Content

2. Warenwelten im Wandel – eine Genese in:

Claudia Matz

Warenwelten, page 29 - 182

Die Architektur des Konsums

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4132-1, ISBN online: 978-3-8288-6978-3, https://doi.org/10.5771/9783828869783-29

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Warenwelten im Wandel – eine Genese „Der Blick in die Vergangenheit lässt den heute so selbstverständlichen Ort, an dem wir zur Kasse gehen, in einem neuen Licht erscheinen.“110 Die Geschichte des Handels umfasst dreierlei: „die Geschichte der Handelsgüter, die der Händler und die der Handelsplätze oder Märkte“111, so Sédillot. Im Folgenden sollen vor allem Letztere, die Orte und Plätze des Konsums, aus ihrer historischen und typologischen Genese heraus näher betrachtet und Analogien oder Unterschiede zur Gegenwart hergeleitet werden. Dennoch ist deren Geschichte nicht zu rekonstruieren, ohne den zeitgeschichtlichen Kontext und die Parameter Handelsgüter und die Händler selbst zu analysieren. Die Geschichte der Märkte handelt von Verkaufsständen, von Basaren und Kaufhäusern, von Agora, Forum, Souk und Supermarkt.112 Der Fokus der Arbeit liegt dabei auf der architektonischen und städtebaulichen Typologie, der Frage der Öffentlichkeit dieser Märkte, dem Verhältnis zwischen Produktion und Distribution und dem Stellenwert der Ware im Kontext von Gebrauchs- und Tauschwert sowie deren Präsentation, Inszenierung und Verteilung. Dabei werden immer wieder Parallelen zur Gegenwart gezeichnet und Analogien aufgezeigt oder exkursartig einige Aspekte ausführlicher analysiert. Zunächst soll der Frage nachgegangen werden, warum es Märkte gibt, wo deren sozialen Ursprünge liegen. Markt ist der „(Arche-)Typus alles rationalen Gesellschaftshandelns“113: Vergesellschaftung findet durch Tausch auf dem Markt statt.114 Räumlich und ökonomisch gesehen ist der Markt der Ort, an dem Angebot und Nachfrage nach Produkten und Waren aufeinander- 2. 110 Lummel, Peter; Deak, Alexandra (Hg.), 2005, S. 17 111 Sédillot 1966, S. 9 112 Sédillot 1966, S. 9 113 Weber 2010, S. 489 114 Weber 2010, S. 489 29 treffen.115 Hinter diesen beiden Positionen des Angebotes und der Nachfrage würden sich unter marktpsychologischer Sicht zahlreiche Varianten relevanter Einzelaktivitäten verbergen. Mayer beschreibt, dass das Prinzip des Marktes nicht nur bedeute, dass der Anbieter seine Güter und Dienstleistungen an den Ansprüchen und Anforderungen der potenziellen Erwerber orientiere, danach gestalte und entsprechende Preisvorstellungen besitze, sondern dass auf der Seite der Nachfrager auch die für den Tauschvorgang erforderliche Gegenleistung in Form von finanziellen Mitteln erforderlich sei beziehungsweise dass der Nachfrager willens sei, die betreffende Ware zu dem jeweils angebotenen Preis zu erwerben.116 Dieses Grundprinzip von Markt, von Angebot und Nachfrage zwischen Produzent und Endverbraucher besteht noch heute, mit der Einschränkung, dass die Zahl der Marktteilnehmer wesentlich größer, komplexer und globaler geworden ist. Mayer unterscheidet mehrere Formen des Marktes117; zum einen den sogenannten Faktormarkt, womit er auf traditionelle Produktionsfaktoren wie Boden-, Immobilien-, Arbeits-, Geld- oder Kapitalmarkt abzielt. Darüber hinaus unterscheidet er die Gütermärkte, auf denen sämtliche Konsum- und Investitionsgüter subsumiert würden. Diese seien noch spezifisch unterscheidbar in Märkte für Nahrungsmittel, für Automobile, für Möbel, Reisen etc. Letztlich nennt Mayer noch die sogenannten Absatz- und Beschaffungsmärkte, auf denen die Waren und Güter gehandelt werden; hier lässt sich wiederum die Unterscheidung in regionale, nationale, internationale Märkte treffen. Eine weitere Differenzierung, in Vorgriff auf die Ausführungen zur Typologie des Marktes, ist die zeitliche Dimension, die Märkte dahingehend unterscheidet, ob es ein täglicher, wöchentlicher oder jährlich stattfindender Markt ist.118 Auch hinsichtlich der den Markt beeinflussenden Faktoren, der Zahl der Marktteilnehmer und der Marktstruktur lasse sich Markt weiter differenzieren, wie beispielsweise in Monopol, Oligopol und Polypol.119 115 Mayer, Illmann 2000, S. 23 116 Mayer, Illmann 2000, S. 23 117 Mayer, Illmann 2000, S. 24 118 Mayer, Illmann 2000, S. 24 119 Mayer, Illmann 2000, S. 29 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 30 Der Ursprung des Marktes ist jedoch eine wesentlich kleinere Sozial- und Wirtschaftseinheit der Frühzeit: Der Kulturwissenschaftler Stehr zitiert Max Weber und beschreibt, dass die älteste wirtschaftliche Gemeinschaft die der Familie sei, die als einziges Ziel die Sicherung und Deckung des eigenen Bedarfs verfolgte120: „Sie brachte in gemeinsamer Arbeit die Güter hervor und verzehrte sie gemeinsam. Und zwar verzehrte sie nur, was sie selbst hervorgebracht hatte – weil sie nichts anderes zu verzehren hatte –, und brachte nur das hervor, was sie verzehren wollte, weil sie für das Mehr keine Verwendung hatte.“121 Dieses Prinzip der Selbstversorgung ausschließlich für den eigenen Bedarf, der sogenannten Subsistenzwirtschaft, wurde erst dann abgelöst, als Jahrhunderte später die Fremdversorgung aufgrund gestiegener Bedürfnisse diese Eigenversorgung ablöste. Der Grund für diese Ablösung sowie die Schaffung von Bedürfnissen wird an späterer Stelle ausführlich beschrieben. Max Weber konstatiert zum Zeitpunkt des Entstehens seiner Schriften zur Soziologie und Sozialpolitik122 in den 1920er-Jahren, dass sich das Prinzip und der Charakter des Handels im Vergleich zur wirtschaftlichen Einheit der Familie umgekehrt hätten: „Nicht die Güter bringt der einzelne hervor, die er selbst verbrauchen will, sondern solche, welche nach seiner Voraussicht andere gebrauchen werden, und jeder einzelne verzehrt nicht die Produkte seiner eigenen, sondern fremder Arbeit.“123 Max Weber beschreibt damit das Grundprinzip heutiger Konsumgesellschaften, und auch 90 Jahre nach Formulierung dieser These hat diese ihre Berechtigung. Damit stimmt Weber mit den Theorien von Adam Smith und von Ökonomen, die sich mit der Genealogie des Marktes auseinandersetzen, überein, die beschreiben, dass das Aufkommen von Tauschinteressen und Markt im Sinne von Handel erst dann entstand, wenn die beiden Motive Wohlwollen und Eigeninteresse zu Transaktionen führten124. 120 Stehr 2007, S. 77 121 Weber, Weber 1988, S. 257 122 Erstauflage 1924: Weber, Weber 1988 123 Weber, Weber 1988, S. 257 124 Adam Smith, zit. in: Stehr 2007, S. 76 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 31 Durch die Schaffung von Bedürfnissen, die nicht mehr durch Selbstversorgung und Eigenproduktion abgedeckt werden konnten, entstand das unternehmerische Handeln im Sinne unseres heutigen Verständnisses des Konsumprinzips aus Produktion, Handel und Konsumtion. Der Rolle der Bedürfnisse kommt demnach eine Schlüsselrolle zu: „Nicht ob er selbst die Güter wird brauchen können, sondern ob sie ‚Abnehmer’ finden werden, d. h. ob andere sie wahrscheinlich brauchen, ist der Gesichtspunkt, unter welchem der moderne Unternehmer produziert und produzieren muß.“125 Zwischen diesen beiden Stufen der Entwicklung, der Familie als kleinster wirtschaftlicher Einheit und dem Prinzip des Tausches, läge die „geschichtliche Entwicklung der Jahrtausende“126, die letztlich dazu führte, dass sich die Wirtschaft zu einer „Austauschwirtschaft“127 entwickelte mit dem Ziel, die Kreise des Wirtschaftens zu vergrößern, auf die Gesamtheit der Kulturvölker auszuweiten, aber auch die Zahl der Waren und Güter so zu vergrößern, dass der Teil, der nicht durch die Wirtschaft, die diese Waren hervorbrachte, selbst verbraucht worden ist, an andere abgegeben werden konnte – das Grundprinzip des Handels, das Güteraustausch ermöglicht.128 Dieser Tausch entstand nach Weber erst dann, als „das Erwachen des Bedarfes nach Luxusartikeln“ wie metallene Geräte, Edelmetalle, Schmucksteine und Stoffe begann (vgl. 2.1 Das Prinzip Tausch als Urform des Handels).129 Max Weber schildert in seinem Kompendium zu Wirtschaft und Gesellschaft zudem, dass diese Tauschinteressen und -beziehungen immer auch der Befriedung galten130 – das heißt, Handel und der sprichwörtliche Marktfrieden dienten zum Friedensschutz zwischen stammfremden Völkern131, denn Tausch sei die spezifisch friedliche 125 Weber, Weber 1988, S. 258 126 Weber, Weber 1988, S. 258 127 Weber, Weber 1988, S. 258 128 Weber, Weber 1988, S. 258 129 Weber, Weber 1988, S. 258 130 Weber 2010, S. 493 131 Nach Webers Herleitung fanden Tausch und Handel von Beginn an nur zwischen Stammesfremden statt, da Güter innerhalb eines Stammes „unter Brüdern“ unentgeltlich geliehen wurden bzw. Familienwirtschaft bestand. Angebot und Nach- 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 32 Form der Gewinnung ökonomischer Macht132, die sich aber „selbstverständlich“ mit Gewaltsamkeit alternativ verbinden lasse133: Webers These von 1921/1922, dass „die intensive Expansion der Tauschbeziehungen (…) aber überall mit einer relativen Befriedung [parallel gehe]“134, ist damit eine Vorstufe des Ansatzes des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz, der Handel und Konsum am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts als „Weltbefrieder“135 versteht. Damit kann nochmals die seit jeher wichtige Bedeutung von Waren, Produkten und Gütern in Tausch-, Handels- und Konsumbeziehungen unterstrichen werden. Die Geschichte des Konsums und Shoppings lässt sich anhand der Architektur der Konsumbauten besonders gut nachvollziehen.136 An der Architektur des Handels lassen sich sowohl das veränderte Anspruchsdenken der Konsumenten als auch die strategische Ausrichtung der Händler ablesen und damit die Grundbeziehung zwischen Angebot und Nachfrage nachvollziehen. Das Prinzip Tausch als Urform des Handels „Immer wenn Menschen sich den Besitz anderer aneigneten, merkten sie, daß sie nicht alle Güter dieser Welt ihr eigen nannten und es anderswo Dinge gab, die fremd und begehrenswert waren. Eine unbekannte Knollenfrucht, ein neuartiges Wildbret, eine härtere Holzsorte, ein Stein mit schärferer Schneide, ein schnellerer Pfeil – man hätte sie recht gut gebrauchen können. Wie aber sollte man ihrer habhaft werden, wenn der Nachbar so mächtig war, daß man sich nicht an ihn herantraute, wie ihn darum bitten, wenn er eine andere Sprache sprach, wie ihm herbeikommen, wenn er gleich Alarm schlug?“137 2.1 frage nach Gütern mit festen Preisen existierten während der landwirtschaftlichen und durch Subsistenzwirtschaft geprägten Phase nicht – dies änderte sich erst mit dem Entstehen von Städten (vgl. Weber, Weber 1988, S. 258 f.) 132 Weber 2010, S. 493 133 Weber 2010, S. 493 134 Weber 2010, S. 493 135 Bolz 2002, S. 113 136 Delitz 2005, S. 37 137 Sédillot 1966, S. 12 2.1 Das Prinzip Tausch als Urform des Handels 33 Diese eingangs gemachten Ausführungen von Sédillot beschreiben die ursprüngliche Intention des Handels, der existiert, seit es Waren oder Güter gibt, die aus subjektiven Gründen begehrenswert waren oder Bedürfnisse weckten. Dieser ursprüngliche Handel ist demnach eher als Tauschhandel zu verstehen, da Geldmünzen als Zahlungsmittel erst deutlich später ihre Bedeutung erfuhren. Kultische Tauschhandlung, 6.–5. Jahrhundert v. Chr. [Sédillot 1966, S. 13] Dieser Tauschhandel vollzog sich in mehreren Phasen: Der Warentausch wurde in der Frühzeit einerseits als gegenseitiger Gabentausch verstanden, „Gabe erfordert Gegengabe, und aus diesem wechselseitigen Geben entsteht der Handel“138 und andererseits folgte dieser Tausch einem strengen Ritus und nur zu bestimmten Anlässen, wie dem Tag der Sonnenwende, zu Hochzeiten, zu Beginn der Regenzeit, und war von feierlichen Akten begleitet.139 Das Ritual und die den Handel begleitende Zeremonie hatten einen hohen Stellenwert – der Warentausch wurde ritualisiert: „das Ritual [wurde] wichtiger als der Handel, das Prestige wichtiger als der Wert der Waren“140. Hier lässt sich durchaus eine Parallele zur Moderne aufzeigen, bereits im 19. Jahrhundert war das „Sehen und Gesehenwerden“ im Warenhaus wichtiger als der eigentliche Kauf der Waren; auch im Warenhaus des 19. Jahrhunderts sowie in gegenwärtigen Abb. 2 138 Sédillot 1966, S. 11 139 Sédillot 1966, S. 13 140 Sédillot 1966, S. 14 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 34 Shopping-Szenarien wird der Erwerb der Ware ritual-ähnlich zelebriert141. Waren oder Tauschobjekte in der Steinzeit waren Lebensmittel, Naturprodukte und handwerkliche Erzeugnisse, Steine, Werkzeuge und Schmuck.142 Später brachte die „Revolution des Handwerks“ durch die aufkommende Metallverarbeitung eine „Revolution des Handels“ mit sich: Metall und durch Metalllegierungen hergestelltes Material (vor allem Bronze) wurde zur zentralen Ware und „beherrscht[e] den Markt“143, gefolgt von Weihrauch oder Salz. Später wurde diese Zweiphasigkeit, Ritual und Tauschhandel, „nüchterner“144: „das feierliche Gehabe“ trat gegenüber dem eigentlichen Geschäft und Tauschobjekt in den Hintergrund und Ware wurde sofort gegen Ware getauscht, wobei der Kommunikation (Sprechen, Gestikulieren, Beteuern) eine zunehmend wichtigere Rolle beim Tausch zukam.145 Bereits in der Frühzeit führte man diesen Warentausch an einem geschützten Platz durch, der manchmal von Mauern umsäumt war und für den bestimmte Verhaltensregeln galten, die durch Priester überwacht wurden; so waren die Mitnahme von Waffen oder Streit und Disput verboten.146 Dies sind die Anfänge des Marktes, wie wir ihn heute verstehen oder wie er in modifizierter Form in der griechischen und römischen Antike oder im Mittelalter wieder auftrat. Zunächst fand dieser Markt zufällig oder zusammen mit einem festlichen Anlass statt, wurde später in einem festen Turnus nach dem Stand von Sonne und Mond durchgeführt.147 „…, und unbemerkt spielt sich das Leben auf den Rhythmus des Kalenders und der Markttage ein.“148 141 Beispielsweise nach der Markteinführung eines neuen Apple-Produktes wird der Verkauf in den Apple-Stores zelebriert. 142 Sédillot 1966, S. 17 f. 143 Sédillot 1966, S. 19 144 Sédillot 1966, S. 14 145 Sédillot 1966, S. 14 146 Sédillot 1966, S. 14 147 Sédillot 1966, S. 14 148 Sédillot 1966, S. 14 2.1 Das Prinzip Tausch als Urform des Handels 35 Die Agora als erstes Handelszentrum „Noch lebhafter als in den Straßen ist der Kleinhandel auf der Agora, (…) dem öffentlichen Platz, auf dem sich die Weiber zum Tratschen, die Männer zum Politisieren zusammenfinden.“149 Im klassischen Altertum in Griechenland war die Agora150 als Platz der Volksversammlung der griechischen Stadt, der Polis151, wesentlicher Bestandteil des demokratischen Versuchs, Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit für die Bürger der griechischen Städte zu verwirklichen152. Auf diesem Versammlungsplatz, der Agora, die ursprünglich ein freier Platz war, der erst im Laufe der Zeit mit öffentlichen Gebäuden umgeben wurde153, fand zunächst das politische Leben der Stadt statt, Wahlen für öffentliche Ämter wurden abgehalten, Diskussionen und Debatten wurden durchgeführt154 – die Agora war Marktplatz der Öffentlichkeit und der Versammlung; später war dieser Marktplatz auch Zentrum des geschäftlichen Lebens, auf dem Kleinhändler an Verkaufsständen ihre Waren anpriesen. Mehrere Autoren der griechischen Antike zeichnen in ihren Beschreibungen das Bild der Agora als „Stätte des Klein- und Großhandels mit zentraler Funktion für die Versorgung der Stadt“.155 Börner stellt in seiner Dissertation über die bauliche Entwicklung von Athen als Handelsplatz fest, dass Verkaufsaktivitäten auf der athenischen Agora bereits seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. archäologisch belegbar sind, das heißt deutlich früher, als die uns heute bekannten Bauten zeitlich verortet werden.156 2.2 149 Sédillot 1966, S. 58; wobei sich in anderer Literatur (u. a. Brinkmann 2005) der Hinweis findet, dass der Besuch der Agora ausschließlich der männlichen Bevölkerung gestattet war; insofern ist dieses Quellenzitat von Sédillot kritisch zu werten. 150 Im Altgriechischen: ἀγορά für Kauf oder Markt(platz) oder „ἀγείρω“ – ich versammele; Belege für den Begriff als Versammlungsort finden sich bereits in der Ilias Homers (Ilias II 91–101, zit. nach Börner 1996, S. 3). 151 Schwedt 2006, S. 13 152 Brinkmann 2005 153 Thompson 1977, S. 2 154 Nothhof o. J. 155 Börner 1996, S. 2 156 Börner 1996, S. 4 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 36 Die griechische Agora von Athen, die um das 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. unterhalb der Akropolis errichtet worden war, wurde zum wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Mittelpunkt des öffentlichen Lebens der griechischen Stadt157: Nothhof spricht von der Agora als „Herzstück der Stadt“158; Wehen beschreibt die Agora als „räumliche Mitte des bürgerlichen Lebens [im antiken Griechenland, Anm. d. Verf.]“159 und Thompson sieht die Agora als „Mittelpunkt des Gemeinwesens im Stadtstaat“160. Als Standort für diesen Versammlungsplatz wählten die Griechen einen zentralen Platz, nordwestlich der Akropolis und somit in der Stadtmitte gelegen, der sowohl von Land als auch vom Hafen aus gut erreichbar war.161 Bestimmend für die Wahl dieses Standortes war zudem der Verlauf ursprünglicher Straßen, vor allem der sogenannten Panathenäenstraße162, die vom Haupttor der Stadt zur Akropolis führte (vgl. Abb. 5).163 Zunächst war die Agora ein freier Platz ohne flankierende oder bestimmende öffentliche Bauten; Markt fand hier nicht baulich gefasst statt – Börner beschreibt diese sogenannten Kykloi als eigenständige, baulich nicht gefasste Bereiche, in denen bestimmte Waren gehandelt wurden; die Waren wurden durch die Anbieter entweder zum Vergleich auf dem Boden ausgebreitet oder an temporären Ständen präsentiert.164 Weiter beschreibt Börner anhand von Originalquellen, dass die Waren und Produkte ausschlaggebend für die Bezeichnung des Verkaufsplatzes waren165 – Börner spricht von einer „topographischen“ Gliederung der Warenarten.166 157 Schwedt 2006, S. 13, 14 158 Nothhof o. J. 159 Wehen 2007, S. 6 160 Thompson 1977, S. 2 161 Thompson 1977, S. 2 162 Diese Straße war nach der Prozession benannt, die auf ihr durchgeführt wurde und einen Höhepunkt der nationalen Festlichkeiten der Panathenäen bildete (Thompson 1977, S. 2). 163 Thompson 1977, S. 2 164 Börner 1996, S. 5 165 Börner 1996, S. 57 166 Börner 1996, S. 116 2.2 Die Agora als erstes Handelszentrum 37 Fand dieser Markt, wie beschrieben zunächst ohne bauliche Fassung, unter freiem Himmel statt, schätzt Börner ein, dass bereits in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein Teil des Marktes in feste Bauten verlegt worden sei.167 Die Gründe für die (zumindest teilweise) Verlagerung des Marktgeschehens in umliegende Gebäude waren der Schutz der Agora vor den Emissionen des Marktbetriebes wie Lärm, Akustik, Schmutz, Gerüche und Staub einerseits und der Schutz der Ware andererseits.168 Damit unterscheidet sich die Intention der Griechen, ihre Waren und den Warenverkauf durch Bauten zur schützen, nicht von der Intention späterer Generationen, die Markthallen und Ähnliches errichteten. Die athenische Agora war Versorgungszentrum für die Polis; laut dem Komödienschreiber Eubulos könne man auf der Agora alles Mögliche erwerben: „Feigen, Gerichtsvollzieher, Trauben, Äpfel, Zeugenaussagen, Rosen, Honig, Prozesse, Myrte, Verlosungsgeräte, Ringe, Wasseruhren, Gesetze und Beschuldigungen“.169 Das Warenangebot umfasste vor allem Waren des täglichen Bedarfs und Lebensmittel aus landwirtschaftlichem Anbau; daneben existierten spezielle Märkte für Gewürze, Obst, der Öl- und Käsemarkt, für Fleisch und Fisch: „Übermäßig appetitlich ist das alles nicht; die Früchte haben keinen Saft, sind klein und hart; das Fleisch ist von zweifelhafter Qualität, die Käsesorten alles andere als verlockend; doch immerhin, die Agora brodelt von Leben.“170 Um die Agora als zentralen Platz gruppierten sich religiöse Tempelanlagen, öffentliche Einrichtungen wie Bäder, Basiliken und weitere Handelseinrichtungen (siehe Abb. 5), sodass die Agora aus heutiger Sicht als erstes Handelszentrum mit arrondierenden Funktionen zu bezeichnen ist, in dem neben Handel auch weitere öffentliche Einrichtungen und Dienstleistungen angesiedelt waren. 167 Börner 1996, S. 6 168 Börner 1996, S. 6 169 zit. nach Nothhof o. J. 170 Sédillot 1966, S. 59 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 38 Den Beschreibungen und archäologischen Untersuchungen nach war die Agora ein annähernd rechteckiger Platz, der, nach mehrfacher Zerstörung und baulicher Überformung, von mindestens drei Seiten von einer Säulenreihe umgeben war.171 Wehen beschreibt, dass östlich der Panathenäenstraße Läden und Wohnhäuser angesiedelt waren.172 Inschriften und mehrere Fragmente von Hermen zeugen davon, dass in der Agora an mehreren Stellen Handel betrieben und Läden eingerichtet waren173 – dies lässt sich aus den rekonstruierten Abbildern des griechischen Gottes Hermes als Gott des Verkehrs, der Reisenden und der Händler ableiten. Griechischer Gott Hermes (Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute und der Hirten) [http://www.gardnerian.de/ mythologie/hermes.htm, 14.11.2014] Ein erstes Beispiel für das „Kaufen unter einem Dach“ im Zuge des oben beschriebenen Schutzes der Agora vor dem Marktbetrieb und dem gleichzeitigen Schutz der Ware war die Attalos-Stoa, eine zweischiffige Wandelhalle über zwei Geschosse, die die Ostseite der Agora Abb. 3 171 Schwedt 2006, S. 13 172 Wehen 2007, S. 6 173 Thompson 1977, S. 14 2.2 Die Agora als erstes Handelszentrum 39 begrenzte174. Thompson beschreibt diese Stoa als „Kaufhalle“, in der auf beiden Seiten je 21 Läden untergebracht waren.175 Grundriss des Erd- und Obergeschosses der Stoa des Attalos, Athen, 159–138 v. Chr. [American School of Classical Studies, www.agathe.gr] Den Vorgängerbau der Attalos-Stoa, dessen Errichtung auf das Jahr 430 v. Chr. zu datieren ist176, bildete die sogenannte Südost-Stoa – eine eingeschossige177, einschiffige Säulenhalle, in der über einen zentralen Gang 16 annähernd gleich große Räume erschlossen wurden; diesen Räumen vorgelagert war ein doppelter Säulengang mit circa zehn Meter Tiefe.178 Ausführlich beschreibt Börner unterschiedliche Interpretationsansätze einiger Historiker für die ursprüngliche Nutzung dieses Hallen- Abb. 4 174 Die Attalos-Stoa wurde im 2. Jh. v. Chr. errichtet, aber bereits im Jahr 267 wieder zerstört. Im 20. Jahrhundert konnte die Stoa durch den Architekten Thompson wieder rekonstruiert werden. 175 Thompson 1977, S. 22; Börner beschreibt diese Südost-Stoa jedoch mit lediglich nur 16 Räumen (Börner 1996, S. 107). 176 Börner 1996, S. 106 177 Da die Stoa bereits im 3. Jh. n. Chr. zerstört worden ist, kann man lediglich über Ausgrabungen ein Bild der Südost-Stoa rekonstruieren; ein zweites Geschoss wurde nicht nachgewiesen; jedoch schließt Thompson aufgrund aufgefundener Wandstärken des Erdgeschosses darauf, dass über den südlichen Räumen eine Galerieebene vorhanden war, die sich die starke Hanglage des Baus zunutze machte; jedoch ist bis heute ungeklärt, wie ein möglicher Zugang zu dieser Galerie ausgesehen haben könnte (Börner 1996, S. 108); die scheinbar auf diesem Bau der Südost-Stoa folgende Attalos-Stoa war wiederum zweigeschossig. 178 Börner 1996, S. 107 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 40 typs allgemein und der Südost-Stoa im Besonderen. Letztlich kommt er, neben dem britischen Archäologen und Altertumsforscher John Coulton, zu der Annahme, dass diese Säulenhalle mit diesem Ausmaß für den Handel, speziell dem Getreidehandel179, der im antiken Athen von großer Bedeutung war, prädestiniert sei, da „lange Hallen jedenfalls überall dort zu erwarten [wären], wo sich zu gewissen Zeiten viele Menschen aus verschiedenen Gründen versammelten“180. Sowohl von den Raummaßen als auch von der Raumanordnung her könnte die Stoa nach den Schlussfolgerungen Börners für den Groß- und Einzelhandel von Getreide auf der athenischen Agora vorgesehen gewesen sein.181 Demnach könnten die Räumlichkeiten in der Stoa sowohl dem Anbieten, der Lagerung als auch dem Vertragsabschluss der Ware gedient haben, da in unmittelbarer Nähe zur Stoa die Marktbeamten ansässig waren, die wahrscheinlich diesen Handel staatlich überwachten.182 Diese Südost-Stoa scheint nach den Ansätzen der Altertumsforscher der Vorgängerbau der späteren Attalos-Stoa zu sein, deren Errichtung circa auf das 2. Jahrhundert v. Chr. datiert wird183 und die notwendigerweise errichtet worden war, da der Athener Handel um diese Zeit stärker zugenommen zu haben scheint184. Den Räumen der Attalos-Stoa waren Säulengang und Terrasse vorgelagert. Nach Ansicht von Coulton deute das Vorhandensein eines Peristyls darauf hin, dass der Bau auch repräsentative Funktionen erfüllte185, was diese Öffnung als „Schaufront“ zur Agora und zur Panathenäenstraße erklären würde186. Von der Terrasse der Attalos-Stoa hatten die Bürger der Polis Zugang und Ausblick in die Agora, um öffentliche Veranstaltungen oder Wettkämpfe zu beobachten. Südöstlich 179 Börner 1996, S. 113 180 Coulton, John J. (1976): The architectural development of the Greek stoa. Oxford: Clarendon Press, S. 11 f., 87 f., zit. in: Börner 1996, S. 113 181 Börner 1996, S. 115 f. 182 Börner 1996, S. 116 183 Börner 1996, S. 193 184 Börner 1996, S. 196, Anm. 491 185 Coulton, John J. (1976): The architectural development of the Greek stoa. Oxford: Clarendon Press, S. 73, zit. in: Börner 1996, S. 196 186 Börner 1996, S. 196 2.2 Die Agora als erstes Handelszentrum 41 der Attalos-Stoa befand sich die Bibliothek, an der sich weiter südlich ein weiterer „Ladenkomplex“187, die Südost-Stoa anschloss.188 Die Agora von Athen; unterhalb der Akropolis öffentlicher Platz, die Agora mit öffentlichen Bauten, Bauten des Kultes und mit Tempeln und einer marktähnlichen Struktur sowie Handel arrondierenden Einrichtungen [Quelle: Brinkmann 2005] Auch wenn sich Altertumsforscher in der Interpretation der Nutzung dieses Gebäudekomplexes nicht sicher seien, leitet Börner auch hier eine im Zusammenhang stehende Nutzung als „Kaufmarkt“ her – dies würden Baubefunde von Agorai anderer Städte belegen, dass das Marktgeschehen zunehmend in umschlossenen Höfen stattfände, um es von dem repräsentativen und politischen Bereich der Agora räumlich zu trennen189. Dies sei ein Beispiel für die Genese des „Handelsmarktes vom einfachen Hof hin zur peristylen Anlagen“190. Das heißt, selbst bei diesen Beschreibungen früher Formen der Konzentration und Zentrierung des Handels und der Läden in einem Abb. 5 187 Thompson 1977, S. 26 188 Thompson 1977, S. 24, 26 189 Börner 1996, S. 132 190 Börner 1996, S. 199 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 42 Objekt191 stand nicht nur die Monofunktion des Einkaufens, Tauschens oder Versorgens im Mittelpunkt, sondern immer auch die Anbindung an eine Öffentlichkeit, an kulturelle Einrichtungen, an das gesellschaftliche Leben oder an Inszenierungsszenarien – an einen Ort des gesellschaftlichen Mittelpunktes der Stadt – den Marktplatz, wie es die Agora im antiken Athen war. Die griechische Agora kann als erster Handelsplatz im Verständnis des heutigen Marktplatzes gesehen werden, der erstmals die Funktionen Repräsentation und Religion mit Handel, Konsum, Öffentlichkeit, Versorgung und Dienstleistung miteinander verknüpft. Vom griechischen zum römischen Handel „Es ist bedauerlich, aber eine Tatsache: Rom hat keinen Sinn für den Handel; es findet nicht einmal Geschmack daran. Die Griechen sind geborene Händler, die Römer kommen als Bauern oder Juristen zur Welt, (…). Die praktische Seite des Handels interessiert sie nicht. (…)“192 In der römischen Antike hat Einzelhandel zunächst eine untergeordnete Rolle: Es wird davon ausgegangen, dass „Krieg und Eroberung für eine Nation angemessenere und schneller zum Ziel führende Erwerbsquellen [boten] als der Handel“193. Zudem beschreibt Sédillot, dass in der römischen Gesellschaft das Eigentum von Grundbesitz dem Reichtum, der durch Handel entstehe, höhergestellt sei.194 Der Beruf des Händlers wurde innerhalb der römischen Gesellschaft eher verachtet. So belegen Quellen Aussagen von Cicero zum Berufsstand des Händlers: „Als schmutzig haben zu gelten auch die Kaufleute, die Waren einhandeln, um sie sofort wieder zu verkaufen. (…) Denn ein Laden kann nichts Freies haben.“195 Für den Lebensunterhalt und die Versorgung einer patriarchalisch organisierten römischen Familie waren die Sklaven zuständig, den in- 2.3 191 An dieser Stelle soll noch nicht der Begriff des Einkaufszentrums verwendet werden. 192 Sédillot 1966, S. 77 193 Sédillot 1966, S. 77 194 Sédillot 1966, S. 77 195 Aussagen Ciceros, ohne Quellenangabe, zit. in: Sédillot 1966, S. 78 2.3 Vom griechischen zum römischen Handel 43 ternationalen Handel mit Waren aus den unterworfenen Gebieten und Kolonien vollzogen Fremde.196 Rom unterstützte diesen Fernhandel lediglich mit dem Ausbau der entsprechenden Infrastruktur, des Stra- ßennetzes, das das gesamte Imperium erschloss.197 Dennoch kann in Rom selbst das Forum als zentraler (Markt-)Platz gesehen werden, an dem sich Geschäfte ansiedelten und Handel stattfand. Auch hier ziehen nicht nur die Waren selbst Besucher an, sondern die Schaulustigen konsumieren Politdiskussionen und Erlebnisse. „Der Handel beherrscht das Forum weit und breit“ – aber im Unterschied zur griechischen Agora, der Polis, in der der Handel bei feierlichen Anlässen und Festen floriert, ist Handel in Rom an Gerichtstagen, bei Volksbegehren, bei Prozessionen, Staatsbegräbnissen und Triumphzügen untersagt.198 Trotzdem ist das Forum das Handelszentrum Roms, in dem sich die Bewohner zum Warentausch und zum Debattieren versammelten und sich Verkaufsbuden am zentralen Platz konzentrierten; „die Advokaten fanden sich ebenso ein wie Taschendiebe und Spieler aller Art (…)“.199 Sédillot beschreibt, dass durch die bauliche Expansion Roms diese Verkaufsbuden zunehmend verdrängt und durch Neubauten ersetzt wurden, sodass eine Spezialisierung einsetzte und separate Märkte, Foren, für Rinder, Schweine, Wein, Fisch, Obst und Gemüse entstanden, teilweise unter überdachten Markthallen.200 Einige Stadtteile erhielten ihren Namen von der Ware, die dort verkauft, oder dem Handwerk, das hier ausgeübt wurde. Sédillot skizziert die römische Szenerie, dass die Händler bereits mit ihren Produkten und Schildern warben, um den Kunden den Weg zum Geschäft zu zeigen – dafür wurden entweder die Waren selbst ausgestellt oder Symbole verwendet: ein Krug für die Schankwirtschaft, eine Mühle für eine Bäckerei, ein Spielbrett für eine Spieldiele.201 Hier lässt sich demnach eine erste Werbung und Symbolik des 196 Sédillot 1966, S. 78 f. 197 Sédillot 1966, S. 79 198 Sédillot 1966, S. 80 199 Sédillot 1966, S. 81 200 Sédillot 1966, S. 81 201 Sédillot 1966, S. 81 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 44 Verkaufs nachvollziehen. Die Geschäfte selbst seien teilweise lediglich Hinterräume oder Nischen von der Straße aus, in denen die Waren präsentiert wurden202 – eine architekturtypologische Form des Ladens oder des Geschäftes in unserem heutigen Verständnis ist in Rom zunächst noch nicht auszumachen. Römische Händler beim Handel mit Tuch [(Sédillot 1966), S. 96, Tafel 1] Unter Kaiser Trajan wurden 140 n. Chr. diese Foren in einem mehrgeschossigen Objekt zusammengefasst und dem Kaiserforum angegliedert, dem heute nur noch rudimentär erhaltenen Trajansforum, in dem neben der stark auf Repräsentation ausgerichteten Funktion in den sogenannten Trajansmärkten insgesamt auch über 500 Verkaufsstände Platz gefunden hatten203. Knell beschreibt das Trajansforum als einzigartiges Bauwerk und Monument, in dem persönlicher Erfolg, Herrschaftsanspruch, machtbewusste Selbstdarstellung und einzigartiger Rang des Kaisers intensiv mithilfe der Architektur propagiert worden seien204 – die Trajansmärkte wiederum sollten des Kaisers Interesse am wirtschaftlichen Wohlergehen Roms widerspiegeln und Trajan als „fürsorglich[en] und um die Versorgung der Einwohner [der] Stadt besorgt[en] Herrscher“ darstellen205. Die Trajansmärkte sind als Marktanlage zwar dem Tra- Abb. 6 202 Sédillot 1966, S. 81, 82 203 Sédillot 1966, S. 81 204 Knell 2010, S. 27 205 Knell 2010, S. 101 2.3 Vom griechischen zum römischen Handel 45 jansforum angeschlossen, dennoch aber funktional und baulich ein eigenständiger, selbst organisierter Komplex gewesen.206 (links) Isometrie der Trajansmärkte im antiken Rom [Quelle: Geschichtszentrum Online] (Mitte) Rekonstruierte Trajansmärkte, Innenraum, Rom, 2011 [eigenes Foto] (rechts) Rekonstruierte Trajansmärke, Außenanlage, Rom, 2011 [eigenes Foto] Abb. 7 Abb. 8 Abb. 9 Baulich an die Hanglage des Standortes eingepasst, gruppierten sich die Geschäfte, teilweise über mehrere Geschosse, an einer überdachten Straße. Die hohen Eingänge zu dieser Einkaufsstraße waren zur Stra- ßenseite durch einen „repräsentativen Gestus“ geöffnet, sodass die Eingangssituation zu diesem „Einkaufszentrum“ klar erkennbar war.207 Die Läden und die Ladenstraße waren über ein passagenartiges System miteinander verbunden, teilweise überdacht und schützten den Besucher vor Witterungseinflüssen. Von der baulichen Anlage her gleichen die Trajansmärkte einem heutigen Einkaufszentrum – zentrale Mall, überdacht, angegliederte Ladeneinheiten. Gleichzeitig fand im baulichen Komplex nicht ausschließlich Handel statt, sondern es waren auch Wohneinheiten vorgesehen. Auch dies ist als eines der ersten Beispiele für eine Funktionsmischung analog heutiger Urban Entertainment Center zu sehen. Der Archäologe Knell schlussfolgert aus der Art der Anlage, dass es sich bei den Trajansmärkten nicht nur um einen Markt zur Deckung des Alltagsbedarfs zu handeln schien, sondern vielmehr Waren 206 Knell 2010, S. 101 207 Knell 2010, S. 103 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 46 mit „höherem Anspruchsniveau“ angeboten worden seien und die Trajansmärkte Bestandteil eines „noblen Geschäftsquartiers“ gewesen sein könnten208 – bestätigt werden könnte diese These nicht nur durch die äußerst prominente topografische Lage der Trajansmärkte zum unmittelbar angrenzenden Trajansforum, sondern auch damit, dass Forum und Markt über direkten Weg miteinander verbunden waren209: Auch an dieser Stelle überschneidet sich die Funktion des Einkaufens im Markt mit der Funktion der Repräsentation, des Versammelns, des Inszenierens sowie mit dem gesellschaftlichen Mittelpunkt einer Stadt – dem Forum. Knell betont in diesem Zusammenhang die Verbindung von „Staatsarchitektur“ mit der Architektur der „Alltagswelt“210: „Deshalb war es möglich, dass Besucher des Marktes auf direktem Weg bis zu dieser Exedra und dem anschließenden Forumsplatz (…) kamen. Dies konnte zumindest dazu beitragen, den äußerst repräsentativen Staatsplatz des Trajansforums durch die Betriebsamkeit des Marktes (…) belebend in den Alltag zu integrieren.“211 In einem bestimmten Bereich des Trajansmarktes, der großen Straßenhalle, wurde ein Straßenabschnitt durch eine Überdeckung mittels Gewölbe zu einer Halle, als „Große Aula“ bezeichnet, umfunktioniert – hier ist die Urform des deutlich später entwickelten Topos der Passage als „Prototyp eines zivilen Nutzgebäudes“212, wie es auch Knell beschreibt, der auf das Mailänder Beispiel der Galleria Vittorio Emanuele II verweist.213 Die Trajansmärkte waren somit aufgrund ihrer Architektur und städtebaulichen Zuordnung für das antike Rom stadtbildprägend, hatten repräsentativen Charakter und verliehen dem „städtebaulichen Wandel“ Roms seiner Zeit Ausdruck.214 Rom wird im Laufe der Zeit zu der „Stadt des Konsums“ – Produktion und Absatz des gesamten Imperiums seien alleinig für die Bedürf- 208 Knell 2010, S. 103 209 Knell 2010, S. 103 f. 210 Knell 2010, S. 106 211 Knell 2010, S. 104 212 Knell 2010, S. 106 213 Knell 2010, S. 106 214 Knell 2010, S. 101 2.3 Vom griechischen zum römischen Handel 47 nisse der Hauptstadt abgestellt: „Die römische Welt arbeitet für Roms Vergnügen“ – Rom importiert sämtliche Waren aus seinen Provinzen215 und wird gleichzeitig zur fiskalischen Schnittstelle des Handels zwischen seinen Provinzen. Erst später etabliert sich und expandiert der (Fern-)Handel über die fernöstlichen Handelswege. Die unter dem römischen Imperium entstandenen Marktviertel, auch außerhalb Roms in den Provinzen, prägen das Bild der Städte oder sind teilweise namensgebend.216 Insofern sind Markt, Handel und Stadtentwicklung kaum voneinander zu trennen, wie in den weiteren Ausführungen zur europäischen Konsum- und Stadtgeschichte deutlich wird. Schwedt beschreibt zudem, dass die ebenerdigen Zonen an der Außenseite der Amphitheater in Rom als Läden für den Verkauf genutzt wurden217 – hier sind Analogien zu heutigen Verkaufsstrategien abzuleiten: Erlebnis und Freizeitgestaltung mit Konsum, Einkaufen und Shopping an einem Ort zu konzentrieren und zu verbinden: „(…) der große Zulauf [an Publikum, Anm. d. Verf.] [führte] zu einem lebhaften Warenumsatz.“218 Derartige Urban Entertainment Center, Einkaufszentren, die unmittelbar an Stadien oder Veranstaltungshallen oder Transitorten wie Bahnhöfen oder Flughäfen angegliedert sind, finden sich auch in jüngerer Vergangenheit. Als eines der bekanntesten Beispiele ist hier das Olympia-Einkaufszentrum zu nennen, das zeitgleich und in unmittelbarer Nähe zum Olympiapark München, dem Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 1972, eröffnet worden ist. Schwedt schlussfolgert, dass die „Kauflauben“ in den Erdgeschosszonen der Amphitheater Vorbild für die ersten Geschäfte am mittelalterlichen Marktplatz mitteleuropäischer Städte waren.219 Weiterhin leitet er sprachliche Parallelen zwischen den römisch-lateinischen und 215 Sédillot 1966, S. 82 216 Sédillot 1966, S. 81; so wird aus dem Begriff und dem Marktplatz, dem Forum, die französische Stadt Feurs. 217 Schwedt 2006, S. 16 218 Schwedt 2006, S. 16 219 Schwedt 2006, S. 16 f. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 48 deutschen Begriffen um den Handel her220 – bis hin zu der These, dass der lateinische Begriff für Marktplatz „mercatus“ oder „marcatus“ sei und dies der sprachliche Ursprung des heute noch verwandten Begriff des „Marktplatzes“ wäre – folgt man diesem Ansatz, so ist der römische Einfluss auf Mitteleuropa nicht nur territorial oder kulturell zu sehen, sondern auch auf die Ursprünge des Handels zu beziehen, die nach wie vor städtebaulich und architektonisch ihre Bedeutung haben. Der mittelalterliche Markt – das Zentrum des Handels „Commerce is the engine of urbanity.“221 Das Tauschen und Handeln von Waren und die mit dem Verkauf von Produkten verbundenen Dienstleistungen sind wesentliche Bestandteile und Voraussetzung der Genese der Menschheit und stehen im engen Kontext mit der Entwicklung der europäischen Stadt als zentralem Handels- und Marktplatz. Der eingangs dieses Kapitels beschriebene Tauschverkehr und das Tauschprinzip von Gütern und Waren sowie dessen Ursprünge waren das wesentliche und regelmäßige Element des Marktes, das sich erst mit Entstehen der Städte zum regelmäßigen und gewerbemäßigen Handel ausprägte.222 Wie bereits anhand der antiken Beispiele ausgeführt, findet Stadtentwicklung seit jeher im Umfeld von Zentren mit entweder besonderer kultureller, militärischer oder religiöser Bedeutung, wie beispielsweise um Kirchen, Tempel und andere Kultstätten, oder aber in direkter Umgebung von Markt- und Verkaufsstätten, die sich bevorzugt an Kreuzungen von Verkehrswegen und Fernhandelsstraßen ansiedel- 2.4 220 Beispielsweise Kaufmann von caupo oder Namen für Waren (Früchte, Kümmel, Behältnisse (Säcke, Kisten)); Schwedt 2006, S. 17 221 Jacobs, Jane (1979): The Economy of CitieS. New York: Vintage, zit. in: Wall 2003, S. 106 222 Weber, Weber 1988, S. 259 2.4 Der mittelalterliche Markt – das Zentrum des Handels 49 ten223, statt. Oftmals erhielten Städte ihr Stadtrecht einhergehend mit der Verleihung des Marktrechts.224 Demzufolge ist die Entwicklung vieler bedeutender Großstädte in Europa auf deren traditionelle Handelskultur zurückzuführen – man kann daher den Marktplatz als den Kern der europäischen Stadt ansehen und „Handel“ aus siedlungsgeografischer Sicht als „Städtegründer“225 bezeichnen. Diese Funktion des Handels hat auch heutzutage noch Bestand: in einigen Regionen US-amerikanischer Peripherie bilden Distributionszentren und Warenumschlagsplätze das wesentliche Gerüst für die Entwicklung von Städten.226 Diese „anderen“ Konsumwelten sind Basis für die Stadt, die sich um diese Konsuminfrastruktur entwickelt. Daher kann man schlussfolgern, dass Markt und Stadt spätestens seit dem Mittelalter und bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zwei voneinander untrennbare Einheiten waren, sowohl rechtlich als auch wirtschaftlich.227 Der Binnenhandel in Deutschland war aufgrund der Vielstaaterei der Fürstentümer eher weniger entwickelt und der Großteil der Bevölkerung Selbstversorger, sodass auch kaum ein darüber hinausgehender Konsumbedarf bestand.228 Der städtische Gewerbetreibende war neben seinem Handwerk meist auch noch Landwirt („Ackerbürger“229), der den größten Teil seiner durch Landwirtschaft hervorgebrachten Waren und Güter selbst konsumierte und nur den Konsumüberschuss, also die Waren, die er nicht für den Eigenbedarf benötigte, auf dem Markt anbot. Der Markt war ursprünglich temporär als Wochen- oder Jahrmarkt oder als saisonale Veranstaltung im Frühjahr, Herbst oder an- 223 Scheele 02.11.2004, S. 1 224 Als Beispiel sei hier die Stadt Leipzig genannt; lokalisiert an der Kreuzung der historischen Via Regia mit der Via Imperii, erhielt Leipzig im Jahr 1165 durch Markgraf Otto den Reichen von Meißen das Stadtrecht und gleichzeitig das Marktrecht und etablierte sich in den folgenden Jahrhunderten zu einer bedeutenden Handels- und Messestadt. 225 Ritter, Wigand: Handelswege und Städtesysteme, in: Christ, Wolfgang (Hg.), 2007, S. 1 226 Snyder, Wall 2012, S. 85 227 Nagel 1973, S. 5 228 Teuteberg 2005, S. 19 229 Weber, Weber 1988, S. 259 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 50 lässlich bestimmter Zeremonien angelegt – bereits hier sind wiederum Parallelen zu den ersten Festen zum Tausch von Waren zu ziehen (vgl. Kapitel 2.1), bei denen der Markt nur Temporärcharakter besaß, beziehungsweise Vergleiche in die Gegenwart möglich, bei der Märkte im zeitlichen Kontext mit Volksfesten oder als mehrmals in der Woche als Frischemärkte abgehalten werden. Der Markt als im eigentlichen Sinn „ursprünglicher Ort und Form des Handels“230 war der zentrale Ort innerhalb einer mittelalterlich geprägten Stadt und als „Platz für den Warenumschlag“231 wichtiger Ausgangspunkt und „Motor“232 für Stadtgründung und -expansion. Als Folge eines regelmäßig stattfindenden Marktes wurde der wandernde und stadtfremde Kaufmann durch den einheimischen Kaufmannsstand verdrängt: Es etablierte sich der stationäre Handel, der nun auch Waren anbot, die nicht ausschließlich lokal vor Ort produziert worden waren, sondern über Geschäftsbeziehungen „gehandelt“ worden waren – dies waren die ersten Anfänge des Import- und Exporthandels233, die Weber als „Keime der modernen Entwicklung“234 bezeichnete. Der Marktplatz als Ort beschreibt den räumlichen Rahmen dessen, was einführend in dieses Kapitel als Markt beschrieben wurde. Legt man lediglich das rational-ökonomische Interesse am Tausch der Marktteilnehmer zugrunde, sei es die konsequenteste Form der Marktbildung, dass dieser Tausch, inklusive der An- und Darbietung der Ware bis hin zum Feilschen, auf einem Lokal- oder Jahrmarkt stattfinde235 und sich dafür ein entsprechender Platz bildete – der Marktplatz. Der Marktplatz entwickelte sich zum Zentrum des mittelalterlichen städtischen Lebens, auf dem in regelmäßigen Abständen Waren des täglichen Bedarfs wie Brot, Mehl, Fleisch und Milchprodukte, aber auch spezifische Güter wie Handwerkserzeugnisse verkauft wurden. Diese Nah- und Lokalmärkte dienten den Bewohnern der Stadt, versorgten aber zusätzlich auch das nähere Umland der Region. Die allge- 230 Hatzfeld 1987, S. 9 231 Dallo, Eva (Hg.), 2005, S. 9 232 Dallo, Eva (Hg.), 2005, S. 9 233 Weber, Weber 1988, S. 259 234 Weber, Weber 1988, S. 260 235 Weber 2010, S. 489 2.4 Der mittelalterliche Markt – das Zentrum des Handels 51 meine Voraussetzung für die Ausbildung dieser lokalen Märkte vom 10. bis 12. Jahrhundert, neben dem nicht ortsgebundenen „Hausierund Wanderhandel“236, war die einsetzende Arbeitsteilung, die vor allem zu einer räumlichen Trennung zwischen Landwirtschaft und Handwerk, aber auch zwischen Produktion und Handel führte.237 Dennoch muss festgehalten werden, dass im Mittelalter der Großteil der Bevölkerung auf dem Land lebte und sich selbst versorgte; selbst die Bewohner der Städte pflegten einen eigenen Gemüse- und Obstgarten.238 Das heißt, dass der überwiegende Teil der Menschen Selbstversorger war und lediglich die Überschüsse der (landwirtschaftlichen) Produktion über Märkte in den Handelskreislauf gelangten.239 Dies entspricht einem gänzlich anderen Konsumverhalten im Vergleich zur Gegenwart, das auf einen grundsätzlich anderen Bedarf zurückzuführen ist. Lediglich bei bestimmten Produkten, die nicht selbst hergestellt werden konnten wie Tabak oder Salz, oder bei den sogenannten Kolonialwaren stützte man sich auf den Fernhandel. An dieser Stelle soll auf den von Berekoven ausführlich beschriebenen „Hausier- und Wanderhandel“240 eingegangen beziehungsweise eine zentrale Aufgabe dieser Form des Handels herausgestellt werden; der Wanderhändler brachte nicht nur ein überschaubares Sortiment zu einem festen Kundenstamm, sondern war gleichzeitig für die Landbevölkerung eine Art „lebende Zeitung“ oder „Kolporteur“ und überbrachte Neuigkeiten, Nachrichten und Gerüchte;241 gleichzeitig bot der Wanderhändler nicht nur Waren, sondern auch Dienstleistungen an – er war „Buckelapotheker“ und half Tier und Mensch bei kleinen medizinischen Eingriffen242; diese vielfältigen Funktionen des Händlers seien teilweise aus der Sprache abzuleiten.243 Der Händler und der Handel fungierten als Medium. Dies zeigt zudem, dass Kommunikation 236 Schneider 2002, S. 20 237 n. n. 08.02.2008, Europäisches Haus der Stadtkultur e. V. (Hg.), S. 72 238 Teuteberg 2005, S. 19 239 Teuteberg 2005, S. 19 240 Schneider 2002, S. 20 241 Teuteberg 2005, S. 19 242 Teuteberg 2005, S. 19 243 Teuteberg 2005, S. 19; vgl. die Begriffe Quacksalber, Kolporteur, Kiepenträger, Balsamträger, Buckelkrämer oder Höker. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 52 und Handel spätestens seit der Existenz dieser „Vertriebsform“ symbiotisch miteinander verbunden sind. Der mittelalterliche Handel war größtenteils durch Auflagen und Restriktionen der Zünfte bestimmt und durch diese kontrolliert, das heißt, es war beispielsweise städtischen Bäckern und Fleischern untersagt, Viehhandel zu betreiben, sodass sich für jede Branche und jedes Gewerk eigenständige Händlergruppen bildeten.244 Marktplatz der Hansestadt Lübeck um 1580: Handel und Fliegende Bauten auf dem Marktplatz, Läden in den Erdgeschosszonen [Herz, Stefan; Internetquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/MarktLuebeck.jpg, 10.10.2008] Der zentrale Ort des mittelalterlichen Handels war der Marktplatz: Einfache Stände und Buden, heute als Fliegende Bauten bezeichnet, ermöglichten die temporäre Nutzung „Marktplatz“ und erhielten dessen Multifunktionalität, nicht nur in seiner Monofunktion „Verkaufsstätte“, sondern vielmehr als Versammlungsort und „Vorläufer demokratischer Abb. 10 244 Teuteberg 2005, S. 20 2.4 Der mittelalterliche Markt – das Zentrum des Handels 53 Institutionen“245: als Bühne für Selbstdarstellung und Inszenierung, als Ort des Informationsaustausches, als Begegnungsraum, als Ausgangspunkt für Bildung und Schule, als kommunikative Börse und Ort, der „alle Elemente des bürgerlichen Lebens undifferenziert in sich trägt“246. Der Markt bezeichnet demnach nicht nur das Verhältnis der Akteure am Kaufen und Verkaufen an sich, sondern auch den komplexen Ort, wie bereits in einer Ausgabe des Brockhaus von 1839 erwähnt, aus Ständen, Waren, Verkäufern und Käufern, also eine über eine ausschließlich wirtschaftliche Definition hinausgehende soziologische und städtebauliche Situation: „Zahlreiche öffentliche Zusammenkunft von Verkäufern mit ihren Waaren und von Käufern, sowie der Platz in Städten und anderen Ortschaften genannt, wo solche Zusammenkünfte vorzugsweise stattfinden.“247 Der Marktzwang führte dazu, dass die (handwerklichen) Waren nur an einem zentralen Ort, auf dem Marktplatz, in strenger Branchenordnung verkauft werden durften.248 Um diese zentralen Marktplätze gruppierten sich „kirchliche, kulturelle und administrative Einrichtungen“249 und deren Bauten: es wurden Geschäftshäuser von Kaufleuten, Patriziern und Handwerkern sowie Wohnbauten des aufstrebenden Bürgertums errichtet, die repräsentative Verwaltung der Stadt, das Rathaus, flankiert häufig den Marktplatz und in der Regel befinden sich in dessen unmittelbarer Nähe eine Kirche oder Kapelle als geistliche Institution. Des Weiteren siedelten sich um den Marktplatz auch die mit dem Verkauf verbundenen unmittelbaren Dienstleistungen und Aufsichtseinrichtungen, sogenannte Vogteien an, die die Vergabe der Verkaufsstände regelten, Ständeabgaben erhoben und mithilfe der Waage Maße und Gewichte kontrollierten. Diese Einrichtung und die städtebauliche Ausprägung des Marktplatzes „konstituierten in ihrer Gesamtheit den gesellschaftlichen und oft auch geographischen Mittelpunkt der Stadt.“ 250 245 Dörhöfer 2008, S. 16 246 Dörhöfer 2008, S. 17 247 Beschreibung von Markt in der Enzyklopädie Brockhaus, Ausgabe 1839, zit. in: Schwedt 2006, S. 18 248 Schneider 2002, S. 18 249 Hatzfeld 1987, S. 9 250 Hatzfeld 1987, S. 9 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 54 Mit der zunehmenden räumlichen Expansion der Märkte wurden die Verkaufsflächen und Stände in die Erdgeschosszonen der Gebäude verlagert und erweitert. Wie bereits beschrieben, sieht Schwedt die baulichen Vorbilder für diese Erdgeschossläden bereits in den Amphitheatern in Rom. Diese Erdgeschosszonen hatten durch ihre große Geschosshöhe einen hallenartigen Charakter und können als Urform der späteren autonomen Markthalle angesehen werden. Darüber hinaus etablierte sich im Übergang zur Neuzeit zwischen 1500 und 1800 das stationäre Fachgeschäft gegenüber dem aus dem Mittelalter stammenden Typ der „Gemischtwarenhandlung“.251 Der österreichische Architekt Friedrich Kiesler fasst diese Entwicklung wie folgt zusammen: „Der improvisierte Markt aus früheren Zeiten, der lediglich an einigen bestimmten Tagen und nur für einige Stunden für bestimmte Menschen stattfand, musste dem dauerhaften Laden weichen. Jeder konnte nun kaufen und verkaufen, wann und wo er wollte.“252 Vorläufer oder Oberbegriff dieser Gemischtwarenhändler waren die „Krämer“ oder „Kramläden“ – der Begriff des Krämers leitet sich nach dem Wirtschaftshistoriker Teuteberg von „dem aufgespannten Schutzdach ab, das ursprünglich über den Wagen des umherziehenden Kaufmanns und (…) über der festen ‚Bude‘ auf dem Marktplatz angebracht war“ ab.253 Diese Kramläden wurden häufig in den Kellergeschossen unmittelbar angrenzend zum Marktplatz betrieben; außerhalb seien sie lange untersagt geblieben.254 Auch an dieser Stelle ist die Konzentrationswirkung des Marktplatzes hervorzuheben, mit dem Handel zugehörigen und arrondierenden Dienstleistungen. Einerseits spezialisierten sich die Krämerladen auf bestimmte Sortimente wie Eisen-, Seide- oder Gewürzwaren; in der Hauptsache jedoch seien sie Gemischtwarenläden mit umfas- 251 Schneider 2002, S. 25 252 Übersetzung d. Verf.; Originalzitat: „So the improvised mart of former times, which has held only on certain days and at certain hours for certain people, must give way to the permanent store of today. Everyone may now buy and sell when and where he chooses.“, zit. in: Kiesler 1996, S. 14 253 Teuteberg 2005, S. 21 254 Teuteberg 2005, S. 21 2.4 Der mittelalterliche Markt – das Zentrum des Handels 55 sendem Sortiment gewesen255, in denen Kunden in kleinen Mengen die Waren des täglichen Bedarfs kauften.256 Demzufolge war das einer Stadt erteilte Marktrecht die Basis zur Entwicklung des Standortes Markt im Sinne einer zentralen, auch überörtlichen Funktion.257 Einzelhandel hat demzufolge schon immer unter dem Begriff Markt die kulturhistorische Aufgabe übernommen, die ihm auch heute noch zugeordnet wird, nämlich als Initiator von Erlebnis und Unterhaltung als eine Aufgabe und Kernfunktion der Stadt im Sinn von Urbanität zu fungieren.258 In der frühen Neuzeit um 1500 wurden, meist aus hygienischen Gründen, für Waren, die nicht der Witterung ausgesetzt werden konnten, erste geplante Markthallen errichtet259, in denen, anfangs nur temporär, später dauerhaft Produkte gehandelt wurden. In einer Werbebroschüre aus den 1920er-Jahren heißt es dazu: „Die Hausfrau von heute hat es viel angenehmer und praktischer, wenn sie durch die Markthalle geht, sie braucht nicht in Regen und Schnee mehr herumlaufen und nicht mehr so viel Zeit für ihre Einkäufe, denn sie hat alles in einem Haus und dabei den Vorteil größter Auswahl an den verschiedenen Ständen (…).“260 Damit entstand erstmals in Mitteleuropa ein ausschließlich für den Verkauf entwickelter, eigenständiger Bautypus – die Markthalle. 255 Teuteberg 2005, S. 21 256 Teuteberg 2005, S. 23 257 Vogels 1991, S. 89–90 258 Vogels 1991, S. 89–90 259 Nachdem bereits frühe Beispiele für Markthallen bzw. hallenähnliche Konstruktionen in den ersten Handelsplätzen in Griechenland (Attalos-Stoa) und Rom (Trajansmärkte) zu finden sind. 260 Werbebroschüre aus den 1920er-Jahren, zit. in: Schwedt 2006, S. 26; hier allerdings ohne konkrete Quellenangabe. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 56 Markthallen „Markthallen sind Orte, an denen die weite Welt sinnlich bis vor die eigene Haustür rückt. Obst, Gemüse, Gewürze und andere Waren lassen das Fernweh wachsen, sodass man, eingenebelt in die fremden Gerüche und Düfte, bereits dort in Gedanken zu den Ländern seiner Sehnsucht reist. In Markthallen kommen sie alle zusammen: die Anbieter und Käufer, von Nah und Fern, aus jeder Gehaltsklasse. Nicht nur Waren wechseln hier ihre Besitzer, sondern auch Informationen.“261 Markthallen und der in ihnen vollzogene Handel, das Markttreiben, sind urbane Elemente der Stadt. War der Marktplatz als städtebauliche Situation der Kern und Ausgangspunkt der Expansion der Stadt, kann die Markthalle als eigenständige Handelsarchitektur in der Stadt gesehen werden. Hervorzuheben sind die Markthallen nicht nur aufgrund ihrer funktionalen Eigenständigkeit, sondern auch wegen ihrer logistischen Anbindung und ihrer architektonischen Ausprägung mit oftmals sehr repräsentativem Charakter. Obwohl eine große Zahl an Markthallen vor allem im 19. Jahrhundert entstanden sind, ist der Typus der Markthalle bereits schon deutlich eher in Frankreich beschrieben worden.262 Die von Durand zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschriebenen Markthallen zeichneten sich vor allem durch ihre „Schönheit, Größe und Einzigartigkeit“263 aus. Hamm sieht in den Markthallen auch eine architektonische Synthese aus vorangegangenen Typologien des Handels, die durch Passagen und Höfe miteinander verbunden gewesen seien.264 Vor allem kann man die Markthallen als einen weiterentwickelten Marktplatz bezeichnen. So stellen Hamm und Mende die Vorzüge der Markthalle gegenüber dem Marktplatz wie folgt heraus: „Vielleicht entscheidet man sich für beide Arten, nämlich einen Teil des Marktes in die Markthalle und einen offenen in die Wien-Zeile zu legen. Hier wären dann durch Querstraßen getrennt Abteilungen zu schaffen, in denen, nur durch zierliche Dächer gedeckt, luftige Verkaufsstände zu errich- 2.5 261 Fülscher und Schilling 2014, S. 10 262 Hamm, Mende 2008, S. 13; Jean Nicolas Durand widmete in seinem 1799 und 1801 erschienenen Buch den Markthallen, Platzanlagen und Basaren bereits ein eigenständiges Kapitel bzw. eine Tafel. 263 Jean Nicolas Louis Durand: Recueil et parallèle des edifices de tout genre, anciens et modernes, remarquables par leur beauté, par leur grandeur ou par leur singularité. Paris 1806, Quelle: Hamm, Mende 2008, S. 13, 37 264 Hamm, Mende 2008, S. 15 2.5 Markthallen 57 ten wären, deren äußere Reihen gegen die vorbeiführenden Straßen aber durch hohe Wände abzuschließen wären, damit der Wind nicht Staub und Mist in die Abteilungen treiben könne. Das wäre nun ein offener Markt, der die Vorteile der freien Luft und des möglichsten Schutzes gegen den Staub hätte (…).“265 Auch Spiekermann sieht in den Markthallen das Ideal, die Vorteile des Ladens und des Wochenmarktes miteinander zu verbinden.266 Nagy begründet das entstehende Netz der Markthallen im 19. Jahrhundert vor allem damit, dass die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung neu organisiert werden musste – die Einwohnerzahlen in den Städten und damit auch der Bedarf und Verbrauch stiegen rapide an, sodass sich die Versorgung über den Markt sowie traditionelle Handelseinrichtungen nicht mehr eignete und schlichtweg nicht mehr ausreichte.267 Das durch die Industrialisierung in Europa geprägte 19. Jahrhundert ist vor allem durch explosionsartiges Wachstum der Bevölkerung, einen enormen Verstädterungsprozess und damit auch ein Wachstum der Städte gekennzeichnet, das eine völlig neue Logistik und Organisation der Warengeschäfte erforderte, da die Wochen- und Jahrmärkte und das Angebot der Gemischtwarenhändler nicht mehr ausreichten, die quantitativ und qualitativ gestiegenen Ansprüche der Bevölkerung zu decken.268 Es konnten durch den Einsatz von Eisenbahn und Dampfschifffahrt zwar Waren schneller von ihrer Erzeugnis-, Verarbeitungs- oder Produktions- zur Vertriebsstätte transportiert werden, jedoch entsprach dies nicht den quantitativen Erfordernissen der Bedarfe bei gleichzeitiger Sortimentsausweitung269. Gleichzeitig stieg in weiten Teilen der Bevölkerung die Kaufkraft – Teuteberg spricht von der „Monetarisierung der gesamten Lebensbedürfnisse“270, sodass ein neues System von Warenumschlag und -verkauf organisiert werden musste. Im durch diesen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel geprägten 19. Jahrhundert wurde der Beruf des (Lebensmit- 265 Fassbender, Eugen (1910): Studie zur Regulierung des Stadtteiles Freihaus-Naschmarkt in Wien. Wien, zit. in: Schwedt 2006, S. 20 266 Spiekermann 1999, S. 175 267 Nagy 2002, S. 7 268 Teuteberg 2005, S. 22 269 Teuteberg 2005, S. 23 270 Teuteberg 2005, S. 23 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 58 tel‑)Einzelhändlers attraktiv271 und ging einher mit dem steigenden Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit durch ein Einzelhandelsgeschäft272, was sich auch quantitativ dahingehend abbildet, dass die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte im späten 19. Jahrhundert schneller gestiegen sei als die Bevölkerung.273 Die Zahl der Selbstständigen im Handelssektor stieg von etwa 838.000 im Jahr 1882 bis über 2 Millionen zur Jahrhundertwende.274 Der Einzelhandel in der Stadt folgte dem generellen Urbanisierungstrend in den Städten und neu entstandenen Stadtvierteln – er wuchs überproportional zur Bevölkerung:275 Nipperdey schätzt, dass sich zwischen 1860 und 1890 die Zahl der Läden und Geschäfte pro Tausend der Bevölkerung nahezu verdoppelt habe. Während zwischen 1895 und 1907 die Bevölkerung in Deutschland lediglich um 8 Prozent wuchs, sei die Zahl der Läden um 42 Prozent gestiegen.276 Die Gründe für diese Ausweitung der Handelskapazität waren wie bereits erwähnt gestiegene Einkommen, bessere Transportmöglichkeiten für Waren, der Rückgang der Selbst- und Eigenversorgung sowohl auf dem Land als auch in der Stadt sowie sinkende Preise für einen Großteil der Produktpalette.277 Man kann in diesem Zusammenhang von der „Demokratisierung des Konsums“ sprechen, da Konsum nun für einen größeren Teil der Bevölkerung möglich und nicht lediglich bestimmten Ständen oder Klassen vorbehalten war (siehe auch Ausführungen zur Konsumgesellschaft, Kapitel 3). Für die Einzelhandelsentwicklung im 19. Jahrhundert lassen sich zwei Trends ableiten: einerseits die zunehmende Spezialisierung der 271 Teuteberg 2005, S. 22, Nipperdey 1998, S. 264 272 Nipperdey 1998, S. 264; der Betrieb eines Einzelhandelsgeschäftes erforderte keine Ausgangsqualifikation oder Vorkenntnisse. 273 Teuteberg 2005, S. 24; dennoch differenziert Teuteberg zwischen der Handelsdichte im städtischen Raum, wo sich die Zahl der Händler zwischen 1870 und 1914 fast verdoppelte, und dem ländlichen Raum, wo die Selbstversorgung immer noch weit in das 20. Jahrhundert dominierte. Dazu auch Spiekermann 1999, S. 80 f. 274 Nipperdey 1998, S. 265 275 Nipperdey 1998, S. 263 276 Nipperdey 1998, S. 263 277 Nipperdey 1998, S. 263 f. 2.5 Markthallen 59 Läden auf bestimmte Waren und Dienstleistungen, andererseits erweitern die Läden ihr Warenangebot; ehemalige „Kolonialwarenläden“ übernehmen Lebensmittel und weitere Waren des täglichen Bedarfs und werden zum klassischen „Gemischtwarenladen“.278 Die geringe Ausgangsqualifikation der Ladenbesitzer, die überproportional große Konkurrenz sowie das Aufkommen von Großunternehmen, Warenhäusern und der ersten Handelsketten279 führten zu großer Unzufriedenheit unter den Händlern und zu Rufen nach Konkurrenzschutz und entsprechender Besteuerung der Großbetriebe (Warenhaussteuer). Um sich gegeneinander abzugrenzen, zu unterscheiden, wurden Rabattaktionen angeboten und Kundenkredite offeriert. Das Prinzip der genossenschaftlichen Organisation des Handels sowie die ersten Konsumvereine entstanden. Warenhäuser und Konsumvereine wurden als „die großen Feinde“ des kleinen und mittleren Einzelhandels gesehen, obwohl deren Umsatzanteil bei Lebensmitteln im gesamtdeutschen Vergleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch sehr gering war: Warenhäuser 2,2 Prozent und Konsumvereine 1,1 Prozent.280 So ist das 19. Jahrhundert hinsichtlich der Neuerungen im Konsum und Handel als das entscheidende Zeitalter mit den gravierendsten Umbrüchen zu sehen – funktional, ökonomisch und typologisch. So können im Bereich der Handelsarchitektur drei neue Typologien ausgemacht werden, die sich als Fortführung, Weiterentwicklung oder gar gänzlich neuer Topos etablierten – die Markthalle, die Passage und das Warenhaus. Beim Topos Markthalle ging es jedoch nicht mehr ausschließlich darum, die Geschäfte und Stände nun unter einem Dach, in einem Gebäude zu organisieren, sondern die primäre Funktion des „Lebensmitteleinkaufs“ an die neuen Erfordernisse der industrialisierten Stadt anzupassen, so auch Nagy. In der Markthalle fand die Neuorganisation von Aufnahme, Verteilung, Großhandel und Qualitätsmanagement der Waren statt – damit stellt sie ein neues institutionelles Gefüge dar, das sich von den früheren vollständig unterschied und aufgrund der neuen 278 Nipperdey 1998, S. 264 279 Nipperdey 1998, S. 264; meist aus Spezialläden entstanden erste Filialen, die sich zu Ketten zusammenschlossen, z. B. Kaiser’s Kaffeegeschäft. 280 Nipperdey 1998, S. 265 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 60 Erfordernisse zur Versorgung der Bevölkerung auch erforderlich war.281 Die erste Maßnahme zur Sicherung der Lebensmittelversorgung aufgrund von Knappheit und Überteuerung wurde durch Napoleon I. in Paris zu Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts eingeleitet – er ließ weiträumige Plätze überdachen und sah diese für die Lagerung und den Verkauf von Lebensmittelprodukten vor.282 Andernorts wurden „überdachte Märkte“283 in Ergänzung und Erweiterung bestehender, traditioneller Märkte errichtet, wie beispielsweise St. Johns Market in Liverpool aus dem Jahr 1822 oder Covent Garden in London 1828– 1831.284 Rekonstruierte Markthalle Covent Garden, London, 2012 [eigenes Foto] Ein weiterer zentraler Aspekt, der die Notwendigkeit von Markthallen als überdachte Marktplätze verdeutlicht, ist wie bereits beschrieben die hygienische Situation auf den Marktplätzen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dafür sei exemplarisch eine Beschreibung der Situation und Atmosphäre eines Marktplatzes in Berlin Ende der 1880er-Jahre zitiert: „(…) Einige errichteten Marktbuden bzw. Fleischgerüste oder liessen sie von einem Budenvermiether für sich aufstellen, andere verzichteten auf diesen oberflächlichen Schutz und bauten ihre Waaren unter freiem Himmel auf; ärmere Leute kamen mit gefüllten Körben beladen oder auch ohne jede Waare an, welche sie erst von dem Großhändler am Platze auf Kredit zum Abb. 11 281 Nagy 2002, S. 7 282 Nagy 2002, S. 7 283 Aus dem Französischen für „marchés couverts“ (Nagy 2002, S. 8) 284 Nagy 2002, S. 8 2.5 Markthallen 61 Wiederverkauf entnahmen. Mit Tagegrauen erschienen allmälig die Kleinhändler der Märkte, die Fleischhändler, die Inhaber von Ladengeschäften, später die Gastwirthe, die Restaurateure und die Vorsteher grösserer Speiseanstalten, dann auch die Hausfrauen und Köchinnen, um ihren Bedarf zu decken. An klaren, schönen Tagen nahm der Verkauf einen lebhaften Fortgang; Regentage hielten aber die meisten Käufer ab, den nassen, bald schmutzigen Marktplatz zu besuchen. (…)“285 Vor allem diese hygienischen Zustände auf den Märkten unter freiem Himmel, die fehlende Logistik der Warenanlieferung sowie mangelnde oder zum großen Teil nicht vorhandene Entsorgungsstrukturen führten zum Versuch der Neuorganisation des Handels, wie von Nagy beschrieben, in zentralen Markthallen, in denen man „die Lösung für viele Probleme der Nahrungsmittelversorgung“286 sah. So beschreibt Albert Guttstadt die Notwendigkeit der Markthallen zum Ende des 19. Jahrhunderts folgendermaßen: „Es war wohl die hohe Zeit, dass solchem ungesunden Wanderleben vieler Menschen, solcher unpraktischen Verschwendung von Nahrungsmitteln, solcher Zeitvergeudung durch die Eröffnung täglicher Märkte in Markthallen ein Ziel gesetzt wurde.“287 Auch Spiekermann sieht den Sinn der Markthallen darin, dass man versuchte, die Vorteile des Ladens und des Wochenmarktes zu verbinden und quasi einen „Wochenmarkt in Ladenform“ zu schaffen.288 In nahezu allen Großstädten in Deutschland entstanden Markthallen für den Groß- und Einzelhandel, jedoch auch hier mit deutlicher Verzögerung im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten: Im Jahr 1909 hatten 20 deutsche Städte Markthallen in Betrieb gehabt289: unter anderem in Hamburg (1913), Frankfurt (1878), die Markthalle von Martin Elsässer in Stuttgart (1914), die Großmarkthalle von Hubert Ritter und die Frischmarkthalle am heutigen Leuschnerplatz in Leipzig (1929 bzw. 1892), die Schrannenhalle in München (1853) sowie Markthallen in Dresden (1899), Breslau (1906–1908) und Chem- 285 Virchow, Guttstadt 1886, S. 304 286 Spiekermann 1999, S. 175 287 Virchow, Guttstadt 1886, S. 304 288 Spiekermann 1999, S. 175 289 Nagy 2002, S. 10 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 62 nitz (1891).290 Nach den Ausführungen von Nagy seien ein Großteil der Markthallen durch Städte und auf deren Kosten errichtet worden, dienten jedoch nicht dem Profit, sondern zur Daseinsvorsorge der Bevölkerung: „Ihren hauptsächlichen Nutzen sah man in der Lebensmittelversorgung der Einwohner.“291 (links) Markthalle in Breslau, Baujahr 1906–1908, Foto 2012 [eigenes Foto] (Mitte) Markthalle in Chemnitz, Baujahr 1891 [Historisches Chemnitz, http://www.historisches-chemnitz.de/altchemnitz/ handelbanken/markthalle/ansicht1.htm, 02.10.2015] (rechts) Markthalle in Leipzig, Baujahr 1892, Foto um 1900 [Blaschke, A.; Czok, K. (1991): Leipzig. Fotografien 1867 bis 1929. 1. Aufl. Leipzig: Fotokinoverl.] Die zahlreich in Europa und Großbritannien entstandenen Markthallen wurden als Marktplatz „unter Dach“ verstanden und etablierten sich als eigenständige Sehenswürdigkeiten und Magneten in den Städten – neben dem Warenverkauf wurden in den Markthallen, wie auf dem mittelalterlichen Markt, Inszenierungen und kleine Shows aufgeführt, wie auch noch heute in der Markthalle Covent Garden Market in London (vgl. Abb. 11) – der Besuch der Markthalle selbst wurde zum Erlebnis. Markthallen als bauliche Fortsetzung des Marktplatzes sind elementare Bestandteile des sozialen und städtebaulichen Gefüges einer Stadt.292 Nicht selten bestachen die Markthallen durch ihre bautechnischen Neuerungen in der Konstruktion und Spannweite; so wur- Abb. 12 Abb. 13 Abb. 14 290 Vergleiche hier Übersicht zu Markthallen im Deutschen Reich, siehe Abb. 19 (Spiekermann 1999, S. 181) 291 Nagy 2002, S. 10 292 Fülscher und Schilling 2014, S. 10 2.5 Markthallen 63 de die 1914 eingeweihte und von Martin Elsässer errichtete Markthalle in Stuttgart als „Schmuckkästchen der deutschen Markthallen“ bezeichnet, die man als Gast in Stuttgart besuchen müsse.293 Die neu entstandenen Markthallen spiegelten sowohl die elementaren baukonstruktiven als auch ästhetischen Entwicklungen der Zeit wider.294 So ermöglichte die Verwendung der Baumaterialien Glas, Eisen, Stahl und Stahlbeton Konstruktionen mit großen Spannweiten und damit auch neue Möglichkeiten der Gestaltung der Räume.295 Es sind Unterschiede zwischen den frühen Beispielen für Markthallen und deren Vorläufern und den Markthallen, die erst im späten 19. Jahrhundert errichtet worden sind, festzustellen: durch neue Materialien wie Eisen und Stahlbeton und neue konstruktive Möglichkeiten konnten bis dahin nicht realisierbare Hallen-Spannweiten erreicht werden296, was wiederum neue räumliche Funktionen und Gestaltungsspielräume ermöglichte. Der Vorläufer in Europa – Les Halles Paris Eine der frühesten und bekanntesten zentralen Markthallen in Europa sind die Halles centrales (Les Halles) in Paris aus dem Jahr 1852 (siehe Abb. 15 und 16). Hier verdeutlichte sich besonders die notwendige prozessuale Neuorganisation des Warenweges von der Produktion über Logistik und Lagerung bis hin zum Endverkauf im 19. Jahrhundert: Anlieferung, Verteilung und Umschlag der fast ausschließlich in den Kolonialstädten Algier und Tunis produzierten Waren seien präzise geplant worden, so Nagy.297 Auch Les Halles verfügten im Untergeschoss über einen Gleisanschluss, sodass Waren mit dem Zug direkt angeliefert werden konnten.298 Bei Les Halles zeigt sich nicht nur, dass neue Materialien und 2.5.1 293 Werbebroschüre aus den 1920er-Jahren, zit. in: Schwedt 2006, S. 25; hier allerdings ohne konkrete Quellenangabe. 294 Fülscher und Schilling 2014, S. 9 295 Fülscher und Schilling 2014, S. 9 296 Nagy 2002, S. 7 297 Nagy 2002, S. 7 298 Nagy 2002, S. 7 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 64 Konstruktionen bei der Errichtung der Hallen selbst zum Einsatz kamen, sondern auch, dass neue logistische Techniken durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes in Europa den Warenfluss von der Produktion bis zum Verkauf bestimmten; in den Pariser Markthallen fanden auf circa 67.000 Quadratmetern, wovon etwas mehr als die Hälfte überdacht war, gut 3.000 Verkaufsstellen Platz, die in zehn Einheiten, funktional und baulich, gegliedert waren.299 (links) Markthallen (Les Halles), Paris (1852–1872), 1858, Architekt: Victor Baltard [Quelle: EHI Eurohandelsinstitut 2008, S. 158] (rechts) Luftbild Les Halles Paris, Foto 1952 [Quelle: Roger Henrard, Musée Carnavalet, Onlinequelle: http://www.parisenimages.fr] Fallbeispiel: „Der Bauch von Berlin“: Die Zentralmarkthalle I Zwischen der Erkenntnis der Berliner Verwaltung, dass eine Markthalle für die Versorgung der ständig wachsenden Berliner Bevölkerung und damit gleichzeitig die Beseitigung der hygienischen Missstände auf den Wochenmärkten notwendig seien, und deren tatsächlicher Realisierung liegen mehrere Jahrzehnte. Zunächst stellte sich die Situation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so dar, dass die Bevölkerung in der Stadt Berlin ständig wuchs: aufgrund von neuen Arbeitsplätzen, die durch die Industriali- Abb. 15 Abb. 16 2.5.2 299 Nagy 2002, S. 7 f. 2.5 Markthallen 65 sierung entstanden, zog es die Landbevölkerung in die Stadt.300 Zugleich konnte das Lebensmittelangebot auf den zahlreichen Wochenmärkten nicht mehr den steigenden Bedarf decken und zum anderen verteuerten sich die Preise für Grundnahrungsmittel durch schlechte Ernten und Preistreiberei der Zwischenhändler.301 Dies führte zu Ausschreitungen, Plünderungen und zur „Kartoffelrevolution“ im April 1847, die erst militärisch beigelegt werden konnte.302 Damit wurde der Berliner Verwaltung deutlich, dass sie die Versorgung der Berliner Bevölkerung regulieren musste, und sie entwickelte Pläne zur Errichtung einer Markthalle.303 Die politischen Ereignisse um die Revolution von 1848 verwarfen diese Absichten jedoch um mehrere Jahre. Erst 1867 errichtete ein privater Investor auf dem Gelände des ehemaligen Holzlagerplatzes zwischen Schiffbauerdamm, Karls- und Friedrichstraße Berlins erste Markthalle.304 Trotzdem die nahe gelegenen Wochenmärkte geschlossen wurden, hatte die Markthalle aber keinen Erfolg. Begründet wurde dies mit dem hohen Standgeld, der schlechten Erschließung, den langen Verkehrswegen innerhalb der Halle. Letztlich führten diese Gründe zum Misserfolg der ersten Berliner Markthalle und zu deren Schließung ein halbes Jahr später im Frühjahr 1868.305 Das Problem der Lebensmittelversorgung der mittlerweile fast Millionenstadt Berlin bestand jedoch nach wie vor. Erst 1871, als Berlin zur Hauptstadt des neu gegründeten Deutschen Reiches wurde, erhielten die Bemühungen um neue Markthallen neuen Auftrieb. Das ambitionierte Bauprojekt eines erneut privaten Investors zur Errichtung von insgesamt elf Markthallen im Berliner Stadtgebiet scheiterte jedoch 1872 an politischen Entscheidungen306, da man die „öffentliche Nahrungsmittelversorgung nicht dem Gewinnstreben einer Baugesellschaft“307 überlassen wollte. Der Bedarf an einer 300 Knoll 1994, S. 10 301 Knoll 1994, S. 15 302 Knoll 1994, S. 15 303 Die Berliner Entwicklung ist damit konträr zu der in Hamburg, wo man sich nach einem gescheiterten Versuch der kommunalen Lebensmittelversorgung gegen die Errichtung eines Markthallennetzes entschied (Spiekermann 1999, S. 178) 304 Knoll 1994, S. 18 305 Knoll 1994, S. 19 306 Knoll 1994, S. 20f. 307 Spiekermann 1999, S. 179 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 66 Halle zur Versorgung der Bevölkerung war jedoch nach wie vor hoch: Berlin hatte seine Einwohnerzahl von etwa 300.000 im Jahr 1840 bis zum Jahr 1871 mehr als verdoppelt (etwa 800.000 Einwohner).308 1875 setzte der Magistrat eine Kommission ein, die die vordringlichste Aufgabe zu erfüllen hatte, die Voraussetzungen zur Errichtung von (kommunalen) Markthallen in Berlin zu prüfen.309 In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt noch kein gut funktionierendes310 Markthallenprojekt, während in Europa, in Frankreich und England, überall Markthallen errichtet worden waren, dazu auch passend die Aussage von Kaiser: „Die Welt baut Markthallen – und Berlin guckt zu.“311 Erst 1881 ersuchte die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat, „einen generellen Plan behufs der Errichtung von Markthallen für die ganze Stadt aufzustellen und der Versammlung zugehen zu lassen“.312 Zwei Jahre später, 1883, wurde die Genehmigung zur Errichtung einer Zentralmarkthalle am Alexanderplatz erteilt und wiederum zwei Jahre später, im Mai 1886, wurde die Markthalle eröffnet.313 Auf den über 11.600 Quadratmetern der Zentralmarkthalle I314 wurden Waren angeliefert, gelagert, ausgestellt, verteilt und verkauft.315 Die neuen Markthalle, die für Groß- und Kleinhandel gedacht war, besaß einen direkten Gleisanschluss zur Anlieferung von Waren, mehrere Eingänge, durch die gleichzeitig Fuhrwerke ein- und ausfahren konnten, Druckwasserfahrstühle, Großhandelsbereich, Räume für die Hallenverwaltung, Kühlräume im Kellergeschoss und eine Gaststätte. Knoll bezeichnete die neuartige Markthalle als „Tempel des Konsums“, 308 Kaiser 1994, S. 55 309 Knoll 1994, S. 22 310 Zwar entstanden bereits in einigen Städten vor 1871 Markthallen, aber kaum mit Erfolg, siehe auch Markthalle am Pferdemarkt in Hamburg (Spiekermann 1999, S. 176). 311 Kaiser 1994, S. 52 312 Knoll 1994, S. 24; hier ohne Zitatquelle 313 Knoll 1994, S. 24, 27 314 Im Zeitraum 1886 bis 1893 wurden zwei Zentralmarkthallen und dreizehn Markthallen errichtet und alle fortlaufend mit römischen Ziffern deklariert (Knoll 1994, S. 26). 315 Durch einen späteren Erweiterungsbau wuchs die Fläche auf über 16.000 Quadratmeter an mit über 1.300 Verkaufsständen. 2.5 Markthallen 67 der auch Neugierige und nicht nur Kaufwillige mit seiner angebotenen Vielfalt anlockte.316 Die Fassade des Ziegelrohbaus wurde aufwendig gestaltet und gegliedert – mit Lisenen, Fensterbögen, Vasen und verzierten Terrakottaplatten. Die turmartigen Eckbauten der Markthalle wurden mit Sandsteinfiguren dekoriert. Im Zentrum der Halle, das mit einem Glasdach überdeckt war, und in den Räumen unter den Stadtbahnbögen (die Halle flankierte östlich direkt den Anschluss der Stadtbahn) fand der Großhandel statt, auf den Galerien wurden ebenso Verkaufsstände aufgestellt.317 (links) Die Zentralmarkthalle I, Berlin, Foto um 1901 [Quelle: Bildarchiv Marburg] (rechts) Die Zentralmarkthalle I, Berlin, Foto vor 1939 [Quelle: Bildarchiv Marburg] Gleichzeitig mit der Eröffnung der Markthalle wurden die umliegenden Wochenmärkte per Erlass geschlossen318 und die neue Zentralmarkthalle und drei weitere Markthallen übernahmen den Großteil der Versorgung der Bevölkerung mit Frischwaren.319 Die Zentralmarkthalle I bekam von den Berlinern den Spitznamen „Berliner Magen“ oder „der Bauch von Berlin“.320 Nach einem Erweiterungsanbau im Jahre 1893 verfügte die Zentralmarkthalle I in Berlin über mehr als 16.000 Quadratmeter Fläche und 1.300 Verkaufsstände Abb. 17 Abb. 18 316 Knoll 1994, S. 29 317 Knoll 1994, S. 29 318 um Konkurrenz zu den Hallen zu vermeiden 319 Knoll 1994, S. 29 f. 320 Knoll 1994, S. 29 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 68 und war damit nicht nur eine der ersten, sondern auch eine der größten Markthallen im Deutschen Reich (vgl. Abb. 19). Übersicht Markthallen im Deutschen Reich [Quelle: Spiekermann 1999, S. 181] Die Zentralmarkthalle I wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Erst 1947 wurde in ihr wieder gehandelt, ab 1948 die Eisenbahn wieder in Betrieb genommen.321 Doch zunehmend verlor der „Bauch von Berlin“ seine Bedeutung. Mit seinem Standort im Ostteil der Stadt fiel das Warenangebot ohnehin überschaubar aus, ein Feilschen und Anpreisen aus vergangenen Tagen war nicht nötig.322 Im Jahr 1968 war das Schicksal der einst größten Berliner Markthalle besiegelt, denn sie stand der sozialistischen Verkehrsplanung im Wege und wurde aufwendig gesprengt und abgebrochen.323 Markthallen waren für einen bestimmten Zeitraum auch in Deutschland eine Form der Lebensmittelnahversorgung und wurden zum Statussymbol oder Sehenswürdigkeit – so fassen Baudirektor Schachner und Morgenroth die Bedeutung der Markthallen folgendermaßen zusammen: Abb. 19 321 Kaiser 1994, S. 70 f. 322 Kaiser 1994, S. 72 323 Kaiser 1994, S. 72 f. 2.5 Markthallen 69 „Markthallenbauten waren eine Zeitlang bis zu einem gewissen Grade Modesache; Markthallen zu besitzen war der Stolz mancher Städte.“324 Dennoch bestand in vielen Städten eine Skepsis gegenüber dieser neuen Organisationsform des Lebensmittelhandels, in München sprach man gar von einer „Modekrankheit“325. Und vor allem der Kleinhandel in den Markthallen stagnierte oder war rückläufig, sodass zahlreiche Hallen in Deutschland wieder geschlossen werden mussten.326 Spiekermann spricht in diesem Zusammengang vom „Scheitern früher Einkaufszentren“327 und macht auch bauliche Gründe dafür verantwortlich: so seien die ersten Hallen als Glas- und Eisenkonstruktionen errichtet worden, die zwar Helligkeit in die Räume brachten, jedoch klimatisch ungünstig erschienen. Also verringerte man Fensterfläche und ging zu massiven Konstruktionen zuungunsten des Ambientes und der Atmosphäre der Halle über.328 Zudem seien einige Hallen schlecht an das bestehende Verkehrsnetz angebunden gewesen oder hätten grundsätzlich eine schlechte Lage gehabt. Dennoch, so fasst auch Spiekermann zusammen, sind die Erkenntnisse, die durch die Markthallenhistorie für den deutschen Handel gewonnen worden sind, direkt in den Erfolg der Großmarkthallen geflossen, die vermehrt nach der Jahrhundertwende entstanden und eine neue Organisationsform des Lebensmittelhandels mit sich brachten. Basare „Wir haben die Stadt vom Bâb al-Hadra aus betreten, gleich am Anfang gab es die Lebensmittelhändler und die Köche, dann die Bäcker, ihnen folgte der Obstmarkt, dann die Schneider (…), zuletzt der Parfüm-Markt an einer Grabstelle (…); hier in der Nähe sind die Schulen und die Gebetsräume, sowie die Herberge (…).“329 2.6 324 Schachner, Richard; Morgenroth, Wilhelm (1924): Markthallen, S. 333–345, zit. in: Spiekermann 1999, S. 180 325 Spiekermann 1999, S. 180 f. 326 Spiekermann 1999, S. 182 f. 327 Spiekermann 1999, Kapitelüberschrift S. 175 sowie S. 183 328 Spiekermann 1999, S. 183 f. 329 Aus einem Reisebericht über den Basar/Suq von Nadschaf (Irak) durch Ibn Battuta im 14. Jahrhundert; zit. in: Scharabi 1985, S. 47, sowie Grün, Horst Jürgen (Hg.), 2007, S. 172 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 70 Das Wort Basar ist aus dem persischen bas-ar für Markt330 und handeln abgeleitet und ein Sammelbegriff für zentrale, überdachte und abgeschlossene Bereiche von Ladenstraßen.331 Basare könnte man als eigenständige Hybridformen aus der Passage oder Einkaufsstraße, der Markthalle und einem Marktplatz sehen, die vorrangig im persischen und arabischen Raum ihre Verbreitung fanden. Basare sind das Wirtschaftszentrum einer arabischen Stadt332, zentral inmitten der mittelalterlichen Stadtbefestigung gelegen333, die sich über ein gesamtes Quartier erstrecken können, und wie es das einleitende Zitat beschreibt, sind die Basare Agglomerationen des gesellschaftlichen und sozialen Lebens in der arabischen Stadt. Die Basare in Persien bauen oftmals auf der Substanz vorislamischer Handelsanlagen auf, oder liegen, wie im Fall des traditionellen Suqs von Alexandrien, inmitten der einst antiken Stadtgrenzen, anstelle der griechischen Agora oder des römischen Forums.334 Die geografische Lage der Basare ist zentral zur Stadt; es lassen sich nach Scharabi, der die Typologie des Bazars im Nahen Osten untersuchte, vier Möglichkeiten der Lage herausstellen:335 Ein Basar konnte an der Verbindungslinie zweier Stadttore, an der Kreuzung zu einer Moschee oder einem Palast, an der Verbindung zwischen zwei religiösen Zentren wie Moscheen oder an der Verbindung der Moschee zu einer Zitadelle oder einer anderen Befestigungsanlage entstehen.336 Generalisierend wurden für Basare zentrale Standorte gesucht, die in unmittelbarer Nähe zu Heiligtümern, Moscheen, Stadttoren und Befestigungsanlagen und später Schulen und Krankenhäusern lagen, den Hauptanziehungspunkten der Bevölkerung jener Zeit: Basare übernehmen damit, wie die europäische Passage auch, eine Transitraumfunktion (vgl. Abb. Lageplan Großer Basar Istanbul, Abb. 21). 330 Im Arabischen heißt Markt Suq und wird bis heute als Ausdruck für sämtliche Konzentrationen von gleichartigen Läden, Verkaufsständen und Werkstätten verwendet; Scharabi 1985, S. 25. 331 Scharabi 1985, S. 24 332 Scharabi 1985, S. 24 333 Scharabi 1985, S. 52 334 Scharabi 1985, S. 51 335 Scharabi 1985, S. 52 336 Scharabi 1985, S. 52 2.6 Basare 71 Basare waren wie die mitteleuropäischen Marktplätze jedoch selten monofunktionalistische „Verkaufshallen“, sondern wurden als ein sozialräumliches Gefüge aus Handel, öffentlichem Stadtraum und Religion gesehen. Meist wurden in den Basaren die Waren nicht nur verkauft, sondern, vor allem handwerkliche Erzeugnisse gleich direkt vor Ort produziert. Auch hier findet sich die Analogie zum mittelalterlichen Handel, bei dem eine enge Verknüpfung zwischen Produktion und Handel beziehungsweise Verkauf bestand. Basare bildeten wie der Marktplatz eine Konzentration von Warenhandel, Informationsaustausch und Kommunikation. Oftmals waren in diesen komplexen Handelsanlagen, den Basaren und Suqs, Übernachtungsmöglichkeiten für durchreisende Kaufleute vorgesehen. An dieser Stelle sind auch die Karawansereien zu nennen, die ausschließlich im türkischen Raum ihre Verbreitung fanden und als Rastund Übernachtungsmöglichkeiten für Gruppen von Händlern genutzt wurden.337 Diese Karawansereien lagen daher unmittelbar an den Handelswegen und Straßen, die zum eigentlichen Handelszentrum der Stadt führten.338 Diese Komplexität eines Gefüges aus Handel, Religion, Versorgung und Politik, dieser Organismus Basar entspräche der islamischen Idee einer Einheit von sakralem und profanem Handeln.339 Der Große Basar in Konstantinopel (Istanbul) [Wikimedia Commons] Abb. 20 337 Scharabi 1985, S. 28 338 Scharabi 1985, S. 28 339 Scharabi 1985, S. 52 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 72 Die durch den Islam beeinflusste Organisation des Staates hatte ihre Wirkung auf die Aus- und Durchführung des Wirtschafts- und Handelswesens bis hin zur inneren Organisation der Basare. Die theoretischen Grundlagen für die islamischen Lebensformen, auch für die Wirtschaft, bildet die Scharia, die jedoch wiederum durch Richter, religiöse Bruderschaften und letztlich auch das Familienrecht des Islams beeinflusst ist. Auf die Komplexität und die kausalen Durchdringungen dieser Abhängigkeiten soll an dieser Stelle hingewiesen werden, jedoch erlauben es Umfang und Zielsetzung dieser Arbeit nicht, auf die Details der islamischen Handelsordnung einzugehen. Zudem seien, bei aller kulturellen und wirtschaftlichen Einheit des Nahen Ostens, regionale und länderspezifische Unterschiede in Benennung und Konstruktionsform der Basare erkennbar.340 Der Basar selbst besteht aus einer Aneinanderreihung einzelner eingeschossiger Einkaufsläden in der Einkaufsstraße, die teils überdacht, teils offen oder überwölbt ist. Die Läden selbst bestehen nur aus wenigen Quadratmetern Ausstellungsfläche; in den hinteren Bereichen befinden sich Lagerflächen; der eigentliche Verkauf findet vor beziehungsweise an der Schwelle zwischen Straße und Laden statt.341 In den ursprünglichen und traditionellen Basaren liegt der Laden etwa einen halben bis einen Meter über dem Niveau der Straße; die entstehende Schwelle, die Mastaba, ist der Platz, an dem das eigentliche Verkaufsgespräch zwischen Verkäufer und Kunde stattfindet.342 Das beschreibt auch den wesentlichen Unterschied zwischen der Form des Handels im Orient und des „mitteleuropäischen“ Handels – im Basar spielt die Warenauslage, das heißt die Präsentation der Waren, eher eine untergeordnete Rolle343, sondern es steht vielmehr das Gespräch zwischen den Akteuren Verkäufer und potenzieller Käufer im Mittelpunkt. Auch dieses Verkaufsgespräch folgt bestimmten Mustern und „Drehbüchern“344. 340 Scharabi 1985, S. 51 341 Weiss, Westermann 2000, S. 56 f. 342 Weiss, Westermann 2000, S. 57 343 Ausnahmen bilden sicherlich die Händler von Schmuckwaren oder Gewürzen, die ihre Waren präsentieren und auslegen. 344 Wenn man die Analogie zum Bühnen-Schauspiel herleiten will; siehe 2.8 Warenhaus 2.6 Basare 73 Scharabi beschreibt und verdeutlicht dies anhand ausgewählter Beispiele, dass es innerhalb der Basar-Struktur eine Hauptausrichtung entlang einer Achse gäbe, die nach den oben genannten Anziehungspunkten der islamischen Stadt orientiert ist.345 Von dieser Hauptachse gehen unterschiedlich lange Nebenachsen mit Läden ab, sodass sich das Konstrukt aus Hauptachse und Nebenstraßen zu einem „netzartigen Raumsystem“346 verdichtet (siehe Lageplan und Luftbild des Gro- ßen Basars in Istanbul). Lageplan des Großen Basars im heutigen Istanbul [Quelle: Archnet] In einzelnen Fällen waren bestimmte Bereiche der Ladenstraßen durch Tore voneinander abtrennbar. Letztlich liefen die Einkaufsstraßen des Basars in Wohnquartiere über; im Basar selbst wird nicht oder nur in einigen Fällen gewohnt347 – nur wenige Basare sind als gemischte Wohn- und Geschäftsstraßen konzipiert. Im Unterschied zu den großen Passagen und den großen Warenhäusern im Europa des 19. Jahrhunderts blieben die Basare trotz ihrer Ausdehnung und Komplexität städtebaulich und architektonisch weitgehend unauffällig und „dominierten nicht das Stadtbild“348. Lediglich Abb. 21 345 Scharabi 1985, S. 54 346 Scharabi 1985, S. 54 347 Weiss, Westermann 2000, S. 56 348 Scharabi 1985, S. 54 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 74 die mit Kuppeln überdachten alten Markthallen (Bedesten) oder die Minarette der angrenzenden Moscheen und Gebetsschulen waren signifikante Merkmale. Die Basare von Isfahan (Iran) und Istanbul mit ihren großen Eingangstoren, die auf das Basarquartier hinweisen, scheinen die Ausnahme zu sein.349 In der überwiegenden Zahl der Basarbeispiele erstrecken sich die Handelsanlagen zwar über eine große Fläche (siehe Luftbild), bleiben jedoch von außen eher unscheinbar – keine Schaufassaden oder architektonische Betonung. Luftbild des Großen Basars in Istanbul 1960 [Fotograf: Walter B. Denny, Archnet] Fallbeispiel: Der Große Basar in Istanbul Wie bereits oben im Text mehrfach erwähnt, gilt der „Große Basar“350 in Istanbul als ein Beispiel für einen traditionellen, klassischen Basar, der seit mehr als 500 Jahren und aus immer wieder erweiterten und neu errichteten Überdachungen, Gewölben und Ladenstraßen besteht. Das Initial zur Errichtung eines zentralen Handelsplatzes kam von Mehmet II., der nach der Belagerung und den Entscheidungsschlachten um Konstantinopel eine zerstörte und nahezu menschenleere Stadt Abb. 22 2.6.1 349 Scharabi 1985, S. 55 350 Die türkische Bezeichnung Kapali Çarşi bedeutet in der wörtlichen Übersetzung „überdachter Markt“, daher wird der Große Basar in der Literatur auch oft als der „gedeckte Basar“ bezeichnet. 2.6 Basare 75 vorfand. In der (Wieder-)Etablierung des Handels in der Stadt sah er die Möglichkeit, diese zu beleben.351 Der Ursprungsbau im Zentrum des Großen Basars (im Lageplan Abb. 21 mit A gekennzeichnet), die Kuppelüberdachte Tuchmarkthalle Old Bedesten, war auch als ein temporärer Markt für durchreisende Händler gedacht und wurde auf den Resten einer byzantinischen Marktanlage zwischen 1455 und 1461 errichtet.352 Der Bedesten war für den Handel mit hochwertigen Waren vorgesehen353, Tuche, Schmuck, Waffen, während in den arrondierenden Straßen und Gewölben unterschiedlichste Waren gehandelt wurden. Die Bedesten sind für den Handel im Osmanischen Reich wichtige wirtschaftliche Zentren, Agglomerationspunkte, gewesen und finden sich auch in anderen Städten.354 Ein wesentliches Merkmal sämtlicher Handelsanlagen im Islam ist deren Differenzierung der Gewerbe und der Waren, die sich auch räumlich widerspiegelt; der Handel in den Basaren folgte einer strengen Gliederung, auch nach sozialen und ethnischen Gruppen, ohne diese als Diskriminierung zu verstehen.355 Der alte Bedesten des Großen Basars hatte eine Fläche von über 3.400 Quadratmetern, war massiv auf acht Stützen errichtet und mit 15 Kuppeln überdacht.356 Auch der Große Basar hat die oben beschriebene Nähe zu kulturellen beziehungsweise religiösen Einrichtungen und befindet sich in unmittelbarer Nähe zu der Nuruosmaniye-Moschee (siehe Lageplan Abb. 21 mit D bezeichnet). Noch unter Sultan Mehmet II. wurde ein zweiter Bedesten errichtet (im Lageplan Abb. 21 mit B bezeichnet), in dem ebenfalls Tuche und Seiden verkauft wurden, daher die Bezeichnung Sandal Bedesten. Mehmets Bestreben, das ehemalige Konstantinopel wieder als Handelsmetropole zu etablieren, ließ den Großen Basar über Jahre weiter wachsen. Um die zwei Zentren, die Bedesten, wurden zahlreiche Buden aus Holz und eher provisorisch aus Laken Ladenstraßen errich- 351 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 15 352 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 15 353 Müller-Wiener, Schiele 1977, S. 345; was auch schon aus der sprachlichen Bedeutung von Bedesten abzuleiten ist, das hochwertige Tuche und Stoffe bezeichnet; insofern waren die Bedesten vor allem Tuchhallen (Scharabi 1985, S. 26). 354 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 15 355 Scharabi 1985, S. 46 356 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 15 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 76 tet357 und in den Zwischenräumen Handel betrieben – es entstand ein weit verzweigtes Netz beziehungsweise ein „Gewebe aus Ausstellungsräumen und Verkaufsständen“358. Dieser teils provisorische Charakter des Großen Basars führte dazu, dass dieser im Laufe der Zeit mehrfach von Bränden und Naturkatastrophen zerstört worden war359, jedoch ständig erneut wieder aufgebaut und erweitert worden ist. Um die Brandgefahr zu verringern, wurde die Entscheidung getroffen, hölzerne Läden durch steinerne zu ersetzen und die Gänge und Wege massiv zu überdachen – was dem Großen Basar den Namen „gedeckter Basar“, Kapali Çarşi, bis heute gibt.360 Auch der Basar der osmanischen Welt war, wie auch schon der mittelalterliche Marktplatz, nicht ausschließlich ein Ort des Handels, sondern gesellschaftlicher Treffpunkt. So beschrieb die Frau des britischen Botschafters, Lady Montagu, im frühen 18. Jahrhundert: „(…) die Leute kommen hierher sowohl zur Belustigung als auch der Geschäfte wegen.“361 Die Warenpräsentation unterschied sich jedoch deutlich davon, wie sich der Große Basar heute darstellt: es gab keine räumlich abgeschlossenen Geschäftseinheiten oder Läden, sondern die Waren wurden in Schränken oder Regalen an der Wand ausgestellt, durch Vorhänge oder Latten vom Nachbarn getrennt.362 Diese offene Präsentation ist heute nur noch einzeln wahrnehmbar, denn nach der größten Zerstörung des Großen Basars durch ein Erdbeben 1894 wurden beim erneuten Wiederaufbau grundlegende Strukturen des Basars verändert: es wurden an den beiden Hauptachsen der Basaranlage Tore errichtet, das System der offenen Präsentation und der hölzernen Läden durch massiv errichtete Geschäfte mit Schaufenstern ersetzt, Gewölbe und Überdachungen verstärkt, Verzierungen und Dekorationen angebracht, die es seit dem 15. Jahrhundert nicht gab.363 357 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 16 358 Küçükerman und Mortan 2009, S. 137 359 Küçükerman und Mortan 2009, S. 137, und Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 16, 22 360 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 16 361 Zitiert in: Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 16 362 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 19 363 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 22 2.6 Basare 77 Zudem steckte das Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Wirtschaftskrise, und im Zuge einer ersten Globalisierung der Warenwelt stieg das Interesse eher an importierten Produkten, sodass der Große Basar, eines der größten Handelszentren, seine Bedeutung verlor.364 Weitere Modernisierungs- und Renovierungsphasen in den 1950er- und in den 1980er-Jahren veränderten das Bild des Großen Basars nochmals deutlich;365 die zweite Tuchhalle, der Sandal Bedesten, wurde in einzelne Geschäfte untergliedert, und vor allem die Warenpräsentation im Basar glich mehr und mehr europäischen Vorbildern von Passagen oder Einkaufszentren mit abgeschlossenen Ladeneinheiten und Schaufenstern. Dennoch ist der Große Basar auch heute, im 21. Jahrhundert, Spiegel der Gesellschaft Istanbuls und Zeitzeuge des einst prosperierenden Handels im Osmanischen Reich: über 25.000 Menschen sind hier beschäftigt; der Basar erstreckt sich über 61 Straßen, in über 3.500 Läden auf einer Fläche von mehr als 3,5 Hektar. Der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen, der den gro- ßen Basar Mitte des 19. Jahrhunderts besuchte und als eine „eigene Stadt“366 bezeichnete, beschrieb die Atmosphäre wie folgt: „Der Fremde sollte in Konstantinopel vor allen Dingen die Basare besuchen, denn das bedeutet erst richtig in die ungeheure Stadt einzutreten. Man wird durch den Anblick, die Pracht und das Getümmel überwältigt; es ist ein Bienenstock, in den man gerät. (…) Ein solches Gedränge, eine solche Verschiedenheit der Trachten, eine solche Fülle von Handelsartikeln bietet keine andere Stadt.“367 364 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 23 365 Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 25 f. 366 Andersen und Perlet 1984, S. 310 367 Hans Christian Andersen; Salm-Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 27; hier ohne Originalquelle; sowie Andersen und Perlet 1984, S. 309 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 78 (oben links) Leben im Großen Basar, Darstellung um 1800 (Brindezi, Archiv Çelik Gülersoy) [Quelle: Küçükerman und Mortan 2009, S. 165] (oben rechts) Der große Basar Ende des 19. Jahrhunderts; Präsentation der Waren in Nischen und Regalen [Quelle: Salm- Reifferscheidt und Stipsicz 2008, S. 26] (unten) Der Große Basar im Jahr 2011 [Quelle: sights-and-culture.com] Abb. 23 Abb. 24 Abb. 25 2.6 Basare 79 Die Passage „Die Passage gehört als eine Erfindung der privaten Bauspekulation zu den ganz wenigen Bautypen, die mit dem 19. Jahrhundert entstehen und wieder verschwinden (…). In ihrer Geschichte spiegelt sich das Jahrhundert.“368 Ausgehend von den wirtschaftlichen Entwicklungen in Frankreich und England entstand der neue Bautyp Passage bereits um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.369 Volkswirtschaftlicher Hintergrund war die durch technologische Erfindungen fortschreitende industrielle Produktion von Waren bei einem gleichzeitig ansteigenden Bedarf an Konsum- und Luxusgütern bei der Bevölkerung in den Städten wie auch bei den später florierenden Topoi Markthalle und Warenhaus.370 Gleichzeitig war es durch die Passage möglich geworden, dass Bauherren aus dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufstrebenden Bürgertum die kostengünstigen Grundstücksflächen in den bestehenden Blockinnenbereichen der Stadtquartiere erwerben und diese durch neue Erschließungssysteme überbauen und verdichten konnten.371 Der Passage als eigenständigem Bautyp kann man kaum einen direkten baugeschichtlichen Vorgänger zuordnen – sie bedient sich vielmehr bestimmter Beispiele der Baugeschichte oder architektonischer Analogien oder wird von diesen beeinflusst. Demnach kann man sich der Passage selbst auch aus verschiedenen definitorischen Ansätzen nähern oder diese zuordnen, so wie es auch Geist macht:372 die Passage als Erschließung einer städtebaulichen Blocksituation, die Passage als öffentlicher Raum auf privatem Gelände, die Passage als fortgesetzter symmetrischer Straßenraum, die Passage als ein „von oben beleuchteter Raum“, die Passage als Erschließungssystem, die Passage als spezielle Organisationsform des Detailhandels oder die Passage als Transitraum.373 Geist zeigt für alle Definitionen Beispiele und leitet Typologien ab.374 2.7 368 Geist 1979, S. 7 369 Schäfers 2006, S. 2 370 Schäfers 2006, S. 2 371 Schäfers 2006, S. 2 372 Geist 1979, S. 47 373 Geist 1979, S. 47 374 Geist 1979 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 80 Hauptgrund für den Erfolg des neuen Bautyps Passage war jedoch, dass sich das Einkaufen nicht mehr ausschließlich auf das Beschaffen von Waren fokussierte, sondern das Flanieren und Promenieren, das Einkaufen als gesellschaftliches Phänomen zunehmend in den Mittelpunkt des privaten Konsumverhaltens rückte. Dies war in den unbefestigten mittelalterlichen Straßen mit größtenteils noch offener Kanalisation und hohem Verkehrsaufkommen zwischen Passanten, Kutschen und Fuhrwerken bisher nicht möglich. Die Passage ist dagegen ein „verkehrsfreier“375, überdeckter und somit den Witterungsverhältnissen entzogener sicherer Raum, der eine kurze fußläufige Erschließung zwischen städtischen Orten ermöglicht und dabei gleichzeitig eine „saubere und geordnete Warenwelt“376 anbietet. Johann Friedrich Geist377 versteht die Passagen als soziales Abbild und als Phänomen der postrevolutionären bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts.378 Wesentliche Eigenschaft der Passage ist ihr „transitorischer Charakter“379 als Verbindungselement: Die Passage ist „städtischer Durchgangsraum“380 zwischen mindestens zwei, „oftmals zwischen drei oder vier“381 Straßen und Plätzen, vereinigt öffentliche Wege und privates Gelände und vermittelt damit auch zwischen dem gesellschaftlichen Interesse nach urbaner Stadtkultur und privatem, wirtschaftlich geprägtem Anliegen der Grundbesitzer. Passagen etablierten sich immer in den Zentren der Städte, in einem bestehenden, funktionierenden und gut frequentierten (Stadt‑)Organismus, „wo sich Menschen und Verkehr drängten, wo sich Passanten trafen, wo sie flanierten, das städtische Leben, den Konsum 375 Schäfers 2006, S. 2 376 Dallo, Eva (Hg.), 2005, S. 10 377 Johann Friedrich Geist promovierte an der TU Berlin 1969 zum Bautyp Passage, Geist 1969. 378 Johann Friedrich Geist: Passagen. Ein Bautyp des 19. Jahrhunderts, zit. in: Brune 1996, S. 15 379 Brune 1996, S. 15 380 Schäfers 2006, S. 3 381 Schäfers 2006, S. 2 2.7 Die Passage 81 und das Amüsement suchten.“ 382 Denn das Konstrukt Passage war auf dieses intakte Umfeld angewiesen, „um sich ökonomisch zu halten“383. Die klassischen Passagen sind meist symmetrisch aufgebaut: die 3 bis 15 Meter breiten Straßen und Gänge werden beidseitig von hohen, als Außenfassaden gestalteten Wänden flankiert, in denen Läden und Geschäfte untergebracht sind. Häufig waren diese Erdgeschosszonen als Arkaden- oder Kolonnadengänge ausgeführt, unter denen den Kunden die Waren und Produkte der Geschäfte in den großzügig verglasten Schaufenstern präsentiert werden konnten. Der Großteil der Passagentypen war mehrgeschossig ausgebaut384: Oberhalb der Ladenzone befanden sich Zwischengeschosse für Werkstätten oder Büros und darüber in den Obergeschossen die Wohnungen der Ladenbesitzer: „Alle Geschosse bildeten somit eine [vertikale, Anm. d. Verf.] Hauseinheit mit mehreren Nutzungsfunktionen.“385 Später entwickelte man diese vertikale Teilung weiter in eine horizontale Gliederung in einzelne Ebenen, die es nun auch ermöglichte, die oberen Geschosse in Form von Galerien für Geschäfte zu nutzen.386 Kennzeichnendes Merkmal der meisten Passagenbeispiele aus dem 19. Jahrhundert ist die transparente Überdachung der Passagenstraße mithilfe möglichst filigraner Eisen- und Glaskonstruktionen. Durch diese lichtdurchlässigen Überdachungen wurde innerhalb der Passagenführung eine helle und freundliche Atmosphäre geschaffen, die neben der durch das Licht inszenierten Ware und dem dauerhaften Witterungsschutz auch Aufenthaltsqualitäten erzeugte und das „Einkaufsbummeln“387 als Ereignis und Erlebnis im 19. Jahrhundert ermöglichte. Walter Benjamin beschreibt in seiner Gesellschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts, dem „Passagenwerk“, die Passage als „Urlandschaft der Konsumption“ – sie sei nur „geile Straße des Handels, nur angetan, 382 Schäfers 2006, S. 3 383 Schäfers 2006, S. 3 384 Geist stellt in seiner Dissertation mehrere Typologien der Passagen vor, Geist 1969, S. 13 f. 385 Schäfers 2006, S. 4 386 Schäfers 2006, S. 3 387 Dallo, Eva (Hg.), 2005, S. 10 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 82 die Begierden zu wecken“388, denn hier hause „der letzte Dinosaurus Europas, der Konsument“.389 Benjamin gibt folgende zusammenfassende Beschreibung der Pariser Passage und zitiert dabei einen „illustrierten Pariser Führer“: „Diese Passagen, eine neuere Erfindung des industriellen Luxus, sind glasgedeckte marmorgetäfelte Gänge durch ganze Häusermassen, deren Besitzer sich zu solchen Spekulationen vereinigt haben. Zu beiden Seiten dieser Gänge, die ihr Licht von oben erhalten, laufen die elegantesten Warenläden hin, so daß eine solche Passage eine Stadt, eine Welt im kleinen ist, in der der Kauflustige alles finden wird, dessen er benötigt.“390 Neben dem vielfältigen, über das des „Bedarfsartikelgeschäftes“ hinausgehende Angebot von vorrangig luxuriösen Waren wurden weitere Einrichtungen und Institutionen in die Passage implementiert, um deren Attraktivität zu erhöhen: durch Cafés, diverse Restaurants, Weinschänken und Bierkeller, Lesesäle und Debattierclubs, später auch Hotels und Pensionen sowie Kabaretts und Theatereinrichtungen391 wurde „die Passage zugleich zum gesellschaftlichen Treffpunkt“392. Der italienische Komödiendichter und Librettist Carlo Goldoni beschrieb den neu entstandenen Bautyp Passage in Paris im 18. Jahrhundert wie folgt: „Bedeckte Gänge, die gegen Regen und Sonne schützen; sehr besuchte Kaufleute; Niederlagen von Stoffen, Juwelen und allem möglichen, was auf Putz, Kleidung und Liebhaberei Bezug hat; Kaffeehäuser, Bäder, Restaurateurs (…), Wirtshäuser, gesellschaftliche Anlagen (…), Bücher, Konzerte, Zimmer, von innen sehr bequem und von außen sehr und vielleicht nur zu sehr verziert; immer ein Schwarm von Leuten, Personen von Geschäften, Kaufleute, Politiker – jeder findet hier etwas, womit er sich nützlich beschäftigen und angenehm unterhalten kann (…). Es ist ein öffentlicher Ort, ein Platz für Handel und Wandel – ein nützlicher, bequemer, angenehmer Ort.“393 388 Benjamin 1983, S. 993 389 Benjamin 1983, S. 1045 390 Walter Benjamin, zit. in: Fischer, Delitz 2009, S. 149 391 Schäfers 2006, S. 4 392 Schäfers 2006, S. 4, sowie Benjamin 1983, S. 997 393 Carlo Goldoni: Die Geschichte meines Lebens und meines TheaterS. München 1985 (Originaltitel Mémoires pour servir à l'histoire de sa vie et celle de son théâtre, 1787), zit. in : Brune 1996, S. 16 2.7 Die Passage 83 Klassische Typologien der Passage sind der Längs- und Zentralraum, das Vorderhaus, das als Fassade zum eigentlichen Platz- und Straßenraum gerichtet ist, die inneren und äußeren Fassaden, durchgehende Verglasung der Wege durch Glasgewölbe und die Glaskuppel im Zentralraum.394 Diese typologischen Formen prägten das Bild der Passage über Jahrzehnte und haben bis heute Eingang in den Formenkanon der Bautypologien von Shopping-Centern und Stadtgalerien gefunden. Raumentwicklung Auswahl Passagen 1800–1908, Schnitte [Quelle: Geist 1969, S. 20 f.] Eine bauliche Weiterentwicklung der Passage bestand darin, dass der zunächst nur als einfache lineare Verbindung zweier Straßen ausgebildete Bautyp sich dahingehend modifizierte, dass nun Wege und Gassen aus unterschiedlichen Richtungen, mehrere Passagen unter einem Dach zusammengefasst wurden, der Vorgänger der heutigen Stadtgalerien.395 Abb. 26 394 Tragatschnig 2009b, S. 8 395 Dallo, Eva (Hg.), 2005, S. 10 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 84 Fallbeispiel: Die Galleria in Mailand „Man sagt, daß es keine Wunder mehr gibt, dies ist eins.“396 Galleria Vittorio Emanuele II, Mailand, Italien, Domplatz [eigenes Foto] Als Beispiel für hohe und weite Passagenräume kann auf die kreuzförmig angelegte „Galleria Vittorio Emanuele II“ verwiesen werden, die zwischen 1865 und 1875 vom italienischen Architekten Giuseppe Mengoni in zentraler Lage unmittelbar am Domplatz in Mailand errichtet worden ist.397 Geist bezeichnet sie als den „Höhepunkt in der Entwicklung des Bautyps der Passage“398 und verortet sie in der „monumentalen Phase“399 (1860–1880) der kurzen Passagengeschichte. Die kreuzförmig (vgl. Stadtgrundriss und Isometrie, Abb. 28, 29) angelegte Ladenstraße Galleria kann neben ihrer Funktion als Konsumort auch als bauliches Symbol für den christlichen Glauben gesehen werden, wodurch sich Analogien zum Ansatz Konsum und Religion ergeben. Dies belegen unter anderem auch Skizzen von Mengoni, der das Oktagon der Mailänder Kuppel maßlich mit der Größe der Kuppel des Doms St. Peter in Rom vergleicht.400 Durch die Architektur der Galleria und der Überhöhung ihres Passagenganges wird auch deren Zweck, der Konsum, metaphorisch überhöht. Durch den Bau der Galleria verändert sich auch der Bedeutungsgehalt der Passagen: Die Passage werde nicht nur öffentlicher Raum an zentraler Stelle, weg vom anonymen privaten Spekulationsobjekt, son- 2.7.1 Abb. 27 396 Mailands Bürgermeister Beretta anlässlich der Eröffnung der Galleria am 15. September 1867 (Geist 1979, S. 228) 397 Brune 1996, S. 18 398 Geist 1979, S. 223 399 Geist 1979, S. 93 400 Geist 1979, Abb. 132 im Anhang, und S. 223 2.7 Die Passage 85 dern wird „politisch-nationaler“ Bedeutungsträger im Rahmen von Umgestaltung der Stadt, so Geist.401 (links) Stadtgrundriss des Domplatzes mit der projektierten Galleria Vittorio Emanuele II, Mailand, Zustand 1900 [Geist 1979, Abb. 147, S. 224] (rechts) Isometrie der Domplatzbebauung von Mengoni mit der Galleria Vittorio Emanuele II, Mailand [Geist 1979, Abb. 131] Bereits bei der ersten Überlegung zur Ausweitung des Domplatzes in Mailand spielte die Errichtung eines öffentlichen repräsentativen Raumes in Form einer Passage eine Rolle. Die Umgestaltung des Domplatzes und die Neuordnung der umliegenden Bebauung sind auch im Kontext der politischen Einigung in Italien um 1860 zu sehen, dazu Geist: „Mengoni beginnt (…) die Passage als Verkörperung der Einigung Italiens zu begreifen.“402 Nach mehreren Jahren der Planung und Diskussion unterschiedlicher Entwürfe konnte im März 1865 die Grundsteinlegung erfolgen. Errichtet wurde die Galleria durch einen privaten Investor, der sowohl die Passage errichten als auch den Domplatz fertigstellen sollte.403 Einmalig in der Vertragsgestaltung mit diesem Investor war, dass die öffentlich zugänglichen Flächen (Passagengang, Arkaden) Gemeindeeigentum bleiben sollten, während die anderen Flächen der insgesamt über 27.700 Quadratmeter in privates Ei- Abb. 28 Abb. 29 401 Geist 1979, S. 223 402 Geist 1979, S. 227 403 Letztlich entschied man sich für einen privaten Investor, da die für den Bau eingesetzte Lotterie nicht den nötigen Gewinn brachte. Geist 1979, S. 226 f. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 86 gentum übergingen.404 Zweieinhalb Jahre dauern die Arbeiten an der Passage, die die Piazza del Duomo und die Piazza della Scala in der Hauptachse und die Via Ugo Foscolo und die Via Pellico in der Querachse miteinander verbindet.405 Konstruktive Basis ist ein Ziegelrohbau, das Oktogon an der Kreuzung der beiden Achsen ist mit einer Glaskuppel versehen, die in der Größe an die Kuppel von St. Peter angelehnt ist. Aufwendig ist das Fußbodenmosaik, das ebenfalls das Kreuzmotiv aufgreift. Am Eingang der Hauptachse zum Domplatz befindet sich der markante dreibogige Triumphbogen. Insgesamt, inklusive Unterkellerung, hat die Passage sieben Geschosse und 1.260 Räume.406 In den Erdgeschosszonen befinden sich Läden, Ausstellungsräume, Cafés und Restaurants, in den oberen Geschossen sind Büros und Klubs eingemietet. Der eigentliche Passagenraum hat die Dimensionen einer Straße mit etwa 197 Meter Länge (Hauptachse) und über 14 Meter Breite.407 Günther Bandmann fasst die Bedeutung der Galleria für Mailand und für die Genese des Bautyps Passage folgendermaßen zusammen: „Neben den Dom als Gebäude der religiösen Gemeinschaft und den Stadtpalast des Souveräns rückt hier im 19. Jahrhundert ein Bauwerk, das in besonderer Weise dem Großstadtbürger dient, indem es über seine Grundfunktion hinaus – nämlich Verkehr und Handel – den Bürger zum Verweilen auffordert und seinem allgemeinen urbanen Dasein einen Überbau gibt. Damit unterscheidet sich die Galleria von den seit dem 18. Jahrhundert hervortretenden anderen bürgerlichen Bauaufgaben, die, wie Bahnhof- und Ausstellungshallen, Bäder, Börsen, Museen, Theater, Märkte, Konzerthallen usw., nur Teilfunktionen der städtischen Gemeinschaften erfüllen.“408 In Deutschland konnte die Passage trotz zahlreicher realisierter Beispiele409 jedoch nie die Popularität erreichen, die sie in den anderen Hauptstädten Europas innehatte, und erreichte erst zu dem Zeitpunkt ihre Blütezeit, als die Passagen in Frankreich und England bereits 404 Geist 1979, S. 227 405 Bandmann 1966, hier S. 81 406 Geist 1979, S. 229 407 Geist 1979, S. 229 408 Bandmann 1966, hier S. 89 409 Siehe auch die „Passagenhauptstadt“ Leipzig 2.7 Die Passage 87 ihren Zenit überschritten hatten und sich aus der Passage bereits neue Handelsformen entwickelten.410 Die größte deutsche Passage war die Kaisergalerie in Berlin (Abb. 30 und 31), die 1873 durch den deutschen Kaiser eröffnet wurde und die baulich an die Mailänder Passage Vittorio Emanuele II. angelehnt ist. Die Kaisergalerie konnte jedoch nicht erfolgreich agieren – Leerstände prägten bereits früh nach Eröffnung das Bild dieser Passage, die, nach einer Umgestaltung in den 1930er-Jahren durch Alfred Grenander, letztlich durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstört worden ist. (links) Kaisergalerie Berlin (1863–1873), Ansicht Friedrichstra- ße, Architekt: Kyllmann und Heyden [Quelle: Bildarchiv Marburg] (rechts) Kaisergalerie Berlin, Innenansicht [Quelle: Bildarchiv Marburg] Die Passage als „Architektur überdachter Öffentlichkeit“411 kann als „Urtyp“412 des modernen, im weitesten Sinne klimaunabhängigen Einkaufens gesehen werden, die zugleich Haus und Straße, Innen- und Außenraum darstellt, sich in das bestehende Gefüge der Stadt als eigenes „architektonisches Stilmittel der Stadtgestaltung“413 einfügt und die- Abb. 30 Abb. 31 410 Behn 1984, S. 62 f.; wenngleich Städte wie Leipzig für das Passagennetz bekannt sind 411 Seifert 2005, S. 561 412 Dallo, Eva (Hg.), 2005, S. 9 413 Dallo, Eva (Hg.), 2005, S. 10 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 88 ses aufwertet. Auch hier kann wieder von einer symbiotischen Beziehung zwischen Stadt und Passage gesprochen werden, allerdings in einem sehr engen, räumlich bedingten Abhängigkeitsverhältnis414. Denn die Passage kann nur in einem (wirtschaftlich) intakten Gefüge bestehen, wenn sie im Hauptgeschäftsgebiet der Stadt liegt und im Optimalfall zwei möglichst gleich stark frequentierte Einkaufsstraßen miteinander verbindet.415 Das heißt, Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit einer Passage ist ihr intaktes, funktionierendes Umfeld, in das sie sich einfügt und welches sie damit ergänzt. Vergleicht man Architektur und Anlage einiger Passagen aus dem (späten) 19. Jahrhundert mit heutigen Einkaufszentren, so lassen sich Parallelen feststellen (siehe Vergleich Abb. 32 und 33): die Erschlie- ßung der oberen Etagen über Galerien und Emporen, innere Fassaden entlang der Galeriestraßen, den heutigen Malls, die großdimensionalen Glasüberdachungen und -Kuppeln. Es scheinen wesentliche bauliche Elemente aus der Passagenzeit in die Epoche der Einkaufszentren übernommen. (links) Cleveland Arcade, Cleveland (Ohio), USA (1888–1890), nach dem Vorbild der Mailänder Galleria [Quelle: http:// www.outlooktraveller.com/time-traveller/cleveland-arcade-1890-1006440, 02.09.15] (rechts) Olympia-Einkaufszentrum, München, Foto 2015 [Quelle: www.muenchen.de, 28.04.15] Abb. 32 Abb. 33 414 Vgl. in der Biologie: Definition Endosymbiose 415 Brune 1996, S. 15 2.7 Die Passage 89 Hochphase und gleichzeitig auch das Ende der Passage war damit begründet, dass die Passage zunächst Ausdruck eines Gesellschaftsgefühls gewesen sei, das sich in Frankreich nach den Ereignissen um die Französische Revolution etabliert hätte und nach dem Ausklingen der revolutionären Bestrebungen langsam verebbte.416 Raumgefühl, Bedürfnisse und Süchte der Gesellschaft sind nach Tragatschnig die Lebenselemente der Passage, die sich mit Veränderung der Gesellschaft ebenso verändert und den Raumgedanken der Passage erloschen hätten.417 Eine Renaissance der Passage ist bereits zwei Mal zu verzeichnen: zum einen in den 1980er-Jahren und erneut in den letzten zehn Jahren, da sich der Handel wieder stärker in Richtung Innenstadt orientiert und sich die Passage in ihrer neuen Form als „Stadtgalerie“ als Typologie gut für die Integration des Handels in der verdichteten Stadt eignet. Pump-Uhlmann bezeichnet die Stadtgalerie als „Prototyp eines urbanisierten, innerstädtisch integrierten Einkaufscenters“418, das mit der Passage seinen baulichen Vorgänger hat. Renaissance eines Bautyps: Aus Passage wird Stadtgalerie Trotz des großen Erfolges des Bautyps und der zahlreichen Beispiele in Europa im 18. und 19. Jahrhundert konnte sich die Passage zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bautypologisch sowie architektonisch nicht mehr weiterentwickeln und war darüber hinaus einer zunehmenden Konkurrenz durch eine neue Betriebsform im Einzelhandel, das Warenhaus, ausgesetzt.419 Dennoch bedienen sich die Einkaufszentren mit ihren inneren Malls baulicher Elemente, die einst in der Passage ihre Anwendung fanden (Galerien, Foren, Glas-Kuppeldächer). Ein Beispiel für eine Stadtgalerie, die deutlich auf ihren typologischen Vorgänger Passage Bezug nimmt, ist die „Kö-Galerie“ von Walter Brune in der Düsseldorfer Innenstadt aus dem Jahr 1986.420 Brune integrierte die neue Passage nach altem Prinzip in die Block- 2.7.2 416 Tragatschnig 2009b, S. 9 417 Tragatschnig 2009b, S. 9 418 Pump-Uhlmann, Holger, Vorwort in Brune 1996, S. 7 419 Brune 1996, S. 19 420 Ausführlich dazu Brune 1996, S. 92 ff. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 90 struktur der Düsseldorfer Innenstadt und verband die Königsallee mit zwei Seitenstraßen. (links) Stadtgrundriss Kö-Galerie, Düsseldorf, Architekt: Walter Brune [Brune 1996, S. 152] (rechts) Außenansicht Kö-Galerie, Fassade Grünstraße, Architekt: Walter Brune [Brune 1996, S. 153] Diese Erschließungsachsen münden in ein zentrales, mit einer Kuppel überdachtes Forum. Galerien und Treppenanlage verbinden die unterschiedlichen Ebenen der fast 11.000 Quadratmeter großen Stadtgalerie mit einem multifunktionalen Nutzerangebot. Innenaufnahme Kö-Galerie, Düsseldorf, Architekt: Walter Brune [Brune 1996, S. 153] Brune konzipierte die Stadtgalerie bewusst in Anlehnung an den Bautyp Passage, da er als Architekt der Warenhäuser und Shopping-Center Abb. 34 Abb. 35 Abb. 36 2.7 Die Passage 91 im Nachkriegsdeutschland selbst die negativen Folgen der Innenstadtentwicklung durch nicht integrierte Einzelhandelsobjekte mitverfolgen konnte. Die Kö-Galerie war durch ihre Innengestaltung und die Verwendung bestimmter Materialien als Luxus-Passage konzipiert und hatte ihren Erfolg.421 Bauliche Veränderungen und mittlerweile eine erneute Revitalisierung422 zeigen, dass der Bautyp der Passage des 19. Jahrhunderts in bestimmten Fällen und mit entsprechenden Anpassungen durchaus auch im 21. Jahrhundert Erfolg haben kann. Das Warenhaus „Achtung! … haltet eure Frauen und Töchter ab, hinzugehen in die Warenhäuser, auch schon deshalb, damit ihr sie nicht eines Tages vom Feuer gebraten, oder durch den Schimpf des Diebstahls gebrandmarkt wiedererhaltet!“423 Wie bereits beschrieben, ist das 19. Jahrhundert mit seinem industriellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel durch völlig neuartige Handelstypologien geprägt: die Markthalle, die Passage und das Warenhaus. Teuteberg charakterisiert das 19. Jahrhundert im Hinblick auf die Entwicklung des Einzelhandels mit einer „ständig fortschreitende[n] Spezialisierung“424, da die Zahl der Fachgeschäfte in den Städten deutlich anstieg425 und gleichzeitig erste Filialisierungs- Tendenzen zu beobachten waren426. Nachdem in den vorangegangenen Kapiteln die Genese der Passage und der Markthalle einführend beschrieben worden ist, widmet sich 2.8 421 Brune 1996, S. 95 422 Brune 1996, S. 101ff. 423 Ohne Zitatangabe, in: Grinôt 1992, Titelseite 424 Teuteberg 2005, S. 24 425 Teuteberg 2005, S. 24 426 Durch diese Filialisierungs-Bewegung entstand nicht nur ein weiteres Netz des Vertriebs in Laden- und Fachgeschäften, sondern es wurden teilweise unterschiedliche Vertriebskanäle genutzt; Teuteberg beschreibt das Beispiel der Molkerei Bolle, die ab 1881 ihre Produkte nicht nur im klassischen Ladengeschäft kauften, sondern zusätzlich über von Pferden gezogene Milchwagen vertrieben und damit gleichzeitig eine Instrument des Marketing nutzten. (Teuteberg 2005, S. 25) 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 92 folgendes Kapitel dem Warenhaus – als der dominierendsten und gravierendsten Veränderung in der Landschaft der Handelsdestinationen, wirtschaftlich und baulich, die bis heute ihre Auswirkungen und baulichen Folgeerscheinungen hat. Das Warenhaus ist eine der interessantesten und „sichtbarsten“427 Formen, die die Entwicklung im Handel hin zu Großbetrieben und stärker orientierter Konzentration im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat.428 Man kann auch hier einen unmittelbaren Vorgänger für das Warenhaus feststellen, so beschreibt es Wiener zu Beginn des 20. Jahrhunderts: „Das merkwürdige bei dieser Entwicklung ist, daß sie nach einer langen Laufbahn wieder dorthin gelangte, von wo aus sie ihren Ausgangspunkt genommen hat zur Gemischtwarenhandlung, die so als Ahn des heutigen Warenhauses angesehen werden muß.“429 Der Ökonom Werner Sombart beschreibt das Gemischtwarengeschäft in seinem Werk „Der Moderne Kapitalismus“ als das „Urgeschäft“ allen Detailhandels, das sich als die übliche Form des Handels bereits im römischen Altertum findet und sich durch die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Zeit bewahrt hätte.430 Daher soll der „klassische Laden“, das Gemischtwarengeschäft an dieser Stelle exkursartig betrachtet werden. Der Ursprung des Warenhauses – der klassische Laden Der klassische Laden kann als Ursprung der heutigen Warenwelten gesehen werden, wobei er sich hinsichtlich Einbindung in den städtischen Kontext, Art und Weise der Warenpräsentation deutlich differenziert; als der Verkauf von Waren noch direkt von der Produktionsstätte aus erfolgte, war der Laden bis in das 18. Jahrhundert lediglich eine Art „Übergabetheke“ aus dem Ladeninneren, wo sich meist die 2.8.1 427 König 2008, S. 85 428 Wiener 1913, S. 43 429 Wiener 1913, S. 43 430 Sombart, zit. in: Wiener 1913, S. 43 2.8 Das Warenhaus 93 Werkstatt befand. Der Laden war nicht mehr als ein „Ausgabefenster“, durch das die Ware vom Verkäufer und Hersteller aus der Werkstatt zum Käufer auf der Straße gereicht worden ist (vgl. Abb. 98).431 Diese „Verschlussvorrichtung“ des Fensters ist bis heute namengebend für den erst später entstandenen Verkaufsraum, den Laden, der zwischen Werkstatt und Straßenraum errichtet worden ist.432 Schwedt führt dazu aus, dass Laden aber auch das in einer Verkaufsbude herabgelassene Brett bezeichne, auf dem Waren präsentiert, ausgelegt und zum Verkauf angeboten worden seien – eine sprachliche Herleitung, die er im Mittelhochdeutschen zwischen 1050 und 1350 verortet.433 Eine weitere begriffliche Deutung von Laden leitet sich von der Aussage ab, ein Kauf- oder Fuhrmann habe Waren oder Vermögen geladen: „(…) nennt man den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermögen ladet.“434 Und der diese Waren dann wiederum in einem Laden seinen Kunden dar- und anbietet.435 In den ersten Läden waren alle Funktionen des Verkaufs vereint: feste Einbauten, Warenauslage, Produktion und Werkstatt, sämtliche Waren und Produkte, die zum Verkauf standen, sowie Reserven und Lagerflächen. Heute sind alle diese Funktionen getrennt und besitzen separaten Raumanspruch. Zudem sind Produktion und Verkauf heutzutage voneinander getrennt. Die zunehmende Auflösung der einst geschlossenen Ladenfront zum Schaufenster, um möglichst viele Waren nach außen zu präsentieren, ging mit der Entwicklung der technischen Möglichkeiten der Verwendung von großformatigen Glasfronten Ende des 18. Jahrhunderts einher. Dem Schaufenster kamen somit mehrere Funktionen zu; einerseits die Waren zu präsentieren und durch Visualität einen Bedarf zu wecken, andererseits den potenziellen Kunden einen Blick in das Ladeninnere zu gewähren, um somit die Scheu vor dem Betreten des Ladens zu mindern und zum Eintreten zu animieren (vgl. 2.8.6 Exkurs: Das Fenster zum Konsum – das Schaufenster). 431 Nagel 1973, S. 141, Geist 1979, S. 67 f. 432 Nagel 1973, S. 141 433 Schwedt 2006, S. 16 434 Aus Friedrich Schiller: Kabale und Liebe, 1784 435 Schwedt 2006, S. 16 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 94 Durch ein Versetzen der Ladenfront hinter die Gebäudeflucht ist es möglich, verkehrs- und wettergeschützte Bereiche für Passanten zu schaffen, um sich die Warenauslage anzusehen.436 Die Gestaltung des Ladeninneren folgte eher funktionalen Aspekten, da der Verkauf aus dem Dialog zwischen Verkäufer und Käufer bestand. Selbstbedienung, einheitliche Preise und ein für alle Kunden gleiches Angebot existierten zunächst noch nicht. Wiener führt zum Laden aus: „Der kleine Laden hatte so ziemlich alles, was die Bedürfnisse einer anspruchslosen Bevölkerung erforderten: Kleidung, Werkzeug, Wirtschaftsgegenstände, Genussmittel und sogar schon Dinge, um die Anfänge eines bescheidenen Luxus zu befriedigen.“437 Gleichzeitig beschreibt er die zunehmende Spezialisierung in separate Geschäfte, je mehr die Bedürfnisse der Bevölkerung nach bestimmten Produkten stiegen und unterschiedliche Waren angeboten wurden – Wiener spricht von einer weiteren Differenzierung des Kleinhandels bis hin zu Branchengeschäften, die sich je nach Herkunft und Material in Kolonial- und Materialläden, Landesprodukten- und Vorkosthandlungen, Schnitt-, Manufaktur- und Galanteriewarengeschäfte sonderten.438 Branchen- und Spezialgeschäfte sind demnach eine Reaktion des Handels beziehungsweise der Händler auf die zunehmenden Bedürfnisse der Bevölkerung nach Spezialisierung, so beschreibt dies Wiener zu Beginn des 20. Jahrhunderts: „Um so schwieriger wird der Handelsbetrieb, je größer die Zahl der Warenarten und der Wechsel in ihrer Beschaffenheit und Preislage ist. Ihre Menge wird zu groß, als daß sie ein einzelner Detailhändler sämtlich führen kann. Es heißt also sich spezialisieren, nur eine bestimmte Art von Waren, diese aber in allen Sorten und Qualitäten führen. Es entstehen die Spezialgeschäfte, wie die Krawatten-, Handschuh-, Putz- und Schuhläden. Die Spezialisierung ist hier bereits soweit fortgeschritten, daß es kaum einen Artikel gibt, für den nicht ein besonderes Geschäft besteht.“439 436 Nagel 1973, S. 141 437 Wiener 1913, S. 43 ff. 438 Wiener 1913, S. 43–44, sowie Berekoven 1988, S. 28 ff. 439 Wiener 1913, S. 44 2.8 Das Warenhaus 95 Auf der anderen Seite erläutert Wiener den gegenteiligen Prozess zur Spezialisierung, die Konzentration: „Allein, wie auf der einen Seite die Spezialisierung weiter fortschreitet, so finden wir andererseits in neuerer Zeit mehr und mehr Konzentration, Zusammenfassungen mehrerer Spezialgeschäfte verwandter Branchen zu Bedarfsartikelgeschäften.“440 Diese Konzentrationsbestrebungen der Händler von Waren gleicher Warengruppen sind der erste Baustein für die entstehenden Warenhäuser.441 Auch an dieser Stelle soll auf Wiener verwiesen werden: „Im weiteren Verfolg dieser Entwickelung kommen wir zunächst zu den Kaufhäusern, beispielsweise für Bekleidung, Wohnungseinrichtungen oder Lebensmittel, und schließlich zum Warenhause, das alle Waren, die überhaupt für die Bedürfnisse des Käufers vorhanden sind, führen muß. Damit hat sich der Kreislauf von der Gemischtwarenhandlung zum Warenhause wieder geschlossen, denn das moderne Großwarenhaus stellt sich im Grunde nur als eine ins Riesige gesteigerte Gemischtwarenhandlung dar. Es umfasst weiter aber auch die anderen Erscheinungsformen des Kleinhandels, es ist die Vereinigung einer großen Anzahl von Spezialgeschäften aller Branchen wie eine Ansammlung von Bedarfsartikel- und von Branchengeschäften der verschiedensten Arten unter einer Leitung und unter einem Dache.“442 Wiener nennt zudem noch weitere Faktoren, die für die Entwicklung des Warenhauses Voraussetzung waren: der Übergang von der Produktion vom Handwerk zur Industrie und von der Einzel- zur Massenfabrikation.443 Die Genese vom Verkaufsstand auf dem Markt in die Markthalle über den Laden bis zum Warenhaus des 19. Jahrhunderts, wird nach Friedrich Kiesler durch drei wesentliche Gründekatalysiert, die größtenteils bereits in den vorangegangenen Ausführungen thematisiert worden sind: zunächst die immer größer werdenden, expandierenden Städte und die neue und steigende Bedeutung des Logistik- und Transportwesens; ein Markt für eine Stadt mit annähernd einer Million Einwohner würde so groß sein wie die Stadt selbst. Die Wege zwischen 440 Wiener 1913, S. 44 441 Analysiert man die Geschichte der großen deutschen Warenhäuser wie Karstadt und Tietz, so sind diese meist zunächst aus einem Spezial- und später Branchengeschäft entstanden. Siehe auch Behn 1984. 442 Wiener 1913, S. 43 443 Wiener 1913, S. 43 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 96 der Wohnung und dem Geschäft konnten durch neue Transportmittel immer mehr verkürzt werden. Als zweiten Faktor nennt Kiesler die Massenproduktion, die beschleunigt wurde durch maschinelle Produktion und einen hohen Grad der Vorfertigung, und als dritten Faktor die Dauerhaftigkeit der Läden – keine temporären Verkaufsstände mehr, sondern der Laden als Immobilie.444 Der deutsche Publizist Alfred Wiener beschreibt Wesen und Intention des Warenhauses wie folgt: „Das Wesen des Warenhauses ist es, alle Bedürfnisse eines Durchschnittspublikums zu erfüllen, ihm alle erdenklichen Warenarten zu bieten, natürlich nur – abgesehen von einigen ganz großen Warenhäusern – in den gangbarsten und gesuchtesten Sorten und Preislagen, eben jenen Typen.“445 1984 gibt Helga Behn in ihrer Dissertationsschrift einen umfassenden Überblick mit zahlreichen Beispielen über den Topos Warenhaus und dessen Entwicklung bis 1933;446 dabei vergleicht sie auch die frühen Entwicklungen der Warenhäuser in Europa und den USA. Das Warenhaus erlebte in Deutschland seine Hochphase etwa zwischen 1890 und 1933, jedoch mit einer zeitlichen Verzögerung gegen- über den ersten Warenhäusern in Frankreich, den USA und Großbritannien, wo diese teilweise schon in den 1870er-Jahren entstanden. Ein Grund hierfür ist auch die in Deutschland später einsetzende Industrialisierung. Als bekannteste Beispiele für Warenhäuser in Europa können die Galeries Lafayette und Les Grands Magasins du Bon Marché in Paris, die Kaufhäuser Selfridges und Harrods in London oder das Kaufhaus Wertheim in Berlin genannt werden (vgl. folgende Abb.).447 444 Übersetzung d. Verf.; Originalzitat: „This evolution had three compelling causes: 1. expanded cities and new means of transportation 2. mass production trough the machine 3. permanence of stores”, Kiesler 1996, S. 14 445 Wiener 1913, S. 43 446 Behn 1984 447 Behn 1984, Kapitel I 2.8 Das Warenhaus 97 (links) Warenhaus Les Grands Magasins du Bon Marché, Paris (1869) [Behn 1984, Bild-Nr. 11] (Mitte) Kaufhaus Selfridges, Oxford Street, London (1909) [https://buildingchicago.wordpress.com/2013/04/29/mr-selfridgeand-chicago-a-backstory/, 02.09.15] (rechts) Warenhaus A. Wertheim, Moritzplatz, Berlin (1927) [Behn 1984, Bild-Nr. 102] Einen ersten deutschen „Vorläufer“ und Entwurf für ein Kaufhaus „Unter den Linden“ gibt jedoch schon Karl-Friedrich Schinkel aus dem Jahr 1827 (Abb. 40). Sein Handelsprinzip sah eine Vermietung mehrerer einzelner Läden unterschiedlicher Besitzer vor – insofern kann der Entwurf sogar als konzeptioneller Vorläufer des späteren Einkaufszentrums gesehen werden. Schinkel sah zudem für jeden Laden im Obergeschoss eine zugeordnete Wohneinheit vor. Entwurf Kaufhaus Unter den Linden 38, Berlin, 1827; Entwurfsverfasser: Karl-Friedrich Schinkel [Quelle: Bildarchiv Marburg] Das innere Erschließungssystem erinnere, nach Behn, an die Struktur der Pariser Passagen aus dem frühen 19. Jahrhundert.448 Umgesetzt Abb. 37 Abb. 38 Abb. 39 Abb. 40 448 Behn 1984, S. 61 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 98 wurde Schinkels Entwurf aufgrund seiner „Radikalität“ und aus Kostengründen nicht.449 Paul Göhre beschreibt das Warenhaus 1907 als eine Vereinigung einer großen Anzahl von Geschäften vieler Branchen unter einem Dach und stellt damit das neue Merkmal des Warenhauses heraus:450 das Angebot verschiedener Waren unterschiedlicher Warengruppen unter einem Dach. Dies allein stellte in der Entwicklung des Handels schon ein Novum dar, wurde jedoch zusätzlich begleitet von weiteren im Handel neuartigen Maßnahmen wie freier Eintritt, feste Preisauszeichnung der Waren, Barzahlung und ein Rückgabe- und Umtauschrecht. Zusätzlich zum Warenkaufangebot entwickelte sich ein umfangreiches Unterhaltungsangebot, sodass das Warenhaus alsbald nicht mehr nur ausschließlich ein Ort des Kaufens war, sondern ein Ort des Konsums – von Waren, Dienstleistungen, Erlebnissen, Gesellschaft. In diesem Sinne könnte man das Warenhaus auch hinsichtlich seiner soziologischen Funktion als einen mittelalterlichen Markt unter einem Dach bezeichnen. Die gleichen gesellschaftlichen Funktionen, die der Markt im Mittelalter übernahm, können auf das Warenhaus des 19. Jahrhunderts übertragen werden. Das mit dem Warenhaus aufkommende neue Handelsprinzip ver- änderte die Struktur der Straßen, das Bild der Städte in Europa umfassender als alle baulichen Erscheinungen des Handels innerhalb eines Jahrhunderts zuvor und fast über ein halbes Jahrhundert danach; die „Sichtbarkeit der Waren“451 in der Stadt wurde enorm gesteigert: Reklame, Werbetafeln, Litfaßsäulen, Leuchtwerbung und Waren in den Auslagen der Schaufenster und nicht zuletzt die Warenhäuser selbst; immer mehr kleinere Handwerksbetriebe, zuvor über Jahre in den Innenstädten ansässig, wichen zugunsten der Warenhäuser, der Krämer- 449 Behn 1984, S. 61, sowie Riemann, Gottfried (1981): Karl Friedrich Schinkel (1781–1841). Berlin, S. 107 450 Göhre, Paul (1907): Das WarenhauS. Die Gesellschaft, Bd. 12. Frankfurt am Main: Rütten u. Loening, S. 111 451 Lenz 2011, S. 17 2.8 Das Warenhaus 99 und Kleinhandelsläden452 – „die Innenstädte wandelten sich von den Plätzen der handwerklichen Produktion zu Orten des Konsums.“453 Die neue Architektur des Warenhauses Das wesentlichste Merkmal der Architektur der neuen Warenhäuser waren die großen Schaufensterfronten, die die Ware den Passanten auf der Straße präsentierten und die „Schwelle“ zwischen öffentlichem und privatem Konsumraum scheinbar nivellierten. Des Weiteren konnte durch diese großen verglasten Schaufronten viel Tageslicht in das Innere der Warenhäuser gelenkt werden und unterstützte somit das Inszenierungskonzept der Händler. Mit Glas überdachte Atrien und Lichtkuppeln, wie schon bei dem Bautyp der Passage, verstärkten diesen Effekt. Städtebaulich waren die Neubauten der Warenhäuser so errichtet, dass die Fassaden entlang der Haupteinkaufsstraßen verliefen und die Eingänge neue Platzsituationen schufen – die Konsumenten wie bereits bei den Passagen in das Innere des Baus „hineinzogen“. Im Inneren waren die Warenhäuser meist so angelegt, dass man über Galerien und Emporen die Gesamtheit des Verkaufsraumes mit all den ausgestellten Waren wahrnehmen konnte. Großzügige Treppenanlagen führten über Galerien, von denen aus man die Waren, das Treiben des Verkaufens, aber auch andere Konsumenten beobachten konnte (vgl. Abb. 41, 42). 2.8.2 452 An der etwa 500 Meter langen, zu Beginn des 19. Jahrhunderts eher durch die Phase des Biedermeier geprägten Straße Frankfurter Zeil entstanden zwischen 1897 und 1914 drei Warenhäuser und weitere sechs kleinere Kaufhäuser (Quelle: Schwarz 1995, S. 14). 453 Lenz 2011, S. 17 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 100 (links) Treppenanlage und Galerien, Les Galeries Lafayette, Paris, 1912 [Quelle: Behn 1984, Bild-Nr. 25] (rechts) Grafik Warenhaus Magasin de Nouveautés au Coin de Rue, Paris, 1864 [Behn 1984, Abb. 6] Auch hier lassen sich Analogien von den Warenhäusern als Kathedralen des Konsums und von den Kirchenräumen als Kathedralen der Religion herleiten. Dies sollen folgende Beispiele verdeutlichen, sodass man schlussfolgern kann, dass der Sakralisierung der Passage (vgl. Galleria Vittorio Emanuele II Mailand) auch die Sakralisierung des Warenhauses folgt (vgl. auch Abb. 108, Einkaufszentrum Galerías Pacífico in Buenos Aires). Ein weiteres Beispiel für die Vergleichbarkeit von Sakralraum und Warenhaus ist der Einbau einer Orgel im sogenannten Grand Court eines John Wanamakers Warenhauses in Philadelphia in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Abb. 45). Abb. 41 Abb. 42 2.8 Das Warenhaus 101 (links) Beispiel für Kircheninnenraum, gotische Kathedrale (hier Kathedrale von Leon, Frankreich) [Quelle: http://www.kirchengucker.de/2007/07/30/sechzehn-gotische-ochsen-kathedrale-vonlaon/] (Mitte) Raumwirkung, Grafik Warenhaus Hermann Tietz, Gro- ßer Lichthof, Leipziger Straße, Berlin, 1899/1900 [Behn 1984, Abb. 238] (rechts) Gestaltung des Grand Courts im John Wanamaker Warenhaus wie ein Kirchenraum, Foto 1927 [Whitaker 2013, S. 71] Teuteberg spricht beim Warenhaus von einer Verschmelzung unterschiedlicher Formen des Handels: „Mode-Waaren-Lagern“, „Magazinen“ und „Basaren“ – und tatsächlich lassen sich bestimmte bautypologische und betriebswirtschaftliche Elemente bei dieser neuen Form des Warenhandels „unter einem Dach“ ausmachen.454 Crossick und Jaumain stellen in ihrer Publikation zum Warenhaus dieses als „Kathedrale des Konsums“ dar und unterstreichen vor allem diese Multidisziplinarität.455 Die Neuartigkeit des Topos Warenhaus macht eine stilgeschichtliche Einordnung der Warenhausarchitektur schwierig, denn in seinen Einzelelementen nahm dieser neue Bautyp zwar bestimmte Formen, Typologien und Linien von Vorgängerarchitekturen auf, jedoch in seiner Gesamtorganisation stellte das Warenhaus ein absolutes Novum dar. Nicht nur architektonisch, sondern auch ökonomisch: „Das Ge- Abb. 43 Abb. 44 Abb. 45 454 Teuteberg 2005, S. 25 455 Crossick, Geoffrey; Jaumain, Serge (Hg.), 1999 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 102 schäftsprinzip des Warenhauses brach radikal mit alteingeübten Gebaren des Detailhandels.“456 Bei der Suche nach architektonischen Vorläufern des Warenhauses kann man zwei Ansätze verfolgen457, wie sie auch Schwarz darstellt: zum einen kann man Funktionsanalogien herleiten, das heißt, Architekturen analysieren, die Handel und Konsum als Kernfunktion innehatten. Ein anderer Ansatz könnte die Analyse nach formalen Kriterien sein, das heißt, welche formalen, stilistischen oder typologischen Vorläufer existieren, die in ihrer Gesamtheit zum Warenhaus führten?458 Zudem sind sowohl die funktionalen als auch formalen Kriterien von Konsumarchitekturen untrennbar mit gesellschaftlichen und soziologischen Faktoren verbunden. Zu dieser Ambivalenz von Vorläufern aus Funktion und Stil resümiert Siegfried Gerlach, der sich dem Topos Warenhaus aus historisch-geografischer Sicht 1988 näherte: „So flossen gleichsam, aus unterschiedlichen Quellen gespeist und aus verschiedenen Richtungen herandrängend, Ströme von Erkenntnissen und Erfahrungen jenen Architekten zu, die sich, davon mehr oder weniger inspiriert, seit den späten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts des Reiches [gemeint ist das 19. Jahrhundert, Anm. d. Verf.] anschickten, das Gebäude des damals jungen Warenhauses zu entwerfen – ein verwickelter baugeschichtlicher Prozeß von Weitergabe und Aneignung, von wechselseitigen Beeinflussungen, Fortschritten, Widersprüchen und Rückfällen, bei dem die direkten Abhängigkeiten des einen vom anderen nicht leicht zu durchschauen sind.“459 Schwarz schlussfolgert in seiner Dissertation 1995, dass das spezifisch neue der Baugattung Warenhaus nicht aus der Immanenz stilgeschichtlicher Ableitungen alleine zu erfassen sei, sondern auch gesellschaftliche Bedingungen in die Betrachtung mit einfließen müssten.460 Diese interdisziplinäre Betrachtung, weg von der reinen stilgeschichtlichen Analyse, ist vor allem der Architektur immanent, die, stärker als 456 Schwarz 1995, S. 22 457 Die vorliegende Arbeit versucht, beiden Ansätzen gerecht zu werden, indem sie sowohl die funktionale als auch die formale Entstehungs- und Entwicklungslinie der Warenwelten aufzeigt. 458 Schwarz 1995, S. 23 459 Gerlach 1988, S. 98 460 Schwarz 1995, S. 25 2.8 Das Warenhaus 103 andere Künste, in gesellschaftliche, politische, soziale und ökonomische Zusammenhänge zu stellen ist. Sucht man nach weiteren formalen Kriterien, die das Novum Warenhaus beschreiben, können vor allem der „verschwenderische Umgang“ mit Licht und Raum als Hauptmerkmale der Warenhausarchitektur genannt werden.461 Christoph Grunenberg schreibt dazu: „Die verschwenderische Architektur selbst war ein wichtiges Mittel, die Aufmerksamkeit auf die neuen Geschäfte zu legen. Die Warenhäuser nahmen schon bald ganze Straßenzüge ein, und mit ihrem Dekor stellten sie häufig sogar große öffentliche Bauten in den Schatten.“462 Kritisch muss bereits an dieser Stelle der Kontrast zwischen den Welten der Gesellschaft im 19. Jahrhundert hervorgehoben werden: Während der Alltag eines Großteils der Bevölkerung durch schlechte und harte Bedingungen in den Arbeits- und in Wohnquartieren geprägt war463, standen die glitzernden Warenwelten in einem völligen Kontrast zum Lebensalltag der städtischen Bevölkerung. Dennoch ermöglichten die neuen Warenhausbauten bestimmten Teilen der Gesellschaft Zutritt und Partizipation an einer (Konsum-)Welt, die bislang, außer in sakralen Zusammenhängen, nicht gekannt wurde oder nur dem Adel zugänglich war.464 Auch in diesem Zusammenhang kann von einer Demokratisierung des Konsums gesprochen werden, denn durch die neue Vertriebsform Warenhaus waren auch höherwertige Waren einer weniger reichen Bevölkerungsschicht zugänglich – erreicht werden konnte dies durch Massenproduktion und größere Mengenabnahme der Händler vom Produzenten.465 Neben dieser Demokratisierung des Konsums ist gleichzeitig die Profanisierung des Sakralen zu beobachten, indem die neuen Kathedralen stilistisch das Sakrale der Kirchenräume adaptieren. 461 Schwarz 1995, S. 17 462 Grunenberg 2002, S. 20 463 Siehe die Wohnverhältnisse in den Berliner Mietskasernen Ende des 19. Jahrhunderts 464 Schwarz 1995, S. 17 465 Coles 1999, S. 79; Lenz und Wehler beschreiben, dass in nur fünf Jahren, zwischen 1895 und 1900, die Warenproduktion um mehr als ein Drittel angestiegen sei (Quelle: Lenz 2011, S. 17). 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 104 Die beschleunigte Warenproduktion musste dazu führen, dass man die Waren schnell verkaufte, um nicht für die Lager der Warenhäuser zu produzieren. Eine unmittelbare Folge dieser enorm gesteigerten Produktion war ein großer Warenausstoß – der Beginn des Überflusses? Um die Waren zu verkaufen, musste die Nachfrage gesteigert, indem Bedarfe geweckt werden. Architektur nahm in dieser Zeit nicht nur die Rolle des Mediums ein, sondern wurde selbst zur Ware. In diesem Kontext kommt der Werbung an der Schwelle des 19. Jahrhunderts eine besondere Rolle zu – Litfaßsäulen, Reklameschilder und großzügige Warenauslagen in den Schaufenstern warben für die Ware und den Konsum.466 Architektur kann in dieser Zeit als direktes Marketinginstrument und Werbeträger verstanden werden. Zudem konnten sich viele Menschen in das soziale Umfeld des Kaufens der höheren Schichten begeben, ohne eine Kaufverpflichtung eingehen zu müssen467 – Konsum als demonstratives Motiv wird ausführlich an späterer Stelle dieser Arbeit thematisiert. Für Kunden aller sozialen Schichten existierte nun in den Warenhäusern „die Freiheit, sich in Träumen zu ergehen, ohne zum Kaufen gezwungen zu sein“468. Spätestens seit dieser Entwicklung wurde aus dem Zweckeinkaufen das Erlebniseinkaufen.469 Die wesentlichen Charakteristika der Konsumgesellschaft, deren Ursprünge weitaus früher zu verorten sind, deren Auswirkungen in Deutschland jedoch um 1900 am deutlichsten hervortraten, sind die Massenproduktion von Waren sowie die Nutzung der Waren und der demonstrative Konsum zur Hervorhebung und Abgrenzung der eigenen Schichtzugehörigkeit, aber vor allem zur Verfolgung des Ideals, dass „jede Art von Ware für jedermann erreichbar wurde“470. Das Warenhaus bot damit zumindest den Anschein der Überwindung von Klassenunterschieden, wenngleich es im Kern nach Spiekermann ein „Ort des Bürgertums“471 gewesen sei. Objektiv ermöglichte 466 Lenz 2011, S. 17, sowie Borscheid, Peter; Wischermann, Clemens (Hg.), 1995 467 Coles 1999, S. 79 468 Übersetzung d. Verf.: Originalzitat: „In exchange for the freedom to browse, meaning the liberty to indulge in the dreams without being obligated to buy in fact (…).”, Williams 1991, S. 67 469 Hellmann 2009, hier S. 585 470 Lenz 2011, S. 18 471 Spiekermann 2005, S. 211 f. 2.8 Das Warenhaus 105 das Warenhaus einer breiten Bevölkerungsschicht den Zugang zum Konsum und, unabhängig von der Kritik an dieser neuen Form des Handels, war das Warenhaus und der mit ihm verbundene private Konsum ein treibender Faktor für Veränderung und Modernisierung im deutschen Kaiserreich.472 Warenhäuser entstanden im 19. Jahrhundert an den großen Magistralen, Straßen und Plätzen der Städte473 und setzten sich allein schon durch deren Größe und „Aufmachung“474 von dem bis dahin traditionellen Laden, den Spezialwarengeschäften oder schon etwas größeren Kaufhäusern in diesen Klein- und Mittelstädten (vgl. Fußnote 473 und Abb. 46) ab: große Fassaden vielgeschossiger Gebäude mit teilweise mehrgeschossig verglasten Schaufenstern, überdimensionierten Schriftzügen und Werbetafeln oder Fahnen, die das Warenhaus über seine städtebauliche Aufmerksamkeit hinaus akzentuierten und zum Eingang führten – zum „Tempel des Konsums“475. Als Standort wurden belebte Innenstadtlagen bevorzugt, da hier die höchsten Umsätze pro Quadratmeter Verkaufsfläche zu erzielen seien476; eine betriebswirtschaftliche Kenngröße, die auch gegenwärtig herangezogen und als Argument für die sogenannte Renaissance der Innenstädte angebracht wird. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 472 Lenz 2011, S. 16 473 Bezüglich der Lage der ersten Warenhäuser in Deutschland stellt Coles überraschenderweise fest, dass diese entgegen der Vermutung nicht in den großen, aufstrebenden Zentren des Deutschen Reiches entstanden, sondern zuerst in kleineren und mittleren Städten mit teilweise weniger als 50.000 Einwohnern, wie beispielsweise Wismar, Stralsund, Gera oder Dülmen. Interessanterweise sind diese Städte mit wenigen Ausnahmen die Heimatstädte der ersten Warenhausgründer Wertheim, Leonard Tietz, Rudolf Karstadt und Thomas Althoff; von den 51 Städten, in denen bis 1899 ein Warenhaus entstand, hatten 27 weniger als 50.000 Einwohner, 13 zählten zwischen 50.000 und 100.000 und nur 11 Städte hatten mehr als 100.000 Einwohner; dieser Trend war jedoch nur kennzeichnend bis zur Jahrhundertwende. Danach orientierten sich die Händler zunehmend in die Großstädte. Quelle: Coles 1999, S. 84 S. 75 f.; siehe auch Abb. 46 474 König 2008, S. 85 475 König 2008, S. 85, sowie ähnlich Garstenauer 30.01.2004 476 Teuteberg 2005, S. 24 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 106 gab es in allen größeren und mittleren Städten im Deutschen Reich Kaufhäuser (siehe Abb. 46).477 Räumliche Verbreitung der großen deutschen Warenhausketten, 1914 [Coles 1999, S. 84] Die weiten und hellen Innenräume der Warenhäuser wurden durch den Einsatz von Spiegeln und Glas noch stärker inszeniert und atmosphärisch illusioniert, Warenauslagen damit optisch reproduziert, und sie spiegelten den Kunden selbst förmlich inmitten des Konsums wider, als sei er selbst Akteur auf einer Bühne inmitten des Labyrinths der Ware. Warenhäuser wurden zur gebauten Symbiose aus Kunst und Kommerz und sind damit auch vergleichbar mit Filmkulissen.478 Der Soziologe Hellmann spricht auch von einer „Theatralisierung des Einkaufens“.479 Abb. 46 477 Teuteberg 2005, S. 25; an dieser Stelle können exemplarisch die Namen Karstadt, Wertheim, Tietz genannt werden, die im Folgenden beispielhaft betrachtet werden. Dennoch ist der Anteil der Kauf- und Warenhäuser am Gesamt-Handelsumsatz noch marginal gewesen (1900: 0,3 %; 1913: 2,5 %; 1927: 6,0 %, Quelle: Teuteberg 2005, S. 25). 478 Vgl. Ausführungen von Bredella 2009 479 Hellmann 2009 2.8 Das Warenhaus 107 Als wesentliche und im Zeitkontext revolutionäre Neuerungen des Warenhauses im Gegensatz zum Laden oder zu sämtlichen bisherigen Vorläufern des Verkaufs sind der veränderte betriebswirtschaftliche Rahmen wie Barzahlung, feste und einheitliche Preise, die für jeden offensichtlich ausgezeichnet waren, die Gleichbehandlung der Kunden und das Zusammenführen heterogener, verschiedenster Waren unter einem Dach auszumachen.480 Diese neuen Ansätze führten dazu, dass das Warenhaus sowohl als neue Betriebsform des Handels als auch aus städtebaulicher und architektonischer Sicht den Umbruch im 19. Jahrhundert darstellt: Grinôt attestiert der Entstehung der Warenhäuser eine Veränderung, die „die Lebensumstände aller Kunden aus allen Bereichen der Gesellschaft betraf“ und „das Alltagsleben und die Alltagserfahrung des ganzen Volkes“ beeinflusste481, gleichwohl der quantitative Anteil der Warenhäuser am gesamten Einzelhandelsumsatz im Deutschen Reich vergleichsweise marginal war.482 Dennoch war die neue Betriebsform Warenhaus ein Novum, sowohl aus handelswirtschaftlicher als auch aus architektonischer Sicht: auf mehreren Ebenen und Geschossen wurden die verschiedensten Waren angeboten, die Spezialisierung erfolgte in bestimmten Abteilungen483. Die Verkaufsräume wirkten durch geschosshohe Verglasungen, als würden sie außen an der Fassade liegen und um einen zentralen Lichthof gruppiert sein. Auch an dieser Stelle kommt der Wirkweise des Schaufensters eine hohe Bedeutung und Schlüsselfunktion zu (vgl. 2.8.6 Exkurs Schaufenster), wodurch der Eindruck vermittelt wurde, dass Waren bereits auf der Straße angeboten wurden484, um Kunden in das Warenhaus zu locken und bereits optisch Begehrlichkeiten und Bedürfnisse zu wecken. Über Aufzüge und Rolltreppen konnten obere Etagen und Galerien erschlossen werden, die sich um einen Glaskuppelüberdachten Lichthof gruppierten. Diese vertikale Mehrgeschossigkeit erlaubte ei- 480 Grinôt 1992, Vorwort, o. S. 481 Grinôt 1992, Vorwort, o. S. 482 Nipperdey 1998, S. 265 483 Wobei sich einige Warenhäuser lediglich auf bestimmte Sortimente (z. B. Herrenund Damenbekleidung) fokussierten, andere wiederum ausschließlich auf saisonale Massenwaren aus waren (Teuteberg 2005, S. 25). 484 Teuteberg 2005, S. 25 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 108 nerseits den Blick auf die Fülle von Waren, andererseits ermöglichte sie das Beobachten und die Zurschaustellung der Konsumenten analog einer Bühne (vgl. Abb. 47 sowie auch 41, 42). Das Warenhaus als Bühne, Kaufhaus Leonard Tietz, Köln, 1895 [Behn 1984, Bild-Nr. 217] Warenhäuser des 19. Jahrhunderts boten zahlreichen technischen Neuerungen wie Rolltreppen, Aufzügen, elektrischem Licht, später Ventilatoren und Klimaanlagen485 Raum und unterstützten so den Gedanken des revolutionären Neuen – „der Kaufrevolution“, die sich auch durch neue Technik widerspiegeln sollte. Das Warenhaus als Topos war nach der Passage die erste bauliche Erscheinungsform kapitalistischer Bestrebungen. Werner Garstenauer fasst dies wie folgt zusammen: „Es [das Warenhaus, Anm. d. Verf.] exemplifizierte am deutlichsten die Paradigmen hochkapitalistischer Ökonomie: die Demokratisierung des Konsums wie auch die auf die Spitze getriebene Steuerung der Konsumenten.“486 Trotzdem im Warenhaus des 19. Jahrhunderts eindeutig private, kapitalorientierte, ökonomische Interessen vertreten wurden487, das Inszenieren des Profits wegen, stellten die Warenhäuser halböffentliche Räume dar488, die eng mit dem öffentlichen Kontext der Stadt korre- Abb. 47 485 König 2008, S. 86 486 Garstenauer 30.01.2004 487 Vgl. Zola 2004 488 Bredella 2009, S. 126 2.8 Das Warenhaus 109 spondierten. Dies lässt sich heute bei der Diskussion um Öffentlichkeit in Shopping-Centern kaum behaupten. Die oftmals durch private Sicherheitsdienste kontrollierten Einkaufscenter steuern gezielt, wer den halböffentlichen Raum des Centers wie betreten darf, und stoßen eine Debatte um eine zunehmende Privatisierung von Einkaufsstraßen an.489 Die Geschichte des Warenhauses als neue Verkaufsform des 19. Jahrhunderts ist zugleich die Geschichte des Inszenierens. Das Inszenieren von Ware, das Inszenieren von Raum, das Inszenieren der Kunden im Raum: Waren wurden präsentiert, arrangiert, inszeniert, indem sie, musealen Exponaten gleich, auf Podesten, Tischen, räumlichen Vertiefungen, zwischen Säulen, in Vitrinen und hinter den Schaufenstern präsentiert und durch zusätzliches Licht hervorgehoben wurden – die Waren standen im Mittelpunkt und sollten den Blick der Käuferinnen auf sich ziehen (vgl. die museale Darbietung der Ware, Abb. 48). Gleichzeitig luden Sitzgelegenheiten vor Vitrinen und Auslagen zum Verweilen ein.490 Diese Inszenierung sollte zugleich Wünsche und Bedarfe wecken sowie „zu dem Verlangen nach einen konsumorientierten Lebensstil [erziehen]“491. Davis beschreibt die Warenhausszenerie wie folgt: „The sight of all sorts of other items, ornaments, pictures, mirrors, aspidistras, would suggest ideas they had never thought of, tempt them to a diversity of semi-luxuries, educate them in the pleasantest manner imaginable into wanting a higher standard of living. “492 Inszenierung und Imagination, in Analogie zum Theater und zur Bühne, wurden schon frühzeitig in Warenwelten eingesetzt, um den Konsum zu „unterstützen“ und voranzutreiben. Entertainment zur Verkaufsförderung. Bredella beschreibt, dass jeder noch so triviale Gegenstand durch die Art und Weise und Form, wie er ausgestellt werde, eine Bedeutung erhalte, die zum Kauf motiviere.493 Die Inszenierung ist dabei stets an Ausstellen, Darbieten und Präsentieren verknüpft. Baur hat in seiner theoretischen Einführung zur Architektur von Mes- 489 Heinritz et al. 2003, S. 117 490 Bredella 2009, S. 126 491 Bredella 2009, S. 127 492 Zitat von Davis 1966, S. 291, ohne Quelle bei Bredella 2009, S. 127 493 Bredella 2009, S. 127 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 110 sen und Ausstellungen auf die sprachliche Herkunft von Ausstellung und deren vielfältige Deutungsmuster verwiesen, aus der Sinn und Methode des Ausstellens ableitbar sind494: Ausstellung bedeute „dem Blick aussetzen“, eine „(Aus)sicht eröffnen“, „zur Schau stellen“ oder „nach außen legen“.495 All diesen Ausdrücken wäre deren Konnotation mit den Begriffen Sockel, Rahmen, Illumination, Erläuterung zu eigen und damit ist das Prinzip des Ausstellens das der Warenwelten: Hier werden Produkte und Waren nicht nur sprichwörtlich auf einen Sockel gehoben, auf einer Warenauslage präsentiert, besonders gegenüber anderen Waren hervorgehoben, gegebenenfalls im Schaufenster dargeboten, entsprechend illuminiert und mit textlichen Produktbeschreibungen erläutert und angepriesen. Das Inszenieren von Ware als choreografierte Show. Demzufolge sind Warenwelten durchaus vergleichbar mit musealen Präsentationsformen und Architekturen des Ausstellens.496 Museale Warenpräsentation in Vitrinen, Kaufhaus Leonhard Tietz, Düsseldorf, 1909 [Behn 1984, Bild-Nr. 274] Mehrere technische und bauliche Neuerungen der Zeit katalysierten den Fortschritt des Warenhauses in dieser Epoche und veränderten das Bild und den „Lebensrhythmus“ der Stadt: Zum einen die Eisenbahn: Mit dem Ausbau des Schienennetzes konnte sich der Warenverkehr deutlich ausbreiten – mehr Waren von unterschiedlichen Produk- Abb. 48 494 Baur 2009: Ausstellen, Exposition, Expositium, Monstra, Exhibition 495 Baur 2009, S. 13 f. 496 Vgl. Baur 2009 2.8 Das Warenhaus 111 tionsorten gelangten schneller zu den neuen Konsumorten. Zudem waren die großen Markthallen und Warenhäuser des 19. Jahrhunderts an dieses Verkehrsnetz direkt angeschlossen, hatten eigene Haltestellen für Besucher beziehungsweise konnten die Waren direkt in die Lager anliefern. Aber auch das Automobil veränderte die Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Wenn auch nur für einen geringen Bruchteil der Bevölkerung zugänglich, wurde das Automobil zur Auslieferung von Waren genutzt497 – damit war eine individuelle Lieferung unabhängig vom statischen Schienennetz möglich. Als wesentlichste bautechnische Neuerung dieser Zeit ist einerseits die Verwendung von Eisen-Glas-Konstruktionen zu nennen, die vor allem in den großflächigen Fassadenöffnungen der Warenhäuser oder den transparenten Passagen oder überdachten Lichthöfen ihre Anwendung fanden. Zudem ermöglichten Stahlskelett- Konstruktionen den Entwurf großzügiger und weitestgehend stützenfreier Innenräume, die für die Konzeption der Warenhäuser wesentlich waren. Eine weitere technische Neuerung des 19. Jahrhunderts veränderte die Stadt und die Konsumkultur maßgeblich: elektrisches Licht verlängerte die Tage künstlich, einerseits in den Fabriken, es konnte nun länger produziert werden498, andererseits in den Straßen und Warenhäusern der Stadt, es konnte nun auch länger konsumiert werden. So gab es in der bereits genannten Kaisergalerie in Berlin 1871 erstmals eine öffentliche Beleuchtung. Das Licht, ob natürlich in den Lichthöfen und Atrien oder künstlich, spielte eine wesentliche Rolle im warenästhetischen Inszenierungskonzept der neuen Konsumorte, der Warenhäuser. So beschreibt es auch ein Artikel zum Ende des 19. Jahrhunderts in Frankfurt: „Viele Leute gehen in die Stadt mit der Absicht zu kaufen und führen diesen Vorsatz auch aus, die Meisten aber wollen nur das Leben und Treiben und die schönen Auslagen sehen. Jeder nur einigermaßen beleuchtete Erker findet Bewunderer, wo aber Glühlichter die ausgestellten Kostbarkeiten in gedämpften bunten Farben erscheinen lassen, da gibt es des Staunens und Bewunderns kein Ende.“499 497 Schwarz 1995, S. 15 498 Schwarz 1995, S. 15 499 Frankfurter Kleine Presse vom 12.12.1896, zit. in: Schwarz 1995, S. 17 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 112 Voraussetzungen des neuen Bautyps Warenhaus Die bereits beschriebenen unternehmerischen Veränderungen führten nicht nur zur neuen Betriebsform Warenhaus, sondern auch zu einer neuen Bauaufgabe im 19. Jahrhundert, neben Passagen, Bahnhöfen und Ausstellungspalästen.500 Bestimmende Materialien bei diesen Bauaufgaben waren das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neu entwickelte Eisen501 und Glas502 – eine Kombination, die neue konstruktive Möglichkeiten und damit eine neue Architektur bot, die vor allem mit natürlichem Tageslicht arbeitete und somit helle, weit überspannte Räume ermöglichte.503 Um diesen Anforderungen und Wünschen der Bauherren gerecht zu werden, war ingenieurtechnisches Verständnis notwendig und das führte wiederum zu einer Debatte zwischen Architekten und Bauingenieuren über die Verwendung des neuen Baustoffes Eisen504, die jedoch letztlich zu einer „fruchtbaren und zukunftsweisenden Zusammenarbeit“505 führte. Walter Benjamin beschreibt in seinem „Passagenwerk“ diese revolutionären bautechnischen Neuerungen folgendermaßen: „Mit Wintergärten und Passagen (…) begann der Eisenbau. Sehr schnell aber fand er seine wahren technischen und industriellen Anwendungsgebiete, und es entstanden jene Konstruktionen, die kein Vorbild in der Vergangenheit hatten und aus völlig neuen Bedürfnissen hervorgingen, Markthallen, Bahnhöfe, Ausstellungen. Bahnbrechend waren die Ingenieure.“506 2.8.3 500 Habel 2009, S. 104 501 Im Sinne eines schweißbaren Eisens; im Gegensatz zum Gußeisen, das zwar schon früher bei konstruktiven Brückenbauten Verwendung fand, jedoch nicht geschweißt, sondern lediglich genietet werden konnte 502 Die Erfindung von Gußglas durch Lucas de Neheron im Jahr 1688; Geist 1969, S. 68 503 Habel 2009, S. 104 504 Vgl. Sombart, Werner: Das Warenhaus, ein Gebilde des hochkapitalistischen ZeitalterS. In: Probleme des WarenhauseS. Berlin 1929, S. 83 505 Habel 2009, S. 104 506 Benjamin 1983, S. 1061 2.8 Das Warenhaus 113 Glas und Eisen als Baumaterialien Die Möglichkeiten der Verwendung der neuen Baumaterialien führten zu neuen Möglichkeiten der Konstruktionen, wie glasüberdachte Passagen und Höfe, riesige Schaufensteranlagen, stützenfreie Räume, die mehr Verkaufsflächen boten und zu völlig anderen Optionen der Warenpräsentation führten. Hatte die Passage als typologischer Vorreiter in der Konsumarchitekturgenese noch einen engen stadträumlichen Bezug – als Transitraum zwischen mindestens zwei Boulevards oder Fußgängerzonen, verlagerten sich Basare und Märkte im 19. Jahrhundert zunehmend in die teilweise mehrgeschossigen Innenhöfe, um die offene und separate Verkaufsstände angeordnet waren. Der Charakter dieser Architektur hatte bereits einen hohen Inszenierungswert, da man von den umlaufenden Galerien in den höher gelegenen Stockwerken auf die Aktivitäten an den Ständen blicken konnte und somit als passiver Beobachter Bestandteil der Warenwelt Basar war. Durch dessen Raumorganisation gilt der Basar des 18. Jahrhunderts als unmittelbares bautypologisches Vorbild für das Warenhaus des 19. Jahrhunderts.507 Die Weltausstellungen in London (1851) und in Paris (1889) führten zu einer verstärkten Begeisterung für die Materialien Eisen und Glas und die Möglichkeiten, große Teile von Architektur vorzufertigen und innerhalb von kurzer Zeit zu errichten. Bekanntestes und einprägsamstes Beispiel war hier sicherlich der Kristallpalast von Joseph Paxton 1851, der eine Ausstellungshalle, die 563 Meter Länge, 124 Meter Breite und bis zu 40 Meter Höhe aufwies, und die Möglichkeiten der neuen Materialien und Konstruktionen eindrucksvoll darbot (Abb. 49).508 507 Habel 2009, S. 105 508 Habel 2009, S. 105 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 114 Chrystal Palace, London, Architekt: Joseph Paxton [Quelle: Wikimedia, 15.11.2014] Vorreiter in der Umsetzung neuer Verkaufskonzepte bei gleichzeitiger Verwendung der neuen Materialien war Frankreich. In Großbritannien galten strengere Bauvorschriften, sodass sich die Warenhausarchitektur hier nicht entwickeln konnte.509 In den USA dagegen hätte man von den Erfahrungen mit den neuen Konstruktionen in Europa profitiert – bereits Ende der 1840er-Jahre entstanden auf Eisenskelettkonstruktionen basierende Lager- und Geschäftshäuser in New York. In den 1880er-Jahren wurde in Chicago das erste Warenhaus eröffnet, das den französischen Vorbildern mit weiten hellen Innenräumen, mehrgeschossigen Galerien um eine Lichthofanlage und auf Repräsentation ausgerichteten Verkaufsräumen glich.510 In Deutschland setzt die Entwicklung der Warenhausarchitektur vergleichsweise spät, erst mit der Errichtung des Kaufhauses Wertheim in der Oranienstraße in Berlin 1894 ein. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beklagte der Autor Julius Hennicke mit Blick auf die europäischen Nachbarn und die USA diese Verzögerungen und dass die vorhandenen Geschäftshäuser in Architektur, Atmosphäre und Ansatz nicht der Entwicklung der aufstrebenden deutschen Städte entsprechen: „Vergeblich sucht man hier nach großen Kaufhäusern, wie solche in Frankreich, England und Amerika bestehen. Die ungeheure Mehrzahl aller Kaufläden ist notdürftig in Wohnhäusern untergebracht, und zwar zumeist im Abb. 49 509 Habel 2009, S. 108 510 Habel 2009, S. 108 2.8 Das Warenhaus 115 Erdgeschoß derselben, da das Publikum sich an höher gelegenes Geschäftslokal nur schwer gewöhnen will.“511 Traditionelle Bauart für Geschäfte war deren Integration in bestehende Bauten oder, bei Neubauten, die Orientierung am Vorgängerbau – dies sah vor, dass in den beiden unteren Etagen Verkaufsräume eingerichtet wurden, während die oberen Stockwerke als Wohnraum genutzt wurden.512 Dies führte natürlich zu Schwierigkeiten bei der Fassadengestaltung, die unterschiedlichen Nutzungen und Ansprüchen gerecht werden musste, und resultierte in einer Kritik an dieser „Zwitternutzung“: „Dabei ist es niemals gelungen, für die Fassaden eine künstlerische Einheit zu gewinnen oder auch nur den Widerspruch zwischen den großen Schaufensteröffnungen und den kleinen Fensteröffnungen der Wohnungen zu lösen.“513 Das Warenhaus als Bühne „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die großen Warenhäuser zu Vergnügungspalästen geworden, die ihre wahren kommerziellen Absichten mit einem kunstvoll inszenierten Spektakel kaschierten.“514 Theater gelten als „Kunsttempel“515, Kauf- und Warenhäuser als „Kathedralen des Konsums“516 – worin liegen Parallelen, Adaptionen und Unterschiede? Ausgangspunkt für diesen Ansatz ist der Mensch und sein sozialer Habitus. Das Handeln der Menschen in der Gesellschaft erfolgt stets in sozialen Rollen. Insofern kann behauptet werden, dass „die soziale Welt eine Bühne [ist] mit Publikum, Darstellern und Außenseitern, mit Zuschauerraum und Kulissen (…)“.517 2.8.4 511 Berlin und seine Bauten, Bd. 1, Berlin 1877, S. 314, zit. in: Habel 2009, S. 109 512 Habel 2009, S. 110 513 Berliner Architekturwelt 1 (1899), S. 7, zit. in: Habel 2009, S. 110 514 Grunenberg 2002, S. 21 515 Hellmann 2009, S. 584 516 In Anlehnung an den englischsprachigen Titel von Crossick, Geoffrey; Jaumain, Serge (Hg.), 1999 oder Opaschowski 1998a 517 Vorwort von Lord Ralf Dahrendorf in: Goffman et al. 2011, S. VII 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 116 Diese Beschreibung trifft auf den Alltag518, insbesondere aber auf die Konsum- und Warenwelten als Bühne zu, da in ihnen durch Distinktion und Teilhabe am Konsum die sozialen Rollen der Akteure, die als Konsumenten agieren, besonders deutlich hervortreten. Im Mittelpunkt der These, dass sich Kauf- und Warenhäuser sowohl aus dem 19. Jahrhundert als auch bis heute theatergleich inszenieren, steht der Raum – dieser ist zentral für die Gestaltung und Inszenierung des gesamten Objektes, der Architektur, der Beziehung zwischen Kaufhaus (Unternehmen), Ware, Personal und Kundschaft.519 Die Soziologin Delitz bezieht sich in ihren architektursoziologischen Ausführungen zu Konsumräumen auch auf die Metapher, dass Architektur des Konsums im Kontext der Konsumsoziologie als Bühne zu verstehen sei.520 Architektur stelle dabei die Bühne dar; neben der Innenraumgestaltung, der Lichtführung und dem Schaufensterdesign ist Architektur damit Bestandteil der objektiven Kultur und gleichzeitig der Rahmen dieser Elemente. Zudem seien die Schauspieler, Regisseure und Bühnenausstatter in den Akteuren der Warenhausbesitzer, der Warenhausarchitekten und der -verkäufer zu finden.521 Der Raum des Kaufhauses versucht zunächst durch seine raumbildenden Bestandteile wie Eingangssituation, Erschließung, Lichtführung, Geschossigkeit, Öffnungen und Wegeführung sowie durch seine Einrichtung eine „von der Umwelt abgeschlossene Welt“ zu erzeugen, die den Kunden, ergänzt durch den Faktor der „Zeitlosigkeit“ (in dieser autarken Umwelt), „zu endlose[m] Verbleiben einlädt“.522 Diese Selbstinszenierung des Kaufhauses und der Warenwelt hat sowohl passive wie auch aktive Absatzförderung zum Zweck.523 Der reale Raum wird 518 Titel von Goffman et al. 2011 519 Hellmann 2009, S. 584, sowie Keim 1999 520 Delitz 2005, S. 39 521 Delitz 2005, S. 40 522 Hellmann 2009, S. 584, und Keim 1999 523 Hellmann 2009, S. 584, und Keim 1999 2.8 Das Warenhaus 117 in seiner Wirkung und Atmosphäre zu einem imaginären, fast virtuellen Raum, in dem die Illusion des Kaufens wirkt.524 Bereits im Jahr 1899 prägte der US-amerikanische Volkswirtschaftler und Soziologe Thorstein Veblen525 den Begriff der „conspicuous consumption“526, des sichtbaren oder demonstrativen Konsums oder des sogenannten Geltungskonsums, der davon ausgeht, dass Güter und Dienstleistungen527 wegen ihres Preises, ihres Status oder des Prestiges, das sie vermitteln, konsumiert werden – daher werde der Konsum528 dieser Waren demonstrativ gezeigt und theatergleich ausgestellt. Der Konsum- und Medienwissenschaftler Bolz spricht im Zusammenhang von Kaufhaus, Konsum und Bühne vom „Einbruch der Theatralität in den Alltag“529. Der „neidische Vergleich“ mit anderen werde im System des Konsumismus habituell.530 Dementsprechend muss und müsse die Architektur des Konsumortes so konzipiert sein, dass diese Zurschaustellung funktioniert. Dieses Prinzip hatte in der historischen Genese der Architektur des Handels immer dann Erfolg, wenn der Konsumort auch zugleich eine öffentliche Funktion innehatte oder in räumlicher Nähe zu öffentlichen Institutionen lokalisiert war: die griechische Agora war neben dem politischen und religiösen Zentrum der Stadt auch Stätte des Handels, ebenso im ältesten Stadtkern des römischen Pompeji waren die Markthallen in direkter Nähe zum Forum und den Tempelanlagen angelegt. Dies verdeutlicht, wie bereits zu Beginn dieses Kapitels beschrieben, dass die Funktionen Stadt, Handel und Gesellschaft über Jahrhunderte miteinander verknüpft waren und sind. Der mittelalterliche Markt ist dabei ein frühes Vorbild: 524 Auch in den Onlineshops werden mittlerweile virtuelle Warenwelten, Warenräume erzeugt, die Hersteller, Produkt und Ware und letztlich den Konsum inszenieren. 525 1857–1929; Veblen 2007 526 Veblen, Banta 2007, Kapitel IV, conspicuous consumption, S. 49 ff. 527 Veblen 2007, S. 103 528 Im Sinne von Erwerb und Verbrauch 529 Bolz 2002, S. 96 530 Bolz 2002, S. 100 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 118 „Der Marktplatz ist immer auch ein Schauplatz der Prahlerei. Wir alle spielen Theater – gerade auch wenn wir konsumieren. Und verkaufen läßt sich deshalb heute nur noch, was einen ‚Inszenierungswert’ hat.“531 Das Kaufhaus als Warenwelt inszeniert sich dabei selbst als Bühne, auf der die Ware die Rolle des Schauspielers übernimmt, das Verkaufspersonal unterstützend souffliert und im „Idealfall“ die Kunden selbst zum „Mitspieler“532 werden. Auch der Kulturhistoriker William Leach beschreibt die Verkaufsabteilungen im Warenhaus als Bühne, auf der das Stück aufgeführt werde.533 Selbst in der Theaterwissenschaft wird die Vergleichbarkeit von Theater, Bühne und Film mit den Kauf- und Warenhäusern hinsichtlich ihrer Funktion der Verführung von Kunden herausgestellt.534 Überhaupt lasse sich eine Analogie zwischen Konsumkultur und Unterhaltungskultur herleiten, wobei vor allem Werbung und Kaufhäuser von neuen kommerziellen Unterhaltungsformen profitierten535: „Centering on modern advertising and the department store, the emerging culture of consumption was flanked by a whole range of new commercial entertainments which flourished around the turn of the century.”536 Nathalie Bredella führt eine wesentliche Parallele zwischen Kaufhaus und Theater an – den Raum selbst. Die Räume der Kaufhäuser gleichen in vielerlei Hinsicht denen der Theater in Bezug auf ihre räumliche Komposition.537 Die Foyers der Theater glichen denen der Kaufhäuser, die mit Aufzügen, Telefonen, Lounges und Restaurants sowie mit elektrischem Licht ausgestattet seien.538 Das Kaufhaus entwickelte sich zunehmend zur Bühne, auf der die Ware die Rolle des Schauspielers übernehme.539 531 Bolz 2002, S. 96 532 Bolz 2002, S. 110 533 Leach 1994, S. 76 534 Bredella 2009, S. 129 535 Bredella 2009, S. 129 536 Hansen, Miriam (1990): Adventures of Goldilocks: Spectatorship, Consumerism and Public Life, in Zeitschrift camera obscura, 1990, S. 53, zit. in: Bredella 2009, S. 129 f. 537 Bredella 2009, S. 130 538 Bredella 2009, S. 130 539 Leach 1994, S. 306–307, zit. in: Grunenberg 2002, S. 22 2.8 Das Warenhaus 119 Die Warenhausentwicklung, ausgehend von ihren Anfängen in Frankreich, wurde in den USA hinsichtlich des Inszenierungs- und Spektakelcharakters am weitesten forciert und wurde somit auch zum Vorbild für deutsche Warenhausbesitzer und -entwickler.540 Durch diese Funktion der Architektur als Bühne ist mit dem Warenhaus der Beginn der Verschmelzung der Architektur mit den Bereichen Kulissenbau, Bühnenbild und Schaufensterdekoration anzusetzen, die einerseits in der Debatte um Atmosphären und deren Wirkung Bedenken auslöst – damit „gerät sie [die Architektur, Anm. d. Verf.] in bedenkliche Nähe zu ihren kleinen Geschwistern, nämlich Bühnenbild und Innenarchitektur“541, andererseits wird die Frage gestellt, ob eine scharfe Abgrenzung der Disziplinen innerhalb der Architektur überhaupt erfolgen müsse542 oder die Architektur in ihrer Gesamtheit und ihrer atmosphärischen Wirkung nicht vielmehr als ganzheitliche Einheit wirkt. Der Raum wirkt durch die Summe seiner gestalterischen Elemente in seiner Gesamtheit und weniger durch Einzelmaßnahmen. An der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert vollzog sich eine grundlegende Veränderung im gesellschaftlichen Verhalten – Einkaufen oder Shopping hatte sich zu einer der wichtigsten Freizeitaktivitäten entwickelt und die Destinationen der Warenwelten etablierten sich zu selbstständigen Ausflugszielen543 und Sehenswürdigkeiten: ein Prozess, der bis heute anhält und seine Gültigkeit besitzt – Innenstädte und Einkaufszentren sind auch heute für viele Besucher attraktiv und Ausflugsziel zugleich. Diesem Umstand versuchen die Shopping-Center-Entwickler durch komplexe Konzepte und Nutzungsvielfalt in den multifunktionalen Centern Rechnung zu tragen. Einen Eindruck der Atmosphäre der Warenhäuser, auch über das eigentliche Kaufen hinaus, gibt Gustav Stresemann in seinen Ausführungen von 1900: „Inzwischen haben es die Warenhäuser sich anlegen lassen, immer mehr zur Bequemlichkeit ihrer Kunden zu thun, Wertheim hat in Berlin bereits eine Art Ausschank innerhalb seines Etablissements errichtet, wo man gegen Entgelt Bier, Kaffee, Chocolade, Gebäck etc. erhält. 540 Frei 1997, S. 80, 82 541 Böhme 2006a, S. 18 542 Böhme 2006a, S. 18 543 Grunenberg 2002, S. 22 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 120 Wenn man heute in einer Familie hört: Wir gehen zu Wertheim, so heißt das nicht in erster Linie, wir brauchen irgendetwas besonders notwendig für unsere Wirtschaft, sondern man spricht von einem Ausfluge, den man etwa nach irgend einem schönen Orte der Umgegend macht. Man wählt sich dazu einen Nachmittag, an dem man möglichst viel Zeit hat, verabredet sich womöglich noch mit Bekannten (…), bewundert man erst eine ganze Zeit lang die Schaufenster, dann ergeht man sich in den Erdgeschoßräumen, sieht sich die verschiedensten Auslagen an, kauft vielleicht hier und da, läßt sich durch den Fahrstuhl in den ersten Stock befördern und nimmt womöglich eine Tasse Chocolade nebst dem obligaten Stück Torte oder Apfelkuchen. Hat man Bekannte gefunden oder mitgebracht, so bleibt man wohl plaudernd längere Zeit sitzen, zeigt sich die Einkäufe und reizt sich dadurch gegenseitig zu neuen Ausgaben. Die Zeit verfliegt mit dem Betrachten der verschiedenen Rayons, der Toiletten der einkaufenden Damen, der Unterhaltung und anderem, und wenn man an der Uhr plötzlich sieht, daß es höchste Zeit sei heimzukehren, so macht man oft wohl gleichzeitig die Wahrnehmung, daß man anstatt der einen Cravattenschleife, die man anfänglich kaufen wollte, mit einem ganzen Bündel der verschiedenartigsten Sachen beladen ist. Eine Zeitlang spürt man vielleicht Reue, und nimmt sich vor, nicht wieder so leichtsinnig zu sein, aber sobald man das Warenhaus betreten hat, um einen kleinen Einkauf zu machen, wiederholt sich das Schauspiel aufs neue.“544 Die Warenwelt im Kauf- und Warenhaus des 19. und 20. Jahrhunderts wurde zunehmend zum „Konsumspektakel“, wobei „der Rahmen sehr viel kunstvoller geworden war als das Kunstwerk selbst“545 Die eigentliche Aufmerksamkeit wurde von der Ware zu den vielfältigen Assoziationen um das Kaufen gelenkt – es stand vielmehr die Welt um die Ware im Mittelpunkt: die Warenwelt. Das Warenhaus bildete den Höhepunkt der Entwicklung zum modernen „ökonomischen Gesamtkunstwerk: ein Monument der Verführung der Sinne durch Farbe, Material, Textur, Bewegung, Klang und Form“.546 Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte nochmals ein Wandel in der Konsumkultur verzeichnet werden. Unter dem Einfluss der Weltausstellungen und der Kolonialisierungswellen zogen exotische Produkte und Ambiente in die Warenauslagen der Kaufhäuser ein 544 Unverändert übernommenes Originalzitat von Gustav Stresemann, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Nr. 56, 1900, S. 713–714 545 Beide Zitate: Grunenberg 2002, S. 23 546 Grunenberg 2002, S. 23 2.8 Das Warenhaus 121 und setzen sich in „orientalischen Salons“ und „ägyptischen Sälen“ fort.547 Auch die Rolle der Frau in der Darstellung des Konsumgeschehens änderte sich. Die Konsumansprache der neuen Warenwelt Warenhaus richtete sich auch direkt an die Frau, wodurch auch eine veränderte soziale Rolle der Frau deutlich wird.548 Frauen wurden nicht mehr ausschließlich mit den häuslichen Waren in Verbindung gebracht, sondern Konsum, Vergnügen und Unterhaltung traten auch für Frauen in den Vordergrund der Warenwelt, sodass sich neben den männlich dominierten Debattierklubs aus den Passagen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts auch Salons für Frauen in Warenhäusern etablierten. Damit entstand ein Mix aus Themen und Eindrücken im Warenhaus, den Miller mit „Synkretismus, Anachronismus, Unlogik, Üppigkeit [und] Kindlichkeit“549 beschreibt. Es wurde eine „phantasmagorische Traumwelt des Konsums“550 erzeugt, die Konsumenten anregte, in ferne und fremde Fantasiewelten oder in die Vergangenheit einzutauchen551: ein Prinzip, das teilweise auch in zeitgenössischer Warenwelt- Architektur diverser Shopping-Center-Betreiber bewusst angewandt wird. Die Themen Inszenierung, Imitation, Scheinbilder und -welten oder der Begriff der Authentizität finden in dieser Zeit ihren Ursprung. Warenwelten als Theater: „Retail Theater“ Der Soziologe Kai-Uwe Hellmann zieht Parallelen zwischen der Aufführung eines Theaterstücks und dem (Erlebnis‑)Kaufen und folgt damit der Sozialtheorie von Erving Goffman.552 Bei beidem, Theaterbühne und der Warenwelt als Bühne, findet eine Rollenverteilung zwischen Leistung und Publikum statt.553 Während jedoch beim Theater die Schauspieler untereinander interagieren und im Normalfall nicht mit dem Publikum in Kontakt treten, findet die Interaktion beim Ein- 2.8.4.1 547 Grunenberg 2002, S. 24 548 Bredella 2009, S. 130 549 Übersetzung d. Verf.: Originalzitat: „syncretism, anachronism, illogicality, flamboyance, childishness“, Williams 1991, S. 69 550 Grunenberg 2002, S. 24 551 Williams 1991, S. 66–69. 552 Hellmann 2009 553 Hellmann 2009, S. 587 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 122 kaufen gerade zwischen Verkäufer und Publikum, den Konsumenten, statt. Das Publikum beim Shopping wohnt der Inszenierung und Aufführung des (Theater-)Stücks nicht nur passiv bei, sondern nimmt selbst aktiv daran teil.554 Beim Erlebniskauf werde das Mittel zum Selbstzweck und hier ist die größte Übereinstimmung zur Theateraufführung: „Denn nicht das Erwerben von etwas, sondern das Erleben dessen, was überhaupt erworben werden könnte, steht hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.“555 Hellmann beschreibt, was wesentlich in der Psychologie des Verkaufens ist und was sich vor allem die Warenhäuser des 19. Jahrhunderts als Strategie aneigneten: Nicht der konkrete Kauf steht im Mittelpunkt des Interagierens beim Shopping, sondern die Simulation von Besitz und Verwendung dessen, was verkauft werden soll.556 Schnell lassen sich Parallelen herleiten zu Theorien von Debord und Baudrillard, die das Shopping als Spektakel und Teil von Erlebnisunterhaltung sehen.557 Darüber hinaus ist nicht nur das Shopping selbst als Theater zwischen Warenwelt, Verkaufspersonal und Kundschaft zu sehen, sondern auch während des Shoppings wird Theater inszeniert, in Form von Aufführungen, Sport, Musik, Varieté. Wenn von „Retail-Theater“ gesprochen wird, meint dies diese beschriebene Verschmelzung von Shopping und Theater558 und ist klare Strategie von Händlern und Betreibern: „Retail theater is staged to create desires to enter, stay and return.“559 Pine und Gilmore analysierten die Entwicklung des Erlebniskaufes in den USA und stellten fest, dass seit den 1980er-Jahren nicht mehr nur der Verkauf von Waren, Konsumgütern oder Dienstleistungen im Mittelpunkt der Handelsaktivitäten der Unternehmen stand, sondern bestimmte Erlebnisse hervorgerufen wer- 554 Hellmann 2009, S. 587 555 Hellmann 2009, S. 588 556 Hellmann 2009, S. 588 557 Ausführungen dazu im Kapitel 3 558 Hellmann 2009, S. 589 559 Sherry, John F., Jr./Kozinets, Robert V./Storm, Diana/Duhachek, Adam/Nuttavuthisit, Krittinee/Deberry-Spence, Benet (2001): Being in the Zone. Staging Retail Theater at ESPN Zone Chicago. In: Journal of Contemporary Ethnography 30, No. 4. 465–510., S. 496, zit. in: Hellmann 2009, S. 589 2.8 Das Warenhaus 123 den sollen.560 Mit diesen Erlebnissen, die einprägsamer seien als Gebrauchswerte der Waren, erreichten die Unternehmen ein Involvement der Kunden und damit ein mittlerweile höher bewertetes Gut: die Kundenbindung an eine Marke oder ein Produkt. Konsumenten werden durch diese Erlebnisbindung in eine eigene (Waren-)Welt eingebunden. Um diese Einbindung der Kunden in den Erlebnisverkauf zu erreichen, führen Pine und Gilmore sämtliche Aspekte an, die auch bei der Theateraufführung eine Rolle spielen: das Bühnenbild, das Drehbuch, die Arbeitsteilung des Theaterpersonals und die Formen der Vorführung.561 Hellmann führt diese Überlegungen zum Shopping und Theater weiter, indem er die Theatermetapher auch auf Märkte allgemein anwendet, denn auch das Shopping in seiner traditionellen Form sei ein spezieller Markt.562 Inwieweit diese Theatertheorie auch auf neue Formen des Konsums, bei Durchdringungen realer, stationärer mit virtuellen Märkten, anwendbar ist, ist noch nicht diskutiert. Fallbeispiel: Das Wertheim in Berlin „Wer das Haus Wertheim zum ersten Male betritt, empfängt den Eindruck eines erdrückenden Gewirres. Menschen fast zu jeder Tageszeit in ununterbrochenem Strömen; unabsehbare, immer neue Reihen von Verkaufsständen; ein Meer von Warenmassen, ausgebreitet; Treppen, Aufzüge, Etagen, sichtbar wie die Rippen eines Skeletts; Säle, Höfe, Hallen; Gänge, Winkel, Kontore; Enge und Weite, Tiefe und Höhe; Farben, Glanz, Licht und Lärm; ein ungeheuerliches Durcheinander, scheinbar ohne Plan und Ordnung. Wer aber einen Über- und Einblick in das Haus und sein Getriebe gewinnen will, bedarf häufiger Besuche, fast eines richtigen Studiums.“563 Im Unterschied zu den großen Warenhausneubauten in Frankreich, England und den USA Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Warenhauskultur in Deutschland langsamer, in den kleinen und Mittelstädten und aus einfachen Mode-, Woll- oder Kurzwarenläden. In 2.8.5 560 Pine et al. 2000, S. 29 561 Pine et al. 2000, S. 256 562 Hellmann 2009, S. 591 563 Paul Göhre, Das Warenhaus, 1907, zit. in: Adam 2012, S. 133; Originalquelle: Göhre, Paul (1907): Das Warenhaus, Frankfurt am Main, S. 15 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 124 Deutschland war es lange Zeit üblich, dass sich die Geschäftshäuser kaum von den gründerzeitlichen Wohnhäusern unterschieden – lediglich im Erdgeschoss war ein Ladengeschäft eingerichtet. Ob in den oberen Geschossen Wohnen oder ebenso Verkauf stattfand, war in der Fassade nicht ersichtlich.564 Mit der in Deutschland verspätet einsetzenden Industrialisierung veränderten sich aber auch Ansichten, Bedarfe und Erwartungen an den Detailhandel. Viele Geschäfte mussten vergrößert werden und begannen, über neue Betriebsformen nachzudenken. So auch bei der Familie Wertheim, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Stralsund ein Modewarengeschäft eröffneten, das alsbald zusätzlich Kurzwaren anbot und bereits nach einigen Jahren vergrößert werden musste.565 Die Söhne Wertheims verfolgten erfolgreich ihre Expansionspläne und eröffneten zunächst 1884 eine Filiale in Rostock und 1885 die erste Filiale in Berlin. Die Familie hatte mit ihren Modewarengeschäften, die bereits erste neue Prinzipien wie Umtauschrecht, Anfassen der Ware, feste Preise und Angestellte hatten, großen Erfolg.566 Im Jahr 1890 eröffnete in Berlin das erste Wertheimgeschäft (am Moritzplatz, Ecke Oranienstraße), das Warenhaus genannt wurde und in dem die Waren in großzügigen Räumen und in hoher Stückzahl präsentiert wurden.567 Doch auch dieses Geschäft wurde räumlich zu klein, sodass die Brüder Wertheim den Architekten Alfred Messel beauftragten, ein neues Warenhaus an der Leipziger Straße zu entwerfen – bis zu diesem Zeitpunkt wurden ausschließlich bereits vorhandene Häuser für den Geschäftsbetrieb umgebaut, jedoch nicht neu errichtet.568 Ein geplanter Neubau sollte nun allen Anforderungen an ein 564 Rooch 2013, S. 175 565 Adam 2012, S. 133 566 Ausführlich zum Erfolg der Familie Wertheim die Dissertation von Simone Ladwig-Winters: Ladwig-Winters 1997 567 In Berlin-Kreuzberg am Moritzplatz; Adam 2012, S. 134; Ladwig-Winters zitiert aus Tagebucheintragungen von Georg Wertheim, dass die Familie in das Warenhausgeschäft am Moritzplatz eher „unbeabsichtigt [in diese Bahn] geriet“, da im Viertel bereits ein Konkurrenz-Gemischtwarenladen etabliert war. Man musste das Sortiment mindestens um die gleichen Waren erweitern. Daraus entstanden ganze Abteilungen. Ladwig-Winters 1997, S. 19 568 Ladwig-Winters 1997, S. 19 2.8 Das Warenhaus 125 Warenhaus und an die neue Warenpräsentation entsprechen.569 Zunächst eröffnete man ein Warenhaus in der Oranienstraße, das bereits vom Architekten Alfred Messel errichtet worden war. Doch der Expansionskurs der Familie Wertheim ebbte nicht ab, weitere Filialen wurden eröffnet. Schließlich entschied man sich für einen weiteren Neubau durch Messel, bei dem die Idee „Alles unter einem Dach“ perfektioniert und verwirklicht werden sollte.570 Als bauliches Vorbild gilt das „Au Printemps“ in Paris, das 1865 durch Paul Sédille errichtet worden war, und nach dem „Au Bon Marché“ als das zweite große Warenhaus in Europa galt.571 Der 1897 in der Leipziger Straße 132/133 eröffnete Bau der Familie Wertheim galt nicht nur als „schönstes Warenhaus Deutschlands“, sondern war mit einer Verkaufsfläche von etwa 70.000 Quadratmetern auch das größte in Europa.572 Das Warenhaus Wertheim war in vielerlei Hinsicht ein Novum und im Vergleich zur konservativen Oranienstraße in der Formensprache moderner: eine vertikal gegliederte Fassade, die sich zwischen den massiven Pfeilern in Glas aufzulösen scheint und alle Etagen der Verkaufsräume mit Tageslicht versorgt; riesige Schaufenster, in denen nicht nur Waren ausgestellt wurden, sondern die Passanten auch zum Hineintreten animierten, und gleichzeitig durch die großzügige Betonung und Öffnung der Fassade ein Öffnen des Innenraums zum städtischen Außenraum über den durch den Mittelrisalit hervorgehobenen Eingang. Julius Posener sprach vom „gläsernen Pfeilerbau“573 und auch Henry van de Velde spricht von einem „modernen architektonischen Werk, welches ein (…) Gefühl der Grossartigkeit und des fein Ersonnenen verursacht“574. 569 Ladwig-Winters 1997, S. 19 570 Ladwig-Winters 1997, S. 20 ff. und 29 571 Habel 2009, S. 118 572 Adam 2012, S. 134 573 Zit. in Behn 1984, S. 93 574 Zit. in: Rooch 2013, S. 178 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 126 Fassade Warenhaus Wertheim in der Leipziger Straße (I. und II. Bauabschnitt), Aufnahme um 1900 [Ladwig-Winters 1997, S. 30] Die Fassade war jedoch lediglich die eine Seite, wie sich das Wertheim- Warenhaus darstellte – es beeindruckte noch vielmehr im Inneren: Messel entwarf zwei Lichthöfe. In diesen Lichthöfen wurden Treppenanlagen errichtet, die die Verkaufsebenen verbanden; über Galerien und Arkaden erzeugte Messel eine innere Offenheit, die den Innenhof wiederum als eigenständigen Marktplatz oder Theaterbühne erscheinen ließ, auf dem „Konsumkultur [inszeniert wurde]“.575 Das Prinzip der Anordnung der Verkaufsebenen um einen zentralen Lichthof verwendete Messel schon im Warenhaus in der Oranienstraße und es ist als unmittelbare Adaption des französischen Warenhaustypus zu sehen.576 Die Stirnwand des sogenannten Alten Lichthofes wirkt fast wie der Altar in einem Kirchenbau (Abb. 51). Neben riesigen Verkaufsflächen wurde für die Kunden auch ein Erfrischungsraum angeboten.577 Alfred Messel und Georg Wertheim verband eine lange Zusammenarbeit – viele der neuen Wertheimbauten wurden durch ihn errichtet.578 Abb. 50 575 Rooch 2013, S. 180 576 So auch schon beim „Au Printemps“, Habel 2009, S. 162 577 Ladwig-Winters 1997, S. 29 578 Siehe auch die Dissertation von Robert Habel: Habel 2009 2.8 Das Warenhaus 127 (links) Alter Lichthof (im Bauabschnitt I); an der Stirnseite Treppenanlage und Skulptur von Ludwig Manzel („Frau Wertheim“) [Ladwig-Winters 1997, S. 37] (rechts) Der „große“ Lichthof mit einer Grundfläche von 740 Quadratmetern und 24 Meter Höhe, mit Marmorpfeilern und vergoldeten Reliefs, Aufnahme um 1900 [(Ladwig-Winters 1997), S. 39] Simone Ladwig-Winters stellt zutreffend in Bezug auf die Bauaufgabe Warenhaus fest, dass Messel das Neue im Architektonischen umsetzen konnte, was Wertheim im Wirtschaftlichen tat.579 Messel erarbeitete für Wertheim nicht nur die architektonischen Entwürfe, sondern auch bauliche Details wie Handläufe, Verglasungen, Fenster und Leuchten und sogar die Gestaltung der Lieferwagen580 – man kann also durchaus von einem ganzheitlichen Unternehmensauftritt, einem Corporate Design für die Marke Wertheim sprechen. Das Warenhaus in der Leipziger Straße als Messels Hauptwerk.581 Der Erfolg der Familie Wertheim hielt an, nach einer weiteren Anmietung eines Geschäftes musste das große Warenhaus in der Leipziger Straße bereits 1899 unter dem Konkurrenzdruck des Warenhauses Tietz (1900 eröffnet) erweitert werden, zunächst nur entlang der Leipziger Straße, in weiteren Bauabschnitten auch in Richtung Leipziger Platz mit dem bekannten Kopfbau, sodass nahezu der gesamte Block- Abb. 51 Abb. 52 579 Ladwig-Winters 1997, S. 30 580 Ladwig-Winters 1997, S. 30 581 Habel 2009, S. 122 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 128 bereich durch das Wertheim-Warenhaus genutzt und nur durch die Lichthöfe unterbrochen wurde (siehe Abb. 53). Blockbereich Leipziger Straße, Vossstraße und Leipziger Platz, Berlin, überbaut mit dem Wertheim-Warenhaus, Darstellung um 1903 [(Ladwig-Winters 1997), S. 28] Insgesamt wurde das Ursprungshaus in fünf Bauabschnitten erweitert.582 Das Warenhaus Wertheim besaß nach diesen Erweiterungen eine Fassadenlänge von 330 Metern über die Leipziger Straße bis hin zum Leipziger Platz und eine Verkaufsfläche von insgesamt 106.000 Quadratmetern – das größte Warenhaus Europas seiner Zeit.583 Das gesamte Haus war auf (Re-)Präsentation des Konsums und der Waren ausgelegt, durch die Gestaltung der Verkaufsebenen, durch die Präsentation der Waren, durch die Anordnung der Räumlichkeiten im Haus, durch die Verwendung bestimmter Materialien, den Einsatz von Licht – durch eine Großzügigkeit, die man bis dato nicht kannte. Paul Göhre fasst zum Schluss seiner Beschreibung des Warenhauses Wertheim in der Leipziger Straße das Schlusswort: „(...) Es ist unmöglich, den ganz eigenartigen, neuen, gigantischen Reiz dieser Schöpfung auch nur annähernd zu schildern.“584 Obwohl das Warenhaus in der Oranienstraße als eigentlich erstes Warenhaus in Deutschland gilt, konnte es mit dem architektonischen und wirtschaftlichen Erfolg des Hauses in der Leipziger Straße nicht Abb. 53 582 Siehe dazu Habel 2009, S. 124 f. und 540 f. 583 Ladwig-Winters 2009 584 Göhre 1907, S. 19 2.8 Das Warenhaus 129 mithalten. Das Warenhaus Wertheim übte auf die Berliner Bevölkerung eine Faszination aus: Besucherandrang, Verkehrschaos und teilweise Sperrung des Hauses aufgrund des großen Andrangs.585 Das Haus wurde zur neuen Sehenswürdigkeit für Berlin proklamiert.586 Robert Habel, der sich in seiner Dissertation ausführlich mit den Bauten Messels für die Firma Wertheim beschäftigte, schlussfolgert zu den Gründen des großen Erfolges: „Neben einem reichhaltigen Warenangebot war es vor allem die besondere und neuartige Architektur und opulente Ausstattung des Hauses, welche die Bevölkerung in großer Zahl in die Leipziger Straße lockte. Wertheim setzte in dieser Hinsicht Maßstäbe, die bis in die zwanziger Jahre hinein Gültigkeit behielten.“587 Das Unternehmen Wertheim errichtete auch in den folgenden Jahrzehnten Filialen und Geschäftshäuser, mit unterschiedlichem Erfolg. Auch die Zahl der Konkurrenzwarenhäuser (Hermann Tietz, Karstadt, Kaufhof) stieg und der Druck unter den Handelsunternehmen wuchs, nicht zuletzt auch durch den Einfluss des Ersten Weltkrieges. Das Unternehmen Wertheim etablierte sich in der deutschen Warenhauskonkurrenz auf einen vierten Platz, hinsichtlich der Umsätze und der Zahl der Angestellten.588 Die Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929 brachte für alle Warenhauskonzerne finanzielle Schwierigkeiten und konnte nur durch Kreditaufnahmen überstanden werden.589 Den größten Einschnitt in der Geschichte der Familie Wertheim und für die Warenhauskultur in Deutschland stellte die Machtergreifung von Adolf Hitler 1933 dar590, die mit einem Boykott jüdischer Geschäfte einherging.591 Die ökonomische Existenz der Warenhäuser war das Ziel der NSDAP-Politik, denn sie verkörperten „die Konsumseite der modernen Industriegesellschaft“592. Es begann eine systematische Zermürbung der jüdischen Warenhauseigentümer und kam zu 585 Habel 2009, S. 147 586 Vossische Zeitung 1897, zit. in: Habel 2009, S. 125 587 Habel 2009, S. 147 588 Ladwig-Winters 1997, S. 74, 84 589 Ladwig-Winters 1997, S. 85 590 Habel 2009, S. 359 591 Ladwig-Winters 1997, S. 87; am 1. April 1933 wurde ein reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte ausgerufen. 592 Ladwig-Winters 1997, S. 90 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 130 einer „Arisierung“ in den Führungsebenen. Das Warenhaus Hermann Tietz war als eines der ersten betroffen.593 Trotzdem Georg Wertheim getauft worden war, galt er jüdischen Glaubens und erhielt 1934 quasi Hausverbot in der Leipziger Straße. 1937 trat Georg Wertheim aus dem Geschäft aus, das er schon längst nicht mehr besitzen und steuern durfte594, und verstarb zwei Jahre später. Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile Berlins zerstört. Durch die unmittelbare Nähe des Warenhauses Wertheim in der Leipziger Straße zur Reichskanzlei und zu weiteren Rüstungsbetrieben wurde auch dieses 1943 zunächst stark zerstört, 1944 erneut ausgebrannt und schlussendlich 1955 komplett abgebrochen.595 Keiner der Wertheimbauten überstand die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges, sodass lediglich Beschreibungen an das Besondere des Wertheim-Warenhauses erinnern: „Wertheim am Leipziger Platz war eine eigene künstliche und saubere Welt, bei einem Besuch hier ließ sich alles, was in der Realität geschah, ausblenden und für eine Weile vergessen. Der geschäftliche Tauschvorgang schien nebenrangig geworden zu sein, der Besuch des Warenhauses war das eigentliche Erlebnis. Man ging nicht mehr einkaufen, man ging zu Wertheim (…).“596 Exkurs: Das Schaufenster „Eine Stadt ohne Schaufenster ist grau und leblos (…) – sie sind moderne Lebensäußerung unseres Zwanzigsten Jahrhunderts, ein Bekenntnis zu allem Schönen und zum kulturellen Streben.“597 Das Schaufenster hat sich, ausgehend von seiner Genese aus dem funktionalen Laden, der den Verkaufsraum vom öffentlichen Raum trennte, im 19. Jahrhundert als bewährtes „Element der Verkaufsstrategie“598 etabliert. Reinhardt bezeichnet das Schaufenster als das „zentra- 2.8.6 593 Ladwig-Winters 1997, S. 92 ff. 594 Ladwig-Winters 1997, S. 107 595 Ladwig-Winters 1997, S. 138 596 Ladwig-Winters 1997, Vorwort ‚Zu diesem Buch‘, S. 7 597 Usinger, Hans; Heeren, Bodo (1956): Moderne Schaufensterwerbung. Essen: Girardet, S. 187, zit. in: Schmalen 1983, S. 67 598 Bredella 2009, S. 127 2.8 Das Warenhaus 131 le Selbstdarstellungsmedium des Einzelhandels“.599 Die Genese des Schaufensters ist Begleiterscheinung des Aufkommens der Warenhäuser und Filialen der Kaufhausketten: „Die Erdgeschoßfassaden beiderseits der städtischen Geschäftsstraßen wandelten sich mehr und mehr zu aneinandergereihten, verglasten Warentempeln“600 – das Schaufenster wurde damit zum „Fenster zum Konsum“, zum Medium für die Stadt, zur Stadt im Fenster. Einhergehend mit der „Ästhetisierung der Produktpräsentation“ gewährte das Schaufenster den Spaziergängern Einblicke und damit Zugang zur Warenwelt, die, nach Scheel, eine neue Schau- und Konsumlust hervorrief601 und auch das Gesicht der Stadt veränderte – somit städtebauliche Veränderungen nach sich zog. Die wesentliche Aufgabe des Schaufensters beschreibt Dorothee Huber in ihrem Aufsatz zu einer Basler Einkaufsstraße zur Jahrhundertwende: „Im Schaufenster erleben die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt den neuen Takt der Zeit in den ständig wechselnden Angeboten einer Gebrauchsgüterindustrie, die sich anschickt, im müssigen Spaziergänger den Kunden zu wecken.“602 Nathalie Bredella beschreibt, dass sich die Schaufenster als Neuerung schnell zur Attraktion in der Stadt entwickelten und sich Schaulustige vor diesen versammelten, um die neue Dekoration der Woche zu sehen.603 Die im Schaufenster gezeigten Waren sollten auch die „ökonomische Potenz“ der Geschäfteinhaber widerspiegeln, insofern kommt dem Schaufenster diese Demonstrationsfunktion zu. 599 Reinhardt 1995, hier S. 116 600 Reinhardt 1995, hier S. 117 601 Scheel 2013, S. 7 602 Huber 2013, S. 13; nicht als Zitat gekennzeichnet, wohl aber zit. nach: Osterwold, Tilman (1974): Schaufenster. Die Kulturgeschichte eines MassenmediumS. Ausstellungskatalog Württembergischer Kunstverein. Stuttgart 603 Bredella 2009, S. 127 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 132 (links) Das Schaufenster im Bild: „Hutladen“, August Macke, 1914 [Bauer, Hallier 1999, S. 164] (rechts) Schaufenster und großflächige Verglasung der Fassade, um die Passanten in das Warenhaus zu locken, hier: Warenhaus Tietz, Leipziger Straße, Berlin, um 1900 [Bauer, Hallier 1999, S. 163] In gewisser Weise versuchte das Schaufenster auch die Grenzen zwischen Theater, Design und Gestaltung und der Architektur aufzuheben und wird selbst zum wesentlichen Element der aufstrebenden Konsumkultur im 19. Jahrhundert. Der österreichische Architekt Friedrich Kiesler604, der Ende der 1920er-Jahre in die USA emigrierte, stellte bereits 1928 Fragen, die auch heute ihre Gültigkeit besitzen: „Was uns heute interessiert: Wie wird das Einzelhandelsgeschäft von morgen aussehen? In welche Richtung werden sich seine Gestaltung und seine Verkaufsstrategie entwickeln? Was wird modern sein? Und wie können wir davon profitieren?“605 Abb. 54 Abb. 55 604 Friedrich Kiesler, 1890–1965, ab 1930 arbeitete Kiesler unter dem Namen Frederick Kiesler, Quelle: Personenangaben der Deutschen Nationalbibliothek, online verfügbar unter: http://d‑nb.info/gnd/118970364, zuletzt geprüft am 18.03.2011 605 Übersetzung d. Verf.: Originalzitat: „What interests us today is: how will the retail store look tomorrow? In what direction will its decoration and its sales policy develop? What will be modern tomorrow? On what can we rely?“, Kiesler 1996, S. 13 2.8 Das Warenhaus 133 Dabei hob Kiesler bereits die Bedeutung der „Erfindung“ des Schaufensters hervor, dass es nicht nur die Scheibe Glas zwischen der Ware und den Passanten sei, sondern beschrieb dessen Funktion606: Das Schaufenster sei die Kontaktstelle zwischen Straße und Geschäft, zwischen Passant und Ware.607 „Das Fenster habe die Aufgabe zu sprechen, darzustellen und zu demonstrieren, zu erklären – zusammenfassend: zu verkaufen.“608 Dabei führt Kiesler bereits Methoden und Verfahren zur Inszenierung, zur Gestaltung von Schaufenstern und zur Warenpräsentation mithilfe technischer Hilfsmittel an, die einige Jahrzehnte ihre Anwendung fanden.609 Schenk formuliert die These, Schaufenster als Träger und Medium der Warenvielfalt seien wesentlicher „Impulsgeber für Urbanität“610 – wodurch ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Schaufenster in seinen Anfängen und dem Einsatz des Schaufenster als Instrument der Kommunikation heute deutlich wird: Während es bei den Warenhäusern im 19. Jahrhundert darum ging, die Warenwelt in den öffentlichen Stadtraum zu exportieren, die räumliche Grenze zwischen Warenwelt und Stadt zu überwinden oder gar aufzulösen, durch das Schaufenster Blicke in das Innere der Warenwelt zu gewähren und vor allem die Ware selbst im Schaufenster zu präsentieren, geht es den Warenhäusern und Geschäften in Shopping-Centern heute eher darum, möglichst viel geschlossene Fassadenflächen zu errichten, um von au- ßen an der Fassade großformatige und großflächige Werbeträger anzubringen, gegebenenfalls mit Leuchtreklame, und gleichzeitig im Inneren viel Stellfläche und Verkaufsflächen zu generieren, die nicht durch direktes Tageslicht gestört oder negativ beeinflusst werden. Das Schau- 606 Kiesler 1996, S. 13 607 Übersetzung d. Verf.: Originalzitat: “Contact between street and store, between passerby and merchandise; this is the function of the show window.”, Kiesler 1996, S. 13 608 Übersetzung d. Verf.: Originalzitat: “(…) the silent window has a duty: to talk. To demonstrate. To explain. In short: to sell.“, Kiesler 1996, S. 13 609 Bredella 2009, S. 128; zum Beispiel die Nutzung kleiner Produktfilme, die über Displays im Schaufenster den Kunden gezeigt werden 610 Schenk, H.-D. (1981): Chancen und Risiken der Schaufensterwerbung, in: BAG- Nachrichten, Nr. 12, S. 14–17, zit. in Gröppel-Klein 1991, S. 82 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 134 fenster als „Fenster zum Konsum“ in der Stadt hat heute seine Bedeutung verloren.611 Warenhäuser heute und vor allem die Einkaufszentren und Malls sind explizit nach innen, introvertiert ausgerichtet und schotten sich von der Stadt um sie (sofern vorhanden) ab. Es geht heute weniger darum, über die transparente Grenze des Schaufensters die öffentliche Stadt in das Geschäft zu leiten und Kunden mit dem Anblick der Ware anzulocken, sondern das Geschäft mit seinen Waren von der Außenwelt abzukoppeln. Es entsteht eine introvertierte Warenwelt, die unabhängig und losgelöst vom städtischen Umfeld funktioniert und funktionieren soll. Insbesondere für Shopping-Center verliert das Schaufenster seine Bedeutung, da sich der Kunde bereits innerhalb der Mall, der inneren Einkaufsstraße befindet. (links) Warenhaus R. Karstadt, Hamburg-Altona, 1904, Offenheit, Transparenz [Behn 1984, Abb. 75] (rechts) Shopping-Center Limbecker Platz, Essen, Foto 2010, geschlossene Fassade als Werbefläche [eigenes Foto] Heute wird das Schaufenster oft degradiert zur schlichten Trennung zwischen Außen- und Innenbereich612 – aufwendige Inszenierungen oder besondere Warenauslagen finden nur selten statt. Abb. 56 Abb. 57 611 Wenngleich Schaufenster in den Malls der Shopping-Center weiterhin ihre Anwendung finden 612 Wobei sich das Außen auf die introvertierte Mall im Gebäudeinneren und das Innen auf den Verkaufsraum bezieht 2.8 Das Warenhaus 135 Das Schaufenster galt lange Zeit als einziges Werbemittel der Gewerbetreibenden. In ihm wurden das Produkt und die Waren präsentiert, wörtlich „zur Schau gestellt“, und diese standen damit im Mittelpunkt. Die Schaufenstergestaltung musste eine solche Wirkung auf den Kunden entfalten, dass dieser die „Schwelle“ zum Betreten des Geschäftes überwand. Dem Schaufenster beziehungsweise der Gestaltung des Schaufensters werden verhaltenswissenschaftlich prinzipiell drei Funktionen zugeschrieben: zum einen als Instrument der Sortimentsdifferenzierung auf psychologischer Ebene613, das heißt, dass sich Unternehmen mithilfe der Gestaltung ihrer Schaufenster von ihren Wettbewerbern abgrenzen können und damit zur positiven Imagegestaltung ihres Unternehmens beitragen; weiterhin als Instrument zur Lösung sogenannter „Ambivalenzkonflikte“614, denn das Schaufenster könne durch die „Live-Präsentation“ zum Kauf anregen, Appetenz steigern und somit Distanzen zum Kunden verringern615, und als dritte Funktion als Instrument der eigentlichen Bedarfsweckung. Gröppel-Klein spricht von der „Stopping-Power“, die das Schaufenster auswirken müsse, das heißt, Kunden werden durch das Passieren am und Betrachten des Schaufensters auf die darin präsentierte Ware aufmerksam, halten an und werden im Idealfall in den Laden gelenkt. Schmalen verweist aber an dieser Stelle auf einen Trugschluss: es zähle nicht allein die Verweildauer, die Passanten beim Betrachten des mehr oder wenigen aufwendig gestalteten Schaufensters verbringen, sondern die Kaufrate, das heißt, wie viele Passanten kaufen tatsächlich, nachdem sie durch die Schaufenstergestaltung auf eine Ware aufmerksam wurden?616 613 Schmalen 1983, S. 71 ff., sowie Gröppel-Klein 1991, S. 82 614 Ambivalenzkonflikt bezeichne den Zustand, dass ein Kunde einerseits zwar ein bestimmtes Produkt erwerben möchte, jedoch andererseits mit der zusätzlichen Geldausgabe ein Schuldgefühl verknüpft ist, das ihn möglicherweise daran hindert, das Produkt zu erwerben. Gröppel-Klein 1991, S. 83; bei der ersten Wahrnehmung des Produktes überwiege der Besitzwunsch und damit die Appetenz, jedoch kurz vor Erwerb dieses Produktes setze sich Aversion durch. Hier könne das Schaufenster „mithelfen“, die Abwendung des Kunden zu verhindern. Schmalen 1983, S. 72 615 Gröppel-Klein 1991, S. 83 616 Schmalen 1983, S. 73 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 136 Weiterhin verweist Schmalen bereits 1983 auf einen Umstand, der im Kapitel 6 dieser Arbeit zum Thema stationärer Handel versus Online- oder Versandshop besprochen wird: Zahlreiche Kunden würden sich lediglich am Schaufenster oder im Laden informieren, um das Produkt aber letztlich online oder über den Versandhandel zu bestellen617 – es müsse zwischen dem Informationsort und dem tatsächlichen Kaufort unterschieden werden618. Wiederum andere Kunden sähen in der Schaufensterbetrachtung („Schaufensterbummeln“) eine Ersatzbefriedigung: aus der „physischen“ werde eine „psychische“ Inbesitznahme der Ware.619 Nach Gröppel-Klein sollte das Schaufenster die „Visitenkarte“ eines Geschäftes sein, Aufmerksamkeit und Interesse des Kunden wecken und bereits von außen erkennbar machen, was den Kunden im Inneren erwarte.620 Schaufenster sind die repräsentative Vertretung des Ladens nach außen, sie stellten eine Verbindung zwischen Ladeninnerem und dem Passanten her.621 Das Schaufenster wirke wie ein Plakat, inner- und außerhalb der Öffnungszeiten, bei Tag und bei Nacht könne sich der Konsument das Produkt ansehen. Darüber hinaus kann im Schaufenster die Ware in Originalgröße, -farbe, -form und Materialität betrachtet werden, was beim Betrachten der Ware in einem Onlineshop nicht möglich ist. Jean Baudrillard beschreibt das Schaufenster in den 1970er-Jahren als „Ort der visuellen Betörung und Verführung“622, jedoch ist gegen Ende des 20. Jahrhunderts festzustellen, dass das Schaufenster seine Bedeutung als „Fenster zum Konsum“ oder als „Stadt im Fenster“623 verloren hatte. So beschreibt die Zeitschrift „Das Schaufenster“ 1981 einen „gewissen Niedergang“ beim Betrachten der Schaufensterlandschaft der 617 Schmalen 1983, S. 73 618 Schmalen 1983, S. 76 619 Schmalen 1983, S. 73 620 Gröppel-Klein 1991, S. 83 621 Schmalen 1983, S. 73 622 Baudrillard, Jean (1970): La société de consommation. Ses mythes, ses structureS. Paris: denoel., o.S. in: Bredella 2009, S. 127 623 Nach Aufsatztitel von Huber 2013 2.8 Das Warenhaus 137 Städte624, der auf bestimmte Rationalisierungstendenzen in den Direktions- und Managementebenen zu suchen sei. Wie bereits oben beschrieben, wirken Schaufenster heute nicht mehr wie Plakate, sondern werden größtenteils für selbige genutzt, das heißt, Schaufensterflächen werden kaum noch als Medium verwendet, die räumliche Grenze zwischen Stadtraum und Ladeninnerem für den Kunden aufzulösen, sondern wandeln sich in eine weitere Werbefläche des Konsums, ohne reale Produkte und Waren zu präsentieren, oder werden nur noch für den Zweck der Verkaufsraum- und Regalstellflächenerweiterung genutzt. Zudem wird eine Möglichkeit vergeben, im Verkaufsraum Tageslicht zu nutzen, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Auch die Vorteile sogenannter Durchsichtfenster oder „walk-in-windows“, wie 1981 unter anderem von Schmalen befürwortet, haben nicht ihre Funktion der Überwindung der Schwellenangst beziehungsweise der Transparenz des Ladeninneren nach außen erfüllt, aufgrund falscher räumlicher Gestaltung.625 Zurückzuführen ist diese Entwicklung möglicherweise auf mehrere Gründe: zum einen werde der Bedarf beim Kunden kaum oder nicht mehr über das Schaufenster geweckt, sondern über andere Informationskanäle und Werbung. Des Weiteren werden und wurden bestimmte Zielgruppen bisher kaum über das Schaufenster zum Produktkauf animiert626 und darüber hinaus unterscheidet sich heute, stärker als im letzten Jahrhundert, der stationäre Handel als Informationsort vom Ort des eigentlichen Konsums der Ware – Information und Beratung im Laden, Erwerb im Onlineshop. Dies macht gegebenenfalls eine Investition in Schaufenstergestaltung für einige Unternehmen unrentabel; daher verzichten sie darauf bereits von vornherein. Dem Schaufenster kommt heute eine eher unterordnete Rolle zu. Teilweise auf eine „banale“627 Dekorationszone reduziert, fungiert es 624 Das Schaufenster, 31. Jg., H. 8, 1981, S. 2, zit. in.: Schmalen 1983, S. 74 625 Es hat keinen Nutzen, dieses Durchsichtfenster oder großflächige Fassadenverglasungen im Ladeninneren mit mobilen Stellwänden oder Regalwänden zu „verstellen“; damit ist der Effekt der Durchsicht verwirkt. 626 Thematik‚ Einkaufsverhalten und Schichtzugehörigkeit, Schmalen 1983, S. 76 627 Schmalen, H. (1985): Die Schaufensterwerbung – Theoretische Betrachtung und empirische Analyse, in: Die Betriebswirtschaft, 45. Jg., H. 6, S. 703–709, zit. in: Gröppel-Klein 1991, S. 82 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 138 heute kaum noch als Kontaktstelle zwischen öffentlichem Raum, Kunden und Laden. Der Wirtschaftswissenschaftler Schmalen diskutierte bereits in den 1980er-Jahren den Wandel des Schaufensters und stellte die Frage, inwieweit das Schaufenster als Kommunikationsmedium zwischen Ware, Geschäft, Kunde und Stadt fungiere628 und ob das Schaufenster gar ein Beitrag zur Revitalisierung der Innenstädte sein könne629, betont jedoch vor allem deren Zweck: „(…) der Endzweck jeder Dekoration [ist]‚Verkaufen’.“630 Der kritische Blick auf das Warenhaus „(…) zu viel, zu laut, zu billig“631 Das Warenhaus war bereits in seiner Blütezeit Gegenstand wissenschaftlicher Debatte, die sich zwar zunächst vor allem dem ökonomischen Phänomen widmete, jedoch auch die Architektur der Warenhäuser thematisierte oder die gesellschaftlichen Auswirkungen diskutierte, die dieser Konsumort mit sich brachte.632 Lenz stellt verschiedene ambivalente Themen heraus, die im Kontext des Warenhauses und der Moderne kontrovers diskutiert wurden: Dies waren einerseits der Zusammenhang zwischen dem Warenhaus und der Rolle der Frau, das Warenhaus und das Judentum und nicht zuletzt auch das Warenhaus selbst innerhalb der ökonomischen Debatte um diese neue Betriebsform.633 Die Kritik am Warenhaus und die Gegner stammten vor allem aus den zahlreichen Kleinhändlern, die sich am Handelsmarkt verdrängt und letztlich durch den Erfolg des Warenhauses in ihrer Existenz bedroht sahen. Die wirtschaftliche Kraft der Großhändler und Filialisten stand in konträrer Position zu den Händlern, die an traditionellen Methoden des Handels festhielten. 2.8.7 628 Brockhoff 2004, S. 32 f. 629 Brockhoff 2004, S. 33 630 Schmalen 1983, S. 68 631 Grunenberg 2002, S. 25 632 Vgl. hier Schwarz 1995, S. 18, Fußnoten 8 und 9 633 Lenz 2011, Kapitel 5 2.8 Das Warenhaus 139 Innerhalb der Entstehungszeit der Warenhäuser entwickelte sich die Idee des „Mittelstandes“634, der als Gegensatz und Abgrenzungsversuch zum „Großkapital“, verkörpert durch die Warenhäuser, angesehen wurde.635 Die ökonomisch-motivierte Kritik an den Warenhäusern richtete sich weniger gegen deren Architektur, denn im organisatorisch-technischen und im architektonischen Bereich bestand oftmals Bewunderung und Respekt gegenüber der neuen Erscheinung Warenhaus.636 „Befürchtet“ und kritisiert wurden eher die mit diesen Neuerungen einhergehenden Auswirkungen der Modernisierung und des gesellschaftlichen Wandels.637 In erster Linie sah man im Warenhaus eine direkte Konkurrenz zu bisherigen, tradierten Formen des Handels. Der Bedeutungsverlust des Handwerks638 und veränderte Produktions- und Konsumverhältnisse als wesentliche Folgen der Industrialisierung hatten direkte Auswirkungen auf den Handel: „Handwerklich hergestellte Produkte (…) mussten bestellt, im Voraus bezahlt und dann in jedem Fall auch abgenommen werden, nachdem man einige Zeit auf das Produkt gewartet hatte“639 – im Warenhaus konnten Händler dagegen mit anderen Vorteilen aufwarten: Produkte waren in Vielzahl vorhanden und sofort verfügbar, konnten bar bezahlt und in manchen Fällen auch umgetauscht werden. Dies hatte zur Folge, dass in den Städten die Massenware die Handwerksbetriebe weitestgehend verdrängte.640 Die kleinen und mittleren Händler stießen erst dann an ihre Grenzen, als sie mit den Distributionskapazitäten der Warenhäuser nicht mehr mithalten konnten. Die Konkurrenzsituation verschärfte sich noch zusätzlich, da zahlreiche Handwerksbetriebe ihr Geschäft aufgaben und sich im Klein- 634 Wobei die Idee des Mittelstandes wohl eher als Abgrenzungsideologie verstanden werden musste; er markierte weniger eine Grenze nach oben, sondern eine Grenze zur Unterschicht (Lenz 2011, S. 178). 635 Lenz 2011, S. 175 636 Lenz 2011, S. 175 637 Lenz 2011, S. 176 638 Das Handwerk konnte weder die enorm steigenden Bedarfe decken noch die durch Massenproduktion generierten Preise wirtschaftlich abbilden. 639 Lenz 2011, S. 176 640 Lenz 2011, S. 176 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 140 und Einzelhandelsmarkt versuchten: damit stieg die Zahl der Einzelhändler enorm an. Werner Sombart schätzt die Zahl der Einzelhandelsbetriebe pro 10.000 Einwohner in Sachsen im Jahr 1860 auf etwa 256; 35 Jahre später waren es 637 Händler.641 Eine derartige quantitative Ausweitung einer Branche im Zeitraum 1860 bis 1914 sei in anderen Wirtschaftsbereichen nicht zu verzeichnen gewesen.642 Bredella beschreibt in einem Teil ihrer Dissertation die Bedeutung des Films für die moderne Konsumgesellschaft und stellt gleichzeitig die kritische Frage, wie dieses Phänomen bewertet werden könne: „(…) Kritiker betonen, dass die Warenästhetik die Menschen in eine illusionäre, eskapistische Welt versetze und sie dadurch hindere, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.“643 Dieser Warenfetischismus wird auch bei Böhme644 thematisiert: Er spricht beim Warenhaus von einem „ästhetischen Zwischenbereich zwischen Realität und Imagination“, der sowohl von der Warenästhetik als auch von dem Begehren der Konsumenten bestimmt sei.645 Kritisiert wurde im 19. Jahrhundert unter anderem, dass das städtische Umfeld und das Warenhaus selbst immer mehr als „Showroom“ und zum Konsumspektakel avancierten. Grunenberg spricht in seiner Bewertung des Warenhauses vom Dauerzustand des Amüsements durch eine Flut visueller Reize.646 Unterstützt und forciert wurden diese Reize durch den Einsatz von elektrischem Licht. Dieses verwandelte Schaufenster, Einkaufsstraßen und Großstädte in ein „elektrisches Märchenland“647, in „eine Scheinwelt, wo gehorsame Flaschengeister auf das Kommando ihrer Herren herspringen, wo die geringste Geste Wunder an Geschwindigkeit und Bewegung bewirkt, wo eine Landschaft aus strahlenden Vergnügungspalästen und funkelnder Lichter sich endlos ausdehnt.“648 641 Lenz 2011, S. 177 642 Lenz 2011, S. 177 643 Bredella 2009, S. 131 644 Fetischismus und Kultur, S. 348 645 Bredella 2009, S. 131 646 Grunenberg 2002, S. 25 647 Übersetzung d. Verf.: Originalzitat: „Electricity created a fairyland environment“, Williams 1991, S. 84 648 Übersetzung d. Verf.: Originalzitat: „(…) a make believe place, where obedient genies leap to their master’s command, where miracles of speed and motion are 2.8 Das Warenhaus 141 Die Elektrizität ermöglichte vor allem die Illumination der Schaufenster der Geschäfte, unterstrich damit die Illusionswirkung vor allem in der Nacht, in der der Flaneur, unbedrängter und anonymer als am Tag, die Auslagen und Begehrlichkeiten besichtigen konnte. Durch die Beleuchtung im Inneren des Warenhauses wurde die Illusion verstärkt, zwischen Konsumenten und den begehrten Waren sei jede materielle Grenze aufgehoben.649 Die Warenhäuser entwickelten sich im Kontext der aufstrebenden und turbulenten Großstadt des 19. Jahrhunderts zu wichtigen Orientierungspunkten, frühen Landmarken, in der Stadt. Grunenberg spricht vom „kinematografischen Charakter“ der Wahrnehmung der Stadt.650 Dennoch setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Sättigung des bis dahin stetig aufstrebenden Konsumbooms ein, der mit einer Kritik an Konsumwandel und Gesellschaft einherging. Georg Simmel beschreibt die Situation folgendermaßen: „Der Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele treibt dazu, in immer neuen Anregungen, Sensationen, äußeren Aktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen; so verstrickt uns dieser erst einerseits in die wirre Halt- und Ratlosigkeit, die sich bald als Tumult der Großstadt, bald als Reisemanie, bald als wilde Jagd der Konkurrenz, bald als die spezifisch moderne Treulosigkeit auf den Gebieten des Geschmacks, der Stile, der Gesinnungen, der Beziehungen offenbart.“651 Es vollzog sich eine Art Entschleunigung des Einkaufens, weg von der „[aggressiven] marktschreierischen Zurschaustellung von Vulgarität und Geschmacklosigkeit“652, zu der es sich zunehmend entwickelte. Von nun an wurden in den größeren Warenhäusern Möglichkeiten des Ausruhens und Verweilens in Wintergärten, Tearooms, Lesezimmern mit Bibliotheken und in Damensalons angeboten.653 Das Berliner Kaufhaus Wertheim in der Leipziger Straße besaß einen eigenen Palwrought by the slightest gesture, where a landscape of glowing pleasure domes and twinkling lights stretching to infinity.”, Williams 1991, S. 84–85 649 Grunenberg 2002, S. 25 650 Grunenberg 2002, S. 26 651 Simmel 1958, S. 551 652 Grunenberg 2002, S. 26 653 Lancaster, Bill (1995): The department Store: A social history. London, New York, S. 75, zit. in: Grunenberg 2002, S. 26 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 142 mengarten, das Warenhaus Karstadt am Herrmannsplatz (1929–1945) bot seinen Kunden eine eigene Badeanstalt sowie eine Dachterrasse zur Entspannung und den Besuch von Veranstaltungen an (Abb. 58).654 Dachterrasse Karstadt, Herrmannsplatz, Berlin, 1929 [Scan Ansichtskarte, privat] Dieses Angebot diente einerseits dazu, die Annehmlichkeit zu schaffen, dass sich die Kunden ausruhen konnten, andererseits erhöhte diese „Inhouse-Entspannung“ wiederum die Verweildauer der Kunden, damit diese im Anschluss wieder in die „Konsumschlacht“ geschickt werden konnten.655 Dieses Bestreben, die Erhöhung der Verweildauer der Kunden im Geschäft, ist nach wie vor wesentliches Ziel der Betreiber von Kauf- und Warenhäusern oder Shopping-Centern. Sämtliche Unterhaltungs-, Verpflegungs- und auch Entspannungsangebote dienen dazu, dass der Kunde möglichst lange in der eigenen, autarken und abgeschlossenen Warenwelt verweilt und diese möglichst nicht verlässt. Dennoch wurde das Phänomen Warenhaus stark kritisiert, unter anderem auch von dem deutschen Philosophen und Soziologen Georg Simmel: „Jeder feine empfindliche Sinn aber wird sich durch die Massenwirkung des hier Gebotenen vergewaltigt und derangiert fühlen, wie andererseits doch nicht geleugnet werden kann, daß dem Aufregungsbedürfnis überreizter Abb. 58 654 Grunenberg 2002, S. 26 655 Grunenberg 2002, S. 26 2.8 Das Warenhaus 143 und ermatteter Nerven gerade diese Fülle und Buntheit vorüberhastender Eindrücke angemessen ist.(…) es scheint, als ob der moderne Mensch für die Einseitigkeit und Einförmigkeit seiner arbeitsteiligen Leistung sich nach der Seite des Aufnehmens und Genießens hin durch die wachsende Zusammendrängung heterogener Eindrücke, durch immer rascheren und bunteren Wechsel der Erregung entschädigen wolle.“656 Das Warenhaus heute: Vom „Aggressor“ zum Subventionsfall657 „Das Kaufhaus ist in der Krise, der Konsum geht weiter – es lebe die Mall.“658 Wie es Wiener bereits 1913 beschrieb, waren Ursprung und Ende des Warenhauses der Gemischtwarenhandel659; führten die Warenhäuser im 19. Jahrhundert zunächst hauptsächlich Textilien, Haushaltswaren und Artikel für den Wohnbedarf, kamen später noch Lebensmittel hinzu, sodass sich Waren- und Kaufhaus im 20. Jahrhundert als Vollsortimenthandlung mit universellem Warenangebot etablierten – sie verloren damit das Exklusive und stellten sich als riesige Gemischtwarenläden dar. Heutzutage sind mehrere Tendenzen zu beobachten. Zunächst muss konstatiert werden, dass das Warenhaus seine Faszination und Bedeutung des 19. Jahrhunderts verloren hat. Dies zeigt sich auch am stetig rückläufigen Marktanteil der Betriebsform Kauf- und Warenhaus am gesamten Einzelhandel in Deutschland, aber auch exemplarisch an der jüngsten Geschichte der Traditionswarenhauskette Karstadt. Warenhäuser wurden zwar in vielen Fällen noch zum Magnetoder Ankermieter in einem Shopping-Center660 und auch heute kann die Ansiedlung eines Warenhauses im Zentrum zu einer Renaissance 2.8.8 656 Georg Simmel, Berliner Gewerbe-Ausstellung, in: Die Zeit, Nr. 95, Wien 25.07.1896; Simmel 1998, S. 72 657 Zwischenüberschrift bei Christ 2008 658 n. n. 2009, Veranstaltungsankündigung 659 Wiener 1913, S. 43 660 Shopping-Center in den USA und ab den 1960er-Jahren in Deutschland waren und sind grundsätzlich so konzipiert, dass ein großer Ankermieter an zentraler Position im Center vorhanden ist (entweder direkt am Eingang oder an den Enden). Als Ankermieter wurden oftmals Warenhäuser integriert. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 144 der Innenstadt führen661, dennoch ist der weitergehende Bedeutungsverlust der Warenhäuser kaum aufzuhalten (siehe Abb. 59 und 121). Christ bezeichnet die Entwicklung der Warenhäuser, die einst als „Aggressor“ wahrgenommen worden sind, heute als „Subventionsfall“.662 Marktanteil der Betriebsform Warenhaus zwischen 2000 und 2014 [Quelle: Statista 2015] Die Krise der Warenhäuser663 führt zu unterschiedlichen Entwicklungen: Einige Warenhäuser spezialisieren ihr Angebot, indem sie es auf ein bestimmtes Segment oder eine Zielgruppe (z. B. Luxus) oder ein bestimmtes Sortiment (z. B. Möbel) beschränken, denn ein Warenhaus kann nur mit einer geringen Sortimentstiefe eine Vielzahl und Vielfalt von Waren anbieten. Andere Häuser wiederum versuchen, dem Anspruch des Vollsortimentsanbieters gerecht zu werden, vermieten jedoch einzelne Flächen im Warenhaus an unterschiedliche externe Anbieter und Markenhersteller als sogenanntes Shop-in-Shop-Konzept664, das für den Kunden oftmals kaum erkennbar ist. Abb. 59 661 Am Beispiel der Haupteinkaufsstraße in Potsdam, der Brandenburger Straße, wurde deutlich, dass durch die Wiederansiedlung des historischen Kaufhauses Karstadt das gesamte Einkaufszentrum wiederbelebt wurde; im Vorfeld waren starke Trading-down-Effekte zu beobachten. 662 Christ 2008 663 Vgl. Veihelmann 2005, Garstenauer 30.01.2004 664 König 2008, S. 86 2.8 Das Warenhaus 145 Damit unterscheiden sich die heutigen von den Angebots- und Präsentationsformen der Jahrhundertwende: „Eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Markenbilder hat die einst zusammenhängende Wareninszenierung in den Warenhäusern weitgehend abgelöst“, beschreibt Schwarz die Situation der Warenhäuser in der Gegenwart.665 Anders als heute hob sich die Architektur der Warenhäuser zur Zeit ihrer Entstehung und Hochphase Ende des 19. Jahrhunderts deutlich von den übrigen Bauaufgaben der Zeit ab:666 Die Architektur der Warenhäuser unterliegt heute weniger spektakulären Anforderungen als funktional-ökonomischen Zwängen. Vom Repräsentationscharakter und Inszenierungswillen der Warenhäuser der großen Marken ist nur noch wenig geblieben. Schwarz beschreibt die Warenhausszenerie der Gegenwart folgendermaßen: „Hier werden Massen von Waren umgesetzt, in einem Ensemble architektonischer Belanglosigkeiten.“667 Zwar versuchen einige Beispiele aus der Gegenwart an die Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen, dennoch ist der Marktanteil der Warenhäuser in den letzten Jahrzehnten stetig zurückgegangen. Der Anteil der Kauf- und Warenhäuser am gesamten Einzelhandel in Deutschland lag im Jahr 2011 lediglich bei 2,8 Prozent und damit hinter dem Anteil des Versandhandels mit 3,2 Prozent.668 Begründet werden kann diese Entwicklung auch durch die wenig einfallsreiche Architektur und Gestaltung der Warenwelten, Behn und Schwarz sprechen von „emotionslosen Hallen“669. Als Ursache hierfür kann, wie bereits beschrieben, die Tatsache herangezogen werden, dass Architekten und Stadtplaner die Bauaufgabe Konsumarchitektur lange Zeit ignorierten und sich dieser nicht annahmen. Daher existiert, nach Christ, auch kaum eine Planungs- und Wettbewerbskultur im Bereich der Handelsbauten.670 Erst unzählige Fehlentwicklungen, zu nennen sind hier die sogenannten Grüne- Wiese-Standorte der Einkaufscenter in der städtischen Peripherie, die 665 Schwarz 1995, S. 138 666 Schwarz 1995, S. 14 667 Schwarz 1995, S. 14 668 Bezug auf Einzelhandel im engeren Sinn, ohne Kfz, Brennstoffe und Apotheken; Quelle: Handelsverband Deutschland (HDE) (Hg.), S. 20, sowie Vogels, Paul- Heinz; Holl, Stefan; Birk, Hans-Jörg (Hg.), 1998 669 Behn 1984; Schwarz 1995, S. 138 670 Christ 2008 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 146 gleichzeitig das Trading-down der Innenstädte beschleunigten, holten das Thema Handelsbauten in den Fokus der Baugesetzgebung und baukulturellen Diskussion. Das Kaufen und Konsumieren wird heute kaum mehr als Erlebnis, als das Besondere verkauft, und gleichzeitig konnten andere Betriebsformen das Warenhaus mit seinem bis dahin gültigen Status überholen. Die ursprüngliche Intention, eine große Anzahl von Waren für einen Großteil der Bevölkerung anzubieten, war zugleich Impuls für die Expansion, aber auch gleichzeitig Ursache für den Niedergang der Warenhäuser. Der Kunsthistoriker Jürgen Schwarz beschreibt diese Entwicklung des Warenhauses als „Entästhetisierung“ des Verkaufsortes, die zugleich die Neukonzeption kapitalistischer Warenwirtschaft reflektiere.671 Gleichzeitig betont er, dass der Niedergang der Warenhäuser nicht ihre Funktion als Institution der Warendistribution beträfe, jedoch aber ihre Funktion als Träger einer bestimmten Warenästhetik und der „exzeptionellen“ Architektur.672 Das Warenhaus hat, vor allem durch den Strukturwandel im 20. Jahrhundert, Konkurrenz durch eine Vielzahl von Betriebsformen bekommen, nicht zuletzt durch den Topos Shopping-Center, der im nachfolgenden Kapitel beschrieben wird. Warenhäuser sind heute dennoch aus dem Bild der Städte und deren Einkaufslandschaft nicht wegzudenken und dienen in den großen Einkaufszentren immer noch als Ankermieter oder Magneten, der Kunden anzieht und Umsätze generiert. Noch immer werden Warenhäuser für die Entwicklung einer Innenstadt als wichtig erachtet. Es finden umfassende Umbauten statt, nicht ohne sich bestimmter typologischer Elemente aus der „Gründerzeit“ der Warenhäuser beziehungsweise der erfolgreichen Shopping- Center zu bedienen. Es besteht somit die Chance für Warenhäuser, auch zukünftig wesentlicher Bestandteil der Einzelhandelslandschaft zu bleiben. Das Neue und der Glanz und Glamour der Warenhäuser des 19. Jahrhunderts sind mittlerweile verflogen. Konsumentinnen und Konsumenten haben sich schnell an die Neuheiten und die Errungenschaf- 671 Schwarz 1995, S. 138 672 Schwarz 1995, S. 139 2.8 Das Warenhaus 147 ten, die das Warenhaus als neue Form des Konsums mit sich brachte, gewöhnt. Warenhäuser haben für eine Dynamik in den Konsumlandschaften des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesorgt, die jedoch schnell wieder abebbte.673 Durch die ebenfalls dynamischen Entwicklungen im Handel, einhergehend mit einem tiefen Strukturwandel, haben die Warenhäuser in Deutschland seit der zweiten Hälfte der 20. Jahrhunderts einen Bedeutungsverlust erlitten, von dem sie sich bis heute nicht erholt haben: Die großen Pioniere und Namen deutscher Warenhauskultur Tietz, Karstadt, Wertheim sind nahezu komplett von der Konsumbildfläche verschwunden oder befinden sich in einer ungewissen Zukunft.674 Nicht zuletzt durch neue Erscheinungsformen des Handels wie das Shopping-Center, durch neue und anders kombinierte Freizeit-Konsumformen oder durch den zunehmenden Konsum an Transitorten wie Bahnhof675 oder Flughafen hat das klassische Warenhaus nicht Anschluss halten können an die sich stetig verändernden Konsumbedingungen und -erwartungen der Konsumenten. Erfolgversprechend sind die Konzepte für Warenhäuser der Zukunft, die an das Prinzip der Warenhäuser des 19. Jahrhunderts anknüpfen:676 Unterhaltung, Event, Modenschauen, Kunst und Kultur, Konsum eingebettet in gesellschaftlichen Kontext – ein Marketingkonzept, das Shopping-Center- Betreiber seit Jahren erfolgreich anwenden. 673 In Deutschland nicht zuletzt durch das Verbot der Errichtung von Warenhäusern in jüdischem Eigentum ab 1933; Behn 1984, S. 7 674 Höhler 15.08.2014 675 Vgl. auch Legnaro, Birenheide 2005 676 Lehnert 2008, S. 47 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 148 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center „Man nehme 40 Hektar eines geeigneten ebenen Grundstücks. Man umgebe es mit 500.000 Konsumenten, denen keine andere kommerzielle Einrichtung zur Verfügung steht. Man erschließe das Grundstück und bedecke sein Zentrum mit einer Million Quadratmeter Gebäuden. Man fülle sie mit den besten Händlern, die qualitativ hochwertige Waren zu niedrigen Preisen verkaufen. Man garniere das Ganze mit 10.000 Parkplätzen und stelle sicher, dass das Zentrum über ausgezeichnete, wenig befahrene Schnellstraßen erreichbar ist. Zum Schluss dekoriere man das Ganze mit Sträuchern, einer Blumenrabatte und einer kleinen Skulptur und serviere es dem Kunden heiß.“677 Victor Gruen und die US-amerikanische Stadt Die ersten Shopping-Center entstanden in den Vereinigten Staaten von Amerika in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg; diese Zeit war vor allem durch den „alltäglichen Massenkonsum“678, den „Triumph des Autos“679, den daraufhin rapide ansteigenden Individualverkehr sowie durch den Beginn der konfliktintensiven und folgenreichen Dialektik zwischen suburbaner Vorstadt, suburbia, und Stadtzentrum, downtown, geprägt. Die Genese der US-amerikanischen Stadt nahm eine grundsätzlich konträre Entwicklung und hat andere Wurzeln als ihr europäisches Pendant.680 Die Ursache hierfür liegt in der vergleichsweise jungen Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika und der damit verbundenen fehlenden, über Jahrhunderte gewachsenen Siedlungshistorie:681 „Während hier [in Europa, Anm. d. Verf.] Orte frühestens seit der Bronzezeit, spätestens jedoch seit der Kolonisation der römischen Eroberer durchgehend besiedelt waren, wurden in Nordamerika Siedlun- 2.9 2.9.1 677 Das „Rezept“ für ein Shopping-Center; Victor Gruen (1963): Recipe for an ideal Shopping-Centre, in: Stores, Januar, S. 21, zit. in: Béret 2002, S. 73 678 Haferkorn 2007, S. 87 679 Haferkorn 2007, S. 87 680 Hoffmann-Axthelm 2006, S. 42 681 Entdeckung Amerikas 1492, Beginn der zivilen Siedlungspolitik; Unabhängigkeitserklärung 1776 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 149 gen in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft.“682 Damit entwickelte sich in den USA auch ein von europäischen Prinzipien differentes Zentrenverständnis; traditionelle, organisch gewachsene Stadtzentren waren nicht ausgebildet, stattdessen folgten die Zentren einem mobilen, temporären wirtschaftlichen Bedarf und „verschwanden genau so schnell wieder, wenn sich ihre (…) Grundlage verlor.“683 Dieses Prinzip des stetigen Neubesiedelns und des temporären Wechsels entspricht der amerikanischen Grundauffassung und begünstigt später die Entwicklung des modernen Shopping-Centers in den suburbanen Randgebieten der Städte, da sie „dieser ur-amerikanischen Tradition des Aufbruchs zu neuen Orten, der Niederlassung und des erneuten Weiterziehens [folgen].“684 Der Soziologe Helmut Schoeck beschreibt diese „Regel“: „Von früh an hörte ich stets diese Lebensregel: ‚Wandere, bleib’ in Bewegung. Hast Du eine Missernte, ziehe nach dem Westen und versuche einen neuen Boden. Umgeben Dich unausstehliche Nachbarn, schlag’ Dein Grundstück los und zieh’ fort – immer ins offene Land hinaus. Still in seinem Heimatort zu bleiben, ist ein Zeichen der Schwäche, der Unentschlossenheit. Das Glück wohnt in der Weite, Wohlstand und Ruhm harren dessen, der dem Abendstern folgt!’“685 Die Struktur der US-amerikanischen Stadt Das Bild der US-amerikanischen Metropole, die durch die industrielle Revolution eine den europäischen Großstädten vergleichbare Expansion erfahren hat, ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch einen einheitlichen Aufbau geprägt: Um den zentralen Kern, den central business district, mit seinen Hochhäusern, Einkaufs- und Unterhaltungsangeboten, gruppieren sich in konzentrischen Kreisen die Industriegürtel 2.9.2 682 Hoffmann-Axthelm 2006, S. 42 683 Hoffmann-Axthelm 2006, S. 42 684 Hoffmann-Axthelm 2006, S. 42 685 Erinnerung an eine amerikanische Lebensregel des Soziologen Helmut Schoeck, zit. nach: Germelmann 2003, S. 15 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 150 der Stadt, die sogenannten blue belts, und daran anschließend die Vorstädte, suburbs, die Wohnorte der Arbeiter und des Mittelstands.686 Seit der Jahrhundertwende, aber verstärkt nach Ende des Zweiten Weltkrieges, fand in den USA ein stetig anhaltender Suburbanisierungsprozess statt, begründet durch das Streben der Mittelschicht nach dem eigenen Heim auf preiswerten Grundstücken687 und begünstigt durch fortlaufende Industrialisierungs- und Motorisierungsprozesse. Dieser Abwanderungswelle in die suburbanen Randgebiete konnte die eigentliche Stadt nichts entgegensetzen. Die flächenintensive Ausbreitung und das Expandieren der Vorstädte wurden zusätzlich durch Regierungsmaßnahmen und staatliche Programme gefördert:688 Durch die US-amerikanische Regierung wurde beispielsweise Kriegsheimkehrern oder bestimmten Bevölkerungsgruppen kostengünstiger Wohnraum in den Vorstädten zur Verfügung gestellt. Damit verlagerte sich auch das wirtschaftliche Wachstum vielerorts auf die städtischen Randlagen, während die Entwicklung in den (eigentlichen) Stadtzentren stagnierte und verödete.689 Die neu entstandenen Sprawls vergrö- ßerten sich schnell und expandierten flächenintensiv. Zum Vergleich: in der Stadt Berlin lebten 1950 ca. 3,3 Millionen Einwohner auf ca. 850 Quadratkilometer Fläche; die US-amerikanischen Sprawls dehnten sich auf Flächen von bis zu 4.500 Quadratkilometer690 aus (vgl. Abb. 60). Walter Brune beschreibt diese Stadt-Land-Entwicklung: „Eine klare Grenze für die Unterscheidung von Stadt und Land, ein ausgeprägtes und dominierendes Zentrum, eine untergeordnete Peripherie [waren] nicht mehr auszumachen.“691 686 Brune 1996, S. 40 687 Vor allem nachdem die private Bautätigkeit während des Zweiten Weltkriegs zwischen 1939 und 1945 fast zum Stillstand gekommen war 688 Vgl. Wall 2003, S. 107, und Weinberg 1986, S. 35 689 Brune 1996, S. 41 690 Brune 1996, S. 41 691 Brune 1996, S. 41 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 151 Typischer US-amerikanischer „Sprawl“, Luftbild 2012 [Quelle: Enzo Vergara] Diese Sprawls waren ausschließlich als reine Wohngebiete konzipiert, da man seit dem Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert der Ansicht war, die Nutzungen Industrie und Wohnen deutlich voneinander trennen zu müssen und diese Separierung mithilfe von „Zonierungsvorschriften“ rechtlich zu gewährleisten.692 Innerhalb dieser Wohnsiedlungen war es verboten, dass sich Gewerbe, also auch Einzelhandel, in sogenannten Streuläden ansiedelte.693 Eine Niederlassung von Gewerbebetrieben war ausschließlich an beiden Seiten entlang der Verbindungsstraßen zwischen Städten und Vorortsiedlungen in einer Tiefe bis höchstens 60 Meter erlaubt.694 Diese Vorschrift, die bis 1940 sehr stringent durchgesetzt wurde, führte zur Entstehung sogenannter „Street Shops“ oder „Road Shops“, deren Eigentümer versuchten, die Geschäfte so weit wie möglich an der geforderten hinteren Baugrenze zu errichten, um ihren Kunden möglichst viele gut sichtbare Parkmöglichkeiten zu offerieren.695 Dies führte unweigerlich zu mehreren Problemen: Zum einen versuchten sich die Kaufleute gegenüber den konkurrierenden Geschäften mithilfe riesiger Werbetafeln hervorzuheben: „Riesige Neonreklamen wetteiferten um Aufmerksamkeit“696 und führten zu einem „gestalterischen Debakel“ entlang dieser Einfallstraßen (vgl. Abb. 61) – den soge- Abb. 60 692 Germelmann 2003, S. 25 693 Germelmann 2003, S. 25 694 Germelmann 2003, S. 25 695 Germelmann 2003, S. 25; vgl. dazu Ausführungen zu Robert Venturis „Learning from Las Vegas“, Kapitel 5.1 und 5.2 696 Weinberg 1986, S. 35 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 152 nannten Strips. Zum anderen führten diese Geschäftsansiedlungen an Hauptverkehrsstraßen zu konträren Wechselbeziehungen: die uneingeschränkte Mobilität zwischen Stadt und Vorstadt konnte über die Verbindungsstraßen nicht mehr durchgehend erreicht werden, da diese gleichzeitig durch am Straßenrand parkende Autos und Fußgänger, die auf dem Weg zum oder vom Einkaufen waren, zum Stillstand gebracht wurde. Strip in Las Vegas, Einfallstraße mit Ansammlung von Geschäften, wie von Venturi, Brown beschrieben, ca. 1968 [Quelle: Venturi, Scott Brown & Associates Inc., Philadelphia; Online: http://arttattler.com, 15.10.2015] Neben den Defiziten an urbanen Strukturen in den Vorstädten fehlten gleichzeitig in den Stadtzentren der Großstädte markante Elemente, die die Typologie der europäischen Stadt prägen und die bauliche Basis für eine sich selbstständig entwickelnde Urbanität bilden: In den Stadtgrundrissen, welche durch schachbrettartige, orthogonale Straßenverkehrsnetze gekennzeichnet sind697, bestehen kaum markante, großzügige Platz- und Freiflächen; die teilweisen Aussparungen in den streng axial angelegten Baublöcken werden nicht als städtische Platzanlage wahrgenommen oder genutzt und erscheinen gegenüber den riesigen überbauten Flächen und Verkehrsströmen nur marginal.698 Abb. 61 697 Stamps 2000, S. 258 698 Germelmann 2003, S. 21 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 153 Des Weiteren werden die Kirchen, die in historischen europäischen Stadtzentren einen wesentlichen Bereich des Stadtraums einnehmen und stadtbildprägend sind, in die Ausrichtung und Struktur der Baublöcke eingeordnet. Darüber hinaus fehlen in den US-amerikanischen Städten aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte historische Anlagen, die Ausdruck früherer Gesellschafts- und Regierungsformen sind wie Burgen und Schlösser, „die häufig das Gesicht europäischer Innenstädte prägen“. Und es fehlen im Vergleich historisch gewachsene „Marktplätze mit den Gebäuden bürgerlicher Repräsentation“699, die gleichzeitig Mittelpunkt und Zentrum einer Siedlungsstruktur bilden. „Das regelmäßige, nicht differenzierte Straßennetz sowie der Mangel an Plätzen und gliedernden Grünanlagen erschweren es, im Plan abzulesen, wo der Mittelpunkt, das Herz der amerikanischen Stadt, ist.“700 Victor Gruen beschreibt diese Situation wie folgt: „Die Zeit war überreif für eine neue Idee, eine neue Form der Zusammenarbeit der Kaufleute, um ihre Existenz zu sichern“701 und gleichzeitig beiden bestehenden Defiziten – im Stadtzentrum und in den städtischen Randlagen – zu begegnen. Bereits in den 1920er-Jahren wurde durch den Bauherren Jesse Clyde Nichols der Versuch unternommen, eine neue Wohnsiedlung am Stadtrand von Kansas City (Bundesstaat Missouri) in Zusammenhang mit einer Agglomeration aus Ladenlokalen zu errichten, die vor allem auf die Bedürfnisse von Kunden mit einem Automobil ausgerichtet waren: das Geschäftszentrum Country Club Plaza. Rückblickend verwendete Nichols bei der Planung erstaunlich viele Elemente, die sich auch in späteren Shopping-Centern wiederfinden, wie beispielsweise gut sichtbare kostenfreie Parkplätze und die teilweise zweigeschossige Anordnung von Geschäften.702 Das Country Club Plaza gilt daher als erstes geplantes Einzelhandelsprojekt außerhalb der Innenstadt.703 Obwohl dieses Konzept in Kansas City erfolgreich angenommen wurde, verhinderte die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise und die 699 Germelmann 2003, S. 21 700 Germelmann 2003, S. 21 701 Weinberg 1986, S. 35 702 Cox, Brittain 2004, S. 30 f. 703 Popp 2002, S. 9 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 154 damit einhergehende stagnierende Bautätigkeit die weitere Verbreitung dieser Idee.704 Daher gilt das Country Club Plaza als „Pionier“705 und als zunächst singuläre Erscheinung in den USA für zwanzig weitere Jahre. Wesentlichen Anteil an der Weiterentwicklung der Ladenagglomeration zum eigentlichen Shopping-Center hatte ein Architekt und Stadtplaner aus Europa, der Ende der 1930er-Jahre aufgrund seiner jüdischen Abstammung in die USA emigrierte: der Österreicher Victor Gruen, der als Viktor David Grünbaum 1903 in Wien geboren wurde. Bereits in seiner Heimatstadt Wien realisierte Gruen, nach Ausbildung zum Hochbaufachmann und dem Besuch der Meisterklasse der Akademie der Bildenden Künste706, Läden und Einrichtungen für Geschäfte707, setzte sich aber auch, wie er selbst beschreibt, mit der Wechselbeziehung ‚Mensch’ und ‚Umwelt’ auseinander und der daraus abgeleiteten Zielsetzung einer „menschen- und naturgerechten Stadt“.708 Nach seiner Ankunft im New Yorker Exil arbeitete Gruen zunächst als angestellter Zeichner und entwarf dann selbstständig hauptsächlich Innenräume von Geschäften und Kaufhäusern.709 Einer seiner Entwürfe eines Geschäftes in der Fifth Avenue in New York führte ihn zu der Erkenntnis, dass ein bühnenartiges Präsentieren der Ware vor Geschäften höhere Aufmerksamkeit erzielt als das klassische Schaufenster.710 Im Jahr 1950 gründete Gruen das Planungsbüros Victor Gruen Associates mit Hauptsitz in Los Angeles. In seinem Büro stellte Victor Gruen neben Architekten, Stadtplanern und Ingenieuren auch Soziologen, Künstler und Vertreter anderer Berufsgruppen an und formulierte das Hauptziel „Umweltplanung“, ein für die damalige Zeit noch „ungewöhnlich[es]“711 Konzept. Das Büro entwickelte bereits früh nach dessen Gründung großmaßstäbliche Entwürfe, realisierte diverse Vorhaben und etablierte sich nach und nach zu einem der zwanzig größ- 704 Hahn 2007, S. 16 705 Cox, Brittain 2004, S: 32 706 Schweizer 2005, S. 45 707 Tragatschnig 2009b, S. 9 708 Prill 2008, S. 181 709 Schweizer 2005, S. 45 710 Tragatschnig 2009b, S. 10 711 Schweizer 2005, S. 45 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 155 ten Planungs- und Architekturbüros der Vereinigten Staaten von Amerika, das nun nicht nur einzelne Bauten, sondern regionale Zentren, bald auch Stadtteile und ganze Städte entwarf.712 Der Anlass, der Victor Gruen zur Entwicklung der Idee von ‚regionalen Einkaufszentren’ führte, war die Bewältigung eines stadtplanerischen Problems: Wie konnte man das extrem hohe Aufkommen von Individual-, öffentlichem und Zulieferverkehr in den transitorischen Vorstädten deutlich minimieren und gleichzeitig einen Ort mit kommerziellen, sozialen und kulturellen Funktionen schaffen, der sich zu einem neuen urbanen öffentlichen Raum entwickeln konnte?713 Gruen beschreibt die Situation nach 1945 folgendermaßen: „Vor der Erfindung des Einkaufszentrums gab es in den ausgedehnten vorstädtischen Gebieten der amerikanischen Städte endlose Linien von Geschäftsreihen entlang wichtiger arterieller Straßenzüge, entweder ohne jede Parkmöglichkeit oder mit nur notdürftigen Parkgelegenheiten vor oder hinter den Geschäftsreihen. Die Konflikte, die sich dadurch ergaben, daß Wagen am Straßenrand parkten und die Straßen deshalb unter Verkehrsverstopfung litten, die Insassen von Fahrzeugen damit in Lebensgefahr brachten, wurden in den vorstädtischen Gebieten so unerträglich, wie sie es schon vorher in den Kerngebieten waren.“714 Um diese vor allem verkehrlichen Probleme zu lösen und gleichzeitig der „Ödnis der amerikanischen Vorstädte“715 infolge der jahrelangen „suburbanen Revolution“716 zu begegnen, plante Victor Gruen gezielt Agglomerationen aus Einzelhandel, Dienstleistung, Kultur und Gastronomie, um damit eine Szenerie „städtischen Lebens“ für die Bewohner von suburbia aufzubauen. Er entwickelte aus dieser Aufgabenstellung heraus einen neuen Bautypus, der den neuen Mittelpunkt, das neue Zentrum, in den flächenhaften, gesichtslosen, nach repetitiven Siedlungsmustern gebildeten Vorstädten darstellen sollte: das „regionale“ Shopping-Center, die pedestrian mall. Die ersten beiden von Gruen Associates nach dieser Typologie errichteten Shopping-Center, das Northland-Center bei Detroit aus dem Jahr 1951 (Abb. 62) sowie das Southdale-Center bei Minneapolis von 712 Schweizer 2005, S. 45 713 Wall 2003, S. 109 714 Prill 2008, S. 140 715 Jacobi 2008, S. 18 716 Haferkorn 2007, S. 88 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 156 1953 (Abb. 63), beinhalten folgende für diese Zeit „revolutionäre Ideen“717: Zunächst wurden die Geschäfte als eigenständige Gruppe zu einem neuen Kerngebiet formiert, das abseits und losgelöst von der zentralen Hauptverkehrsstraße lag. Die Einzelgebäude waren so angeordnet, dass diese „durch Straßen, Gassen, Plätze (…) miteinander in Verbindung gebracht wurden“718 und ausschließlich für den Fußgänger reserviert waren. (links) Northland-Center, bei Detroit, 1950er-Jahre, Architekt: Victor Gruen Associates [Wayne State University, http://mallsofamerica.blogspot.com/2006/11/northland-center-mall.html, 14.11.2013] (rechts) Southdale-Center , bei Minneapolis, 1950er-Jahre, Architekt: Victor Gruen Associates [Wayne State University, http://mallsofamerica.blogspot.de/2007/02/southdale-centerdaytons.html, 14.11.2013] Nach Gruen sei dies im Grunde genommen ein Konzept, das eine Renaissance des alten europäischen Stadtkernes darstelle.719 Während der aktive Fußgängerbereich, das Areal des ruhenden Verkehrs, mithilfe von Baumgruppen, Stadtmöblierung, Brunnen, Beeten und Bänken ausgestaltet wurde, trennte Gruen die weitläufigen Abstellflächen der Automobile, also den fließenden Verkehr, von diesem Bereich „im horizontalen Sinn“.720 Abb. 62 Abb. 63 717 Prill 2008, S. 140 718 Prill 2008, S. 140 719 Gruen 1975, S. 140 720 Gruen 1975, S. 140 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 157 Insgesamt war der fließende Verkehr über separate Ringstraßen an das überörtliche öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen.721 Des Weiteren führte Gruen eine Trennung des Liefer- und Serviceverkehrs von den Bereichen, die ausschließlich für die Kunden vorgesehen waren durch, über eine Untergrundstraße, die direkt in die teilweise unterirdischen Lagergeschosse führte.722 Bereits bei den ersten beiden frühen Projekten waren „Ansätze zur Multifunktionalität“723 zu finden. „Neben Geschäften gab es auch Restaurants, Cafés, Hotels, Versammlungsräume, Außenräume für öffentliche Veranstaltungen, Ausstellungen usw. und Büros.“724 Die neuen Center erfüllten die klassischen Funktionen eines Stadtzentrums. Während es sich bei dem Einkaufszentrum in Northland noch um ein sogenanntes offenes Center handelt, wurde beim zweiten Einkaufszentrum in Southdale bei Minneapolis eine zusätzliche Idee verwirklicht: die des vollständig überdachten, klimatisierten regionalen Zentrums mit mehreren Verkaufsebenen.725 Southdale ist damit das erste überdachte und vollklimatisierte Einkaufszentrum weltweit.726 Zunächst stand der Erfolg infrage und „Experten aller Art fanden zu jener Zeit diese Idee utopisch und undurchführbar“. Ein Jahrzehnt später, 1975, wurden „(…) aber die Mehrzahl regionaler Zentren in Amerika nurmehr als überdachtes, klimatisiertes Zentrum gebaut.“727Mit der Entwicklung dieses Konzeptes ‚Shopping-Center’ als „multifunktionelle[s], städtische[s] Nebenzentr[um]“728, wollte Gruen die in den Sprawls fehlende Urbanität implantieren, die er in den europäischen Städten und vor allem seiner Heimatstadt Wien vor seiner Emigration erlebte hatte und die im Wesentlichen durch das Vorhandensein von öffentlichen Plätzen und Räumen gekennzeichnet war, in denen neben dem kommerziellen Handel auch urban culture729, in- 721 Gruen 1975, S. 140 722 Gruen 1975, S. 141 723 Gruen 1975, S. 141 724 Gruen 1975, S. 141 725 Gruen 1975, S. 141 726 Tragatschnig 2009b, S. 11 727 Gruen 1975, S. 141 728 Gruen 1975, S. 139 729 Wall 2003, S. 106 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 158 terdisziplinäres, gesellschaftliches Miteinander stattfinden konnte – „nur eben auf amerikanische Art“730. Das neue Prinzip der Mall, das „inszenierte Geschäftszentrum“731, bedeutete baulich übersetzt die Integration des Einkaufens in ein Umfeld, das idealtypischerweise dem Bild der herkömmlichen, traditionellen Stadt entsprechen sollte, wo aber tatsächlich keine Stadt oder stadt- ähnliche Strukturen vorhanden waren.732 Das Konzept ist demnach völlig isoliert und losgelöst von seiner Umgebung zu betrachten und entzieht sich durch seine autarke, klimatisierte Abgeschlossenheit äu- ßerlichen Einwirkungen und Abhängigkeiten – das klassische Shopping-Center-Prinzip. Die Ideen und die zahlreichen realisierten Einkaufszentren von Gruen Associates waren bei Architekten und Stadtplanern nicht unumstritten. Seine idealisierten stadttheoretischen Ansätze wurden vielfach nicht ganzheitlich erfasst und nur partiell umgesetzt, sodass sich die Befürchtungen gegenüber den neu entstandenen Nebenzentren teilweise bewahrheiteten, sich diese verstärkt als Konkurrenzstandorte entwickelten und damit letztlich zur Verödung der zentrennahen Geschäftslagen führten und ausschließlich als Substituenten der bestehenden Stadtkerne verstanden wurden.733 Gruen selbst sprach retrospektiv betrachtet von einigen „Geburtsfehlern“ der typischen amerikanischen Einkaufszentren, die „auch in Europa so viel Nachahmung finde[n]“734. In seinen Publikationen betonte Victor Gruen, dass er sich neben der Konzeption neuer Einkaufszentren „gleichzeitig und mit der gleichen Intensität der Planung zur Wiederbelebung alter Stadtkerne und der Planung neuer Städte gewidmet [hat]“735. Gruen war der Ansicht, dass eine große Stadt beides brauche: „[E]inen Hauptkern und Nebenkerne. Wenn der städtische Organismus richtig gestaltet ist, um eine Balance zwischen dem Hauptkern und den ver- 730 Jacobi 2008, S. 18 731 Hoffmann-Axthelm 2006, S. 45 732 Hoffmann-Axthelm 2006, S. 45 733 Die Auswirkungen sind identisch mit den Auswirkungen der „Grüne-Wiese“- Standorte für Innenstädte in Deutschland etwa 20 bis 30 Jahre später. 734 Gruen 1975, S. 144 735 Gruen 1975, S. 139 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 159 schiedenen Arten von Nebenkernen zu schaffen, dann erübrigt sich die Qual der Wahl für den Kaufmann und für alle anderen Funktionen. Die menschengerechten, multifunktionellen Haupt- und Nebenkerne sind beide notwendig für den wirtschaftlich und kulturell gesunden urbanen Organismus.“736 Nach Verwirklichung von Gruens Shopping-Center-Idee und durch den großen Erfolg des Southdale-Centers als erstem überdachten und vollklimatisierten Einkaufszentrum wurden fortan auch an anderen Standorten in den USA große Shopping-Center, bevorzugt als klimatisierte Malls in geschlossener Bauweise, errichtet.737 Während bis 1960 etwa 39 Shopping-Center mit einer durchschnittlichen Verkaufsfläche von über 300.000 square feet (entspricht etwa 28.000 Quadratmeter) errichtet wurden, vergrößerte sich deren Anzahl 1969 bereits auf über 10.000.738 Gleichzeitig modifizierten sich die Shopping-Center zu riesigen Mega-Malls mit über 100.000 Quadratmeter Verkaufsfläche und einem immer größer werdenden Unterhaltungsangebot. Im Jahr 2004 konnten in den USA 47.718 Einkaufszentren gezählt werden739, die eine Gesamtfläche von 515 Millionen Quadratmetern und über 50 Prozent des Einzelhandelsumsatzes in den USA aufwiesen740. Bei zwei Dritteln dieser Einkaufszentren handelt es sich jedoch um die sogenannten Nachbarschaftszentren, die ausschließlich der Nahversorgung kleinerer Gebiete dienen und Flächen bis maximal 9.300 Quadratmeter (Richtlinie USA) aufweisen.741 Dagegen bestehen derzeit circa 670 Super-Regional-Zentren oder sogenannte Mega-Malls, die auf Geschäftsflächen von über 74.000 Quadratmetern agieren.742 Dieser quantitative Erfolg der Idee verhalf Gruen zu der Bezeichnung „Vater der Fußgängerzone“743 – „eine Vaterschaft, die [er] übri- 736 Gruen 1975, S. 148 737 Hahn 2007, S. 17 738 Hahn 2007, S. 17–18 739 Hahn 2007, S. 18 740 Popp 2002, S. 10 741 Popp 2002, S. 10 742 Falk 2006, S. 96 743 Frenkel 26.10.2006 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 160 gens nicht voll akzeptierte“744, aber die ihn zum Begründer einer völlig neuen Einkaufsform nicht nur in Amerika stilisierte. Einkaufszentren in Deutschland „Die Entwicklungen in den USA wurden für das Europa der Nachkriegszeit vorbildhaft…“745 Während in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik Deutschland zunächst der Wiederaufbau der Städte und die Versorgung der Bevölkerung mit elementaren Gütern und Waren im Vordergrund standen, stieg seit den 1950er-Jahren aufgrund des rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs die Nachfrage nach Konsumgütern rapide an.746 Die Entstehungsgründe beziehungsweise der Bedarf nach neuen Einkaufsformen waren demnach ähnlich wie in den USA und sind hauptsächlich auf die demografische Entwicklung in der Bundesrepublik, den gestiegenen Wohlstand einhergehend mit einer erhöhten Nachfrage und auf das veränderte Konsumentenverhalten zurückzuführen. Unter dem Aspekt der „Bau- und Versorgungsplanung in neuen Wohngebieten“ wurden die neu entstehenden Shopping-Center in den USA analysiert und dahingehend bewertet, „ob und wieweit Shopping Centers amerikanischer Prägung auch in der Bundesrepublik Deutschland anzustreben sind.“747 Mit einer „zeitlichen Verzögerung“748 von knapp 20 Jahren gegen- über den USA749 wurden in der Bundesrepublik in den 1960er-Jahren die ersten Shopping-Center errichtet. Im Jahr 1964 eröffneten das Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach am Stadtrand von Frankfurt/Main 2.9.3 744 Gruen 1975, S. 144 745 Schupp 2005, S. 13 746 Schupp 2005, S. 13 747 Thomas 1964, S. 10 748 Junker, Kühn 1999, S. 13 749 Vgl. „Pionier“ der Shopping-Center in den USA: Country Club Plaza wurde bereits in den 1920er-Jahren errichtet; 1950 endgültige Etablierung von Shopping- Centern auf dem US-amerikanischen Einzelhandelsmarkt. 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 161 mit einer Verkaufsfläche von circa 40.000 Quadratmetern750 sowie der Ruhrpark bzw. das Ruhrpark-Einkaufszentrum an der Bundesautobahn 40 zwischen Bochum und Dortmund mit einer Geschäftsfläche von 23.000 Quadratmetern751 als die beiden ersten deutschen regionalen Shopping-Center nach US-amerikanischem Vorbild.752 Beide Center sind in peripherer Lage, analog den ersten US-amerikanischen Centern, an Hauptverkehrsachsen und in industrieller Ausführung als offene Streifen-Center entstanden; während der Ruhrpark als eingeschossiges Center errichtet wurde, bot das Main-Taunus-Zentrum bereits über zwei Etagen Verkaufsflächen an.753 Bereits im darauffolgenden Jahr, 1965, folgte mit dem Europa-Center in Berlin mit einer Nutzfläche von circa 50.000 Quadratmetern das erste innerstädtische Einkaufszentrum „auf drei Ebenen in einem multifunktionalen Gebäude“754, das jedoch für die Standortlage Innenstadt zunächst bis Mitte der 1970er-Jahre, bis zur sogenannten zweiten Shopping-Center-Generation, die Ausnahme blieb. Das im Oktober 1969 eröffnete Franken-Zentrum in Nürnberg- Langwasser mit dem Warenhaus Karstadt als Magneten und etwa 20 kleineren Geschäften war das erste geschlossene und klimatisierte Shopping-Center in Deutschland, das sofort mit „großem Erfolg“755 angenommen wurde und weitere geschlossene Center-Planungen nach sich zog.756 Die qualitative Entwicklung in Deutschland „Von Anfang an war jedoch klar, dass eine bloße Kopie nicht möglich war, sondern dass die Center dem deutschen Markt angepasst werden mussten.“757 2.9.3.1 750 Heute mittlerweile auf ca. 79.000 m² Mietfläche vergrößert; Erweiterung auf 90.000 m² geplant, Quelle: EHI Eurohandelsinstitut (Hg.), 2006, S. 374 751 Heute: ca. 97.000 m², Quelle: EHI Eurohandelsinstitut (Hg.), 2006, S. 318 752 Besemer 2004, S. 69; Junker, Kühn 1999, S. 13 753 Hahn 2002, S. 151 754 Hahn 2002, S. 151 755 Hahn 2002, S. 151 756 Hahn 2002, S. 151 757 Hahn 2002, S. 151 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 162 Während die ersten Einkaufszentren in Deutschland eher „funktionale Hüllen“ waren, eingeschossig, in Industriebauweise errichtet und damit kaum unterscheidbar von ihrem gewerblich geprägten peripheren Umfeld, veränderten sich die Gestaltung und Qualität der Center in den Folgejahren. Simone Besemer hat in ihrer Dissertation zum Topos Shopping-Center eine genaue Aufstellung qualitativer Kriterien zur Darstellung der Entwicklung von Einkaufszentren in Deutschland erarbeitet; neben Aussagen zu Standort, Größe, Bauweise und Layout werden auch die Kriterien „Gestaltung/Künstlichkeit“, Unterhaltungsund Eventcharakter, Service und Convenience gegenübergestellt.758 Die in Phasen darstellbare Entwicklung der Shopping-Center soll im Folgenden beschrieben werden: Mayr spricht zunächst von einer „Gründungswelle“ im Zusammenhang mit dieser ersten Phase der Shopping-Center in den 1960er- Jahren.759 In den nachfolgenden Jahren veränderten sich die Center nicht nur hinsichtlich ihres Standortes von der peripheren „Grünen Wiese“ in die Vororte und letztlich auch in Innenstadtlagen, sondern auch in Bezug auf ihre architektonische und technische Ausstattung.760 Die klassische Einkaufsstraße, die Mall, wurde mit Glas überdacht, sodass Tageslicht genutzt werden konnte, die meist zwei- und mehrgeschossigen Center wurden mit Klimaanlagen und Rolltreppen ausgestattet und veränderten letztlich auch ihr Selbstverständnis vom peripheren, städtebaulich autarken Center zur Stadtgalerie (Phase 2 und 3). Diese sogenannten Stadtgalerien adaptierten sowohl strukturelle Elemente der Passage des 19. Jahrhunderts (Renaissance der Passage, siehe auch Kapitel 2.7.2) als auch die Elemente des Shopping-Centers. Eine weitere Gründungswelle von Shopping-Centern, jedoch nach bekanntem, „altem“ (bewährtem) Muster, setzte nach der Wiedervereinigung ein. Während in den neuen Bundesländern in Größenordnungen Shopping-Center in der Peripherie der Großstädte errichtet worden sind, setzte in den alten Bundesländern bereits eine erste Erweiterungs- und Revitalisierungswelle ein. Neue Center wurden in integrierten Lagen errichtet (Phase 4). Seit der Jahrtausendwende sprach 758 Besemer 2004, S. 73 f. 759 Mayr 1980, S. 20, und Besemer 2004 und Hahn 2002 760 Besemer 2004, S. 74, und Hahn 2002, S. 151 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 163 man von Shopping-Centern der 5. Generation, die das Einkaufen an andere Orte verlagerte. Bahnhöfe wurden zu Malls umgebaut, das Angebot wurde ausgeweitet (Factory-Outlet-Center und Fachmärkte als Ankermieter), bestehende Center erhielten ein neues Image, die Erlebnisorientierung der Freizeitgesellschaft fand auch in die Shopping- Center-Konzepte Eingang. Als 6. Generation der Shopping-Center werden die kleineren, mehrgeschossigen Center in vorrangig integrierten Innenstadtlagen bezeichnet, die nicht mit dem Verkaufsflächenangebot der Center der ersten Generation vergleichbar sind. Die Shopping-Center der sogenannten 7. Generation werden sich, auch vor dem Hintergrund der Vielzahl von Angeboten, fast ausschließlich auf die sogenannten 1-A- Lagen fokussieren.761 Zudem geraten die Themen Modernisierung und Revitalisierung in den Mittelpunkt im Hinblick auf das Alter der Center. Aber die neuen oder neuen alten Center stehen auch einem anderen Verständnis von Konsum und Ökologie gegenüber, sodass das Thema Nachhaltigkeit untrennbar mit der Entwicklung zukünftiger Center verbunden sein wird. Auch die „Mehrkanalfähigkeit“ der stationären Einkaufscenter wird deren zukünftiges Konzept und deren Existenz prägen.762 Trotzdem aktuell weniger Center-Neueröffnungen zu verzeichnen sind – sieben im Jahr 2013763, sehen Experten im Marktanteil der Center am deutschen Einzelhandel noch Potenzial.764 Die quantitative Entwicklung in Deutschland Während die Entwicklung der Shopping-Center in den alten Bundesländern bis 1990 (quantitativ) relativ kontinuierlich verlief, zeigt sich ab der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ein abrupter Anstieg sowohl bei der absoluten Anzahl als auch bei der Verkaufsfläche pro Center. Bis zum Stichtag am 01.01.1990 konnten in der Bundesrepublik insgesamt 93 Einkaufszentren mit einer Gesamtverkaufs- 2.9.3.2 761 n. n. 2011, S. 6 762 So auch Klaus Striebich (ECE); n. n. 2011, S. 7 763 Quelle: EHI 764 ImVergleich zu den USA, UK oder europäischen Staaten wie Norwegen sind sowohl Marktanteil als auch Pro-Kopf-Center-Fläche in Deutschland geringer. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 164 fläche von 2,8 Millionen Quadratmetern gezählt werden765, woraus sich rechnerisch eine durchschnittliche Fläche pro Center von 30.000 Quadratmetern ergibt. In den ersten fünf Jahren nach der Wiedervereinigung erhielt diese Entwicklung einen neuen Impuls: Aufgrund des Nachholbedarfs und „zur schnellen Versorgung der Bevölkerung“766 in Ostdeutschland wurde der entstehende Konsumaufschwung mithilfe neuer Center, vorrangig auf der Grünen Wiese, gedeckt. Gleichzeitig begünstigten „ungeklärte Eigentumsverhältnisse“767 in den Innenstädten und die zeitliche Verzögerung beim Aufstellen von Bauleitplänen768 die „Welle der Neugründungen“769 in der Peripherie der Großstädte, während die (Innenstadt-)Entwicklung vernachlässigt wurde. Trotzdem das Shopping-Center einen eigenen Topos sowie eine eigenständige Kategorie im Bereich der Handelsarchitekturen einnimmt, bedient es sich architekturtypologischer „Anleihen“ vorangegangener Handelsarchitekturen. Tragatschnig beschreibt das Einkaufszentrum aus einer künstlerisch-kritischen Sichtweise als „Versatzstück aus allen Jahrhunderten der Architekturgeschichte (…): regenfeste Gotik, Renaissance und Heimatstil in einem (…). Ein sicherer, sauberer, hermetisch abgeriegelter Mikrokosmos, scheinöffentliche Flächen, Plätze und Gehsteige, nach innen orientierte ‚Straßencafés’, von Ladenzeilen umschlossen – die Mallarchitektur schützt nicht nur vor dem Wetter: dem falschen Menschenschlag ist der Zutritt via Hausordnung ebenfalls verweigert. Nach außen präsentiert sie sich als Kasten, ein abweisender Block, der Autos wie Blechmotten magisch anzieht. Das Einkaufszentrum als freiwillige innere Emigration, sein Kern ein Gesamtkunstwerk des Konsums: Kaufen, Essen, Amüsieren – die Welt als ästhetisches Phänomen.“770 Als ein Grund für den Erfolg von Einkaufszentren und die Etablierung dieses US-Modells auf dem deutschen Markt ist unter anderem die zunehmende Motorisierung eines Großteils der Bevölkerung zu nennen, die dazu führte, dass einerseits die Einkaufsstraßen in den Innenstädten im Gegensatz zu den ersten in der Peripherie und an Verkehrsknotenpunkten angesiedelten Einkaufszentren schwerer zu erreichen und 765 Lauster 1991, S. 33 766 Scholze, S. 100 767 Ebd., S. 100 768 Ebd., S. 100 769 n. n. 12.03.1999, S. 80 770 Tragatschnig 2009c, S. 5 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 165 andererseits Stellplätze für die Pkws in den Innenstädten nicht ausreichend vorhanden waren. Als weiterer Grund kann der steigende Konsumbedarf im „Wirtschaftswunderland“ Deutschland angeführt werden (vgl. 2.9.3 Massenkonsum). Nagel resümiert, dass die Vorteile der innerstädtischen Einkaufsstraße, wie vielfältiges Warenangebot, Flanieren und Vergleichsmöglichkeiten, gleichzeitig ohne die Nachteile der erschwerten Erreichbarkeit, der Parkplatznot, der langen Wegstrecken, des fehlenden Wetterschutzes oder der zunehmenden Gefährdung der Passanten durch Verkehr in der neuen Typologie des Einkaufszentrums in einem Gebäude vereint sind.771 Gewissermaßen würde der Typus der Passage als „glasgedeckte Flanierstraßen“ aus dem 19. Jahrhundert weiterentwickelt und in nun „neuzeitlich abgewandelte[r] und vervollkommnete[r] Form“ als Einkaufszentrum in die Städte vordringen.772 Als wesentliche Kriterien, die ein funktionierendes Einkaufszentrum ausmachten, werden unter anderem genannt:773 die Anbindung an den öffentlichen und individuellen Fahrverkehr, der eine reibungslose Anfahrt für Besucher und Anlieferung/Logistik ermöglicht; ein ausreichendes ober- oder unterirdisches Parkplatzangebot für Besucher, die mit Pkw zum Center fahren, aber auch eine gute Erreichbarkeit für Fußgänger. Zudem wird eine räumliche Differenzierung der Bauwerke durch Verkehrswege, mehrere Ebenen oder Geschosse, Erschließungselemente wie Treppen, Rampen, Flure und Galerien empfohlen sowie die Schaffung einer „Atmosphäre“, die zum Verweilen und zum Kaufen einlade. Funktional soll das Einkaufszentrum idealerweise um administrative, kulturelle, soziale und freizeitorientierte Dienstleistungen und Einrichtungen ergänzt werden, damit das Center die Funktion eines „urbanen Kommunikationszentrums“ übernehmen könne. Diese von Siegfried Nagel bereits in den 1970er-Jahren formulierten Kriterien für ein funktionierendes Einkaufszentrum haben auch 771 Nagel 1973, S. 25 772 Nagel 1973, S. 25 773 alle Nagel 1973, S. 25 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 166 heute, gegebenenfalls in modifizierter Form, nicht ihre Gültigkeit verloren. Massenkonsum in Deutschland „(…) die Industrialisierung hat nicht nur die Produktionszeit der Konsumgüter, sondern auch ihre Lebensdauer verkürzt.“774 Unter dem Begriff des Massenkonsums versteht man nach der Definition der Enzyklopädie Brockhaus den von der Massenfertigung und Massenproduktion ermöglichten Konsum von Waren.775 Kennzeichen für den Massenkonsum sei der Verbrauch einer großen Zahl standardisierter Güter und Waren zu meist niedrigen Preisen durch eine gro- ße Zahl von Verbrauchern und Konsumenten.776 Dieser allgemeingültige Definitionsansatz trifft auf die Situation des Handels im Nachkriegsdeutschland in den 1950er-Jahren zu: Handel in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte zunächst die Funktion des „Warenverteilers“ – es ging lediglich darum, Waren zu beschaffen, zu transportieren und gegen Bescheinigung777 auszuhändigen.778 Neben diesem offiziellen, durch Mangel gekennzeichneten Handel florierte der sogenannte Schwarzmarkt sowie der „Schleichund Tauschhandel“779, der abseits der Läden und jeglicher Öffentlichkeit stattfand. Erst Mitte der 1950er-Jahre stabilisierte sich die wirtschaftliche und konjunkturelle Lage in Deutschland, die Einkommen der Arbeiter stiegen und die „aufgestaute Nachfrage nach Konsumgütern“780 entlud 2.9.4 774 Grasskamp 2002, hier S. 18 775 o. A. 2006, S. 802 776 o. A. 2006, S. 802 777 Gemeint sind hier die durch die staatliche Kontrolle des Handels ausgegebenen Wertmarken, Warenbezugsscheine und Lebensmittelkarten. 778 Teuteberg 2005, S. 29 779 Teuteberg 2005, S. 29 780 Teuteberg 2005, S. 29 f. 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 167 sich in der „Fresswelle“.781 Man muss in diesem zeithistorischen Zusammenhang den enormen Nachholbedarf der (West-)Deutschen sehen, die nach über zehn Jahren von Kriegsalltag, Nachkriegszeit, zugeteilten Rationierungen, Lebensmittelkarten, Knappheit und Hungererfahrung einen anderen Lebensstil herbeisehnten. Schindelbeck fasst dies gut zusammen: „Wenn es überhaupt noch ein politisches Versprechen gab, dem man Glauben zu schenken bereit war, so musste es sich im persönlichen Konsum beweisen und einlösen.“782 „Wohlstand für Alle“783, wie von Ludwig Ehrhard 1957 tituliert, war Überschrift und Paradigma für die Konsumgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland in den 1950er-Jahren. Zugleich wurde der Ausruf „Alle sollen besser leben“ nicht nur Slogan der Werbeindustrie und Titel einer Ausstellung in Düsseldorf, sondern es wurde konsumpolitisches Paradigma dieser Zeit.784 Buchtitel, Ludwig Ehrhard, 1957 Der beschriebene Nachholbedarf vollzog sich in aufeinanderfolgenden, sich teilweise überlagernden Wellen bis weit in die 1950er-Jahre, wobei wobei zunächst nur die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Mobiliar Abb. 64 781 Allgemeine Bezeichnung für die Situation deutscher Haushalte nach den Entbehrungen und der sogenannten Hungerküche in den unmittelbaren Nachkriegsjahren 782 Schindelbeck 2001, S. 22 783 Erhard, Langer 2009 784 Schindelbeck 2001, S. 22 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 168 und Textilien gedeckt wurden, sich dann aber eine Tendenz zu immer höheren Ansprüchen entwickelte.785 Schindelbeck fasst dies wie folgt zusammen und belegt dies mit den statistischen Zahlen für Konsumgüter: „Der Fresswelle folgte die Bekleidungswelle, dieser die Möbilierungs-, die Motorisierungs- und Reisewelle.“786 Der wirtschaftliche Aufschwung dieser Zeit vollzog sich nicht nur in Deutschland als „deutsches Wirtschaftswunder“, sondern weltweit, vor allem jedoch in den westlichen Wohlstandsgesellschaften, und währte etwa 25 Jahre als „Traum immerwährender Prosperität“ – auch wenn dieser Traum und dessen Realisierung die Mehrheit der Weltbevölkerung nie erreichte.787 Der neue Bedarf, einhergehend mit Rationalisierungstendenzen, vor allem im Bereich des (Lebensmittel-)Einzelhandels, technischen Neuerungen im privaten Haushalt und veränderten Distributionszielen im Handel, bewirkte den sogenannten Strukturwandel im Einzelhandel. Die Basis, auf der sich diese Entwicklung vollziehen konnte, ist das US-amerikanische Modell der Massenproduktion und Massenkonsumtion788, das sogenannte fordistische Modell. Der Fordismus789 revolutionierte die industrielle Warenproduktion und veränderte damit Konsum und Handel nachhaltig. Dieser (gesellschaftliche und ökonomische) Strukturwandel brachte eine bis heute anhaltende und nach wie vor nicht abgeschlossene Betriebstypenvielfalt mit sich. 785 Schindelbeck 2001, S. 25 786 Schindelbeck 2001, S. 25 787 Noller 1999, S. 62 788 Noller 1999, S. 62 789 Fordismus, benannt nach seinem Namensgeber Henry Ford, etablierte sich in den USA bereits nach und während des Ersten Weltkrieges zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 169 Strukturwandel in Deutschland Seit den 1960er-Jahren vollzieht sich in der Bundesrepublik Deutschland790 ein tiefgreifender und anhaltender Strukturwandel im Einzelhandel791, der sich sowohl auf die verschiedenen Betriebsformen des Handels als auch, aufgrund von Veränderungen in der Standortwahl der Unternehmen, auf die generelle Entwicklung der Stadt auswirkt. Dieser Strukturwandel ist auf eine Fülle interdependenter, „heterogener und zumeist eng miteinander verzahnter Umwälzungsprozesse im Einzelhandel“792 zurückzuführen, deren Ursachen wiederum einerseits in innovativen Entwicklungen aus betriebswirtschaftlicher Sicht, zum anderen auf veränderten Rahmenbedingungen im Verhalten der Konsumenten sowie des Warenangebotes liegen. Im Folgenden soll kurz umrissen werden, welche Veränderungen durch den Strukturwandel auf der Anbieter- und der Nachfragerseite eingetreten sind, welche neuen Betriebsformen sich daraufhin auf dem Einzelhandelsmarkt etablierten und welche Rolle dabei die Shopping-Center in Deutschland innehaben. Dabei wird zwischen Veränderungen auf der Angebotsseite, dem Handel selbst, den sogenannten handelsendogenen Faktoren und den Veränderungen auf der Nachfragerseite, den handelsexogenen Faktoren, differenziert.793 Handelsendogene Faktoren Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 hatte die Zahl der traditionellen Einzelhandelsbetriebe wie Fachgeschäft, Lebensmittelladen und Warenhaus aufgrund steigender Einkommen und des wachsenden Konsumbedarfs der Bevölkerung zunächst stetig zugenommen.794 Seit 1960 stagnierte diese Entwicklung – die Zahl der Einzelhandelsunternehmen veränderte sich nur unwesentlich795 und führte zur Verschie- 2.9.5 2.9.5.1 790 Wenn im Folgenden die Bezeichnung Bundesrepublik Deutschland (BRD) verwendet wird, dann sind die alten Bundesländer der BRD zwischen 1945 und 1989 gemeint, es sei denn es wird explizit darauf hingewiesen. 791 Schindelbeck 2001, S. 53 792 Schindelbeck 2001, S. 53 793 Zehner 2001, S. 4 794 Vogels, Paul-Heinz; Holl, Stefan; Birk, Hans-Jörg (Hg.), 1998, S. 2 795 Zehner 2001, S. 4 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 170 bung des Verhältnisses zwischen den Betriebsformen und zu einem Rückgang der eigenständigen Betriebe796 des Facheinzelhandels. Diese waren zunehmend der Konkurrenz und damit dem „wirtschaftlichen Druck“797 anderer, neuer Warenangebots- und Betriebsformen wie Verbrauchermärkte und Warenhäuser mit Selbstbedienung, sogenannte SB-Warenhäuser, ausgesetzt. Existierten in der Bundesrepublik im Jahr 1962 rund 445.000 Einzelhändler, so sank ihre Zahl bis Ende 1976 um circa 113.000 auf 332.000.798 Weitere Prozesse dieser Zeit lassen sich zusammengefasst wie folgt beschreiben: – Ansteigender Filialisierungsgrad799, das heißt, ein stattfindender Verdrängungsprozess von inhabergeführten Geschäften des Einzelhandels durch Filialen großer, teilweise auch international agierender Handelsunternehmen, der vor allem in der Textilbranche zu beobachten ist. Die Konsequenz daraus sei, „daß der traditionelle Facheinzelhandel sich der Marktmacht der großen Ketten stellen (…) [müsse] und diesen Kampf nur schwerlich als Sieger beenden [könne]“800 und sich damit die Zahl der Fachgeschäfte, die nicht filialisiert sind, weiter verringert. – Zunehmende Discountstrategie und die auf einen „Preiskampf“801 ausgerichtete Marktorientierung neuer Betriebsformen, vor allem im Lebensmittelbereich. – Konzentrations- und Rationalisierungsprozesse in der Standort-, aber auch der Beschäftigungsstruktur führen zu einer Zunahme von Selbstbedienungsgeschäften mit geringem Personaleinsatz, aber gleichzeitig vergrößertem Sortimentsbestand (Orientierung an Flächen- und Personalumsatz pro Quadratmeter Einzelhandelsfläche); die generell stattfindende räumliche und betriebswirtschaftliche Konzentration verdeutlicht sich auch dahingehend, dass die Umsatzverteilung auf die großen Handelsunternehmen und -konzerne konzentriert ist: 1995 haben die 50 größten Unternehmen des 796 Vogels, Paul-Heinz; Holl, Stefan; Birk, Hans-Jörg (Hg.), 1998, S. 2 797 Zehner 2001, S. 5 798 Hochheim 2003, S. 13 799 Popp 2002, S. 59 800 Zehner 2001, S. 5 801 Grieben 2001, S. 5 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 171 deutschen Lebensmitteleinzelhandels 98,2 Prozent des Umsatzes auf sich vereinen können, wobei die fünf großen Handelsketten (Metro, Edeka, Tengelmann, Rewe und Aldi) im selben Jahr etwa 60 Prozent des Umsatzes generieren konnten, was deren Verhandlungspositionen gegenüber den Produktionsbetrieben stärkte und gleichzeitig die Situation der kleinen Einzelhandelsbetriebe schwächte.802 – Stetige Erhöhung der durchschnittlichen Verkaufsfläche und der betriebswirtschaftlich erforderlichen Mindestverkaufsfläche803 zugunsten großflächig ausgerichteter Einzelhandelsunternehmen. Dies ist besonders im Zusammenhang mit der parallel stattfindenden Reduzierung der Anzahl der Betriebsstätten bemerkenswert und zeigt die Relevanz der Thematik. Spätestens seit den 1990er- Jahren hat sich die Entwicklung der Verkaufsflächen weitgehend von der Entwicklung der Kaufkraft- und Umsatzzahlen des Einzelhandels abgekoppelt.804 Man kann daher durchaus von einer „Verkaufsflächenexplosion“805 sprechen. Handelsexogene Faktoren Die Ursachen für den Strukturwandel im Einzelhandel liegen aber nicht ausschließlich in den Veränderungen auf der Seite der Unternehmen, sondern sind auch auf der Verbraucherebene, der Nachfragerseite zu beobachten. Wesentliche auslösende Faktoren sind hier die angestiegene Mobilität breiter Bevölkerungsschichten, die verbesserten infrastrukturellen Voraussetzungen806 und die damit einhergehende dynamische Entwicklung des Individualverkehrs durch die Erhöhung der Anzahl der Personenkraftwagen (Pkw) seit den 1960er-Jahren. Die neue Möglichkeit für Verbraucher, mithilfe des Pkw Entfernungen schnell und kostengünstig zu überwinden und die Wahl des Einkaufsstandortes durch dessen verbesserte Erreichbarkeit frei zu 2.9.5.2 802 Angaben des Bundesverbands des deutschen Lebensmittel-Einzelhandels e.V. 1996, zit. in: Thomi 1998, S. 16 803 Grieben 2001, S. 5 804 Giese 2003, S. 132 805 Thomi 1998, S. 9 806 Hatzfeld 1987, S. 25 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 172 entscheiden807, sowie neue technische Haushaltsgeräte wie Kühl- und Gefrierschränke für breite Bevölkerungsschichten verursachten eine Veränderung im Konsumverhalten hin zu großen Mengen-, Bevorratungs- und Wocheneinkäufen.808 Der auch im Bereich der Wohnfunktion stattfindende suburbane Wanderungsprozess führte zu einer Verlagerung des Bevölkerungsschwerpunktes außerhalb der Kernstädte809 und begünstigte damit auch die Voraussetzung der Ansiedlungen von neuen Handelseinrichtungen in den städtischen Randlagen.810 Darüber hinaus bewirkten veränderte demografische Faktoren811 und die ebenfalls veränderte Zusammensetzung der Haushalte und Familien812 ein Verhalten auf Seiten der Verbraucher, das sich hin zu einer Bevorzugung größerer Betriebsformen und zu einem erhöhten Preisbewusstsein bei den Waren des periodischen bzw. täglichen Bedarfs (Convenience) entwickelte.813 Die Frage, welche der Faktoren, handelsendogene oder handelsexogene, primär für den Strukturwandel und die damit einhergehenden Konzentrationsprozesse im Handel maßgeblich sind, ist nicht eindeutig zu beantworten.814 Zum einen könne man die strukturelle Verschiebung im Einzelhandel mit dem geänderten Konsumentenverhalten erklären815, zum anderen sei das Verhalten von Konsumenten gegenüber Veränderungen im Einzelhandel lediglich als reaktiv zu beschreiben und hätte „systembedingt“ nicht die Macht, über „Struktur und Entwicklung (…)[der Konsumgüter] aktiv und im Voraus“816 mit zu entscheiden. Es kann jedoch festgestellt werden, dass beide Faktoren und ihre jeweiligen Ursachen kaum voneinander zu trennen sind und die ver- 807 Grieben 2001, S. 6 808 Vogels, Paul-Heinz; Holl, Stefan; Birk, Hans-Jörg (Hg.), 1998, S. 3 809 1950 lebten 64,9 % der Bevölkerung in Kernstadtgebieten, 1970 nur noch 56,9 % (Quelle: Grieben 2001, S. 5). 810 Hatzfeld 1987, S. 25 811 Grieben 2001, S. 5 812 Grieben 2001, S. 6 813 Schäfer 1998, S. 65 814 Hatzfeld 1987, S. 29 815 Schenkhoff, Hans- Joachim (1983): Tendenzen im Einzelhandel, zit. in: Hatzfeld 1987, S. 29 816 Bamberg, U.; Heß, G. (1979): Aspekte strukturellen Wandels im Einzelhandel, zit. in: Hatzfeld 1987, S. 29 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 173 änderten Rahmenbedingungen im Handel sowohl auf handelsexterne und handelsinterne Einflüsse als auch auf die Theorie der Lebenszyklen der Betriebsformen817 zurückzuführen sind, jedoch die höhere Gewichtung bei dem Gewinninteresse der Unternehmen zu liegen scheint.818 Die unmittelbare Folge dieser Prozesse, resultierend aus der zunehmenden „Betriebsformendifferenzierung“819 in der Handelsgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist eine veränderte Standortstruktur des Einzelhandels. Damit erhält der Strukturwandel auch eine Raum- und raumplanerische Relevanz. Die neuen Betriebsformen fanden in den 1970er-Jahren vor allem an den nicht integrierten Standorten, der „Grünen Wiese“, ihre Verbreitung.820 Ursachen für die Fokussierung auf diese peripheren Standorte sind erstens, dass an den integrierten Standorten in den (historischen) Zentren nicht ausreichend Flächen zur Verfügung standen, die den Erfordernissen der neuen, meist großflächig ausgerichteten Betriebsformen entsprachen.821 Zweitens waren die Mieten in den Stadtzentren und den 1A-Lagen der Hauptgeschäftsstraßen der Innenstädte teilweise derart drastisch angestiegen, dass Unternehmen ihre Verkaufsstätten vermehrt an kostengünstige, außerhalb der Stadtzentren liegende Standorte verlagerten.822 Drittens änderte sich die Standortpolitik der großen Handelsunternehmen dahingehend, dass diese aufgrund ihrer Preisideologie und ihrer hohen Attraktivität für Kunden auch ohne eine Anbieterergänzung durch ein weiteres Einzelhandelsgeschäft im direkten Umfeld bestehen können.823 Durch diese veränderte Standortstrategie der Einzelhandelsunternehmen verschiebt sich das bisherige Gefüge der Versorgungsnetze, das auch heute, in umgekehrter Richtung, wieder zu beobachten ist. Es entsteht neben dem primären, innerörtlichen Versorgungsnetz, das das klassische Ladeneinzelhandelsnetz in den Innenstädten und 817 Thomi 1998, S. 11 818 Hatzfeld 1987, S. 29 819 Falk, Bernd; Falk, Momme Torsten (Hg.), 2006, S. 83 820 Popp 2002, S. 57 821 Grieben 2001, S. 5 822 Vogels, Paul-Heinz; Holl, Stefan; Birk, Hans-Jörg (Hg.), 1998, S. 4 823 Grieben 2001, S. 5 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 174 Wohnsiedlungen beschreibt824, ein weiteres Handelsnetz: das sekundäre oder auch außerörtliche Zentren- und Streulagennetz825, welches sich vorrangig an autokundenorientierten Standorten „am Rande oder außerhalb von Siedlungsgebieten“ entwickelt und die neu entstandenen Verbrauchermärkte, SB-Warenhäuser, Fachmärkte und die vor allem seit den 1970er-Jahren errichteten Einzelhandelsagglomerationen, die geplanten Einkaufszentren, umfasst.826 Dieses sekundäre Netz ist weder mit der tradierten Zentralität des primären Handelsnetzes abgestimmt noch in die bestehenden städtischen Strukturen integriert.827 Bei diesem neuen sekundären Versorgungsnetz spielen die klassischen Annahmen nach Christaller nach einer zentralisierten flächendeckenden und hierarchisch strukturierten Versorgung keine konstituierende Rolle mehr.828 Schematische Darstellung der Suburbanisierung des Einzelhandelsnetzes in Deutschland [eigene Darstellung] Die Vorstellung einer sozial nivellierten Gesellschaft mit annähernd gleichen Konsumbedürfnissen prägte zunächst noch das Verständnis des Nachkriegsdeutschlands der 1950er-Jahre. Doch schon in den 1960er-Jahren der Bundesrepublik Deutschland verloren diese Ansätze ihre Bedeutung; vielmehr hoben Soziologen, Marketingexperten, Wer- Abb. 65 824 Tietz 1992, S. 54 825 Tietz 1992, S. 54 826 Tietz 1992, S. 54 827 Läpple 1996, S. 131 828 Thomi 1998, S. 22 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 175 befachleute und Konsumkritiker die „Neustrukturierung“ der Gesellschaft und soziale Gegensätze durch die symbolische Dimension von Konsumgütern hervor.829 Dies war der sprichwörtliche „Neuanfang“ der Konsumgesellschaft, die sich, analog Thorstein Veblens Ansätzen ein Jahrhundert zuvor, über den demonstrativen Konsum definierte und die „symbolische Kommunikation über Konsumgüter die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Segment der Konsum-Gesellschaft“830 bestimmte. Diese Symbole des Konsums waren nicht nur die Waren, Produkte und Konsumgüter selbst, sondern auch die Orte des Konsums wurden zu Symbolen. Mit dem steigenden Konsumbedarf und -angebot wurde auch die Kritik am Massenkonsum laut.831 Vor allem die Studentenbewegung der 1960er-Jahre mit ihrer „populären Kritik“ an der Konsumgesellschaft, die vor allem auf marxistische und kulturpessimistische Thesen zurückgriff, forcierte die kritischen Stimmen zum Konsum. „Überflüssige Güter machen das Leben überflüssig“832, sagte der italienische Regisseur und Publizist Pier Paolo Pasolini und beschrieb das sogenannte „Elend der Konsumzivilisation“833. Doch diese Tendenz war nicht nur auf das Bestreben der Hersteller zurückzuführen, möglichst viele Waren an den Konsumenten zu bringen, es ging auch vom Konsumenten selbst und von dessen verändertem Verhalten aus, denn „dafür [die verkürzte Lebensdauer der Waren, Anm. d. Verf.] war nicht allein die Absicht der Hersteller verantwortlich, das Verfallsdatum vorzuverlegen, sondern auch die Abneigung der Konsumenten, es überhaupt noch abzuwarten.“834 Auch die Kritik am „Homo consumens“835 und am Warenüberfluss ist im Kontext zur generellen Konsumkritik zu sehen (vgl. Konsumkritik im Kapitel 3), die in Deutschland in den Dekaden der 1960erund 1970er-Jahre ihren Höhepunkt erlebte, aber bis heute, vor dem 829 Gasteiger 2010, S. 130 830 Gasteiger 2010, S. 131 831 Ausführlich zur Konsumkritik: Kapitel 3.6 832 Pasolini 1998, S. 55; Anm. d. Verf.: Italo Calvino war italienischer Schriftsteller, 1923–1985. 833 Angerer 2011 834 Grasskamp 2002, hier S. 18 835 Nach dem gleichnamigen Titel: Schmidbauer 1972 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 176 Hintergrund negativer durch Globalisierung hervorgebrachter Entwicklungen, diskutiert wird und anhält. 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 177 Exkurs: Der Versandhandel Die Idee zum Versandhandel ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, sondern wurde ebenfalls im 19. Jahrhundert in den USA aus der Intention heraus entwickelt, dass der stationäre Einzelhandel (in der Stadt) „die Städter [versorgte]“ und die Bewohner der ruralen Gebiete, die nicht über die Einzelhandelsinfrastruktur der Stadt verfügten, auf andere Bezugsquellen zurückgreifen mussten. Während früher noch die sogenannten fliegenden Händler mit ihren Bauchläden im ländlichen Raum verkauften, musste den steigenden Bedarfen und Ansprüchen über andere Wege Rechnung getragen werden. Medium des Versandhandels waren bebilderte Kataloge, die das Produktangebot, meist analog zum Warenbestand in den Kaufhäusern836, beschrieben und die in hoher Auflage an die Haushalte versandt wurden. Diese Kataloge prägten das Bild und den Stellenwert der Konsumgüter und können als „Wegweiser in die amerikanische Wohlstands- und Konsumgesellschaft“837 verstanden werden. Eine „Vor- Ort-Präsenz“ des Händlers in Form von eigenständigen Läden oder Geschäften, in denen die Waren (zusätzlich zum Katalog) präsentiert wurden, war nicht nötig – es beschränkte sich im Wesentlichen auf Gebäude der logistischen Distributionssteuerung für den Versand der Waren.838 Dies änderte sich erst, als in den USA während der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts die Marktanteile der großen Versandhändler839 stagnierten bzw. rückläufig waren – die Unternehmen reagierten, indem sie eigene Filialen errichteten und sich als „Handelskonzerne mit eigenen Läden und Kaufhäusern“840 ausrichteten, damit sich Kunden die Waren ansehen oder abholen konnten.841 Mit den Ge- 2.9.5.3 836 König 2008, S. 87 837 König 2008, S. 87 838 Siehe auch Ausführungen zu Amazon und dessen Entwicklung im 21. Jahrhundert. 839 U. a. Sears, Roebuck & Co. oder Montgomery Ward & Co. 840 König 2008, S. 87 841 So ließ das Unternehmen Sears seit den 1930er-Jahren mehrere Kaufhäuser entwerfen und errichten und betreibt bis heute sowohl den Onlineshop www.sears.com als auch, in einem Konglomerat mit Tochterunternehmen, über 3.900 Einzelhandelsgeschäfte. 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 178 schäften und Warenhäusern erhielt der Versandhandel ein immobiles Pendant, in dem Produktpräsentation in einem räumlichen Kontext und reale Einkaufsatmosphäre fernab vom Medium Katalog eine zunehmende Rolle spielten. Der Versandkatalog der Firma Quelle (1927–2009) war in beinahe jedem Haushalt der Bundesrepublik zu finden [Quelle: ddp] Der deutsche Versandhandel unterschied sich vom US-amerikanischen dahingehend, dass er sich stärker auf einige Produkte spezialisierte, sich nicht ausschließlich auf den ländlichen Raum konzentrierte und eine heterogenere Kundenzielgruppe ansprach. Es unterscheiden sich zudem die „Blütezeiten“ des nationalen Versandhandels – während in den USA der Versandhandel Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Hochphase besaß und in der Zwischenkriegszeit eher seine Marktanteile verlor842, florierte der deutsche Versandhandel843 während des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland in den beiden Nachkriegsjahrzehnten844. Die Anfänge des deutschen Versandhandels ließen sich jedoch auch auf die Mitte des 19. Jahrhunderts datieren und sind hauptsächlich auf die deutlich verbesserte Infrastruktur sowie damit verbundene verbesserte Logistik und Transportmöglichkeiten zurückzuführen.845 Daher stützte sich der deutsche Versandhandel vor allem auf Post und Eisenbahn, verbunden mit spezifischen Dienstleistungen wie Nach- Abb. 66 842 König 2008, S. 87 843 Beispielhaft sind hier Otto, Neckermann oder der Quelle-Versand zu nennen. 844 König 2008, S. 88 845 Teuteberg 2005, S. 26 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 179 nahmeversand, Einheitsporto für Reklamedrucksachen oder auch auf Vorkasse per Postanweisung, die für den Händler mehr Zahlungssicherheit bot.846 Zunächst waren es vorrangig Textilien und Stoffe, die über Zeitungsanzeigen über den Versandhandel vertrieben worden sind, später dann Produkte von Kaffeeröstereien, Marzipan, Lebkuchen und Stollen sowie Fleischwaren, die über diese neue Form vertrieben worden sind.847 Vom Erfolg des Versandhandels versuchten auch die Warenhäuser zu profitieren und verkauften ihre Artikel nicht mehr ausschließlich im sogenannten direkten Business-to-Consumer-Geschäft848, sondern verschickten ihre Waren weltweit.849 Bereits an dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass diese Form der multiplen Vertriebskanäle (Multichannel) bereits im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts angewandt wurde und gleichzeitig heute als die zukünftige Form des Handels angepriesen wird, vor den immer größeren Herausforderungen, mit denen sich der klassisch stationäre Handel gegenüber dem Onlinehandel konfrontiert sieht (ausführlich dazu im Kapitel 6). Während der Versandkatalog das Medium des Versandhandels im 19. und 20. Jahrhundert war, wurde dieser in den letzten Jahrzehnten dadurch abgelöst, dass Händler ihr Warenangebot kostengünstiger im Internet präsentieren können und in Onlineshops den kompletten Informations- und Bestellvorgang vom Lieferstatus der Produkte über die Bezahlung per Kreditkarte oder PayPal bis hin zur Sendungsverfolgung abwickeln können. Eine weitere Möglichkeit der Produktpräsentation, die mittlerweile eigene Sendeformate oder sogar eigene Sender produziert, ist der Vertrieb von Waren über das Fernsehen und eine telefonische Bestellhotline. Der klassische Kunde des Versandhandels, Online- oder Teleshoppings ist weniger mobil und nutzt die bequeme Bestellung und Lieferung nach Hause – diese Beschreibung trifft sowohl für den Ver- 846 Teuteberg 2005, S. 26 847 Teuteberg 2005, S. 26 848 Sog. B2C, Business to Consumer 849 Teuteberg führt hier das Beispiel des Warenhauses Rudolph Hertzog an, das 1913 400.000 Pakete und 1,5 Millionen Preiskataloge verschickte. (Teuteberg 2005, S. 26) 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 180 sandhandel Ende des 19. Jahrhunderts als auch bis heute zu, wenngleich deren Marktanteile im Vergleich zum stationären Einzelhandel immer noch geringer ausfallen. Es stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis der gesamte Distanzhandel (Versand-, TV- und Internethandel) zukünftig zum klassischen stationären Einzelhandel steht und ob eine Symbiose in Form eines Multichannel-Vertriebs denkbar ist. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) veröffentlicht jährlich die Zahlen zum Anteil des Distanzhandels am gesamten Einzelhandel – im Jahr 2011 übertraf der Umsatz der Versender erstmals die 20- Milliarden-Euro-Schwelle pro Jahr. Den größten Anteil daran hat der Onlinehandel (Abb. 67). Der klassische Katalog scheint durch das Medium Internet abgelöst. Anteile im interaktiven (Distanz-)Handel [eigene Darstellung | Quelle: BEVH] Abb. 67 2.9 Das Einkaufszentrum – der Topos Shopping-Center 181 Zusammenfassung Warenwelten unterliegen einer ständigen Erneuerung und Weiterentwicklung. In der Genese vom Tauschakt, vom Händler, der seine Waren auf dem Boden dem potenziellen Käufer anpreist, über den klassischen Gemischtwarenladen, über die fliegenden Händler auf den Marktplätzen, über die Galerien der neuen Luxuskaufhäuser zur Jahrhundertwende hin zum kombinierten Urban Entertainment Center hat sich der Handel und haben sich die Architekturen des Konsums nicht linear verändert. Dieses Kapitel soll verdeutlichen, wie sich bestimmte Typologien aus welchem zeitgeschichtlichen Kontext heraus entwickelten, wie sich diese veränderten, transformierten, wie sie untergingen oder, am Beispiel der Renaissance der Passage, welche neuen Formen sie hervorbrachten. Es zeigt sich, dass die umgangssprachliche Verwendung von „Handel befindet sich im stetigen Wandel“ Evidenzcharakter hat. Dieser Wandel vollzog sich seit Jahrtausenden, unterliegt immer wieder Umbrüchen ökonomischer und auch architektonischer Art und wird sich auch weiterhin modifizieren, beeinflusst von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, und vor neuen Herausforderungen stehen (Stichwort Onlinehandel). Das Bild heutiger Warenwelten ist heterogen und ebenso hybrid wie der Konsum selbst. Man muss auch hier grundsätzlich zwischen dem Einkaufen im Sinne des Versorgens und dem Einkaufen als Freizeitbeschäftigung unterscheiden, denn demzufolge stellt sich das Bild der Warenwelten dar: Eine Vielzahl von Betriebstypen und -formen prägt das Bild heutiger Warenwelten. Shopping ist durch Multichanneling quasi überall und jederzeit möglich. Warenwelten durchdringen sich und bedienen sich dabei immer wieder bestimmter Prototypen von wirtschaftlichen und baulichen Formen, um Ware zu präsentieren und schlussendlich zu verkaufen. 2.10 2. Warenwelten im Wandel – eine Genese 182

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Warenwelten – wir leben in einer Welt, in der Waren und der Konsum dieser Waren allgegenwärtig sind. Unser heutiges Verständnis von Konsum umfasst dabei alle Prozesse um das Verkaufen dieser Waren: das Präsentieren, das Inszenieren, das Bewerben und das zur Schau stellen und letztlich auch der eigentliche Warentausch, der Akt des Kaufens bzw. Verkaufens. Konsum, und das zeigt unsere gebaute Umwelt, wirkt omnipräsent, dabei ist Konsum ist vielmehr als eine ökonomische Kenngröße von Volkswirtschaften, er ist zudem auch konstitutives Merkmal der modernen Gesellschaft – der Konsumgesellschaft. Zudem findet Konsum seit jeher nicht losgelöst von räumlichen und gesellschaftlichen Bedingungen statt und so ist es folgerichtig, dass man sich dem Sujet der Warenwelten – als jene Orte des Konsums in seiner Vielschichtigkeit widmet. Nicht selten ist Konsum Gründer oder Impulsgeber für Stadtentwicklung und muss daher stärker Eingang in die architekturtheoretische und architektursoziologische Diskussion finden. Die vorliegende Arbeit setzt hier an. Die Warenwelten bilden für den ganzheitlichen Prozess des Konsums den räumlichen und architektonischen Rahmen und Raum. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dieser Vielschichtigkeit und Interdisziplinarität des Konsums und der Warenwelten auseinander und versucht die Komplexität aus unterschiedlichen Sichtweisen zu beleuchten.