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7. Zusammenfassung in:

Claudia Matz

Warenwelten, page 467 - 474

Die Architektur des Konsums

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4132-1, ISBN online: 978-3-8288-6978-3, https://doi.org/10.5771/9783828869783-467

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Zusammenfassung Konsum ist nicht nur das Kaufen, das Ge- und Verbrauchen von Ware. Konsum ist vielmehr als Konsumhandeln zu verstehen, das einen mehrstufigen Prozess umschreibt: Bedürfnisbewusstsein, Wunsch, Präsentation, Akquise und Selektion, Erwerben von Produkten und Dienstleistungen, Gebrauchen dieser, Zurschaustellen und Weiterverwenden von Ware, deren Weitergabe, Recycling und Entsorgung. All dies sind Bestandteile des Konsums als Prozess, Bestandteile des Konsumhandelns. Dieses Konsumhandeln und Konsum selbst sind in einem engen Kontext von individuellen sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Faktoren eingebunden. Diese Faktoren bedingen einander und prägen damit auch das Bild des Konsums und der Orte des Konsums. Konsumhandeln unterliegt, und das verdeutlicht diese Arbeit, keiner monothematischen Betrachtungsweise. Es ist interdisziplinärer Gegenstand und muss über diese unterschiedlichen Disziplinen hinaus verstanden, diskutiert und behandelt werden. Es hat eine ökonomische, sozialwissenschaftliche und gesellschaftliche und eben auch eine räumliche Dimension – in den gebauten Warenwelten. Die Interdependenz dieser Faktoren widerspiegelt sich nicht nur in der Genese der Warenwelten seit ihren Ursprüngen, sie bedingen einander. Einer ökonomischen Notwendigkeit folgt eine räumliche Veränderung, die wiederum eine gesellschaftliche Auswirkung nach sich zieht. Diesen Gesamtzusammenhang darzustellen war und ist das Anliegen der vorliegenden Arbeit. Konsum in all seinen Ausprägungen hat es immer gegeben, er ist wesentlicher Bestandteil globaler Wirtschaftskreisläufe und wird es auch weiterhin sein – lediglich die Sichtweisen auf Konsum, seine Folgen und räumlichen Erscheinungen haben sich verändert und werden sich auch weiterhin verändern. Konsum ist nicht mehr allein national zu betrachten, weder seine Ursache noch seine Wirkung. Die Wir- 7. 467 kungskreisläufe und Verflechtungen sind globaler Natur wie auch vor allem die damit verbundenen Auswirkungen. Prägte und bestimmte zunächst das Konsumieren von (über-)lebensnotwendigen Gütern den Alltag, hat sich Konsum von Waren und Erlebnissen mittlerweile zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor entwickelt, jegliches Handeln, auch das von Staaten und Regierungen, scheint auf den Konsum angelegt. Die Diskussion um Konsum und dessen Auswirkungen ist daher ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche, die komplex gesehen werden muss. In einer Zeit, in der nahezu alles auf und mit Konsum ausgerichtet ist, lassen sich schwer die vermeintlich richtigen Verhaltensweisen ableiten – oder das Gegenteil: pauschal das vermeintlich Falsche verhindern. Die Binnenkonjunktur ganzer Wirtschaftsräume hängt (zu stark) vom Wachstum durch Konsum ab2264 (vgl. China, Europa, USA). Bei aller Kritik an den Wirkweisen, an der Manipulation und an der mittlerweile ökologischen Dimension des Konsums erscheint Konsumverzicht als Strategie heute stärker denn je als Illusion, fernab der realen Möglichkeiten im Kontext des Welthandel(n)s. Mit der veränderten Sicht auf Konsum verändern sich auch dessen Wirkungsorte und damit verbunden verändert sich auch die Stadt als Epizentrum des Handels und des Marktes. Die Metamorphose des Handels und der Handelslandschaften, die sich vor allem im letzten Jahrhundert vollzog, wird sich weiter fortsetzen, neue Erscheinungsformen des Handels und des Verkaufs hervorbringen oder Bestehende modifizieren. Und neue Wege der Distribution im Handel werden möglicherweise Impulsgeber für neue Städte. Im Zentrum der Konsumdiskussion steht die Ware. Deren Fetischcharakter, seit jeher bestimmend für das Bedürfnis der Konsumenten, Basis für das sogenannte „Habenwollen“2265, wird sich weiter verändern und auch zukünftig den Impuls für den Kauf geben. Ebenso wie der Konsum selbst können auch die Orte des Konsums mit Bedeutungen aufgeladen sein im Sinne eines Statuskonsums. Architektur kann diese warenästhetische Eigenschaft der Ware in das Räumliche übersetzen und über eine entsprechende Atmosphäre diese Ästhetik unter- 2264 Groß 2015, S. 8 2265 Ullrich 2008a 7. Zusammenfassung 468 streichen und verstärken. Architektur wird dabei beinahe zwangsläufig selbst zur Ware mit ihren warenästhetischen Eigenschaften. Zudem hat sich das Verhältnis von Mensch zu Produkt und Ware grundlegend verändert. Konsum ist daher nicht originär nur innerhalb einer Disziplin zu verorten, sondern muss interdisziplinär verstanden werden. Der Handel und die gebauten Warenwelten heute sind keine zufällige Erscheinung, sondern bauen auf der historischen Genese des Handels aus mehreren Jahrhunderten auf2266 und bedienen sich bestimmter Typologien, die stets wiederkehren, adaptiert und in neuen Konstellationen zusammengesetzt werden. Zentrale Fragen dieser Arbeit sind: Wie findet Einkaufen zukünftig statt – und welche Rolle spielt dabei die Stadt? Wie vieler städtischer und städtebaulicher Strukturen bedarf es, um Handel und Konsum zu gewährleisten? Braucht es noch die Stadt für den Konsum? Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, dass Konsum und seine gesellschaftlichen, ökonomischen und baulichen Erscheinungsformen disziplinübergreifend diskutiert und behandelt werden. Zudem soll sie eine Debatte aufgreifen, diskursiv fortsetzen und dabei die Aspekte von Konsum, Ware, Soziologie und Architektur aufgreifen und in einen Kontext stellen. Dabei sollen Fragen und Denkansätze formuliert sowie neue Diskussionen angestoßen werden. Eine besondere Rolle spielt dabei die Verortung des Konsums und der Konsumarchitekturen in den Zusammenhang von Ressourcenknappheit, Umweltschutz, gesellschaftlichem Gefälle, Volkswirtschaftskrisen und der Diskussion um Nachhaltigkeit. Dabei will die Arbeit weder bestimmte Beispiele und Projekte stigmatisieren noch pauschal bewerten oder „moralische“ Verwerfungen kritisieren, sondern als Denk- und Diskussionsanstoß dienen. Nur mit dem Bewusstsein aller am Konsum Beteiligten um den Konsum und seine Folgen kann eigenes Handeln nachvollzogen oder bewusst gesteuert werden. Alles scheint mit dem und für den Konsum zu funktionieren. Auch aus diesem Grund scheinen eine Konsumabstinenz oder ein genereller Konsumverzicht als Instrument der Konsumkritik unmöglich. Zu stark ist das ökonomisch-politische Abhängigkeitsgefüge und zu stark sind Statusrepräsentation oder der Fortschrittsgedanke mensch- 2266 Greipl 2004, S. 7 7. Zusammenfassung 469 lich sozialisiert. Eine Welt ohne Konsum kann und wird es nicht geben können, wohl aber die kritische Reflexion des Konsums und des Konsumhandelns. Den wesentlichen Schwerpunkt der Arbeit bilden die Geschichte und Theorie der Architektur des Handels, ihre gebauten Erscheinungen und ihre Verortung in einem gesellschaftlichen Kontext. Warenwelten sind mehr als bloße Orte des Warentausches. Da diese modernen Warenumschlagplätze heute täglich Millionen von Menschen anziehen und beschäftigen, architektonische und stadträumliche Konsequenzen sowie ökonomische und ökologische Veränderungen nach sich ziehen und somit in der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts erweiterten Lebensraum darstellen, ist es erforderlich, sich nicht nur dem Phänomen des Konsums zuzuwenden, sondern sich mit diesen Typologien des Handels, den Warenwelten, interdisziplinär auseinanderzusetzen. Ausgehend von einer historischen Genealogie der Orte und Bauten des Konsums werden auch die räumlichen Aspekte der Handelsarchitektur thematisiert, die eine Soziologie des Konsums ermöglichen oder Folge dieser sind. Weiterhin wird das Verhältnis von Mensch und Ware behandelt und welchen Stellenwert Architektur selbst in den Warenwelten der Konsumgesellschaften des 21. Jahrhunderts spielt. Image, Ware, Erlebnis, Inszenierung sind Schlagworte, die heutige Warenlandschaften beschreiben – alles dreht sich um den Verkauf, weniger der Produkte selbst als vielmehr der Fiktion und des Versprechens, das mit dem Warenerwerb einhergeht. Auch und gerade Warenwelten sind von den gesamtgesellschaftlichen und ökonomischen Umbrüchen der globalen Welt betroffen, Auswirkungen baulich lesbar – in der Verdrängung des stationären Handels aus seinem urbanen Kontext, im Entstehen neuer paralleler Welten der Ware, den logistischen Landschaften, im Inszenierungscharakter des Städtischen, das sich selbst als Ware begreift. Diese ebenfalls aus unterschiedlichen Disziplinen entwickelten Ansätze und Theorien werden ebenfalls schlaglichtartig diskursiv behandelt. So versucht diese Arbeit, ein interdisziplinäres Thema auch unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten, zu diskutieren und Denkanstöße zu liefern. 7. Zusammenfassung 470 Als eine Erkenntnis kann daher festgestellt werden, dass die Bauten des Konsums, sowohl die repräsentativen als auch die für sie notwendigen Servicearchitekturen, als Bauaufgabe für Architekten stärker Eingang in Lehre und Architekturdebatte finden müssen – diese müssen als Gestaltungsaufgabe zugänglich, auf einer möglichst breit angelegten Ebene diskutiert werden.2267 Will man den Makel der Trivialität und das Vorurteil von Convenience-Architekturen beseitigen, müssen Stadtplaner und Architekten sich dieses Themas annehmen als eine der „Aufgabenstellungen des 21. Jahrhunderts“.2268 Es heißt allgemeingültig Handel ist Wandel. Vollzog sich dieser Wandel zunächst in Schritten von Jahrhunderten und Jahrzehnten, wird sich der Handel der Zukunft stärkeren und in kürzeren zeitlichen Abständen erfolgenden Verwerfungen unterziehen müssen. „[E]ine einzige aller Welten gibt es ebenso wenig wie eine einzige Welt.“2269 Es gibt für das komplexe Thema der Warenwelten mit seinen vielfältigen Fragestellungen nicht die eine generöse Antwort auf die Fragen nach der Zukunft oder Perspektive. Ebenso wenig wie es das einheitliche Konsummuster, den Konsumort, die einzige, richtige Warenpräsentationsform oder den Konsumenten gibt. Daraus abgeleitet zeigt es, dass es nicht die eine Aussage oder pauschale Empfehlung im Zusammenhang mit „richtigem Konsum“ geben kann, sondern dass diverse Einflüsse, Entwicklungen und Umstände eine Rolle für die Performanz von Konsum und den dazugehörigen Warenwelten spielen. Die vorliegende Arbeit kann daher keineswegs ein abgeschlossenes und vollständiges Bild der gesamten Handels-, Konsum- und Warenwelten widerspiegeln. Sie ist vielmehr als Diskurs zu verstehen, der den Konsum als stetigen Prozess beschreibt, eingetretene und möglicherweise zukünftige Entwicklungen erläutert und Perspektiven skizziert. Diese Arbeit soll die Vielschichtigkeit des Konsums und seiner baulichen Erscheinungsformen deutlich machen und zum Weiterdenken animieren. Konsum lässt zwei Pole nebeneinander koexistieren: als Ausdruck hedonistischer Wünsche und Bedürfnisse von Konsumenten einerseits 2267 Siehe auch Kuhnert, Ngo 2012, S. 10 2268 Kuhnert, Ngo 2012, S. 10 2269 Goodman, Looser 1990, S. 30 7. Zusammenfassung 471 und der Gesellschaft andererseits mit ihren moralischen Vorstellungsbildern. Konsum ist demnach Bestandteil einer Gesellschaft, deren ökonomische Triebkraft und zugleich deren Spiegelbild. Die Bauten des Konsums, die Architektur des Handels können diesem Ansatz folgend ebenso als Ausdruck und Spiegel soziologischer, ökonomischer, sozialer und moralischer Entwicklungen gesehen werden. Konsum ist dynamisch und unterliegt einer ständigen Veränderung und mit ihm seine baulichen Ausdrucksformen – die Architektur des Konsums ebenso. In Bezug auf die zu Beginn der Arbeit formulierten Ziele können folgende Erkenntnisse wiedergegeben werden: Die Orte des Konsums entwickelten sich immer in Abhängigkeit ihres zeitgeschichtlichen Kontextes und es wurden gesellschaftliche, technische und ökonomische Veränderungen begleitet und durch sie herbeigeführt. Im Wesentlichen bestehen die typologischen „Urtypen“ des Verkaufs, der Marktplatz mit temporärem Stand, der stationäre Laden, die Passage als städtebauliche Figur und die Mall als deren Fortsetzung, bis heute, werden adaptiert, modifiziert und mit Ergänzungen weiterentwickelt. Die Bausteine Erlebnis, Freizeit, Virtualität werden noch stärker die Konsumräume der Zukunft prägen; Kundenansprache und Kundenbindung werden nicht nur frühzeitig in alle Lebensbereiche hinein-, sondern sie durchdringen. Die Räume und Orte des Konsums unterstreichen und verstärken nicht selten das Ansinnen der Ware und den warenästhetischen Wert, der ihr anhaftet. Dieser von Haug beschriebene „Mehrwert“ von Ware ist auch den Räumen des Konsums immanent und findet vor allem im Bereich des Luxuskonsums verstärkt Anwendung. Die Räume des Konsums sind damit fester Bestandteil der Strategie des Verkaufens von Ware und als deren Instrument zu sehen. Handel und Konsum waren seit jeher „Motoren des Fortschritts“ innerhalb der Gesellschaft.2270 Nicht selten gingen und gehen vom Handel Innovationen, Neuerungen und Impulse aus, die auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen hatten – im sozialen und soziologischen, technischen, ökonomischen, architektonischen und städtebaulichen Sinne. 2270 Kaufhof Warenhaus AG (Hg.), 2004, Einbandtext 7. Zusammenfassung 472 Die Errungenschaften, die mit dem veränderten Konsum einhergehen, sind aber auch gleichzeitig die Faktoren, die weiterhin seine Entwicklungen und seinen Wandel katalysieren. Wenn man nachvollzieht, welche vielfältige Innovationskraft Handel in den letzten 3000 Jahren entfalten konnte und inwieweit Konsum heute und auch zukünftig unseren Alltag und unser individuelles Selbstverständnis bestimmt, sind die Veränderungen, die der Handel im 21. Jahrhundert tatsächlich vollziehen wird, mit großer Spannung zu erwarten. 7. Zusammenfassung 473

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Warenwelten – wir leben in einer Welt, in der Waren und der Konsum dieser Waren allgegenwärtig sind. Unser heutiges Verständnis von Konsum umfasst dabei alle Prozesse um das Verkaufen dieser Waren: das Präsentieren, das Inszenieren, das Bewerben und das zur Schau stellen und letztlich auch der eigentliche Warentausch, der Akt des Kaufens bzw. Verkaufens. Konsum, und das zeigt unsere gebaute Umwelt, wirkt omnipräsent, dabei ist Konsum ist vielmehr als eine ökonomische Kenngröße von Volkswirtschaften, er ist zudem auch konstitutives Merkmal der modernen Gesellschaft – der Konsumgesellschaft. Zudem findet Konsum seit jeher nicht losgelöst von räumlichen und gesellschaftlichen Bedingungen statt und so ist es folgerichtig, dass man sich dem Sujet der Warenwelten – als jene Orte des Konsums in seiner Vielschichtigkeit widmet. Nicht selten ist Konsum Gründer oder Impulsgeber für Stadtentwicklung und muss daher stärker Eingang in die architekturtheoretische und architektursoziologische Diskussion finden. Die vorliegende Arbeit setzt hier an. Die Warenwelten bilden für den ganzheitlichen Prozess des Konsums den räumlichen und architektonischen Rahmen und Raum. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dieser Vielschichtigkeit und Interdisziplinarität des Konsums und der Warenwelten auseinander und versucht die Komplexität aus unterschiedlichen Sichtweisen zu beleuchten.