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Grundmuster der Existenz in:

Wolfgang Gleixner

Krank-Sein als existentielle Gestalt, page 13 - 34

Einleitung in eine phänomenologische Anthropologie

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4107-9, ISBN online: 978-3-8288-6979-0, https://doi.org/10.5771/9783828869790-13

Tectum, Baden-Baden
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Grundmuster der Existenz Da-sein als Wir-sein Der neuzeitliche Mensch sei, so sagt man, zur Reflexion geradezu gezwungen. - Schon unsere Kultur spannt einen breiten Horizont der Reflexionen. Die Geschichte der Reflexion, so scheint es, einmal auf den Weg gebracht, sorge für sich selbst, und treibe sich unaufhaltsam weiter.48 Durchaus auch historisch rücksichtslos! - Dieser eigenartige Zwang der Reflexion ist etwas, das wir tatsächlich auch bei uns selbst wahrnehmen können. Scheint es da und dort nicht so, als ob wir von unserem eigenen Denken (müssen) mitgerissen werden? ‚Betreibe‘ ich mein Denken oder ‚treibt‘ mein Denken mich? – Aber schauen wir hier beispielsweise einfach hin auf die uns schon praktisch, zumindest hin und wieder, überwältigende Komplexität der Kultur, der Wissenschaften, der Technik, der Bürokratie, der Gesellschaft und ihrer Institutionen insgesamt. Wer könnte sich dem wirklich entziehen? - Phänomenologisch gelesen eine Unübersichtlichkeit, die, auf den ersten Blick eigenartig genug, gerade auf uns selbst ‚zurück‘ verweist.49 – Schauen wir hier genau hin. Aufs Ganze gesehen, wird unserer Zeit, (wie man gemeinhin sagt) unserer Welt, auch allgemein, frei nach Shakespeare, ein aus-den-Fugen-geraten-sein bescheinigt. Zumindest irgendwie! Sogar unabhängig, so wird versichert, von diesen oder jenen (reichlich vorhandenen) politischen Herausforderungen. Sagen wir also, ein auch psychologisch, literarisch, ästhetisch, philosophisch, dokumentiertes Unbehagen. - So sagt man etwa (und wir scheinen das sofort zu verstehen): ‚Wir seien nicht mehr ganz bei Trost‘! Oder, vor unseren Augen spiele ein ‚offensichtlich gesellschaftlicher, kultureller, moralischer, religiöser Niedergang‘! Oder kurz und mit einem Wort: unsere Gesellschaft sei im Grunde ‚krank‘! – Selbst noch das Unbehagen an diesem Unbehagen gehört hierher! Sei es wie es will. Uns interessiert phänomenologisch vorerst zunächst vor allem eines. Und zwar dieses so selbstverständlich sich gebende, dieses sich so oder so vorstellen von Welt und Welt-habe; sich selbst-so-vorstellen, einstellen, so entwerfen, ‚reflektieren‘ reflektieren, sich und unser So-in-der-Welt-sein als ‚krank‘ in den Blick rücken können. – Dieses sich selbst so wahrnehmen, so setzen können (vielleicht sogar wie ein Zwang), gehört phänomenologisch als ‚Reflexion und Verzweiflung‘ selbst zu 1. 48 Die Geschichte der Reflexion aus dieser Perspektive (der Reflexion der Reflexion der Reflexion) ist noch nicht geschrieben. 49 Dass der Mensch sich selbst zu dem Rätsel geworden ist, denkt sich als eine ‚dramatische Wende‘; und setzt eine kulturelle Neuordnung in Gang. ‚Sokrates‘ ist nur eine (sagen wir) Markierung für diese (wortwörtlich) ‚Reflexion‘. Schon die Mythen erzählen von dem Fragwürdig-geworden-sein der Menschen und ihrer Welt. Nun gilt: wir werden ‚Welt‘ und ‚Gott‘ nie auf den Begriff bringen können, solange wir uns über uns selbst nicht ‚klar‘ sind: im Sinne von: warum sind wir überhaupt – und nicht vielmehr nicht? – Nun ja – und das kann sich noch etwas hinziehen! 13 der uns bewegenden konstitutiven Daseins-Gestaltung der Moderne. Gehört sogar darüber hinaus: zu unserem existentiellen Kranksein als letztmögliche Grundgestalt unseres So-in-der-Welt-seins.50 – Gerade das treibt nicht zu Letzt, im Übrigen selbstverständlich auch praktisch, sagen wir, phänomenologisch-therapeutisch um.51 Das wird uns noch beschäftigen. – Fragen wir, das vorausgesetzt: Von woher (wenn überhaupt), von welcher Ortschaft aus, kann dieser, von uns als wirklich herausfordernd, sogar, dann und wann, auch als leidvoll erlebten Unübersichtlichkeit unseres Da-und-So-in-der-Welt-seins, dieser so komplizierten und (so mögen wir es erleben) wertverwirrten, von uns aber (und auch das können wir nicht übersehen) eigenartig selbstverständlich internalisierten Gesellschaft (Arnold Gehlen)52 praktisch wieder eine ‚gute Gestalt‘, tragfähiger Sinn zukommen? – Nun Schritt für Schritt! - Unsere Geschichte ist als unsere Geschichte vor allem (phylogenetisch und ontogenetisch) eine wortwörtlich Geschichte der Reflexion. Phänomenologisch genauer, sind es durch uns entworfene ‚Geschichten der Reflexion‘. ‚Reflexion‘ und Reflexion der ‚Reflexionen‘ sind offensichtlich ein uns wesentlich zugehöriges existentielles Potential. Ausdrücklich nicht ein bloß erkenntnistheoretisches ‚Instrument‘! - Sagen wir mit Blick auf uns selbst: es scheint uns, als ob unser Da-inder-Welt-sein eben nicht nur ein einziges ‚Spiegelstadium‘ als Bildner der Ichfunktion kenne.53 - Schauen wir (Phänomenologen) nur genau auf uns selbst. Auf uns, die jetzt so (wo auch immer) auf uns selbst hinschauen (können). Dieses sich Selbst-Vergewissern, das ist (das wird uns begleiten) immer Entwurf, Konstitution einer existentiellen Ordnung, wird für uns, wir können es schon jetzt nicht mehr übersehen, zu einer unleugbaren Notwendigkeit. Also, wortwörtlich, ein herauforderndes Potential. Ein Potential, das es immer wieder von Anfang an zu erfüllen gilt. Und zwar erfahren als eine unablässige Herausforderung: ‚Ich selbst und meine mir zugehörige Welt‘!54 - Unsere phänomenologisch willkürlichen Leistungen radikaler Selbst-Selbst-Vergewis- 50 Beispielsweise: „Seit geraumer Zeit wird die Geschichte der letzten Jahrhunderte erzählt als eine Geschichte der menschlichen Hybris und ihrer unvermeidlichen Enttäuschung.“ (Thomas H. Macho. Was denkt? Einige Überlegungen zu den philosophischen Wurzeln der Psychoanalyse. In: Ludwig Nagl (hg.) Philosophie und Psychoanalyse. Frankfurt/M 1990. S 199); vgl. auch Helmut Dahmer: „Die Erfahrung, dass die Individuen in der bürgerlichen Gesellschaft Akteure und Objekte zugleich sind, dass sie zu der von ihnen unzweifelhaft geschaffenen Welt im Verhältnis des Zauberlehrlings stehen, über den sie Gewalt hat, schlug sich in der Konzeption nieder, dass die Wirklichkeit Resultat des unbewussten Produzierens eines überindividuellen Subjekts sei, das vom reflektierenden (empirischen) Subjekt, wie es sich, selbst eine Tatsache, in der Welt der Tatsachen eingesperrt findet, immer nur nachträglich erschlossen werden kann.“ (Libido und Gesellschaft. Frankfurt/M 1982. S 91) 51 Denken wir hier beispielsweise auch an Husserls Krisis-Abhandlungen. Vor allem aber denke ich hier an die phänomenologisch arbeitenden Therapeuten des ‚Wengener Kreises‘. Ein erster Überblick bei: Torsten Passie. Phänomenologisch-Anthropologische Psychiatrie und Psychologie. Hürtgenwald 1995) 52 Die Seele im technischen Zeitalter. Hamburg 1957. S 65 53 So bekanntlich bei Jacques Lacan; vgl. Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. In: Schriften I. Ausgewählt und herausgegeben von Norbert Haas. Olten und Freiburg i. Br. 1973) 54 Dazu schreibt Teilhard de Chardin: „Das reflektierende Wesen, eben weil es sich auf sich selbst zurückziehen kann, wird plötzlich fähig, sich in einer neuen Sphäre zu entwickeln. In Wirklichkeit vollzieht sich die Geburt einer anderen Welt. Abstraktion, Logik, überlegte Wahl und Erfindung, Mathe- Grundmuster der Existenz 14 serung gestalten oder (sagen wir) formen sich zu einer existentiellen Institution. – Hierher gehört auch diese Herausforderung. Dasein begreife sich nie anders als von einer (seiner) Welt her. Darüber werden wir nicht in Streit geraten. - Dass aber es sich von dort her und zugleich auch darauf hin entwirft, lässt phänomenologisch aufmerken. Fragen wir: wo denn die wirklich wirklichen Grenzen eines Menschen (als Da-und- So-in-der-Welt-sein) wären. - Kurz, die Grenzen unseres wesentlich wirklichen Selbst. (Sage nicht: natürlich die ‚Hülle‘, die ‚Haut‘ des Leibes; oder verweise nicht auf die ‚transzendentale Apperzeption‘; u. ä.!) – Phänomenologisch setzen wir uns, - aus nachvollziehbaren Gründen, selbst als Da-und-So-in-der-Welt-sein. Mit allen anthropologischen (auch medizinischen, psychiatrischen) Konsequenzen! - Selbst als dieses wesentlich wirkliche In-der-Welt-sein bleiben wir phänomenologisch aber letztendlich, gleich wo Du oder ich auch einsetzen (beispielsweise, als Künstler, Wissenschaftler, oder eben Philosoph), auf die Möglichkeit der entschiedenen Entfaltung, schließlich der existentiellen Radikalisierung der Reflexion als Reflexion der ‚Reflexionen‘ verwiesen. - Es scheint also dieses unser wirkliches So-in-der- Welt-sein, nicht nur uns Phänomenologen, wie ein Zwang zu einem (sich) fortgesetzten, sich immer weiter treibenden Reflektieren. Durchaus ein ‚chronisches Reflektieren‘.55 – Der nächste kleine Schritt. Was und wie genau ‚reflektieren‘ wir und reflektieren wir unser ‚reflektieren‘?56 In unserem irritierten und perturbierten Blick auf unser Da-und-So-sein formt sich für uns unser In-der-Welt-sein. Gesetzt wir ‚vollbringen‘ Reflexion! Wahrnehmen gestaltet sich so selbst als eine eigenartige Leistung. Und zwar die Herstellung einer Welt als Lebenswelt. Sinn und Geltung für uns von Anfang an, zumindest als Reflexion der ‚Reflexionen‘ offen-haltend. (Und das ist nicht wenig!) Beides hier ausdrücklich gesetzt ohne irgendeinen metaphysischen, oder gar theologischen Überschwang! Wahr ist doch: Wir haben uns mit der Neuzeit immer wieder zu bescheiden gelernt. – Das ist, mit Blick auf unsere Sehnsüchte, Hoffnungen, Leidenschaften, nach wie vor ein schmerzhafter Prozess. - Wie auch immer! Zumindest die Möglichkeit zu einem erkenntnistheoretisch gesicherten Sinn, als existentiellpraktisches Fundament, so hoffen wir, möge uns nicht verstellt sein! – Das sei doch wohl, so wird man zurecht sagen, wirklich nicht zu viel verlangt. Vor allem nicht für ein transzendental aufgeklärtes, selbstbewusstes, durch und durch vernünftiges Philosophieren! – Das neuzeitliche Philosophieren glaubte bekanntlich (und nicht wenige Philosophen glauben es immer noch) den festen ‚rettenden‘ Grund im Horizont einer, wie auch immer im Einzelnen gestaltenden, selbstbewussten Bewusstseinsphilosophie entwerfen zu können. (Das sei, wie man sagt, ausdrücklich kein ‚Finden‘, sondern eben ein ‚Konstituieren‘!) Philosophieren problematisiere sich matik, Kunst, berechnende Wahrnehmung des Raumes und der Dauer, Liebeszweifel und Liebestraum … alle diese Tätigkeiten des Innenlebens sind nichts anderes als Gärungen des neugeformten Zentrums, das aus sich explodiert.“ (Der Mensch im Kosmos. (1959) München 1994. S 165) 55 Arnold Gehlen. Die Seele im technischen Zeitalter. Hamburg 1957. S 59 ff. 56 Eine Frage, auf die die unterschiedlichsten philosophischen Vorstellungen ausgerichtet sind. Bei allen Unterschieden zu meiner Perspektive für mich sehr beeindruckend: Hans Wagner. Philosophie und Reflexion. (hier) München/Basel 19672. 1. Da-sein als Wir-sein 15 selbst im Namen des ‚vernünftigen‘ Philosophierens. – Ja, es problematisiert sich in der Tat. Und zwar schärfer, eindringlicher, kritischer, als es ihm genehm sein dürfte. Schauen wir beispielsweise nur allgemein auf die dafür eingeführten ‚Instrumente‘ und ontologischen, anthropologischen Grundlagen. - Ohne hier im Einzelnen darauf einzugehen, richten wir unseren Blick auf die Grund-Vorstellungen. Psychologismus, Naturalismus, Historismus oder Idealismus (und das sind im Grunde doch die neuzeitlichen Leistungen des wissenschaftlichen Philosophierens) führen es immer aufs Neue theoretisch und vor allem praktisch vor. Auffällig schon mit Blick auf die unterschiedlichen Formen, Ausrichtungen, Annahmen, die erkenntnis- und geltungstheoretischen Unsicherheiten für diese, wie man sagt, ausdrücklich doch wissenschaftlichen Gestaltungen und Verfahren. – Schauen wir, das im Blick, wieder auf uns selbst als wirkliches Da-und-So-in-der- Welt-sein. Für uns anthropologisch-existentiell ausgerichteten, so sich als wesentlich wirklich fundierenden, reflektierenden Phänomenologen, ist vor allem dieses eine offensichtlich. Und zwar, wie immer wir uns drehen und wenden, wir werden die für uns wesentliche Wirklichkeit unseres endlichen, irritierten und perturbierten Soseins nicht (nie! und in keinem denkbare Fall!) zurücklassen können. Etwas ironisch sei angemerkt: zumindest ich selbst bleibe mir so mit meiner verstörenden Wirklichkeit als fragiles Da-und-So-in-der-Welt-sein treu. (Welch ein Trost!) Wir bleiben auch mit transzendentalen Fragen, mit einer selbstbewussten Wendung des Philosophierens auf absolute reine Vernunft, mit der Ausrichtung auf strenge Wissenschaft, wortwörtlich auf uns als wirkliches leibhaft-endliches Da-und-So-in-der-Welt-sein verwiesen. (Kann das ernsthaft bezweifelt werden?) - Phänomenologisch gesetzt: Wir, wirklich Du und wirklich Ich, sind für uns selbst, unabdingbar wirklich - lebensweltlich wirklich. Wesentlich wirklich, - mit allen Konsequenzen! Sind, was immer wir denken, hoffen, träumen, setzen, kennen und erkennen, so-da in und mit unserer uns existentiell zugehörigen Lebens-Welt.57 – Und so sind und bleiben wir auch als wesentlich wirkliches Da-und-So-in-der-Welt-sein für uns selbst die entscheidende, die letztmögliche, letzt-möglich hinter-denkbare philosophische Herausforderung. – Ob damit, so wird man fragen, einem Relativismus, Skeptizismus, einem Anthropologismus Tür und Tor geöffnet werde? Ein Protagoras also das letzte Wort habe. – Wir werden sehen! Das drängt sich theoretisch auf. Und bedrängt uns praktisch! ‚Reflexionen‘, die es phänomenologisch zu reflektieren gilt. - Und zwar unser wirkliches So-in-der-Weltsein. Vorgestellt als phänomenologisch augenscheinlich sinnliche, anthropologische Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die wir selbstverständlich auch theoretisch nicht beiseitelegen können. - Das, so sollte man meinen, sei doch wohl philosophisch offensichtlich. Sei mit seinem Drängen, uns Bedrängen, in keinem Falle, zu übersehen 57 Jean-Pierre Vernant weist darauf hin, dass das auch für den historischen Beginn des Philosophierens gelte. „In ihrem historischen Kontext verliert die Philosophie jenen Charakter einer Offenbarung des Absoluten, den ihr manche verliehen haben, indem sie in der jungen Wissenschaft der Ionier die Inkarnation einer zeitlosen Vernunft in der Zeit sahen. Es war nicht die Geburt der Vernunft, die sich unter den Milesiern ereignet hat; vielmehr haben diese eine Vernunft, eine erste Form von Rationalität herausgebildet.“ (Die Entstehung des griechischen Denkens. Frankfurt/M 1982. S 132) Grundmuster der Existenz 16 (‚weg-zudenken‘!) - Weit gefehlt! Ein Blick in die philosophische Literatur der Gegenwart genügt und ernüchtert. Immer noch die Vorstellung, als ob es eine (ideale) Welt der Gedanken, Werte, Ideen, an und für sich gebe! - Kurz und knapp zusammengefasst: Sich phänomenologisch unabdingbar, vordringlich, als wesentlich wirklich leibhaftes So-in-der-Welt-sein zu reflektieren, das ist, als endlich, fragil, irritiert, perturbiert, - und so existentiell radikal sich philosophisch wirklich (als so-da) einzuführen, ist für das Philosophieren der Gegenwart alles andere selbstverständlich. Einem ‚modernen‘ Philosophieren, das sich von da und dort her, vor allem aber mit Blick auf die positiven Wissenschaften, ‚Vorschriften‘ zumuten lässt. (Das wäre ein eigenes, für uns alle, auch praktisch bedeutsames Thema. Denken wir hier vor allem an Husserls ‚Krisis-Abhandlungen) – Und so kann es auch nicht mehr sehr verwundern, dass das für uns wesentliche Kranksein als Form und Grundgestalt der Philosophie, - ausdrücklich nicht nur als eine Vorstellung für eine medizinischen Anthropologie, - nicht im Blick sein kann. Und so selbstvergessen ausgerichtet, schauen wir auch hier nur auf uns selbst, - wird jede Arbeit an einem wesentlich wirklichen Fundament für ein Philosophieren von Anfang an misslingen. Gleich wie immer auch die Absicht sein mag: ob Erkenntnistheorie; Ontologie, Religionsphilosophie oder Kulturkritik! - Und, fügen wir hinzu, was bräuchte es heute mehr als wirklich radikales existentiell gerichtetes (und das schließt sich nicht aus: letztmöglich fundiertes) Philosophieren;58 Ein systematisches Philosophieren als existentielle Reflexion der Reflexionen (der ‚Reflexionen‘); und selbstverständlich als phänomenologische Begründungsleistung: reflexive Reflexion! Und das alles unabhängig von den umlaufenden philosophischen Moden! - Wir schauen, ohne uns davon allzu sehr beeindrucken oder gar niederdrücken zu lassen, weiter hin und vor allem weiter uns selbst als So-in-der-Welt-sein zu. Das ist, phänomenologisch hinschauen mit Blick auf unser wesentlich wirkliches Da-und-Sosein. - Und da sehen wir unter anderem dieses: Der, wie wir sagen, wirkliche Mensch (Du und Ich), der uns wirklich um unser selbst willen (es geht doch im Grunde wirklich um uns selbst) phänomenologisch interessiert, ist zweifellos immer da mit anderen Menschen. Dasein reflektiert sich im Grunde als Wir-sein! So-da-in-der-Welt, gleich ob Mensch im Alltag dies eigens vorstellt, es theoretisch fasst oder nicht.59 Ich spreche nicht von einem (in einem weiten Wortverständnis) ‚bloß faktischen Miteinander‘; von diesem oder jenem (da oder dort) Beieinandersein (können). Auch nicht von, wie man es nennt, Zeitgenossenschaft (‚wir Nachkriegskinder‘! ‚Ich bin ein typi- 58 Husserls Klage gilt, so glaube ich, nach wie vor: „Man lebt so überhaupt in einer unverständlich gewordenen Welt, in der man vergeblich nach dem Wozu, dem dereinst so zweifellosen, vom Verstand wie vom Willen anerkannten Sinn fragt.“ (Hua. XVII. S 9) 59 Etwas, das aus unterschiedlichen Perspektiven interessierte; und, zumeist mehr oder weniger fest, auch außerhalb phänomenologischer Vorstellung , mit dem Menschsein verknüpft worden ist. - Um nur ein Beispiel zu nennen (der Dilthey-Schüler) Eduard Spranger schreibt: „Es gibt zwar auch bloß subjektiven Sinn, wie er etwa einer ganz privaten Zeichengebung oder gewissen krankhaften Seelenzuständen innewohnt. Wenn wir aber derartiges noch als sinnvoll bezeichnen, so ist dies schon ein Hinweis darauf, dass es indirekt auf dem Wege über objektive Sinntendenzen als deren letzte individuelle Spezifikation allgemein zugänglich ist.“ (Lebensformen. Geisteswissenschaftliche Psychologie und Ethik der Lebensformen. (1921) München und Hamburg 1965. S 16 (Anmerkung 4)) 1. Da-sein als Wir-sein 17 scher Oberpfälzer‘!) Sondern von der dem Da-in-der-Welt-sein unabdingbar wesentlich zugehörigen Gestalt. - Die Position Descartes bleibt als eigenartig unwirklich eingeklammert.60 – Wir sind schon unwillkürlich, natürlich, vor allem (nicht zuletzt) auch praktisch, auf einander und unser ‚notwendiges‘ In-der-Welt-sein eingestellt. Und das sogar noch (vielleicht sogar besonders klar vorgestellt) in unseren Träumen.61 - Möglicherweise eine Trivialität?62 (Wo bleibt die weltpolitische Lage; das Sein des Seienden; die großen Ideen; Gott?) - Meinetwegen trivial! Ausdrücklich aber eine existentiell-anthropologisch relevante Trivialität! Phänomenologisch gelesen also als eine wesentlich folgenreiche Trivialität! - Davon gehen wir nämlich aus. Mag es uns (unwillkürlich neuzeitlich Eingestellten) auch auf den ersten Blick paradox, unmöglich, irrational, unvernünftig erscheinen. Eine Art ‚Mythos‘, der quer zu unserer persönlichen Selbst-Wahrnehmung liege! - Ich bin, vorerst gleich wie gestaltet, praktisch und (legen wir alle erlernten Vorurteile beiseite) auch theoretisch in jedem Fall, wesentlich wirklich so-da als wir-sind!63 Aus welcher Perspektive (denken wir auch an Vorstellungen der Wissenschaften) auch immer wir uns betrachten. Kurz und knapp gefasst: Diese ‚unsere Gestalt und Gestaltung‘ gilt phänomenologisch als ausnahmslos gesetzt. – Alfred Schütz hat im Übrigen diese phänomenologische Perspektive in eine eigenständige phänomenologische Soziologie eingearbeitet. Wobei seine Vorstellung und Entfaltung des ‚sozialen Apriori‘ die phänomenologische (existentielle) Anthropologie nicht fundiert sondern voraussetzt.64 – Weiter! Dieses dem Dasein phänomenologisch zugeschriebene wir-sein fasst sich auch nicht als mehr oder weniger gedan- 60 Zurecht Alfred Schütz/Thomas Luckmann: Ich komme, zumindest in der natürlichen Einstellung, „nicht auf den Gedanken, dass sich die Natur oder der liebe Gott gegen mich verschworen hat und mir nur vorgaukelt, dass es Andere wie mich gibt.“ (Strukturen der Lebenswelt. Konstanz 2003. S 608) 61 Verlieren wir dabei eines nicht aus den Augen: Auch ‚jenseits‘ dieser Wirklichkeit ‚mit-anderen-da-zusein‘, bin ich eingeflochten, eingefaltet, in einen, von mir als mehr oder weniger selbstverständlich erfahrene (nennen wir es) ‚kosmische Ordnung‘. Wie auch immer, ich bin es selbst, der diese, mich möglicherweise ‚überwältigende‘ Mächte (als meine ‚Widerfahrnisse‘, als mein von mir als Schicksal erlebter Lebenslauf), eben als diese ‚Mächte‘ reflektiert, so oder so (sich) vorstellt. Also, ‚etwas‘ mir entzogenes, auf das ich aber selbst ‚bezogen‘ bin. Hierher gehört, dass unser Blick auf ‚Krankheit‘ und ‚Krank-sein‘ von uns auch ‚magisch‘ oder ‚theologisch‘ gefärbt ist. 62 Immer wieder von dieser oder jener Wissenschaft erinnert. Beispielsweise von der ‚Bindungsforschung‘ „Das Denken des Menschen wird von verinnerlichten Beziehungen mitgestaltet. Diese Beziehungen wurzeln in den ersten Lebensmonaten und -jahren. Was zwischen einem Baby und seinen Eltern geschieht, ist von eminenter Bedeutung nicht nur dafür, wie das Kind zu sich selbst und zu anderen in Beziehung tritt, sondern auch für die Entfaltung seines Denkvermögens.“ (Peter Hobsen. Wie wir denken lernen. Gehirnentwicklung und die Rolle der Gefühle. Düsseldorf und Zürich 2003. S 173) 63 Alfred Lorenzer weist darauf hin, dass sich diese Interpersonalität (Wir-Welt) wortwörtlich schon leibhaft ‚reflektiere‘. Der Körper sei ja keineswegs „ein inhaltsneutraler Apparat (…), in den man beliebige soziale Inhalte einfüllen kann. Der Aufbau der Verhaltensstruktur und der Aufbau der Körperstruktur stehen in einem Wechselverhältnis – sie folgen beide den Figuren des konkret ablaufenden Interaktionsspiel.“ (126); „Es ist die konkrete Praxis der jeweiligen Mutter-Kind-Einheit, die den menschlichen Körper und das menschliche Verhalten herstellt.“ (131) (Die Sprache, der Sinn, das Unbewusste. Psychoanalytisches Grundverständnis und Neurowissenschaften. Stuttgart 2002) 64 Beispielsweise wenn er feststellt: „Gewohnheitsmäßige Aufmerksamkeitszuwendungen und Interpretationsschemata für Natur, Gesellschaft und Verhalten im allgemeinen sind in der Sprache objektiviert und in der Sozialstruktur mehr oder minder fest institutionalisiert.“ Ihn interessiere eben nur Grundmuster der Existenz 18 kenlose Anwendung eines Personalpronomen. (Oder gar aufgeblasen als ‚pluralis mayestatis). Eben eine auch mögliche Zuschreibung neben anderen Zuschreibungen. Etwa, wir, die wir uns hier und jetzt in diesem Raum befinden. Nichts weiter als die Zuordnung eines faktischen ‚Elementes zu einer Menge‘. Und auch der Hinweis, das jeweilig verbindende, seien nur die ‚gemeinsamen Geschichten‘, bleibt die entscheidende Antwort schuldig.65 - Hier hat alles psychologische, soziologische, auch historische Fragen sein Ende. Das ‚wir sind‘ ist uns bereits von Beginn und Anfang an als wesentlich wirklich und wirklich wesentlich, psychisch, physisch (somatisch), existentiell eingeschrieben. (In diesem Sinne gilt wirklich: ‚Du bist nicht allein …‘) – Nun könnte man (um das zumindest kurz noch in den Blick zu rücken) da und dort in Zweifel kommen, ob grundsätzlich, wesentlich, und in jedem Fall Ich-sein Wir-sein bedeute. Beispielsweise bei manchen in der Literatur beschriebenen ‚schizophrenen Krankheitsbildern‘. Vorgestellt als undurchdringliche Muster; als ob ein Dasein wahrhaftig ganz und gar als fensterlose Monade existiere. – Aber weiten wir unseren Blick. Auch in diesen Fällen bleibt unser uns zugehöriges, uns gemeinsam bindendes, Da-und-So-in-der-Welt-sein gültig. Wobei auch diese Ordnung eines ‚schizophrenen Patienten‘ zu den Möglichkeiten unseres In-der-Welt-seins gehört.66 – Dieses zuerst und zumeist wie unwillkürliche, selbstverständlich auch von Anfang an, wesentlich Miteinander-sein, (phänomenologisch reflektiert und wesentlich wirklich entfaltet als ‚grundsätzlich nie anders als‘), unterscheidet sich von unserem alltäglichen Miteinander-leben, diesem Potential irgendwie so und so miteinander Inder-Welt-sein. Wir sind natürlich auch faktisch, mehr oder weniger engmaschig sozial, mit Anderen verwoben. Irgendwie aufeinander bezogen (zumeist sogar nur als Leermeinung, als Variable, als abstrakt indirekte Form), beispielsweise als wir in diesem Unternehmen; dieser Stadt; Europäer; usw., breit aufgefächert. – So gestaltet sich dieses alltägliche Miteinander-leben, hier und jetzt mehr als Regel denn als Ausnahme, als mehr oder weniger gleichgültiges Nebeneinander; als ein ausdrückliches ausund zurückweichen; unter Umständen auch als ein konfliktreiches Gegeneinander (‚Auf das Zusammensein mit diesem da, könnte ich gut und gerne verzichten‘! ‚Dieser da soll mir bloß vom Leibe bleiben‘! ‚Jeden Tag dieses Gedränge‘!). - Bis hin, dass An- „wie dieses soziale Apriori, das in der biographischen Situation vorgegeben ist, subjektiv erfahren wird.“ (Alfred Schütz. Thomas Luckmann. Strukturen der Lebenswelt. Konstanz 2003. S 332) 65 Vor allem denke ich hier an (den sehr eigenständigen Phänomenologen) Wilhelm Schapp. „Das Wir ist kein Objekt. Wenn wir es unter die Lupe nehmen wollen, verschwindet es. Dies Wir entfaltet sich in immer neuen Geschichten und setzt damit immer alte Geschichten und älteste Geschichten fort, aber immer konkrete, konkreteste Geschichten. So kann man mit einem gewissen Recht sagen, es gibt so viele Wirs, wie es Geschichten gibt.“ (Philosophie der Geschichten. Leer/Ostfriesland 1959. S 181) 66 Dazu Wolfgang Blankenburg (phänomenologisch praktisch, therapeutisch): „Ohne partielle Identifizierung, ohne die Frage, ‚wogegen‘ sich dasjenige eigentlich richte, was wir im Umgang mit dem Kranken als ein anderes Inderweltsein erfahren – d. h. ohne die Frage nach einer Positivität des Negativen – finden wir kaum einen adäquaten Zugang zu ihm. Dieser Zugang ist schwieriger als bei anderen Patienten. Er wird durch einen dialektischen Ansatz wesentlich erleichtert. Dieser führt dazu, dass wir als Erstes nicht ausschließlich den Kranken, sondern durch ihn zugleich uns selbst in Frage stellen.“ (Wie weit reicht die dialektische Betrachtungsweise in der Psychiatrie. In: Psychopathologie des Unscheinbaren. Berlin 2007. S 164) 1. Da-sein als Wir-sein 19 dere, die (irgendwelche) Anderen, für mich bloß irgendwie als ein unbestimmter Horizont da-sind (‚Der Postbote‘; ‚Die Frau an der Kasse‘!); und, sofern sie mir ‚nicht zu nahe kommen‘, kaum der Beachtung wert; (‚Ich könnte dir wirklich nicht sagen, wer heute in der Straßenbahn neben mir saß‘!). - Kurz, im Alltag, die anderen Menschen für mich natürlich als Menschen, aber als formlos formatiert; vielleicht aber sogar (und das gar nicht so selten) ein mir gleichgültiges Etwas, das mich zumeist wirklich kaum beschäftigt (‚Da hätte ich viel zu tun‘!); vielleicht noch als eine ‚mich (wie auch immer) berührende‘ Funktion (‚Ein Kollege aus meiner Abteilung‘! ‚Es war ein kompetenter Polizist‘! ‚Dieser unfreundliche Schaffner im Zug‘!); kurz: so oder so:‘ die Mit-Menschen eine Art ‚abstrakte Leermeinung‘.67 - Die Anderen also, sogar zumeist, - philosophische Theorien hin, fromme Sonntagsreden her, - als irgendwie, irgendwo da-seiende, in der Regel namenlose, ‚gesichtslose‘ Andere. – Wie auch immer dies im Einzelnen nun scheinen mag, (‚Wenn ich so darüber nachdenke, das sollte wirklich nicht so sein‘! Oder: ‚So ist es eben. Das hat schon Sinn. Alles andere würde uns Menschen überfordern‘!), - wir schauen einfach phänomenologisch hin und uns zu. Ohne Zorn und mit Ausdauer! - All diese, sich so eingefaltet erlebenden, sich als bedrängt oder als nicht beachtet wahrnehmenden; oder sich liebenden, oder sich übersehenden, sich (wie auch immer) störenden, sich ausweichenden, sich vor einander unter Umständen ekelnden, sogar ängstigenden, (usw.) wirklich wirklichen Menschen, sind immer auch so-da als ein wesentlich miteinander-sein; sind von Anfang und Beginn an Da als existentiell-interpersonal angelegtes, fundiertes So-in-der-Welt-sein. - Kurz und knapp in einem Satz. Es mag Dir gefallen oder nicht, wir gehören phänomenologisch-existentiell, wirklich wesentlich zusammen.68 (Es gilt wesentlich: ‚Bis das der Tod uns scheidet‘!) Gleich wie Du Dich fak- 67 Vgl. z. B. „Der Andere kommt seit der griechischen Tragödie und Philosophie und in vielen neuzeitlichen Denktraditionen im Grunde nicht als Mitmensch, sondern nur als Nebenmensch vor, als mich bedrohender Fremder, Feind, als auswechselbares Individuum der Gattung Mensch, als ‚Man‘ (Heidegger), als Feind, der meine Freiheit bedroht (Sartre).“ (Willi Oelmüller. Philosophie angesichts heutiger Herausforderungen. In. Orientierung Nr. 10. 31. Mai 1993. S 116) Dazu auch die bekannte Einlassung Sigmund Freuds: „Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an und gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne.“ (Massenpsychologie und Ichanalyse. Gesammelte. Werke XIII. S 73) 68 Eugene Minkowski gibt dafür eine ‚phänomenologische Antwort‘ (eben geschaut): „Was wir von uns selbst sagen, betrifft im selben Maße und in einer ebenso unmittelbaren Weise unsere Haltung den anderen gegenüber. Auch dort regt sich hinter dem, was wir von ihnen erkennen können, immer das Unbewusste, diese unerschöpfliche Quelle des Lebens. Und gerade diese Quelle schafft diesen innigen und ursprünglichen Bund zwischen mir und meinesgleichen, der eine Art Identität zwischen uns herstellt, die sie zu meinesgleichen macht, meinesgleichen nicht in der äußerlichen und oberflächlichen Äußerungen ihres Lebens, sondern in den Tiefen, die der Erkenntnis unzugänglich, aber dennoch in ihrer Anlage auf positive Erkenntnis ausgerichtet sind.“ ( Die gelebte Zeit. (1933) Salzburg 1971. S 63 f.) – Noch eine Perspektive, nicht als Stützung unserer phänomenologischen Reflexion, (darauf setze ich nicht), sondern als Hinweis auf vergleichbare Wahrnehmungen unseres uns verbindenden Da-und-So-seins. „Nein, das menschliche Individuum erschöpft nicht in sich die möglichen Lebensformen seiner Art. Über jedem Reis, das die Anthropologie und die Soziologie unterscheiden, bildet sich und pflanzt sich eine Strömung erblicher und kollektiver Denktätigkeit fort: die Menschheit erscheint durch die Menschen hindurch; der Zweig Mensch taucht in der menschlichen Phylogenese auf.“ (P. Teilhard de Chardin. Der Mensch im Kosmos. (1959) München 1994. S 179 f.) Grundmuster der Existenz 20 tisch selbst ordnest. Wir sind miteinander Da, eben nicht nur als freundschaftlich zugetane, oder als Kollegen, Freunde, Verwandte (‚Das ist meine Frau‘! ‚Mein Bruder‘! ‚Was soll ich machen, sie gehört nun mal zu meiner Familie‘!), Nachbarn (‚Wir kennen uns nur vom sehen‘; aber auch: ‚Diesen da kenne ich bloß vom wegschauen‘), u. ä. - Oder auch so, mindestens ebenso markante Bezüge: als uns präsente, uns so oder so tangierende Konkurrenten, Gegner, Feinde. (Vielleicht auch nur: ‚Irgendwer, der vor mir an der Kasse steht‘) Und schließlich, um auch das noch zu nennen, als für einander gleichgültig scheinende, uns beispielsweise eben nie Begegnen könnende (Sagen wir irgendwie: ‚Jenseits von Afrika‘). All das entwirft, zeigt, dokumentiert immer und zugleich unser wesentlich wirkliches, lebensweltlich zueinander; unser: ‚Ich nie anders als Wir‘! – Wir bleiben weiter phänomenologisch schlicht; und selbstverständlich ausdrücklich schlicht phänomenologisch. D. i. nie weiter ausgreifen als das wirkliche Schauen trägt. Die tiefen spekulativen Gedanken (ich spreche davon ohne jede Ironie), wie immer sie auch berühren und möglicherweise sogar beunruhigen, setzen wir in die Klammer. – Mir ist klar, diese phänomenologische Reflexion kann für diejenigen die (beispielsweise) bei diesen Fragen Martin Buber, Ferdinand Ebner oder Emmanuel Levinas folgen, nur eine defizitär scheinende, ‚flache‘ Perspektive sein. Eine Vorstellung, die entweder aus Unvermögen oder (eine Art) Unwillen, das Entscheidende, das ‚metaphysisch Eigentliche‘ unseres Miteinander ausklammern versucht. – Sei es wie es will. Ich möchte mich darauf nicht weiter einlassen. Uns ist zunächst phänomenologisch beides recht: Dort die gelassen wissenden Seher; hier die verzweifelt-skeptischen Landvermesser! – Wir schauen weiter systematisch phänomenologisch hin auf unser eigenartiges Wahrnehmen eines anderen Daseins als ‚ein für mich Anderer‘. Es reflektiert sich uns wesentlich als Selbstverständnis! Der Andere, den ich mir und dem ich mir wie selbstverständlich als ‚wir‘ zu- und einordne. – Eines ist aber phänomenologisch auffällig. In keinem Fall reflektiert sich für mich der Andere als bloßer Gegenstand, als Ding, als Sache. Mag ich auch zu ihm stehen wie ich will. (‚Steh mir nicht im Weg‘! ‚Nur eine Arbeitskraft neben anderen‘!) – Es bleibt in jedem Fall und grundsätzlich dieses uns unaufhebbar verbindende: ‚Wir Menschen‘! – Es bleibt wortwörtlich: letztendlich der faktische und auch der notwendige Horizont unseres wesentlich wirklichen In-der-Welt-seins. Mensch-sein heißt also im Grunde Wir-sein! Dass dies allein schon die wirkliche kommunikative Verflechtung: unsere Sprache und das jeweilige Sprechen dieser Sprache, deutlich nach vorne rückt, sei hier zumindest angemerkt.69 - Diese, so scheint es schon für den Alltag, zuerst und zumeist selbstverständlich, unwillkürlich gesetzte Konstitutionsleis- 69 Dazu schreibt Wolfgang Schadewaldt (mit Blick auf die Bedeutung der altgriechischen Sprache für unser Philosophieren): „Auch das Individuellste, das in uns aufkommt und von dem wir das Gefühl haben, dass es allein unser ist, steht indem wir es aussprechen, schon in Zusammenhängen genereller Art. Es gibt kein besseres Beispiel dafür, wie Individuelles und Generelles in ständiger Wechselwirkung stehen, als die Weise, wie der Einzelne im Sprechen immer er selbst als Individuum ist und doch zugleich ein Generelles in Bewegung setzt.“ (Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen. Die Vorsokratiker und ihre Voraussetzungen. Tübinger Vorlesungen Band 1. Frankfurt/M 1978. S 126) 1. Da-sein als Wir-sein 21 tung (in Wirklichkeit eine Serie von abgestuften Leistungen) braucht phänomenologisch nun ausdrücklich unsere Aufmerksamkeit. - Sind doch diese Akte nicht zuletzt die Grund-Voraussetzungen, die existentiellen Grund-Leistungen für all die so natürlich gelebten, so fraglos gültig scheinenden Gestaltungen unseres Miteinanders, Gegeneinanders, Nebeneinanders. Grund-Akte, die von Anfang an nicht nur ‚repulsiv‘ unsere und meine Lebenswelt, den Horizont unseres und meines Da-und-So-in-der- Welt-seins herstellen. Unseren Horizont innerhalb dem sich Subjekt, Individuum, und gesund und krank, normal und irre (usw.), erst ‚reflektiert‘. - Nicht zu Letzt scheint es phänomenologisch als ein unwillkürliches herstellen unseres In-der-Weltseins. Sozusagen als ein uns selbst hinter unserem Rücken fundieren. - Und das ist für uns nicht nur erkenntnis- und geltungstheoretisch von Bedeutung!70 – Denken wir beispielsweise noch einmal an all die uns (irgendwie ‚von Kindesbeinen an‘) vertrauten Formen unseres alltäglich-schlichten Miteinander-sein-könnens. Mir ist eben so, als könnte das gar nicht anders sein! Ein für uns geläufiges Spiel. - Phänomenologisch reflektiert als vielschichtige, konstitutiv existentielle Akte. Akte, wortwörtlich einer leibhaften Kommunikation. Etwa, sich (wie auch immer) begegnen; oder, sich der Zuwendung durch einen anderen willkürlich entziehen; oder, Aufmerksamkeit schenken oder auch nicht; sich leibhaft ‚ausdrücklich‘ lieben, hassen oder sich gleichgültig sein; in Freundschaft, oder auch in Nachbarschaft verbunden (sich zuwinken, grüßen, anblicken, lächeln, aneinander vorbeigehen); usw. usf. – Phänomenologisch gehören hierher nun auch die ‚umständlichen‘ Reflexionen (das sind schon so gefasst, schon selbst reflexive Akte der ‚Reflexion‘), die mich selbst für mich selbst als Anderen für Andere vorstellen. (Schon: ‚Er hat sich über mich geärgert‘! ‚Er hat mich absichtlich übersehen‘!) - Das sind keine unwillkürlichen Leistungen mehr. Obwohl uns gewohnheitsmäßig natürlich geläufig; uns scheinbar (‚Jetzt wo du mich darauf aufmerksam machst‘!) als unsere Regel So-Da-zu-sein vertraut ist. Und zwar so, dass uns auch all das, was sich daraus ergibt, als selbstverständlich scheint; wir darauf kaum aufmerken. (Es wird uns noch beschäftigen). – Das verlieren wir nicht mehr aus unserem Blick: Erst diese phänomenologischen Vorstellungen ermöglichen es lebensweltlichen Horizont als wesentlich wirklich, eben als letztmöglich zu öffnen. Kurz, - den anthropologischen Horizont für eine wahrhaftig radikale existentielle Reflexion der ‚Reflexionen‘ unseres So-in-der-Welt-seins zu entwerfen. – Eines darf dabei nicht beiseitegelegt werden. Diese Konstitution wesentlich wirklicher Lebenswelt, so haben wir es vereinbart, ist immer auch gesetzt als phänomenologische Vorlage für eine (für die) philosophische Grundlagenforschung.71 – Diese phänomenologische Leistung für unser Philosophieren gilt, selbst wenn diese existentielle Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘, unser ausdrücklich so ge- 70 Das geht über diese auch in der Biologie (nicht erst seit Darwin) vertrauten Akte der Selbst-Konstitution hinaus. Beispielsweise Pierre P. Grassé. „Unablässige Arbeit, unermüdlicher Kampf, stete Aufrechterhaltung der Ordnung und des Gleichgewichts, ohne die der Organismus zugrunde gehen müsste, und zwar um jeden Preis – damit sind alle Lebewesen beschäftigt, auch der Mensch.“ (Das Ich und die Logik der Natur. Die Antwort der modernen Biologie. München 1973. S 44) 71 Die wirkliche, wahrhaftige Grundform des Philosophierens, die in der Gegenwart aus dem Blick geraten zu sein scheint. Grundmuster der Existenz 22 schautes ‚mit-‘ und ‚in-der-Welt-sein‘, usw., nur implizit, beispielsweise eben als Verlustanzeige gestaltet ist. - Wahrhaftig philosophisch nichts Ungewöhnliches! Denken wir beispielsweise an eine Reflexion der philosophischen, literarischen, ästhetischen Beschwörungen angesichts einer (wie man zu sehen vermeint) unaufhaltsam wachsenden Es-Welt (Martin Buber). – Das und zunächst ungefähr so sind die phänomenologischen, lebensweltlich unspektakulären Vorstellungen der uns gemeinsamen Leistungen der Konstitution unseres So-in-der-Welt-seins. Also die Aussicht auf die Möglichkeit einer letztmöglichen existentiellen Anthropologie. – Wer es überhaupt wahrnehmen möchte, so habe ich gesagt, könne es selbst sehen! Diese Vorstellungen fordern aber gerade durch diese scheinbar alltägliche Selbstverständlichkeit heraus. - Und das phänomenologisch von Anfang an! (‚Das soll ernsthaft ein philosophisch relevantes Thema sein‘?) Das wird uns im Übrigen auch auf unseren Um- und Nebenwegen der Reflexion der Reflexionen begleiten. - Auch unsere phänomenologische Leistung der reflexiven Reflexion verdichtet sich konkret als Vorstellung der unbedingten, in einem gewissen Sinne, ‚absolut wirklichen‘ Inter-Personalität!72 Nur dort kann sie sich selbst auch als letztmögliche Geltung einsehen. Und trotzdem, die Differenz zur transzendentalen Phänomenologie Husserls kann dem mit der phänomenologischen Literatur vertrauten nicht verborgen bleiben. (Das hier vorerst nur nebenbei.) - Auch das was wir ‚phänomenologisch tun‘ (eben die Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘) hat selbstverständlich seinen letztmöglichen Ort innerhalb des interpersonalen Horizonts. – Dies beschreibt und fasst, wir können ‚treiben‘ was immer wir wollen, unsere nicht nur phänomenologisch unabdingbaren Reflexionen unseres/meines lebensweltlichen Soseins. Kurz, unsere je eigenen, der Form nach selbstverständlich wesentlichen Erfahrungen unseres Da-und-So-in-der-Welt-seins! – Ich höre sagen: Das sei nicht nur phänomenologisch naiv? Sondern wäre geradezu ein ‚vor-neuzeitliches‘ Philosophieren? – Wir werden sehen! – So bin ich selbst sogar für mich selbst, erst als ‚wir-sind‘ in meinem Blick! Als dieses letztmögliche, nicht wirklich weiter auflösbare Miteinander so-da-sein! Eine Vorstellung, die sich jeder weiter ausgreifenden Hinterdenklichkeit zu entziehen scheint. - Beispielsweise, schon unser alltägliches So-in-der-Welt-sein, von Anfang an ausdrücklich praktisch und theoretisch einer gemeinsamen Lebenswelt, einer Wir-Welt, radikal zuzuordnen, ist für unser Selbstverständnis, alles andere als nebensächlich. - Etwa mit Blick auf Descartes: was heißt beispielsweise, vor dieser für uns wesentlich existentiellen Wirklichkeit, noch: cogito ergo sum? - So-da-zu-sein (ich sage es mit Bedacht) ‚reflektiert‘ wirklich unser wirkliches Wesen. Von Anfang an unser (mein), immer auch leibhaftes Existieren. - Es ist eben nicht so, als ob ich als erstes (primär; fundamental; unbedingt) ein Ich-bin wäre, - und dann, wenn Ich es ausdrücklich will, mich auch auf andere beziehen könnte, oder (natürlich) nicht. Mich diesem oder jenem - immer auch faktischen - Wir, gelegentlich, da oder dort, willentlich, und nur wenn (wie man sagt) ‚es gerade in meinem Kram passt‘, zuordne oder eben nicht. - 72 Auch hier gäbe es schon Sinn anthropologische Modelle der Tiefenpsychologie mit in den Blick zu nehmen. 1. Da-sein als Wir-sein 23 Um hier aber den Blick nicht unangemessen einzuengen, noch dieser kleine Hinweise auf eine uns allen sicher vertraute Erfahrung. Die Erfahrung der Anderen als (geradezu lehrbuchgemäß) ‚soziales‘, ‚gesellschaftliches‘ Faktum. - Die Vorstellung unserer für uns wesentlichen ‚Wir-Welt‘ schließt unser natürlich auch zufälliges Nebeneinander-her-leben gerade nicht aus. So als ob nicht auch unter anderem, da oder dort, irgendwelche Anderen faktisch, irgendwie wie nebenbei, mehr oder weniger zufällig, in meinem Horizont treten und ihn verlassen könnten. Gleich ob gewaltsam, freundschaftlich, mich jetzt so oder so tangierend, aus diesem oder jenem Grunde. – Aber gleich wie, auch mit Blick auf diese, und all den anderen (natürlich auch den ganz und gar zufällig, belanglos scheinenden) denkbaren Möglichkeiten, leben wir, von Anfang an, nie anders als in und mit einer gesetzten ‚Wir-Welt‘. In einem knappen Satz: Ich bin (anders als beispielsweise Descartes es vorstellt) prinzipiell, primär, von Anfang an Da als Ich und Du und Wir. – So kann es auch gar nicht mehr anders sein, dass diese uns bewegenden ‚interpersonalen Fragen‘ (das ist für uns nicht bloß ein geltungstheoretisch ausgerichtetes Fragen nach diesen oder jenen sozialen Mustern der Erkenntnis, der Wahrheit, der Objektivität, eine Herausforderung für ein transzendentales Philosophieren) im Horizont der phänomenologisch existentiellen Anthropologie zu entwerfen und ordnen sind. - Vergessen wir nicht, hier entscheiden sich phänomenologisch die anthropologisch existentiellen Reflexionen mit Blick auf den Umfang, die Bedeutung und Sinn unseres Da-und-So-in-der-Welt-seins. – Das nennt, beschreibt und entwirft also phänomenologisch, unsere uns grundsätzlich gemeinsame Lebenswelt. Das ist der Anfang unseres Da-und-So-in-der-Weltseins. Sagen wir die Gestalt für alle überhaupt möglichen existentiellen Gestaltungen. - Eine wesentliche Wirklichkeit, der ich mich, als Dasein, lebend nicht wirklich entziehen kann. Auch nicht (beispielsweise) als Träumender, Einsamer, Kranker, Leidender, Wahnsinniger, nicht einmal als Sterbender. - Erst mit dem Tod, als nicht mehr da-sein, bin ich wirklich endgültig ausgeschieden.73 – Zusammenfassend und dicht gefasst als phänomenologische Beschreibung. - Das, so sage ich, sei die fundamentale anthropologische Vorstellung; eine Vorstellung, die, drehen und wenden wir es wie wir wollen, es praktisch und theoretisch ‚in sich hat‘: Ich bin nicht nur faktisch da weil wir-sind!74 (Natürlich, wie denn sonst?) – Das beschreibt vielmehr mein wesentliches Gültig-sein! Gleich was ich ‚persönlich‘ denke, meine und tue! Mein In-der-Welt-sein, ich als dieses Da-und-So-sein, reflektiert und konstituiert sich so natürlich unwillkürlich, sagen wir ‚schon passiv‘. Ich mag darauf eigens aufmerken oder nicht, leben im Horizont eines, wie auch immer faktisch geordneten, mit-anderen-seins. – Wesentlicher und darüber hinaus: schon meine jeweilige Lebens-Welt ist von Anfang an aus- 73 Aber – ich bleibe auch dann, ein ‚gewesen-sein‘. 74 Die Vorstellung eines uns notwendigen anthropologischen Musters, das selbst für denjenigen, der es nicht leben möchte, oder, der außerstande zu sein scheint, es ‚willkürlich‘ zu leben, existentiell bestimmend bleibt. Auch (beispielsweise) als radikal erlebte Einsamkeit (gleich ob gesucht oder – aus welchen Gründen auch immer – erzwungen) bleibt eine Gestaltung unserer ‚Wir-Welt‘; bleibt auf ‚die Anderen‘ bezogen; bleibt also (kurz und knapp) ein Modus der ‚Begegnung‘. Grundmuster der Existenz 24 drücklich Wir-Welt!75 - Das gilt so selbstverständlich, dass es auch wissenschaftlich, (denken wir an die Psychologie) kaum einer Rede wert zu sein scheint. So sei eben unsere alltäglich gelebte (internalisierte) Normalität! – Eine, so scheint es uns, wirkliche Wirklichkeit, die als selbstverständliche ‚formale Gestaltung‘ uns umgibt, mit uns irgendwie ‚lebt und atmet‘. Natürlich auch die Voraussetzung für Kultur und Wissenschaft! Kurz, die selbstverständliche Normalität, die unsere Ordnung bestimmt, (als etwas, das nicht nur ‚im Auge eines Betrachters‘ liege). - Von der her nun auch festgelegt wird, welche Muster, welche Wahrnehmungen und Vorstellungen abweichen. – Beispielsweise, wisse man eben, so oder so habe unsere (moderne) soziale, gesellschaftliche Wirklichkeit zu sein; sie müsse (normalerweise) human, aufgeklärt, oder ganz pragmatisch (wissenschaftliche, technisch) gestaltet werden. - Ganz auf dieser Linie liegt die Festlegung von Harald Schultz-Hencke: das Normale sei eben der (heute) ‚mittlere Mensch‘. Der ‚moderne tüchtige‘ Mensch, dem es gelinge mit den unterschiedlichen Spannungen und Herausforderungen, gleich woher, (trotz allem) angemessen (miteinander) leben (Dasein) zu können.76 Aber schauen wir noch genauer hin? Ist diese nun phänomenologisch selbstverständlich gefasste Reflexion: die Wir-Welt sei unsere uns wesentlich umgreifende, uns von Anfang an fundierende ‚normale‘ Wirklichkeit, - für uns, die mit Descartes, Kant, Husserl, letztendlich (und trotz allem) auf das transzendentale Ich, oder mit Kierkegaard, Jaspers, Heidegger (u. a.) auf das eigentliche Selbst abstellen, nicht doch etwas beunruhigend unbefriedigend. – Aber wir sehen es doch selbst: Jeweilige Lebenswelt, ich selbst als für mich selbst gewisses Da-und-So-in-der-Welt-sein, zeigt, entdeckt, gestaltet, fundiert sich, aus jeder nur erdenklichen Perspektive, von Anfang und Beginn an, als ganz und gar unsere Welt.77 – Betrachte es also wie Du möchtest: etwa, kulturell, ökonomisch, religiös, ethisch, von den Wissenschaften her, von Mode, Geschmack, usw. ganz zu schweigen. Ich bin selbst, auch noch für mich selbst, nie anders da, als in unserer wesentlich wirklich geordneten Wir-Welt. (Und fühlte ich mich auch als das einsamste Wesen des Universums!) – Das also wäre der für uns wesentlich wirkliche lebensweltliche Horizont. Das stellt natürlich auch die maßgebenden Grenzen meiner Existenz. Hier entfalten sich auch, und wieder von Anfang an, unsere so selbstverständlich scheinenden Vorstell- 75 So kann diese Beschreibung einer (so nennt sie sich selbst) ‚Psychiatrieerfahrenen‘ nicht allzu sehr verwundern. „Wenn ich an ‚gute‘ psychiatrische Behandlung denke, spielen für mich Medikamente eine untergeordnete Rolle. (…) Woran ich denke, sind Personen, Gesichter, Namen und erlebte Szenen mit diesen Personen. Positives: Jemand, der sich sofort viel Zeit nimmt, als er sieht, dass ich in einer bedrängten Lage bin, und mir lange zuhört.“ (Sibylle Prins. Gut, dass wir mal darüber sprechen. Wortmeldungen einer Psychiatrie-Erfahrenen. Neumünster 2001. S 63; 64) 76 Vgl. Lehrbuch der Traumanalyse. Stuttgart 19722. Den ‚mittleren‘ (normalen) Menschen zeichne aus, dass er „im allgemeinen seine Zwiespältigkeit nicht als Qual empfindet.“ (22) „Unter normal sei derjenige Mensch verstanden, der keine neurotische Symptomatik entwickelt, der, in diesem Sinne vom Arzt her gesehen ((!)), gesund ist.“ (60) – Vor allem der zweite Satz ist phänomenologisch nicht unproblematisch. Nach welchen Kriterien, von woher, bestimmt der Arzt ‚neurotische Symptomatik‘? - 77 „Die Zivilisation, an der ich teilhabe, hat ihr evidentes Dasein für mich in den Werkzeugen, die sie sich selbstgegeben hat. (…). Im Kulturgegenstand erfahre ich die nächste Gegenwart von Anderen unter dem Schleier der Anonymität.“ (Maurice Merleau-Ponty. Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin 1966. S 399) 1. Da-sein als Wir-sein 25 ungen, unsere Muster der (für die) Normalität. Zu unseren normalen Selbstverständlichkeiten gehören natürlich auch die, von mir so oder so (scheinbar wie unmittelbar) wahrgenommenen, markierten, oder einfach gelebten, Abweichungen von diesen Regeln. Beispielsweise, ein ausdrücklich nicht beachten dieser oder jener Normen, sich aus irgendwelchen Ordnungen herausnehmen; (‚Bei uns wird in diesem Falle schon immer so gehandelt‘! ‚Ich weiß‘!) usw. - Dieses da und dort, von diesem oder jenem Muster, Normen, abweichen (können), oder, beispielsweise, ‚das habe ich wirklich nicht gewusst‘, (ich kenne auch die Regel: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe‘), ist dazu kein Widerspruch! Auch das sind Möglichkeiten der Ordnung; sagen wir es paradox, ist alles noch ganz in unserer Ordnung! – Die Reflexionen zusammengefasst: Weder stehe ich in irgendeinem Fall ganz unvermittelt je vor mir selbst; ‚ich selbst‘ (als reine Vernunft; als die für mich allein mögliche Eigentlichkeit) vor und in der Welt; noch je unvermittelt vor einem (meinem) Gott (nur ich selbst und dieses ‚große Du‘).78 Immer, wirklich und wesentlich immer, lebe ich, verhalte ich mich als Da-und-So-in-der-Welt-sein als Gestalt und Gestaltung unseres wesentlichen Wir-seins. - Von diesem Modus unseres von Anfang und Beginn an fugenlos dichten, ausnahmslosen Mit-einander-seins, reflektieren sich, davon gehen wir phänomenologisch aus, selbstverständlich all die uns hier bewegenden Grenz-Fragen existentieller Anthropologie. Von dort her, und nicht von irgendeiner spekulativ gesetzten Mitte aus, vermessen wir unser In-der-Welt-sein. – Das drängt sich nun auf. Aus welcher Perspektive es in den Blick gerückt wird. Es ist wahrhaftig nie und nimmer ein Zufall, oder bloß meinem persönlichem, mehr oder weniger zufälligen Interesse geschuldet (Psychoanalyse hilf!), dass diese ausdrücklich uns bedrängenden lebensweltlichen Fragen: Deines und meines, unseres So-Da-in-der-Weltseins, ausdrücklich als existentielle Gestaltung, als bedrängende Vorstellung, in das Zentrum unserer phänomenologischen Aufmerksamkeit rücken.79 Diese Reflexion unserer ‚Reflexionen‘ zeigen phänomenologisch (d. i. auch hier nur ein vorsichtiges umreißen) grundsätzlich und überhaupt, den Umfang unsere Möglichkeiten Da-zusein. - All diese Wirklichkeiten und wirklichen Möglichkeiten der Gestaltungen, der Ordnungen unseres Existierens!80 Beispielsweise, wahrnehmen, reflektieren, schauen! - Das entwirft auch praktisch und grundsätzlich (als ‚existentielle Form unseres fakti- 78 Das ist im Übrigen kein sehr neuer Gedanke. „Anthropologisch muss man sich darüber klar sein, dass es eine vorkulturell fassbare menschliche Natur überhaupt nicht gibt. Es ist keine Aussage des Menschen über sich selbst möglich, die unabhängig wäre von einer bestimmten kulturellen Ausprägung.“ (Arnold Gehlen. Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen. Zweite neubearbeitete Auflage. Frankfurt/M. Bonn 1964. S 104) 79 Wolfgang Blankenburg unterstreicht die Bedeutung dieser Reflexionen: entscheidend sei nämlich, „dass die intersubjektive Konstitution des Welt- und Selbstverhältnisses offenbar zu dem ersten gehört, was in der Schizophrenie verändert, bzw. deren Labilität eine Vorbedingung für das Einsetzen der Alienation darstellt.“ (Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit. Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien. (1971) Berlin 2012. S 156) 80 Selbst der (nicht nur im Anschluss an Nietzsche) in den Jahrzehnten um 1900 herum geträumte Traum vom ‚Übermensch‘ bleibt natürlich innerhalb dieses Horizonts. Also, (ausnahmsweise dogmatisch gesetzt), kein Mensch übersteigt unseren uns grundsätzlich gemeinsamen, so konstituierten Horizont. Der Mystiker, das Genie, der Held, selbst noch der Christus (der Gott-Mensch) - alles Gestalten unserer Ordnungen, die die Möglichkeiten unseres In-der-Welt-sein ‚reflektieren‘. Grundmuster der Existenz 26 schen In-der-Welt-seins‘, als ‚anthropologische Logik‘) die überhaupt möglichen Varianten, so oder so sich überhaupt begegnen zu können. Einschließlich der gesetzten Normalität, unserer Regeln, des Erlaubten, Fragwürdigen, des Verbotenen, usw. Beispielsweise, sich Hilfe geben oder verweigern; solidarisch sein oder nicht; freundschaftlich zugetan sein; sich lieben; streiten; hassen; heiraten und sich trennen; Kriege führen; andere verletzen (mobben, beleidigen,); selbst noch sich abwenden, einen ganz auf sich bezogenen Lebensstil pflegen (‚Ich lebe nur noch für meinen Hund‘!); usw.81 - Mach was Du willst, wir bleiben in jedem Fall, Dein theoretisch und praktisch unabdingbarer ‚lebensweltlicher‘ Horizont! - Kurz und knapp nennen wir es klassisch formelhaft: ‚die Bedingung der Möglichkeit‘ um überhaupt Welt- und Selbsterkenntnis haben, (Wahrnehmen, Begreifen, Verstehen, Ordnen, usw.) und auch selbstverständlich, phänomenologisch Reflexionen radikal reflektieren zu können.82 Also, etwa zu sagen, der Weg zu sich selbst könne unter anderem auch (warum nicht) über unsere gemeinsame soziale Welt führen, sei durchaus möglicherweise auch erfolgversprechend, zielführend, trifft es nicht. Diese Rede impliziert nämlich, dass es außerhalb unserer Lebenswelt noch irgendwelche Möglichkeiten für ein theoretisches und praktische Selbstverständnis (für Dich oder mich) geben könne! - An einem halten wir fest. Wir erfinden, konstruieren, spekulieren nicht! Wir schauen einfach hin und uns selbst zu! Was immer sich in unseren lebensweltlichen Horizont wirklich drängt. So scheint uns auch das Weitere als selbstverständlich, für uns phänomenologisch offensichtlich. Unser Selbst-Schauen; auf den ersten Blick eine geradezu alltägliche, allerdings als phänomenologisches Prinzip, eine eigenartig willkürliche Wahrnehmung. Kurz und knapp, von unserem wirklichen Wahrnehmen gehen wir aus. - Auch um dies weiter phänomenologisch wahrzunehmen, als ‚Reflexion‘ existentiell zu reflektieren, braucht es keine spekulativen Höhenflüge, keine philosophische Begriffsakrobatik. Bleibt es doch für uns selbst etwas ganz und gar Alltägliches! - Schon eigens darauf hinzuweisen, das Hinschauen auf das alltägliche So-dasein als philosophische Herausforderung zu behaupten, mag dem einen oder der anderen, als höchst überflüssig scheinen. (‚Deine Probleme möchte ich haben‘!) - Es entwirft aber schon mit Blick auf den wesentlich wirklichen Umfang unsers Da-und-Soin-der-Welt-sein eine Differenz. Eine existentiell bedeutsame Differenzierung. Anlass mancher Verwirrung in der neuzeitlichen Philosophie. - Fassen wir es hier noch entsprechend einfach. Phänomenologisch so: Ich bin da, in dieser Welt, mit Anderen. - Das ist offensichtlich und offensichtlich selbstverständlich. Und, Ich bin als So-in-der- Welt-sein für Andere auch ein Anderer. Die Anderen und Ich; Ich als Anderer für 81 In diesem Zusammenhang Wolfgang Blankenburg. „Die Intersubjektivität ist zu einem zentralen Problem der Psychopathologie der Schizophrenie geworden, seitdem immer deutlicher wurde, dass die zu beobachtenden Abwandlungen der Struktur zwischen menschlicher Begegnung nicht als sekundäre Folgeerscheinungen aufzufassen sind, sondern den Kern der schizophrenen Alienation ausmachen.“ (Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit. Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien. (1971) Berlin 2012. S 131) 82 Das ist eine Einsicht, die sehr unterschiedliche philosophische Schulen ungefähr so teilen. Nur als ein Beispiel: Wilhelm Szilasi. „“Die Mir eigene objektive Welt vermag nur auf Grund der allgemeinen Verständigung, das heißt auf Grund der Intersubjektivität allgemeine Geltung zu gewinnen.“ (Einführung in die Phänomenologie Husserls. Tübingen 1959. S 99 1. Da-sein als Wir-sein 27 Andere; auch, wir (als Du und als Ich) sind immer auch die Anderen. (‚Das soll alles sein? Wie sollte von dort her, uns bewegendes Philosophieren auf den Weg gebracht werden‘?) – Und wirklich, das gestaltet, ordnet, verwirrt und ‚reflektiert‘ die Geschichte der existentiellen Reflexion. – Auf dem ersten Blick eine Trivialität! So eingeführt scheint sie darüber hinaus zu allem Überfluss abstrakt und aufgeblasen. (‚Das braucht uns hier und jetzt wahrhaftig nicht auch noch philosophisch zu bekümmern‘! ‚Dieses Feld ist wirklich ausreichend bestellt‘! ‚Schau auf die tatsächlichen Probleme dieser Welt‘! ‚Muss das wirklich auch noch eigens phänomenologisch reflektiert werden‘?) – Wir können diesen Fragen um unser selbst willen aber nicht ausweichen! Ob wir es wissenschaftlich oder philosophisch begreifen wollen oder nicht, es bleibt für uns letztendlich immer wieder von Anfang an, eine existentielle Notwendigkeit. Vielleicht gerade weil es als (schau doch einfach nur hin!) alltäglich gelebte Selbstverständlichkeit als fraglos gültig gesetzt scheint. - Es bleibt für unser In-der-Welt-sein eine anthropologische Differenz. Gerade dies zeichnet, das können wir phänomenologisch nicht einfach beiseitelegen, unsere existentiell wesentlich wirkliche Ortschaft. – So gesehen, als praktisch gelebte Spannung, bleibt unser so da-sein, phänomenologische Herausforderung. - Beispielsweise differenziert sich hier der lebensweltliche Horizont, den wir für all unsere Regeln, Normen, Vorlagen, Ideen, Gedanken, Reflexionen, immer schon als geradezu unbedingt geltend voraussetzen. ‚Der Andere‘ (das bist Du und ich) als Möglichkeit ist der existentiell gelebte Horizont. Phänomenologisch nicht nur erkenntnistheoretisch bedeutsam (allerdings gilt: durchaus auch!); sondern gesetzt als Wirklichkeit und Möglichkeit für eine grundsätzlich existentielle Herausforderung der phänomenologischen Anthropologie! Wir bleiben uns, betrachten wir es wiederum aus jeder nur denkbaren Perspektive, sicher nicht erspart! Theoretisch und praktisch! Ob wir es begrüßen oder nicht!83 – (Der ‚Menschenfeind‘ hasst folgerichtig, wesentlich, notwendig immer auch sich selbst. Das ist, aus unserer Perspektive, keine tiefenpsychologische, psychoanalytische Frage.) Es sind Reflexionen für letztmögliche Vorlagen (es gibt in Wirklichkeit für uns kein darüber hinaus mehr!) für unser Da-und-So-in-der-Welt-sein. – Um das alles selbst zu sehen, braucht es keine hoch auf fliegenden Gedanken, keine weitausholenden Spekulationen. - Nicht anders als bei der ersten Reflexion der ‚interpersonalen Reflexion‘ reicht unser Schauen. – Schauen wir beispielsweise hin auf diese uns allen vertrauten lebensweltlichen Erfahrungen. – Wir fassen uns, praktisch, alltäglich, ohne weiteres, in und mit unserer (nennen wir es allgemein) Gemeinde. Leben und gestalten in diesem Horizont etwa wirklich und selbstverständlich unsere Nachbarschaft; es ist die Grundlage für Freundschaft, Arbeitswelt und Familie, usw. (Wir sind, ich sage es ganz beiläufig, weit weg von der Behauptung: ‚Die Hölle – das seien die Anderen‘!) - Selbstverständlich bewegen wir uns mit uns unspektakulär als gelebte wirkliche Wirklichkeit! Tatsächlich: von der Wiege bis zur Bahre! Das meint nicht pure Freude; ein problemloses Miteinander. Davon aber später mehr. – 83 „Ich habe einen offenen Horizont Anderer, die bald passiv sich verhalten, bald aktiv in den Gang ihrer erfahrenen Umwelt, also verändernd eingreifen.“ (Hua. XV. S 467) Grundmuster der Existenz 28 Als Begriff erscheint uns dies alles immer noch eigenartig weit und leer! - Reflektieren wir also diese wesentliche Wirklichkeit (diese möglichen Gestaltungen dieser Gestalt) unseres Da-und-So-in-der-Welt-seins phänomenologisch als intentionale Grund-Form für unsere uns überhaupt möglich wirklich existentielle (immer auch leibhafte) Wirklichkeit.84 – Daran zweifeln wir nicht mehr. Und darüber kommen wir in keinem Fall hinaus, darunter auch nicht hinweg: Immer gilt: ‚Du und Ich, Wir und unsere Welt‘. Vergessen wir eines nicht. Wir lesen dies phänomenologisch nicht als theoretisches Konstrukt (idealistisch, biologistisch); sondern ausdrücklich als ganz praktisch erfahrbare, wirkliche Zuordnungen; eine praktisch-existentiell folgenreiche Bestimmungen und Erwartungen meiner-unser-selbst.85 - So und nicht anders entwerfen, gestalten, ordnen wir unsere Lebenswelten auch praktisch als Differenz, die uns im Grunde als notwendig verbindet (Gerade weil Du der für mich Andere bist, bleibe ich auf uns bezogen). Die anthropologische Wirklichkeit: ‚Wir – Du – Ich‘.86 Eine Differenz, die sich natürlich auswirkt! - Mit diesem unserem Selbstverständnis (das keinen Ausgang kennt) haben wir uns selbst, es mag uns genehm sein oder nicht, endgültig auch als leibhaftes Da-und-So-in-der-Weltsein, mit unseren für uns wirklich unüberschreitbaren Grenzen im Blick. Es gibt für mich keine Welt jenseits unserer Welt.87 Wir leben, sind so-da, schauen wir uns selbst nur zu, miteinander, nebeneinander, gegeneinander, auch füreinander. Wir weichen uns aus, stehen uns im Weg, gehen aufeinander zu, aneinander vorbei, verabreden uns, nehmen uns wahr, auch ohne uns zumeist ausdrücklich wahrzunehmen (der Platz war voller Menschen), haben, da oder dort, etwas gemeinsam miteinander zu tun, zu machen, zu erledigen, brauchen uns (wie auch immer), usw. usf.88 - Allerdings, darauf sei hier zunächst nur am Rande hingewiesen, ist trotz all dem sich irgendwie im Blick haben (können, müssen), trotz all dieser vielfältigen alltäglichen Gestaltungen unseres ‚wir‘ (und sei es nur, ich habe von diesen da, von jenen dort gehört), - ein-sich-begegnen-können, die Begegnung, eher die Ausnahme als die Regel. – Denken wir noch einmal an das so selbstverständlich scheinende ‚gelebte Wissen‘ voneinander. (‚Grundgütiger, - es ist halt so‘!) - Wir sind füreinander eine zweifellos 84 Es zeigt sich im Übrigen dann auch als die Grundform für jede überhaupt mögliche intentionale Gestaltung. 85 „Was nun die Akte der Praxis anlangt, so beziehen sie sich alle auf die Welt als die schon für den Handelnden seiende, und zwar ihrem Sinn gemäß objektiv seiende. Das sagt aber: als objektive hat sie schon den Sinn der aus jenen intersubjektiven Übernahmen durch Deckung der beteiligten Ich entsprungen Geltungssphäre, aus wirklichen und möglichen und durch wechselseitige Korrektur und Fortbewährung entsprungenen und immerfort entspringenden.“ (Hua. XV. S 463) 86 Zu Recht schreibt C. A. van Peursen: Wirklichkeit beschränke sich „nie auf ein einziges Subjekt (…), sonst wäre sie willkürlich, während sie doch transzendent ist.“ Und: „Eine total individuelle Wirklichkeit ist nicht wirklich.“ (Wirklichkeit als Ereignis. Freiburg/München o. J. S 58) 87 Ob sich in einer ‚himmlischen Welt‘ alle Differenzen (der Andere und Ich) aufheben, selbst das ‚Wir‘ keine Bedeutung mehr habe, (denken wir hier auch an die Gnosis) lasse ich hier als Glaubensfrage auf sich beruhen. 88 Daher zu Recht der Gedanke von Laing: „Zentral ist die Beziehung zwischen Personen in Theorie und Praxis. Personen sind aufeinander bezogen durch ihre Erfahrung und durch ihr Verhalten. Theorien kann man danach beurteilen, wieviel Wert sie auf Erfahrung und auf Verhalten legen und inwieweit sie die Beziehung zwischen Erfahrung und Verhalten artikulieren können.“ (S 43) 1. Da-sein als Wir-sein 29 vorhandene Wirklichkeit. Immer sind da Andere und ihr wirklichkeitsrelevantes (‚durchschnittliches‘, ‚durchschnittlich bekanntes‘) Anders-sein! - Ich kann unbedingten Solipsismus nicht einmal wirklich denken. Nie hab ich ‚mein Sache auf nichts gestellt‘! Mein sogenanntes ‚Innenleben‘ davon nicht ausgenommen. Selbst dieses so zu denken versuchen, als Gedanken (Begriff) vorstellen, verweist auf uns! Ich bin wortwörtlich von Anfang an ‚unsereins‘! Schon theoretisch, vor allem aber (und immer wieder) praktisch! - Unser So-in-der-Welt-sein spannt sich wie ein Horizont, der dem Ich zuerst und zumeist als fraglose selbstverständlich scheint.89 Immer für uns dabei. Und zwar als ‚Reflexion‘ einer wiederum uns selbstverständlich scheinenden Vielfältigkeit, Varianten, Möglichkeiten unseres So-da-seins.. Eine bedeutsame (horizontale und vertikale) Differenzierung, die sich dann im Allgemeinen, im Abstrakten, Vagen, (beispielsweise, meine Nachbarn; meine Verwandtschaft in Bayern; die Flutopfer von Passau; die Einwohner Südafrikas; die Menschen in der Antike; oder, die Menschheit heute; die Zukunft der Menschen) verliert. - Ich weiß auch, denke ich daran, dass ich für Andere in diesem Sinne irgendein Anderer bin. – Eines ist phänomenologisch auffällig. Diese Anderen bleiben, in jedem denkbaren Fall, die für mich Anderen; andere meiner selbst. Mag ich sie auch noch so abstrakt oder fiktional märchenhaft denken (‚es war einmal ein Müllers-Sohn‘), wie immer sie mir wo scheinen, ich unterscheide sie ohne weiteres von Dingen, Sachen, von Gegenständen. - Dafür braucht es (für uns) wahrhaftig keine angestrengte Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexionen‘. Keine anthropologische Unterweisung! - ‚Schau einfach hin‘! Auch wenn einer mit einem Anderen ‚ausschließlich sachlich umgeht‘, oder ‚sich grausam‘, ‚unmenschlich‘ (sadistisch) verhält, (Beispiele sind rasch zur Hand), weiß er, selbst wenn er es leugnet, unwillkürlich um dessen Mensch-sein (gerade das macht sein Verhalten so verwerflich). Die Anderen, ich mag dazu stehen wie immer ich will, sind selbstverständlich wesentlich wirklich meinesgleichen.90 – Meinesgleichen! – Welch ein umfassendes Wort! Und, fügen wir noch diese Vorstellung hinzu. Auch ich bin nicht nur im Blick der Anderen. Sondern ich nehme mich selbst wahr mit dem (durch den) Blick der Anderen. (Auch hier gilt: es geschieht ganz unwillkürlich!) Und das ganz unabhängig davon, ob ich mit diesem oder jenem dort, zu tun habe, haben möchte, haben kann, oder nicht.91 Diese Möglichkeit der (wortwört- 89 Husserl konkretisiert das für sich so: „In Anrede und Aufnahme der Anrede kommen Ich und anderes Ich zu einer ersten Einigung. Ich bin nicht nur für mich, und der Andere ist nicht mir gegenüber als Anderer, sondern der Andere ist mein Du, und redend, zuhörend, gegenredend bilden wir schon ein Wir, das in besonderer Weise vereinigt, vergemeinschaftet ist.“ (Hua. XV. S 476) 90 Trivial? – Keineswegs! „Der Andere kommt seit der griechischen Tragödie und Philosophie und in vielen neuzeitlichen Denktraditionen im Grunde nicht als Mitmensch, sondern nur als Nebenmensch vor, als mich bedrohender Fremder, Feind, als auswechselbares Individuum der Gattung Mensch, als ‚man‘ (früher Heidegger), als Feind, der meine Freiheit bedroht (Sartre).“ (Willi Oelmüller. Philosophie angesichts heutiger Herausforderungen. In: Orientierung. Nr. 10. 31. Mai 1993. S 116) 91 Vgl. beispielsweise Karl Löwith. „Im Unterschied zu Etwas anderem sind die anderen dadurch ausgezeichnet, dass sie von derselben Seinsart, in derselben Weise da sind wie ich selbst. Unbeschadet dessen, dass sie andere sind, sind sie doch Meinesgleichen.“ (Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen (1928) Sämtliche Schriften 1. Mensch und Umwelt. Beiträge zur Anthropologie. Stuttgart 1981. S 65) Grundmuster der Existenz 30 lich) Reflexion wird unser phänomenologisches Arbeiten begleiten.92 - In diesem Zusammenhang noch ein abschließendes Bild: So mag beispielsweise meine Katze mir lieb und teuer sein, ich spreche sie nicht wirklich als meinesgleichen (mir als Anderer zugeordnet) an.93 Das gilt auch dann, wenn ein Mensch sein ‚Haustier‘ für sich selbst als bedeutender einschätzt, als seine ‚Artgenossen‘. – Lange Rede und kurzer, aber bedeutender Sinn: ich mag mich selbst betrachten (phantasieren, fingieren, setzen) wie immer ich möchte: meine wesentlich wirkliche Lebenswelt, ich als (biographisches, historisches) Da-und-So-in-der-Welt-sein, gestaltet und zeigt sich hier und jetzt praktisch und theoretisch, so und so oder so, unlösbar, notwendig verflochten, mit (sagen wir es ganz allgemein) der, nicht nur geltungstheoretisch, fundamentalen Gestalt: Wir – Du – Ich. Das ist unsere existentielle, von uns auch verinnerlichte, wesentliche Wirklichkeit und Möglichkeit. Im Übrigen, ganz unabhängig davon wie immer dann diese Gestalt und Gestaltung historisch, wissenschaftlich, philosophisch, literarisch, begriffen und geordnet wird.94 – Das sind phänomenologisch Wesensfragen! - Für uns damit nicht nur eine tatsächlich-faktische Vorstellung, (‚Sollen sich doch damit die Sozialwissenschaften beschäftigen‘!); sondern für eine phänomenologische Anthropologie als philosophischer Grundlagenforschung existentiell-wesentlich. Der lebensweltliche Horizont unseres Da-und-So-seins Die Leistungen, die wir willkürlich und unwillkürlich für die Konstitution der Wirklichkeit (sagen wir: diese vielfältig unterschiedlichen Wirklichkeiten innerhalb unseres Horizont) unserer Welt erbringen, reflektieren uns und unser So-in-der-Welt-sein. Etwas, auf das wir zuerst und zumeist wohl kaum achtgeben (können, müssen). Man wird vielleicht (mit einigem Recht) sagen: Warum auch? Ich bin mir, soweit es mich betrifft, durchaus meiner selbst und meiner Welt, und der Anderen, auch ohne phänomenologische Reflexion dieser ‚Reflexionen‘ gewiss. Die philosophisch Gebildeten fügen möglicherweise noch hinzu: ‚Descartes sei Dank‘! – Wir aber lassen nicht nach; wir schauen einfach weiter näher hin und uns selbst zu. - Ist dies ein gerechtfertigtes Misstrauen? Erinnern wir uns: Schon die schlichteste Welt-habe führt uns, unabhängig von diesem oder jenem Inhalt, phänomenologisch eines vor: wir können, Descar- 2. 92 An welchem Ort diese Möglichkeit des Wahrnehmens, der Reflexionen, historisch wirklich geworden sind, wäre eine eigene Frage. Vgl. z. B. Bruno Snell. Die Entdeckung des Geistes. Göttingen 19754. 93 Denken wir beispielsweise an das Folgende. Sich schämen ist immer ein sich-schämen vor seinesgleichen (vor sich selbst; vor anderen). Es schämt sich wohl kaum einer vor (sagen wir) seiner Katze, seinem Hund. Was sagt das über die Wahrnehmung (die Konstitution) eines Anderen als Anderen? Über die ihm von mir beigelegte Bedeutung? 94 Beispielsweise Pierre Teilhard de Chardin: „Durch Anhäufung und Vergleich einer Unzahl von Erfahrungen hat sich die Menschheit allmählich ein psychisches Erbgut geschaffen, in das hinein wir geboren werden und in dem wir leben und wachsen, ohne meistens zu ahnen, dass die uns allen gemeinsame Art, die Dinge zu empfinden und zu sehen, nichts anderes bedeutet als eine gewaltige, gemeinsame und gemeinsam gestaltete Vergangenheit.“ (Die Entstehung des Menschen. München 1961. S 98) 2. Der lebensweltliche Horizont unseres Da-und-So-seins 31 tes hin, Descartes her, theoretisch und praktisch nicht ohne einander! Wir sind in jedem nur denkbaren Fall (Welt mag dabei wirklich alles das sein: ‚was der Fall ist‘. Wir bleiben existentiell dem voraus!) wesentlich wirklich aufeinander verwiesen, bleiben wesentlich einander zugeordnet. Uns ist phänomenologisch klar geworden: Eine ausschließlich biologische, soziologische, ökonomische oder entwicklungspsychologische Fassung wird unseren Bindungen aneinander nicht gerecht.95 – Eine für unser So-inder-Welt-sein wesentliche Voraussetzung, die, nicht selten, nicht einmal einer Anmerkung Wert zu sein scheint. So vergleichen oder kontrastieren wir auch nicht Welt und Lebenswelt; sondern Lebenswelt und Lebenswelt. - Das Schauen der existentiellen Phänomenologie entfaltet Welt- und Selbsterkenntnis praktisch immer auch als Reflexion der ‚Reflexionen‘ der wesentlich wirklichen und wirklich wesentlichen Inter-Subjektivität. - Da hat uns schon von Beginn an für den phänomenologischen Anfang unserer Da-und-So-inder-Welt-sein ausgerichtet. Eben weil die Frage was ‚ich‘ außerhalb unserer Lebenswelt eigentlich, wirklich wirklich, unbedingt wesentlich sei, sein könnte, sein sollte, phänomenologisch unwirklich scheint. Eine Anthropologie, die das Mensch-sein letztendlich nur als ‚Subjekt‘, beispielsweise, als idealistische oder naturalistische Gestaltung für ein im Grunde unbedingtes Individuum reflektiert, denkt in der Wirklichkeit schon an uns Menschen vorbei. Noch eine Perspektive auf unser anthropologisches Fundament. Das Mensch-sein als wesentlich wirkliches In-der-Welt-sein leistet, erfährt und begreift sich tatsächlich auch geltungs- und erkenntnistheoretisch in dem (von Buber so genannten) ‚Zwischen‘. - Denken wir nur an die gemeinsamen Ortschaften des Denkens, der Gedanken, der Sprache, des Sprechens und der Vernunft. Unsere Ordnungen, Muster, Begriffe, Ideen, - diese Wirklichkeiten, die weder Dir noch mir gehören; weder Dir noch mir, noch irgendeinen anderen zugeschrieben werden könnten, benennt theoretisch und natürlich auch praktisch den Horizont, der überhaupt möglichen Reflexionen unseres Da-und-So-seins. Zu sagen, nun stehen wir eben faktisch mit unserem Denken in einem Austausch (oder, auf den Schultern anderer), beschreibt nicht das Wesentliche. - Diese Vorstellung (die die ‚ontologische‘ Eigenart und Bedingung unserer konstitutiven Akte mit einschließt), der für uns wesentlich lebensweltlichen Wirklichkeit, sind nicht bloß Bilder, Konstrukte, einer philosophischen Dichtung. Bringen wir es auf die eigenwillige Formel: Ich bin wirklich so-da – solange wir hier so-da sind! - Du und Ich sind nicht nur irgendwie, unter anderem auch; möglicherweise zufällig, und nebenbei, als bloße Möglichkeit meiner- und deinerseits, da oder dort aufeinander bezogen, ohne dass es Dich oder mich als so-da wesentlich angehe. (Gleich dem vielbemühten Sack Reis, der irgendwo umfällt). Sondern ich und du sind von Anfang 95 Beispielsweise auch Wolfgang Blankenburg. „Der Andere stellt nicht nur einen Spezialfall von innerweltlich Vorkommendem dar; das Verhältnis zu ihm erweist sich vielmehr – insofern es intersubjektivitätsstiftend und d. h. zugleich weltbildend ist – als ein konstituierendes Moment, das die Innerweltlichkeit und damit auch die natürlich Selbstverständlichkeit des menschlichen Daseins mitbestimmt.“ (Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit. Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien. (1971) Berlin 2012. S 150) Grundmuster der Existenz 32 an als unsere für uns unbedingte Grund-Leistung, dort so-da, als ‚wir sind‘.96 Nicht aufhebbar existentielle Wirklichkeit und Möglichkeit zugleich! - Ob Du und ich überhaupt (wie man sagt) ‚persönlich‘ uns kennen oder nicht, überhaupt kennenlernen wollen oder können, (‚lebe ich noch, wenn Du das liest?) - bleibt davon unberührt. - Aus diesem Grunde noch einmal grundsätzlich und mit Blick auf Bubers ‚Dialogik‘. Sich begegnen können (wollen) oder nicht, miteinander sprechen, sich sehen oder übersehen, aufeinander treffen, sich ausweichen, nie zu Gesicht bekommen (können), streiten, Krieg führen, hassen, lieben, einander gleichgültig sein, um Hilfe bitten, heilen, therapieren, auch sich missverstehen oder fehldeuten, – sind, es mag im Einzelnen damit stehen wie es will, Gestaltungen und Gestalten einer unbedingten existentiellen Ortschaft ‚zwischen uns‘.97 Um nicht von uns selbst als existentielle Wirklichkeit abzulenken. Nicht als ob es hier abstrakt um eine Art sozialwissenschaftliche Variable, oder gar irgendeinen philosophischen Leerbegriffs ginge. Etwa um die denkbar weiteste Möglichkeit von einem ‚faktischen wir überhaupt‘ (wir Menschheit; wir Lebewesen; wir Geschöpfe dieses Planeten Erde; u. ä.). Wäre das alles, könnten wir diese Fragen getrost der (beispielsweise) Sozialpsychologie weiterreichen. - Wir bleiben hier konsequent phänomenologisch in unserem wesentlich wirklich lebensweltlichen Horizont. Das ist die einzig für uns überhaupt mögliche Wirklichkeit und wirkliche Möglichkeit unseres So-da-in-der-Welt-seins. Und im Übrigen auch die Bestimmung für die Vorstellung von ‚Transzendenz‘. (Darauf werden wir zurückkommen) – Die Vorstellungen phänomenologischer Einsicht als Reflexion der Reflexionen der ‚Reflexion‘, vorläufig zusammengefasst und ins allgemeine gesetzt: An jedem nur denkbaren Ort, an dem der Mensch ist, war oder je sein wird, (und sei es nur in Gedanken), ist er existentiell als Da-und-So-sein gestaltet, ausgerichtet als Wir in und mit seiner Lebenswelt. – Diese Lebenswelt wird von uns phänomenologisch gedacht, konstituiert (nicht konstruiert) als unbedingte (nicht absolute) Form, als existentielle Gestalt und Gestaltung; als Bedingung und Bedingtheit der Wirklichkeiten und der Möglichkeiten eines überhaupt Da-und-So-in-der-Welt-sein können. – Selbst noch unsere, möglicherweise auch uns selbst sehr unwirklich scheinenden Vorlagen (etwa, Träume, Träumereien, Sehnsüchte, Utopien, als skurril, ‚krank‘, o. ä. wahrgenommener Eigensinn,) fundieren sich in unserer Lebenswelt. Eine Verkürzung wäre, dies bloß als sozialpsychologische, ethnologische oder biologische Vorstellung abzulegen. Unsere Lebenswelt ist der für uns einzig mögliche Horizont, innerhalb dem wir uns als Da-und-So-sein in und mit all unseren Lagen, erst als ‚Subjekte‘, als ‚Ich‘ und ‚Du‘, (als Andere, auch als ‚Individuum‘) ‚reflektieren‘. Alle Fragen der Psychologie, der 96 Zu Recht wird hier also immer wieder auf Martin Buber verwiesen; auf seine Hinweise und (ausdrücklich) Beschreibungen. Beispielsweise: Es sei von Grund auf irrig, „die zwischenmenschlichen Phänomene als psychische verstehen zu wollen. Wenn etwa zwei Menschen ein Gespräch miteinander führen, so gehört zwar eminent dazu, was in dem einen und des anderen Seele vorgeht, was, wenn er zuhört, und was, wenn er selber zu sprechen sich anschickt. Dennoch ist dies nur die heimliche Begleitung zu dem Gespräch selber, einem sinngeladenen phonetischen Ereignis, dessen Sinn weder in einem der beiden Partner noch in beiden zusammen sich findet, sondern nur in diesem ihrem lebhaften Zusammenspiel, diesem Ihrem Zwischen.“ (Elemente des Zwischenmenschlichen. In: Das dialogische Prinzip. Heidelberg 19733. S 276) 97 Ludwig Binswanger. Der Mensch in der Psychiatrie. In: Ausgewählte Werke Bd. 4. S 58 f 2. Der lebensweltliche Horizont unseres Da-und-So-seins 33 Psychiatrie, der Medizin, der Anthropologie, werden selbstverständlich hier wirklich und als existentiell bedeutsam vorgestellt. - Wir als Dasein sind mitten drin! Das und so ‚reflektiert‘ unsere existentielle Gestalt und unsere lebensweltlichen Gestaltungen. Unsere Wirklichkeiten von uns zuerst und zumeist selbstverständlich unwillkürlich gelebt. Und das (schau an!) vor jeder philosophischen Reflexion. Grundmuster der Existenz 34

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