1 Einleitung in:

Bastian Laier

Soziale Netzwerke von Lehrerinnen und Lehrern, page 13 - 26

Erklärungen und Konsequenzen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4117-8, ISBN online: 978-3-8288-6994-3, https://doi.org/10.5771/9783828869943-13

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einleitung Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit der Erhebung, Beschreibung und den Konsequenzen sozialer Netzwerke von Lehrkräften. In diesem Rahmen werden mit der Erhebung sozialer Netzwerke primär methodische Aspekte verbunden und die Beschreibung der sozialen Netzwerke bezieht sich auf die Darstellung des Resultats der Erhebung. Gleichzeitig dient die Beschreibung der Beantwortung der Frage, inwiefern soziale Merkmale die Muster sozialer Netzwerke strukturieren. Die Untersuchung der Konsequenzen sozialer Netzwerke erfolgt unter der Prämisse, dass soziale Netzwerke einen Einfluss auf Einstellungen und Verhalten der in ihnen agierenden Individuen ausüben. Soziale Netzwerke sind ein Schlagwort des 21. Jahrhunderts, mit dem sehr unterschiedliche Dinge verbunden werden. Eine Google-Suche mit den zentralen Begriffen aus dem Titel dieser Studie, ” soziale Netzwerke“ kombiniert mit ” Lehrerinnen und Lehrer“, liefert unzählige Links zu Artikeln, in denen vor allem diskutiert wird, ob Lehrkräfte sich auf webbasierten Kommunikationsplattformen wie z. B. Facebook mit ihren Schülern vernetzen dürfen. Wer nun einen weiteren Beitrag zu dieser Diskussion erwartet, wird an dieser Stelle enttäuscht, da es in dieser Arbeit nicht um den Umgang von Lehrkräften mit dieser Art sozialer Netzwerke im Internet geht. Vielmehr steht das sozialwissenschaftliche Netzwerkparadigma im Fokus dieser Untersuchung. Ein spezifischer Blick auf das Zwischenmenschliche, nämlich soziale Beziehungen und Interaktionen, zeichnet dieses Paradigma aus. Sind Lehrkräfte untereinander befreundet? Wer arbeitet mit wem zusammen? Wen bitten sie in beruflichen oder persönlichen Dingen um Rat und welche Folgen ergeben sich aus den unterschiedlichen Strukturen und Konstellationen? Gibt es Mechanismen, die die Form sozialer Netzwerke bedingen? Antworten auf Fragen dieser Art versucht die soziale Netzwerkanalyse (SNA) zu geben. Die vorliegende Studie stellt eine empirische Umsetzung einer sozialen Netzwerkanalyse dar, die sowohl als Anwendung der sozialwissenschaftlichen 13 Methode als auch als Überprüfung netzwerktheoretischer Perspektiven zu begreifen ist. Das aufstrebende Netzwerkparadigma erfährt in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschung eine gesteigerte Aufmerksamkeit (Borgatti und Cross 2003; Stegbauer 2010). Auch in anderen Disziplinen wie z. B. der Biologie (Claidière et al. 2013) ist die Methodik und Theorie der Netzwerkanalyse auf dem Vormarsch. Speziell im Bildungsbereich, in dem sich diese Arbeit durch den gewählten Untersuchungsgegenstand verorten lässt, kann ebenfalls eine häufigere Anwendung der sozialen Netzwerkanalyse konstatiert werden (z. B. Daly 2010; Meredith et al. 2017; Moolenaar 2010). Mit einer empirischen Untersuchung sozialer Netzwerke von Lehrkräften auf der Basis netzwerktheoretischer Perspektiven verfolgt diese Arbeit das Ziel, einen Beitrag zur empirischen Bildungsforschung im Rahmen soziologischen Denkens zu liefern. Gleichzeitig wird eine Einführung in das noch recht junge Paradigma geboten, bei der sowohl theoretische, als auch praktische Elemente der sozialen Netzwerkanalyse an einem konkreten Anwendungsbeispiel diskutiert werden. In dem folgenden Abschnitt 1.1 erfolgt eine genauere Darstellung des Problemhintergrunds. Obwohl die soziale Netzwerkanalyse Einzug in den Bildungsbereich gehalten hat, ist zumindest im deutschsprachigen Raum ein gewisses Defizit an empirischen Studien festzustellen, in denen die vorhandenen theoretischen Ansatzpunkte und das methodische Arsenal der sozialen Netzwerkanalyse zum Einsatz kommen. Dies gilt insbesondere für die Erhebung sozialer Beziehungen zwischen Lehrkräften und der Analyse potenzieller Folgen dieser Verbindungen. Es soll erläutert werden, wieso soziale Netzwerke überhaupt von Bedeutung sind und welche Erkenntnisse für den gewählten Untersuchungsgegenstand erwartet werden können. In Abschnitt 1.2 werden die Fragestellungen und der Aufbau der Untersuchung dargelegt. Da die vorliegende Untersuchung eine quantitative empirische Analyse sozialer Netzwerke ist, werden in diesem Kapitel grundlegende 14 methodische Aspekte angesprochen und erste Hinweise auf das verwendete Datenmaterial gegeben. 1.1 Problemhintergrund Das Netzwerkparadigma zeichnet sich dadurch aus, dass sein Fokus nicht auf das Individuum gerichtet ist, sondern auf Beziehungen zwischen Akteuren. Dieser Gedanke ist per se nicht neu und lässt sich bereits in den Werken von Simmel (1908, 1911) finden, der in seinen Analysen davon ausging, dass Gruppen einen bedeutsamen Einfluss auf das Individuum haben. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe sei in vielen Fällen wiederum auf eine Wahl des Individuums zurückzuführen. Die so entstehenden Wechselwirkungen zwischen Gruppe und Individuum sind das, was Simmel als soziale Kreise bezeichnet. Er unterteilt sie in organische und rationale Kreise und meint mit den organischen Kreisen die Familie, in die das Individuum hineingeboren wird, während sich rationale Kreise innerhalb von Organisationen verorten lassen. Die Besonderheit der rationalen Kreise besteht nach Simmel darin, dass sie, im Gegensatz zu den organischen Kreisen, durch die teilnehmenden Individuen geformt werden (Schnegg 2010). Die inner- und außerschulischen Beziehungen von Lehrkräften, die Gegenstand dieser Untersuchung sind, lassen sich als rationale Kreise charakterisieren. Folglich stellt sich die Frage, inwiefern die Lehrkräfte durch diese rationalen Kreise in ihrem Denken und Handeln beeinflusst werden und wie sich diese Kreise zusammensetzen. Simmel gilt zwar nicht als Begründer der Netzwerkforschung, jedoch greift die aktuelle Netzwerkforschung seine Gedanken auf. Zum einen besteht die Annahme, dass soziale Netzwerke die Einstellungen und das Handeln eines Akteurs beeinflussen, zum anderen wird davon ausgegangen, dass sich soziale Netzwerke nicht zufällig zusammensetzen, sondern dass von den Akteuren bestimmte Ziele bei der Vernetzung verfolgt werden. Zudem wirkt sich die Struktur eines Netzwerks auf den Austausch von Informationen aus (Burt 1992; Granovetter 1973). Diese Aspekte sozialer Vernetzung sollen im 15 Verlauf der Untersuchung näher betrachtet werden. Im Bildungssektor, der aktuell in der Politik und Öffentlichkeit verstärkt im Fokus steht, lässt sich immer häufiger der Ruf nach Vernetzung vernehmen (Gruber und Rehrl 2010). Forscher unterschiedlicher Disziplinen sehen sich veranlasst, empirische Erkenntnisse und theoretische Beiträge zu diesem Thema zu liefern. In der häufig normativ geprägten Bildungsdiskussion werden große Hoffnungen in die Vernetzung der Akteure gesetzt. Netzwerke, so der Tenor, bieten den Akteuren die Möglichkeit, Ressourcen untereinander auszutauschen, um in letzter Konsequenz voneinander zu profitieren. Netzwerkarbeit wird allgemein als lohnenswert für die direkt und indirekt Beteiligten beschrieben. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist diesbezüglich vorsichtige Skepsis angebracht. In den Worten von Carl Sagan, einem herausragenden Wissenschaftler im Bereich der Astrophysik (u.v.m.): ” extraordinary claims require extraordinary evidence“ (Sagan 1997: 49). Dieses Zitat schießt im Kontext der bestehenden Hoffnungen wohl etwas über das Ziel hinaus, der Grundgedanke verdient jedoch Unterstützung. Nur weil man sich wünscht, dass etwas wahr ist, heißt das noch lange nicht, dass es so ist.1 Bislang konnte die Bildungsforschung speziell bei der Untersuchung sozialer Netzwerke von Lehrkräften erst wenig belastbare Erkenntnisse liefern, weshalb Gruber und Rehrl (2010) in dem ” Handbuch Bildungsforschung“ ein Plädoyer für die empirische Anwendung der Netzwerkanalyse im Bildungssektor halten. Sie sehen in dem Netzwerkparadigma eine besondere Eignung für diesen Bereich und erwarten sich von der sozialen Netzwerkanalyse, dass sie durch die Berücksichtigung sozialer Kontexte vertiefende Einblicke bieten kann. Diesem Forschungsdesiderat soll die vorliegende Arbeit folgen und teils explorative, teils analytische Erkenntnisse zu diesem Bereich liefern. Der Forderung nach mehr angewandter sozialer Netzwerkanalyse im Bildungsbereich wird mittlerweile häufiger nachgekommen. Im deutschsprachigen Raum existieren bereits erste Sammelbände zur Netzwerkforschung 1 Carmichael et al. (2006: 218) warnen explizit vor einer unbedarften Verwendung der Netzwerk-Metapher. 16 im Bildungsbereich (z. B. Kulin et al. 2012), die sowohl eine methodische Einführung, als auch Beispiele empirischer Studien bieten. Dabei stehen Lernnetzwerke (Ullmann und Stepancik 2009), interschulische Beziehungen (Gottmann 2009) oder auch die Vernetzung zwischen Institutionen (Wilbers 2004) im Fokus der Betrachtung. Die innerschulische Vernetzung von Lehrkräften wird dagegen selten untersucht. In der englischsprachigen Literatur bestehen dagegen erste Bemühungen, soziale Netzwerke von Lehrkräften mittels netzwerkanalytischer Methoden zu erfassen und hinsichtlich ihrer Folgen zu analysieren. Finnigan et al. (2013) konnten bspw. mit einer explorativen Fallstudie erste Hinweise dafür liefern, dass die innerschulische Vernetzung von Lehrkräften einer Schule einen Einfluss auf die Implementation wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Schulalltag ausübt. Dieses untersuchte Phänomen wird in der Literatur als ” evidenzbasierte Schulentwicklung“ (Ackeren et al. 2011), ” evidenzbasiertes Wissen und Handeln“ (Ackeren et al. 2013: 54), ” data driven decision making“ (Marsh et al. 2006) oder auch allgemeiner als ” educational reform“ (Daly und Finnigan 2010; Moolenaar und Daly 2012) bezeichnet und bildet ein stark beforschtes Untersuchungsgebiet der aktuellen empirischen Bildungsforschung. Dieses Forschungsgebiet spielt für diese Untersuchung insofern eine wesentliche Rolle, als dass Konstrukte wie evidenzbasiertes Handeln sowie Einstellungen zu Evidenzen von Lehrkräften mit sozialen Netzwerken in Verbindung gebracht werden. Es wird untersucht, ob soziale Netzwerke durch diesbezügliche Einstellungen und Verhaltensweisen geformt werden und ob Netzwerkeigenschaften bspw. einen Einfluss auf das Ausmaß evidenzbasierten Handelns von Lehrkräften ausüben. Im deutschen Bildungssektor wird, angeregt durch die ” empirische Wende“ (OECD 2007) in der Bildungsforschung und Bildungspolitik, der Ruf nach einer evidenzbasierten Schulentwicklung immer lauter. Dabei geht es um die Implementierung datenbasierten Wissens im Schulalltag, welches in der Regel mit wissenschaftlichen Methoden generiert wurde. Hinter dieser Forderung steht der explizite Anspruch, die Qualität an Schulen auf der Basis 17 wissenschaftlich generierter Erkenntnisse zu sichern. Um diesen erhofften Effekt zu erreichen, ist es jedoch notwendig, dass sich die wissenschaftlich generierten Erkenntnisse im Bildungsbereich verbreiten. Dies trifft auf alle Akteure des Bildungsbereichs gleichermaßen zu, vom Staat als Schirmherr des deutschen Bildungssystems bis hinunter auf die Ebene der Einzelschule und dort wiederum auf die Ebene der einzelnen Lehrkräfte. Empirische Studien zeigen jedoch, dass dieser Informationstransfer nicht immer in dem gewünschten Maße zu gelingen scheint, vor allem wenn es um die Umsetzung der neuen Erkenntnisse im schulischen Alltag geht (Ackeren et al. 2013; Posch 2009). Dieser Missstand wird in der Literatur als ” research-practice gap“ (Rousseau 2006: 256) bezeichnet. Es besteht eine Lücke zwischen den wissenschaftlich generierten Erkenntnissen und ihrer Anwendung in der Praxis. Es ließe sich vermuten, dass es schlicht daran liegen könnte, dass die evidenzbasierten Informationen nicht bis zur individuellen Ebene der Lehrkräfte weitergeleitet werden, weshalb sie letztlich nicht angewendet werden. Lehrkräften steht jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen, wie z. B. pädagogische Fachzeitschriften oder externe Evaluationsberichte zur Verfügung, die sie zur Planung ihrer schulischen Praxis zu Rate ziehen können. Wie kommt es also, dass Innovationen, als die man die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bezeichnen kann, sich nicht in dem gewünschten Maße im Schulalltag implementieren lassen? Die klassischen Diffusionsstudien von Rogers (2003 [1962]) und Coleman et al. (1966), aber auch neuere Studien wie die von Borgatti und Cross (2003) liefern eine mögliche Antwort auf die gestellte Frage. Sie unterstreichen die Rolle von Kommunikationskanälen für die Diffusion von Innovationen. An dieser Stelle schließt sich wieder der Kreis zur sozialen Netzwerkanalyse. Soziale Netzwerke bieten Kanäle, durch die die unterschiedlichsten Ressourcen, unter anderem auch Informationen, fließen können. Damit sind die wesentlichen Elemente und Hintergründe dieser Untersuchung benannt. Es wird angenommen, dass soziale Netzwerke die zuvor genannten Kommunikationskanäle bieten, die zum Austausch evidenzbasier- 18 ten Wissens genutzt werden können. Gleichzeitig wird angenommen, dass diese Informationskanäle einen prägenden Einfluss auf die partizipierenden Individuen haben. Demnach ist es für die Qualitätssicherung an Schulen von besonderer Bedeutung, die Folgen sozialer Netzwerke zu untersuchen. Analog zu den Simmel’schen sozialen Kreisen kommt dabei auch die Frage auf, wie sich innerschulische soziale Netzwerke zusammensetzen. Geht man davon aus, dass die Verbindungen zwischen den Akteuren wie bei Simmel auf individuelle Entscheidungen zurückzuführen sind, stellt sich die Frage, ob es dabei Regelmäßigkeiten zu entdecken gibt. Ein Erkenntnisgewinn zu der Formation und den Folgen sozialer Netzwerke von Lehrkräften hätte somit eine sozialpolitische Bedeutung. Aber auch aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich ein Mehrwert dieser Untersuchung ein. Empirische Befunde und Theorien der Netzwerkforschung werden an einem speziellen Beispiel getestet, wodurch sich Grenzen und Möglichkeiten des Netzwerkparadigmas im schulischen Kontext einschätzen lassen. Gleichzeitig stellt diese Untersuchung eine empirische Analyse eines, zumindest im deutschsprachigen Raum, untererforschten Gegenstands dar. 1.2 Fragestellungen und Aufbau der Untersuchung Die vorliegende Arbeit verfolgt die Absicht, vorhandene theoretische Ansätze und empirische Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung auf die Untersuchung sozialer Netzwerke von Lehrerinnen und Lehrern zu übertragen. Wie in Abschnitt 1.1 bereits erwähnt, besteht in diesem Bereich ein gewisser Nachholbedarf seitens der deutschsprachigen empirischen Sozial- und Bildungsforschung. Die zentralen Fragen, die bearbeitet werden, betreffen zum einen die Formation von sozialen Netzwerken und zum anderen ihre Folgen. Zur Beantwortung der ersten Frage erfolgt eine Beschreibung sozialer Netzwerke von Lehrkräften, die im Rahmen eines empirischen Forschungsprojektes erhoben wurden. Diese Beschreibung erfolgt anhand der Auswertung 19 von mehreren Datensätzen, die mit zwei unterschiedlichen Methoden der sozialen Netzwerkanalyse erhoben wurden. Zum einen liegen egozentrierte Netzwerkdaten aus einer standardisierten Befragung vor und zum anderen Gesamtnetzwerkdaten aus fünf Schulen. Es werden Zusammenhänge zwischen Merkmalen der Netzwerkpartner und den vorgefundenen Formationen vermutet, die es noch zu formulieren und schließlich zu prüfen gilt. Was kennzeichnet die Netzwerke und lassen sich Zusammenhänge aufdecken, die als Gründe für die vorgefundene Form gelten können? Da sich hier eine gewisse Kausalitätsunterstellung herauslesen lässt, soll vorab darauf verwiesen werden, dass die vorliegende Untersuchung nicht auf Längsschnittdaten zurückgreifen kann, mit Hilfe derer sich die Genese im Sinne einer Entwicklung der Netzwerke abbilden lassen könnte. Es geht hierbei nicht um das Ziehen kausaler Schlüsse, sondern um die Anwendung der Methode des deduktiven Testens, wonach im Vorfeld formulierte Hypothesen einem Falsifikationsversuch unterzogen werden (Opp 2010: 25). Zur Beantwortung der zweiten Frage, welche Folgen soziale Netzwerke haben können, wird untersucht, ob sich theoretisch hergeleitete Netzwerkmerkmale auf das Ausmaß evidenzbasierten Handelns bzw. die Evidenzorientierungen von Lehrkräften auswirken. In diesem Rahmen bieten sich Anknüpfungspunkte an die aktuelle empirische Bildungsforschung zum Thema evidenzbasierte Schulentwicklung, die jedoch nicht der zentrale Aspekt der Fragestellung sein soll. Vielmehr geht es um das Testen theoretisch hergeleiteter Hypothesen. Evidenzbasiertes Handeln und Evidenzorientierungen stellen nur mögliche Outcome-Variablen dar, die sowohl die Form als auch die Folgen der sozialen Netzwerke der Lehrkräfte beeinflussen können. Die allgemeinere Frage betrifft den mutmaßlichen Einfluss sozialer Netzwerke auf Einstellungen und Handeln von Individuen. Bevor diese Fragen im Einzelnen angegangen werden, wird in Kapitel 2 eine Einführung in die Methodik der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse gegeben. Dabei bietet sich an, zunächst einen kurzen historischen Abriss der Entwicklung der sozialen Netzwerkanalyse als eigenständiges 20 Forschungsparadigma zu liefern. Anschließend erfolgt in Abschnitt 2.1 eine Präsentation der benötigten Begriffe und gängigen methodischen Erhebungsund Analysemethoden. Ein zentrales Problem der Netzwerkforschung stellt die Grenzziehung eines Netzwerks dar. Netzwerkforscher stehen stets vor dem Problem, ihre Untersuchungspopulation zu definieren. Möchte man ein Netzwerk erheben, stößt man dabei schnell auf ein praktisches Problem. Im Prinzip müsste man bei der Erhebung eines Netzwerks alle Kontakte einer Person erfassen, was in einem ersten Schritt noch machbar erscheint. Jedoch spielen nicht nur direkte Kontakte für den sozialen Kontext eine Rolle. Jeder beobachtete Kontakt einer einzelnen Person stünde wiederum selbst innerhalb eines möglicherweise unterschiedlichen sozialen Kontexts, weshalb auch die Kontakte der Kontakte erfasst werden müssten, die wiederum einen eigenen sozialen Kontext haben. Führt man diesen Gedanken konsequent fort, ergibt sich eine praktisch nicht realisierbare Anzahl an Kontakten, die es zu erheben gilt. Milgram (1967) spricht in diesem Zusammenhang von dem ” Small-World Problem“: In einem Experiment erhielten insgesamt 160 Teilnehmer den Namen und eine kurze Beschreibung einer zuvor ausgewählten Zielperson, die die Teilnehmer daraufhin kontaktieren sollten, sofern sie diese Person bei ihrem Vornamen kannten. Falls das nicht der Fall war, sollten sie die Informationen an eine ihnen bekannte Person weiterleiten, von der sie glauben, dass sie die Zielperson eher kennen könnte. Ziel der Untersuchung war es, die durchschnittliche Anzahl der Kontakte zu bestimmen, die benötigt werden, um eine zufällig ausgewählte Person zu erreichen. Insgesamt konnten 44 vollständige Kontaktketten realisiert werden. Im Schnitt wurden lediglich sechs Kontakte benötigt, um die zufällig ausgewählte Zielperson zu erreichen. Dieses Ergebnis ist insofern überraschend, als dass die Personen am Anfang einer Kontaktkette so gewählt wurden, dass sie eine große räumliche Distanz zu der Zielperson aufweisen mussten. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass wir Menschen tatsächlich in einer ” kleinen Welt“ leben, da wir scheinbar über nur wenig mehr als eine Handvoll Kontakte mit einem beliebigen Menschen auf der Erde vernetzt 21 sind. Folglich würde die Erhebung eines Netzwerkes die Erhebung eines globalen Netzwerkes nach sich ziehen. Einschränkend muss gesagt werden, dass in der Studie von Milgram weniger als ein Drittel der Teilnehmer die Zielperson erreicht haben und es unklar bleibt, ob die anderen zwei Drittel an der Unlust mancher Kontaktierter gescheitert sind oder die Zielperson schlichtweg nicht erreicht werden konnte.2 Dieser kleine Exkurs zeigt deutlich, dass es relativ schwierig bis unmöglich ist, ein Netzwerk vollständig zu erheben. In der Forschungspraxis begegnet man diesem Problem häufig mit Pragmatismus. Wenn ein Netzwerk zum Untersuchungsgegenstand gemacht wird, sollte man sich vor Augen halten, dass es sich dabei lediglich um ein Konstrukt handelt. Das Netzwerk, von dem die Rede ist, gibt es in dieser Form nicht in der Realität. Erfasst werden lediglich Verbindungen zwischen einzelnen Akteuren einer vorher definierten Population. Ohne die Definition dieser Population wäre die Frage nach dem Ende des Netzwerks nicht sinnvoll zu beantworten und auch aus methodischer Sicht nicht zu lösen. Das methodische Arsenal der Netzwerkforschung begegnet diesem Problem mit unterschiedlichen Ansätzen. Zum einen kann die Grenze eines Netzwerks ausdrücklich offengelassen werden. Diese Art der Grenzziehung bietet sich insbesondere dann an, wenn bei gewissen Fragen a priori unklar ist, wie weitreichend ein Netzwerk überhaupt sein kann. In solchen Fällen empfiehlt sich die Verwendung der sogenannten egozentrierten Netzwerkanalyse, da sie ohne enge Grenzen auskommt. Beschließt man im Vorfeld einer Untersuchung jedoch, sich auf eine bestimmte Population einzugrenzen, besteht die Möglichkeit, das Gesamtnetzwerk dieser Population zu erheben, bspw. die Kommunikationsbeziehungen zwischen allen Mitarbeitern einer Orga- 2 Eine Untersuchung von 30 Milliarden Konversationen zwischen 240 Millionen Nutzern eines Instant-Messaging-Netzwerks kam ebenfalls auf eine durchschnittliche Zahl von 6, 6 Kontakten zwischen beliebigen Personen des Netzwerks (Leskovec und Horvitz 2007). Auch hier muss einschränkend erwähnt werden, dass die Teilnehmer des Instant- Messaging-Netzwerks eine relativ homogene Gruppe darstellen, was die Anzahl der Kontakte womöglich reduziert. 22 nisation. Bei diesem Verfahren werden Grenzen eines Netzwerks definiert, wodurch sich die Einbettung der Akteure innerhalb einer übergeordneten Untersuchungseinheit betrachten lässt. Gemäß dieser Zweiteilung in egozentrierte Netzwerke und Gesamtnetzwerke erfolgen in Abschnitt 2.2 und Abschnitt 2.3 allgemeine Darstellungen der Verfahren sowie eine Diskussion ihrer methodischen Besonderheiten. Des Weiteren wirkt sich diese Zweiteilung auch auf die gesamte Untersuchung aus, da sich die Analysen im empirischen Teil einerseits auf Daten egozentrierter Netzwerke und andererseits auf Gesamtnetzwerkdaten beziehen. Kapitel 3 ist der Vorstellung theoretischer Perspektiven gewidmet, die im Rahmen der sozialen Netzwerkanalyse häufig diskutiert werden. Der Zweiteilung der Fragestellungen entsprechend werden dazu in Abschnitt 3.1 Theorien vorgestellt, die Aussagen über die Formation von sozialen Netzwerken formulieren und in Abschnitt 3.2 werden Theorien zu den Folgen sozialer Netzwerke präsentiert. Hier wird sich zeigen, dass es innerhalb des Netzwerkparadigmas eine Vielzahl an theoretischen Perspektiven gibt, die oftmals ähnliche Erklärungsangebote machen und sich nur in Nuancen voneinander unterscheiden (Abschnitt 3.2.1 bis Abschnitt 3.2.4). Um die gegebene Theorienvielfalt sinnvoll zu bearbeiten, wird dem Vorschlag eines zugrundeliegenden gemeinsamen Theoriegebildes gefolgt (Borgatti und Halgin 2011; Borgatti und Lopez-Kidwell 2011) und eine Systematisierung der Theorienvielfalt vorgenommen, die in Abschnitt 3.2.5 dargestellt wird. Im Anschluss wird in Kapitel 4 ein Überblick über die soziale Netzwerkforschung im schulischen Kontext gegeben. Abschnitt 4.1 dient der Darstellung des Forschungsstands, wobei die vorgestellten Studien auf den gewählten Untersuchungsgegenstand beschränkt werden. Es wurde bereits erwähnt, dass die soziale Netzwerkanalyse kein Fremdkörper mehr in der Bildungsforschung ist. Empirische Studien, die die sozialen Netzwerke von Lehrkräften untersuchen, sind jedoch weiterhin selten. Aus diesem Grund werden in diesem Kapitel insbesondere Studien präsentiert, die für die gewählten Fragestellungen relevant sind. Aus der Gesamtschau der empirischen Er- 23 kenntnisse und den vorangegangenen theoretischen Ausführungen werden in Abschnitt 4.2 Hypothesen hergeleitet, die im weiteren Verlauf der Untersuchung empirisch getestet werden. Diese werden unterteilt in Hypothesen, die sich auf die Formation der sozialen Netzwerke beziehen und solche zu den Folgen. Kapitel 5 dient der Präsentation des vorliegenden Datenmaterials, das im Zuge eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekts namens ” Evidenzbasiertes Handeln im schulischen Mehrebenensystem“ (EviS) erhoben wurde. Das Projekt wird in Abschnitt 5.1 knapp umrissen. Da im Rahmen des Projektes unterschiedliche Erhebungsmethoden verwendet wurden, werden die Erhebungsdesigns separat präsentiert. In Abschnitt 5.2 wird die Erhebung egozentrierter Netzwerke von insgesamt 918 Lehrkräften beschrieben.3 Abschnitt 5.3 widmet sich der Beschreibung des Erhebungsdesigns mehrerer Gesamtnetzwerkerhebungen an insgesamt fünf Schulen, die im Zuge einer in das EviS-Projekt integrierten Vertiefungsstudie durchgeführt wurden. Sowohl für die Daten der egozentrierten als auch der Gesamtnetzwerkerhebungen werden im Rahmen dieser Kapitel erste deskriptive Statistiken geliefert, die bereits gewisse Rückschlüsse auf die Form der Netzwerke erlauben. Da Netzwerkmerkmale in den Theorien zu den Folgen von sozialen Netzwerken den Charakter von erklärenden Variablen haben, werden in Abschnitt 5.4 abhängige Variablen vorgestellt, die im Rahmen des EviS-Projektes eine zentrale Rolle eingenommen haben. Dabei handelt es sich um Skalen zur Operationalisierung von evidenzbasiertem Handeln und Evidenzorientierungen von Lehrkräften. Wie bereits erwähnt, steht dabei weniger das zum Teil noch ungeklärte theoretische Konstrukt der Evidenzbasierung (Dormann et al. 2016; Stumm et al. 2010a) im Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Variablen stellen vielmehr exemplarische Outcome-Variablen dar, die es 3 Insgesamt wurden 1222 Lehrkräfte mit einem standardisierten Fragebogen befragt, der ein Netzwerkmodul enthielt, das jedoch nur von 918 Lehrkräften komplett beantwortet wurde, wodurch sich die Reduktion der Fallzahl ergibt. 24 ermöglichen, die in Abschnitt 4.2 postulierten Hypothesen hinsichtlich der Konsequenzen von Netzwerken zu testen. Dies gilt sowohl für die Analyse der egozentrierten Netzwerke, als auch für die Analyse der Gesamtnetzwerke, da Messungen der Evidenzorientierung und des evidenzbasierten Handelns in beiden Befragungen vorliegen. Das sich anschließende Kapitel 6 stellt die hypothesengeleitete Analyse des Datenmaterials und somit den Hauptteil der Untersuchung dar. Dem roten Faden der Arbeit folgend, der sich aus der doppelten Zweiteilung der theoretischen Fragestellungen einerseits und Erhebungs- und Analysemethoden andererseits ergibt, erfolgt in Abschnitt 6.1 die Überprüfung der Hypothesen zur Formation der sozialen Netzwerke und in Abschnitt 6.2 werden die Hypothesen zu den Folgen sozialer Netzwerke getestet. Kapitel 7 bietet einen Rückblick auf die Arbeit und zieht ein knappes Fazit. Die wichtigsten Erkenntnisse werden zusammengefasst und diskutiert. In diesem Rahmen erfolgt auch eine kritische Reflexion der Datengrundlage sowie der gewählten Analysestrategien. Ein Ausblick schließt die vorliegende Untersuchung, wobei die Anschlussfähigkeit der erzielten Ergebnisse für die weitere Forschung im Zentrum steht. 25

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In der Bildungsforschung stellt die Anwendung der sozialen Netzwerkanalyse ein Forschungsdesiderat dar. Das Netzwerkparadigma bietet durch seine Verbindung von Theorien und Methoden eine neuartige Perspektive, die im Rahmen dieser Arbeit eingenommen wird. Der Fokus dieses Buchs liegt auf der Untersuchung innerschulischer sozialer Beziehungen von Lehrerinnen und Lehrern, einem bislang wenig beforschten Gebiet. Wie setzen sich die Netzwerke zusammen? Welche Regelmäßigkeiten bestehen bei ihrer Formation? Lassen sich Effekte der unterschiedlichen Beziehungsstrukturen auf schulisches Handeln und Einstellungen feststellen?

Das vorliegende Werk stellt eine empirische Anwendung netzwerkanalytischer Bildungsforschung im Rahmen soziologischen Denkens dar. Gleichzeitig wird eine Einführung in das noch recht junge Paradigma geboten, bei der sowohl theoretische als auch praktische Elemente der sozialen Netzwerkanalyse an einem konkreten Anwendungsbeispiel diskutiert werden.