4. Aufbau der Untersuchung in:

Alexander Mattisseck

Filme als Medien der psychologischen Beratung, page 21 - 24

Eine tiefenpsychologische Fallstudie

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4135-2, ISBN online: 978-3-8288-6990-5, https://doi.org/10.5771/9783828869905-21

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Aufbau der Untersuchung Jetzt gilt es zu klären, wie der Film in der psychologischen Beratung und insbesondere innerhalb Intensivberatung methodisch eingesetzt werden soll oder kann und es werden die Hintergründe zur Fallauswahl innerhalb dieser ausgewählten Studie dargelegt. Generell bieten sich allerdings zwei verschiedene Perspektiven an, wenn es heißt, Filme psychologisch einzusetzen. Ins Bild rücken durch Film Filme behandeln Grundprobleme und versinnlichen seelische Regungen sowie Motive. Es ergeben sich daraus zwei Möglichkeiten, den Film in den Prozess der psychologischen Beratung einzugliedern. Erstere wäre, Klienten oder Gruppen den Film zu Anfang zu zeigen, wodurch die wirksamen Motive und Komplexentwicklung von Beginn an eine gewisse Struktur vorgeben. Dies würde Sinn ergeben, wenn im Rahmen von Trainings, Team-Building-Maßnahmen oder Change-Management- Prozessen innerhalb von Organisationen oder Arbeitsgruppen gewisse Themenfelder gezielt angesprochen werden müssen. Die Entwicklung innerhalb eines Filmes könnte mit einer Gruppe ausgearbeitet und im weiteren Verlauf auf den konkreten Lebensalltag der Organisation oder des Teams oder auf den Einzelfall bezogen werden, sodass final neue Umgangsformen und Techniken entwickelt werden, welche im Endeffekt vom vorher formulierten Beratungsanliegen abhängen. Die mögli- 4. 4.1 21 chen Themenfelder sind vielfältig: Zusammenführung verschiedener Organisationen, Potenzialentwicklung, Sales-Trainings, Führung von Personal, Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit, Sensibilisierung im interkulturellen Kontext, Krisenmanagement etc. Solch ein Einsatz lohnt sich, wenn die Klientel ein konkretes Ziel verfolgt und der Rahmen für eine beispielsweise umfangreiche Organisationsanalyse fehlt. In diesem Sinne wäre der Film ein Medium für ein gezieltes Coaching sowie Training und könnte relativ kurzfristig eingesetzt werden. Bei umfangreichen Organisationsanalysen, welche zwar ein tieferes Verständnis offenbaren und auf deren Basis ebenso Beratungsanliegen durchgeführt werden können, ist der Zeit- und Kostenfaktor in der Praxis im Regelfall ein anderer. Eine andere Möglichkeit ist es, den Film erst mitten im Prozess einzusetzen. Spielfilme machen Verwandlungserfahrungen erfahrbar, während paradoxe unlösbare Problemkonstellation diese auslösen. Statt die Komplexentwicklung für ein gezieltes Themenfeld zu nutzen, könnte erst die Dynamik mit ihren Leiden sowie ihren Erlebens- und Verhaltensformen psychologisch beim Fall ausgearbeitet werden, damit fallspezifisch ein Film ausgewählt wird. Solch eine methodische Perspektive ist wesentlich offener und bezogen auf die Eigenheiten des jeweiligen Falls angepasster. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass Märchenund Mythenbilder als kultivierte Muster auch Filmen zugrunde liegen können. Filmerlebensprozesse vollziehen in fesselnder Weise Drehungen, die mit bestimmten seelischen Grundproblemen verbunden sind und in den Narrationen der Kulturgeschichte behandelt werden. Filme verdeutlichen verschiedene Bewältigungsformen des jeweils für dieses Bild typischen seelischen Dilemmas (Dahl, 2004). Es erscheint daher möglich und besonders sinnvoll im Setting der Analytischen Intensivberatung, den Film innerhalb der 4. Aufbau der Untersuchung 22 dritten Version einzusetzen, wenn es heißt, die Konstruktion des Falles in ein Bild zu fassen. Dabei gibt es mittlerweile genügend analysierte Filme, welche auf die Aushandlung seelischer Grundprobleme hin untersucht wurden, sodass je nach Beratungsfall der passende Film ausgewählt werden kann. Fallauswahl und zeitlicher Rahmen Die folgende Fallstudie konzentriert sich daher auf die offene Perspektive des Filmeinsatzes in der Beratung. Statt es gleich mit ganzen Gruppen oder Organisationen aufzunehmen, reicht es zunächst, sich mit einem Einzelfall zu beschäftigen, um die konkrete Arbeit mit dem Film darzulegen und zu verstehen. Alles andere ist zwar prinzipiell möglich, aber hier gilt es die Grundlagen des Films als Medium der psychologischen Beratung zu verstehen und prägnant darzulegen. Ausgehend von einer theoretischen Betrachtung ist es durchaus möglich, Filme in Beratungssettings einzugliedern. Praxis und Theorie sind allerdings zwei Seiten einer Medaille: Was theoretisch verstanden und hergeleitet wurde, muss einer praktischen Prüfung standhalten. Darüber hinaus reicht es wohl nur selten aus, sich mit Theorie zu begnügen, schließlich offenbart erst die konkrete Fallarbeit Feinheiten, Fallstricke und Nuancen. Damit nun nach der theoretischen Verortung herausgestellt werden kann, wie sich Filme innerhalb der Beratung einsetzen lassen, wird exemplarisch ein Einzelfall anhand des Konzeptes der Analytischen Intensivberatung mit einem Umfang von zehn Einzelsitzungen, welche zu Beginn der Beratung vereinbart wurden, präsentiert. Methodisch gesehen wurde in der dritten Version der Analytischen Intensivberatung ein bereits von qualifizierten Psychologen analysierter Film eingesetzt. Abschließend gilt es anhand der konkreten Untersuchung fest- 4.2 4.2 Fallauswahl und zeitlicher Rahmen 23 zuhalten, inwieweit der Spielfilm als Medium der Beratung wirklich geeignet ist und wie der eigentliche Einsatz von Filmen auszusehen hat. In dem nächsten Kapitel findet sich daher zunächst eine Fallbeschreibung, den Einzelsitzungen folgend. Dadurch kann sich ein Überblick über Verlauf und behandelte Themenfelder verschafft werden. Des Weiteren hilft solch eine Beschreibung, die Entwicklung innerhalb der Sitzungen zu fassen. Hierbei wird eine ausschließlich beschreibende Perspektive angenommen. Nach der generellen Fallbeschreibung wird der Fall im Versionengang der Analytischen Intensivberatung dargelegt. Dabei kann dann auch näher auf die konkrete methodische Arbeit mit dem Film innerhalb der Beratung eingegangen werden. Solch eine zergliedernde Perspektive hilft, den gesamten Prozess besser nachzuvollziehen, ohne dass Wesentliches im Wust von Analysen verloren geht. Dies bedeutet zugleich, dass ein Fall in seiner umfassenden Natur präsentiert wird und nicht gleich der Filmeinsatz als isolierte Einheit. Schließlich ist eine psychologische Beratung ein Prozess – wie das Filmerleben selbst. Zugleich ist die folgende Fallbeschreibung in gewisser Hinsicht auch eine künstliche Perspektive, da die Fallarbeit bereits von der ersten Sitzung an methodisch verläuft. Was vielleicht zu Anfang in der Beschreibung nicht verstanden wird, klärt sich dann später aus dem methodischen Blickwinkel heraus auf. Würde dagegen der Fall direkt aus der methodischen Perspektive präsentiert werden, könnte es recht schnell passieren, dass der Fall plötzlich nicht mehr in Gänze verstanden wird bzw. ein Überblick fehlt. 4. Aufbau der Untersuchung 24

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Zusammenfassung

Aus tiefen- und kulturpsychologischer Sicht lässt sich der Spielfilm als ein Medium begreifen, das Grundkomplexe des alltäglichen Lebens behandelt. Ein guter Film bindet das Publikum in eine gestalthafte Gefühlsgeschichte ein und versinnbildlicht Motive, die einen jeden Menschen im Leben bewegen, aber auch herausfordern. Wird dieser Logik gefolgt, erscheint es sinnvoll und vielversprechend, gerade dieses Medium in der tiefenpsychologischen Beratung einzusetzen. Egal ob in Einzel-, Gruppen-, Familien- oder Organisationsberatung – Filmen wohnt ein Potenzial inne, das sich theoretisch und methodisch gesichert einsetzen lässt. Diesem Buch geht es darum, eine ausführliche Falldarstellung aus einer Einzelberatung zu präsentieren, die prototypisch den Einsatz von Spielfilmen veranschaulicht. Zuvor findet sich auch eine theoretische und methodische Einbettung, die deutlich macht, dass der Einsatz von Spielfilmen keineswegs abwegig ist. Der Film als Kultur-medium kann auch bei Beratungsanliegen dabei helfen, persönlichen Problemen und Konflikten Gestalt zu verleihen, diese durchzuspielen, einer Bearbeitung zugänglich zu machen und final einen Ausweg aus den destruktiven Mustern zu versinnbildlichen. Der Spielfilm ist kein Wundermittel, aber ein Medium, das beim richtigen Einsatz dabei hilft, seelische Blockaden aufzulösen und neue Entwicklungen anzustoßen.