7 Fazit in:

Bastian Laier

Soziale Netzwerke von Lehrerinnen und Lehrern, page 227 - 234

Erklärungen und Konsequenzen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4117-8, ISBN online: 978-3-8288-6994-3, https://doi.org/10.5771/9783828869943-227

Tectum, Baden-Baden
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7 Fazit Das letzte Kapitel stellt einen zusammenfassenden Rückblick auf die vorliegende Untersuchung dar. Dazu werden die Kernergebnisse der durchgeführten Analysen kondensiert dargestellt und vor dem Hintergrund der verfolgten Fragestellungen diskutiert. Gleichzeitig werden Grenzen und Kritikpunkte der durchgeführten Analysen aufgezeigt. Des Weiteren wird die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit der durchgeführten Analysen herausgestellt. Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich hauptsächlich mit der Anwendung des Netzwerkparadigmas auf die Untersuchung sozialer Netzwerke von Lehrerinnen und Lehrern. Zentrale Aufgaben bestehen in (1) der Beschreibung der sozialen Netzwerke der Lehrkäfte und damit in der Übertragung des Paradigmas auf den speziellen Untersuchungsgegenstand, (2) der Analyse ihrer Struktur und (3) der Analyse ihrer Folgen. Im Folgenden werden die Kernergebnisse zu diesen drei Punkten dargestellt und vor dem Hintergrund der theoretischen Ausführungen reflektiert. Zu der Beschreibung der sozialen Netzwerke von Lehrkäften (1) muss zunächst die Frage beantwortet werden, welche Relationen erfasst und beschrieben werden. Als Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage wurde die Studie von Moolenaar (2010) gewählt, die zeigen konnte, dass sich unterschiedliche Beziehungen sinnvoll erfassen lassen und diese sich auch ausreichend voneinander unterscheiden. Des Weiteren lassen sich die erfassten Beziehungen in zwei Typen, instrumentelle und expressive Beziehungen, unterteilen. In der vorliegenden Untersuchung konnten diese Befunde weitestgehend repliziert werden. Die adaptierten Netzwerkfragen generierten im Rahmen der Gesamtnetzwerkerhebungen ausreichend trennscharfe Netzwerke, die sich ebenfalls in instrumentelle und expressive Beziehungen unterteilen lassen. Dabei muss darauf hingewiesen werden, dass die instrumentelle Beziehung Arbeitsinhalte diskutieren, die in Moolenaar (2010) den instrumentellen Beziehungen zugeordnet wurde, in der vorliegenden Unter- 227 suchung durch die Relation Rat suchen ersetzt wurde. Wie zu erwarten lässt sich Rat suchen ebenfalls den instrumentellen Beziehungen zuordnen. Dabei überraschte die Feststellung, dass Rat suchen und Rat geben keinesfalls identische Ergebnisse generieren. Bei einer fehlerfreien Messung sollten die beiden Relationen identisch sein, sofern eine der beiden in ihrer Richtung umgekehrt wird.75 Da das jedoch nicht der Fall ist, verweist dieser Befund darauf, dass bei der Erhebung von Relationen sehr genau darauf geachtet werden muss, wie die Fragestimuli gesetzt werden. Letztlich verweist der Befund entweder auf gravierende Messfehler oder aber auf unterschiedliche Kognitionen seitens der Befragten, was die Auslegung der Fragestimuli betrifft. In beiden Fällen sollte diesem Aspekt in der zukünftigen Forschung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Darüber hinaus konnte am Beispiel der Kommunikationsbeziehungen über evidenzbasierte Quellen gezeigt werden, dass sich neben den beiden genannten Typen von Beziehungen noch weitere Beziehungsarten unterscheiden lassen. Die Ergebnisse der multidimensionalen Skalierung zeigen deutlich, dass es Relationen gibt, in denen Kommunikation über verschiedene Typen von Evidenzquellen stattfindet. Diese eindeutige Gruppierung der Kommunikationsbeziehungen in die beiden Typen ” Kommunikation über abstrakte Quellen“ und ” Kommunikation über vermittelte Quellen“ ist vor dem Hintergrund der Nutzung der jeweiligen Quellen bedeutsam, da sich diese ebenfalls mittels Faktoranalyse in die beiden Arten von Evidenzquellen – abstrakt und vermittelt – unterteilen lassen (vgl. dazu Ackeren et al. 2013). Vor dem Hintergrund dieser Überschneidung lässt sich dieser Befund so interpretieren, dass bestimmte Typen von Evidenzquellen existieren und zum anderen, dass ebenfalls Kommunikationsnetzwerke zu den bestimmten Quellen existieren, was sich im Hinblick auf die Folgen von Netzwerken als nützlich erwiesen hat (dazu mehr unten). 75 Wenn in der Relation Rat suchen ij = 1, dann sollte in der Relation Rat geben auch ji = 1 sein. 228 Hinsichtlich der Erfassung egozentrierter Netzwerke lässt sich festhalten, dass das gewählte Modul erfolgreich egozentrierte Netzwerke generieren kann. Der Erfolg wird dabei an der relativ hohen Beteiligung der befragten Lehrkräfte festgemacht (siehe Abschnitt 5.2). Die erfassten Ego-Netzwerke haben jedoch mit den üblichen Problemen zu kämpfen, die auftreten, wenn eine feste Anzahl an Kontaktpartnern vorgegeben wird. Trotzdem lässt sich für die Verwendung des Moduls argumentieren, da es sich in einer Befragung mit relativ hohen Fallzahlen bewährt hat. Zu der Analyse der Struktur der sozialen Netzwerke (2) werden die Hypothesentests zur Formation der sozialen Netzwerke herangezogen. Hier wurde die Frage gestellt, ob sich in den sozialen Netzwerken theoretisch hergeleitete Regelmäßigkeiten finden lassen, die sich primär aus den theoretischen Strängen der Konsistenztheorien, der Homophilieforschung und der Rational-Choice-Theorie speisen. Aus dem Bereich der Konsistenztheorien lässt sich anhand der durchgeführten Analysen festhalten, dass die egozentrierten Netzwerke der Lehrkräfte eine Tendenz zu relativ dichten Beziehungen zwischen den Beteiligten aufweisen. Dieser Befund ist abhängig von der Operationaliserung der Dichte. Je lockerer definiert wird, wann eine Beziehung zwischen zwei Personen eng ist, desto dichter sind die egozentrierten Netzwerke. Diesbezüglich muss auch darauf verwiesen werden, dass eine einheitliche Erfassung der Beziehungsstärken zwischen Ego und den Alteri wünschenswert ist, da dann zumindest sichergestellt ist, dass die Beziehungsstärken auf die gleiche Weise erfasst werden, was letztlich den Spielraum für unterschiedliche Operationaliserungen der Dichte eingrenzt. Ebenfalls auf der Basis konsistenztheoretischer Annahmen wurde die Hypothese getestet, dass expressiven Beziehungen, die im Rahmen der Gesamtnetzwerkerhebungen erfassst wurden, transitiver sind als instrumentelle Beziehungen. 229 Die präsentierten Analysen bestätigen das theoretisch vermutete Muster. Expressive Beziehungen weisen vergleichsweise stärkere Neigungen zu Transitivität auf als die instrumentellen Beziehungen. Die Hypothesen, die sich dem Bereich der Homophilieforschung zuordnen lassen, verweisen auf formgebende Faktoren innerhalb der Netzwerke. In den egozentrierten Netzwerken zeigen sich insbesondere Tendenzen zu geschlechtshomophilen Wahlen, was vor dem Hintergrund des berichteten Forschungsstandes nicht sonderlich überraschend ist. Bezüglich der Altershomophilie zeigen sich dagegen keine ausgeprägten Tendenzen. Diesbezüglich muss in Betracht gezogen werden, dass die durchgeführten Tests für eine bestimmte Relation, Gespräche über wichtige berufliche Angelegenheiten, durchgeführt wurden. Für andere Relationen sind durchaus unterschiedliche Befunde denkbar. Im Rahmen der Analyse der merkmalsspezifischen Homophilie anhand der Gesamtnetzwerkdaten lassen sich ebenfalls Tendenzen zu altershomophilen und geschlechtshomophilen Wahlen nachweisen. Allerdings sind diese Befunde nicht über die untersuchten Schulen konsistent. Ebenso lässt sich vermuten, dass die beiden Merkmale eher im Bereich der expressiven Beziehungen zum Tragen kommen. Zu einem vergleichbaren Befund gelangt die Analyse der Dienstalterhomophilie. Dabei ist zu bedenken, dass sich Dienstalter und Alter der Befragten relativ stark überlappen und im Rahmen der Modelle, in denen sämtliche Homophilie-Merkmale jeweils unter Kontrolle der anderen untersucht wurden, zeigt sich auch, dass das Dienstalter eine nachgeordnete Bedeutung für die Formation der sozialen Netzwerke einnimmt. Den deutlichsten und auch über alle untersuchten Schulen konstanten Effekt bildet die Neigung der Lehrkräfte, sich mit anderen zu vernetzen, die die gleichen Fächer unterrichten. Diesbezüglich wurde argumentiert, dass sich dieser starke Effekt des Unterrichtens gemeinsamer Fächer dadurch ergibt, dass die ursprüngliche Wahl, bestimmte Fächer zu studieren, bereits auf 230 Ähnlichkeiten zwischen den Lehrkräften zurückgeht. Ebenso stehen Lehrkräfte, die die gleichen Fächer unterrichten, vor vergleichbaren Problemen, was ebenfalls dazu führt, dass sie sich mit Lehrkräften vernetzen, die vor den gleichen Aufgaben und Problemen stehen. Bezüglich der Verhaltens- und Einstellungshomophilie konnte anhand der vorliegenden Daten kein Nachweis geliefert werden. Als Beispiele für Einstellungen wurden die Evidenzorientierungen nach Dormann et al. (2016) verwendet und für das Verhalten die Nutzung bestimmter Arten von Evidenzquellen (Ackeren et al. 2013). Für keines dieser untersuchten Merkmale konnte eine homophile Tendenz nachgewiesen werden. Eine mögliche Erklärung für das Ausbleiben der erwarteten Effekte bietet die Prozesshaftigkeit der vermuteten Anpassungseffekte. Schließlich besteht eine Voraussetzung zur Aufdeckung der spezifischen Verhaltens-/Einstellungshomophilie darin, dass bereits Kommunikation über diesbezügliche Inhalte stattgefunden hat. Ohne den Austausch über bspw. evidenzbasiertes Handeln ist kaum zu erwarten, dass sich auf der Einstellungsebene oder gar der Handlungsebene Angleichungen vollziehen, die im Sinne der formulierten Hypothesen nachweisbar wären. Andererseits besteht in der Homophilieforschung ein Gegenpol zu dem vorgebrachten Erklärungsangebot, wonach Beziehungswahlen bereits das Resultat von vorliegender Verhaltens- und Einstellungshomophilie sind. Die Daten sprechen in dem konkreten Fall jedoch gegen dieses Erklärungsangebot. Die letzte Hypothese zur Formation der sozialen Netzwerke wurde aus der Rational-Choice-Theorie hergeleitet und postulierte einen Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein expressiver Beziehungen und der Wahrscheinlichkeit, bei einer Person nach Rat zu fragen. Die Hypothese konnte bestätigt werden. Die Argumentation lautete, dass expressive Beziehungen dadurch gekennzeichnet sind, dass ihnen ein Teil der von Borgatti und Cross (2003) formulierten Einflussfaktoren inhärent ist. Welches Wissen eine befreundete Person hat und wie ihre Expertise in bestimmten Gebieten ist, dürfte in expressiven Beziehungen eher bekannt sein als in formal geprägten Bezie- 231 hungen. Ebenso senkt das Vorhandensein expressiver Beziehungen mögliche Zugangsprobleme, was ebenfalls die Wahrscheinlichkeit erhöht, bei befreundeten Personen Rat zu suchen. Zu der Analyse der Folgen von Netzwerken (3) lassen sich ebenfalls gemischte Aussagen tätigen. Die Basis für die hergeleiteten Analysen bildet das NFM nach Borgatti und Halgin (2011) und Borgatti und Lopez-Kidwell (2011), welches den klassischen Netzwerktheorien einen gemeinsamen theoretischen Überbau bietet. Die Kernidee besteht in der Aussage, dass durch Netzwerke Ressourcen fließen. Auf dieser Basis wurde angenommen, dass durch instrumentelle und expressive Beziehungen von Lehrkräften evidenzbasierte Informationen fließen, die die Lehrkräfte stärker nutzen können, wenn sie besser vernetzt sind, was an der Anzahl der Kontakte festgemacht wird. Die Analysen bestätigen diese Annahme im Wesentlichen. Für die empirische Bildungsforschung ergeben sich dadurch Analysemöglichkeiten, zeigt sich doch, dass soziale Beziehungen von Lehrkräften durchaus einen Effekt auf die Weiterentwicklung von Schule und Unterricht haben. Eine weitere Erkenntnis besteht darin, dass die Analyse der Folgen von Netzwerken darauf achten muss, dass eine ausreichend hohe Passung zwischen den Flüssen der Netzwerke und der analysierten Outcome-Variable besteht. Es zeigte sich, dass die untersuchten instrumentellen Beziehungen einen hypothesenkonformen Effekt auf die Umsetzung evidenzbasierten Wissens haben, der jedoch unter Kontrolle der spezifischeren Kommunikationsbeziehungen über evidenzbasierte Informationen verloren geht. Diese Folgerung könnte schließlich auch die nicht bestätigten Hypothesen erklären, die anhand der egozentrierten Daten getestet wurden. Der gewählte Fragestimulus sowie die daraus resultierende Relation sind für die spezielle Untersuchung zu grobkörnig. Die Informationen, die durch Gespräche über wichtige berufliche Angelegenheiten fließen, umfassen möglicherweise ein zu großes Spektrum. Hier hätte eine genauere Frage bspw. nach Gesprächen über neueste Unterrichtsmethoden oder dergleichen verwendet werden müssen, um die postulierten Folgen der Netzwerke zielgenauer zu untersuchen. 232 Da es sich dabei jedoch lediglich um eine Vermutung handelt, bietet diese Überlegung Raum für zukünftige Forschung. In knappen Worten lässt sich die vorliegende Arbeit wie folgt abschließend zusammenfassen: (1) Beziehungen zwischen Lehrkräften lassen sich mit den präsentierten Methoden sinnvoll erheben. (2) Die Strukturen der Beziehungen werden in unterschiedlichen Graden durch soziodemographische Merkmale beeinflusst. (3) Die Beziehungen sind mit Auswirkungen auf die Individuen verbunden. Nach dieser verkürzten Darstellung müssen auch noch bisher nicht genannte Kritikpunkte erwähnt werden. Im Rahmen der Analysen wurde die Pluralität der Beziehungen reduziert, indem diese ähnlich einer Indexbildung zusammengefasst wurden. Diese Vorgehensweise rechtfertig sich vor allem durch eine sparsamere Darstellung der Ergebnisse. Allerdings ist diese Form der Datenreduktion auch mit einem gewissen Informationsverlust verbunden. Für das Vorgehen spricht jedoch die Typisierung der Relationen, da durch die Korrelationsanalyse und die multidimensionale Skalierung zumindest sichergestellt wurde, dass sich die zusammengeführten Relationen ähnlich sind. Bezüglich der Analysemethoden muss ebenfalls auf Probleme der QAP-Prozedur hingewiesen werden (vgl. dazu Dekker et al. 2007). Für die statistische Analyse sozialer Netzwerke werden zurzeit raffiniertere Prozeduren entwickelt, wie z. B. P2-Modelle (Duijn et al. 2004) oder P*-Modelle (Robins et al. 2004). Diese Prozeduren sind allerdings in den üblichen Statistik-Software-Paketen noch nicht vollständig implementiert und benötigen daher spezialisierte Software. Zuletzt muss noch die Datenlage angesprochen werden. In Abschnitt 5.3 wurde darauf verwiesen, dass der Rücklauf der Gesamtnetzwerkerhebung relativ gering war. Aus diesem Grund wurde auch auf eine positionale Analyse der Netzwerke verzichtet. Zukünftige Forschungsprojekte müssen sich daher Wege überlegen, einen möglichst hohen Rücklauf zu generieren. Fragen, die im Rahmen der herkömmlichen Methoden bereits beforscht werden, wie z. B. der Einsatz von Incentives, sollten daher auch auf die Methoden des Netzwerkparadigmas erweitert werden. 233

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Zusammenfassung

In der Bildungsforschung stellt die Anwendung der sozialen Netzwerkanalyse ein Forschungsdesiderat dar. Das Netzwerkparadigma bietet durch seine Verbindung von Theorien und Methoden eine neuartige Perspektive, die im Rahmen dieser Arbeit eingenommen wird. Der Fokus dieses Buchs liegt auf der Untersuchung innerschulischer sozialer Beziehungen von Lehrerinnen und Lehrern, einem bislang wenig beforschten Gebiet. Wie setzen sich die Netzwerke zusammen? Welche Regelmäßigkeiten bestehen bei ihrer Formation? Lassen sich Effekte der unterschiedlichen Beziehungsstrukturen auf schulisches Handeln und Einstellungen feststellen?

Das vorliegende Werk stellt eine empirische Anwendung netzwerkanalytischer Bildungsforschung im Rahmen soziologischen Denkens dar. Gleichzeitig wird eine Einführung in das noch recht junge Paradigma geboten, bei der sowohl theoretische als auch praktische Elemente der sozialen Netzwerkanalyse an einem konkreten Anwendungsbeispiel diskutiert werden.