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Reflexion der Reflexion der Psychiatrie in:

Wolfgang Gleixner

Krank-Sein als existentielle Gestalt, page 145 - 172

Einleitung in eine phänomenologische Anthropologie

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4107-9, ISBN online: 978-3-8288-6979-0, https://doi.org/10.5771/9783828869790-145

Tectum, Baden-Baden
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Reflexion der Reflexion der Psychiatrie Existentielle Reflexion der Reflexionen der Psychiatrie Vielfältig das Unheimliche, nichts aber – so in etwa hören wir bei Sophokles – erscheine dem Menschen unheimlicher als der Mensch selbst. Alles unterwerfe er sich, bändigt es zu seinem Nutzen. Nur, deuten wir es so, an seiner eigenen ihm wesentlich wirklichen Zerbrechlichkeit, seinem Dasein als Sein-zum-Tode scheitert er. - Und gerade deswegen staunen wir, nicht nur philosophisch, zu Recht über uns selbst.309 Sind irritiert und pertubiert. – Philosophisch staunen wir heute vor allem über unser, uns selbst gerade existentiell so radikal in den Blick nehmen können, ja sogar, so scheint es uns jetzt, in den Blick nehmen müssen. Selbst noch ein ‚bloß theoretische‘ Hinschauen auf ‚den Menschen‘, reflektiert sich als ein existentielles Erschrecken; als ein Schaudern vor sich selbst. Aber auch das ist wahr und bleibt nicht verborgen, das ist eine eigenartig, wortwörtlich überhebliche Reflexion! – Schauen wir weiter nur auf das, was sich uns selbst vorstellt. – Wir staunen also, man sagt, so beginne das Philosophieren, über unser Sein und Geworden-sein. (Wohin? Woher? Warum?) In unserem phänomenologischem Blick aber nicht nur unser bemerkenswertes wirkliches Da-und-So-sein!310 Sondern staunen auch über unser überhaupt so staunen können! Und so werden wir zu Recht durch uns selbst, durch uns als irritiertes Da-und-So-in-der-Welt-sein, immer wieder aufs Neue von Anfang an herausgefordert. Wortwörtlich ‚herausgefordert‘ aus unserem selbstverständlich scheinenden So-sein. Ein eigenartiger Selbstbezug. Reflexionen als Bedingung für unser Selbstverständnis. – Hier greift nun die Leistung der phänomenologischen Reflexion. Vorgestellt, verwirklich, als radikale Wahrnehmung der existentiellen Leistung der Reflexionen. Systematisch und immer wieder von Anfang an in den Blick gerückt! Ein Leisten, mit seinem Geleisteten, das sich selbst wieder als Möglichkeit eines Da-und-So-in-der-Welt-seins reflektieren kann. 1. 309 Z. B. Psalm 8,5 – 9 „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst. – Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. – du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände (…).“ Aber eben auch: Z. B. Psalm 49,11 – 13 „Denn man sieht: Weise sterben; genauso gehen Tor und Narr zugrunde, sie müssen anderen ihren Reichtum lassen. – Das Grab ist ihr Haus auf ewig, ist ihre Wohnung für immer, ob sie auch Länder nach ihren Namen nannten. – Der Mensch bleibt nicht in seiner Pracht; er gleicht dem Vieh, das verstummt.“ 310 Beispielsweise Teilhard de Chardin. Ihn berührt schon das wundersame der „extremen Evolutionsgeschwindigkeit“ der Menschheit. „Vor sicher nicht mehr als einer Million Jahren ist der Mensch isoliert und hilflos in einem Winkel der Erde aufgetreten. Und diese kurze Zeitspanne hat ihm genügt die ganze Ausdehnungsphase seiner phyletischen Entwicklung vollständig zu durchlaufen.“ (Das Auftreten des Menschen. Olten und Freiburg i. Br. 19642. S 330) 145 Und auch diese phänomenologisch nach vorne gestellte Möglichkeit, auch der unwillkürlich scheinenden ‚Reflexionen‘ meiner-selbst als So-in-der-Welt-sein, ist staunenswert. Staunenswert schon diesseits systematischen Philosophierens! Philosophisch kommen wir also ‚aus dem Staunen nicht hinaus! - Eine Möglichkeit, die sich selbst weiter zutreiben scheint; historisch, existentiell, die uns wirklich zu uns selbst zurück, oder nach vorn; nach oben oder unten, nennen wir es wie wir wollen, zwingt. Wahrhaftig, Philosophieren, radikal gesetzt, wird, folgerichtig, auf sich selbst als existentielle Reflexion aufmerksam. Das benennt, diese Form nun ausdrücklich methodisch gesetzt, den phänomenologischen Anfang (nicht unbedingt den Beginn) existentieller Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘. Dieser Anfang theoretisch gesetzt, wird phänomenologisch-existentiell auch anthropologisch praktisch relevant. Das macht auf eines Aufmerksam. Nämlich, dass sich für uns selbst, als Reflektierende, mit unserer lebensweltlichen Wirklichkeit, ‚das Theoretische‘, die Gestaltung philosophischer Reflexion, und das existentiell Praktische, das jeweilig wesentlich wirkliche So-in-der-Welt-sein, nur abstrakt (im Modus des ‚als ob‘) trennen lassen.311 Ich bin phänomenologisch als Reflektierender, für mich selbst, dieser bestimmte eine. Uns so im Blick, handeln wir phänomenologisch gerade als Philosophierende, als wesentlich wirkliches Da-und-So-in-der-Welt-sein. (Schon allein mit Blick auf die Konsequenzen, die Auswirkungen der existentiellen Reflexion). Die Ortschaft unseres wirklichen, existentiellen Philosophierens ist die Lebenswelt Großstadt. Hier und jetzt der Horizont unserer Reflexionen; für unser wesentlich wirkliches Da-und-So-in-der-Weltsein. Das gestaltet als selbstverständlich genommene Wirklichkeit die existentielle Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘ unseres, als wesentlich fragil erfahrenen, Daund-So-seins. - Schauen wir hier noch etwas genauer hin und uns zu. Im phänomenologischem Blick unser lebensweltlich wirkliches Da-und-So-in-der-Welt-sein. Das was wir für uns selbst immer schon ‚welt-anschaulich‘, beispielsweise, scheinbar wie unwillkürlich, medizinisch, psychologisch, auch theologisch, ästhetisch, vorstellen; und praktisch pragmatisch als unsere selbstverständlich Lebenswelt gestalten. Beispielsweise auch als Horizont für Widerfahrnisse, oder jeweilig selbst zu verantwortende Biographie leben. Gleich wie, phänomenologisch gelesen als willkürliche und unwillkürliche, horizontal und vertikal, biographisch und historisch verflochtene ‚Reflexionen‘, auch als Reflexionen der ‚Reflexionen‘, wesentlich wirklichen In-der-Weltseins. ‚Reflexionen‘, oder reflektierte ‚Reflexionen‘, die phänomenologisch nun von Anfang an zu reflektieren sind! – Reflexionen, die als Vorstellungen einer Wirklichkeit der ‚Reflexionen‘ eines Da-und-So-in-der-Welt-zu seins, natürlich existentiell reflektieren. Unabhängig von diesem oder jenem ‚Inhalt‘ oder dieser oder jener Per- 311 Diese Vorstellung (vielleicht sogar eine eigenartige Sehnsucht) nach philosophischer Reflexion des Wirklichen findet sich bei den unterschiedlichsten Autoren. Denken wir an die ‚Lebensphilosophie‘ Diltheys‘. Die Philosophie habe, so schreibt er beispielsweise, in Bezug auf die positiven Wissenschaften eine „reformatorische Bedeutung“. „Indem sie die Beziehungen der abstrakten Tatsachen zueinander in der ganzen Wirklichkeit entwickelt, enthält sie die Grundlagen, auf welchen diese Wissenschaften sich von der Isolierung der Abstraktion befreit, entwickeln müssen.“ Das ist, in unserem Sinne, die Vorstellung der Reflexion der (wissenschaftlichen) Reflexionen der ‚Reflexionen‘. (Vgl. Das Wesen der Philosophie. (hier) Stuttgart 1984) Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 146 spektive. Beispielsweise unabhängig davon, ob ‚ein kommender Gott‘ oder ‚die Wissenschaft‘ als rettende oder verhängnisvolle Vorstellung gesetzt werden. – Diese oder jene Reflexionen, wie immer eingeführt, bleiben als Reflexionen der ‚Reflexionen‘ (woher auch immer genommen) wirklich, aber als Geltungsbehauptung eingeklammert. – Wir schauen, so eingestellt, auf uns selbst. Vor allem nun auf unser uns, phänomenologisch-existentiell, als So-in-der-Welt-sein in den Blick nehmen können. – Offensichtlich ein Wollen und ein Können! Eines können wir nicht übersehen. Gleich welcher philosophischen Schule wir zuneigen. Schon unser allgemein uns tragendes Erkennen-wollen, also sich diesem oder jenem mit dieser oder jener Absicht zuwenden, beispielsweise, ‚etwas‘ in Erfahrung zu bringen, Einsichten gewinnen, eine Vorstellung bestätigen oder widerlegen zu wollen, u. ä, setzt existentielles Selbst-Interesse voraus. Konkret, mein, dein, unser persönliches Interesse. (Was meint dabei die Rede: ‚dieses oder jenes liege im allgemeinen Interesse‘?) Es beschäftigt mich und uns aus diesen oder jenen, wie man sagt, persönlichen Vorstellungen! Das ist kein naturgesetzliches ‚müssen‘, sondern ein eigenwilliges ‚existentielles können‘! Eigenartig genug, lassen wir uns darauf ein, ein geradezu ‚ treibendes, uns aufbrechendes, existentiell beunruhigendes Können‘! Das stellt phänomenologisch einen Zusammenhang vor, also, ohne uns um eine psychologische, soziologische, ökonomische Antwort zu bemühen, der uns selbst als bewegtes Da-und-So-in-der-Welt-sein ‚reflektiert‘. Jeder Versuch, das ‚zu Ende zu bringen, zeigt uns als eigenartig ‚haltloses‘ So-da-sein. Das scheint als existentieller Grund der Dichtung, der Religionen, Weltanschauungen, auch der Wissenschaften. Gleichsam die existentielle Oberfläche des Da-und-So-inder-Welt-seins; der man sich als Dasein nicht entziehen kann. Auch darüber wird es keinen Streit geben. Wir sind, gleich was wir tun oder lassen, für uns selbst immer Da, auch als wirklich gewordenes und werdendes, So-in-der- Welt-sein. Der Mensch selbst bleibt in seinem Blick. Mit was auch immer wir uns, auf welche Weise, zu welchem Zweck, beschäftigt haben und beschäftigen werden. Wissenschaftlich, ontologisch, theologisch, ästhetisch! - Mensch und Mensch-sein, phänomenologisch und wissenschaftlich willkürlich, zumeist aber unwillkürlich präsent! Praktisch wirksame Reflexionen, ob darauf ausdrücklich anthropologisch geachtet wird oder nicht. Beispielsweise, selbst noch ein nicht-wahrhaben-wollen, übersehen, verdrängen, unseres Geworden-seins und Werdens, reflektiert existentielle Möglichkeiten der Bewegungen, des Könnens, Vermögens, unseres So-Da-in-der-Welt-sein. – Hierher gehört auch die, anthropologisch invariant scheinende, Sorge um dieses oder jenes als Möglichkeit der Reflexion der ‚Reflexionen‘. Etwa, und das berührt hier im Besonderen, unser hintergründig hartnäckig sich ausdrücklich existentiell sorgen um sich selbst! Bis in die Träume und Wünsche hinein präsent! Dass diese existentielle Sorge, sich sorgen um, sich von unterschiedlichsten Lagen bewegen zu lassen, eine für ein In-der-Welt-sein konstitutive Bedeutung hat, zeigt sich gerade dort, wo sie zu fehlen scheint.312 312 Vgl. dazu Wolfgang Blankenburg. Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit. Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien. (1971) Berlin 2012. S 151 ff. 1. Existentielle Reflexion der Reflexionen der Psychiatrie 147 Phänomenologisch lesen wir Dasein von Anfang an nie anders als existentielles Da-und-So-in-der-Welt-sein. Wir selbst, als Da-und-So-in-der-Welt-sein, erfahren uns als wesentlich wirklich fragil, perturbiert. Und, genau aus diesem ‚Grunde‘, phänomenologisch existentiell irritiert. Zum Philosophieren gezwungen! - Das ist eine intensive, wortwörtlich auch praktisch bewegende Erfahrung von uns selbst.313 - Daran halten wir fest, weil wir es an uns selbst und mit uns selbst wahrnehmen. Wir führen es selbst, schon in und mit unserer alltäglichen Welt praktisch, auch unwillkürlich vor. - Unsere existentiell-phänomenologische (reflexive) Reflexion rückt diese anthropologisch wesentliche Wirklichkeit der ‚Reflexionen‘, (wem kann das zerbrechliche unseres In-der-Welt-seins verborgen geblieben sein), ausdrücklich als Grundfrage in unseren Blick. Gemessen an den großen Antworten aus der Vergangenheit sind diese ‚verstörten‘ Reflexionen, wenig beeindruckend. Sind aber, und damit kann philosophisch gearbeitet werden, immerhin wirklich unsere eigenen wenn auch ‚verstörenden‘ Leistungen. Verweise wirklich auf uns selbst! Nicht zu Letzt auf uns, die von Anfang an, als Krank-sein da sind. Das wird noch ausführlich beschäftigen. Phänomenologischen Reflexionen engen sich nicht, beispielsweise, psychologisch, biologistisch oder in einer anderen Form, als wissenschaftlich oder metaphysisch abstrakt ein. (Vergessen wir hier auch nicht, einschließlich dieser oder jener sich als endgültig setzenden idealistischen Vorstellungen). – Wir schauen phänomenologisch hin auf uns und schauen uns selbst zu. Auf uns selbst als wesentlich wirkliches, selbstverständlich auch leibhaftes, fragiles und irritiertes Da-und-So-in-der-Weltsein. Auf uns, die wir uns selbst, hier und jetzt gemeinsam, mit diesen und jenen Formen der Reflexionen unserer ‚Reflexionen‘, reflektieren. Wir selbst dürfen dabei als phänomenologisch Schauende, so Reflexionen reflektierende, nicht mehr aus dem Blick geraten. – Zunächst ein Blick auf das, uns wie von selbst als wirklich-wirklich vor-liegende. Wir erleben schon unsere alltägliche Lebenswelt (achten wir jetzt darauf) als herausfordernd vielgestaltig. Phänomenologisch als einen, schon der Form nach, offenen Zeit-Raum! Immer wäre da, schon für das Alltäglichste, noch diese oder jene Möglichkeit. Schon die normale, schlichte Lebenswelt habe eine, in mancherlei Hinsicht, bemerkenswerte Weite. Eine Weite, die das Dasein, denken wir an die ‚Sehnsucht‘, heftig bewegen kann. („Ach mein wildes Herz“!) Aber, man sagt, das liege eben ‚in der Natur des Menschen‘! (Was erklärt das?) - Trotz all dieser wirklichen Möglichkeiten, man mag sie beachten oder nicht, sind diese Erfahrung, in der Regel, zuerst und zumeist, keine für ein Dasein außergewöhnlichen, existentiellen Überforderungen. - Hier spannt sich im Übrigen der Raum der Kunst, der Literatur, Musik, des Tagtraums!314 Und auch das sind phänomenologisch wirklich existentielle Räume. – 313 Einschließlich der eigenartigen Erfahrung eines ‚noch nicht‘: „Nicht sind die Leiden erkannt,/nicht ist die Liebe gelernt,/und was im Tod uns entfernt,/ (Rainer Maria Rilke. Wandelt sich rasch auch die Welt) 314 Wer kennt das nicht: Sehnsucht „Es schienen so golden die Sterne,/Am Fenster ich einsam stand/Und hörte aus weiter Ferne/Ein Posthorn im stillen Land./Das Herz mir im Leibe entbrennte,/Da hab ich mir heimlich gedacht:/Ach wer da mitreisen könnte/In der prächtigen Sommernacht// Zwei junge Gesellen/Vorüber am Bergeshang,/Ich hörte im Wandern sie singen/Die stille Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 148 Wir werden Routine hin Routine her, vor allem durch den Alltag, die Normalität, herausgefordert! Von diesem da und jenem dort. Mehr oder weniger, fühlt der Mensch sich mit seiner ihm doch als vertraut angetragenen Lebenswelt angestrengt! Vielleicht sogar so, dass es ihm nicht einmal mehr zu Bewusstsein kommt. - Es scheint uns also ganz normal! Möglicherweise könnte mein Leib, wenn ich auf ihn hören würde: ‚ein Lied‘ von dieser alltäglichen Herausforderung singen. – Aber das gestaltet sich so, dass es in der Regel, das So-in-der-Welt-sein, die Ordnung, die Ordnungen der Lebenswelt nicht grundsätzlich, nicht ganz und gar, in Frage stellen lässt. Sagt uns einer: ‚ich bin so im Stress, ich weiß momentan nicht mehr wo mir der Kopf steht‘!315 Oder: ‚dies oder das mache ihn völlig krank, völlig fertig‘! Oder sein Aufschrei: ‚bin ich denn hier im Irrenhaus‘! Oder: ‚das kann doch nicht wahr sein, das ist wohl ein Alptraum‘? - wissen wir, (wiederum) in der Regel, wie wir es zu nehmen haben. (‚Es renkt sich schon wieder ein‘! ‚Bleib cool‘!) - Hier lassen wir etwas anthropologisch sehr bedeutsames noch auf sich beruhen. Nämlich, dass uns dieses alltägliche, belastende Angestrengt-sein, möglicherweise sogar, ein existentielles Überfordertwerden, uns selbst aus dem Blick geraten kann. Uns aber trotzdem reflektiert. Uns und unser Da-und-So-in-der-Welt-sein gerade so phänomenologisch als Kranksein vorführt. Gerade als eigenartig verdeckt, verzerrt, maskiert, verdunkelt. – Bleiben wir noch bei dem, was sich uns selbst, an uns selbst, schon alltäglich, lebensweltlich zeigt. Wir fassen und gestalten in der Regel diese Herausforderungen, als Probleme, Spannungen, als nur faktisch (beispielsweise) unentschiedene Fragen oder An-Fragen; als trotz allem, reparable Störungen, bloß zeitlich, räumlich begrenzte Defekte von diesem oder jenem; als mehr oder weniger zufällige, aber irgendwie erklärbare, ‚Unordnung‘ meiner, unserer Lebenswelt. Oder, als vorübergehende Störung von Daseinsmöglichkeiten; vielleicht sogar irgendwie als persönliches Versagen; (nicht selten dissoziiert) oder einer momentanen Verfassung geschuldet; oder Besonderheiten einer Biographie, u. ä. (‚Einsicht ist der erste Schritt, zur Besserung‘! Oder: ‚Wenn ich nur etwas mutiger wäre‘! ‚Ich kann einfach nicht über meinen Schatten springen‘! ‚Meine Eltern haben bei meiner Erziehung versagt‘! ) – Diesen vor unseren Augen liegenden Hinter- oder Untergrund unseres Daseins im Blick, wir als wirkliches Da-und-So-in-der-Welt-sein, entfalten wir nun phänomenologische Reflexion der medizinischen, psychiatrischen Anthropologien. Wer es überhaupt sehen möchte, kann es sehen! Gerade deswegen berührt es eigenartig, dass diese Reflexionen auch innerhalb einer philosophischen Anthropologie, um von der philosophischen Grundlagenforschung zu schweigen, kaum beachtet werden. Die nicht nur theoretische Bedeutung dieser Perspektive liegt auf der Hand! Von dort her bestimmen sich nämlich nicht nur die, dem Menschen zunächst abseitig scheinenden, Vorstellungen anthropologischen Randzonen. (‚Was hat das mit mir zutun‘?) Etwa Gegend entlang:/Von schwindelnden Felsenschlüften,/Wo die Wälder rauschen so sacht,/Von Quellen, die von Klüften/Sich stürzen in die Waldesnacht.// Sie sangen von Marmorbildern,/Von Gärten, die über´m Gestein/In dämmernden Lauben verwildern,/Palästen im Mondenschein,/Wo die Mädchen am Fenster lauschen,/Wann der Lauten Klang erwacht/Und die Brunnen verschlafen rauschen/In der prächtigen Sommernacht.“ (Joseph von Eichendorff) 315 Auch die ‚Langeweile‘ gehört im Übrigen hierher. 1. Existentielle Reflexion der Reflexionen der Psychiatrie 149 auch, die Beschreibungen von all dem, was wir, davon gehen wir aus, normalerweise nicht sind. Von diesem oder jenem krankhaften Verhalten. Von Verrücktheiten, mit denen ‚der Mensch im Allgemeinen‘, davon sind wir überzeugt, nichts zu tun habe. - Wir setzen diese ‚medizinischen Reflexionen‘ phänomenologisch als philosophischen Stab und Stecken für unser Selbstverständnis, für unsere existentiellen Reflexionen. Also, als anthropologisches Maßnehmen der wirklichen existentiellen Weite unseres Da-und-So-in-der-Welt-seins. Nicht nur als Blick auf absonderlich krankhafte Möglichkeiten, als bedauerliche Ausnahmen, (‚das gibt es leider auch, hat mit unsereinem aber Gott sei Dank nichts zu tun‘!), sondern als Wahrnehmung selbstverständlich anthropologischer Ordnungen. Vorstellungen, die uns jederzeit als wirklich umfassen. Es sind Möglichkeiten, der wirklich wesentlichen Weite unseres Da-und-So-seins. - Eine Plastitzität des Menschseins, die, soweit wir sehen, immer wieder Erstaunen hervorgerufen hat. Von uns selbst wird also auch in diesem Falle zu sprechen sein! Schon allein weil es für ein wirkliches Selbstverständnis, eine Reflexion, des als ‚gesund‘ oder ‚krank‘ gesetzten, also auch medizinisch begriffenen, Da-und-So-in-der-Welt-seins braucht. - Die phänomenologisch existentielle Form kennen wir. Nämlich die wesentliche Wirklichkeit umfassende, existentielle Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘! Die Umständlichkeit phänomenologischer Arbeit, darf dabei nicht schrecken. Eines darf nie aus dem Blick geraten. Die existentielle Phänomenologie denkt sich nicht als Neuauflage einer ‚philosophischen Medizin‘. Beispielsweise: ‚Gesund werden mit Philosophie‘ Eine Vorstellung, die unseren theoretisch und praktisch existentiellen Reflexionen fern liegen. - Existentielle Phänomenologie begreift sich nicht als eine ‚weisheitlich ausgerichtete Heilkunst‘. Oder als eine, verdeckte oder offene, Rückwendung zu einer ‚romantischen Medizin‘ (denken wir an Schelling). Das sind Vorstellungen, die eine naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin, ihre unbestreitbaren Erfolge, ihre empirische Gestaltung, unangemessen zu relativieren versuchen.316 – Das kann nicht Absicht phänomenologischer Reflexion sein! Eine, so spekulativ ausgerichtete Medizin wäre sogar das ‚glatte‘ Gegenteil unserer phänomenologischen Vorstellung. Man denke hier nur an das phänomenologische Prinzip aller Prinzipien. – Wir blicken auf uns selbst und unsere philosophische Absicht. Das ist ein nüchternes, möglichst unvoreingenommenes Wahrnehmen der für uns anthropologisch wesentlichen Wirklichkeit. Wahrnehmen, des wirklich wesentlichen Umfangs, unseres wesentlich wirklichen Da-und-So-in-der-Welt-seins. Etwas zugespitzt: existentielle Phänomenologie als im Grunde reflexive Reflexion der anthropologischen Reflexionen der Medizin, der Psychiatrie, der Psychologie. Durchaus, wenn man es so sagen möchte, als Gestaltung, als Angebot für einen ‚phänomenologischen Positivismus‘.317 Und damit eingeführt als phänomenologisch anthropologische Grundlagen- Forschung unseres (eben wesentlich wirklichen) Da-und-So-in-der-Welt-seins. Geleistet mit Blick auf uns selbst! Von uns selbst gemeinsam als wesentlich-wirklich re- 316 Dafür steht, ich glaube man kann es so lesen, Paul Feyerabend. 317 Vgl. meine Arbeit: Die transzendentale Phänomenologie als philosophische Grundlagenforschung. Vorarbeit zu einem phänomenologischen Positivismus. Berlin 1986. Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 150 flektiert, geschaut, erarbeitet; - einschließlich einer letztmöglichen Weite, ein anthropologischer Umfang, als Reflexion der Reflexionen, der sich den Menschen so und so zuwendenden Wissenschaften. – Medizin, Psychiatrie, auch Psychologie, diese Fachwissenschaften und unsere existentielle Phänomenologie bleiben von Anfang an ausdrücklich streng und von der ‚Sache‘ her unterschieden. Theoretisch und praktisch! - Die phänomenologische Reflexion der Reflexionen der Psychiatrie, der Medizin, der Psychologie, gelesen als reflexive Vorstellungen eines So-in-der-Welt-seins, ist wesentlich, und das kann sachlich nicht anders sein, eine existentielle Reflexion der Reflexionen, der Vorstellungen, ‚der Sachen‘, der Psychiatrie, Medizin, Psychologie. – Das sind also, von Anfang an, unterschiedliche Konstitution, einer ausdrücklich je eigenen, als anthropologisch begriffenen Lage. - Wir sind, auch das gehört nicht nur nebenbei hierher, ausgerichtet auf die Gestaltung des Geltungsanspruchs phänomenologisch existentieller Anthropologie. Letztmöglich gestaltet als reflexive Reflexion. Das ist nicht nur eine mögliche Reflexion (Form, oder Gestaltung) neben anderen möglichen Reflexionen. Wir entwerfen mit diesem phänomenologischen Selbstbezug die letztmögliche Fundierung als ausdrücklich anthropologisch existentielle Vorstellung der Philosophie. – Philosophie, Kunst, Religion, Wissenschaft sind immer, wirklich immer, ‚letztmöglich‘ Gestaltungen innerhalb unseres existentiellen Horizonts. Wir sind also ausgerichtet und eingestellt auf phänomenologische Reflexionen der wesentlichen Grundlagen unseres wirklichen Mensch-seins. Eine Ausrichtung und Einstellung, die sich als reflexive Reflexion selbst ins Auge fasst. - Wir können nun in keinem Falle mehr, - in unserem Rücken ausdrücklich die Geschichte der Reflexion,- uns selbst und der existentiellen Bedeutung für ‚Welt‘ und ‚Selbst‘ ausweichen. - Dieses Selbstverständnis ist nicht etwas dem Dasein unbegründet, philosophisch willkürlich zugeschriebenes.318 – Im phänomenologischem Blick die letztmögliche, ausdrücklich nicht unbedingt letztgültige Entfaltung wirklichen Wesen für Da-und-So-in-der-Welt-sein.319 (Letztgültig! Wer kann darüber schon allen Ernstes sicher Auskunft geben?) - Da ist offensichtlich und selbstverständlich, die Erfahrung unserer wesentlichen Wirklichkeit als In-der-Welt-sein da zu sein. So und nicht anders. Diese Wahrnehmung, diese Erfahrung, unseres Da-in-der-Welt-sein als Horizont für alle möglichen Horizonte. - Und gerade zu diesem als ‚notwendig‘ gesetzten, fundamentalen Horizont selbst gehört 318 Denken wir hier, in diesem Zusammenhang, an die ‚mitreißenden‘ Vorstellungen Teilhard de Chardin. „Es finden sich noch einige Physiker, die sich über ‚die Anmaßung des Menschen, sich in der Welt eine unerklärliche Überlegenheit beizumessen‘ lustig machen. Ich bin überzeugt, in einer Generation wird die von den Gelehrten übernommene Einstellung die J. Huxleys sein, der erklärt, der Mensch ist der höchste, der reichste, der bedeutungsvollste der unseren Forschungen zugänglichen Gegenstände, weil in ihm für unser Erkennen die kosmische Evolution derzeitig kulminiert – die durch unsere Reflexion hindurch ihrer selbst bewusst gewordene Evolution.“ (Die Schau in die Vergangenheit. Olten und Freiburg i. Br. 1965. S 332) 319 Das ist, soviel sollte schon deutlich geworden sein, kein spekulativ aufgeladener ‚Wesens-Begriff ‘; ein Begriff von dem Gerhard Roth glaubt sagen zu müssen: dass schon die „Frage nach dem Wesen (…) einer der fatalsten Ansätze in der Wissenschaft ((wäre)). Das Wesen existiert nicht, (…).“ (In: Kunstforum International. März – Juni 1994. S 137) 1. Existentielle Reflexion der Reflexionen der Psychiatrie 151 nun auch unsere Fragilität und Endlichkeit. Gehört wesentlich wirklich Krankheit, gehört Krank-sein und Tod. Paradox? Zumindest eigenartig! Und trotzdem sagen wir, selbst das sei eben auch in unserer Ordnung! – Und die Konsequenz? Das Umgreifende scheint nicht das (Heideggerische) Sein, oder das Schicksal, oder der Gott oder die Götter zu sein. Das fordert philosophisch wirklich heraus: dass alles ‚Schwindende ausgerechnet uns die Schwindesten‘ zu brauchen scheint!320 – Durchgeführt werden diese Reflexionen der Reflexionen und die reflexive Reflexion als unspektakuläre Arbeitsphilosophie. Das ist ein philosophisch systematisches Arbeiten, das sich selbst vor allem als Prinzip phänomenologisch reflexiver Reflexion, immer von Anfang an, radikal herausfordert. Sich selbst nicht zur Ruhe kommen lässt. Und so als (sagen wir es mit der Tradition) ‚phänomenologische Sachforschung‘ immer mit Blick auf sich selbst, in ‚anthropologischer Bewegung‘ bleibt. Mit allen geltungstheoretischen Konsequenzen! Grundsätzlich kann unser philosophisch phänomenologisches Hin-Schauen also wirklich in keinem Fall zu einer irgendwie dogmatischen Festigkeit, einer unbedingten Gewissheit kommen. – Im Übrigen, das aber hier nur nebenbei, als eine persönliche Anmerkung, - wünsche ich mir als phänomenologisch Arbeitender, als so Reflektierender, keine ‚innere Ruhe‘; keine wie auch immer gestaltete ‚gelöste Harmonie‘ (‚Verweile doch‘!). - Existentielle Unruhe solle für den Menschen sein und bleiben, gerade um seiner selbst-willen. Das sind Denkbewegungen, wie immer wir uns drehen und wenden, diesseits aller Theologie. Unsere unentwegten philosophischen, wissenschaftlichen, literarischen, Suchbewegungen - gestaltet als eigenartig Suchbewegungen nach uns selbst. Und diese so oder so bewegte Gestaltung eines So-Da-seins gehört ihm wesentlich zu; Ausdruck einer Normalität. (Psychoanalyse hin, Psychoanalyse her!) Wer sich selbst nachspürt wird dem zustimmen: Unruhig bleibt mein Herz! Und wir sagen: ‚Gott sei Dank‘! Also kein Fluch! Sondern als ein, dem Dasein als notwendig zugehöriger, geradezu ‚wunderbarer Zustand‘! - Dieses radikal auf uns bezogenes Philosophieren fassen wir also als Absicht und als endlos gerichteten Auftrag. Hier scheint nun wirklich zu gelten: der Weg, das Philosophieren, ist schon das Ziel! Wir setzen Phänomenologie, so ausgerichtet, ausdrücklich existentiell. Das ist als phänomenologische Anthropologie. Nicht willkürlich, nicht beliebig! Sondern als ein von der ‚Sache‘ her gefordertes anthropologisches Verständnis. Der mit der Geschichte der Phänomenologie nur ein wenig vertraute, konnte eines nicht übersehen. Es darf nicht verschwiegen werden. Diese existentielle Perspektive scheint weder den phänomenologisch strengen Vorschriften Husserls noch dem fundamental-ontologischen Anliegen Heideggers (um nur diese zwei zu nennen) zu entsprechen.321 – 320 Da drängt sich nicht nur dem Philosophierenden die Frage Rilkes auf: „Wer hat uns also umgedreht, dass wir,/was wir auch tun, in jener Haltung sind/von einem, welcher fortgeht? Wie er auf/dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal/noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt -,/so leben wir und nehmen immer Abschied.“ (Die achte Elegie) 321 Vergessen wir aber eines nicht. Husserl selbst hat diese ‚strenge, rücksichtslose Sachforschung‘ gefordert. Denken wir an seine bekannte Forderung: „Nicht von den Philosophien sondern von den Sachen und Problemen muss der Antrieb zur Forschung ausgehen.“ (Logos. S 340) Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 152 Wir bleiben systematisch ausgerichtet. In unserem Blick von Anfang an die Einrichtung einer phänomenologischen Anthropologie als philosophische Grundlagen- Forschung. Eine phänomenologisch fundierte Reflexion als reflexive Reflexion, die die wesentlich wirkliche Wirklichkeit, die angemessene Weite des Da-und-So-in-der- Welt-seins, von den ‚existentiellen Randzonen‘ her zu fassen und zu fundieren sucht.322 (Ob wir diese wirklich, sozusagen ‚handgreiflich’ sicher erreichen oder auch nur hinreichend befriedigend vermessen können? - steht auf einem anderen Blatt!).323 Zumindest aber eines scheint sicher: soweit uns unsere Reflexion trägt, bewegen wir uns auf festem Grund. – Und weiter. Phänomenologische Reflexion reflektiert die medizinischem psychiatrischen Reflexionen, gleich woher, gleich mit welchem Ziel, als Vorstellungen, als Reflexionen von ‚Reflexionen‘ unsere leibhaften Erfahrungen. Immer, es kann gar nicht anders sein, als existentielle Bewegung im Horizont unseres Da-und-So-in-der-Welt-seins. Es sind also für uns, gleich wohin der Blick auch immer gehen mag, mit welchen Methoden auch immer gestaltet er sich vorführt, existentielle Vorstellungen; d. i. Erfahrungen unser selbst für uns selbst. Und gerade so für uns, wesentlich wirkliche Wirklichkeit. So reflektieren wir aber nicht nur unterschiedlich erfahrenes, gesetztes, gedeutetes In-der-Welt-sein. Etwa auch mit Blick auf Dinge, Sachen, Gegenstände, Symptomen, Daseins-Lagen. Kurz, alles Mögliche an so und so vorgestellten, gesetzten ‚Welt- Dingen‘; einschließlich nun der ‚reflektierten‘ Krankheiten von diesem oder jenem. Sondern wir reflektieren, so gestaltet, so ausgerichtet, immer auch uns selbst als diese phänomenologisch Reflektierenden dieser Reflexionen. Und so eingestellt als sich selbst existentiell entwerfende. – Der uns dabei immer wieder aufs Neue herausfordernde, beunruhigende Anfang phänomenologischer Reflexion der Reflexionen, ist die phänomenologisch geschaute, unterschiedlich gesetzt (denken wir nun vor allem an die medizinischen Wissenschaften) ‚irritierende weite‘ Wirklichkeit unseres Daseins; unser, so oder so oder so, - immer aber wesentlich wirkliches In-der-Welt-sein. – 322 Husserl selbst ist (der Ordnung seines philosophischen Denkens gemäß) nur selten und wie nebenbei, an die existentiellen (und psychopathologischen) Randzonen des Menschseins aufmerksam geworden. Randzonen von denen, wie ich glaube, nicht nur (irgendwie) ein ‚anderer Blick‘, sondern die Weitung des Wesenshorizonts unseres So-in-der-Welt-seins möglich wird. Radikales Philosophieren ist nicht wirklich möglich ohne anthropologische Selbstvergewisserung; und – Anthropologie ist nicht möglich ohne Ausschau halten nach diesen Weitungen unseres Daseins. 323 Jaspers spricht (schon) in seiner Psychopathologie vom ‚Umgreifenden‘. Es sei „das Sein an sich (Welt und Transzendenz) oder das Umgreifende, das wir sind.“ Das ist phänomenologisch zu weit vorgewagt. Aber in dem Folgenden können auch wir uns vorläufig finden. „Unser Denken kann mehr berühren und vergegenwärtigen, als es zum Objekt der Erkenntnis machen kann. Diese Vergegenwärtigung vermehrt nicht unser Wissen von Gegenständen, sondern lehrt uns, den Sinn und die Verwendbarkeit dieses Wissen in seinen Grenzen zu sehen. Aus dem Umgreifenden tritt alles Gegenständlich an uns heran, kommt aus ihm entgegen, zeigt das Sein in Perspektiven und Aspekten notwendiger und allgemeingültiger, daher erkennbarer Art. Aber das Umgreifende, in der Erscheinung der fortschreitenden Erkenntnis immer reicher und vielseitiger sich zeigend, weicht als es selber, immer ungegenständlich bleibend, zurück.“ (Allgemeine Psychopathologie. Vierte völlig neu bearbeitet Auflage. Berlin und Heidelberg 1946. S 632) 1. Existentielle Reflexion der Reflexionen der Psychiatrie 153 Unsere Lage an dieser Stelle ist diese. Wir leisten phänomenologisch Reflexion der Reflexionen und reflexive Reflexion theoretisch und praktisch entlang der existentiellen Vorstellungen der wirklich weit gespannten Möglichkeiten unseres Da-und- So-in-der-Welt-seins. Eine existentielle Phänomenologie mit Blick auf die Randzonen unseres Da-und-So-in-der-Welt-sein. Die Leitfäden für unsere Reflexionen nehmen wir aus Medizin, Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse. – Ein problematischer Zirkel? Wir werden sehen! Vorläufige Kritik an der Phänomenologie der Psychiatrie Wir bewegen uns ausschließlich phänomenologisch. Eine existentiell anthropologische Ausrichtung. Entsprechend auch die Methoden und der Anspruch. Und in unserem Blick sind wir vor allem selbst als wesentlich wirkliches Da-und-So-in-der-Weltsein. Von diesem phänomenologischen Horizont aus, reflektieren wir die ‚anthropologischen Vorlagen‘ der medizinischen Wissenschaften. – Offensichtlich scheint das für Medizin, Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse alles andere als beruhigend selbstverständlich, als wissenschaftlich vertrauensweckend. Wer sollte dies diesen (in allem Ernst) erfolgreichen Wissenschaften auch ernsthaft verdenken? (‚Wunderbar, dass hier auch noch die Philosophie das Wort ergreift! Darauf haben wir nur gewartet‘!) - Kurz, auch über unser uns so theoretisch und praktisch ‚in Stellung bringen‘, systematisch, geltungstheoretisch, anthropologisch, existentiell, ist durch uns selbst, eigens zu verhandeln. Ausdrücklich aber, nicht um uns vor den medizinischen Wissenschaften zu rechtfertigen, um für uns zu werben, uns etwa dort anzubieten. Sondern wir leisten dies immer mit Blick auf den eigenen Anspruch phänomenologischer Reflexion der Reflexionen. – Im Übrigen, vergessen wir es nicht, ist diese Reflexionsfigur der reflexiven Reflexion uns durchaus philosophisch schon historisch vertraut. – Da ist die, mit der Tradition philosophisch nach vorne drängende Frage: nach dem was Philosophie, das Philosophieren überhaupt (und auch praktisch) zu leisten habe und überhaupt leisten könne. Schon allein die, sich nicht selten wiedersprechende Vielfalt der Philosophien, fordert philosophisch heraus. Oder denken wir an den (oft genug berechtigten) Vorwurf der ‚weltfremden Abstraktion‘ des Philosophierens.324 - Und, in unserem Falle auch, von woher die Phänomenologie zu diesen, offensichtlich ‚fachfremden‘, Reflexionen beauftragt sei? Sollten wir uns selbst nicht daran erinnern: Schuster bleib bei deinen Leisten! (Ich frage: und was genau wäre das denn, bei dem ich phänomenologisch bleiben solle?) – Und als ob das nicht schon genug an Herausforderungen wäre, kommt noch etwas hinzu. Etwas, mit den Wissenschaften gedacht, eben ganz und gar nicht Selbstverständliches. Eine Haltung, die die Bedenken der Wissenschaften (vor allem der Naturwissenschaften) verschärft. Und die uns, in al- 2. 324 Karl Jaspers schreibt mit Blick auf Heidegger: „Wer sich nur mit dem Letzten beschäftigt, pflegt um sich selbst zu kreisen. Das Überspringen der Gehalte der Welt vermag einen Augenblick das tiefste Geheimnis zu berühren, aber lässt sogleich praktisch in die Egozentrizität verfallen. (…) Aber wir können nur in der Mitte, von der Mitte her zu leben, - angewiesen auf die konkreten Gehalte.“ (Notizen zu Martin Heidegger. München. Zürich 1978. S 92) Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 154 lem Ernst gesprochen, phänomenologisch sogar durchaus nachvollziehbar scheinen! - Es ist dieser, also nicht nur aus der Perspektive der Wissenschaften, außergewöhnliche, als unbedingt, oft genug geradezu ‚dogmatisch’ vorgetragene, Selbstbegründungsanspruch der die neuzeitliche Philosophie trägt. Ein Anspruch, so scheint es, den ein Philosophieren, will es Philosophieren bleiben, eben nicht unberücksichtigt beiseitelegen kann. – Das ist sicher nicht etwas, das mit ‚leichter Hand‘ auf den Weg zu bringen wäre. Durch einige Hinweise überzeugend, zustimmend oder zurückweisen, demonstriert werden könnte. – Beschränken wir uns daher. Und belassen es, das im Blick, bei folgenden Fragen. Fragen, die aber nun wiederum uns selbst in den Blick rücken. Ob wir, die wir uns phänomenologisch existentiell, man wird sagen selbstbezüglich ‚relativ‘ zu fassen, zu beschreiben, sogar grundzulegen, suchen, - so anthropologisch ausgerichtet, dazu noch auf Randzonen unseres Daseins, überhaupt normative Vorlagen, wissenschaftlich gültige Vorschriften, Vorlagen, für unser wirkliches In-der-Welt-sein setzen können. Und in diesem Zusammenhang auch: ob eine so abstrakt scheinende Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘ überhaupt irgendeinen praktischen, beispielsweise diagnostischen oder therapeutischen Anspruch anmelden könne. (‚Wenn nicht, wozu dann der Aufwand? Das führt uns doch aus der lebensweltlichen Wirklichkeit hinaus! Was nutzen abstrakte Konstruktionen für eine wirkliche Welt‘!) - Zunächst diese, möglicherweise überraschend, simpel anmutende Antwort. Eines dränge sich nämlich als Herausforderung auf. Lassen wir uns phänomenologisch ‚theoretisch‘ hin-schauend darauf ein, verschärfe sich diese zu einer existentielle Dringlichkeit, zu einer irritierend wuchtige evidenten Einsicht. Es gehe sowohl theoretisch als auch praktisch wirklich um uns selbst. - Und wie immer wir uns winden, beispielsweise uns streng wissenschaftlich positionieren, es ausschließlich aus der Perspektive der reinen Vernunft betrachten, - wir können uns selbst letzten-endes, in keinem denkbaren Fall ausweichen. Uns also irgendwie nur theoretisch, objektiv, wissenschaftlich abstrakt, gleichgültig, in den Blick nehmen. – Es sind phänomenologisch gelesen, wortwörtlich immer unsere Reflexionen, Leistungen von uns als ‚reflektierendes‘ Da-und-So-in-der-Welt-sein, die es existentiell zu reflektieren gilt. Aber diese phänomenologischen Vorstellungen bleiben, trotz ihrer existentiellen Radikalität, ihrem sich, wie zwanghaft, immer breiter gestalten müssen und sollen, ihrem immer wieder Scheitern mit den Versuchen, sich selbst in eine endgültige Form zu bringen, bleiben, sage ich, als das Dasein herausfordernde Reflexion der Reflexionen, ausdrücklich immer auch methodisch ‚sachbezogen‘! Oder so: Phänomenologische Forschung bleibt in jedem Fall strenge Philosophie!325 – Phänomenologisches Arbeiten ist korrelativ gestaltet. So gilt gerade für den Phänomenologen im Besonderen, man müsse am Leben praktisch teilnehmen, um das Leben überhaupt theoretisch erforschen zu können. So in etwa Viktor von Weizsäcker. 325 Kunst, vor allem Literatur und Philosophie sind gemeinsam auf die ‚Erforschung‘ unseres Da-und- So-in-der-Welt-sein ausgerichtet. Ja, sie gehören, in einer gewissen Weise zusammen. Wer es sehen möchte sieht es: sind aufeinander eingespielt, zueinander ‚durchlässig‘. - Gerade diese existentielle Nähe fordert es aber klar und deutlich die jeweiligen Eigenarten zu markieren; die Unterschiede nicht einzuebnen. 2. Vorläufige Kritik an der Phänomenologie der Psychiatrie 155 - Für unser Arbeiten ist das nicht nur methodisch Stab und Stecken! Erfahren wir doch sogar unsere existentiellen Reflexionen der Reflexionen der ‚Reflexionen‘ als ausdrücklich praktisch. Unsere Erfahrungen ‚reflektieren‘ auch in diesem, nicht gerade alltäglichen Fall, uns und unser wesentlich wirkliches In-der-Welt-sein. Und wir können selbstverständlich auch diese Reflexionen selbst wiederum (iterativ) reflektieren. – Und so werden die unterschiedlichsten Dinge, Gestalten, Gestaltungen, Sachlagen, Vorkommnisse, auch Deutungen, Phantasien, Theorien, (u. ä.) konsequent in unserem existentiell-phänomenologischem Fokus reflektiert. In dieser Gestalt können wir uns selbst, (und das ist, achten wir darauf, für die Gegenwartsphilosophie herausfordernd), nicht nur im Horizont einer abstrakten Anthropologie, sondern phänomenologisch wirklich als existentielle Anthropologie reflektieren. Wir entwerfen, diese Reflexionen entschieden existentiell reflektiert, einen letztmöglichen Überblick über wesentlich wirkliches In-der-Welt-sein. Das sind nicht nur theoretisch objektiv gerichtet Erkenntnisse. Sondern vorgestellt als praktisches, durchaus auch als ‚normativ‘ geführtes Setzen, Gestalten, Ordnen, - für uns als irritiertes und perturbiertes Da-und- So-in-der-Welt-sein. Dass das aber trotzdem nicht als ‚ethische Vorlage‘ zu denken sei, sei eigens unterstrichen. – Verdichten wir nun diese phänomenologischen Vorstellungen. Wir schauen also hin auf unser phänomenologisches Hinschauen; auf unsere existentiellen Erfahrungen, Einstellungen; auf unsere ganz offensichtlich, vielgestaltigen Reflexionen der ‚Reflexionen‘ unseres In-der-Welt-seins. Wir sind dabei zugleich theoretisch und praktisch ausgerichtet. Und das ausdrücklich ohne spekulativen Verrenkungen, oder, gestützt auf irgendeine aus der Tradition entnommene (philosophische, wissenschaftlich) Geltungsbehauptung. - Einem können wir dabei nicht mehr ausweichen. Dieses phänomenologische Schauen bleibt in jedem Fall unser Schauen. - Zu unserer existentiell breit gesetzten, anthropologisch aufgefächerten, und methodisch geschauten ‚phänomenologischen Sache‘ gehören auch, zunächst gleich woher auch immer genommen, Bedenken, Kritik und Selbst-Zweifel. Das ist für uns als wirkliches Da-und-So-sein wesentlich. – Und so drängt sich also, dies nicht weggedrückt, eine weitere Frage auf und fordert Aufmerksamkeit. Gesetzt als existentielle Herausforderung! Als grundsätzliches, nicht bloß spielerisch eingeführtes, sondern methodisch geordnetes Hinschauen auf den phänomenologischen Anspruch. Dieser fundamentale Anspruch, anthropologische Grundlagenforschung für unser Da-und- So-in-der-Welt-sein auszurichten. - Gleich wie das Ergebnis also sei, - uns praktisch fördert oder theoretisch hemmt; oder vielleicht sogar, philosophisches Scheitern überhaupt vor Augen führt. Phänomenologie darf diese Vorstellungen der Reflexion der Reflexion der ‚Reflexionen‘ nicht übergehen. Weder theoretisch noch praktisch! Dieser Anspruch, philosophisch letztmögliche Grundlagenforschung der Anthropologie überhaupt zu sein, wäre nämlich damit vernichtet. Von Anfang an! Und selbstverständlich, - auch aus der Perspektive der Psychiatrie, der Medizin oder der Psychologie, - denkt sich dieses sich radikal selbst in Augenschein-nehmen phänomenologischer Reflexion, mitsamt den damit verknüpften Ansprüchen, sicher als sehr wünschenswert. - Wie weit aber trägt eine so gerichtete existentielle Reflexion? Nun, gleich wie weit, aus welcher Perspektive auch immer betrachtet, ist dies ein für phänomenologisches Philosophieren selbst unbedingt ‚notwendiger‘ Zug. Das steht näm- Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 156 lich auf dem Spiel: Die Phänomenologie führt sich selbst entweder als anthropologische Grundlagenforschung ein oder eben philosophisch als ‚unmöglich‘ vor. (Beides wäre mir im Übrigen recht und würde uns beredt existentiell reflektieren). - Wie immer die Ergebnisse gelesen und gedeutet werden. Von uns werden sie in jedem Fall gesetzt, als notwendige Voraussetzung für jede weitere ernstzunehmende Entfaltung der phänomenologischen Reflexion; einschließlich der Reflexionen, der medizinischen, psychiatrischen, psychologischen Reflexionen. – Denken wir nun, in diesem Zusammenhang, noch eine weitere wissenschaftstheoretisch mögliche Anfrage an diese existentiellen Vorstellungen. Als, mit welchem Recht, auf welcher allgemein überprüfbarer Grundlage, eine sich existentiell fundierende Phänomenologie, als eine nicht-wissenschaftliche Philosophie, (und das ist ja tatsächlich unser Anspruch), sich auf diesen theoretisch und praktische wissenschaftlichen Feldern bewege. Sich sogar, so mag es nicht nur von den Medizinern erlebt werden, als meta-theoretische Reflexion der Medizin aufspiele? Kurz, sich ungefragt, zu medizinischen Fragen äußere.? (Beispielsweise: der kranke Mensch; Kranksein; aus der Normalität fallen, u. ä.) Wir ‚philosophischen Phänomenologen‘ seien doch weder medizinisch noch psychiatrisch kompetent! u. ä. Dieser Vorwurf, er hat wirklich was für sich, wird uns in jedem Falle weiter begleiten. Fragen wir selbst phänomenologisch konkreter, kritischer, radikaler wer und was legitimiert uns vor uns selbst, uns existentiell sich ausrichtende Philosophen, sich zu psychiatrischen, medizinischen Fragen, - im weitesten Sinne sind das tatsächlich ‚naturwissenschaftliche‘, Angelegenheiten, Sach-Lagen, Vorstellungen, - phänomenologisch zu äußern? Wobei, existentiell als subjektiv und subjektiv als bloß relativ gelesen werden könne. Man dürfe sogar fragen: ‚Ist das überhaupt noch Philosophie? Warum folgst Du nicht den Spuren Husserls, Pfänders, Schelers‘? ‚Da wäre wahrhaftig noch genug zu tun‘! – Überlegen wir weiter: Die uns, aus welchen Gründen auch immer, Wohlmeinenden, werden möglicherweise unsere phänomenologischen Reflexionen der Reflexionen der Psychiatrie, der Medizin, diese eigengearteten medizinisch-anthropologischen Vorstellungen einer Reflexion der Reflexionen unseres Da-in-der- Welt-seins, als mehr oder weniger belanglosen, vielleicht pseudo-wissenschaftlichen Dilettantismus, als ‚Liebhaberei‘, hoffentlich ohne irgendwelche praktischen Konsequenzen, abtun. Im Sinne von: ‚Nutzt Keinem‘! ‚Schadet hoffentlich Niemanden‘! So wird man sagen: einfach ignorieren! - Für einen der wissenschaftlichen Forschung verpflichteten Mediziner gelte mit Blick auf diese oder ähnlich spekulativen Vorstellungen (‚Seltsame philosophische Perspektiven für Theorie und Praxis der Medizin‘!), also, nicht weiter zur Kenntnis nehmen! Auf alle Fälle aber aus dem Alltag der klinischen Forschung heraushalten.326 - Andere werden vielleicht sogar von einem, sogar dem üblichen, gefährlichen ‚Größenwahn der Philosophen‘ sprechen. Anstelle theologischer Ansprüche habe man es nun mit einem nicht weniger problematischen ‚philosophischem Irr-Sinn zu tun! (Freud sei Dank, wie wissen Bescheid!) Eben mit dem 326 Natürlich wäre hier auch diese Position denkbar: „Warum soll die Erkenntnis nur im Gewande der akademischen Prosa und des akademischen Denkens auftreten?“ (Paul Feyerabend. Erkenntnis für freie Menschen. Veränderte Ausgabe. Frankfurt/M 1980. S 235) 2. Vorläufige Kritik an der Phänomenologie der Psychiatrie 157 Aufbau, den Behauptungen einer spekulativ gesetzten, im Grunde ‚ideologisch-irrationalen‘ Anthropologie. Es könne als Beleg dafür genommen werden, (und das berührt, wir werden sehen, tatsächlich unser Thema), dass dieses Philosophieren selbst ein im Grunde immer noch spekulatives, vielleicht sogar ein psychopathologisches Phänomen sei. (Und vielleicht habe die Psychoanalyse tatsächlich recht, wenn sie den so Philosophierenden empfiehlt: sich etwas mehr um ein ausgeglichenes Sexualleben zu kümmern). Phänomenologische Kritik der existentiellen Phänomenologie Kritik nehmen wir selbstverständlich ernst! Wir haben es, gleich wie, immer mit Reflexionen eines In-der-Welt-seins zu tun, die es zu reflektieren gilt. Selbstverständlich phänomenologisch existentiell. - Lassen wir uns selbst-bewusst auf diese und jene Möglichkeiten ein, sich als So-da-in-der-Welt-sein vorzustellen! Zunächst jene Kritik, die sich mit dem Selbstverständnis der transzendentalen Phänomenologie selbst fundiert. Vor allem diese sehr überlegten Vorstellungen phänomenologisch fundiertem Philosophieren, die, mit einigem Recht, auf Husserl selbst verweisen. Für uns wahrhaftig eine bedeutsame Perspektive. Sie wurde schon von Husserl heftig, polemisch vorgetragen, bei vermeintlicher oder tatsächlicher Missachtung der ‚reinen‘ Lehre. Das sind phänomenologische Vorstellungen, die jeder Abweichung, jeder Aufweichung von transzendentaler Vernunft als Arbeits- und Geltungsgrund philosophischer Reflexion, den Titel ‚Phänomenologie‘ grundsätzlich verweigern. Sich dabei heute aber, schauen wir nur genau hin, nur mehr oder weniger stimmig, auf die systematischen Reflexionen der Phänomenologie selbst berufen können. – Noch einmal grundsätzlich, das ist ausdrücklich und in jedem Falle eine uns sehr willkommene Kritik. Nämlich die Herausforderung der Gestalt und Gestaltung phänomenologischer Reflexion selbst. Es sind, aus dieser Perspektive, konsequent gesetzte Reflexionen, uns sogar als Phänomenologen verbindend. Nämlich, mit Blick auf die gemeinsam verpflichtende phänomenologische Radikalität. Also auch dort, ein Hinschauen auf das Hinschauen, das vor allem die Weite unseres Schauens vorführt und verwirklicht. Aber nun und so, ob beabsichtigt oder nicht, sich letztendlich lebensweltlich verfestigt. Jede phänomenologisch reflexive Reflexion, die sich, wie auch immer vollbringt, rückt schließlich uns selbst, mit diesen Möglichkeiten der Reflexion, als Da-und-So-in-der-Welt-sein in den Blick. – Ohne hier auf diesen oder jenen möglichen Einwand im Einzelnen einzugehen, schauen wir hin auf die grundsätzliche Ausrichtung und Fundierung einer existentiellen, anthropologischen Phänomenologie. Diese systematische Entfaltung existentieller Reflexionen hat für sich selbst zu zeugen! Gerade das verweist nämlich auf die wesentlich wirkliche, dem Dasein in jedem Fall zugehörige Ortschaft, eines phänomenologischen Arbeitens. Die so erbrachte Leistung, - eine radikal existentielle Reflexion, ist die Vorstellung, ja die letztmögliche Verwirklichung der impliziten existentiellen Logik phänomenologischer Arbeit. Ist die Bestimmung unserer selbst, als diejenigen, die sich so mit der verstörenden Weite ihrer Lebens-Welt, um sich selbst willen, theoa. Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 158 retisch und praktisch, als wesentlich wirklich und wirklich wesentlich in den Blick nehmen können. Der für uns letztmögliche Horizont, das wirklich wirkliche Da-und- So-in-der-Welt-sein, reflektiert sich als Wahrnehmen, d. i. ein existentielles wahr-nehmen, unserer uns wesentlich zugehörigen Krisis. Nur von hier aus bestimmt sich unsere Geltung.327 – Verwirrend? Unwissenschaftlich? Irrational? - Schauen wir nur weiter, umfassender hin und uns selbst zu.328 Hinschauen ohne sich von den Namen der bedeutenden Phänomenologen allzu beeindrucken zu lassen. Gefordert wird aus der ‚klassischen‘ Phänomenologie, phänomenologische Philosophie habe allgemein, die systematisch vorgetragene, ausschließlich selbstverantwortete, transzendentale reflexive Reflexion zu sein. Im Grunde, letztendlich, die selbstverständliche Leistung ‚des reinen Bewusstseins‘. Im Blick nicht weniger als die Vollendung der neuzeitlichen Philosophie. Wer möchte hier nicht seinen Beitrag leisten? - Wir aber gehen davon aus, dass Husserl, ohne seine beeindruckenden Verdienste auch nur im Geringsten kleinreden zu wollen (das wäre lächerlich), nicht das letzte abschließende Wort der Phänomenologie sein kann. - Nicht weil er und sein unmittelbarer und mittelbarer Schülerkreis möglicherweise dies oder jenes, methodisch, sachlich übersehen, nicht berücksichtigt, oder gar fehlerhaft gedacht hätten. Und wir, Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen zeigten, endlich, endlich, wie es wirklich in Wirklichkeit um uns stehe; und was Wahrheit, Geltung, Wissenschaft, Philosophie, eigentlich seien. – Überheblichkeiten sind unsere Sache nicht! Schauen wir als phänomenologische Forschungsgemeinschaft hin auf die Forschungslogik der Phänomenologie. Das was phänomenologische Arbeit trägt und ausrichtet; ‚logische‘ Form gibt. Auf die systematische, nicht nur historisch zufällig eingeführte, gesetzte, Gestalt, Gestaltung, Ausrichtung, Intention der Phänomenologie. - Die durch Husserl selbst vorgestellte Anlage phänomenologisch systematischer Reflexion, das ist das erste, sperrt sich selbst gegen Perspektiven, Behauptungen, die zu einer dogmatischen Verfestigung führen. Nehmen wir diesen Gedanken der Phänomenologie wirklich rücksichtslos ernst, so können auch Husserls philosophische Vorgaben, etwa, seine transzendentale, von manchen seiner Schüler geradezu als unbedingtes Dogma vorgetragene, sich als strenge Wissenschaft setzende Bewusstseins-Phänomenologie, den Titel ‚Phänomenologie‘ nicht für sich alleine beanspruchen. Die Logik unserer Reflexion, die sich letztendlich als existentielle Reflexion reflektiert, sich selbst als wirklich vorzustellen in der Lage ist (geleistet als reflexive Reflexion) lässt uns gar nicht zu einer letztgültigen, absoluten, transzendentalen Sicherheit kommen. Nie scheint es uns in unserer lebensweltlichen Wirklichkeit gelingen können, das letzt-gültige Wort zu sprechen! Unsere wirklich wesentliche Wirklichkeit, die natürlich Praxis einschließt. - Für jedes Philosophieren gilt, selbstverständlich auch für unsere existentielle Phänomenologie: der Vorhang zu und Fragen offen! – So sind also auch Husserls, bekanntlich so entschiedenen, so bewundernswert leidenschaftlich und unnachgiebig gesetzten Zurückweisungen anthropologisch-phänomenologischer Reflexionen, - vorgetragen mit 327 Vgl. dazu meine Arbeit: Krisis und Geltung. Berlin 1999 328 Es ist, vergessen wir es nicht, in einer bestimmten Weise, auch der psychoanalytische Weg. 2. Vorläufige Kritik an der Phänomenologie der Psychiatrie 159 Blick vor allem auf Max Scheler und Martin Heidegger -,329 eben nur eine mögliche Vorstellung, eine Perspektive, phänomenologischer Gestaltung unseres In-der-Weltseins. Für uns phänomenologisch nicht bindend. – Kurz und knapp: Daran halten wir gegenüber der ‚klassischen Phänomenologie‘ fest: Diese Reflexionen sind, mit allen praktischen Konsequenzen,330 selbstverständlich wirkliche Phänomenologie. Selbstverständlich Philosophie als existentielle anthropologische Phänomenologie. Also eine existentielle Phänomenologie, die sich ausdrücklich, trotz unserer Irritationen und Perturbationen, als fundamentale, als wesentlich-wirkliche Anthropologie setzt. Ausdrücklich ohne sich in einen Subjektivismus, ohne in irgendeinen (biologistischen, psychologistischen) Relativismus aufzulösen. - Das ist verdichtet, eine Phänomenologie, die sich weder idealistisch, noch naturalistisch (biologistisch, materialistisch) verkürzt. Gerade das ist nun die Herausforderung für uns selbst? Für uns, die wir unsere Endlichkeit, unsere Fragilität, unser Kranksein so in den phänomenologischen Blick rücken! - Unsere Endlichkeit, Fragilität, unser wesentliches Kranksein, das wird noch ausführlicher beschäftigen! - Wir setzen das im Blick, das sollte wohl den entschiedensten Widerspruch hervorrufen, eine phänomenologisch existentielle Anthropologie als philosophisch letztmögliche Grundlagenforschung für Da-und-So-in-der-Welt-sein. Das sind, dabei bleibt es, letztmögliche keineswegs letztgültige Reflexionen! – Zumindest diese Arbeitsgrundlage sollte von jedem phänomenologischen Philosophieren geteilt werden. Ein gemeinsamer Stab und Stecken! Wir haben uns selbst, unabhängig von Perspektive und Intention, immer selbst wesentlich wirklich mit im Blick. – ein Mensch mag denken was immer er will, er verweist schließlich und endlich auf sich selbst als Da-und-So-in-der-Welt-sein. - Mögen die philosophischen Moden, die phänomenologischen Vorschriften sein, wie immer sie wollen, wir bleiben uns als wesentlich wirkliches In-der-Welt-sein auf der Spur! Mögliche Einwände aus der Medizin und Psychiatrie Zum zweiten, eine ebenso kurze, ausdrücklich vorläufige Reflexion möglicher Einwände aus Medizin und Psychiatrie. - Vorgestellt mit Blick auf die Arbeit der reflexiver Reflexion. Wir werden diese als endlich eingeführte existentielle Begründungsleistung, als selbst-kritische Perspektive phänomenologischer Reflexion, anthropologisch nicht mehr zurücklassen können. – Also, wir schauen hin auf die medizinisch anthropologischen Vorstellungen und auf unsere reflexiven Reflexionen dieser Reflexionen. Die Reflexionen, in jedem Fall, gesetzt als phänomenologisch wahrgenommene, gedachte, vorgestellte, so reflektierte wirkliche Daseins-Gestaltungen. Das ist aus phänomenologischer Perspektive, ein sich ausdrücklich in Beziehung setzen zu den anthropologischen Reflexionen der Medizin und Psychiatrie. (Die Medizin, die Psychiatrie, die Psychologie, mögen sich dab. 329 Deren Philosophieren allerdings nun keineswegs weniger dogmatisch ist. 330 Denken wir hier an den ‚Relativismus-Vorwurf ‘. Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 160 bei ihren Reflexionen als anthropologisch bewusst sein oder nicht!) - Wie könnte es phänomenologisch auch anders sein? Wir können uns selbst, auch in diesem Falle eines Perspektivwechsels, auch das ist eine Möglichkeit unseres wirklichen In-der-Weltseins, nicht aus dem Spiel halten! - Phänomenologisch nehmen wir wahr, dass und wie wir als wahrnehmendes So-in-der-Welt-sein, biologisch, medizinisch, psychiatrisch, wahrgenommen, von dort her verstanden werde. Und als ob das nicht schon genug Komplexität wäre, noch dieses: Schon diese Vorstellung eines so wahrgenommenwerden-könnens, (‚Du kannst auch so, wenn Du willst‘!), verändert selbst das Wahrnehmen des Wahrnehmens dieses Wahrnehmens; usf. Das erweitert die phänomenologischen Vorstellungen der Reflexion! Zumindest also das! - Beispielsweise, und phänomenologisch für uns von besonderem Interesse, der Blick (in) der Psychiatrie. Eine Form und Gestaltung einer Reflexion der ‚Reflexionen‘ eines besonders markierten So-in-der-Welt-seins. - Lassen wir die Vorstellungen, die Fassung, dieser oder jener einzelner, wie auch immer entworfenen Krankheitsbilder, Symptom-Zuschreibungen, auf sich beruhen.331 (Denken wir beispielsweise an die psychoanalytische Frage: Ob Philosophieren selbst ein Wahnverhalten sei?) - Schauen wir stattdessen auf die Ortschaft der Psychiatrie. Also der Horizont, innerhalb dem erst auch ihre kritischen Leistungen als selbstverständlich, als vernünftig, normal scheinen können. (Etwa ihre Zuschreibungen von krank, normal, behandlungsbedürftig, usw.) - Dabei zeigt sich, mit Blick auf den Anfang, ein gemeinsamer Horizont von Psychiatrie und Phänomenologie. Augenscheinlich eine nicht zufällige, gemeinsame existentielle, anthropologische Intention. - Dem Einen oder der Anderen, nicht nur aus den medizinischen Wissenschaften, mag diese ‚innere‘ Nähe zwischen psychiatrischer und phänomenologischer Forschungen überraschen. (‚Wer soll da wen kritisch vorstellen‘? - Oder: ‚Noch ein Versuch, die Philosophie als eigenständige Gestalt und Form naturalistisch zu destruieren‘!) - Schauen wir nur selbst genau hin. Phänomenologie und Psychiatrie bewegen sich als im Grunde ‚existentielle Reflexion‘, innerhalb gleicher (nicht unbedingt derselben) anthropologischer Horizonte. Da sind als erstes, und das kann auch gar nicht anders sein, vergleichbare Erfahrungen unseres verstörend fragilen In-der-Welt-seins.332 Denken wir beispielsweise an die mögliche Vergleichbarkeit der, von Phänomenologie und Psychiatrie gesetzten, anthropologischen Bilder. Bilder eines, zuerst und zumeist, vielleicht sogar ‚normaler-weise‘, ver- 331 Denken wir beispielsweise an die noch junge Geschichte der ‚Schizophrenie‘. Vgl. aus einer bestimmten Perspektive Helm Stierlin. Anstoß zur Familientherapie. Das Problem der Schizophrenie. In: Von der Psychoanalyse zur Familientherapie. Stuttgart 1975. 332 Es wäre ‚unpassend‘ für unser existentiell-phänomenologisches Anliegen, sich auf wissenschaftstheoretische Auseinandersetzungen einzulassen. Streiten um Prioritäten. Beispielsweise, welcher Wissenschaft, welchen Erfahrungen, Perspektiven, die entscheidende Bedeutung für eine Anthropologie zustehe. Vgl. etwa H. Kunz: „Keine andere Disziplin hat sich in unserem Zeitalter dermaßen intensiv und umfassend dem Menschen, seinem Erleben und Handeln zugewandt wie die Psychoanalyse. Mit der betonten Beschränkung der nachfolgenden Darlegungen auf Freud möchte ich zugleich meine Überzeugung bekunden, dass wir die anthropologisch relevanten Befunde ausschließlich ihm verdanken.“ (Die Erweiterung des Menschenbildes in der Psychoanalyse Sigmund Freuds. In: Hans-Georg Gadamer. Paul Vogler (Hg.) Neue Anthropologie. Band 6. Stuttgart 1974. S 45) 2. Vorläufige Kritik an der Phänomenologie der Psychiatrie 161 schwiegenen, verdrängten, irritierten Selbstverständnisses.333 (‚In der Regel komme ich damit zu Recht‘! ‚Das mache ich mit mir alleine aus‘!) – All diese anthropologischen Vorstellungen, mit denen auch in Psychiatrie und Phänomenologie nicht selten, selbst-vergessen, als selbstverständlich, als normal, gearbeitet wird. – Phänomenologisch gelesen sind dies immer Grund-Erfahrungen eines So-in-der-Welt-seins. Es sind wortwörtliche ‚Erfahrungen‘, die sich lebensweltlich - so oder so – als existentielle Muster verwirkliche. Immer gesetzt als ausdrücklich selbstverständlich ‚Reflexionen‘ eines So-in-der-Welt-seins. Das sind ‚Reflexionen eines In-der-Welt-seins‘ - auch für die Reflexionen der Psychiatrie. Diese Reflexionen der ‚Reflexionen‘ sind nun phänomenologisch als ‚breit angelegte‘ anthropologische Vorstellungen zu markieren und existentiell zu reflektieren. Der nächste kleine Schritt. - Bei den mit ihrer systematisch-anthropologischen Forschung, auch mit der spannenden Geschichte ihrer Wissenschaft, vertrauten Psychiatern, sollte der Widerstand gegen phänomenologische Reflexionen nicht allzu heftig ausfallen. Sind es phänomenologisch gelesen selbst anthropologische Reflexionen der ‚Reflexionen‘, von sich eben unterschiedlich gestaltenden existentiellen Grund-Lagen, die die Psychiatrie zu leisten hat. Ein Hinschauen auf diese und jene wesentlich wirklichen Möglichkeiten So-Da-in-der-Welt-zu-sein! - Das hat mit unangemessener, unwissenschaftlicher Kritik der Psychiatrie wahrhaftig nichts zu tun. – Phänomenologische Reflexion der psychiatrisch-anthropologischen Reflexionen sollte auch den Psychiater, den Mediziner, den Psychologen aus Eigeninteresse interessieren. Wir reflektieren ausdrücklich nicht mit einem klinischen Blick auf diesen oder jenen psychopathologisch eingeordneten (man sagt: bedauernswerten) Menschen. Sondern phänomenologische Reflexionen haben ausdrücklich die Reflexionen der Psychiatrie als bedeutsame anthropologische Vorstellungen im Blick. Das führt nämlich zu uns selbst zurück. Wir können so ausgerichtet, so eingestellt, dem wirklichen ‚umfassenden‘ So-in-der-Welt-sein nicht ausweichen. Wir schauen, mit diesem Blick, das mag verstören, auf unsere möglichen Krankheiten, auf die ein In-der-Welt-sein bestimmenden Zonen, schauen hin auf unser wirklich wesentliches Krank-sein. – Es verwundert ganz und gar nicht, dass phänomenologische Reflexionen in der theoretischen und praktischen Psychiatrie, (aber auch allgemein in der Medizin), denken wir nur an Husserl, Heidegger, Scheler, Szilasi, auch Merleau-Ponty, eine beachtliche Rolle spielen. Und nach wie vor als Perspektive präsent sind. Eine auch aus Sicht der Psychiatrie konstruktive Präsenz.334 Karl Jaspers bedeutende ‚Psychopatho- 333 Dazu unübertroffen dicht Pascal: „An welchen Grenzpfahl immer wir uns binden und halten möchten, jeder schwankt und entschwindet, und wenn wir ihm folgen, entschlüpft er unserem Griff und entgleitet uns und flieht in einer Flucht ohne Ende. Nichts hält uns zuliebe an. Das ist die Lage, die uns natürlich ist und in jedem Fall die gegensätzlichste zu unseren Wünschen; wir brennen vor Gier einen festen Grund zu finden und eine letzte beständige Basis, um darauf einen Turm zu bauen, der bis in das Unendliche ragt; aber all unsere Fundamente zerbrechen, und die Erde öffnet sich bis zu den Abgründen.“ (Über die Religion und über einige andere Gegenstände. (Pensées). Übertragen und herausgegeben von Ewald Wasmuth. Darmstadt 19788. Ziff. 72) 334 Die Psychopathologie, so schreibt Wolfgang Blankenburg, habe „bislang mehr Anregungen aus der philosophischen als aus der biologischen Anthropologie empfangen.“ (Die anthropologische und die daseinsanalytische Sicht des Wahns. In: Psychopathologie des Unscheinbaren. Berlin 2007. 88) Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 162 logie‘ gehört hierher. Vor allem aber die Psychiater des sogenannten ‚Wengener Kreises‘ (Ludwig Binswanger, Erwin Straus, Eugene Minkowski; von Gebsattel); genauso wie Medhard Boss; und, nun sind wir in ‚unserer Gegenwart‘, Wolfgang Blankenburg (mit seinen bedeutenden phänomenologischen Arbeiten). – Ich werde auf diese phänomenologisch arbeitenden Psychiater, auf ihre Kritik und auf ihr Selbstverständnis immer wieder zurückkommen. Ihre in vielerlei Hinsicht beispielhaften phänomenologisch anthropologischen Vorstellungen werden uns begleiten. - Möglichkeit für eine phänomenologische Psychiatrie Die phänomenologisch existentielle Reflexion als Reflexion der ‚Reflexionen‘, das phänomenologische Hinschauen, setzen wir als klinisch eingeführtes, praktisch bewährtes Instrument der Psychiatrie. Diagnostisch und therapeutisch! - Aber ob auf diese Weise, in dieser praktischen Form, bereits über Phänomenologie als letztmögliche Grundlagen-Forschung der medizinischen Anthropologie entschieden ist, bleibt weiterhin offen. Medizinisch-wissenschaftlich und philosophisch! Ist doch mit der erfolgreichen Anwendung, da und dort; eingesetzt von diesem oder jenem, innerhalb dieser oder jener medizinisch-psychiatrischen Region, noch nicht ausgemacht, welchen grundsätzlich allgemeinen theoretisch und praktisch relevanten Beitrag phänomenologisches Philosophieren, (eben über gelegentliche Erfolge, selektive Bedeutung hinaus) für eine als wesentlich wirklich ausgerichtete Anthropologie leisten könne.335 - Darüber hinaus fordert diese anthropologische Vorstellung, die Forschungs-Absicht der phänomenologischen Reflexion etwas wissenschaftlich Ungewöhnliches. Nämlich die Vorstellung, phänomenologischer Blick schaue Menschsein wesentlich wirklich. Den Menschen ‚unheilbar‘ als irritiertes und perturbiertes Da-und-So-in-der-Weltsein. – Die Regel radikal existentieller Reflexion sollte der normale Gang philosophischen Arbeitens sein. Dies wäre eben die unverzichtbare Leistung, die das Philosophieren, mag der Fortschritt der Wissenschaften sein, wie immer er will, zu erbringen hat. – Auch wenn es dem einen oder anderen nicht so scheinen mag, geht der phänomenologische Blick darüber hinaus. (‚Was sollte es für uns denn noch dringlicheres geben, als allgemein Anschluss halten an den philosophischen Diskurs‘?) – Für diesen, sich von ‚unserer Sache‘ her aufdrängenden anthropologischen Zusammenhang, scheint etwas noch bedrängender, phänomenologisch entscheidender zu sein. Und zwar schon mit Blick auf die phänomenologischen Methoden, existentielle Form, lebensweltliche Gestaltung; kurz, die Systematik phänomenologischen Arbeitens. Darüber hinaus, und nicht zu Letzt, mit Rücksicht auch auf die praktisch anthropologisch verwertbaren Ergebnisse der reflexiven Reflexion. - Beispielsweise, in welchem 3. 335 Im Sinne Wolfgang Blankenburg: „Anthropologisch wäre demnach eine Wissenschaft – und so auch die Psychopathologie – erst, wenn es ihr gelänge, jeglichen Gegenstand, mit dem sie es zu tun hat, auf das Wesen des Menschen zu beziehen bzw. aus ihm heraus zu verstehen.“ (Die anthropologische und die daseinsanalytische Sicht des Wahns. In: Psychopathologie des Unsichtbaren. Berlin 2007. S 71) 3. Möglichkeit für eine phänomenologische Psychiatrie 163 lebensweltlichen Zusammenhang, mit welchen Gründen, setzt phänomenologische Arbeit als gerechtfertigt ein? Wer entscheidet überhaupt über die auch praktische Rechtmäßigkeit dieser phänomenologischen Reflexion der medizinischen, psychiatrischen, psychologischen Reflexionen? Sind das willkürlich spekulative Akte? Aus welchem Grunde sollten empirisch arbeitende Wissenschaften phänomenologischexistentielles Arbeiten ernst nehmen? ‚Warum sollte sich überhaupt wer für diese Vorstellungen interessieren‘? - Vor allem aber, und alle erkenntnistheoretischen Fragen beiseitegelegt, diese eine Frage: Mit welchem Recht ein Philosophieren überhaupt, angesichts der unleugbar wissenschaftlichen Erfolge der Medizin, der Psychiatrie, sich herausnehme, hier das Wort zu ergreifen? - Und auch mit Blick auf unsere selbstbestimmten anthropologischen Absichten. Welche praktische und (eng damit verknüpft) grundlagen-theoretische Bedeutung existentielle Phänomenologie für eine moderne, natur-wissenschaftlich gesetzte Psychologie, Psychiatrie, Medizin habe; oder zumindest grundsätzlich haben könne? – Diese Anfragen sind, von den medizinischen Wissenschaften her gedacht, berechtigt. Darüber hinaus sind es, und sogar vor allem, unabweisbare Herausforderungen der Phänomenologie. Den phänomenologischen Anspruch zugrunde gelegt, sind es philosophisch unumgängliche, allgemeine und fundamentale Forderungen. - Diese Bedenken sind also nicht nebensächlich, philosophisch bedeutungslos. Als ob man sie ohne Zögern, und philosophisch ohne weiteres, als ‚von außen kommend‘ (positivistisch, naturalistisch, szientistisch) zurückweisen könnte! – Im Gegenteil! Sie sind durch die Phänomenologie selbst zu verschärfen. Also, zu erweitern zu einer umfassend radikalen Selbst-Kritik der existentiellen Phänomenologie! Der Sinn und die Bedeutung phänomenologischen Philosophierens stehen nun mit Blick auf uns selbst zur Disposition. Kurz, die Möglichkeit unseres Schauens auf uns selbst; auf uns als wesentlich wirkliches Da-und-So-in-der-Welt-seins. Immer wieder fordern wir uns um unser selbst willen heraus! Immer von Anfang an! Wir können, wir wollen, wir müssen! Ein Scheitern dabei nicht ausgeschlossen! – Diese Möglichkeiten, die selbst wieder existentiell in den Blick zu rücken sind. Die letztmögliche Gestalt, die Absicht der phänomenologischen Reflexion, der Grund- Sinn des Philosophierens, ist unser fragiles, gefährdetes, bewegtes, beunruhigtes Existieren. Und genau hierher gehört die beunruhigende Frage: ob phänomenologischen Philosophieren, diese existentielle Reflexion der Reflexionen, und der phänomenologischen Form der reflexiven Reflexion, überhaupt noch irgendein systematischer Wert, eine praktische Relevanz zugeschrieben werden könne. - Eine drängende, herausfordernde Frage, gerade auch mit Blick auf die theoretischen und praktischen Erfolge der medizinischen Wissenschaften. – Schon mit dem 19. Jahrhundert steigt die Beunruhigung der (sogenannten) akademischen Philosophie. Zerbricht ihre erkenntnistheoretische, transzendental gedachte, Selbstsicherheit. Ob die Philosophie, das Philosophieren, rechtmäßig, ausgewiesener Maßen, kurz wissenschaftlich, jetzt noch wirklich weiterreiche, als ihre eigene vorwissenschaftliche Geschichte? Ob die Philosophie also jetzt, im Zeitalter der ‚wirklich wirklichen‘ Wissenschaften, noch etwas anders sein könne, als Verwalterin ihrer Vergangenheit (es war einmal!)? Ob das Philosophieren als historische Hinführung - ‚vom Mythos zum Logos‘! - zu den ‚echten‘ Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 164 Wissenschaften nicht seine Aufgabe endgültig erfüllt habe? – Ob nun, kurz und knapp, vor diesem Hintergrund, als Konsequenz, Philosophie und Philosophiegeschichte (Philosophiegeschichts-Schreibung) gleichgesetzt werden könne?336 Vielleicht verbleibe als Rest systematischen Philosophierens die Wissenschaftstheorie, die (mathematisch strenge) Logik. Zumindest vorläufig. Voraussetzung sei aber auch dafür eine bestimmte Formung, eine streng wissenschaftliche Gestaltung des Philosophierens. Wie auch immer, ein Arbeiten immer mit Blick auf die modernen Wissenschaften. – So oder so ähnlich wird es auch von Seiten philosophischer Richtungen als wissenschaftliche Philosophie angeboten. (Das darf nicht mit Husserls Idee einer ‚Philosophie als strenger Wissenschaft‘ gleichgesetzt werden). Entweder also eine Zuarbeit in Form ‚wissenschaftstheoretischer, sprachanalytischer, logischer, methodologischer Dienstleistungen‘, oder historischer Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Wie sonst, so sagt man, könne Philosophie als universitäres Fach noch gerechtfertigt werden? - Es geh um nichts weniger, als um die theoretische und praktische Bedeutung, die Selbst-Behauptung der Philosophie für Gegenwart und Zukunft. - Ich füge hinzu, auf dem Spiel stehe auch: die Rechtfertigung des Philosophierens jenseits der universitären Fachphilosophisch. Eben des Philosophierens oder nicht, in der Psychiatrie, der Medizin, der Psychologie, und, nicht zuletzt auch der Psychoanalyse. - Das hat im Übrigen schon Husserl ernsthaft, ausdrücklich existentiell beunruhigt! – Der Gedanke der Selbstbestimmung der Philosophie wird also gerade phänomenologisch ins Licht gerückt. (‚Muss das denn wirklich sein? Die neuzeitliche Philosophie hat sich doch selbst, noch im Niedergang, sowieso im Blick. Historisch und wissenschaftstheoretisch‘!) - Diese phänomenologische Reflexion ist kein destruktiver Defätismus. Ein Schwanengesang im Angesicht des Endes. Kein Beitrag zu einer Selbstauflösung der Philosophie? - Für eine Phänomenologie der Existenz ist diese radikale Reflexion der phänomenologischen Reflexion, d. i. Kritik des eigenen Philosophierens, unumgänglich! (Ich verspüre wahrhaftig keine Neigung zu einem ‚Masochismus‘) - Das So-Fragen und ein skrupulöses Antworten, das immer wieder zum Fragen zwingt, liegen phänomenologisch vor unseren Augen‘! Schon Husserl hat darauf gesetzt, dass die Phänomenologie als Philosophie, gerade mit der Ausrichtung auf strenge Wissenschaft, selbstverständlich selbst von der eigenen Kritik betroffen sei! – Also doch, Abgesang? Vorstellung der Bedeutungslosigkeit der Phänomenologie? Oder der schwache Versuch phänomenologische Reflexion der Reflexionen wissenschaftstheoretische Bedeutung zu geben? – Keineswegs! Sondern im Gegenteil! Der phänomenologischer Blick, das Schauen auf das Schauen, führt mitten in die 336 Vgl. dazu (beispielsweise) Hans Wagner. „Um das Jahr 1960 herum hätte bei einer Orientierung an der faktischen Arbeitssituation im Fach ein verantwortungsvoller Philosophielehrer unseres Landes einem Nachwuchsmann wohl kaum etwas anders raten mögen, als sich zum Philosophiehistoriker auszubilden (und sich um systematische Probleme nicht weiter zu kümmern). Philosophiehistorie beherrschte fast ganz und gar das Feld.“ (Die Würde des Menschen. Würzburg 1992. S 18); schon mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – so Ernst Troeltsch – könne die Philosophie nun ‚nur mehr Geschichte der Philosophie‘ als Krankengeschichte gelesen werden; ja schreibt sich so selbst den „Totenschein“. (Der Historismus und seine Probleme. I. Buch: Das logische Problem der Geschichtsphilosophie. (1922) S 21) 3. Möglichkeit für eine phänomenologische Psychiatrie 165 letztmöglich existentielle, wahrhaftige, nie anders als anthropologische Bedeutung des Philosophierens. – Das ist phänomenologisch strenges Philosophieren, gerade weil wir den Traum (Husserls) einer Philosophie als strenger Wissenschaft nicht mehr mitträumen. – Wir sehen phänomenologisch selbst und sehen uns selbst wirklich zu! Sich so zu sich selbst stellen, in Beziehung setzen, sich seiner Identität gewiss sein oder sie als brüchig erfahren, sich als fragiles Da-in-der-Welt-sein vorführen, als Existenz zu entwerfen, unsere wirklich auch praktischen Akte der Konstitution, oder sich enttäuschen, scheitern, sich (selbst)-verzweifeln, - führt uns phänomenologisch reflektiert, wirklich immer, also in jedem Fall, als wesentlich vor uns selbst. Reflektiert so unser endliches, grundsätzlich ungesichert erlebtes, sich so und so ‚reflektierendes‘ Da-und-Soin-der-Welt-sein.337 – Von hier aus bestimmt sich erst das Weitere, das, wie man sagt, uns Weiterführende. Beispielsweise, eine Philosophie der Kunst, der Religion, der Gesellschaft; ja auch, und nicht zu Letzt, eine, heute mehr denn je notwendige, Philosophie der Philosophie. – Eine grundsätzlich existentiell angelegte Selbst-Kritik, die sich so entfaltet, ist für uns (denken wir hier auch an unseren phänomenologischen Anspruch) notwendig. Gesetzt wird sie im Horizont unserer reflexiven Reflexion der Reflexionen. – Mag der Vortrag, die Geltungs-Behauptung der Wissenschaften sein wie immer er will. Wir sind und bleiben philosophisch ausgerichtet und existentiell eingestellt. Wir sind in unserem Blick als fragiles, endliches Da-und-So-in-der-Welt-sein. – Wahrhaftig, eine verstörende, irritierende Reflexion. Auch unser Philosophieren über unser Philosophieren erlaubt uns keine (nicht einmal eine) theoretische Lösung. Philosophieren stiftet auch praktisch kein Heil; Philosophie ist nie und nimmer Religionsersatz! Philosophie als Weltanschauung ist ein ‚hölzernes Eisen‘! Das gilt auch für die (sogenannte) wissenschaftliche Weltanschauung! (Wiener Kreis) – Diesen geltungstheoretisch zurückgenommenen phänomenologischen Eintrag verbuchen wir als philosophischen Gewinn. Wir erfahren philosophierend uns als wesentlich wirkliches, d. i. leibhaftes, verletzliches, endliches Selbst! - Erfahren uns in jeder Lage, was immer wir denken, was immer wir tun, was immer uns angetragen wird, uns zustößt, in unserem existentiellen Grunde, als ein durch uns selbst herausgefordertes So-in-der-Welt-sein. Als ein so-und-nicht-anders! Wir erleben uns praktisch gefordert, wie wir uns drehen und winden, ausrichten und ordnen, gezwungen, sich, gleich was die Wissenschaften an ‚gesichertem‘ Wissen anbieten, Religionen und Kunst als Sinnstiftung vorstellen (‚Nur ein Gott kann uns noch retten‘! ‚Die Kunst rechtfertige das Leben‘), radikal systematisch existentiell zu reflektieren. Wirklich wesentlich selbst-reflektieren; und nicht mehr mit Blick auf die unsterblichen Götter. – Diese, auf den ersten Blick, erschütternde Perspektive, lesen wir phänomenologisch als Potential. Es wird unsere 337 Vgl. z. B. Peter Wust (zu Unrecht vergessen): „Wer die Armut der Philosophie an wirklich gesicherten Ergebnissen nur von außen her betrachtet, muss ihr im Grunde verzweifelt den Rücken kehren. Um so fruchtbarer aber ist gerade die Philosophie für das metaphysische Problem der Insecuritas humana.“ (Ungewissheit und Wagnis. (1937) München und Kempten 19556. S 25) Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 166 existentielle Anthropologie, unser Selbstverständnis, tragen und unsere Reflexionen ausrichten. Beschreiben wir diese, auch im Zeitalter der Wissenschaften gültige, existentielle Grund-Erfahrung: als wesentlich wirkliches und wirklich wesentliches So-da-in-der- Welt-sein! Kurz, wir haben uns auch in diesen Jahrhunderten der medizinischen, biologischen, chemischen Wissenschaften philosophisch-existentiell selbst als irritiertes und perturbiertes Dasein in (eine) Geltung zu setzen, Sinn zu stiften. Ausdrücklich selbst und von Anfang an! Gerade weil Dasein sich immer schon in einer lebensweltlichen Ordnung vorfindet. Das heißt für zunächst sich selbst, das Resultat sei wie immer es will, praktisch zu vergewissern, angesichts der je eigenen Wirklichkeiten. Auch ins allgemeine gewendet, ist nichts staunenswerter, auch nichts unheimlicher als ‚der Mensch‘!338 Schauen wir nur (dabei uns selbst im Blick) auf die Kulturen, die Künste, vor allem Lyrik und Musik im Besonderen, oder, eng damit vernetzt, hin zu den Religionen, den religiösen Mustern, (beispielsweise phänomenologisch beredt: Kult, Mythos), und natürlich zu den Reflexionen der Wissenschaften und Technik. (Dass nun im Besonderen Lyrik einen nur schwer zu ersetzenden Beitrag für eine phänomenologische Anthropologie stellt, sei hier noch einmal ausdrücklich vermerkt! Kaum eine andere Form spiegelt dichter die existentielle Fragilität unseres Da-und-So-sein.) – Wir als So-da-in-der-Welt-sein, ‚reflektieren‘, - gleich was wir wahrnehmen, setzen, entwerfen, vorstellen, - uns selbst, als existentiell fragil, ungesichert, und verzweifelt. - Lassen wir uns phänomenologisch schauend darauf ein. Gerade so erfahren wir uns selbst nicht nur als wesentlich wirklich sondern auch als wirklich wesentliches Daund-So-in-der-Welt-sein. - Nicht nur für die ihre Vorstellungen empirisch überprüfbar stimmig absichernden, objektiv ausgerichteten Wissenschaften scheint das (um das wenigste zu sagen) eigenartig genug! Vielleicht sogar als Fatalismus, als Pessimismus, in jedem Falle, als destruktiv markiert. - Ceterum censeo: Wir philosophieren weiter systematisch. Die Kritik der Wissenschaften bleibt dabei selbstverständlich in unserem Blick. Ohne uns davon allzu sehr beeindrucken zu lassen. Wir arbeiten ausdrücklich phänomenologisch vorsichtig! Das heißt vor allem selbst immer wieder hinzuschauen auf diesen, so als wesentlich wirklich und wirklich wesentlich gesetzten, phänomenologisch-existentiellen Anfang für ein Da-und-So-in-der-Welt-sein! – Man erinnere sich beispielsweise an Karl Jaspers: „alle überkommenen Theorien, psychologischen Konstruktionen, alle bloßen Deutungen und Beurteilungen“ sind ‚von Anfang‘ an beiseite zu lassen.339 - Diese durch das Philosophieren selbst geforderte radikale Rechtfertigung philosophischer Arbeit ist ausschließlich ‚Sache‘ des Philosophierens. Es kann, füge ich hinzu, gar nicht anders sein! - Wahrhaftig hier schwankt nun der Boden! (‚ Baron Münchhausen lässt grüßen! -Wo soll das enden‘?) – Aber wieder der Reihe nach! – Da ist die systematische Anlage unseres existentiellen Philosophierens. Gezwungen durch die (der eigene Anspruch fordert es) He- 338 30 X unter Qualen die Zähne plombieren lassen/ 100 X Rosen aus dem Süden gehabt/ 4 X an Gräbern geweint/ 25 Frauen verlassen/ 2 X die Taschen voller Geld u 98 X ohne Geld gehabt,/ Schließlich tritt man in eine Versicherung ein mit/ 12 50 pro Monat um/ seine Beerdigung sicher zu stellen/ (…) was bist Du? Ein Symptom/ ein Affe ein Gnom –„ (Gottfried Benn. Sämtliche Gedichte. S 522) 339 (1946). S 48; 3. Möglichkeit für eine phänomenologische Psychiatrie 167 rausforderung letztmögliche Grundlagen-Forschung für Da-und-So-in-der-Welt-sein vorzustellen, findet das Philosophieren zu ihrem eigentlichen, so oft verdeckten, anthropologischen Anlass, zu ihrer wesentlich existentiellen Gestalt, zu ihrem alles entscheidenden Fragehorizont zurück. Kurz, zu der phänomenologischen Form der existentiellen Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘. Wir selbst dabei im Blick als wesentlich-wirkliches und wirklich wesentliches Da-und-So-in-der-Welt-sein! – Entfalten wir diesen Gedanken nun nur ein klein wenig historisch und systematisch weiter, so wird offensichtlich: Dass das ein Ende markiert und irrationale Randzonen aufscheinen; ein Fraglich-werden, der, sich um die anthropologisch-existentielle Wirklichkeit verkürzenden, neuzeitlichen Bewusstseins-Philosophie. - Zumindest bleibt kein Raum für irgendeine idealistische Überheblichkeit. In unserem phänomenologischen Blick bleibt, wie immer wir uns auch umsehen, was immer wir auch hoffen, glauben und fordern, unsere aufdringliche, wirkliche existentielle Frage-Not. Letzen Endes sind wir selbst theoretisch und praktisch gefordert, für uns selbst zu sorgen; wir selbst angesichts unseres sich so ‚reflektierenden‘ Da-und-So-in-der-Weltsein.340 – Dies als Antwort auf die Frage: was denn Philosophieren für uns bedeute. Aus welchem Grunde es nach wie vor unverzichtbar sei. Wohin es uns letzten Endes weise? – An einen halten wir unverbrüchlich fest. Es drängt sich von der Sachlage der medizinischen Wissenschaften her auf. Die existentielle Phänomenologie, die sich wirklich wesentlich anthropologisch aus- und einrichtet, reflektiert als Philosophie, psychiatrische, medizinische, psychologische Reflexionen.341 Die philosophische Anlage der Phänomenologie, so unsere knappe These, schreibe es eben vor. – Im Übrigen ist dieses radikal fragen, ‚reflektieren‘ reflektieren, sich von dort her, und darauf zu, als letztmöglich wirklich-existentiell selbst setzen, - und das auch mit Blick auf die Wissenschaften, - für das Philosophieren der Moderne alles andere als neu. (Auf einen Prioritätenstreit brauchen wir uns hier also, Gott sei Dank, nicht einzulassen!) - Dass man aber heute, auch in der universitären Philosophie glaubt, darüber endgültig weg zu sein, (‚bestimmten Zeitumständen geschuldetes irrationales Denken‘!), dass diese existentielle Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘, nur noch von bloß historischem Interesse zu lesen sei, (‚mögen doch Wissenschaftshistoriker sich damit auseinandersetzen‘!), steht auf einem anderen Blatt. Darauf sei an anderer Stelle ein- 340 Eine Frage-not, die vom Gang der Wissenschaften oder von den Vorstellungen einer Theologie völlig unberührt bleibt. Denken wir, um drei Namen zu nennen, an Boethius, Pascal oder an Kierkegaard. 341 Und zurecht und in unserem Sinne schreibt Kurt Schneider (1921), man könne zwar „Neuropathologie treiben ohne Metaphysik, man kann Psychopathologie treiben ohne Metaphysik, aber die Psychiatrie, die diese beiden zu vereinigen sucht, muss ständig auf metaphysische Probleme stoßen.“ (Der Krankheitsbegriff in der Psychiatrie. In: Monatszeitschrift für Psychiatrie und Neurologie. 1921. Zit. nach: Alexander Mitscherlich. Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit. Das Bild des Menschen in der Psychotherapie. Hamburg 19482. S 57) Auch Heidegger hat diese eigen-artige Bedeutung der Phänomenologie für die Wissenschaften (so wie er es für sich selbst setzt) immer wieder hervorgehoben. Z. B. „Phänomenologie hat so die Aufgabe, die Sachgebiete vor der wissenschaftlichen Bearbeitung verständlich zu machen und auf diesem Grunde erst diese selbst.“ (Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs. Gesamtausgabe Bd. 20. Frankfurt/M 1979. S 3) Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 168 gegangen! - Wir aber schauen weiter, ohne Zorn mit Eifer, systematisch-existentiell hin und uns zu. Diese herausgehobene anthropologisch existentielle Bedeutung des Philosophierens, gestaltet als letztmögliche Grundlage unsere Vorstellungen der Phänomenologie. Auch die phänomenologischen Reflexionen der Psychiatrie, Psychologie, Psychoanalyse und Medizin. Das kann nun, vergewissern wir uns bei uns selbst, von dem phänomenologischen Anspruch her gedacht, gar nicht anders sein! Dieses existentielle Fundament, das ist unser Grund und zugleich unsere uns ausrichtende Vorstellung, die Reflexion der Reflexionen, ist phänomenologisch selbst geschautes, (denken wir an das ‚Prinzip aller Prinzipien‘) konstituiertes, leibhaftes Da-und-So-inder-Welt-sein. - Das ist schon als Anlage fragil, endlich, begrenzt, irritierend und perturbierend! - Fügen wir noch hinzu: Ausdrücklich setzt sich das Da-und-So-sein als Anfang als Ich und Du; fundiert als wesentlich wirkliches Wir-selbst! Wir sind phänomenologisch also von Anfang Wir-So-Da-in-der-Welt! Sind ausschließlich durch uns selbst, über die Grenzen der Vernunft hinaus, gestaltet und gesetzt als existentiell Reflexion der ‚Reflexionen‘! Und sind so auch medizinisch, psychiatrisch, psychologisch, anthropologisch und existentiell herausgefordert! Das mag als phänomenologische Hybris scheinen. (‚Blas Dich nicht auf und nimm Dich um Himmelswillen theoretisch und praktisch nicht so wichtig‘!) Oder als ‚provinzielles‘ Denken! (‚Mach die Augen auf, es gibt wahrlich größeres als Dich‘!) Dieser Gedanke richtet uns dabei entschieden aus: Phänomenologie ist keine Wissenschaft, ist keine Weisheit! Nicht weil uns, wie der bedauernswerte Fuchs es für sich zurecht legt, die Trauben der Wissenschaften, sowieso zu sauer wären. - Dass es immer wir selbst sind, dass wir ausschließlich um unser selbst willen philosophieren, uns so in unseren Blick rücken (müssen), darf, gleich was uns im Einzelnen nun sachlich umzutreiben scheint, als für uns ‚letztmöglicher Grund‘ nicht mehr übersehen werden. Natur, Kosmos, Sein und Gott, was und wie auch immer sie wirklich-wirklich sein mögen, welche ‚große‘ Bedeutung wir diesen Ideen auch unterlegen, (ich bin sogar davon überzeugt: nicht unbegründet), – es sind und bleiben unsere Gedanken, bleiben, soweit wir sehen, im Horizont unsere Wirklichkeiten, zeichnen also unsere so oder so gestalteten ‚anthropologischen‘ Verhältnisse. - Ist dieses radikal auf sich selbst verwiesen, sogar zurückgeworfen werden, phänomenologisch selbstverständlich? Wirbt die Phänomenologie der Logischen Untersuchungen, nicht um eine sachliche Ausrichtung? (‚Zu den Sachen selbst!‘!) Kurz, waren wir philosophisch nicht schon ‚weiter‘? – Aber auch das bleibt, und daran können wir nicht vorbeidenken, unsere eigene Leistung! Legen wir vorerst all diese oder jene möglichen Bedenken beiseite. – Überlegen wir weiter umständlich und vorsichtig. Hier bedrängt nach wie vor diese Anfrage an unser arbeiten. Die Frage nach Leisten und Leistung der Phänomenologie als ausdrücklich existentielle Gestalt und Gestaltung. Es ist nicht verborgen geblieben. Diese phänomenologische Reflexion, stellt sich gegen den ‚Meister‘ selbst. Existentielles Denken ist philosophisch keineswegs etwas, das uns von diesem oder jenem Denker, von da oder dort historisch aufgedrängt werden würde. Ein philosophische Spiel gleich anderen philosophischen Spielen! – Existentielles Denken gehört vielmehr zu der unabdingbaren Selbstherausforderung der existentiellen Phänomenologie. Eine für den phänomenologisch Arbeitenden, exis- 3. Möglichkeit für eine phänomenologische Psychiatrie 169 tentiell unumgänglich radikale Hinwendung, eine ‚erzwungen‘ Reflexion der Reflexionen unseres In-der-Welt-seins. - Mag sein, (ich habe darauf hingewiesen), dass das als zwanghaft wahrgenommen, vielleicht sogar als ein krankhafter Wahn registriert werden werde. Wahn-Sinn, dieses sich immer wieder vordrängende Hinschauen auf das Hinschauen eines Schauens. Nichts ist uns unbedeutend genug, als Anlass der Reflexion, als existentieller Leitfaden, - das uns schließlich zu uns selbst zurückführen könne. Selbstverständlich die traditionell als bedeutend, als groß geltenden Gedanken und Ideen nicht ausgeschlossen. Ordnung, Natur, Sein, Gott, (u. ä.). – Vor allem nun auch diese als selbstverständlich genommenen Vorstellungen: Gesund- und Kranksein; das Normale, der Wahnsinn, Vernunft und Unvernunft. Das sind Vorstelllungen der Reflexionen, so oder so sich gestaltenden, zeigenden, ‚Reflexionen‘ eines Da-und-So-inder-Welt-seins. Sind natürlich auch in dieser Form unsere Leistungen. Leistungen, die immer wieder existentiell, auf uns selbst (also wirklich auch auf Dich und mich) als wesentlich wirklich weisen. Und phänomenologisch existentiell eingeordnet werden können. – Keineswegs machen wir hier aus der, ‚zwanghaft anmutenden‘, Reflexion der existentiellen Not, eine phänomenologische Tugend! Sondern, philosophisch ausdrücklich positiv gelesen, als wesentlich existentielle Möglichkeit und existentielle Leistung. Ein auch phänomenologisch bei weitem noch nicht ausgeschöpftes Potential! Unser Da-und-So-in-der-Welt-sein phänomenologisch gesetzt als existentielle Wirklichkeit und wirkliche Möglichkeit! Wir müssen diese phänomenologische Perspektive keineswegs mühsam erfinden, konstruieren, erkünsteln! Die Begründungsfigur reflexive Reflexion, und diese offene, umfassend weite, existentielle Reflexion der Reflexionen, geben der phänomenologischen Arbeit den letztmöglich wirklichen Grund. Das phänomenologische Arbeiten dabei gesetzt als ausdrücklich wesentlich und ausdrücklich wirklich! – Eines ist offensichtlich. Und es kann auch denjenigen, der die psychologische, psychiatrische, psychoanalytische Literatur auch nur ein wenig kennt, nicht verborgen geblieben sein. Dieses phänomenologisch anthropologisches Arbeitsschema einer, von Anfang an theoretisch und praktisch endlos ausgerichteten existentiellen Reflexion der Reflexionen, kann sich in keinem Falle auf die Stützung oder gar Grundlegung, von den, von Husserl so genannten, ‚Welt-Wissenschaften‘ verlassen. Schon die theoretischen Möglichkeiten bleiben, mit Blick auf den Anfang, grundsätzlich wirklich auf uns begrenzt. Ausdrücklich wesentlich wirklich auf uns phänomenologisch Arbeitenden selbst. Auf uns, die wesentlich wirklich So-Da-sind. Sich wie auch immer konkret, in jedem Fall aber als In-der-Welt-sein reflektieren. Das phänomenologisches Arbeiten, die reflexive Reflexion ausdrücklich mit eingeschlossen. – Was immer wir uns vornehmen, was immer uns bewegt, welcher ‚Sache‘ wir uns auch immer zuwenden, wir gestalten es nun phänomenologisch, d. i. letztmöglich, als selbstgeleistetes, systematisch ausgerichtetes existentielles Schauen. Ein Schauen, das das Schauen und den Schauenden selbst radikal reflektiert. Sich selbst dabei ausdrücklich als wirklich existentiell setzt und vorstellt. Sich nicht losgelöst von sich selbst als irritiertes, perturbiertes, leibhaftendliches In-der-Der-Welt-sein entwirft. – So gestaltet sich, als Arbeitsprozess, phänomenologische Reflexion entlang existentieller, einschließlich unwillkürlich geleisteter Intentionalität. - Wir stützen uns also nicht auf die Wissenschaften, obwohl wie sie Reflexion der Reflexion der Psychiatrie 170 im Blick halten. Das ist wahr! Vergessen wir in diesem Kontext aber nicht. Wir erfahren uns (ein Tun, ein Handeln), als auf uns selbst als So-in-der-Welt-seins ausgerichtet. Reflexionen existentiell reflektierend. Erfahren uns nicht in Widerspruch, oder als eine Art ‚Neben-Wissenschaft‘ vom Menschen. Wie sollte das wohl begründet einzurichten sein? Behaupten Phänomenologie also nicht als ‚philosophisch wahren, sanfte (o. ä.) Psychiatrie‘, im Gegensatz zu einer medizinisch naturwissenschaftlich, biologistisch sich begreifenden Psychiatrie. Oder als ‚existentielles Lebenswissen‘, im Widerspruch zu einer Gestaltung einer kausal ausgerichteten, sich als Naturwissenschaft begreifenden Psychotherapie! - Das wäre nicht nur vergeblich. Sondern, (ich finde), eben nicht nur wissenschaftlicher Unsinn! – Stattdessen ganz schlicht: existentielle Phänomenologie setzt sich als Reflexion der Reflexionen und begründet sich als reflexive Reflexion, und entwirft in dieser Gestaltung eine auf das wesentlich wirkliche gerichtete existentielle Anthropologie.342 – 342 Etwa so: Hubertus Tellenbach (1914 – 1994) schreibt: die Sache der Psychiatrie sei es „aus der unmittelbaren Erfahrung der eigenartigen Befindens- und Verhaltensweise psychisch Gestörter zu wissenschaftlichen Feststellungen zu gelangen.“ Dafür aber brauche es schon im Vorfeld „gewisse Möglichkeiten des Erfassens und Feststellens.“ „Wie aber der Mensch erfasst wird, hängt davon ab, was an ihm als das bestimmende Wesentliche entdeckt worden ist. Dieses Entdecken von Wesentlichen geschieht allemal in Akten philosophischer Grundansicht.“ (Die Begründung psychiatrischer Erfahrung und psychiatrischer Methoden in philosophischen Konzepten vom Wesen des Menschen. In: Hans-Georg Gadamer. Paul Vogler (Hg.). Philosophische Anthropologie. Erster Teil. Stuttgart 1975. S 140) 3. Möglichkeit für eine phänomenologische Psychiatrie 171

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