2. Die morphologische Psychologie als Basis in:

Alexander Mattisseck

Filme als Medien der psychologischen Beratung, page 9 - 14

Eine tiefenpsychologische Fallstudie

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4135-2, ISBN online: 978-3-8288-6990-5, https://doi.org/10.5771/9783828869905-9

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die morphologische Psychologie als Basis Eine psychologische Theorie, die dabei ausdrücklich vom gelebten Alltag des Menschen ausgeht und sich daher für eine filmpsychologische Fundierung anbietet, ist die morphologische Psychologie. Im Rahmen dieser wird die Psyche nicht als eine simple mentale Konstitution betrachtet, sondern als ein im jeweiligen Erleben und Verhalten stattfindendes Zusammenspiel dynamischer Wirkungszusammenhänge, welche im alltäglichen Leben durch Markenbilder, Medien, Produkte, Freizeitangebote, Kunst, andere Menschen etc. erfahren werden (Fitzek, 2010; 2014). Solche alltäglichen Wirkungszusammenhänge verweisen auf die umfassenden Kultivierungsmuster im Rahmen der Gegenwartskultur, welche schließlich in ihren übergreifenden Funktionsweisen erschlossen und verstanden werden können (Fitzek, 1999). Wesentliches Theoriegerüst bildet dabei die Psychoanalyse nach Sigmund Freud (Lönneker, 2011), wobei sich die morphologische Psychologie von dem Triebmodell distanziert und generell auf Abstraktionen wie Intelligenz oder einfache intrinsische Motivation zur Klärung der Phänomen-Lage sowie deren Zusammenhänge verzichtet. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass sich Seelisches nach den Prinzipien der Gestalt und Verwandlung organisiert (Fitzek, 2010). Seelisches existiert nur in komplexen Wirkungszusammenhängen, welche sich tagtäglich durch den Umgang mit sich selbst und der Umwelt in konkreten Formen äußern sowie bilden, während sich diese Zusammenhänge zugleich auch stetig entwickeln (W. Salber, 1998). 2. 9 Filmwirkung und der Mythos Identifikation Seelisches ist demnach prozesshaft und kein isoliertes Einzelelement, das sich ausschließlich im jeweiligen Individuum vor der Außenwelt versteckt. Folglich wird eine einfache Unterteilung in Subjekt und Objekt hinfällig, wenn es heißt, Filmwirkung psychologisch zu verstehen, da Wirkungszusammenhänge als Prozesse verstanden werden, in denen sich das Erleben und Verhalten erst bildet sowie ausgestaltet. Der Film oder das Genre an sich kann nur bedingt etwas über eine mögliche Art der Wirkung aussagen. So ist in Bezug auf Cinema Therapy mit gewisser Vorsicht zu betrachten, dass Spielfilme zu leichtfertig in Kategorien eingeordnet werden oder die Arbeit mit diesen in geschlossene Einheiten, wie beispielsweise in Identifikation, gefasst wird. Erst beim tatsächlichen Rezipieren entsteht Filmwirkung. Daher ist es irrelevant, ob der Zuschauer nun Subjekt ist und der Spielfilm Objekt. Die Zelluloid-Rolle schafft ohne Publikum genauso wenig psychologische Filmwirkung wie der Zuschauer ohne nötiges Bildmaterial. Erst der Austausch zwischen diesen lässt Wirkung entstehen. Und Wirkung heißt es wiederum in vollem Umfang zu verstehen und methodisch gesichert zu erschließen, was kaum durch die isolierte Betrachtung der einfachen Szenerie, Handlung oder Protagonisten gewährleistet werden kann (Ahren, Blothner & Melchers, 1998). Insofern ist auch das vereinfachende Prinzip von Identifikation beim Filmerleben erneut zu überdenken. Es würde – wenn überhaupt – eher passen, von Orientierungsfiguren zu sprechen (Karanicola, 2017), also von Gestalten, die im Filmerleben durch Prägnanz, Leitmotive, Beeindruckung oder sonstiges hervortreten. Die einzelnen Protagonisten gewinnen ihre Tiefe oder Eigenarten erst in der gesamten Dynamik des Filmes durch deren inszenierte Handlungen 2.1 2. Die morphologische Psychologie als Basis 10 an Bedeutung, was damit einfache Identifikation übersteigt. Darüber hinaus könnte auch der Bösewicht im Film einen seelischen Zug des Zuschauers aufgreifen, welcher im Alltag vorhanden ist, aber nie so direkt ausgelebt werden könnte oder geschweige denn einfach so ohne psychologisch-methodisches Zutun bewusstseinsfähig ist. Es muss das ganze Werk in den Fokus der psychologischen Arbeit gerückt werden, nicht nur einzelne gute oder böse Protagonisten. Wie sich allerdings nun Filmwirkung genau aus einer tiefen- und kulturpsychologischen Perspektive ausgestaltet und was diese konkret auszeichnet, wird nachfolgend erläutert. Morphologische Filmpsychologie Der Mensch gerät täglich in dramatische Entwicklungen, welche von Triumph und Angst, von Vernichtung und Leben bis hin zu geheimen Sehnsüchten reichen und im Alltag anhand von Bildern gefasst werden (Endres & W. Salber, 2001). Diese werden als organisierende Sinneinheiten verstanden, die die menschliche Lebenswirklichkeit ausrichten und bestimmen (Schiefer, 2006). Bilder sind dabei mehr als nur einfache Vorstellungen oder Bewertungen, welche in ihrer vollen Dynamik sowie Dramatik innerhalb des alltäglichen Geschehens auf verschiedenen Ebenen wirken, aber nicht immer sofort erkennbar herausrücken. Der Psychologe Irvin Yalom (1989/2009) fasst das in einer seiner literarischen Fallbeschreibungen eloquent zusammen: Das Bewusstsein denkt in Bildern, muß aber, um sich mitzuteilen, Bilder in Gedanken und diese wiederum in Sprache umsetzen. Dieser Weg vom Bild über den Gedanken zur Sprache ist trügerisch. Ihn beschreiten heißt, Verluste in Kauf nehmen: der Reichtum, die fließende Qualität des Bildes, seine außerordentliche Formbarkeit und Flexibilität, seine persönlichen, nostalgischen, emotionalen Schattierungen – all das geht verloren, wenn das Bild in Sprache gepreßt wird. (S. 254) 2.2 2.2 Morphologische Filmpsychologie 11 Zumindest lässt sich auf den ersten Blick vermuten, dass da etwas im alltäglichen Leben verloren geht, doch Filme führen eben diese Reichhaltigkeit sowie Komplexität noch einmal vor Augen und stellen anschauliches Material bereit, in denen all die Regungen, Hoffnungen, Wünsche und Befürchtungen Ausdruck in sinnlichen Gestalten finden. Der Film wurde letztendlich zum Massenmedium, als er anfing, Geschichten zu erzählen. Im Alltag wird über Geschichten versucht, das eigene oder das Schicksal anderer gefasst zu bekommen. Erst die Logik von Geschichten verleiht dem Tun und Handeln Richtung sowie Sinn. Spielfilme wirken, weil sie eben auf dieses Bedürfnis nach solchen Narrationen und Erzählungen eingehen. Hoffnungen wird Ausdruck gegeben und Befürchtungen werden belebt. Die Atmosphäre der Aufnahmen, der Stil der Montagen und der Aufbau der Filmgeschichte modellieren die Gefühle sowie Gedanken der Zuschauer und binden diese in einen vielschichtigen Prozess ein. Der Film bewirkt dabei nicht linear das Erleben des Zuschauers nach einem Reiz-Reaktions-Schema. Es bildet sich psychologisch gesehen eine figurale Dramaturgie mit eigener Logik hervor, welche über einfache Konzepte, wie die Reise des Helden oder das Drei-Akt-Schema hinausgeht (Blothner, 1999). So kann ein Plot Twist, wenn beispielsweise erkenntlich wird, dass der Held, welcher die ganze Zeit vom Publikum bemitleidet oder bewundert wird, der wahre Böse ist, den ganzen Sinn umwerfen und verkehren. Plötzlich erhalten Aussagen oder Szenen vom Anfang des Filmes eine neue Bedeutung und der Zuschauer muss alles neu bewerten sowie sich entscheiden, ob er den vermeintlichen Helden nicht doch verdammen möchte. Die Rezeption ist ein Prozess, in welchem Vorhergehendes, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste ineinandergreifen sowie das Erleben ausgestalten. Spielfilme stellen demnach Material und Handlungen zur Verfügung, in welchen das Erleben der Zuschauer eine Ver- 2. Die morphologische Psychologie als Basis 12 sinnlichung der eigenen Regungen erfährt (Ahren, Blothner & Melchers, 1998). Dabei werden Spannungen und Konflikte bei den Rezipienten belebt, die auf Lösung drängen, und es äußern sich in dem Erlebensprozess unbewusste Wünsche sowie Mechanismen (Blothner, 1999). Grundkomplexe Im Rahmen der Tiefenpsychologie hat sich für vereinheitlichende psychische Zusammenhänge der Begriff Komplex durchgesetzt. Grundkomplexe sind dynamische Verhältnisse und Konflikte des Seelenlebens, welche im Film zugespitzt und verdichtet behandelt werden. Komplexe umfassen dabei typische Probleme, die das Leben eines jeden Menschen bewegen und Lösungen abverlangen. Spielfilme verdanken demnach ihre Wirksamkeit sowie Beliebtheit dem Umstand, dass die Zuschauer solche Grundkomplexe zu einem aktuellen Ereignis werden lassen können und doch weitestgehend von Konsequenzen verschont bleiben. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Handlung des Filmes in der Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit spielt bzw. inwieweit das Gezeigte überhaupt realistisch ist. Die seelischen Grundprobleme, welche innerhalb des Filmes über Bilder und Geschichten ausgehandelt werden, sind übergreifender Natur (Blothner, 1999). Es wird daher auch von Komplexentwicklung gesprochen als eine Versinnlichung, Inszenierung und ein Durchspielen der dynamischen Grundprobleme (Ahren, Blothner & Melchers, 1998). Solche dynamischen Verhältnisse und Konflikte sind wesentliche Determinanten des Erlebens und Verhaltens sowie konstitutiv für die menschliche Existenz. Grundkomplexe werden hierbei als polare und entgegengesetzte innerseelische Grundverhältnisse verstanden, die zugleich auch von untrennbarer Art sind und 2.3 2.3 Grundkomplexe 13 unweigerlich miteinander zusammenhängen. In diesem Sinne sind solche Grundprobleme gleichzeitig auch paradoxer Natur (Dahl, 2004). Filme wie Jurassic Park (USA, 1993), Independence Day (USA, 1996) oder Alien (USA, 1979) behandeln nicht nur Motive des Überlebens sowie der Sicherung des eigenen Geliebten mit der Vergewisserung, dass selbst in größter Not Abhilfe und Rettung in Aussicht stehen, sondern ebenso die Lust an Zerstörung und die eigene Schaulust (Blothner, 1999). Grundkomplexe vereinen in sich demnach nicht nur einfache polare seelische Grundverhältnisse, sondern ebenso deren Dynamik und Unauflösbarkeit, welche im Rahmen des Alltags oder eben auch durch Filme behandelt werden. Seelische Grundprobleme belasten, fordern heraus und verlangen im gelebten Alltag immer wieder Lösungen sowie angemessene Umgangsformen ab. In diesem Sinne liegt es nahe, Filme in der psychologischen Beratung einzusetzen. Schließlich ist bereits das alltägliche Rezipieren von Spielfilmen als eine Selbstbehandlung zu verstehen, in welcher grundlegende Konflikte, die in individueller Ausprägung bei jedem Menschen vorhanden sind, ausgehandelt sowie durchgespielt werden (Baßler, 2007). 2. Die morphologische Psychologie als Basis 14

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Zusammenfassung

Aus tiefen- und kulturpsychologischer Sicht lässt sich der Spielfilm als ein Medium begreifen, das Grundkomplexe des alltäglichen Lebens behandelt. Ein guter Film bindet das Publikum in eine gestalthafte Gefühlsgeschichte ein und versinnbildlicht Motive, die einen jeden Menschen im Leben bewegen, aber auch herausfordern. Wird dieser Logik gefolgt, erscheint es sinnvoll und vielversprechend, gerade dieses Medium in der tiefenpsychologischen Beratung einzusetzen. Egal ob in Einzel-, Gruppen-, Familien- oder Organisationsberatung – Filmen wohnt ein Potenzial inne, das sich theoretisch und methodisch gesichert einsetzen lässt. Diesem Buch geht es darum, eine ausführliche Falldarstellung aus einer Einzelberatung zu präsentieren, die prototypisch den Einsatz von Spielfilmen veranschaulicht. Zuvor findet sich auch eine theoretische und methodische Einbettung, die deutlich macht, dass der Einsatz von Spielfilmen keineswegs abwegig ist. Der Film als Kultur-medium kann auch bei Beratungsanliegen dabei helfen, persönlichen Problemen und Konflikten Gestalt zu verleihen, diese durchzuspielen, einer Bearbeitung zugänglich zu machen und final einen Ausweg aus den destruktiven Mustern zu versinnbildlichen. Der Spielfilm ist kein Wundermittel, aber ein Medium, das beim richtigen Einsatz dabei hilft, seelische Blockaden aufzulösen und neue Entwicklungen anzustoßen.