3. Analytische Intensivberatung in:

Alexander Mattisseck

Filme als Medien der psychologischen Beratung, page 15 - 20

Eine tiefenpsychologische Fallstudie

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4135-2, ISBN online: 978-3-8288-6990-5, https://doi.org/10.5771/9783828869905-15

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Analytische Intensivberatung Auch das Konzept der Analytischen Intensivberatung, welcher die psychologisch-morphologische Theorie zugrunde liegt, geht explizit von der Selbstbehandlung der Menschen im gelebten Alltag aus. Innerhalb der morphologischen Perspektive werden die seelischen Selbstbehandlungszüge der Gegenwartskultur genauer in den Fokus gerückt (Fitzek, 2005). Die Intensivberatung versteht daher Beratung, aber auch Behandlung als Weiterentwicklung einer blockierten oder gehemmten Selbstbehandlung (D. Salber, 2013). Seelische Strukturbildung wird dabei in der Analytischen Intensivberatung methodisch intensiviert, um so schließlich Veränderung der Ausgangslage zu bewirken (Kästl & Stemberger, 2005) Es geht hierbei nicht darum, wichtige Weisheiten oder Ratschläge zu vermitteln sowie irgendwelche Desensibilierungen und kathartische Effekte einzuleiten (Schmitz, 1984). Im Mittelpunkt steht in diesem Sinne nicht die Verlagerung von Symptomen oder störenden Erscheinungen, sondern das Verstehen und Neubewegen struktureller Probleme der Klienten, welche die Symptome und Konflikte letztendlich verursachten oder Entwicklungen verhindern (Ahren, 1984). Die Analytische Intensivberatung wurde von Wilhelm Salber (2001), W. Ernest Freud (1984) sowie weiteren Psychologen der Universität zu Köln entworfen und als tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie etabliert. Dieses Konzept ist eine Weiterentwicklung der Psychoanalyse nach Freud, welches sich in der perspektivischen Betrach- 3. 15 tung davon löst, dass Störungen und strukturelle Probleme des Seelischen ausschließlich anhand der sexuellen Entwicklung ausgewiesen werden (Schmitz, 1984). In der Regel sucht dieses Konzept innerhalb von 20 Beratungsstunden die strukturellen Schwierigkeiten zu analysieren und zu verstehen sowie eine Veränderung der belastenden Ausgangslage einzuleiten. Es gilt daher eine Umgestaltung der Lebensführung zu bewerkstelligen (Endres & W. Salber, 2001), wobei der zeitliche Rahmen je nach Fall durchaus variieren kann. In der Intensivberatung geht es weniger um umfangreiche Forschungsanalysen, welche auf die Erkundung grundlegender seelischer Zusammenhänge oder Strukturbildungen abzielen. Dieses Konzept zentriert sich folglich in der Fallarbeit um ein Grundproblem, während die Analyse auf ein verbindliches System eingegrenzt wird. Es gelten dabei die gleichen Grundregeln der klassischen Psychoanalyse, wie beispielsweise Enthaltsamkeit, Äußerung aller Einfälle etc. Die Intensivberatung führt in diesem Sinne keine neuen Techniken ein (Ahren, 1996). Gerade zu Beginn der Analyse hat der Analysand überwiegend das Wort, indem er Einfälle produziert und die eigene Lebenswirklichkeit darlegt (Schmitz, 1984), wobei das Konzept der Intensivberatung auch bei Gruppen wie Teams, Organisationen oder Familien eingesetzt werden kann. Statt sich auf einen Einzelfall zu konzentrieren, werden stattdessen die problematischen überindividuellen Muster und Strukturen angegangen (Melchers, 1984). Die Analytische Intensivberatung lässt sich allerdings nur dann einsetzen, wenn eine gewisse Beratungsbzw. Behandlungsfähigkeit und damit einhergehend eine Vertragsfähigkeit seitens der Klienten gegeben ist. Die Unfähigkeit, die Wirklichkeit anzunehmen oder in dem Prozess mitzuarbeiten, bildet ein wesentliches Ausschlusskriterium (Schmitz, 1984). Dieser Ansatz versteht sich dabei als ein kunstanaloges Prinzip zur Intensivierung der psychologischen Beratung und 3. Analytische Intensivberatung 16 Therapie. Kunstanalog bedeutet, dass Wirkungen, welche sich bei der Kunstrezeption äußern, absichtsvoll in Gang gebracht werden. Kunstwerke sind wie Filme kein einfaches Medium, welche eine Sukzession von Einzelerlebnissen bildet. Kunstwerke als ganzheitliche Gebilde versinnlichen und demonstrieren Zusammenhänge, brechen Muster auf, machen Übergange und paradoxe Sachverhalte erfahrbar. Kunst ist nicht nur eine einfache Analogie zur Eigenart des Seelischen, sondern zugleich auch gestalthafter Ausdruck dessen. Kunst kann in diesem Sinne seelische Konstruktionszüge aufzeigen (Ahren, 1996; W. Salber, 2001). Auch Filme enthalten Bilder sowie Geschichten zur Versinnlichung seelischer Regungen und behandeln paradoxe Grundprobleme. Das Konzept der Analytischen Intensivberatung bildet durch das kunstanaloge Prinzip damit einen passgerechten Rahmen, um Filme als Medium der Beratung einzubinden. Entwicklungsgang Im Verlauf der Intensivberatung wird ein Bild herausgehoben, welches die psychologische Konstruktion als funktionalen Zusammenhang des Falles überschaubar macht. Dieses Bild kann im Prinzip als Zusammenfassung der analytischen Arbeit betrachtet werden (Ahren, 1984; D. Salber, 2013). Das Vorgehen gliedert sich dabei in vier Versionen, in welchen ein Bild herausmodelliert und entwickelt wird, wobei der Psychologe ebenso anhand dieses Entwicklungsgangs den Fortschritt des Falles überprüft. Der Übergang der Versionen in der Fallarbeit ist dabei fließend und keineswegs strikt reglementiert. Es geht um fallspezifische Arbeit und Entwicklung, welche sich einfachen Standardisierungen entzieht. 3.1 3.1 Entwicklungsgang 17 1. Leiden-Können und Nicht-Leiden-Können: In den Entwicklungen eines Lebens zeigt sich, welche Formen des Leidens verarbeitet oder immer wieder wiederholt werden. Auch wird herausgearbeitet, welche Leiden unerträglich sind und welche Entwicklung als so bedrohlich erscheinen, dass diese ausgesperrt werden (D. Salber, 2013). 2. Methodisch werden: Innerhalb der zweiten Version werden immer wiederkehrende Methoden oder Strategien heraus gearbeitet, in denen das Leben bewältigt wird. Es gilt herauszustellen, inwieweit das untragbar erscheinende Leiden von Entwicklung immer wieder umgangen und auf übliche Handlungsmuster zurückgebracht wird (ebd.). 3. Ins Bild rücken: Diese Version zeichnet sich dadurch aus, dass es darum geht, dem Betroffenen die eigene Lebenskonstruktion als funktionalen Zusammenhang des Erlebens und Verhaltens sowie ihre entscheidenden Drehpunkte anschaulich zu machen. Die Konstruktion soll erlebbar gemacht werden, so dass sich zugleich auch Möglichkeiten der Weiterentwicklung aufzeigen. Hierfür bieten sich Mythen und Märchen an, da in diesen die Kultur Bilder bereitstellt, in denen elementare seelische Konstellationen veranschaulicht und in Geschichten gefasst werden (ebd.; Dahl, 2004). Diese sind ein überschaubares Ganzes, welches in sich verschiedene Zusammenhänge, komplexe Züge und Paradoxien vereint (L. Salber, 1984). Die Wendungen, die uns im Alltag treffen, sind strukturell die gleichen wie die, die in den Narrationen der Kulturgeschichte gefasst sind. (Endres & W. Salber, 2001). Es sind allgemein menschliche Erfahrungen, die jedes Individuum und jede Kultur teilt. Von der Geburt bis zum Tod, von Liebe bis zu Angst – in solchen fundamentalen Lebensereignissen wirken allgemein 3. Analytische Intensivberatung 18 gültige seelische Grundzüge und Konflikte (Becker, 2016). Durch Mythen und Märchen wird daher den Klienten der psychologischen Beratung eine Art Kompass oder transportables Bild an die Hand gegeben (Ahren, 1998; D. Salber, 2013). Es geht folglich nicht darum, in einen Mythos bzw. in ein Märchen eine Personengeschichte oder feste Rollenzuweisungen hineinzudeuten (Endres & W. Salber, 2001), wie beispielsweise, dass die Hexe in Hänsel und Gretel immer die eigene Mutter ist. Des Weiteren werden solche Bilder nicht als Label verstanden, um irgendwelche Arten von Menschen zu verstehen oder zu katalogisieren. Die Narrationen der Kulturgeschichte schaffen es, komplexe Zusammenhänge und Einzelfälle in der Beratung zu fassen sowie verstehbar zu machen. Mythen und Märchen bilden damit den intensivierenden Faktor innerhalb dieses tiefenpsychologischen Konzepts, während in der konkreten Fallarbeit mit diesen ein Ruck vollzogen wird, welcher einen Umbruch der belastenden Ausgangslage schaffen soll. 4. Bewerkstelligen: Letztendlich werden aus dem Bild neue Möglichkeiten und Entwicklungschancen herausgearbeitet und schrittweise in der Beratung sowie im Alltag ausprobiert (D. Salber, 2013). Ein bereits etabliertes Konzept, welches zwar nicht mit Filmen, aber dafür ausdrücklich mit Kunstwerken arbeitet und dem ebenso die psychologisch-morphologische Theorie zugrunde liegt, ist das anfangs erwähnte Kunstcoaching. Die Rezeption von Kunstwerken wird hierbei zur Intensivierung der Selbsterfahrung genutzt und im Bereich des Coachings, der Behandlung, des Management-Trainings und in Change- Management-Prozessen eingesetzt. Kunst wird hierbei als Medium genutzt, um schwer zu verbalisierenden Inhalten zum Ausdruck zu verhelfen (Fitzek, 2015). Über die intensivierte Rezeption von Kunstwerken können schließlich seelische Pro- 3.1 Entwicklungsgang 19 blemkerne erfahrbar gemacht werden (Fitzek, 2013). Im Film werden zwar ebenso seelische Problemkerne behandelt, wobei der Unterschied zur Kunstrezeption darin besteht, dass Kunstwerke als Ganzes betrachtet werden bzw. der Aufbau mit einem Blick erfasst werden kann. Die figurale Dramaturgie der Filme dagegen entwickelt sich erst während der Abfolge der Bildersequenzen (Blothner, 1999). Kunstcoaching auf Basis der morphologischen Psychologie zeigt auf, dass Kunstrezeption der Beratung dienlich ist. Ähnlich zu diesem Ansatz heißt es nun Spielfilme als Medium in Beratungsprozesse einzubinden. 3. Analytische Intensivberatung 20

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Zusammenfassung

Aus tiefen- und kulturpsychologischer Sicht lässt sich der Spielfilm als ein Medium begreifen, das Grundkomplexe des alltäglichen Lebens behandelt. Ein guter Film bindet das Publikum in eine gestalthafte Gefühlsgeschichte ein und versinnbildlicht Motive, die einen jeden Menschen im Leben bewegen, aber auch herausfordern. Wird dieser Logik gefolgt, erscheint es sinnvoll und vielversprechend, gerade dieses Medium in der tiefenpsychologischen Beratung einzusetzen. Egal ob in Einzel-, Gruppen-, Familien- oder Organisationsberatung – Filmen wohnt ein Potenzial inne, das sich theoretisch und methodisch gesichert einsetzen lässt. Diesem Buch geht es darum, eine ausführliche Falldarstellung aus einer Einzelberatung zu präsentieren, die prototypisch den Einsatz von Spielfilmen veranschaulicht. Zuvor findet sich auch eine theoretische und methodische Einbettung, die deutlich macht, dass der Einsatz von Spielfilmen keineswegs abwegig ist. Der Film als Kultur-medium kann auch bei Beratungsanliegen dabei helfen, persönlichen Problemen und Konflikten Gestalt zu verleihen, diese durchzuspielen, einer Bearbeitung zugänglich zu machen und final einen Ausweg aus den destruktiven Mustern zu versinnbildlichen. Der Spielfilm ist kein Wundermittel, aber ein Medium, das beim richtigen Einsatz dabei hilft, seelische Blockaden aufzulösen und neue Entwicklungen anzustoßen.