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4. Aufbruch zur Emanzipation von der SED in:

Luise Güth

Die Blockparteien im SED-System der letzten DDR-Jahre, page 194 - 385

Wahrnehmung und Partizipation am Beispiel des Bezirks Rostock

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4143-7, ISBN online: 978-3-8288-6984-4, https://doi.org/10.5771/9783828869844-194

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
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4. Aufbruch zur Emanzipation von der SED Die beschriebenen externen und systemimmanenten Einflüsse auf die Herrschaftsakzeptanz fanden auch Niederschlag in einer Veränderung der Kommunikationsstrukturen der Parteien, einer unterschiedlich starken Nutzung der gegebenen Freiräume durch Kreis- und Bezirksfunktionäre, dem Umgang übergeordneter Instanzen mit abweichenden Meinungen, dem Engagement einzelner Akteursgruppen sowie der Mitgliederentwicklung. Gemeinsam beeinflussten diese Messgrößen den Grad der Kritik-Durchlässigkeit und bildeten damit die Grundlage für die Erneuerung der Parteien im Herbst 1989. Etwa ab Oktober 1989 differenzierten sich die zeitlichen Abläufe der Erneuerungs- und Umstrukturierungsprozesse innerhalb der Parteien. Die an den jeweiligen Entwicklungsphasen orientierten Gliederungspunkte decken daher zwangsläufig nicht die gleichen Zeiträume ab. Dieser Differenzierungsprozess setzte sich im Jahr 1990 fort. 4.1. Parteikommunikation: Indikator für parteiinterne Hierarchien und politische Kultur Sowohl die Berichterstattung der Kreis- und Bezirksverbände als auch die politische Anleitung durch die Parteiführungen stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels. Dass pluralistische Meinungen in den Blockparteien in unterschiedlichem Maße geäußert werden konnten, setzt differente Berichterstattungswesen und Diskussionskulturen voraus: Das Überbringen von unbequemen Wahrheiten und in Grenzen auch von abweichenden Meinungen wurde nicht in allen Parteien gleichermaßen akzeptiert. Um Rückschlüsse auf die Mentalitäten der Parteien ziehen zu können, werden die jeweiligen Kommunikationsstrukturen im Folgenden erläutert und inhaltliche und formale Auffälligkeiten aufgezeigt. Das Ziel ist es, Erklärungen für die unterschiedlich große Kritikdurchlässigkeit innerhalb der Parteien zu finden, die sich maßgeblich auf die Geschwindigkeit der Neuprofilierung der Blockparteien im Herbst 1989 auswirkte. Einen Großteil des Quellenmaterials der CDU(D) machten Informationsberichte aus. Diese schrieben die Sekretäre und Vorstände jedes Kreises monatlich an die übergeordnete Bezirksleitung. Ebenso berichtete die Bezirksleitung anhand der Informationen aus den Kreisen monatlich an den Hauptvorstand oder den Vorsitzenden Götting persönlich. Zusätzlich erstellten ausgewählte Kreise quartalsweise auch Direktinformationen, die unmittelbar an das Sekretariat des Hauptvorstandes gerichtet waren und durch die Abteilung Parteiorgane ausgewertet wurden. Durch diese Dopplung lässt sich zum einen gut ersehen, welche Informationen aus den Kreisen der Bezirk an den Hauptvorstand weitergab und andererseits kann man an anhand der Berichte der Kreise an den Bezirk und an den Hauptvorstand vergleichen, wo Unterschiede in Formulierungen und Darstellungen bestehen. Die inhaltliche Struktur der Informationsberichte wurde durch das Sekretariat des Hauptvorstandes nach Vorlage der Abteilung Parteiorgane vorgegeben und zielte bis Juli 1985 in seinen geschlossenen Formulierungen und der fragebogenartigen Anlage nur auf die Kontrolle der Umsetzung der Vorstandsvorgaben ab.1031 Wenn die Kreisfunktionäre diese Berichtsvorgaben unter dem Eindruck, dass keine weiteren Informationen erwünscht seien, einfach nur beantworteten, bestand bis zum Sommer 1985 kein Raum, in dem die Interessen, Sorgen, Meinungen und Ansichten der Mitglieder weitergegeben werden konnten: Eine inhaltliche Rückmeldung über die Zustände und Themen an der Basis war bis zum Sommer 1985 nicht vorgesehen. Der Berichterstattungsplan für das dritte Quartal 1985 jedoch fragte erstmals gezielt nach der „Meinungsbildung unserer Mitglieder (…) zu aktuell-politischen Geschehnissen“ und wollte wissen, welche Probleme im Bezirk bzw. im Kreis gegenwärtig eine Rolle spielen.1032 Unabhängig von den weiter oben getätigten Äußerungen über den systemstabilisierenden Nutzen dieser basisorientierten Berichterstattungsreform muss der ver- änderte Berichterstattungsplan bei den Funktionären und Mitgliedern den Eindruck erweckt haben, dass ihre Informationen und Ansichten von Belang sind und der Parteivorstand sich für die Meinung der Mitglieder interessiert bzw. einsetzen wird. Den Inhalt der reformierten und authentischeren Berichte machten nun hauptsächlich Meldungen über die Arbeit der Mitglieder vor Ort, das aktuelle Geschehen und Probleme aus den Kreisen, Stellungnahmen zu überregionalen Themen, die Veranstaltung von Schulungen und Studienzirkeln, die politische Arbeit, die Umsetzung der Vorgaben aus den 1031 Die Pläne für die Berichterstattung bestanden zum größten Teil aus folgenden stark normativen Formulierungen: „Wie zeigten die Mitglieder, dass sie den Zusammenhang zwischen A und B verstanden haben?“, „Wie setzten die Mitglieder die gegebenen Orientierungen um?“, „Welche Erkenntnisse konnten gefestigt werden?“ usw. Siehe: Plan der Berichterstattung für das II. Quartal 1985, Beschlussvorlage für die Sitzung des Sekretariats des Hauptvorstandes am 25.2.1985, ACDP 07-011-3082, S. 2. 1032 Plan der Berichterstattung für das III. Quartal 1985, Beschlussvorlage für die Sitzung des Sekretariats des Hauptvorstandes am 28.5.1985, ACDP 07-011- 3083, S. 2. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 79. übergeordneten Instanzen, die Zusammenarbeit mit den Kirchen, übrigen Parteien und Organisationen, die Mitgliederwerbung und der Beitragseinzug, Austritte und Parteiverfahren aus. Aufschluss über den Charakter der Partei und den Grad der Demokratisierung liefert auch der Vergleich der Informationen der Kreisverbände an den Bezirk und an den Vorstand. Es fällt auf, dass die Kreise ihrerseits kaum Unterschiede in ihren Berichten an den Bezirk und den Vorstand hinsichtlich der Themen, der Gewichtung, der Einschätzungen, der offenen Fragen und auch der Formulierungen machten: Zum Teil finden sich in zeitnahen Berichten ganze identische Abschnitte.1033 Vereinzelt wurden in den Berichten an den Bezirksverband aber die drastischeren Formulierungen gewählt,1034 was gemeinsam mit der weniger floskel- und phrasenhaften Sprache und dem Nicht-Entfernen von Tippfehlern auf eine flachere Hierarchie und größere Nähe zu den Funktionären auf der Bezirksebene schließen lässt. Gleiches lässt sich auch für die Berichte des Bezirks an den Vorstand feststellen: Die Einschätzungen der Kreise wurden unverfälscht und zum Teil wortwörtlich wiedergegeben. Auch hier finden sich vollständig übernommene Absätze aus den Berichten der Kreise.1035 Dass die Parteiführung aufgrund einer strengen Parteidisziplin und einer scharfen Sanktionierung von wahrheitsgetreuen, aber unangenehmen Informationen keinen Einblick in die Lage, die Sorgen und Wünsche der Parteibasis hatte, stimmt nicht. Die Kreise und Bezirke gaben über die vorgesehenen Strukturen entsprechende Informationen nach oben, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung und Deutlichkeit. Die entscheidende Frage ist also, wie der Hauptvorstand mit den Meldungen von der Basis gearbeitet hat. Obwohl es einzelne positive Beispiele von schnellen und konstruktiven Reaktionen gibt,1036 war die Einstellung der Parteiführung gegenüber der Berichterstattung der Mitglieder eher verhalten: Die Unterlagen der Staatssicherheit legen den Verdacht nahe, dass Götting keinerlei Interesse an den Vorgängen an der Parteibasis hatte und er 1033 Vgl. z. B. Informationsberichte der CDU(D)-Grevesmühlen an den BV und den HV 10/1988. ACDP 03-043-033/3. 1034 Vgl. z. B. berichtet die CDU(D)-Grevesmühlen am 25.7.1988 an den HV: „Bei uns werde alles nur positiv dargestellt – die Praxis sehe aber in sehr vielen Fällen völlig anders aus“. In dem Bericht an den Bezirk vom 3.8.1988 heißt es dagegen „Bei uns werde alles nur positiv dargestellt – die Praxis sehe aber in fast allen Fällen völlig anders aus“. Beide Informationsberichte aus: ACDP 03-043-033/3. 1035 Vgl. Bezirkssekretariatsberichte an den HV, ACDP III-043, 038/1. 1036 Vgl. z. B. Schreiben Niggemeiers an die CDU(D)Grevesmühlen vom 11.4.1984, ACDP 03-043-012/4. auch nicht bestrebt war, der SED authentische Informationen zu vermitteln. Er habe sogar Sitzungsprotolle des Hauptvorstands manipuliert, bevor er diese an die Abteilung Befreundete Parteien übergeben hat, weil es in „den Fachabteilungen beim ZK der SED gar kein Interesse an realen, problembezogenen Informationen gibt“.1037 Die mangelnde Resonanz bemerkten auch die Kreisverbände. So stellte Greifswald im Mai 1989 resigniert fest, dass sie „Berichte um der Berichte wegen“1038 schreiben. Dass es trotz dieses relativ großen Spielraumes für Meinungsäußerungen auch Beispiele für einen restriktiveren Umgang mit Informationen gab, belegen mehrfach abgelehnte beziehungsweise zur Überarbeitung zurückgegebene Berichte.1039 In den Sommermonaten 1989 wurde offensichtlich eine gewisse Bewegung an der Basis wahrgenommen, die grö- ßerer Aufmerksamkeit bedurfte. So betonte der Bezirksvorsitzende Klemm auf der Bezirksvorstandssitzung am 27.9.1989, dass der Sinn der Mitgliederversammlungen darin bestünde, „Informationen an die Mitglieder zu geben und Informationen der Mitglieder an die Vorstände und Ortsgruppenvorsitzenden zu geben“.1040 Ob dieses zunehmende Interesse für die Vorgänge an der Basis mit altruistischen Beweggründen oder mit einem gestiegenen Kontrollbedürfnis einherging, muss sicher für jeden Funktionär in unterschiedlicher Gewichtung beurteilt werden. Wie auch schon im Sommer 1985 schien die Möglichkeit der freieren Meinungsäußerung aus der Perspektive der Mitglieder für das vergleichsweise gute Parteiklima gestanden zu haben. Die Grenzen, die der Hauptvorstand der Meinungsäußerung innerhalb der CDU(D) setzte, wurden im Umgang mit dem Brief aus Weimar jedoch sehr deutlich, wie das Kapitel 4.2. Unmut zeigen wird. 1037 Informationen über einige Aspekte der politisch-ideologischen Situation in den befreundeten Parteien vom 23.12.88, BStU, MfS, HA XX 6632, Bl. 49. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 79. 1038 Informationsbericht der CDU(D)-Greifswald an den HV vom 10.5.1989, ACDP 03-043-045/6, S. 3. Es gibt daneben auch zahlreiche andere Beschwerden über ausbleibende Reaktionen der Parteileitung. Zit. n.: Ebd. 1039 So zum Beispiel der Abschlussbericht der Jahreshauptversammlung vom 24.5.1988. In der überarbeiteten und am 14.6.1988 angenommenen Fassung sind keine wesentlichen Änderungen vorgenommen worden, nicht mal alle handschriftlichen Randbemerkungen wurden eingearbeitet. Gestrichen wurde hier allerdings eine größere Anzahl von Fragen der Mitglieder im Anhang. Am auffälligsten war die nach der generellen Einführung der in der Volkskammer praktizierten festen Mandatsverteilung auch in den niederen Volksvertretungen, um dem Konkurrenzdenken Einhalt zu gebieten. Beide Fassungen in ACDP 07-011-5781. 1040 Protokoll der Bezirksvorstandssitzung vom 12.7.1989, ACDP 07-011-3871, S. 9. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 80. Anfang Dezember 1989 wurden die Berichterstattungsstrukturen im Zuge des Erneuerungsprozesses wesentlich gelockert. Die Kommunikation verlief jetzt unregelmäßig und ohne inhaltliche Vorgaben,1041 sodass in den folgenden Monaten auch angesichts der gravierenden Ereignisse weitaus weniger Quellenmaterial produziert wurde. Den zweiten aussagekräftigen Bereich der untersuchten Berichterstattung machen die Schulungs-, Tagungs- und Seminarberichte aus.1042 Diese sind ebenfalls Ausdruck der scheinbar demokratischeren Kultur bei den Christdemokraten: Der Verfasser der Schulungsberichte war bei den Christdemokraten nicht der Seminarleiter, sondern ein gewählter Teilnehmer. Dieser berichtete nicht über die politisch-ideologischen Äußerungen und Lernfortschritte der anderen Mitglieder, sondern beschrieb Tagesabläufe, die allgemeine Stimmung, kulturelle Veranstaltungen und Referate. In dieser Form der Berichterstattung hatte das Weitergeben von kritischen Informationen nicht den Anschein einer Denunziation, sondern einer offenen Informationsweitergabe von unten nach oben. Gerade diese scheinbare Offenheit ermöglichte eine bessere Kontrolle der Parteibasis. Insgesamt erscheinen die Berichte der CDU(D) trotz MfS-Informationen über Schönfärberei und Manipulationen1043 einen hohen Authentizitätsgehalt zu haben, wie die Überprüfung mit mehreren Parallelüberlieferungen gezeigt hat: Neben der DDR-üblichen Rhetorik und ritualisierten Treuefloskeln kann man den Berichten tatsächliche Informationen über das Meinungsbild an der Parteibasis entnehmen. Auch bei der LDP(D) schrieben die Kreisverbände monatliche Berichte an ihre Bezirksverbände, allerdings sind diese nur zum Teil im Archiv des Liberalismus archiviert und auch nicht für jeden Kreisverband in ähnlichem Umfang überliefert.1044 Ausgehend von den Informationen der Kreise verfasste der Bezirksverband pro Jahr sechs Informationsberichte an den Zentralvorstand, die diese z.T. wortwörtlich oder passa- 1041 Vgl. Informationsbericht des BV an den HV vom 15.12.1989, ACDP 03-043- 038/1. 1042 Vgl. z. B. Akte ACDP 07-011-5685. 1043 Vgl. Probleme der Bündnispolitik gegenüber den befreundeten Parteien in der DDR vom 10.8.1984, BStU, MfS, HA XX, Nr. 6632, Bl. 12. 1044 Vollständig sind nur die Akten der LDP(D)-Rostock-Land. Die Einschätzung der zuständigen Archivarin, dass die fehlenden Berichte manchmal für ganze Jahre gar nicht verfasst worden seien, erscheint wenig schlüssig. Gerade im demokratischen Zentralismus wäre ein monatelanges Nicht-Erfüllen der Informationspflicht gerügt oder zumindest thematisiert worden. Vermutlich sind die fehlenden Berichte einfach nicht überliefert worden. genweise wiedergaben, zumindest aber zutreffend zusammenfassten.1045 Eine direkte Information der Kreise an die Parteileitung gab es bei der LDP(D) nicht.1046 Inhaltlich befassten sich die Informationsberichte der LDP(D)-Kreisver– bände vor allem mit ideologischen Problemen, „die sich aus der weiteren Verwirklichung der Beschlüsse des 13. Parteitags (…) sowie bei der Mitwirkung zur Umsetzung der Beschlüsse des 11. Parteitags der SED“ ergaben.1047 Schon in dieser Formulierung wird der Fokus der LDP(D) deutlich: Die Berichte zeichneten sich vor allem durch eine hohe Selbstreferenzialität aus und waren klar und direkt formuliert. Die Berichterstatter bezogen sich nur wenig auf Handlungen, Sitzungen, Beratungen, Vorgaben und Anleitungen der SED.1048 Das geht auch aus den Konzeptionen für die Bezirksvorstandssitzungen hervor, die in der Regel nur die Auswertung der aktuellen Zentralvorstands-Tagungen vorsahen.1049 Der Anteil der kritischen Informationen über die Lage und Stimmung vor Ort lag in den Informationsberichten der LDP(D) bei etwa 50–75 % und war damit sehr hoch.1050 Strukturell folgten die Berichte immer der Trias Außenpolitik, Innenpolitik, Innerparteiliches. Ein Indiz für den hohen Tatsachengehalt ist auch ein weiterer Aspekt: Einzelne Kreisverbände legten die Themen der Informationsberichte vorab gemeinsam mit den Mitgliedern fest, verlasen die angefertigten Berichte und warteten vor dem Absenden auf die Zustimmung der Mit- 1045 So etwa besteht der Informationsbericht August/September 1989 des LDP(D)- BV an den ZV vom 14.9.1989 zu großen Teilen aus dem Informationsbericht Rügen vom 29.8.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845 und ADL, Bestand Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-1005. 1046 Möglicherweise dienten die Direktinformationen bei den Christdemokraten der Kontrolle der Bezirksebene hinsichtlich einer möglichen Informationszurückhaltung. 1047 Rundschreiben an alle LDP(D)-KV vom 12.1.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33812. 1048 Vgl. z. B. LDP(D)-Bezirksdelegiertenkonferenz am 29.11.1986, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33749. 1049 Vgl. Akte ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33750. 1050 Vgl. z. B. besteht die Kurzeinschätzung des BV zur durchgeführten Zentralen Mitgliederversammlung vom 3.11.1988 zu 70 % aus Informationen, die der Leser als so kritisch aufgefasst hat, dass er sie farbig markierte. ADL, Bestand Abteilung Parteivorstände, Zentrale Mitgliederversammlungen 1988, Nr. L8- 1551, S. 2. glieder.1051 Auch, wenn diese Information der Sekretariate Rostock-Land und Ribnitz-Damgarten nicht stimmen sollten, würde auch die Fehlinformation zeigen, dass ein derart basisdemokratisches Vorgehen zumindest als wünschenswert angesehen wurde. Dennoch finden sich bei der LDP(D) Berichte, aus denen einzelne Absätze offensichtlich ausgeschnitten worden sind.1052 Ob dies zensorischen Zwecken diente oder die fehlenden Passagen an zuständige Instanzen weitergeleitet worden sind, kann leider nicht beurteilt werden. Der Kontakt der Funktionäre zu den Mitgliedern gestaltete sich nicht immer leicht. Der Bezirksverband schätzte 1986 ein, dass nur etwa 2/3 aller Mitglieder regelmäßigen Kontakt zur LDP(D) haben. Das wurde unter anderem mit zu häufigen Veranstaltungen und einem ungenügend differenzierten Parteiprofil begründet. Dementsprechend war die Beteiligung an Veranstaltungen dann am besten, wenn die Mitglieder konstruktive Streitgespräche erwarteten.1053 Die Beziehung der Basis zu den LDP(D)-Funktionären war gespalten. So äußerten sich mehrere Kreise enttäuscht über Besuche und Referate von Vorstandsmitgliedern: Zu wenig Bezug zu den Problemen vor Ort und eine ungenügende Vorbereitung der Reden ließen etwa die Greifswalder zu dem Schluss kommen, dass sie in Zukunft auf derartige Einladungen verzichten wollen.1054 Auch gegenüber dem zum Teil als oberflächlich und veraltet angesehenen Anleitungsmaterial gab es Vorbehalte.1055 So fragte der Kreisverband Greifswald, wie man parteilosen Bürgern angesichts des nur noch gering verbliebenen Werbungspotentials „überzeugend sagen könne, welche Vorzüge eine Mitgliedschaft für sie in der LDP(D) hat“.1056 Dass sie dies nicht aus eigener Erfahrung konnten, verdeutlicht auch die Erwartungshal- 1051 So verfuhren die LDP(D)-KV Rostock-Land und Ribnitz-Damgarten zumeist. Siehe z. B. Protokoll der Sekretariatssitzung vom 29.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33800. 1052 Vgl. z. B. Informationsbericht Ribnitz-Damgarten vom 6.8.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1053 Vgl. Vorlage für die Sitzung des Sekretariats des ZV am 15.4.1986. Bericht des BV zum Stand der Erfüllungen der Beschlüsse des 13. Parteitags, ADL, Bestand Sekretariat des Zentralvorstands, Nr. L8-1608, S. 25–26. 1054 Vgl. Protokoll der LDP(D)-Kreisvorstandssitzung am 16.11.1987, ADL Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33797 oder Anleitung der Grundeinheitsvorsitzenden Rostock-Stadt vom 26.5.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33803. 1055 Vgl. Kurzbericht LDP(D)-Rügen über die Durchführung des politischen Bildungszirkels vom 6.11.1986, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33815. 1056 Protokoll der LDP(D)-Kreisvorstandssitzung vom 3.2.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33797, S. 2. tung der Mitglieder an ihre Partei. Die Kreisverbände legten größten Wert darauf, dass ihre Berichte tatsächlich gelesen und die darin enthaltenen Fragen beantwortet werden. Nicht selten wurde mit Nachdruck an ausbleibende Antworten erinnert.1057 Denn auch dies sei Bestandteil der innerparteilichen Demokratie, mahnte der Kreisverband Rostock-Land an.1058 Im frühen Sommer 1989 kam die Anleitungstätigkeit an ihre Grenzen. Die Mitglieder lehnten weitere politische Bildung ab und bestanden auf ihre Meinungen, sodass nur wenige Zirkelleiter noch in der Lage waren, die Diskussionen zu lenken.1059 Spätestens ab Januar 1990 brach auch bei der LDP(D) die regelmäßige Informationstätigkeit zusammen. Von nun an wurden nur noch vereinzelte Informationen übermittelt. Auch die Kreisverbände der NDPD berichteten monatsweise über die Arbeit in den Kreisen, Mitgliederbewegungen, Probleme, Aktionen und Veranstaltungen und die Umsetzung der ideologischen und praktischen Vorgaben ihres Hauptausschusses an den Bezirksverband. Dabei war die Tonlage der Informationsabfrage sehr normativ und ließ kaum Spielraum für eigenständige Wortmeldungen.1060 Der Bezirksverband erstellte eine Bezirksinformation aus den Kreisinformationen, die vom Sekretariat des Hauptausschusses gemeinsam mit den Informationen aus den anderen Bezirksverbänden zu einer überwiegend konformen monatlichen Übersicht zusammengestellt wurden. Jeder einzelne Bericht aus den Kreisverbänden wurde nach der Erstellung also noch zwei weitere Male gefiltert und zusammengefasst, bevor er dem Hauptausschuss als Monatsberichterstattung vorlag. Zusätzlich berichtete jeweils ein Kreisverband pro Bezirk ein halbes Jahr lang als Direktinformant vierzehntätig an das Sekretariat des Hauptausschusses und lieferte so einen unmittelbareren Eindruck der Lage vor Ort. Für den Bezirk Rostock waren das seit Anfang 1987 Bad Doberan, Stralsund, Wismar, Grevesmühlen, Ribnitz-Damgarten und Rostock-Stadt. Die Struktur der NDPD-Parteiinformationen wurde erst im März 1989 dahingehend geöffnet, dass nun vermehrt nach Tendenzen und Einzel- 1057 Vgl. z. B. Informationsbericht LDP(D)-Wismar vom 6.3.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 2. 1058 Vgl. Informationsbericht LDP(D)-Rostock-Land vom 6.4.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 3. 1059 Vgl. Bericht des 32. Zirkeljahres LDP(D)-Rügen vom 26.6.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33815, S. 1–2. 1060 Übliche Leitfragen waren z. B.: Wie zeigen die Mitglieder, dass sie den Zusammenhang verstanden haben? Wie wird der Beschluss der letzten HA-Tagung umgesetzt? Wie drückt sich die Parteilichkeit der Mitglieder aus? meinungen, Aspekten und Problemen im Kreis, Diskussionsverläufen bis hin zur Wiedergabe einzelner Wortmeldungen und der Argumentation und Gesprächsführung durch den Kreisvorstand gefragt wurde.1061 Unter dem Vorwand der Wahlkampfgestaltung sollten nun authentischere Informationen an die Parteispitze gegeben werden. Der spätere Zeitpunkt der Reform der NDPD-Berichterstattung ist möglicherweise ein Indiz für das als gering eingeschätzte Unruhepotential der Nationaldemokraten: Ein Signal der Basisorientierung war hier erst später nötig. Nichtsdestotrotz war die agitatorische Einwirkung auf die Mitglieder nach wie vor das Ziel der Anleitungstätigkeit.1062 Ende November 1989 wurde die Berichterstattung der NDPD erneut reformiert und insbesondere im Bereich der statistischen Erfassung gekürzt.1063 Auf die unzähligen Schreiben an die Parteiführung scheint es in der überwiegenden Mehrheit keine Antworten gegeben zu haben.1064 Die NDPD-Berichte aus den Kreisen und Lehrgängen wurden vom Bezirksverband gelesen, bestätigt und in Teilen weitergegeben. Es folgte jedoch keinerlei inhaltliche Reaktion auf die sich anbahnende Revolte der Mitgliedschaft. Durch die doppelte Filterung der Informationen aus den Kreisen unterlagen die ohnehin stark auf die SED ausgerichteten, floskelhafteren und stärker genormten Äußerungen der Nationaldemokraten einer doppelten parteiinternen Zensur. Dadurch erwecken die Archivalien der NDPD den so undifferenziert nicht haltbaren Eindruck, die Basis der NDPD sei grundsätzlich konformer als die von CDU(D) und LDP(D) gewesen. Auch die DBD hatte eine eigene Berichterstattungsstruktur. Monatlich wurde das Präsidium durch die Bezirksverbände über die Ergebnisse der Parteiarbeit informiert und stellte daraus die Informationsberichte an den Parteivorstand zusammen. Der Parteivorstand bekam also nur die vom Präsidium ausgewählten Nachrichten. Direkte Informationen der Ortsgruppen an das Sekretariat des Parteivorstands wurden auch erho- 1061 Vgl. Schreiben des Sekretariats des HA, Abteilung Parteiinformationen, an das Kreissekretariat Ribnitz-Damgarten vom 30.3.1989, SAPMO BArch, DY 16/4536. 1062 Die Planung der NDPD-Mitgliederversammlungen vom 18.5.1989 operierte weiterhin mit den Satzbausteinen „Es ist zu vermitteln…“, „Die Mitglieder sollen erkennen…“ etc. SAPMO BArch, DY 16/427. 1063 Vgl. Mitteilung des NDPD-Sekretariats für Parteiorganisation und Personalpolitik vom 27.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/3823. 1064 An einer archivierten Beschwerde aus Rostock vom 19.12.1989 hing ein kleines Post-It mit der Aufschrift: „Wie in solchen Fällen üblich keine Antwort“. SAPMO BArch, DY 16/780. ben, aber weitaus weniger als es in den anderen drei Parteien üblich war. Die Informationspläne der DBD wiesen je eine Ortsgruppe pro Bezirksverband aus, die dem Sekretariat des Parteivorstands einmalig über die aktuellen Ereignisse Bericht erstatten sollte. Zusätzlich zu diesen Ortsgruppendirektinformationen erstellte auch je ein Kreisverband monatlich eine Kurzinformation. In dem Informationsplan für das zweite Halbjahr 1987 nahm auch die DBD eine größere Mitgliederfokussierung vor: Ab Juli 1987 informierten die Kreisverbände „über typische Meinungen und Fragen der Mitglieder zu wichtigen innen- und außenpolitischen Ereignissen“ und darüber, wie der Kreis- oder Ortsgruppenvorstand darauf reagiert hat.1065 Ähnlich wie auch bei den anderen Parteien lässt sich von da an tatsächlich eine Veränderung des Tenors der Berichte feststellen. Statt phrasenhaft, konformistisch und weitgehend nichtssagend wie zuvor, enthielten die Kurzinformationen nun konkrete Hinweise auf Hemmnisse und Problemlagen, die zwar anfangs nur vereinzelt auftraten, bis zum Sommer 1989 aber deutlich größeren Raum einnahmen. Dass das Präsidium die Verantwortung für die Behebung vieler Missstände in den Kreisen selbst sah, wurde in den Auswertungen der Berichte deutlich: „Fragen, die im Kreis zu lösen sind, werden noch zu oft nach oben gegeben.“1066 Gegenüber dem MfS schätzte der Parteivorstand wiederum ein, dass die Bezirkssekretariate ihm falsche Informationen über die Anzahl der abgehaltenen Versammlungen und die Beteiligung der Mitglieder liefern würden: „Ein Angehen gegen diese Erscheinungen“ wäre jedoch zwecklos, „weil schon der Versuch einer realistischen Berichterstattung durch die Bezirkssekretäre der DBD verhindert würde“.1067 Unabhängig von der Frage nach Ursache und Wirkung verdeutlicht dieses Zitat, wie das Vertrauensverhältnis zwischen Bezirks- und Parteileitung aussah. Besonders auffällig und für die Handhabung kritischer oder unbequemer Informationen charakteristisch war die Struktur schriftlich ausgearbeiteter Präsidiumsberichte oder Redebeiträge:1068 Nicht gewünschte 1065 Informationsplan des Sekretariats des DBD-Parteivorstands für das zweite Halbjahr 1987, SAPMO BArch, DY 60/3457, S. 3. 1066 Bericht des Präsidiums anlässlich der 6. Tagung des DBD-PV am 16.12.1988, SAPMO BArch, DY 60/331, S. 66. Ebenso handschriftliche Notiz am Bericht des KV Wismar vom 4.12.1987: „Warum wird das bis zum PV hochgezogen?“, SAPMO BArch, DY 60/3151, S. 4. 1067 Probleme der Bündnispolitik gegenüber den befreundeten Parteien in der DDR vom 10.8.1984, BStU, MfS HA XX, Nr. 6632, Bl. 21–22. 1068 Vgl. z. B. Berichte des Präsidiums anlässlich der 4., 5. und der 6. Tagung des DBD-PV am 28.4.1988, 30.9.1988 und am 16.12.1988, SAPMO BArch, DY 60/329, DY 60/330 bzw. 60/331 und auf der 7. Tagung des Parteivorstandes Wahrheiten wurden zwar in die Texte eingebaut, diese aber als eigenständiger Absatz, auf einem – abgesehen davon – leeren Blatt mit der ergänzenden Zählung Seitenzahl/a in den Fließtext eingelegt, sodass mit Ihnen nach Belieben verfahren werden konnte und die Entfernung diese Ergänzungsseiten weder durch die unterbrochene Seitenzählung, noch durch sprachliche Unebenheiten aufgefallen wäre. Wiederum war es das Präsidium der DBD, das hier die Möglichkeit hatte, die an den Parteivorstand weiterzugebenden Informationen, zu zensieren. Informationen, die so zur Vorenthaltung vorbereitet waren, betrafen wirtschaftliche Fragen, Beispiele für ungelöste Hindernisse, die Nichteinhaltung der SED- Planvorgaben und daraus resultierende Versorgungsmängel, Probleme bei der Mitgliedergewinnung bzw. Mandatsbesetzung, die sinkende Beteiligung an Parteiveranstaltungen sowie die Ursachen für Wahlverweigerungen, die Studierendenquote unter Kindern von Genossenschaftsbauern, gesamtgesellschaftliche Missstände oder die Sorge über die internationale Entwicklung.1069 Interessant ist der ebenfalls als zensurbedürftig empfundene Hinweis an den Parteivorstand, dass die Beteiligung an „den Mitgliederversammlungen, an denen Mitarbeiter des zentralen Parteiapparates teilnahmen“, weit unter dem Durchschnitt liegen würde und gleiches für die Teilnahme an den durch den Apparat besuchten Parteischulungen galt.1070 Damit wird die Vermutung nahegelegt, dass die DBD-Mitglieder ihren eigenen Parteiapparat gemieden haben. Die Parteikommunikation diente natürlich nicht nur der Vermittlung von Direktiven und Vorgaben, sondern auch der Informationsweitergabe von „unten nach oben“ und umgekehrt. So erbaten die Kreisverbände von den übergeordneten Instanzen mehr Informationsmaterial über wirtschaftliche Zusammenhänge und Fortschritte ebenso häufig wie Argumentationshilfen bezüglich der Entwicklungen in den Ostblockstaaten.1071 Dass der Parteivorstand zu den innenpolitischen Missständen am 30.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/3327. Alternativ wurden diese kritischen Einschübe auch durch einen veränderten Zeilenabstand gekennzeichnet. Vgl. Bericht über die Verwirklichung des Beschlusses des Präsidiums des Parteivorstands zur politischen Bildungsarbeit im Parteischulungsjahr und in den Lehrgängen der Kreisschulen der DBD ´88/89, 25. Sitzung des Präsidiums des Parteivorstands am 9.5.1989, SAPMO BArch, DY 60866, S. 4. 1069 Vgl. z. B. Bericht des DBD-Präsidiums auf der 7. Tagung des PV am 30.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/3327, S. 66a. 1070 Ebd. 1071 Vgl. z. B. Aktuelle Kurzinformationen KV Grevesmühlen vom 19.4.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 2 oder Informationsbericht an den Parteivorstand 49/88 vom 14.10.1988, SAPMO BArch, DY 60/2901, S. 5. nicht „schon längst“ Stellung bezogen hatte, sorgt bereits im Jahr 1987 für Unverständnis.1072 Die Mitglieder fühlten sich insgesamt zu wenig von ihrer Parteileitung wahrgenommen.1073 Auch die Anleitungstätigkeit des Parteivorstands war weitaus weniger effektiv, als die offiziellen Statistiken auswiesen: Im Präsidiumsbericht anlässlich der 5. Tagung des Parteivorstands Ende September 1988 ist die Information enthalten, dass in den 6.900 Ortsgruppen1074 monatlich insgesamt 1.700 Sitzungen ausfallen, also rund 30.000 Mitglieder seltener als einmal pro Monat „erfasst“ würden.1075 Als mögliche Reaktion darauf wurden die Kreise ab Juli 1989 dahingehend enger angeleitet, dass von nun an immer ein Mitglied des Bezirksverbandes an den Kreisverbandsitzungen teilnehmen sollte.1076 Ab dem Sommer 1989 wurde der Ton in den Berichterstattungen schärfer. So enthält der Bericht des Bezirks Klagen der Mitglieder über die „wiederum unbefriedigende Ersatzteillieferung“, die „sehr heftig“ kritisierten schlechten Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft und Fragen zu den Auswirkungen der Entwicklungen des sozialistischen Lagers auf dessen Stabilität und den Reiseverkehr, die vielen Vorständen Schwierigkeiten bei der überzeugenden Argumentation bereiteten.1077 Im August 1989 reagierte der Bezirksverband auf die Kritik der Mitglieder: Er richtete eine Pressestelle ein. Diese sollte für einen kontinuierlichen Informationsfluss sorgen und die Mitglieder, von denen im Juli nur noch 50 % an den Sitzungen teilnahmen,1078 besänftigen.1079 Abgesehen von weiterhin zunehmenden Forderungen nach konkreter Anleitung und Informationsmaterial blieb die Struktur der Berichterstattung bis Ende 1072 Bericht des Bezirksverbandes über die Ergebnisse der Parteiarbeit im Monat Juli vom 6.8.1987, SAPMO BArch, DY 60/3151, S. 5. 1073 „Die Mitglieder wünschen sich, dass auf der 5. Tagung des Parteivorstandes noch gezielter auf die Fragen der Mitglieder eingegangen wird.“ Informationsbericht an den Parteivorstand 47/88 vom 4.10.1988, SAPMO BArch, DY 60/2901, S. 3. 1074 Anzahl entnommen aus: Bericht des Präsidiums auf der 4. Tagung des Parteivorstandes am 28.4.1988, SAPMO BArch, DY 60/329, S. 70. 1075 Die 30.000 Mitglieder entsprechen etwa einem Viertel der Gesamtmitgliedschaft. Bericht des Präsidiums auf der 5. Tagung des Parteivorstandes am 30.9.1988, SAPMO BArch, DY 60/330, S. 85. 1076 Vgl. Protokoll der Sitzung des Bezirkssekretariats am 30.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 2. 1077 Information des DBD-BV über die Parteiarbeit im Mai vom 8.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, S. 7–8. 1078 Vgl. Aktuelle Kurzinformationen der DBD-Wismar vom 1.8.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 2. 1079 Vgl. Protokoll der Sitzung des DBD-Bezirkssekretariats vom 24.8.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 4–6. Oktober unverändert. Erst dann wurden die Bezirksverbände enger an den Parteivorstand angebunden: Ab der 32. Sitzung nahmen neben den Bezirksvorsitzenden auch die Abteilungsleiter an den Zusammenkünften des Sekretariats des Vorstands teil.1080 4.2. Unmut: Diskrepanz zwischen Basis und Führung wächst Ausgehend von den Kommunikationsstrukturen und -bedingungen soll nun aufgezeigt werden, welche Art von Kritik wann in den jeweiligen Parteien artikuliert werden konnte und wie ggf. mit ihr umgegangen worden ist. Im Vordergrund steht dabei die politische Komponente der geäußerten Kritik, die bereits im Jahr 1987 deutlich zu finden ist. Die Themenfelder, die bereits im Kapitel 3.2.1. Wirtschaft und Gesellschaft behandelt worden sind, werden daher hier nicht noch einmal in Gänze dargestellt. Der Übergang von Unmutsäußerung zu einer Programmdiskussion und Erneuerung der Parteien fand in den Blockparteien zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Während er bei CDU(D) und NDPD mit der Absetzung Göttings und Homanns Anfang November 1989 gut zu terminieren ist, fällt dies für LDP(D) aufgrund der einmütigeren Beziehungen zwischen Basis und Parteiführung schwerer. Gleiches gilt für die DBD, bei der die innerparteiliche Kommunikation erst später einen Bruch offenbart. Während der größte Teil der LDP(D)-Mitgliedschaft die Programmdiskussion ab September noch gemeinsam mit der Parteileitung führte, setzte sie bei der DBD im Prinzip erst mit dem Sonderparteitag im Januar 1990 ein. Die alltäglichen Probleme in der DDR wurden von den Mitgliedern der CDU(D) direkt angesprochen. Die von ihnen und auch dem Bezirksverband angemahnten Themen wurden jedoch von der Parteiführung überwiegend ignoriert: außer ideologischen Appellen kam nichts an praktischer Hilfe.1081 Angesichts der als „Fass ohne Boden“ eingeschätzten Problemmenge und der wahrgenommenen Diskrepanz zwischen staatspolitischer Theorie und Praxis mehrten sich nicht nur resignative Tendenzen,1082 sondern im Jahr 1987 musste erstmals eine erhöhte An- 1080 Vgl. Protokoll der 32. Sitzung des Sekretariats des DBD-PV am 20.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/877. 1081 Vgl. Informationen des KV Greifswald an den HV vom 23.11.1987, ACDP VII- 011-6434, S. 2. 1082 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 5.8.1988, ACDP III-043- 033/5, S. 2. zahl von „beeinflussbaren Austritten“1083 verzeichnet werden, die von da an stetig stieg. Auch das MfS war über „ernstzunehmende Probleme, das (…) Engagement aufrechtzuhalten und gesellschaftspolitisch zu nutzen“ informiert und nannte die 90 politisch-motivierten Abgänge im Folgejahr als Beleg.1084 Trotz der alltäglich beobachteten Degradierung der Volksvertretern zu Mängelverwaltern1085 und der Kritik an dem Selbstverständnis und der Ämterführung einiger gewählter Volksvertreter1086 bestand bei den Mitgliedern der CDU(D) in der ersten Hälfte des Jahres 1988 noch die Hoffnung, dass sich mit den neuen Kandidaten für die Kommunalwahl im Jahr 1989 eine neue politische Kultur etablieren lasse.1087 Insgesamt haben die Rostocker Christdemokraten die Lage im Bezirk und in der gesamten DDR als drückend empfunden: grassierende Unaufrichtigkeit, Mangelwirtschaft, die Dominanz von SED-Mitgliedern auf wirtschaftlichen Leitungspositionen,1088 Nicht-Behebung von bestehenden Problemen und geringe Einflusschancen für Volksvertreter und Angehörige der Blockparteien erregten regelmäßig den Unmut der Mitglieder und führten zu resignativen Tendenzen. Kämpferisch erhob der Greifswalder Kreisverband daher das Postulat „Resignation ist unchristlich!“.1089 Nichtsdestotrotz meldeten fast alle Kreisverbände ab dem Sommer 1988, dass sie gegen die großen Resignationstendenzen nicht mehr ankämen 1083 Darunter fallen alle Beendigungen der Mitgliedschaft, die nicht durch den Tod des Mitglieds verursacht wurden, also vor allem Ausschlüsse und Streichungen, die die Funktionäre durch Einwirkungen auf die Mitglieder theoretisch hätten verhindern können. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Greifswald vom 9.2.1988, Bilanz der Mitgliederentwicklung für 1987, ACDP 03-043-045/5, S. 2. Der Statistische Jahresbericht vom 14.2.1988 weist für das Jahr 1987 70 beeinflussbare Abgänge im Bezirk Rostock und einen Mitgliederstand vom 7.650 am 31.12.1987 aus. Der Rostocker Quotient von 0,9 % befindet sich im Bezirksvergleich am unteren Ende des Rankings. Mit 3,3 % Austritten führt Berlin diese Statistik an. ACDP 07-011-5681. 1084 Bericht über den CDU-Bezirksverband Rostock im Vorfeld der Kommunalwahlen 1989 vom 2.2.1989, BStU, MfS Rostock, Abt. XX, Nr. 421, Bl. 452. 1085 Vgl. Informationen des Kreissekretariates Greifswald vom 14.4.1988, ACDP 03-043-045/4, S. 2. 1086 Vgl. Informationsbericht des KV Wolgast vom 19.5.1988, 03-043-045/5. 1087 Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Greifswald vom 2.6.1988, ACDP 03- 043-045/5, S. 2. 1088 Vgl. Informationen des Kreissekretariates Grimmen an den HV vom 15.1.1988, ACDP 07-011-4380. 1089 Protokoll der Kreisvorstandssitzung Greifswald vom 7.7.1988, ACDP 03-043- 045/5, S. 2. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 74. und die Enttäuschung der Mitglieder ebenso zunähme, wie das Vertrauen der Bevölkerung in die Staatsführung angesichts der Schönfärberei und Bagatellisierung der Probleme abnähme.1090 Mandate seien für die kommende Wahl nicht zu besetzen und Ämter würden niedergelegt, weil sich der Eindruck erhärtet habe, dass echte Mitarbeit nicht gewollt sei1091 und die „Aufgabe als Abgeordneter zum größten Teil nur aus Händeheben und Kopfnicken“1092 bestünde. Auch die Mitgliedergewinnung stagnierte1093 und insbesondere die jungen Parteimitglieder waren nicht zur Übernahme von Verantwortung zu bewegen.1094 Dem Vertrauensverlust in die Staatsführung und die CDU(D) als staatstragende Partei sowie den zunehmenden Ausreisebestrebungen wollten die Mitglieder durch den Abbau von bürokratischer Willkür insbesondere bei Reisefragen, einer effizienten und bürgernahen Kommunalpolitik, einer authentischen Informationspolitik, mehr Transparenz und Bedarfsorientierung in Wirtschaftsfragen und einer größeren Profilierung der CDU(D) als Verfechterin christlicher Belange1095 entgegenwirken. Damit stellten sie bereits den Forderungs- und Maßnahmenkatalog auf, der in seinen Grundzügen bis zum Herbst 1989 bestehen blieb. Der Beginn des Jahres 1989 war von der Verschärfung der resignativen Tendenzen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit einzelner Ortsgruppen gekennzeichnet. Gleichzeitig bestanden Hoffnungen auf die Durchführung 1090 „Offizielle Verlautbarungen zeichnen ein Bild, das von der Bevölkerung nur mit Hohn und deftigen Bemerkungen quittiert wird. Wie lange soll das noch gehen, wenn man das Vertrauen gegen Vertrauen erhalten will?“ fragte der KV Greifswald in seinem Informationsbericht an den HV vom 6.9.1988, ACDP 07-011-4380. Wenig später beklagte er sich darüber, dass der Ratsbericht eines Mitglieds nicht vorgetragen werden durfte: „Viele kritische Themen durften nicht vorgetragen werden. Warum wird das immer unter den Tisch gekehrt und nicht benannt? Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, wir müssen uns auf dieser Strecke mehr profilieren!“, Protokoll der Kreisvorstandssitzung vom 23.9.1988, ACDP 03-043-045/5, S. 2. 1091 Vgl. Informationsberichte des KV Rügen zum 5.10.1988, ACDP 03-043-032/5, S. 2 und Wismar zum 5.12.1988, ACDP 03-043-032/1, S. 2. 1092 Informationsbericht des KV Wolgast zum 5.11.1988, ACDP 03-043-033/1, S. 2. Gleichlautend ging diese Information am 10.11.1988 an den HV. Informationsbericht Wolgast für das IV. Quartal, ACDP 03-043-033/1. 1093 Z. B. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Grevesmühlen vom 20.12.1988, ACDP 03-043-040/5, S. 2. 1094 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 5.11.1988, ACDP 03-043- 033/5. 1095 Der Wunsch nach stärkerer Betonung des Christlichen wurde unter anderem im Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.2.1989 geäußert. ACDP 03-043-032/4. S. 3. von Reformen durch die SED, beispielsweise im Bildungswesen,1096 in Fragen der Blockpolitik1097 oder der Reiseregelungen, die die Mitglieder durch die Anwendung des Wiener KSZE-Schlussdokuments reformieren lassen wollten.1098 Im Vorfeld der Wahl äußerten einige Mitglieder aus Unzufriedenheit sogar den angekündigten Wahlverweigerungen gegen- über Verständnis.1099 Die empfundene Benachteiligung von Christen war ebenfalls ein massiver Kritikpunkt vieler CDU(D)-Mitglieder. Der im Frühjahr 1989 gegründete Verband der Freidenker1100 wurde als ein Affront gegen alle Gläubigen bewertet.1101 Die öffentlichen Kandidatenvorstellungen zur Kommunalwahl und die positive Resonanz der Bevölkerung bestärkten die Mitglieder darin, kritisch zu sein.1102 Die Stimmung im Frühjahr 1989 fasste der Kreisverband Rügen prägnant zusammen und erhoffte sich daraus eine Diskussion über die zukünftige Entwicklung der CDU(D): „…offene Kritik, aber auch Resignation erwachsen aus der Erfahrung, dass ernsthaftes Bemühen um Veränderung nicht gefragt ist. Die Unionsfreunde wollen mehr tun als Beiträge zahlen und gemütlich beisammen sitzen, sie erkennen aber allzu schnell, wo die Grenzen sind und die Tabuzonen, aus denen man hinausgedrängt wird, beginnen. (…) Ob man Ausstrahlung auf Parteilose hat, ist fraglich. Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit sollten in unseren Reihen be- 1096 Vor dem pädagogischen Kongress im Juni 1989 hofften viele KV auf eine Aufweichung des historisch-materialistischen Geschichtsbildes. Z. B. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.1.1989, ACDP 03-043-032/5, S. 3. 1097 Auf der Bezirksvorstandssitzung vom 18.1.1989 fragte ein Mitglied, ob man nicht wieder Fraktionen einführen könne, damit die CDU(D) als staatstragende Partei stärker in Erscheinung tritt. Um die Weiterleitung des Vorschlags an das Sekretariat des HV wird gebeten. ACDP 03-043-049/2. 1098 Vgl. Informationsbericht des KV Wismar vom 5.2.1989, ACDP 03-043-032/1. 1099 Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Ribnitz-Damgarten vom 4.5.1989, ACDP 03-043-033/6, S. 3. 1100 Groschupp, H./Müller, E. (Hgg.): Letzter Versuch einer Offensive: Der Verband der Freidenker der DDR (1988–1990), ein dokumentarisches Lesebuch, Aschaffenburg 2013. 1101 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.2.1989, ACDP 03-043- 032/5, S. 2. 1102 In mehreren Berichten wird darauf hingewiesen, dass besonders die potentiellen Kandidaten gewählt wurden, die kritische Nachfragen gestellt haben. Auch das eigenständige Ansprechen von Problemen und das Vorbringen entsprechender Lösungsvorschläge wird durch die Bevölkerung honoriert. Siehe z. B. Direktinformationen für März 1989 des KV Wismar an den HV vom 13.3.1989, ACDP 03-043-032/1, S. 4 oder Informationsbericht des KV Wolgast vom 5.4.1989, ACDP 03-043-033/1, S. 3. ginnen, sonst hat es wenig Sinn, überhaupt weiterzumachen. (…) Aber es scheint ja überhaupt nicht erwünscht zu sein, dass man ehrlich ist, denn wie anders soll man das ständige Drängen nach der Angabe von wissentlich falschen Angaben über die verschiedensten statistischen Angaben verstehen? (…) Ja wir verwirken dadurch ganz einfach das Recht, von anderen echte Angaben, echte Nachrichten, echte Medienpolitik und echte Offenheit, ja sogar echtes Recht auf gesellschaftliche Mitverantwortung zu verlangen, wenn wir uns nicht mit der Rolle eines geduldigen Mitläufers abfinden wollen.“1103 Gleichlautende Stimmen kamen aus Ribnitz-Damgarten. Hier forderten die Mitglieder „dass nicht stillschweigend im Sinne eines falsch verstandenen Verständnisses von Nächstenliebe über Fehler und Mängel hinweggegangen werden sollte. Kritisch ist zu benennen, was verändert werden muss. Dafür sollten wir uns mit allen Mitteln einsetzen.“1104 Auch der SED war das Unruhepotential in der CDU(D) bekannt: Die Ende 1988 initiierte stärkere Durchdringung der Blockparteien mit Mitarbeitern der Staatssicherheit förderte im März 1989 folgendes Resümee zutage: Zunehmende kritische und ablehnende Positionen gegenüber der Wirtschafts- und Informationspolitik und der Wunsch nach einem größeren Mitspracherecht gegenüber der SED wären deutlich erkennbar, sozialismusfeindliche Ziele jedoch nicht.1105 Ab dem Frühjahr war zunehmend zu beobachten, dass der stellvertretende Parteivorsitzende Wolfgang Heyl für die Mitglieder an Bedeutung gewann und die Hoffnungen auf Reformen auf sich vereinte. Insgesamt war er für die Mitglieder auch präsenter als der Vorsitzende Götting und war ihr Hauptansprechpartner. Ähnlich wie Hartmann in der NDPD war Heyl der eigentliche Organisator in der CDU(D) und nicht der Vorsitzende Götting.1106 Hinter den Kulissen wirkte aber auch Heyl als Bremser: Nach dem reformsozialistischen Plädoyer der Ortsgruppe Neuenhagen aus dem Jahr 1988 forderte Heyl den Bezirksvorsitzenden Frankfurt/Oders zur persönlichen Klärung dieses „beachtlichen“ Vor- 1103 Informationsbericht des KV Rügen vom 5.4.1989, ACDP 03-043-032/5, S. 1–2. 1104 Erweiterte Kreisvorstandssitzung Ribnitz-Damgarten vom 15.3.1989, ACDP III-043-047/6, S. 4. 1105 Vgl. AKG der Bezirksverwaltung Rostock (Hg.): Einschätzung über sicherheitspolitisch-bedeutsame Reaktionen, Standpunkte und Verhaltensweisen unter Angehörigen der Blockparteien im Bezirk Rostock, Rostock 17.3.1989 und Bericht der Rostocker Auswertungs- und Kontrollgruppe vom 17.1.1989, BStU, Ast, Rostock, UUA 692, Bl. 189f. 1106 Diese Einschätzung teilt auch Manfred Gerlach, der sich in seiner Autobiographie daran erinnert, dass Götting alle laufenden Dinge „seinem Wolfgang“ übertrug. Gemeint ist Wolfgang Heyl. Vgl. Gerlach, Mitverantwortlich, S. 187. gangs auf. Obwohl die Ortsgruppenvorsitzende sich „sehr uneinsichtig“ zeigte, konnte man ein „Übergreifen auf andere Ortsgruppen“ verhindern.1107 Dieser eher restriktive Eindruck von dem vermeintlich reformorientierten Heyl wird durch seine zumindest differenzierte Einstellung gegenüber der Politisierung der Kirchen noch bestärkt: Man müsse darauf achten, dass die Kirche nicht zu einer „Schirmherrin für diverse Umweltgruppen“ avanciere, sondern stattdessen die Bürger einbezogen werden sollten, warnte er in einem vertraulichen Gespräch.1108 Heyls abwiegelnde Haltung gegenüber dem kirchlichen Engagement resultierte aus seiner Wahrnehmung der Kirche als Konkurrentin um das reformerische Potential der Bevölkerung. Um den Einfluss der CDU(D) weiter auszubauen und nicht von den Kirchen verdrängt zu werden, forderte er eine größere Eigenständigkeit und Profilierung der Christdemokraten. Diese Forderung war es, die Heyl den Ruf als Reformer einbrachte. Seine neue Linie führte bei den ausführenden Funktionären auf der Bezirksebene jedoch zu Schwierigkeiten. Verunsichert fragten viele mittlere Funktionäre nach, wie genau die größere Profilierung umgesetzt werden könne.1109 Bereits unmittelbar nach der Kommunalwahl kamen erste skeptische Stimmen auf, die die Glaubwürdigkeit des offiziellen Wahlergebnisses anzweifelten1110 und nach den rechtlichen Grundlagen fragten. Die erste Konsequenz daraus zog der Kreis Wismar, der am 5.6.1989 forderte, ein neues Wahlgesetz für die kommende Kommunalwahl zu erarbeiten.1111 Andere Kreise folgten. Der bereits zuvor bestehende Wunsch nach Ver- änderung wurde durch die manipulierte Wahl bestärkt: Das Profilierungsbestreben nahm zu1112 und der Kreis Ribnitz-Damgarten verzeichnete als erstes nun auch ein verstärktes Engagement von Parteimitglie- 1107 Anonymer Vermerk über ein Gespräch mit Heyl vom 13.4.1989, BStU MfS Allgemeine Personenablage, Nr. 14335/92, S. 178. 1108 Ebd., S. 179. 1109 Vgl. Bericht über den CDU-Bezirksverband Rostock im Vorfeld der Kommunalwahl 1989 vom 2.2.1989, BStU MfS Rostock, Abt. XX, Nr. 421, Bl. 452. 1110 So äußerten Mitglieder der KV Grimmen Zweifel daran, dass dieser nach offiziellen Angaben das zweitbeste Wahlergebnis in der Republik haben soll. Protokoll der Kreissekretariatssitzung vom 12.5.1989, ACDP 03-043-045/1. Ebenso Protokoll der Kreissekretariatssitzung Greifswald vom 24.5.1989, ACDP 03-043-045/5, S. 2. 1111 Vgl. Informationsbericht des KV Wismar vom 5.6.1989, ACDP 03-043-032/1. 1112 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.6.1989, ACDP 03-ß43-032/5, S. 2. dern, die sich bis Mai 1989 ruhig verhalten hatten.1113 Die Einweihung des rekonstruierten Greifswalder Doms im Juli rief neben Zustimmungsbekundungen auch Kritik hervor, erstmals am Vorsitzenden Götting: Seine Absenz bei dem feierlichen Akt wäre beschämend und beschädige das Ansehen der Partei bei Pastoren und Christen.1114 Die Krise, in der sich die Partei befand, erkannte im Juli auch der Bezirksvorstand. Er ging angesichts der bislang erklärten 150 Austritte auf die Vorschläge der Kreise ein und forderte seinerseits eine stärkere Profilierung der Ortsgruppen.1115 Im August kritisierte der Kreisverband Rügen nicht nur die Arbeit des eigenen Vorstandes, sondern stellte den Partizipationsformen in der DDR insgesamt ein schlechtes Zeugnis aus: „Die bloße Existenz von mehreren Parteien ist nicht entscheidend, sondern ihre Arbeitsbedingungen!“1116 Über den Sommer 1989 resignierten einige Kreise, wie z. B. Wolgast, vollends: „Hervorragende Initiativen von bezirklicher Bedeutung (…) können auch nach umfangreichen Nachfragen nicht genannt werden. (…) Unsere Mitglieder sind müde, über Probleme zu diskutieren, ohne dass voraussichtliche Veränderungen zu erwarten sind“.1117 Andere blieben engagiert und optimistisch, so Greifswald. Der bis dato andauernden Unruhe wegen des Wahlablaufes gaben die Mitglieder der Hansestadt Anfang August neuen Zündstoff: Sie berichten dem HV, dass den Kirchen Zahlen und Dokumente vorlägen, nach denen die Anzahl der nicht-abgegebenen Stimmen hätte höher sein müssen, die offiziellen Angaben also nicht korrekt 1113 Vgl. Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten vom 1.6.1989, 03-043- 033/6. 1114 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.7.1989, ACDP 03-043- 032/4, S. 3. 1115 Im Anhang der Auswertung der 6. Hauptausschusstagung befindet sich eine Halbjahresmitgliederstatistik, aus der hervorgeht, dass der Bezirk zwar absolut 30 Zugänge hatte, für diese positive Bilanz aber 180 Neuaufnahmen nötig waren, also 150 Mitglieder die Partei verlassen haben müssen. Das sind mehr als doppelt so viele Abgänge, wie im gesamten Jahr 1987 verzeichnet wurden. Siehe: Protokoll der Bezirkssekretariatssitzung am 12.7.1989, ACDP 07-011- 3871, S. 3 und Anhang. 1116 „Angesichts der Lebensqualität der breiten Massen fällt es nicht immer leicht, die Aussagen der 6. Hauptausschusstagung nahe zu bringen“. Informationsbericht des KV Rügen zum 5.8.1989, ACDP 03-043-033/1, S. 2. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 75. 1117 Informationsbericht des KV Wolgast vom 5.8.1989, ACDP 03-043-033/1, S. 5. sein könnten. Entsprechende Eingaben bei der Nationalen Front wären bereits eingereicht.1118 Die drückende Gesamtsituation blieb auch den Funktionären nicht verborgen. So traf sich Anfang August eine Gruppe hoher CDU(D)- Funktionäre auf der Ostseeinsel Hiddensee, um einen Plan auszuarbeiten, wie man die CDU(D) zu einer Oppositionspartei umformen könne.1119 Um dadurch das Sprachrohr der unzufriedenen Bevölkerung zu werden, war es jedoch schon zu spät. Ab Ende August kam zu den bestehenden Problemen noch die Frustration über das als unzureichend empfundene Reisegesetz1120 und die beginnende Massenausreise hinzu. Die Strapazierfähigkeit der Bürger schien im Kreis Greifswald ausgereizt: „Um es ganz klar zu sagen: Der Bürger, der vergeblich nach einem der 1000 kleinen Dinge sucht, der Schlange stehen muss oder gar noch unfreundlich und bürokratisch behandelt wird, ist kaum noch mit dem Argument zu besänftigen, dass die Friedenspolitik der DDR weltweit anerkannt ist.“ Er stellte fest: „Die Bevölkerung ist größtenteils frustriert“ und fragte den Parteivorstand: „Wie lange soll das noch so gehen?“1121 Ende August forderte Heyl gemeinsam mit anderen Hauptvorstands- Mitglieder und etlichen Kreisvorsitzenden die Umgestaltung der DDR nach sowjetischem Vorbild. Nur der Rostocker Bezirksvorsitzende verhielt sich nach wie vor zögerlich.1122 Das war jedoch vielen Bürgern nicht genug, die eine weitere Positionierung der Partei forderten. Potentielle Neumitglieder machten ihren Eintritt in die CDU(D) sogar von einer stärkeren Profilierung abhängig.1123 Mittlerweile nähme die Kirche auch nach Einschätzung der Parteimitglieder einen klareren Standpunkt zu 1118 Vgl. Informationsbericht des KV Greifswald vom 8.8.1989, ACDP 07-011-3826, S. 3. 1119 Vgl. IM-Bericht „Peter Müller“ vom 7.8.1989, BStU, MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 621, Bl. 110 und Operativbericht vom 19.9.1989 HA XX, Nr. 261, Bl. 1–2. 1120 Vgl. Informationsbericht des KV Wolgast an den HV vom 1.9.1989, ACDP 03- 033/1. 1121 Informationsbericht des KV Greifswald an den HV vom 11.9.1989, ACDP 03- 043.038/1. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 76. 1122 Vgl. Einschätzung über aktuelle Aspekte der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien, insbesondere der CDU und der LDP(D) vom 24.8.1989, BStU, MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 887, Bl. 4–5. 1123 Vgl. Informationsbericht des KV Greifswald an den HV vom 11.9.1989, ACDP 03-043.038/1, S. 2 und bereits zuvor Informationsbericht des KB Ribnitz-Dam– garten an den HV vom 5.7.1989, ACDP 03-043-033/5. den aktuellen politischen Fragen ein als die CDU(D) selbst.1124 Die Unionsmitglieder in Ribnitz-Damgarten zogen daraus Anfang September die Konsequenz, sich künftig an den Bürgern zu orientieren und nicht mehr an den Anleitungen des Parteivorstands.1125 Dem Bedürfnis nach Antworten und einer Positionierung des Hauptvorstandes wurde im September Nachdruck verliehen und „ein Ausweichen dieser Fragen (…) nicht mehr akzeptiert“.1126 Im Gegensatz zu seinem Vorläufer, dem Brief aus Neuenhagen vom Juni 1988, fiel der wesentlich bekanntere Brief aus Weimar im September 1989 auf einen bereiteten Boden und avancierte zum Kristallisationspunkt und Sprachrohr der CDU(D)- Mitglieder. Den unter der Federführung des Kirchenrats Dr. Müller kon– zipierten Brief übergaben die Pastorin Christine Lieberknecht, der Oberkirchenrat Martin Kirchner und die Synodale Martina Huhn am 11. September an den Hauptvorstand, verschickten ihn zeitgleich an alle Bezirks- und Kreisverbände und verlasen ihn auch bei der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen der DDR öffentlich, was von der Par– teiführung wegen der Anwesenheit von Westmedien als Vertrauensbruch gewertet wurde. In dem Dokument sprachen sich die vier kirchennahen CDU(D)-Mitglieder für mehr innerparteiliche Demokratie und eine größere Eigenständigkeit der CDU(D) aus und zeigten die chronischen und akuten Probleme auf, die von den Mitgliedern seit Langem benannt wurden.1127 Der Vorstand reagierte ungeachtet der breiten Masse der Unterstützer und vereinzelten Stimmen aus seinen eigenen Reihen restriktiv und forderte die Bezirke und Kreise auf, das Schreiben nicht zu verlesen und etwaige Reaktionen nur an ihn selbst zu richten. Nach einer sehr vagen Stellungnahme vom 19. September in der Neuen Zeit wurden die Reformer eine Woche später zu einem Gespräch in die Parteizentrale geladen, um sich zu erklären. Eine gemeinsame Erläuterung der reformsozialistischen Intention der Initiatoren wurde 1124 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.9.1989, ACDP 03-043-032/5. 1125 Vgl. Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten vom 4.9.1989, S. 2. 1126 Angesprochen werden in diesem Bericht die Lage in Ungarn, die Anzahl der Republikflüchtigen, Ursachen und Lösungen der Versorgungsprobleme und der Wohnraumsituation. Vgl. Berichterstattung des KV Bad Doberan an den HV vom 10.9.1989, ACDP 03-043-032/3, S. 2. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 76. 1127 Das Scheitern des Neuenhagener Schreibens liegt möglicherweise nicht nur in dem zu frühen Zeitpunkt begründet, sondern ebenso in dem Fehlen des kirchlichen Schutzraumes. Zu beiden inhaltlich sehr ähnlichen Schreiben siehe: Agethen, M.: Unruhepotentiale und Reformbestrebungen an der Basis der Ost- CDU im Vorfeld der Wende. Der „Brief aus Weimar“ und der „Brief aus Neuenhagen“, in: HPM. Archiv für christlich-demokratische Politik, Nr. 1 (1994), S. 89–114. dann jedoch erst am 9. Oktober in der Parteipresse veröffentlicht.1128 In den vier dazwischenliegenden Wochen wurde der Brief in den meisten Orts- und Kreisverbänden des Bezirks entgegen der Hauptvorstands- Anordnung gelesen und überwiegend positiv kommentiert, wenngleich auch einige Kreisverbände und vor allem der Bezirksverband das Vorgehen kritisierten und ihre Stellungnahmen wie geheißen nur an das Sekretariat des Hauptvorstand oder den Parteivorsitzenden Götting persönlich schickten. Die Forderung nach größerer Eigenständigkeit der CDU(D) und auch der niederen Parteigliederungen fand in den meisten Kreisverbänden großen Anklang. So beschloss auch Rostock-Stadt, nun „eigenes politischen Bewusstsein auch vor den Entscheidungen des Hauptvorstandes zu zeigen“ und legte in einer eigenständigen Stellungnahme an Götting dar, „wie sie sich verhalten wollen“.1129 Die Bad Doberaner nahmen das ‚Weimarer Schreiben’ zum Anlass, ebenfalls ihre ablehnende Haltung gegenüber den Orientierungen der Parteileitung auszudrücken und diese mit einem Fragenkatalog zum Handeln zu bewegen.1130 „Ansonsten müsse man sich Gedanken über einen neuen Parteivorstand machen“.1131 Als die erhoffte Reaktion ausblieb, drohte der Bad Doberaner Kreisvorsitzende Krause wenig später seinen Rücktritt an.1132 Die Rügener reagierten ähnlich selbstbewusst und beschlossen, nicht länger ein Instrument der SED-Kirchenpolitik zu sein, sondern nun im Rahmen der Blockpolitik „eigene Politik“ zu machen. Dabei wollten sie sich allerdings nicht von den Reformen in der SU beeinflussen lassen.1133 Die phrasenhafte Rhetorik Göttings geriet ab Mitte September zunehmend in die Kritik,1134 Heyls Referate wurden dagegen gelobt.1135 Erst- 1128 Zum genauen Verlauf der Auseinandersetzung siehe: Agethen, Unruhepotentiale, S. 94–96. 1129 Protokoll der Kreisvorstandssitzung Rostock-Stadt vom 18.9.1989, ACDP 03- 043-043/3. 1130 Vgl. Einschätzung über politisch und politisch-operativ beachtenswerte Aspekte der Lage in den befreundeten Parteien im Bezirk Rostock vom 28.9.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 7627, Bl. 56 und Informationen der Kreisdienststelle Bad Doberan vom 26.9.1989, BStU, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 421, Bl. 8. 1131 Einschätzung über politisch und politisch-operativ beachtenswerte Aspekte der Lage in den befreundeten Parteien im Bezirk Rostock vom 28.9.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 7627, Bl. 57. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 76. 1132 Vgl. Bericht der Kreisdienststelle Bad Doberan, BStU, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Bl. 472. 1133 Einschätzung der Situation in den Blockparteien, CDU-Rügen vom 26.9.1989, IM-Bericht „Ecke“, BStU MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 563, Bl. 2–3. 1134 Vgl. ebd. mals am 25. September geriet die Bürgerbewegung in den Fokus der CDU(D). Die Beziehung zu ihr war je nach Kreis von kooperativen1136 bis hin zu ablehnenden Tendenzen1137 gekennzeichnet. Unabhängig davon vereinte der Wunsch nach größerer Profilierung und einem Ende der Ausreisewelle aber alle Kreisverbände und den Bezirksverband, der sich ebenso vehement für das Aufdecken der Ursachen des Flüchtlingsstromes einsetzte. Auch er forderte angesichts der Ablehnung der SED- Führungsrolle durch die katholische Kirche eine größere politische Mitverantwortung der CDU(D).1138 Auf der Tagung des Bezirksvorstandes der Rostocker CDU(D) Ende September 1989 wiederholte der Bad Doberaner Kreisvorsitzende Krause seine Forderungen nach einer öffentlichen Diskussion des Weimarer Briefes, nach einer eigenständigen CDU(D) und dem beherzten Aufgreifen des Veränderungswunsches der Bevölkerung. Der Bezirksvorsitzende Klemm und dessen Stellvertreter Scholz rechtfertigten ihr bis dahin zögerliches Vorgehen. Dennoch sprachen sie sich unter Verweis auf die Vorbildwirkung des LDPD-Vorsitzenden Manfred Gerlach für mehr Offenheit und eine Stellungnahme der Parteileitung aus, billigten Reformen aber nur unter Beibehaltung und Weiterentwicklung der sozialistischen Ordnung.1139 Widerspruch gab es allerdings auch aus den eigenen Reihen: Das Bezirksvorstandsmitglied Erich Panik forderte bereits hier eine Liberalisierung des Marktes und das Ende der staatlichen Bilanzierungen und griff damit die sozialistische Wirtschaftspolitik der SED an.1140 Als Reaktion auf Krauses Auftreten auf der Bezirksvorstand- 1135 Vgl. z. B. Protokoll der Kreisvorstandssitzung des KV Grevesmühlen vom 19.9.1989, ACDP 03-043-040/5, S. 2. 1136 Der Kreisvorstand Greifswald hielt in seinem Protokoll vom 25.9. fest, man müsse „auch unbequeme Partner ernst nehmen und nicht alles als Kritik sehen“. ACDP 03-043-045/5, S. 2. Zum Dialog mit allen Kräften, die die sozialistische Gesellschaft mitgestalten wollen, ruft auch der KV Bad Doberan auf der Bezirksvorstandssitzung am 27.9.1989 auf. ACDP 03-043-049/2, S. 3. 1137 Der Stralsunder Kreisvorstand dagegen lehnte den Gründungsantrag des Neuen Forums als verfassungsfeindlich ab, da sie zwar „nicht gegen den Sozialismus“ sind, ihn „aber verändern“ wollen. Protokoll der Kreisvorstandssitzung am 25.9.1989, ACDP 03-043-041/5. 1138 Vgl. Beratung des Bezirkssekretariats mit Volkskammerabgeordneten und Hauptvorstandsmitgliedern am 25.9.1989, ACDP 03-043-049/2, S. 2. 1139 Vgl. Information zur 2. Tagung des Bezirksvorstandes Rostock am 27.9.1989, BStU, MfS, BV Rostock, HA XX, Nr. 5120, Bl. 28–29. 1140 Vgl. Einschätzung über politisch und politisch-operativ beachtenswerte Aspekte der Lage in den befreundeten Parteien im Bezirk Rostock vom 28.9.1989, BStU, MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 621, Bl. 2. Panik war von 1990 bis 1991 Landesgeschäftsführer der CDU Mecklenburg-Vorpommern. stagung leitete das MfS nach der Tagung „die operative Bearbeitung des Dr. K. zur vorbeugenden Verhinderung des politischen Mißbrauchs seiner Funktion in der CDU“ ein.1141 Das Festhalten an der politischen Form und Struktur der DDR bekam Anfang Oktober Risse, als eine Ortsgruppe im Kreis Wismar fragte, ob es nicht auch einen sozialistischen Parlamentarismus geben könne und anmahnte, die „politischen Verkrustungen“ aufzuweichen, „bevor unabhängige politische Kräfte diese sprengen“.1142 Der Kreis Grevesmühlen meldete erste Parteiaustritte und kritisierte, dass der Vorstand die Augen vor der Realität verschließe und seine Verantwortung nicht mehr wahrnehme. Auch Götting sei mittlerweile stark umstritten und einige Mitglieder erwögen den Übertritt zur LDP(D).1143 Die Gestaltungshoheit sahen die Wismarer aber noch bei der SED und forderten, „dass der Staatsratsvorsitzende einen Prozess beginnt, der Vertrauen zur Arbeit der staatlichen Organe ermöglicht“. An diesem Reformprozess wollten sie mit mehr als „immer nur bitten und vorschlagen“ teilhaben.1144 Der bisher stets konforme Kreisverband Stralsund hielt weiterhin an seinen Positionen fest und bekundete, dass es genügend Wege des gesellschaftlichen Engagements gäbe und weder das Neue Forum noch eine Opposition insgesamt benötigt würden. Seine Partei fordere er dazu auf, das entstandene gesellschaftliche Vakuum durch eine weitere Profilierung einzudämmen, die SED dagegen müsse „nun praktikable Vorschläge“ bringen und von ihrem Unfehlbarkeitsdogma abkehren.1145 „Ernste Absichten der Distanzierung vom Hauptvorstand und der Partei im Allgemeinen“ stellte aber auch dieser Kreisverband fest.1146 Trotz der zum Teil beschwörenden, fast um eine Reaktion bettelnden Briefe und Eingaben der Mitglieder,1147 dem häufig geäußerten Positiv- 1141 Information zur 2. Tagung des Bezirksvorstandes Rostock am 27.9.1989, BStU, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 421, Bl. 135–136. 1142 Eingabe der Ortsgruppe Wismar II, vom 2.10.1989, ACDP 07-011-3370, S. 2–3. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 77. 1143 Vgl. Informationsbericht des KV Grevesmühlen an den HV vom 3.10.1989, ACDP 03-03-033/3, S. 2. Zit. n.: Ebd. 1144 Brief des Kreisvorstandes Wismar an die Parteileitung vom 3.10.1989, ACDP 03-043-032/1, S. 1–3. Zit. n.: Ebd. 1145 Protokoll der Kreissekretariatssitzung Stralsund vom 4.10.1989, ACDO 03-043- 041/1, S. 1–5. 1146 Informationsbericht des KV Stralsund vom 5.10.1989, ACDP 02-253-001/3, S. 1–2. 1147 Besonders eindringlich ist die Eingabe Nr. 402 eines Greifswalder Mitglieds vom 8.10.1989, ACDP 07-011-3371. beispiel Manfred Gerlachs, der Kritik an der alleinigen Führungsrolle der SED1148 und ersten Rücktrittsforderungen1149 wird deutlich, dass den Mitgliedern hier noch nahezu ausschließlich an Reformen des Sozialismus gelegen war. Die überwiegende Mehrheit der Parteimitglieder wollte „weiter in der DDR leben und das sozialistische System, wie es die Klassiker lehrten und wie es im Parteiprogramm, im Statut der SED und auch in unseren Parteidokumenten steht“1150 verwirklichen. Dass jedoch auch der reformsozialistische Weg angesichts der „korrumpierten Politik der SED“1151 auf den Widerstand der SED-Hardliner stoßen würde, war vielen Mitgliedern bewusst: „Trotz aller Probleme sind wir am meisten besorgt über die Erfahrungsaustausche mit China, wir haben noch die schrecklichen Bilder der Studentenunterdrückung vor Augen und befürchten gleiche Maßnahmen bei uns“.1152 Parallel mit einer Unterschriftenaktion zur Einberufung eines Sonderparteitages bis März 1990 fordert das Rostocker Bezirkssekretariat die eigene Parteiführung und die SED Mitte Oktober dazu auf, die Gesprächsversuche des Neuen Forums anzunehmen. Erstmals wies es darauf hin, dass auch die Kreissekretariate „derzeit nicht mit der Führungsrolle einverstanden“1153 seien. Die Vorstellungen der Funktionäre und Mitglieder waren aber schon recht heterogen und reichten von Wünschen nach Modifizierung der Führungsrolle1154 bis hin zu deren grundsätzlichen Ablehnung in einigen Ortsgruppen. „Wer die Zeichen der Zeit nicht verste- 1148 Vgl. Eingabe Nr. 275 der Ortsgruppe Poel im KV Wismar vom 10.10.1989, ACDP 07-011-3369, S. 2. 1149 Vgl. Nr. 402 von einem Greifswalder Mitglied vom 8.10.1989, ACDP 07-011- 3371. 1150 Eingabe Nr. 275 der Ortsgruppe Poel im KV Wismar vom 10.10.1989, ACDP 07-011-3369, S. 2. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 77. 1151 Die SED vertrete längst nicht mehr die Interessen der Arbeiterklasse, sondern ihre eigenen, so die Einschätzung des Informationsberichts des KV Grimmen an den HV vom 15.10.1989. 1152 Eingabe Nr. 275 der Ortsgruppe Poel im KV Wismar vom 10.10.1989, ACDP 07-011-3369, S. 3. 1153 Vgl. Aktennotiz einer außerordentlichen Dienstberatung des Bezirksvorstandes am 18.10.1989, ACDP 03-043-049/2. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 82. 1154 So etwa konstatierte eine Beratung mit Staatsfunktionären und Abgeordneten in Nienhagen am 25.10.1989, dass eine erneuerte sozialistische Demokratie unerlässlich sei und sie die Führungsrolle der SED aufgrund ihrer politischideologischen Weltanschauung und nicht auf Weisung anerkennen würden. Auch auf dieser Tagung wurde festgehalten, dass einzelne Ortsgruppen die Führungsrolle nicht länger akzeptieren. ACDP 07-011-3871, S. 2–4. hen will, sollte seinen Platz räumen“.1155 Auch im Kreisverband Greifswald wurden deutliche Stimmen der Basis gegen die Parteiführung laut. Der sehr engagierte Greifswalder Pfarrer Glöckner, der der erste Nach-Wen– de-Bürgermeister der Hansestadt wurde, drängte Anfang November: „Endlich muss auch unsere durch Opportunismus und Anpassung und wohl auch Korruption nach Wort und Geschäft schwerbelastete CDU einer neu zu gestaltenden CDU weichen. Das bedeutet, nicht nur eine neue Orientierung zu gewinnen, sondern auch die Kräfte aus führenden Positionen zu entfernen, die zu deutlich den Stempel der bisherigen Anpassung und Feigheit der CDU an sich tragen. Dabei denke ich vor allem an den Vorsitzenden der CDU, Herrn Götting, aber auch an manche andere auf Staats-, Bezirks- und Kreisebene.“1156 Forderungen nach Kaderveränderungen an der Parteispitze unter Androhung von Aus- oder Übertritten zur LDP(D) kamen Ende Oktober von allen Seiten unterhalb der Bezirksebene.1157 Doch auch hier schätzte ein IM noch ein, dass „die Mehrheit der Mitglieder der CDU auf der Grundlage des Sozialismus und in Anerkennung der führenden Rolle an der Bewältigung der entstandenen Situation mitarbeiten“. Mahnend räumte er ein, dass dessen Gelingen „aber von der Reaktion Göttings abhängt, da sonst jüngere Reformkräfte mit oppositionell schärferen Grundzügen das Sagen bekommen“.1158 Auch Klemm klagte Ende Oktober gegenüber Götting, dass die „Arbeit mit den Mitgliedern und Bürgern sehr kompliziert“ sei und dass auf „Veranstaltungen kritische Fragen zu Dingen, die bisher feststanden, geäußert werden, wie zum Beispiel zum Führungsanspruch der SED.“1159 Zudem wies er darauf hin, dass sich selbst der SED-Bezirksvorsitzende Timm für die Legalisierung des Neuen Forums einsetzen wolle und Götting es ihm gleich tun sollte, da „Abwarten nicht die richtige Methode“ sei. Gegenüber der Basis müsse Götting Handlungsfähigkeit beweisen und auf diese zugehen, da die Mitglieder trotz der Kritik nach wie vor an einem Dialog mit dem Präsidium interessiert seien.1160 1155 Brief der OG Warnemünde an den HV vom 21.10.1989, ACDP 03-043-032/4, S. 2. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 82. 1156 Glöckner, R.: Die CDU als vorwärtsweisende Kraft jetzt neu formieren, in: Demokrat vom 2.11.1989, S. 3. 1157 Vgl. Beratung mit Staatsfunktionären und Abgeordneten in Nienhagen am 25.10.1989, 07-011-3871, S. 5. 1158 Bericht eines Berliner IM vom 24.10.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 18776, Bl. 21. Zit. n.: Güth, Resignation, S. 78. 1159 Bericht BV Rostock an Götting vom 27.10.1989, ACDP 07-011-3422. Zit. n.: Ebd. 1160 Ebd. Als Reaktion auf Zuschriften wie diese erstellten Götting und der Hauptvorstand Ende Oktober ein erstes Positionspapier für mehr Demokratie und Unabhängigkeit von der SED und kamen damit den wochenlangen Profilierungsforderungen und den Weimarer Anregungen nach.1161 Über den Bezirksverband wurde dieses Schreiben an alle Ortsgruppen verteilt und fand große Zustimmung, konnte den Parteivorsitzenden Götting jedoch nicht mehr nachhaltig stärken: Seit Ende Oktober waren ernstzunehmende Bestrebungen in den Kreisverbänden, dem Bezirksverband und selbst dem Hauptvorstand erkennbar, Götting wegen seiner Reformunwilligkeit und seines seit Jahren beklagten autoritären Führungsstils1162 abzulösen, der maßgeblich für den Prestigeverlust der CDU(D) verantwortlich gemacht wurde.1163 Am 1.11.1989 suchten die Verfasser des Weimarer Briefes und Vertreter aller Bezirke Götting auf, um ihn zum Rücktritt zu bewegen, andernfalls – so drohten sie an – würden sie Dinge enthüllen, die einen problemlosen Rücktritt unmöglich machen würden.1164 Ob hiermit bereits die Veruntreuung von Parteigeldern durch Götting gemeint war, konnte leider nicht festgestellt werden. Über diesen Schritt waren Heyl als designierter Interimsvorsitzender und weitere Mitglieder des Hauptvorstandes informiert, die laut Einschätzung einer Quelle damit auch karrieristischen Interessen nachgingen und schon seit längerem auf Göttings Rücktritt hingearbeitet hatten.1165 Auch Lothar de Maizière wurde bereits vor dem Rücktritt Göttings über eine mögliche Kandidatur befragt.1166 Alle Instanzen waren sich einig, dass Götting nicht mehr haltbar sei. Auch der SED war nur eine stabile CDU(D) dienlich: Inoffizielles Material des MfS bestätigt, dass die Abteilung Befreundete Parteien beim ZK der SED sich vorab mit der Absetzung Göttings einverstanden erklärt hatte, da er nichts mehr 1161 So etwa fehlte die Passage „vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Partei der Arbeiterklasse“ in dem Positionspapier. 1162 Vgl. Information zur Tätigkeit des Hauptvorstandes der CDU, BV Rostock vom 25.2.88, BStU, MfS, HA XX, Nr. 6992/1, Bl. 80–81. 1163 Beklagt wurde darin z. B., dass Götting keinerlei Diskussionen zuließe, keine Informationen an den Hauptvorstand, die Sekretariatsmitglieder und sonstigen Mitarbeiter weitergäbe und dass er Stellungnahmen zu SED-Beschlüssen formulieren ließe, ohne diese gelesen zu haben. Informationen über einige Aspekte der politisch-ideologischen Situation in den befreundeten Parteien vom 23.12.88, BStU, MfS, HA XX 6632, Bl. 49. 1164 Vgl. Information über einige aktuell beachtenswerte Aspekte zur Lage in der CDU vom 26.10.1989, BStU, MfS, ZAIG, Nr. 3759, Bl. 11–12. 1165 Vgl. ebd., Bl. 12–13. 1166 Vgl. de Maizière, Ich will, S. 53. zur Stabilisierung der Partei beizutragen habe.1167 Diese „Opferung“ Göttings habe zu einem massiven Vertrauensverlust der übrigen SEDnahen Präsidiumsmitglieder geführt.1168 Den Tags darauf erfolgten Rücktritt Göttings kommentierten die Mitglieder überraschenderweise kaum. Den wenigen Wortmeldungen ist vor allem die Erleichterung über die endlich überwundene Sprachlosigkeit und eine allgemeine Aufbruchsstimmung zu entnehmen.1169 Zeitgleich wurde aber auch von Skepsis und Unsicherheit gesprochen.1170 Bei der LDP(D) war bereits das Jahr 1986 von zunehmend kritischen Äußerungen geprägt. Besonders früh fiel der Kreis Rügen mit forschen Formulierungen und neuem Denken auf. Hier ging der Wunsch nach einer größeren Profilierung der Partei mit dem nach Reformen in der DDR einher. Letztere könnten aber nicht durch die Partei allein, sondern nur gemeinsam mit den Bürgern erfolgreich gefordert werden, so die Einschätzung des Kreisverbandes.1171 Trotz der deutlichen Worte der Rügener Kreisfunktionäre gab es Ende 1986 erste Anzeichen von Resignationserscheinungen und vermehrt Ausreiseanträge.1172 Während einige Ortsgruppen ab Mai 1987 nahezu arbeitsunfähig waren,1173 wurde in anderen Kreisverbänden die Tendenz beobachtet, dass sich immer mehr 1167 Vgl. Persönliche Information des Ministers für Post- und Fernmeldewesen vom 1.11.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 4836, Bl. 39. Zu diesem Zeitpunkt hatte Rudolph Schulze dieses Amt inne. 1168 Vgl. Informationen über Stimmung und Meinungen zur Reiseverordnung und zur gegenwärtigen Lage in der CDU-Volkskammerfraktion vom 4.11.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 4836, Bl. 49. 1169 Vgl. Informationsbericht Rügen vom 5.11.1989, ACDP 03-043-032/5. 1170 Nach dem Rücktritt Göttings wurden einige bisher lethargische Ortsgruppen wieder aktiv. Informationsbericht des KV Greifswald für den Monat November vom 3.11.1989, ACDP, 03-043-045/6, S. 2. 1171 Vgl. Schlusswort auf der Kreisdelegiertenkonferenz Rügen am 18.10.1986, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 31626, S. 10. 1172 Unzureichende Teilnahme der Mitglieder an Parteiveranstaltungen: Abschlussbericht des 29. Zirkeljahres Rügen am 18.7.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33815, S. 3. Steigende Anzahl der Ausreiseanträge: Protokoll der Sekretariatssitzung vom 24.11.1986, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33875, S. 2. 1173 Das betraf vor allem die OG Ahlbeck und Heringsdorf im KV Wolgast. Protokoll der Sekretariatssitzung vom 25.5.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33807, S. 2. Mitglieder auf den Sitzungen äußern.1174 Ältere zogen sich zurück, während nun vor allem Jüngere das Parteileben gestalteten.1175 Auch in der Bevölkerung erkannten die Liberaldemokraten zunehmende Unzufriedenheit: Die Bürger seien mit den „üblichen Argumenten (Grundversorgung, hohe Sozialleistungen, stabile Mieten)“1176 nicht mehr zu erreichen. Unter den reformorientierten Erwartungshaltungen der Bürger leide auch die Mitgliedergewinnung. „Was tut ihre Partei, um diesen Zustand zum Positiven zu verändern?“, werde in Werbungsgesprächen immer häufiger gefragt.1177 „Mehr Aussagen zur Spezifik der Partei“1178 und eine Auflistung der LDP(D)-Vorschläge seien konkrete Maßnahmen, um den Anforderungen potentieller Neumitglieder entgegenzukommen.1179 Das Jahr 1987 war geprägt von dem Aufkommen grundsätzlicher Zweifel. So hinterfragte Rostock-Land das stereotype Freund-Feind-Schema im Umgang mit Umweltaktivisten1180 und der Bezirksvorstand berichtete über allgemeine Zweifel der Mitglieder an den Möglichkeiten der sozialistischen Planwirtschaft.1181 Die skeptischen Einschätzungen über deren Leistungsfähigkeit wurden durch den Verkauf der Pflastersteine der ehemaligen Straße F 96 bei Greifswald deutlich verschärft: Ein Staat, der Pflastersteine einer bestehenden Straße verkaufen muss, um Devisen zu erzielen, kann die Überlegenheit des eigenen Wirtschaftssystems kaum 1174 Vgl. Informationsbericht Ribnitz-Damgarten vom 10.2.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1175 Vgl. Abschlussbericht zum 30. Zirkeljahr Wismar vom 20.7.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33879. 1176 Informationsbericht Grevesmühlen vom 5.9.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1177 Informationsbericht Greifswald vom 7.11.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1178 Informationsbericht April/Mai des BV an den ZV vom 14.5.1987, ADL, Bestand Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-1005, S. 3. 1179 Informationsbericht Ribnitz-Damgarten vom 4.5.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 2. 1180 „Sind etwa alle Kritiken an unserer Umweltpolitik schon staatsfeindlich?“, fragte der Landkreis anlässlich der Räumung der Berliner Umweltbibliothek. Informationsbericht Rostock-Land vom 8.3.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 3. 1181 Vgl. Vorlage für die Sitzung des Sekretariats des ZV am 29.9.1987. Berichterstattung zu Ergebnissen, Erfahrungen und Problemen bei der Führung der persönlichen Gespräche zur Ausgabe neuer Mitgliedsbücher des BV Rostock vom 15.9.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33755, S. 2. überzeugend propagieren.1182 Insgesamt seien „Überlegungen zur Veränderung nötig“, resümierte der Rostocker Stadtkreis.1183 Aber ob „wir überhaupt in der Lage sind, Änderungen in der gegenwärtigen Situation zu bewirken“, wurde ebenso bezweifelt wie ein Sieg über die Resignation der Mitglieder.1184 Selbstbewusst präsentierte sich dagegen der Kreisverband Bad Doberan zum Ende des Jahres 1987, dessen Vorsitzender eine umfassende Herleitung der bürgerlich-demokratischen Tradition der LDP(D) und ihres Verhältnisses zum Marxismus in den Informationsbericht einpflegte. Er legte dar, dass es unter der Diktatur des Proletariats keine demokratische Mitwirkung geben könne, dass die KPD auch in den Gründungsmonaten des Demokratischen Blocks keine demokratische Partei gewesen und damit die Grundannahme der DDR-Parteienpolitik falsch sei. Als einzig verbliebenen Unterschied zwischen LDP(D) und SED machte er den Verzicht auf ein weltanschauliches Bekenntnis aus. Auf dieses arbeite die LDP(D) jedoch bei jenem Personenkreis hin, „der nicht oder noch nicht bereit ist, die Reihen der SED zu stärken“. Die Existenzgrundlage der LDP(D) bestünde also darin, dass sie gerade diese „progressive Ideologien der Vergangenheit bewahren“ müsse, „um den Prozess der Klassenannäherung zu befruchten“.1185 Angesichts der schlüssigen und fundierten Argumentation blieb auch dem Adressaten des Informationsberichts nur die hilflose Randbemerkung „Kann man ihm nicht mal eine pfiffige Antwort geben?“.1186 Zu Beginn des Jahres 1988 erwarteten die Mitglieder, dass die „LDP(D) verstärkt eigenständige Beiträge“ liefert, aber noch nicht, „dass die LDP(D) eine Oppositionspartei wird.“1187 Neben dem mangelnden Engagement der Mitglieder und unzureichenden Werbungserfolgen traten ab Anfang 1182 Dass diese Maßnahme weder mit den Bürgern noch mit den Räten der betroffenen Gemeinden besprochen war, verdeutlicht auch das Verhältnis von Regierenden zu Regierten. Information des KV Greifswald über die Maßnahmen an der Fernverkehrsstraße 96 vom 12.10.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33797. 1183 Informationsbericht Rostock-Stadt vom 8.10.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 3. 1184 Protokoll der Kreisvorstandssitzung Grevesmühlen vom 21.10.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33798, S. 2. 1185 Informationsbericht Bad Doberan vom 5.12.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33878. 1186 Ebd. 1187 Abschlussbericht zur Ausgabe neuer Mitgliedsbücher im KV Rostock-Land (ohne Datum, wohl Januar 1988), ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33834, S. 2. 1988 auch Fälle von Verantwortungsverweigerung auf.1188 Bis zum Herbst 1989 sollte die Anwerbung neuer Mitglieder noch so schwierig werden, dass den Kreisvorsitzenden eine Prämie von 100 Mark der DDR bei Erfüllung des Werbungsplanes bzw. von 150 Mark der DDR bei Übererfüllung zugesichert wurde, um ihren persönlichen Einsatz zu steigern.1189 Auf den Mitgliederversammlungen veränderte sich das Gesprächsklima ab dem Frühjahr 1988. Es werde in einigen Grundeinheiten „aggressiv und provozierend“ diskutiert, wodurch es zu „intensiven Auseinandersetzungen“ käme: Die Mitglieder würden nun im Gegensatz zu früher unaufgefordert und selbstbewusst ihre Meinung sagen1190 und sich „den Ärger von der Seele“ reden.1191 Ab dem Sommer 1988 wollten viele LDP(D)-Mitglieder in ihrer Partei „gern eine konstruktive Opposition sehen, die für das Wohl des Volkes für frischen Wind sorgt und Erstarrtes in Bewegung bringt“.1192 Die LDP(D) müsse in dem notwendigen Umdenken eine „progressive Rolle“ einnehmen. Damit reagierte die Basis direkt auf die Rede Gerlachs in Weimar, in der er die Vision einer aktiv und selbständig mitgestaltenden LDP(D) entworfen hatte.1193 Eine kritischere Auseinandersetzung mit der SED war ein Bestandteil der anstehenden Aufgaben. „Ist es die Rolle der Liberaldemokraten, immer wieder auf die Entwicklung der sozialistischen Kommunalpolitik hinzuweisen und dafür zu kämpfen?“1194, fragte so der Rostocker Stadtkreis nach der 6. Tagung des ZK der SED. Auch die Vormachtstellung der SED regte Diskussionen an: Man wolle sich zwar nicht in die inneren Angelegenheiten der SED einmischen, aber die Mitglieder würden sich die strikte Trennung von Staat und Partei ebenso wünschen, wie eine zeitliche 1188 „Es bestehe wenig Interesse an einer Tätigkeit unmittelbar im Staats- und Parteiapparat.“ Berichterstattung Rostock-Stadt vor dem Sekretariat des BV am 22.2.1988: Zur Arbeit mit Kadern in Funktionen sowie zur Bildung einer einsatzbereiten Kaderreserve, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33834, S. 6. 1189 Vgl. Rundschreiben Krüger an alle Kreisverbände vom 4.9.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33769. 1190 Informationsbericht Rügen vom 7.3.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33813. 1191 Abschlussbericht vom 30. Zirkeljahr Wismar vom 20.7.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33879. 1192 Informationsbericht Rostock-Land vom 5.5.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 2. 1193 Informationsbericht Bad Doberan vom 6.5.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1194 Stellungnahme des KV Rostock-Stadt zur 6. Tagung des ZK der SED vom 12.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33834. Begrenzung der Abgeordnetentätigkeit, schrieb der Rügener Kreissekretär an den LDP(D)-Bezirksvorsitzenden Günter Krüger.1195 Insgesamt sei in der DDR eine Atmosphäre entstanden, in der es überall knistert. „Hoffentlich bleibt es beim Knistern und kein Funke entfacht das Feuer!“1196 Auch G. Krüger erkannte die problematische Lage der reformorientierten Liberalen im starren volksdemokratischen System und ermunterte seine Parteifreunde: „Unsere Partei erweckt gegenwärtig den Eindruck, als wolle sie zwar etwas bewegen, könne dies aber nur in zweitrangigen Fragen. Wenn wir offensiv auftreten wollen, dann müssen wir Positionen beziehen zu zentralen Fragen!“1197 Gegen Ende des Jahres 1988 häuften sich Müdigkeitserscheinungen auch bei Kreisfunktionären und Amtsinhabern, die nicht selten in Austrittserklärungen und angedrohten Ämterniederlegungen in Folge des Sputnik- Verbots gipfelten.1198 Mit Beginn des Jahres 1989 war eine weitere Verschärfung des Meinungsstreits in der LDP(D) zu beobachten. Von „nie gekannter Schärfe und Leidenschaft“ sprach der KV Bad Doberan ebenso wie von „weitgreifender Resignation“ und Austrittserklärungen 1199 Insbesondere die jungen LDP(D)-Mitglieder waren angesichts der Ereignisse der letzten sechs Monate nicht mehr bereit, den Weg der überalterten SED-Führung1200 „so mitzugehen“.1201 Eine Opposition werde es zwar nicht geben, wohl aber sei die LDP(D) dazu in der Lage, der „SED mehr Anregungen zu geben“.1202 Der Bezirksvorstand beobachtete aber auch eine gegenläufige Entwicklung: (…) „zunehmend auch Zweifel an der Sieghaftigkeit des Sozialismus, Resignation, Austritte und Eingaben“. Viele Hoffnungen würden auf der LDP(D) ruhen.1203 Man müsse nun selbständig 1195 Vgl. Schreiben vom 6.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33813, S. 2. 1196 Informationsbericht vom 9.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Ristock, Nr. 33787, S. 2. 1197 Günter Krüger auf der Bezirksvorsitzendenberatung am 18.August 1988 in Schwerin, ADL, Bestand Abteilung ZV, Bezirksvorsitzendenberatungen, Nr. L8-1804. 1198 Vgl. z. B. Informationsbericht Wismar vom 8.11.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock Nr. 33787, S. 2. 1199 Informationsbericht vom 6.1.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1200 Vgl. Informationsbericht Grimmen vom 6.1.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1201 Informationsbericht Bad Doberan vom 6.1.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1202 Ebd., S. 2. 1203 Informationsbericht Dezember/Januar des BV an den ZV vom 19.1.1989, ADL, Bestand Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-1005, S. 4. mit Vorschlägen auf die SED zugehen und nicht darauf warten, gefragt zu werden, war die Devise.1204 Auch auf Rügen kippten die sachlichen Diskussionen im März 1989: Die Mitglieder würden ihre Meinung teils aggressiv und lautstark vertreten, man selbst komme kaum zum Ausreden. Daher hätten einige Abgeordnete „förmlich Angst“, sich den Mitgliedern zu stellen.1205 Ähnliche Tendenzen wurden auch aus Greifswald berichtet.1206 Im Mai geriet auch die eigene Parteileitung erstmals in den Fokus und die Mitglieder forderten Informationen über deren genaue Tätigkeit.1207 In Auswertung der Kommunalwahl sprachen die „Parteifreunde offen aus, dass sie davon überzeugt sind, dass das Wahlergebnis manipuliert wurde“.1208 Zu dieser Einschätzung gelangte die LDP(D) deutlich früher als die CDU(D). Daneben häuften sich nun grundlegende Fragen zur Gesellschaftsordnung der DDR, die auch die Führungsrolle der SED und deren praktische Ausgestaltung betrafen.1209 „In der Praxis gibt es nur eine Partei in der DDR“, erklärte der Bezirksparteischullehrgang für Führungskader. Auf dem Lehrgang wurden aber nicht nur grundlegende Fragen zum Zustand der DDR aufgeworfen, sondern auch Diskussionen über die Perspektive des Sozialismus und aller fünf Blockparteien geführt.1210 1204 Vgl. Protokoll der Bezirksvorstandssitzung am 3.2.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33751, S. 14. 1205 Informationsbericht Rügen vom 7.3.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33821, S. 2–4. 1206 Vgl. z. B. Informationsbericht vom 8.3.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 3. 1207 Vgl. Informationsbericht April/Mai 1989 des BV an den ZV, ADL, Bestand Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-1005, S. 4. 1208 Informationsbericht Rügen vom 7.6.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33821. 1209 „Was ist Sozialismus?, Wie sieht die Bündnispolitik in der Praxis aus?, Woraus resultiert die Führungsrolle?“. Referat des stellvertretenden Bezirksvorsitzenden auf der Bezirksvorstandssitzung am 11.5.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33751, S. 10–11 und S. 22. 1210 Ausgewählte Fragen waren z. B.: „Sind die befreundeten Parteien nicht nur ein internationales Aushängeschild?, Wann wird die LDP(D) (…) im Alleingang die Medienpolitik in der DDR verändern?, Was heißt, die LDP(D) sei eine staatstragende Partei? Besteht ihre Aufgabe nicht nur in der Vorschlagstätigkeit, im Abfassen von Petitionen?, Wann sagt sie Gleichmacherei den Kampf an?, Die Rolle und Aufgaben der Intelligenz nehmen zu, wird sie die Arbeiterklasse verdrängen?, Was ist das politische Ziel der LDP(D)? Wird sie trotz bürgerlicher Vergangenheit eine marxistische Partei?“, Kurzbericht der Bezirksparteischule vom 17.–21.4.1989 vom Die internationale und nationale Entwicklung der letzten Monate förderte bis zum Sommer 1989 nicht nur neue Kräfte innerhalb der LDP(D) zu Tage, sondern offenbarte auch eine zunehmende Heterogenität der Mitgliedschaft. „Die Lage in Ungarn führt zu Unsicherheit und Resignation bei den einen, zu tosendem Beifall bei den anderen“, fasste der Bezirksverband zusammen. Einig sei man sich jedoch in dem Wunsch, dass Glasnost und Perestroika „jene wirtschaftlichen Kräfte freisetzt, die die historische Überlegenheit des Sozialismus beweisen kann“.1211 Da die Wirtschaftskraft in der DDR nicht mehr ausreiche, um die Sozialpolitik zu finanzieren, brauche man dringend neue Impulse, stellte der Abschlussbericht des 32. Zirkeljahres im Juli fest. Auch die Erwartungshaltung der Bevölkerung hätte sich verändert, denn aus der vorherrschenden „materialisierten Sicht auf die Werte des Sozialismus“ entstünde ein Großteil des Unmuts der jüngeren Bevölkerung.1212 Als Ergebnis der unbefriedigenden Gesamtsituation der DDR und des Ostblocks insgesamt prophezeite der Kreisverband Greifswald: „Die alte Welt trägt den Stempel des unvermeidlichen Untergangs“.1213 Durch die Gründung von Jugendbeiräten in Rostock, Stralsund und Bad Doberan im Sommer 1989 erweckte die LDP(D) den Anschein, in eine Konkurrenzinstitution zur SED-Jugendarbeit zu treten und sich darüber profilieren zu wollen.1214 Die LDP(D)-Mitglieder behaupteten sich zunehmend gegenüber der eigenen Parteileitung: Da ihre Reformforderungen bislang ohne Resonanz geblieben waren, wurde ab Mitte August auch von der „Notwendigkeit auf oppositionelles Verhalten“ gesprochen.1215 Bei der NDPD war der artikulierte Unmut wesentlich verhaltener. Abgesehen von konkreten Kritikpunkten auf einzelnen Themenfeldern scheint der Unmut der Basis durch opportunere Kreisfunktionäre und 16.5.1989, ADL, Bestand Abteilung Agitation und Schulungen, Nr. L8-345, S. 2–5. 1211 Referat zur Bezirksvorstandssitzung am 26.6.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33751, S. 6–7. 1212 Abschlussbericht des 32. Zirkeljahres des Politischen Bildungszirkel Rostock vom 4.7.1989, ADL, Bestand Politische Bildungszirkel, Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-100, S. 3. 1213 Informationsbericht vom 7.7.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 2. 1214 Wie die Gründung der Jugendbeiräte tatsächlich zu interpretieren ist, thematisiert Kapitel 3.2.4. Anleitung und Inszenierung durch die SED. 1215 Abrechnung der Arbeitsergebnisse Bad Doberan vom 15.8.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33796, S. 2. einen restriktiveren Umgang mit Kritik gedämpft worden zu sein: Dass sich die Unzufriedenheit der NDPD-Mitglieder „bis auf wenige Akzente“ aber weder in ihrer Intensität noch in ihrer Ausrichtung „von CDU und LDP(D)“ unterschied, bestätigte Ende 1988 auch das MfS.1216 Erst im Sommer 1989 brach die starre NDPD-Kommunikationskultur, die kaum Platz für Unmut und Kritik ließ, auf. Daher fand die grundsätzliche Stimmungsänderung bei der NDPD nur in den Monaten von August bis Anfang November Niederschlag in den Quellen. In diesem Zeitraum zeigt sich die NDPD-Mitgliedschaft wesentlich heterogener als die von CDU(D) und LDP(D). Aufschlussreicher und authentischer als die NDPD-Informationsberichte sind die Berichte der Schulungen und Lehrgänge. Der Abschlussbericht des Monatslehrgang im Juni 1989 nahm erstmals die zentrale Frage der kommenden Monate vorweg: Wie ist die Anerkennung der führenden Rolle der Partei der Arbeiterklasse mit der Eigenständigkeit der NDPD zu vereinbaren?1217 Trotz der strengeren Informationshandhabung wurde auch bei den Nationaldemokraten in den Sommermonaten mehrfach über die regen und kontroversen Diskussionen auf den Kreisversammlungen berichtet.1218 Dies sah der Bezirksvorstand als Gefahr. So nahm die Bezirksleitung ein vermeintlich ungenügendes Referat auf der Stralsunder Kreisverbandssitzung zum Anlass um anzuordnen, dass mündliche Ausführungen künftig zuvor schriftlich ausgearbeitet, dem Vorstand zur Einsichtnahme vorgelegt und dann wörtlich verlesen werden sollen.1219 Mit Maßnahmen wie dieser bestätigen die Rostocker NDPD-Bezirksfunktionäre, dass sie restriktiver als ihre Amtskollegen von CDU(D) und LDP(D) gehandelt haben. Im Spätsommer 1989 verschärften die zunehmende Anzahl der Ausreisenden und der Abbau der ungarischen Grenzanlagen die bestehenden Diskussionen. Wie stark die Ansichten der NDPD-Mitglieder auseinanderklafften und von der SED-Argumentation abwichen, verdeutlicht die Diskussion um die Ausreise von DDR-Bürgern. Über die Frage, ob es 1216 Information über einige Aspekte der politisch-ideologischen Situation in den befreundeten Parteien vom 23.12.1988, BStU, MfS HA XX, Nr. 6632, Bl. 54. 1217 Vgl. Bericht über den Wochenlehrgang vom 20.6.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 180. 1218 Vgl. z. B. in den Informationen zur Kreisverbandssitzung Stralsund am 5.6. 1989 an den Bezirksvorsitzenden, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/106, Bl. 16. 1219 Vgl. Informationen zur Kreisverbandssitzung Stralsund am 5.6.1989 an den Bezirksvorsitzenden, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/106, Bl. 16. sich bei den Ausreisenden grundsätzlich um eigenverantwortlich agierende und „zu Flüchtlingen stilisierten ehemaligen Bürger der DDR“1220 oder gezielt abgeworbenen Fachkräfte1221 handele, konnte kein Konsens erzielt werden. Ob man sie bei einer möglichen Rückkehr überhaupt wieder einreisen lassen sollte oder stattdessen eine Ausweitung der legalen Reisemöglichkeiten nötig ist,1222 blieben ebenso ungeklärte Fragen. Die Einschätzungen der Lage im Ostblock divergierten ebenfalls. Ein Teil der Mitgliedschaft forderte, die Bürger in Polen, Rumänien und Usbekistan sollten für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen arbeiten und die Produktion nicht noch durch Streiks und Diskussionen lähmen.1223 Welche Meinungsäußerungen bei der NDPD dennoch möglich waren, zeigen zwei Wortmeldungen aus dem benachbarten Bezirk Neubrandenburg. „Ob denn der Sozialismus heute als Gesellschaftsordnung überhaupt noch eine Chance hat oder er sich als Utopie erwiesen hat“,1224 wurde im Kreisverband Ueckermünde freimütig diskutiert. Als Maßnahme zum Erhalt des DDR-Sozialismus wurde von den dortigen Mitgliedern im Juni 1989 unter Bezugnahme auf die Sowjetunion vorgeschlagen, die SED möge auf die führende Rolle zu Gunsten eines „freien Spiels der Kräfte“ samt einer Opposition im Rahmen der sozialistischen Weltanschauung verzichten, das Leistungsprinzip durchsetzen, Führungspositionen nach beruflicher Eignung besetzen und ein Europa ohne Grenzen und mit freiem Reiseverkehr gestalten.1225 Diese Vorstellung erschien im frühen Sommer 1989 nahezu visionär und kontrastierte die Ansichten von Parteiführung und Teilen der Mitgliedschaft sehr deutlich: Statt offene Grenzen zu fordern, rechtfertigten einige Rostocker Mitglieder zeitgleich den Fortbestand der Mauer unter dem Verweis auf die beobachteten rechtsradikalen Tendenzen in der BRD.1226 1220 Aktuelle Parteiinformationen Nr. 79 vom 9.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/477, S. 15. 1221 Auch diese These vertraten einige Mitglieder. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 78 vom 25.9.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 5. 1222 Vgl. z. B. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 79 vom 9.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/477, S. 16. 1223 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 70 vom 19.6.1989, SAPMO BArch, DY 16/428, S. 9. 1224 Aktuelle Parteiinformationen aus dem KV Ueckermünde vom 29.6.1989, SAPMO BArch, DY 16/5193. 1225 Vgl. ebd., S. 2. 1226 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 71 vom 26.6.1989, SAPMO BArch, DY 16/428, S. 11. Das Präsidium reagierte auf die zunehmenden abweichenden Meinungen, die auch hauptamtliche Mitarbeiter vertraten,1227 mit ideologischen Apellen und dem Versuch, die niederen Gliederungen und deren Funktionäre enger anzuleiten.1228 Davon abgesehen schien die Parteiführung aber machtlos. Dass die SED auf die angespannte Situation in allen Parteien und der Bevölkerung reagieren müsse, wurde von vielen Mitgliedern erwartet. Diese Erwartung war jedoch nicht nur von Zuversicht geprägt, sondern ebenso von massiven Bedenken und Sorgen. So berichtete der Kreisverband Bad Doberan Ende August, man habe „Angst vor einem möglichen Militäreinsatz wie in Prag 1968“.1229 Auf die Emanzipation von der SED hofften einige NDPD-Mitglieder bereits jetzt nicht mehr, sodass die Kreisdienststelle des MfS Bad Doberan erste Austritte aus Ablehnung der SED-Führungsrolle meldete.1230 Diese gingen überraschend früh mit Rücktrittsforderungen Homanns und anderer Führungskader einher.1231 Mitte September wurde dem Hauptausschuss (kurz: HA) das „unduldsame Wollen der Parteifreunde“ mitgeteilt, „sichtbar eigenständiger an der Seite der SED zu stehen“.1232 Das Bezirkssekretariat war dagegen noch Ende September um eine Mittlerposition bemüht: „Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder stellt sich als treue Verbündete der Arbeiterklasse, der SED, dar. Deutlich wird aber in allen Diskussionen der Wunsch nach für jeden Menschen spürbaren Verbesserungen in unserer sozialistischen Gesellschaft.“1233 Als diese weiterhin ausblieben, wurde der Ton einiger Kreisfunktionäre schärfer. So stellte der Bad Doberaner Kreisvorsitzende fest: „Die Starrheit der SED-Führung kann nicht nur am Gesundheitszustand Ho- 1227 Vgl. z. B. Abschlussbericht des Halbjahreslehrgangs vom 3.1.–30.6.1989, SAPMO BArch, DY 16/477. 1228 Die Aktuellen Informationen Nr. 77 vom 18.9.1989 berichten, „das Bezirkssekretariat Rostock wird unter Einsatz aller politischen Mitarbeiter sichern, dass ein ständiger enger Kontakt mit allen Vorständen in den Kreisen hergestellt wird“. SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 9. 1229 Aktuelle Parteiinformationen aus dem Bezirk Rostock vom 31.8.1989, SAPMO BArch, DY 16/5204. 1230 Vgl. Ergänzung zur Einschätzung der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien im Verantwortungsbereich der KD Bad Doberan vom 24.8.1989, BStU, MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 130, Bl. 42. 1231 Vgl. Information zu Stimmung und Reaktionen in der NDPD-Rostock vom 28.8.1989, BStU, MfS BV Rostock, KD Rostock, Nr. 217, Bl. 31. 1232 Aktuelle Informationen Nr. 76 vom 11.9.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 10. 1233 Protokoll der 51. Sitzung des Bezirkssekretariates Rostock am 25.9.1989, SAPMO BArch, DY 16/5204, S. 2. neckers liegen“ und forderte die Regierung auf, endlich Stellung zu beziehen.1234 Zweifel an der Legitimität der SED-Führungsrolle und der Bündnispolitik1235 begleiteten den Oktober ebenso wie weitere Austritte, die mit der mangelnden Positionierung der NDPD begründet wurden.1236 Auch viele der hauptamtlichen Mitarbeiter teilten diese Einschätzung im Oktober, wie der Rostocker Monatslehrgang zutage förderte: Eine Veränderung des Kernsatzes 1, also der vorbehaltlosen Anerkennung der SED-Füh– rungsrolle, die Neubestimmung der Rolle der Nationaldemokratischen Partei und freie Wahlen waren zentrale Forderungen der Kreisfunktionäre. Letzteres wurde als bewusste Reaktion auf die Unregelmäßigkeiten bei der letzten Kommunalwahl bezeichnet.1237 Interessanterweise sahen die Lehrgangsteilnehmer auch einen Zusammenhang zwischen den „begrenzten Wirkungsmöglichkeiten“ und „der Gründung der NDPD“, der aber leider nicht näher ausgeführt wurde und die Kenntnis um die inszenierte Parteigründung nur andeutet.1238 Zunehmend wurden auch personelle Veränderungen an der Parteispitze in Erwägung gezogen, Homann der Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen nahegelegt und die Neuwahl eines Jüngeren auf einem Sonderparteitag gefordert.1239 Diesen Kurs teilten auch die Mitglieder in Bad Doberan. Ende September verfassten einige von ihnen eine Resolution, in der sie sich zu den Zielen des Neuen Forums bekannten, ihr Misstrauen gegenüber der Parteiführung aussprachen, die Diktatur des Proletariats als unvereinbar mit der sozialistischen Demokratie bezeichneten und die NDPD zur Ausarbeitung einer kritischen und oppositionellen Haltung aufforderten. Die Resolution wurde zwar verfasst und von mehreren Mitgliedern unterzeichnet, laut eines MfS-Berichts aber nicht abgeschickt.1240 Interessant ist 1234 Bericht des KV Bad Doberan vom 3.10.1989, BStU, MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 598/2, Bl. 471. 1235 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 80 vom 16.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 5. 1236 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 79 vom 9.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/477, S. 16. Zu den Profilierungswünschen der Mitglieder siehe: Bericht über das inhaltliche und zahlenmäßige Gesamtergebnis des Studienjahres 1988/89 vom 21.7.1989, SAPMO BArch, DY 16/124, S. 7. 1237 Vgl. Bericht über den 2. Monatslehrgang BV Rostock vom 9.10.–2.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/4464, S. 4. 1238 Ebd. 1239 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 80 vom 16.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 10. 1240 Vgl. Bericht des IM Christian, Operativinformationen über Aktivitäten zur Formierung von Anhängern des Neuen Forums innerhalb der NDPDdie Vermutung des MfS, das hinter dieser Aktion die Eigeninitiative des berichtenden IM Christian zu erkennen glaubt: Mit der Initiierung dieser Resolution habe der IM möglicherweise ein reales Stimmungsbild ermitteln wollen.1241 An der Tatsache, dass der Forderungskatalog von mehreren Mitgliedern unterzeichnet worden ist und damit auf Zustimmung traf, ändert dieser Umstand jedoch nichts. Die hier geschilderten abweichenden Meinungen sollen aber nicht dar- über hinweg täuschen, dass ebenso große Teile der NDPD auch Mitte Oktober noch an der Treue zur SED und ihrem Vertrauen an „die von der 9. Tagung des ZK der SED eingeleitete Wende“1242 festhielten. Die Differenzen innerhalb der Partei waren jetzt schon kaum mehr zu überbrücken. Die Bewahrung des Integrationspotentials bei gleichzeitiger Neuprofilierung stellte die Partei ab Ende Oktober vor eine große Herausforderung. Ein Mitglied brachte das Dilemma der NDPD in einem Brief an Pommerenke auf den Punkt, indem es fragte: „Die Kernsätze sind die Identität der Partei, was will man da reformieren?“1243 Den Rücktritt Honeckers kommentierten die NDPD-Mitglieder fast gar nicht. Aus der Volkskammerfraktion wurde jedoch inoffiziell gemeldet, dass diese der Wahl von Krenz am 24.10.1989 ebenso wie die CDU(D)- Fraktion geschlossen ihre Zustimmung verweigern wolle. Bei den Nationaldemokraten war es der Vorsitzende des Staatlichen Vertragsgerichts, auch ein IM des MfS, der die NDPD-Fraktion von ihrem Vorhaben abbringen konnte.1244 Innerhalb der Partei war neben der geschilderten Meinungsvielfalt ab Anfang Oktober auch eine andere Veränderung bemerkbar: Viele Kreise berichteten, dass sich nun deutlich mehr Mitglieder an den Diskussionen auf Parteiveranstaltungen äußern und auch bisher wenig engagierte Mitglieder teilnehmen würden, die in der NDPD gern einen Kontrapunkt zur SED sehen würden.1245 So auch in Stralsund: Ein NDPD- Mitglied und Sympathisant der Gruppe Demokratie Jetzt! nutzte die Ver- Ortsgruppe Bad Doberan vom 14.10.1989, BStU, MfS BV Rostock, KD Rostock, Nr. 214, Bl. 482. 1241 Vgl. Akte: MfS, BV Rostock, IM Christian V, Nr. 8274. 1242 Aktuelle Informationen Nr. 81 vom 30.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313,S. 2. 1243 Brief eines Rostocker Mitgliedes an Pommerenke vom 30.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 287. 1244 Vgl. Bericht zu einem Gespräch mit einer zuverlässigen Quelle aus dem Zentralen Vertragsgericht vom 24.10.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 18776, Bl. 15. 1245 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 79 vom 9.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/477, S. 18. sammlung, um dort für Ideen der Bürgerbewegung zu werben. Er forderte die Abkehr vom Führungsanspruch der SED, den Rücktritt der Parteiführung, beteuerte die Wichtigkeit einer tatsächlichen Opposition und stilisierte die LDP(D) zur Hoffnungsträgerin auf demokratische Veränderungen, der man folgen solle. Seine Forderungen unterzeichneten immerhin sieben der anwesenden 24 Mitglieder in einer spontan formulierten Resolution.1246 Die Hilflosigkeit vieler hauptamtlicher Parteimitarbeiter, die offenbar keinerlei Handhabe gegen diese Verselbständigung der Mitglieder hatten, war kein Rostocker Phänomen: Bereits drei Wochen zuvor waren im Bezirk Leipzig erste Übertritte von Mitgliedern zum Neuen Forum gemeldet worden.1247 Nicht nur Resolutionen von Personengruppen, sondern auch gleichlautende Stellungnahmen von Ortsgruppen und ganzen Kreisverbänden erreichten die Parteiführung Ende Oktober. Auch der Ortsverband Barth aus dem Kreisverband Ribnitz-Damgarten wandte sich mit einer umfassenden Stellungnahme an den Hauptausschuss der Partei. Er begrüßte die Entwicklung der DDR seit dem Beginn des Monats und erklärte Homann ob seiner Nähe zu Honecker und dessen Nachfolger Krenz für unfähig, das höchste Parteiamt weiterhin auszuführen und die nötigen Veränderungen zu gestalten. Forderungen nach einem neuen Wahlgesetz, Neuwahlen ohne Blocksystem und einem neuen Reisegesetz schlossen sich an.1248 Als einer der aktivsten richtete sich zeitgleich auch der Kreisverband Bad Doberan an den stellvertretenden Parteivorsitzenden Hartmann. Der Kreisvorsitzende beschrieb darin die Enttäuschung und den Vertrauensverlust der Basis angesichts des nicht zustande kommenden Dialogs und fordert die Entwicklung eines eigenständigen Parteiprofils nach dem Vorbild der LDP(D), die Anpassung des Kernsatzes 11249 und die Verjüngung der Parteiführung inklusive des Rücktritts Hartmann selbst und anderer Vorstandsmitglieder. Auch Homann sollte aus seinem Amt entfernt werden. Eine Ernennung zum Ehrenvorsitzenden wäre ein für alle Seiten gangbarer Weg.1250 Interessant ist der Neben- 1246 Vgl. Protokoll zur Mitgliederversammlung Stralsund vom 25.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 99. 1247 Vgl. Austrittsmeldungen aus Leipzig vom 5.10.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 7626, Bl. 49. 1248 Vgl. Brief des Ortsverbandes Barth aus dem Kreis Ribnitz-Damgarten an das Sekretariat des Hauptausschusses vom 26.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 58–59. 1249 Der Kernsatz 1 beinhaltet die vorbehaltlose Anerkennung der Führungsrolle der SED. 1250 Vgl. Brief des KV Bad Doberan an Hartmann vom 26.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 28–31. satz, dass dem Kreisvorsitzenden selbst auch der Rücktritt angeboten worden ist.1251 Es ist anzunehmen, dass die Mitglieder des Kreises die Weitergabe ihrer Forderungen an den Hauptausschuss als nötiges Zeichen der Positionierung ihres Kreisvorsitzenden gefordert haben. Obwohl der Bad Doberaner Kreisvorsitzende bereits vor dem Sommer 1989 zu den politisch auffälligeren Funktionären gehörte, weist er in seinem Brief mehrfach entschuldigend auf die besondere Dringlichkeit hin, die ihn zu seinem ungewöhnlichen Vorgehen bewogen habe.1252 Mit einer anderen Intention, aber der gleichen Forderung legte auch der Kreisverband Rostock-Stadt seine Sicht auf die Situation der Partei dar: Die Daseinsberechtigung der NDPD stünde auf dem Spiel, wenn man nicht mehr Eigenständigkeit entwickele, Homann zurücktrete, die neue Parteileitung endlich auf die Basis eingehe und diese in die Entscheidungsprozesse, den innerparteilichen Dialog und die Gestaltung der Wende einbeziehe.1253 Das Schweigen der Parteiführung wurde auch seitens des MfS als ungenügend eingeschätzt, da es nicht zur Stabilisierung der Partei beitrüge. Neben der gesundheitlich bedingten Passivität Homanns und der abwartenden Haltung Hartmanns wirke sich „erschwerend für die notwendigen Klärungsprozesse innerhalb der NDPD“ aus, „dass man mit der ideologischen Arbeit gegenwärtig lediglich 20 % der Mitglieder erreiche.“ Eine Ursache dafür sei, dass der Hauptausschuss lediglich die Argumentationen des ZK übernimmt, „ohne eigene parteibezogene Ergänzungen vorzunehmen“.1254 Auch an diesem Beispiel wird sehr deutlich, dass die Bewahrung des Anscheins eines eigenständigen Spielraums der Blockparteien eine elementare Voraussetzung für eine gelungene Inszenierung der Parteien durch die SED war. Erst nach dem Rücktritt Homanns Anfang November war der Weg für die Erneuerung der NDPD frei. 1251 Vgl. ebd., Bl. 29. 1252 So verlange es die Situation, das Wort direkt an Hartmann zu wenden. Als Legitimation seines Schreibens führte der Kreisvorsitzende an, dass es nicht „aus einer spontanen emotionalen Situation“ heraus entstanden sei, sondern die tatsächlichen Forderungen der Mitglieder seit dem Ende des Vormonats widerspiegele. Brief des KV Bad Doberan an Hartmann vom 26.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 28 und Einleitung zur Anlage, Bl. 31. 1253 Vgl. Brief des KV Rostock an den Hauptausschuss der Partei vom 27.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 70–71. 1254 Informationen zur aktuellen Situation innerhalb des Hauptausschusses der NDPD vom Oktober 1989, BStU, MFS HA XX, Nr. 7626, Bl. 53. Auch bei der DBD zeigen die Quellen bis zum Sommer 1989 keinen nennenswerten Dialog über die Missstände in der DDR. Die altbekannte Antwort auf die zaghaft geäußerte Kritik lautete stattdessen: „Die Werte und Vorzüge des Sozialismus, seine Ideale und Errungenschaften, müssen noch offensiver propagiert werden“.1255 Einzelne Hinweise auf bestehenden Missmut gab es dennoch, auch unter den Funktionären. So sei den hauptamtlichen Parteimitarbeitern „die gesellschaftliche Breite der Mitverantwortung“ der DBD im politischen System der DDR „nicht eindeutig klar“ gewesen, urteilte der Abschlussbericht eines Lehrgangs.1256 Auch das MfS hat bereits im Jahr 1984 festgestellt, dass es in den Reihen der Parteijugend „Vorbehalte gegenüber der führenden Rolle der SED“ gäbe.1257 Wie genau diese aussahen und welche Lösungen diskutiert worden, zeigen die Quellen leider nicht. Weitere Indizien für eine vorhandene Unzufriedenheit in der Mitgliedschaft waren die Abnahme der durchschnittlichen Veranstaltungsteilnehmerquote im Jahr 19881258 und die Tatsache, dass es „in den letzten zwei Jahren eine zu hohe Fluktuation bei politischen Mitarbeitern“ gegeben hat.1259 Als eine Ursache dafür gab ein hauptamtlicher Mitarbeiter aus Wismar in seiner Abberufungsbitte an, dass die Tätigkeit ihn nicht befriedige.1260 Es ist also anzunehmen, dass die Möglichkeiten der politischen Partizipation auch bei einigen DBD-Funktionären Enttäuschung und Resignation hervorriefen und die genannte hohe Fluktuation bei politischen Mitarbeitern Ausdruck der gleichen resignativen Tendenzen wie bei den anderen Parteien ist. Wie bei der NDPD wurden die Informationsberichte über den Sommer 1989 hinweg zunehmend brisanter, was vermutlich an dem seit März 1989 geänderten Berichterstattungsmodus gelegen hat.1261 Zudem ver- 1255 Einschätzung der Verwirklichung des Beschlusses des Präsidiums des Parteivorstandes vom 14.7.1987 über die politische Bildungsarbeit im Parteischuljahr und in den Lehrgängen der Kreisschulen der DBD im Studienjahr 1987/88, SAPMO BArch, DY 60/4758, S. 2. 1256 Bericht der Zentralen Parteischule der DBD Borgheide über die Durchführung des 1. Lehrgangs für die Weiterbildung hauptamtlicher Funktionäre in der Zeit vom 12.1.–4.2.1988, SAPMO BArch, DY 60/3480, S. 6. 1257 Ergänzung zur Lageeinschätzung bei den befreundeten Parteien, 1984 (ohne Datum), MfS HA XX, Nr. 6632, S. 21. 1258 Vgl. Information des BV Rostock über die Parteiarbeit im Monat April vom 16.5.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, S. 13. 1259 Protokoll der Bezirkssekretariatssitzung vom 15.11.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 2. 1260 Vgl. ebd. 1261 Siehe Kapitel 4.1. Parteikommunikation. schärfte sich die Versorgungssituation alljährlich in der Urlaubszeit. Angesichts der Ausreisebewegung und der Ereignisse in Polen, Ungarn und Rumänien empfanden die DBD-Mitglieder den Informationsmangel als eklatant und konsultierten alternativ Medien aus der BRD. Diese beeinflussten nach Einschätzung der Kreisfunktionäre die Wahrnehmungen und Fragen der Mitglieder stark, was auch bei der Bauernpartei zu hitzigen Parteiveranstaltungen führte.1262 Doch unabhängig davon gewann die parteiinterne Auseinandersetzung an Schärfe: „Es wird offensiver, streitbarer und fordernder zu den Problemen und Unzulänglichkeiten Stellung genommen“, urteilte auch der Bezirksverband.1263 So wiesen mehrere Bezirkssekretariate im Juli 1989 darauf hin, dass „Unzufriedenheit unter den Mitgliedern“ bestünde und machten die Widersprüche zwischen Plan und Realität, die drastischen Mängel und die „ungesunde Wirkung“ „einer Reihe von sozialpolitischen Maßnahmen“ als Hauptursachen dafür aus. Der Unmut der Mitglieder führte auch bei der DBD zu einer abnehmenden Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu engagieren.1264 Den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis fanden viele DBDler im August 1989 unerklärlich: „Je mehr die Mitglieder die allgemeinen Wesensmerkmale des realen Sozialismus zur Grundlage ihrer eigenständigen Beurteilung der Situation nehmen, desto massiver sind ihre Bedenken.“1265 Neben den bestehenden Zweifeln wurde zu diesem Zeitpunkt aber vor allem noch die „diffamierende Hetzkampagne“ der Bundesrepublik als ursächlich für die Krise der DDR angesehen, der leider „nicht wenige Mitglieder in gewissem Sinne Glauben schenken“.1266 Die Frage, warum die Parteimitglieder und Bürger der DDR aber für die vermeintliche Agitation aus der BRD empfänglich und politisch nicht ausreichend gefestigt seien, stellten die Mitglieder im September häufig.1267 Ein offener Dialog mit den Ausreisewilligen könne Klärung bringen.1268 1262 Vgl. z. B. Informationsbericht 42/89 vom 11.8.1989, SAPMO BArch, DY 60/2902, S. 4. 1263 Bericht des BV über die Parteiarbeit im Juli vom 9.8.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, S. 10. 1264 Informationsbericht 37/89 vom 10.7.1989, SAPMO BArch, DY 60/2902, S. 3. 1265 Informationsbericht 42/89 vom 11.8.1989, SAPMO BArch, DY 60/2902. 1266 Bericht des BV über die Parteiarbeit im August 1989 vom 5.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 7. 1267 Vgl. z. B. Mitteilung des KV Ribnitz-Damgarten vom 11.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1268 Vgl. Protokoll der Bezirkssekretariatssitzung vom 22.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 4. Auch, wenn relativ wenig Informationen über den tatsächlichen Zustand an der Parteibasis und auf der niederen und mittleren Funktionärsebene in den Quellen überliefert worden sind, lässt sich doch erahnen, dass es auch hinter den DBD-Kulissen rumorte. Darauf deutet auch der Wechsel an der Spitze des Bezirksvorstandes hin: Am 20.9. trat der bisherige Bezirksvorsitzende Senkpiel aus „gesundheitlichen Gründen“ von seinem Posten zurück.1269 Sein Nachfolger wurde der bisherige Stellvertreter Günther Edler. Während Edler und die Parteileitung sich auf der 8. Tagung des Parteivorstands im September 1989 anlässlich der Gründung der DDR weiterhin uneingeschränkt in der Ausübung selbstvergewissernder Rituale übten,1270 förderte der eigentlich unspektakuläre Erlass einer neuen Beitragsordnung die bereits fortgeschrittene Diversion innerhalb der Parteimitgliedschaft zu Tage: Neben der Weigerung einiger Funktionäre, diese durchzusetzen und selbst einzuhalten, nahm die Anzahl der nichtzahlenden Mitglieder zu und erreichte im Bezirk Rostock sogar den DDR-weiten Höchststand. Bisher inaktive Mitglieder nahmen die Beitragserhöhung häufig zum Anlass für ihren Austritt.1271 Erst am Ende des Monats kam in den Grundeinheiten die Überzeugung auf, dass der Unmut der Bevölkerung auch aus den bestehenden Problemen in der DDR resultiert. Da diese jedoch nicht im Kreis oder im Bezirk, sondern nur auf Staatsebene gelöst werden könnten, sei eine Positionierung Maleudas vonnöten.1272 Diesen Handlungsdrang erkannten insbesondere die jüngeren Parteimitglieder1273 und brachten viele Kreisfunktionäre damit an die Grenze des Erklärbaren.1274 1269 Protokoll der Bezirksvorstandssitzung am 20.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768. 1270 Vgl. Protokoll der Bezirkssekretariatssitzung vom 22.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 3 und Festrede Maleuda auf der 8. Tagung des Parteivorstands anlässlich der Gründung der DDR am 13.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/333. 1271 Im Bezirk Rostock verweigerten 106 Mitglieder die Beitragszahlung, insgesamt beläuft sich der Anteil der Zahlungsverweigerer auf 0,4 %. Ergebnisse, Erfahrungen und Probleme bei der Durchsetzung der ergänzten Beitragsordnung vom 19.9.1989 SAPMO BArch, DY 60/3531, S. 7. 1272 Vgl. Bericht des KV Rügen an den PV vom 25.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1273 Zum Generationenkonflikt in der DBD siehe Kapitel 4.8. Akteursgruppen: Jugend, Frauen und „Intelligenz“. 1274 Vgl. Information des BV zur politisch-ideologischen Situation n der DBD vom 22.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903, S. 2. Bis Anfang Oktober festigte sich diese Mitgliedermeinung und die Forderungen nach einer Positionierung der Parteileitung und einer Reaktion der Staatsführung wurden massiv.1275 Eine Stellungnahme Maleudas erfolgte am 10. Oktober in Form des offenen Briefes „Im konstruktiven Dialog für Kontinuität und Erneuerung“, den das Bauern-Echo abdruckte. Neben den üblichen rituellen Einleitungsätzen räumte er darin ein, „dass hier und da noch einiges klemmt“ und dass die Ausreise von vielen Bürgern und einigen Parteimitgliedern schmerzlich sei. Er warb um mehr Engagement für einen attraktiven Sozialismus, für einen ehrlichen Dialog, Bürgernähe, Realitätssinn und Toleranz gegenüber denen, „die sachlich darüber streiten“. Wie üblich schloss Maleuda seinen Brief mit einem Treuebekenntnis an die SED und dem Gelöbnis, den 12. Parteitag der SED mit „eigenständigen Beiträgen“ vorbereiten zu helfen.1276 Obwohl die Mitglieder Maleudas Stellungnahme begrüßten, konnte sie die bestehenden Forderungen nach einer weiteren Profilierung der DBD, vertrauensbildenden Maßnahmen seitens der Parteileitung, einer authentischen Medienberichterstattung und der Behebung der bestehenden Probleme nicht aufheben. Vermehrt kam aber auch die Frage auf, warum die Staats- und Parteiführung überhaupt erst so spät reagiert habe, immerhin habe der Bezirksverband seit Jahren auf die Missstände aufmerksam gemacht.1277 Doch in der „Partei- und Staatsführung“ habe man „nichts über die Lage unten“ wissen wollen. Daher sei die Mitgliedschaft zum Schweigen erzogen worden: „Wenn man was gesagt hat, hatte man nur Nachteile“.1278 Diese Feststellung klingt eher nach Kritik denn nach Selbstkritik. Den Rücktritt Honeckers kommentierten die Mitglieder als „schmerzlich, aber notwendig, leider aber viel zu spät“.1279 Viele setzten die Erwartung in Krenz, jetzt die Wende nach dem Vorbild Gorbatschows einzuleiten.1280 Ende Oktober konstatierte der Informationsbericht 66 jedoch, dass neben 1275 Information über die Parteiarbeit im September vom 9.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, S. 7–8. 1276 Sekretariatsvorlage Im konstruktiven Dialog für Kontinuität und Erneuerung vom 10.10.1989, abgedruckt im Bauern–Echo am 13.10.89. SAPMO BArch, DY 60/3532. 1277 Vgl. z. B. Protokoll der Sitzung des Sekretariats des BV am 17.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768. 1278 Bericht der SED-Kreisdienststelle Greifswald vom 1.10.1989, BStU, MfS BV Rostock, KD Gwd, Nr. 163, Bl. 117. 1279 Informationsbericht 61/89 vom 20.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903, S. 1. 1280 Vgl. Information des KV Bad Doberan vom 23.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. der Kritik an der Machtkonzentration Krenz auch grundsätzliche Zweifel an dessen Eignung geäußert wurden: Er habe die entstandene Situation mit zu verantworten.1281 Zeitgleich wurde über ein bezeichnendes Ereignis an der Parteischule berichtet: Die Lehrgangsteilnehmer wurden von einem Vertreter der Parteileitung aufgefordert, ein Schriftstück zu unterzeichnen, in dem sie den „eigenständigen und messbaren Beitrag der DBD zur gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR“ bezeugen sollten. Als der Vertreter der Parteileitung den Teilnehmern auch auf Nachfragen kein Beispiel für diesen „eigenständigen und messbaren Beitrag“ nennen konnte, musste er unverrichteter Dinge wieder gehen.1282 Allmählich wurde die Kritik der Mitglieder genereller: So stellte der Kreisverband Grevesmühlen fest, dass sie die „Führungsrolle nicht in Frage stellen“ wollen, aber eigenständiger darin wirken möchten.1283 Das Gleichnis, die DBD wolle die „SED als Bruder, nicht als Vater“,1284 verdeutlicht die Neuinterpretation des Verhältnisses. Die Einberufung der 9. Tagung des Parteivorstands für den 14. November zollte der Bewegung an der Basis Tribut.1285 Dennoch kann nicht von einer Synchronisierung zwischen Parteibasis und -führung gesprochen werden, eher von einem kurzzeitigen Verringern des Abstands: Das Präsidium des Parteivorstands bekannte sich auf seiner Sitzung am 2. November weiterhin zum Parteienbündnis unter Führung der Partei der Arbeiterklasse und versprach aber eine weitere Profilierung, den Einsatz für einen ehrlichen Dialog unter Einbeziehung der Bürgerbewegung, die weitere Vervollkommnung der sozialistischen Demokratie, eine Programmdiskussion und effizienzsteigernde Wirtschaftsmaßnahmen.1286 Die Avantgarde der Kreisverbände schritt bereits einen Tag später weiter voran und forderte die Loslösung von der SED, die Bestrafung von „schlechten Funktionären“ und den Rücktritt Maleudas. So auch Grevesmühlen. Hier stieß jedoch auch die Idee eines erneuerten Sozialismus 1281 Vgl. Informationsbericht 66/89 vom 31.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903. 1282 Bericht zur politischen Arbeit in der DBD vom 19.10.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 5120, Bl. 44. 1283 Stellungnahme des KV Grevesmühlen nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 25.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196, S. 2. 1284 Informationsbericht 66/89 vom 31.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903. 1285 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung vom 31.10.89, SAPMO BArch, DY 60/3533. 1286 Vgl. Grundsätze der Arbeit der DBD im Prozess der Erneuerung der sozialistischen Gesellschaft, vorgestellt auf der 23. Sitzung des Präsidiums des Parteivorstands am 2.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/874. zum Teil schon auf Widerstände.1287 Mit dieser Positionierung sind die Grevesmühlener Mitglieder ihren Bezirkskollegen voraus, denn im Bezirk Rostock forderte die Mehrheit der Mitglieder zu diesem Zeitpunkt noch, die Führungsrolle nur zu begrenzen und einzelne Kaderveränderungen im DBD-Präsidium vorzunehmen.1288 Die Forderung nach einem Sonderparteitag, auf dem ein neues Parteiprogramm sowie ein neues Statut beschlossen werden sollte, kam erstmals am 7. November aus Greifswald1289 und wurde schnell zur Mehrheitsmeinung. Welche Ver- änderungen auch auf dem DBD-Sonderparteitag beschlossen wurden, zeigt das folgende Kapitel. 4.3. Erneuerung: von alten Schläuchen und neuen Weinen Die eigentliche Phase der Erneuerung schloss sich bei allen Parteien an die sich zuspitzenden Unmutsbekundungen und die zunehmende Ablehnung der Parteiführung an. Personelle, programmatische und strukturelle Veränderungen prägten diesen Zeitraum, der je nach Partei zwischen September und November 1989 begann und seinen Höhepunkt in den Sonderparteitagen im Dezember und Januar fand. Die Erneuerung der LDP(D) erfolgte in zwei Phasen. Im Gegensatz zu den übrigen Parteien fand hier im Jahr 1989 eine weitgehend einmütige Neuprofilierung statt. Erst im Jahr 1990 divergierten die politischen Vorstellungen innerhalb der Parteigliederungen auch hier. Daher wird die Untersuchung des Erneuerungsprozesses der LDP(D) auch in diese zwei Etappen geteilt. Der Chronologie folgend, schließen sich die Ausführungen zur zweiten Erneuerungsphase der LDP(D) an die Untersuchungen der Erneuerung von CDU(D), NDPD und DBD an. Bereits im Jahr 1988 hatte Gerlach anlässlich des 12. Parteitags der SED ein Reformprogramm mit folgenden Forderungen ausgearbeitet: eine am Markt orientierte Wirtschaftspolitik, freie Presse- und Medienlandschaft, Demokratisierung der politischen Praxis und tatsächliche Gewaltenteilung.1290 1287 Vgl. Informationsbericht des BV Rostock zur aktuell-politischen Lage vom 3.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1288 Vgl. z. B. „Neue Vorschläge und Hinweise aus Briefen an den PV, die vor dem 5.11.1989 eingingen“, vom 8.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201. 1289 Vgl. Stellungnahme der Ortsgruppe Südstadt, KV Greifswald vom 7.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1290 Nach der Annahme dieser Leitlinien durch den Zentralvorstand bildeten sie die Grundlage für die Vorschläge an den 12. Parteitag der SED zur weiteren Die Positionierung Gerlachs wurde bis September 1989 von nahezu allen Mitgliedern gelobt und als wegweisend empfunden.1291 Ungeachtet dessen hegten einige Mitglieder im Bezirk aber mittlerweile grundlegende Zweifel, ob die „entwickelte sozialistische Gesellschaft in der DDR zur Lösung der Probleme und Bedürfnisse im Stande“ sei.1292 Eine Ursache für die Zunahme des empfundenen Reformierungsdruckes sahen die Liberaldemokraten in der Ausreisebewegung. Beängstigt, zum Teil aber auch verständnisvoll, reagierten die Mitglieder auf die Republikflucht1293 und forderten, die Ursachen für die Massenausreise nicht in der BRD, sondern in der DDR zu suchen. Der Kreisverband Bad Doberan fertigte Ende September unaufgefordert eine Analyse der Ausreiseursachen an, die überwiegend ideelle Missstände wie die Allmacht der SED, Scheindemokratie und Manipulationen, undemokratische Wahlen und den Zentralismus, die Deformierung der Blockparteien als Erfüllungsgehilfen und die Ohnmacht der Bürger als zentrale Ursachen auflistete.1294 Die Nicht-Reaktion der SED-Führung werteten die Mitglieder der LDP(D) als Regierungskrise. Dass aus dieser jedoch nicht zwangsläufig eine Staatskrise werden müsse, betonten die Rostocker: Als Gegenleistung für das Fortbestehen ihrer konstruktiven Mitarbeit forderten sie allerdings eine Kooperation auf Augenhöhe. Die LDP(D) werde die DDR nicht in Frage stellen, „wenn die Führung unseres Vertrauens zu führen beginnen wird“,1295 betonte der spätere Vorsitzende des BFD und Bundesminister für besondere Aufgaben Reiner Ortleb Mitte September. Auf der Anfang Oktober stattfinden außerordentlichen Beratung des Sekretariats des Zentralvorstands mit den Bezirksvorsitzenden skizzierte Gerlach folgendes Bild: Die DDR befände sich in einer Phase der Stagna- Entfaltung der sozialistischen Demokratie, der Festigung der Staatsmacht und der Sicherung der sozialistischen Staates vom 14.7.1989. Siehe dazu Kapitel 3.2.2.2. Die LDPD dieser Arbeit. Vgl. Gerlach, Mitverantwortlich, S. 216f. 1291 Vgl. z. B. Schreiben Krüger an Gerlach vom 21.9.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33769. 1292 Informationsbericht August/September des BV an den ZV vom 14.9.1989, ADL, Bestand Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-1005, S. 3. 1293 Vgl. Informationsbericht Wismar, Anfang September 1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33800. 1294 Vgl. Analyse der Faktoren, die Bürger der DDR zum Verlassen ihres Landes bewegen, Bad Doberan vom 21.9.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775, S. 1–3. 1295 Rede Ortleb (Vorsitzender Rostock-Stadt) am 27.9.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33751, S. 2. tion wie die UdSSR vor dem April-Plenum 1985 und stünde „am Rande explosiver, unlenkbarer Erschütterungen“, denen die „in höchstem Maße enttäuschende Rede Honeckers“ auf dem 40. Staatsjubiläum weiter in die Hände gespielt habe. Einzig die LDP(D) könne eine tatsächlich demokratische Reformierung der DDR in Gang setzen. Programmatische Eckpunkte seien dabei die Medienpolitik, Ausreisebestimmungen, das Verhältnis Staat-Kirche, die Förderung der Privatinitiative, eine bedarfsorientierte Produktion, eine autonome Volkskammer, getreue Umsetzung der Verfassung, eigenverantwortliche Parteien, neue Kaderpolitik und die generelle Durchsetzung des Leistungsprinzips. Die Hegemonie der SED tastete Gerlach jedoch nicht an.1296 Zur Umsetzung seines Vorhabens verfolgte Gerlach einen semi-kon– spirativen Plan: Er werde die Vorschläge der LDP(D) am 13.10. an Honecker übergeben. Wenn keine Reaktion erfolgt, würde die LDP(D) eine außerordentliche Sitzung von Volkskammer und Block einberufen lassen und ihre Vorschläge veröffentlichen, um die SED zum Handeln zu zwingen. Diese „Konspiration aus Verantwortung“ müsse die LDP(D) nicht ängstigen: Der Botschafter der UdSSR habe Zustimmung signalisiert und ein mögliches Eingreifen der SU verneint. Auch ein Verbot bräuchte die LDP(D) nicht befürchten, „weil wir kein Verfassungsgericht haben“.1297 Wolgast war einer der ersten Kreisverbände, der Mitte Oktober einen eigenen Programmvorschlag unterbreitete. Dieser beinhaltete mehr innerparteiliche und staatliche Demokratie, Leistungsorientierung, höhere Effizienz in der Produktion und mehr Eigenverantwortlichkeit für private Unternehmen.1298 Die Bad Doberaner gingen bereits einen entscheidenden Schritt weiter und stellten fest: „Solange die Führungsrolle ein Absolutum ist, ist keine positive Veränderung möglich“.1299 Auch die Geschichte und Verantwortlichkeit der eigenen Partei wurde zunehmend hinterfragt. So in Rostock-Land: „Blieben die Fragen der Mitglieder und der Partei unbeantwortet, weil es die Staatsräson gebot? Diese (…) Existenzfragen unserer Partei hatten sich schon 1953 mehrere Parteifreunde gestellt, bevor sie 1296 Aussprache Gerlach auf der außerordentlichen Beratung des Sekretariats des ZV mit den Bezirksvorsitzenden und Abteilungsleitern des Sekretariats des ZV am 10.10.1989, ADL, Bestand Sekretariat des Zentralvorstandes, Nr. L3- 675, S. 2–14. 1297 Ebd. 1298 Vgl. Brief des KV Wolgast an Gerlach vom 12.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775, S. 2–4. 1299 Brief des KV Bad Doberan an Gerlach vom 12.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775, S. 2. unsere noch junge Republik verließen“.1300 Die Diskussionen um eine Reform der bestehenden Strukturen machte vor innerparteilichen Missständen nicht Halt. Als Reaktion auf die Kritik der Mitglieder legte der Zentralvorstand im Oktober einen Maßnahmenkatalog zur Erhöhung der innerparteilichen Demokratie und Attraktivitätssteigerung des Parteilebens vor.1301 Eine Schwächung der DDR hatten die Liberaldemokraten auch Mitte Oktober nicht im Sinn: Die Aufforderung zum offenen Meinungsstreit und einer größeren Profilierung der LDP(D) sahen die Mitglieder stets als Mittel, um der „Anziehungskraft neuer Gruppen zu begegnen“.1302 Alternativ schlug eine Wohngebietsgruppe aus Ribnitz-Damgarten vor, Aktivisten der außerparlamentarischen Opposition bei Nicht-Zulassung ihrer Organisationen ein politisches Heim zu bieten, um die eigene Position zu stärken.1303 Ende September waren Fragen zum Neuen Forum erstmals aufgekommen.1304 Obwohl einzelne LDP(D)-Mitglieder sich im Umfeld der Bürgerbewegung engagierten und wie ein Wismarer Mitglied sogar an der Entstehung des Neuen Forums mitwirkten,1305 blieben offizielle Kontakte jedoch bis auf Weiteres aus. Die Entbindung Honeckers, Mittags und Hermanns von ihren Ämtern am 17.10.19891306 begrüßten die Mitglieder und Funktionäre und schätzten die Einberufung des Blocks durch Krenz als richtiges Signal für die Bedeutung der befreundeten Parteien ein. Dass allerdings mit Krenz der 1300 Referat auf der erweiterten Kreisvorstandssitzung Rostock-Land am 12.10. 1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33831, S. 2. 1301 Dieser sah regelmäßige Informationen über die Arbeit und Stimmung in den Grundeinheiten, Diskussionen von Beschlussvorlagen, die Gestaltung der Versammlungen zu Foren des Meinungsaustauschs, mehr Transparenz und Informationen über tagespolitische Ereignisse und eine Rechenschaftspflicht des ZV und des Sekretariats des ZV vor. Überlegungen zur weiteren Ausprägung der innerparteilichen Demokratie, Berlin Oktober 1989, ADL, Bestand Abteilung Sekretariat des ZV (Vorlagen), Nr. L8-1650. 1302 Überlegungen zur weiteren Ausprägung der innerparteilichen Demokratie, Berlin Oktober 1989, ADL, Bestand Abteilung Sekretariat des ZV (Vorlagen), Nr. L8-1650, S. 2. 1303^ Vgl. Resolution der Wohngebietsgruppe Körkwitz/KV Ribnitz-Damgarten vom 29.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775, S. 2. 1304 Vgl. Zwischenbericht Bad Doberan vom 27.9.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775, S. 2. 1305 Vgl. Abrokat, Politischer Umbruch, S. 163. 1306 Vgl. Protokoll der Sitzung des SED-Politbüros vom 17. Oktober 1989, SAPMO BArch, SED, ZK, J IV 2/2A/ 3247. Zitiert nach: Stephan/Küchenmeister, „Vorwärts immer“, S. 166. Verantwortliche der Wahlfälschungen und ein Befürworter der Pekinger Ereignisse wieder die drei höchsten Ämter der DDR auf sich vereinte, hielten die Liberaldemokraten für „überdenkenswert“.1307 Damit waren die Personaldebatten jedoch nicht beendet. Ausgerechnet aus dem bisher konformen Kreisverband Stralsund kam gegen Monatsende erstmals die Frage, ob denn die Spitzenfunktionäre der LDP(D) in der Lage sind, „die Anforderungen nach Veränderungen überhaupt gesellschaftstheoretisch und praktisch umzusetzen.“1308 Auf den unteren Ebenen hatten personelle Veränderungen bereits eingesetzt. Im Kreis Wolgast forderte ein Sekretariatsmitglied den Rücktritt des Kreisvorsitzenden und des ersten Sekretärs, „wenn sie nicht mehr auf der Höhe der Dinge stehen“. Da das Mitglied die Rückendeckung der übrigen Sekretäre hatte, konnte es sich mit seiner Forderung durchsetzen.1309 Anfang November brachten die Greifswalder mit dem Wunsch nach sofortiger Fraktionsbildung, der Abschaffung der Betriebsgruppen der SED, nach Einberufung einer Kreisdelegiertenkonferenz und dem Stellen der Vertrauensfrage neue Aspekte in die Diskussion ein. Zudem hinterfragten sie die Verantwortlichkeit ihrer Parteileitung.1310 In der Forderung, Partei-und Staatsämter zu trennen, die Rolle der SED neu zu bestimmen und einen außerordentlichen Parteitag einzuberufen, wusste man sich im Bezirksverband bereits einig.1311 Der Kreisverband Rostock- Land brachte erstmals ein mögliches Ende des Blocks ins Gespräch: Die Massenorganisationen sollten nicht länger als Mandatsträger fungieren und der Block wäre ohnehin überflüssig, wenn die Nationale Front stattdessen die Koordinierungsaufgaben übernähme.1312 1307 Auch die Fernsehansprache Krenz wurde ob ihrer Wortwahl und die Adressierung an „Genossen“ nicht als vertrauensbildend eingeschätzt. Schreiben Krüger an das Sekretariat des ZV, Abteilung Parteivorstände vom 19.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775, S. 1–3. 1308 Protokoll des Sekretariats des KV Stralsund vom 23.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33805. 1309 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung Wolgast vom 30.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33807. 1310 Vgl. Protokoll der erweiterten Kreisvorstandssitzung Greifswald vom 7.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33797. 1311 Vgl. ebd. 1312 Informationsbericht Rostock-Land vom 8.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. Obwohl einige Kreise die Führungsrolle der SED mittlerweile gänzlich ablehnten und die Regierung als illegitim ansahen,1313 hielt der Bezirksverband weiterhin an seinen Ansichten von einer modifizierten der Rolle der SED fest: Die Arbeiterklasse sei die „treibende Kraft im Sozialismus“, aber Führung könne nicht beansprucht, sondern nur erworben werden.1314 Forderungen nach einer Abkehr vom Sozialismus nahm auch das MfS Anfang November nur selten aus den Reihen der LDP(D) wahr.1315 Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November überraschte auch die Führung der LDP(D). Sie kritisierte diese Maßnahme, da sie befürchtete, die Öffnung der Grenzen würde die Stabilität der DDR gefährden.1316 Einzelne Kreisverbände wie Wismar hatten bereits bei der Ankündigung des neuen Reisegesetzes die sorgenvolle Befürchtung geäußert, dass „dann noch mehr Menschen gehen werden“.1317 Die Öffnung der Mauer löste hier keine ungetrübte Freude aus. Am 15. November forderte die LDP(D) gegen den Widerspruch der drei anderen Parteien1318 öffentlich, den Führungsanspruch der Arbeiterklasse und ihrer Partei aus der Verfassung der DDR zu streichen, was am 1. Dezember auch geschehen sollte. Als breitenwirksames Signal an die Bevölkerung und die Mitglieder aller Blockparteien gestand die neue Regierung unter Modrow der LDP(D) vier Ministerposten und Gerlach das Amt des stellvertretenden Ministerratsvorsitzenden zu, nachdem dieser die Wahl zum Volkskammerpräsidenten am 13. November gegen Maleuda (DBD) verloren hatte. Gerlach sah in diesem Kooperationsangebot der SED die Chance, die DDR gemeinsam mit der Krenz-SED nach den am 17. November entworfenen Leitsätzen der LDP(D) reformieren zu können.1319 Gerlachs Position blieb in den nächsten Wochen unverändert. 1313 Unter anderem forderte Rostock-Stadt den Rücktritt der Regierung und freie Neuwahlen. Brief Rostock-Stadt an Gerlach vom 7.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775. 1314 Standpunkte des Bezirksvorsitzenden Rostock an alle Kreissekretäre vom 6.11. 1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33794. 1315 Information über einige beachtenswerte Aspekte zur aktuellen politischen Lage in den befreundeten Parteien vom 2.11.1989, MfS ZAIG, Nr. 3759, Bl. 16. 1316 Vgl. Walter, Frühling, S. 19. 1317 Informationsbericht Wismar vom 2.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33880, S. 2. 1318 Vgl. Walter, Frühling, S. 21. 1319 Vgl. Bogisch, Staatskrise, S. 35. Dagegen behauptete der NDPD-Vorsitzende Hartmann, nur die Programmausführungen der Nationaldemokraten hätten Krenz bei der Anfertigung seiner Regierungserklärung vorgelegen. Rede Hartmann auf 6. Hauptausschusstagung am 28.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/6363, S. 4. Zwar beendeten die Liberaldemokraten am 4. Dezember jegliche Mitarbeit im Demokratischen Block und in der Nationalen Front, dennoch übernahm Gerlach nach dem Rücktritt von Krenz interimsmäßig den Staatsratsvorsitz und war somit bis März 1990 das Staatsoberhaupt der DDR. Die Gleichzeitigkeit von politischer Opposition und der Ausführung des höchsten Staatsamtes brachte nur schwer lösbare Spannungen mit sich und war für viele Mitglieder inakzeptabel. Obwohl einige Mitglieder sich über Gerlachs Ernennung zum Staatsratsvorsitzenden freuten, hatte das Eintreten für eine konsequente Trennung von Partei- und Staatsfunktionen eigentlich schon seit Mitte Oktober zu den üblichen Forderungen gehört.1320 Ab Mitte November 1989 lässt sich auch bei den Liberaldemokraten eine große inhaltliche Kluft zwischen der Basis und der Parteiführung erkennen.1321 Neben der Loslösung von der SED, einer Stellungnahme zu den Kommunalwahlen im Frühjahr 1989, einer neuen Satzung sowie freien und geheimen Wahlen für das Jahr 1990 forderten die Mitglieder nun die Aufgabe des Sozialismus,1322 was von allen Punkten am wenigsten mit den Zielen der Parteiführung zu vereinbaren war. Während Mitglieder des Sekretariats und Gerlach den Aufruf Für unser Land1323 unterzeichneten, stellten sich die ersten Bezirksvorsitzenden demonstrativ hinter die Öffentliche Antwort, die einer reformierten DDR keine Chance mehr gab.1324 Angesichts der gravierenden Ereignisse der letzten Wochen mehrten sich im November pessimistische und resignative Tendenzen im Bezirksverband Rostock. Gleichzeitig erhöhte sich aber auch die Teilnahmequote der Parteiveranstaltungen und manche Mitglieder wähnten die LDP(D) kurzzeitig als neue Führungspartei.1325 Den Forderungen der Mitglieder kam der Bezirksverband trotz ähnlicher Standpunkte nur teilweise entgehen: Das Vorziehen des Parteitags vor das Jahr 1991 war Ende No- 1320 Vgl. z. B. Brief der Wohngebietsgruppe Warnemünde an Gerlach vom 19.10.1989, ADL, Bestand Sekretariate des ZV, Nr. L7-111. 1321 So durften das Neue Forum und andere Institutionen der Bürgerbewegung im LDP(D)-Organ Der Morgen veröffentlichen. Siehe: Bogisch, Staatskrise, S. 32. 1322 Vgl. Walter, Frühling, S. 22. 1323 Siehe dazu: Borchert, K. (Hg.): „Für unser Land“: Eine Aufrufaktion im letzten Jahr der DDR, Frankfurt am Main 1994. 1324 Vgl. Bogisch, Staatskrise, S. 41. 1325 Vgl. Protokoll der erweiterten Kreisvorstandssitzung Greifswald vom 7.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33797, S. 3. vember noch nicht vorgesehen, dafür sollten die Kreisvorstände neu gewählt werden.1326 Bis zur 8. Zentralvorstandssitzung der Liberalen Mitte Dezember hatte der Druck der Bevölkerung, der LDP(D)-Basis und ihres neugegründeten Jugendverbandes Jungliberale Aktion (JuliA) so stark zugenommen, dass sich die Führung nun für die Abkehr vom Sozialismus aussprach und dies in die neue Satzung aufnahm. Damit einhergehend, wurde auch der bis Anfang Dezember beibehaltene Anspruch auf die staatliche Souveränität der DDR aufgegeben und sich zu einer schrittweisen Vereinigung beider deutscher Staaten als Kompromisslösung zwischen den Parteilagern bekannt.1327 Für den 9. und 10. Februar 1990 wurde nun doch ein Sonderparteitag der Liberalen angesetzt. Auf diesem sollten eine neue Programmatik und eine neue personelle Ausrichtung beschlossen werden. Damit ließ sich die LDP(D) mit der internen Erneuerung knapp zwei Monate mehr Zeit als die CDU(D). Nach Umfragen zur Wahlentscheidung wurde sie dafür mit dem Rückgang ihres Rückhaltes in der Bevölkerung von 23 % auf 3 % in der Zeit von Ende November bis zum Sonderparteitag im Februar 1990 bestraft.1328 Im Gegensatz zu den Christdemokraten und trotz des Drucks der Basis und der Bonner Liberalen, mit denen man seit Ende Oktober Kontakte pflegte, blieb die LDP(D) ein Teil der Regierung Modrow. Im Bezirk Rostock begann der Dezember mit einem Paukenschlag: Ausgelöst durch die Entdeckungen in Kavelstorf forderte der Kreisverband Rostock-Stadt die Einberufung des Kreistages, den Rücktritt des Rates des Kreises und eine „konsequente strafrechtliche Verfolgung aller Verantwortlichen“.1329 Greifswald legte nach: Die SED schinde durch Endlosdiskussionen Zeit und die LDP(D) warte nur ab, wodurch sie ihren einstigen Reformvorsprung verspielt habe. Nur mit konkreten Zielen könne man das Volk derzeit erreichen, darum brauche die LDP(D) noch in diesem Jahr ein Programm. Zentrale Eckpunkte sollten eine Bildungsreform und ein Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft sein. Kontakte zur 1326 Vgl. Protokoll der Beratung des Sekretariat des BV vom 30.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33757. 1327 Vgl. Walter, Frühling, S. 24. 1328 Vgl. ebd., S. 38. 1329 Erklärung des Kreissekretariats Rostock-Stadt vom 4.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33834. FDP könnten den Selbstfindungsprozess ebenso beschleunigen wie ein wünschenswerter Konkurrenzkampf zwischen den Parteien.1330 Bis zum Ende des Monats Dezember hatten sich die Forderungen aus den beiden Rostocker Kreisverbänden, Greifswald und Wismar mehrheitlich durchgesetzt. Dennoch trieben diese Vorreiter die Entwicklung weiter an: Während Rostock-Land Mitte Dezember eine neue Gesellschaftsordnung und völlige Gewerbe- und Tariffreiheit forderte,1331 bekannte sich die Kreissekretärin aus dem dazugehörigen Stadtkreis zu Gerlachs Aussagen zur deutschen Einheit1332 und markierte damit den Startpunkt für Diskussionen um das Ende der DDR in Rostock. Bereits in den letzten zwei Monaten des Jahres 1989 zeichnete sich ab, dass einige Kreisverbände entweder nicht mehr berichteten oder ihre Tätigkeit weitgehend einstellten. Auch die Vorbereitungen zum Sonderparteitag am 9. und 10. Februar mobilisierten nicht mehr alle Mitglieder. Die LDP(D) hatte sich durch ihren Vorsitzenden in den 1980er Jahren bei den Bürgern den Ruf einer Reformpartei erarbeitet. Dass Gerlach auch im November 1989 angesichts der Bürgerbewegung und der unbelasteten neuen Organisationen noch als authentischer Reformer galt, verdeutlicht die Tatsache, dass er im Gegensatz zu den Rednern der SED auf der größten Demonstration in Berlin am 4.11.1989 nicht ausgebuht, sondern beklatscht wurde.1333 Bei aller geäußerten Kritik am System der DDR muss man aber hinzufügen, dass Gerlach weder das Ende des Sozialismus, noch das der DDR einläuten wollte, sondern beides gemeinsam mit der SED zu reformieren gedachte. So unterstützte die LDP(D) die Wahl von Krenz zum Nachfolger Honeckers, obwohl es einige Enthaltungen und Gegenstimmen gab. Damit vertat sie die Chance, sich selbst als konsequente Reformpartei in Szene zu setzen und büßte durch ihren vermittelnden Kurs zwischen SED und Bürgern zunehmend an Ansehen ein. Anders als bei den anderen Parteien hatten Basis und Führung der LDP(D) zumindest bis Ende Oktober 1989 weitgehend identische Vorstellungen. Bis zur Wahl Krenz´ war die Parteiführung der LDP(D) tat- 1330 Vgl. Offener Brief des KV Greifswald an Gerlach vom 13.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775. 1331 Vgl. Schreiben des Kreissekretärs Rostock-Land an Gerlach vom 19.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33801. 1332 Vgl. Schreiben der Kreissekretärin Rostock-Stadt an Gerlach vom 19.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33834. 1333 Vgl. Lindner, Demokratische Revolution, S. 97. sächlich das Sprachrohr der Mitglieder. Erst danach setzte auch hier die Entfremdung zwischen Basis und Führung ein. Das erzwungene Abtreten Göttings Anfang November markiert den Beginn der Erneuerungsphase der CDU(D). Gemeinsam mit dem Vorsitzenden fiel die Akzeptanz des Führungsanspruch der SED endgültig: „Sie hat ihn aus heutiger Sicht nie und erst recht nicht jetzt verdient“, urteilte der Kreisverband Rügen und hielt auch die „Veränderung der staatlichen Grundstrukturen“ für notwendig.1334 Andere Kreise forderten einen Volksentscheid über die Rolle der Partei der Arbeiterklasse.1335 Ganz anders in Stralsund: Hier freute man sich über das „neue Vertrauensverhältnis im Block“ und fühlte sich an die gute Zusammenarbeit von „ganz früher“ erinnert, als jede Partei die Blocksitzungen noch in ihren eigenen Räumlichkeiten ausgerichtet hatte.1336 Der ersten Woche ohne Götting folgte schnell die Erkenntnis, dass er nicht das alleinige Problem gewesen sei, sondern der Rest des Vorstandes weiterhin schweige. Nach der Veröffentlichung des Positionspapiers hatte man sich eigentlich eine gute Ausgangslage erarbeitet, danach kam nichts mehr: „Haben die Abgeordneten nichts zu sagen?“, fragte ein Grevesmühlener Mitglied den Vorstand.1337 Teile des Bezirksverbandes schätzten die aktuelle Situation ähnlich ein und fragten, ob die eigene Parteiführung „noch in der Lage ist, die Wende zu gestalten?“1338 Bereits am 10.11.1989 wurde der Hauptvorstand neu gewählt und der designierte neue Vorsitzende Lothar de Maizière bestätigt. Das MfS schätzte diese Personalentscheidung als weitere Stärkung des kirchlichen Einflusses auf die CDU(D) ein.1339 Der erzwungene Rücktritt Göttings und die Wahl de Maizières zu dessen Nachfolger stellten die Weichen für einen neuen Kurs der CDU(D), der auf eine aktive Umgestaltung der Verhältnisse in der DDR und eine Annäherung an die westdeutsche Schwesterpartei hinauslief. Zwar trat die CDU(D) wie die LDP(D) in die 1334 Informationsbericht des KV Rügen vom 5.11.1989, ACDP 03-043-032/5. 1335 Vgl. z. B. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Grimmen am 8.11.1989, ACDP 03-043-045/2, S. 2 und Protokoll zur Beratung mit Abgeordneten der SVV Grevesmühlen am 9.11.1989, ACDP 03-043-089/3, S. 2. 1336 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 3.11.1989, ACDP 02-253-001/3, S. 2. 1337 Schreiben des Kreissekretariates Grevesmühlen an den HV vom 7.11.1989, ACDP 03-042-040/4. 1338 So ein Mitglied des Bezirksvorstandes auf der Kreisvorstandssitzung Grimmen am 8.11.1989, ACDP 03-043-045/2, S. 2. 1339 Zum Stimmungsbild in der VK-Fraktion und der Wahl de Maizières siehe: Bericht der ZAIG über die VK-Sitzung am 3.11.1989, BStU, MfS 3750, Bl. 23–25. Übergangsregierung Modrow ein, verließ jedoch den Block noch Ende November: Auf der letzten Blocksitzung am 28.11.1989, deren turnusmäßiger Vorsitz der CDU(D) zufiel, beantragte de Maizière bereits die Auflösung des Gremiums. Alle anderen Mitglieder lehnten seinen Vorstoß ab.1340 Mit ihrem Austritt leitete die CDU(D) dennoch dessen Ende ein. Die personelle Erneuerung blieb vorerst aber auf den Parteivorstand beschränkt: Dem Rostocker Bezirksverband wurde bereits zwei Tage zuvor mit 22 Ja-Stimmen von 24 Anwesenden das Vertrauen ausgesprochen, wenngleich diese auf die weitere Durchsetzung innerparteilicher Demokratie drangen.1341 Die in den Kreisen gestellten Vertrauensfragen endeten ähnlich gut. Kurios war die Situation jedoch in Grevesmühlen: Die offene Abstimmung beantworteten nur zwei der Anwesenden mit „Ja“, der Rest enthielt sich. Damit wurde das Vertrauen als ausgesprochen gewertet.1342 In der Grevesmühlener Volksvertretung war die Phase des personellen Übergangs ebenfalls schwierig: So war der Rücktritt des Rat des Kreises zwar gewollt, da es aber keine Nachfolgekandidaten gab, blieben die alten Mitglieder im Amt.1343 Die Berliner Ereignisse wurden vergleichsweise wenig kommentiert. Während in der Hauptstadt Entscheidungen von großer Tragweite getroffen wurden, war man in Rostock mehr mit sich, den bezirklichen Strukturen und der Neubesetzung von Kreisämtern beschäftigt. So wurde die Öffnung der Mauer zum Beispiel in nur einem Bericht erwähnt.1344 Die Wahl de Maizières nahm die Mitgliedschaft positiv auf und sprach ihm das Vertrauen aus. Verbunden wurde dies häufiger mit dem Wunsch, dass die Kirche sich nun wieder ihren unpolitischen Aufgaben widmen möge.1345 In Rostock waren die dominierenden Themen die 1340 Vgl. Stenographisches Protokoll der Blocksitzung am 28.11.1989, SAPMO BArch, DY 30, vorl. SED, Nr. 40745, Bd. 2, S. 1–56, hier S. 3. 1341 Vgl. Protokoll der Bezirksvorstandssitzung vom 8.11.1989, ACDP 07-011-3871, S. 2. 1342 Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Grevesmühlen vom 13.12.1989, ACDP 02-240-002/1. 1343 Die 8. Tagung des HV hat am 22.11.1989 einen Untersuchungsausschuss gebildet, der die Finanzgebaren Götting's untersuchen sollte. Vgl. Protokoll der 8. Tagung des HV am 22.11.1989, ACDP 03-010-3907. 1344 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 13.11.1989, ACDP 03-043- 043/1. 1345 Vgl. z. B. Brief eines Mitgliedes aus Greifswald vom 18.11.1989, ACDP 07-011- 3658 und Informationsbericht des KV Greifswald vom 10.11.1989, ACDP 07- 011-3826. gewünschte Fraktionsbildung in den Kommunalvertretungen, die Einberufung von Sonderkreistagen, die Gründung eines eigenen Jugendverbandes, der Einsatz für Neuwahlen nach einem neuen Wahlgesetz, die Zusammenarbeit mit dem Neuen Forum1346 sowie die Aufarbeitung der eigenen Parteiengeschichte und die Veruntreuung von Parteigeldern durch Götting, die nach dessen Rücktritt öffentlich geworden war.1347 Trotz des alten Personals gestaltete der Kreisverband Grevesmühlen die inhaltlich-programmatische Neuausrichtung der Partei sehr aktiv mit und unterbreitete beständig seinen Forderungskatalog: „Wahlen bis Sommer 1990, bevor sich die SED wieder profiliert, Verfassung durch Volksentscheid, neues Parteien- und Wahlgesetz, Auflösung der Partei- und Kampfgruppen in den Betrieben, Ermöglichung der Kontrolle von polizeilichen Übergriffen, Einziehung des Vermögens Privilegierter, Wiedereinführung des alten Parteiabzeichens und christlicher Feiertage“.1348 Neben der bereits angekündigten Sozialismus-Debatte mehrten sich ab Ende November Stimmen, die auch eine wirtschaftliche und politische Westöffnung der Partei erwarteten. Einige Kreisverbände hatten bereits Kontakt zu den Gruppierungen ihrer Schwesterpartei aufgenommen.1349 Scheinbar hat es in der Interimsphase unter Heyl starke Seilschaften und undurchsichtige Intrigenspiele im alten Hauptvorstand gegeben, die sich gegen den neuen Vorsitzenden de Maizière richteten. Auf der Klausurtagung in Burgscheidungen Ende November konnte dieser sich und seine angestrebte Profilierung der Christdemokraten nur unter Rücktrittsdrohungen gegen die Machenschaften seiner internen Kontrahenten durchsetzen.1350 In dem neuen Programmpapier „Positionen der CDU zu 1346 Allen voran machte sich hier Greifswald stark und hielt regelmäßige Treffen mit Vertretern der Bürgerbewegung ab, erwog die Übergabe von Mandaten an das Forum sowie die Bereitstellung von Kapazitäten in der Parteipresse und der Nutzung der eigenen Räumlichkeiten. Protokoll der Zusammenkunft des Kreissekretariats Greifswald mit Vertretern des Neuen Forums am 20.11.1989, ACDP 03-043-045/6. 1347 Vgl. Protokoll der 8. Tagung des Hauptausschusses am 22.11.1989, ACDP 07- 010-3907, S. 2. 1348 Informationsbericht des KV Grevesmühlen an den HV vom 30.11.1989, ACDP 07-011-3826. 1349 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Wismar vom 5.12.1989, ACDP 02-244- 018/3, S. 2 und Protokoll der Kreisvorstandssitzung Ribnitz-Damgarten vom 4.12.1989, ACDP 02-239-005/3. 1350 De Maizière wirft Heyl auch vor, Krenz ohne vorherige Absprache mit ihm als neuen Parteivorsitzenden zur Wahl zum Staatsratsvorsitzenden vorgeschlagen und gewählt zu haben. Interessante Hintergründe zu den internen Macht– Gegenwart und Zukunft“1351, sprach sich de Maizière für einen demokratischen, humanistischen und christlichen Sozialismus und ein gemeinsames europäisches Haus aus und skizzierte damit die Diskussionsgrundlage für den Sonderparteitag Erneuerung und Zukunft am 15. und 16. Dezember 1989. Hier stellte die CDU(D) ihre programmatische, personelle und strukturelle Neuausrichtung vor. Noch im Vorfeld des Parteitages hatte die CDU(D) in ihrer Tageszeitung Die Zeit das zweite Positionspapier Gemeinsam Handeln – Angebot der CDU veröffentlicht, in dem sie sich zu ihrer Mitverantwortung für die Politik der SED bekannte.1352 Erst jetzt war der Weg frei für eine neue Politik: Die Maxime des Christlichen blieb, wenn auch ihre Gewichtung auf dem Parteitag diskutiert wurde.1353 Gegen die Vorstellungen des Hauptvorstandes und de Maizières forderten rangniedere Mitglieder erfolgreich, auf den Begriff Sozialismus oder eine Bezugnahme darauf fortan zu verzichten. Das Bekenntnis zu einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft und zu einer parlamentarischen Demokratie rundete die neue Westorientierung ab. Trotz seiner guten Beziehungen zu Gregor Gysi, der parallel zum Sonderparteitag der CDU(D) zum neuen Vorsitzenden der SED-PDS1354 gewählt wurde,1355 lehnte de Maizière eine erneute Koalition mit der SED-PDS prinzipiell ab. Unabhängig von seiner persönlichen Neigung wäre das Gegenteil vermutlich auch nicht akzeptiert worden. Anders als es im Positionspakämpfen kann man in der Autobiographie de Maizières nachlesen. De Maizi- ère, Ich will, dass…, S. 52–71. 1351 Siehe: https://www.nd-archiv.de/artikel/1956514.positionen-der-cdu-zugegenwart-und-zukunft.html (eingesehen am 7.12.2015 um 7:11 Uhr). 1352 Vgl. Gemeinsam Handeln – Angebot der CDU in Belwe, K./Reuter, U. (Hg.): Dokumentation zur Entwicklung der Blockparteien der DDR von Ende September bis Anfang Dezember 1989, Bonn 1989, S. 106. 1353 Referat Lothar de Maizière auf dem Sonderparteitag, abgedruckt in: Geschäftsstelle des Parteivorstandes (Hg.): Erneuerung und Zukunft. Positionen zum CDU-Sonderparteitag am 15./16. Dezember 1989 in Berlin (CDU-Texte 1/90), Berlin 1990. ACDP VII-011-3902. 1354 Den Doppelnamen SED-PDS trug die Partei nur zwischen dem Sonderparteitag im Dezember und dem 4. Februar 1990, danach verzichtete sie auf das Kürzel SED. 1355 Der Sonderparteitag der SED fand in zwei Abschnitten am 8./9. und 16./17. Dezember 1989 statt. Zur personellen, inhaltlichen und strukturellen Erneuerung der SED siehe: Booß, C.: Der Sonderparteitag der SED im Dezember 1989, in: Deutschland-Archiv 42 (2009), S. 993–1002. pier zuvor verkündet wurde,1356 erklärte de Maizière die Vereinigung beider deutscher Staaten – im Zuge einer neuen Friedensordnung Europas – auf dem Sonderparteitag zum Ziel christdemokratischer Politik, obwohl er selbst eher Jakob Kaisers Idee eines neutralen Deutschlands als Brücke zwischen Ost und West teilte.1357 In der Sozialismus-Debatte versuchte de Maizière zu vermitteln und bot beiden Flügeln einen Kompromiss an: Zwar sei das Wort wegen des Bezugs zum Stalinismus, der Diktatur und des Volksbetruges nicht mehr zu verwenden, aber „die Ideale von 150 Jahren Arbeiterbewegung (…), die mit ihnen verbundenen Hoffnungen, die von den regierenden kommunistischen Parteien (…) so schmählich enttäuscht worden sind“, seien Grund dafür, dass vielen Mitgliedern „dieser Begriff auch heute noch wichtig ist“.1358 Mit der christlich-sozialen Prägung nahm die erneuerte CDU(D) bewusst auf die Parteigründung Bezug. Möglicherweise ist hierin gleichsam ein Angebot an die Bundes- CDU zu sehen, zu den gemeinsamen Wurzeln zurückzukehren. De Maizière wurde von der breiten Mitgliedschaft und dem Apparat im Amt bestätigt. Drei der vier Initiatoren des Weimarer Briefes nahmen ebenfalls Posten im neuen Vorstand ein. In dem 83-köpfigen Führungsgremium waren auch fünf Rostocker vertreten.1359 Die neuen Vorstandsmitglieder waren vor dem Dezember 1989 – abgesehen von einigen Bezirksvorstandsmitgliedern – alle auf der unteren Parteiebene oder innerhalb kirchlicher Strukturen engagiert und stellten somit eine neue und tatsächlich wenig belastete Führungsmannschaft dar.1360 Im Bezirk Rostock meldeten einige Kreisverbände ab Anfang Dezember steigende Austrittszahlen, die nach dem Sonderparteitag zwar zunahmen, aber zu einem großen Teil noch durch Neuzugänge kompensiert 1356 Das Ziel der Deutschlandpolitik der CDU war in der ersten Dezemberhälfte 1989 noch die Konföderation beider deutscher Staaten. Belwe/Reuter, Dokumentation, S. 106. 1357 Vgl. Richter, Die Blockpartei, S. 125. 1358 Referat Lothar de Maizière auf dem Sonderparteitag, abgedruckt in: Geschäftsstelle des Parteivorstandes (Hg.): Erneuerung und Zukunft. Positionen zum CDU-Sonderparteitag am 15./16. Dezember 1989 in Berlin (CDU-Texte 1/90), Berlin 1990. ACDP 07-011-3902, S. 5–24. 1359 Dr. Günther Krause (Vorsitzender des KV Bad Doberan), Prof. Hans-Günther Leder (Greifswalder Theologe), Wolfgang Neumann (ebenfalls aus Greifswald), Eckhardt Rehberg (aus Ribnitz-Damgarten) und Gabriele Schmidt (aus Rostock-Stadt). 1360 Vgl. Übersicht über den neuen Parteivorstand, in: Geschäftsstelle des Parteivorstandes (Hg.): Erneuerung und Zukunft. Positionen zum CDU-Sonder– parteitag am 15./16. Dezember 1989 in Berlin (CDU-Texte 1/90), Berlin 1990. ACDP 07-011-3902, S. 25–31. werden konnten. So war am Ende des Jahres 1989 nur ein absoluter Abgang von 117 Mitgliedern zu verzeichnen, wobei die Kreise Ribnitz- Damgarten, Wismar und Rügen ihren Mitgliederstand gegenüber dem Vorjahr sogar leicht erhöhen konnten.1361 Mit einem Verlust von 1,5 % waren Rostock und Neubrandenburg die Bezirksverbände mit dem geringsten Mitgliederschwund,1362 was wohl auch an der öffentlichkeitswirksamen Aufdeckung des IMES-Waffenlagers in Kavelstorf gelegen hat, an der das CDU(D)-Organ Demokrat mitwirkte und ausführlich berichtete.1363 Die einsetzende und nach dem Sonderparteitag zunehmende Fluktuation war einerseits ein Indiz für den Glauben der Mitglieder und der Bevölkerung an die Gestaltungskompetenz der Christdemokraten, offenbarte andererseits aber auch den Bruch ehemaliger Mitglieder mit ihrer Partei. Die Parteiaustritte müssen sowohl als Protest gegen den zu langsamen Erneuerungsprozess als auch gegen die Abkehr von etablierten Positionen insgesamt gedeutet werden. Im Gegensatz zur Parteiführung hatte die Basis der NDPD den Herbst 1989 durchaus als Chance zur Reformierung und mehr Eigenständigkeit erkannt. Der Vorsitzende der NDPD demonstrierte jedoch noch am Tag nach Honeckers Rücktritt den öffentlichen Schulterschluss.1364 Forderungen nach Homanns Abdankung kamen daher ab Mitte Oktober aus fast allen Rostocker Kreisverbänden1365 und auch vom Rostocker Bezirksvor- 1361 Den 7.761 CDU(D)-Mitgliedern am 31.12.1988 standen 7.644 Mitglieder am 31.12.1989 gegenüber. Mitgliederstände in Relation 1988/89: Ribnitz-Dam– garten 102,6 %, Wismar 100,5 % und Rügen 100,4 %. Die Verlierer sind: Rostock-Stadt 95,3 %, Grevesmühlen 95,5 % und Grimmen 97,6 %. Siehe: Analysen des statistischen Jahresberichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1990 vom 29.1.1990, ACDP 03-043-021/1. Zur Analyse der Mitgliederbewegung siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1362 Mit einem Mitgliederverlust von 9,9 % nahm Frankfurt/Oder mit Abstand die Spitzenposition in diesem CDU(D)-Ranking ein, gefolgt von Leipzig (5,3 %) und Potsdam (5 %). Statistischer Jahresbericht für das Jahr 1989 vom 25.1.1990, ACDP 07-011-5586. 1363 Vgl. Informationsbericht des Bezirksverbandes an den Hauptvorstand vom 15.12.1989, ACDP 03-043-038/1. 1364 Vgl. Aufmacher der National-Zeitung vom 19.10.1989, S. 1f. 1365 Vgl. z. B. Inhaltliche Positionsbestimmung des KV Greifswald vom 1.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 43–45 oder Schreiben des KV Wismar an den Hauptausschuss der NDPD vom 31.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 101. stand.1366 Der Druck zeigte Wirkung: Homann wurde am 2.11. zum Rücktritt gezwungen. Ausschlaggebend für dessen geringen Widerstand gegen seine Absetzung war wohl, dass ihm auch enge Vertraute aus den Reihen des Hauptvorstandes eine Abdankung nahelegten.1367 Trotz verhaltener Proteste aus der Mitgliedschaft1368 wurde der bisherige stellvertretende Vorsitzende und Sekretär für Parteiorganisation Günther Hartmann zum Nachfolger ernannt.1369 Damit vollzog sich nun auch formal ein Prozess, der sich schon Jahre zuvor angedeutet hatte: Die wesentlich größere Präsenz innerhalb der Partei und die richtungsgebenden Impulse1370 wurden schon seit Mitte der 80er Jahre von Hartmann gesetzt, während Homann eher repräsentative Aufgaben erfüllte. Der neue NDPD-Vorstand unter Hartmann verweigerte die weitere Anerkennung der führenden Rolle der SED auf der 6. Hauptaus– schusstagung am 7. November 1989 und distanzierte sich vom Begriff Sozialismus: Die korrupte SED-Führung habe die Idee missbraucht.1371 Hartmann war bemüht, der entstandenen Kluft zwischen Führung und Basis durch seine Grundsatzschrift Mit einer erneuerten NDPD für die Erneuerung des Sozialismus in der DDR entgegenzuwirken. Er setzte eigene Impulse und vertrat eine reformsozialistische Position. Anfänglich war er damit auch erfolgreich. So vermeldeten einzelne Bezirksverbände, dass die Austritte abnähmen und sogar Neueintritte verzeichnet wür- 1366 Vgl. Protokoll der Sondersitzung des Bezirksvorstandes Rostock am 1.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 143. 1367 Bereits am 24.10.1989 wurde Homann darüber informiert, reagierte aber unverständig. Bericht zu einem Gespräch mit einer zuverlässigen Quelle aus dem zentralen Vertragsgericht vom 24.10.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 18776, Bl. 14–15. 1368 Bereits Ende Oktober wurde in einigen Zuschriften auch der Rücktritt der Stellvertreter Homanns gefordert. Z. B. Brief eines Kreisausschussvorsitzenden der Nationalen Front vom 28.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/2754. 1369 Vgl. Lapp, Ausverkauf, S. 55. 1370 Neben seinen Aufgaben als Sekretär für Parteiorganisation war Hartmann der Kristallisationspunkt zwischen den Parteiebenen. Er hielt einleitende Referate auf Sitzungen, beschloss Schulungs- und Maßnahmenpläne und aktuellpolitische Aufgaben, überprüfte die Umsetzung der Präsidiumsvorgaben und war damit die Schaltstelle für die ideologische Arbeit in der NDPD. Es ist davon auszugehen, dass er wesentlich besser über den Zustand der Partei infor– miert war als Homann. 1371 Vgl. Arbeitsprotokoll der 8. Hauptausschusstagung am 17.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/3700, S. 13–15. den.1372 In Rostock war man optimistisch und führte eine rege Programmdiskussion. Während auf Kreisebene Anfang November erste privatwirtschaftliche Impulse,1373 Forderungen nach Zulassung der neuen Parteien und Organisationen,1374 der Einhaltung der Verfassung1375 und der Entmilitarisierung und Entideologisierung der Bildung1376 aufkamen, beschloss der Bezirksverband am 3. November Sofortmaßnahmen zur Beherrschung der Lage. Der Maßnahmenkatalog des Bezirksverbandes trug der politischen Tragweite der Wortmeldungen aus den Kreisen jedoch keine Rechnung: Wie in den Jahren zuvor handelte es sich nämlich hauptsächlich um Reparatur- und Bauanträge, Umweltschutzmaßnahmen und die Behebung von Versorgungsdefiziten.1377 Im Bewusstsein dieser Diskrepanz öffnete der Bezirksvorsitzende Pommerenke am 6. November den Weg für seine mögliche Abwahl: Er stellte die Vertrauensfrage und wurde bis zum Erreichen des Rentenalters im Frühjahr 1990 in seinem Amt bestätigt.1378 Anfang November dominierten folgende Schwerpunkte die Diskussion in den NDPD-Kreisverbänden: mehr Eigenverantwortlichkeit für die Parteigliederungen und Abbau des Zentralismus,1379 transparente, dialogbetonte und unbürokratische Parteiarbeit,1380 stärkere Profilierung und absolute Unabhängigkeit der Parteien,1381 Parteiwahlen und Einbe- 1372 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 84 vom 27.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 9. 1373 Vgl. z. B. Schreiben des BV vom 1.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 138. 1374 Vgl. z. B. Offener Brief aus dem Kreis Rostock vom 28.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/57, Bl. 261. 1375 Vgl. Brief des KV Wismar an den HA der Partei vom 31.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/61, Bl. 102. 1376 Vgl. z. B. Inhaltliche Positionsbestimmungen des KV Greifswald vom 3.11. 1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 44. 1377 Vgl. Sofortmaßnahmen zur Beherrschung der Lage vom 3.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 91. 1378 Vgl. Protokoll der außerordentlichen Bezirksvorstandssitzung vom 6.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 67. 1379 Vgl. z. B. KV Rügen vom 3.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/103, Bl. 41. 1380 Vgl. z. B. KV Wolgast vom 21.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 105. 1381 Vgl. z. B. KV Rostock vom 6.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 75. rufung der Volkskammer und eines Sonderparteitags,1382 die juristische Überprüfung und gegebenenfalls Bestrafung von Funktionären aller Parteien1383 und eine größere Öffentlichkeitswirksamkeit der Partei.1384 Die Öffnung der Mauer und die neuen Reisemöglichkeiten wurden von den meisten Mitgliedern freudig begrüßt, aber zugleich von einem möglichen Ausverkauf der DDR durch Schieber und Spekulanten gesprochen.1385 Die Forderung nach einer gänzlich neuen Verfassung statt der bloßen Streichung des ersten Artikels äußerte die NDPD Mitte November und war damit schneller als die übrigen Blockparteien. Die Spaltung der Mitgliedschaft zeichnete sich nach dem Amtsantritt Hartmanns bereits deutlich ab: Der SED-nähere Flügel befürwortete die Volkskammerpräsidentschaft Maleudas statt der Gerlachs und stimmte dem Regierungsprogramm Modrows zu.1386 Der andere Flügel erklärte die DDR für tot und jegliche Reformierungsversuche für sinnlos.1387 Vorerst gelang es Hartmann jedoch, die entstandene Gestaltungsmöglichkeit in der DDR mit der nationalen Ausrichtung der Partei zu füllen und somit das Integrationspotential der NDPD zu erhalten: In seiner Grundsatzrede am 17. November brachte Hartmann die deutsche Frage in die Diskussion ein und kam damit auch dem westdeutschen Bundeskanzler Helmut Kohl um zwei Wochen zuvor.1388 Mehrere Kreisverbände 1382 Nach Auskunft des KV Bad Doberan forderte diesen am 1.11. als erstes der KV Greifswald. Brief des KV Bad Doberan an Hartmann vom 26.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 43. 1383 Vgl. z. B. am 6.11. der KV Rostock-Land, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 75 und erneut am 9.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 84. 1384 Vorschläge waren die Einführung einer Parteifahne und die Gleichstellung der Parteihochschulen mit Universitäten (KV Rügen vom 8.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 83), die öffentliche Abhaltung aller Kreissitzungen und die Bildung von Arbeitskreisen (KV Grimmen am 15.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 50) und die Gründung eines Jugendverbandes (KV Rügen am 7.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/104, Bl. 1). 1385 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 82 vom 13.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 10. 1386 Vgl. ebd. und Aktuelle Information Nr. 83 vom 20.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 8–9. 1387 Vgl. z. B. Brief eines Mitgliedes vom 19.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2758. 1388 Vgl. Höhne, R.: Von der Wende zum Ende. Die NDPD während des Demokratisierungsprozesses, in: Niedermeyer, O./Stöss, R. (Hg.): Parteien und Wahlen im Umbruch. Parteiensystem und Wählerverhalten in der ehemaligen DDR und den neuen Bundesländern, Opladen 1994, S. 113–142, hier S. 120. begrüßten Hartmanns Idee der Konföderation, weil „nationale Ideen nicht Neofaschisten überlassen werden dürfen“.1389 Als Voraussetzung dafür nannten sie die Wiedereinführung der Länder in Angleichung an bundesdeutsche Strukturen.1390 Als vermittelnde Reaktion zwischen den Flügeln innerhalb der Mitgliedschaft bekannte sich die Hauptausschusstagung Ende November erneut zu einem modernen Sozialismus unter den Schlagworten „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und soziale Gerechtigkeit“, einem fairen parteienpluralistischen Wettbewerb, einer sozialistischen Marktwirtschaft und der staatlichen Souveränität der DDR in einer Vertragsgemeinschaft mit der BRD. Zeitgleich erklärte sie die Streichung beider Kernsätze, ihren Austritt aus der Nationalen Front und dem Demokratischen Block.1391 Hartmanns Aussagen zum Verhältnis von DDR und BRD wurden gern fehlinterpretiert, wodurch er sich bereits eine Woche später gezwungen sah, seine deutschlandpolitische Konzeption zu verdeutlichen: Eine Vertragsgemeinschaft habe „mit der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten überhaupt nichts zu tun.“1392 Trotz der positiven Reaktionen auf diesen Vorstoß ging die politische Auseinandersetzung der Parteibasis mit dem System der DDR weiter. Als Ergebnis reger Diskussionen forderten die Grimmener Mitglieder von ihrer Volkskammerfraktion, sich für den Rücktritt Krenz' vom Staatsratsvorsitz und der Führung des Nationalen Verteidigungsrates einzusetzen und sofortige Neuwahlen anzuberaumen.1393 Die deutliche Positionierung trug Früchte. So verkündete der Kreisverband Grimmen Ende November stolz: „Wir haben keine Austritte mehr, wir haben ein eigenes Programm!“1394 Der Kreisverband Greifswald schaffte Ende November Fakten. Er trat aus der Nationalen Front und dem Block des Kreises aus, um fortan am Runden Tisch gemeinsam mit der Bürgerbewegung 1389 Vgl. Flugblatt der NDPD-Rostock, vermutlich Ende November 1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 22. 1390 Vgl. Protokoll der 7. Tagung des Hauptausschusses am 10.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/3699, S. 40. 1391 Protokoll der Hauptausschusstagung am 28.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2760, S. 1–23. 1392 Informationsbrief an die Vorsitzenden der Grundeinheiten vom Sekretariat des Hauptausschusses vom 4.12.1989, SAPMO, BArch, DY 16/5012, S. 6. 1393 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 85 vom 4.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 8. 1394 Aktuelle Informationen Nr. 84 vom 27.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 6. zusammen zu arbeiten.1395 Der Wismarer Kreisverband erhob die Forderung an die zentrale Parteiebene, fortan den Runden Tisch als höchste politische Instanz zu betrachten und die Mitarbeit in allen anderen Gremien einzustellen.1396 Für die Mehrheit der mittleren und höheren Funktionärsebene der NDPD hatte der Einsatz für einen reformierten und demokratischen Sozialismus Priorität. An die Adresse der Beharrungskräfte in seiner Partei richtete Pommerenke daher am Ende des Monats die Warnung vor einem möglichen Rückfall in die Zeit vor dem Sommer 1989: „Wer das versucht, erledigt den Sozialismus“.1397 Einen herben Rückschlag erlitt das noch bestehende Vertrauen in den Parteivorstand, als die Veruntreuungen von Parteigeldern durch den ehemaligen Vorsitzenden Homann bekannt wurden. Diesen Vertrauensverlust konnte weder der Parteiausschluss noch die Einleitung der strafrechtlichen Verfolgung Mitte Dezember1398 Einhalt gebieten: Einige Mitglieder sahen den gesamten Hauptvorstand mitverantwortlich und forderten dessen geschlossenen Rücktritt.1399 Unabhängig von Homanns Veruntreuung wurde bereits hier vereinzelt der Rücktritt Hartmanns gefordert.1400 Den Zustand der Partei und der DDR bewerteten die Kreisverbände am Jahresende sehr unterschiedlich. Während Wolgast in der zweiten Dezemberhälfte die ersten Erfolge des Erneuerungsprozesses erkannte,1401 befürchtete man auf Rügen den Ausbruch von Anarchie und Chaos.1402 Zeitgleich wurde offensichtlich, dass der Begriff Sozialismus bei der 1395 Vgl. Programm der Arbeit des Kreisverbandes Greifswald bis zum 14. Parteitag vom 12.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 41– 42. 1396 Vgl. Pressemitteilung des Blocks in Wismar vom 5.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4. 132/61, Bl. 104. 1397 Protokoll der Bezirksvorstandssitzung vom 23.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/23, Bl. 66. 1398 Vgl. Protokoll der 7. Tagung des Hauptausschusses am 10.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/3699. 1399 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 87 vom 18.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 2. 1400 Vgl. z. B. Schreiben des KV Ribnitz-Damgarten (o. Datum), Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4. 132/82, Bl. 5. 1401 So der Kreissekretär in einem undatierten Rundschreiben an seine Mitglieder, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/125, Bl. 8. 1402 Vgl. Protokoll der erweiterten Sitzung des KV Rügen am 7.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/104, Bl. 2. NDPD-Basis zunehmend in die Kritik geriet1403 und Teile der Mitgliedschaft deutlich für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten eintraten.1404 Während über die Absage an den Sozialismus mittlerweile überwiegend Einigkeit bestand,1405 erforderte die Deutschlandpolitik größeres Fingerspitzengefühl, da die Vereinigungsidee auch Ängste und Unbehagen auslöste1406 und zum Teil als Rechtsruck in Bevölkerung und Partei wahrgenommen wurde.1407 Dem trug das Ende Dezember erscheinende Programm Die NDPD der 90er Jahre: politische Kraft der Mitte in der DDR Rechnung: Zwar sei eine Vereinigung als Weiterentwicklung der Konföderation denkbar. Dies jedoch nur im Rahmen eines europäischen Einigungsprozesses und als ein neutrales und entmilitarisiertes vereinigtes Deutschland, das die besondere Bedeutung der Oder-Neiße-Grenze anerkennt1408 und einen dritten Weg zwischen Planwirtschaft und Kapitalismus verfolgt.1409 Die Befürchtung eines materiellen und ideellen „Ausverkaufs“1410 der DDR nahmen ab Januar 1990 ebenso zu wie die Sorgen über den Fortbestand des Privateigentums und der Spareinlagen.1411 In Bezug auf die Zukunft der NDPD war man dagegen noch mehrheitlich optimistisch: Der Austritt aus dem Block, der Kontakt zu den neu 1403 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 87 vom 18.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 12. 1404 Vgl. Protokoll der 7. Tagung des Hauptausschusses am 10.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/3699, S. 32. 1405 Vgl. Kreisdelegiertenkonferenz Wolgast vom 12.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 112, Kreisdelegiertenkonferenz Wismar vom 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4. 132/57, Bl. 357 oder Kreisdelegiertenkonferenz Rügen vom 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/101, Bl. 1–2. 1406 Vgl. ebd., S. 51. 1407 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 87 vom 18.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 4. 1408 Vgl. Kreisdelegiertenkonferenz Wolgast vom 12.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 112, Kreisdelegiertenkonferenz Wismar vom 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 357 oder Kreisdelegiertenkonferenz Rügen vom 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/101, Bl. 1–2. 1409 Vgl. Programm der NDPD, veröffentlicht in der NZ vom 27.12.1989 (42/89), SAPMO BArch, DY 16/5012. 1410 Parteiinformationen des Bezirkssekretariat Grevesmühlen an die Abt. Parteiinformationen vom 12.1.1990, BArch, SAPMO, Bestand NDPD, DY16/6362, S. 1– 2. 1411 Informationen aus Bezirkssekretariaten und Kreissekretariaten vom 15.2.1990 an die Abteilung Parteiinformation, SAPMO BArch, DY 16/484, S. 5. entstandenen demokratischen Organisationen, die Öffnung für ein mögliches Bündnis mit der LDP(D) ab Mitte Dezember,1412 die Forderung nach freien Wahlen und eine eindeutige Ablehnung jedweder Zusammenarbeit mit der SED1413 ließen einen Teil der Mitglieder auf ein erfolgreiches Fortbestehen ihrer Partei hoffen. Andere Mitglieder waren von dem programmatischen Stillstand und der zum Teil fehlende Demokratieerfahrung oder -willigkeit ihrer Parteikollegen enttäuscht. Sie schätzten die Abgrenzung zur SED als ungenügend ein,1414 führten die schlechten Wahlumfragen auf die vagen Aussagen und die mangelnde Initiative des Hauptausschusses zurück und kritisierten die Öffentlichkeitsarbeit als ungenügend. Angesichts dessen nahmen die Parteiaustritte ebenso deutlich zu wie die Rücktrittsforderungen an Hartmann.1415 Einzig der Stralsunder Kreisverband differenzierte sein Urteil und meldete auch positive Stimmen.1416 Nachdem am 4. Januar 1990 erstmals eine umfassende Stellungnahme der Parteizentrale in der NZ und der NNN erschien, war der Jahresbeginn geprägt von den Kreisdelegiertenkonferenzen zur Vorbereitung des Sonderparteitags am 20. und 21. des Monats. Die Erwartungen an den Sonderparteitag waren hoch: Durch klare Aussagen gegen die SED, für eine Koalitionsregierung und eine die Einheit vorbereitende Konföderation, aber gegen den Ausverkauf der DDR sollen die Parteiaustritte gestoppt und die Aussichten für die kommende Wahl verbessert werden.1417 Der Einsatz für eine langfristig geplante und gleichberechtigt umgesetzte Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1412 Vgl. Protokoll der 7. Hauptausschusstagung am 10.12.1989, BArch, SAPMO, Bestand NDPD, DY16/3699, S. 35. 1413 Vgl. Protokoll der 8. Hauptausschusstagung am 17.1.1990, BArch, SAPMO, Bestand NDPD, DY16/3700, S. 8. 1414 Vgl. z. B. KV Rügen vom 9.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/103, Bl. 13. 1415 Vgl. z. B. KV Wismar vom 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/120, Bl. 20 und KV Rügen vom 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/101, Bl. 1. 1416 Die Kreisdelegiertenkonferenz Stralsund vom 13.1.1990 berichtet von Zustim– mung und auch Ablehnung Hartmanns. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/109, Bl. 1–2. 1417 Vgl. Informationen in Vorbereitung des Parteitags der NDPD vom KV Bad Doberan vom 9.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/6362 und Parteiinformationen des Bezirkssekretariates Rostock vom 12.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/6362. hatte sich bis Mitte Januar als Mehrheitsmeinung etabliert1418 und sollte auf dem zweiten Teil des Parteitags am 11.2.1990 auf die wahlkampffähige Devise „Einheit so schnell wie möglich, aber so bedacht wie nötig“1419 gebracht werden. Die Vorstellungen der Mitglieder und Delegierten über die politische Grundausrichtung der Partei waren jedoch äußerst different. Der eine Flügel trat für eine Mitte-Rechts-Partei mit ausgeprägtem Nationalbewusstsein als Alleinstellungsmerkmal ein,1420 während der andere in der künftigen NDPD eine ökologische Volkspartei mit sozial-marktwirtschaftlichem Profil sehen wollte.1421 Die Leistung der Parteibasis für den internen Erneuerungsprozess würdigte der designierte Rostocker Bezirksvorsitzende Seibel mit den treffenden Worten „die Basis hat ihre Führung gejagt, gestern eingeholt, heute überholt“.1422 Doch auch dieses Zugehen auf die Mitglieder konnte die bestehenden Spannungen nicht glätten. Ganz im Gegenteil. Nach wirren Verhandlungen und undurchsichtigen Wahlen wurde der Brandenburger Kreissekretär Wolfgang Glaeser im Januar zum neuen Vorsitzenden gewählt. Den Vorstandsmitgliedern wurden nicht nur Wahlfälschung, sondern die Lenkung und Inszenierung des gesamten Parteitags vorgeworfen.1423 Diese „skandalösen Vorfälle“ nahmen viele enttäuschte Mitglieder als Anlass zum Parteiaustritt.1424 Nachdem Glaesers Schlussplädoyer auch durch das Zutun der Parteizeitungen NZ und NNN als Rechtsruck interpretiert worden war,1425 wurde er bereits wenige Tage später zum Rücktritt gedrängt. 1418 Vgl. Protokoll des Sonderparteitags am 20./21.1.1990, Rechenschaftsbericht des Hauptausschusses, vorgetragen durch den Vorsitzenden Hartmann, BArch, SAPMO, Bestand NDPD, DY16/3625, S. 44. 1419 Protokoll des Sonderparteitags am 11.2.1990, Rede Wolfgang Rauls, BArch, SAPMO, Bestand NDPD, DY16/5012, S. 1. 1420 Vgl. Diskussionsgrundlage für die Parteidelegierten zum Programmentwurf, Kreis Wismar um den 10.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/120, Bl. 30. 1421 Der Wismarer KV vertrat hier das Credo “Die Ökologie ist die Ökonomie der Zukunft!“, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/120, Bl. 6. 1422 Rede Seibel auf dem Sonderparteitag am 21.1.1990, BArch, SAPMO, Bestand NDPD, DY16/3625, S. 217a. 1423 Vgl. Aus einigen Informationen aus Bezirks- und Kreissekretariaten vom 8.2.1990, SAPMO BArch, DY 16/ 437. 1424 So auch 18 Mitglieder der ehemaligen National Zeitung, die inzwischen in Berliner Allgemeine umbenannt worden war. SAPMO BArch, DY 16/41686, Bl. 2. 1425 Vgl. Aus einigen Informationen aus Bezirks- und Kreissekretariaten vom 8.2.1990, SAPMO BArch, DY 16/ 437, S. 2–3. Auf dem zweiten Teil des Parteitages im Februar wurde mit dem Magdeburger Wolfgang Rauls ein neuer Parteivorsitzender gewählt. Beide Teile des Parteitags im Januar und Februar 1990 verliefen wenig strukturiert und erhitzten den Unmut der Mitglieder zusätzlich. Neben der negativen Außenwirkung des Intermezzos wurde sowohl der vermeintliche Rechtsruck als auch der Widerstand gegen den nun bereits ehemaligen Vorsitzenden Glaeser häufig als Austrittsursachen angegeben. Weitere Gründe waren die Enttäuschung über das als konzeptionslos und wenig reformorientiert wahrgenommene Parteiprogramm, das Mitte Januar 1990 von Hartmann vorgestellt wurde,1426 die wenig zeitgemäße Betonung des Nationalen1427, der Verbleib der alten Parteifunktionäre in ihren Ämtern sowie der nun entfallene Zwang zur Parteinahme1428 und die geringe Auseinandersetzung mit der eigenen Nähe zur SED.1429 Auch die Vereinigung beider deutscher Staaten sahen viele Mitglieder nun kritischer. Aus Angst um die Wahrung des Besitzstandes und des Arbeitsplatzes sahen sie sich Mitte Februar 1990 in einer Opferrolle: Der „böse Wolf“1430 Helmut Kohl wolle die DDR „möglichst mit Haut und Haaren fressen“.1431 Diesen Negativtrend konnte auch der weitgehend unbekannte Vorsitzende Rauls nicht aufhalten. Die inhaltliche Profilierung der NDPD war in dem knappen halben Jahr Eigenständigkeit zwischen der Emanzipation von der SED Ende Oktober 1989 und der Fusion mit dem BFD im März 1990 von einer sehr großen Spannbreite der politischen Vorstellungen geprägt. Sie verdeutlichte, dass die bestehende Heterogenität in der Mitgliedschaft nicht mehr zu überbrücken war. Neben den Diskussionen über die Zukunft der DDR und der Auseinandersetzung mit dem eigenen Parteivorstand lag das Hauptaugenmerk der Mitglieder ab dem Jahr 1990 auf Fragen zur wirtschaftlichen Entwicklung der neuen Bundesländer in einem vereinigten Deutschland, die häufig als negativ eingeschätzt wurde.1432 Trotz verein- 1426 Vgl. Austrittserklärung Landesarchiv Greifswald, 4.132, Nr. 75, Bl. 312. 1427 Vgl. ebd., Bl. 313. 1428 Vgl. ebd., Bl. 315. 1429 Vgl. Austrittserklärung Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132, Nr. 75, Bl. 318. 1430 Die Bezeichnung „böser Wolf“ bezieht sich auf das Grimm´sche Märchen Rotkäppchen, in dem der Wolf die Großmutter mit Haut und Haaren fressen will und ist keine Meinungsäußerung der Verfasserin. 1431 Aus Informationen aus Bezirkssekretariaten und Kreissekretariaten vom 15.2. 1990 an die Abteilung Parteiinformation, SAPMO BArch, DY 16/484, S. 5f. 1432 Bestätigt wurde diese pessimistische Einschätzung auch durch eine Strukturprognose der Universität Rostock. Sie kam zu dem Schluss, dass die Region in direkter Konkurrenz zu den bundesdeutschen Wirtschaftsstandorten keine zelten Engagements verlor die NDPD im ersten Quartal 1990 massiv an Bedeutung, sodass bereits vor der Wahl im März fragwürdig war, ob die NDPD in ihrer bisherigen Form fortbestehen kann. Exkurs: Bezug zu den militärischen und nationalen Wurzeln Als die Profilierung der Parteien nötig wurde, besann sich die NDPD auf ihre Tradition. Sie präsentierte sich neben der inhaltlichen Bezugnahme auf ihren ersten Vorsitzenden Bolz1433 vermehrt als Interessenvertreterin der militärischen Kreise und sah in den NVA-Angehörigen eine wesentliche Zielgruppe.1434 Vice versa wurde sie auch als deren Interessenvertreterin wahrgenommen. So wandten sich Armeeangehörige mit Beschwerden über die Medienberichterstattung1435 und Vortragswünschen1436 ebenso an die NDPD wie mit militärpolitischen Forderungskatalogen.1437 Für die NDPD war ab dem Frühjahr 1990 vor allem die Weiterbeschäftigung und soziale Absicherung ehemaliger NVA- Angehöriger von Bedeutung.1438 Auch der Bezirksverband Rostock präsentierte sich auf Plakaten und Veranstaltungen mit Angehörigen militärischer Gliederungen als deren Vertreter. Neben der zentralen Abrüstungs- und Neutralitätsforderung setzten sich die Nationaldemokraten für bessere Lebensbedingungen und die Einführung von Bürgerrechten für Soldaten ein.1439 Überlebenschance habe und stattdessen andere Konzepte verfolgen müsse. Vorstellung des Studienprinzips „Zukünftige Wirtschaftsstruktur im Norden der DDR“, Prof. Braun, Universität Rostock am 8.2.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 82–83. 1433 So wurden die Umbenennung des Parteihauses in Dr.-Bolz-Haus und die Gründung einer Dr.-Bolz-Stiftung diskutiert. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 88 vom 8.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272, S. 12. 1434 Vgl. z. B. Aktuelle Informationen Nr. 87 vom 18.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 10. 1435 Ein Berufssoldat beschwerte sich über einen seiner Einschätzung nach diffamierenden und beleidigenden Zeitungsartikel. Brief an die NNN vom 12.12.89, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 306. 1436 Vgl. Einladung der Militärpolitischen Hochschule Wilhelm Pieck an Hartmann vom 5.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/484. 1437 So Z. B. das Regiment Harro Schulze-Boysen am 2.3.1990, SAPMO BArch, DY 16/4168. 1438 Vgl. Kreiskonferenz KV Wolgast am 12.1.90, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/57, Bl. 360. Unter anderem fordert die NDPD die Aufnahme der Berufssoldaten und Offiziere in den Beamtenstatus. Wahlkampfrede Rauls´ am 2.3.1990, SAPMO BArch, DY 16/6363, S. 8. 1439 Das seit der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1952 bestehende Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ war in der NVA nicht üblich. Das zweite Standbein sah die NDPD in heimatverbundenen DDR-Bürgern.1440 Das nationale Ansinnen der Partei füllte sie mit dem Einsatz für die Wahrung der deutschen Kultur, ihrer Deutschlandpolitik und großer Heimatverbundenheit aus. Insbesondere der Kreisverband Rügen widmete sich der Traditionspflege:1441 Die Insulaner engagierten sich vor allem für die Wahrung des Andenkens an Ernst-Moritz Arndt. Neben der Denkmalpflege und der Sprachkultur sollte die „Insel Rügen nach den Idealen der großen Humanisten und Demokraten wie Ernst-Moritz-Arndt“ gestaltet werden.1442 In ihm sahen viele Nationaldemokraten einen Vordenker für eine „blühende Insel Rügen mit weltanschaulicher Toleranz der Einwohner und einem vertrauensvollen Verhältnis aller zueinander“.1443 Die antisemitischen und völkisch-nationalen Positionen Arndts wurden dabei ebenso ignoriert wie seine ausgeprägte Frankophobie. Auch andere Kreisverbände und der Bezirksverband wollten an die regionale Verbundenheit ihrer potenziellen Wähler anknüpfen. So entwarfen die Kreisverbände auch Wahlwerbematerial auf Plattdeutsch.1444 Nicht zuletzt ist der Einsatz des Kreisverbandes Greifswald für ein unabhängiges Verwaltungsgebiet Vorpommern im Frühjahr und auch noch im Sommer 1990 als Ausdruck einer engen Verbundenheit mit der Region zu sehen. Die Verkörperung des nationalen und antifaschistisch-militärischen Selbstverständnisses der Partei wurde nur wenigen Mitgliedern derart stark wie dem Greifswalder Rudolf Petershagen zugeschrieben. Es kam sicher nicht von ungefähr, dass Hartmann in seiner Antrittsrede Anfang November von einem „Aufruhr des Gewissens“ sprach1445 und die Assoziation mit dem bekannten Titel der Autobiographie Petershagens als identitätsstiftende Symbolik hervorrief. Dennoch trug die Rhetorik der NDPD eine Konnotation, die nicht so recht zu einem reflektierten Antifaschismus passt. So sprach die Parteileitung von der Angst vor einem drohenden „Volkstod“1446 im Falle eines dritten Weltkriegs und 1440 Vgl. z. B. Aktuelle Informationen Nr. 87 vom 18.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 10. 1441 Vgl. Protokoll der erweiterten Sekretariatssitzung vom 28.9.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4. 132/103, Bl. 50. 1442 Entwurf zum Wahlprogramm des KV Rügen vom 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4. 132/101, Bl. 22–23. 1443 Ebd., Bl. 24. 1444 Vgl. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/60, Bl. 22, 30, 31 und 32. 1445 Rede Hartmanns „Aus nationaler und demokratischer Verantwortung für die Er– neuerung des Sozialismus in der DDR“ vom 3.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/5209, S. 2. Petershagens Autobiographie trägt den Titel Gewissen in Aufruhr. 1446 Wortmeldung auf der 8. Tagung des Hauptausschusses am 17.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/3700, S. 36. wählte Formulierungen wie „die NDPD sei guten deutschen Willens“.1447 Auch die Kombination der Worte national und sozial schien für die NDPD-Mitglieder keinen negativen Beiklang gehabt zu haben. Neben dem Parteinamen hat wohl auch die Wortwahl die bundesdeutsche NPD in ihrer Annahme bestätigt, man sei sich politisch nahe.1448 Die Bemühungen, die Wurzeln der Partei in der Umbruchsituation 1989/90 wieder aufzugreifen und daraus Wählerkapital zu gewinnen, schlugen letztlich fehl, wie das enttäuschende Wahlergebnis der Volkskammerwahl zeigte. Andererseits ist unklar, für wie viele der 2.443 NDPD-Stimmen im Bezirk1449 vielleicht gerade der lokale oder militärische Bezug ausschlaggebend war. Bei der DBD ist der Beginn der programmatischen Erneuerung auf Mitte November zu terminieren, denn hier gab der Parteivorsitzende Maleuda dem Druck der Basis und des Reformerflügels um Junghanns nach und erklärte auf der 9. Tagung des Parteivorstands die Loslösung von der SED und forderte die Umgestaltung der sozialistischen Verhältnisse hin zu mehr Freiheit, Demokratie und der Wahrung der Menschenrechte.1450 Als maßgebliches Fehlverhalten der SED nannte er das zu lange Festhalten an überholten wirtschaftlichen Strukturen, die Ablehnung des Erneuerungsprozesses in der SU, die ungenügende Einbeziehung der Bürger und ein insgesamt herzloses und bürokratisches Verhalten. Alles gemeinsam habe die DDR und das Vertrauen der Bevölkerung in eine tiefe Krise gestürzt. Die Schuld der DBD sei es dabei gewesen, zu zaghafte Vorschläge gemacht zu haben und weder öffentlich noch überzeugend genug auf die als notwendig erachteten Erneuerungen gedrungen zu haben. Als Lehre aus der entstandenen Situation erklärte er, dass jeglicher Führungsanspruch nur durch Leistung und Vertrauen erworben werden und nur ein gleichberechtigter Meinungsaustausch den Weg aus der Krise weisen könne. Die parteiinterne Erneuerung sollte durch eine eigenständige Kaderpolitik und die Einschränkung des Berichtswesens gelingen. An eine basisdemokratische Legitimierung der parteiinternen Verfahren dachte Maleuda noch nicht. Im Bewusstsein, dass diese Maßnahmen allein nicht ausreichen würden, um den Reformforderungen der 1447 Rede Rauls in Gesammelte Parteiinformationen von Mitte Februar, SAPMO BArch, DY 16/5012, S. 2. 1448 Siehe Kapitel 3.1.3. BRD. 1449 Vgl. http://www.wahlrecht.de/ergebnisse/volkskammerwahl-1990.html. Eingesehen am 30.8.2013 um 10:45 Uhr. 1450 Vgl. Bauern-Echo, 16.11.1989, S. 3. Basis Rechnung zu tragen, kündigte Maleuda zwar das Vorziehen des Parteitags, aber keinen Sonderparteitag an.1451 In anderen Redebeiträgen aus dem Parteivorstand wurde die Öffnung der Partei für die städtische Wählerschaft und die Aufarbeitung der eigenen Parteigeschichte ebenso gefordert wie die „Entwicklung von Frauen für Leitungsfunktionen“1452 und über eine mögliche Koalition diskutiert. Regierungspartner könne jedoch nur die SED sein, „denn sonst wären wir über viele Jahrzehnte unseres Wirkens Doppelzüngler gewesen“, stellte ein Vorstandsmitglied fest.1453 Personelle Veränderungen erfolgten auch, jedoch auf freiwilliger Basis. Einige Vorstandsmitglieder erklärten ihren Rücktritt, aber die seitens des Präsidiums gestellte Vertrauensfrage wurde positiv beantwortet.1454 Vielen Mitgliedern ging die Rede Maleudas nicht weit genug. So häuften sich hier weiterhin Forderungen nach personellen Veränderungen bis hinunter zu den Kreisfunktionären, nach Entwicklung einer sozialistischen Marktwirtschaft, nach Beschränkung der Mandatsvergabe an Parteien und freien Wahlen nach einem neuen Wahl- und Parteiengesetz.1455 Die Androhungen von Parteiaustritten nahmen nach der Grundsatzrede Maleudas nicht ab.1456 Im Gegensatz zum Küstenbezirk kamen aus den südlichen Bezirken bereits Rücktrittsforderungen an Maleuda.1457 An der Leitungs- und Informationstätigkeit des Parteivorstands wurde nach wie vor massive Kritik geäußert: Die zu späte und zu geringe Positionierung der Parteileitung empfanden die Mitglieder als ungenügend. Doch nicht nur die Stellungnahme zu den politischen Vorgän- 1451 Vgl. Rede Maleudas auf der 9. Tagung des PV, vorgetragen und abgestimmt auf der Sekretariatssitzung am 11.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3535, S. 1–54. 1452 Vorschläge und Hinweise auf der 9. Tagung des PV am 14.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201, S. 10. 1453 Ebd., S. 1. 1454 Um ihre Entlassung baten die Mitglieder Helmschrott (Chefredakteur Bauern– Echo), Scholz, Eichhorn und Binder (Vorsitz Volkskammer-Fraktion). Protokoll der 34. Sekretariatssitzung am 16.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/877. 1455 Vgl. Zusammenfassung der Mitgliederzuschriften an den Vorstand der DBD bis zum 7.12.1989, SAPMO-BArch, DY 60/3201, Bl. 3–8. Als Reaktion auf die Auswertung der Zuschriften formulierte die DBD ihr neues Grundsatzpapier Was ist und was will die DBD?, das am 01.12.1989 im Bauern-Echo erschien. 1456 Vgl. z. B. Stellungnahme der Ortsgruppe Warnemünde, KV Rostock-Stadt vom 14.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196 und Vorschläge und Hinweise aus den Briefen an den PV zwischen dem 5. und 16.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201. 1457 Vgl. Information des BV Rostock über die Parteiarbeit im Oktober/November vom 11.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906. gen in der DDR, auch die Aufarbeitung, Offenlegung und Reflexion des Parteiverhaltens forderten sie permanent ein. So fragten sie auch wiederholt nach den wahren Ursachen für die Absetzung des ehemaligen Parteivorsitzenden Ernst Mecklenburg.1458 Die Wahl Maleudas zum Volkskammerpräsidenten Mitte November wurde nicht nur positiv kommentiert: Hauptkritikpunkt einiger Mitglieder und auch des Bezirksvorstandes Potsdam war die Tatsache, dass Maleuda sich mit den Stimmen der SED-Fraktion hatte wählen lassen. Dies habe ihn wieder zu einem Erfüllungsgehilfen der SED gemacht.1459 Erst zu Beginn des Jahres 1990 erkannten viele Mitglieder einen weiteren Nachteil, den die Ausführung dieses Amtes durch ihren Parteivorsitzenden mit sich brachte: Die Volkskammerpräsidentschaft habe einen so großen Raum eingenommen, dass Maleuda de facto aus der Parteileitungstätigkeit ausschied.1460 Deutlicher als bei den drei anderen Parteien lässt sich bei der DBD Besorgnis angesichts der unsicheren Zukunft erkennen. Fragen wie: Wie wird unsere Gesellschaft morgen aussehen?, Verfällt der Wert der Mark der DDR durch die Ausreisewelle?, Wie kann man rechtsradikalen Ideen Einhalt gebieten?, Welche Rolle wird den Bauern zukommen?, Kann die DDR-Wirtschaft die Schwemme von Westprodukten überstehen? und Wie kann man in der unruhigen Zeit die gesellschaftliche Ordnung und Sicherheit beibehalten? wurden in den Briefen der älteren Mitglieder im November 1989 an den Vorsitzenden Maleuda gestellt.1461 Insgesamt divergierten die Mitgliedsmeinungen Ende November auch bei der DBD zwischen den Extremen: Verbitterte Austrittserklärungen und ein massiver Vertrauensverlust standen optimistischen Wiedereintrittsanträgen gegenüber. Wie schon zu Beginn des Monats angeklungen war, nahmen die Forderungen, das Sozialismusverständnis der DBD zu überdenken, zu.1462 An eine grundsätzliche Abkehr vom Sozialismus 1458 Vgl. z. B. auch: Weitere Vorschläge und Hinweise aus 156 Briefen an den PV zwischen der 9. Tagung des PV und dem 29.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201, S. 5. 1459 Vgl. Informationsbericht 74/89 vom 27.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903, S. 2. 1460 Vgl. Stenographisches Protokoll des Sonderparteitags, SAPMO BArch, DY 60/71, S. 80a. 1461 Vgl. Zusammenfassung der Mitgliederzuschriften an den Vorstand der DBD bis zum 7.12.1989, SAPMO-BArch, DY 60/3201, Bl. 19, 30, 52 und DY 60/3181, Bl. 4, 5 und 68. 1462 Vgl. Hinweise und Vorschläge aus Briefen an den PV vom 28.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201. wurde aber bis zum Jahresende 1989 nicht gedacht. Stattdessen fragten hauptsächlich die langjährigen Parteimitglieder, wie sich die sozialistische Gesellschaftsform zukünftig präsentieren sollte und wie man sie reformieren kann, um ihr Überleben zu sichern.1463 Anfang Dezember begann die Mitarbeit in der Nationalen Front abzunehmen: Der Wismarer Kreisverband zog sich enttäuscht über die Zusammenarbeit mit der SED aus der Nationalen Front zurück.1464 Bekräftigt wurde die fortschreitende Desillusionierung durch die Entdeckung des Waffenlagers in Kavelstorf, wodurch der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit, aber auch Resignation und Parteiaustritte weiter zunahmen.1465 Die Idee einer Konföderation mit der BRD wurde in den Reihen der DBD zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich abgelehnt.1466 Die 10. Tagung des Parteivorstands Mitte Dezember konnte der heterogenen Basis keinen gemeinsamen Kurs mehr anbieten. Stattdessen unterband der Vorstand die programmatische Diskussion bis zur Neufassung des Statuts auf dem außerordentlichen Parteitag im März.1467 In der Erklärung Die DBD im Prozess der Erneuerung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR gab er die Schlagworte der künftigen Profilierung vor und stellte die DBD als „Partei der Erneuerung der sozialistischen Gesellschaft, die für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Menschenrechte, für Chancengleichheit aller Bürger bei voller Entfaltung der Individualität, die für die Bewahrung der bäuerlichen Tradition eintritt“ vor. Die Verantwortlichen für die „ernste politische Krise“ der DDR waren schnell ausgemacht, nämlich „die politische Führung der SED und die frühere Regierung“. Eine Mitschuld trage aber auch die DBD.1468 Gleichzeitig bekannte sich der Parteivorstand zu einer umfassenden Demokratisierung der DDR, der Aufhebung des 1. Artikel der DDR-Verfassung, der gleichberechtigten Zusammen- 1463 Weitere Vorschläge und Hinweise aus 156 Briefen an den Parteivorstand, die zwischen der 9. Tagung des Präsidiums des Parteivorstands bis zum 29.11.1989 eingegangen sind, vom 8.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201. 1464 Vgl. Informationsbericht des Bezirks Rostock vom 1.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 2–3. 1465 So wollte mehr als die Hälfte aller Ortsgruppenvorsitzenden in Rügen und Wismar nicht erneut kandidieren. Information 77/89 vom 4.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903. 1466 Vgl. Zusammenfassung der Mitgliederzuschriften an den Vorstand der DBD bis zum 24.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201, Bl. 36. 1467 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung am 9.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3539. 1468 Stellungnahme Die DBD im Prozess der Erneuerung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR, abgestimmt auf der 10. Tagung des PV am 11.–12.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/335, S. 1–3. arbeit mit allen Parteien am Runden Tisch, einem entmilitarisierten Europa und der Gestaltung einer Vertragsgemeinschaft mit schwerpunktmäßiger Zusammenarbeit in ökologischen Fragen. Zu einer „vorwiegend in LPG/VEG organisierten Landwirtschaft“ sah er aber auch weiterhin keine Alternative.1469 Jetzt kam der Parteivorstand auch den vehementen Forderungen nach einem außerordentlichen Parteitag nach und berief diesen für den 16./17. Februar ein.1470 Wenig später wurde er noch auf den 27./28. Januar 1990 vorgezogen. Trotz mehreren Kaderveränderungen auf der zentralen und der bezirklichen Ebene ging die personelle Erneuerung vielen Mitglieder bis zum Jahresende 1989 nicht konsequent genug voran: „Neuer Kurs und alte Köpfe passen nicht zusammen.“1471 Zudem hätten die Kreisfunktionäre häufig Probleme damit, „die neuen Leitlinien im Territorium umzusetzen und sich den Diskussionen zu stellen“.1472 Personalveränderungen auf der Bezirksebene gab es Mitte Dezember nicht nur in Gera, sondern auch in Rostock: Obwohl der Bezirksvorsitzende Senkpiel vermeintlich aus gesundheitlichen Gründen schon Mitte September zum Rücktritt gedrängt wurde und Günther Edler bereits die Leitung des Bezirksverbandes interimsmäßig übernommen hatte,1473 wurde er erst Mitte Dezember auf diesem Posten bestätigt. Dirk Schüler, der spätere Landesgeschäftsführer der DBD, übernahm einen der beiden Stellvertreterposten.1474 Zusätzlich kehrte ein Sekretariatsmitglied freiwillig in seinen ursprünglichen Beruf zurück.1475 Die Lage im Bezirk Rostock war zu diesem Zeitpunkt „zum Zerreißen gespannt“. Zurückgetretene Gemeinderäte, die Sorge um die Zukunft und den Bestand der DDR und vor einem Währungsverfall führten dazu, dass der Bezirkstag am 13. Dezember aufgefordert wurde, 1469 Ebd., S. 9–31. 1470 Vgl. Protokoll der 37. Sitzung des Präsidiums am 11.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/876. 1471 Informationsbericht 80/1989 vom 14.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903, S. 2. 1472 Informationsbericht des Bezirks Rostock vom 29.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 2. 1473 Protokoll der Sitzung des Rostocker Bezirkssekretariates vom 20.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768. 1474 Protokoll der Sitzung des Rostocker Bezirkssekretariats vom 13.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3540. 1475 Die Bezirksleitung in Gera scheiterte an einem Misstrauensvotum. Information des Bezirks Rostock über die Parteiarbeit im Monat Oktober/November vom 11.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, S. 4 und Protokoll der Sitzung des Bezirkssekretariats am 14.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3540. den „Bezirk wieder regierbar zu machen“.1476 In der zweiten Dezemberhälfte nahmen die Parteiaustritte vornehmlich junger Mitglieder weiterhin zu, blieben aber insgesamt auf einem geringen Niveau.1477 Die verbliebene Parteibasis verstand sich zunehmend als Souverän der Partei und fragte auch angesichts der 10. Tagung des Parteivorstands: „Kann der Parteivorstand Grundsätze und Ziele festlegen, oder nicht eigentlich nur der Sonderparteitag?“1478 Erst in den letzten Dezembertagen diskutierte die DBD ihre Haltung zur Deutschlandpolitik: Die Mehrheit der Mitglieder hielt weiterhin am Sozialismus und dem Status der Vertragsgemeinschaft fest, wenngleich einige Mitglieder befürchteten, dass „die Einheit“ schneller kommen wer– de „als alle denken“.1479 Zu Beginn des Jahres 1990 war die Mitgliedschaft in Fragen der Positionierung zu Modrow, dem sozialistischen Gesellschaftsmodell, der Neubildung eines Verfassungsschutzes und dem Umgang mit der SED- Mitgliedschaft gespalten und nahm angesichts der vielen tagespolitischen Probleme (der angespannten politischen Lage, der empfundenen Führungslosigkeit, der zunehmenden Versorgungsmängel und ausreisender Fachkräfte) bis zum Parteitag am 27. und 28. Januar eine abwartende Haltung ein.1480 Die Angst vor einem Ausverkauf der DDR und der ungewissen Zukunft ließ sogar „nicht wenige Mitglieder“ Mitte Januar wieder die Errichtung einer „Sperrzone“ fordern, um „den Zustrom von Bürgern und PKW zu stoppen“.1481 Die sinkende Beteiligung auf den Versammlungen, die massiven Leitungsschwierigkeiten und die mehrheitliche Ablehnung von Verantwortungsübernahme1482 zeigten auch erste Auflösungserscheinungen, obwohl viele Mitglieder ihren möglichen Austritt vom Ausgang des Parteitags abhängig machten. Die Erwartungen der Mitglieder an den Sonderparteitag waren nicht nur hoch, sondern auch äußerst divergent. Gemeinsam war der Mehrheit der 1476 Protokoll der Sitzung des Bezirkssekretariats am 13.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 1–2. 1477 Siehe dazu Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1478 Informationsbericht des Bezirks Rostock vom 15.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181 und Informationsbericht 81/89 vom 18.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903, S. 3. 1479 Informationsbericht 82/89 vom 27.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903, S. 2. 1480 Vgl. Bericht zur Beratung des Sekretariats des Bezirksvorstands am 11.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/2769. 1481 Protokoll der Sekretariatssitzung des BV Rostock vom 11.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/2769, S. 5. 1482 Vgl. ebd., S. 1–2. Zuschriften jedoch, dass eine Erneuerung des Führungspersonals – zumeist mit Ausnahme Maleudas – als Voraussetzung für die Neugestaltung der Partei angesehen wurde.1483 Auf dem Parteitag präsentierte sich die DBD als selbständige, demokratische und ökologische Partei des Reformsozialismus und thematisierte die Frage nach der eigenen Mitschuld an den gesellschaftlichen Problemen.1484 Für die gesamtgesellschaftliche und parteiinterne Krise machte Maleuda die SED verantwortlich, da sie der Bauernpartei ihre Perspektive und Wirkungsmöglichkeit genommen habe.1485 Dass die DBD ein Artefakt der SED war und ohne sie gar nicht existiert hätte, spielte hier keine Rolle. Die Absage an das „bürokratische Modell des Sozialismus stalinistischer Prägung“1486 wurde nun mit der Aussicht auf eine Vertragspartnerschaft zwischen der DDR und der BRD verbunden, die die Vorstufe zu einer Konföderation im Rahmen eines vereinigten Europas bilden sollte. Voraussetzungen seien jedoch das Einverständnis der einstigen Siegermächte und die Entmilitarisierung Deutschlands.1487 Entgegen der mehrheitlichen Mitgliedermeinung, insbesondere aus dem Süden,1488 hielt die DBD aber weiterhin am Territorialprinzip und der Bewahrung der Ergebnisse der Bodenreform fest.1489 Dennoch räumte Maleuda ein, dass es auf dem Gebiet der Agrarpolitik Verstöße „gegen das Prinzip der Freiwilligkeit“ gegeben habe.1490 Bei aller Desillusionierung und Wut über den Missbrauch ihrer aufrichtigen Ideale durch die SED-Führung1491 erkannten viele Mitglieder unter den „ehrlichen und kameradschaftlichen Genossen“ Gleichgesinnte1492 und 1483 Vgl. z. B. Information 5/90 des KV Grevesmühlen vom 22.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 4. 1484 Vgl. Lapp, Ausverkauf, S. 68. 1485 Vgl. Maleuda, G.: Die DBD im Prozess der gesellschaftlichen Erneuerung der DDR, in: Bauern-Echo, 29.1.1990, S. 3. 1486 Vgl. ebd. 1487 Vgl. Rede Maleuda auf dem Sonderparteitag am 27.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/71, S. 18 und 20. 1488 Vgl. Information 5/90 vom 22.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 4. 1489 Vgl. Programmatische Leitsätze der DBD im Prozess der gesellschaftlichen Erneuerung der DDR, vorgetragen auf der 38. Sitzung des PV am 22.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/878. 1490 Rede Maleuda auf dem Sonderparteitag am 27.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/71, S. 26. 1491 Vgl. z. B. Informationsbericht vom 1.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 5. 1492 Stenographisches Protokoll des Sonderparteitags, Akten SAPMO BArch, DY 60/71, S. 91. schlossen wie auch Maleuda eine Koalitionsregierung mit der SED nicht grundsätzlich aus.1493 Unter den Delegierten fand die Rede Maleudas großen Anklang: Die Wahl zum Parteivorsitzenden gewann er mit 615 der abgegebenen 965 Stimmen deutlich, das neue Führungsgremium bestand allerdings nur noch zu einem Drittel aus den Funktionären, die auf dem letzten Parteitag im Jahr 1987 gewählt worden waren. Als Zugeständnis an den starken Reformflügel um den Berliner Bezirksvorsitzenden Ulrich Junghanns, der mit 280 Stimmen das mit Abstand zweitbeste Ergebnis erzielte,1494 wurde für ihn das Amt des Ersten Stellvertretenden geschaffen.1495 Bemerkenswert ist der chaotische Ablauf des DBD-Parteitags, der dem Sonderparteitag der Nationaldemokraten in Nichts nachstand: Die mehrmalige Absetzung der Tagungsleiter, eine undurchsichtige Auswahl und Abfolge der Tagungsredner, die Wahl von Kandidaten ohne deren vorherige Zustimmung und eine scheinbar manipulierte Nominierung der Vorstandskandidaten1496 erwecken insgesamt den Eindruck, dass seitens einiger hochrangiger Funktionäre zumindest versucht worden ist, die Parteibasis auszubooten.1497 Dass der tumultartige Ablauf nicht entsprechend kommuniziert worden ist und nicht wie bei der NDPD zu heftigen Auseinandersetzungen in der Partei geführt hat, kann nur an der vergleichsweise handzahmen Berichterstattung der Parteizeitung Bauern-Echo gelegen haben. Ob daran die ehemaligen SED-Funk– tionäre als Betreiber des Verlagshauses, in dem das Bauern-Echo erschien, mitgewirkt haben, kann nur spekuliert werden. Letztlich wurde der Parteitag häufig positiv wahrgenommen und als motivierend empfunden, wenngleich der unklare Wahlmodus, die nicht gänzliche Absage an die SED und die Tatsache, dass kein Wahlprogramm verabschiedet wurde, als häufige Austrittsursachen genannt wurden.1498 Die Austritts- 1493 Vgl. ebd. 1494 Vgl. ebd., S. 328–330. 1495 Vgl. Pressemitteilung vom 30.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/3211. Die beiden regulären Stellvertreter sind Meyer-Bodemann (BV Rostock) und Prof. Anke. 1496 Die Nominierung der Vorstandskandidaten wurde durch die jeweiligen Bezirksdelegationsleiter vorgenommen, zum Teil jedoch ohne 1) eine vorherige Abstimmung im Bezirk, 2) eine derartige Information an die jeweiligen Delegierten und 3) die Nominierten über ihre Nominierung zu informieren und diese um ihr Einverständnis zu bitten. Merkwürdigerweise hat die Rostocker Delegation keinen Kandidaten vorgeschlagen. Stenographisches Protokoll des Sonderparteitags, SAPMO BArch, DY 60/72, S. 256. 1497 Die stenographischen Protokolle des Sonderparteitags befinden sich in den Akten SAPMO BArch, DY 60/71 und SAPMO BArch, DY 60/72. 1498 Vgl. z. B. Information 7/90 vom 1.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904. zahlen stiegen zwar vorerst nicht an, die Meinung der Mitglieder wurde aber noch heterogener.1499 Für die kommenden Wochen erwarteten die Mitglieder von ihrer Partei, dass sie sich für den Erhalt der sozialen Errungenschaften einsetzt, eine Perspektive für die Landwirtschaft aufzeigt, klare Aussagen zum Wahlbündnis trifft, Wahlwerbematerial bereitstellt und die DBD insgesamt „zukunftsträchtig“ macht.1500 In Rostock setzte sich Mitte Februar die Befürwortung der Vereinigung bei den Mitgliedern unter der Bedingung durch, dass die sozialen Standards erhalten bleiben.1501 Die Erneuerung der DBD blieb weitgehend auf programmatische Fragestellungen beschränkt. Bereits hier zeichnete sich ab, dass die Parteiführung kaum an einer direkten Auseinandersetzung mit der Basis interessiert war, sondern die neue inhaltliche Ausrichtung der DBD über die Köpfe der Mitglieder hinweg vorgab. Wie weit dieses hierarchische Selbstverständnis der DBD-Führung noch führen sollte, zeigt sich insbesondere in der Auseinandersetzung um einen möglichen Fusionspartner. Die Zusammenkunft der Liberaldemokraten zur Erneuerung ihrer Partei fand am 9. und 10. Februar 1990 und damit nach den Sonderparteitagen der anderen Blockparteien statt, weil der Transformationsprozess hier bis Ende 1989 im Wesentlichen harmonisch verlief. Erst danach erwuchs aus dem Gegensatz zwischen Basis und Führung zunehmend Spannung, sodass der Januar 1990 von einer wachsenden „Schärfe der Forderungen an die Parteiführung“1502 gekennzeichnet war. Die Einmütigkeit zwischen Parteibasis und Führung hatte seit etwa Dezember Risse bekommen, was Teile der Basis vor allem an dem vermeintlich zögerlichen und zu langsamen Vorgehen der Parteiführung, der mangelnden Positionsbestimmung, dem fehlenden Konzept und der zu wenig rigorosen Absage an die SED-PDS festmachten.1503 Ab Januar ließ die fortbestehende Regierungsbeteiligung das verbliebene Vertrauen der Mitglieder in Gerlach und die führenden Kader zusehends schwinden. Zunehmend 1499 Vgl. Zusammenfassende Eindrücke und Hinweise aus dem Informationen 11/90 vom 14.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3214. 1500 Ebd. S. 1–3. 1501 Vgl. Information 10/90 vom 12.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 1–2. 1502 Bericht der Abteilung Parteivorstand nach Berichterstattung des BV Rostock vom 8.1.1990, ADL, Bestand Abteilung Sekretariat des ZV (Vorlagen), Nr. L8- 1650. 1503 Vgl. ebd., S. 2. mehr Mitglieder wollten „totale Opposition“1504 und trugen die Linie der Parteiführung nicht länger mit. Gefordert wurde stattdessen der Abbau des Parteiapparates, die Bildung von Landesverbänden, ein Austausch der alten Kader, stetige Kontakte zur FDP und Kommunalwahlen noch vor dem Mai 1990. In einigen Kreisverbänden zeichneten sich bereits Tendenzen zur Zusammenarbeit mit der NDPD ab, um „einen schlagkräftigen Gegenpol zur SED zu bilden“.1505 Einen Katalysator im Erneuerungsprozess der LDP(D) stellte der Einfluss der FDP dar. Noch im Dezember 1989 hatte eine Beratung mit den Bundesgeschäftsführern der FDP ein 6-Punkte-Programm für einen möglichen Zusammenschluss von LDP(D) und FDP erarbeitet, das den Weg der LDP(D) in die gemeinsame Zukunft aufzeigen sollte: Personelle Veränderungen, die Umbenennung der Partei und eine Profilierung als Gegenpol zur SED und Kritiker der Diktatur standen dabei für die FDP ebenso auf der Agenda, wie die zeitliche Befristung der Beteiligung an der Übergangsregierung.1506 Mit diesen Forderungen löste die FDP erste Unstimmigkeiten im Bezirk Rostock aus: Insbesondere die favorisierte Namensänderung wurde von der LDP(D) in Stralsund als „Etikettenschwindel“ abgelehnt und auf die jahrzehntelange Benachteiligung der Liberalen in der DDR hingewiesen. Überhaupt brauche man die FDP „als Partner, nicht als Vater“.1507 Diese Diskussion um das Verhältnis von LDP(D) und FDP prägte die kommenden Monate bis zu den Fusionsverhandlungen im September 1990. Die Vorbereitungen zum Sonderparteitag, der hier allerdings noch für März 1990 geplant war,1508 begannen Mitte Januar auf der 9. Tagung des ZV. Erst hier, knapp zwei Monate nach der ideologischen Richtungsänderung von CDU und NDPD, erteilten die Liberaldemokraten der sozialistischen Gesellschaftsordnung eine Absage.1509 Ein Verlassen der Regierungskoalition wies Gerlach jedoch nach wie vor zurück: Die LDP(D) sei „Regierungspartei und Oppositionspartei in einem“, nur so könne die SED- PDS kontrolliert und die Nachhaltigkeit der Umgestaltung gesichert 1504 Bericht der Abteilung Parteivorstand nach Berichterstattung des BV Rostock vom 8.1.1990, ADL, Bestand Abteilung Sekretariat des ZV (Vorlagen), Nr. L8- 1650. 1505 Ebd., S. 3. 1506 Protokoll der Kreissekretariatssitzung Stralsund vom 30.1.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33805, S. 1–2. 1507 Ebd. 1508 Vgl. Rede Gerlach auf der 9. Tagung des ZV am 19.1.1990, ADL, Bestand ZV- Sitzungen 1990, Nr. L4-361, S. 11. 1509 Vgl. ebd., S. 5. werden.1510 Auch die Forderungen nach dem geschlossenen Rücktritt des Zentralvorstands lehnte Gerlach als „Blödsinn und riskant“1511 ab. Die Planung des Parteitags zeigt sehr deutlich, dass die LDP(D) bemüht war, aus den Fehlern und den Demokratiedefiziten der vorangegangenen Sonderparteitage von CDU(D), NDPD und DBD zu lernen: Immerhin mussten hier alle vorgeschlagenen Kandidaten für den Zentralvorstand vorab informiert werden und ihrer Kandidatur zustimmen.1512 Eine Situation, wie sie zuvor bei der DBD eingetreten war, sollte so ausgeschlossen werden. Um eine echte Auswahl zu garantieren, sollten die Bezirksdelegationen 1/3 mehr Kandidaten für den Zentralvorstand benennen, als Posten zu vergeben waren.1513 Mahnend wurde den Teilnehmern einer Zusammenkunft von Delegierten und Parteileitung das Beispiel des NDPD-Parteitags vor Augen geführt: Daran könne man erkennen, wohin „Unbesonnenheit, Einseitigkeit, Spontanität führen“,1514 deshalb sei Ausgewogenheit in den Diskussionen und Entscheidungen besonders wichtig. „Für und Wider zulassen, Anhören, Abwägen“, lautete die Devise.1515 Um den Mitgliedern entgegenzukommen, konnte Gerlach die ZV-Mit– glieder davon überzeugen, keinen Gebrauch von ihrem eigenen Wahlrecht zu machen. So sollte eine Beeinflussung des Mitgliedervotums aus– geschlossen werden.1516 Eine Nachlässigkeit leistete sich jedoch auch die LDP(D): Die Leiter der Bezirksdelegationen, die wichtige organisatorische Befugnisse u.a. bei den Wahlhandlungen haben, wurden selbst nicht gewählt, sondern waren die jeweils amtierenden stellvertretenden Bezirksvorsitzenden.1517 Der Rostocker Bezirksvorsitzende Krüger stand auf dem Parteitag als Generalsekretär zur Wahl.1518 1510 Ebd., S. 6. 1511 Ebd., S. 11. 1512 Vgl. Beratung mit den Bezirksvorsitzenden am 11.1.1990, ADL, Bestand Parteitag 1990, Nr. L6-335. 1513 Vgl. ebd. 1514 Zum Inhalt und Ziel der Beratungen mit den Delegierten zum außerordentlichen Parteitag auf Bezirks- und Landesebene vom 25.1.1990, ADL, Bestand Abteilung Sekretariat des ZV (Vorlagen), Nr. L8-1650. 1515 Ebd. 1516 Vgl. ebd., S. 16. 1517 Vgl. ebd. 1518 Zum Inhalt und Ziel der Beratungen mit den Delegierten zum außerordentlichen Parteitag auf Bezirks- und Landesebene vom 25.1.1990, ADL, Bestand Abteilung Sekretariat des ZV (Vorlagen), Nr. L8-1650, S. 2. Eine eindeutige „Kampfansage“ an die SED blieb aber trotz der Absage an ein mögliches Bündnis aus: Man wolle „keine schmutzige Wäsche mit der SED waschen“, denn „jeder Bürger weiß ja, was der eine oder andere vorher gemacht hat“.1519 Konkrete Aussagen zu einem liberalen Bündnis, zur Zusammenarbeit mit den FDP und einer deutschen Vereinigung konnte Gerlach der Basis allerdings nicht mehr abschlagen.1520 Auch die Bildung von Landesverbänden sollte der Parteitag beschließen, obwohl die Länderbildung selbst erst für 1991 angestrebt wurde.1521 Nach reger Diskussion um die Namensfrage nahm die LDP(D) als Zeichen der Erneuerung auf dem Sonderparteitag wieder ihren Gründungsnamen LDP1522 an. Einer der eingereichten Anträge stammte von der Rostocker Bezirksdelegation. Um die „endgültige Spaltung der Partei“ zu verhindern, schlugen sie einen Kompromiss für die laufende Namens- und Bündnisdiskussion vor. Die erneuerte LDP(D) sollte ein enges Bündnis aller liberalen Kräfte herbeiführen und die Vereinigung direkt nach der Kommunalwahl am 6. Mai unter dem neuen Namen Freie Demokraten vollziehen. Anschließend sollten gemeinsame Strukturen mit der FDP (West) gebildet werden, um die Einheit Deutschlands vorzubereiten.1523 Wie nah dieser Plan an der tatsächlichen Umsetzung des liberalen Bündnisses ab März 1990 war, zeigt das fünfte Kapitel dieser Arbeit. Erstaunlicherweise war die LDP(D) die einzige Partei, die nicht nur ihre Finanzen offenlegte, sondern sich auch für eine Kommunalwahl am 6.5.1990 einsetzte: Alle anderen Parteien hielten diesen Termin für unrealistisch. Insbesondere die Parteien, die aus der Bürgerbewegung hervorgegangen waren, lehnten diesen Wahltermin ab, da sie sich bis dahin nicht ausreichend konsolidiert und organisiert wähnten.1524 1519 Ebd., S. 20. 1520 Vgl. ebd., S. 12. 1521 Vgl. ebd., S. 23. 1522 Mehrere Anträge von Mitgliedern, die LDP(D) direkt in FDP-Ost umzubenennen, mussten wegen der bereits erfolgten Vergabe des Namens an eine andere Partei abgelehnt werden. Der Namensvorschlag LDP stammt dagegen aus der Feder des politischen Ausschusses der LDP(D). Schreiben an alle KV und Mitglieder des Sekretariates des KV vom 2.2.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33974. 1523 Antrag der Bezirksdelegation Rostock an den Sonderparteitag, ohne Datum, ADL, Bestand Parteitag 1990, Nr. L6-335. 1524 Vgl. Rede Gerlach auf der 9. Tagung des Zentralvorstands am 19.1.1990, ADL, Bestand Sitzungen des Zentralvorstands, Nr. L4-361, S. 22. Der Sonderparteitag selbst verlief ohne Skandale. Joachim Günther1525 wurde mit fast 70 % zum neuen Hauptgeschäftsführer gewählt. Stellvertretende Vorsitzende wurden mit noch größerer Zustimmung Kurt Wünsche und der Rostocker Kinderarzt Wolf-Rainer Cario. Die Personalie Wünsche war bei der FDP jedoch nicht unumstritten, da er von 1967 bis 1972 Justizminister der DDR gewesen ist. Noch vor der Parteifusion musste Wünsche auf Druck der Westliberalen zurücktreten. Ähnlich überraschend wie Günther wurde der Rostocker Kreisvorsitzende Rainer Ortleb zum Parteivorsitzenden gewählt, allerdings mit knappen 51,6 %.1526 Gerlach hatte bereits im Frühjahr angekündigt, nicht erneut zu kandidieren. Abgesehen von Wünsche hat sich in der LDP(D) tatsächlich die Riege der ehemaligen Kreisfunktionäre durchgesetzt. Verständlicherweise traf in Rostock besonders die Wahl Ortlebs auf große Zustimmung.1527 Mit Hinblick auf die geplante Vereinigung mit der FDP war die Aussicht auf eine problemlosere Integration der doppelt so starken LDP(D)-Mitgliedschaft in die FDP nach dem Wegfall bekannter Führungspersönlichkeiten und Integrationsfiguren der LDP(D) wesentlich größer als zuvor. Daher kam die Wahl des unbekannten Ortleb den Westliberalen vermutlich nicht ungelegen. Nachdem die personelle Erneuerung vollzogen war, fand im neuen Programm auch die inhaltliche Neuausrichtung Niederschlag. Darin bekannte sich die erneuerte und umbenannte LDP zu den Werten Freiheit, liberale Toleranz, Frieden, Humanismus und den Menschenrechten. Die Betonung des National- und Heimatbewusstseins ist wohl als Zugeständnis an eine mögliche Fusion mit den Nationaldemokraten zu werten, die offiziell aber noch abgelehnt wurde.1528 Ein in Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Demokratie und Selbstverwaltung geeintes Deutschland in Europa, geprägt von Marktwirtschaft in sozialer Verantwortung, in dem Solidarität mit Schutzbedürftigen und Leistungsorientierung sich nicht ausschließen, strebten die Liberaldemokraten an. Die personelle und inhaltliche Erneuerung der LDP(D) war die Grundlage für das liberale Wahlbündnis BFD, das direkt nach dem Parteitag am 12.2.90 ins Leben gerufen wurde. 1525 Günther war seit 1985 Kreissekretär im KV Plauen/BV Sachsen. Als Vorsitzender des FDP-LV Sachsen machte er in der FDP Karriere und war bis zum Ausscheiden der FDP aus dem deutschen Bundestag im Jahr 2013 MdB. 1526 Alle Wahlergebnisse aus: ADL, Bestand Parteitag 1990, Nr. L6-335. 1527 Vgl. Protokoll der Sitzung des Sekretariat des KV Stralsund vom 15.2.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33805. 1528 Eine Fusion der Gesamtparteien sei nicht gewollt, aber einzelne Mitglieder können gern beitreten. So Schreiben an alle KV und Mitglieder des Sekretariates des KV vom 2.2.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33974. Den Reformbonus aus den letzten DDR-Jahren hatte die LDP(D) durch ihr zögerliches und verspätetes Reagieren noch im Jahr 1989 aufgebraucht.1529 Den Erneuerungen des Sonderparteitages im Februar 1990 widmete die Öffentlichkeit nur wenig Aufmerksamkeit, da die LDP(D) nicht mehr die Partei war, auf die die gesamtdeutsch-orientierten Bevölkerungsteile ihre Hoffnungen setzten. Für die Monate bis zur Kommunalwahl lässt sich resümieren, dass die LDP(D) an dem Wunsch nach Vereinbarkeit von oppositioneller Reformforderung und gleichzeitiger Wahrnehmung von Regierungsverantwortung gescheitert ist. 4.4. Kreisverbände: Diskrepanzen offenbaren bestehende Spielräume Dass es Raum zum Äußern von Kritik und Widerspruch gab und dieser sowohl von Mitgliedern als auch von Funktionären genutzt wurde, zeigt sich in fast allen Kreisen. Durch die gewollte Enge des Systems und die Angepasstheit der Parteivorsitzenden blieb die Kritik jedoch bis zum Herbst 1989 nahezu unwirksam. Andererseits gab es Kreisvorsitzende, deren Konformität scheinbar ohne Schwierigkeiten von den Mitgliedern akzeptiert wurde. Eingriffe der Bezirksverbände in die Besetzung der Kreisfunktionärsposten lassen sich in allen Parteien nachweisen und verdeutlichen das Bemühen der Bezirksebene, die Kontrolle über ihre Kreisverbände zu erhalten bzw. wiederzuerlangen. Die Hochphase des politischen Engagements lag bei allen Kreisverbänden zwischen Ende September und Mitte Dezember 1989. Die Nähe zu den Vorgaben der SED und der Grad der Beteiligung an der Friedlichen Revolution unterschieden sich in den jeweiligen Kreisverbänden jedoch immens. Im Folgenden werden die Kreisverbände der Parteien charakterisiert. Den Schwerpunkt bildet die Frage nach dem Nutzen der Handlungsund Positionierungsspielräume durch die Kreisfunktionäre und den daraus entstandenen Divergenzen innerhalb des Bezirksverbandes. Die Untersuchung von Spezifika der vier Parteiverbände innerhalb eines 1529 Den erdrutschartigen Verlust des Rückhalts in der Bevölkerung kann man auch anhand der Wahlprognosen vom November und Dezember 1989 verfolgen: Im November prognostiziert die Zeitschrift Stern der LDP(D) einen Stimmenanteil von 15 %, nur einen Monat später kommt die Tageszeitung Neues Deutschland nur noch auf einen Wert von 2,6 %. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sowohl der Stern als westdeutsches Magazin als auch das ND als Tageszeitung des alten Systems nicht unabhängig sind. Zahlen entnommen aus: Lapp, Ausverkauf, S. 87. Kreises hinsichtlich ihrer geographischen Lage, ihres Verstädterungsgrades und bildungspolitischer Aspekte schließt sich an. Die folgende Darstellung orientiert sich am Aktivitätsgrad und der Reformorientierung der Parteien, deshalb beginnt sie mit der LDP(D). Es folgen CDU(D), NDPD und DBD. Die Reihenfolge der einzelnen Kreisverbände folgt ebenfalls dieser Wertung. Da die Kreisverbände jedoch unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt haben, ist ein genaues parteiinternes Ranking nicht möglich, sondern die innerparteilichen Reihungen als Tendenz zu verstehen. Insbesondere innerhalb des LDP(D)-Bezirksverbandes gab es viele gleichermaßen aktive und reformorientierte Kreisverbände. Einer ihrer auffälligsten war Bad Doberan. Sehr deutlich und konsequent sprach man sich hier für die Übernahme der sowjetischen Reformen aus, reflektierte den Charakter der sozialistischen Demokratie und die Beziehungen der fünf Blockparteien zueinander.1530 Der vorerst unerfüllte Wunsch nach Veränderung und mehr Einfluss der Liberaldemokraten führte auch die Bad Doberaner zu massiver Resignation und Müdigkeit, die sich im Jahr 1988 in Personalproblemen, Ämterniederlegungen und Austritten widerspiegelte.1531 Die Entwicklungsprobleme, die die Liberaldemokraten zu Resignation und Desillusionierung verleiteten, hatten hier am deutlichsten einen ideellen Charakter.1532 Nicht nur durch die offene Kritik an den mathematischen Unstimmigkeiten im Wahlergebnis,1533 die Verurteilung der Vorfälle in Peking1534 und durch den Aufruf zu oppositionellem Verhalten im August 19891535 nahm der LDP(D)- Kreisverband Bad Doberan eine Vorreiterstellung im Bezirk ein: Er prangerte die mangelnde Kooperationsbereitschaft der SED auf kommunaler Ebene schon deutlich vor dem Sommer 1989 an1536 und plädierte 1530 Vgl. z. B. Informationsbericht LDP(D)-Bad Doberan vom 9.3.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1531 Vgl. z B. Informationsbericht des KV Bad Doberan vom 6.9.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1532 Vgl. Analyse der Faktoren, die Bürger der DDR zum Verlassen ihres Landes bewegen, vom 21.9.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775. 1533 Vgl. Informationsbericht Bad Doberan vom 7.6.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 1–2. 1534 Vgl. ebd., S. 2. 1535 Vgl. Abrechnung der Arbeitsergebnisse Bad Doberan vom 15.8.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33796, S. 2. 1536 Vgl. Informationsbericht LDP(D)-Bad Doberan vom 4.1.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 3 und Brief des LDPD-Kreissekretärs an den Sekretär der SED-Kreisleitung vom 17.11.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33796. für eine größere Akzeptanz Andersdenkender.1537 Er schätzte die Erneuerung der LDP(D) und der politischen Strukturen der DDR bereits im Winter 1989/90 als ungenügend ein1538 und begleitete die Entstehung des BFD äußerst kritisch.1539 Mit diesem Engagement gehörte der Kreisverband Bad Doberan bis zum April 1990 – mit einer Verlustquote von nur 7 % – zu den stabilsten Kreisverbänden der LDP(D).1540 Der LDP(D)-Kreisverband Ribnitz-Damgarten war nicht nur der Kreisverband mit der größten Mitgliederdichte1541 im Bezirk, sondern nahm bereits ab 1987 eine Stimmungsänderung seiner Mitglieder wahr und forderte deshalb eine deutlichere Profilierung der Partei.1542 Die Kritik der Mitglieder an der Wirkungsweise der Abgeordneten,1543 den bevormundenden Reisebestimmungen und Wirtschaftshemmnissen1544 spiegelte auch die Unzufriedenheit der Bevölkerung im Kreis wider. „Es knistert überall“, beschrieb der Vorstand die Lage im Kreisverband im Sommer 1988 und warnte vor einem Funken, der „ein Feuer“ entfachen könnte.1545 Hitzige Diskussionen um grundlegende Wirtschaftsreformen, die Eigenständigkeit der LDP(D) und die zu geringe Wahrnehmung der Parteibasis1546 führten angesichts der Unbeweglichkeit der Regierung sowohl zu Resignation als auch zu einer der ersten Forderungen nach Übernahme des sowjetischen Wahlgesetzes.1547 Andererseits kamen auch 1537 Informationsbericht LDP(D)-Bad Doberan vom 5.2.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 3. 1538 Analyse der Austritte aus der Partei im KV Bad Doberan vom 4.1.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. 1539 Bericht über Probleme bei der Zusammenführung im KV Bad Doberan, Anfang April 1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33757. 1540 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1541 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen am 31.12.1988, S. 428. 1542 Vorlage des KV Ribnitz-Damgarten für die Sitzung des Sekretariats des ZV vom 15.4.1986, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1608, S. 26. 1543 Protokoll der Sitzung des Sekretariats Ribnitz-Damgarten vom 2.11.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33800. 1544 Vgl. Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten für Oktober 1988 vom 4.11.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1545 Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten vom 9.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1546 Vgl. Referat des stellvertretenden Kreisvorsitzenden des KV Ribnitz-Dam– garten vom 22.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33800. 1547 Vgl. Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten vom 3.4.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788. stark vermittelnde Stimmen aus Ribnitz-Damgarten.1548 Im Herbst 1989 nahm der Kreisverband eine Vorreiterposition ein: Ende Oktober 1989 lehnten einige Ribnitz-Damgartener die Führungsrolle der SED ab.1549 Auch im Jahr 1990 war der Kreisverband engagiert und erzielte gemeinsam mit Wismar mit 4,3 % das beste Volkskammerwahlergebnis im Bezirk.1550 Der LDP(D)-Kreisverband Wismar präsentierte sich besonders aktiv in der Auseinandersetzung mit der SED. Spätestens ab 1986 stand hier zwar noch nicht der Führungsanspruch an sich, aber die Ausgestaltung des Verhältnisses der Parteien zueinander in der Kritik.1551 Ab Mai 1988 wurden sowohl häufig grundsätzliche Fragen nach der Rechtfertigung der Vormachtstellung der SED als auch die nach der Verantwortung der LDP(D)-Führung für Fehlentwicklungen gestellt.1552 Gleichzeitig nahmen die Mitglieder aber auch Tendenzen von Desinteresse und Resignation in Bevölkerung und Partei wahr, die sich in zunehmenden Ausreiseanträgen und illegalen Grenzübertritten ausdrückten.1553 Dem Rückzug in die Privatheit wollten die Liberaldemokraten entgegenwirken durch die Einführung sowjetischer Reformen,1554 einer effizienten und bedarfsorientierten Wirtschaft1555 und einer Verjüngung des Politbüros.1556 1548 So scheint es auch angesichts der Kritik aus dem KV an der sozialistischen Demokratie in der DDR naiv zu fragen, warum man sich in Jugoslawien das Mehrparteiensystem der westlichen Welt zum Vorbild nimmt und nicht das der DDR. Ob diese Frage allerdings von den gleichen Mitgliedern stammte, die das sowjetische Wahlsystem als wegweisend empfanden, lassen die Quellen nicht erkennen. Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten vom 7.3.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788. 1549 Vgl. Resolution der Wohngebietsgruppe Körkwitz (KV Ribnitz-Damgarten) vom 29.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33755. 1550 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S. 433. 1551 Vgl. z. B. Abschlussbericht des 29. Zirkeljahres des KV Wismar vom 18.7.1986, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33879, S. 1–2. 1552 Vgl. Bericht zum Politischen-Bildungszirkel Nr. 7 des KV Wismar vom 2.5.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33879. 1553 Vgl. Informationsbericht KV Wismar vom 8.11.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33880. 1554 Eine Gruppe jüngerer Mitglieder hatte einen entsprechenden Forderungskatalog an das ZK der SED aufgesetzt, der letztlich aber nicht angeschickt worden ist. Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung des KV Wismar vom 16.1.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33806. 1555 Vgl. z. B. Protokoll der Sekretariatssitzung des KV Wismar vom 23.11.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33806, S. 3. Als Reformen jedoch ausblieben und die Kommunalwahl in Mai 1989 nicht zur Entspannung beitrug, sahen einige Mitglieder im Verlassen der DDR den einzig verbliebenen Weg.1557 Dass die SED auch im November noch an ihrem Führungsanspruch festhielt, wurde im späten Herbst als Hauptursache der andauernden Ausreise angesehen.1558 Auch die LDP(D)-Führung säe durch ihr zögerliches Verhalten Misstrauen1559, weshalb die absolute Eigenständigkeit der LDP(D) und die Auflösung der SED notwendige Grundlage der Erneuerung seien.1560 Für diese entschiedene Linie wurde die LDP(D)-Wismar mit einem Mitgliederzuwachs um 74 Personen im zweiten Halbjahr 1989 ( 15,7 %) belohnt.1561 Ab Ende November brach die Informationstätigkeit ein. Daher kann über die Ursachen des ebenso drastischen Mitgliederverlustes von über 21 % zwischen dem Herbst 1989 und dem Frühjahr 19901562 nur spekuliert werden. Der LDP(D)-Kreisverband Rostock-Land hat das umfangreichste Quellenmaterial hinterlassen. Er ist der LDP(D)-Kreisverband mit dem größten kritischen und reformsozialistischen Selbstverständnis. In ihrer Begeisterung für die Reformen Gorbatschows1563 registrierten die Mitglieder die deutliche Ablehnung des neuen Weges durch SED-Funktionäre und die zunehmende Zensur von Schriften und Reden Gorbatschows.1564 Folgende Neuerungen sollten die DDR demokratischer machen: Rechenschaftspflicht und Haftung für leitende Kader,1565 authentische Informa- 1556 Informationsbericht des KV Wismar vom 8.1.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33800, S. 2. 1557 Vgl. Informationsbericht des KV Wismar vom 4.8.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33880, S. 2. 1558 Vgl. Protokoll der Sitzung des Sekretariates Wismar am 5.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33806, S. 2. 1559 Vgl. Informationsbericht des KV Wismar vom 2.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33806. 1560 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung Wismar vom 20.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33806. 1561 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1562 Siehe ebd. 1563 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 6.2.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 2. 1564 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 9.11.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 2. 1565 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 10.3.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. tionspolitik,1566 inhaltliche Auseinandersetzung mit Andersdenkenden,1567 mehr innerparteiliche Demokratie,1568 mehr Mitspracherecht für die Blockparteien,1569 deutliche Trennung von Partei und Staat1570 sowie ein neues Wahlsystem.1571 In diesem Kreisverband scheint der Einfluss der „Intelligenz“ besonders groß gewesen zu sein. Die Mehrheit der Kreisfunktionäre war promoviert und es wurde regelmäßig auf die meinungsbildende Kraft dieser sozialen Schicht hingewiesen.1572 Dass die LDP(D)-Volkskammerfraktion der SED-Erklärung zu den Pekinger Ereignissen trotz gegenteiliger Überzeugung zustimmte, verurteilte der Kreisverband.1573 Für sein Engagement und seine konsequente Haltung wurde er mit dem höchsten LDP(D)-KV-Mitgliederzuwachs des Sommers 1989 im BV Rostock belohnt.1574 Die Stagnation der SED und deren offenbare Ablehnung durch das Volk ließ die Mitglieder im November fragen, ob die Gesellschaftsform der DDR „überhaupt ein Sozialismus“ gewesen sei.1575 Damit läutete der Kreisverband die desillusionierte Abkehr von dem Gesellschaftsmodell ein. Nachhaltig beschleunigt wurde dieser rasante Abkehrprozess durch Enthüllungen über die Privilegien und Verfehlungen der ehemaligen 1566 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 8.7.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 2 oder auch Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 4.1.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, Nr. 33845, S. 2. 1567 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 4.1.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, Nr. 33845, S. 2. 1568 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 3.2.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 2. 1569 Abschlussbericht zur Ausgabe neuer Mitgliedsbücher im KV Rostock-Land, ohne Datum (vermutlich Anfang 1988), ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845, S. 2. 1570 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 8.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. 1571 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 6.10.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. 1572 Vgl. z. B. Informationsbericht Oktober 1988 des KV Rostock-Land (ohne Datum), ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. 1573 Vgl. z. B. Informationsbericht Juni 1989 des KV Rostock-Land (ohne Datum), ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. 1574 Vgl. Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1575 Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 8.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. Elite.1576 Das Bekenntnis zur deutschen Einheit und liberal-markt– wirtschaftlichen Inhalten erfolgte noch im Jahr 1989.1577 Mit knapp 4 % erzielte der Kreisverband im Bezirksvergleich ein durchaus annehmbares Volkskammerwahlergebnis, wenn man bedenkt, dass FDP-Ost und DFP hier keine Gliederungen unterhalten haben.1578 Der LDP(D)-Kreisverband Rostock-Stadt verhielt sich ähnlich kritisch. Er prangerte die alltäglichen Zustände in der DDR an,1579 drängte auf die notwendige Ausbildung eines eigenen Partei-Profils1580 und kritisierte die Wirkungsmöglichkeiten der Abgeordneten massiv.1581 Gehäuft kamen auch Fragen nach der mangelnden Aufarbeitung der Verbrechen des Dritten Reiches innerhalb der DDR aus der Bezirkshauptstadt.1582 Mit der Forderung nach Einführung der Fraktionsarbeit auf allen Ebenen1583 war der Kreisverband Rostock-Stadt Ende 1987 einer der ersten, ebenso wie mit der stärkeren Einbeziehung der Parteijugend durch die Gründung eines Jugendbeirates Ende 1988.1584 Wie auch im dazugehörigen Landkreis wurde hier ein offener Meinungsstreit des Staates mit Andersdenkenden gefordert.1585 Auf die Vorgänge in Peking hatte der Kreisverband eine eigene Sicht und wertete diese als inszenierte Ausschreitung zur Beseitigung von unliebsamen Gegnern.1586 Die positive Berichterstattung der DDR-Medien über die Ereignisse in China inter- 1576 Vgl. Erklärung des Kreissekretärs des KV Rostock-Land vom 4.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33834. 1577 Vgl. Brief des Kreissekretärs des KV Rostock-Land an Gerlach vom 19.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33834. 1578 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S. 433. 1579 Vgl. z. B. Auswertung der Jahreshauptversammlung 1987 des KV Rostock- Stadt vom 9.6.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33803 oder Informationsbericht vom 5.11.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1580 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.11.1987, ADL, Be– stand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 3. 1581 Vgl. z. B. ebd., S. 4–5. 1582 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 7.7.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 2. 1583 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.11.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 3–4. 1584 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung des KV Rostock-Stadt vom 24.10.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33803. 1585 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 9.2.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1586 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.7.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788. pretierten die Mitglieder des Kreisverbandes als Warnung an das eigene Volk.1587 Insgesamt war der Kreisvorsitzende – spätere BFD-Vorsitzende, FDP-Bundesminister und Landesverbandsvorsitzende – Rainer Ortleb aktiv in die Arbeit in seinem Bezirk eingebunden und konnte die reformorientierten Erwartungen seiner Mitglieder offenbar erfüllen. Auch der LDP(D)-Kreisverband Rügen war ein Verfechter der sowjetischen Reformen. Mit mehr Offenheit, Transparenz, produktiver Kritik und Meinungsfreiheit wollten die Rügener Liberaldemokraten den Sozialismus in der DDR attraktiver machen und die Wirkungsmöglichkeit ihres Kreisverbandes erhöhen.1588 Ab dem Sommer 1987 berichtete der Kreisverband Rügen besonders anschaulich über den Stimmungswandel in der Mitgliedschaft.1589 Undurchsichtige Personalwechsel,1590 das lange Hoffen auf die „Lernbereitschaft“ der SED und die fortschreitende Entmündigung der Bürger heizten jedoch die Stimmung an.1591 Anfang 1988 wurde bereits „aggressiv und provozierend“ diskutiert, sodass intensive Auseinandersetzungen die Parteiveranstaltungen prägten.1592 Dabei wurde auch die Arbeitsweise der SED heftig kritisiert und ihr angeraten, diese zu überdenken.1593 Bis zum Sommer 1989 nahm die Schärfe der Auseinandersetzungen weiterhin zu. Einige Abgeordnete hatten „förmlich Angst“, sich diesen zu stellen.1594 Die Hinnahme der als manipuliert erkannten Wahlen im Mai durch die LDP(D)-Führung brachte das Fass zum Überlaufen und führ- 1587 Ebd. 1588 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 9.4.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33812, S. 2. 1589 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom Juni 1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33812. 1590 Die Abberufung des Kreissekretärs löste Ende 1987/Anfang 1988 heftige Diskussionen innerhalb der Mitgliedschaft und zwischen diesem, den übrigen Kreisfunktionären und dem Bezirk aus. Vgl. z. B. Protokoll der Kreissekretariatssitzung Rügen vom 8.1.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33804. 1591 Abschlussbericht des 30. Zirkeljahres des KV Rügen vom 22.7.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33815. 1592 Informationsbericht des KV Rügen vom 7.3.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33813. 1593 Vgl. Schreiben des Rügener Kreisvorsitzenden an Krüger vom 6.6.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33813. 1594 Informationsbericht des KV Rügen vom 7.3.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33821. ten dazu, dass der Rügener Kreisverband die politische Anleitung durch die Parteileitung ablehnte.1595 Trotz der niedrigsten Neuwerbungsquote im Bezirk war der Kreisverband im Herbst sehr aktiv: Die Versammlungen waren so „gut besucht wie noch nie“ und auch das Interesse an der LDP(D) war „noch nie so groß“ wie im November 1989.1596 Obwohl der Kreisverband ab Dezember 1989 kaum noch Material hinterlassen hat, sprechen die 57 Neueintritte im ersten Quartal 1990 dafür, dass hier auch im Frühjahr 1990 noch Parteiarbeit geleistet worden ist. Der LDP(D)-Kreisverband der Stadt Greifswald machte im Untersuchungszeitraum eine deutlich erkennbare Entwicklung durch. Vor dem Sommer 1988 wurden die allgegenwärtigen Themen der Liberaldemokraten zwar kritisch angesprochen, diese aber noch nicht zu einer grundsätzlichen Systemkritik formuliert.1597 Erst ab dem Sommer 1988 mehrten sich Forderungen nach Reformierung der DDR nach sowjetischem Vorbild und einer demokratischen Ausgestaltung des Sozialismus.1598 Auffällig ist jedoch, dass der Kreisverband Greifswald die geringste Mitgliederdichte im Bezirk Rostock aufwies.1599 Wirtschaftliche Probleme und das diagnostizierte Demokratiedefizit beförderten im Juli 1989 die Prognose des bevorstehenden Untergangs des Ostblocks.1600 Als erster Kreisverband innerhalb des LDP(D)-Be– zirksverbandes forderte Greifswald im November 1989 die Einberufung eines Sonderparteitags und stellte die Frage nach der Verantwortlichkeit der eigenen Parteiführung.1601 Bis zum April 1990 verlor der Kreisverband unterdurchschnittlich wenige Mitglieder,1602 was auch darin be- 1595 Vgl. Abschlussbericht des 32. Zirkeljahres des KV Rügen vom 26.6.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33815. 1596 Informationsbericht des KV Rügen vom 10.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33821. 1597 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Greifswald vom 9.2.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1598 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Greifswald vom 6.7.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1599 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1600 „Die alte Welt trägt den Stempel des unvermeidlichen Untergangs“, Informationsbericht des KV Greifswald vom 7.7.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 2. 1601 Vgl. Protokoll der erweiterten Vorstandssitzung des KV Greifswald vom 1.1.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33797. 1602 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. gründet sein kann, dass er die mangelnde Erneuerung des eigenen Parteivorstands hart kritisierte.1603 Dass sich in der Greifswalder LDP(D) auch weiterhin lokale Honoratioren engagierten und auch der Kreissekretär im Amt blieb, kann gleichermaßen als unzureichende Erneuerung des Kreisverbandes ausgelegt werden. Von dem kleinsten LDP(D)-Kreisverband Grimmen ist relativ wenig Aktenmaterial überliefert. Aus diesem geht jedoch hervor, dass die Grimmener sich trotz personeller Probleme auf Funktionärsebene sehr kritisch mit der DDR auseinandersetzten1604 und sich überdurchschnittlich stark mit internationalen Themen beschäftigten.1605 Der erschütterte Glaube an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Reformierbarkeit der DDR1606 führte ab Sommer 1988 zu Problemen in der Mandatsbesetzung1607 und zu Reibereien mit einigen lokalen SED-Funktionären.1608 Die Regierungsrücktritte im Ostblock beobachteten die Grimmener besonders kritisch, da sie dahinter Parallelen zu den Zuständen in der DDR erkannten.1609 Die Ohnmacht der LDP(D) führte am Beginn des Jahres 1989 zu der Erkenntnis, dass die Überalterung der SED Ursache der mangelnden Veränderungsbereitschaft1610 und die Alleinherrschaft jeder kommunistischen Partei abzulehnen sei.1611 Zudem leiste die sture Negierung der nötigen Reformen durch die SED einer gefährlichen Entwicklung Vorschub. Daher sei die LDP(D) geradezu zu oppositionellem 1603 Vgl. Analyse des KV Greifswald vom Januar 1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. 1604 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Grimmen vom 6.9.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33782, S. 2. 1605 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung des KV Grimmen vom 13.10.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33799. 1606 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Grimmen vom 7.11.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1607 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Grimmen vom 6.9.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33782, S. 2. 1608 Vgl. z. B. Bericht über den Stand der kaderpolitischen Absicherung der Kommunalwahl im KV Grimmen vom 28.9.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33756. 1609 Vgl. Informationsbericht des KV Grimmen vom 8.12.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1610 Vgl. Informationsbericht des KV Grimmen vom 6.1.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1611 Vgl. Informationsbericht des KV Grimmen vom 10.4.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788. Verhalten herausgefordert, schätzte man in der letzten Stellungnahme aus Grimmen Anfang September 1989 ein.1612 Obwohl die weitere Entwicklung nicht durch Quellen belegbar ist, scheint die Grimmener LDP(D) sich im Allgemeinen den Erwartungen der Mitglieder und Bürger entsprechend entwickelt zu haben. Denn mit knapp 7 % Mitgliederverlust gehörte Grimmen zu den stabilsten Kreisverbänden im Bezirksverband Rostock.1613 Im LDP(D)-Kreisverband Wolgast bestimmten tagespolitische Versorgungsfragen, Saisonprobleme und mangelnde Arbeitskräfte die Diskussionen.1614 Resignation angesichts des gesellschaftlichen Stillstandes war auch hier weit verbreitet.1615 Austrittserklärungen und Ämterniederlegungen von Kreisfunktionären und kommunalen Volksvertretern häuften sich ab Sommer 1988.1616 Nach regen Personalwechseln schätzte der Bezirksverband seinen östlichsten Kreisverband als unterstützungsbedürftig ein.1617 Trotz „umfangreicher Kritik überall“1618 scheint die Zusammenarbeit mit der SED bis weit in das Jahr 1989 aber noch „intakt“ gewesen zu sein.1619 Erst ab dem Oktober 1989 setzte sich die LDP(D)-Wolgast deutlich für eine Erneuerung der DDR ein und forderte eine Neugestaltung der Blockpolitik, mehr Eigenständigkeit der Parteien, ein Parteiprogramm 1612 Vgl. Informationsbericht des KV Grimmen vom 8.9.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 2. 1613 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1614 Vgl. z. B. Protokoll der Kreissekretariatssitzung Wolgast vom 28.4.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33807, S. 2–3. 1615 Vgl. z. B. Protokoll der Sekretariatssitzung des KV Wolgast vom 25.5.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33807 und Informationsbericht vom 8.9.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1616 So bitten im LDP(D)-KV Wolgast u.a. der stellvertretende Kreisvorsitzende und der stellvertretende Kreissekretär um Abberufung. Siehe z. B. Protokoll Sitzung des Sekretariats des KV vom 28.11.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33807, S. 2. 1617 Vgl. Vorlage des KV Wolgast für die Sitzung des Sekretariats des ZV am 29.9. 1987: Berichterstattung zu Ergebnissen, Erfahrungen und Problemen bei der Führung der persönlichen Gespräche zur Ausgabe neuer Mitgliedsbücher vom 15.9.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33755, S. 9. 1618 Informationsbericht des KV Wolgast vom 9.3.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 2. 1619 So wurde offen über die Umarbeitung von Diskussionsbeiträgen durch die SED berichtet. Vgl. z. B. Protokoll der Sekretariats des ZV - Sitzung am 21.2.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33807, S. 2. und eine größere Basisorientierung.1620 Es bedurfte aber erst einer Revolte der Mitglieder, um die Kreisfunktionäre Ende Oktober aus ihren Ämtern zu entfernen und eine personelle Erneuerung in Wolgast einzuleiten.1621 Mit knapp 20 % verlor Wolgast sehr viele Mitglieder, dies aber vor allem im Jahr 1990.1622 Nicht nur die Mitglieder, auch die Wähler liefen der LDP(D)-Wolgast davon: Die lediglich 2,8 % der Wählerstimmen für den BFD bei der Volkskammerwahl waren im Bezirksvergleich unterdurchschnittlich.1623 Im LDP(D)-Kreisverband Grevesmühlen stand die Konformität der Kreisfunktionäre der Kritik der Basis gegenüber: Die durchaus wahrgenommenen Probleme in den Bereichen Versorgung1624 und sozialistische Demokratie1625 sorgten hier ab dem Sommer 1987 für Desillusionierung und Resignation und wurden als eine Ursache für die Entfremdung zwischen den Bürgern und dem Staat angesehen.1626 Die Grevesmühlener Kreisfunktionäre haben anscheinend versucht, die Reformforderungen der Mitglieder zu ersticken.1627 Ab Ende des Jahres 1988 konnte die Basis jedoch zumindest die Weiterleitung ihrer Ansichten durchsetzen:1628 Nun änderte sich auch der Tenor der Berichte und es wurde über die starke Dominanz der SED und nötige „politisch-ideologische“ Arbeit berichtet, die durch die Grenznähe ent- 1620 Vgl. Brief des KV Wolgast an Gerlach vom 12.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775. 1621 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung des KV Wolgast vom 23.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33807. 1622 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1623 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S. 433. 1624 Vgl. z. B. Protokoll der Kreisvorstandssitzung des KV Grevesmühlen vom 10.6.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33798. 1625 Vgl. Protokoll des KV Grevesmühlen über die am 7.9.1987 durchgeführte Beratung des Sekretariats des Kreisvorstandes mit den Ortsgruppenvorsitzenden vom 11.9.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33798. 1626 Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung des KV Grevesmühlen am 21.10.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33798, S. 2. 1627 Insbesondere Informationsbericht des KV Grevesmühlen vom 4.5.1988: Hierin wurde berichtet, dass die Fragen nach Übernahme der Wirtschaftsreformen der SU weniger werden. „Hier hat das offensive Herangehen an diese Problematik wohl Früchte getragen“, kommentierte der Kreissekretär zufrieden. ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 1628 Anlässlich von Problemen bei der Eingabenbearbeitung wurden der Kreisvorsitzende und der Kreissekretär von den Mitgliedern „beauftragt, die genannten Punkte in den Bericht einfließen zu lassen“. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Grevesmühlen vom 13.10.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33798. stünde.1629 Mit den sich anschließenden Forderungen nach mehr Profil und einer deutlichen Kommunikation der Grenzen zwischen dem Wollen und Können der LDP(D)1630 befand sich der Kreisverband dennoch im Mainstream der politischen Entwicklung seiner Partei. Bereits ab Januar 1989 nahm die Informationsdichte deutlich ab. Mit nicht einmal 6 % Mitgliederverlust zwischen Juni 1989 und April 1990 war Grevesmühlen der stabilste Kreisverband im LDP(D)-Bezirks– verband.1631 Ob geringe Abgänge oder starke Zugänge ausschlaggebend dafür waren, sagt die zugrunde liegende Statistik jedoch nicht aus. Der LDP(D)-Kreisverband Stralsund war eher unauffällig. Vor allem Versorgungsfragen dominierten die Diskussionen der Mitglieder.1632 In Grenzen wurden jedoch auch hier Kritik an den Zuständen der DDR und Wertschätzung für die Gorbatschowschen Reformen geäußert.1633 Über die gewachsene Skepsis gegenüber zu wählenden Kandidaten1634 und erste resignative Tendenzen1635 berichteten die recht häufig wechselnden Kreisfunktionäre dennoch. Im Herbst/Winter 1989 begann auch in diesem Kreisverband das Ringen um mehr Profil und Eigenständigkeit. Dabei berichtete Stralsund mit am intensivsten über Kontakte zur FDP (West)1636 und forderte im Februar 1990 ein Bündnis mit FDP-Ost und ehemaligen NDPDlern.1637 Trotz seiner hohen Mitgliederverluste von etwa 20 % zwischen dem Herbst 1989 und Sommer 19901638 erreicht 1629 Vgl. Berichterstattung des Kreisvorstandes Grevesmühlen der LDPD vor dem Sekretariat des ZV am 20.12.1988, ADL, Bestand Sekretariat des Zentralvorstands, L3-648, S. 1–2. 1630 Vgl.ebd., S. 2. 1631 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1632 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Stralsund vom 7.4.1987, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 2–3. 1633 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 4.3.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1634 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 5.4.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1635 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 5.12.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786, S. 2. 1636 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung des KV Stralsund vom 12.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33786. 1637 Vgl. Protokoll des Sekretariats des KV Stralsund vom 8.2.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33805. 1638 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. der Kreisverband mit einem Volkskammerwahlergebnis von 3,3 % im März 1990 ein durchschnittliches Ergebnis.1639 Viele CDU(D)-Kreisverbände standen der Reformorientierung der engagierten LDP(D)-Verbände in Nichts nach. Wie auch bei der LDP(D) ist im Kreisverband Stralsund die deutlichste Abweichung von der Mehrheitsmeinung der übrigen Kreisverbände zu erkennen. Die CDU(D) im Kreis ROSTOCK-STADT engagierte sich gegen die Zensur sowjetischer Medien1640 und das staatliche Misstrauen gegenüber den Bürgern,1641 für Glasnost und Perestroika durch eine verjüngte, erneuerte SED-Führung,1642 für ein christliches Parteienprofil und mehr Eigenständigkeit und Basisnähe der eigenen Parteiführung.1643 Als einziger Kreisverband schätzten die Rostocker das Engagement der evangelischen Kirche.1644 Mit Verweis auf das demokratische Selbstbestimmungsrecht der Völker legitimierte der Kreisverband die Öffnungsprozesse im Ostblock1645 und forderte die SED auf, die Mitverantwortung der Parteien um der Attraktivitätssteigerung des Sozialismus Willen anzunehmen.1646 Dadurch avancierte der Kreisverband zur Avantgarde innerhalb seines Bezirksverbandes. Die Orientierung auf den Bürger ersetzt ab Mitte September 1989 die Richtlinienkompetenz des Vorstandes.1647 So forderte die Kreisvorsitzende am 18. September zeitgleich mit den Bad Doberanern, den Brief aus Weimar verlesen zu lassen1648 und stellte in ihrer Eingabe vom 29.9. fest, 1639 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S. 433. 1640 Vgl. z. B. Informationsbericht vom 5.12.1988, ACDP, 03-043-032/4, S. 2–4. 1641 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.1.1989, ACDP, 03-043- 032/4, S. 2. 1642 Vgl. ebd. 1643 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.2.1989, ACDP, 03- 043-032/4, S. 3. 1644 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.12.1988, ACDP, 03- 043-032/4, S. 2. 1645 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.8.1989, ACDP, 03-043- 032/4, S. 2. 1646 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt vom 5.7.1989, ACDP, 03- 043-032/4. 1647 Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung des KV Rostock-Stadt vom 18.9.1989, ACDP, 03-043-043/3. 1648 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung des KV Rostock-Stadt vom 18.9.1989, ACDP, 03-043-043/1. dass das zögerliche Verhalten der CDU(D) oppositionelle Gruppen begünstige.1649 Erste Überlegungen zur Zusammenarbeit mit der LDP(D) gab es hier ab Oktober.1650 Die hohen Abgänge am Ende des Jahres1651 sind nicht auf die Ablehnung der Haltung der Kreisfunktionäre oder gar auf die Grenzöffnung zurückzuführen, sondern liegen in der angekündigten Bereinigung von den „Karteileichen“ begründet.1652 Erstaunlicherweise schlug sich das Engagement des Kreisverbandes nicht in einer hohen Mitgliederdichte nieder, ganz im Gegenteil: Der Kreisverband Rostock-Stadt hatte die geringste gesellschaftliche Verankerung aller CDU(D)-Kreisverbände.1653 Im Kreis ROSTOCK-LAND stand die CDU(D) nicht nur territorial der Bezirksstadt nahe, sondern auch politisch. Die Mitglieder setzten sich hautsächlich für eine effiziente und vor allem ehrliche Wirtschaftsplanung1654 und die Klärung von Umweltfragen ein.1655 Sie waren es leid, dass die seit Jahren bestehenden Probleme nicht gelöst wurden.1656 In dem Brief aus Weimar sahen die Mitglieder des Landkreises eine Möglichkeit, einen Prozess auszulösen, der den Sozialismus in der DDR attraktiver und die CDU(D) demokratischer machen könnte, wenn die Parteiführung mehr Nähe zur Basis zulassen und sich endlich öffentlich äußern würde.1657 Rostock-Land war der einzige Kreisverband, der bereits ab 1987 eine negative Mitgliederentwicklung aufwies. Bis zum Ende des Jahres 1989 war der Mitgliederstand jedoch relativ stabil, bevor es im ersten Quartal 1649 Vgl. Eingabe Nr. 182 (1989) der CDU(D)-Kreisvorsitzenden Rostock-Stadt vom 28.9.1989, ACDP, 07-010-3368, S. 2. 1650 Es fanden gemeinsame Sitzungen der „fortschrittlichen Mitglieder“ beider Parteien statt. Vgl. Protokoll eines Gesprächs mit dem Ortsgruppenvorsitzenden Schillerplatz mit dem LDPD-Kreisvorsitzenden (Ortleb!) vom 10.10.1989, ACDP, 03-043-043/3. 1651 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1652 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung des KV Rostock-Stadt vom 13.11.1989, ACDP, 03-043-043/1. 1653 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1654 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 5.8.1988, ACDP, 03-043- 033/5, S. 2. 1655 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Rostock-Land vom 5.4.1989, ACDP, 03- 043-032/4, S. 2. 1656 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land an den HV der CDU vom 10.11.1988, ACDP, 03-043-033/5, S. 3. 1657 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Land an das Sekretariat des HV vom 29.9.1989, ACDP, 07-011-3826, S. 3. und im Sommer 1990 massive Einbrüche gab. Jedes zwölfte Mitglied des Kreisverbandes verließ die Partei allein im Juli 1990. Neueintritte fanden kaum statt.1658 Gemessen an der Anzahl der Austritte im Sommer 1990 war die Ablehnung gegenüber den Vereinigungen des Jahres 1990 hier wesentlich größer als in anderen Kreisen. Der CDU(D)-Kreisverband der Insel RÜGEN rangierte mit den beiden Rostocker Kreisverbänden auf Augenhöhe. Er hoffte, mit Glasnost und Perestroika auf die grassierende Resignation, die unehrliche Informationspolitik und die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Defizite reagieren zu können1659 und eine neue politische Kultur des echten Überzeugens statt des Überredens der Bürger ins Leben zu rufen. Die Zuversicht der Rügener Christdemokraten wurde aber durch die Einsicht, dass tatsächliche Mitarbeit und Verantwortlichkeit seitens der SED nicht gewünscht sei, unterlaufen.1660 Bereits Anfang 1989 organisierte der Kreisverband gegen den Widerstand der SED Veranstaltungen, die die eigenständigen Leistungen der CDU(D) würdigten1661 und bat den Hauptvorstand im Juni 1989 um eine Anleitung zur maximalen Ausnutzung des gegebenen Handlungsspielraumes.1662 Zum Zustand der Demokratie in der DDR konstatierte der Kreisverband im August 1989, dass nicht das reine Vorhandensein von verschiedenen Parteien entscheidend sei, sondern deren Arbeitsbedingungen.1663 Die Distanzierung vom Hauptvorstand im September1664 und die Verurteilung der Drohkulisse der SED1665 führten Anfang November dazu, dass die Rügener sich vom Führungsanspruch der SED lossagten und die Annullierung der Mai-Wahl forderten.1666 Bis Ende des Jahres 1989 blieb der Mitgliederstand annähernd gleich. Im ersten Quartal 1990 gewann der Kreisverband absolut 60 neue Mitglieder dazu und hat damit die positivste Mitgliederentwicklung in diesem 1658 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1659 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.1.1989, ACDP 03-043-032/5, S. 2. 1660 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.10.1988, ACDP 03-043-032/5, S. 3. 1661 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.1.1989, ACDP 03-043-032/5 1662 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.6.1989, ACDP 03-043-032/5, S. 2. 1663 Vgl. ebd. 1664 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.9.1989, ACDP 03-043-032/5. 1665 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.10.1989, ACDP 03-043-032/5. 1666 Vgl. Informationsbericht des KV Rügen vom 5.11.1989, ACDP 03-043-032/5. Zeitraum. Nach der Ankündigung der Vereinigung mit der Bundes- CDU im Sommer 1990 verließen ca. 100 Personen den CDU(D)-Kreis– verband, sodass im Jahr 1990 ein reger Mitgliederaustausch erfolgte.1667 Die Greifswalder CDU(D) gehörte mit zu den kritischsten Parteiverbänden im Bezirk Rostock. Das mangelnde Vertrauen des Staates in seine Bürger, die grassierende Unehrlichkeit und die ideologischen Appelle als Reaktionen auf Hilfegesuche1668 führten dazu, dass er sich in enger Zusammenarbeit mit den Kirchen der Sorgen der Bürger annahm.1669 Umweltpolitische Themen1670 und Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Lubminer Kraftwerk1671 prägten die Diskussionen ebenso wie die dramatische Versorgungssituation,1672 die festgestellte Diskrepanz zwischen dem KSZE-Schlussdokument und der Anwendung des Ausreisegesetzes1673 oder der zunehmend als sinnlos empfundenen Berichterstattung.1674 Zweifel am Ergebnis der Kommunalwahl im Mai 1989 führten zu mehreren Eingaben.1675 Sorgen um die Zukunft der Partei und das Zunichtemachen aller ehrlichen Bemühungen der Basis durch das Schweigen der Parteiführung führten im Oktober zu sehr emotionalen Schreiben an den Parteivorstand.1676 Als Hilfe ausblieb, forderte Greifswald am 24.10.1989 als erster Kreisverband die Einberufung eines Sonderparteitages.1677 1667 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1668 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Greifswald an den HV vom 23.11.1987, ACDP, 07-011-6434, S. 2. 1669 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Greifswald an den HV vom 10.2.1988, ACDP, 03-043-045/6, S. 2. 1670 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Greifswald vom 25.7.1988, ACDP, 03- 043-045/6, S. 2. 1671 Vgl. Protokoll über das Treffen mit sowjetischen Spezialisten aus dem Kernkraftwerk Lubmin vom 21.6.1988, ACDP, 03-043-045/6. 1672 Vgl. z. B. Mitteilung des Greifswalder Kreissekretärs vom 16.12.1988, ACDP, 03-043-045/4. 1673 Vgl. Informationsbericht des KV Greifswald an den HV vom 31.1.1989, ACDP, 03-043-045/6, S. 2. 1674 Vgl. Informationsbericht des KV Greifswald an den HV vom 10.5.1989, ACDP, 03-043-045/6, S. 3. 1675 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Greifswald an den BV vom 1.6.1989, ACDP, 03-043-045/6. 1676 Vgl. Eingabe Nr. 402 (1989) vom 8.10.1989, ACDP, 07-010-045-3371. 1677 Vgl. Mitteilung des Kreissekretärs Greifswald vom 24.10.1989, ACDP, 03-043- 045/4, S. 2. Nach dem Rücktritt Göttings äußerten sich die Greifswalder mehrmals positiv über die Nominierung und Wahl de Maizières1678 und betrieben eine enge Zusammenarbeit mit dem Neuen Forum.1679 Die vergleichsweise geringen Austritte im Mai und Juli 1990 können als Zustimmung der Mitglieder zur anstehenden Westintegration gewertet werden.1680 Der CDU(D)-Kreisverband WISMAR trat bis Ende Oktober 1989 für einen modernen und streitbaren Sozialismus ein. Deshalb prangerte er ab 1987 den Reformbedarf auf den Gebieten Wirtschaft, Information und Versorgung1681 sowie den Mangel an staatlichem Vertrauen, Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein an.1682 Dabei machte er die Erfahrung, dass die Bürger kritische Nachfragen honorieren.1683 In dem Wissen um die verschiedenen Akteure im Kreis mahnte der Kreisverband weitsichtig, die bestehenden Parteien müssten die Verkrustungen aufweichen, bevor die oppositionellen Gruppen sie sprengen.1684 Als Lösungsmittel schlug er im Oktober 1989 die Etablierung eines sozialistischen Parlamentarismus vor.1685 Die Ursachen für die Ausreisewelle sahen die Wismarer allein in den Missständen in der DDR und der Weigerungshaltung der SED, die jeglichen Meinungspluralismus auch mit „Polizeiterror“ zu unterdrücken suche.1686 Deutlicher als anderswo wurde in Wismar aber auch die Gefahr einer „chinesischen Lösung“ gesehen.1687 Nachdem die Hilfegesuche an die 1678 Vgl. Informationsbericht des KV Greifswald vom 10.11.1989, ACDP, 07-011- 3826. 1679 Vgl. Protokoll der Zusammenkunft des CDU-Kreissekretärs mit Vertretern des Neuen Forums am 20.11.1989, ACDP, 03-043-045/6. 1680 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1681 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Wismar vom 1.12.1987, ACDP, 07-011- 6434, S. 2. 1682 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Wismar vom 5.8.1988, ACDP, 03-043- 032/1, S. 3. 1683 Vgl. Direktinformation des KV Wismar an den HV vom 13.3.1989, ACDP, 03- 043-032/1, S. 4. 1684 Eingabe eines CDU(D)-Mitglieds aus der Ortsgruppe Wismar II vom 2.10.1989, ACDP 07-010-3370, S. 2. 1685 Vgl. Eingabe aus der Ortsgruppe Wismar II vom 2.10.1989, ACDP, 07-010- 3370. 1686 Vgl. Eingabe Nr. 275 des Ortsgruppenvorsitzenden Poel (KV Wismar) vom 10.10.1989, ACDP, 07-010-3369, S. 2. 1687 Vgl. Eingabe Nr. 275 des Ortsgruppenvorsitzenden Poel (KV Wismar) vom 10.10.1989, ACDP, 07-010-3369, S. 2. Parteileitung erfolglos blieben, regten die CDU(D)-Mitglieder Ende November eine Neudefinition des Sozialismusbegriffs an.1688 Ab dem Jahreswechsel 1989/1990 liegt wenig Material der CDU(D)- Wismar vor. Die durchschnittlich guten Wahlergebnisse1689 und die unauffällige Mitgliederbewegung1690 lassen keine Besonderheiten in der Entwicklung des Kreisverbandes erkennen. RIBNITZ-DAMGARTEN war einer der CDU(D)-Kreise, die eine deutlichere Sprache für die Missstände in der DDR fanden und die diese Ehrlichkeit als Voraussetzung für die Reformierung des Systems auch im Staatsapparat einforderten.1691 Die Mitglieder in Ribnitz-Damgarten schätzten die Lage Anfang 1989 derart dramatisch ein, dass sie Sympathie mit den Nicht-Wählern kundtaten1692 und der Abgeordnetentätigkeit insgesamt pessimistisch gegenüber standen.1693 Dieser konstruktiv-kritische Eindruck wird jedoch dadurch konterkariert, dass die Verurteilung der chinesischen Ereignisse hier als Kampagne der Westmedien angesehen wurde.1694 Auf dem Sonderkreistag am 18. November sprach sich die CDU(D) Ribnitz-Damgarten gegen den Führungsanspruch der SED sowie jegliche Bevormundung der Parteien aus und forderte eine grundlegende Sozia– lismusdebatte.1695 Die ab Dezember einsetzende Westorientierung wurde von den Mitgliedern mitgetragen: Der Kreisverband hatte die positivste Mitgliederbilanz im Jahr 1989 und war einer der beiden Kreise, die im Sommer 1990 mehr Mitglieder als vor dem Herbst 1989 aufwiesen.1696 Der östlichste CDU(D)-Kreisverband WOLGAST war insbesondere im Jahr 1988 einer der konstruktiv-kritischen Vorreiter. Die Forderung nach 1688 Vgl. Informationsbericht des KV Wismar vom 5.12.1989, ACDP, 02-244-018/3. 1689 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1989, S. 433. 1690 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1691 Vgl. Protokoll der erweiterten Kreisvorstandssitzung Ribnitz-Damgarten vom 15.3.1989, ACDP, 03-043-047/6. 1692 Vgl. Protokoll der CDU(D)-Kreisvorstandssitzung Ribnitz-Damgarten vom 4.5.1989, ACDP 03-043-033/6, S. 3. 1693 Vgl. Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten vom 5.10.1988, ACDP, 03- 043-033/6. 1694 Vgl. Informationsbericht Ribnitz-Damgarten vom 30.6.1989, ACDP, 03-043- 033/6. 1695 Vgl. Mitteilung des Kreisvorsitzenden an die OZ vom 23.11.1989, ACDP 02- 329-006/3. 1696 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. einer Trennung von SED und Wirtschaft,1697 die Wertung der Unruhe im Ostblock als berechtigte Unzufriedenheit der Bevölkerung1698 und die Einschätzung der Abgeordnetentätigkeit als „Händeheben und Kopfnicken“1699 führten zu zunehmenden Resignationserscheinungen und Politikmüdigkeit.1700 Im Herbst 1989 unterstützte der Kreisverband die Wei– marer Vorschläge,1701 doch angesichts des nicht vorhandenen Lösungswillens der SED sah er nur geringe Chancen für eine Veränderung. Stattdessen prognostizierte er ansteigende Austritte.1702 Es kam aber anders: Insgesamt hatte der Kreisverband Wolgast die niedrigste Fluktuationsrate und auch im Jahr 1990 kaum nennenswerte Austritte.1703 Das Wolgaster Personaltableau war von einer relativ großen Kontinuität geprägt. Im CDU(D)-Kreisverband Bad Doberan gab es kontroverse Diskussionen mit Bürgern. In dem Bemühen, den Sozialismus der DDR effizienter und attraktiver zu machen, konzentrierte sich der Verband auf die Belange christlicher Mitbürger,1704 auf ein stärkeres Engagement in Umweltfragen,1705 setzte seine Reformhoffnungen auf den stellvertretenden Vorsitzenden Heyl1706 und verurteilte ebenfalls das Pekinger Massaker.1707 Aber es gab auch restriktive Positionierungen zu den Organisationen der Bürgerbewegung aus dem August 19891708 und vergleichsweise 1697 Vgl. Informationsbericht des KV Wolgast vom 19.5.1988, ACDP 03-043-045/4, S. 2. 1698 Vgl. Informationsbericht des KV Wolgast für das III. Quartal an den HV vom 8.9.1988, ACDP 03-043-033/1, S. 2. 1699 Informationsbericht des KV Wolgast zum 5.11.1988, ACDP 03-043-033/1, S. 2. 1700 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Wolgast für das I. Quartal 1989 vom 2.1.1989, ACDP 03-043-033/1. 1701 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Wolgast für das IV. Quartal 1989 vom 11.10.1989, ACDP 03-043-033/1. 1702 Vgl. Informationsbericht des KV Wolgast vom 5.11.1989, ACDP 03-043-033/1. 1703 Vgl. Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1704 Vgl. z. B. Berichterstattung des KV Bad Doberan an den HV vom 6.12.1988, ACDP 03-043-032/3, S. 1–2. 1705 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung Bad Doberan vom 7.4.1989, ACDP 03-043-032/3, S. 2. 1706 Vgl. ebd. 1707 Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Bad Doberan vom 5.6.1989, ACDP 03-043-040/2. 1708 Vgl. Informationsbericht aus dem KV Bad Doberan vom 5.8.1989, ACDP 03- 043-032/3. positive Stellungnahmen zur Einweihung des rekonstruierten Greifswalder Doms im Sommer 1989.1709 Die CDU(D)-Bad Doberan präsentierte sich vor dem Jahr 1990 insgesamt konformer, als Einzeldarstellungen es erwarten ließen.1710 Auch Heinz´ Einschätzung, Krause habe Ende September als Avantgarde die Veröffentlichung des Briefes aus Weimar und eine Distanzierung von der SED gefordert,1711 ist nicht zutreffend: Nicht nur, dass Heinz die Beteiligung des Kreissekretärs vernachlässigt, sondern Funktionäre aus anderen Kreisverbänden positionierten sich deutlicher als Krause. Der Kreisverband sprach die Themen des Herbstes 1989 an und stimmte in den allgemeinen Tenor ein – jedoch nicht führend. Gegenüber offen kritischen und reformorientierten Kreisen wie Rostock und Rügen hat der CDU(D)- Kreisvorsitzende Bad Doberans den Handlungs- und Haltungsspielraum der hauptamtlichen Unionsmitarbeiter nicht genutzt. Auch die CDU(D)-GRIMMEN sprach die bestehenden grundlegenden Probleme des DDR-Sozialismus deutlich an und hatte die höchste Mitgliederdichte im ganzen Bezirksverband.1712 Die als berechtigt empfundene Unzufriedenheit der Bürger,1713 die Forderung nach Trennung von Wirtschaft und Partei,1714 die Kritik an der Erziehung der Schüler zu Opportunisten1715 und die Einschätzung des Wahlergebnisses im Mai 1989 als unglaubwürdig1716 waren Themen, die den Grimmener Kreisverband umtrieben. 1709 Vgl. Informationsbericht aus dem KV Bad Doberan vom 5.7.1989, ACDP 03- 043-032/3, S. 1–2. 1710 Erinnert sei hier an Henneckes sehr positive Darstellung Krauses in Hennecke, Die CDU in Mecklenburg-Vorpommern, insb. S. 17–22. 1711 Vgl. Heinz, Der Kampf, S. 83, 94 und 105. 1712 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1713 Vgl. z. B. Informationsbericht des KV Grimmen vom 5.5.1989, ACDP 03-043- 033/4, S. 1–3. 1714 Vgl. z. B. Informationen des Kreissekretärs Grimmen an den HV vom 11.1.1988, ACDP 07-011-4380. 1715 Vgl. Informationsbericht des KV Grimmen zum 5.1.1989, ACDP 03-043-033/4, S. 3. 1716 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung Grimmen vom 12.5.1989, ACDP 03- 043-045/1 ebenso Informationsbericht des KV Grimmen vom 5.7.1989, ACDP 03-043-033/4. Noch im Oktober ging es ihm um die Reformierung des politischen Systems durch eine verjüngte und erneuerte SED,1717 bevor Anfang November zeitgleich die Anerkennung der Führungsrolle und die Rückendeckung für die Interimsparteiführung unter Heyl fiel.1718 Im Jahr 1989 war die Mitgliedertendenz positiv, bevor Anfang 1990 fast 60 Mitglieder austraten. Deutlich zu erkennen ist der erneute Anstieg der Austritte im Juli 1990,1719 der wohl als Reaktion auf die geplante Vereinigung und Parteifusion zu interpretieren ist. Die CDU(D) des Grenzkreises GREVESMÜHLEN verhielt sich ambivalent. Stärker als andere Kreise setzte sie sich für eine „Entpolitisierung“ der Kirche ein.1720 Im Jahr 1988 hatte der Kreisverband eine hohe Austrittsquote,1721 was möglicherweise an der weitgehend konformen Linie des Vorsitzenden gelegen haben kann. Trotz umfassender Kritik an der Ineffizienz der DDR-Wirtschaft1722 sprach er sich nur in Teilfragen für die Übernahme der sowjetischen Reformen aus.1723 Auffällig ist, dass der Kreisverband seine Kritik häufig deutlicher gegenüber dem Bezirksverband als gegenüber dem Hauptvorstand ausdrückte.1724 Durch die beobachteten Zerfallserscheinungen im Ostblock und die Grenzöffnung Ungarns sah der CDU(D)-Kreisverband Grevesmühlen die weitere Entwicklung des Sozialismus gefährdet.1725 Ab September lag der Fokus nicht mehr auf Götting, sondern auf Heyl und dem LDP(D)- 1717 Trotz einer deutlichen Abrechnung mit der SED-Führung bekennen sich die Grimmener in ihrem Informationsbericht vom 12.10.1989 an den HV zur weiteren Mitgestaltung der DDR. Vgl. ACDP 03-043-033/4. 1718 Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung Grimmen vom 8.11.1989, ACDP 03- 043-045/2, S. 2. 1719 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1720 Vgl. Informationsbericht des KV Grevesmühlen vom 2.6.1989, ACDP 03-043- 033/3, S. 3. 1721 Der Kreisvorsitzende bezeichnete das Jahr 1988 in dieser Hinsicht als „unbefriedigend“. Vgl. Protokoll der Kreisvorstandssitzung vom 20.12.1988, ACDP 03-043-033/3, S. 2. 1722 Vgl. Informationsbericht des KV Grevesmühlen vom 1.7.1988, ACDP 03-043- 033/3. 1723 Vgl. Informationsbericht des KV Grevesmühlen an den HV vom 25.7.1988, ACDP 03-043-033/3, S. 2. 1724 Vgl. den Informationsbericht der CDU(D)-Grevesmühlen am 25.7.1988 an den HV und den Bericht an den Bezirk vom 3.8.1988. Beide aus: ACDP 03-043- 033/3. 1725 Vgl. Informationsbericht Grevesmühlen vom 30.8.1989, ACDP 03-043-033/3. Vorsitzenden Gerlach.1726 Häufiger drohten die Grevesmühlener Mitglieder daher auch mit ihrem Übertritt zur LDP(D).1727 Grevesmühlen weist im Jahr 1989 eine starke Fluktuation auf.1728 Die Westorientierung und geplante Fusion mit der CDU (West) wurde von den Mitgliedern des Grenzkreises dagegen mit einer relativ stabilen Mitgliederbilanz im Sommer 1990 belohnt.1729 Trotz kleinen Abweichungen in der Einschätzung der Friedensbewegung im Jahr 19871730 war der CDU(D)-Kreisverband STRALSUND auffällig linientreu. So wurde etwa die Übernahme der sowjetischen Reformen als nicht nötig eingeschätzt.1731 Zur Sputnik-Streichung gab er nur die offizielle Erklärung weiter,1732 betonte die wirtschaftlichen Nachteile der Liberalisierung des Ostblocks,1733 wies die stärker werdenden materiellen Wünsche der Bürger als „unersättlich“ zurück1734 und postulierte, die Mitverantwortung der CDU(D) wachse ohnehin stetig mit der Führungsrolle der SED.1735 Außerdem rechtfertigte er das Vorgehen der chinesischen Militärs,1736 verurteilte die Grenzöffnung in Ungarn1737 und lehnte das Neue Forum noch Anfang Oktober unter Verweis auf die unzähligen bestehenden Partizipationsmöglichkeiten ab.1738 Zur Ausreiseproblematik bezog Stralsund ebenfalls eine sehr konforme Stellung und 1726 Vgl. Mitteilung des Grevesmühlener Kreisvorsitzenden vom 19.9.1989, ACDP 03-043-040/5 S. 2 und Informationsbericht des KV Grevesmühlen vom 3.10.1989, ACDP 03-043-040/5, S. 2. 1727 Vgl. Zusammenstellung kritischer Briefe von CDU-Kreisverbänden in der Wendezeit vom 25.10.1989, ACDP 03-011-3674, S. 22. 1728 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1729 Siehe ebd. 1730 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund an den HV vom 17.9.1989, ACDP 07-011-6434. Hier wurde das Schaffen von Spielräumen für Andersdenkende als Tugend bezeichnet, die erst noch erlernt werden müsse. 1731 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 6.12.1988, ACDP 03-043-032/2. 1732 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung Stralsund vom 31.10.1988, ACDP 03- 043-041/1. 1733 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 4.11.1988, ACDP 03-043-032/2. 1734 Protokoll der Kreisvorstandssitzung Stralsund vom 15.12.1988, ACDP 03-043- 041/5. 1735 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 2.3.1989, ACDP 03-043-032/2. 1736 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung vom 5.6.1989, ACDP 03-043-041/1. 1737 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung vom 28.8.1989, ACDP 03-043-041/1. 1738 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung vom 4.10.1989, ACDP 03-043-041/1. bezeichnet diese als „von den Medien der BRD initiierte und als Republikflucht vermarktete Massenhysterie“.1739 Doch auch in Stralsund sah man eine enttäuschende Diskrepanz zwischen der sozialistischen Theorie und Realität. Für eine Reform nach den Prinzipien von Glasnost und Perestroika in Staat, Partei und Gesellschaft sprach sich der Kreisvorsitzende Anfang Oktober in einer Eingabe aus.1740 Im Verlauf des Monats war man hier noch optimistisch, dass die SED-Führung der Motor des gewünschten Reformierungsprozesses sei und freute sich über das neue Vertrauensverhältnis im Block.1741 Gegen den angepassten Kreisvorstand hat es Berichten des MfS zufolge ab dem Frühjahr 1989 offene Kritik der Mitgliederbasis gegeben.1742 Dass der Kreisverband trotzdem Anhänger gefunden hat, verdeutlicht die bis zum Frühjahr 1990 vergleichswiese positive Mitgliederbilanz. Erst im Juni 1990 folgt der Massenaustritt.1743 Die Kommunikationsstruktur und die Mehrheit der Funktionäre der NDPD erschwerten die Weiterleitung von kritischen Meinungen. Daher ist deren Quellenniederschlag geringer. Auch aufgrund der MfS-Berichte kann aber davon ausgegangen werden, dass die engagierteren NDPD- Kreisverbände ähnliche Positionen wie die Verbände von LDP(D) und CDU(D) einnahmen. Das parteiinterne Gefälle der Reformorientierung scheint jedoch wesentlich größer gewesen zu sein, als bei den beiden „bürgerlichen“ Parteien. Der NDPD-Kreisverband Bad Doberan war einer der aktivsten im Bezirk. Unter der Co-Leitung des – aus SED-Sicht – politisch negativ auffälligen Kreissekretärs1744 setzte sich der Verband für bessere Reisemöglich- 1739 Informationsbericht des KV Stralsund an den HV vom 4.9.1989, ACDP 03-043- 032/2, S. 2. 1740 Als Vorbild für die innerparteiliche Erneuerung verwies er auf Gerlach und die LDP(D). Vgl. Eingabe Nr. 389 des Kreisvorsitzenden Stralsund vom 5.10.1989, ACDP 07-010-3370. 1741 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund vom 3.11.1989, ACDP 02-251-001/3. 1742 Vgl. Einschätzung zu aktuellen Aspekten der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien, insbesondere der CDU und der LDP(D), unter gesonderter Beachtung von gezielten gegnerischen Aktivitäten zur Herausbildung und Formierung eines „kritischen Potentials“ an der Basis der Parteien gegen die Bündnispolitik der SED und von Wirkungserscheinungen der politischideologischen Diversion vom 27.3.1989, BStU, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr.1684, Bl. 2. 1743 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1744 Vgl. z. B. Lageeinschätzung der befreundeten Parteien im BV Rostock vom 22.3.1989, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 621, Bl. 170 und Bericht Pommerenke keiten und Beziehungen zur BRD,1745 Reformen nach sowjetischem Vorbild1746 und gegen staatliche Willkür ein.1747 Die Angst vor einem militärischen Vorgehen gegen den Aufbruch in Osteuropa1748 hielt die Mitglieder Ende Oktober 1989 nicht davon ab, den Rücktritt Homanns als Signal einer grundlegenden Erneuerung der Partei zu fordern.1749 Anfang November 1989 entwickelte der Kreisverband einen Programmvorschlag, der die Forderungen nach freien Wahlen, einer neuen Verfassung, der Stärkung der Volksvertretungen, Wirtschaftsreformen, Rechtsstaatlichkeit, einem Sonderparteitag und die Selbständigkeit aller Parteien von der SED beinhaltete.1750 Nach dem Rücktritt des Bad Doberaner Bürgermeisters im Dezember 1989 übernahm der bisherige stellvertretende NDPD-Kreisvorsitzende dessen Amt.1751 Umfassende Forderungen zur demokratischen Reformierung der DDR wichen zwischen Ende November und Januar der Westausrichtung und dem Bekenntnis zu einer Vereinigung beider Teile Deutschlands im Zuge der europäischen Einigung.1752 Zeitgleich setzten sich hier die Ablehnung der sozialistischen Gesellschaftsordnung und eine konsequente Gegnerschaft zur SED-PDS durch.1753 Das Vorgehen des Kreisverbandes wurde durch eine vergleichsweise geringe Ab- über den Bad Doberaner Kreisvorsitzenden vom 6.1.1989, SAPMO BArch, DY 16/5237. 1745 Vgl. Gesamteinschätzung der Jahresmitgliederversammlung 1989 im KV Bad Doberan vom 22.2.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD, 4.132/58, Bl. 13. 1746 Vgl. z. B. Informationen des KV Bad Doberan 4/87 vom 13.2.1987, SAPMO BArch, DY 16/4535. 1747 Vgl. z. B. Informationen des KV Bad Doberan 13/87 vom 19.6.1987, SAPMO BArch, DY 16/4535, S. 2. 1748 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen aus Bad Doberan vom 31.8.1989, SAPMO BArch, DY 16/5204. 1749 Vorerst gab der Kreisvorsitzende diese Stimmen aus den Grundeinheiten nur weiter. Vgl. Brief des Kreisvorsitzenden an das Sekretariat des HA vom 26.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD, 4.132/61, Bl. 28–29. 1750 Vgl. Programm Erneuerung der NDPD für einen erneuerten Sozialismus der NDPD-Bad Doberan vom 16.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD, 4.132/61, Bl. 36–37. 1751 Vgl. Haas, Die NDPD, S. 41. 1752 Vgl. Informationen in Vorbereitung des Parteitags der NDPD vom KV Bad Doberan an Hartmann vom 8.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/6362. 1753 So eine protokollierte Wortmeldung des Bad Doberaner Kreisvorsitzenden auf der Bezirksvorstandssitzung am 23.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD, 4.132/23, Bl. 62. gangsquote von 16,5 % bis zum Februar 1990 honoriert.1754 Den Wahlkampf zur Volkskammerwahl führten die verbliebenen Mitglieder engagiert.1755 Der engagierte NDPD-Kreis Wismar gehörte im Herbst 1989 trotz des höchsten Durchschnittsalters und der geringsten gesellschaftlichen Verankerung1756 zu den Aktivposten innerhalb seines Bezirksverbandes. Ab Juni 1988 übte er konstruktive Kritik an der unzureichenden Aussagekraft der ZK-Tagungen1757 und trat für Reiseerleichterungen ein.1758 Die vergleichsweise hohe Anzahl von Parteiausschlüssen wegen West- Verbleibs ist ein Indiz für die geringere Staatsnähe des Kreisverbandes.1759 Den Oktober 1989 bestimmten aber dennoch die Anprangerung der Diskrepanz zwischen Basis und Parteiführung, die Forderung nach Homanns Rücktritt sowie der Einsatz für einen gleichberechtigten, modernen und demokratischen Sozialismus.1760 Ende November plädierte der Kreisverband für Neuwahlen und löste sich von der SED,1761 bevor er sich ab Mitte Januar 1990 für die deutsche Einheit in politischer und militärischer Neutralität einsetzte und sich gegen die Beibehaltung der sozialistischen Gesellschaftsordnung aussprach.1762 Der Beginn des Jahres 1990 wurde von politischen Richtungskämpfen und dem aktiven Einsatz gegen die SED-PDS geprägt.1763 Trotz 1754 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1755 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen aus Bad Doberan vom 7.2.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD, 4.132/36, Bl. 13. 1756 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1757 Vgl. Informationen 13/88 aus dem KV Wismar vom 20.6.1988, SAPMO BArch, DY 16/3469, S. 3. 1758 Vgl. Aktuelle Parteiinformation des KV Wismar vom 21.6.1989, SAPMO BArch, DY 16/5204. 1759 Sechs der insgesamt 27 Parteiausschlüsse wegen Westverbleib entfielen zwischen Januar 1988 und September 1989 auf den KV Wismar. Gleichauf war der KV Rostock-Stadt. Eigene Zählung anhand der Akten Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/35 und 36. 1760 Vgl. Brief des KV Wismar an den HA vom 27.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/2756. 1761 Vgl. Wortmeldung des Wismarer Vorsitzenden auf der 12. Sitzung des Bezirksvorstandes am 23.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/23, Bl. 60. 1762 Vgl. Materialien für die Vorbereitung der Kreiskonferenz am 12.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/120, Bl. 12–13. 1763 Die Meinungen reichten von der Vorstellung der NDPD als Mitte-Rechts- Partei mit „Erziehungsaufgabe“ (Bl. 14–16) bis hin zum Einsatz für eine reformdes – am Quellenaufkommen gemessenen – höchsten Aktivitätsgrad im Januar 1990 wurde die politische Uneinigkeit mit der Dezimierung des Kreisverbandes um über 35 % der Mitglieder bis zum Februar quittiert.1764 Der NDPD-Kreisverband Rügen gehörte zu den reformorientierteren Verbänden im Bezirk.1765 In Anwesenheit des Bezirksvorsitzenden Pommerenke kritisierte der Ende 1988 die Medien- und Informationspolitik der SED und forderte in Anlehnung an Glasnost und Perestroika mehr Ehrlichkeit und Offenheit.1766 Dass dem hiesigen Kreissekretär im Mai 1989 gemeinsam mit seinem kritischen Amtskollegen aus Bad Doberan eine Prämienzahlung vorenthalten wurde,1767 deutet möglicherwiese auf ein angespanntes Verhältnis zum Bezirksverband hin. Dennoch zeigte sich der Kreisverband bis September 1989 unauffällig und vertraute bei der Lösung der aktuellen Probleme auf die SED.1768 In Anbetracht der ausbleibenden Reaktion der SED forderte der Kreisverband den Bezirksverband nach eigenen Angaben am 20. und 23. Oktober als erster dazu auf, den Rücktritt der Parteiführung und die Loslösung von der SED zu durchzusetzen.1769 Der Kreisverband emanzipierte sich und legte Anfang November ein eigenständiges Programm für eine pluralistische und demokratische DDR vor, in dem er freie Wahlen zwischen souveränen Parteien, die Ablösung der Verantwortungsträger und Reformgegner aus allen Parteien, die Anerkennung der revolutionären Leistung des Volkes, die Fordesozialistische DDR (Bl. 18–21). Das spiegeln die Wortmeldungen in Vorbereitung der Kreiskonferenz wider. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/120, Bl. 12–22. 1764 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1765 Die Teilnahmequote auf Parteiveranstaltungen war auf Rügen deutlich höher als im Bezirksdurchschnitt. Vgl. Gesamteinschätzung der Jahresmitgliederversammlung im KV Rügen vom 24.2.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/58, Bl. 41. 1766 Vgl. Protokoll der erweiterten Sitzung des Kreisverbandes Rügen vom 20.10.1988, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/104, Bl. 60. 1767 Vgl. Vorlage für die 47. Sitzung des Bezirkssekretariats vom 5.5.1989, SAPMO BArch, DY 16/4463. 1768 Vgl. Protokoll der erweiterten Kreisvorstandsversammlung vom 3.9.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/104, Bl. 5. 1769 Leider sind beide Schriftstücke nicht archiviert. Ein direkter Verweis ist jedoch enthalten in: Protokoll der Kreiskonferenz Rügen am 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/101, Bl. 16. rung nach Entpolitisierung der Wirtschaft sowie die Auflösung der Nationalen Front forderte.1770 Mit der Erklärung beider Kernsätze der NDPD für ungültig und der Einberufung eines Sonderparteitages setzten die Rügener Nationaldemokraten Anfang November eigenständige Impulse.1771 Im Januar positionierte sich der Kreisverband deutlich für eine reflektiert durchgeführte Vereinigung und machte massiv Front gegen die SED-PDS1772 und gegen den Parteivorsitzenden Hartmann,1773 der auch der Volkskammerabgeordnete des Kreises Rügen war.1774 Nach einem Führungswechsel im Kreisverband Anfang Februar verstummte die Rügener NDPD.1775 Der Kreisverband verlor zwischen Dezember 1988 und Februar 1990 20 % seiner Mitglieder.1776 Der NDPD-Kreisverband Rostock-Stadt fiel vor dem Herbst 1989 durch massive Kaderprobleme1777 und eine geringe Anbindung der Mitglieder bei vergleichsweise kritischen Äußerungen auf,1778 was sich auch in der höchsten Anzahl von Parteiausschlüssen wegen Westverbleib manifestierte.1779 Ab dem Frühjahr 1989 prägten hier vor allem Sorgen über die 1770 Vgl. Stellungnahme des KV Rügen an das Präsidium des HA vom 8.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 79. 1771 Vgl. Erarbeitung eines Parteimitglieds aus dem KV Rügen vom 3.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/103, Bl. 39. 1772 Vgl. Protokoll der Kreiskonferenz Rügen am 13.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/101, Bl. 1–2. 1773 Das Kreissekretariat drohte mit seinem geschlossenen Rücktritt, sollte Hartmann im Amt bleiben. Vgl. Informationen von Parteieinheiten und Meinungen von Parteimitgliedern vom 30.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/437, S. 2. 1774 Vgl. Überblick über Abgeordnete und Nachfolgekandidaten der 9. Wahlperiode der Volkskammer vom 15.8.1989, SAPMO BArch, DY 16/1880. 1775 Nachdem Hartmann wieder zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt wurde, trat der Kreisvorsitzende tatsächlich zurück und aus der Partei aus. Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung Rügen vom 2.2.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/103, Bl. 8. 1776 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1777 Vgl. z. B. Protokoll der außerordentlichen erweiterten Vorstandssitzung der Grundeinheit Hansaviertel II am 17.11.1988, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/89, Bl. 11. 1778 Angeprangert wurden hier die mangelnden Reisemöglichkeiten und der Bürokratismus. Vgl. z. B. Brief eines Mitglieds aus dem KV Rostock-Stadt vom 19.12.1988, SAPMO BArch, DY 16/780. 1779 Sechs der insgesamt 27 Parteiausschlüsse wegen Westverbleib zwischen Januar 1988 und September 1989 entfielen auf den KV Rostock-Stadt. Gleichauf Entwicklung im Ostblock die Diskussionen der Mitglieder.1780 Im Herbst 1989 waren die Mitglieder von ihrer Parteiführung enttäuscht und machten sie für das Erstarken der Bürgerbewegung verantwortlich: Hätte der Parteivorstand auf die Sorgen und Meinungen seiner Mitglieder gehört, wäre die NDPD das Sprachrohr der Bürger für die Reformierung der DDR geworden.1781 Dementsprechend forderte der Kreisverband am 27. Oktober als einer der ersten im NDPD-Bezirksverband den Rücktritt der Parteiführung und einen parteiinternen, basisdemokratischen Austausch.1782 Dem allgemeinen Ruf nach einem Sonderparteitag1783 und einer Konföderation schloss sich der Kreisverband an.1784 Diesen Weg wollte der Kreisvorsitzende jedoch nicht mitgehen.1785 Mit ihm traten bis Ende November bereits 100 Mitglieder aus.1786 Die verbliebenen NDPDler setzten sich Ende Januar 1990 für den Rücktritt der drei stellvertretenden Parteivorsitzenden und die Zusammenarbeit mit der LDP(D) ein.1787 Durch die konstant höchsten Teilnahmequoten auf Parteiveranstaltungen1788 und eine hohe prozentuale gesellschaftliche Verankerung1789 war war der KV Wismar. Eigene Zählung anhand der Akten Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/35 und /36. 1780 Vgl. z. B. Abschlussbericht über die Realisierung des Maßnahmenplanes des Sekretariats des Kreisverbandes für den Beitrag unserer Partei zur Vorbereitung und Durchführung der Kommunalwahl, ohne Datum (vermutlich April 1989), Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/91, Bl. 3. 1781 Vgl. Brief eines Vorsitzenden einer Grundeinheit im KV Rostock-Stadt vom 25.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/2751, S. 3. 1782 Vgl. Brief des Kreisvorstandes Rostock-Stadt an das Sekretariat des HA vom 27.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 70. 1783 Vgl. Stellungnahme des KV Rostock-Stadt vom 27.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/57, Bl. 345. 1784 Vgl. Flugblatt der NDPD-Rostock ohne Datum (vermutlich Ende November 1989), Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 22. 1785 Vgl. Mitteilung des Kreisvorsitzenden vom 22.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/6, Bl. 20. 1786 Vgl. Stellungnahme des KV Rostock-Stadt vom 27.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/57, Bl. 345. 1787 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen 2/90 aus dem KV Rostock-Stadt vom 26.1. 1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 10. 1788 Vgl. Entwicklung der Teilnahme an den monatlichen Mitgliederversammlungen der Jahre 1987 und 1988 vom 24.1.1989, SAPMO BArch, DY 16/4353, S. 4– 6. die NDPD-Grimmen der „Vorzeige-Verband“ im Bezirksverband Rostock. Bis Mitte Oktober scheint im Kreisverband weitgehende Zufriedenheit geherrscht zu haben und auch die Beziehung zur SED als intakt eingeschätzt worden zu sein.1790 Kritische Stimmen sucht man in den Archivalien der Grimmener NDPD bis zum November 1989 vergebens. Stattdessen attestierte der Vorsitzende Mitte Oktober noch die Geschlossenheit zwischen Kreisfunktionären und Basis und verurteilte die „Taktiken“ der LDP(D) und CDU im Kreis.1791 Ende November ergriff der Kreisverband aber die Initiative: Er hielt öffentliche Sitzungen ab, arbeitete mit dem Neuen Forum zusammen und entwickelte ein eigenes Programm.1792 Dadurch verzeichnete er sogar Zugänge.1793 Ab Dezember wich die einstige Nähe zur SED einer grundlegenden Skepsis. So trauten auch die Grimmener Nationaldemokraten der Arbeiterpartei noch unter Krenz eine militärische Niederschlagung der Bürgerbewegung zu.1794 Dies tat Ihrem Einsatz für den Erhalt der DDR keinen Abbruch.1795 Die Neueintritte hielten bis Mitte Januar 1990 weiterhin an und der Kreisverband wähnte sich an der „Spitze der revolutionären Umgestaltung“1796. Nach dem Sonderparteitag musste er sich aber desillusioniert eingestehen, dass die Bürger die Erneuerung der NDPD nicht anerkannten.1797 Trotz der gewonnenen Neumitglieder verlor der Kreisverband zwischen Januar 1989 und Februar 1990 15 % seiner Mitglie- 1789 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliedszahlen nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1790 Im Zusammenhang mit der Kommunalwahl im Mai 1989 lobte der Kreisvorsitzende die „ausgezeichnete Atmosphäre des Vertrauens und der Zusammenarbeit“, Abschlussbericht über die Wahlen zu den Kreistagen, Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindevertretungen in Kreis Grimmen, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/81, Bl. 19. 1791 Aktuelle Parteiinformationen aus dem KV Grimmen vom 16.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/477. 1792 Aktuelle Informationen Nr. 84 vom 27.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2313, S. 6. 1793 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1794 Vgl. Brief des Grimmer Vorsitzenden an Hartmann vom 4.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 54. 1795 Vgl. Aktuelle Informationen 85 vom 4.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/231, S. 7. 1796 So die Aussage der Kreisdelegiertenkonferenz Grimmen Anfang Januar. Aktuelle Informationen Nr. 89 vom 15.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272, S. 4. 1797 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen des KV Grimmen vom 26.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 9. der.1798 Die Zusammenarbeit mit dem hier schwächeren BFD lief bereits im Februar/März gut an,1799 daher begrüßten die meisten NDPD-Mit– glieder den Beitritt Ende März freudig.1800 Grimmen gehört zu den wenigen Kreisverbänden, die auch nach dem März 1990 aktiv waren. Die Freude über das gute Wahlergebnis und die Überwindung der Startschwierigkeiten im BFD wurden durch die Aussicht auf die drohende Personalabwicklung im hauptamtlichen Parteiapparat, die als eine Folge der Fusion mit der FDP (West) angekündigt wurde, massiv gedämpft.1801 Der NDPD-Kreisverband Rostock-Land war der kleinste Verband im Bezirk. Die im Jahr 1981 angekündigte Zusammenlegung des Verbands mit Rostock-Stadt wurde nicht umgesetzt,1802 obwohl die Arbeit der Kreisfunktionäre seitens des Bezirksverbandes auch 1989 noch als ungenügend eingeschätzt wurde.1803 Es gibt insgesamt nur sehr wenige Dokumente dieses Kreisverbandes, von diesen sind wiederum nur die der Ortsgruppe Sanitz inhaltlich relevant. Die Forderung des Kreisvorsitzenden nach einem stärkeren ökonomischen Denken aus dem Juli 1989 ist die letzte Wortmeldung des Kreisverbandes im Sommer/Herbst 1989.1804 Anfang November meldete sich die Sanitzer Ortsgruppe zu Wort: Absolute Selbständigkeit und Ausdifferenzierung aller Parteien, Einberufung der Volkskammer, Rücktritt und Neuwahl der Regierung und aller Parteiinstanzen, Effizienzsteigerung und Entbürokratisierung in Wirtschaft und Politik, Bestrafung aller Funktionäre bei juristisch nachgewiesener Schuld, und Glaubensfreiheit sollten den Weg zu einem erneuerten Sozialismus in der DDR bereiten.1805 Scheinbar war der Erhalt einer souveränen DDR für 1798 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1799 Vgl. Aus Informationen aus Bezirkssekretariaten und Kreissekretariaten vom 15.2.1990, SAPMO BArch, DY 16/484, S. 2. 1800 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 5 vom 2.4.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272. 1801 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 10 vom 8.5.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272. 1802 Vgl. Parteiinformationen an Hartmann vom 27.1.1981, SAPMO BArch, DY 16/5204. 1803 Vgl. Vorlage für die 42. Sitzung des Bezirkssekretariats von der Abteilung Parteiorgane vom 24.1.1989, SAPMO BArch, DY 16/4463. 1804 Vgl. Protokoll der 33. Sitzung des Rostocker Bezirksvorstandes vom 17.7.1989, SAPMO BArch, DY 16/5204, S. 3. 1805 Vgl. z. B. Ergebnis der Vorstandssitzung der Ortsgruppe Sanitz im KV Rostock-Land vom 6.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 75. den Kreisvorstand Ende November 1989 noch das erklärte Ziel.1806 Der Verlust von 18,5 % der Mitglieder des Kreisverbandes ist gemessen an der nicht nachweisbaren Aktivität des Verbandes 1990 gering.1807 Der NDPD-Kreisverband Wolgast hob sich schon vor der Wende durch Kaderprobleme,1808 resignative Tendenzen1809 und eine „negative“ Einschätzung des Vorsitzenden durch Mitarbeiter des MfS von den anderen Kreisverbänden ab.1810 Da für den Zeitraum zwischen Mai und November 1989 keine relevanten Archivalien hinterlassen wurden, scheint der Kreisverband erst ab November 1989 am politischen Umbruch teilgenommen zu haben. In seinem Aktionsprogramm plädierte der KV für ein Reformbündnis, Pluralismus, eine effiziente Wirtschaft und einen dialogorientierten demokratischen Staat.1811 Trotz großer Schwierigkeiten erkannte der Kreisvorsitzende Ende Dezember erster Früchte des Erneuerungsprozesses.1812 Ab Beginn des Jahres 1990 setzte sich der Wolgaster Kreisverband mit Nachdruck für Neutralität und Entmilitarisierung und die soziale Absicherung der Grenzoffiziere in einem vereinigten Deutschland ein. Ebenso forderte er die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, was wohl auch der geographischen Lage geschuldet war. Wie gegen Hartmann bezog Wolgast auch gegen die SED-PDS Stellung,1813 stand den durch den Sonderparteitag ausgelösten Auflösungstendenzen aber hilflos gegen- über.1814 Die geringe Bindung der Mitglieder im Kreis an ihre Partei zeig- 1806 Das impliziert die Formulierung des Kreisvorsitzenden, die Existenz der DDR stünde auf dem Spiel. Vgl. Protokoll zur 12. Sitzung des Bezirksvorstandes am 23.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/23, Bl. 58. 1807 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1808 Vgl. Brief des Bezirkssekretärs an den Wolgaster Kreisvorsitzenden vom 20.9.1988, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/125, Bl. 84. 1809 Vgl. Übersicht über die Teilnahme an Mitgliederveranstaltungen im Bezirk Rostock vom 15.1.1989, SAPMO BArch, DY 16/2021. 1810 Vgl. Ergänzung zur Einschätzung der Lage in den befreundeten Parteien vom 18.10.1989, BStU, Bestand Bezirksverband Rostock, Abt. XX, Nr. 493/1, S. 17. 1811 Vgl. Aktionsprogramm Wolgast vom 21.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 105–106. 1812 Vgl. undatiertes Schreiben des Kreisvorstands an die Wolgaster Mitglieder, vermutlich Ende Dezember 1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/125, Bl. 8. 1813 Vgl. Äußerungen der Kreisdelegiertenkonferenz Wolgast zum Programmentwurf vom 12.1.1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 112. 1814 Vgl. Aus einigen Informationen im Hinblick auf die Fortsetzung des 14. Parteitags vom 5.2.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272. te sich auch nach dem Beitritt zum BFD: Die meisten Mandate vergab das Bündnis an Parteilose, weil keine eigenen Kandidaten zur Verfügung standen.1815 Obwohl ihr Einsatz für ein unabhängiges Vorpommern1816 und die strikte Ablehnung der Zusammenarbeit mit der FDP (West)1817 ab April von der Realität überholt wurden, war die Abgangsquote mit 18 % relativ gering.1818 Der NDPD-Kreisverband Grevesmühlen war vor der Wende von Kaderproblemen, der Kritik an der allgemeinen Stimmung und dem Desinteresse der Bürger gekennzeichnet.1819 In Ermangelung eines geeigneten Kreissekretärs1820 kam der Kreisverband seiner Informationstätigkeit nicht nach und produzierte auch in den Wende-Monaten nur sehr wenig überliefertes Schriftgut. Die beiden Positionspapiere aus dem November1821 entsprachen weitgehend dem allgemeinen Tenor. Auffällig ist jedoch, dass die NDPD im westlichsten Kreis des Bezirkes ganz im Gegensatz zur örtlichen CDU(D) nach der Maueröffnung massiv ihren Unmut über den vermeintlichen Ausverkauf der DDR ausdrückte: Gerade hier wurde das Aufkaufen der subventionierten und begehrten Waren und das Nutzen der günstigen Dienstleistungen als übermäßig empfunden.1822 Als Reaktion auf die Inaktivität der eigenen Partei und 1815 Aktuelle Parteiinformationen Nr. 7 vom 9.4.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272, S. 3. 1816 Vgl. Aktuelle Informationen der Bezirks- und Kreisverbände vom 2.3.990, SAPMO BArch, DY 16/4814, S. 3. 1817 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen Nr. 7 vom 9.4.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272. 1818 Vgl. Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1819 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen 19/88 vom 7.9.1988, SAPMO BArch, DY 16/4535, S. 5. 1820 Vgl. Handschriftliche Notiz vom 4.10.1988: Seit dem 29.9.1988 war kein Kreissekretär mehr im Amt. SAPMO BArch, DY 16/4535. Seit dem Frühjahr 1989 gab es zwar wieder welche, diese wären aber „überfordert“, hieß es in der Gesamteinschätzung der Jahresmitgliederversammlung vom 3.3.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/58, Bl. 1. 1821 In dem Brief des KV Grevesmühlen an den HA vom 9.11.1989 forderte dieser die Streichung des Kernsatzes 1, einen Parteitag, ein neues Parteiprogramm, die Auflösung der Nationalen Front, Neuwahlen nach einem neuen Wahlgesetz und die Stärkung der Privatwirtschaft (Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 49) Das eigentliche Positionspapier vom 21.11.1989 beinhaltete im Wesentlichen die gleichen Forderungen und das Bekenntnis zu einem modernen Sozialismus. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 47. 1822 Vgl. Parteiinformationen des Bezirkssekretariats Rostock vom 12.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/6362. zum Schutz der DDR wandten sich einige Mitglieder der SED zu und kündigten an, deren Nachfolgepartei im Jahr 1990 wählen zu wollen.1823 Die NDPD-Greifswald war bis zum Herbst 1989 unauffällig. Hier sprachen sich nur einzelne Mitglieder für die Übernahme von Teilen der sowjetischen Reformen aus1824 und kritisierten die mangelnden Befugnisse von Abgeordneten.1825 Möglicherweise fanden deshalb so wenige Akademiker der Universitätsstadt Greifswald den Weg in den Kreisverband der NDPD.1826 Im Herbst wurde der Verband aktiver. Mitte Oktober 1989 setzte er sich für eine transparente und ehrliche Informationskultur und die Attraktivitätssteigerung des Sozialismus ein.1827 Der Schockstarre der Parteiführung begegnete der Kreisverband Anfang November mit folgenden Forderungen: Rücktritt der Parteiführung, Einberufen eines Sonderparteitags, Loslösung von der SED, Parteiwahlen und Profilierung, Reisefreiheit, Entmilitarisierung von Bildung und Gesellschaft und ein neues Wahlgesetz.1828 Mitte Dezember distanzierte sich der Kreisverband vom Sozialismus-Begriff.1829 Den Sonderparteitag im Januar und Februar 1990 empfanden die Greifswalder als sabotiert: Ihre Unterstützung galt dem aus dem Amt 1823 Als Begründung wurde das Vorhandensein eines Programms und einer intakten Kaderstruktur angegeben. Parteiinformationen des Bezirkssekretariates Rostock vom 12.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/6362. 1824 Vgl. Protokoll der 6. Sitzung des Bezirksvorstandes Rostock vom 11.7.1988, SAPMO BArch, DY 16/5204. 1825 Vgl. Vorlage für die 43. Sitzung des Bezirkssekretariats vom 16.2.1989, SAPMO BArch, DY 16/4463, S. 3. 1826 Einen möglichen Zusammenhang zwischen der Präsenz der sogenannten „Intelligenz“ und der Reformorientierung zeigt das Kapitel 4.8.3. Intelligenz auf. Mit einer Akademikerdichte von knapp über 15 % entsprach die soziale Zusammensetzung des KV Greifswald etwa denen der agrarischen Kreise Rügen und Grevesmühlen. Die Kreisverbände der anderen beiden Hochschulstädte Stralsund und Rostock liegen hier bei etwa 10 % mehr. Siehe Statistischer Jahresbericht Bezirk Rostock/Mitgliederentwicklung, Stand 31.12.88, SAPMO BArch, DY 16/1943, S. 2. 1827 Vgl. Brief eines Greifswalder Mitglieds vom 10.10.1989, SAPMO BArch, DY 16/2756. 1828 Vgl. Inhaltliche Positionsbestimmung des KV Greifswald vom 1.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 43–45. 1829 Vgl. Programm der Arbeit des KV Greifswald bis zum 14. Parteitag vom 12.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 41–42. gedrängten Glaeser.1830 Bis in den Sommer des Jahres 1990 hinein rang der Kreisverband letztlich erfolglos um den Erhalt des KKW Lubmin1831 und einen eigenständigen Verwaltungsbezirk Vorpommern.1832 Trotz der starken Regionalausrichtung verlor der Kreisverband im ersten Quartal 1990 22,5 % seiner Mitglieder.1833 Der NDPD-Kreisverband Ribnitz-Damgarten hatte die größte gesellschaftliche Verankerung aller Kreisverbände des NDPD-Bezirksverban– des.1834 Dennoch machten seine Mitglieder nur zwischen Oktober 1989 und Februar 1990 auf sich aufmerksam. Ende Oktober forderte die Ortsgruppe Barth einen pluralistischen und demokratischen Sozialismus in der DDR, den Rücktritt der Parteiführung und Neuwahlen nach einem neuen Wahlgesetz, als deren Ergebnis sie sich eine Koalitionsregierung vorstellten.1835 Bis Ende November hielten auch andere Ortsgruppen an diesem reformsozialistischen Kurs und an einem gleichberechtigten Verhältnis zur SED fest.1836 Der Austausch der kompletten Staats- und Parteiführung war für sie und den Kreisvorstand aber ebenso notwendig wie die Abwicklung des NDPD-Hauptausschusses auf einem Sonderparteitag.1837 Als Zeichen der Erneuerung setzte sich der Kreisverband auch für die Umbenennung der Partei ein.1838 Möglicherweise waren die Kaderprobleme und die Abgangsquote von 18,5 % bis zum Februar 19901839 ursächlich dafür, dass der Kreisverband im Jahr 1990 verstummte. 1830 Vgl. Informationen von Parteieinheiten und Meinungen von Parteimitgliedern vom 30.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/437, S. 4. 1831 Vgl. Wahlprogramm des KV Greifswald zur Volkskammerwahl im März 1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/60, Bl. 28. 1832 Vgl. Flugblatt des BFD-Greifswald aus dem Sommer 1990, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/ 4.132/59, Bl. 102–103. 1833 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1834 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1835 Vgl. Brief der Ortsgruppe Barth im KV Ribnitz-Damgarten vom 26.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 58–59. 1836 Vgl. Briefe der Ortsgruppen Damgarten und Altenwillershagen vom 20.11. 1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 60. 1837 Vgl. Telegramm des Kreisvorstandes Ribnitz-Damgarten vom 18.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/82, Bl. 6. 1838 Vgl. ebd. 1839 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. Die NDPD-Stralsund beschäftigte sich vor dem Sommer 1989 hauptsächlich mit Versorgungsproblemen.1840 Im August 1989 verzeichnete sie zwar als erster Kreisverband eine angespannte politische Situation,1841 verurteilte die Ausreisewelle aber linientreu als BRD-Medienkampag– ne1842 und wartete noch Mitte Oktober auf Anleitung durch die Parteileitung.1843 Die vergleichsweise radikalen Forderungen eines Mitglieds auf einer Versammlung Ende Oktober unterzeichnete dennoch jeder dritte Anwesende.1844 Noch Anfang November sprach der Kreisvorstand lediglich von einer Modifizierung der Führungsrolle der SED.1845 Trotzdem die Kreisfunktionäre die Forderungen der Basis nach einer moderaten reformsozialistischen Umgestaltung und eine basisdemokratische Erneuerung der NDPD durch Parteiwahlen im Laufe des Novembers übernahmen,1846 behielt der Kreisvorstand bis Januar 1990 auch angesichts der stark divergierenden Ansichten der Mitglieder seine Linie bei und sorgte sich um den Rechtsruck in der BRD, in der DDR und in der eigenen Partei und forderte die Etablierung neuer Sicherheitsstrukturen.1847 Diese Prinzipientreue der Kreisfunktionäre kostete den Kreisverband bis Februar 1990 42,5 % seiner Mitglieder und sorgte somit für die größte Dezimierung innerhalb des Bezirksverbandes.1848 Die Kreisverbände der DBD waren insgesamt angepasster und übten weniger generelle Systemkritik. Deswegen waren sie aber nicht zwangsläufig zufriedener mit dem Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft der DDR. Auch in den Reihen der DBD lassen sich sehr unterschiedliche Aktionsgrade ausmachen. 1840 Vgl. z. B. Parteiinformationen 15/87 und 22/87 vom 16.7.1987 und 23.10.1987, SAPMO BArch, DY 16/1256. 1841 Vgl. Protokoll der Beratung des Kreissekretariats Stralsund vom 28.8.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/108, Bl. 7. 1842 Vgl. handschriftlicher Bericht des Kreissekretärs Stralsund vom 19.9.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/106, Bl. 5. 1843 Vgl. Protokoll der Beratung des Sekretariats des Kreisvorstands vom 9.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/108, Bl. 4. 1844 Siehe Kapitel 4.2. Unmut. Vgl. Protokoll zur Mitgliederversammlung Stralsund vom 25.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 99. 1845 Vgl. Brief des Kreisvorstands Stralsund an Hartmann vom 3.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 95. 1846 Vgl. ebd. 1847 Vgl. Parteiinformationen des Bezirkssekretariats Rostock vom 12.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/6362, S. 2. 1848 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. Grevesmühlen war der DBD-Kreisverband mit der größten Mitgliederdichte und neben Bad Doberan und Greifswald einer der aktivsten innerhalb des Bezirksverbandes.1849 In seinen Berichten wies der Vorsitzende ab dem Frühjahr 1989 darauf hin, dass die Stimmung „kritischer als je zuvor“ sei:1850 Das deutliche Beklagen der Mangelwirtschaft und die Forderung nach einer nötigen Modifikation des Sozialismus-Bildes im April 19891851 machten Grevesmühlen zu einem der auffälligeren Kreisverbände der DBD. Um die DDR zu erhalten, forderte er im Herbst 1989 eine radikale personelle Erneuerung auch auf Bezirks- und Kreisebene, eine neue Dialogkultur, größere Spielräume für die Blockparteien unter der SED- Führung und eine größere Basisorientierung des DBD- Parteivorstands.1852 Nur unter solchen Bedingungen könne die DBD als „Bollwerk gegen die erstarkten oppositionellen Gruppen“ wirken.1853 Diese Reformvorschläge wurden von der Forderung an Maleuda, endlich Stellung zu beziehen, begleitet1854 und die Positionierung des Kreisverbandes in Form einer „regen“ Versammlungsbeteiligung honoriert.1855 Im Januar 1990 wurde deutlicher, wie der Kreisverband das Verhältnis zwischen Erhalt und Reformierung der DDR sah: Einerseits wurde von einigen Mitgliedern die Wiedererrichtung einer Sperrzone als adäquate Maßnahme zur Eindämmung von Zustrom und Ausverkauf durch Bundesbürger angesehen, andererseits auf eine juristische Verurteilung der ehemaligen SED-Funktionäre gedrungen.1856 Das Engagement des Kreisverbandes zahlte sich weiterhin aus: Er verlor zwischen September 1989 und Februar 1990 nur 4,6 % der Mitglieder, 1849 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1850 Mitteilung über die Sitzung des KV am 16.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 6. 1851 Vgl. Aktuelle Informationen, KV Grevesmühlen vom 19.4.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1852 Vgl. Stellungnahme des KV Grevesmühlen vom 25.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196, S. 1–2. 1853 Stellungnahme des KV Grevesmühlen vom 25.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1854 Vgl. Mitteilung des Kreissekretariats Grevesmühlen vom 30.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1855 Vgl. Informationsbericht des BV zur aktuell-politischen Lage vom 3.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1856 Vgl. Bericht des Kreisvorsitzenden auf der Sitzung des Bezirkssekretariats am 11.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/2769, S. 4–6. wobei im Januar sogar ein Aufwärtstrend zu verzeichnen war. Nach dem Sonderparteitag verlor er jedoch 160 Mitglieder, die sich bis Ende Juni nur um weitere 80 erhöhten.1857 Dieses Abebben der Austritte ist ein Indiz dafür, dass die in ihrer Konsequenz singuläre Haltung des Kreisverbandes zur Parteifusion mit der CDU auf die Zustimmung der Mitglieder stieß: Alle 37 Ortsgruppen des Kreisverbandes Grevesmühlen stimmen gegen den Zusammenschluss.1858 Das „Nein“ Grevesmühlens zum Ende der DBD stellte den einzigen aktiven Widerstand im ganzen Landesverband Mecklenburg-Vorpommern dar. Bereits in den Jahren 1987 und 1988 war der Kreisverband Wismar engagiert, leitete Missstände offen an die übergeordneten Instanzen, stellte kritische Fragen zu nationalen und internationalen Themen und ließ dabei auch die Arbeit der Volksvertreter nicht außen vor.1859 Dennoch wurde auch hier eine ungenügende Bereitschaft zur Übernahme von Parteiämtern kritisiert1860 und durch den Bezirksverband die Leitungstätigkeit der Kreisfunktionäre und die Teilnahme an Parteischulungen bemängelt.1861 Möglicherweise ist beides ebenso ein Indiz für eine Distanzierung vom SED-Staat wie die Abberufungsbitte eines politischen Mitarbeiters im November 1988, die mit dem Verweis des Bezirksverbandes, die Fluktuationsquote unter den politischen Mitarbeitern sei generell zu hoch, kommentiert wurde.1862 Im August 1989 machten es die vorhandenen Sympathien mit den Akteuren der „konterrevolutionären Aushöhlung“ den Kreisfunktionären schwer, die Deutungshoheit über das aktuelle Geschehen und das sehr breite Meinungsspektrum der Mitglieder zu behaupten.1863 Während die Ortsgruppe Grambow im September 1989 forderte, sofort die Grenzen abzusichern statt darauf zu hoffen, die Ausreise durch Verbesserungen 1857 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1858 Vgl. Bericht des BV an den PV vom 20.7.1990, SAPMO BArch, DY 60/2907. 1859 Vgl. z. B. Bericht über die bisher durchgeführten Jahresversammlungen in den Orts- und Wohnbezirksgruppen des KV Wismar vom 1.3.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767. 1860 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung vom 16.1.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 3. 1861 Vgl. Protokoll der Bezirkssekretariatssitzung vom 15.11.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 6. 1862 Vgl. ebd., S. 2. 1863 Aktuelle Kurzinformationen aus dem KV Wismar vom 1.8.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 3. im Reiseverkehr zu stoppen,1864 war das Wismarer Kreissekretariat das erste, das sich noch Ende November aus der Nationalen Front zurückzog und deren Auflösung forderte.1865 Dieser Kurs führte dazu, dass Wismar mit Abstand die positivste Mitgliederbilanz im Jahr 1989 aufwies. Dieser Trend hielt aber trotz des guten Wahlergebnisses im Mai 1990 und eines konkreten Koalitionsangebots der CDU1866 nicht an.1867 Im Sommer 1990 richtete sich der Wismarer Vorsitzende als einziger Kreisvorsitzende postalisch an die Mitglieder seines Kreises, um ihnen die Fusionsentscheidung zu erklären und um für ihr Mitkommen in die CDU zu werben.1868 Der Vorsitzende erwartete auch von den Ortsgruppenvorsitzenden seines Kreisverbandes, dass sie sich unabhängig von ihrer eigenen Meinung für die Fusion einsetzen.1869 Für die DBD auffällig früh klagte der Greifswalder Kreisverband bereits im Juli 1988 über Verweigerungshaltungen und Ermüdungserschei– nungen bei Mitgliedern und Funktionären.1870 Eine Ausnahme war anscheinend der seit 26 Jahren amtierende Kreisvorsitzende, der dreimal länger im Amt war als der Durchschnitt seiner Kollegen.1871 Die Greifswalder Mitgliedschaft schien insgesamt weniger bequem gewesen zu sein als die der übrigen Kreisverbände, was der Bezirksvorstand auf den „Westempfang“ zurückführte.1872 Dennoch traten einzelne Ortsgruppen erst im November 1989 an den Kreisvorsitzenden heran, um vom Parteivorstand das Ende des Schweigens, die Orientierung auf die Basis, die Einberufung eines Parteitags, ein neues Programm und Profil sowie freie 1864 Vgl. Notiz aus der OG Grambow, KV Wismar, verm. September 1989 (ohne Datum), SAPMO BArch, DY 60/3181. 1865 Vgl. Infobericht des KV Wismar vom 1.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 2. 1866 Vgl. Informationsbericht 23/90 vom 15.5.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 4–5. 1867 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1868 Vgl. Persönlicher Brief an jedes Mitglied vom Wismarer Kreisvorsitzenden vom 27.6.1990, SAPMO BArch, DY 60/2907. 1869 Vgl. Brief Lindners an einen Ortsgruppenvorsitzenden vom 27.6.1990, SAPMO BArch, DY 60/2907. 1870 Berichterstattung des Kreissekretariats Greifswald zur Bezirkssekretariatssitzung am 21.7.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 7. 1871 Der Bezirksdurchschnitt der 1. Kreissekretäre wies eine Amtsdauer von 8,5 Jahren auf. Protokoll der 19. Sitzung des PV am 15.11.1988, SAPMO BArch DY 60/860. 1872 Bericht des BV über die Parteiarbeit im Monat Mai 1989 vom 1.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 4. Wahlen nach einem neuen Wahl- und Parteiengesetz1873 und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung sowie die Auflösung der Nationalen Front zu fordern.1874 Mit „nur“ 60 Austritten im ersten Quartal 1990 waren die Abgänge in Greifswald eher gering.1875 Obwohl hier im März 1990 noch ein sehr gutes Wahlergebnis erzielt worden ist,1876 war das zweite Quartal von einer massiven Austrittswelle gekennzeichnet: Konnte sich der Kreisverband zwischen September 1989 und März 1990 mit einem geringen Rückgang von 1.087 auf 945 Mitglieder relativ konstant halten, so wogen die 267 Abgänge zwischen März und Juni 1990 umso schwerer.1877 Sie zeigen, dass viele Greifswalder, insbesondere die älteren,1878 den Weg in die (Bundes-)CDU nicht mitgehen wollten. Die Kritikpunkte und Fragen des DBD-Kreisverbandes Bad Doberan zu nationalen und internationalen Entwicklungen unterschieden sich nicht wesentlich von denen der anderen Kreise. Aber Rügen für unangemessene Diskussionsbeiträge des Kreissekretärs, die Abberufung politischer Mitarbeiter1879 und die Mitteilungen des Kreises über Resignationserscheinungen unter den Funktionären1880 zeigen die größere Distanz zum politischen System der DDR. Die desillusionierte Einschätzung „Es ändert sich doch nichts“1881 aus dem Jahr 1988 und Probleme bei der Mandatsbesetzung im Frühjahr 19891882 erhärten diesen Eindruck. Auf die Ereignisse des Herbstes 1989 reagierte der Kreisverband dennoch erst Mitte Oktober, indem er seine Zustimmung zum Honecker- Rücktritt und zur Krenz-Nachfolge sowie seine Unzufriedenheit mit 1873 Vgl. Stellungnahme der Ortsgruppe Südstadt vom 7.11.1989 und Stellungnahme der Ortsgruppe Züssow vom 20.11.1989, beide SAPMO BArch, DY 60/3196. 1874 Diese letztgenannten Forderungen kamen nur aus der Ortsgruppe Züssow. 1875 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1876 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S.433. 1877 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1878 Vgl. Zusammengefasste Wertungen der Kreisvorsitzenden Greifswald und Bergen vom 5 und 10.7.1990, SAPMO BArch, DY 60/2907. 1879 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung vom 21.3.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 2. 1880 Vgl. Schreiben des KV Bad Doberan an den BV vom 15.9.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 4. 1881 Schreiben des KV Bad Doberan an den BV vom 15.9.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 4. 1882 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung vom 16.1.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 3. dem Auftreten Maleudas erklärte und nun freudig auf die „Wende“ wartete.1883 Gleichzeitig forderten einzelne Ortsgruppen die Einführung eines Mehrparteiensystems und konkrete personelle Veränderungen in Partei und Staat.1884 Obwohl der Sonderparteitag hier als Erfolg verstanden wurde, verlor der Kreisverband zwischen September 1989 und März 1990 knapp 20 % seiner ursprünglich 709 Mitglieder.1885 Ab Februar 1990 trat er nicht mehr in Erscheinung. Der DBD-Kreisverband Grimmen war in puncto Organisation das Sorgenkind des Bezirksverbandes. Neben einer unbefriedigenden Mitgliederwerbung und Anleitungstätigkeit beklagte dieser auch die „nicht immer ausreichende Zielstrebigkeit“ des Kreissekretärs und leistete direkte Anleitungshilfe.1886 Inhaltlich bezogen sich die Berichte des Kreisverbandes mehrheitlich auf die wachsenden Versorgungs- und Produktionsprobleme vor Ort und kommentierten außenpolitische Entwicklungen.1887 So wurde im Zusammenhang mit den Gesprächen zwischen Kohl und Honecker im Jahr 1987 erstmalig der „Schießbefehl“ erwähnt – von Kohls Forderung nach dessen Abschaffung distanzierte sich der Kreisverband jedoch.1888 Im direkten Vorfeld des Herbstes 1989 trat der Verband kaum in Erscheinung. In den Wendemonaten setzte sich aber ein großer Teil der Grimmener Mitgliedschaft aktiv für einen basisdemokratischen Dialog, eine leistungsorientierte Personalpolitik, eine Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz und den Umweltschutz ein und bekannte sich mehrheitlich schon im Februar 1990 zur Deutschen Einheit, sofern die „sozialen Errungenschaften“ beibehalten werden können.1889 Wie auch Rostock, Wismar und Grevesmühlen organisierte der DBD- Kreisverband Anfang März 1990 Bauerndemonstrationen, um auf die 1883 Vgl. Mitteilung des Kreisverbandes Bad Doberan vom 23.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1884 Vgl. Protokoll der Mitgliederversammlung Satow (Bad Doberan) vom 24.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1885 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1886 Protokoll der Sitzung des Bezirkssekretariats vom 23.8.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 6–7. 1887 Vgl. Protokoll der Bezirkssekretariatssitzung vom 23.8.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 5–7. 1888 Aktuelle Informationen des KV Grimmen vom September 1987, SAPMO BArch, DY 60/3151, S. 2. 1889 Information 10/90 des BV vom 12.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904. soziale Stellung der Bauern im Falle einer Vereinigung aufmerksam zu machen.1890 Dieses Engagement trug wohl mit dazu bei, dass der Kreisverband mit über 15 % ein außerordentlich beachtliches Kommunalwahlergebnis erzielte.1891 Trotz dieses guten Ergebnisses ist in den Akten keine spätere Tätigkeit dokumentiert. Der DBD-Kreisverband der Insel Rügen war mit über 1.400 Mitgliedern neben Rostock der zweitgrößte im Bezirk.1892 Dennoch sind aus der Zeit vor dem Herbst 1989 nur wenige Materialien überliefert. Die Rügener Mitgliedschaft wies die üblichen Probleme bei der Mandatsbesetzung und Schulbeschickung auf.1893 Ab dem Herbst 1989 lässt sich eine größere Aktivität nachweisen. Die Rügener forderten im September eine Ursachenanalyse der Ausreisewelle und wiesen auf alltägliche Probleme hin, für die sie die Verantwortung auf der staatlichen Ebene sahen: die realitätsferne Medienberichterstattung, mangelnde Effizienz in der Produktion, eine nach der ungarischen Grenzöffnung fehlende außenpolitische Linie und die fehlende Standortbestimmung der DBD.1894 Auch die Leitsätze des Parteivorsitzenden gaben nicht die Antworten, die sie am Beginn des Jahres 1990 erwartet hatten. Ihrer Meinung nach fehlte neben einer Abrechnung mit der eigenen Parteivergangenheit auch eine Perspektive und die personelle Erneuerung.1895 In Puncto Deutschlandpolitik warf der Kreisverband Rügen seiner Parteiführung vor, die „Eigendynamik und Tatsachen zu verkennen“, was alles in allem bereits dazu geführt habe, dass etliche Mitglieder ausgetreten sind oder ihr Mandat niederlegen wollen.1896 Nachdem die Wahlergebnisse im Frühjahr 1990 positiv für den Kreisverband ausgefallen waren,1897 wurden zwar Koalitionsgespräche mit der CDU geführt, eine Fusion konnten sich die Insulaner aber nur mit dem BFD oder der SPD vorstellen.1898 Dennoch wurde noch 1890 Vgl. Information 12/90 des BV vom 21.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 3. 1891 Der Rostocker Durchschnitt lag bei 5,2 %. Vorläufiges Ergebnis der Kommunalwahl, SAPMO BArch, DY 60/3215. 1892 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederzahlen nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1893 Vgl. z. B. Einschätzung der Ergebnisse der Schulbeschickung an die Bildungsstätte der Partei im Jahre 1988 vom 2.12.1988, SAPMO BArch, DY 60/2767, S. 2. 1894 Vgl. Schreiben des KV Rügen an den PV vom 25.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1895 Vgl. Schreiben des KV Rügen an den PV vom 5.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/3195. 1896 Schreiben des KV Rügen an den PV vom 5.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1897 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S. 433. 1898 Vgl. Information und Meinungen über die Perspektive der DBD vom 22.6.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904. im Juli optimistisch eingeschätzt, dass etwa die Hälfte der über 1.000 Mitglieder die Fusion mit der CDU vollziehen würden.1899 Tatsächlich wurde der Schritt gen Bundes-CDU mit steigenden Eintritten honoriert.1900 Der östlichste DBD-Kreisverband Wolgast war der kleinste Kreisverband im Bezirk Rostock.1901 Charakteristisch waren große Personalprobleme und eine geringere Bereitschaft der Mitglieder, innerhalb der Partei Verantwortung zu übernehmen.1902 Auffällig ist, dass ein Mitglied des Parteivorstands im September 1988 erster Kreissekretär wurde.1903 Offene Fragen und alltägliche Probleme der Versorgung, Infrastruktur, Zulieferung und Entsorgung wurden insbesondere aus den Dörfern des Kreises gemeldet und über den direkten Kontakt auch auf Tagungen des Parteivorstandes vorgetragen.1904 Ebenso wie im Nachbarkreis Greifswald führte der „Empfang von Westmedien“ im Sommer 1989 zunehmend zu Meinungen, die von der Linie der Parteileitung abwichen.1905 Abgesehen von den Forderungen nach demokratischen Reformen in Staat und Wirtschaft und einer größeren Präsenz und Basisorientierung der DBD fand der Kreisverband im Herbst keine einheitliche Linie: So war auch im November die Ablehnung der Führungsrolle der SED noch kein Konsens, vielmehr wurde an eine freiwillige Selbstbeschränkung der SED-Führungsriege appelliert.1906 Ende Dezember 1989 hat der Kreisverband nach eigenen Angaben ein eigenes Positionspapier für den Wahlkampf entworfen,1907 doch im Jahr 1990 lässt sich keine weitere Aktivität des Kreisverbandes nachweisen. 1899 Vgl. Zusammengefasste Wertungen der Kreisvorsitzenden Greifswald und Bergen vom 5. und 10.7.1990, SAPMO BArch, DY 60/2907. 1900 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1901 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederzahlen nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1902 Vgl. Kurzinformation des KV Wolgast vom 7.7.1988, SAPMO BArch, DY 60/3166, S. 3. 1903 Vgl. Beschluss von Kaderveränderungen vom 10.8.1988, SAPMO BArch, DY 60/3495. 1904 Protokoll der 6. Tagung des Parteivorstands am 16.12.1988, SAPMO BArch, DY 60/331, S. 62–63. 1905 Bericht über die Parteiarbeit im Monat Mai 1989 vom 1.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 4. 1906 Vgl. Stellungnahmen von mehreren Ortsgruppen aus dem KV Wolgast vom 3.–8.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1907 Archiviert ist es aber nicht. Vgl. Informationsbericht des Bezirkssekretariats Rostock vom 22.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 3. Mit einem Ergebnis von 6 % bei den Volkskammerwahlen in März 1990 liegt Wolgast deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtpartei.1908 Der Vergleich mit den erfolgreichen Kreisen im Bezirk zeigt aber, wozu intakte Kreisverbände in ländlichen Regionen noch in der Lage waren. Der DBD-Kreisverband Ribnitz-Damgarten trat im Untersuchungszeitraum kaum in Erscheinung. Eine seiner wenigen prägnanten Aussagen war die Verurteilung der ungarischen Grenzöffnung im September 1989 als „Vertragsbruch“.1909 Dennoch warb er im gesamten Jahr 1989 so viele Mitglieder, dass er eine leicht positive Mitgliedertendenz aufwies.1910 Erst ab Januar 1990 setzte der Kreisverband eigene Impulse. Er forderte die Abschaffung der vorherrschenden Ämterhäufung, die juristische Verurteilung der alten SED-Elite sowie die finanzielle und strukturelle Stärkung der Kreisverbände.1911 Bis Mitte Februar stieg die Mitgliederzahl, doch nach der Kommunalwahl kam der Einbruch: Bis Ende März verlor der Kreisverband 173 seiner 946 Mitglieder und damit über 18,3 %.1912 Obwohl die Mitglieder des Kreisverbandes Ribnitz-Damgarten die Fusion mit der CDU weniger einhellig ablehnten als die zuvor angekündigten Verhandlungen mit der DSU,1913 traten die knapp 600 verbliebenen Mitglieder ab Mai 1990 nicht mehr in Erscheinung. Der gemeinsame DBD-Kreisverband Rostock (-Stadt und -Land) war der mitgliederstärkste Verband im Bezirk Rostock. Dennoch war er wegen des mangelnden Zuspruchs bei der städtischen Bevölkerung der Kreisverband mit der geringsten Mitgliederquote.1914 Vor dem Herbst 1989 verhielt er sich unauffällig. Erst im Oktober 1989 lässt sich überhaupt etwas über die Meinungsbildung im Kreisverband sagen. Einzig die Ortsgruppe Warnemünde trat mit eigenen Initiativen hervor und legte Mitte November einen umfassenden Katalog vor, der neben den Forderungen nach einem pluralistischen Mehrparteiensystem, freien Wahlen und eine von der SED entflochtene sozialistische Markt- 1908 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S. 433. 1909 Mitteilung des KV Ribnitz-Damgarten an den BV vom 11.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 1910 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1911 Vgl. Brief des KV Ribnitz-Damgarten an Maleuda vom 12.1.1990 1912 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1913 Vgl. Informationsbericht 22/90 vom 11.5.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 2. 1914 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. wirtschaft auch einen Themenblock für die städtische Bevölkerung enthielt.1915 Im Vorfeld des Sonderparteitags begleiteten Sorgen über die geringe mediale Wirksamkeit ihrer Partei1916 und Diskussionen über Privilegien das Ringen um Profil, Statut und Programm der DBD.1917 Noch Mitte Januar 1990 setzten sich Teile der Mitgliedschaft für eine Reformierung der DDR ein.1918 Dem allgemeinen Mitgliedertrend folgend, wies auch der Kreisverband Rostock nach dem Sonderparteitag für einige Wochen wieder eine steigende Mitgliedertendenz auf und organisierte öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen und Bauerndemonstrationen.1919 Damit wollte die DBD sich auch als alternative Vertreterin bäuerlicher Interessen neben der PDS-dominierten VdgB präsentieren.1920 Der Verlust von 330 Mitgliedern im März 1990 ist wohl als Reaktion auf das überwiegend ernüchternde Wahlergebnis zu verstehen. Nach der Ankündigung des konservativen Wahlbündnisses halbierte sich die Stärke des Kreisverbandes bis zum Juni 1990.1921 Der Fusion mit der CDU standen die Mitglieder im Kreisverband Rostock ambivalent gegenüber. Zu der großen Austrittswelle führte weniger die Fusionsentscheidung, als die undemokratische Art, wie sie gefällt wurde.1922 Obwohl der DBD-Kreisverband Stralsund einer der größten im Bezirksverband war,1923 sind kaum Archivalien aus der Hansestadt überliefert. Vor dem Sommer 1989 fiel der Kreisverband nur durch mehrfache Führungswechsel und die üblichen Probleme bei der Mandatsbesetzung auf.1924 Letzteres lag nach Einschätzung der Stralsunder daran, dass die 1915 Vgl. Stellungnahme der Ortsgruppe Warenmünde vom 14.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1916 Vgl. z. B. Brief aus dem KV Rostock an Maleuda vom 11.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3196. 1917 Vgl. ebd., S. 1–2. 1918 Vgl. Information 4/90 vom 16.1.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 3. 1919 Vgl. Information 12/90 des BV vom 21.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 3. 1920 Vgl. Information 10/90 vom 12.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 3. 1921 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1922 Vgl. z. B. Austrittserklärung aus der OG Warnemünde vom 12.6.1990, SAPMO BArch, DY 3786. 1923 Siehe Tabelle 9 Übersicht über Bevölkerung und Mitgliederanteil nach Kreisen 31.12.1988, S. 428. 1924 Vgl. Protokoll der Sekretariatssitzung vom 16.1.1989, SAPMO BArch, DY 60/2768, S. 3. Lage in manchen Orten so dramatisch sei, dass sich dort niemand traue, ein Bürgermeisteramt zu übernehmen.1925 Für den Zeitraum zwischen Februar 1989 und 1990 gibt es keine relevanten Archivalien, sodass sich keine Aussagen über die Positionierung des Kreisverbandes im Herbst/ Winter 1989/90 treffen lassen. Das mit deutlich über 10 % sehr gute Volkskammer- und Kommunalwahlergebnis1926 weist jedoch darauf hin, dass die DBD-Stralsund aktiv gewesen sein muss. Der Kreisverband musste im ersten Halbjahr 1990 auch „nur“ rund 160 Abgänge hinnehmen.1927 Dennoch löste er sich Kreisverband im Sommer 1990 de facto auf. Insgesamt ist die relative Linientreue aller Stralsunder Kreisverbände auffällig. Möglicherweise verursachte eine stärkere Dominanz der SED- Kreisleitung Stralsund diese Besonderheit. Unmittelbar nachdem ihr Vorgänger für seine kritischen Äußerungen gelobt worden war,1928 wurde Elli Wagner im Mai 1988 als Erste Sekretärin der SED-Kreisleitung präsentiert. Ihr Amtsantritt rief nicht nur bei der LDP(D) „kritische Bemerkungen aus den Reihen der Parteifreunde hervor.“1929 Ein weiteres Indiz für die engmaschigere Kontrolle durch SED und MfS liefern die Angaben zu den IM in den Kreisverbänden. In den Stralsunder Blockparteikreisverbänden waren insgesamt 44 IM eingesetzt, was einer Quote von knapp 1,5 % entsprach. Nur die Wolgaster Gliederungen lagen mit 1,7 % noch darüber.1930 Ein genereller Zusammenhang zwischen dem Grad der politischen Auffälligkeit und der IM-Durchdringung lässt sich jedoch nicht nachweisen.1931 1925 Angegeben wurden konkret fehlende Kinderkrippen und die mangelnde infrastrukturelle Anbindung, die den Verfasser des Berichts zu der Formulierung „vergessene Dörfer“ veranlasste. Vgl. Information 10/89 vom 6.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/2902, S. 2. 1926 Siehe Tabelle 10 Volkskammerwahlergebnis nach Kreisen 18.3.1990, S. 433. 1927 Siehe Kapitel 4.7. Mitgliederbewegung. 1928 Vgl. Informationsbericht vom 3.7.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1929 Informationsbericht vom 9.5.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 1930 Siehe Kapitel 3.2.3. Beziehung zum MfS. 1931 Siehe Tabelle 9.1. Anzahl der Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit nach Kreisverbänden, S. 430. 4.5. Einflüsse von geographischer Lage, Urbanisierung und Bildungsstand Innerhalb des Bezirkes lassen sich große Disparitäten zwischen der Positionierung einzelner Kreise ausmachen. Es gab Kreise, deren Parteiverbände insgesamt tendenziell eher SED-kritisch und pro-westlich orientiert waren und andere, deren Verbände eher SED-nahe und reformsozialistische Positionen einnahmen. Zwischen diesen beiden Extremen stehen Kreise, für deren Blockparteiorganisationen kein gemeinsamer Trend auszumachen ist. Ob dieser Diskrepanz generelle Strukturen unterliegen, soll nun hinsichtlich geographisch bedingter Einflüsse im Osten und Westen des Bezirks, hinsichtlich des Verstädterungsgrades und möglicher bildungspolitischer Aspekte untersucht werden. Dazu musste auf zwei verschiedenen Ebenen differenziert werden: Zunächst wurde ermittelt, welche Kreisverbände innerhalb ihrer Partei eher den Vorreitern, den Mitläufern und den Nachzüglern zuzurechnen sind, bevor anschließend Aussagen über Art des Engagements ganzer Landkreise getroffen und diese unter den genannten Rücksichten miteinander verglichen wurden. Als kritisch sowie reform- und einheitsorientiert erwiesen sich die Parteiverbände der Kreise Bad Doberan, Rostock-Stadt, Rostock-Land, Rügen und Wismar. Für Greifswald, Ribnitz-Damgarten, Grimmen und Wolgast lässt sich keine zu verallgemeinernde Richtung ihrer KV ausmachen. Dagegen haben die Verbände der Kreise Grevesmühlen und Stralsund überwiegend SED-nähere Positionen eingenommen. Um mögliche geographisch bedingte Einflüsse auf die Blockparteiverbände ausfindig machen zu können, wurden die Landkreise im Osten des Bezirks (Wolgast, Greifswald, Grimmen und Rügen) denen im Westen des Bezirks (Bad Doberan, Wismar und Grevesmühlen) gegenübergestellt.1932 Dabei fällt auf, dass in den westlichen Kreise insgesamt Verbände tätig waren, die überhaupt eine zu verallgemeinernde politische Tendenz verfolgten: Tendenziell eher prowestlich waren die Parteiverbände in Bad Doberan und Wismar eingestellt. Nur Grevesmühlen war dagegen auffällig SED-nah. Erklärt werden kann die stärkere SED- Orientierung der Verbände von LDP(D), NDPD und DBD im Grenzkreis Grevesmühlen mit einem starken Einfluss der „ideologischen Verteidi- 1932 Wegen ihrer zentralen Lage werden Stralsund, Ribnitz-Damgarten und die beiden Rostocker Landkreise nicht in diese Teiluntersuchung einbezogen. gungsmaßnahmen“ der SED vor dem Herbst 19891933 und unmittelbaren Auswirkungen der Grenznähe nach der Maueröffnung, die hier zum Teil massiv abgelehnt wurde. Einzig die CDU(D)-Grevesmühlen verfolgte einen deutlich prowestlichen Kurs. Dass die beiden anderen Kreise im Westen des Bezirks ohne direkte Grenzlage dagegen einen prowestlichen Kurs verfolgen, überrascht kaum. Hier wurde die nur mittelbare Nähe der BRD offensichtlich als überdurchschnittlich positiv empfunden und im Gegensatz zu den Grevesmühlenern kein vermeintlicher „Ausverkauf der DDR“ durch bundesdeutsche Grenzgänger wahrgenommen. Abgesehen von den ebenfalls stärker SED-kritisch und bundesdeutsch orientierten Verbänden auf der Ostseeinsel Rügen lassen die Kreise im Osten des Bezirks keine grundlegende gemeinsame Position erkennen. Ob der Grad der Urbanisierung einen Einfluss auf die Positionierung der Kreisverbände hatte, soll anhand der eher ländlichen Kreisverbände Bad Doberan, Ribnitz-Damgarten, Grevesmühlen, Grimmen, Rostock- Land, Rügen und Wolgast und der städtisch geprägten Kreisverbände Greifswald, Stralsund, Rostock und Wismar ermittelt werden.1934 Hier ergibt sich kein einheitliches Bild. Von den sieben Landkreisen zählen drei – Bad Doberan, Rügen und Rostock-Land – zu den deutlich prowestlich-orientierten. Neben Kreisen ohne einheitliches Muster nehmen nur die Grevesmühlener eine ablehnende Haltung gegenüber der Westorientierung ein. In den Reihen der städtischen Kreise zeigen sich Rostock-Stadt und Wismar als Avantgarde, während Stralsund insgesamt über die SED-konformsten Verbände verfügt. Drei der insgesamt sieben ländlichen Kreise zeigten eine prowestliche Einstellung, ebenso zwei der vier städtischen Kreise. Dieser Befund ist kein Indiz dafür, dass der Grad der Urbanisierung einen Einfluss auf die Positionierung der Verbände eines Landkreises hatte. Der Vergleich der Kreisverbände der Universitätsstädte mit den übrigen Kreisen liefert auch kein hinreichendes Ergebnis. Im Gegensatz zu den impulsgebenden Verbänden Rostocks hatten die Greifswalder Parteiverbände keine meinungsbildende Position innerhalb ihres Bezirksverbandes, wenngleich sich der Greifswalder CDU(D)-Verband hier etwas von den anderen drei Parteiverbänden abhebt. In beiden Städten spielten die 1933 Z. B. Berichterstattung der LDP(D)-Grevesmühlen vor dem Sekretariat des ZV vom 20.12.1988, ADL, Bestand Sitzungen des Sekretariats des ZV, Nr. L3-648 oder Protokoll der Kreisvorstandssitzung vom 13.10.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33798. 1934 Da die Landkreise alle ähnlich groß waren, wird hier die Einwohnerzahl als Indikator für die Bevölkerungsdichte angesehen. Alle Kreise mit mehr als 90.000 Einwohnern werden als vergleichsweise städtisch betrachtet. Hochschulen oder bildungspolitische Themen in den parteiinternen Diskussionen keine überdurchschnittlich große Rolle. Auch das Engagement der Mitglieder ist nicht generell auf den Einfluss der Universitäten zurückzuführen, wie das Kapitel 4.8. über den Einfluss der sogenannten „Intelligenz“ zeigen wird. Was Grevesmühlen und Stralsund dennoch zu verbinden scheint und möglicherweise in allen Verbänden dieser Kreise Spuren hinterlassen hat, ist der starke Einfluss der SED. Ob es sich bei der stärker DDRloyalen Ausrichtung um eine Reaktion auf empfundenen Druck oder eine unbewusste Reaktion auf die stärkere ideologische Arbeit der SED handelt, kann nicht pauschal beantwortet werden. Tatsache ist aber, dass die verstärkte Indoktrination und Präsenz der SED von den Grevesmühlener Mitgliedern als Maßnahme gegen den Einfluss der angrenzenden BRD gedeutet wurde. In Stralsund lässt sich dieser Einfluss nur implizit nachweisen: Hier wurden die Verbände aller Parteien nach dem Amtsantritt der neuen Ersten Sekretärin der SED-Kreisleitung im Mai 1988 deutlich angepasster. Dass die Amtsnachfolge dieser SED-Funktionärin auf Ablehnung stieß, äußerten einzelne Mitglieder bereits im Zuge ihrer Ernennung. 4.6. Bezirksleitungen: verlängerte Arme der Führung oder Sprachrohre der Basis? Die jeweiligen Bezirksleitungen hatten einen erheblichen Einfluss auf die Weitergabe von Informationen und entschieden über die Handhabung von kritischen Meinungsäußerungen und den Umgang mit weniger angepassten Kreisfunktionären. In den Wendemonaten nahmen die Bezirksvorsitzenden zumeist vermittelnde Positionen zwischen der Parteibasis und der Parteileitung ein. Wie restriktiv die Bezirksvorstände der vier Blockparteien ihre Machtposition gestaltet und damit maßgeblich die Kommunikation zwischen Basis und Führung beeinflusst haben, wird im Folgenden aufgezeigt. Mit seinen 7.761 Mitgliedern war Rostock am Ende des Jahres 1988 der zweitgrößte Bezirksverband der CDU(D).1935 Unter dem Vorsitz des seit September 1982 amtierenden – und letzten – Bezirksvorsitzenden Dieter Klemm setzte sich die Rostocker CDU(D) für den weiteren Aufbau des Sozialismus, die Friedenssicherungspolitik der SED und die Entspannung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche ein. 1935 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des Bezirksverbandes Rostock der CDU für das Jahr 1988, ACDP 03-043-21/1. Der CDU(D)-Bezirksvorstand gab die Kritik, Anregungen, Fragen, Sorgen und Nöte der Kreise in seinen monatlichen Berichten z.T. wortwörtlich, zumeist aber treffend zusammengefasst an den Hauptvorstand weiter. Dabei erkannte Klemm in der Kritik und dem Widerspruch der Mitglieder eine Berechtigung, wenngleich einzelne Bezirksvorstandsmitglieder auch häufig eine vermittelnde Position einnahmen und die Politik der SED rechtfertigten. Ein größeres Profil und eine deutlichere Eigenständigkeit abseits der Vorschlagstätigkeit wünschte sich im Spätsommer 1989 auch der Bezirksverband, forderte aber keine neuen Wege der Mitverantwortungsausübung ein. Das deutsch-deutsche Verhältnis sah die Bezirksleitung im September durch den Grundlagenvertrag hinreichend geregelt und wies jegliche oppositionellen Bestrebungen innerhalb der Partei zurück. Entsprechend gab sie die Anweisung, den Brief aus Weimar – wenn überhaupt – nur gegenüber dem Hauptvorstand zu kommentieren, an die Kreisverbände weiter. Im Oktober 1989 war die Bezirksleitung bemüht, zwischen dem Präsidium des Hauptvorstandes und der Parteibasis zu vermitteln und erstere zum Dialog mit den Mitgliedern zu bewegen. Noch sah sich die Bezirksleitung an der Seite der SED und wollte diese durch ihren eigenständigeren und konstruktiv-kritischen Beitrag unterstützen. Zur Beruhigung der Lage wurde auch die Kontaktierung der Bürgerbewegung vorgeschlagen. Bis Mitte November setzte sich auch im Bezirksverband die Forderung nach einem Sonderparteitag, einem neuen Wahlgesetz, innerparteilicher Demokratie und einer neuen Parteistruktur durch. Die Vertrauensfrage ermöglichte den als notwendig erachteten Kaderwechsel. Das Bezirkssekretariat wurde aber sehr deutlich im Amt bestätigt.1936 Nach wie vor hielten einige Mitglieder der Bezirksleitung an ihrer Nähe zur SED fest. Erst Anfang Dezember war man hier mehrheitlich zu einer grundsätzlichen Lossagung von der SED bereit und forderte auch in den oberen Instanzen der Volksvertretung Neuwahlen. Insgesamt wirkte der Bezirksverband der CDU(D) wenig restriktiv auf die Kreisfunktionäre ein. Politisch-motivierte Personalwechsel oder Sanktionierungen von unliebsamen Meinungen lassen sich nicht nachweisen. 1936 Vgl. Informationsbericht des BV an den HV vom 10.11.1989, ACDP 03-043- 038/1, S. 2. Im LDP(D)-Bezirksverband Rostock waren im Sommer 1989 3.976 Mitglieder organisiert.1937 Damit stellte die LDP(D) den kleinsten Bezirksverband im Küstenbezirk. Der LDP(D)-Bezirksvorstand, allen voran Günter Krüger, zeigte sich im Untersuchungszeitraum als tatsächliches Sprachrohr der Mitglieder. Informationen, Meinungen und Stimmungen wurden sachgemäß und zutreffend weitergegeben. Auch die eigene Position der Bezirksfunktionäre war deutlich reformorientiert. Kritik an der SED und der Ausgestaltung der sozialistischen Demokratie hielten sie nicht zurück. Resignative Tendenzen wurden ebenso wie die Forderung nach stärkerer Profilierung kommuniziert. Die Sprache des Bezirksvorstands war ebenso authentisch und sachlich wie die der Mitglieder, was sich in dem z. T. hohen Anteil der als auffällig markierten Passagen in den Berichten des Bezirksvorsitzenden widerspiegelt.1938 Auch bei dem Parteivorstand hatte Krüger einen guten Stand, so sollte er im Jahr 1990 eigentlich nach Berlin beordert und dort Kaderchef der Parteizentrale werden.1939 Auf der Kreisebene der LDP(D) fallen dennoch häufigere Personalwechsel auf (z. B. Kreisverband Rügen), für die sich keine offizielle Erklärung in den Akten finden lässt. Wie die Mitglieder hielt auch der Vorstand des Küstenbezirks noch im Sommer 1989 an dem Wunsch nach einer gemeinsamen Veränderung der DDR mit der SED fest. Im Gegensatz zur Basis sah Krüger den Amtsantritt Krenz im Oktober zwar nicht ohne, aber mit weniger Skepsis.1940 Ebenso verteidigte er die Vorstellung einer zu erwerbenden Führungsrolle der Arbeiterklasse noch im November, während die Forderungen der Basis bereits weitreichender waren. Mit seinem Rücktritt Anfang März 1990 kam Krüger der geplanten Be- 1937 Vgl. Vorlage aus dem BV Rostock für das Sekretariat des ZV vom 20.9.1989, Anlage 5: Mitgliederentwicklung und Aufnahmen, Stand 30.6.1989, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, Nr. L3-675, S. 38. 1938 Vgl. z. B. Kurzeinschätzung der durchgeführten zentralen Mitgliederversammlung vom 3.11.1988, ADL, Bestand Abteilung Parteivorstände, Zentrale Mitgliederversammlungen 1988, Nr. L8-1551. Etwa ¾ der Kurzeinschätzung wurden von den Mitarbeitern der LDP(D)-Abteilung Parteivorstände als auffällig markiert. 1939 Vgl. Informationen IM Jens Kellström zur Lage im Bezirksvorstand der LDP(D) vom 25.9.1989, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 621, Bl. 199. 1940 Vgl. Telex Krüger an das Sekretariat des ZV vom 19.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775. förderung in die Berliner Parteizentrale zuvor.1941 Sein Nachfolger wurde der bisherige Stellvertreter Frank Richter. Der NDPD-Bezirksverband umfasste am Ende des Jahres 1988 6.719 Mitglieder und war damit nummerisch fast doppelt so stark wie der Bezirksverband der LDP(D). Der NDPD-Bezirksvorstand hatte schon im Jahr 1988 mit dem z. T. mangelhaften Organisationsgrad einzelner Kreisverbände und deren Personalproblemen zu kämpfen. Dabei erweckte er insgesamt den Eindruck, die widerständigen Stimmen der Basis und einzelner Kreisfunktionäre unterdrücken zu wollen. Die ohnehin in geringerem Umfang geäußerte Kritik der Mitglieder gab die Bezirksebene zudem nur selektiv an die Parteileitung weiter und drohte gegenüber hauptamtlichen Mitarbeitern berufliche Konsequenzen als Reaktion auf unliebsames Verhalten an (z. B. Bad Doberan). Der NDPD- Bezirksvorstand Rostock war ebenso sehr wie der Parteivorstand bemüht, die Deutungshoheit zu wahren. Die Abweichungen innerhalb der Mitgliedschaft und zwischen Mitgliedschaft und Führung waren aber seit Juni 1989 immens und nicht mehr zu überbrücken. Insgesamt hat der NDPD-Bezirksverband am restriktivsten auf die Mitglieder und Mitarbeiter eingewirkt. Auch im Vergleich mit anderen Bezirkssekretariaten fällt das Rostocker als besonders linientreu auf. In Schwerin legte man beispielsweise im Juli 1989 Voraussetzungen für die Beseitigung der Mauer fest. Diese seien eine eindeutige Anerkennung der Staatsbürgerschaft und der Staatsgrenze der DDR und die Auflösung der Militärblöcke.1942 Offiziell wähnte Pommerenke die Basis noch Ende September 1989 auf einer Linie mit dem Hauptausschuss, versicherte deren Treue zur SED und vollste Handlungsfähigkeit, obwohl die Berichte aus den Kreisen anderes vermittelten. Mitte Oktober sah der Bezirksvorstand die Handlungshoheit noch in der Hand der SED. Eine stärkere Profilierung der NDPD unter Anleitung des Hauptausschusses empfand aber auch Pommerenke als geboten. Aufkommende Zweifel der Basis an der Bündnispolitik und der Führungsrolle konnte der Bezirksvorsitzende bisher noch zurückhalten. Am 1. November 1989 musste er jedoch dem Druck der Kreisverbände nachgeben und erklären, die SED habe den Führungsanspruch derzeit verwirkt. Voraussetzung für eine weitere Zusammenarbeit sei die basis- 1941 Vgl. Informationen IM Jens Kellström zur Lage im Bezirksvorstand der LDP(D) vom 25.9.1989, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 621, Bl. 199. 1942 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen des Bezirkssekretariates Schwerin vom 10.7.1989, SAPMO BArch, DY 16/5193, S. 2. demokratische Umgestaltung der Partei und ein durch freie Neuwahlen, eine neue Verfassung und rechtsstaatliche Transparenz erneuerter Sozialismus. Doch auch dieser Vorstoß konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass sich die Kreise seit Oktober von der Bezirksleitung emanzipiert hatten und bereits autonom arbeiteten. In der Bewertung des Parteitages im Januar 1990 teilte der Bezirksverband die Einschätzung der Mitglieder und verurteilte die personalpolitische Vorbereitung, die Berichterstattung der Parteizeitungen und die Kampagne gegen Glaeser. Ab Januar 1990 trat der zukünftige Vorsitzende des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern, der Rostocker Hans-Dieter Seibel, zunehmend in den Vordergrund, bevor er die Führung des Landesverbandes am 5.3.1990 übernahm. Im landwirtschaftlich geprägten Bezirk Rostock stellte die DBD mit 10.168 Mitgliedern den mit Abstand größten Bezirksverband.1943 Obwohl er die Stimmung an der Basis treffend und diskutierte Probleme adäquat an die Parteiführung weiterleitet, finden sich auch bei der DBD Kaderentscheidungen, die politisch motiviert zu sein scheinen (z. B. Kreisverband Bad Doberan) und auf einen restriktiven Umgang mit abweichenden Meinungen hindeuten. Im Sommer und Herbst 1989 wurde deutlich, wie stark die Ansichten des Bezirksvorsitzenden Senkpiel von den Vorgaben der SED abhingen: In der Bürgerbewegung sah er das Resultat westlicher Hetzkampagnen und ideologischer Kriegsführung und wertete die Absetzung Honeckers Mitte Oktober als schmerzlich. Im Gegensatz zu den Bezirksverbänden Potsdam oder Schwerin fand der Rostocker Bezirksverband auch für die Ämterhäufung in den Händen Krenz’ keine kritischen Worte. Ab Dezember deuteten sich die parteiinternen Spannungen zwischen den südlichen und nördlichen Bezirken an. Während der Norden seit Beginn des Monats eine positive Bilanz über seine Chancen als eigenständige Regionalpartei zog und auch im Januar 1990 noch vom Fortbestand des Sozialismus und der DDR ausging, beklagte er die politischkonservativ geprägten Einheitsbekundungen im Süden. Obwohl sich auch der Rostocker Bezirksvorstand im Sommer für eine Koalition mit den Sozialdemokraten ausgesprochen hatte, sah er der aufoktroyierten Fusion mit der CDU durchaus optimistisch entgegen. Die Bereitschaft der Mitglieder, diesen Schritt mit zu vollziehen, schätzte er aber deutlich zu hoch ein. 1943 Vgl. Quartalsbericht über die Mitgliederbewegung, Stand 30.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/1813. 4.7. Mitgliederbewegung: Indiz für die Zufriedenheit mit der Partei und dem System Anhand der zumeist umfangreich geführten Mitgliederstatistiken zeigt dieses Kapitel, wie sich die Mitgliederstände in den Blockparteien entwickelt haben, um daraus Schlussfolgerungen über die Mitgliederzufriedenheit zu ziehen. Dabei ist neben den absoluten Mitgliederzahlen vor allem die Fluktuationsrate von Interesse, denn nur sie beantwortet die Frage nach einem möglichen Personalaustausch oder einer Veränderung der Mitgliederklientel. Einschränkend muss angemerkt werden, dass die Daten der Parteien in stark unterschiedlichen Umfang vorliegen. So lassen sich zum Beispiel für die Kreisverbände der CDU(D) und der DBD sehr detaillierte Aussagen treffen, während die Mitgliederstände der NDPD nur sporadisch überliefert sind und daher lediglich gröbere Trends widerspiegeln. Bevor auf die Mitgliederentwicklung der Parteien eingegangen wird, werden vorab noch grundlegende Aussagen zur prozentualen Verankerung der Parteien in den einzelnen Kreisen getroffen, die Rückschlüsse auf deren Werbungserfolge und Öffentlichkeitswirksamkeit zulassen. CDU(D) Die Mitgliederzahlen der CDU(D) seit 1985 zeigen, dass die Anwerbungspolitik im Bezirksverband Rostock bis Ende 1988 so erfolgreich war, dass er die bis dato vergleichsweise geringen Abgänge kompensieren und zu positiven Jahrestrends beitragen konnte.1944 Im Jahr 1986 wurden insgesamt 89 sogenannte „beeinflussbare Abgänge“, also Parteiaustritte oder Streichungen, verzeichnet, die jedoch im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Rückgang darstellten.1945 Als besonders hoch erwiesen sich die Abgänge in Ribnitz-Damgarten und Rostock-Stadt, dagegen zeigten Bad Doberan, Wismar, Grimmen und Rügen die geringsten Verluste.1946 Im Folgejahr sank die Anzahl der 1944 Mitgliederstand 31.12.1985: 7.338, 31.12.1986: 7.466, Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1986, ACDP 03-043-21/1. 1945 1985 gab es noch 94 beeinflussbare Abgänge. Sowohl 1985 als auch 1986 waren Streichungen und Austritte etwa gleich häufig. Analyse des statistischen Berichts des Bezirksverbandes Rostock der CDU für das Jahr 1986, ACDP 03-043- 22/1, S. 2. 1946 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1986, ACDP 03-043-22/1, S. 2. Abgänge weiter auf 70,1947 wodurch der Anstieg auf 102 im Jahr 1988 deutlicher ins Gewicht fiel. Erst ab dem Beginn des Vorwendejahres schlug sich die Unzufriedenheit mit Einzelaspekten des Lebens in der DDR im Mitgliederstamm der CDU(D) nieder. Als Ursache für den Anstieg der Abgänge wurde erstmals der „legale oder illegale Verzug in die BRD“ ausgemacht.1948 Erneut waren wieder die beiden Rostocker Kreise und Ribnitz-Damgarten die Hauptverursacher. Mit den ebenfalls zurückgehenden Neuaufnahmen kam es im Jahr 1988 nur noch zu einem geringen Anstieg der Gesamtmitgliederzahl.1949 Dass diese Mitgliederveränderungen auf Resignation und Politikverdrossenheit der Bevölkerung in der Vorwendezeit hinweist, ist wahrscheinlich. Dieser Zusammenhang wurde auch in den Quellen häufig gesehen. Trotz dieser Vorboten ist eine signifikante Veränderung der Mitgliederbewegung erst im vierten Quartal 1989 zu verzeichnen, die durch „die politische Umgestaltung in der DDR, in unserer Partei sowie durch die große Ausreisewelle in die BRD“ verursacht wurde.1950 Noch bis einschließlich Oktober 1989 hatte die CDU(D) einen positiven Mitgliedertrend, der erst nach dem Rücktritt Göttings im November einbrach. Während die Neuaufnahmen von 345 im Vorjahr auf 333 im Jahr 1989 nur leicht gefallen sind, standen ihnen insgesamt 188 Abgänge gegenüber, die gemeinsam mit den Todesfällen erstmals zu einer negativen Jahresbilanz führten.1951 Auffällige Ausnahme ist der Kreis Rügen, der bereits seit 1987 eine fallende Mitgliedertendenz hatte.1952 Die Kreise Wismar, Rügen und Ribnitz-Damgarten konnten ihren Mitgliederstand während der Friedlichen Revolution verbessen, Rügen im ersten Quartal 1990 sogar sehr deutlich.1953 Die größten Verluste mussten dagegen Grevesmühlen und Rostock-Stadt hinnehmen. 1947 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1988, ACDP 03-043-87/1, S. 3. 1948 Ebd. 1949 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1989, ACDP 03-043-21/1. 1950 Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1990, ACDP 03-043-87/1, S. 3. 1951 Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1990, ACDP 03-043-87/1, S. 3. 1952 Siehe Grafik 1a., S. 339. 1953 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1990, ACDP 03-043-87/1, S. 3. Insgesamt kann eingeschätzt werden, dass die Mitgliederentwicklung der CDU(D)-Rostock im Herbst 1989 trotz des Negativtrends im dritten und vierten Quartal 1989 nicht von einem erdrutschartigen Verlassen der Partei gekennzeichnet war. Vor allem die annähernd gleichbleibenden Neuzugänge und die in einigen Kreisen sogar steigende Mitgliederzahl deuten darauf hin, dass sich die CDU(D) trotz allen Zögerns und der Affäre um Götting als politischer Akteur behauptete. Die Erneuerung der Partei, die mit dem Sonderparteitag ihren Höhepunkt fand, bescherte Rostock-Land, Ribnitz-Damgarten und auch Wismar im ersten Quartal 1990 sogar einen Mitgliederanstieg. Die größte Fluktuation wiesen die Kreise Rostock-Stadt, Stralsund und Rügen auf, während in Wolgast, Grevesmühlen und Grimmen von einer weitgehenden Konservierung des Vor-Wende-Status gesprochen werden muss.1954 Obwohl die monatlichen Kreisstatistiken für das Jahr 1990 nicht durchgehend überliefert sind, lassen der Bezirkstrend und die statistischen Berichte von April bis Juli 1990 zweierlei erkennen1955: Im ersten Quartal 1990 verlor die Partei im Bezirk äquivalent zum Gesamttrend1956 absolut knapp 250 Mitglieder, stabilisierte sich jedoch in den Monaten April und Mai und konnte wieder mehr Neuzugänge als politischmotivierte Austritte aufweisen.1957 Allerdings erfolgte im Juni und Juli 1990 eine zweite Austrittswelle. Diese kann als Ablehnung der Fusion mit der Bundes-CDU und der Regelungen der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion als Wegbereiter der Vereinigung bewertet werden. Grevesmühlen als westlichster CDU(D)-Kreisverband des Bezirks, Ribnitz-Damgarten, Greifswald und Wolgast wiesen zu diesem Zeitpunkt keinen Mitgliedereinbruch auf, sondern konnten sogar leicht zulegen.1958 1954 Summe der Ab- und Zugänge 1989: Grevesmühlen 95, Rostock-Stadt 98, Ribnitz-Damgarten 28, Rostock-Land 19. Siehe Tabelle 3 Übersicht über die LDP(D)-Mitgliederentwicklung 1989, S. 343. 1955 Siehe nachstehende Tabelle 2.1. Übersicht über Ab- und Zugänge nach CDU(D)- KV 1990, S. 337. 1956 Nach dem totalen Verlust von 5.198 Mitgliedern seit dem 31.12.1988 verlor die CDU im Januar und Februar 1990 insgesamt 4.437 Mitglieder und hatte damit am 28.2.1990 noch 130.070 Parteigänger. Statistische Übersicht Mitgliedergewinnung 1990, ACDP 07-010-3900. 1957 Vgl. Mitgliederzahlen gesamt: März ´90: 131.351 und April ´90: 134.034. Damit hatte die CDU den Stand vom 31.12.1989 fast wieder erreicht. Statistische Übersicht Mitgliedergewinnung 1990, ACDP 07-010-3900. 1958 Siehe Tabelle 1 Übersicht über die CDU(D)-Mitgliederstände und Grafik 1a, S. 336 bzw. S. 339. Aussagekräftiger als die Gesamtmitgliederstatistik ist die in Tabelle 2.1. dargestellte und um Todesfälle und Verzüge bereinigte Übersicht über die tatsächlich politisch motivierten Zu- und Abgänge. Hier wird deutlich, dass sich alle Kreise außer Rostock-Stadt und Grevesmühlen einen zum Teil sehr starken Zulauf erarbeitet hatten. Auffällig positiv ist diese Entwicklung in den Kreisen Bad Doberan, Ribnitz-Damgarten, Wismar und Rügen. Insgesamt war der Bezirksverband Rostock neben Neubrandenburg der einzige in der DDR, der zum Jahresende 1989 mehr Neuaufnahmen als politisch motivierte Abgänge verzeichnen konnte.1959 Damit ist anzunehmen, dass die Bevölkerung dieser beiden Nordbezirke dem Erneuerungsprozess der CDU(D) und damit auch dem Eintreten für die weitere Mitgestaltung der DDR durch die bestehenden Parteien länger näher standen, als die übrigen DDR-Bürger. 1959 In Neubrandenburg wurden 15 % mehr Mitglieder aufgenommen, als ausgetreten sind. In Rostock waren es etwa 10 %. Siehe Tabelle 2 und vgl. Ausgewählte Kennziffern zur Einschätzung der politischen Arbeit der BV, Stand Dez. 1989, ACDP 07-011-5651. Zum Vergleich: Frankfurt/Oder bildet mit 150 % mehr Abgängen als Neuzugängen das Ende des Rankings. Tabelle 1: Übersicht über die CDU(D)-Mitgliederstände1960 Dez. 1987 1961 Dez. 1988 1962 Mai 1989 1963 Okt. 1989 1964 Nov. 1989 1965 Dez. 1989 1966 Apr. 1990 1967 Mai 1990 1968 Juni 1990 1969 Juli 1990 1970 Bad Doberan 696 709 715 – 713 706 691 691 689 675 Rib.-Damg. 676 678 688 – 686 693 691 694 690 693 Greifswald 702 717 727 – 707 707 668 669 657 658 Grevesmüh. 869 876 874 – 868 840 813 807 801 801 Grimmen 785 794 786 – 778 775 716 716 707 689 Rostock-Land 584 520 508 – 513 513 465 467 466 428 Rostock-Stadt 723 717 723 – 705 683 642 643 620 618 Stralsund 631 647 649 – 632 632 607 614 557 554 Wismar 649 665 667 – 663 668 610 609 607 596 Wolgast 635 655 658 – 653 641 649 657 651 655 Rügen 761 783 790 – 790 786 847 833 793 739 gesamt 7.711 7.761 7.785 7.795 7.708 7.644 7.399 7.400 7.238 7.106 Differenz 100 % +0,7 % +0,3 % +0,1 % -1,1 % -0.8 % -3,2 % +/-0 % -2,2 % -1,8 % 1960 Diese Übersicht bildet nur die Summe von Abgängen und Neuzugängen ab, liefert also saldierte Zahlen. Somit verschleiert sie, dass die Partei in der ersten Jahreshälfte 1989 150 Mitglieder verlassen haben, während 180 Neumitglieder begrüßt wurden. Protokoll der Bezirksvorstandssitzung vom 12.7.1989, ACDP 07-011-3871, S. 6. 1961 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1987, ACDP 03-043-21/1. 1962 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1988, ACDP 03-043-21/1. 1963 Vgl. Informationsbericht BV an HV vom 15.5.1989, ACDP 03-043-038/1, S. 10. 1964 Leider liegen keine Daten für die einzelnen KV vor. Protokoll der Bezirkssekretariatssitzung vom 23.10.1989, ACDP 07-011-3871. 1965 Vgl. Mitgliederstatistik November bis Dezember 1989, ACDP 07-011-5637. 1966 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1990, ACDP 03-043-21/1. 1967 Vgl. Monatliche Statistikübersicht April bis Mai 1990, ACDP 03-043-021/1. 1968 Vgl. ebd. 1969 Vgl. ebd. 1970 Vgl. ebd. Tabelle 2: Übersicht über Ab- und Zugänge nach CDU(D)-Kreis– verband 19891971 Jahr 19881972 Jahr 19891973 Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz Bad Doberan 36 0 1 +35 36 10 10 +16 Rib.-Damg. 28 7 12 +9 25 0 3 +22 Greifswald 40 2 7 +31 36 20 10 +6 Grevesmüh. 32 2 8 +22 39 43 13 -17 Grimmen 24 1 2 +21 28 12 11 +5 Rostock-Land 18 7 5 +6 10 5 4 +1 Rostock-Stadt 25 17 11 -3 29 45 24 -50 Stralsund 37 3 6 +28 26 11 6 +9 Wismar 36 2 4 +30 36 7 14 +15 Wolgast 28 3 0 +25 32 24 1 +7 Rügen 41 8 1 +32 36 11 13 +12 gesamt 345 51 50 +244 333 188 114 +31 1971 Da hier nur politische intendierte Bewegungen von Bedeutung sind, werden Todesfälle und überbezirkliche Verzüge ausgeklammert. Die Bilanzierung des Mitgliederstandes ist deshalb nicht direkt auf die Mitgliederübersicht Tabelle 1 zu übertragen. 1972 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1988, ACDP 03-043-21/1. 1973 Vgl. ebd. Tabelle 2.1.: Übersicht über Ab- und Zugänge nach CDU(D)-Kreis– verband 19901974 Mai 1990 Juni 19901975 Juli 19901976 Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz Bad Doberan 18 4 1 +13 13 12 2 -1 6 14 1 -9 Rib.-Damg. 39 0 2 +37 6 4 6 -4 3 0 0 +3 Greifswald 10 1 2 +7 10 7 11 -8 5 3 0 +2 Grevesmüh. 11 4 0 +7 7 4 0 +3 0 0 0 +/-0 Grimmen 9 2 7 +/-0 17 9 14 -6 0 0 16 -16 Rostock-Land 3 6 2 -5 2 0 0 +2 1 32 6 -37 Rostock-Stadt 9 2 1 +6 12 27 6 -21 10 6 5 -1 Stralsund 20 0 11 +9 4 61 0 -57 11 14 2 -5 Wismar 13 14 7 -8 1 2 3 -4 5 11 1 -7 Wolgast 5 0 0 +5 7 6 4 -3 5 2 0 +3 Rügen 37 0 1 +36 13 29 21 -37 0 12 42 -54 gesamt 174 33 34 +107 92 161 67 -136 46 94 73 -121 1974 Da hier nur politische intendierte Bewegungen von Bedeutung sind, werden Todesfälle und überbezirkliche Verzüge ausgeklammert. Die Bilanzierung des Mitgliederstandes ist deshalb nicht direkt auf die Mitgliederübersicht Tabelle 1 zu übertragen. 1975 Vgl. Monatlicher Statistikbericht KV Juni 1990, ACDP 03-043-021/1. 1976 Vgl. Monatlicher Statistikbericht KV Juli 1990, ACDP 03-043-021/1. LDP(D) Die LDP(D) stellte mit Abstand den kleinsten Bezirksverband im Bezirk Rostock. Prozentual konnte sie minimal zwischen knapp 0,3 % der Bevölkerung in Greifswald und maximal über 0,6 % der Bürger Bad Doberans für eine Mitgliedschaft gewinnen. Damit waren die LDP(D)- Verbände auch in den meisten Kreisen die kleinsten.1977 Bis zum zweiten Quartal 1989 gab es regelmäßige und ausführliche statistische Angaben aus jedem Kreisverband. Nach einem Beschluss zur weiteren Reduzierung der statistischen Informationen des neuen Bezirksvorsitzenden Richter im März 19901978 hinterließ die LDP(D) wenig Material, sodass sich die Mitgliederentwicklung im Jahr 1990 nur in groben Zügen darstellen lässt. Bis zum Sommer 1989 war die Mitgliederentwicklung in allen Kreisverbänden außer Rostock-Land tendenziell steigend, dennoch war die Anzahl der Neuaufnahmen um 33 geringer als zur gleichen Zeit des Vorjahres:1979 Hier schlug sich der von den Mitgliedern beklagte Vertrauensschwund der Bevölkerung nieder. Trotz deutlich vermehrter Abgänge in dem konformsten Kreis Stralsund sorgte der Mitgliederzuwachs bis Ende September noch für einen positiven Trend. Zum Ende des Jahres 1989 zeigte sich jedoch schon eine deutliche Disparität in der Entwicklung der Kreisverbände. Während in einigen Kreisen wie Bad Doberan, Grevesmühlen und Greifswald anscheinend nahezu unverändert gearbeitet werden konnte und die Mitgliederentwicklung zumindest stabil blieb, gab es in Wolgast die deutlichsten Einbrüche zu verzeichnen. Insgesamt war die Mitgliederentwicklung in den Kreisverbänden des Bezirks relativ ähnlich. Zwischen September und Dezember 1989 war die allgemeine Tendenz leicht fallend, ab dem Jahreswechsel dann wesentlich stärker. Neben Grimmen war Wismar eine deutliche Ausnahme: Der enorme Mitgliederzuwachs im vierten Quartal 1989 war hier besonders auffällig und sorgte für eine positive Bilanz des gesamten Bezirksverbandes zum Jahresende 1989.1980 Obwohl die Hansestadt mit 5,1 % im ersten Quartal 1990 auch die höchste Austrittsrate aufwies,1981 legt der 1977 Siehe Tabelle 3 Übersicht über die LDP(D)-Mitgliederentwicklung 1989, S. 343. 1978 Vgl. Schreiben des Bezirksvorsitzenden Richter an alle KV vom 7.3.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33899. 1979 Vgl. Kurzeinschätzung der Entwicklung des BV Rostock seit dem 14. Parteitag vom 13.9.1989, Bestand Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-1650, S. 1 – 4. 1980 Siehe Grafik 3a, S. 346. 1981 Vgl. Übersicht über die Austritte im IV. Quartal 1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. Zustrom am Vorjahresende von über 70 Neumitgliedern deutlicher Zeugnis darüber ab, dass die Arbeit und Positionierung des Kreisverbandes von den mit der LDP(D) sympathisierenden Bewohnern honoriert wurde und sich ein reger Austausch der Mitgliedschaft vollzog. Diesem Mitgliederhoch am Jahresende 1989 folgten im ersten Quartal des Jahres 1990 168 Austritte. Daher wird davon ausgegangen, dass der Dezember 1989 zumindest in Wismar als eine Hochphase des Engagements für eine selbständige LDP(D) in einer reformierten DDR zu werten ist, bevor die Realität im Frühjahr 1990 dieses Ansinnen konterkarierte. Für nahezu alle LDP(D)-Kreisverbände begann das Jahr 1990 mit sinkenden Mitgliederzahlen. Zu welchem Zeitpunkt dies aber noch mit der Beurteilung des parteiinternen Erneuerungsprozesses oder schon mit der absehbaren Vereinigung zu erklären ist, kann nur geschätzt werden: Nach einer Kurzinformation aus Bad Doberan vom Januar 1990 war hier noch die Enttäuschung über die inkonsequente Erneuerung der Hauptaustrittsgrund.1982 Wie Tabelle 5 und Grafik 4a über die BFD-Mitglieder vom 31.3.1990 zei– gen, erfuhren die meisten BFD-Kreisverbände durch den kooperativen Beitritt der NDPD einen leichten Mitgliederzuwachs. Vergleicht man aber die überlieferten Mitgliederstände von LDP(D) und BFD vom 31.3.1990 wird deutlich, dass nur relativ wenige NDPD-Mitglieder tatsächlich ihren Weg in den BFD gefunden haben bzw., wie hoch dennoch die Austritte aus der LDP(D) gewesen sein müssen (Tabelle 5). Durch diese „Frischzellenkur“ im März 1990 wird in der Gesamtbilanz der LDP(D)/des BFD bis Ende April 1990 nicht deutlich, wie stark die Mitgliederzahlen der einstigen Liberaldemokraten tatsächlich gesunken sind. (Tabelle 4). Von Ende April 1990 stammen die letzten überlieferten Mitgliedszahlen. Hier zeichnete sich eine Stabilisierung ab, die wahrscheinlich am Zugang der NDPDler gelegen hat. Die auffällige Ähnlichkeit der Mitgliederstärke der LDP(D) vom 31.3.1990 und der des BFD vom 30.4.1990 legt jedoch nahe, dass der Anteil der ehemaligen LDP(D)-Mitgliedschaft relativ stabil geblieben ist bzw. die NDPDler nach dem Beitritt nicht in dem erhofften Maße Mitglied des BFD geblieben sind (Tabelle 4 und 5). Abgesehen von Greifswald, der Bezirkshauptstadt und Stralsund blieben die Abgänge in der Gesamtbilanz des Frühjahres 1990 aber im einstelligen Bereich. 1982 Vgl. Analyse der Austritte aus der Partei vom 4.1.1990, Anlage zum Jahresbericht aus dem KV Bad Doberan, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. Trotz der nicht genauer zu beziffernden Zugänge aus der NDPD hat die LDP(D)/der BFD zwischen dem Sommer 1989 und dem Frühling 1990 14 % ihres Mitgliederbestandes verloren. Wenn man die Neuzugänge berücksichtigt, muss von einem starken Mitgliederaustausch ausgegangen werden. Hohe Verluste mussten die Kreisverbände Wismar und Wolgast hinnehmen. Der unauffällige Kreisverband Stralsund dezimierte sich sogar um über 30 %. Möglicherweise ist dies ein weiteres Indiz dafür, dass der Grad der Interessenidentität mit der SED-PDS hier tatsächlich relativ hoch war. Mit einstelligen Verlustquoten waren Grevesmühlen, Grimmen und Bad Doberan dagegen wesentlich stabiler. Ob dies mit einer hohen Anzahl von Neuzugängen zu erklären ist, sagen die Quellen nicht aus. Ebenso lässt sich aufgrund der Quellenlage leider keine Analyse einer möglichen Veränderung der Sozialstruktur der LDP(D) zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1990 vornehmen. Tabelle 3: Übersicht über die LDP(D)-Mitgliederentwicklung 1989 Mitgl. 30.06. 19891983 Bilanz 1. HJ 19891984 Abgänge 1. HJ 1989 Mitgl. 30.09. 1989 Bilanz Juni/ Sept. 1989 Mitgl. 31.12. 19891985 Bilanz 2. HJ 1989 Bad Doberan 224 +9 0 222 -2 222 +/-0 Rib.-Damg. 432 +14 1 438 +6 436 -2 Greifswald 285 +10 2 285 +/-0 284 -1 Grevesmüh. 240 +6 0 246 +6 245 -1 Grimmen 119 +4 2 119 +/-0 125 +6 Rostock-Land 214 +5 3 223 +9 218 -5 Rostock-Stadt 881 +24 0 882 +1 869 -13 Stralsund 469 +15 1 461 -8 456 -5 Wismar 471 +17 k. A. 474 +3 545 +71 Wolgast 355 +9 5 358 +3 339 -19 Rügen 286 +6 0 288 +2 283 -5 gesamt 3.976 +119 14 3.996 +20 4.022 +26 1983 Vgl. Vorlage aus dem BV Rostock für das Sekretariat des ZV vom 20.9.1989, Anlage 5: Mitgliederentwicklung und Aufnahmen, Stand 30.6.1989, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, Nr. L3-675, S. 38. 1984 Vergleichswerte: Mitgliederstände 31.12.1988, Berichtsbogen J für das Jahr 1988, ADL Bestand Abteilung Parteivorstände, Nr. L8-1164 und Nr. L8-1165. 1985 Vgl. Mitgliederstand am 31.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. Tabelle 4: Übersicht über die LDP(D)-/BFD- Mitgliederstände nach Kreisen 1990 LDP(D)–Mitgl. BFD-Mitgl. BFD Bilanz Verlust 31.12.89 – 30.04.90 31.12. 19891986 31.03. 19901987 31.03. 19901988 30.04. 19901989 April 1990 absolut % Bad Doberan 222 209 307 207 -100 -15 -6,7 % Rib.-Damg. 436 396 598 395 -203 -41 -9,4 % Greifswald 284 267 562 253 -309 -31 -10,9 % Grevesmüh. 245 231 198 226 +28 -19 -7,8 % Grimmen 125 113 236 111 -125 -14 -11,2 % Rostock-L 218 198 190 196 +6 -22 -10,1 % Rostock-S 869 776 820 758 -62 -111 -12,8 % Stralsund 456 396 455 362 -93 -94 - 31,9 % Wismar 545 377 2321990 371 +139 -174 -21,2 % Wolgast 339 295 327 287 -81 -52 -15,3 % Rügen 283 249 447 246 -201 -37 -13,7 % gesamt 4.022 3.507 4.140 3.412 -1001 - 610 -13,2 % 1986 Vgl. Mitgliederstand am 31.12.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. 1987 Vgl. Statistischer Bericht 1. Quartal 1990 LDP(D)-Rostock vom 5.4.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33757. 1988 Vgl. Mitgliederbestand des BFD-Rostock, Stand 31.3.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 22757. 1989 Vgl. Statistische Meldung April 1990 BV Rostock vom 4.5.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. 1990 Auf Grund der deutlichen Abweichung ist anzunehmen, dass diese Angabe aus der Quelle Mitgliederbestand des BFD-Rostock, Stand 31.3.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 22757 fehlerhaft ist. Tabelle 5: Übersicht über die BFD- Mitgliederstände nach Kreisen 31.3.1990 LDP(D)- Mitgl. 31.03. 1990 NDPD- Mitgl. 23.02. 1990 BFD- Mitgl. 31.03. 1990 Diff. LDP(D) + BFD Diff. LDP(D)/ NDPD + BFD Bad Doberan 209 377 307 +98 -279 Rib.–Damg. 396 614 598 +202 -412 Greifswald 267 712 562 +295 -417 Grevesmüh. 231 322 198 -33 -355 Grimmen 113 269 236 +123 -146 Rostock-Land 198 216 190 -8 -224 Rostock-Stadt 776 950 820 +44 -906 Stralsund 396 412 455 +59 -353 Wismar 377 289 232 -145 -434 Wolgast 295 415 327 +32 -383 Rügen 249 523 447 +198 -325 gesamt 3.507 5.099 4.372 +865 -4.234 NDPD Bei der NDPD wurde bereits ab dem Jahr 1986 über zunehmende Austritte berichtet.1991 Obwohl die Mitgliederzahlen bis zum September 1989 insgesamt leicht steigend waren,1992 gelang es nicht, die Mitgliedschaft zur Zufriedenheit des Bezirksvorstandes zu mobilisieren und in die Parteiarbeit einzubinden.1993 Am Ende des Jahres 1988 hatte der Bezirksverband 6.719 Mitglieder.1994 Da auf Beschluss des Sekretariats für Parteiorganisation und Personalpolitik vom 13.12.1989 kein statistischer Jahresbericht für das Jahr 1989 angefertigt wurde,1995 liegen für das Jahr 1989 leider keine Zahlen vor. Ausgehend von der bisherigen Entwicklung wird ein ungefährer Mitgliederstand von etwa 6.750 Personen im September 1989 angenommen. Dass die ersten neun Monate des Jahres 1989 trotz Kritik an dem politischen Tagesgeschäft, der Sorge über die weitere Entwicklung des Ostblocks und reformsozialistischen Bestrebungen nur geringen Anlass zum Verlassen der Partei gegeben haben, belegen die Austrittszahlen, die sich zwischen einer und sechs Personen pro Monat bewegen1996 und daher als natürlicher Schwund zu bewerten sind. Erst im Oktober 1989 ist mit 33 Austritten ein Bruch der Mitgliederentwicklung zu erkennen.1997 Was die 1991 Austritte gesamt 1986: 588, 1988: 832. Die Ursachen waren politisches Desin– teresse, Entscheidungen in Reiseangelegenheiten und enttäuschte Erwartungen. Zur Mitgliederbewegung der NDPD im Jahr 1988, SAPMO BArch, DY 16/425, S. 6. 1992 Vgl. Ergebnisse im Bereich Parteiorganisation für das Jahr 1988 vom 10.2.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/35, Bl. 68. Für das Jahr 1989 gibt es eine detaillierte Übersicht über die Parteiabgänge nach Monaten, die sich bis September auf maximal 6 Personen belaufen. Statistische Angaben zur Mitgliederbewegung 1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 11. 1993 Dafür spricht auch, dass der KV Grevesmühlen im September 1989 erst 6 der geforderten 13 Parteiinformationen abgegeben hatte. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 121. 1994 Von denen waren 37,7 % Frauen. Vgl. Ergebnisse im Bereich Parteiorganisation für das Jahr 1988 vom 10.2.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/35, Bl. 75. 1995 Vgl. Mitteilung des Sekretariats für Parteiorganisation und Personalpolitik vom 13.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/3823. 1996 Statistische Angaben zur Mitgliederbewegung 1989 (Monat: Abgänge): Januar: 5, Februar: 2, März: 3, April: 2, Mai: 3, Juni: 6, Juli: 1, August: 6, September: 2. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 11. 1997 Vgl. Statistische Angaben zur Mitgliederbewegung. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 11. Statistik jedoch verschweigt, ist die Tatsache, dass die Verbundenheit der Mitglieder mit ihrer Partei bis Ende Oktober 1989 soweit gesunken ist, dass es zu revolutionsartigen Zersetzungserscheinungen wie auf den weiter oben geschilderten Mitgliederversammlungen in Stralsund oder Bad Doberan kam.1998 Ende Oktober meldeten Wismar, Rostock und Stralsund vermehrt Austritte, die sie auf das Schweigen der Parteiführung zurückführten.1999 Alarmierendes meldete die Grundeinheit Kröpelin im Kreisverband Bad Doberan: Hier hätten ¼ der Mitglieder vor der Mitgliedersitzung Austrittsabsichten gehabt, die jedoch durch die Einigung auf gemeinsame Forderungen nach einem Sonderparteitag, freien Wahlen und der Streichung des Kernsatzes 1 zum Verbleib in der Partei bewogen werden konnten.2000 Einzig der Kreisverband Grimmen meldete bei 22 Austritten auch 13 Zugänge, was der Kreisvorsitzende darauf zurückführt, dass er sich deutlich artikuliert habe und er seine gesellschaftliche Verantwortung durch einen gesteigerten Dialog mit den Bürgern wahrnehme. Gleiches sollte die Parteiführung tun.2001 Im November stieg die Zahl der Austritte dramatisch auf 172 an.2002 Auch erste Orts- und Kreisvorstände legten ihr Amt nieder. Im Dezember verließen schon 232 Personen die NDPD,2003 sodass am Ende des Jahres 1989 ein Mitgliederstand von nur noch 6.220 Personen verzeichnet war. Eine der überlieferten Austrittserklärungen verdeutlicht das Inte– grationsproblem der Nationaldemokraten: Die Mitgliedschaft sei nun, da alle die gleichen beruflichen Chancen hätten, nicht mehr nötig und man könne so getrost den Beitrag sparen.2004 1998 Hier hatte ein Drittel der Anwesenden eine für diesen Zeitpunkt radikale Resolution mit der Rücktrittsforderung an Krenz und Hartmann und der Absage an den Führungsanspruch der SED unterzeichnet. Vgl. Kapitel 4.2. Unmut. 1999 Vgl. Brief KV Wismar an das Sekretariat des HA vom 31.10.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 101. 2000 Vgl. Informationen der Mitgliederversammlung Kröpelin vom 9.11.1989, Lan– desarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 33. 2001 Vgl. Brief KV Grimmen an den BV vom 15.11.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/61, Bl. 50. 2002 Vgl. Statistische Angaben zur Mitgliederbewegung. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 11. 2003 Vgl. ebd. 2004 Vgl. Aktuelle Parteiinformationen des KV Stralsund vom 3.12.1989, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 33. Die Sonderparteitage erschienen den Mitgliedern als Schicksalstage für den Fortbestand der Partei. Den gefühlten Massenaustritt als Reaktion auf den Parteitag forcierten jedoch die Medien,2005 bevor er im Februar eine self-fulfilling prophecy wurde. Tatsächlich fand der Massenexodus im Bezirk und in der gesamten Partei bereits vor dem Sonderparteitag statt. Während in den ersten drei Januarwochen im Bezirk etwa 183 und im Gesamtverband etwa 2.285 Mitgliedschaften pro Woche gekündigt wurden, waren es in den zwei Wochen nach dem Sonderparteitag lediglich 79 bzw. 1.902 pro Woche. Die Statistik stand dem Empfinden der Mitglieder und der Berichterstattung diametral entgegen. Der Sonderparteitag im Januar hat die Parteiaustritte wohl Dank der deutschlandpolitischen Komponente und trotz des undurchsichtigen Wahlverfahrens eingedämmt, wenngleich auch nur für zwei Wochen und auf hohem Niveau.2006 Ab dem 5. Februar stiegen die Austritte pro Woche im Bezirk wieder auf den Vorparteitagsdurchschnitt an.2007 Für die gesamte Partei kann die Anzahl der Austritte leider nur geschätzt werden, da keine späteren Gesamtmitgliederzahlen überliefert wurden. Der letzte Bezirksmitgliederstand von 5.099 Personen am 23.2.1990 verdeutlicht, was sich trotz der kleinen Entspannungsphase nach dem Parteitag in den ersten beiden Monaten des Jahres 1990 in den Kreisverbänden abgespielt haben muss: Insgesamt verließen 1.100 Mitglieder den Bezirksverband, als Folge dessen wurden einzelne Kreisverbände instabil.2008 Besonders dramatisch waren die Abgänge von über 40 % der Mitgliedschaft in Stralsund zwischen Dezember 1988 und Februar 1990. Mit einem absoluten Verlust von 13 % der Mitgliedschaft schien Grevesmühlen dagegen vergleichsweise stabil.2009 Die Ausgetretenen sind entweder parteilos geblieben, vereinzelt zur FDP-Ost oder dem Neuen Forum gegangen oder haben sich der LDP(D) angeschlossen. Einzelne Übertritte zur SDP/SPD sind auch bekannt. 2005 Z. B. der KV Wismar, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/120, Bl. 26 und der KV Stralsund, Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/109, Bl. 3. 2006 Siehe Grafik 6b, S. 355. 2007 Selbst, wenn man für die Kommunikationswege eine zeitliche Verzögerung zwischen Parteitag und ersten Austrittsreaktionen einkalkuliert, müssten die Austrittszahlen ab Februar auf ein höheres Niveau ansteigen. 2008 Das meldeten Grimmen (Statistische Angaben zur Mitgliederbewegung. Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 8), Grevesmühlen (Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/36, Bl. 9) und Rügen (Landesarchiv Greifswald, Bestand NDPD/4.132/103, Bl. 8). 2009 Siehe Tabelle 6 Übersicht über die Mitgliederentwicklung der NDPD, S. 353. Wie die Tabelle 5 zur Mitgliederstärke des BFD am 31.3.1990 zeigt, erfuhren die Kreisverbände einen sehr unterschiedlichen Zuwachs durch den Beitritt der NDPD zum BFD. Während Kreisverbände wie Rügen, Greifswald und Ribnitz-Damgarten am deutlichsten von den Neuzugängen profitieren konnten, hat sich dieser in beiden Rostocker Kreisverbänden, Grevesmühlen und Wismar nicht in einer positiven Mitgliederentwicklung niedergeschlagen. Auffällig ist ebenso der unterschiedlich hohe Anteil der Nationaldemokraten, die in den BFD mitgegangen sind:2010 Legt man jedoch die gemeinsame Größe der LDP(D) und NDPD-Kreisverbände im Frühjahr 1990 zugrunde, muss festgestellt werden, dass die entsprechenden BFD-Kreisverbände nur etwa 50 % der Mitglieder umfassten.2011 Aussagen zur Veränderung der Sozialstruktur der NDPD im Untersuchungszeitraum lassen sich wegen der fehlenden statistischen Erhebungen am Jahresende 1989 nicht treffen. 2010 Die Angaben sind als Näherungswert zu verstehen: In Ermangelung von genaueren Daten mussten sowohl die Zugänge durch die FDP-Ost und die DFP wie auch die Abgänge von LDP(D) und NDPD zum Monatsende vernachlässigt werden. In Bezug gesetzt wurde lediglich die Mitgliederdifferenz zwischen LDP(D)- und BFD-KV am 31.3.1990 zu den letzten verfügbaren NDPD-Mitgliederzahlen vom 23.2.1990. 2011 Siehe Tabelle 5 Übersicht über die BFD-Mitgliedsstände nach Kreisen 31.3.1990, S. 345. Tabelle 6: Übersicht über die Mitgliederentwicklung der NDPD Jan. 19882012 Jun. 19882013 Dez. 19882014 01.01. 19902015 22.01. 19902016 05.02. 19902017 23.02. 19902018 Differenz in %2019 Bad Doberan 440 443 450 4072020 377 -16,2 % Ribnitz-Damg. 734 750 755 614 -18,7 % Greifswald 918 920 918 712 -22,4 % Grevesmühlen 359 366 370 322 -14 % Grimmen 311 313 316 269 -14,9 % Rostock-Land 265 272 282 216 -23,4 % Rostock-Stadt 1.294 1.303 1.303 950 -27,1% Stralsund 705 712 717 412 -42,5 % Wismar 443 441 447 289 -35,4 % Wolgast 496 503 505 4702021 415 -17,8 % Rügen 652 658 656 523 -20,3 % Bezirk Rostock 6.617 6.681 6.719 6.247 5.698 5.540 5.099 -24,1 % 2012 Vgl. Vierteljahresbericht 1/88, Mitgliederstand per 31.1.1988, SAPMO BArch, DY 16/2022. 2013 Vgl. Vierteljahresbericht 2/88, Mitgliederstand per 30.6.1988, SAPMO BArch, DY 16/2022. 2014 Vgl. Entwicklung des Mitgliederbestandes im BV Rostock, Stand 31.12.1988, SAPMO BArch, DY 16/2021. 2015 Vgl. Zur Entwicklung des Mitgliederbestandes bis 5.2.1990 vom 7.2.1990, SAPMO BArch, DY 16/2021. 2016 Vgl. ebd. 2017 Vgl. ebd. 2018 Vgl. Statistische Angaben aus dem BV Rostock vom 23.2.1990, SAPMO BArch, DY 16/4463. 2019 Eigene Berechnung. Bezug zu den Mitgliedszahlen vom Dezember 1988. 2020 Vgl. Informationen in Vorbereitung des Parteitags der NDPD vom KV Bad Doberan an Hartmann vom 8.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/ 6362, S. 3. 2021 Vgl. Stellungnahme des KV Wolgast nach der Kreisdelegiertenkonferenz vom 12.1.1990, Landesarchiv Greifswald, 57/369. DBD Im September 1989 gehörten dem DBD-Bezirksverband Rostock 10.200 Mitglieder an. Damit stellte die DBD den größten Bezirksverband neben der SED. Anders als man es für die Bauernpartei hätte erwarten können, unterhielt sie keine eigenständigen Kreisverbände in den Landkreisen, auch nicht im Landkreis Rostock. Somit war der DBD-Bezirksverband Rostock nur in zehn Kreisverbände untergliedert. Einen besonders hohen Bevölkerungsanteil konnte die DBD im Grenzkreis Grevesmühlen und auf Rügen an sich binden, wobei die Werte der ländlich geprägten Kreise im Allgemeinen deutlich über denen der urbanen Kreise lagen.2022 Dass der Rostocker Kreisverband die geringste Verankerung in der Bevölkerung seines Territoriums hatte, lässt vermuten, dass die berufs– ständisch orientierte DBD nur eine zu vernachlässigende Anzahl Mitglieder im Rostocker Stadtgebiet hatte. Insgesamt ist die Mitgliederentwicklung aller Rostocker Kreisverbände sehr homogen.2023 Die beeinflussbaren Abgänge durch Austritte, Streichungen und Parteiausschlüsse machten im Jahr 1988 etwa 40 % aller Abgänge aus und waren damit im Vergleich zu den anderen Parteien relativ gering ausgeprägt.2024 Im Jahr 1987 war die Anzahl der Streichungen, Austritte und Ausschlüsse gegenüber dem Vorjahr aber interessanterweise rückläufig.2025 Die Anwerbung von Neumitgliedern verlief für die Gesamtpartei bis zum Jahr 1988 noch so erfolgreich, dass sie die Abgänge kompensieren konnte. Für den Bezirk Rostock waren für das Jahr 1987 11 Austritte, 5 Parteiausschlüsse und 63 Streichungen verzeichnet. Prozentual gesehen unterscheiden sich die Rostocker Mitglieder damit nicht wesentlich vom Parteidurchschnitt.2026 Im Vorwendejahr 1988 veränderte sich das Verhältnis zwischen beeinflussbaren und unbeeinflussbaren Abgängen in der Gesamtpartei auf 1 : 2. Insbesondere die Anzahl der Streichungen erhöhte sich von 533 auf 2022 Siehe Tabelle 7 Übersicht über die DBD-Mitgliederstände, S. 363. 2023 Siehe Grafik 7a, S. 365. 2024 Den 1.906 Todesfällen standen 754 (40 %) sonstige Abgänge gegenüber. Vergleiche Mitgliederbewegung in der DBD im Jahre 1988 vom 7.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/3771. 2025 Streichungen: 1986: 503, 1987: 533, Austritte: 1986: 173, 1987: 151, Ausschlüsse: 1986: 74, 1987: 70. Mitgliederbewegung im Jahr 1987, SAPMO BArch, DY 60/3772. 2026 Im Durchschnitt wurden 0,45 % der Mitglieder gestrichen, im BV waren es dagegen 0,64 %. 743.2027 Gründe für den Parteiausschluss waren am häufigsten Passivität oder parteiunwürdiges Verhalten.2028 Die relevantesten Gründe für die von 151 im Vorjahr auf 195 angestiegenen Austritte waren ebenfalls Passivität und persönliche Verärgerung sowie die Aufnahme einer Anstellung in einem neuen Berufszweig. Die wesentlichsten Anlässe für Parteiausschlüsse stellten dagegen das Beantragen von Ausreiseanträgen, der Westverbleib nach Besuchsreisen, das illegale Verlassen der DDR oder sonstige Grenzdelikte dar.2029 Auch wenn diese auf eine Unmutshaltung hindeutenden Parteiabgänge stiegen, zeigt die um die Todesfälle bereinigte Tabelle 8 dennoch, dass die Neuzugänge die Anzahl der Streichungen in allen Kreisen des Bezirks kompensieren konnte, ergo die absoluten Zahlen eine Vergrößerung des Bezirksverbandes auf 10.106 Mitglieder auswiesen.2030 Ein Indiz für eine steigende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem politischen System der DDR ist jedoch in dem Hinweis zu sehen, dass im zweiten Quartal 1988 „nur 52,5 % der Neuaufnahmen des 1. Quartals“ erreicht wurden. Auch in Rostock wurden in diesem Zeitraum nicht mehr 242 Neumitglieder, sondern nur noch 123 Menschen für die Parteinahme gewonnen.2031 Die Analyse der beeinflussbaren Abgänge deutet auch auf ein wachsendes Konfliktpotential innerhalb des Bezirksverbandes Rostock hin. Während die Anzahl der Streichungen im Vergleich zum Vorjahr nur leicht auf 77 (zuvor 63) stieg, hat sich die Anzahl der Austritte deutlich auf 18 (zuvor 11) erhöht und die der Ausschlüsse mit 14 nahezu verdreifacht.2032 Regionale Schwerpunkte dieser Abgänge bildeten die Städte Rostock, Wismar und Grevesmühlen.2033 2027 Vgl. Mitgliederbewegung in der DBD im Jahre 1988 vom 7.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/3771, S. 2. 2028 Vgl. ebd., S. 3. 2029 Vgl. Mitgliederbewegung in der DBD im Jahre 1988 vom 7.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/3771, S. 2. Für die anderen drei Parteien wurden derartige Übersichten nicht erstellt. 2030 Im Jahr 1988 standen den 1.938 Todesfällen in der gesamten DBD 1.039 (53 %) sonstige Abgänge gegenüber. Vergleiche Mitgliederbewegung in der DBD im Jahre 1988 vom 7.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/3771. 2031 Bericht über die Mitgliederbewegung im 1. Halbjahr des Jahres 1988, SAPMO BArch, DY 60/3495, S. 5. 2032 Vgl. Analyse der organisatorischen Entwicklung des BV Rostock im Jahr 1988, ohne Datum, vermutlich Anfang 1989. SAPMO BArch, DY 60/2768. 2033 Siehe Tabelle 8 Übersicht über Ab- und Zugänge nach DBD-KV 1988 und 1989, S. 364. Nach einer leichten Rückläufigkeit, insbesondere in den Kreisverbänden Bad Doberan, Grevesmühlen und Rügen, blieb die Mitgliederentwicklung im ersten Quartal des Jahres 1989 in absoluten Zahlen in allen Kreisen des Bezirks steigend, sodass der Bezirksverband Ende September 1989 mit 10.234 DBDlern seinen Mitgliederhöchststand erreichte.2034 Erst im vierten Quartal des Jahres brach er mit einem Minus von fast 6,5 % deutlicher ein, als die durchschnittliche Parteientwicklung im Rest der DDR. Insgesamt war dieser Einbruch der Mitgliedszahlen aber weitaus weniger drastisch als bei den anderen Parteien. Somit lässt er auf eine größere Zufriedenheit mit der Arbeit der Funktionäre und eine hohe Parteiverbundenheit, aber möglicherweise auch auf Gleichgültigkeit und Desinteresse schließen. Die 676 Austritte und 92 Streichungen bis Ende des Jahres 1989 führten trotz Neueintritten in fast allen Kreisen zu einer negativen Mitgliederbilanz. Einzig Wismar und Ribnitz-Damgarten machten hier eine Ausnahme und hatten im gesamten Jahr 1989 einen positiven Mitgliedertrend.2035 Ebenso deutlich war die Entwicklung der durchschnittlichen Veranstaltungsteilnahme im Bezirk im Jahr 1989. Lag diese im Januar 1989 wie im Vorjahr noch bei über 80 %,2036 so lässt sich trotz mehrfacher Ermahnungen des Bezirksvorstandes eine signifikante Abnahme über 77,5 % im März, 75,8 % im April, 74,7 % im Mai und 73,1 % im Juli erkennen. Dass die Juli-Beteiligung in Grevesmühlen auf nur 51 % abfällt, wird offiziell mit Erntetätigkeiten erklärt. Auffällig ist jedoch, dass die anderen Landwirtschaftskreise keine derartigen Schwierigkeiten hatten. Erst im September schlug sich das Interesse der Mitglieder an politischer Tätigkeit wieder in einer erhöhten Veranstaltungsteilnehmerquote von 81,2 % nieder.2037 Auch die Teilnahme an den Kreisschulungen verringerte sich im Verlaufe des ersten Halbjahres 1989. Besonders auffällig: Hier waren es die 2034 Siehe ebd. 2035 Siehe ebd. 2036 Im Januar 1988 lag der Wert zum Beispiel bei 80,9 %, im Januar 1989 sogar bei 82,5 %. Bericht des BV über die Ergebnisse der Parteiarbeit im Monat Januar 1988, SAPMO BArch, DY 60/3166 und Information des BV über die Parteiarbeit im Monat Januar 1989 vom 10.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906. 2037 Vgl. Information des BV über die Parteiarbeit im Monat März vom 10.4.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, Information des BV über die Parteiarbeit im Monat April vom 16.5.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, Information des BV über die Parteiarbeit im Monat Mai vom 8.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, Information des BV über die Parteiarbeit im Monat Juli vom 9.8.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906, Information des BV über die Parteiarbeit im Monat September vom 9.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/2906. „Mitglieder, die sonst immer zu den Sitzungen kommen“, die den Schulungen nun fernblieben.2038 Eine politisch-motivierte Absenz ist also anzunehmen. Für die übrigen Bezirke stellte das Parteipräsidium einen ähnlichen Rückgang der Beteiligung fest. Als besonders brisant wurde empfunden, „dass in den Mitgliederveranstaltungen, an denen Mitarbeiter des zentralen Parteiapparates teilnahmen, die Beteiligung weit darunter lag. Ähnliches trifft auch auf die Schulungen zu, die von uns besucht wurden“.2039 Es scheint also so, als hätten die Mitglieder ihren eigenen Parteiapparat gemieden, was für eine deutliche Distanzierung der Basis von der Parteiführung sprechen würde. Die kurzfristig angestiegene Sitzungsbeteiligung divergierte ab November sehr stark zwischen den einzelnen Kreisen. In Grimmen diskutierten Anfang Dezember 50 Mitglieder einen eigenen Programmentwurf, in Greifswald dagegen waren es nur neun.2040 Insgesamt meldete der Bezirksverband Rostock aber mit knapp 200 eine vergleichsweise geringe Anzahl Austritte und begründete dies damit, dass die Mitglieder „ja immer mehr Mitverantwortung“ wollten und nun auch „die Chance nutzen“ müssten. Neben den Austritten waren hier jedoch angekündigte Mandats- und Ämterniederlegungen der Funktionäre zur nächsten Wahlperiode problematisch.2041 Im Verlaufe des Dezembers stiegen die Austritte sprunghaft auf 676 an.2042 Die meisten Austritte verzeichneten die Kreise Rostock, Rügen und Stralsund.2043 Der Kreisverband Rostock führte das Ranking mit über 11 % Abgänge an, nahezu gleichauf mit dem Kreisverband Wolgast. Als vergleichsweise stabil dagegen erwiesen sich die Kreisverbände Ribnitz-Damgarten 2038 Bericht des BV über die Parteiarbeit im Februar 1989 vom 2.3.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 10. 2039 Bericht des Präsidiums, vorgetragen auf der Tagung des Parteivorstands am 30.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/3327, S. 66a. Die mit a gekennzeichneten Seiten enthalten die zur Zensur vorbereiteten Informationen, wie im Kapitel über die Parteikommunikation bereits dargestellt wurde. 2040 Vgl. Informationsbericht des BV Rostock vom 8.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. 2041 Informationsbericht des Bezirkssekretariats Rostock vom 22.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 1–2. 2042 Vgl. Original-Analyse der DBD des BV Rostock für das Jahr 1989, Stand: 30.12.1989. SAPMO BArch, DY 60/2769. 2043 Vergleiche Tabelle 7 Übersicht über die DBD-Mitgliederstände, S. 363. und Wismar mit jeweils etwa 5 % und der Kreisverband Rügen mit 6,8 % Abgänge bis zum Jahresende.2044 Die Statistiken über die soziale Zusammensetzung der DBD lassen schwerpunktartig erkennen, welche Personengruppen die DBD im Jahr 1989 hauptsächlich verließen: Der Altersschwerpunkt der Ausgetretenen lag zwischen 41 und 50 Jahren. Der Mitgliederanteil der über 60-Jährigen stieg von 16,6 % auf 17,4 % an.2045 Betrachtet man den Bildungshintergrund, so ist besonders auffällig, dass 15 % aller Doktoren und Professoren die Partei verlie- ßen.2046 Z. B. in Rostock, wo mit 137 Austritten sogar 20,3 % aller Austritte von Hoch- und Fachhochschulkadern erklärt wurden.2047 Darunter waren auch hauptamtliche Mitarbeiter. Mitglieder, die eigentlich eng an die Partei gebunden waren, traten aus der DBD aus. Dies belegen die rückläufigen Angaben über die höchsten Schulungsabschlüsse der Parteimitglieder: Der Anteil derer, die die Rostocker Parteischule der DBD besucht haben, verringerte sich deutlich von knapp 40 auf 30,6 %!2048 Auch die Geschlechterperspektive bietet Aufschluss für die Charakterisierung: Von den knapp 7.000 Mitgliedern, die die DBD Ende 1989 verlassen haben, waren nur 760 Frauen, wodurch sich ihr Anteil von 34,8 % auf 35,5 % erhöhte.2049 Der Prototyp eines ausgetretenen DBD-Mitglieds ist also männlich, Mitte 40, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund und war zumindest so aktiv, dass er eine Parteischulung besucht hatte. Zu verallgemeinernde Hauptaustrittsgründe wären für ihn die „Ent- 2044 Eigene Berechnungen anhand der Tabellen 7 Übersicht über die DBD-Mitglie– derstände, 8 Übersicht über Ab- und Zugänge nach DBD-KV 1988 und 1989, und 8.1 Übersicht über Ab- und Zugänge nach DBD-KV 1990. 2045 Dieser reduzierte sich von 15,3 % im Jahr 1988 auf 14,3 % im Dezember 1989. Einen leichten Rückgang von 28,7 % auf 28,1 % weist auch die Mitgliedschaft zwischen 51 und 60 Jahren auf. Mitgliederbewegung im Jahr 1989 vom 27.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3773, Anlage Alterszusammensetzung. 2046 Deren Anzahl sank von 1.048 auf 890. Mitgliederbewegung im Jahr 1989 vom 27.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3773, Anlage berufliche Tätigkeit. 2047 Vgl. Mitgliederbewegung im Jahr 1989 vom 27.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3773, Anlage S. 8. 2048 Vgl. ebd. 2049 Vgl. ebd., S. 8 und Mitgliederbewegung in der DBD im Jahr 1988 vom 7.2.1989, SAPMO BArch, DY 60/3771. täuschung über die Gesamtentwicklung“ und „jahrelange Korruption und Amtsmissbrauch“, die Nähe zur SED und das späte Reagieren der Parteiführung.2050 Der Anteil der Parteiabgänge zum Jahresende 1989 lag in Rostock mit 7,5 % leicht über dem DDR-Durchschnitt: Im Bezirksverband Berlin haben dagegen 16,9 % der Mitglieder die DBD verlassen, in dem Rostocker Nachbarbezirk Neubrandenburg waren es wiederum nur 3,9 %.2051 Frankfurt/Oder ist der einzige Bezirksverband, der im Dezember 1989 weiterhin eine positive Mitgliedertendenz aufwies.2052 Der Anfang des Jahres 1990 stand auch bei der DBD im Zeichen der Sonderparteitags, auf den die Mitglieder große Erwartungen und Hoffnungen richteten. Dass diese positiven Gefühle den Erneuerungsprozess bis Mitte Februar dominierten, zeigen die steigenden Mitgliedszahlen in allem Kreisen des Rostocker Bezirksverbandes und markieren damit – im Rahmen dieser Untersuchung – eine Singularität.2053 Trotz der weitgehend positiven und beschönigten Berichterstattung der Parteipresse konnte der Parteitag aber die vielen divergierenden Erwartungen nicht erfüllen. Allein der Bezirksverband Rostock verlor 1.340 Mitglieder zwischen Mitte Februar und Ende März 1990. Für die gesamte Partei sah es noch dramatischer aus: Sie verzeichnete im ersten Quartal 1990 in absoluten Zahlen fast 17.800 Austritte. Bis Ende Juni hielt dieser Trend unverändert an und die DBD verlor weitere 18.600 Mitglieder, 1.330 davon im Bezirk Rostock.2054 In den einzelnen Kreisen gestaltete sich die Situation sehr unterschiedlich (siehe Tabelle 8.1). Die nahezu 2.700 Abgänge und damit etwa 28,2 % der Bezirksmitgliedschaft waren in absoluten Zahlen auf die Kreise Rostock, Rügen, Ribnitz-Damgarten und Greifswald konzentriert, während Wolgast und Stralsund die geringsten Abgänge zu verzeichnen hatten.2055 Auch prozentual gesehen wird deutlich, dass die höchsten anteiligen Abgänge in Rostock (37,8 %), Ribnitz-Damgarten (36,6 %) und Greifswald (33,4 %) erklärt wurden. Auffällig ist jedoch, dass der ver- 2050 Mitgliederbewegung im Jahr 1989 vom 27.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3773, Anlage S. 9. 2051 Vgl. Mitgliederbewegung im Jahr 1989 vom 27.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3773, Anlage S. 8. 2052 Vgl. ebd., S. 3. 2053 Siehe Grafik 7a, S. 364. 2054 Siehe Tabelle 8.1. Übersicht über Ab- und Zugänge nach DBD-KV 1990, S. 367. Dort sind auch die entsprechenden Nachweise zu finden. 2055 Siehe Grafik 7a, S. 364. gleichsweise linientreue Kreisverband Stralsund mit 14,6 % mit großem Abstand die wenigsten Austrittserklärungen hinnehmen musste.2056 Gemessen an den epochalen Umbrüchen im Jahr 1990 und der sich abzeichnenden Parteifusion mit der CDU erscheinen die durchschnittlichen 28 % Abgänge aber vergleichsweise gering.2057 Auch wenn man die zunehmenden Wahlerfolge im Jahr 1990 und die immer noch fast 7.000 Mitglieder im ehemaligen Bezirksverband betrachtet, wäre die Etablierung der DBD als Regionalpartei im Landesverband Mecklenburg2058 durchaus denkbar gewesen. Dass die DBD zumindest ihre landwirtschaftliche Zielgruppe angesprochen und deren Erwartungen im Rahmen der Möglichkeiten erfüllt hat, belegt der annährend gleichbleibende Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Mitglieder.2059 2056 Eigene Berechnungen anhand der Zahlen aus den Tabellen 7, 8. und 8.1. Prozentuale Austrittserklärungen im 1. HJ 1990 nach KV: Rostock (37,8 %), Ribnitz-Damgarten (36,6 %), Greifswald (33,4 %), Bad Doberan (29,9 %), Wolgast (26,3 %), Grimmen (24,4 %), Rügen (23,8 %), Wismar (23 %), Grevesmühlen (19,5 %) und Stralsund (14,6 %). 2057 Leider wurden im Sommer 1990 nur noch sporadisch Sozialstatistiken erhoben, sodass das Profil der ausgetretenen und verbliebenen DBD-Mitglieder für das Jahr 1990 nicht mehr skizziert werden kann. 2058 Nach der Zusammenlegung der drei Nordbezirke zum LV Mecklenburg- Vorpommern hatte dieser Ende Juni '90 noch 22.564 Mitglieder. Statistischer Halbjahresbericht des LV MV, Stand 30.6.1990, SAPMO BArch DY 60/3774. 2059 Ende 1988 lag deren Anteil bei 68,4 %, im Sommer 1990 immerhin noch bei 63,5 %. Information über die Mitgliederstruktur, Stand 30.6.1990, SAPMO BArch, DY 60/3774. Tabelle 7: Übersicht über die DBD-Mitgliederstände2060 Dez. ´872061 Dez. ´882062 März ´892063 Juni ´892064 Sep. ´892065 Dez. ´892066 Feb. ´902067 März ´902068 Juni ´902069 Bad Doberan 678 718 703 706 709 656 667 575 466 Rib.-Damg. 917 956 964 969 976 936 946 773 593 Greifswald 1.035 1.060 1.075 1.076 1.087 1.012 1.022 945 678 Grevesm. 845 881 873 877 883 832 840 681 606 Grimmen 907 924 923 925 930 868 877 773 657 Rostock 1.328 1.411 1.406 1.428 1.436 1.296 1.307 971 804 Stralsund 1.091 1.125 1.121 1.131 1.138 1.072 1.081 984 912 Wismar 939 978 988 1.007 1.024 973 978 842 746 Wolgast 609 625 626 627 627 571 574 504 422 Rügen 1.401 1.428 1.420 1.422 1.424 1.353 1.365 1.198 1.026 BV gesamt 9.750 10.106 10.099 10.168 10.234 9.569 9.657 8.246 6.910 % 96,5 100,0 99,9 100,6 101,3 94,7 95,6 81,6 68,4 Vgl. vorh. Wert in % +3,5 -0,1 +0,7 +0,7 -6,6 +0,9 -14,0 -13,2 DBD 2070 117.729 121.698 122.701 123.482 124.348 117.232 k. A. 99.441 80.806 % 96,7 100 100,8 101,5 102,2 96,3 – 81,7 66,4 Vgl. vorh. Wert in % +3,3 – +0,8 +0,6 +0,7 -5,9 – -14,6 -15,3 2060 Diese Übersicht bildet nur die Summe von Abgängen und Neuzugängen ab, liefert also sal– dierte Zahlen. Somit verschleiert sie, dass die Partei in der ersten Jahreshälfte 1989 150 Mit– glieder verlassen haben, während 180 Neumitglieder begrüßt wurden. Protokoll der Bezirksvorstandssitzung vom 12.7.1989, ACDP 07-011-3871, S. 6. 2061 Vgl. Statistischer Jahresbericht I, Stand 31.12.1987, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2062 Vgl. ebd. 2063 Vgl. Quartalsbericht über die Mitgliederbewegung, Stand 30.3.1989, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2064 Vgl. ebd. 2065 Vgl. ebd. 2066 Vgl. Quartalsbericht über die Mitgliederbewegung, Stand 30.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/1813. 2067 Vgl. Statistischer Jahresbericht I BV Rostock vom 8.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2068 Vgl. Mitgliederbewegung, Stand 31.3.1990, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2069 Vgl. Statistischer Halbjahresbericht, Stand 30.6.1990, SAPMO BArch, DY 60/3774. 2070 Vgl. Mitgliederbewegung im Jahr 1989 vom 27.2.1990 , SAPMO BArch, DY 60/3773. Tabelle 8: Übersicht über Ab- und Zugänge nach DBD-KV 1988 und 19892071 Jahr 19882072 Jahr 19892073 Aufnahmen Austritte Streichungen/Aus schlüsse Bilanz Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz Bad Doberan 61 1 7 +53 23 52 2 -31 Rib.–Damg. 58 2 2 +54 48 34 13 +1 Greifswald 66 2 9 +55 57 72 15 -30 Grevesmüh. 54 3 12 +39 32 53 13 -34 Grimmen 44 3 4 +37 46 56 11 -21 Rostock 100 0 18 +82 61 135 9 -83 Stralsund 58 3 7 +48 69 78 11 -20 Wismar 78 1 18 +59 75 54 3 +18 Wolgast 34 0 5 +29 19 55 10 -46 Rügen 82 3 9 +70 67 87 5 -25 gesamt 635 18 91 526 497 676 92 -271 2071 Da hier nur politische intendierte Bewegungen von Bedeutung sind, werden Todesfälle und überbezirkliche Verzüge ausgeklammert. Die Bilanzierung des Mitgliederstandes ist deshalb nicht direkt auf die Mitgliederübersicht Tab. 1 zu übertragen. 2072 Vgl. Quartalsberichte über die Mitgliederbewegung 1988, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2073 Vgl. Quartalsberichte über die Mitgliederbewegung 1989, SAPMO BArch, DY 60/3813. Tabelle 8.1: Übersicht über Ab- und Zugänge nach DBD-KV 19902074 I. Quartal 19902075 II. Quartal 19902076 Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz Aufnahmen Austritte Streichungen Bilanz 1. HJ 1990 Bad Doberan 1 76 2 -77 0 196 0 -196 Ribnitz- 1 169 0 -168 4 347 0 -343 Greifswald 1 61 0 -60 3 341 0 -338 Grevesmüh. 2 155 15 -168 2 237 0 -235 Grimmen 2 92 0 -90 2 214 0 -212 Rostock 2 313 0 -311 5 495 0 -490 Stralsund 1 97 0 -96 0 156 1 -157 Wismar 2 133 0 -131 2 225 0 -223 Wolgast 3 67 0 -64 3 153 0 -150 Rügen 4 166 0 -162 4 326 0 -322 gesamt 19 1329 17 -1.327 25 2690 1 -2.666 2074 Da hier nur politische intendierte Bewegungen von Bedeutung sind, werden Todesfälle und überbezirkliche Verzüge ausgeklammert. Die Bilanzierung des Mitgliederstandes ist deshalb nicht direkt auf die Mitgliederübersicht Tabelle 1 zu übertragen. 2075 Vgl. Mitgliederbewegung, Stand 31.3.1990, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2076 Vgl. Statistischer Halbjahresbericht, Stand 30.6.1990, SAPMO BArch, DY 60/3774. 4.8. Akteursgruppen: Jugendliche, Frauen oder „Intelligenzler“ prägen Meinungsbild Innerhalb der Blockparteien lassen sich soziale Gruppen ausmachen, die die Meinungsbildung und das Parteiklima ihrer Verbände beeinflusst haben: die Parteijugend,2077 die Frauen und die Angehörigen der „Intelligenz“. Diese Kohorten waren jedoch nicht in allen Parteien gleicherma- ßen relevant, sondern vielmehr lässt sich für jede Partei der besondere Einfluss jeweils einer dieser Gruppen aufzeigen. Der Vollständigkeit halber werden dennoch kurze Anmerkungen zum Wirken jeder Personengruppe in den vier Rostocker Blockparteien gemacht. 4.8.1. Jugend: Antrieb in LDP(D) und DBD Von allen Blockparteimitgliedern übten die Jugendlichen den größten Einfluss auf ihre Gliederungen aus. Die Archivalien aller Parteien enthalten Hinweise darauf, dass die Generationenzugehörigkeit der Mitglieder häufig mit spezifischen politischen Ansichten verbunden war, wie im Folgenden gezeigt wird. Die LDP(D) war die Partei, in der die Parteijugend am präsentesten war. Entsprechend verstanden sich die Liberaldemokraten auch als Partei der DDR-Jugend.2078 Es waren die jüngeren Mitglieder der LDP(D), die das „konstruktive Streitgespräch zur Überwindung von Hemmnissen und Mängeln“ suchten. Die jungen Liberaldemokraten sahen sich dabei jedoch an der Seite des Parteivorstands und hatten „großes Vertrauen in die Kraft und Möglichkeiten“ ihrer Partei.2079 Der Mitgliederzuwachs, den die LDP(D) in der zweiten Hälfte der 80er Jahre erlebte, drückt den Glauben an die Gestaltungsfähigkeiten der Liberaldemokraten deutlich aus: Etwa die Hälfte der Rostocker Neumitglieder zwischen 1982 und 1986 war jünger 2077 Als Parteijugend werden hier alle Mitglieder unter 30 Jahren verstanden, da die Statistiken der Blockparteien häufig nur Angaben zur Alterskohorte der 20- bzw. 30-Jährigen machen. Eine Ausnahme ist nur die LDP(D), die auch Daten über die Alterskohorte der bis 25-Jährigen erheben. 2078 Vgl. Information über einige beachtenswerte Aspekte der politischideologischen Situation in der LDP(D) vom 24.4.1989, MfS ZAIG, Nr. 3750, S. 6. 2079 Vorlage für die Sitzung des Sekretariats des ZV am 15.4.1986. Bericht des BV Rostock zum Stand der Erfüllungen der Beschlüsse des 13. Parteitags, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1608, S. 26. als 30 Jahre.2080 Im Gegensatz zu den älteren Mitgliedern engagierten sich diese überdurchschnittlich stark auf den Parteiveranstaltungen und gestalteten diese durch impulsgebende Fragen.2081 Dadurch manifestierte sich auch ein Generationenkonflikt. Älteren Mitgliedern wäre die LDP(D) nicht bürgerlich genug, Jungen stünde sie zu weit links ohne eigenen Wirkungsbereich, berichtete die Bezirksparteischule schon im Sommer 1986.2082 Vermutlich waren die „älteren Mitglieder“ diejenigen, die die bürgerlichen Gründungsjahre der LDP(D) noch aktiv miterlebt haben. Vereinzelt gab es jedoch auch bei der LDP(D) Kritik an „politischideologischen Unsicherheiten bei jüngeren Mitgliedern“2083 und Forderungen nach einer nötigen Verstärkung der „differenzierten Arbeit mit jungen Mit– gliedern“.2084 Als Ursachen dieses Generationenkonflikts wurden sowohl die gemeinsame Kriegserfahrung der älteren Mitglieder als auch die identitätsstiftenden Aufbaujahre ausgemacht. Diejenigen, die beides nicht erlebt haben, sähen im Sozialismus andere Werte und Vorzüge und würden andere Selbstverständlichkeiten voraussetzen.2085 Daher wurde der Parteijugend auch eine „materialisierte Sicht auf die Werte des Sozialismus“ und dementsprechend höhere materielle Ansprüche attestiert.2086 Zu Beginn des Jahres 1989 war die Hoffnung auf Reformen bei den jüngeren Mitgliedern häufig einer Desillusionierung gewichen: Die LDP(D) könne doch nichts ändern, da die Ursache der mangelnden Veränderungsbereitschaft die überalterte SED-Führung sei.2087 Aus dieser Enttäuschung resultierten Fragen junger Mitglieder zur Führungsrolle und zum demokratischen Zentralismus im Allgemeinen2088 und Forderungen 2080 Vgl. Protokoll der Bezirksdelegiertenkonferenz vom 29.11.1986, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33749. 2081 Vgl. z. B. Abschlussbericht des 29. Zirkeljahres des KV Wismar vom 18.7.1986, ADL, Bestand Bezirk Rostock Nr. 33879, S. 3. 2082 Vgl. Auswertung der Bezirksparteischullehrgänge 1985/1986 vom 10.7.1986, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-345, S. 3. 2083 Informationsbericht BV Rostock an den ZV für September/Oktober 1986 vom 14.10.1986, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1005. 2084 Problemprotokoll der Bezirksdelegiertenkonferenz der LDP(D)-Rostock am 19.11.1986 vom 27.1.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, 33749, S. 2. 2085 Vgl. Zwischenbericht der Jahreshauptversammlung des BV Rostock vom 30.1.1989, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1005, S. 4. 2086 Abschlussbericht des 32. Zirkeljahres des KV Rostock vom 4.7.1989, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-100, S. 3. 2087 Vgl. Informationsbericht des KV Grimmen für Dezember 1988 vom 6.1.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787. 2088 Vgl. Informationsbericht KV Greifswald für Januar/Februar 1989 vom 8.3.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 3. nach dem Bekenntnis der Parteileitung, eine nichtmarxistische Partei zu sein.2089 Die LDP(D) war die einzige Partei, in der den jungen Mitgliedern ab dem Jahr 1988 durch die Schaffung von Jugendbeiräten mehr Mitsprachemöglichkeiten eingeräumt wurden.2090 Mit der Gründung des ersten Jugendbeirates in der DDR am 26.10.1988 verfolgte der Kreisverband Rostock-Stadt die Intention, der Verjüngung der Partei Rechnung zu tragen und die reformorientierte Parteijugend mehr in die politische Arbeit einzubinden.2091 In der Wahrnehmung der Mitglieder und Bürger stieß die LDP(D) damit deutlich an die Grenzen des SED-Primats der Jugendpolitik in seiner institutionalisierten Form der FDJ. Entsprechend reagierte die SED-Bezirksleitung „irritiert“ auf die Initiative der Rostocker2092 und verfolgte die weitere Entwicklung der eigenständigen LDP(D)-Jugendpolitik mithilfe ihrer installierten IM.2093 Der LDP(D)- Parteivorstand verteidigte die Rostocker Initiative natürlich, denn Gerlach selbst hatte sie ja vorbereitet und mit der SED abgestimmt: Man wolle die SED dabei unterstützen, so diejenigen Jugendlichen zu integrieren, die kein Mitglied der FDJ werden wollen.2094 Die Jugendorientierung der Liberaldemokraten wurde auch von der LDP(D)-nahen Bevölkerung wahrgenommen und honoriert. So stieg der Anteil der Mitglieder unter 30 Jahren allein im Jahr 1989 um 3 % auf knapp 24 %. Allein die jungen LDP(D)ler unter 25 Jahren machten nun 11,2 % und damit 1,6 % mehr als Ende 1988 aus.2095 Die Austritte während des Jahres 1989 legen nahe, dass die Mitglieder unter 25 Jahren und diejenigen über 50 Jahren die Entwicklung ihrer Partei bis zum Jahres- 2089 Vgl. Information des MfS über einige beachtenswerte Aspekte der politischideologischen Situation in der LDP(D) vom 24.4.1989, MfS ZAIG, Nr. 3750, S. 4. 2090 Den ersten Jugendbeirat in der gesamten DDR gründete der KV Rostock-Stadt am 26.10.1988, es folgten Wismar, Bad Doberan und Stralsund. 2091 Vgl. Bericht zu Schwerpunkten der Arbeitsergebnisse des KV Rostock-Stadt vom 15.8.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33803, S. 6. 2092 Protokoll der dezentralen Bezirksvorstandsberatung vom 21.2.1989, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1804. 2093 Der aktivste IM im Rostocker Jugendbeirat nannte sich Richard Weisenberg. Vgl. BV Rst, Abt. XX, Nr. 1672. 2094 Vgl. Information über einige Aspekte der politisch-ideologischen Situation in den befreundeten Parteien vom 23.12.1988, MfS HA XX, Nr. 6632, S. 53. 2095 Eigene Berechnung anhand des Berichtsbogens J des BV Rostock für das Jahr 1988 vom 31.12.1988, ADL, Abteilung Parteivorstände, L8-1096 und des Berichtsbogens J des BV Rostock für das Jahr 1989 vom 31.12.1989, ADL, Abteilung Parteivorstände, L8-1097. ende, also dem vergleichsweise langen Festhalten an reformsozialistischen Inhalten, positiver gegenüberstanden als die Altersgruppe zwischen 26 und 49 Jahren.2096 Am deutlichsten wurde der innerparteiliche Konflikt zwischen den älteren und jüngeren Mitgliedern der DBD. Bereits im Jahr 1984 erkannte das MfS „bei jüngeren Mitgliedern zum Teil Vorbehalte gegenüber der führenden Rolle der SED“.2097 In den folgenden Jahren blieb dieser Trend bestehen und wurde durch die Reformen in der Sowjetunion zusätzlich befeuert: Anlässlich des Treffens zwischen Gorbatschow und Honecker im Juni 1989 hielt der Informationsbericht an den Parteivorstand fest, dass jüngere Mitglieder auch in der DDR Veränderungen im Sinne von Glasnost und Perestroika erwartet hatten.2098 Dieser Einsatz für einen reformierten Sozialismus kann auch in der DBD kein Einzelfall gewesen sein, denn der Parteivorstand erkannte dahinter einen grundsätzlichen Generationenkonflikt: „Die Jungen, die den Krieg und Aufbau nicht miterlebt haben, haben andere ideelle und materielle Wertmaßstäbe, haben keinen Stolz auf das Geschaffene.“2099 Diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen führten im Herbst 1989 zum offenen Bruch zwischen jüngeren Reformern und Alteingesessenen: „Ältere Mitglieder sind standhaft, jüngere nicht.“2100 Als Protest gegen die ausbleibende Reaktion des Parteivorstandes nahmen ab Mitte Dezember auch bei der DBD die Austritte vornehmlich junger Mitglieder zu.2101 Der Austritt der älteren Mitglieder erfolgte mehrheitlich erst ab dem Frühjahr 1990. Dass „die langjährige Arbeit nichts 2096 Die aus den Berichtsbögen Q ermittelten Austritte nach Altersgruppen ergeben in Relation zur Stärke der jeweiligen Altersgruppe folgendes Bild: Insgesamt sind am Ende des Jahres 1989 nur 2,7 % der Mitglieder bis 25 Jahren ausgetreten, 4,8 % der bis 30-Jährigen, 6,6 % der bis 40-Jährigen und 5,6 % der bis 50-Jährigen. Dem stehen 1,8 % der bis 60-Jährigen und 2 % der über 60- Jährigen gegenüber. Berichtsbögen Q des BV Rostock für das Jahr 1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33783. 2097 Ergänzung zur Lageeinschätzung bei den befreundeten Parteien, 1984 (ohne Datum), MfS HA XX, Nr. 6632, S. 21. 2098 Vgl. Informationsbericht 34/89 vom 29.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/2909, S. 3. 2099 Protokoll der 7. Tagung des Parteivorstands am 30.6.1989, SAPMO BArch, DY 60/332, S. 7. 2100 Information zur politisch-ideologischen Situation in der DBD vom 22.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/2903, S. 3, ebenso: Einschätzung über politische und politisch-beachtenswerte Aspekte der Lage in den befreundeten Parteien auf Weisung von G. Mittag vom 29.9.1989, MfS HA XX, AKG 5120, S. 3. 2101 Vgl. Informationsbericht vom 15.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181. gebracht hat“ wurde Ende Februar ebenso als Austrittsgrund angegeben, wie der Umstand, dass „nun alle bedingungslos kapitulieren“.2102 Die größte Masse der Ausgetretenen stellten jedoch die 40- bis 50-jährigen Männer, die die Welt „nicht mehr verstehen“.2103 Der Anteil der über 60-Jährigen in der DBD stieg zwischen Ende 1989 und Juni 1990 dagegen um 8,5 % auf 25 % an.2104 Möglicherweise ist dies ein Hinweis darauf, dass die vor dem Jahr 1930 in der Weimarer Republik geborenen Mitglieder eine positivere Einstellung zu dem bevorstehenden Beitritt zur CDU und der Vereinigung hatten. Auch die DBD selbst kam zu der Einschätzung, dass die älteren Mitglieder eher konservativ orientiert wären.2105 In der DBD waren die jüngeren Mitglieder deutlich reformorientierter als die Älteren und bereits vor der Wahl Junghanns’ zum stellvertretenden Parteivorsitzenden aus der DBD ausgetreten. Die größte Gruppe unter den Ausgetretenen machte die mittlere Altersgruppe (41–50 Jahre) aus. Diejenigen jedoch, die aufgrund ihres Geburtsjahres noch einen Bezug zu einem vereinten Deutschland hatten, blieben zumindest bis zum Sommer 1990 häufiger Parteimitglied. Statistische Angeben dar- über, welche Alterskohorten auch den Beitritt zur CDU-West mitvoll– zogen haben, liegen leider nicht vor. Ach bei der CDU(D) schwelte schon vor dem Herbst 1989 ein Generationenkonflikt. Ähnlich wie bei der DBD waren es auch hier die Jüngeren, die in den Augen der Parteileitung einer intensiveren ideologischen Arbeit bedurften, da sie vermehrt Fragen zu den Reisemöglichkeiten, dem Umweltschutz und zur Grenzsicherung stellten.2106 Gleichzeitig seien sie politisch desinteressiert und verantwortungsscheu, was teilweise zu erheblichen Problemen bei der Mandatsbesetzung führe. Die älteren Mitglieder dagegen sähen ihre Pflicht als erfüllt an und zögen sich aus dem aktiven Parteileben zurück.2107 Doch nicht überall wurde den jungen Unionsmitgliedern ein so schlechtes Zeugnis ausgestellt. So wurde deren kritisches Hinterfragen zumindest von einigen Funktionären begrüßt, wie der Kreisverband Grimmen zeigt: Hier wollte man bereits 2102 Informationsbericht 13/90 vom 28.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 3. 2103 Einschätzung der politischen und organisatorischen Lage in der Partei vom 8.5.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 3. 2104 Vgl. Information zur Mitgliederstruktur, Stand 30.6.1990 vom 20.8.1990, SAPMO BArch, DY 60/3774. 2105 Vgl. Information und Meinungen über die Perspektive der DBD vom 22.6.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904, S. 2. 2106 Vgl. Information an den HV aus dem KV Bad Doberan vom 9.3.1988, ACDP 07-011-4389, S. 3. 2107 Vgl. Informationsbericht vom 5.11.1988, ACDP 03-043-033/5. deutlich vor der Kommunalwahl im Mai 1989 mehr Mandate mit jüngeren Mitgliedern besetzen.2108 Im besonders linientreuen Kreisverband Stralsund artikulierte die Parteijugend öffentlichen Widerspruch gegen den Kreisvorstand und verweigerte wie auch in Bad Doberan und Wolgast die aktive Mitarbeit am Parteileben.2109 Im Laufe des Frühjahrs 1989 verschärften sich die Konflikte zwischen Jung und Alt2110 soweit, dass auch hier die jüngeren Mitglieder im Herbst „oppositionell schärfere Grundzüge“ vertraten. Damit diese nicht „das Sagen“ bekommen, müsse Götting schnell reagieren und ihnen den Wind aus den Segeln nehmen, schätzte das MfS ein.2111 Überdurchschnittlich häufig sind die Mitglieder unter 25 Jahren noch im Jahr 1989 ausgetreten. Wie bei der DBD kamen die meisten Austritte jedoch von den Mitgliedern zwischen 40 und 50 Jahren.2112 Die jungen Nationaldemokraten wurden in ihrer Partei als eigene Akteursgruppe wahrgenommen, obwohl die NDPD die Partei mit dem höchsten Durchschnittsalter war2113 und spezifische Jugendpolitik nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Eine Ausnahme stellt das Engagement von Bernd Kitschun, Rostocker Mitglied des NDPD-Haupt– ausschusses und des FDJ-Zentralrates, für die Parteijugend dar.2114 Inhaltliche Schwerpunkte sah die Parteileitung in der mangelnden politisch-ideologischen Festigkeit der Jugendlichen. So würde es ihnen 2108 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung Grimmen vom 19.9.1988, ACDP 03- 043-045/1. 2109 Vgl. Einschätzung zu aktuellen Aspekten der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien, insbesondere der CDU und der LDP(D), unter gesonderter Beachtung von gezielten gegnerischen Aktivitäten zur Herausbildung und Formierung eines „kritischen Potentials“ an der Basis der Parteien gegen die Bündnispolitik der SED und von Wirkungserscheinungen der politischideologischen Diversion vom 27.3.1989, BStU, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 1684, Bl. 2. 2110 Vgl. Rückflussinformationen zu aktuellen Aspekten der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien vom 17.4.1989, MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 130, S. 18. 2111 MfS-Bericht vom 24.10.1989, HA XX, 18776, Bl. 23. 2112 Vgl. Analyse des statistischen Berichts des BV Rostock der CDU für das Jahr 1990 vom 29.1.1990, ACDP 07-011-5921. Eine statistische Analyse für das Jahr 1990 lag leider nicht vor. 2113 Der Anteil der Mitglieder unter 25 Jahren lag im Bezirk Rostock bei 5,7 % und war damit der drittniedrigste aller Bezirke. Vorlage für die 13 Sitzung des Sekretariats des Parteivorstands vom 25.5.1989, SAPMO BArch, DY 16/4978, S. 14. 2114 Häufiger fanden bei ihm Treffen der Parteijugend statt. Z. B. Protokoll vom Treffen junger Parteifreunde im Hause Kitschun am 26./27.3.1988, SAPMO BArch, DY 16/588. schwer fallen, die „raffinierte Demagogie des Gegners“ zu durchschauen.2115 Abweichende Meinungen kämen hier häufiger vor. Ab Sommer 1989 wurde das Jugend-Thema dringender: Sowohl das Unmutspotential der jüngeren Mitglieder als auch die geringe Akzeptanz jüngerer Wähler wurden häufiger diskutiert.2116 Nicht nur das MfS,2117 auch Kitschun und andere schätzten im Herbst 1989 ein, dass in der Gewinnung der Jugend und der Gründung einer Jugendorganisation ein Schlüssel zum Bestehen der Partei liegen würde.2118 Beide Seiten bescheinigen dem Parteivorsitzenden Hartmann in dieser Frage jedoch eine stark abweisende Haltung: Er habe schon genug Probleme.2119 Die verbliebenen jüngeren Mitglieder waren auch zu Beginn des Jahres 1990 diejenigen, deren Meinung stärker von der des Vorstands abwich. Zwar war die NDPD den übrigen Parteien mit ihrer Konföderations-Idee Mitte November 1989 einen Schritt voraus, doch dies reichte der Parteijugend zwei Monate später nicht mehr: Die älteren Mitglieder wären weiterhin für die Konföderation als Vorbereitung der Einheit, die jüngeren dagegen für eine schnelle Vereinigung, fasst der Informationsbericht die Stimmungslage Mitte Januar 1990 zusammen.2120 Genaue Angaben über soziologische Parameter der ausgetretenen Mitglieder enthalten die Archivalien nicht, weil zum Jahresende 1989 kein statistischer Jahresbericht angefertigt wurde.2121 Die angekündigte Erhebung zum 30.6.19902122 fand nicht mehr statt, da die NDPD zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr als eigenständige Partei existierte. 2115 Abschlussbericht des Halbjahreslehrgangs vom 3.1.–30.6.1989, SAPMO BArch, DY 16/477, S. 20. 2116 Vgl. Vorlage für die 13. Sitzung des Sekretariats des Parteivorstands vom 25.5.1989, SAPMO BArch, DY 16/4978, S. 14. 2117 Vgl. Information zur aktuellen Situation innerhalb des HA der NDPD vom Oktober 1989, MfS HA XX, Nr. 7626, S. 54. 2118 Unter anderem schlug Kitschun die Etablierung eines eigenen Sekretärs für Jugendfragen vor, der selbst nicht älter als 40 Jahre sein sollte. Brief Kitschun an Hartmann vom 10.11.1989, SAPMO BArch, DY 16/2757, S. 2. 2119 Vgl. Information zur aktuellen Situation innerhalb des HA der NDPD vom Oktober 1989, MfS HA XX, Nr. 7626, S. 54. 2120 Vgl. Aktuelle Informationen Nr. 89 vom 15.1.1990, SAPMO BArch, DY 16/4272, S. 8–9. 2121 Vgl. Mitteilung des Sekretärs für Parteiorganisation und Personalpolitik vom 13.12.1989, SAPMO BArch, DY 16/3823. 2122 Vgl. ebd. 4.8.2. Frauen: in der CDU(D) nicht nur Ausdruck der Erneuerung Die stark überwiegende Verwendung des generischen Maskulinums erschwerte die Identifizierung von Frauen auf Kreisfunktionärsposten. Neben den Bezeichnungen „Parteifreundin“ (LDP(D) und NDPD), „Unionsfreundin“ (CDU(D)) und vereinzelt „Kollegin“ (DBD) für funktionslose Mitglieder, abgekürzt als Prfdn. bzw. als Ufrdn., tauchen geschlechtsspezifische Bezeichnungen für Funktionäre selten in den Akten auf.2123 Eine hinreichende Orientierung konnten daher nur die Vornamen geben. Da sich aber auch im Ausschlussverfahren nicht alle Kreisfunktionäre eindeutig zuordnen ließen, erheben die folgenden Ausführungen weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Ausschließlichkeit, sondern sind lediglich als Tendenzen zu verstehen.2124 Statistisch gesehen hatte die CDU(D) der DDR mit einem Frauenanteil von 53 % mit Abstand die meisten weiblichen Mitglieder. In allen Kreisen außer in Rostock-Stadt überwogen die „Unionsfreundinnen“.2125 Auf der Funktionärsebene waren Frauen dennoch unterrepräsentiert: Vor dem Herbst 1989 lassen sich nur drei Frauen in Führungspositionen nachweisen: in Greifswald, Grimmen und Rostock-Stadt. Diese Funktionärinnen haben sich nicht nur für die vermehrte Mandatsbesetzung mit Frauen eingesetzt,2126 sondern insbesondere die Rostocker Kreisvorsitzende hat die CDU(D) im Bezirk durch ihr engagiertes und couragiertes Verhalten vor und während der Wende geprägt.2127 Gleiches gilt auch für die Vorsitzende der Ortsgruppe Neuenhagen im Bezirk Frankfurt/Oder, die mit ihrem Brief aus Neuenhagen im Jahr 1988 ein frühes Zeugnis des reformsozialistischen Flügels der CDU(D) ablegte. Mit Martina Huhn und Christine Lieberknecht waren auch zwei der vier Initiatoren des Briefes aus Weimar weiblich. Im September 1989 übernahmen Frauen in Grevesmühlen und Ribnitz-Damgarten Ämter von männlichen Kollegen. Ebenso wie die Forderung des Bezirksvorstandes nach mehr weiblichem Führungspersonal im Januar 19902128 ist dies als Hinweis auf eine weiter- 2123 Bei der DBD dominierte die Anrede „Kollege“ bzw. „Kollegin“, die die vordergründig berufsständische Verbindung der Parteimitglieder verdeutlicht. 2124 Von den etwa 100 Kreisvorsitzenden und –sekretären konnten 24 nicht eindeutig als Mann oder Frau identifiziert werden. 2125 In Grevesmühlen war die Verteilung pari-pari. Statistischer Bericht für das Jahr 1989 vom 12.1.1990, ACDP Zentralbestand Ost-CDU, 07-011-5921, S. 11. 2126 Vgl. Protokoll der Kreissekretariatssitzung Grimmen vom 19.9.1988, ACDP 03- 043-045/1. 2127 Siehe dazu Kapitel 4.4. Kreisverbände. 2128 Vgl. Protokoll 1/90 der erweiterten Bezirksvorstandssitzung am 18.1.1990, ACDP 07-011-3854. führende Modernisierung im Rahmen der personellen Erneuerung in Wendeherbst 1989 zu verstehen. Anders als die Frauen für die CDU(D) war die Parteijugend der Modernitätsgarant der LDP(D). Frauen machten hier einen Anteil von 37,5 % der Mitgliedschaft aus.2129 In den Berichten der Liberaldemokraten spielte die Geschlechtszugehörigkeit jedoch keine Rolle. Auch in den Statistiken wurde sehr selten nach Geschlechtern unterschieden. Was als Zeugnis von Liberalität missverstanden werden könnte, wird durch einen bemerkenswerten Umstand in das richtige Licht gerückt: Im gesamten Bezirksverband gab es scheinbar keine Kreisfunktionärinnen. Damit bildet die LDP(D) eine Ausnahme im Rostocker Bezirksverband. Auch in DBD und NDPD hatten mehrere weibliche Mitglieder Kreisfunktionärsposten inne. Offenbar war es nicht die Betonung der Geschlechtszugehörigkeit, die bei der LDP(D) unüblich war. Stattdessen scheinen die liberaldemokratischen Frauen ihre Partei weniger geprägt zu haben, als es bei den anderen Parteien der Fall war. Bei den Nationaldemokraten zeichnet sich das gegenteilige Bild ab. Obwohl die NDPD mit 37,7 % nahezu den gleichen Anteil weiblicher Mitglieder hatte,2130 waren diese in Führungspositionen adäquater repräsentiert. Mit über 43 % hatte Grevesmühlen die meisten weiblichen Mitglieder2131 und auch eine Kreisfunktionärin. Eine weitere Kreisfunktionärin war in Greifswald tätig. Ebenso auffällig wie bei der CDU(D) sind die Personalwechsel im Herbst 1989: Auch bei den Nationaldemokraten übernahmen zwei Frauen im Jahr 1989 Führungspositionen von männlichen Amtsinhabern in Grevesmühlen und Bad Doberan.2132 Auf den höheren Parteiebenen und in der zentralen Parteiführung der NDPD bekleideten Frauen ebenfalls Führungspositionen: So war die Vorsitzende des Bezirksverbandes Schwerin ab Sommer 1989 auch Mitglied des Hauptausschusses. Auch für die Nachfolge Homanns war mit Waltraut Rössel eine Frau im Gespräch und Favoritin der SED. Auf Grund ihres hohen Alters lehnte die Partei sie jedoch ab und wählte stattdessen 2129 Im Jahr 1989 schwankte der Wert zwischen 37,29 % und 37,45 %. Berichtsbögen Q für das Jahr 1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, 33783. 2130 Von den 6.719 Mitgliedern waren 2.535 Frauen. Statistischer Jahresbericht Mitgliederentwicklung vom 31.12. 1988 des BV Rostock, SAPMO BArch, DY 16/1934, S. 2. 2131 Vgl. ebd. 2132 Dies legen die Unterschriften unten den Archivalien der KV nahe. Eine direkte Anweisung bzw. Erläuterung des Vorgangs wurde nicht gefunden. Hartmann zum neuen Vorsitzenden.2133 Wie auch bei der CDU(D) sind die Personalwechsel im Herbst 1989 als Versuch der Modernisierung der NDPD zu verstehen. Mit 38,4 % hatte der Bezirksverband der DBD im September 1989 einen leicht höheren Frauenanteil als LDP(D) und NDPD.2134 Damit lag Rostock knapp vier Prozentpunkte über dem Parteidurchschnitt. Im Gegensatz zur NDPD bekleideten Frauen hier jedoch seltener Funktionärsposten. So ist nur eine Kreisfunktionärin in Stralsund als weiblich auszumachen. Dies ist möglicherweise weniger Zufall als Ausdruck einer generellen männlichen Dominanz in der Landwirtschaft: Im Rahmen struktureller Veränderungen im Oktober 1989 bat auch der Kreisverband Rostock dezidiert um die Anstellung eines zweiten „männlichen“ Kreissekretärs.2135 Für die personelle Erneuerung der DBD sah die Parteileitung die „Entwicklung von Frauen für Leitungsfunktionen“ jedoch bereits einen Monat später als unerlässlich an.2136 Tatsächlich wurde die DBD am Ende des Jahres 1989 weiblicher. Durch geringere Austrittsquoten stieg der Gesamtfrauenanteil in der Bauernpartei leicht von 34,8 % auf 35,5 % an.2137 Eine der Frauen, die die DBD in ihrem letzten Jahr maßgeblich geprägt haben, war Dorothea von Saucken. Die ursprünglich im Kreisverband Bad Doberan ansässige Rostockerin war Mitglied im DBD-Partei– vorstand, bevor sie gemeinsam mit mehreren prominenten DBDlern im Norden der Republik SPD-Mitglied wurde. Ihr politischer Werdegang steht damit stellvertretend für die politische Grundhaltung vieler DBDler. Insgesamt ist der nachweisbare Einfluss von Frauen auf die Politik der Blockparteien und ihre Präsenz in Führungspositionen wesentlich geringer als deren statistischer Anteil an der Mitgliedschaft. Vermutlich ist dies kein Rostocker Spezifikum, sondern Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens der DDR-Frauenpolitik: Dass Frauen in der 2133 Vgl. Bericht zu einem Gespräch mit einer zuverlässigen Quelle aus dem Zentralen Vertragsgericht vom 24.10.1989, BStU, MfS HA XX, Nr. 18776. 2134 Ende September 1989 waren 3.934 der 10.234 DBD-Mitglieder weiblich. Quartalsbericht über die Mitgliederbewegung im BV Rostock vom 30.9.1989, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2135 Schreiben des KV Rostock an Maleuda vom 16.10.1989, SAPMO BArch, DY 60/3779. 2136 Vorschläge und Hinweise auf der 9. Tagung des PV am 14.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/3201, S. 10. 2137 Vgl. Mitgliederbewegung im Jahr 1989 vom 27.2.1990, SAPMO BArch, DY 60/3773, Anlage S. 8. Funktionärsebene politischer Gremien vor dem Herbst 1989 nicht entsprechend ihres statistischen Anteils vertreten waren, bestätigt auch Schwartz. So ist auch in der SED keines der 33,7 % weiblichen Mitglieder über den Kandidatenstatus im Politbüro hinausgekommen. Für die politische Partizipation insgesamt stellt er dennoch fest, sie sei „im politischen System der DDR weit besser als in der Bundesrepublik“ gewesen, „bezeichnenderweise jedoch gerade in den faktisch machtlosen DDR-Gremien am höchsten“.2138 Dieses Missverhältnis glich sich erst im Zuge der personellen Erneuerung im Herbst/Winter 1989/90 etwas aus. 4.8.3. „Intelligenz“: besonders prägend in LDP(D) Sowohl in CDU(D) und LDP(D) als auch in der NDPD nahm das MfS die „Intelligenz“2139 als einen meinungsbildenden, besonders kritischen Faktor wahr. Auch in den SED-Grundeinheiten wurde die Tendenz beobachtet, dass diejenigen mit „hohem Intelligenzanteil“ die reformorientiertesten Positionen vertraten.2140 Seitens des SED-Bezirkssekretärs Timm wurde in Bezug auf die Blockparteien bereits Ende 1988 bemerkt, dass sich in den Kreisen Unmut anbahnt und insbesondere „dort, wo die Intelligenz dominiert, Nörgeleien und unzeitgemäße Kritik“ die Versammlungen dominieren.2141 Alle im Herbst des Jahres 1989 laufenden Operativen Personenkontrollen wurden gegen Angehörige dieser sozialen Gruppe durchgeführt.2142 2138 Schwartz, Emanzipation, S. 64f. 2139 Zu dieser Gruppe wurden Fach- und Hochschullehrer, Pädagogen, Studenten, leitende Mitarbeiter in städtischer Verwaltung, Partei oder Organisationen, in Industrie, Bauwesen, Verkehr, in Landwirtschaft, Forst- und Nahrungsmittelwirtschaft gezählt. Ebenso Ärzte und Apotheker, Pfarrer und Theologen, Künstler und Juristen. Statistischer Bericht der CDU(D) für das Jahr 1989 vom 12.1.1990, ACDP 07-011-5921, S. 2. 2140 Vgl. ZK-Information „Zur aktuellen politischen Lage in der DDR“ vom 30. Oktober 1989, abgedruckt in: Stephan, G.-R./Küchenmeister, D. (Hg.): „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“. Interne Dokumente zum Zerfall von SED und DDR 1988/89, Berlin 1994, S. 186–192, hier S. 189. 2141 Informationsbericht des BV vom 22.11.1988 an Götting, ACDP 07-011-3420, S. 4. 2142 Vgl. Einschätzung der politisch-operativen Lage und wesentlicher Entwicklungstendenzen in den befreundeten Parteien sowie der Ergebnisse politischoperativen Wirksamwerdens seit der Analyse der Abteilung XX vom 29.3.1989 vom 16.9.1989, MfS BV Rostock, Abt. XX, Nr. 621, S. 87. Eine besondere Bedeutung kam der „Intelligenz“ in der LDP(D) zu, die im Bezirk Rostock rund 21 % der Gesamtmitgliedschaft ausmachte.2143 Noch stärker als die jungen Parteimitglieder beeinflussten die Angehörigen der „Intelligenz“ die Meinungsbildung in der LDP(D), prägten die Lesart nationaler und internationaler Ereignisse und lenkten die Diskussionen.2144 In vielen Informationsberichten wurde der Einfluss der „Intelligenz“ explizit herausgestellt. Neben dem stellvertretenden Bezirksvorsitzenden Dr. Frank Richter hatten viele der LDP(D)-Kreisfunktionäre zudem den akademischen Grad eines Doktors erworben, sodass auch unter ihnen der Anteil der Akademiker und Promovierten hoch war.2145 Auffällig ist, dass insbesondere die kritischen und reflektierten Meinungen und Fragen aus den Reihen der LDP(D)-„Intelligenz“ stammen. Die Angehörigen dieser Gruppe erkannten frühzeitig die ablehnende Haltung Honeckers gegen- über den Reformen Gorbatschows,2146 forderten regelmäßig weiterführende2147 und differenzierte2148 Informationen ein, plädierten für die Verleihung des Karl-Marx-Ordens an den reformsozialistischen Außenminister der UdSSR Schewardnadse als 2143 Vgl. Vorlage für die Sitzung des Sekretariats des ZV am 4.7.1989, Anlage 1: Ausgewählte statistische Angaben zur Entwicklung der LDP(D) seit dem 14. Parteitag, ADL, Abteilung Parteivorstände, L8-1650. 2144 In den Informationsberichten wurde regelmäßig auf den Einfluss dieser Gruppe hingewiesen. So auch z. B. im Informationsbericht Oktober 1988 (ohne Datum), ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. Der prägende Einfluss der „Intelligenz“ auf die Bewertung außenpolitischer Ereignisse wird in dem Informationsbericht für Mai vom 8.6.1988 (ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845) besonders deutlich, hier am Beispiel Ungarns. 2145 Besonders auffällig ist dies in Rostock-Land: Hier waren sowohl der Kreisvorsitzende als auch die Kreissekretäre promoviert. 2146 Vgl. Informationsbericht für Februar vom 10.3.1987, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845 und Informationsbericht des BV an den ZV Juni/Juli 1988 vom 12.7.1988, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1005. 2147 Vgl. z. B. Informationsbericht für November vom 4.1.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. 2148 So kritisierte die „Intelligenz“ als „unmöglich“, dass sich die „Nachrichtenbeiträge auf dem 1. und 2. Programm nicht unterscheiden“. Informationsbericht KV Ribnitz-Damgarten für Januar vom 2.2.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. Würdigung seiner Verdienste „um die sozialistische Staatengemeinschaft“ statt an das rumänische Staatsoberhaupt Ceausescu,2149 wiesen auf unüberbrückbare Widersprüche zwischen sozialistischer Theorie und realer Praxis hin,2150 erklärten, dass es größere Anstrengungen der SED bedürfe, dem erhobenen Führungsanspruch gerecht zu werden,2151 forderten eine größere Eigenständigkeit der LDP(D)2152 und kritisierten sowohl das Vorgehen der chinesischen Volksarmee auf dem Platz des Himmlischen Friedens als auch die Unterzeichnung der Volkskammer-Erklärung durch die LDP(D)-Fraktion.2153 Dem MfS war der maßgebliche Einfluss der „Intelligenz“ auf die restliche LDP(D)-Mitgliedschaft nicht entgangen. Die Tendenz, die Parteien zu Kontrapunkten gegen die SED zu entwickeln, beobachtete die Behörde hier besonders stark.2154 Unter den LDP(D)-Funktionären auf Kreisund Bezirksebene erkannte das MfS sogar die Überzeugung, dass die Führung durch das Proletariat gescheitert wäre und nun die „Intelligenz“ an der Reihe sei, die Probleme der DDR zu lösen.2155 2149 Informationsbericht des KV Rostock-Land für Januar vom 3.2.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33845. 2150 Vgl. Informationsbericht des BV an den ZV Juli/August vom 12.8.1988, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1005. 2151 Vgl. Informationsbericht des BV an den ZV August/September vom 13.9.1988, ADL, Bestand Sekretariat des ZV, L8-1005, S. 3. 2152 Vgl. Informationsbericht des KV Ribnitz-Damgarten für Oktober vom 4.11.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2. 2153 Vgl. Informationsbericht des KV Rostock-Stadt für Juni vom 5.7.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33788, S. 2. 2154 Vgl. Einschätzung zu aktuellen Aspekten der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien, insbesondere der CDU und der LDP(D), unter gesonderter Beachtung von gezielten gegnerischen Aktivitäten zur Herausbildung und Formierung eines „kritischen Potentials“ an der Basis der Parteien gegen die Bündnispolitik der SED und von Wirkungserscheinungen der politischideologischen Diversion vom 27.3.1989, BStU, MfS, BV Rostock, KD Wolgast, Nr. 10, Bl. 146. 2155 Vgl. Einschätzung zu aktuellen Aspekten der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien, insbesondere der CDU und der LDP(D), unter gesonderter Beachtung von gezielten gegnerischen Aktivitäten zur Herausbildung und Formierung eines „kritischen Potentials“ an der Basis der Parteien gegen die Bündnispolitik der SED und von Wirkungserscheinungen der politischideologischen Diversion vom 29.3.1989, BStU, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr.1684, Bl. 7. In den Wendemonaten blieb der vorwärtsweisende Einfluss der „Intelligenz“ erhalten.2156 Neben der Forderung einer generellen Trennung von Partei- und Staatsämtern2157 erklärten die Angehörigen der LDP(D)- „Intelligenz“ im Oktober eine generelle Absage an das politische Modell des DDR-Sozialismus: Demokratie sei unter einer absoluten Herrschaft nicht möglich, sondern nur in bürgerlichen Systemen.2158 Dass die LDP(D) ihre Reformorientierung nicht nur Gerlach, sondern in besonderem Maße auch der „Intelligenz“ in den eigenen Reihen zu verdanken hatte, war wohl eine Erkenntnis, die den Charakter des BFD mitprägte. Im „Zielimage“ des Zusammenschlusses wurde diese Gruppe ausdrücklich als eine Zielgruppe genannt.2159 In den drei anderen Parteien war der Einfluss der „Intelligenz“ scheinbar geringer ausgeprägt, wenngleich das MfS ihn auch in CDU(D) und NDPD als Ursache für unliebsame Ansichten erkannte.2160 Abgesehen von dieser Einschätzung trat der mit 9,1 % wesentlich geringere Anteil der „Intelligenzler“ der CDU(D) in den Quellen nicht als eigenständiger Faktor auf.2161 Bei der NDPD ist die Distanzierung von den ideologischen Vorgaben des Parteivorstandes bei den 17,7 % der Mitgliedschaft, die der „Intelligenz“ zugeordnet wurden,2162 bereits im Jahr 1988 aufge- 2156 Vgl. z. B. Protokoll der erweiterten Kreisvorstandssitzung Greifswald vom 7.11.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33797. 2157 Vgl. Informationsbericht des BV an den ZV für Mai vom 7.6.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33880. 2158 Vgl. Brief des Bad Doberaner Kreisvorsitzenden an Gerlach vom 16.10.1989, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33775, S. 3. 2159 Vgl. Zielimage des BFD zur Wahl am 18.3.1990 vom 14.2.1990, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33757. 2160 Vgl. Einschätzung zu aktuellen Aspekten der politisch-operativen Lage in den befreundeten Parteien, insbesondere der CDU und der LDP(D), unter gesonderter Beachtung von gezielten gegnerischen Aktivitäten zur Herausbildung und Formierung eines „kritischen Potentials“ an der Basis der Parteien gegen die Bündnispolitik der SED und von Wirkungserscheinungen der politischideologischen Diversion vom 27.3.1989, BStU, MfS, BV Rostock, KD Wolgast, Nr. 10, Bl. 146. 2161 Ob dieser geringe Prozentsatz mit einem erschwerten Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen für Christen zu begründen ist, wäre eine gesonderte Untersuchung wert. Eigene Berechnung anhand der Zahlen aus: Statistischer Jahresbericht BV Rostock für das Jahr 1989 vom 12.1.1990, ACDP 07-011-5921, S. 2. 2162 Eigene Berechnung anhand der Zahlen aus: Statistischer Jahresbericht Mitgliederbewegung im BV Rostock vom 31.12.1988, SAPMO BArch, DY 16/1934, S. 2. fallen.2163 Sowohl bei der NDPD als auch bei der LDP(D) war es die „Intelligenz“, die sich bereits im Herbst 1989 für einen Zusammenschluss beider Parteien einsetzte und ein gemeinsames Papier dazu verfasste.2164 Abgesehen von diesem Sonderfall ist in den Akten jedoch kein weiterer konkreter Einfluss auszumachen. Obwohl die Bauernpartei im Sommer 1989 über einem hohen Anteil von 25 % an Absolventen einer (Fach-) Hochschule verfügte und somit ein großes Potential an landwirtschaftlicher Kompetenz in ihren Reihen versammelte,2165 traten Angehörige der „Intelligenz“ hier weniger als meinungsbildende Akteursgruppe in Erscheinung. Erwähnenswert ist jedoch der anhaltende Austritt vieler „Intelligenzler“ ab dem Jahreswechsel 1989/90,2166 der deren Anteil bis zum Februar 1990 auf 17,7 % sinken ließ.2167 Betrachtet man allein die Träger eines akademischen Grades, lässt sich dieser Trend ebenso erkennen. Seit dem Jahr 1980 betrug der Anteil der Doktoren und Professoren an der DBD-Mitgliedschaft etwa 3,5 %.2168 Im August 1990 war er auf 2 % in der Gesamtpartei und auf 1,9 % im Landesverband Mecklenburg gesunken.2169 Besonders hoch war der Anteil der (Fach-) Hochschulkader auch im Februar 1990 noch in den Kreisverbänden Rostock (30 %), Bad Doberan (21,6 %) und Wismar (19,2 %).2170 Ein zu verallgemeinernder Zusammenhang zwischen den Anteil der „Intelligenz“ und der Reformorientierung der Mitgliedschaft lässt sich bei der DBD nicht erkennen. Bei der LDP(D) und auf der CDU(D)-Kreisebene sieht es jedoch anders aus. Scheinbar gibt es hier einen Zusammenhang zwischen Reformorien- 2163 Vgl. Bericht über die Tätigkeit der Parteikontrollkommission im Jahr 1988 vom 7.2.1989, SAPMO BArch, DY 16/445, S. 10. 2164 Vgl. Vorschlag von Intelligenzlern aus NDPD und LDP(D) zum Parteienzusammenschluss vom 30.11.1989, SAPMO BArch, DY 60/2757. 2165 Vgl. Matthiesen, Greifswald in Vorpommern, S. 593. 2166 Vgl. Informationsbericht des Bezirkssekretariats Rostock vom 22.12.1989, SAPMO BArch, DY 60/3181, S. 2 oder Einschätzung der politischen und organisatorischen Lage in der Partei vom 8.5.1990, SAPMO BArch, DY 60/2904. 2167 Vgl. Statistischer Jahresbericht 1990 Stand Februar 1990, SAPMO BArch, DY 60/3813. 2168 Handschriftliche Notiz zum Anteil der Doktoren und Professoren an der DBD-Mitgliedschaft in 5-Jahres-Schritten, SAPMO BArch, DY 60/3779. 2169 Vgl. Informationen zur Mitgliederstruktur vom 20.8.1990, SAPMO BArch, DY 60/3774. 2170 Vgl. Statistischer Jahresbericht 1990 Stand Februar 1990, SAPMO BArch, DY 60/3813. tierung2171 und „Intelligenz“. Indizien dafür liefern die CDU(D)-Kreis– verbände Greifswald, Wismar und Rostock-Stadt: Die Mitglieder dieser auffälligeren Kreisverbände der Christdemokraten haben mit 15,5 %, 16 % und 20,6 % jeweils überdurchschnittlich große Anteile der „Intelligenz“ in ihren Reihen. Andersherum meldet der relativ konforme LDP(D)-Kreisverband Stralsund als einziger seiner Partei, dass es für ihn schwierig sei, Angehörige der „Intelligenz“ für eine Mitgliedschaft zu gewinnen.2172 Insgesamt ist festzustellen, dass die LDP(D) in besonders hohem Maße von dem Einfluss der „Intelligenz“ geprägt wurde, die mit fast 24 % auch numerisch mit Abstand am stärksten bei den Liberaldemokraten vertreten war. Gemeinsam mit der Parteijugend waren es die Angehörigen dieser Gruppe, die die LDP(D) zu der am deutlichsten reformorientierten Partei gemacht haben. 2171 Zugrunde gelegt wird hier die Bewertung der KV im Kapitel 4.4. Kreisverbände. 2172 Vgl. Informationsbericht des KV Stralsund für den Monat März vom 11.4.1988, ADL, Bestand Bezirk Rostock, Nr. 33787, S. 2.

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References

Zusammenfassung

Die vier kleinen Blockparteien CDU(D), LDP(D), NDPD und DBD wurden zumeist einseitig interpretiert und häufig missverstanden. Für politisch engagierte Mitglieder waren sie weitaus mehr als die vielgescholtenen „Blockflöten“ – nämlich der größtmögliche legale Kontrapunkt zur SED und damit ein vermeintliches Mittel, um sich für eine demokratische DDR einzusetzen. Am Beispiel des Bezirks Rostock zeigt Luise Güth nach intensiver Quellenrecherche, wie innerhalb dieser Blockparteien die Hoffnung auf Reformen nach Gorbatschowschem Vorbild ab Mitte der 80er Jahre aufkam, für welche materiellen und ideellen Veränderungen sich die Mitglieder einsetzten und an welche Grenzen sie mit ihrem Engagement gestoßen sind. Dabei gab es erhebliche Spielräume für Mitglieder und Parteifunktionäre, auch von der SED-Linie abweichende Meinungen zu vertreten. In den Wendemonaten zeigt sich besonders anschaulich, wie sehr die SED auf loyale Systemkritiker wie den LDP(D)-Vorsitzenden Manfred Gerlach angewiesen war, um ihre sozialistische Bündnispolitik umzusetzen. Dass die aufrichtigen Hoffnungen vieler DDR-Bürger auf eine demokratische Umgestaltung eine feste Größe in der SED-Politik waren, lässt deren Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben der DDR heute in einem anderen Licht erscheinen.