4 Schlussbemerkungen in:

Matthias M. Göhner

Bail-in oder Bail-out?, page 73 - 74

Bankeninsolvenzen aus wirtschaftspolitischer Perspektive

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4112-3, ISBN online: 978-3-8288-6987-5, https://doi.org/10.5771/9783828869875-73

Series: Wirtschaftspolitische Forschungsarbeiten der Universität zu Köln, vol. 63

Tectum, Baden-Baden
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73 4 Schlussbemerkungen Im Rahmen dieser Forschungsarbeit wurde die ebenso aktuelle wie grundsätzlich relevante Frage des Umgangs mit Bankeninsolvenzen aus wirtschaftspolitischer Perspektive betrachtet. Dazu wurde zunächst aufgezeigt, dass Bankeninsolvenzen als wirtschaftspolitisches Problem betrachtet werden können, weil dadurch negative externe Effekte auf dem Bankenmarkt hervorgerufen werden können. Durch das mögliche Auftreten dieses Marktversagenstatbestandes kann ein Staatseingriff in diesem Fall grundsätzlich in Erwägung gezogen werden. Anschließend wurde unter Berücksichtigung möglicher Nebenwirkungen von Staatseingriffen zur Lösung des Externalitätenproblems ein Kriterienkatalog für den optimalen wirtschaftspolitischen Umgang mit Bankeninsolvenzen entwickelt. Anhand dieses Kriterienkatalogs wurden daraufhin verschiedene Politikinstrumente analysiert und eine bedingte Politikempfehlung abgeleitet. Zusammenfassend lässt sich aus den Erkenntnissen dieser Arbeit schlussfolgern, dass unter den hier in Erwägung gezogenen Politikinstrumenten lediglich beim Instrument der Abwicklungsordnung eine Pareto-Verbesserung in hinreichend plausibler Weise zu erwarten ist. Schließlich kann eine solche spezielle Insolvenzordnung für Banken die Verunsicherung der Marktteilnehmer infolge einer Bankeninsolvenz reduzieren und so dem Externalitätenproblem entgegenwirken. Zudem kann bei entsprechender Ausgestaltung der Abwicklungsordnung das Auftreten von unerwünschten Nebenwirkungen, wie zum Beispiel die Entstehung von Moral-Hazard-Problemen infolge von Bail-out-Maßnahmen, vermieden werden. Eine Abwicklungsordnung kann daher als ein Politikinstrument angesehen werden, welches ein Bail-in der direkten Stakeholder einer insolventen Bank ermöglicht und zugleich die volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Bankeninsolvenz abmildert. Diese Politikempfehlung ist jedoch mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Eine besondere Herausforderung bei der Erstellung der vorliegenden Forschungsarbeit stellte die Eingrenzung des Themas im Spannungsfeld zwischen Tiefe und Breite der Betrachtung dar. Einerseits existiert teilweise eine sehr umfangreiche theoretische und empirische Literatur zu Einzelaspekten dieser Arbeit, deren zentrale Erkenntnisse im Rahmen der vorliegenden Analyse berücksichtigt und zusammenfassend dargestellt werden mussten. Gleichzeitig war es ein zentrales Ziel dieser Arbeit, einen möglichst breiten Blick auf verschiedene Politikinstrumente und ihre Wirkungen zu bieten und so einen 74 Vergleich dieser Instrumente bei der Ableitung einer Politikempfehlung zu ermöglichen. Schließlich stehen die politischen Entscheidungsträger in der Praxis nicht nur vor der Frage, wie ein bestimmtes Politikinstrument auszugestalten ist, sondern müssen zunächst entscheiden, welche Instrumente überhaupt zu implementieren sind. Somit musste bei der hier vorliegenden Analyse stets ein Kompromiss zwischen der Breite der berücksichtigten Aspekte und der Tiefe der Darstellung dieser einzelnen Aspekte getroffen werden. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die hier abgeleitete Empfehlung ausschließlich auf den im Rahmen dieser Forschungsarbeit entwickelten Analysekriterien und den betrachteten Politikinstrumenten basiert. Potentielle Ansätze für weitere Forschung auf Grundlage dieser Arbeit sind somit insbesondere die Erweiterung des Kriterienkatalogs auf der einen Seite und die Betrachtung weiterer Politikinstrumente auf der anderen Seite. Einen weiteren möglichen Forschungsansatz, der an die Erkenntnisse dieser Arbeit anschließt, stellt die konkrete Ausgestaltung einer Abwicklungsordnung auf Grundlage der hier aufgestellten Kriterien dar. Ferner kann die Anwendung der abstrakten, theoretischen Erkenntnisse dieser Arbeit auf konkrete, in der Praxis implementierte Politikmaßnahmen – beispielsweise auf die Maßnahmen zum Umgang mit Bankeninsolvenzen im Rahmen der Europäischen Bankenunion – ein Ansatzpunkt für weitere Forschungsarbeiten sein. Dabei könnte zum Beispiel erforscht werden, inwieweit der regulatorische Status-quo vom theoretischen Optimalzustand abweicht und wie die bestehenden Gesetze verändert werden können, um sich letzterem anzunähern. Insgesamt wurde bei der Erstellung dieser Forschungsarbeit deutlich, dass das wirtschaftspolitische Problem von Bankeninsolvenzen und den daraus unter Umständen resultierenden negativen externen Effekten bisher nicht abschließend gelöst ist. Zwar ist es plausibel anzunehmen, dass eine sinnvoll ausgestaltete Abwicklungsordnung einen Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten kann, jedoch wäre es übermäßig optimistisch zu erwarten, dass durch dieses Instrument das wirtschaftspolitische Problem von Bankeninsolvenzen vollständig und ohne jegliche Nebenwirkungen beseitigt wird.

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Zusammenfassung

Eine der zentralen Kontroversen in der Finanzkrise 2007/08 drehte sich um die Frage, ob und wie insolvente Finanzinstitute durch staatliche Eingriffe gerettet werden sollten. Nachdem die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers weltweit Marktteilnehmer wie Politiker verunsichert hatte, sahen viele die Rettung insolvenzbedrohter Banken und ihrer Anleger als das geringere Übel gegenüber den unvorhersehbaren Folgen einer regulären Insolvenz an (Bail-out). Andere argumentierten vehement gegen diese Aussetzung des Haftungsprinzips und forderten, dass die Banken und ihre Gläubiger die Konsequenzen ihres Handelns selbst tragen müssten, statt die Verluste auf andere abzuwälzen (Bail-in). Schlussendlich wurden im Rahmen der Krise mehrere Bankeninsolvenzen durch staatliche Eingriffe abgewendet. Matthias M. Göhner betrachtet die Frage des Umgangs mit insolventen Banken als wirtschaftspolitisches Problem. Dabei beschreibt er mögliche ökonomische Auswirkungen von Bankeninsolvenzen und erläutert, warum diese einen staatlichen Eingriff in den Bankenmarkt rechtfertigen können. Anschließend definiert der Autor einen Kriterienkatalog zur Bewertung derartiger Staatseingriffe und vergleicht zuletzt verschiedene Politikinstrumente. Sein Ergebnis unterstreicht die wirtschaftspolitische Notwendigkeit funktionierender Bankenabwicklungsmechanismen, um die negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Bankeninsolvenzen möglichst gering zu halten.