6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive in:

Alexander Mattisseck

Filme als Medien der psychologischen Beratung, page 43 - 64

Eine tiefenpsychologische Fallstudie

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4135-2, ISBN online: 978-3-8288-6990-5, https://doi.org/10.5771/9783828869905-43

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Der Fall aus einer methodischen Perspektive Nach der einfachen Fallbeschreibung findet sich nun die Darlegung des Falles aus einer methodischen Perspektive, in welcher dieser anhand des Entwicklungsganges der Analytischen Intensivberatung betrachtet wird. Zum ersten methodischen Richtpunkt der Beratung wird dabei zunächst die Typisierung der Klientin als eine erste provisorische Charakterisierung herausgestellt (W. Salber, 2001). Typisierung Sie ist bereits beim Erstgespräch ordentlich gekleidet. Ihre Wortwahl ist gehoben, es wird dabei nicht geflucht. Zudem sitzt sie meist aufrecht, manchmal leicht zurückgelehnt, aber keineswegs zu entspannt, und hat immer die Beine überkreuzt. Dieses Verhalten behält sie dabei fast den ganzen Beratungsprozess bei. Die Klientin wirkt im Gesamten wie ein braves Mädchen der gehobenen Bildungsklasse. Ordentlich, eloquent, intellektuell, unschuldig, bescheiden und eine vorbildliche Tochter, welche ihrer Familie besonders nahe steht. Allerdings wohnt ihr auch eine Kehrseite inne. Immer wieder lässt sich der Gegenzug zum braven Mädchen erkennen: Ihr verbales Auftreten wird für kurze Momente bissig und ihre Eloquenz erhält etwas Scharfzüngiges sowie Höhnisches. Es gibt Momente, in denen sie ihre Erhabenheit anderen gegenüber konstatiert. Sei es beispielsweise im Studium, ihren Bruder 6. 43 betreffend oder auch die Geschmackslosigkeit anderer bei der Kleidungswahl. Gerade in der Übertragung und Gegenübertragung inszeniert sich die Rolle des braven Mädchens mit der geheimen Kehrseite. Die unschuldige Studentin, welche aus einer heilen Familienwelt kommt, kann sich nicht von ihrem Ex-Freund lösen, der ihr immer wieder schadet. Gleichzeitig demonstriert die Klientin äußerst subtil ihre bissige Seite, so dass sich in der Gegenübertragung beim beratenden Psychologen eine Art Angst vor ihr einstellt. Es ist die Angst, dass sie die Beratung abbricht oder wenn das brave Mädchen nicht mehr da ist, aus dem Beratungsprozess ein reiner Machtkampf wird. Es entsteht innerhalb der Sitzungen eine Art Spiel zwischen dem Psychologen und der Klientin: Der Berater gerät immer wieder in die Falle des leidenden Mädchens und er versucht, ihre bissige Seite zu vermeiden, während die Klientin unter dem Deckmantel der braven Studentin im übertragenen Sinne immer wieder die Zähne zeigt. Diese Dynamik arbeitet in der ersten Hälfte gegen den Beratungsprozess. Es werden häufig Themengebiete nicht angesprochen bzw. oberflächlich umrissen und scheinbar Unangenehmes wird fallen gelassen, ignoriert oder es werden Rationalisierungen zugelassen. Erst ab der zweiten Hälfte der Beratung, als die bissige Seite der Klientin hervorgehoben und gespiegelt wird, baut sich der Widerstand ab. Das Spiel, also die Inszenierung der ordentlichen Studentin, die immer kurz scharfzüngig wird, wird umgelenkt. Innerhalb der Gegenübertragung löst sich die Vermeidungsstrategie seitens des Beraters auf und es wird gezielt der Gegenzug des braven Mädchens hervorgehoben, so dass die Klientin diese Seite ebenso spürbar erfährt. Erst das Durchbrechen des Spiels zwischen Berater und Klientin schafft den notwendigen Entwicklungsspielraum, durch welchen die psychologische Beratung fruchten kann. 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 44 Leiden-Können und Nicht-Leiden-Können Das Spiel des braven und scharfzüngigen Mädchens in der Übertragung ist, wie sich im Laufe der ersten Hälfte des Prozesses herausstellt, das, was sie an ihrem Elend insgeheim leiden kann. Gerade dies wird beim Umgang mit dem Ex-Freund deutlich. Mit ihm praktiziert sie ebenso Spielchen und Verstrickungen. Das Spiel mit dem Ex-Freund Obwohl sie das ganze Verhältnis zu Anfang als Last beschreibt, offenbart sich bei genauerer Betrachtung die Lust an den Dramen, welche sie mit ihrem Ex-Freund vollführt. Eben dieses Leid sucht sie immer wieder. Einerseits beschreibt die Klientin Kränkungen, welche sie bereits schon früher durch ihn erfuhr – sei es das regelmäßige Fremdgehen, das Küssen einer anderen Frau vor ihren Augen, das Abwerten ihres Äußeren oder auch jetzt noch die ständigen Liebeleien mit anderen Frauen, von welchen er ihr erzählt. Andererseits telefonieren beide regelmä- ßig sowie lange miteinander, während dabei über alles gesprochen wird und wenn die zwei sich sehen, landen sie im Bett miteinander. Das ständige Hin und Her zwischen Kränkung und Nähe zu ihm birgt dabei eine Dramatik in sich. Beide streiten häufig. Insbesondere, wenn er von anderen Liebschaften berichtet, arten die Auseinandersetzungen aus. Die Klientin und ihr Ex klatschen und beißen sich dann selbst in aller Öffentlichkeit. Aber auch, als sie beim Feiern einen neuen Mann küsste, musste sie ihm das gleich erzählen und unter die Nase reiben. Schließlich ist die Studentin ihm nicht nur hoffnungslos verfallen und ein Opfer seiner Kränkungen, sondern sie kann ihn 6.1 6.1 Leiden-Können und Nicht-Leiden-Können 45 insgeheim auch dominieren. Sie schildert selbst, dass der Ex sich nicht in eine andere verlieben wird. Er hängt an ihr und darf zugleich auch immer zurückkommen. Außerdem hat er wohl kaum eine Zukunft durch sein zerstörtes Familienleben, sie hingegen durch ihr gutes Studium schon, womit sie sich ihrem Ex gegenüber zugleich in eine erhöhte Position bringt. Die Klientin lässt sich immer wieder auf ihn ein und trotz all der Kränkungen nimmt sie ihn stets wieder auf. Über diese Spielchen, also dem ewigen Hin und Her, in welchem gekratzt, gebissen, geküsst, gestritten und geliebt wird, riskiert sie keine wirkliche Beziehung und muss ihr gemachtes Nest mit der Familie nicht verlassen. Eine richtige Beziehung würde bedeuten, etwas Eigenes zu schaffen und sich von der Familie wegzuentwickeln sowie ein eigenes Leben aufzubauen. Die Angst vor Selbstständigkeit Das, was sie in Wirklichkeit nicht leiden kann, ist selbstständig zu werden. Eben dies ist ihr wahres Leiden, welches sie ständig zu meiden bzw. zu umgehen versucht, indem sie an ihrer eigenen Familie festhängt. Die Klientin hat täglich – sogar mehrmals – Kontakt mit ihren Eltern. Auch schläft sie teilweise noch im Bett von Mama und Papa. Die Studentin beschreibt es sogar selbst als eine Verweigerung von Autonomie. Immer wieder muss sie sich Rückversicherung von ihren Eltern holen, dass alles gut ist. Als sie beispielsweise eine 2,0 in einer Prüfung bekam, telefonierte sie gleich mit ihrem Vater, damit er sie beruhigt und ihr Halt gibt. Ständig fürchtet die Klientin, ihre Eltern zu enttäuschen und ihnen nicht zu gefallen. Situationen, in welchen Mama und Papa wenig oder kaum helfen können, beispielsweise bei der Bachelorthesis oder dem Umzug in eine 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 46 neue Wohnung, werden von der Klientin als unglaubliches Leid beschrieben und mit einem Zusammenbruch gleichgesetzt. Sie möchte es dabei so sehr vermeiden, in irgendeiner Form auf sich gestellt zu sein oder sich in Selbstständigkeit auszuprobieren, dass sie sogar davon fantasiert, eine junge Mutter zu werden oder sich einen Hund zu holen. In diesen Fantasien äußert sich der Drang, nicht alleine sein zu wollen und das gemachte Nest mit der Familie nicht zu verlassen. Die Träumereien von einem Kind oder Hund sind in ihrem Fall nicht als ein Zeichen von Eigenverantwortung oder Selbstständigkeit zu sehen, sondern als ein Ausdruck ihrer Angst, beim Verlassen des familiären Nestes mit Mutter, Vater und Bruder komplett einsam sowie isoliert zu enden und das Leben gänzlich alleine ohne Weggefährten bestreiten zu müssen. Immer wieder beteuert die Klientin innerhalb der Sitzungen, dass sie nicht alleine sein kann, und als das Thema zum ersten Mal innerhalb der Beratung näher besprochen wird, verspürt sie gleich ein deutlich drückendes Gefühl auf der Brust, welches sie auch als beängstigend beschreibt. Methodisch werden Dabei zeichnen sich bei der Klientin verschiedene Strategien und Methoden ab, welche sie nutzt, um ihr wirkliches Leid, nämlich die eigene Selbstständigkeit, zu umgehen. Durch diese Strategien landet sie immer wieder beim vertrauten Elend in Form des Ex-Freundes und bleibt im familiären Nest hängen. Es sind ihre Methoden, welche sie immer wieder auf die wohlbekannten Muster zurückführen. 6.2 6.2 Methodisch werden 47 Schwärmen Insbesondere während der ersten Hälfte der Beratung verfällt sie häufig in schwärmerische Beschreibungen, wie toll doch der Ex oder auch der Vater ist. Der Ex-Freund ist ihren Schilderungen nach zwar eine zerstörte Persönlichkeit, aber dennoch ein mutiger Draufgänger, der jede andere Frau haben könnte. Und dennoch teilt er nur mit ihr eine besondere und familiäre Innigkeit. Sie beschreibt ihn vom Maß an Vertrauen, welches beide miteinander teilen, wie einen Bruder. Eine besondere Innigkeit, welche sich über die Jahre entwickelt hat und so bemerkenswert ist, dass diese kaum mit Freundinnen oder Freunden zu erreichen wäre. Aber auch ihre Eltern werden schwärmend in den Himmel gelobt. Insbesondere der Vater wird als mutig, gebildet, weitgereist und einfach zum Aufschauen dargestellt. Er ist dabei so bemerkenswert, dass selbst die Freundinnen der Klientin an ihm Gefallen finden. Der Vater wird als der Familien-Führer präsentiert, welcher den Kurs angibt. Die Mutter ist dagegen zwar weniger intellektuell, aber aufopferungsvoll und diejenige, die sich für die Familie einsetzt. Selbst der Bruder, welcher zwar einige Probleme in der Vergangenheit hatte, ist eine kreative Person, wobei er mit seinem Laissez-faire Lebensstil die Klientin eigentlich neidisch machen kann. Besonders Vater und Ex-Freund sind schillernde Personen, bei welchen es in Ordnung ist, in deren Schatten zu stehen und sich zugleich fest an diese zu binden – Menschen, die so schillernd sind, dass sie einfach berauschen. 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 48 Luftschlösser bauen Auch konstruiert die Klientin regelrechte Luftschlösser im Alltag. Sie beschreibt, wie sie mit ihrem Ex-Freund immer wieder diese baut. In den Luftschlössern wird sich eine heile und schöne Zukunft vorgestellt, welche zugleich unverbindlich durchgespielt werden kann. Diese träumerischen Welten sind wie eine Blase, in der alles, was möglich wäre, festgehalten werden kann, ohne dass etwas in die Tat umgesetzt werden muss. Schließlich schildert die Klientin auch, dass diese Luftschlösser eigentlich gar nichts mit ihrer Realität zu tun haben. Statt sich auszuprobieren, wird nur davon geträumt. Aber auch ihr Familienleben wird in ein Luftschloss verpackt. Die Familie wird ständig als ein Idyll voller Liebe und Innigkeit dargestellt. Die Eltern werden als das perfekte Paar inszeniert, welches unglaublich gut miteinander harmoniert und eine unglaubliche Tiefgründigkeit aufweist. Beide wollen das Gleiche vom Leben und umsorgen die Kinder. Selbst als der Bruder sein Abitur nicht schaffte, alle Freunde verlor und in eine Isolation geriet, nahmen Vater und Mutter ihn auf, um dem Jungen zu helfen. Oder als die Klientin eine schlechte Note bekam, war ihr Vater sofort zur Stelle und schaffte es, ihr Sicherheit und Halt zu geben. Die Familie wird als ein himmlischer Ort präsentiert, welcher so gut und schön ist, dass die Klientin nicht aus diesem heraustreten möchte. Es ist fast schon der Himmel auf Erden. Dennoch zeigt das familiäre Luftschloss innerhalb der Beratungsgespräche nach einer Weile Risse, wodurch das Luftschloss als solches enttarnt wird. Der Einzug des Bruders löst bei Vater und Mutter viel Streit aus, so dass die Klientin insgeheim fürchtet, dass es ihren Eltern eigentlich nicht so gut geht. Oder als die Studentin ihre Bachelorthesis bei den Eltern 6.2 Methodisch werden 49 schrieb, wurde sie für Mutter und Vater dermaßen anstrengend, dass diese sie hinauswerfen wollten. Zuschiebung Zugleich wälzt die Klientin ihre Situation auf die eigenen Eltern ab und gibt ihnen Schuld an ihrer Misere mit dem Ex- Freund. Die Studentin wirft ihnen sogar in einer Sitzung explizit vor, dass sie nicht zur Selbstständigkeit erzogen wurde. Vater und Mutter werden als ein ideales Paar dargestellt, das ihr ein ganzes Leben lang gemeinsame Harmonie vorgelebt hat, welche die Klientin nun auch selber haben will. Die Studentin beschreibt, wie sie nicht alleine sein kann, weil ihre Eltern immer das perfekte und beeindruckende Pärchen waren. Ein Leben ohne solch eine tiefe Innigkeit kennt sie gar nicht. Auch wurde sie ihren Schilderungen nach immer von den Eltern umsorgt, so dass sie sich nicht alleine entwickeln konnte und im Familienkreis festgehalten wurde. Die Fehler werden woanders gesucht, aber nicht bei sich selbst. Es sind diesen Erzählungen nach insgeheim die Eltern, welche die Klientin im familiären Hafen halten. Eine Zuschiebung findet sich auch bei der Klientin, als es um die guten akademischen Leistungen und die Ansprüche geht, welche sie an sich stellt. Diese kommen schließlich auch vom Vater. Er erwartet immer sehr gute Leistungen und sie kennt daher auch nichts anderes. Aber eben dies leitet auf eine weitere Methode ihrerseits über. Fleißiges Studententum Ihre Ordentlichkeit sowie Strebsamkeit mit guten Noten ist eine weitere Strategie, um im familiären Nest zu bleiben. Die 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 50 Klientin beschreibt sich als eine gute Studentin, welcher meist alles leicht von der Hand geht. Sie muss sich generell im Studium weniger anstrengen als andere. Dabei möchte sie immer das Beste aus sich rausholen und glänzen. Die Klientin prahlt eigentlich auch nicht mit den Leistungen. Allerdings berichtet sie ihren Eltern von den akademischen Erfolgen. Die Klientin möchte ihrer Mutter und insbesondere ihrem Vater zeigen, welch gutes Kind sie doch ist. Das wird auch in ihrer ständigen Angst vor der Enttäuschung ihrer Eltern sichtbar – besonders, wenn die Noten mal nicht so gut sind. Denn wenn die Eltern stolz sind, ist wohl auch der Platz in dem heimeligen Familiennest gesichert. Die Studentin will von den Eltern geliebt werden und dass diese von ihr beeindruckt sind, um nicht Gefahr zu laufen, dass Mama und Papa sie im schlimmsten Fall verstoßen oder nicht mehr festhalten wollen. Die Klientin will den Eltern gefallen und eine vorbildliche Tochter im Familiennest sein. Bissigkeit Eine letzte Strategie der Klientin ist ihre Bissigkeit im Alltag. Dies wird an mehreren Beispielen deutlich: einerseits in ihrer Abneigung gegenüber freundschaftlichen Umarmungen sowie dem häufigen Abwerten der Freundinnen, andererseits an ihrem Verhalten, welches die Klientin zeigte, als sie eine andere Liebschaft ihres Ex-Freundes im Club traf. Die Klientin spürt häufig eine innere Gereiztheit, wenn jemand sie umarmen möchte, der weder ihr Ex-Freund ist noch zur Familie gehört. Auch wertet sie insbesondere zwei ihrer Freundinnen ab und äußert innerhalb einer Beratungssitzung sogar, dass sie diese auch insgeheim verachtet. Die Studentin beschreibt in den Sitzungen, wie die Innigkeit mit Ex 6.2 Methodisch werden 51 oder Familie nicht mit anderen zu erreichen wäre, und vermeidet dadurch eigentlich eine Innigkeit mit neuen Leuten. Die Verachtung gegenüber den zwei Freundinnen schützt davor, sich auf diese einzulassen oder eine körperliche Nähe außerhalb von Ex und Familie mittels Umarmung zu erfahren. Auch als die Klientin eine andere Liebschaft von ihrem Ex- Freund per Zufall im Club trifft, zeigt sie ihr die kalte Schulter, obwohl sich die andere mit ihr unterhalten möchte. Schließlich erzählt sie ihrem Ex-Freund dann zusätzlich noch, dass die andere Liebschaft eine ätzende Person sei. Die Studentin markiert durch diese Bissigkeit ihr Territorium und versucht den Ex für sich zu erhalten, damit die Spielchen und Verstrickungen, welche sie mit ihm praktiziert, auch weiter vollzogen werden können. Ins Bild rücken Nachdem nun die unterschiedlichen Strategien der Klientin dargelegt sind, findet der Film innerhalb der dritten Version Anwendung. Allerdings gilt es vor der eigentlichen Filmauswahl die Konstruktion der Klientin zu verstehen und deutlich hervorzuheben. Konstruktion Es zeigt sich bei der Klientin ein klares Verkehrt-Halten, also ein grundlegendes und belastendes repetitives Muster im Erleben und Verhalten, welches sich besonders gut an ihren Erzählungen aus der Kindheit festmachen lässt. Innerhalb der zweiten Beratungshälfte berichtet die Studentin aus früheren Erleb- 6.3 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 52 nissen, als der Vater weg war und sie und ihr Bruder Fieberkrämpfe hatten. An ihre eigenen Fieberkrämpfe kann sich die Klientin nicht erinnern und kennt diese nur aus Erzählungen. Aber als ihre jüngerer Bruder als Baby das Gleiche erlitt, war die Klientin als ca. fünfjähriges Mädchen dabei und konnte die Panik ihrer Mutter miterleben, während sie selber kaum etwas ausrichten konnte. Es war eine schreckliche Situation und die Klientin beschreibt, dass sie in diesem Moment alles in Zeitlupe erlebte. Das Ganze passierte, während ihr Vater, wie so häufig auf Geschäftsreise war. Auch als ihre Eltern ohne sie in den Urlaub fuhren und sie als kleines Mädchen in der Obhut der Oma lie- ßen, bekam sie gleich Gürtelrose. Gerade als der Vater oder auch die Mutter weg waren, passierten Unglück sowie Krankheit. Die Klientin fürchtet, wenn die Enge innerhalb der Familie nicht mehr da ist oder sie sich aus dem familiären Nest lösen würde, dass dann die Hölle ausbricht und alles schiefgeht. Diese Verkehrungskonstruktion verhindert die Selbstständigkeit der Klientin. Sie traut sich nicht aus dem Familiennest heraus und hält an diesem fest, da sonst Schreckliches befürchtet wird. Allerdings demonstriert die Studentin zugleich auch ein erwachsenes sowie selbstständiges Leben und arrangiert sich ihre Umwelt stetig mit ihrem Lebensmuster. Ihr Studium mit den guten Leistungen inszeniert eine Selbstständigkeit, wobei sie sich insgeheim immer wieder zu Mama und Papa flüchtet. Auch der Ex-Freund, welcher ihr bereits zu Anfang der Beziehung fremdging, erfüllt seinen Zweck in der Konstruktion. Über die ständigen Streitereien, Spielchen sowie Verstrickungen mit ihm lässt sich die Dramatik eines erwachsenen Lebens darstellen, ohne sich dabei wirklich aus dem Familiennest zu lösen. Ihr Ex wurde mehr oder weniger von der Mutter in die Familie gebracht, als sie ihn betrunken an einer Bushaltestelle 6.3 Ins Bild rücken 53 aufsammelte. Er übernachtete dann häufig bei ihr und wurde sozusagen ein Teil der Familie. Der Ex bildet das Zwischenstück, über welches die Klientin das familiäre Nest nicht verlassen muss und zugleich eine vermeintliche Selbstständigkeit sowie ein von der Familie gelöstes Leben demonstrieren kann. Gerade deshalb versucht die Klientin den Ex innerhalb der Familie zu erhalten, indem sie mit den eigenen Eltern über ihn spricht, obwohl Mama und Papa nichts mehr von ihm wissen wollen. Dornröschen als Bild Wie bereits zu Anfang dargelegt, entziehen sich Spielfilme psychologisch gesehen einer einfachen Kategorisierung als simples Medium zur Bespaßung der Massen. Spielfilme handeln seelische Grundprobleme aus. Auch liegen Filmen Märchen als kultivierte Muster zugrunde. Demnach heißt es nun, das passende Märchen zu finden, so dass die alltäglichen seelischen Produktionen bzw. die Erlebensund Verhaltensmuster der Klientin in einem Bild Fassung erfahren. Dieser Zwischenschritt ist notwendig, da sonst der Beratungsprozess Gefahr läuft, einen falschen Film auszuwählen, wodurch der weitere Fortschritt gehemmt werden könnte. Film und Lebenskonstruktion müssen daher eine Passgenauigkeit aufweisen, welche über das Märchen hergestellt werden kann. Dabei lässt sich das Märchen Dornröschen als Bild für den Fall herausstellen Das Märchen von Dornröschen zentriert sich um das Problem, dass das Leben durch Vorherbestimmung determiniert ist, aber zugleich auch ein freier Spielraum verspürt wird. Was bestimmt ist und was selber verrichtet werden kann, wird durch Herstellung, Zerstörung und Anrichten erfahren. Aber 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 54 eben dies kann sich zu einem Zwang zuspitzen, in welchem die determinierenden Mächte des Lebens herausgefordert werden (W. Salber, 1999). Solch ein Muster zeigt sich bei der Klientin. Sie versucht das Schicksal zu ändern und gerät dadurch in einen gelähmten Zustand – wie Dornröschen selbst. Statt sich zu entwickeln und sich in Selbstständigkeit auszuprobieren, baut sie einen Wall aus Dornen um sich, welcher besonders deutlich in ihrer häufig bissigen Art zum Vorschein kommt. Ihr durch eine Mauer aus Dornen geschütztes Familiennest lässt die Zeit stillstehen. Immer wieder klagt die Klientin innerhalb der Sitzungen, dass sie sich wie ein Kind fühlt. Wegen der Lähmung verlangt sie, dass jemand anderes durch die Dornen in ihr erhabenes Traumschloss vordringt, sie befreit und erobert. An der ganzen inszenierten Dramatik mit ihrem Ex täuscht sie zugleich ein erwachsenes und selbstständiges Leben vor. Er läuft immer gegen ihre dornige und bissige Seite, wodurch sich die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenenlebens darstellen lassen, ohne dass sich tatsächlich etwas verändert. Denn für eine echte Entwicklung müsste sich der Dornenvorhang lösen. Eine richtige Beziehung bedeutet schließlich, sich aus seinem gemachten Nest herauszutrauen. Filmauswahl Jetzt heißt es, den passenden Film für die Beratung auszuwählen. Dabei gibt es zwei analysierte Filme, bei welchen das Dornröschen-Märchen herausgestellt werden konnte. Einerseits Minority Report (USA, 2002) und andererseits American Beauty. Beide Filme realisieren die Grunderfahrung des Spannungsverhältnisses zwischen Determination im Sinne eines Bestimmt-Seins und Freiheit als Eigengestaltung (Dahl, 2004). 6.3 Ins Bild rücken 55 Beide Filme passen vom Märchen her. Allerdings fällt die Wahl auf American Beauty, da dieser von der Inszenierung her offensichtlicher zur Situation der Klientin passt und sich beim konkreten Beratungsprozess leichter Beziehungen zwischen Fall und Film herstellen lassen. Minority Report spielt in der Zukunft und hat einen hohen Action-Gehalt, was durchaus mit der bissigen Seite der Klientin einhergeht. American Beauty dreht sich dagegen um ein gekünsteltes Familien-Idyll in einer scheinbar harmlosen Vorstadt. In dieser Vorstadt spitzen sich dabei die Gegebenheiten immer weiter zu. Der Film ergibt demnach bezogen auf den Fall eine bessere Versinnbildlichung. Es wird nun im Folgenden deutlich, wie die Konstruktion als funktionaler Zusammenhang die gelebten sowie vermiedenen Bilder in ihrem Zusammenwirken und Ausagieren orchestriert, während das Filmerleben eben dieses Muster aufgreift. Film und Fall Das Haupt-Bild der Klientin im Sinne eines gelebten Lebens- Bildes ihrerseits, also ihre Ordentlichkeit, das gute Studium, der regelmäßige Kontakt zu den Eltern, das Schlafen im Bettchen von Mama und Papa, aber auch die ständigen Verstrickungen mit dem Ex, werden im Film besonders an Lester und seiner Frau deutlich. Lesters Frau versucht eine künstliche Familien-Enge herzustellen, ist ebenso ordentlich gekleidet und lebt in einem sehr gepflegten Haus mit einem Garten voller schöner Rosen. Sie strebt Perfektion an und will ein Image voller Erfolg darstellen, während sie ihr ordentliches Leben beim Abendbrot mit Familie und kultivierter Musik im Hintergrund inszeniert. Dabei ist sie zugleich distanziert und kann in Wahrheit keine wirkliche Nähe zulassen. Als Lester und seine Frau für einen kurzen 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 56 Moment ihre alte Liebe verspüren, bricht die Frau diesen Moment ab, da sie fürchtet, ihr Mann könnte mit seinem Bier die tolle Luxus-Couch besudeln. Als Antwort auf diese Einengung und das festgefahrene Leben entwickelt Lester eine Obsession. Die blonde Klassenkameradin seiner Tochter hat es ihm angetan. Er bricht mit seinem alten Leben, indem er sich kündigen lässt und seinen ehemaligen Arbeitgeber erpresst. Lester nimmt daraufhin Drogen und fängt an zu trainieren. Er träumt von der Klassenkameradin und richtet sein gesamtes Leben auf sie aus. Auch die Klientin inszeniert über das Festhängen am Ex-Freund einen vermeintlichen Ausweg aus dem Familiennest. Aber diese Besessenheit führt bei ihr wie bei Lester wieder in eine Enge zurück. Schließlich ist das Festhalten am Ex seitens der Klientin nur eine Demonstration der Selbstständigkeit und keine richtige Lösung. Das Gegen-Bild als das Bild, was weggedrängt und vermieden werden soll, ist die Selbstständigkeit und Autonomie. Es entsteht ein Kreislauf zwischen Familien-Enge und Festhalten am Ex, welche eine Freiheit zum Ausprobieren sowie Entwickeln der Selbstständigkeit verhindert. Die Klientin fürchtet, dass dann, wenn sie eben diesen Schritt aus ihrem Nest riskiert, die Hölle wie im Film losbricht. In American Beauty spitzen sich die Verhältnisse immer weiter zu. Es wird gestritten, Sachen werden kaputt gemacht, Misstrauen und Hass entstehen. Aber diese bilden sich eben hervor, weil gerade der Kreislauf von insbesondere Lester und seiner Frau zu Anfang nicht durchbrochen wird. Allerdings bietet der Film auch ein Neben-Bild im Sinne eines Ausweges aus Obsession und Enge, welches fast beiläufig im Film mitschwingt und aus dem festgefahrenen Haupt-Bild retten kann. Dies wird in der Szene versinnbildlicht, als der Nachbarssohn und Lesters Tochter gemeinsam ein Video von einer im Wind spielerisch schwebenden Tüte sehen. In diesem 6.3 Ins Bild rücken 57 scheinbar banalen Moment erfahren beide wahre Nähe ohne ein künstliches Klammern oder Kämpfen. Schließlich leiden die zwei Jugendlichen auch unter den vorherrschenden Sachverhalten. Lesters Tochter unter ihren Familienverhältnissen und der Nachbarssohn unter dem Regime seines militanten Vaters. Dabei ist es der Nachbarssohn, welcher sich den ganzen Film über wie die Tüte spielerisch mit der Situation mitbewegt. Er erhält dadurch wahre Kontrolle und lässt sich nicht in den Strudel von Enge und Besessenheit hineinziehen. Es sind am Ende auch die zwei, welche sich vollständig aus dem Kreislauf lösen können und planen wegzugehen, wobei auch Lester zu guter Letzt das Prinzip der schwebenden Plastiktüte anwendet. Als er die blonde Klassenkameradin schließlich haben kann, gibt er seiner Obsession nicht nach. Er schafft die Kurve und lässt die Gelegenheit wie die Tüte vorbeiziehen. Er bewegt sich einfach mit, und obwohl er wegen eines Missverständnisses vom Nachbarn erschossen wird, geht er als erfüllter Mann. Lester hat damit den befreienden Aufbruch gewagt. Konkreter Filmeinsatz Der Film wird gemeinsam mit der Klientin in der achten Sitzung geschaut und unmittelbar besprochen. Dadurch kann das noch frische Erleben erfasst werden. Obwohl die Klientin diesen Film bereits aus Schulzeiten kennt, hatte sie ihn wesentlich tragischer in Erinnerung. Vor allem dachte sie, dass das Objekt von Lesters Begierde, also die blonde Klassenkameradin eigentlich mehr Platz im Film einnehmen würde. Es verwundert sie regelrecht, dass dem so nicht ist. Die Klientin führt daraufhin direkt Zusammenhänge von ihrem Leben zum Film auf. Sie stellt automatisch Bezüge zum Haupt- sowie Nebenbild her und nähert sich dabei selbstständig diesen an. Die Klientin 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 58 beschreibt, wie sie durch Lesters Frau an sich selbst erinnert wird oder wie schön die Szene mit der Plastiktüte ist. Auch scheint Lester trotz Obsession etwas hinbekommen zu haben. Der Nachbarssohn, welcher die Plastiktüte filmte, wird von der Klientin dabei als eine selbstbewusste Person beschrieben, die eben dadurch fasziniert. Allerdings kippt im Laufe der Sitzung die Dynamik. Dies passiert, als die Szene besprochen wird, in welcher Lesters Frau zu ihrer Tochter sagt: „Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen.“ Die Mutter im Film spricht damit Selbstständigkeit und Eigenverantwortung direkt an. Daraufhin breiten sich sofort Panik und Angst bei der Klientin aus. Sie versucht wieder in ihre vorherrschenden Muster zurückzufinden, indem sie meint, dass an Familie und Ex festgehalten werden muss, da sonst ein schreckliches Leben bevorsteht. Ein Leben, welches „einsam“ oder die „Hölle“ ist. Die gekippte Dynamik lässt sich allerdings wieder drehen, und anhand des Filmes können bereits erste Ansatzpunkte für neue Perspektiven innerhalb einer Sitzung geschaffen werden. Dies wird bei der Klientin besonders über Lesters Tochter und den Nachbarssohn möglich. Die Studentin schildert, wie sich die zwei Jugendlichen in dem Chaos doch irgendwie gefunden haben, und sie vermutet, dass deren geplante Reise in eine andere Stadt auch vielleicht etwas Gutes hat. Oder dass auch durch Lesters Tod die Ehefrau dennoch eine Nähe zu ihm wiederfinden kann. Gerade über den Film als Medium der Beratung können innerhalb des Gesprächs festgefahrene Ansichten sowie Muster vorsichtig hinterfragt und gedreht werden. Der Film wird zu einem Vehikel, durch welches die alltäglichen Produktionen der Klientin ihr selbst langsam zugänglich gemacht werden. Gerade als von Lesters Frau das Thema Selbstständigkeit angesprochen wird, breitet sich bei der Klientin eine Panik aus, welche anhand einzelner Szenen, also dem jungen Pärchen oder 6.3 Ins Bild rücken 59 selbst Lesters Tod, vorsichtig hinterfragt werden kann. Das was der jungen Studentin eigentlich Angst macht, wird gedreht und ein möglicher Gegenzug aufgezeigt. Die von Lesters Frau angesprochene sowie für die Klientin beängstigende Selbstständigkeit kann besonders gut durch das Verhältnis zwischen Nachbarssohn und Lesters Tochter aufgegriffen werden. Was insgeheim der Klientin Angst macht, ist im Film die Lösung aus der verkappten Situation für das junge Pärchen. Im Rahmen der neunten Sitzung können dann schließlich Haupt-, Neben- und Gegen-Bild sowie deren Zusammenspiel mittels Film veranschaulicht werden. American Beauty bildet dabei den Ausgangspunkt, über welchen sich die Konstruktion der Studentin treffend vermitteln lässt. Zunächst erscheint sie recht geläutert und sehr ruhig in der Sitzung. Sie beschreibt, wie sie generell im Alltag häufig Sachen dramatisiert und es auch gerne damit übertreibt. Sie schildert weiter, dass die Charaktere im Film, insbesondere der Nachbarssohn und Lesters Tochter, einen „Ausbruch“ gewagt haben. Als dies weiter ausgeführt wird, meint die Studentin, dass sie eigentlich selber ausbrechen möchte. Am liebsten sogar gleich die Sachen packen und Neues erleben. Die Klientin beschreibt daraufhin, dass sie Lester und seine Frau in sich vereint und beide zugleich in ihr wirksam sind. Die Ordentlichkeit und das scheinbar perfekte Familienidyll, welches von Lesters Frau konstruiert wird, aber auch Lesters Besessenheit, welche insgeheim auch anderes wegstößt, werden innerhalb der Sitzung genauer hervorgehoben, ausgearbeitet und besprochen. Dabei wird auch herausgestellt, dass weder Lester noch seine Frau autonom, frei oder wirklich selbstständig sind. Beide sind fast den gesamten Film über in diesen Mustern gefangen, während sich die Lage immer weiter zuspitzt. Auch die Klientin hängt in ihrem Muster fest: Sie steckt im vermeintlich perfekten Familiennest und inszeniert 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 60 stattdessen die Irrungen und Wirrungen eines erwachsenen Lebens mittels ihres Ex. Dem folgend, wird schließlich die Angst vor der Selbstständigkeit bei der Klientin aufgezeigt und als eigentliches Problem klar formuliert. Die erste Hälfte der neunten Sitzung konzentriert sich demnach auf die Ausarbeitung der Verhältnisse im Film, in welchen insbesondere Lester und seine Frau sowie deren mangelnde Freiheit zu verorten sind. Anschließend lässt sich das wirkliche Leid der Klientin mittels American Beauty aufzeigen. In der zweiten Hälfte der neunten Sitzung wird dagegen das Neben-Bild der Plastiktüte weiter hervorgehoben. Die Studentin beschreibt, wie sehr sie jetzt doch das junge Pärchen im Film sympathisch findet und dass sie gerne so wäre wie die zwei. Beide planen schließlich, sich aus der Vorstadt und dem Leben dort zu lösen. Die Klientin bezieht das nun auf ihre eigene Person und schildert, wie sehr sie sich davor fürchtet, ihr eigenes Familiennest zu verlassen. Es wird daraufhin die Szene, in welcher das junge Pärchen die Plastiktüte auf Video sieht, in den Fokus gerückt und ausgearbeitet, dass die beiden genau in diesem Moment wirkliche Nähe teilen. Der Nachbarssohn und Lesters Tochter klammern und streiten nicht. Wie die Tüte selbst bewegen sie sich gemeinsam. Insbesondere der Nachbarssohn kämpft nicht gegen die blonde Klassenkameradin und nähert sich spielerisch Lesters Tochter an. Auch kämpft er nicht verbissen gegen seinen Vater, sondern bewegt sich – wie die Tüte – einfach mit der Situation mit. Gerade deshalb schafft er es, seinen Vater auszutricksen und insgeheim die Oberhand zu behalten. Selbst Lester löst sich aus seiner Obsession und lässt diese, wie die Tüte, einfach vorbeiziehen und erreicht dadurch Frieden. Daraufhin meint die Klientin, dass sich auch ihr Bruder erst vor kurzem einfach mit der Situation mitbewegt hat. Anstatt es sich im Elternhaus bequem zu machen, ging er in einen Handwerksbetrieb und bat um 6.3 Ins Bild rücken 61 eine Ausbildungsstelle, welche er sofort bekam. Abschließend wird in der Sitzung festgehalten, dass es nun gilt, das Prinzip der Plastiktüte auf das Leben der Klientin zu beziehen und neue Strategien zur Selbstständigkeit zu finden. In der zweiten Hälfte der neunten Sitzung wird demnach das Neben-Bild in Form der Plastiktüte anhand verschiedenster Filmszenen ausgearbeitet sowie auf den Film selbst bezogen und als Lösung aus Enge sowie Besessenheit herausgestellt. Das befreiende Neben-Bild ist als solches klar im Gesamtzusammenhang zu erkennen. Damit ist schließlich auch der Rahmen für die letzte Sitzung sowie neue Strategien aufgespannt. Bewerkstelligen Der Film wird innerhalb der letzten Sitzung immer wieder auf den Alltag der Klientin bezogen und durchgespielt, während das Prinzip der Plastiktüte als Ausweg fungiert. Auch lassen sich ihre ersten Erfahrungen seit der letzten Sitzung, wie beispielsweise, als sie sich innerlich an ihren Kommilitonen störte, genauer hervorheben, besprechen und prägnant an den Verhältnissen im Film darlegen. Innerhalb des Gespräches wird nämlich deutlich, dass die Klientin während der Beratung einen ersten kleinen Ruck erfahren hat. Der Kontakt zum Ex hat sich minimiert und selbst die Mutter wurde an einem Tag mal nicht angerufen, nachdem der Film geschaut wurde. Auch hat sie bereits das Neben-Bild der schwebenden Tüte für sich in einer Situation mit Erfolg eingesetzt. Die Klientin schildert, wie sie mit mehreren Kommilitonen in Konkurrenz steht. Allerdings war ihr Kopf nach der letzten Sitzung frei und sie fühlte sich wie die Tüte selbst. Die Klientin war nur „für sich“. Daher bemerkte sie ihre innere Gereiztheit und wie ihr Kiefer deshalb direkt 6.4 6. Der Fall aus einer methodischen Perspektive 62 anspannte. Statt sich aber gedanklich in den Konkurrenzkampf mit den anderen hineinzusteigern, ließ die Studentin die Situation vorbeiziehen. Darüber lässt sich innerhalb des Gesprächs eine Analogie zum Film herstellen: Der Nachbarssohn hatte es auch nicht nötig, sich mit der blonden Klassenkameradin anzufeinden. Es wird daraufhin noch einmal hervorgehoben, wie der Junge das Prinzip der Plastiktüte vollführt und erst dadurch wahre Nähe mit Lesters Tochter sowie Unabhängigkeit findet. Es wird der Teufelskreis aus Enge und Obsession durchbrochen. Im Rahmen der Sitzung werden darüber hinaus weitere Alltags-Situationen besprochen, in welchen sich das Prinzip der Plastiktüte für die Klientin einsetzen lässt und wo sich ihre altbekannten Muster zeigen. Beispielsweise schwebt ihr ein Urlaub nach Abgabe der Masterthesis vor. Sie beschreibt, wie sehr sie gerne ihren Ex oder die Eltern mitnehmen möchte. Doch auch hier lässt sich innerhalb der Sitzung eine Beziehung zum Film herstellen. Denn wenn die Klientin gerade jemanden aus der Familie oder ihren Ex mitnähme, geriete sie wieder in ihr familiäres Nest, also in die Verhältnisse zwischen Lester und seiner Frau. Stattdessen zeigt das Prinzip der Plastiktüte auf, wie etwas ohne Festhalten und Klammern erreicht werden kann und dass dies eben nicht schadet oder zu Chaos führt. Hierbei werden Lester, der seine Obsession ziehen lässt, oder auch das junge Pärchen, welches Selbstständigkeit und wahre Nähe ohne ein Klammern erfährt, zur Verdeutlichung eingesetzt. 6.4 Bewerkstelligen 63

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Zusammenfassung

Aus tiefen- und kulturpsychologischer Sicht lässt sich der Spielfilm als ein Medium begreifen, das Grundkomplexe des alltäglichen Lebens behandelt. Ein guter Film bindet das Publikum in eine gestalthafte Gefühlsgeschichte ein und versinnbildlicht Motive, die einen jeden Menschen im Leben bewegen, aber auch herausfordern. Wird dieser Logik gefolgt, erscheint es sinnvoll und vielversprechend, gerade dieses Medium in der tiefenpsychologischen Beratung einzusetzen. Egal ob in Einzel-, Gruppen-, Familien- oder Organisationsberatung – Filmen wohnt ein Potenzial inne, das sich theoretisch und methodisch gesichert einsetzen lässt. Diesem Buch geht es darum, eine ausführliche Falldarstellung aus einer Einzelberatung zu präsentieren, die prototypisch den Einsatz von Spielfilmen veranschaulicht. Zuvor findet sich auch eine theoretische und methodische Einbettung, die deutlich macht, dass der Einsatz von Spielfilmen keineswegs abwegig ist. Der Film als Kultur-medium kann auch bei Beratungsanliegen dabei helfen, persönlichen Problemen und Konflikten Gestalt zu verleihen, diese durchzuspielen, einer Bearbeitung zugänglich zu machen und final einen Ausweg aus den destruktiven Mustern zu versinnbildlichen. Der Spielfilm ist kein Wundermittel, aber ein Medium, das beim richtigen Einsatz dabei hilft, seelische Blockaden aufzulösen und neue Entwicklungen anzustoßen.