7. Zusammenfassung und Ausblick in:

Alexander Mattisseck

Filme als Medien der psychologischen Beratung, page 65 - 72

Eine tiefenpsychologische Fallstudie

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4135-2, ISBN online: 978-3-8288-6990-5, https://doi.org/10.5771/9783828869905-65

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Zusammenfassung und Ausblick Obwohl sich die erste Hälfte des Beratungsprozesses durch viel Widerstand auszeichnet, konnte innerhalb von zehn Stunden ein erster Ruck bei der Klientin erreicht werden. Nachdem der Film geschaut wurde, schränkte die Klientin sogar den Kontakt zum Ex und zur Mutter ein, obwohl noch zwei Sitzungen offen waren. Das Festhalten am Familiennest und dem Ex sowie das Vermeiden der Selbstständigkeit konnten dabei über den Film – insbesondere anhand von Lester und seiner Frau – deutlich veranschaulicht und der Klientin bewusst gemacht werden. Aber auch der Ausweg aus der verkappten Situation, dargestellt durch die Plastiktüte und den Nachbarssohn, welcher sich spielerisch in der Situation mitbewegt, ließ sich herausarbeiten. Nachdem der Film gemeinsam mit der Klientin auf die wesentlichen Dynamiken hin besprochen wurde, konnte mittels American Beauty ein Bezug zu ihrem Leben hergestellt werden, so dass sich ihr festgefahrenes Muster daran festmachen ließ, wobei die Szene mit der Plastiktüte innerhalb der letzten Sitzung auf ihren Alltag als Möglichkeit zur Weiterentwicklung übertragen wurde. Die Wirkung des Filmes geht damit über Identifikation hinaus – es ist die gesamte Dynamik der Szenerie und Charaktere, welche sich in der Gefühlsgeschichte aushandelt und in der Fallarbeit zum Tragen kommt. Die Klientin fürchtet das Familiennest zu verlassen, da sonst etwas Schlimmes passieren könnte oder die Hölle ausbricht. Sie klammert sich daher an die Familie, aber zugleich auch an den Ex-Freund, um ihre Selbstständigkeit außerhalb 7. 65 der Familie vorzutäuschen. Hier wurde mittels des Films verdeutlicht, wie gerade dieses Klammern und Festhalten in ein Chaos führt. Lester richtet sein gesamtes Leben auf die Klassenkameradin aus und die Mutter versucht ein gekünsteltes Familienidyll herzustellen sowie ein stetig perfektes Image auszustrahlen. Eben dieses Festhalten, Klammern und Obsessive spitzt sich in Fremdgehen, Zerstörung, Streit und Mord zu – genau das Chaos und Unglück, was die Klientin zu vermeiden versucht. Aber gerade das Gegenteil, also das Treibende, Sich- Mitbewegende und Aufbrechende in Form der Plastiktüte bietet eine Lösung an. Während Film und Fall aufeinander bezogen werden, wird über American Beauty auch ein Ausweg deutlich, welcher sich im Alltag der Klientin ausprobieren lässt. Gerade dadurch zeigt sich der Film als ein intensivierender Faktor im Beratungsprozess. American Beauty verdeutlicht und fasst die wesentlichen sowie blockierten Drehpunkte in der Konstruktion der Klientin, während zugleich ein Ausweg geboten wird. Dennoch reicht es in einem Einzelsetting nicht einfach aus, einen Film zu zeigen. Es bedarf weiterhin eines methodischen Vorgehens, welches den Fall erschließt und diesen gezielt mit dem Film in Austausch bringen kann. Auch muss überhaupt erst die Konstruktion methodisch erschlossen werden. Inwieweit der Filmeinsatz langfristig nachhaltig ist, bedarf aber zugegebenermaßen weiterer Betrachtung. Dieser Beratungsfall wurde von vornherein auf zehn Sitzungen limitiert. Anhand der exemplarischen Studie wird deutlich, dass der Spielfilm durchaus in der Lage ist, Verkehrungs-Konstruktionen prägnant innerhalb einer Beratung zu veranschaulichen und zugänglich zu machen. Darüber hinaus konnten mittels Film erste Möglichkeiten sowie neue Strategien abgeleitet und veranschaulicht werden, wie gewisse Muster zu durchbrechen sind und neue Entwicklungen in Gang gebracht werden kön- 7. Zusammenfassung und Ausblick 66 nen. Beispielsweise, als sich die Klientin in den Konkurrenzkampf mit den Kommilitonen hineinsteigern will, bietet das Bild der Plastiktüte eine Lösung. Statt sich darin zu verbeißen oder festzuklammern, kann auch einfach losgelassen werden. Denn gerade krampfhaftes Klammern und Festhalten führen zu nichts. Oder auch beim Planen des Urlaubs verdeutlicht der Film, wie das Mitnehmen von Ex-Freund oder Familie ein Nicht-Loslassen ist, was kaum weiterbringt und auf alte Muster zurückführt. Der Film als Medium der Beratung wurde gut von der Klientin angenommen. Wie bereits zu Anfang der Arbeit dargelegt, ist der Spielfilm auch ein breitgefächertes sowie alltägliches Medium mit großer Beliebtheit, was auch eine hohe Zugänglichkeit verspricht. Allerdings zeigt sich in dieser Fallstudie, dass das Filmschauen nicht einfach so die gehemmte Selbstbehandlung behebt oder eine plötzliche Erkenntnis bringt. Der Film ist immer noch in einen Prozess eingebunden, welcher auch nicht ersetzt werden kann. Selbst nachdem American Beauty angeschaut wurde, musste mit diesem innerhalb der nächsten Sitzungen konstant weitergearbeitet werden. Es waren alle Sitzungen Teil des Beratungsprozesses und nicht nur der Filmeinsatz an sich. Generell müssen Klienten in der Lage sein, zu beschreiben und Zusammenhänge zu erkennen. Sonst würde die Arbeit mit dem Film nicht fruchten können. Immerhin müssen die umfassenden Verhältnisse im Film, wie beispielsweise die Dynamik von Lester und seiner Frau oder dem jungen Pärchen, im Gespräch erst erschlossen und aufeinander bezogen werden, damit sich schließlich das ganze Zusammenwirken auf den Fall übertragen lässt. Der Film als Medium der Beratung kann nicht eine ganze Person verändern, aber Ansätze zur Weiterentwicklung aufführen und bereitstellen. 7. Zusammenfassung und Ausblick 67 Einsatz von Filmen Final soll noch einmal in verdichteter Form auf das Leitthema dieser Fallstudie, also wie sich Filme als Medien der psychologischen Beratung einsetzen lassen, eingegangen werden. Während das klassische Vorgehen der Analytischen Intensivberatung mit Märchen oder Mythen arbeitet, bedarf der Einsatz von Filmen in solch einem Setting eines wesentlichen Zwischenschritts. Obwohl innerhalb der Beratung ausschließlich mit dem Film als Medium gearbeitet wird, sollte trotzdem zuerst ein Mythos oder Märchen als ein umfassendes Bild für den Fall herausgestellt werden, damit eine angemessene Filmauswahl getroffen werden kann. Da allerdings verschiedenste Filme die gleichen seelischen Grundprobleme verhandeln können, wurde derjenige gewählt, welcher nach Einschätzung am ehesten von der Bebilderung her für die Klientin zugänglich ist. Bei der Klientin und dem eingesetzten Film gab es eine klare Überschneidung bei dem Motiv der Familie sowie dem Motiv der Besessenheit, ohne dass diese zu plump in Szene gesetzt werden, was unter Umständen erneut zu Widerstand geführt hätte. Dass der Film mit der Klientin geschaut wird, wurde eine Sitzung vorher angekündigt. Es muss schließlich ein Zeitrahmen von ca. drei Stunden eingeplant werden. Durch das gemeinsame Schauen können unmittelbare Reaktionen auf den Film erfasst werden. Auch lässt sich das frische Erleben festhalten. Es besteht theoretisch auch die Möglichkeit, dass Klienten den Film alleine schauen und im Nachhinein eigenständig schriftliche Erlebensbeschreibungen verfassen, wobei hier festzuhalten ist, dass dadurch auch leichter Widerstände zum Ausdruck kommen können und der gezeigte Film abgewehrt wird. Schließlich dreht sich auch die Dynamik während einer der letzten Sitzungen als einen Versuch, in alte Muster zurückzukehren. Nach dem gemeinsamen Schauen können bereits erste 7.1 7. Zusammenfassung und Ausblick 68 Verhaltensweisen oder Muster vorsichtig verrückt werden. Das unmittelbare Filmerleben lässt sich nutzen, um die alltäglichen Produktionen achtsam vor Augen zu führen und erste Ansätze zur Entwicklung herauszustellen. Daraufhin kann in den restlichen Sitzungen alles auf den Film bezogen werden, und in gemeinsamer Arbeit lassen sich die Lebensverhältnisse sowie die Verhältnisse im Film prägnant hervorheben. Das gesamte Erleben lässt sich immer wieder in Austausch mit dem Film bringen und an hervorstechenden Szenen festmachen. Bei der konkreten Filmarbeit im Beratungsprozess hat sich in dieser exemplarischen Fallstudie gezeigt, dass der Spielfilm keineswegs Szene für Szene besprochen werden muss. Es geht im Wesentlichen um die gesamte Dynamik im Film, was auch bedeutet, dass sich die Klienten nicht nur mit einzelnen Protagonisten identifizieren sollen. Dies würde den Gesamtzusammenhang zerstückeln und das Verkehrt-Halten nicht zur Geltung kommen lassen. Es war möglich, innerhalb eines Beratungsgespräches die wesentlichen Drehpunkte mittels Films zu verdeutlichen und das Neben-Bild als Ausweg aus dem Teufelskreis herauszuarbeiten. Im letzten methodischen Schritt der Intensivberatung, also dem Bewerkstelligen, lässt sich dabei primär nur noch mit dem Neben-Bild arbeiten, welches auf die Alltags-Produktionen des Falles bezogen wird. Dabei finden zwar in dieser Studie Hauptsowie Gegen-Bild immer wieder Erwähnung, aber das Neben- Bild wird nun klar als Möglichkeit zur weiteren Entwicklung eingesetzt. Wären weitere Stunden in der Fallstudie angesetzt, hätte auch tiefgreifender mit dem Neben-Bild gearbeitet werden können. 7.1 Einsatz von Filmen 69 Ausblick Während in dieser Fallstudie eine Einzelsetting dargelegt wurde, kann festgehalten werden, dass nichts dagegen spricht, wenn Filme als Medium der Beratung ebenso in Gruppensettings angewandt werden. Darüber hinaus finden sich mittlerweile genügend Studien sowie Literatur zu bereits psychologisch untersuchten Filmen, so dass eine recht große Auswahl gegeben ist. Wobei es sich lohnen könnte, mehr Filme explizit auf zugrunde liegende Märchen oder Mythen zu beforschen, um eine höhere Passgenauigkeit zwischen unterschiedlichen Fällen und Filmen herzustellen. Schließlich wäre es bei einem Filmeinsatz ungünstig, wenn der Spielfilm seine Wirkung verfehlte. Allerdings sollte an diesem Punkt noch erwähnt werden, dass nur vorher psychologisch betrachtete Filme eingesetzt werden sollten. Die Wirksamkeit eines Filmes ist keineswegs automatisch gegeben. Ein Film wirkt nicht einfach in solch einem Prozess, weil es an sich ein Film ist. Es spricht auch nichts dagegen, Beratungen mit mehr als zehn Stunden durchzuführen. Auch könnte überprüft bzw. methodisch festgehalten werden, inwieweit durch Filme gezielt Entwicklungen in eine bestimmte Richtung angestoßen werden können. Die Rede ist von Trainings und Change-Management-Maßnahmen. Anstatt den Film mitten im Prozess zu zeigen, könnte dieser auch zu Beginn von bestimmten Maßnahmen oder dergleichen eingesetzt werden, damit eine gewisse Struktur vorgegeben ist, mit welcher auf bestimmte Ziele hingearbeitet werden kann, wodurch der Film als Medium ebenso helfen könnte, schwer zu verbalisierenden Inhalten, Ängsten und Konflikten Ausdruck zu verschaffen. Schließlich behandeln Filme übergreifende seelische Problemkerne, während seelische Regungen zugleich eine Versinnlichung erfahren. Eben dies müsste sich auch zu Beginn gerichtet einsetzen lassen. 7.2 7. Zusammenfassung und Ausblick 70 Diese Fallstudie verdeutlicht, dass Filme in der tiefenpsychologischen Fallarbeit eingesetzt werden können. Wie diese Settings genau ausgestaltet werden, welche Filme sowie Genres sich speziell zur Beratung eignen und welche nicht, was für Abwehrstrukturen oder Verhaltensmuster besonders gut durch Filme angesprochen werden und wie es im klinischen Bereich bzgl. des Filmeinsatzes aussieht, aber auch, inwiefern der Filmeinsatz nachhaltig sein kann, sind alles weitere Fragestellungen, welche über diese Fallstudie hinausgehen. Spielfilme sind nicht selten komplexe Werke, welche seelische Grundprobleme aushandeln und in verschiedensten Bereichen eingesetzt werden können. Diese genau dokumentierte Fallstudie bildet nur ein grundlegendes Fundament, welches dazu einladen soll, weitere Forschung und psychologische Arbeit anzuregen. Spielfilme vermögen es, uns im Alltag zu bewegen, und warum sollte sich das nicht methodisch einsetzen lassen? Kunstcoaching zeigt bereits erfolgreich in der Praxis auf, dass Medien sich sehr gut in Beratungs- und Therapieanliegen einsetzen lassen. Es ist erstaunlich, wie Filme es schaffen, unglaublich komplexe Gefühlsgeflechte bei der Rezeption im Alltag zu entfalten. Der Spielfilm ist ein mächtiges Medium, welches sich in der psychologischen Arbeit zukünftig mehr bewähren könnte. Wer geneigt ist und gerne mehr über dieses Thema recherchieren möchte, wird schnell feststellen, dass der Filmeinsatz zumeist nach Bauchgefühl oder einfacher Empfehlung erfolgt. Dies entzieht allerdings dem Medium einiges an Tiefe und Komplexität. Spielfilme können psychohygienisch sein und dennoch sollte das nicht in Willkür ausarten. Erst eine saubere theoretische und methodische Fundierung lässt Filme zu einem ernstzunehmenden Teil der psychologischen Arbeit werden. 7.2 Ausblick 71

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Zusammenfassung

Aus tiefen- und kulturpsychologischer Sicht lässt sich der Spielfilm als ein Medium begreifen, das Grundkomplexe des alltäglichen Lebens behandelt. Ein guter Film bindet das Publikum in eine gestalthafte Gefühlsgeschichte ein und versinnbildlicht Motive, die einen jeden Menschen im Leben bewegen, aber auch herausfordern. Wird dieser Logik gefolgt, erscheint es sinnvoll und vielversprechend, gerade dieses Medium in der tiefenpsychologischen Beratung einzusetzen. Egal ob in Einzel-, Gruppen-, Familien- oder Organisationsberatung – Filmen wohnt ein Potenzial inne, das sich theoretisch und methodisch gesichert einsetzen lässt. Diesem Buch geht es darum, eine ausführliche Falldarstellung aus einer Einzelberatung zu präsentieren, die prototypisch den Einsatz von Spielfilmen veranschaulicht. Zuvor findet sich auch eine theoretische und methodische Einbettung, die deutlich macht, dass der Einsatz von Spielfilmen keineswegs abwegig ist. Der Film als Kultur-medium kann auch bei Beratungsanliegen dabei helfen, persönlichen Problemen und Konflikten Gestalt zu verleihen, diese durchzuspielen, einer Bearbeitung zugänglich zu machen und final einen Ausweg aus den destruktiven Mustern zu versinnbildlichen. Der Spielfilm ist kein Wundermittel, aber ein Medium, das beim richtigen Einsatz dabei hilft, seelische Blockaden aufzulösen und neue Entwicklungen anzustoßen.