Quellen sind die Kolleginnen und Kollegen oder auch außerhalb der schulischen Grenzen verortete Personen, mit denen eine Beziehung unterhalten wird. In der vorliegenden Untersuchung werden evidenzbasierte Informationen als konkretes Beispiel für eine Ressource herangezogen. Lehrkräfte können sie durch viele verschiedene Interaktionen mit anderen Kolleginnen und Kollegen oder sonstigen Bekanntschaften erhalten. Das Erhalten dieser Informationen kann wiederum ihre Handlungen erleichtern, indem bspw. hohe Suchkosten vermieden werden. Diese Argumentation erscheint vor dem bereits mehrfach erwähnten Druck, stets auf dem neuesten Stand zu sein, zumindest plausibel. Ein letzter Punkt, der sich aus dem Konzept des Sozialkapitals ergibt, ist seine Wirkung auf die Generierung von Humankapital. Coleman (1988: 109 ff.) führt an, dass soziales Kapital sich in Humankapital der nachfolgenden Generation verwandeln kann. Er bezieht sich dabei auf den Wert des sozialen Kapitals von Kindern für ihren schulischen Erfolg. Das Humankapital der Eltern kommt nach seiner Meinung erst zum Tragen, wenn die Kinder es durch Anwesenheit und Bemühungen ihrer Eltern auch vermittelt bekommen. Dieser Prozess lässt sich wiederum als Sozialkapital der Kinder 97 auffassen, weshalb es letztlich auch in Form von elterlichem Aufwand in Humankapital, bspw. einer besseren Schulbildung, zum Ausdruck kommt. Diese Bedeutung des Sozialkapitals lässt sich auf den Untersuchungsgegenstand dieser Ausarbeitung übertragen. Wie bereits erläutert wurde, bergen soziale Beziehungen das Potenzial, eine Ressource für Lehrkräfte zu sein, auf die sie bei Bedarf zurückgreifen können, um bspw. Ressourcen in Form von Informationen einzuholen, die ihre Handlungen vereinfachen. In diesem Sinne muss dann stärkere Vernetzung zu einem größeren Ausmaß an Sozialkapital führen. Durch das vorhandene Sozialkapital kann wiederum zunächst auf individueller Ebene Humankapital entstehen, sofern die Informationskanäle zum Austausch über neues Wissen genutzt werden, welches dann in die Praxis überführt wird. So erhöht sich das Humankapital einer Lehrkraft, indem sie über ihr Sozialkapital neue Fähigkeiten, wie z. B. die Anwendung neuer Lehrmethoden, erlernt. Bei andauernder Vernetzung der Lehrkräfte untereinander muss dann auf organisationaler Ebene gleichfalls das Humankapital steigen, sofern die Vernetzung der Lehrkräfte untereinander Bestand hat und die Fluktuation innerhalb des Kollegiums nicht zu groß ist. Die Idee dabei ist, dass das durch Sozialkapital generierte Humankapital wiederum durch soziales Kapital Verbreitung findet und somit über die Schuljahre und individuellen Akteure hinweg erhalten bleibt bzw. sich erhöht. Folglich dürften Schulen, an denen eine starke Vernetzung der Lehrkräfte beobachtet wird, ein höheres Maß an Humankapital aufweisen als in weniger stark vernetzten Schulen.34 Konkretisiert am Beispiel der Evidenzbasierung, die als Outcome-Variable im Analyseteil verwendet werden, bedeutet das, dass sich Evidenzbasierung im Sinne von Humankapital einer Lehrkraft durch Sozialkapital in Form von Informationskanälen verbreitet und folglich auch verfestigt, wodurch letztlich das Humankapital auf der organisationalen Ebene der Schule steigt. 34 Gemeint ist das Ausmaß der Vernetzung im Bereich des beruflichen Austauschs, sowohl innerhalb der schulischen Grenzen aber auch, wie gezeigt wurde, außerhalb. 98 Nach Coleman (1988: 105 f.) sind es insbesondere dichte Netzwerke, die geeignet sind, Sozialkapital zu begünstigen, da sie durch Schließung ( ” closure“) gekennzeichnet sind. Seine Argumentation fußt auf der Annahme, dass die Umsetzung von Normen durch geschlossene Netzwerke begünstigt wird, da die Einhaltung der Normen in geschlossenen Netzwerken einer strengeren Beobachtung unterliegt. Diese Aussage bildet in gewissem Maße einen Kontrast zu den Annahmen der SWT, die ja postuliert, dass es Brücken, also schwache Beziehungen sind, die Informationsflüsse begünstigen und Netzwerke mit hoher Transitivität den Informationsfluss bremsen. Dieser Kontrast wird im Rahmen der Synthese der vorgestellten theoretischen Ansätze aufgegriffen und im Hinblick auf die eigene Theoriebildung in Abschnitt 3.2.5 näher erörtert. 3.2.3 Small World Theory Jeder kennt die Situation: Man ist auf Reisen in einer fremden Stadt und trifft neue Menschen. Schließlich kommt man ins Gespräch: ” Was machen Sie hier? Wie ist das Wetter? Wo kommen Sie her?“. Ganz gewöhnlicher Small Talk. Das Erstaunliche daran ist, dass man auf diese Weise schon den ein oder anderen Bekannten eines Bekannten kennengelernt hat. Man kannte sich vorher noch nicht aber in der Netzwerksprache bestand zwischen den neuen Bekannten bereits eine Verbindung und zwar über eine gemeinsame Bekanntschaft. Gerne greift man in solchen Situationen auf die Redensart zurück, dass die Welt doch ein Dorf sei bzw. dass man in einer kleinen Welt lebe. Die Welt erscheint klein, da eine solche zufällige Begegnung offenbart, dass vermeintlich Unbekannte einander gar nicht so fern sind. Um die Frage zu beantworten, wie groß die soziale Distanz zwischen uns und beliebigen anderen Personen auf der Welt ist, entwarf Milgram (1967) ein Experiment, um das ” Small World Problem“ (SW) zu untersuchen. Er bat zufällig ausgewählte Personen, ein Paket an eine Zielperson zu schicken. Bei den Probanden handelte es sich um Personen, die alle in 99 derselben Stadt lebten. Alle mussten also die gleiche räumliche Distanz überbrücken. Der Clou des Experiments bestand darin, dass die Probanden das Paket nicht direkt an die Zielperson schicken durften, ausgenommen sie kannten sie persönlich. Stattdessen lautete die Vorgabe, das Paket an eine bekannte Person zu senden, von der die Probanden glaubten, dass diese die Zielperson kennen könnte (Rürup et al. 2015: 33–35). Wenn ein Paket verschickt wurde, sollte der Absender auf dem Paket vermerkt werden. Dadurch konnten die eingegangenen Pakete hinsichtlich der Anzahl der durchlaufenen Stationen analysiert werden. Die angekommenen Pakete erreichten das Ziel durchschnittlich über 5, 5 Stationen. Daraus wurde geschlossen, dass beliebige US-Amerikaner nur durch aufgerundet sechs Kontakte von jedem anderen US-amerikanischen Bürger getrennt sind. Ein erstaunlicher Befund. Die Studie wurde zwar insbesondere aufgrund der mangelhaften Dokumentation der Datenerhebung und Datenlage kritisiert (Kleinfeld 2002), diente jedoch als Inspiration für eine Vielzahl von Studien. So zeigen neuere Studien, in denen die Kommunikationsketten elektronisch via E-Mail abliefen, dass die berühmten ” six degrees of separation“ (Barabási 2003) Bestand haben (Dodds et al. 2003). Gleichzeitig befeuerte die Studie ein Forschungsprogramm, das sich mit der Verteilung von Informationen und anderen Ressourcen durch Netzwerke beschäftigt (z. B. Coleman et al. 1966; Rogers 2003 [1962]). Neben dieser Vorreiterrolle kommt der SW auch eine allgemeinere Rolle zu. Frühe Studien kamen zu dem Schluss, dass soziale Netzwerke durch das Transitivitätsprinzip stark geklumpte Segmente aufweisen (Rapoport und Horvath 1961). Die Folgerung aus der SW bildet einen gewissen Kontrast zu diesen Aussagen, besagt sie doch, dass soziale Netzwerke durch kurze Distanzen zwischen all ihren Mitgliedern gekennzeichnet sind. Es stellt sich die Frage, wie sich diese gegensätzlichen Aussagen miteinander vereinen lassen, oder ob sie sich gegenseitig ausschließen. Der Widerspruch ist nicht unauflösbar. Watts und Strogatz (1998) zeigen, dass bereits einige wenige zufällig gesetzte Verbindungen zwischen den Knoten eines stark geklumpten 100 Netzwerks genügen, um die durchschnittliche Pfadlänge zwischen zwei beliebigen Knoten drastisch zu reduzieren. Es lässt sich argumentieren, dass diese scheinbar zufälligen Verbindungen losen Bekanntschaften oder in Granovetters Worten schwachen Beziehungen entsprechen, von denen bekannt ist, dass sie als Brücken fungieren. Somit löst sich der oben erwähnte Widerspruch auf. Soziale Netzwerke sind stark geklumpt, einzelne Knoten können sich aber dank zufälliger Verbindungen bzw. Brücken auf kurzen Wegen erreichen. Diese knappen Darstellungen sollen an dieser Stelle genügen, da der Beitrag der Small World Theorie im Wesentlichen skizziert wurde. Für die vorliegende Untersuchung ist besonders die Erkenntnis interessant, dass auch bei einer vergleichsweise hohen Transitivität eines sozialen Netzwerks durchaus neue Informationen in das Netzwerk gelangen können. Netzwerkmerkmale alleine können demnach keine vollständige Erklärung liefern.35 3.2.4 Burts Structural Holes Burt (1992) liefert mit seinem Werk zur sozialen Struktur des Wettbewerbs eine weitere Perspektive auf die Folgen sozialer Netzwerke. Seine Forschung ist dem Bereich der Wirtschaftssoziologie zuzuordnen und seine Analyse widmet sich der Frage, welchen Einfluss soziale Strukturen auf die Ertragsraten ( ” return rate“) haben. Vereinfacht gesagt nimmt jeder Akteur ( ” player“) mit drei Arten von Kapital am Markt teil: finanzielles Kapital, Humankapital und Sozialkapital. Mit finanziellem Kapital sind Ersparnisse, Bargeld, ausstehende Einkünfte und dergleichen gemeint. Das Humankapital der Akteure ergibt sich aus ihrer formalen Ausbildung, Berufserfahrung und anderen Qualitäten. Das Sozialkapital gewinnen sie aus Beziehungen zu anderen Akteuren, die am Wettbewerb teilhaben. Freun- 35 ” More generally, the experimental approach adopted here suggests that empirically observed network structure can only be meaningfully interpreted in light of the actions, strategies, and even perceptions of the individuals embedded in the network: Network structure alone is not everything.“ (Dodds et al. 2003: 829). 101 de, Kollegen und andere Kontakte bieten die Möglichkeit, finanzielles und Humankapital gewinnbringend einzusetzen. Demnach wird Sozialkapital ebenfalls als Ressource betrachtet, die genutzt werden kann, um eigene Ziele zu verfolgen. Neu an Burts Analyse ist der Gedanke, dass Sozialkapital einen wesentlichen Einfluss auf die Gewinnrate einer Investition ausübt. Je nachdem welche Struktur das Netzwerk eines Akteurs hat und welche Position er und seine Kontakte in der sozialen Struktur des Wettbewerbs einnehmen, ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten im Hinblick auf die Gewinnraten. Soziales Kapital unterscheidet sich nach seiner Ansicht von finanziellem und Humankapital in zwei wesentlichen Aspekten. Der erste Unterschied besteht darin, dass finanzielles und Humankapital das Eigentum von individuellen Akteuren sind, wobei mit Akteuren sowohl einzelne Personen als auch Organisationen gemeint sein können. Sozialkapital befindet sich dagegen im Besitz aller Beteiligten einer Beziehung. Keiner hat ein exklusives Anrecht auf das darin enthaltene Sozialkapital. Löst sich eine Verbindung zwischen zwei Parteien, geht auch das Sozialkapital verloren und zwar für beide Seiten. Den zweiten Unterschied macht Burt daran fest, dass finanzielles und Humankapital im Rahmen der ” market production equation“ (Burt 1992: 8) auf der Seite der Investitionen zu verorten sind. Diese Gleichung dient der Vorhersage von Profiten und sieht die Multiplikation von investiertem Kapital und Gewinnraten vor. Akteure investieren ihr finanzielles und Humankapital, um Profite zu erzielen. Soziales Kapital wird dagegen auf der Seite der Gewinnraten verortet. An einem Beispiel lässt sich dies verdeutlichen. Ein Akteur verfügt über ein bestimmtes finanzielles Kapital, das er investieren möchte. Sein soziales Kapital beeinflusst seine Gewinnrate, indem er von einem seiner Kontakte einen Insidertipp erhält, der ihm einen höheren Profit bei gleichem Einsatz verspricht. Der Einsatz bleibt gleich, aber der Profit ist höher, was letztlich bedeutet, dass sich die Gewinnrate geändert hat. Ohne diesen Kontakt hätte der Akteur seine Investition zwar ebenfalls machen und auch eine gewisse Gewinnrate erwarten können, der Punkt ist aber, dass er durch den 102 Abbildung 4: Egozentrierte Netzwerke mit und ohne strukturelle Löcher. Erläuterung: Das Netzwerk von A weist strukturelle Löcher auf, während das Netzwerk von B keine strukturellen Löcher aufweist. Eigene Darstellung in Anlehnung an Burt (1992). Kontakt eine bessere Möglichkeit aufgezeigt bekommen hat, die ihm ohne den Kontakt verschlossen geblieben wäre. Vereinfacht gesagt: Die Theorie der strukturellen Löcher (SH) zielt darauf ab, Erklärungen dafür zu liefern, inwiefern umliegende Kontakte eines Individuums einen Einfluss auf dessen Produktivität haben. In der Sprache der SNA wird ein egozentrierter Ansatz verwendet, d. h. es rücken Beziehungen zwischen einem Individuum (Ego) und seinem Umfeld sowie deren Beziehungen untereinander in den Mittelpunkt.36 In Abhängigkeit der sozialen Einbettung der Individuen soll dann deren Produktivität erklärt werden. Im Kern besagt die Theorie, dass die Produktivität eines Individuums unter anderem davon abhängt, in welchem Ausmaß sein Egonetzwerk über strukturelle Löcher verfügt. Strukturelle Löcher lassen sich darüber definieren, dass sie Ego mit unterschiedlichen Informationspools verbinden. Was damit gemeint ist, zeigt Abbildung 4. Das Egonetzwerk von Person A aus Abbildung 4 ist so gestaltet, dass A drei unterschiedliche Personengruppen anzapfen kann. B dagegen hat zwar die gleiche Anzahl an Kontakten, allerdings sind seine Kontakte selbst 36 Aus methodischer Sicht besteht jedoch keine zwingende Notwendigkeit, SH auf egozentrierte Netzwerke zu beschränken. 103 untereinander verknüpft. Nach SH wird argumentiert, dass das Netzwerk von A mehr neue Informationen liefern kann, während das Netzwerk von B dazu tendiert, redundante Informationen zu liefern und in der Folge hat A eine höhere Produktivität. Diese Argumentation erscheint vertraut und tatsächlich besteht eine nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit zwischen SH und SWT. Was hier als strukturelle Löcher bezeichnet wird, ist nach SWT eine Brücke. Im Resultat sehen beide Denkrichtungen einen Nutzen für Personen, deren Netzwerke über mehr strukturelle Löcher respektive Brücken verfügen (Borgatti und Halgin 2011: 1171). Diese Parallele zwischen SH und SWT wird im Rahmen der Synthese der theoretischen Ansätze in Abschnitt 3.2.5 weiter erörtert. Als Fazit lässt sich festhalten, dass SH eine egozentrierte Perspektive einnimmt. Die Beziehungen, die Ego zu seinen Alteri unterhält, sowie deren Beziehungen untereinander ergeben eine beobachtbare Struktur, in die Ego sozial eingebettet ist. Aus der sozialen Einbettung ergibt sich für Individuen ein bestimmtes Maß an Sozialkapital. Verfügt Ego über eine Netzwerkstruktur mit relativ vielen strukturellen Löchern, so ist sie im Vergleich zu einer anderen Person, deren Netzwerk nur wenige oder gar keine strukturellen Löcher aufweist im Vorteil. Typischerweise wird argumentiert, dass strukturelle Löcher Ego eher mit neuen Informationen versorgen, während in sich geschlossene Strukturen tendenziell eher redundante Informationen liefern.37 3.2.5 Das Network Flow Model Aus den vorangegangenen Erläuterungen soll in diesem Kapitel eine Synthese der verschiedenen Ansätze erfolgen. Dabei wird der Argumentation gefolgt, nach der die dargestellten Theorien zu den Folgen sozialer Netzwerke (SWT, 37 Neben diesen Argumentationssträngen existiert im Rahmen der SH Theorie auch eine Richtung, in der die Position eines Akteurs innerhalb eines Netzwerks von besonderer Bedeutung ist, da unterschiedliche Positionen mit variierenden Möglichkeiten einhergehen (z. B. die Position des ” lachenden Dritten“ (Jansen 2006: 191)). 104 CSC, SH und SW) auf ein gemeinsames, zugrundeliegendes theoretisches Modell zurückzuführen sind. Unterschiede der dargestellten Theorien lassen sich lediglich an verschiedenen Ziel- und Akzentsetzungen festmachen. Dieses basale Modell wird ” network flow model“ (NFM) (Borgatti und Halgin 2011; Borgatti und Lopez-Kidwell 2011) genannt.38 Wie sich ein Kondensat aus den auf den ersten Blick doch zum Teil sehr unterschiedlichen Ansätzen bilden lässt und was dies für die weitere Theoriebildung im Rahmen dieser Arbeit bedeutet, soll im Folgenden erläutert werden. Analytisch lassen sich die vorgestellten Theorien in drei Schichten unterteilen. Die tiefe Schicht beinhaltet die Regeln der theoretischen Perspektive (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 43). Dabei handelt es sich um ein einfach gehaltenes Modell zur Erklärung von sozialen Systemen. Den Ansätzen SWT, CSC, SH und SW ist die Annahme gemein, dass soziale Systeme Netzwerke sind und durch diese Netzwerke fließen Ressourcen (im Folgenden werden Informationen als Synonym für Ressourcen verwendet). In der SWT und SH sind es neue Informationen, wie z. B. Jobangebote, respektive Insidertipps, die einem am Markt Vorteile bringen.39 CSC betrachtet es etwas allgemeiner, dennoch ist Sozialkapital eindeutig als Ressource definiert. SW sieht soziale Netzwerke ebenfalls als Transmitter von Inhalten, seien es Pakete, die via Post verschickt werden oder bspw. E-Mails. Weiterhin fließen die Informationen zwischen zwei Knoten, die sich über Pfade innerhalb des Netzwerks erreichen können. Die Pfade können dabei als Grad der Verbundenheit der beiden Knoten betrachtet werden, wobei ebenfalls impliziert wird, dass die beiden Knoten unverbunden sein können. Zwei Knoten, die sich gar nicht über Pfade erreichen können, werden als unverbunden bezeichnet und je länger der kürzeste Pfad zwischen zwei Knoten ist, desto unverbundener sind auch die beiden Knoten. Des Weiteren beschränkt 38 Neben dem NFM nennen Borgatti und Lopez-Kidwell das ” network architecture model“ (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 45 ff.), das Ansätze zusammenfasst, die primär auf positionale Aspekte innerhalb eines Netzwerks fokussieren. 39 Vgl. Preisendörfer und Voss (1988) für eine Analyse der Auswirkungen sozialer Netzwerke bzw. sozialer Kontakte am Arbeitsmarkt. 105 sich die Sichtweise auf ” true flows“ (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 43), was bedeutet, dass die Informationen im Wesentlichen unverändert durch das Netzwerk fließen. Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand dieser Studie bedeutet das, dass evidenzbasiertes Wissen als eine Form von Informationen durch die Netzwerke der Lehrkräfte fließt und sich im Zuge der Weitergabe im Wesentlichen nicht ändert. Es wird keinesfalls ausgeschlossen, dass sich gewisse Details bei der Weitergabe verändern können, dennoch bleiben es im Kern evidenzbasierte Informationen. Die mittlere Schicht stellt ein Theorem dar, das sich aus diesem zugrundeliegenden Modell herleiten lässt. SWT argumentiert, dass Transitivität den Fluss von Informationen durch ein Netzwerk bremst, indem sie die Pfadlängen vergrößert und dass Brücken eine Quelle für redundanzfreiere Informationen darstellen. Das Theorem der SH ist sehr ähnlich, nur werden Brücken als strukturelle Löcher bezeichnet. SH sieht zwar nicht vor, dass Brücken zwingend schwache Verbindungen sein müssen, was aber auch nicht mit dem zugrundeliegenden Theorem konfligiert. Kilduff (2010) argumentiert, dass die unterschiedlichen Auslegungen von SWT und SH auf verschiedenen dahinterliegenden Weltanschauungen beruhen. Granovetter (1973) zeichnet eine Welt, in der die Leute Beziehungen eingehen und diese sich dann nur durch Zufall als nützlich erweisen. Burt (1992) hingegen vertritt eine eher strategische Weltanschauung, in der Individuen Beziehungen eingehen, um instrumentelle Zwecke zu verfolgen. Dessen ungeachtet sind die Parallelen der beiden Ansätze offensichtlich (Borgatti und Halgin 2011: 1171). Die Begriffe mögen unterschiedlich sein, aber die Konsequenzen sind für beide Ansätze gleich. Individuen erhalten durch ihre Kontakte Ressourcen, genauer gesagt neue Informationen. Diese Argumentation lässt sich im Übrigen auch auf CSC übertragen. Letztlich ist es wichtig, dass sich aus dem Basismodell ein Theorem herleiten lässt, das sich empirisch überprüfen lässt. Die oberste Schicht stellt schließlich eine konkrete Ausschmückung des theoretischen Modells dar. Hier lassen sich Verknüpfungen zwischen dem Kern 106 des theoretischen Modells und Variablen aus einem empirischen Kontext erstellen. Für SWT bildet diese oberste Schicht die Annahme, dass die Stärke von Beziehungen maßgeblich für die Transitivität einer Triade bzw. eines Netzwerks ist und dass Transitivität dazu führt, dass zirkulierende Informationen eher redundant sind. Der SH-Ansatz verbindet die Informationsflüsse mit individueller Produktivität (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 43). Was die oben dargestellten Theorien so einzigartig erscheinen lässt, ist nur die Spitze des Eisbergs, das Offensichtliche. Der Teil, der unter der Oberfläche liegt, ist jedoch mehr oder minder identisch. Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass die gängigen theoretischen Ansätze zur Erklärung der Folgen von sozialen Netzwerken eine gemeinsame Basis haben. Soziale Systeme sind Netzwerke, die aus Knoten und Kanten bestehen. Durch diese Netzwerke bzw. durch die einzelnen Verbindungen der Netzwerke fließen Ressourcen. Dies stellt die grundlegendste Annahme der Ansätze dar. Auf der nächsthöheren Ebene lassen sich dann Theoreme aus dem Basismodell herleiten. Diese müssen mit dem theoretischen Rahmen des Modells vereinbar und empirisch überprüfbar sein. ” Theory, at this level, consists of taking constructs defined on the underlying model (such as betweenness centrality) and relating them to outcomes in the same universe (such as frequency and time of first arrival of something flowing through the network).“ (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 43). Auf der obersten Schicht findet schließlich eine Verknüpfung des Basismodells mit Variablen eines konkreten empirischen Kontextes statt. Dieser letzte Schritt ist es, der die in den vorangegangenen Kapiteln beschriebenen Theorien auf den ersten Blick so individuell erscheinen lässt. Auf dieser Ebene der Theorie bestehen Freiheiten, das grundlegende Modell auszugestalten und für spezielle Erklärungsmodelle anzupassen. Dabei muss betont werden, dass Freiheit nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen ist. Die Theoreme müssen eindeutig aus dem zugrundeliegenden Modell hervorgehen und die verwendeten Konstrukte müssen mit diesem abgeschlossenen Universum vereinbar sein. 107 Nachdem argumentiert wurde, dass die in den vorangegangenen Kapiteln beschriebenen Theorien einen gemeinsamen Kern haben, soll im Folgenden auf die einzelnen Elemente des NFM eingegangen werden. Dazu soll zunächst eine Unterscheidung relationaler bzw. dyadischer Phänomene stattfinden. Borgatti und Lopez-Kidwell (2011) sprechen dabei in Anlehnung an Atkin (1974, 1977) von ” backcloth“ und ” traffic“. Mit backcloth ist die grundlegende Infrastruktur eines Netzwerks gemeint, die den traffic erst ermöglicht bzw. hemmt. Der traffic ist die Ressource, die durch das Netzwerk fließt, in diesem Kontext also Informationen. Aus dieser groben Einteilung dyadischer Phänomene in zwei Kategorien lässt sich eine feinere Kategorisierung mit vier Subkategorien erstellen (vgl. Abbildung 5): – Ähnlichkeiten – soziale Beziehungen – Interaktionen – und Flüsse. Die Ähnlichkeiten und sozialen Beziehungen werden dem backcloth zugesprochen und die Interaktionen und Flüsse dem traffic. In der ersten Subkategorie, den ” Ähnlichkeiten“, lassen sich Gemeinsamkeiten von Akteuren in unterschiedlichen Bereichen verorten. Sie können z. B. räumlich nah zueinander sein oder aber gemeinsame Verhaltensweisen und Einstellungen haben. Die Ähnlichkeiten zwischen Akteuren werden noch nicht als Beziehung zwischen ihnen bezeichnet. Wie bereits gezeigt, besteht aus empirischer Sicht aber kaum Zweifel, dass Ähnlichkeiten die Wahrscheinlichkeit einer Beziehung zwischen zwei Akteuren erhöhen (McPherson et al. 2001). Die Kategorie ” soziale Beziehungen“ meint dann in den Begriffen der Netzwerkanalyse, dass Verbindungen in spezifischen Relationen gegeben sind. Als Beziehungen gelten jegliche Relationen, die in Abschnitt 2.1 beschrieben wurden. 108 Abbildung 5: Typen dyadischer Phänomene. Quelle: Borgatti und Lopez-Kidwell (2011: 44). Die Kategorie ” Interaktionen“ bezieht sich auf einzelne Ereignisse, die wiederholbar aber zeitlich begrenzt sind. Dabei können die verschiedensten Interaktionen zwischen zwei Personen gemeint sein. Einfache Unterhaltungen zählen ebenso zu den Interaktionen wie gemeinsames Publizieren von wissenschaftlichen Artikeln. Während von sozialen Beziehungen erwartet werden kann, dass sie eine gewisse Beständigkeit aufweisen, können Interaktionen durchaus einmalig sein. Die vierte Kategorie der dyadischen Phänomene, die ” Flüsse“, beinhaltet die unterschiedlichsten Inhalte, die durch ein Netzwerk fließen können. Ressourcen und Informationen sind einschlägige Beispiele für solche Flüsse. Dabei lässt sich noch unterscheiden, ob das, was durch das Netzwerk fließt, stets nur an einer Stelle im Netzwerk zu finden ist, wie z. B. ein Wanderpokal, der weitergereicht wird, oder ob sich der Inhalt vervielfältigt, wie es bei Information der Fall ist. Obwohl die Flüsse in den meisten Netzwerktheorien von besonderer Bedeutung sind, bestehen oftmals Zweifel an ihrer Messbarkeit (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 45). Betrachtet man Abbildung 5, so lässt sich vermuten, dass die Kategorien stets von der Kategorie zu ihrer Linken bedingt werden, d. h. Ähnlichkeiten führen zu sozialen Beziehungen, die wiederum zu Interaktionen führen, was letztlich in Flüssen resultiert. Aber auch die umgekehrte Richtung ist denkbar, wenn bspw. das Austauschen interessierter Blicke zwischen zwei Unbekannten, eine Interaktion, zu der sprichwörtlichen Liebe auf den ersten Blick führt, was dann in eine soziale Beziehung mündet. Zuckerman et al. (2005: 83) konnten anhand von Daten des British Household Panel 109 Surveys (BHPS) und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigen, dass sich Paare im Zeitverlauf im Hinblick auf ihre Wahlpräferenzen angleichen. Empirische Evidenz, die zeigt, dass sich soziale Beziehungen auch auf die Ähnlichkeiten auswirken können. Was lässt sich als Zwischenfazit zu dem NFM festhalten? Aus Borgatti und Lopez-Kidwells (2011) Argumentation folgt, dass ein Fokus auf soziale Beziehungen oder Interaktionen gelegt wird, um die Infrastruktur eines Netzwerks zu erfassen, was wiederum genutzt wird, um die Flüsse innerhalb des Netzwerks zu bestimmen. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die Flüsse sich oftmals einer direkten Messung entziehen. Ohne dieses Problem wäre es schließlich nicht nötig, einen Umweg über Annahmen zu machen, dass z. B. Knoten mit mehr schwachen Beziehungen auch mehr Informationen erhalten. Diese Aussage ließe sich schließlich durch die Messung der Informationen direkt überprüfen. Es bleibt festzuhalten, dass das NFM ein Basisgerüst ist, das geeignet ist, Theorien zu bilden, die beobachtbare dyadische Phänomene wie sozialen Beziehungen oder Interaktionen mit latenten Flüssen verbinden. Im Hinblick auf die theoretische Fundierung der vorliegenden Untersuchung bietet das NFM daher eine geeignete Perspektive, die sich nicht im Vorfeld den restringierenden Annahmen der in Abschnitt 3.2.1 bis Abschnitt 3.2.4 dargestellten theoretischen Ansätze unterwirft, sondern Raum für eigene Theoriebildung bietet. ” The main point is that the network flow model provides a conceptual universe within which we can conceptualize properties (such as clusteredness or centrality) and relate them to other properties (such as probabilities of receiving something flowing through the system). These properties are widely misperceived as elements of methodology (i.e., “measures”) that are unconnected to theory, when in fact they are derivations of a model and exist only in the context of a theoretical process.“ (Borgatti und Lopez-Kidwell 2011: 44). Der Vorteil einer solchen theoretischen Rahmung liegt auch darin begründet, dass die präsentierten Ansätze restriktiv im Sinne der untersuchten Beziehungsarten sind. Das SWT-Argument, dass Transitivität den Fluss 110 von Informationen bremst, ist bspw. nur für spezifische Fragestellungen bzw. untersuchte Beziehungsarten sinnvoll. Das NFM erhebt dagegen den Anspruch, einen theoretischen Überbau zu bieten, der die verschiedenen Ansätze keinesfalls ausschließt, sondern als spezielle Ausprägungen eines zugrundeliegenden Modells betrachtet. Gleichzeitig bietet es die Freiheit, Theoreme empirisch zu prüfen, die nicht mit dem Rahmen der anderen Ansätze kompatibel sind, indem es sich von den spezifischen Restriktionen der einzelnen Ansätze befreit. Für die vorliegende Untersuchung wird das NFM wie folgt spezifiziert: Die sozialen Netzwerke von Lehrkräften werden als soziales System gefasst, in dem Ressourcen zwischen Knoten fließen. Als spezielle Ressource sollen dabei evidenzbasierte Informationen dienen. Der Fluss dieser Informationen wird als latent angesehen und kann nur über Approximationen (Skalen zur Messung der Evidenzorientierung und des evidenzbasierten Handelns) operationalisiert werden. Bis zu diesem Punkt wird also nur auf das basale Grundgerüst des NFM zurückgegriffen. Netzwerke werden als Pipelines betrachtet, durch die Informationen fließen. Wer diesen Informationsfluss anzapfen kann, profitiert von den zirkulierenden Informationen. Es wurde dargelegt, dass die klassischen Ansätze zur Erklärung der Folgen von Netzwerken lediglich Spezialisierungen dieses Modells sind, indem jeder Ansatz auf seine eigene Art gewisse Aspekte betont. In dieser Ausarbeitung soll die Spezialisierung des basalen Modells darin bestehen, dass die Art der Beziehungen eine wesentliche Rolle für die theoretischen Vorhersagen spielt. Die klassischen Ansätze differenzieren ihre Aussagen nicht nach den untersuchten Beziehungstypen. Legt man bspw. Burts (1992) Theorie der strukturellen Löcher zugrunde, dem sicherlich instrumentelle Beziehungen vorschweben, lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die Vorhersagen der Theorie auch auf andere Beziehungsarten übertragbar sind. SH besagt im Kern, dass strukturelle Löcher im Netzwerk eines Akteurs dazu führen, dass dieser weniger redundante Ressourcen erhält. Für instrumentelle Beziehungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie der 111 Verfolgung eines Ziels dienen, mag dies einleuchten und aus Sicht des Individuums nützlich sein. Expressive Beziehungen sind dagegen durch ein hohes Maß an Vertrauen zwischen den Individuen gekennzeichnet (Ibarra und Andrews 1993: 282). Es wurden Argumente vorgebracht, die dafür sprechen, dass expressive Beziehungen zwar durchaus auch der Verfolgung von Zielen dienen können (z. B. der Reputationssteigerung), aber Reputation entsteht primär durch eine Position innerhalb eines Netzwerks und weniger durch einen Ressourcenfluss. Die Argumentation von SWT läuft, wie gezeigt, relativ parallel zu SH. Brücken, die bei Burt strukturelle Löcher genannt werden, helfen dem Individuum an weniger redundante Informationen zu gelangen. Granovetter bezieht sich in seiner Theorie explizit auf einen bestimmten Aspekt von Beziehungen. Demnach sind es primär schwache Beziehungen, die die genannte Funktion erfüllen, während starke Beziehungen eine Tendenz zur Überlappung zwischen den Verbindungen eines Akteurs und seinen Kontaktpartnern aufweisen. Des Weiteren definieren sich starke Beziehungen darüber, dass sie ein hohes Maß an Zeitaufwand erfordern, eine gegenseitige emotionale Intensität vorhanden ist und Reziprozität gewisser Leistungen vorliegt. Granovetter weist darüber hinaus darauf hin, dass seine Argumentation auf der Annahme positiver und symmetrischer Beziehungen basiert: ” . . . a comprehensive theory might require discussion of negative and/or asymmetric ties, but this would add unnecessary complexity to the present, exploratory comments.“ (Granovetter 1973: 1361). Er stellt damit die hier vorgebrachte Kritik heraus. Auch Burt weist in einem Beitrag auf die Problematik hin, dass der Inhalt eines Netzwerks ausschlaggebend für die Wirkungsweise bestimmter Netzwerkmerkmale ist und spricht davon, dass Analysten sich einig seien, dass informelle Beziehungen eine wichtige Form sozialen Kapitals darstellen. Wenn man diese Analysten aber danach fragt, welche Beziehungsarten genau und auf welche Weise wichtig sind, würden ihre Augen wie die eines in die Ecke getriebenen Frettchens zucken (Burt 1997: 357). Die relativ speziellen Annahmen der klassischen Ansätze implizieren jeweils bestimmte Typen von Beziehungen. Ihre Anwendbarkeit 112 auf andere Arten wird nur bedingt thematisiert. Im Verlauf der Darstellung der theoretischen Zugänge wurden bereits plausible Argumente vorgebracht, die durchaus dafür sprechen, dass die Folgen von Netzwerken abhängig von der Art der jeweils untersuchten Relation sind. Aus diesem Grund soll die Unterscheidung von instrumentellen und expressiven Beziehungstypen als Elemente in das NFM aufgenommen werden. Es wird angenommen, dass in instrumentellen und expressiven Beziehungen unterschiedliche Ressourcen fließen, was letztlich auch zu unterschiedlichen Folgen führt. Konkretisiert für die Fragestellung dieser Studie bedeutet das, dass instrumentelle Beziehungen bspw. besser geeignet sein könnten, evidenzbasiertes Handeln zu fördern. Expressive Beziehungen könnten dagegen die Einstellungen zu Evidenzen beeinflussen (vgl. dazu Ibarra 1995 und Ibarra und Andrews 1993). Diese Überlegungen sind nicht grundlegend neu. Wie sich im anschließenden Kapitel zeigen wird, existieren bereits Studien, die sich damit auseinandersetzen, dass aus unterschiedlichen Beziehungsarten auch unterschiedliche Folgen entstehen. Allerdings wird in diesen Studien häufig fast schon beliebig (die Parallelen der Ansätze wurden ausreichend thematisiert) auf die klassischen Ansätze der Netzwerkforschung verwiesen. Durch die Anwendung des theoretischen Überbaus des NFM ließen sich diese Verweise und Zuordnungen ebenfalls machen, allerdings mit dem Vorteil, dass ein eindeutiger theoretischer Zugang gewählt wurde. 113

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Zusammenfassung

In der Bildungsforschung stellt die Anwendung der sozialen Netzwerkanalyse ein Forschungsdesiderat dar. Das Netzwerkparadigma bietet durch seine Verbindung von Theorien und Methoden eine neuartige Perspektive, die im Rahmen dieser Arbeit eingenommen wird. Der Fokus dieses Buchs liegt auf der Untersuchung innerschulischer sozialer Beziehungen von Lehrerinnen und Lehrern, einem bislang wenig beforschten Gebiet. Wie setzen sich die Netzwerke zusammen? Welche Regelmäßigkeiten bestehen bei ihrer Formation? Lassen sich Effekte der unterschiedlichen Beziehungsstrukturen auf schulisches Handeln und Einstellungen feststellen?

Das vorliegende Werk stellt eine empirische Anwendung netzwerkanalytischer Bildungsforschung im Rahmen soziologischen Denkens dar. Gleichzeitig wird eine Einführung in das noch recht junge Paradigma geboten, bei der sowohl theoretische als auch praktische Elemente der sozialen Netzwerkanalyse an einem konkreten Anwendungsbeispiel diskutiert werden.