2 Netzwerkanalyse als sozialwissenschaftliche Methode in:

Bastian Laier

Soziale Netzwerke von Lehrerinnen und Lehrern, page 27 - 58

Erklärungen und Konsequenzen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4117-8, ISBN online: 978-3-8288-6994-3, https://doi.org/10.5771/9783828869943-27

Tectum, Baden-Baden
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2 Netzwerkanalyse als sozialwissenschaftliche Methode Dieses Kapitel befasst sich mit einer Einführung in die soziale Netzwerkanalyse als sozialwissenschaftliche Methode. Ziel des Kapitels ist es, einen Überblick über Entstehung, Begriffe und Methoden des noch jungen Paradigmas zu geben. Um einordnen zu können, wo sich die soziale Netzwerkanalyse zum heutigen Zeitpunkt befindet, lohnt sich ein knapper Rückblick auf ihre Wurzeln.4 Vergleicht man die Beiträge zu der Entwicklung und Geschichte des neuen Paradigmas in den großen Lehr- und Handbüchern der sozialen Netzwerkanalyse (z. B. Scott und Carrington 2011; Stegbauer und Häußling 2010), so wird deutlich, dass es schwierig ist einen exakten Zeitpunkt auszumachen, an dem der Begriff ” soziale Netzwerkanalyse“ im wissenschaftlichen Diskurs Einzug gehalten hat. Einig sind sich die Autoren der einschlägigen Beiträge darin, dass die Wurzeln der heutigen sozialen Netzwerkanalyse in der strukturalistisch geprägten Denkweise von Simmel (1908) liegen, die von seinem Schüler Wiese (1966 [1924]) fortgeführt wurde (vgl. Carrington und Scott 2011; Schnegg 2010). Die weiteren Entwicklungsschritte lassen sich ab den 1930ern grob in Dekaden einteilen.5 Beginnend mit den Arbeiten von Lewin (1936) und Moreno (1934) in den 1930er Jahren entsteht ein Ansatz, den Moreno Soziometrie nennt. Dieser in der Sozialpsychologie und Psychotherapie verortete Ansatz betont die Bedeutung der Struktur kleinerer Gruppen und versucht, diese mittels sogenannter Soziogramme formal darzustellen. Das Forschungsin- 4 Wer sich für die Geschichte der sozialen Netzwerkanalyse interessiert, sei auf einschlägige Beiträge in den großen Lehr- und Handbüchern hingewiesen, wie z. B. Freeman (2011), Schnegg (2010) und speziell für die deutsche Netzwerkforschung Ziegler (2010). 5 Diese Unterteilung ist stark vereinfachend, genügt jedoch für den Rahmen dieser Untersuchung. Ein Großteil der Ausführungen zur Geschichte der sozialen Netzwerkanalyse orientiert sich an den einschlägigen Lehrbüchern. Die Unterteilung in Dekaden wurde aus einer online zugänglichen Präsentation von Borgatti (2004) übernommen. 27 teresse hinter den Bemühungen der Autoren bestand in der Untersuchung des Einflusses von Strukturen einer Gruppe auf die Wahrnehmungen sowie letztlich die Handlungswahlen der Akteure. Die noch junge Soziometrie bediente sich dabei der Terminologie der strukturalistischen Soziologie, in der Akteure als Punkte und eine soziale Beziehung zwischen ihnen als Linie bezeichnet werden. Dieses erste Forschungsinteresse wurde in den 1940er Jahren vor allem von Psychologen verfolgt und in diesem Bereich stellte die Soziometrie ein schnell wachsendes Feld dar (Carrington und Scott 2011). Aus diesen ersten Studien ergaben sich sehr bald bedeutsame Anwendungsfelder innerhalb des Bildungsbereichs (Gronlund 1959; Jennings 1948), wobei die Soziometrie verwendet wurde, um die soziale Struktur von Schulklassen zu beschreiben. Auch im Bereich der Gemeindestudien ( ” community studies“) von Lundberg und Lawsing (1937) sowie Lundberg und Steele (1938) kam es zur Anwendung soziometrischer Verfahren. Etwas später wurde dann innerhalb der Sozialpsychologie ein Fokus auf die Untersuchung von Gruppendynamiken gelegt (Cartwright und Zander 1953; Harary und Norman 1953). Folgt man den Ausführungen von Carrington und Scott (2011), lässt sich die Verbreitung des soziometrischen Verfahrens unter anderem auf die Arbeiten von Warner (Warner und Lunt 1941) zurückführen, der zusammen mit Mayo an der Hawthorne Studie (Roethlisberger und Dickson 1939) arbeitete. Für Analysen größerer Gemeinden verwendete er Matrizen, um die Gruppenstrukturen darzustellen. Die 1950er und 1960er Jahre wurden maßgeblich durch anthropologische Arbeiten geprägt (z. B. Barnes 1954; Bott 1955), die im Fahrwasser des strukturalistischen Weltbildes von Radcliffe-Brown (1940) fuhren. Diese sogenannte ” Manchester-Gruppe“ (Jansen 2006: 43) interessierte sich primär für Prozesse der sozialen Integration von Gesellschaften und bot mit dem Netzwerkansatz ein Alternativprogramm zu den damals vorherrschenden strukturfunktionalistischen Ansätzen. In den 1970er Jahren begann dann der Aufstieg der Soziologen innerhalb des Netzwerkparadigmas. Einige der wohl bekanntesten Studien aus dem 28 Bereich der Netzwerkforschung entstammen diesem Zeitraum. So inspirierte bspw. Milgrams Small-World-Studie (1967) eine Reihe von Folgestudien, die durch die Betonung der Bedeutung sozialer Netzwerke letztlich auch einen Beitrag zur Diffusionsforschung (z. B. Rogers 2003 [1962]) geleistet haben (Rürup et al. 2015: 34 f.). Ebenfalls aus dieser Zeit stammt die vielfach zitierte Studie ” The Strength of Weak Ties“ (Granovetter 1973), die mit über 9500 Zitationen im Web of Science geführt wird.6 In den 1980er Jahren gab es einen Entwicklungsschub im Bereich der computergestützten Analyse, die durch das Aufkommen des PCs (Personal Computer) befeuert wurde. Rechenintensive Analysen von größeren sozialen Netzwerken wurden somit zugänglicher (Häußling und Stegbauer 2010). In den 1990er Jahren verbreitete sich der Netzwerkansatz auch in anderen Disziplinen und wurde zunehmend rezipiert (z. B. in der Politikwissenschaft (vgl. Knoke 2011)). Innerhalb der Soziologie wurde unter anderem die Verbindung zwischen dem Netzwerkansatz und dem Konzept des Sozialkapitals stark gemacht (Coleman 1990). Um den Jahrtausendwechsel drängten dann Physiker in die mittlerweile belebte Domäne. Sie wollten netzwerkanalytische Ideen auf soziale Phänomene anwenden. Dies führte zu einigem Unmut, da die Physiker, wenn überhaupt, nur wenige der bestehenden sozialwissenschaftlichen Arbeiten rezipierten. Seitdem expandiert die Netzwerkforschung in die verschiedensten wissenschaftlichen Bereiche. Die Methode kann sowohl in ihren Ursprüngen als auch in der heutigen Forschungslandschaft als interdisziplinär bezeichnet werden. Auf Tagungen des International Network for Social Network Analysis (INSNA), einer internationalen Vereinigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit Methoden und Theorien der sozialen Netzwerkanalyse beschäftigen, ist es bspw. nicht ungewöhnlich, dass auf einen Vortrag eines Geschichtswissenschaftlers der einer Physikerin folgt. Zum jetzigen Zeitpunkt hat sich die Methodik und Denkweise der sozialen Netzwerkanalyse in die verschiedensten Bereiche ausgebreitet und gedeiht dort, gemessen an der Zahl der Publikationen, in 6 Zuletzt geprüft am 05.04.2017; http://apps.webofknowledge.com 29 Abbildung 1: Anzahl der ” Social-Network-Analysis“ Publikationen im Social Science Citation Index (SSCI). 0 20 0 40 0 60 0 80 0 P ub lik at io ne n 1960 1980 2000 2020 Jahr Publikationen vorhergesagte Werte Erläuterung: Gesucht wurde nach allen Publikationen, die im SSCI enthalten sind und die im Thema ” social network analysis“ oder ” network analysis“ enthalten. Fitted values basieren auf einer Regression, in der die Anzahl der Publikationen als exponentielles Wachstum modelliert wurde. R2 = 0, 99; ŷ = −2, 787 + 0, 097× (1, 2x); Wobei x = 1 für 1965 bis x = 50 für 2016. denen die soziale Netzwerkanalyse angewandt wird. Bevor der Fokus auf die Netzwerkforschung im Bereich der Soziologie verschoben wird, verdeutlicht Abbildung 1 die Entwicklung der Publikationen, in denen die Schlagworte ” social network analysis“ vorkommen. Für die Soziologie spielt das Konzept sozialer Strukturen seit ihren Anfängen eine zentrale Rolle und grenzt sie von anderen Sozialwissenschaften ab. Das methodische Arsenal zur systematischen Erfassung sozialer Strukturen wurde jedoch erst relativ spät entwickelt. In der Abwesenheit oder Ablehnung dieser Methoden werden Strukturen häufig durch kategoriales Denken ersetzt. Geteilte Merkmale von Untersuchungseinheiten bilden einen Ersatz für Strukturen und in der Folge wird von ” Frauen“, der ” Un- 30 terschicht“ oder ” Rentnern“ gesprochen. Analytisch wird mit statistischen Modellen überprüft, ob bspw. Personen mit einem geteilten Merkmal auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, ein bestimmtes anderes Merkmal aufzuweisen. Etwas überspitzt wird Studien dieser Art der plakative Titel ” Do blondes have more fun?“ (Wellman und Berkowitz 1988: 15) gegeben. Die Autoren halten ein Plädoyer für die Berücksichtigung von Relationen als Basiseinheit sozialer Strukturen und somit für den Netzwerkansatz. Sie sehen in ihm die Möglichkeit, konkrete soziale Strukturen in einem ersten Schritt zu erfassen und anschließend zu analysieren (Wellman und Berkowitz 1988: 15 ff.). Das konstitutive Merkmal der Netzwerkanalyse ist ihr Fokus auf Relationen. Dadurch wird sie oftmals als Kontrast zu der klassischen ” Variablensoziologie“ (Haas und Malang 2010: 89) gesehen, bei der Zusammenhänge zwischen Untersuchungseinheiten und ihren Attributen im Vordergrund stehen. Die soziale Einbettung oder Gruppierung von Akteuren soll gemäß dem Netzwerkparadigma nicht nur aufgrund geteilter Merkmalsausprägungen bestimmter Variablen angenommen werden, sondern explizit Gegenstand der Untersuchung sein. Die soziale Netzwerkanalyse fokussiert auf reale Verbindungen zwischen Personen, Organisationen oder anderen Akteuren. Somit zeichnet sich das Netzwerkparadigma durch die Betonung von Beziehungen aus. Konkret bedeutet das, dass Beziehungen wie bspw. Freundschaft oder Verwandtschaft sowie verschiedenste Interaktionen zwischen Akteuren erhoben und analysiert werden. Häußling (2010) führt an, dass sich durch die Fokussierung auf Relationen eine Theorieperspektive der Netzwerkforschung ergibt, die durch ihre Schwerpunktsetzung als relationale Soziologie bezeichnet wird. Nachdem eine Vorstellung davon geschaffen wurde, wie die soziale Netzwerkanalyse Einzug in die Soziologie gehalten hat, soll im Abschnitt 2.1 das fachspezifische Vokabular erläutert werden. Da gewisse Begriffe der Netzwerkanalyse in der Alltagssprache anders verwendet werden, soll dieses Kapitel ein gemeinsames Verständnis für die verwendete Terminologie schaffen. Die soziale Netzwerkanalyse lässt sich aus methodischer Sicht in zwei 31 Hauptströmungen, die egozentrierte Netzwerkanalyse und die Gesamtnetzwerkanalyse, unterteilen, weshalb diese beiden Verfahren gesondert erläutert werden. Durch den besonderen Fokus auf Beziehungen ergeben sich je nach Forschungsfrage unterschiedliche Anforderungen an das Untersuchungsdesign, die sich sowohl auf die Erhebung des Datenmaterials als auch die anschließenden Analysemöglichkeiten auswirken. Es wurde bereits darauf verwiesen, dass sich diese methodischen Unterschiede ergeben, je nachdem wie man die Grenzen eines zu untersuchenden Netzwerks definiert. Diesem Umstand geschuldet, bereitet Abschnitt 2.2 die Besonderheiten der Erhebung und Analyse egozentrierter Netzwerke auf, während Abschnitt 2.3 der Erhebung und Analyse von Gesamtnetzwerken gewidmet ist. 2.1 Begriffe der sozialen Netzwerkanalyse In diesem Abschnitt werden die relevanten Begriffe der sozialen Netzwerkanalyse erläutert. Die Netzwerkforschung bedient sich, bedingt durch ihre interdisziplinären Wurzeln, verschiedener Termini, die zum Teil im soziologischen und alltäglichen Sprachgebrauch unterschiedliche Bedeutungen aufweisen. Was unterscheidet eine Verbindung von einer Beziehung? Was genau ist eine Relation? Welche Arten von Beziehungen gibt es und wie ist ein soziales Netzwerk definiert? Um Verwirrungen vorzubeugen und mit dem Ziel einer einheitlichen Verwendung der Begriffe im Rahmen dieser Untersuchung, soll im Folgenden das notwendige Vokabular beschrieben werden. Zu diesem Zweck wird folgende Aufzählung der Schlüsselbegriffe und Konzepte der Netzwerkanalyse verwendet: ” actor, relational tie, dyad, triad, subgroup, group, relation, and network“ (Wasserman und Faust 2009: 17). Diese Aufzählung folgt einer logischen Reihenfolge, die letztlich in eine Definition sozialer Netzwerke mündet. Auf Unterschiede zwischen soziologischer und netzwerkanalytischer Verwendung eines Begriffs wird an gegebener Stelle verwiesen. Da sich soziale Netzwerke aus mathematischer Sicht als Graphen beschreiben lassen (Hennig et al. 2012: 106 ff.), werden 32 basale graphentheoretische Begriffe als Synonyme eingeführt, sofern sie für die formale Darstellung von Netzwerken benötigt werden. Der Akteur Das Netzwerkparadigma zeichnet sich durch seinen Fokus auf Verbindungen zwischen Akteuren aus. Das heißt jedoch nicht, dass Individuen oder Akteure völlig ausgeblendet werden. Der Akteur bleibt weiterhin ein zentrales Element. Soziale Netzwerkanalyse beschäftigt sich stets mit den Verknüpfungen zwischen sozialen Einheiten sowie deren Folgen. Und die sozialen Einheiten sind es, die der Begriff Akteur beschreibt. Damit können gleichermaßen Individuen, soziale Gruppen oder Kollektive gemeint sein. Beispiele für Akteure sind Schüler in Schulklassen, Abteilungen einer Firma oder politische Parteien in einem Land (Wasserman und Faust 2009: 17 f.). In der Graphentheorie werden die Akteure als Knoten bezeichnet, da sie die Punkte in den für Netzwerkanalysen so typischen Abbildungen bilden (Jansen 2006: 91 ff.). Die relationale Verbindung Der zweite wichtige Begriff ist die relationale Verbindung (im Folgenden auch einfach Verbindung). Gemeint ist damit, dass Akteure über eine Relation miteinander verknüpft sind. Die relationale Verbindung hebt sich folglich von dem Begriff Relation insofern ab, als dass sie impliziert, dass zwei Akteure in einer bestimmten Relation eine tatsächliche Verbindung aufweisen. Wird bspw. eine Schulklasse hinsichtlich der Freundschaften zwischen den Schülerinnen und Schülern untersucht, so ist die untersuchte Relation zwischen den Schülern die Freundschaft, während eine relationale Verbindung beschreibt, dass bspw. zwischen einer Schülerin A und einem Schüler B eine Freundschaft besteht. Zwischen den beiden besteht somit eine relationale Verbindung innerhalb der Relation Freundschaft. Eine relationale 33 Verbindung definiert sich demnach darüber, dass sie ein Paar von Akteuren in einer gegebenen Relation miteinander verbindet (Wasserman und Faust 2009: 18). In einem Graphen werden relationale Verbindungen auch synonym als Kanten bezeichnet und gemäß der Definition verbinden sie jeweils zwei Knoten miteinander. An dieser Stelle sollen kurz auch die unterschiedlichen Möglichkeiten zur formalen Darstellung von Netzwerken aufgezeigt werden. Auf eine Art wurde bereits verwiesen: die Darstellung von Knoten und Kanten in einem Graphen. Diese Form der Darstellung bildet die Galionsfigur der sozialen Netzwerkanalyse. Selbst wenn man von sozialer Netzwerkanalyse oder dem Netzwerkparadigma keine genaue Vorstellung haben sollte, dürften einem die graphischen Darstellungen von vielen Punkten und deren Verflechtungen untereinander intuitiv zugänglich sein. Weniger bekannt ist dagegen die mathematische Repräsentation eines Graphen in Form einer Adjazenzmatrix. Dabei stellen die prominenten, wie Spinnennetze anmutenden Bilder, lediglich eine graphische Darstellung einer solchen Adjazenzmatix dar. Innerhalb einer solchen Matrix enthalten die Zeilen- und Spaltenköpfe eine Liste von Knoten. Diese Liste ist sowohl für die Reihen i als auch die Spalten j identisch. Folglich ist eine Adjazenzmatrix quadratisch. In den Zellen der Matrix wird mit einem numerischen Wert angezeigt, welche Ausprägung die relationale Verbindung zwischen dem Knoten i und dem Knoten j annimmt. Die einfachste Form einer relationalen Verbindung ist die ungerichtete. Der Wert 0 zeigt dann an, dass zwischen zwei Knoten keine relationale Verbindung besteht. Der Wert 1 bedeutet dagegen, dass eine Verbindung vorhanden ist. Ungerichtete Kanten treten vor allem dann auf, wenn eine untersuchte Relation symmetrisch ist. Dies bedeutet auch, dass die zugrundeliegende Adjazenzmatrix symmetrisch ist. Ein klassisches Beispiel bilden Verwandtschaftsbeziehungen, da es theoretisch nicht vorkommen kann, dass ein Akteur A angibt, mit B verwandt zu sein, während B angibt, nicht mit A verwandt zu sein (Haas und Malang 2010: 93). 34 Anders verhält es sich mit gerichteten Kanten. Sie finden Anwendung, wenn die untersuchte Beziehung potenziell asymmetrisch ist. Solche Beziehungen treten häufig in Untersuchungen auf, bei denen der Sender vom Empfänger unterschieden werden soll. Werden bspw. Geldflüsse zwischen Organisationen untersucht, so ist es durchaus denkbar, dass Firma A Geld an Firma B schickt, B aber nicht an A. In diesem Beispiel kann die relationale Verbindung zwischen Firma A und Firma B mit einer 1 und die relationale Verbindung zwischen B und A mit einer 0 verkodet werden (Haas und Malang 2010: 93 f.). Folglich ist auch die Adjazenzmatrix asymmetrisch, da die Zellen ij und ji nicht zwingend gleich sein müssen. Möchte man darüber hinaus erfassen, wieviel Geld von A nach B fließt, sollte auf gewichtete Kanten zurückgegriffen werden. Die binäre Kodierung von Kanten stellt nur eine vereinfachte Form dar. Oftmals interessiert gerade die Stärke einer Kante. Im obigen Beispiel ließe sich beispielweise der Betrag, der von A nach B fließt, erfassen und in die entsprechende Zelle der Adjazenzmatrix eintragen. Diese Verkodung kann in den gängigen Varianten erfolgen, d. h. ein numerischer Wert repräsentiert die Stärke der relationalen Verbindung. Das Skalenniveau ist folglich zumindest ordinal. Auch in symmetrischen Graphen bzw. ungerichteten Graphen können gewichtete Kanten verwendet werden, wenn z. B. Kontakthäufigkeiten abgefragt werden. Die Dyade Die Dyade stellt i. d. R. die kleinste Untersuchungseinheit der sozialen Netzwerkanalyse dar. Zwei Akteure und die zwischen ihnen bestehende (oder auch nicht bestehende) relationale Verbindung bilden eine Dyade. Hier ergibt sich ein deutlicher Gegensatz zu herkömmlichen quantitativen empirischen Studien, in denen die Analyseeinheit ein Akteur im oben beschriebenen Sinne ist. Bei dyadischen Analysen steht die paarweise Verbindung im Zentrum der Betrachtung, weshalb herkömmliche statistische Modelle oftmals nicht anwendbar sind, da der Dyade eine gewisse Abhängigkeit der Akteure 35 inhärent ist. Diesem statistischen Problem wird in der Netzwerkanalyse jedoch durch Anwendung spezieller Methoden begegnet, die an gegebener Stelle näher betrachtet werden sollen (Wasserman und Faust 2009: 18). Die Triade Während die Dyade sich aus zwei Akteuren und der Verbindung zwischen ihnen zusammensetzt, wird die Triade durch drei Akteure und ihre Verbindungen untereinander geformt. Die Analyse von Triaden wurde in einer Vielzahl nennenswerter Studien angewendet, unter anderem in der bahnbrechenden Studie von Granovetter, dessen Argumentation hauptsächlich auf dem Fehlen einer bestimmten Triade, der ” forbidden triad“ (Granovetter 1973: 1363), basiert. Triaden werden üblicherweise im Rahmen von Gesamtnetzwerkanalysen untersucht. Dazu werden im Rahmen eines sogenannten Triadenzensus die unterschiedlichen Triadentypen eines Netzwerks bestimmt und ausgezählt (vgl. dazu Abschnitt 6.1). Bei dieser Form der Analyse von sozialen Netzwerken handelt es sich um Verallgemeinerungen der Balance Theorie, die in Abschnitt 3.1.1 näher erläutert wird (Jansen 2006: 62 f.). Die Untergruppe Der Logik von Dyaden und Triaden folgend lassen sich aus einer gegebenen Menge von Akteuren beliebig große Untergruppen und deren Verbindungen untereinander analysieren (Wasserman und Faust 2009: 19). Untergruppen lassen sich bspw. anhand von Akteursmerkmalen bilden. So könnten alle Schülerinnen einer Schulklasse eine zu untersuchende Subgruppe bilden. Alternativ lassen sich Untergruppen auch auf der Basis von Netzwerkeigenschaften und -merkmalen bilden. Akteure eines Netzwerks, die besonders eng miteinander verbunden sind, bilden bspw. Cliquen und solche, die sich ähnelnde Außenbeziehungen unterhalten, werden als Blöcke bezeichnet (Jansen 2006: 65 f.). 36 Die Gruppe Neben der Analyse von Dyaden, Triaden und Untergruppen zeichnet sich die soziale Netzwerkanalyse durch ihren Anspruch aus, das Beziehungsgeflecht zwischen Systemen von Akteuren zu modellieren. Als System werden in diesem Zusammenhang die relationalen Verbindungen zwischen Mitgliedern einer mehr oder minder begrenzten Gruppe von Akteuren verstanden. Was eine Gruppe ist und wie sie definiert wird, wurde in den Sozialwissenschaften bereits mehrfach bestimmt. Hier soll eine Gruppe alle Akteure umfassen, deren relationale Verbindungen gemessen werden sollen. Es handelt sich somit um eine pragmatische Definition. Es muss jedoch theoretische, empirische oder konzeptionelle Argumente dafür geben, warum eine begrenzte Menge von Akteuren als Gruppe betrachtet werden soll. Diese Einschränkung wird durch die Analysemöglichkeiten bedingt. Je größer die zu analysierende Gruppe ist, desto größer ist auch der Rechenaufwand, ganz zu schweigen von der Datenerhebung. Die Bestimmung der Grenzen eines Netzwerks sowie die Definition von Gruppen sind Probleme, denen sich jede Untersuchung stellen muss (in Abschnitt 2.3 wird das Problem der Grenzziehung noch genauer diskutiert). Diesem Problem wird in der Forschungspraxis mit Pragmatismus begegnet, weshalb sich Netzwerkanalysen i. d. R. auf eine vorher spezifizierte Gruppe beziehen (Wasserman und Faust 2009: 19 f.). Die Relation In den vorangehenden Erläuterungen wurde bereits knapp umrissen, was unter einer Relation zu verstehen ist. Relationen bilden den Rahmen, in dem relationale Verbindungen für eine Menge von Akteuren gesammelt werden. Der Informationsaustausch zwischen Kolleginnen, der Ressourcenaustausch zwischen zwei Organisationen, Interaktionen zwischen Schulkindern oder auch expressive Beziehungen stellen Beispiele für konkrete Relationen dar. Während eine bestehende Freundschaft zwischen Akteur A und Akteur B eine relationale Verbindung ist, ist die Freundschaft an sich die Relation, 37 innerhalb derer die relationalen Verbindungen verortet werden. Ebenso können Interaktionen als Relation behandelt werden. Interaktionen haben die Eigenschaft, potenziell einmalig zu sein, können aber auch im zeitlichen Verlauf wiederholt auftreten. Der E-Mail-Verkehr zwischen Mitgliedern einer Organisation stellt ein Beispiel für eine Interaktion dar, bei dem ersichtlich wird, dass es bei Interaktionen relevant sein kann, neben der reinen Feststellung, dass eine Person an eine andere E-Mails sendet, die Häufigkeit der Sendungen zu erfassen (Wasserman und Faust 2009: 20). ” Netzwerke sind relationsspezifisch, und für jede Relation muss ein eigenes Netzwerk mit einem eigenen Set von Fragen erhoben werden.“ (Jansen 2006: 74 f.). Da Beziehungen wie Freundschaft und Zusammenarbeit im Rahmen dieser Ausarbeitung eine tragende Rolle spielen werden und sie lediglich eine Untermenge der möglichen Relationen darstellen, wird der Begriff Beziehung im Folgenden auch synonym für die eigentlich übergeordnete Kategorie der Relationen verwendet. Beziehungen lassen sich über die bisher dargestellten Unterscheidungen hinaus auch noch hinsichtlich des in ihnen transportierten Inhalts, ihrer Form und Intensität unterscheiden (Jansen 2006: 59). Eine vollständige Aufzählung aller möglichen Klassifikationen von Relationsinhalten wird an dieser Stelle jedoch nicht benötigt.7 Stattdessen wird auf die Unterscheidung von instrumentellen und expressiven Beziehungen (vgl. z. B. Ibarra 1993) aufmerksam gemacht, da diesen beiden Arten von Beziehungen im Rahmen der empirischen Analysen sowie der theoretischen Diskussion eine tragende Rolle zukommt. Instrumentelle Beziehungen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie dem Erreichen von Organisationszielen dienen und dass in ihnen primär arbeitsspezifische Informationen fließen. In expressiven Beziehungen stehen individuelle Interessen dagegen oftmals über dem Interesse der Organisation und sie sind darüber hinaus affektiv gefärbt (Moolenaar 2010: 30). 7 Verschieden Klassifikationen finden sich bspw. in Jansen (2006: 59) oder Wasserman und Faust (2009: 18). 38 Das soziale Netzwerk Abschließend lässt sich mit dem erläuterten Vokabular eine Definition sozialer Netzwerke geben. ” A social network consists of a finite set or sets of actors and the relation or relations defined on them. The presence of relational information is a critical and defining feature of a social network.“ (Wasserman und Faust 2009: 20). Ein soziales Netzwerk bezieht sich demnach auf eine Relation oder mehrere Relationen zwischen einer begrenzten Menge von Akteuren. Von besonderer Bedeutung sind dabei die relationalen Verbindungen zwischen den Akteuren, da sie die Grundlage für die Analyse des Netzwerks bilden. Dies bedeutet nicht, dass ein soziales Netzwerk zwingend relationale Verbindungen aufweisen muss, da auch die komplette Abwesenheit von relationalen Verbindungen ein Ergebnis der Analyse sein kann. Des Weiteren steckt in der Definition der Gedanke, dass die Akteure eines Netzwerks über mehrere Relationen miteinander verbunden sein können. Dieser Aspekt der Vernetzung wird in der Netzwerkforschung als Multiplexität bezeichnet (Jansen 2006: 80). Innerhalb einer Organisation kann Akteur A bspw. der Chef von Akteur B und gleichzeitig sein Vater sein. A und B wären folglich über zwei Beziehungen miteinander verbunden. Gleichzeitig wird deutlich, dass dieser Netzwerkbegriff nur korrekt verwendet wird, wenn er für die Gesamtheit der erhobenen Relationen verwendet wird. Dieser ganzheitliche Gedanke, dass ein Netzwerk sämtliche Relationen umfasst, erweist sich im Sprachgebrauch als relativ umständlich. In der Folge wird in dieser Untersuchung der Begriff Netzwerk, fälschlicherweise aber wohlwissend, für einzelne Relationen verwendet, sodass bspw. die Relation Freundschaft als Freundschaftsnetzwerk bezeichnet wird.8 8 Netzwerke bzw. Relationen werden im Verlauf der Abeit durch kursive Schreibweise hervorgehoben. 39 2.2 Egozentrierte Netzwerke In diesem Kapitel sollen zentrale Aspekte der Erhebung und Analyse egozentrierter Netzwerke präsentiert werden. Beginnen sollte man dabei mit einer Erläuterung des notwendigen Vokabulars. Wenn von einem egozentrierten oder auch persönlichen Netzwerk gesprochen wird, sind i. d. R. die Beziehungen zwischen einer fokalen Person und anderen Personen gemeint.9 Diese Anderen werden in der Fachsprache Alteri (bzw. im Singular Alter) genannt und die fokale Person wird als Ego bezeichnet (Wolf 2010). In der Forschungspraxis werden die zu analysierenden Informationen i. d. R. von Ego gegeben. Die Angaben können dabei sowohl aus standardisierten Befragungen stammen als auch aus qualitativen Interviews. Relevante Informationen egozentrierter Netzwerke umfassen (1) die Art der Beziehung zwischen Ego und den Alteri, (2) die Beziehungen der Alteri untereinander sowie (3) Eigenschaften der Alteri. Mit (1) der Art der Beziehung ist gemeint, welche spezielle Relation zwischen Ego und Alter besteht. Dies umfasst jegliche Form von Sozialbeziehung. Ego und Alter können z. B. Freunde, Arbeitskollegen, Sportpartner oder auch Sexualpartner und noch vieles mehr sein. Die Art der Beziehung kann aber auch über eine bestimmte Art von Interaktion definiert sein. Wer hilft Ego im Haushalt, mit wem spielt Ego Golf, wem leiht Ego Geld? Auch das sind mögliche Relationen, über die Ego mit seinen Alteri verknüpft sein kann. Welche Art der Relation von Interesse ist, wird letztlich durch die Forschungsfrage bestimmt. Des Weiteren ist es durchaus möglich, dass zwischen Ego und Alter auch mehrere Relationen bestehen. In diesem Fall spricht man von der Multiplexität des Ego-Netzwerks (Jansen 2006: 80). Die (2) Beziehungen der Alteri untereinander zielen stets darauf ab, nachzuzeichnen, wie die Alteri innerhalb einer speziellen Art der Beziehung miteinander verbunden sind. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen. 9 Anstatt Personen können auch andere Untersuchungseinheiten wie Staaten oder Organisationen gemeint sein (vgl. den Akteurbegriff in Abschnitt 2.1). 40 Zunächst wird Ego nach seinen zwei engsten Freunden gefragt und im Anschluss bittet man ihn, anzugeben, ob die beiden Alteri ebenfalls miteinander befreundet sind. Diese Informationen können sowohl in dichotomen Ausprägungen wie ” ja“ oder ” nein“ abgefragt werden, als auch in verschiedenen Abstufungen. Möchte man bspw. wissen, wie häufig die genannten Alteri sich sehen, lässt sich dies mittels einer Skala von ” selten“ bis ” täglich“ erheben. Die so gewonnenen Informationen werden i. d. R. für die Operationalisierung der Dichte persönlicher Netzwerke verwendet, die als zentrales Strukturmerkmal egozentrierter Netzwerke gesehen wird (Wolf 2004: 357 ff.). Da es klar ist, dass Ego eine Beziehung zu den Alteri unterhält, stellt sich noch die Frage, wie stark diese untereinander vernetzt sind. Je nachdem, wie stark die Vernetzung der Alteri untereinander ausgeprägt ist und welcher theoretische Zugang gewählt wurde, ergeben sich unterschiedliche Implikationen für die möglichen Folgen, die sich aus der beobachteten Struktur ergeben. Dieser Punkt wird noch genauer in den folgenden Theoriekapiteln erörtert. An dieser Stelle genügt es darauf hinzuweisen, dass besonders dichte Netzwerke sowohl Fluch als auch Segen sein können.10 Letztlich besteht noch die Möglichkeit, (3) Eigenschaften der Alteri von Ego zu erheben. Welches Geschlecht haben die Alteri, wie alt sind sie, welchen Beruf üben sie aus? Im Prinzip kann man Ego bitten, alle möglichen Dinge über seine Alteri anzugeben. Einschränkend muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass Ego nicht immer genau weiß, wie die korrekte Antwort bestimmter Fragen für einen bestimmten Alter lautet. Dies kann insbesondere bei Einstellungsfragen zu einem Problem werden. Vergleiche der Angaben von Ego über die Alteri mit den Angaben der Alteri über sich selbst zeigen auf, dass es hohe Übereinstimmungen für soziodemographische 10 Bei Coleman (1990) sind dichte Netzwerke zwischen Erziehungsberechtigten bspw. von Vorteil, da sie die soziale Kontrolle über die Sprösslinge erhöhen. Bei Granovetter (1973) und Burt (1992) sind dichte Netzwerke dagegen eher ein Nachteil für Ego. Sie argumentieren, dass dichte Netzwerke dazu neigen, redundante Informationen zu liefern. Somit spielt die untersuchte Art der Beziehung sowie die forschungsleitende Frage eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung, welche Implikationen sich aus der Dichte eines Netzwerks für Ego ergeben. 41 Merkmale gibt, während Fragen nach bspw. der Parteipräferenz weniger reliabel sind (Laumann 1969). Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Pfenning et al. (1991), die überwiegend starke Korrelationen zwischen Egos Angaben und denen seiner Alteri feststellen. Allerdings finden sich diese starken Korrelationen nur im Bereich der soziodemographischen Angaben, während Einstellungsfragen deutlich niedrigere Zusammenhänge aufweisen. Eine Beziehung zwischen Ego und Alter bedeutet nicht automatisch, dass Ego richtig angeben kann (oder will), ob seine Alteri bspw. Vorurteile gegenüber Ausländern hegen. Nachdem die notwendigen Begriffe erläutert und ein Überblick über relevante Informationen egozentrierter Netzwerke gegeben wurde, sollen im Folgenden methodische Aspekte der Erhebung egozentrierter Netzwerke dargestellt werden. Ein besonderer Fokus wird dabei auf die Erhebung im Rahmen standardisierter Befragungen gelegt, da ein Teil der Daten in der vorliegenden Studie auf diese Art erhoben wurde. Prinzipiell ist das Vorgehen in qualitativen Interviews jedoch vergleichbar.11 Analog zu den beschriebenen relevanten Informationen, die man über egozentrierte Netzwerke sammeln möchte, lässt sich die Erhebung in drei Blöcke unterteilen. Demnach gilt es zunächst (1) die Art der Beziehung zwischen Ego und den Alteri zu bestimmen bzw. überhaupt erst eine Liste von Alteri zu generieren, mit denen Ego in Kontakt steht. Dies erfolgt über die Anwendung sogenannter Namensgeneratoren. Anschließend können (2) Informationen über die Beziehungen der Alteri untereinander gesammelt werden, was auch als Frage zur Dichte des egozentrierten Netzwerks bezeichnet wird. Letztlich bieten sich verschiedene Möglichkeiten, die (3) Eigenschaften der Alteri abzufragen. Dabei kommen sogenannte Namensinterpretatoren zur Anwendung (Wolf 2010). Die nun folgenden Abschnitte sollen dazu genutzt werden, diese Blöcke im Einzelnen zu diskutieren. 11 Für den Einsatz von sogenannten Netzwerkkarten zur qualitativen Erhebung egozentrierter Netzwerke vgl. z. B. Carmichael et al. (2006) oder Straus (2010). 42 Namensgeneratoren Nach Wolf (2010) haben die ersten in der Literatur beschriebenen Namensgeneratoren das Konzept sozialer Rollen genutzt, um von den Befragten Kontaktpersonen zu erfragen. Laumann (1966) bat in seiner Untersuchung z. B. die drei besten Freunden anzugeben. Problematisch an diesen Namensgeneratoren sei allerdings, dass nicht für jeden gleichermaßen definiert ist, was ein Freund ist (Allan 1977; Fischer 1982). Zudem beschränkt sich diese Art von Namensgenerator vorab auf einen bestimmten Sektor eines persönlichen Netzwerks, wodurch andere Sektoren, im Fall der Freundesfrage z. B. Familienangehörige, ausgeschlossen werden (McCallister und Fischer 1978). Um dieser Problematik zu entgehen, wurde eine Alternative entwickelt, bei der die Namensgeneratoren nach konkreten Interaktionen zwischen Ego und seinen Kontaktpersonen fragen. Ein erster Entwurf solcher Namensgeneratoren wurde von McCallister und Fischer (1978) im Rahmen der North California Community Study (NCCS) getestet. Insgesamt kamen dabei zehn Namensgeneratoren zur Anwendung, die jeweils nach unterschiedlichen Interaktionen, respektive Interaktionspartnern fragten.12 Die Befragten wurden bspw. gebeten, Personen anzugeben, mit denen sie über ihre Hobbys sprechen, oder, um ein zweites Beispiel zu geben, von wem sie sich eine größere Summe Geld leihen könnten. Die breite Streuung sowie die Anzahl der verwendeten Namensgeneratoren führten zur Erfassung relativ großer Netzwerke, die auch im Hinblick auf die Stärke und Qualität der erfassten Beziehungen variieren. Zusätzlich bietet dieses Instrument die Möglichkeit, uniplexe von multiplexen Beziehungen zu unterscheiden. Das vorgeschlagene Instrument hat also durchaus Vorzüge zu bieten, die lediglich durch forschungspraktische Argumente getrübt werden. Die große Anzahl der Nennungen (im Schnitt wurden 18, 5 Netzwerkpartner erfasst (McCallister und Fischer 1978: 147)) bedeutet im Umkehrschluss 12 Eine Auflistung aller Namensgeneratoren findet sich in McCallister und Fischer (1978: 137). 43 natürlich auch einen großen Zeitaufwand, den sich große Umfragen nur selten leisten können. Aus diesem Grund wurde Burt (1984) gebeten, ein kürzeres Instrument zur Erhebung egozentrierter Netzwerke zu entwickeln, das im Rahmen des General Social Survey (GSS) angewendet werden sollte. Auf diesem Vorschlag basiert im Wesentlichen das Instrument, mit dem die egozentrierten Daten der vorliegenden Studie erhoben wurden, weshalb es im folgenden Abschnitt kurz erläutert wird. Es zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass es nur einen Namensgenerator verwendet. ” From time to time, most people discuss important matters with other people. Looking back over the last six months - that would be back to last August - who are the people with whom you discussed an important personal matter?“ (Burt 1984: 331). Diese einleitende Frage zielt darauf ab, Personen ins Gedächtnis der Befragten zu rufen, mit denen sie wichtige persönliche Angelegenheiten besprochen haben und von denen angenommen werden kann, dass zwischen ihnen und Ego ein gewisses Maß an Intimität vorliegt. Der Aspekt der Intimität ist in zweierlei Hinsicht relevant. Erstens wird angenommen, dass Intimität solche Beziehungen kennzeichnet, die dazu geeignet sind, die Einstellungen der Befragten zu beeinflussen. Zweitens stellt Intimität, als Kennzeichen der abgefragten Beziehung, eine hinreichend untersuchte Eigenschaft dar. Durch Intimität gekennzeichnete Beziehungen decken einen breiten Bereich an Beziehungen ab, sodass die Notwendigkeit, mehrere Namensgeneratoren zu verwenden, wegfällt (Burt 1984: 318–320). Die Grenzen egozentrierter Netzwerke sind somit relativ weit gefasst, da nicht nur bspw. Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen zum Kreis der nennbaren Personen gehören. Diese einleitende Frage lässt sich als Initialzündung für die restlichen Fragen verstehen. Die Personen, die den Befragten in den Sinn kommen, sollen jeweils mit einem Kürzel im Fragebogen festgehalten werden. Diese Kürzel dienen sowohl der Anonymisierung als auch als Gedächtnisstütze im weiteren Verlauf der Befragung. Eine entscheidende Frage bei der Anwendung dieses Namensgenerators betrifft die Anzahl der zulässigen Angaben. Prinzipiell könnten Befragte 44 so viele Personen angeben, wie sie möchten. Die Anzahl der genannten Personen kann in einem separaten Feld festgehalten werden. In der Praxis wird jedoch meist nur eine eingeschränkte Anzahl an Nennungen ermöglicht. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass zu jeder genannten Person über die Namensinterpretatoren weitere Angaben gemacht werden sollen, was unter anderem die benötigte Zeit zur Beantwortung deutlich erhöht, je größer die Zahl der genannten Personen ist.13 Um diesem Problem zu entgehen, kann alternativ auch eine Zufallsauswahl der genannten Personen für den weiteren Verlauf der Befragung gezogen werden. Ebenso besteht die Möglichkeit, sich bspw. auf die ersten fünf genannten Personen zu konzentrieren und lediglich zu diesen Alteri weitere Informationen zu sammeln (Wolf 2004: 257). Um interessante Strukturen innerhalb eines egozentrierten Netzwerks aufzudecken, ist jedoch die Angabe von mindestens drei Alteri notwendig. Erst ab drei Personen ergibt sich überhaupt die Möglichkeit, dass es sowohl Personen im Kreis der Alteri gibt, die mit anderen Alteri verbunden sind, als auch solche, die keine weitere Verbindung aufweisen. Mit anderen Worten: Drei Alteri sind das Minimum, um Varianz in den Strukturen egozentrierter Netzwerke zu erhalten (Burt 1984: 314 f.). Eine weiterführende Erörterung des Problems erfolgt im nächsten Abschnitt. Fragen zur Dichte Nachdem mit Namensgeneratoren Netzwerkpartner erhoben wurden, lassen sich in einem nächsten Schritt Informationen über die Beziehungen der Alteri untereinander sammeln. Diese Informationen dienen im Rahmen der egozentrierten Netzwerkanalyse zur Operationalisierung der Dichte des Netzwerks. Mit anderen Worten geht es dabei um die Frage, wie stark das Netzwerk in sich verflochten ist bzw. wie stark die einzelnen Netzwerkpartner miteinander verbunden sind. Um einen Schätzer der Dichte zu erhalten, kann man unterschiedliche Verfahren anwenden. Zunächst besteht die Mög- 13 Burt (1984: 310 ff.) zeigt anhand von simulierten Interviews die Auswirkungen der Anzahl der Alteri auf die Dauer der Interviews. 45 lichkeit, Ego zu jedem Alteripärchen zu fragen, ob die beiden Personen sich kennen oder ob sie sich nicht kennen. Alternativ steht dieser binären Abfrage eine abgestufte Form gegenüber, bei der Ego gebeten wird, den Grad der Bekanntschaft zwischen jedem Paar der Alteri auf einer Skala anzugeben (Wolf 2004). Die Zahl der möglichen Beziehungen innerhalb eines egozentrierten Netzwerks berechnet sich nach der Formel P × (P − 1)/2, wobei P der Anzahl der Alteri entspricht. Demnach steigt die Zahl der durch Ego zu bewertenden Beziehungen mit jedem zusätzlichen Alter um P − 1. Aus diesem Grund werden in der Forschungspraxis häufig die Beziehungen zwischen maximal fünf Alteri durch Ego bewertet, was gemäß der Formel zehn Angaben benötigt. Wenn durch die Namensgeneratoren mehr als fünf Alteri erhoben werden, wird aus praktischen Gründen empfohlen, sich auf eine Zufallsauswahl von maximal fünf Alteri zu beschränken (Wolf 2004: 257). In Abschnitt 5.2 findet sich eine konkrete Abbildung des Instruments, mit dem die Dichte der egozentrieten Netzwerke der untersuchten Lehrkräfte erhoben wurde. Namensinterpretatoren Letztlich bietet sich ein weites Feld an Möglichkeiten, Eigenschaften der Alteri abzufragen. Welche Fragen hier gestellt werden, hängt in besonderem Maße von der Fragestellung der Untersuchung ab. Gängig sind demographische Angaben wie z. B. Alter, Geschlecht oder Familienstand der Alteri. Von besonderer Bedeutung sind dabei Eigenschaften, die die Art der Beziehung zwischen Ego und den einzelnen Netzwerkpartnern kennzeichnen, wie z. B. Fragen nach dem Kontext der Beziehung. Handelt es sich um einen Verwandten von Ego? Ist die genannte Person eine Arbeitskollegin? Wie lange kennt Ego die Person schon und wie häufig haben sie Kontakt? Aber auch darüber hinaus lassen sich die verschiedensten Eigenschaften erheben, die sich letztlich durch die Forschungsfrage begründen lassen müssen. Wohlgemerkt handelt es sich dabei immer um Auskünfte, die Ego über seine 46 Alteri gibt, also um Angaben über Dritte, weshalb Bedenken bezüglich der Reliabilität und Validität dieser Aussagen berechtigt erscheinen. Die Forschung zu diesen sogenannten Proxy-Interviews zeigt jedoch, dass solche Angaben umso verlässlicher sind, je besser man die Person kennt, über die Auskunft gegeben werden soll und je eher es um Sachverhalte geht, die einem über die andere Person bekannt sind (siehe dazu Wolf und Lüttinger 2009). Schwankungen treten in Abhängigkeit der Art des erfragten Merkmals auf. Während demographische und sozialstrukturelle Merkmale sich relativ zuverlässig und valide erfassen lassen, bestehen insbesondere bei Angaben zu den Einstellungen Probleme (Kogovšek und Ferligoj 2005; Pappi und Wolf 1984; Pfenning et al. 1991). Angaben zu den Beziehungen gelten wiederum als hoch reliabel und zuverlässig (Hammer 1984). Was die Erhebung der Eigenschaften der Alteri betrifft, lassen sich grundsätzlich zwei verschiedene Techniken unterscheiden, die als merkmalsbezogen bzw. personenbezogen bezeichnet werden. Bei der merkmalsbezogenen Variante wird Ego gebeten, für jede genannte Person ein bestimmtes Merkmal anzugeben. Erst wenn dies für alle Netzwerkpartner getan ist, wird zum nächsten Merkmal übergegangen. Bei der personenbezogenen Variante werden hingegen alle interessierenden Merkmale pro Person erhoben. Zu der Frage, ob eine der beiden Vorgehensweisen der anderen vorzuziehen ist, gibt es bislang nur wenig empirische Evidenz. Kogovšek et al. (2002) konnten mittels eines Multitrait-Multimethod-Verfahren nach Cambell und Fiske (1959) in einer empirischen Analyse Hinweise darauf finden, dass die personenbezogene Variante eine etwas höhere Datenqualität hervorbringt (Wolf 2010: 474 f.). Analysemöglichkeiten Nachdem geklärt wurde, was egozentrierte Netzwerke sind und wie sie sich erheben lassen, soll im folgenden Abschnitt dargestellt werden, wie sich das Datenmaterial analysieren lässt. Hier lassen sich zwei Analyseebenen 47 unterscheiden: Einerseits lassen sich Analysen auf der Ebene der Netzwerke verorten und andererseits auf der Ebene der Beziehungen. Betrachtet man zunächst die Ebene der Netzwerke, so interessieren i. d. R. vor allem die Größe, Dichte, Zusammensetzung und Reichweite. Die Netzwerkgröße lässt sich relativ einfach über die Anzahl der durch Ego genannten Personen bestimmen. Allerdings gilt es zu beachten, dass die Netzwerkgröße an Aussagekraft verliert, wenn ein Maximum von bspw. fünf Nennungen vorgegeben ist, da sich dadurch zwangsläufig die Varianz der Netzwerkgröße reduziert. Die Dichte des Netzwerks lässt sich als Quotient der Anzahl existierender Beziehungen und möglicher Beziehungen innerhalb eines Netzwerks ausdrücken und liegt folglich zwischen den Werten 0 und 1. Die Zusammensetzung lässt sich als Anteile gewisser Beziehungsarten abbilden. Ein einfaches Beispiel könnte der Anteil Verwandter innerhalb eines Netzwerks sein. Die Reichweite des Netzwerks zielt auf die Heterogenität der Netzwerkpartner ab. Lassen sich starke Unterschiede der Alteri bspw. im Grad der Bildung feststellen, so wird eine große Reichweite im Sinne einer Ausbreitung im sozialen Raum unterstellt (Wolf 2010: 477 ff.). Betrachtet man die Analysemöglichkeiten auf der Ebene der Beziehungen, sollte man beachten, dass gängige statistische Verfahren i. d. R. nicht ohne weiteres anwendbar sind. Herkömmliche Analyseverfahren gehen häufig davon aus, dass die Beobachtungseinheiten unabhängig voneinander sind. Bei der Analyse von Beziehungen zwischen Ego und Alter, die auch Dyaden genannt werden, ist es jedoch offensichtlich, dass die Annahme der Unabhängigkeit verletzt ist. Aus diesem Grund wurden spezielle statistische Verfahren für die Analyse solcher Daten entwickelt (Kenny et al. 2006). Abschließend lässt sich festhalten, dass die Erhebung und Analyse egozentrierter Netzwerke den Versuch darstellen, die soziale Einbettung von Individuen systematisch zu erfassen.14 Diese Methode bietet den Vorteil, dass die gewünschten Informationen zu den sozialen Netzwerken von ein- 14 Es wurde bereits darauf verwiesen, dass das egozentrierte Netzwerk nur einen bestimmten Ausschnitt der sozialen Einbettung erfassen kann. 48 zelnen Individuen, den Egos, gegeben werden können. Daher bietet sich insbesondere das Netzwerkmodul nach Burt (1984) für die Erhebung von sozialen Netzwerken im Rahmen großer standardisierter Umfragen an. Da diese Vorzüge durchaus auch mit Nachteilen verbunden sind, erfolgt im folgenden Abschnitt die Darstellung der zweiten großen Methode der Netzwerkforschung. 2.3 Gesamtnetzwerke Wie in dem vorangegangenen Kapitel gezeigt wurde, ist die Erhebung und Analyse egozentrierter Netzwerke besonders geeignet, um in klassischen Umfragen mit großen Stichproben Anwendung zu finden. Dieser Vorteil ergibt sich dadurch, dass man für diese Art der Netzwerkerhebung lediglich Angaben von einer Person benötigt, die mit den dargestellten Instrumenten Auskunft über ihr persönliches Netzwerk gibt. Gleichzeitig wurde darauf verwiesen, dass dieses Verfahren in bestimmten Aspekten problematisch ist. So können bspw. in Abhängigkeit der verwendeten Namensgeneratoren nur Teile des persönlichen Netzwerks erfasst werden. Zeit und Platz ist in klassischen Befragungen i. d. R. ein knappes Gut, weshalb die Erhebung egozentrierter Netzwerke häufig in der Zahl der Angaben zu den Alteri beschränkt ist. Die Gesamtnetzwerkerhebung setzt einen etwas anderen Fokus. Ihr Ziel ist es, ausgewählte Beziehungen zwischen allen Mitgliedern einer klar definierten Gruppe zu erheben und somit das Beziehungsgeflecht und die Struktur des Netzwerks dieser spezifischen Gruppe zu erfassen. Aus diesem Grund ist die Gesamtnetzwerkerhebung auch nicht für große Bevölkerungsumfragen geeignet. Ein grundlegendes Problem der Gesamtnetzwerkerhebung stellt das Ziehen einer Grenze dar, die klar definiert, wer zu der untersuchten Gruppe gehört und wer nicht (Jansen 2006: 71 ff.). Während bei der Erhebung von egozentrierten Netzwerken die Grenzen des Netzwerks prinzipiell offengehalten werden können, muss bei der Erhebung von Gesamtnetzwerken bereits im Vorfeld eine klare Vorstellung von der 49 untersuchten Gruppe existieren. Welche Population und welche Beziehungen dabei in Betracht gezogen werden, hängt einzig und allein von der Forschungsfrage ab. Genau genommen handelt es sich bei Gesamtnetzwerken in der praktischen Forschung lediglich um partielle Netzwerke, da die Grenzen künstlich gesetzt sind und sich Beziehungen, die mit der Netzwerkmethode erfasst werden sollen, i. d. R. über diese Grenzen hinaus erstrecken (Hennig et al. 2012: 49). Folglich gilt es, in einem ersten Schritt zu definieren, welche Akteure zu einem Gesamtnetzwerk zählen. Dadurch ergibt sich eine künstliche Grenze, die es erlaubt, von einem Gesamtnetzwerk zu sprechen (Jansen 2006: 71 ff.). Für manche Gruppen ergeben sich relativ natürliche Grenzen, wenn bspw. wie in dieser Untersuchung die Lehrkräfte einzelner Schulen die Untersuchungseinheiten bilden. Es ist somit klar, dass jede Lehrkraft der Schule Teil des Gesamtnetzwerks ist. Gleichzeitig wird ausgeblendet, dass die Befragten durchaus auch Verbindungen ” nach draußen“ haben können. Bei diesem Vorgehen wird dieser blinde Fleck billigend in Kauf genommen. Immerhin bieten sich verschiedene Möglichkeiten, Aussagen auf der Aggregatebene der Untersuchungseinheiten, also über die Lehrerschaft an der jeweiligen Schule zu tätigen. Gleichzeitig können Fragen beantwortet werden, inwiefern sich die Netzwerkstruktur bspw. auf die Einstellungen seiner Mitglieder auswirkt. Nachdem definiert wurde, welche Gruppe untersucht wird und wo die Grenzen gezogen werden, müssen in einem zweiten Schritt die zu untersuchenden Beziehungen bestimmt werden. Für diese Entscheidung sowie die Bestimmung der Grenzen ist die Forschungsfrage maßgeblich. Vor ihrem Hintergrund müssen die Grenzen plausibel gezogen und theoretisch bedeutsame Beziehungsarten gewählt werden. Jansen (2006: 71 f.) nennt fünf Kriterien zur Abgrenzung eines Netzwerks: – Organisations- oder Gruppengrenzen – geographische Grenzen – Teilnahme an einem oder mehreren Ereignissen – Eigenschaften der Akteure/Knoten, oder – Beziehungen der Akteure zueinander. 50 In der vorliegenden Untersuchung wurden die Grenzen der Gesamtnetzwerke anhand der organisationalen Grenzen der jeweiligen Schulen gezogen. Vor dem Hintergrund der Frage, inwiefern sich die sozialen Beziehungen von Lehrkräften auf das Ausmaß ihres evidenzbasierten Handelns auswirken, erscheint diese Grenzziehung auf den ersten Blick berechtigt. Dabei gilt es jedoch auch kritisch anzumerken, dass eben nicht nur intraorganisationale Beziehungen bedeutsam sind. Beziehungen, die über die organisationalen Grenzen hinausgehen, können ebenso relevant sein. Aus diesem Grund wurde in dieser Studie neben dem Gesamtnetzwerkansatz auch ein egozentrierter Ansatz gewählt, da dieser, wie gezeigt wurde, ohne die enge Grenzziehung auskommt und somit auch relevante Beziehungen außerhalb der schulischen Grenzen erfassen kann. Inwiefern sich diese Kombination der Ansätze bewährt hat, wird sich im Folgenden noch zeigen. Eine Netzwerkdefinition anhand geographischer Grenzen erscheint für die vorliegende Untersuchung weniger geeignet, sofern man die Grundmauern der untersuchten Schulen nicht als geographische Grenzen betrachten möchte. Das Kriterium der Teilnahme an einem oder mehreren Ereignissen könnte sich anbieten, wenn man bspw. das evidenzbasierte Handeln von Lehrkräften untersuchen möchte, die alle an einer bestimmten Fortbildung teilgenommen haben. Eine Definition der Netzwerkgrenzen über die Eigenschaften von Akteuren, z. B. dem Unterrichtsfach einer Lehrkraft, ist insofern problematisch, als dass die Grenzen für die gewählte Fragestellung zu eng gezogen wären. Das soll nicht heißen, dass diese Art der Grenzziehung ungeeignet wäre. Eine solche Grenzziehung scheint lediglich für eine andere Fragestellung besser geeignet. Ähnliches, jedoch mit allgemeinerem Gültigkeitsgrad, gilt für die Grenzziehung anhand von Beziehungen. Eine untersuchbare Beziehungsstruktur kann nur entstehen, wenn es sowohl vorhandene als auch nicht vorhandene Beziehungen gibt (Jansen 2006: 72). Wenn a priori klar ist, dass alle Untersuchungseinheiten miteinander verbunden sind, fehlt die benötigte Varianz, um Hypothesen zu testen. Dieses Problem ließe sich allerdings umgehen, 51 wenn mehrere Beziehungsarten neben der konstituierenden aufgenommen werden. Eine Unterscheidung, die dabei hilft, das Konzept der Gesamtnetzwerke besser zu verstehen, ist die von Laumann et al. (1983) eingeführte Unterteilung in nominalistische und realistische Methoden der Grenzziehung (Jansen 2006: 72). Unter einer nominalistischen Grenzziehung versteht man eine Vorgehensweise, bei der die Grenzen aufgrund des Forschungsinteresses vom Forscher selbst gezogen werden. Dabei ist es irrelevant, ob die Mitglieder des so definierten Netzwerkes sich auch als solche wahrnehmen. Bei den realistischen Methoden bilden dagegen die Wahrnehmungen der Akteure den Ausgangspunkt. Sie bestimmen, wer innerhalb und wer außerhalb der Grenzen liegt. In der Forschungspraxis lassen sich solche Einschätzungen bspw. auf der Basis qualitativer Interviews im Vorfeld einer Erhebung ermitteln. Der erste wichtige Schritt bei der Erhebung und Analyse von Gesamtnetzwerken besteht also in der Bestimmung der Grenzen des Netzwerks bzw. der Definition der zu untersuchenden Gruppe. Anschließend gilt es, Beziehungen zu bestimmen, die im Rahmen der jeweiligen Forschungsfrage relevant sind. Unter Beziehungen fallen, wie in Abschnitt 2.1 bereits erklärt, jegliche Formen zwischenmenschlicher Beziehungen und Interaktionen.15 Die Auswahl der Beziehung oder Beziehungen richtet sich nach der jeweiligen Fragestellung und sollte theoretisch fundiert sein. Für jede erhobene Beziehung ergibt sich ein ganz eigenes Beziehungsgeflecht und in ihrer Gesamtheit ergeben sie das Netzwerk gemäß der Definition nach Wasserman und Faust (2009: 20). Zusätzlich muss geklärt werden, ob Intensitäten der Beziehungen eine Rolle spielen und ob die Beziehung gerichtet oder ungerichtet ist. 15 Im Übrigen können Beziehungen auch nicht-zwischenmenschlicher Natur sein, wie z. B. die Entfernung zwischen Städten. Im Rahmen soziologischer Ausarbeitungen spielen diese Arten von Beziehungen jedoch eine eher untergeordnete Rolle. 52 Nachdem die Grenzen und Beziehungen bestimmt sind, gilt es, ein passendes Instrument zur Erhebung des Netzwerks zu konstruieren.16 Hierbei unterscheidet sich die Gesamtnetzwerkerhebung von der herkömmlichen Umfrageforschung, da sie besondere Maßnahmen erfordert, die im Folgenden erläutert werden. Es wurde deutlich gemacht, dass Gesamtnetzwerke von einer im Vorfeld klar definierten Population erhoben werden. Daher wird eine Liste aller Mitglieder dieser Gruppe benötigt. Diese Liste bildet die Grundlage für die Beantwortung der Netzwerkfragen. Wie bereits erwähnt, kann den Befragten durchaus unklar sein, wo die Grenzen des Netzwerks liegen, zu dem sie Angaben machen sollen. Die vollständige Liste aller Gruppenmitglieder hilft somit, allen Befragten aufzuzeigen, wer potenziell genannt werden kann. Für jede erfragte Beziehung muss dann ein Fragestimulus gesetzt werden, der von den Befragten verlangt, Personen anzugeben, mit denen sie in der jeweiligen Beziehung verbunden sind, bspw.: ” Kreuzen Sie bitte alle Personen auf der Liste an, mit denen Sie Kontakt pflegen.“. Das Beispiel beinhaltet gleich mehrere relevante Aspekte, die es bei der Erstellung eines Netzwerkfragebogens zu bedenken gilt. Zum einen stellt sich die Frage, ob die Befragten für jede Beziehung eine separate Liste erhalten, auf der sie ihre Angaben ankreuzen können, oder ob sie nur eine Liste erhalten und die Befragten die Namen der Personen in einem dafür vorgesehenen Textfeld angeben. Eine dritte Möglichkeit besteht in der freien Abfrage von Netzwerkpartnern ohne eine Verwendung von Listen. Diese Variante setzt allerdings voraus, dass sowohl dem Forscher als auch den Befragten klar ist, welche Personen Teil des Netzwerks sind (Jansen 2006: 74 ff.). Des Weiteren muss entschieden werden, ob die Zahl der möglichen Angaben auf ein bestimmtes Maximum festgelegt wird, oder ob die Befragten so viele Personen nennen dürfen, wie sie möchten. Netzwerkfragen werden diesbezüglich in ” fixed choice“- und ” free choice“-Arten (Jansen 2006: 78) unterteilt. Wird ein Maximum vorgegeben, muss man bedenken, dass damit 16 Die Beschreibung der Gesamtnetzwerkerhebung bezieht sich insbesondere auf die Erhebung im Rahmen von Befragungen. 53 auch gleichzeitig Struktureigenschaften des Netzwerks künstlich verändert werden. Werden z. B. nur zehn Angaben erlaubt, kann das sowohl dazu führen, dass die Vernetzung unterschätzt wird, da evt. ein Großteil der Befragten mehr Verbindungen aufweist. Gleichzeitig können sich aber auch Befragte mit wenigen Verbindungen genötigt fühlen, mehr anzugeben, als sie eigentlich haben. Fragen nach dem ” free choice“-Modell scheinen, gemessen an der Test-Retest-Reliabilität, besser für die Erhebung von Beziehungen zu sein (Wasserman und Faust 2009: 58 f.). Ein zweiter, weniger offensichtlicher Aspekt, der aus dem obigen Beispiel hervorgeht, betrifft die Skalierung der Fragen. Kontakt pflegen kann binär abgefragt werden und in diesem Fall würden alle angegebenen Personen als Kontakte gesehen, während nicht angegebene Personen als nicht vorhandene Kontakte behandelt werden. Ebenso ist es möglich, die Intensität des Kontakts in Form einer Skala von bspw. ” selten (1)“ bis ” oft (4)“ zu erfragen. Dabei bietet sich die Fragevariante mit separaten Listen an, in der man hinter den Namen der Gruppenmitglieder die Skala abdrucken kann und die Befragten können diese dann entsprechend ihrer Kontakthäufigkeit mit der jeweiligen Person ankreuzen. Bei der Abfrage mit nur einer Liste sowie der offenen Abfrage ohne Liste können die Intensitäten hinter dem Namen oder dem Kode vermerkt werden (z. B. ” Stefan (selten(1))“). Ein Aspekt, der zwar aus konzeptioneller Sicht von Bedeutung, bei der Fragekonstruktion jedoch eher zweitrangig ist, betrifft die Entscheidung, ob eine Beziehung gerichtet oder ungerichtet sein soll. Bei den dargestellten Erhebungsmethoden können die generierten Beziehungsnetzwerke immer gerichtet sein. Dies wird problematisch, wenn eine ungerichtete Beziehung erfragt wird. Man könnte annehmen, dass bspw. Freundschaft eine ungerichtete Beziehung ist. Wenn A angibt, ein Freund von B zu sein, dann wird B sicherlich auch ein Freund von A sein. Empirisch muss dies jedoch nicht zwingend zutreffen, was zum einen einem unterschiedlichen Verständnis von Freundschaft geschuldet sein kann; zum anderen können Messfehler vorliegen in Form von A vergaß B anzugeben. Praktisch lässt sich dieses Problem insofern 54 lösen, als dass Beziehungen, die als ungerichtet definiert wurden, bei der Datenaufbereitung symmetrisiert werden. Bei einer Freundschaftsangabe von A nach B würde auch eine fehlende Angabe von B nach A nachträglich als Verbindung kodiert. Eine andere Möglichkeit des Umgangs mit diesem Problem besteht darin, nur solche Dyaden als Verbindung zu kodieren, deren Wahlen reziprok sind, d. h. bei denen sowohl A zu B als auch B zu A vorliegen (Jansen 2006: 76). Ein letzter Aspekt betrifft die Anonymität von Netzwerkfragen. Die dargestellten Methoden setzen stets voraus, dass dem Forscher eine Liste der Mitglieder der Gruppe vorliegt und dass deren Angaben auch auf sie zurückzuführen sind. Selbst das Verwenden von Kodes oder Kürzeln verspricht keine komplette Anonymität, da weiterhin durch die existierenden Namenslisten eine Verbindung zwischen Name und Kode/Kürzel besteht. Auch die freie Abfrage von Beziehungspersonen kann sich diesem Problem nicht entziehen. Anonymität im strengen Sinne kann bei Netzwerkbefragungen nicht geboten werden. Sie kann erst im Nachhinein erstellt werden, indem z.B. die Namen der Personen geändert werden und die Listen, die die Verbindung zwischen Namen und Kodes/Kürzel herstellen, vernichtet werden. Die Feldphase dieser Studie hat deutlich gemacht, dass zu dem Thema Anonymität im Vorfeld der Untersuchung sowie in Gesprächen mit den Lehrkräften und Schulleitungsmitgliedern ernstzunehmende Bedenken geäu- ßert wurden. Lehrkräfte befürchteten, dass ihre Angaben an die Schulleitung weitergeleitet werden könnten. Die einzelnen Items des verwendeten Fragebogens (siehe Anhang) geben eigentlich keinen Grund zur Annahme, dass sie heikle Themen ansprechen.17 Dennoch scheinen Angaben über Beziehungen innerhalb der Schule für manche Lehrkräfte den Charakter einer heiklen Befragung zu haben, was unter anderem als Erklärung für eine mangelnde Teilnahmebereitschaft gesehen werden könnte. Wohlgemerkt wurde in der 17 Zum Thema heikle Fragen vgl. bspw. Skarbek-Kozietulska et al. (2012) oder Wolter (2012). 55 vorliegenden Untersuchung ein spezielles Anonymisierungsverfahren erdacht, das zu einem späteren Zeitpunkt genauer beschrieben wird (Abschnitt 5.3). Eine letzte Unterscheidung von Gesamtnetzwerken besteht in der Unterteilung in sogenannte One-Mode- und Two-Mode-Netzwerke. Konzeptionell ist damit gemeint, dass in One-Mode-Netzwerken Beziehungen und Relationen zwischen einem Set von Akteuren erfasst werden, während in Two-Mode- Netzwerken die Verbindungen zwischen Personen des einen Sets und denen eines anderen Sets von Akteuren von Interesse sind. Das zweite Set von Akteuren kann auch aus Ereignissen bestehen (Hennig et al. 2012: 49 ff.). Im Rahmen dieser Untersuchung wurden bspw. Two-Mode-Netzwerke erstellt, bei denen das eine Set durch die Lehrkräfte gebildet wurde, während das zweite Set die unterrichteten Fächer der Lehrkräfte enthielt. Aus einem Two-Mode-Netzwerk lässt sich wiederum ein One-Mode-Netzwerk der gemeinsam unterrichteten Fächer bilden, welches für weitere Analysen genutzt werden kann. Zusammenfassend stellt das Konzept der Gesamtnetzwerke eine Methode dar, Beziehungen zwischen einer im Vorfeld der Erhebung bestimmten Gruppe von Akteuren zu erheben. Der Forscherin oder dem Forscher muss daher auch vorher klar sein, welche Akteure zu dem Netzwerk zählen und welche nicht. Beziehungen, die über die Grenzen der Untersuchungsgruppe hinausgehen, werden schließlich aus der Erhebung ausgeblendet. Dafür verspricht diese Methode aber ein genaueres Bild eines untersuchten Netzwerks zu zeichnen, indem sämtliche relevanten Relationen zwischen den einzelnen Akteuren erfasst werden. Gleichzeitig bieten sich Analysepotenziale auf der Ebene der Netzwerke selbst, wenn z. B. die Dichte unterschiedlicher Netzwerke miteinander verglichen wird. Ebenso können Analysen auf der Ebene der Dyaden verortet werden. Eine typische Fragestellung aus diesem Bereich wäre z. B., ob es gewisse Determinanten gibt, die das Vorhandensein von Verbindungen begünstigen oder mindern. Letztlich bieten sich auch auf der Ebene der Individuen Analysemöglichkeiten. Die Popularität eines Akteurs kann bspw. an der Anzahl seiner Nennungen durch andere Akteure 56 bestimmt werden und diese Kennzahl kann wiederum als Explanans oder Explanandum für weitere Analysen fungieren. Dieser knappe Überblick über die verschiedenen Analysemöglichkeiten beschreibt natürlich nur einen Ausschnitt. Eine vollständige Aufzählung aller relevanten Konzepte der Netzwerkanalyse wird an dieser Stelle auch nicht benötigt.18 Auf die verwendeten Maßzahlen und Analysestrategien wird im Rahmen der empirischen Analysen in Kapitel 6 eingegangen. Nachdem nun der Werdegang der Netzwerkforschung in den Sozialwissenschaften kurz umrissen und die notwendigen Begriffe und Methoden dargelegt wurden, wird im folgenden Kapitel der Fokus auf theoretische Aspekte der Netzwerkforschung gelegt. 18 Für eine detaillierte Übersicht der möglichen Analysen wird auf die einschlägigen Lehrbücher verwiesen (z. B. Jansen 2006; Hennig et al. 2012; Wasserman und Faust 2009). 57

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References

Zusammenfassung

In der Bildungsforschung stellt die Anwendung der sozialen Netzwerkanalyse ein Forschungsdesiderat dar. Das Netzwerkparadigma bietet durch seine Verbindung von Theorien und Methoden eine neuartige Perspektive, die im Rahmen dieser Arbeit eingenommen wird. Der Fokus dieses Buchs liegt auf der Untersuchung innerschulischer sozialer Beziehungen von Lehrerinnen und Lehrern, einem bislang wenig beforschten Gebiet. Wie setzen sich die Netzwerke zusammen? Welche Regelmäßigkeiten bestehen bei ihrer Formation? Lassen sich Effekte der unterschiedlichen Beziehungsstrukturen auf schulisches Handeln und Einstellungen feststellen?

Das vorliegende Werk stellt eine empirische Anwendung netzwerkanalytischer Bildungsforschung im Rahmen soziologischen Denkens dar. Gleichzeitig wird eine Einführung in das noch recht junge Paradigma geboten, bei der sowohl theoretische als auch praktische Elemente der sozialen Netzwerkanalyse an einem konkreten Anwendungsbeispiel diskutiert werden.