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6 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 49 - 130

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-49

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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49 6 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen 8 – 1 Er konnte darum kein Modeschriftsteller werden, einer von den Vielgelesenen, die man in den Zeitungen und Gesellschaften immer nennt, und wird es auch wohl nie. Denn dazu hat er einen zu ernsten und hohen Begriff von dem, was man Kunst nennt.194 Richard Huldschiner übersiedelte im Mai 1898 nach Hamburg, davor hatte er sich laut Meldezettel auf »Reisen im Ausland«195 befunden. Von 1900 bis 1911 war er Mitglied im Hamburger Ärzteverein.196 Wohnort und Ordination waren bis 1903 in der Wexstraße 1, seit 1904 lebte und arbeitete er bis zu seinem Wegzug aus Hamburg 1912 unter der Adresse Hohe Bleichen 46.197 Huldschiners Eifer für seinen erlernten Beruf ließ in dem Maße nach, wie sein Interesse und sein Ehrgeiz hinsichtlich der Schriftstellerei wuchsen. So schreibt er 1909 über diese Lebensphase: Gedanken [über die Schriftstellerei] habe ich mir gemacht, wie ich überhaupt erst spät, im 28. Lebensjahre zu schreiben angefangen habe. Meine Neigung trieb mich zur Medizin, sodaß ich Arzt wurde, um dann erst als reifer Mensch zu sehen, daß ich zu viel Schwärmerei und zu wenig kalte Beobachtungsgabe besitze, um für meinen Beruf geboren zu sein. Erwacht bin ich erst mit 26 Jahren, als der Kampf mit dem Leben mich in Beschlag nahm.198 Vieles, was Huldschiner nach seiner Dichterwerdung geschrieben hat, behandelt direkt oder indirekt genau diese Problematik, nämlich die Sehnsucht eines sensiblen Geistes 194 Lorenz 1907, S. 18. 195 Vgl. Einwohnermeldekartei Hamburg. 196 Vgl. Ärzteverein Hamburg 1901, S. 5; vgl. Ärzteverein Hamburg 1912, S. 7. 197 Vgl. Einwohnermeldekartei Hamburg. 198 Huldschiner 30.07.1909a. 50 Andreas Micheli: Richard Huldschiner nach einer Heimat, der er gefühlsmäßig sehr nahestand, von der er jedoch geografisch aufgrund seines Lebensweges stets sehr weit entfernt war. Erst damals begann ich, nach einer Periode wütender Lesegier, zu schreiben; vielleicht weil ich, in Hamburg nicht recht eingewurzelt, immer noch Heimweh nach den fernen Bergen und dem hellen Himmel Südtirols hatte.199 6.1 Einsamkeit. Die Geschichte eines reinen Thoren (Roman) Das Heimweh nach Südtirol war wohl ein wichtiger Motor gewesen, welcher Huldschiner bei der Arbeit an seinem ersten Roman angetrieben und motiviert hatte. Das Werk Einsamkeit. Die Geschichte eines reinen Thoren erschien Anfang 1901 im Alfred Janssen Verlag und wurde 1907 beinahe unverändert im Egon Fleischel Verlag wieder veröffent licht.200 Der Ro man verkaufte sich einigermaßen gut, wobei sich die genauen Verkaufszahlen nicht mehr feststellen lassen. Huldschiner bedankte sich in einer Postkarte an seinen Verleger Alfred Janssen für die erste Tantiemen ab rechnung, »deren gewaltige Höhe mich in Erstaunen versetzte«201. Den noch müssen sowohl Einsamkeit als auch sein zweiter Roman, Fegefeuer, insgesamt nicht den finanziellen Erfolg erzielt haben, den sich Huldschiner und der Janssen Verlag vorstellten. Huldschiners dritter Roman, Die stille Stadt, erschien 1904 bereits im Fleischel Verlag, und 1906 erhielt Huldschiner die Verlagsrechte seiner ersten beiden Romane zurück, welche 1907 im Fleischel Verlag neu aufgelegt wurden. In einem Brief an Janssen schreibt Huldschiner: Sie werden somit einen Autor los, der Ihnen nicht viel Gewinn brachte, und ich habe dann alle meine Bücher in einem [Hervorhebung im Original] Verlage beisammen. So ist vielleicht uns beiden geholfen.202 Alfred Janssen, Jahrgang 1865, gründete in Leipzig den nach ihm benannten Janssen Verlag und verlegt seinen Firmensitz 1899 nach Hamburg. Das Verlagsprogramm umfass- 199 Huldschiner 1927a, S. 6. 200 Die angegebenen Zitate und Seitenzahlen entstammen der Ausgabe von 1907. 201 Vgl. Huldschiner 22.07.1901. 202 Huldschiner 20.08.1906. Abb . 5: Richard Huldschiner (1899) . 51 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen te 1902, als Huldschiner den Verlag verließ, lediglich 38 Titel von 18 Autoren. Ziel des Verlages war es, so Janssen 1908, Männern, die auf den breiten Gebieten der Jugenderziehung, der geistigen Erhebung der Volksmassen, der Sammlung und Sichtung wertvoller Lektüre arbeiten, Gelegenheit [zu] geben, von ihren Mühen und Zielen zu berichten.203 So publizierte der Verlag hauptsächlich pädagogische Werke, Kunstbände und Kinderbücher. Huldschiners Romane können somit nicht zum typischen Verlagsprogramm gezählt werden. Das genaue Datum der Veröffentlichung von Einsamkeit ist nicht feststellbar. Die erste auffindbare Rezension204 erschien im März 1901. Der Roman, in zwei Bücher gegliedert, trägt naturalistische Züge und ist zum größten Teil in Tagebuchform geschrieben. Der personale Ich-Erzähler und Protagonist, der Protestant Arthur Wielandt205, äu- ßert sich häufig in Form eines inneren Monologes. Unvollständige Sätze, Auslassungs- und Pausenzeichen komplettierten den für den Naturalismus typischen Schreibstil. Die Erzählsituation weiter Teile des zweiten Buches wiederum ist eine personale in der Er-Form. Der Roman beginnt im Juli und endet im Dezember desselben Jahres. Wielandt trifft auf einen Bekannten namens Braune, der ihm verkündet, dass sich Wielandts große Liebe Else verlobt habe und in zwei Monaten heiraten werde. Am Schluss des Romans stellt sich heraus, dass Braune verschiedene Intrigen geschmiedet hat, um Wielandt als seinen Nebenbuhler um die Gunst Elses auszustechen. Nach Erhalt der Nachricht verlässt der Protagonist deprimiert die Stadt Bozen, deren Namen erst im letzten Drittel des Romanes zum ersten Mal genannt wird. Viele weitere Anspielungen auf reale Orte in Südtirol bzw. biografische Parallelen zu Huldschiners Vita machen den autobiografischen Charakter des Romans deutlich. Strobl stellt in seinem biografischen Essay über Huldschiner ebenfalls einen Zusammenhang zwischen dem Autor Richard Huldschiner und der Figur des Arthur Wielandt her: Die Wunder dieser gewaltigen Welt stürmen auf den Helden dieses Buches ein, der auch hier wieder in einer mehr als gewöhnlichen Weise mit dem Dichter identisch scheint.206 So sind die Flucht vor dem Stadttratsch in die Berge des Umlands und die unglückliche Liebesbeziehung für Huldschiner recht bezeichnende Motive, denn seinem Charakter entsprach es, die Natur als einen Rückzugsort vor den Mühen des Alltags zu verstehen. Die Tiroler Bergwelt nimmt demgemäß einen großen Stellenwert im Roman oder in Huldschiners Œuvre überhaupt ein. Dagegen findet Hamburg, zumindest namentlich, 203 Zit. nach Dettmar et al. 2003, S. 143. 204 Vgl. Bozner Zeitung 1901, S. 6. 205 Es finden sich zwei verschiedene Schreibweisen des Namens im Roman: Wieland (Vgl. GeT: 100) bzw. Wielandt (Vgl. GeT: 43). 206 Strobl 1910b, S. 545. 52 Andreas Micheli: Richard Huldschiner in kaum einem der untersuchten Werke eine Erwähnung. Strobl mutmaßt über Huldschiners Verhältnis zu Hamburg: Der Jude Heine hat den Hamburger mit seinem grimmigen Spott gesegnet. Dazu gehört ein starkes, ehrliches Hassen. Der Jude Huldschiner denkt nicht daran zu spotten. Er spricht von Hamburg überhaupt nicht. Denn diese Stadt liegt ihm in grauer Gleichgültigkeit, er hat in all den Jahren kein inneres Verhältnis zu ihr finden können.207 Dennoch findet sich im Roman eine indirekte Anspielung auf Huldschiners aktuellen Wohnort, nämlich als Wielandt die Almwiesen mit dem Meer vergleicht und feststellt: Ich möchte gerne Ruhe haben, viel Ruhe. Drum bin ich froh über die endlose Waide [sic!], die um mich ist. Rundum nichts als weitauslaufende, sanfte Wellenlinien, grüne, grüne Wellen, ein Meer! Aber drüben ist ein Sturmwind in das Meer gefahren und hat seine Wogen zu schwarzen Furchen aufgerissen, zu einer wilden Brandung, die an den gewaltigen Felsen der Dolomitenhäupter ringsum ohnmächtig zerschellt. (GeT: 15) Huldschiners Protagonist ist wie sein Schöpfer ein Schriftsteller, allerdings befindet er sich in einer Schaffenskrise. Er hat seit einem halben Jahr nichts mehr geschrieben, kann aber dennoch seinen Lebensunterhalt gut bestreiten. Eine Wanderung führt ihn von Bozen über Waidbruck hinauf auf die Seiser Alm, genau dorthin, wo Huldschiner während seines Studiums und auch während seiner Hamburger Zeit jedes Jahr seine Sommerurlaube verbracht hatte. Von der Absicht getrieben, seine »Denkwürdigkeiten«, d. h. seine Memoiren, zu verfassen, quartiert er sich dort über den Sommer in einer Sennhütte ein. Huldschiner führt in seinem Roman verschiedene Autoren an, deren Texte seine Figur Wielandt liest, z. B. Heinrich Heine und Gabriele D’Annunzio (vgl. GeT: 106). Ebenso haben sowohl Wielandt als auch Huldschiner großes Interesse an der römisch-antiken Kultur, welche Huldschiner in einigen seiner Werke erwähnt bzw. in seinem Roman Der Tod der Götter (1912) als zentrales Thema verwendet hatte (vgl. GeT: 106). Weiterhin finden sich im Roman zahlreiche Anspielungen auf die alten Heldenepen. Auf seinen Wanderungen in der Umgebung von Bozen beschreibt Wielandt die Natur häufig im Zusammenhang mit alten Sagen und Legenden, die dort hätten handeln können: die Gralslegende (vgl. GeT: 108), die Lindwurmsage (vgl. GeT: 109), die Sage um Siegfried und, etwas ausführlicher geschildert, die Sage um König Laurin und Dietrich von Bern (vgl. GeT: 110 f.). Die Bergbauern zeichnet Huldschiner teilweise sehr stereotyp, spielt mit positiven und negativen Klischees und beschreibt sie aus der Sicht Wielandts, eines intellektuellen Städters. Denn die Bauern lassen mich in Ruhe und wünschen auch von meiner Seite keine Einmischung. Jeder macht, was ihm beliebt. […] Und wenn der Bauer ein junger 207 Ebd. 53 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Kerl ist, nachts im Heustadel sich zur Dirn hinüberwälzt, so ist es seine Sache und höchstens noch die Sache seiner Frau. (GeT: 17) Zum einen wirken die Bauern in Huldschiners Roman urtümlich und frei, da sie sich nicht um die gesellschaftlichen Konventionen kümmern. Zum anderen müssen die Figuren, die in primitiven Behausungen beinahe tierisch zusammenleben, fremd und teilweise abstoßend auf die bürgerlichen Leser gewirkt haben. Die dabei auftretende Ambivalenz des Lesers den bäuerlichen Figuren gegenüber erreicht Huldschiner durch die absichtliche ironische Überzeichnung der Figuren. Deutlich wird dies auch durch Wielandts naive, aber treue Liebe zur flüchtigen Bekannten Else und durch die Ablehnung neuer romantisch-erotischer Beziehungen, wie zum Beispiel zur Magd Sepha, die mit der Bauernfamilie ebenfalls auf der Sennhütte schläft. Generell ist der Roman voll sexueller Anspielungen, die den Protagonisten in eine widersprüchliche Situation bringen. Einerseits möchte er Else treu sein, andererseits erlebt er den Sommer und Frühherbst auf der Alm als Sammelsurium von erotischen Eindrücken. Beispielhaft ist folgender Absatz: Es liegt ein Hauch der Fruchtbarkeit auf den weiten Wiesen. Und die Knechte schauen nach den Waden der beim Zusammenrechen sich bückenden Weiber. […] Und mit der Ernte ist die Lüsternheit gekommen. Die warme, weiche Luft hat die Geschlechter aufgeregt. Es ist der Trieb in Mann und Weib, der sie allenthalben zusammenzwingt. (GeT: 40) Die Bauern werden aus der Sicht eines aufgeklärten Protestanten einerseits als übertrieben religiös, andererseits als bigott dargestellt. So beten zwei verhandelnde Bauern im Anschluss an einen Kuhhandel (im wörtlichen und übertragenen Sinn), bei dem die Bauern versuchen, sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen, beinahe heuchlerisch ein Vaterunser. Außerdem zeichnen sie sich als stereotype Tiroler Katholiken nicht durch besondere Toleranz anderen Religionen gegenüber aus. Wielandt verheimlicht seine protestantische Kon fession um des Hausfriedens willen »und schlug das Kreuz, wenn sie es thaten«. Und weiter: »So waren sie wenigstens darüber be ruhigt, daß sie keinen verfluchten Luth eraner oder gar einen Freimaurer be her berg ten« (GeT: 29). Außerdem arbeitet Huldschiner im Roman den Konflikt heraus, der aus einer interreligiösen Beziehung erwachsen kann. Wielandt erinnert sich an einen gemeinsamen Ballabend, auf dem das Gerücht umgeht, dass er und Else verlobt seien. Sie enttäuscht ihn aber mit einem lapidaren Kommentar, der die ablehnende Stimmung in Tirol anderen Konfessionen gegenüber verdeutlicht und in weiten Teilen der Abb . 6: Einsamkeit (1901) . 54 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Gesellschaft verbreitet war: »So ein Unsinn; Sie, der Protestant und ich, die Katholikin, hier im frommen Land Tirol« (GeT: 43). Hier nur angedeutet, findet sich in seinem dritten Roman, Die stille Stadt, eine ausführlichere literarische Ausgestaltung des Konfliktes, und zwar durch die Beziehung zwischen der Katholikin Eva und ihrem protestantischen Ehemann. Auch legt Huldschiner mithilfe der protestantischen Hauptfigur seine Gedanken über die eigene jüdische Herkunft dar. In einem Absatz des Romans, in dem Wielandt über die Vergänglichkeit menschlicher Kulturleistungen sinniert, führt er auch die Klagemauer in Jerusalem als Beispiel an: Der Staub liegt auf Trümmern, die den Jahrtausenden getrotzt haben. Da war einst Gold und Marmor, und nun … Ein Rauschen und Brausen zieht über das Gemäuer, und neuen Sand schüttet der Wind aus der Wüste über die Ruinen. (GeT: 55) Abgesehen von dieser Bemerkung, finden sich keine weiteren direkten Anspielungen auf Huldschiners jüdische Abstammung. Allerdings ist es sicherlich nicht vermessen, die Theorie aufzustellen, dass das Fremdsein, welches Wielandt aufgrund seiner Konfession empfindet, Parallelen zu Huldschiners Befindlichkeit als Jude in Tirol aufweist. Außerdem könnte Huldschiner seinen Protagonisten auch deshalb zum Protestanten gemacht haben, um bei seinen norddeutschen, zumeist protestantischen Lesern mehr Empathie hervorzurufen. Zudem ist es naheliegend, dass eine nicht jüdische Hauptfigur generell politisch unverfänglicher war. Wie bereits festgestellt, sind Wielandt und sein Verhalten ironisch überzeichnet. Die Bekanntschaft mit Else ist, objektiv betrachtet, von Anfang an eine flüchtige gewesen. Doch Wielandt empfindet tiefer. Für ihn geht sein Leben, wie er es vorher gelebt hat, in die sprichwörtlichen Binsen, nachdem Braune das Gerücht von der bevorstehenden Hochzeit gestreut hat. Wielandt ist, wie es der Titel bereits ausdrückt, ein reiner »Thor«, der ehrlich und von Herzen betrübt ist, in die Einsamkeit flieht und erst am Ende hinter die Intrige blickt. Der Schriftsteller Karl Hans Strobl charakterisiert Wielandt auf ähnliche Weise. Dessen Leidenschaft sei viel zu heilig […], um sich in einen Kampf einzulassen, viel zu tief, um dem Alltag Zugeständnisse zu machen, viel zu rein und töricht, um kluge Schachzüge zu ersinnen oder auch nur Vorteile wahrzunehmen.208 Als Heranwachsender war Huldschiner, wie bereits aufgezeigt, ein Einzelgänger. Folgender Gedankengang Wielandts über seine Kindheit kann daher autobiografisch gelesen werden. Schon als ich anfing zu stammeln, und als ich lernte mich bewußt als ein Wesen zu betrachten, schon damals war ich allein auf der Welt. Fremde haben mich erzogen. […] Da gab es auch noch Kinder, mit denen ich spielen konnte und die ich schlug, wenn sie mir folgten. Natürlich haßten sie mich. Als ich heranwuchs, wurde ich im- 208 Strobl 1910b, S. 545. 55 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen mer nur einsamer. Ich war stolz und glaubte mit mir allein auskommen zu können. Darum suchte ich keine Freundschaft. Und niemand hat sie bei mir gesucht. (GeT: 21) Der Roman enthält zahlreiche Dialektpassagen, deren Aufgabe es ist, Authentizität zu erzeugen bzw. für den nicht Dialekt sprechenden oder verstehenden Leser eine gewisse Exotik in die Handlung zu bringen (vgl. z. B. GeT: 24 f.). Ebenso erwähnt Huldschiner in seinem Erstling die ladinische Minderheit Tirols (vgl. GeT: 134 f.), die auch in einigen späteren Werken angeführt wird und mit ihren Sagen, ihrer Sprache und ihren Bräuchen von Huldschiner als eine Besonderheit Tirols dargestellt wird. Wielandts Antagonist Braune kommt im September desselben Jahres auf die Seiser Alm und berichtet von der Hochzeit Elses und erzählt außerdem mit der Absicht, Wielandt zu provozieren, von verschiedenen tragischen Liebesgeschichten. Diesen ist eines gemeinsam: Ein schüchterner Mann oder eine schüchterne Frau haben zu lange gezögert und somit die Chance auf die große Liebe vertan. Am selben Abend ermordet der Bauer seine Magd und Geliebte Sepha und erhängt sich anschließend im Wald, als die wütenden Dorfbewohner den Mörder jagen. Auch in einigen anderen Werken, insbesondere aber in Die stille Stadt, kommt die erzürnte Menge als Motiv vor, oft an einer zentralen Stelle der Handlung. Huldschiner gestaltet den Mord, ähnlich wie die Liebesszenen im Roman, sehr anschaulich, z. B. durch die Beschreibung von Wielandts Leichenfund: Die Augen der Toten waren auf mich gerichtet; und immer noch sickerte das Blut langsam aus dem offenen Munde, Tropfen für Tropfen, und gerann auf der weißen Haut. (GeT: 82) Die Bluttat ändert die positive und verklärende Sicht Wielandts auf die idyllische Bergwelt und ihre Bewohner, in die er sich vor dem Tratsch der Stadt geflüchtet hat, um »dem normalen Leben des Kulturmenschen« (GeT: 50) zu entfliehen. So stellt er ernüchtert fest: Ach! Da hatte ich Thor gemeint, daß die Kultur unglücklich macht, daß man sich in die Wildnis zu einfachen Menschen flüchten müsse, um zum Leben und zur Freude zurückzukehren und mußte so meinen Irrtum gewahr werden. (GeT: 86) Schließlich kehrt er im September in die Stadt heim und zieht sich, isoliert von seinen Mitmenschen, in seine Wohnung zurück. Eines Tages besucht ihn Else, die ihm berichtet, dass ihre Hochzeit keine Liebesheirat gewesen und nur eingegangen worden sei, um mit dem Geld ihres Ehemannes ihren Vater zu unterstützen. Wielandt gibt vor, kein Interesse mehr an ihr zu haben. Als sie ihn anfleht, sie aus ihrer unglücklichen Ehe zu retten, weist er ihre Bitte mit den Worten zurück, »[s]ie sei ihm eine Freundin gewesen […], nicht mehr und nicht weniger«. Außerdem »sei ihm [die Ehe] heilig« (GeT: 123). Bald überkommt ihn aber das schlechte Gewissen, seine große Liebe zurückgewiesen zu haben, und er spielt mit dem Gedanken, sich mit seinem Revolver umzubringen, doch sieht er den Freitod als zu geringe Bestrafung für seinen Verrat an Else an: »Nein; er mußte weiter leben! Er mußte dieses Leben weiterschleppen; er war eine ehrliche Ku- 56 Andreas Micheli: Richard Huldschiner gel nicht wert« (GeT: 127). Der mögliche Freitod des Protagonisten schwebt wie ein Damoklesschwert über der Handlung und wird an zahlreichen Stellen angedeutet, wohl mit der Absicht, Spannung beim Leser zu erzeugen. Im Spätherbst zieht sich Wielandt erneut in die Einsamkeit der Bergwelt zurück, dieses Mal in das Gadertal, genauer nach Kolfuschg. Kurz nach Weihnachten besucht ihn Braune und berichtet bei einer winterlichen Wanderung weiteren Stadtklatsch, nämlich dass Else wieder frei sei, da sie ihren Mann verlassen habe, der sie nicht nur geschlagen, sondern auch Ehebruch begangen habe. Es stellt sich heraus, dass Braune mit dem steten Stadtklatsch versucht hat, Wielandt zu verunsichern, um auf diese Weise eine mögliche Beziehung zwischen Wielandt und Else zu verhindern, da Braune selbst eine solche anstrebt, aber von Else einen Korb erhalten hat. Braune verkündet Wielandt am Romanende, dass er sich umbringen werde, nun da ihn Else trotz aller geschmiedeten Intrigen immer noch nicht liebe. Allerdings solle Wielandt ebenfalls sterben, da es ihm Braune nicht gönne, dass er letztlich doch noch mit Else zusammenkommen könnte. Braune stürzt sich auf ihn, und Wielandt fällt »in eine Wolke von Schnee und Steinen gehüllt zusammen mit dem Verderber in die eisige Tiefe« (GeT: 150). Wie durch ein Wunder überlebt Wielandt den Sturz und kann sich zurück nach Kolfuschg retten. Der Bezirksrichter entscheidet auf Notwehr, sodass Wielandt auch keine rechtlichen Folgen wegen des Todes von Braune fürchten muss. Voll Elan macht er sich auf den Rückweg nach Bozen, doch erweist sich dieser beschwerlicher als von ihm vermutet. Er bricht sich ein Bein und kommt nur mehr sehr langsam weiter. Schließlich verlassen ihn seine Kräfte, er erinnert sich noch an einige positive Erlebnisse und stirbt. Wielandts Leichnam wird ins Tal gebracht, und eine Frau, vermutlich Else, verabschiedet sich mit einem Kuss auf seinen Mund von ihm. Die wenigen aufgefundenen Rezensionen über den Roman divergieren in ihrer Bewertung stark voneinander. In der Bozner Zeitung wurde Huldschiners Debüt von einem ungenannten Rezensenten verrissen: Der Autor schildert die Herzenserlebnisse eines kranken »Bozners«. Der Schauplatz der Handlung ist: Bozen, die Seiser Alm, das Grödner Joch. Leser, welche hinter dem »Erdichteten« auch noch »Stadttratsch« suchen, werden nach dem Büchlein greifen. An poetischen und sprachlichen Schönheiten ist das Büchlein leider nicht gar reich.209 Interessant an der Rezension ist vor allem der Hinweis auf den Stadttratsch. Hat Huldschiner hier realen Tratsch eingebaut, der tatsächlich in Bozen seine Runden machte, oder wurde er nur vom Rezensenten als solcher erkannt und verstanden? Im Literarischen Echo findet der Rezensent Erich Freund ähnlich kritische Worte. So nennt er den Protagonisten Wielandt einen »Neurastheniker, […] einer der um die schlichte Empfindung viele Worte macht, der mit seinem Leid kokettiert, der seinen Schmerz litterarisch ausstaffiert«210. Daher empfiehlt Freund ironisch, den Untertitel in »Geschichte eines Hypernervösen«211 zu ändern. Auch finde er Wielandts Tagebuchein- 209 Bozner Zeitung 1901, S. 6. 210 Freund 1902, S. 1395. 211 Ebd. 57 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen träge übertrieben künstlich und die Liebesgeschichte zu banal. Zudem wirke der Schluss aufgesetzt und vorhersehbar. Aber trotz der angeführten Schwächen sei das Werk ein seltsam anziehendes, rührendes Buch. Heiße Empfindungen brechen daraus hervor, süße Laute klagender Sehnsucht durchzittern es, und starke Fäden spinnen sich von der Seele des Einsamen zu den hohen Wundern der Gebirgsnatur.212 In der Halbmonatsschrift Die Gesellschaft hingegen bezeichnet der Dichter Richard Schaukal Huldschiner als »neuen Mann«, dessen »gute Erzählung« von einem »innigen Dichter« zeuge und dessen »Gestirne Rosegger und Hamsun « seien, durch deren Inspiration die Geschichte entstanden sei. Schaukal schreibt weiter: »Die Geschichte von einer großen Liebe und ihrer Schicksal wirkenden Macht wird in trefflicher Entwicklung langsam, stetig, sicher, mit vollen satten Worten erzählt.« Zum zweiten Teil bemerkt er negativ, dass er in seiner »Einheitlichkeit« im Vergleich zum ersten abfalle. Insgesamt hätte der Roman »straffer, gedrängter, wuchtiger« sein können, dennoch hinterlasse er insgesamt »einen lebendigen Eindruck«213. Der Schriftsteller Karl Hans Strobl äußert sich in seinem biografischen Essay über Huldschiners Romandebüt ebenfalls sehr lobend. Zum Roman und zu seiner Stellung in Huldschiners Œuvre bis 1909 stellt er fest, dass er der vorläufige Mittelpunkt von Huldschiners Schaffen [sei]. Um ihn gruppiert sich alles. Stofflich und dem Gedanken nach. Immer wieder ist es Bozen und seine Umgebung, die in Huldschiners Büchern vor uns entstehen. […] Und immer wieder diese Angst im Innern, diese Qual, dieses Zittern wie in einem bösen Traum.214 Wielandts Flucht aus Bozen sieht Strobl als autobiografisches Element an: »Bozen hat dem Dichter viel Leid angetan und dennoch muß er es lieben. Eine dämonische Melancholie umhüllt sein Herz.«215 Hier spielt Strobl auch auf Huldschiners dritten Roman, Die stille Stadt, an, in dem die Ambivalenz des Protagonisten der Stadt und ihren Bewohnern gegenüber noch mehr hervorsticht als in Einsamkeit. Wie dem auch sei, der Roman deutet vieles an, was für Huldschiners spätere Veröffentlichungen kennzeichnend wird: angefangen beim Haupthandlungsort vieler seiner Werke, nämlich Südtirol, über seine widersprüchliche Sicht auf seine Heimat und deren Bewohner, zu Klischees und ironischen Überzeichnungen als bewusste Stilmittel bis hin zu längeren Dialektpassagen, um einerseits Lokalkolorit herzustellen und andererseits eine gewisse Exotik zu generieren. Außerdem taucht hier zum ersten Mal eines der Hauptmotive auf, das viele Texte Huldschiners prägt, nämlich das Gefühl der Einsamkeit in einer ungerechten und brutalen Welt, aus der es schwer ein Entkommen gibt. 212 Ebd. 213 Schaukal 1902, S. 197. 214 Strobl 1910b, S. 545. 215 Ebd. 58 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 6.2 In hellen Sommernächten … (Novelle) Im November 1901 veröffentlichte Huldschiner in der literarischen Wochenschrift Die Jugend seine erste kurze Novelle, In hellen Sommernächten …, welche 1905 in der Novellensammlung, Arme Schlucker, Platz finden und den Band eröffnen sollte. Die Zeitschrift Die Jugend, begründet 1896 vom Münchner Verleger Georg Hirth, war in ihrer Anfangszeit an ein liberales Publikum gerichtet und bildete, »wenn man ihren gesellschaftspolitischen Standort bestimmen will, das bürgerlich-konservative Gegenstück zum ›Simplicissimus‹«216, in welchem Huldschiner in späteren Jahren ebenfalls einige Texte veröffentlichte. Ihren großen Erfolg verdankte die Zeitschrift aber auch »der Betonung jeglicher Lebensfreude, Vergnügen und Sinnlichkeit und [der] Erotik als selbstverständliche Lebensäußerung«217. Insofern passt auch Huldschiners erste Novelle in dieses Schema, da auch hier Sexualität, wenn auch nur subtil angedeutet, einen wichtigen Aspekt der Handlung darstellt. Die Novelle beginnt mit einem Auszug aus der Partitur der Mondscheinsonate (op. 27, No. 2) und führt die für den ersten Satz vorgesehene Spielanweisung (»pp sempre senza sordini«) an. Beethovens Klaviersonate dient Huldschiner als Leitmotiv für seine tragisch-romantische Liebesgeschichte, die in Sankt Valentin unterhalb der Seiser Alm angesiedelt ist. Besonders der Schlern, der die Seiser Alm nach Südwesten hin begrenzt und auch von Bozen sehr gut sichtbar ist, findet in vielen Texten Huldschiners Erwähnung, teilweise sogar als Leitmotiv. Die Geschichte beginnt mit einer Beschreibung der Landschaft, genauer der Südtiroler Bergwelt kurz vor Sonnenuntergang: Wenn über der Mendel die Sonne zum Untergang sich neigt, dann nehmen alle Dinge glühendere Farben an; der Wald wird leuchtend grün, wie ein klarer Smaragd, die Felder glänzen wie reines Gold, der Schlern aber, der sich vom blauen Himmel abenteuerlich abhebt, verbreitet wie von innen heraus ein reines, warmes Licht, das immer strahlender wird. (IhS: 1) Als die Nacht hereinbricht, ändert sich auch die Stimmung in der Novelle. Die zuerst ausschließlich positiv konnotierte Landschaftsbeschreibung der Dämmerung erhält neue, dunklere Schattierungen: Die nahen Berge aber brüten schwarz und ernsthaft und trauern um ihr Atlasgeschick; denn sie sind die Eckpfeiler; die dunklen, tragenden Eckpfeiler, auf denen die Last der Welt ruht. (IhS: 2) Der auktoriale Erzähler erkennt schließlich »[h]inter jedem Stein ein sehnsüchtiges Murmeln« (Ihs: 2) und stellt sich die Frage, ob es vielleicht von Menschen stammen könne, »die einander suchen, [d]enn die hellen Sommernächte sind wollüstig und noch sind im Dorf die Lichter nicht erloschen« (IhS: 3). Im Dorf findet eine Tanzveranstaltung statt, wo ein junger Mann eine junge Frau erblickt und sie bittet, mit ihm durch die helle Mond- 216 Zimmermann o. J. 217 Graf und Pellatz 2003, S. 493. 59 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen nacht zu spazieren. Eine Gruppe von jungen Menschen spielt dem Kuraten einen Streich, indem sie die Tür zum Pfarrhof mit Garbenhaufen versperren. Die Nacht schreitet voran und eine weitere Gruppe feiernder junger Menschen aus dem Dorf geht in den Wald zum nahen Wasserfall. Ein als Jäger verkleideter Mann führt zur Überraschung der Anwesenden eine Kuh in die Stube des Wirtshauses. Der Tanz wird unterbrochen, der Mann fordert die Menge höhnisch auf, weiterzutanzen. Schließlich verlässt er mit seiner Kuh die Stube, geht nach Hause, nimmt eine Flinte an sich und geht auf die Jagd nach dem jungen Liebespaar. Im Wald hoch oben fällt ein Schuß, der langsam verrollt … Ein grauer Morgen steigt herauf, mit roten Streifen, die breit über den Himmel ziehen. Götterdämmerung. (IhS: 14) Die Novelle beschreibt einerseits die nächtliche Berglandschaft, die einen düsteren Gegenpol zu den feiernden jungen Menschen bildet, die kindliche Streiche ausführen, ausgelassen tanzen und, wenn auch nur angedeutet, sexuell interagieren. Der verkleidete Jäger andererseits, der mit einer merkwürdigen Aktion die Feier der jungen Menschen unterbricht, könnte in diesem Kontext für all jene stehen, die gegen die Jugend, die Lebendigkeit, die sexuelle Freizügigkeit eingestellt sind, dramatisch überspitzt durch den mutmaßlichen218 Mord am Liebespaar. Huldschiners Novellendebüt weist ebenso wie sein erster Roman bereits viele Merkmale seiner späteren Werke auf: Romantische Landschaftsbeschreibungen wechseln sich mit düsteren Bildern ab. Ausgefeilte und tiefgründige Figuren gibt es in dieser frühen Geschichte allerdings noch nicht. Anders sieht es der Rezensent von Huldschiners Novellenband Arme Schlucker. In seiner Besprechung der Novelle hebt er die stimmungsvolle Schilderung der Natur und der Menschen hervor, welche die »wenig miteinander«219 zusammenhängenden Szenen verbänden. Zudem sei »der Zauber der Sprache darin […] groß, die Bilder sind knapp umrissen und doch weich, alles wie in dämmrige Halbschatten gehüllt«220. 6.3 Die Clique (Satire) Im letzten Jahresviertel 1901 erschien in der Münchner Zeitschrift Die Gesellschaft Huldschiners kurze Satire Die Clique. Die Gesellschaft wurde von Michael Georg Conrad als naturalistische Programmzeitschrift gegründet und ab 1887 im Wilhelm Friedrich Verlag in Leipzig veröffentlicht. Erklärtes Ziel der Herausgeber war es, der herrschenden jammervollen Verflachung und Verwässerung des litterarischen, künstlerischen und sozialen Geistes starke, mannhafte Leistungen entgegenzuset- 218 Es fällt allerdings nur ein Schuss. Ob jemand stirbt bzw. wer das Opfer ist oder ob es sich um Selbstmord handelt, lässt Huldschiner offen. 219 Heine 1905, S. 68. 220 Ebd. 60 Andreas Micheli: Richard Huldschiner zen, um die entsittlichende Verlogenheit, die romantische Flunkerei und entnervende Phantasterei durch das positive Gegenteil wirksam zu bekämpfen.221 Nach mehreren Verlagswechseln musste die Zeitschrift ihre Ausnahmestellung in der naturalistischen Bewegung aufgeben und anderen Blättern überlassen. 1902 wurde Die Gesellschaft schließlich eingestellt.222 In Die Clique ironisiert Huldschiner den Literaturbetrieb, der in seinen Augen durch Klüngel und Seilschaften geprägt sei. Ein Ich-Erzähler berichtet von seinem Freund Arthur Rauber, der vor der Veröffentlichung seines ersten Romans mit dem Titel Rinnender Herbst nie Teil einer Clique gewesen sei und deshalb deren Habitus bisher stets sehr kritisch gesehen habe. Sie sei fast immer eine Vereinigung von Hohlköpfen, die sich gegenseitig zu Geistesheroen stempeln möchten und die vor anderen Menschen nur ein höchst entwickeltes Solidaritätsgefühl voraus haben. (DCl: 228) In einer Clique, so Rauber weiter, sei man selten aufrichtig, lobe einander, ohne es ehrlich zu meinen, und stelle sich und seine Taten in ein besseres Licht, obwohl sie es eigentlich nicht verdienen würden. Dadurch verliere man den kritischen Blick auf sich selbst und die Kunst leide bei all der Lobhudelei sehr darunter. Rauber wird aber nach seiner Romanveröffentlichung selbst Teil des von ihm kritisierten Literaturbetriebes und schart eine Gruppe von Jasagern als Clique um sich, ohne sie aber selbst als solche zu benennen. Vielmehr kritisiert er weiterhin sehr heftig das Cliquenwesen, angespornt durch das Lob seiner Clique. Durch die gegenseitige Schmeichelei innerhalb derselben verlieren Rauber und seine Cliquenmitglieder jegliche Bodenhaftung und stellen sich gegenseitig als talentierter dar, als sie es eigentlich sind. Ein neu in die Clique eingeführter Fremder ergreift schließlich das Wort, lobt den Einsatz der Gruppe für den Kampf gegen das Cliquenunwesen, stellt aber kritisch fest: Mein Rat – oder soll ich lieber sagen Wunsch? – ist dieser: Wenn Sie mit den Cliquen aufräumen wollen, dann fangen Sie bei sich selber an. Sie haben’s, bei Gott, nötig. (DCl: 232) Die Folge seiner kritischen Worte ist eine blutige Nase und der Ausschluss aus der Clique, die vorgibt, keine zu sein. Huldschiner webt einige Anspielungen auf zeitgenössische Autoren und Autorinnen in die Handlung ein: zum einen den negativ gemeinten Vergleich eines untalentierten Dichters mit der bekannten Literatin Friederike Kempner (vgl. DCl: 228), die trotz ihrer zum Teil gelungenen Prosawerke vor allem durch ihre unfreiwillig komischen Versdichtungen bekannt wurde; zum anderen werden bedeutende Dramatiker wie Friedrich Maximilian Klinger (vgl. DCl: 230) und Gerhart Hauptmann (vgl. DCl: 231) mit einzelnen sehr untalentierten Cliquenmitgliedern verglichen und es 221 Estermann und Füssel 2003, S. 211. 222 Vgl. Pfohlmann o. J. 61 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen wird festgestellt, dass Hauptmann und Klinger eben nur durch die Propaganda ihrer eigenen Clique und nicht aufgrund ihres Talentes bekannt geworden seien. Huldschiner war, als er den Text schrieb, selbst erst wenige Jahre in Hamburg. Der Erfolg seines ersten Romanes blieb hinter den Erwartungen zurück. Außerdem hatte er bisher noch keinen Anschluss an die Hamburger Literatenszene gefunden, was ihm auch später in nur sehr begrenztem Maße gelang. Dies alles mag dazu geführt haben, dass er in Form einer bitterbösen Satire mit den Literaturbetrieb abrechnete, von dem er nicht Teil war oder aber nicht Teil werden wollte. 6.4 Napolon! (Skizze/Novelle) Im März 1902 veröffentlichte die Halbmonatsschrift Die Gesellschaft eine weitere Erzählung Huldschiners, dieses Mal eine Skizze mit dem Titel Napolon!. Huldschiner verwendete den Text, ähnlich wie die Novelle In hellen Sommernächten …, beinahe völlig unverändert223 für seine Novellensammlung Arme Schlucker. In der Skizze schildert ein allwissender Erzähler, wie ein Rassehund namens Napolon224 wegen »erwiesener Altersschwäche« (Nap: 164) von seinen Besitzern, einer Tiroler Bauernfamilie, getötet wird. Zuvor holt sich der Frötschenbauer aber Rat beim Partschott225 Simmele, der »in seiner Eigenschaft als weitaus tüchtigster Kenner von ›Viechkranket‹ jeder Art auch bei diesem schwierigen Falle zugezogen« (Nap: 164) wird. Die handelnden Figuren sind stark überzeichnet und stereotyp. Der grobe ungebildete Bauer, der leicht debile Knecht, die herrische Bäuerin und nicht zuletzt ein Hund, dessen letzte überaus menschliche Gedanken dem Leser durch den auktorialen Erzähler vermittelt werden: »die besten Bröckel’n kannst nimmer beißen; alleweil plagt einen’s Frieren; ’s Laufen macht Müh’ und was die Liabschaft anlangt – gute Nacht« (Nap: 165). Auffällig sind die langen Dialoge im Tiroler Dialekt, wobei in der Fassung für die Halbmonatsschrift Die Gesellschaft einige spezielle Dialektausdrücke in Fußnoten erklärt werden. In der Novellensammlung hingegen wurden keine solchen Angaben gemacht. Der weitere Handlungsverlauf wird noch skurriler ausgestaltet, passend dazu die ironisch zu verstehenden Aussagen der Figuren. So lässt Huldschiner den Knecht, der aus dem toten Hund Fett kocht, erklären: […] mei Vatter selig hat alm g’sagt: Flor, hat er g’sagt, bald du a Madl bussen möchtest, das dir net zuageaht, nacher nimmscht lei a Wingeln Hundsfett’n und schmirbst ihr unverweiß die Ohrwascheln in; nachher laßt sie di’ für g’wiß nimmer aus. (Nap: 166) 223 In der Zweitveröffentlichung ist das Ausrufezeichen im Titel entfallen. Ebenso bezeichnet Huldschiner den Text nicht mehr als Skizze, sondern als Novelle. 224 Wahrscheinlich eine Kurzform von Napoleon, ein durchaus geläufiger Hundename, vielleicht aber auch als Anspielung auf den gleichnamigen französischen Kaiser gedacht. 225 Einer Südtiroler Sage folgend, kümmert sich ein Partschott um das Wild, füttert im Winter die Tiere und mäht in den Sommermonaten die Wiesen der Seiser Alm. 62 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Was Huldschiners Absicht war, solch abgeschmackte Aussagen in die per se schon sehr banale Geschichte einzubauen, ist unklar. Vielleicht wollte er die Bewohner seiner Heimat ironisieren bzw. ihre Rückständigkeit betonen und ihre intellektuellen Fähigkeiten herabsetzen, vielleicht aber wollte er – was wahrscheinlicher ist – einfach nur eine possenhafte Geschichte schreiben, die unterhalten und ansonsten keinen tieferen Sinn vermitteln sollte. Eventuell könnte man aus der Pointe der Geschichte einen Funken Zeitkritik herauslesen, nämlich als der Bauer mit einem neuen Hund auftaucht, der Napolon ersetzen soll. Dieser sei wahrscheinlich »von einer Bulldogge mit einem Hühnerhund gezeugt« (Nap: 168) worden, somit, im Gegensatz zu Napolon, kein Rassehund: Aber was thut das! Die Hauptsache ist doch, daß man lebt. Denn was hat Napolon nun von seiner unangefochten Rassenreinheit? Nichts, als daß er als Wagenschmiere dienen muß […]. (Nap: 168) Ob Huldschiner allerdings wirklich den Rassenwahn, übertragen auf den Menschen, thematisieren wollte, bleibt ohne weitere Quellen eine sehr vage Vermutung. 6.5 Auf Campolungo (Erzählung) Die kurze Erzählung Auf Campolungo, erschienen im Juni 1902 in den Bozner Nachrichten, handelt in den Dolomiten, genauer auf dem Campolungo-Pass zwischen Corvara und Buchenstein. Darin berichtet ein Ich-Erzähler von einem »eigenthümlichen Erlebniß« (ACl: 6), nämlich von einem Zusammentreffen mit einer ladinischen Familie und deren Erzählungen am Lagerfeuer. Der Ich-Erzähler macht sich auf den Weg von Corvara über den Campolungo-Pass, als das schwüle Wetter in ein großes Gewitter umschlägt. Die Natur kündigt dies bereits an: Drüben über den Bergen des Ampezzothales aber stand ein dunkles Wolkengebirge, das schnell wechselnde Fortsätze aussandte und einen tiefen Schatten über die grauen Felsen der Tasana und des Nuvolau warf. (ACl: 6) Der Ich-Erzähler findet in einem »Heustadl« (ACl: 6) Zuflucht, in dem bereits eine Gruppe von Leuten am Feuer sitzt, über dem eine Polentapfanne kocht. Sie scheinen den Erzähler gar nicht wahrzunehmen bzw. ignorieren ihn. Die Bauernfamilie aus Fassa besteht aus einem alte[n] Bauer[n] mit kahlem Schädel, […] ein[em] megärenhafte[n] Weib, mit verzottelten grauen Haaren, ein[em] Mann mit schwarzem Bart […] dann zwei junge[n] Burschen […] und endlich ein[em] Mädchen, das ungefähr 17 Jahre zählen mochte. (ACl: 6) Der Erzähler ist fasziniert von der Gestalt und der Ausstrahlung des Mädchens: 63 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen die kraftvolle, wunderbar ebenmäßige Gestalt umschloss die bunte Fassaner Tracht; die Haut des Gesichts hatte eine gesättigte Bernsteinfarbe, in der die Röthe der Wangen und Lippen einen seltsamen von innen herausglühenden Ton hineinbrachte. (ACl: 6) Nach einer kurzen Auseinandersetzung zwischen dem Alten und dem Bärtigen und dank der Intervention des Mädchens erhält der Erzähler vom Bauern einen Teller Polenta. Dann beginnt der Alte zu singen, seine Frau, einer der Burschen und schließlich auch das Mädchen stimmen mit ein: Es war ein seltsames Klingen und Brausen, dieser vierstimmige Choral; wie ein Orgelton schwoll es an, verklang im leisen Flüstern und wuchs wieder empor wie eine Feuerflamme aus schwelendem Holze, das ein Windstoß angefacht hat. (ACl: 7) Schließlich beginnt das Mädchen, allein »in der seltsamen ladinischen Sprache dieser Thäler ihr Lied zu singen« (ACl: 7). Sie berichtet von wilden Männern, die auf dem Pordoi leben und ins Tal gehen würden, um Schafe und Mädchen zu stehlen; jeder, der sich ihnen entgegenstelle, werde getötet. Als der Regen aufhört, möchte der Ich-Erzähler die Hütte verlassen. Die kühle Distanz, welche zwischen ihm und den Bauern herrscht, wird stetig größer. Vor allem der Bärtige drückt durch sein ablehnendes Verhalten seine Abneigung gegenüber dem Fremden aus. Ob er fürchtet, dass der Ich-Erzähler dem Mädchen zu nahe kommen könnte, oder ob er meint, dass dieser einer der wilden Männer sei, lässt die Erzählung unbeantwortet. Das Mädchen tritt zusammen mit dem Ich-Erzähler vor die Hütte, nachdem sie mit dem bärtigen Mann Blicke ausgetauscht und somit seine Erlaubnis erhalten hat, und begleitet ihn hinaus ins Freie. Nach einiger Zeit bleiben sie stehen und das Mädchen bricht sein Schweigen: Ich muss wieder zu Tonio zurück und zu meinem Vater. Ihr habt von unserer Polenta gegessen und an unserem Herdfeuer euch die kalten Hände gewärmt – Und darum werden euch die wilden Männer verschonen. (ACl: 7) Der Ich-Erzähler glaubt nicht an die Geschichte, doch das Mädchen entgegnet, bevor es plötzlich verschwindet: »Ihr kennt sie nicht […] ich aber kenne sie, sie rauben die Mädchen und sie tödten die Männer; ihr eigenes Herz aber blutet in alle Ewigkeit« (ACl: 7). Huldschiners Erzählung beginnt mit einer ausführlichen Beschreibung der Gegend, die seine Begeisterung für die Landschaft und seine Ortskenntnis verdeutlicht und eine märchenhafte und zugleich schwermütige Stimmung aufbaut, die in einer ladinischen Sage, welche am Lagerfeuer erzählt wird, ihren Höhepunkt findet. Denn »alles in dieser Landschaft«, so der Ich-Erzähler, sieht aus, als ob es schon seit ewigen Zeiten so dastünde und nun langsam, ohne Rettung, dem Untergange verfallen sei. […] Alles ist alt, uralt, alles ist da seit der Erschaffung der Welt und ist nun müde und möchte schlafen gehen, die Berge, die 64 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Häuser, die Felsen und die Blöcke des Bachbettes und die schwermüthigen Lärchen, die hier und dort verstreut den Hang hinanstehen, die pechschwarzen Zäune aus gekreuzten Stöcken, die die Weidengründe der Gemeinden von einander scheiden. (ACl: 6) Das Alte und Vergängliche stellt Huldschiners Ich-Erzähler dem Neuen gegenüber, manifestiert durch eine satte grüne Wiese, »ein frohes und kindliches Lachen auf dem Greisenantlitz dieser hinsiechenden, zerbröckelnden Bergwelt« (ACl: 6). Denn, so der Ich- Erzähler am Schluss des kurzen Prologs, »Lachen ist Tugend« (ACl: 6). Über die Bedeutung der Bemerkung lässt sich nur spekulieren, da im Verlauf der Geschichte nicht mehr auf das Lachen eingegangen wird. Die Erzählung lässt insgesamt viele Fragen offen: Stehen die wilden Männer für die wilde, harte und düstere Bergwelt? Welche Rolle hat das ladinische Mädchen: das einer Mittlerin zwischen der einheimischen Bevölkerung und der düsteren Natur? Wenn dem so ist, dann findet Huldschiner für die Figur noch ein weiteres Mal Verwendung, nämlich als Räterin Susa im Roman Der Tod der Götter (vgl. 7.12). 6.6 Fegefeuer. Eine Geschichte aus den Bergen (Roman) Kurz vor der Veröffentlichung von Huldschiners erstem Roman, Einsamkeit, im Herbst 1900 erkrankte sein Vater Adolf schwer. Huldschiner kehrte heim nach Bozen in das Haus seiner Eltern,226 um seiner Familie beizustehen. Am 15. Jänner 1901 verstarb Adolf Huldschiner. Richard Huldschiner schätzte und verehrte seinen Vater sehr und setzte ihm in seinem stark autobiografisch geprägten Roman Die stille Stadt ein literarisches Denkmal.227 Die Väter der beiden Hauptfiguren Elias Merian und Jonathan Abarbanell tragen eindeutig Adolf Huldschiners Wesenszüge. So denkt Merian allein an einem Bach sitzend an seine Kindheit und seinen Vater: Der Vater war ein ernsthafter Mann und trug auf der Stirn über der Nasenwurzel zwei bittere Falten. Aber wenn die Sonne sank und die Berge im Osten rot wurden wie glühendes Eisen, dann stand er auf dem Söller und sang. (DsS: 31) Über seinen Vater bemerkt Richard Huldschiner in einem autobiografischen Essay Ähnliches: Auf dem Söller stand der Vater, wenn die Sonne ging, und betete, denn er war ein frommer Mann, und seine Seele zitterte in inbrünstiger Verehrung Gottes und des schönen Tals, in das Gott ihn gesetzt, gleichsam, als wäre er Adam, der Ältervater, und Bozen der Garten Eden, durch dessen Auen die Ströme fließen. 228 226 Vgl. Huldschiner (im Herbst) 1900. 227 Vgl. Micheli 2014, 59 ff. 228 Huldschiner 1910c, S. 551. 65 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Während Abarbanell sich genauso wie sein Alter Ego Richard Huldschiner von der religiösen Tradition des Judentums abwendet und im Zionismus die Zukunft des jüdischen Volkes sieht, bleiben Abarbanells Vater und Adolf Huldschiner der Religion und Tradition treu.229 In einem Nachruf auf Adolf Huldschiner betont ein ungenannter Verfasser230 nicht nur dessen Religiosität, sondern hebt seinen Einsatz für die jüdische Gemeinde Bozens hervor: Er war noch ein wahrer Israelite. Leider tragen die meisten hier ansäßigen Juden nur mehr den Namen. Herr Huldschiner war es, der zur Zeit der hohen Festtage alle Gläubigen um sich zu sammeln pflegte und ihnen den Gottesdienst abhielt. Für die Todten nahm er die Bestattung vor, kurz: er war der Seelsorger der kleinen jüdischen Gemeinde. Als zärtlich liebender Gatte war er ein musterhafter Familienvater, der seiner Familie in allen Tugenden voranleuchtete und selbe zu allem Guten anleitete. Wegen seiner Wohltätigkeit war er allen Gläubigen bekannt. Niemand klopfte umsonst an seine Thüre. Ehre seinem Andenken.231 Huldschiners Mutter Johanna blieb nach dem Tod ihres Mannes allein in Bozen zurück. Da Arnold Huldschiner als Bankier in Berlin tätig war,232 Huldschiners Schwester Elfriede im Februar 1900 in Würzburg233 den Kaufmann Max Baer234 heiratete und Gottfried Huldschiner sein Ingenieurstudium in München begann,235 wurde die Engelsburg in Bozen verkauft236 und Johanna Huldschiner übersiedelte zu Richard Huldschiner nach Hamburg: Während die anderen Kinder geheiratet hatten, war ich unbeweibt geblieben, und nun, da eine weißhaarige, kluge und heiter-lebendige Frau dem Hauswesen vorstand, fehlte mir nichts mehr, und nur dem Schweifen einer unbefriedigten Sehnsucht war nicht zu gebieten.237 229 Vgl. Micheli 2014, S. 65. 230 Dem Schreibstil nach könnte der ungenannte Verfasser Richard Huldschiner sein. 231 Dr. Blochs Österreichische Wochenschrift 1901, S. 90. 232 Vgl. Huldschiner 25.08.1907. 233 Vgl. Südtiroler Tagblatt (Bozner Zeitung) 1900, S. 4. 234 Die Familie Baer war eine bedeutende Handelsfamilie in Würzburg. Sigmund Baer gründet mit seinem Bruder Julius 1869 eine Textilwarengroßhandlung. Sigmund war gewähltes Mitglied der Handels- und Gewerbekammer Würzburg, zog sich aber 1884 freiwillig aus dem Amt zurück, da er ein Herzleiden hatte. Er verstarb in Bozen im April 1899, wo er auf einem Kuraufenthalt war. Sein Sohn Max Baer lernte, als er seinen Vater in Bozen besuchte, die Tochter des Bankiers Adolf Huldschiner, Elfriede, kennen (vgl. Baer 1982, S. 2). 235 Vgl. Huldschiner 1906a. 236 Unter der Hausnummer 31 in der Bindergasse findet sich der Name Heinrich Mayr als Hausbesitzer, sodass von einem Verkauf nach dem Tod Adolf Huldschiners ausgegangen werden kann (vgl. Verzeichnis der Käufer und Baugründe der Stadt Bozen 1902, S. 6). 237 Huldschiner 1927a, S. 5. 66 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Trotz der großen familiären Veränderungen, die der Tod des Vaters und der Umzug der Mutter in das Leben Huldschiners brachten und trotz seiner beruflichen Tätigkeit als Arzt veröffentlichte er im Sommer 1902238 seinen zweiten Roman, Fegefeuer. Ein Roman aus den Bergen. Genau wie Einsamkeit wurde auch dieser Roman 1907, abgesehen von einer kleinen Titeländerung239, fast unverändert neu aufgelegt. Die Ausgabe von 1902 war Huldschiners Mutter Johanna gewidmet.240 Der Roman Fegefeuer spielt, wie sein Vorgänger auch, im Schlerngebiet, genauer in Aicha bei Völs. Beinahe leitmotivisch begleitet der Schlern den Leser durch die düstere Handlung und wird an zahlreichen Stellen im Roman erwähnt. Protagonist des Romans ist der junge Bauer Joseph Padöll, dessen Vater einen Mord begangen hat, an dem der Sohn sich, nachdem er davon erfahren hat, mitschuldig fühlt. Der Titel des Romans gibt den Zustand des Protagonisten wieder. Das Fegefeuer als Ort der Läuterung wird für Joseph zu einer Art Hölle, der er erst am Schluss des Romans entkommt. Der Roman beginnt mit einem Prolog241: Der Bauer Anton Kaltenbrunner kehrt nach einem erfolgreichen Viehhandel zu seinem Hof zurück. Dort trifft er auf Tilla, eine Einsiedlerin, die despektierlich »Schnapstilla« gerufen und von allen abschätzig behandelt wird, da sie stets unabhängig und ohne Mann gelebt hat, jetzt aber dem Alkohol verfallen ist. Als sie plötzlich anfängt zu singen, wird Kaltenbrunner die Begegnung unheimlich und er schlägt die Frau mit einem Stock. Daraufhin verflucht sie ihn und seine Familie. Er geht weiter und triff auf den Padöll-Bauern, der sich Geld von ihm leihen möchte. Als Kaltenbrunner ablehnt, kommen dem Padöll-Bauern Mordgedanken in den Sinn. Längere Zeit und in Form eines inneren Monologes hadert er mit sich selbst: 238 Vgl. Huldschiner 29.06.1902. 239 In der Auflage von 1907 ändert sich der Untertitel in »Eine Geschichte aus den Bergen«, während er in den Auflagen von 1910 und 1927 entfällt. 240 In einem Brief an seinen Verleger schreibt Huldschiner: »Lieber Herr Janssen! Wollen Sie dafür sorgen, daß die Widmung: Meiner Mutter [Hervorhebung im Original] dem Buche vorgedruckt wird?« (Huldschiner 06.02.1902). 241 In einem Brief an seinen Verleger bittet Huldschiner vergeblich, die Nummerierung der Kapitel zu verändern: »Bezüglich der Kapiteleinteilung wollte ich noch bemerken, daß ich das, was im Druck als I. Kap. bezeichnet ist, mir gewissermaßen als einen einleitenden Prolog gedacht hatte und die Nummerierung erst bei dem II. Kap. des Drucks (›In einer Waldschlucht des …‹) beginnen lassen wollte. Ich möchte gern, daß das im Buche zum Ausdruck kommt« (Huldschiner 04.01.1902). Abb . 7: Fegefeuer (1907) . 67 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Jenes andere hatte sich von neuem in seiner Seele geregt; da sass es und bohrte und hetzte … Nun so muss es denn sein, in Teufels Namen … ich komme nicht mehr aus … ich komme nicht mehr aus … das ist wohl so bestimmt. (Fef: 15) Huldschiner verwendet den inneren Monolog an vielen Stellen im Roman, um den Kampf, den die Figuren mit sich ausfechten, zu verdeutlichen. So zeichnet er hier auf wenigen Seiten das Psychogramm eines Mörders und macht den Konflikt deutlich, der im Pad- öll-Bauern tobt. Aus finanzieller Not heraus und durch die beleidigenden Worte Kaltenbrunners weiter angestachelt, begeht der Padöll-Bauer schließlich den Mord. Als er Kaltenbrunner das Geld abnehmen will, stellt sich heraus, dass dieser es nicht mehr bei sich trägt. Der Padöll-Bauer lässt den Leichnam im Wald zurück. Fünfzehn Jahre später liegt er im Sterben und gesteht seinem Sohn Joseph am Sterbebett seine Tat. Der Sohn ist entsetzt und wird regelrecht davon verfolgt: […] da war eine Schuld, die sich schwarz und unheildrohend wie eine Wetterwolke emportürmte … und wenn nichts geschah, um sie zu sühnen, dann würde sie ihn und alles verschlingen … was er aber thun musste, das wusste er nicht … (Fef: 43) Da der Vater nur dem Seiser Pfarrer von seiner Tat erzählt hat, sucht Joseph bei diesem Rat. Der Pfarrer betont, dass der alte Padöll-Bauer zwar ein großer Sünder gewesen sei, aber ein halbes Menschenleben Reue gezeigt und Gott ihm den Mord somit verziehen habe. Joseph möchte aber auch diesseits Abbitte leisten. Er macht sich Vorwürfe, dass der Kaltenbrunnerhof bald nach dem Mord versteigert worden sei und die Tochter von Almosen leben müsse, während der Padöll-Hof stetig gewachsen sei. Nach dem Gespräch trifft er auf Tilla und lädt sie ein, zusammen mit ihm auf seinem Hof zu wohnen, mit der Begründung, dass »ich jemandem beistehen will, der ganz und gar verlassen ist und von aller Welt über die Achseln angesehen […]« (Fef: 66) werde. Tilla willigt nach kurzem Zögern ein. Der Umzug führt dazu, dass Josephs Schwestern den Hof verlassen und ihn für verrückt halten, da er mit einer alten und stets betrunkenen Frau zusammenleben möchte. Schließlich nimmt er eine weitere Außenseiterin in sein Haus auf, eine junge Wanderhändlerin namens Louise Tembl, eine sogenannte Karrnerin, die vor ihrem gewalttätigen Freund Leo, ebenfalls ein Karrner, geflohen ist. Tilla ist eifersüchtig auf die neue Magd, da sie bisher als Einzige von der großzügigen Gastfreundschaft Josephs profitiert hat. Joseph macht sich weiterhin große Vorwürfe, dass er zu wenig tue, um die Tat seines Vaters zu sühnen. Den Dorfbewohnern hingegen missfällt sein Verhalten, insbesondere die Beherbergung von Tilla und Louise. Joseph bleibt aber unbeirrt und nimmt Seppl, den Pfeifenschnitzer, und seine Familie auf, deren Haus bei einem Brand zerstört worden ist. Ebenso wie die beiden Frauen genießt der Pfeifenschnitzer bei den Dorfbewohnern kein hohes Ansehen, da er ein paar Monate wegen Wilderei und Einbruchs im Gefängnis gesessen hat. Nun verlassen auch die beiden Knechte den Padöll-Hof und Joseph bleibt allein mit den Außenseitern zurück: »Das war sein Leben … das war sein Hofstaat, eine hergelaufene Dirne, ein Verbrecher und eine im Trunk verkommene Hexe …« (Fef: 121). 68 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Immer wieder wandert er durch das Dorf hinauf in den Wald, um dort mit sich selbst und Gott zu hadern, da er immer noch der Meinung ist, zu wenig Gutes getan zu haben. Die Dorfbewohner verspotten ihn als »ruhelosen Ahasverus, der sich und den anderen zur Schande immer noch die Welt mit seinem Atem verpestete« (Fef: 119). Hierbei handelt es sich um die einzige Anspielung auf das Judentum im Roman. Das Motiv des »Ewigen Juden« wird hier von Huldschiner zum ersten Mal literarisch verwendet. Der Hof verfällt zusehends, da nur Louise arbeitet, während Tilla und Seppl träge und faul herumsitzen. Joseph selbst ist häufig unterwegs auf einsamen Spaziergängen und kümmert sich kaum um den Hof. Außerdem versucht er, so wenig wie möglich mit Louise zu sprechen, da er ihr gegenüber eine starke körperliche Anziehung empfindet, sich die positiven Gefühle, die aus einer sexuellen Beziehung entstehen könnten, aber nicht eingestehen möchte. Seppl, der Pfeifenmacher, versucht eines Tages, Louise zu vergewaltigen. Zwar kann sie sich wehren, doch Seppl droht ihr, sie bei einer der nächsten Gelegenheiten umzubringen, falls sie jemandem davon erzähle. Traurig und allein stellt sie an Joseph denkend fest: Heimatlos bin ich … und verlassen … und der, den ich liebe, weiss nichts davon und geht schwermütig neben mir her … aber einmal muss er es doch sehen, er muss ja … (Fef: 128) Am selben Tag noch verlässt der Pfeifenmacher mit seiner Familie den Padöll-Hof. Tilla und Louise sind froh, dass der in ihren Augen böse Mann den Hof verlassen hat. Joseph nimmt ihn jedoch in Schutz: Man soll den Leuten nichts Böses nachsagen. Der Seppl wird auch nicht schlimmer sein, als ein anderer. Jeder hat eine Stelle im Schuh, die ihn drückt. (Fef: 129) Hier wird ein weiteres Thema des Romans deutlich: Huldschiner kreiert Außenseitergestalten, die von der Mehrheitsgesellschaft aus den verschiedensten Gründen nicht akzeptiert werden. Doch anstatt nur schwarz-weiß zu malen und die Außenseiter nur positiv darzustellen, verleiht Huldschiner seinen Figuren charakterliche Tiefe und arbeitet auch ihre negativen Seiten heraus. Ein interessantes Detail, welches in biografischer Hinsicht bemerkenswert ist, ist die negative Einstellung zweier Figuren der Ehe gegenüber. Sowohl Joseph als auch Tilla sehen die Ehe nicht als die einzig gültige Lebensform an, ganz im Gegensatz zur Mehrheitsgesellschaft. Handelt es sich hier um einen autobiografischen Bezug, da Huldschiner als einziger Lediger in der Familie teilweise selbst unter Druck stand zu heiraten? Bald darauf verstirbt Tilla und die Stimmung gegen Joseph Padöll heizt sich im Dorf noch weiter an, bis ihm eine Gruppe von Dorfbewohnern im Dunkel der Nacht droht, den Prozess zu machen, da er seine Familie und seine Angestellten vertrieben und stattdessen landflüchtiges Gesindel aufgenommen und mit einer teuflischen Dirne Unzucht getrieben habe. Joseph kann die Gruppe vertreiben und schläft mit Louise, was er am nächsten Tag aber bereut. Einige Zeit später erkrankt Joseph an einer Lungenentzündung und liegt im Sterben. Er erzählt Louise von der Mordtat seines Vaters und dass sie und die Tochter des 69 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Kaltenbrunner-Bauern all seinen Besitz erben würden. Überraschenderweise wird er gesund, doch durch sein Geständnis kommt es zu einem Zerwürfnis zwischen ihm und Louise, die sogar seinen Heiratsantrag ablehnt. Wenig später taucht der Karrner Leo auf und möchte, dass Louise mit ihm mitkommt. Heimlich verlässt sie in der Nacht den Pad- öll-Hof. Joseph verfällt in seiner Einsamkeit immer mehr dem Wahnsinn und seine Verwandten streben deswegen einen Entmündigungsprozess an. Doch schließlich wandelt sich sein Schicksal, als er einen Mann vor dem Ertrinken bewahrt, sich somit mit den Dorfbewohnern versöhnt und zum ersten Mal das Gefühl hat, einen Teil der Schuld seines Vaters abgetragen zu haben. Er beschließt, Lina, die Tochter Kaltenbrunners, aufzusuchen. Er erzählt ihr von der Tat seines Vaters und von der Schuld, die er meint, geerbt zu haben. Lina spricht ihn jedoch davon frei und die beiden kommen sich näher. Die negative und düstere Stimmung zieht sich fast durch den ganzen Roman und erst am Ende erfolgt die positive Auflösung: So viel Seltsames gab es auf der Welt! So viel Unverständliches! Warum fand sie hier an dem Orte, an dem der Vater ausgelitten hatte, den Mann, zu dem sie gehörte, trotzdem er der Sohn des Mörders war? Und warum fürchtete er sich, da er doch nichts zu fürchten hatte? Meinte er, dass sie ihn deshalb aufgeben könne? (Fef: 260) Huldschiners Roman erfuhr in der Bozner Zeitung eine wohlwollende Besprechung, anders als sein Debütroman, der vom selben Rezensenten ein Jahr zuvor verrissen worden war. So nimmt der namentlich nicht erwähnte Rezensent noch einmal Bezug auf seine letzte Buchbesprechung: »Da manche Szene darin fast wie totaler Stadtklatsch behandelt war, wurde das Buch nicht mit besonderer Sympathie gelesen.«242 Der Roman wird als Bauernroman charakterisiert. Die Figuren seien »scharf gezeichnet und treten plastisch hervor, namentlich […] Josef Padöll, dessen Vater einen Mord begangen hat«243. Zu den Naturbeschreibungen stellt der Rezensent fest, dass sie »von poetischem Reize durchweht«244 seien. Zum Schluss gibt er noch eine Empfehlung: »Alle Freunde der herrlichen Sommerfrische in Seis und Umgebung finden in dieser Geschichte aus den Bergen eine anziehende Gabe für ihre Erholungsstunden«245 und werden »dem Dichter für die Stunden regen geistigen Genusses danken«246. Karl Hans Strobl lobt den Autor im Vorwort der Romanausgabe von 1910 in höchsten Tönen. Es fallen sogar Vergleiche mit Rosegger und Anzengruber. Zu Huldschiners bäuerlichen Figuren bemerkt er: Urweltlich sind die Seelen seiner Menschen, wie das Gebirge, in dem sie leben, abenteuerlich und verwegen. Die Kultur ist etwas Äußerliches, eine Tünche, unter der die Triebe ungebändigt sind. Sie leben in geordneten Rechtsverhältnissen, sie zahlen Steuern und gehen zur Kirche, aber manchmal werfen sie mit der Wucht eines 242 Bozner Zeitung 1902, S. 4. 243 Ebd. 244 Ebd. 245 Ebd. 246 Ebd. 70 Andreas Micheli: Richard Huldschiner angeschwollenen Bergstromes alle diese Fesseln ab. Ihre Frömmigkeit ist nur Heidentum, eine schreckliche Furcht vor dem Übernatürlichen. In dieser Furcht leben und sterben Huldschiners Bauern.247 Außerdem betont Strobl die Besonderheiten von Huldschiners Bauernromanen, die sich von den frühen schwankhaften literarischen Darstellungen des Bauern signifikant unterscheiden würden: Richard Huldschiner gibt uns das Dämonische des Bauern. Kein Zug von Humor, von Spott, von gutmütiger Lebensnarrheit ist hier zu finden, nichts von Hans Sachs, von Fischart, von den Bauerntölpeln der Schwänke und Volksbücher. Eher könnte man die bestialische Wildheit der simplizianischen Bauern und Kohlenbrenner als verwandt ansprechen.248 Der Literatur- und Theaterkritiker Heinrich Hart sieht Huldschiner ebenfalls als einen begabten Dichter an, obgleich er in seiner Romanbesprechung, erschienen in Velhagen & Klasings Monatsheften, einschränkt, dass sich zwar im Roman in »den Einzelheiten der Erzählung […] ein starkes dichterisches Können«249 erkennen lasse, doch das Werk als Ganzes nur »ein ethisches, aber kein ästhetisches Genügen«250 hinterlasse. So erwähne Huldschiner zwar, dass der Protagonist seit seiner Kindheit zur Melancholie neige, ohne aber einen Grund anzuführen. Hier hätte der Autor dem Rezensenten zufolge »schildern sollen, wie der Junge im Bann des Vaters aufwächst, wie er etwa unter der Verstörung des Alten zu leiden hat, wie ihn das finstere Brüten des Verbrechers quält und peinigt«251. Außerdem finde die »Fegefeuerpein«252 des Protagonisten im Fortgang der Handlung keine Steigerung, sodass dem ständigen Wiederholen seiner Gemütsverfassung »etwas Ermüdendes«253 innewohne. Zudem kritisiert Hart die Sprache des Romans, vor allem jene der Tiroler Bauern, sie sei »allzu fein und korrekt. Hier würde eine mehr naturalistische Färbung unbedingt stärker wirken.«254 Der Rezensent schließt seine Ausführung mit der Vermutung, dass Huldschiner »sein Bestes […] schwerlich in der Dorfgeschichte, als Jünger Roseggers « geben werde, sondern »auf anderen Stoffgebieten sein Talent reicher und bestrickender entfalten«255 könne. Der Theologe und Literaturwissenschaftler Theodor Kappstein äußert sich in seiner Buchkritik für das Berliner Tageblatt sehr überschwänglich über die Qualität des Romans. So stelle er »ein redliches Stück echten Bauerntums«256 dar und zeige gleichermaßen sei- 247 Strobl 1910a, 3 f. 248 Ebd., S. 4. 249 Hart 1903, S. 474. 250 Ebd. 251 Ebd. 252 Ebd. 253 Ebd. 254 Ebd. 255 Ebd. 256 Kappstein 1903, S. 5. 71 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen ne »unbändige […] Wildheit und […] seine sklavische Geducktheit«257. Besonders die Hauptfigur Joseph sei Huldschiner gelungen. Sie erinnere an seinen ersten Roman, Einsamkeit. Hier wie dort erzähle Huldschiner »die Geschichte eines reinen Thoren, den er diesmal aus der Nacht und der Not des religiösen Wahnes zur Sonnenhöhe eines in sich ruhenden freien Menschenthums«258 geführt habe. Ebenso sei es dem Autor gelungen, den Leser die innere »Zerissenheit und das hilflose Stammeln und Tasten dieser eckigen Naturmenschen«259 nachempfinden zu lassen. Huldschiners erstem Bauernroman, Fegefeuer, folgen weitere Romane und Novellen, in denen das ländliche Tirol und seine Bewohner teils liebevoll, teils abschreckend dargestellt werden. 6.7 Secher-Jabes. Eine biblische Legende (Erzählung) Huldschiner war seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 1901 literarisch sehr produktiv. Bis 1904 erschienen drei Romane und zahlreiche Novellen und Erzählungen260 in verschiedenen Literaturzeitschriften. Außerdem versuchte er, durch die Teilnahme an Lesungen einem breiteren Publikum bekannt zu werden. So stand er in Kontakt mit dem angesehenen Hamburger Kaufmann und Mäzen Albert Ruben, der seinerseits zahlreiche Hamburger Künstler und Autoren unterstützte und ihnen z. B. mit Rezitationsabenden eine Plattform bot, sich zu präsentieren.261 Nebenbei musste sich Huldschiner in mehreren Prozessen262 gegen die Anklage wegen Unsittlichkeit nach der Veröffentlichung der Erzählung Der Mörder verteidigen. Die Erzählung erschien in einem Berliner Blatt263 und handelt von einem Steuereinnehmer, dem vorgeworfen wird, eine Prostituierte, die er besucht hat, ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft erhob nach der Veröffentlichung des Textes Anklage »wegen Verbreitung einer unzüchtigen Schrift«264. Das Berliner Landesgericht I sprach Huldschiner zwar in erster Instanz frei, aber das Reichsgericht hob das Urteil auf und verwies die Sache an das Landesgericht II, welches ihn ebenfalls freisprach mit der Begründung, dass »das Scham- und Sittlichkeits- 257 Ebd. 258 Ebd. 259 Ebd. 260 Im Mai 1904 sollte in der Bozner Zeitung eine Erzählung Huldschiners mit dem Titel Der Hauensteiner veröffentlicht werden. Der Herausgeber Hans Görlich versicherte dem Autor schriftlich, dass, »die Erzählung […] in wenigen Tagen« (Görlich 05.05.1904) publiziert werde. Allerdings erschien der Text – aus welchen Gründen auch immer – nicht in der Tageszeitung. Ob die Erzählung anderweitig veröffentlicht wurde, ist nicht bekannt. 261 Vgl. Huldschiner 19.03.1902. 262 Wann genau die Prozesse stattfanden, lässt sich aus der unsicheren Quellenlage nicht erschlie- ßen. Da Geiger in einer 1904 erschienenen Rezension die beiden gewonnenen Prozesse in Berlin erwähnt hatte, ist davon auszugehen, dass sie vermutlich in den Jahren 1903 und 1904 stattfanden (vgl. Geiger 1904, S. 403). 263 Der Name des Blattes konnte nicht eruiert werden. 264 Literarisches Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde 1908, S. 1080. 72 Andreas Micheli: Richard Huldschiner gefühl durch die Erzählung nicht verletzt«265 worden und »die Erwähnung der Zustände im Dirnen- und Zuhälterwesen nicht unzüchtig«266 sei. In einem Brief an Ruben schreibt Huldschiner erleichtert: Zugleich kann ich Ihnen mitteilen, daß ich freigesprochen worden bin. Der Gerichtshof war wohlwollend und, wie es scheint, litterarisch verständig genug einzusehen, daß es gar keine Litteratur gäbe, wenn eine realistische Schilderung stets als ungültig angesehen werden müßte.267 Nach einer weiteren Intervention der Staatsanwaltschaft hob das Reichsgericht das Urteil erneut auf und übergab die Prozessführung an das Landgericht in Neu-Ruppin. Als der Artikel über den langwierigen Prozess 1908 im Literarischen Echo erschien, war noch immer nicht klar, wie das Verfahren ausgehen würde. Somit musste sich der Fall tatsächlich über mehrere Jahre hingezogen haben. Warum die Staatsanwaltschaft Huldschiner derart hartnäckig verfolgte, bleibt unklar. Vielleicht lag es daran, dass zu Beginn des Jahrhunderts auf der Grundlage der sogenannten »Lex Heinze« u. a. derjenige zu bestrafen sei, der unzüchtige Schriften, Abbildungen oder Darstellungen feilhält, verkauft, vertheilt, an Orten, welche dem Publikum zugänglich sind, ausstellt oder anschlägt oder sonst verbreitet, sie zum Zwecke der Verbreitung herstellt oder zu demselben Zwecke vorräthig hält, ankündigt oder anpreist.268 Für das Literarische Echo war das langjährige Gerichtsverfahren »ein strafrechtliches Novum«, und das, obwohl von berufener Seite […] der hohe künstlerische und sittliche Ernst seines [Huldschiners] Schaffens anerkannt worden [sei], und wenn man im Zweifel darüber sein mag, ob die Veröffentlichung der inkriminierten Skizze in einer Tageszeitung nicht ein Mißgriff war, so kann doch davon nun nie und nimmer die Rede sein, daß man sie als »unzüchtige« Schrift bezeichnen dürfe.269 Leider lassen sich die genauen Vorkommnisse rund um das Gerichtsverfahren nicht mehr rekonstruieren, da bisher weder die genannte Erzählung noch die betreffenden Gerichtsakten aufgefunden werden konnten. Huldschiner war hauptberuflich immer noch als Arzt tätig und begann, in der zionistischen Bewegung Hamburgs aktiv zu werden. Wann der zionistische Gedanke Eingang in seine schriftstellerische Arbeit gefunden hat, ist nicht bekannt. Finden sich in Einsamkeit und Fegefeuer einige kleine Anspielungen auf seine jüdische Herkunft, ist es 265 Ebd. 266 Ebd. 267 Huldschiner (vermutlich) 1903. 268 Deutsches Reichsgesetzblatt Band 1900, Nr. 23, S. 301, §. 184. 269 Literarisches Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde. 1908, S. 1080. 73 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen doch die im Juni 1903 erschienene Erzählung mit dem Titel Secher-Jabes, die als seine erste literarische Auseinandersetzung mit dem Zionismus gelten kann. Huldschiners Variante der biblischen Erzählung über die Rache der Gibeoniter an den Nachfahren Sauls wurde in der jüdischen Kulturzeitschrift Ost und West publiziert. Der Text trägt den Untertitel »biblische Legende«. Secher-Jabes war die erste von fünf Erzählungen Huldschiners, welche zwischen 1903 und 1907 in Ost und West veröffentlicht wurden. Das programmatische Ziel der Zeitschrift war es, Ost- und Westjuden einander wieder näher zu bringen durch Hervorhebung alles dessen, was uns eint oder einen kann, durch den Hinweis auf die gemeinsame Vergangenheit und besonders durch den Hinweis auf die heutigen Bestrebungen und Leistungen der Juden.270 Der Inhalt der Erzählung orientiert sich an den Versen 21,1 bis 21,11 des zweiten Buches Samuel. In Huldschiners Version halten sieben Brüder ein Abschiedsmahl, bevor sie durch die Gibeoniter hingerichtet werden sollen. Sie sprechen miteinander, während ihre Mutter Rizpa sich zurückgezogen hat und am Essen nicht teilnimmt. In der Bibelstelle hingegen sind die Brüder Halbbrüder: Rizpa hat zwei Söhne mit Saul, nämlich Armoni und Mefi-Boschet, während Saul mit Michal fünf Söhne hat, deren Namen aber nicht genannt werden. Huldschiner erwähnt Michal in seiner Erzählung nicht. Ein Bruder namens Zadok271 fürchtet sich vor dem Tod und fragt den ältesten Bruder Armoni nach den Gründen für die Hinrichtung. Ein anderer Bruder, Meribaal272, antwortet, dass der »Vater Saul« (SeJ: 398) gestorben sei und die Anhänger König Davids die Nachfahren Sauls für dessen Taten sühnen ließen. Allerdings will sich Meribaal wehren: »Ist uns nicht die Faust geblieben und das Schwert? Sind wir Weiber, dass wir uns nicht wehren?« (SeJ: 399). Armoni hingegen verweist auf Sauls Anerkennung der Blutschuld am Sterbebett, die er wegen des Massakers an den Gibeonitern auf sich genommen hat: »Sollen wir dem Mute des Vaters Schande machen? Sollen wir uns weigern, die Sühne auf uns zu nehmen?« (SeJ: 399). Nach dem gemeinsamen Essen geht jeder der Brüder zu Rizpa, um sich zu verabschieden, doch sie schweigt weiterhin. Die Brüder machen sich auf zum Stein Secher- Jabes, wo die Hinrichtung stattfindet. Während sich die anderen mit dem Tod abgefunden haben, trägt Meribaal ein Schwert mit sich: »Sie werden feige kommen, […] hinter den Getreidehaufen sich verbergen, tausend gegen uns sieben« (SeJ: 401). Als die Gibeoniter mit Pfeilen angreifen, will sich Meribaal wehren, doch Armoni hält ihn erneut zurück. Einige Brüder werden durch Pfeile getötet, während Meribaal und Ammiel bis zum Schluss am Leben bleiben. 270 Ost und West 1901, S. 3. 271 Da in der Bibelstelle die Namen der fünf Kinder Michals nicht genannt werden, gibt Huldschiner diesen Figuren Namen, welche alle auf irgendeine Weise mit der Geschichte um David und Saul zusammenhängen: Zadok, Machir, Sobi, Ahi maaz und Ammiel. 272 Hier meint Huldschiner Mefi-Boschnet (vgl. 2 Sam: 21,8), den Sohn von Rizpa, der zusammen mit seinem Bruder Armoni und den fünf Kindern von Michal (die einst mit David verheiratet war) hingerichtet wurde und nicht jenen Meribaal, der in 2 Sam: 21,7 als Sohn von Jonatan, Sauls Sohn und Freund Davids, verschont wurde, obwohl auch er ein Nachfahre Sauls, nämlich dessen Enkel, war. 74 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Die Figur des Meribaal trägt viel von Huldschiners zionistischen Idealen in sich, doch fehlt ihr die charakterliche Tiefe, die Huldschiners Figuren sonst so häufig auszeichnet. Diese und alle weiteren Figuren in Secher-Jabes sind stereotype Darstellungen von stereotypen »jüdischen« Verhaltensmustern aus der Sicht eines überzeugten Zionisten: Armoni, der leidend Ertragende, der sich nicht gegen seine Unterdrücker wehrt, Ammiel, der Unerfahrene, der sich leicht beeinflussen lässt, und endlich Meribaal, der Archetyp eines tapferen, wehrhaften Juden, der sein Schicksal nicht ohne Kampf annimmt. So tötet er am Ende den jungen Ammiel, um ihn vom qualvollen Warten auf den bevorstehenden Tod zu erlösen, und schließlich sich selbst. Zuvor rechnet Meribaal aber mit Gott und seinen Feinden verbal ab: Ich war Krieger. Ich zog aus gegen die Feinde Israels. Ich schwang mein Schwert und achtete nicht der Ruhe. Ich hoffte zu sterben als ein Mann in offener Schlacht, Brust an Brust dem Feinde. Nun rafft Gott mich dahin im Dunkel der Nacht. Aus dem Hinterhalt empfängt mein Leib den Todesstoss. (SeJ: 403) Die Geschichte endet, gleich dem Bibeltext, damit, dass Rizpa die Söhne betrauert und ihre Leichname bewacht. 6.8 Die stille Stadt (Roman) Im September 1903 kündigte Huldschiner seinen Vertrag mit dem Janssen Verlag und wechselte zum Berliner Fleischel Verlag.273 In einem längeren Schreiben an Alfred Janssen führte Huldschiner folgende Begründung an: Der genannte Verlag [der Fleischel Verlag] kann für die Verbreitung wahrscheinlich mehr tun und zwar, weil ihm das litterarische Echo und der Colportagehandel (Bahnhöfe etc.) zur Verfügung steht, weil er bei den Zeitungen und Kritikern bekannter ist und daher viel leichter Besprechungen erzielt, weil er auch andere Arbeiten von mir, z. B. die heilige Kummernus274, die Sie wie ich glaube wesentlich unterschätzen, bei Zeitungen in Vertrieb nehmen will, und weil er schließlich als alter275 und weit verbreiteter Verlag einem Buche doch vielleicht ein besseres Relief gibt, als Ihr Verlag, der selber noch im Ringen und in den Kämpfen des Anfangs steht.276 Außerdem dürften die Tantiemen, die Huldschiner im Fleischel Verlag erhalten sollte, deutlich höher bemessen gewesen sein, sodass er diesem wohl auch deshalb den Vorzug gegeben hatte: Huldschiner schließt daher seinen Brief an Janssen mit der Entschuldi- 273 Vgl. Huldschiner 04.09.1903. 274 Der Text erschien im Jahr 1905 im Novellenband Arme Schlucker (vgl. Huldschiner 1905a). 275 Der Verlag wurde erst 1903 gegründet. Huldschiner irrt sich hier. 276 Huldschiner 04.09.1903. 75 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen gung: »Einmal [Hervorhebung im Original] in meinem Leben will ich Geschäftsmann sein.«277 Das Literarische Echo veröffentlichte im April 1904 einen Auszug278 aus Huldschiners kurz zuvor veröffentlichtem Roman Die stille Stadt, und zwar jene Szene, in der die Figur Sebenhofer von einer aufgebrachten Menge überfallen wird. Vielleicht wollten Huldschiner und der Verlag die Leser neugierig machen, indem sie eine der spannendsten und brutalsten Szenen des Buches auswählten. Außerdem steht die Bewegung, die in der Szene vermittelt wird, in Kontrast zum Romantitel. Der Roman selbst ist stark autobiografisch geprägt. Immer wieder finden sich Anspielungen auf Huldschiners Lebenslauf. Der Protagonist ist der dreißigjährige Jude Elias Merian. Er erreicht an einem Abend im Sommer eine kleine Stadt. Er hat seine Arbeit als Journalist aufgegeben und seine Heimatstadt und seine Verlobte verlassen, um ein neues Leben zu beginnen. Über die stille Stadt, deren Namen zwar nie genannt wird, die aber zweifelsfrei mit Bozen gleichgesetzt werden kann,279 stellt Merian fest: Wer aber, von fernher kommend, die krummen Straßen zum ersten Mal betritt, dem legt es sich wie eine Bangigkeit auf die Brust. Die Nächte sind geheimnisvoll und schwer von seltenen Blumendüften, denn um alle Mauern schlingen sich blühende Ranken, und selbst im Winter hebt der Kalikanthus seine gelben Blütenkerne in die laue Luft. (DsS: 2) Ähnlich ambivalent äußert sich der Protagonist über die Bewohner der Stadt. Es dauere lange, bis man diese Menschen verstanden hat, die mit gesenktem Haupt langsam einhergehen, als ob sie die Last der Welt auf den breiten Schultern trügen, die dich aus so seltsamen Augen anschauen, daß dein Herz stürmisch zu klopfen beginnt. (DsS: 2) Dennoch zeigt sich Merian seiner neuen Heimatstadt gegenüber offen: »Wer aber einmal die Art der Stadt selbst angenommen hat, den läßt sie nicht mehr aus ihren Banden« (DsS: 2). Bald nach seiner Ankunft lernt Merian drei Männer kennen, mit denen er sich anfreundet, nämlich Hans Sebenhofer, Balthasar Overbeck und Jonathan Abarbanell. 277 Ebd. 278 Vgl. Huldschiner 1904b. 279 Vgl. Micheli 2014, 52 f. Abb . 8: Die stille Stadt (1904) . 76 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Hans Sebenhofer gilt in der Stadt als Sonderling, nicht nur wegen seines Buckels. Er hat sich von seinen Mitmenschen abgekapselt, da sie ihn aufgrund seines Aussehens verlachen. Außerdem lehnt er die katholische Kirche als Institution ab, da er mit ihren festgefahrenen Normen und Regeln sowie ihrer Intoleranz Andersdenkenden und Andersgläubigen gegenüber nichts anfangen kann: Es war immer dasselbe; man mußte alles erzwingen, Schritt für Schritt, jedes Mal, wenn es galt, einen Andersgläubigen zu bestatten, mußte man wieder von vorn anfangen. Immer derselbe Haß, derselbe passive Widerstand; man war nahe daran, die ganze Geschichte schon als Komödie zu empfinden; und es war ja wohl auch eine Komödie, wenn man es nicht doch im Grunde als ein Symptom des erbitterten und ernsten Kampfes zweier nimmer zu versöhnender Todfeinde nehmen mußte. (DsS: 24) Überdies ist er der Ansicht, dass ein Pfarrer seine Geliebte Maria in den Wahnsinn getrieben habe. Daher warnt er Merian vor seiner zu positiven Sicht auf die Stadt und deren Bewohner und hält seine Einstellung für übertrieben optimistisch: Hier versinkt alles in schwüles Nichtstun. […] Das Wasser in den Bächen selbst strömt nur widerwillig vorwärts; viel lieber möchte sich’s in einem Sumpf ausbreiten, mit faulenden Wasserpflanzen und Blasen, die langsam zur Oberfläche steigen und platzen. (DsS: 29) Gegen Ende des Romans explodieren Sebenhofers negative Gefühle der Kirche gegen- über, als er sich schreiend auf einen Mönch stürzt, der eine Prozession in der stillen Stadt anführt, und ihm ins Gesicht spuckt. Daraufhin fallen mehrere Menschen über Sebenhofer her und er wird während des Handgemenges erstochen. Balthasar Overbeck wiederum ist ein emeritierter Kanonikus aus Augsburg, der zwar ein gewisses gesellschaftliches Ansehen in der Stadt genießt, als Zugereister aber immer noch eine Außenseiterrolle einnimmt. Auf die Bemerkung, dass Merian der Erste gewesen sei, der Overbeck eine gewisse Freundlichkeit entgegenbringe, entgegnet Merian: »Ja, nach Freundlichkeit sieht diese Stadt nicht aus.« Overbeck erwidert: »Das ist Jerusalem, die die Propheten tötet« (DsS: 12). Der dritte im Bunde ist ein junger Mann namens Jonathan Abarbanell, welcher der kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt angehört. Durch den polnischen Juden Rappaport wird er mit der zionistischen Ideologie vertraut gemacht und entfernt sich immer mehr von den Traditionen seiner Familie. So stellt Rappaport den Heimatbegriff Abarbanells infrage und sieht die Auswanderung nach Palästina als den einzigen Ausweg für die Juden an: Was du Heimat nennst, ist ein Land der Verbannung: Nirgend hat der Jude ein Heim. Überall ist er geächtet und unwillig geduldet. Der Boden, in dem er verscharrt wird, ist ihm fremd und feindlich. Nur da unten, in dem Lande, in dem wir arbeiten, ist unsre Heimat. In dem Lande, das einst unser war. Wir werden es nicht erleben, und unsre Kinder noch nicht. Aber unsre Kindeskinder, in hundert Jahren, die werden von einer Heimat sprechen dürfen. (DsS: 158) 77 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Abarbanells Entfremdung verstärkt sich zusätzlich durch das Zusammentreffen mit Samuel, den Merian und er gegen einen antisemitisch motivierten Angriff verteidigen. Samuel steht für jene Juden, denen die Zionisten Anpassung und Assimilation vorwerfen. Huldschiner postuliert im Roman einen kritischen Heimatbegriff, der stark von seiner Biografie und den Erfahrungen als Jude in Tirol geprägt ist. Der Südtiroler Germanist Gerhard Riedmann bemerkte 1991 über Huldschiners Verhältnis zu Tirol und seinen Bewohnern: Diese Heimat sperrt sich, einem enttäuschten und gedemütigten Sohn Aufnahme zu gewähren. Aus dieser negativen Erfahrung bildet sich im Arzt und Schriftsteller das Trauma des Ausgesetzt- und Verstoßenseins aus. Er erlebt die Heimat als dämonisches Gespenst, das allgegenwärtig lauert und die Existenz des abgewiesenen Heimkehrers bedroht.280 Merian bezieht bald nach seiner Ankunft ein Zimmer, das gegenüber dem Ansitz der Familie von Thaur, der sogenannten Engelsburg, liegt. Bereits auf den ersten Seiten erfährt der Leser von dem Herrenhaus. Dem auktorialen Erzähler zufolge sei die Engelsburg von Margarete Maultasch errichtet worden, samt verschiedenen Geheimgängen und Kellerräumen. Später sei sie zum Gerichtssitz der Stadt und schließlich zum Wohnhaus der Herren von Thaur geworden.281 Huldschiner beschreibt in einem autobiografischen Essay sein Geburtshaus282 auf vergleichbare Weise: Ein dreistöckiges, winkliges Gebäude mit Garten, Höfen und hallenden Gängen, mit Skorpionen und Tausendfüßlern, mit Brunnen und tiefen Kellern und ewig verschlossenen Eisenpförtchen. […] Die einen sagen, die Maultasch habe es gebaut, die anderen, es sei im Mittelalter Gerichtshaus gewesen.283 Huldschiner verbindet im Roman die reale Engelsburg mit einem weiteren Ort, nämlich dem Ansitz Hörtenberg in Bozen, der sich ganz in der Nähe seines Wohnortes während der Kindheit befand, und kreiert hieraus die fiktive Engelsburg des Romans.284 So schreibt er in einem Essay über den Ansitz: 280 Riedmann 1991, S. 170. 281 Vgl. Micheli 2014, S. 52. 282 Erstmals wurde das Haus (heute Bindergasse 31) 1534 als »Haus am Engel« oder »schwäbische Behausung« urkundlich erwähnt und war im Besitz »von Sigmund Khüepachers Kind«. In späteren Quellen wurde das Gebäude in Verbindung mit zwei benachbarten Häusern auch »Khüepach« genannt. Seit 1643 trägt es den Namen »Engelsburg« nach seinem damaligen Besitzer, dem 1635 geadelten Hans Christoph Engel, der es wiederum an seine Tochter Elisabeth, verehelichte Schgrafer von Mondschein, vererbte. Seit dem 18. Jahrhundert im Besitz der Familie Gummer, vererbten die beiden Schwestern Therese und Luise von Gummer das Haus an ihren Neffen Josef Atzwanger von Rieglheim, der es an Huldschiners Großvater mütterlicherseits, David Lehman, verkaufte (vgl. Weingartner 1926, S. 106, zit. nach Micheli 2014: 53, Fn. 41). 283 Huldschiner 1910c, S. 552. 284 Vgl. Micheli 2014, S. 53. 78 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Ich weiß nicht, ist es wahr, daß ein Mädchen einmal vor langer Zeit sich dort heruntergestürzt hat, oder habe ich selber nur diese Geschichte erfunden, um dem ewig verschlossenen Fenster seine Rechtfertigung und Erklärung zu geben? (RlH: 13) Dass der Ansitz Hörtenberg und die fiktive Engelsburg weitere Gemeinsamkeiten aufweisen, deutet Huldschiner im selben Essay an anderer Stelle nochmals an. So findet sich folgende Beschreibung des Ansitzes ziemlich wortgetreu auch im Roman wieder (vgl. DsS: 4), und zwar gemünzt auf die fiktive Engelsburg: Viereckig ist das Haus mit hohem Zeltdach, das nach Süden und Norden nicht soweit hinabreicht wie nach Osten und Westen und so ein drittes Stockwerk seine Fenster gegen Licht und Schatten öffnen läßt. Auch die Türme in den vier Ecken, viereckig und schräg gestellt, haben ihre drei Stockwerke über dem Erdgeschoß und ihr spitzes Dach, auf dem sich Wetterfahnen mühsam im Roste drehen. (RlH: 13) Auf die Engelsburg blickend, sieht Merian zum ersten Mal Eva Kröger, die Nichte des Herrn von Thaur, welche mit ihrem kranken Ehemann, dem Protestanten Richard, kürzlich in die stille Stadt zurückgekehrt ist. Bald darauf verstirbt Richard, dessen Begräbnis drei Geistliche verhindern wollen, da der Verstorbene als Protestant nicht auf einem katholischen Friedhof begraben werden soll. Huldschiner stützte sich hier wohl auf eine wahre Begebenheit. So berichtete die Meraner Zeitung 1891 darüber, wie der Probst und Stadtpfarrer Josef Wieser, »als Zelot sattsam bekannt«285, immer wieder protestantische Begräbnisse in Bozen gestört habe. Der Bericht bezieht sich dabei auf einen damals aktuellen Vorfall, bei dem ein norddeutscher protestantischer Kurgast bestattet wurde. Auch Eva Kröger bekommt den Zorn der Stadtbewohner zu spüren, als sie nach der Messe von erzürnten Kirchgängern als Ketzerin beschimpft wird. Merian verteidigt Eva gegen die wütende Menge und sie kommen sich näher. Eines Tages gesteht Eva, dass sie ihren verstorbenen Mann noch immer liebe und nicht die gleichen Gefühle für Merian hege. Außer dem wolle sie mit ihrem Onkel auf den nahe gelegenen Reggelberg ziehen. Sie lässt den enttäuschten und traurigen Merian allein zurück. Nach einem erhellenden Gespräch mit Overbeck gelangt Merian zur Einsicht, dass er seines eigenen Glückes Schmied sei und 285 Meraner Zeitung 1891, S. 1. Abb . 9: Die Engelsburg in Bozen (2017) . 79 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen nicht alles mit sich geschehen lassen solle. Huldschiner verpackt dies in einen Vergleich: »Glück ist Unruhe. Und Unruhe ist es, weil es Raub ist. […] Die Welt ist groß. Und wer mit starker Hand das Erraubte hält, dem wird sie nimmer untreu« (DsS: 95). Einige Tage später erhält Merian eine Nachricht von Eva. Daraufhin macht er sich sofort auf den Weg zum Reggelberg. Dort angekommen, verhält sich Eva immer noch sehr abweisend, leugnet sogar, mit der Übersendung des Briefes an Merian überhaupt irgendeine Absicht verfolgt zu haben. Motiviert durch das Gespräch mit Overbeck, umarmt er Eva. Sie erwidert seine Umarmung mit Küssen, weist ihn aber plötzlich erneut zurück, da sie ihrem verstorbenen Ehemann die Treue versprochen hat. Merian verlässt den Reggelberg betrübt, während Eva ihm einen Brief schreibt, in dem sie ihm ihre gro- ße Zuneigung ausdrückt. Sie verspricht, Merian bald in der Stadt zu besuchen, auch gegen den Willen des Onkels, der aufgrund Merians jüdischer Herkunft gegen eine Beziehung ist. Einige Zeit danach treffen sich Eva und Merian in der Engelsburg wieder, da Eva vor ihrem Onkel zurück in die Stadt geflohen ist. Sie finden zueinander und erzählen sich vieles aus ihrer Vergangenheit und sprechen auch über eine mögliche gemeinsame Zukunft. Eva hat sich für Merian und gegen ihren verstorbenen Mann entschieden, da sie im Hier und Jetzt zusammen mit Merian leben will. Am nächsten Morgen, nachdem Merian den Ansitz verlassen hat, kommt Evas Onkel in die Engelsburg und verlangt eine Erklärung für ihre nächtliche Flucht. Sie erzählt ihm, dass sie Merian heiraten werde. Daraufhin droht der Herr von Thaur Eva in einer antisemitischen Hetzrede: Daß du in dem Augenblick, wo du sein Weib wirst, für mich und alle vernünftigen Menschen gestorben bist. […] Sei du erst das Weib dieses Juden und du wirst schon sehen, was es heißt, von denen gemieden zu werden, die dich sonst zu grüßen pflegten. […] Weißt du, den Juden grüßt man nicht. Er ist gar kein Mensch. Man übersieht ihn, oder wenn es gar nicht anders geht, wenn man ihn einmal aus irgend welchen Gründen gar nicht ausweichen kann, dann faßt man ihn mit so einer Art Feuerzange an, mit so einer hochnäsigen Geringschätzung … den Teufel auch! (DsS: 209 f.) Schließlich droht der Onkel, Eva ein Geheimnis zu verraten und gesteht ihr, dass er Evas leiblicher Vater sei. Ein Hinweis, dass der Onkel seine Schwester, also Evas Mutter, möglicherweise vergewaltigt hat, findet sich in der folgenden Rechtfertigung des Herrn von Thaur: Deine Mutter und ich … in diesem Hause … es gab sich alles von selbst … sie war schon verheiratet damals … du mußt wissen, bei unserer Familie liegt das im Blute … nun ja, das trägt die Hauptschuld … aber darauf kommt es jetzt nicht an … ich will mich vor dir nicht rechtfertigen … nur wissen mußt du’s, damit du siehst, daß ich ein Recht habe, dir zu befehlen und zu verbieten … (DsS: 212) Daraufhin stürzt sich Eva aus dem Fenster der Engelsburg wie einst ihre Vorfahrin Wallburgis, welche von ihrem eigenen Bruder vergewaltigt worden und aus demselben Fenster gesprungen ist. Die Bewohner der Stadt reagieren recht kühl auf Evas Freitod. Das 80 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Gerücht geht um, dass sich Eva aus dem Fenster gestürzt habe, weil sie den Tod ihres Gatten nicht überwunden habe. Es vergehen erneut einige Wochen und der Herbst zieht in die Stadt. In einem Gespräch mit Overbeck bekennt Merian, dass er im Moment nicht aus der Stadt weggehen könne, da er hier einmal sehr glücklich gewesen sei. Dennoch hegt er die Hoffnung, dass es vielleicht noch etwas geben könne, »nach dem ich streben könnte« (DsS: 220). Er sei immer in die »Irre gegangen und immer im Zickzack« (DsS: 222). Er habe versucht, immer anders als die anderen zu sein, sich anders zu verhalten, aus seinem eigenen Schmerz zu lernen. Als er sich auf die Beziehung mit Eva eingelassen habe, sich wie die anderen der Liebe geöffnet habe, sei er tiefer, »als je einer gefallen« (DsS: 222). Nun sei er aber davor »gefeit« (DsS: 222), habe daraus eine Lehre gezogen. Sein Herz sei wie die stille Stadt, »still an der Oberfläche und blutend im Innern. Staub liegt darauf, uralter Staub« (DsS: 222). Overbeck entgegnet, dass Merian all seine Sorgen vergessen und die Stadt verlassen solle, gleich dem jungen Abarbanell, der nach Palästina ausgewandert sei. Ob Merian einen ähnlichen Schritt wagt und die stille Stadt ebenfalls verlässt, lässt der Schluss des Romans offen.286 Die stille Stadt kann als Huldschiners erfolgreichster Roman angesehen werden, einerseits in Bezug auf seine literarische Qualität, andererseits in Bezug auf die überwiegend positive Rezeption in der zeitgenössischen Presse. So hatte sich der Verlagswechsel für Huldschiner dahin gehend ausgezahlt, dass über die Kontakte und die Pressearbeit des Fleischel Verlags mehr Rezensionen verfasst wurden als bei seinem letzten Roman. Das Buch fand sogar in der britischen Literaturpresse Erwähnung.287 Der Fleischel Verlag wurde von Egon Fleischel288 1903 in Berlin gegründet und ver- öffentlichte vor allem Belletristik, u. a. von Autoren wie Helene Böhlau, Börries von Münchhausen und Ina Seidel.289 Außerdem übernahm Fleischel im Oktober 1903 die Verlagsrechte für die Halbmonatsschrift Das Literarische Echo. 1898 von Friedrich Fontane, dem Sohn von Theodor Fontane, gegründet, avancierte sie unter der Herausgeberschaft von Josef Ettlinger bald zu einer angesehenen Zeitschrift und enthielt Sammlungen von Feuilletons großer deutscher Tageszeitungen (Berliner Tageblatt, Frankfurter Zeitung) sowie eigene Berichte und Rezensionen über die aktuellen Neuerscheinungen.290 Auch Huldschiner verfasste seit dem Wechsel zum Fleischel Verlag regelmäßig Buchbesprechungen für das Literarische Echo. Die Wiener Wochenschrift Die Zeit äußerte sich durchweg positiv über Huldschiners Roman und bittet Leser und Kritiker, diesen »nicht mit dem Verstande, sondern 286 Teile der Inhaltsangabe des Romans wurden wortwörtlich übernommen aus: Micheli 2014, S. 51 f. 287 Vgl. Hawtrey 1904. 288 Egon Fleischel und seine Frau waren vom Judentum zum Protestantismus konvertiert. Ihr Sohn Günther Fleischel war später am Kapp-Putsch beteiligt und Mitglied des Stahlhelms und nach dessen Auflösung für kurze Zeit Mitglied der SA. 1936 erfuhr er von der jüdischen Herkunft seiner Eltern. 1937 wurde ihm der Prozess wegen »Rassenschande« gemacht. Später wurde er in das Ghetto nach Riga deportiert, wo er 1943 verstarb (vgl. Przyrembel 2003, 265 – 266). 289 Vgl. Estermann und Füssel 2003, 209 f. 290 Vgl. ebd., 225 f. 81 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen mit dem Gefühl«291 zu erfassen, denn »keine kalte Kritik […], die zerstört und entblättert, was in leisen Dämmerstunden liebevoll entstanden ist«292, möge an den Roman und seinen Autor herantreten. Der Rezensent betont den fiktiven Charakter des Romans und geht davon aus, dass die stille Stadt »keine wirkliche Stadt [sei], in der Menschen leben, gute und schlechte, es ist dies eine Stadt, die ein Dichter erbaut und ein Dichter bevölkert hat«293. Auch habe Huldschiner hier nicht Bozen beschrieben, sondern »ein[en] schwermütige[n] Traum eines reichen poetischen Gemütes«, welches »aus seinem tiefen Inneren geheimnisvollen Stimmungen lauscht und sie in geheimnisvolle, seltsame Wörter zu kleiden weiß«294. Die Kritik der Wiener Zeitung fiel deutlich negativer aus. So habe Huldschiner dem Rezensenten H. Ubell zufolge den seltsamen Versuch gemacht, den lachenden Charakter Bozens ins Drohende und Unheimliche hinüberzustilisieren, um dann aus diesem allgemeinen Elemente des geheimnisvollen Furchtbaren die friedlichen Gewalten seiner Geschichte aufsteigen zu lassen.295 Außerdem erinnere der Roman aufgrund seiner Handlung und seiner Figuren stark an den 1892 erschienenen Roman Das tote Brügge des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach.296 Zudem könne man der analogen Stilisierung der deutschen Süd-Tiroler nur eine höchst subjektive Wahrheit beimessen, wie mir denn der Held der Geschichte überhaupt an Verfolgungswahn zu leiden scheint.297 Die Tiroler Zeitungen bewerteten den Roman, in welchem die Bozner bzw. die Tiroler sehr kritisch dargestellt wurden, sehr unterschiedlich. So bemerkt ein ungenannter Rezensent in der Meraner Zeitung, dass dem Roman »ein starker, konsequenter Pessimismus«298 innewohne, wobei »von Zeit zu Zeit die Hoffnung auf Heimkehr, auf Heimat, auf Zion« durchbreche »wie [der] Glanz eines freundlichen Sterns aus schwerem Wolkenhimmel«, in welchem »sein altes Volk zu neuer Schönheit, Größe und Kraft erwachen soll«299. Auch der Rezensent A. Sikora äußert sich im Boten für Tirol und Vorarlberg grundsätzlich positiv über den Roman und erwähnt die Tiroler Herkunft Huldschiners, »der in unserem Lande aufgewachsen« sei und sich schon »durch ein paar Romane einen Namen gemacht«300 habe. Außerdem erkennt der Rezensent »einen großen Fortschritt ge- 291 M. G. 1904, S. 190. 292 Ebd. 293 Ebd. 294 Ebd. 295 Ubell 1904, S. 8 296 Vgl. ebd. 297 Ebd. 298 Meraner Zeitung 1904, S. 17. 299 Ebd. 300 Sikora 1904, S. 8. 82 Andreas Micheli: Richard Huldschiner gen die früheren [Romane]«301 und betont den schlichten und schönen Stil des Werkes. Weiterhin sei das im Roman beschriebene Bozen nicht mit dem heutigen gleichzusetzen, sondern mit dem, »wie es vor vielen Jahren einmal war, äußerlich still, doch drinnen, in der Seele der Einwohner ist gärendes Leben, Fanatismus gegen Andersgläubige«302. Orte wie die Engelsburg und das Adelsgeschlecht von Thaur seien ebenso wie die Handlung des Romans »frei erdichtet«303. Die Handlung sei zwar sehr einfach, doch gehe es auch mehr darum, »die Seele seines Helden in den verschiedenen Lagen zu zeichnen und zwischen dieser [gemeint ist hier Bozen] und der ›stillen Stadt‹ eine Parallele aufzustellen.«304 So gebe das Buch »die träumerische Sehnsucht der Juden nach einer gemeinsamen Heimat wieder«305. In seinem Essay über Huldschiners Werke bis zum Jahr 1907 befasst sich der Kritiker Karl Lorenz auch mit Die stille Stadt. Darin relativiert er den Vorwurf zahlreicher Leser und Kritiker, dass sich »der Stoff selbst zu sehr mit religiösen Dingen, besonders mit jüdischen«306, beschwere. Viel mehr würden diese Kritiker »die tiefe Melodie, die allgemein menschliche, die hindurchgeht«, nicht wahrnehmen, da es Huldschiner nicht gelungen sei, die Melodie, gleich Dante, für den Leser aufzuschlüsseln. Dennoch verdiene der Versuch, »sich in diesen Melodien zu vertiefen«307, großen Respekt. In der ausländischen Presse konnten zwei Besprechungen zum Roman nachgewiesen werden. Die englische Literaturzeitschrift The Academy and Literature rezensierte das Werk zusammen mit englischsprachigen Romanen in der Rubrik Fiction. Die Rezensentin konstatiert zum Buch, dass es »a most depressing book« sei. Ebenso sei zu viel Schwarz- Weiß-Malerei in den Figuren und der Handlung: »Pessimism breathes from every page of this novel. […] [I]n fact everywhere is hatred, misery, distrust and discontent.«308 Trotz aller negativen Kritik wird Huldschiner immerhin Folgendes zugestanden: »[…] the author has the gift of style, and a feeling for external nature and its moods.«309 Die zweite englischsprachige Buchbesprechung, erschienen in The Westminster Review, stellt zum Roman dagegen fest, dass er »a story of thrilling interest finely told«310 habe. So fasst der Rezensent den von Huldschiner im Buch dargestellten Konflikt zwischen Einheimischen, Fremden, Katholiken, Protestanten und Juden folgendermaßen zusammen: […] beneath this placid surface is visible that latent bigotry which is ready to take fire on the slightest provocation – Catholic against Protestants, but both united in contempt of the Jew. 301 Ebd. 302 Ebd. 303 Ebd. 304 Ebd. 305 Ebd. 306 Lorenz 1907, S. 18. 307 Ebd. 308 Hawtrey 1904, S. 100. 309 Ebd. 310 The Westminster Review 1904, S. 593. 83 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Natürlich gelte Huldschiners Sympathie den Juden, der »despised race«311. Außerdem zeige er »remarkable skill in depicting various types of it«312. Die zeitgenössische jüdische Presse schenkte dem Roman hingegen nur wenig Beachtung. So konnten 1904 und 1905 nur zwei Rezensionen nachgewiesen werden. Huldschiner bedauerte die geringe Rückmeldung, vor allem aus den zionistischen Blättern, sehr und mutmaßt in einem Brief an Max Grunwald, dem er seinen Roman zur Lektüre übersendet hatte, dass die meisten [Stammesgenossen] sich scheuen, überhaupt zu dieser Frage Stellung zu nehmen und darum einem Urteil über so ein gefährliches Buch wie dem Feuer aus dem Wege gehen.313 In der Kulturzeitschrift Ost und West wird der Roman sehr wohlwollend besprochen: Er sei »ein Kunstwerk«, die Figuren seien allesamt »Idealisten, […] Träumer, […] Sonderlinge«314, ihnen sei »Seele« gegeben, doch fehle ihnen »das Körperliche«315. Positiv streicht der Rezensent die »dichterische Ausgestaltung«316 des Werkes heraus, ebenso die verträumte und schwermütige Sprache, die das Buch seiner Meinung nach habe. Zudem merkt der Rezensent positiv an, dass Huldschiner »das Judentum anderen Bekenntnissen«317 gegenüberstelle. In der in religiösen Fragen liberalen Allgemeinen Zeitung des Judenthums widmet der Literaturhistoriker Ludwig Geiger Huldschiners Roman eine sehr ausführliche Besprechung. Geiger selbst war stets antizionistisch eingestellt, umso interessanter ist die kritische Wertschätzung, die er dem durch und durch zionistischen Roman entgegenbringt: So unsympathisch mir der Zionismus auch ist, ich habe ihn nie so liebenswürdig dargestellt gefunden wie gerade hier. Auch die übrigen jüdischen Figuren sind mit feiner Kunst geschildert.318 Zwar sei Geiger »weit davon entfernt, das Buch für ein Meisterwerk zu erklären«319, doch sei es für die Leser der Allgemeinen Zeitung des Judenthums durchaus von Interesse, weil es 311 Ebd. 312 Ebd. 313 Huldschiner 28.05.1904. 314 Zucker 1905, S. 288. 315 Ebd. 316 Ebd. 317 Ebd. 318 Geiger 1904, S. 403. 319 Ebd. 84 Andreas Micheli: Richard Huldschiner einzelne an und für sich interessante jüdische Szenen in ein allgemeines Werk einfügt, und einen Juden, der trotz seiner Zerfahrenheit Aufmerksamkeit zu erregen imstande ist, in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt.320 Geiger bezeichnet den Roman als modern »in doppeltem Sinne«, da es dem Autor »viel mehr auf die Stimmung als auf die Erzählung« ankomme und er im Gegensatz »zur alten Romantheorie, die ein abgeschlossenes Leben« verlange, nur eine »Episode«321 schildere. Beinahe zehn Jahre später findet Huldschiners Werk erneut eine ausführliche Besprechung. Dieses Mal im Rahmen eines literaturwissenschaftlichen Essays über die Darstellung der Juden im deutschen Roman des 20. Jahrhundert. Der in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums veröffentlichte Text enthält eine mehrseitige Zusammenfassung des Romans, wobei der Autor des Essays, Josef Bass, die Inhaltsangabe um Kommentare ergänzt, die sich auf die unterschiedlichsten Handlungsstränge im Roman beziehen. Bass hinterfragt einige Passagen im Roman sehr kritisch, z. B. die Aussage des polnischen Zionisten Rappaport: Was du Heimat nennst, ist ein Land der Verbannung: Nirgend hat der Jude ein Heim. Überall ist er geächtet und unwillig geduldet. Der Boden, in dem er verscharrt wird, ist ihm fremd und feindlich. (DsS: 158) Bass befürchtet, dass solche Aussagen die Vorurteile verstärken bzw. bestätigen könnten, welche die Christen den Juden gegenüber hätten, nämlich dass sie keine Heimatliebe dem Land gegenüber empfinden könnten, in dem sie geboren worden seien.322 Außerdem wirft Bass dem »großstädtischen und modernen Juden«323 Huldschiner vor, dass er die »eigene Volksseele«324 nicht kenne, wenn er Rappaport ein durchaus positives Jesusbild zeichnen lässt bzw. es für die zionistische Sache argumentativ einsetzt und ihn sagen lässt: Gott hat uns seine Propheten gesandt. Aber wir haben sie verkannt und an das Kreuz geschlagen. Und nun ist unser Freund wie Christus, verhöhnt mit Staub und Blut bedeckt, ans Kreuz geschlagen. (DsS: 161) »[…] ein Jude, und gar ein polnischer«325, so Bass, hätte den Namen Christi nie ausgesprochen bzw. daran gedacht oder geglaubt. Ebenfalls erkennt Bass im Gottesdienst, der im Roman ausführlich beschrieben wird, einige liturgische Fehler: Zum Beispiel sei das Knien nicht üblich und erwecke den Anschein, dass »eine sonderbare Sekte ihren düsteren Gottesdienst«326 verrichten würde. Allerdings verkennt Bass, dass Huldschiner hier 320 Ebd. 321 Ebd. 322 Vgl. Bass 1914, S. 581. 323 Ebd., S. 582 324 Ebd. 325 Ebd. 326 Ebd., S. 583. 85 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen eindeutig eine Jom-Kippur-Feier327 beschreibt, in der das Niederknien, im Gegensatz zu den anderen Feiertagen (mit Ausnahme von Rosch ha-Schana) und Sabbat-Feiern, Teil der Liturgie ist.328 Außerdem bemängelt Bass die devote Darstellung der Juden während des Gottesdienstes. In seinen Augen seien die jüdischen Figuren in dieser Szene nur »konstruierte Menschen, homunculi«329. Im Essay analysiert Bass weitere jüdische Romane, in denen die jüdischen Figuren in seinen Augen häufig wenig authentisch dargestellt werden, und bemerkt zusammenfassend über Die stille Stadt: »Auch die Juden in diesem Buche, obwohl freundlich behandelt, sind nur Schemen.«330 Gerhard Riedmann wiederum bemerkt aus der Sicht eines Nachgeborenen in seiner Besprechung des Romans, dass die Handlung einem Klischee folge, nämlich jenem des rastlosen, verfolgten Juden auf der Suche nach einer Heimat: [… die] Handlung mag grundsätzlich anfechtbar und künstlerisch problematisch sein. Sie entwickelt sich auf zwei Ebenen: einmal auf jener der Gestaltung der Friedenssehnsucht des getriebenen Elias und zum anderen auf jener der Darstellung der Ausgrenzung und Verfolgung des Juden, Protestanten und Ausländers. Das Besondere dieses sarkastischen, elegischen Buches liegt in der dichterischen Kraft der suggestiven Bilder und Episoden, in der beklemmend-grüblerischen Grundstimmung und in der galligen, kompromißlosen Abrechnung eines hochgebildeten Geistes mit der religiösen Intoleranz und dem Standesdünkel des städtischen Adels, des Patriziats und des Klerus.331 Mit seinem dritten Roman begann sich Huldschiner zum ersten Mal ausführlich mit dem Zionismus und dessen Ideen auseinanderzusetzen. So habe er mit seinem Buch versucht, das, was meine Seele am tiefsten bewegt, in meiner Weise auszusprechen, wenn ich auch im Grunde bekennen muß, daß ich nicht fertige Gedanken zu bringen vermochte, sondern nur eine innere Stimmung, die aber schließlich wohl doch auf das hinauskommt, was Sie [hier meint er Max Grunwald ] und die vielen in Ihrem Gefolge anstreben.332 6.9 Der Tod der Debora Traub (Erzählung) Im Februar 1905 veröffentlichte Huldschiner in der Kulturzeitschrift Ost und West die Erzählung Der Tod der Debora Traub, welche auf einer wahren Begebenheit fußt. In Huldschiners literarischer Umsetzung berichtet ein Mann namens Meïer Görlitz seinen Enkeln, wie er »die Debora Traub […] zu ihrem schweren Gang« (DTD: 107) vorbereitet 327 Vgl. Micheli 2014, 65 f. 328 Vgl. Vries und Magal 2005, S. 106. 329 Bass 1914, S. 583. 330 Ebd., S. 585. 331 Riedmann 1991, S. 171. 332 Huldschiner 28.05.1904. 86 Andreas Micheli: Richard Huldschiner habe. Er erzählt, dass er im Winter 1789333, »gerade [war] der gute Kaiser Joseph II. gestorben« (DTD: 107), die geistig verwirrte Debora getroffen habe, die ihre Schwiegermutter und Schwägerin vergiftet haben soll. Meïer Görlitz habe, um sie zu entlasten, zu Protokoll gegeben, dass Debora an Wahnvorstellungen gelitten habe, doch habe sie sich vor Gericht »schüchtern, erschrocken und an Besinnung schwach […] eine Selbstanklage herauslocken« (DTD: 109) lassen. Ebenso berichtet er von einer publizistischen Hetzkampagne, in der Debora als »vollschuldige Verbrecherin« (DTD: 110) dargestellt worden sei. So sei behauptet worden, dass sie von der Schwiegermutter »mit bösen Worten« (DTD: 111) gequält und von der Schwägerin um »ihre Schönheit« (DTD: 111) beneidet worden sei. Meïer Görlitz habe aber an ihre Unschuld geglaubt, da er Debora bereits seit ihrer Kindheit gekannt und geschätzt habe und sie stets freundlich und zuvorkommend gewesen sei. Kurz vor der Hinrichtung und mit Erlaubnis des Gerichts sei Meïer Görlitz als Vertreter der Gemeinde zu Debora geschickt worden, um mit ihr zu beten. Bei dieser Gelegenheit habe Debora ihre Tat gestanden, die sie in geistiger Verwirrung ausgeführt habe, obwohl sie »ihnen nicht gram« (DTD: 112) gewesen sei. Sie habe das Geständnis unterbrochen und habe nach ihrem Kind gefragt und bedauert, dass es nicht gestorben und nun »der Sohn der Mörderin« (DTD: 112) sei. Sie habe ihre Erzählung fortgesetzt und erklärt, dass sie für ihre Verwandten eine Suppe gekocht und sie ins Wohnzimmer gebracht habe. Das Nächste, an das sie sich erinnert habe, sei ihre Festnahme gewesen. Später sei ihr die Szene wieder eingefallen, nämlich dass ihr »ein ganz kleiner Mann mit rotem Haar« (DTD: 113) das Rattengift in die Hand gegeben habe. Tief bewegt von Deboras Geschichte, habe Meïer Görlitz beschlossen, der Frau zur Flucht zu verhelfen, doch sie habe dankend abgelehnt. Beide hätten stattdessen voll Inbrunst zu Gott gebetet. Durch Mitglieder des Beerdigungsvereines sei Debora für ihre Hinrichtung vorbereitet worden und Meïer Görlitz habe »das Gebet, das man bei Leichenbegräbnissen spricht« (DTD: 115), gebetet. Eine Woche später, so Meïer Görlitz an seine Enkel gerichtet, habe man Debora ausgegraben, um ihr ein ordentliches Begräbnis zu bereiten. Interessanterweise erschien ein Jahr vor der Veröffentlichung der Erzählung in den Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde ein wissenschaftlicher Artikel,334 der sich u. a. mit der Hinrichtung Debora Traubs befasste. Verfasser war ein guter Bekannter Huldschiners, der Hamburger und später Wiener Rabbiner Max Grunwald. Aufgrund der erhaltenen Briefe von Huldschiner an Grunwald kann davon ausgegangen werden, dass die beiden die jeweiligen Veröffentlichungen verfolgt und rezipiert hatten. Allerdings geben die Briefe keinen Aufschluss darüber, ob sie sich speziell über Debora Traub ausgetauscht hatten. Nach Grunwald sei die Tat der Mörderin Debora Traub der einzige »von jüdischer Hand verübte Mord«335 gewesen, der in den kriminalistischen Aufzeichnungen Hamburgs bis 1811 aufscheint. Den Aufzeichnungen zufolge sei Traub »seit ihrer Kindheit und 333 Huldschiner irrt sich. Jospeh II. ist im Februar 1790 gestorben. 334 Vgl. Grunwald 1904, S. 44 – 51. 335 Ebd., S. 44. 87 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen später, besonders während der Schwangerschaft, geistig nicht normal«336 gewesen. Am 4. Februar 1793 sei sie schließlich wegen Mordes an ihrer Schwiegermutter und ihrer Schwägerin mit dem Schwert hingerichtet worden. Allerdings habe sie »stets in Frieden«337 mit den Ermordeten gelebt. Vor Prozessbeginn habe eine regelrechte Hetzkampagne gegen Traub stattgefunden, deren Ziel es gewesen sei, »durch Aufreizung des Volkes auf die Behörden einen Druck auszuüben«338. Grunwald zitiert im originalen Wortlaut einen Bericht des Küsters der Hamburger Beerdigungsbrüderschaft339, Abraham ben Meïer Görlitz, der wiederum die Hauptfigur in Huldschiners Erzählung ist und von diesem literarisch ausgestaltet wurde. In seinem Bericht erzählt Meïer Görlitz, wie die jüdische Gemeinde dafür Sorge getragen habe, dass Traub entsprechend dem jüdischen Glauben habe sterben können. Man habe mit ihr gebetet und sie, nachdem sie hingerichtet und wie angeordnet unter dem Galgen vergraben worden sei, wieder ausgegraben und am Grindelfriedhof ein ordentliches Begräbnis gefeiert.340 Huldschiner orientierte sich beim Verfassen der Erzählung zwar an den historischen Vorkommnissen, insbesondere am Bericht von Abraham ben Meïer Görlitz, versuchte aber darüber hinaus, die Psyche der Debora Traub in den Vordergrund zu stellen. Traub war zwar die Täterin, aber aufgrund ihres Wahnzustandes nur bedingt zurechnungsfähig. Dem wurde aber beim Prozess nicht Rechnung getragen und sie wurde hingerichtet. Huldschiners Text ist in zweierlei Hinsicht als Anklage zu verstehen. Zum einen übt er Kritik an der medialen Debatte, die mit dem Prozess gegen Traub einherging. So nahmen zahlreiche Pamphlete und Schriften die Familientragödie zum Vorwand, antijüdische Ressentiments zu verbreiten. Huldschiner lässt den Protagonisten seiner Erzählung die für die Hamburger jüdische Gemeinde sehr schwierige Situation folgendermaßen zusammenfassen: […] ihr könnt nicht wissen, was es uns bedeutet, dass ein Kind unseres Volkes in Ketten lag, da es gemordet hatte, und die Böswilligen, so uns umgaben, mit den Fingern auf einen jeden von uns weisen mochten: Seht, da geht einer von den Giftmischern. (DTD: 108) Zum anderen geht es in der Erzählung um die Frage, ob ein Mensch, der an einer Psychose leidet, schuldfähig ist bzw. ob die Todesstrafe in einem solchen Fall eine angemessene Strafe darstellt. Huldschiners kurze Erzählung erinnert insofern stark an die Schuldthematik in Büchners Woyzeck. Büchner bezog sich ebenfalls auf einen tatsächlichen 336 Ebd., S. 45. 337 Ebd. 338 Ebd. 339 Die Aufgabe der Chewra Kaddischa, zu Deutsch Beerdigungsbrüderschaft, war es, Kranke zu besuchen, den Angehörigen beizustehen, dafür zu sorgen, dass am Totenbett mindestens zehn Glaubensgenossen anwesend waren, um beim Ableben das Glaubensbekenntnis zu sprechen und sich schließlich auch helfend an der Beerdigung zu beteiligen (vgl. Lewy 1927, S. 1358). 340 Vgl. Grunwald 1904, 45 f. 88 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Mordfall, bei dem die Zurechnungsfähigkeit des Täters Johann Christian Woyzeck sehr umstritten war, genauso wie seine Verurteilung zum Tode. 6.10 Delilas Tanz (biblische Erzählung) Bereits einen Monat später veröffentlichte Huldschiner in der jüdisch-deutschen Kulturzeitschrift Ost und West eine weitere Geschichte, nämlich eine Variation des Stoffes um Simson (Samson) und Delila.341 Sie trägt den Titel Delilas Tanz und lehnt sich sprachlich sehr stark an den Stil der Bibel an. Die Erzählung beschreibt sehr sinnlich, wie Delila Simson umgarnt, um hinter das Geheimnis seiner Kraft zu gelangen. Simson kommt aus dem Kampf zurück und wird von Delila empfangen. Huldschiner beschreibt teilweise sehr explizit, wie sich die beiden Figuren näherkommen. So sagt Delila nach der Begrüßung: »Du bist der Löwe, der brüllend durch die Wüste zieht und unter den Hirten Schrecken verbreitet. Und ich, ich liebe dich« (DTz: 205 f.). Simson entgegnet, bevor er »sein Haupt im Schosse des zitternden Weibes« (DTz: 206) vergräbt: »Delila, scheue Hindin, die du in meinen Armen bebst, sage, was kann ich tun, um dir zu danken, dass du so schön bist?« (DTz: 206). Anders als in der Bibel, in der Delila Simson drei Mal nach dem Geheimnis seiner Kraft fragt und Simson drei Mal lügt, steht bei Huldschiner der erotische Aspekt im Vordergrund und dominiert die Handlung. Daher antwortet Simson auf Delilas Frage, warum er denn so stark sei, dass »[z]wei deiner Locken, deiner kleinsten Locken, um meine Arme geschlungen […] mich schwach« (DTz: 206) machen würden. Der Erzähler beschreibt die Situation folgendermaßen: Da band sie ihn mit ihren Locken, beugte sich zu ihm und küsste seinen Mund, […] ein Zittern ging durch ihre schlanken Glieder, wie wenn der Abendwind durch Birkenstämmchen ziehet, die am Bache stehen. (DTz: 206) Nachdem Simson die Angreifer zurückgeschlagen hat, verlangt er von Delila einen Tanz: Tanze mir, dann sollst du alles wissen, […] tanze mir den heissen Tanz, der in verschwiegenen Tempeln über den Leibern geschlachteter Sklaven von erzenen Schildern widerhallt. […] Du bist schön […], schwer von Düften wie die Sommernacht und heiss von Gluten wie die Sonne, […] ich trinke deinen Atem und sterbe … (DTz: 207) Im weiteren Verlauf der Handlung schildert Huldschiner sehr ausführlich den Tanz der Delila und spart nicht mit ausufernden und sehr genauen Beschreibungen ihrer erotischen Tanzweise. Schließlich bricht sie erschöpft zusammen und Simson nennt ihr das Geheimnis seiner übermenschlichen Kraft. Daraufhin schneidet sie ihm die Haare ab und die Philister stürmen auf ihn los. Von Huldschiner als Femme fatale dargestellt, lässt er Delila am Schluss höhnisch ausrufen: 341 Vgl. Ri 13,1 – 16,31. 89 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Simson, du Starker, wo ist deine Kraft? Wo ist deine Löwenpranke? Simson, du Starker, nun bist du schwach und wie ein anderer Mensch. Simson, du Starker, lass’ mich deine Augen küssen. (DTz: 210) Huldschiners Interpretation der Bibelgeschichte legt ihr Hauptaugenmerk auf den sexuellen Aspekt. Delila wird als berechnendes Weib dargestellt, welches seine Reize dazu benutzt, um Simson zu überlisten. Vermeidet die biblische Darstellung sexuell konnotierte Formulierungen, wird Huldschiner in Delilas Tanz dagegen sehr deutlich: Durch das rote Dunkel des dämmernden Gemaches schritt im leise wiegenden Tanz ihr weisser Leib; die langen Wimpern deckten das rätselvolle Auge; dann hob sie sich leicht auf ihren schlanken Zehen, verschränkte die Arme hinter dem Nacken, stand wie ein Fels so still und wie eine Säule so weiss; ihr Mund, leise geöffnet, lachte in grausam-lüsternem Schweigen, ein Sehnen war es und Warten, ein Bitten und Versprechen, fast unhörbar klirrten die goldenen Schildchen ihrer Brüste […] (DTz: 207 f.) Bereits in Einsamkeit und Fegefeuer baute Huldschiner einige erotische Begebenheiten in die Handlungen ein. In den beiden Romanen waren es vor allem bäuerliche Figuren, die ihren urtümlichen, teilweise auch als tierisch dargestellten Trieben folgten. Auch in einigen seiner späteren Werke war das Thema Sexualität durchaus wichtig und teilweise auch handlungsbestimmend. Insbesondere die Novellen In hellen Sommernächten … und Das jüngste Gericht bzw. die Erzählungen Choraula, Der goldene Stirnreif und Armer Don Martino zeichnen sich durch mehrere sehr explizite erotische Darstellungen aus. Huldschiner greift die Geschichte um Simson und Delila einige Jahre später noch einmal kurz im historischen Roman Starkenberg auf. So spricht der Protagonist des Romans, der Adelige Ulrich von Starkenberg, zu seiner Geliebten Elsbeth, nachdem sie ihre erste gemeinsame Liebesnacht miteinander verlebt haben, folgenden Vergleich aus: »Du machst mich schwach, wie Delila den Simson« (Stb: 170). 6.11 Aus dem Badeleben. Harmlose Geschichten von Mir (Erzählband) Das Deutsche Pseudonymen-Lexikon in der Auflage von 1906342 führt unter dem Pseudonym »Mir« den Namen Richard Huldschiner. In den Bibliothekskatalogen der LMU München und der Bayerischen Staatsbibliothek findet sich unter diesem Namen ein Erzählband mit dem Titel Aus dem Badeleben. Harmlose Geschichten von Mir. Das Werk wurde 1905 im unbedeutenden Münchner Verlag der Complemente zu Reisebüchern M. von Hartung veröffentlicht. Es stellt sich nun die Frage, ob Richard Huldschiner tatsächlich der Urheber der Geschichtensammlung ist. Unter dem genannten Pseudonym wurde vorher und nachher kein weiteres Buch veröffentlicht. Auch finden sich in den wenigen Quellen keine Hinweise darauf, dass Huldschiner jemals einen derartigen Decknamen 342 Vgl. Holzmann und Bohatta 1906, S. 183. 90 Andreas Micheli: Richard Huldschiner verwendet hatte. Dennoch passen der Stil und die Thematik der kurzen Erzählungen zu einigen anderen Texten trivialer Natur, die Huldschiner verfasst hatte. Die kurzen und teilweise humorvollen Geschichten behandeln die Erlebnisse von zumeist wohlhabenden Personen auf Kur. Der Autor wirft darin einen ironischen Blick auf den Kur betrieb und karikiert ihn mithilfe von stereotypen Figurenkonstellationen und wenig komplexen Handlungsabläufen. Die erste der zwanzig im Erzählband enthaltenen Geschichten trägt den Titel Die unverstandene Frau und handelt von der wohlhabenden Preußin Ellen Helmsdorf, welche auf Kur nach Bayern fährt, und das, obwohl ihr eigentlich nichts fehlt, sondern nur, »weil es so Mode war in wohlhabenden Kreisen« (AdB: 1). Dort lernt sie den angeberischen polnischen Gutsbesitzer Marian Taczanowski kennen, der gerne von »seinem geknechteten Vaterland« (AdB: 2) spricht und es bedauert, nicht für dessen Freiheit kämpfen und sterben zu können. Außerdem bietet er sich ihr als Kurschatten an. Von diesem plötzlichen Angebot überrumpelt, schreibt Ellen ihrem geliebten Mann einen Brief, in dem sie »eine leise Andeutung« (AdB: 2) vom Geschehenen macht. Da er aber nicht reagiert, gibt sie dem Drängen Marians nach, und es entwickelt sich eine Freundschaft, »die nur zu leicht einen wärmeren Charakter annimmt, nur auf die passende Gelegenheit wartet, sich in ihrer wahren Gestalt zu zeigen« (AdB: 4). Der Ehemann macht sich nach Erhalt des Briefes auf zu seiner Frau und rettet sie und den Polen vor einer aufgeschreckten Kuh, von der die beiden meinen, es sei ein Stier gewesen. Der Pole flieht aus Angst vor dem vermeintlichen Stier auf einen Baum, kann ihn aber nicht mehr verlassen, weil seine Hose beim raschen Hinaufklettern gerissen ist. Die Humoreske lebt von ihren überzeichneten Charakteren: die reiche und naive Ehefrau, ein Kurschatten polnischer Herkunft, der nur große Reden schwingt, aber Angst vor einer Kuh hat, und der mutige intellektuelle Ehemann, der seine Frau aus dessen Fängen befreit. Die Humoreske Man muss stets die Zukunft bedenken erzählt von dem Assessor Moritz Bürwald und seiner Verlobten Lucie, die bei einem Besuch des ostpreußischen Erbonkels Bürwalds ihre baldige Hochzeit bekannt geben und dafür den Segen des Onkels erbitten wollen, da man »stets an die Zukunft denken« (AdB: 8) müsse. Der Onkel scheint sehr angetan von Lucie zu sein, die ihm nicht als Moritz’ Verlobte, sondern als die Schwester eines Kollegen vorgestellt wird. Der Onkel macht ihr sogar einen Heiratsantrag, den sie zur Überraschung ihres Verlobten mit den gleichen, spöttisch gemeinten Worten, nämlich dass man »stets an die Zukunft denken« (AdB: 8) müsse, annimmt. In Die Liebe als Arzt besucht der zurückhaltende und scheue Arzt Dr. Hans Körner widerwillig eine Tanzveranstaltung. Ein Freund namens Kurt stellt ihm eine junge Frau vor, die 17-jährige Tochter des verstorbenen Landrates mit dem Namen Hermine Thaunert. Beide scheinen sich gut zu verstehen, und am nächsten Tag macht Hans einen Anstandsbesuch im Hause der Witwe Thaunert, deren Familie sehr vermögend ist. Da er fürchtet, als Mitgiftjäger angesehen zu werden, beschließt Hans, auf eine Expedition zu gehen, und die Beziehung zu Hermine zu beenden. Hermine wird aus Liebeskummer krank, und als Hans heimkehrt, erfährt er davon und geht sofort zu ihr, um ihr seine Liebe zu gestehen. Die junge Frau wird wieder gesund und die beiden heiraten, denn, so schließt die banale Erzählung, »die Liebe [sei] der beste Arzt« (AdB: 17). In Der Reinfall möchte der eingebildete und »harmlose« (AdB: 18) reiche Kurgast Camillo Bernhuber das Herz des »reizende[n] Fräuleins von Western« (AdB: 18) gewin- 91 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen nen. Obwohl seine Tante sehr von Camillo schwärmt, möchte das Fräulein von Western den Leutnant von Sonthofen heiraten, der allerdings nicht sehr wohlhabend, dafür aber sehr mutig und heldenhaft ist. Um Camillo von weiterem Werben abzuhalten, beschlie- ßen die beiden, ihn mithilfe eines Tricks zur Abreise aus dem Kurort zu bewegen. Eine Zigeunerin wird beauftragt, dem abergläubischen Camillo vorzumachen, dass Wasser sein Unglück sein solle. Einige Tage später, als Camillo am Teich steht und die Karpfen füttert, stößt das Fräulein ihn ins Wasser. Er allerdings erklärt sich den Vorfall anders: Zunächst habe ihn die Zigeunerin vor dem Wasser gewarnt, dann plötzlich habe er im Wasser das Antlitz des Fräuleins erblickt und habe von irgendwo her einen Stoß erhalten und sei ins Wasser gestürzt. Für ihn bedeutet dies, dass die Beziehung zum Fräulein von Western unter einem schlechten Stern steht. Schließlich reist Camillo ab und das Fräulein und der Leutnant dürfen heiraten, da die Tante nun keine Alternative mehr für ihre Nichte hat. In Die Rache möchte sich »die gefeierte Königin des Münchner Salons« (AdB: 25), die Gräfin Josephine von Palffy, an ihrem Kavalier Leoneck rächen. Dieser hat ihr über längere Zeiten schöne Augen gemacht, jetzt aber, da sich ihr zweiter Kavalier, »der rote Hennersberg« (AdB: 24), zurückgezogen hat, wird sein Verhalten ihr gegenüber »immer kühler« (AdB: 25). Ihre nur um wenige Jahre jüngere Nichte Konstanze von Beringen soll nun ihrerseits Leoneck derartig in Verzückung versetzen, dass er sich an Josephine als Konstanzes einzige Verwandte wenden müsse, um Konstanze den Hof machen zu können. Kurz vor der Hochzeit soll Konstanze Leoneck eine Absage erteilen. Die Geschichte endet sehr vorhersehbar damit, dass sich Konstanze und Leoneck verlieben und heiraten und somit die Rachepläne der Gräfin scheitern. Der Bergführer Hans Girgl Ulmer möchte seinem zukünftigen Schwiegervater in Die Verlobungsgans beweisen, dass er gut mit Geld umgehen kann. Schließlich darf er nur dann seine Verlobte heiraten, wenn er keine Schulden hat. Allerdings hat Hans nicht einmal genug Geld, um für die Verlobungsfeier einen Gänsebraten zu kaufen. Seinem Freund Peter gelingt es, mit einem kleinen Trick und etwas Charme, die geizige Bäuerin Huber dazu zu bewegen, ihm eine Gans für die Verlobungsfeier zu schenken und ihm sogar noch drei Mark dazuzugeben. Peter macht der Bäuerin, die ihrerseits in ihn verliebt ist und ihn heiraten möchte, vor, dass eine ihrer Gänse an der Drehkrankheit leide und er sie gegen einen Geldbetrag entsorgen werde. Schließlich findet die Verlobungsfeier statt und nach der Hochzeit erzählt Hans seinem Schwiegervater die ganze Geschichte, der nun seinerseits der Huberin lachend den entstandenen Schaden erstattet. In Die Kur der Eifersucht möchte Graf Egon seine Frau davon überzeugen, dass er sich, obwohl er früher ein Herzensbrecher gewesen sei, nun gebessert habe und anderen Frauen widerstehen könne. Doch sie glaubt ihm nicht, nachdem sie einen älteren Brief einer ehemaligen Geliebten des Grafen gefunden hat. Aus diesem Grund plant der Graf zusammen mit seinem Freund, dem Baron, eine List, um seine Frau vom Gegenteil zu überzeugen. So soll eine hübsche junge Frau dem Grafen vor den Augen der Gräfin Avancen machen. Der Graf wiederum soll diese entschieden zurückweisen und somit seine Treue unter Beweis stellen. Allerdings kann der Graf dem Mädchen nicht widerstehen und die beiden kommen sich genau in dem Moment näher, als die Ehefrau auftaucht und die beiden in einer kompromittierenden Situation erwischt. 92 Andreas Micheli: Richard Huldschiner In Der Bergführer wird die junge Frieda von ihren Eltern gezwungen, mit ihrem Vetter Egon, der sie in einer Woche an ihrem Urlaubsort im Tiroler Karwendelgebirge besuchen soll, eine Bergtour zu unternehmen. Ihre Eltern erhoffen sich, dass sich die beiden näherkommen und schließlich ein Paar werden. Frieda dagegen möchte sich ihren Ehemann selbst aussuchen, fügt sich aber ihrem Schicksal und bittet ihre Mutter, in der verbleibenden Woche noch einige Wanderungen in den Bergen unternehmen zu dürfen. Die Mutter gewährt ihr den Wunsch unter der Bedingung, dass sie von einem einheimischen Bergführer begleitet wird. Dieser kennt sich sehr gut in den Bergen aus und besitzt, überraschend für einen Mann seines Standes, auch einiges an akademischem Wissen. Als Egon schließlich ankommt und erfährt, dass Frieda bereits eine Woche jeden Tag mit dem einheimischen und nur im Tiroler Dialekt sprechenden Bergführer Sepp verbracht hat, reagiert er eifersüchtig und stellt Sepp zur Rede. Er möchte ihn auszahlen und in Zukunft Frieda allein auf ihren Wanderungen begleiten. Als der Bergführer auch nach mehrmaligem Insistieren das Geld nicht annehmen will, droht Egon, sich über Sepp und seine respektlose Einstellung zu beschweren. Schließlich verkündet Sepp seine wahre Identität. Er sei Baron Josef von Schwarzeneck und habe sich nur als Bergführer ausgegeben, um abseits des gesellschaftlichen Lebens seine große Liebe zu finden. Auch diese Geschichte endet mit der Verlobung der Protagonisten. Der Reserveoffizier Kurt von Treba löst in Verläumdung? seine Verlobung mit Sidonie von Wernsdorf, da im Badeort das Gerücht umgeht, dass sie von Treba mit Leutnant von Schmitt betrogen habe, da Sidonie zweimal bei ihm gesehen worden sei. Es vergeht einige Zeit und von Treba sehnt sich so sehr nach Sidonie, dass er ihr einen Brief schickt, in dem er ihr seine Gefühle schildert. Später taucht Leutnant von Schmitt auf und berichtet von Treba, was im Badeort wirklich vorgefallen sei. Von Schmitt habe Sidonies Bruder, mit dem er befreundet gewesen sei, mehrmals Geld leihen müssen, damit dieser seine Spielschulden habe tilgen können. Schließlich habe der Bruder von Schmitt ein schriftliches Ehrenwort gegeben, dass er mit dem Spielen aufhören werde. Als von Schmitt den Bruder eines Abends betrunken beim Spielen erwischt habe, sei es zu einem Wortgefecht gekommen, bei dem der Bruder seinen Freund in der Gegenwart anderer beleidigt habe, worauf es in diesem Milieu eigentlich zu einem Duell hätte kommen müssen. Wegen seiner Wortbrüchigkeit sei der Bruder Sidonies aber nicht satisfaktionsfähig gewesen. Sidonie habe den Leutnant daraufhin besucht, um ihn zu bitten, das Duell doch stattfinden zu lassen, um den Ruf des Bruders zu wahren. Der Leutnant habe der Bitte Sidonies entsprochen. Das Duell habe stattgefunden, der Leutnant sei nur an der rechten Hand verletzt worden, und im Anschluss daran habe der Bruder aufgrund seiner hohen Schuldenlast dennoch nach Brasilien flüchten müssen. Somit habe die Ehre des Bruders nicht mehr geschützt werden müssen und der Leutnant habe von Treba die Wahrheit berichten können. Die Geschichte endet mit der Hochzeit zwischen von Treba und Sidonie. Doktor Erich Bühler gelingt in der Geschichte mit dem Titel Neue Röntgenstrahlen die Entdeckung der nach ihm benannten Bühlerstrahlen, mit denen es möglich sein soll, »jeden Menschen in seiner natürlichen Beschaffenheit zu sehen« (AdB: 50). In der Nacht träumt Bühler davon, wie er verschiedenste Frauen durchleuchtet und ihre körperlichen Defizite sichtbar macht. Es stellt sich heraus, dass seine Erfindung mehr zeigt, als man gemeinhin über seine Mitmenschen wissen möchte. Am Schluss der Geschichte durch- 93 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen leuchtet er sich selbst im Traum und ihm wird seine »dürftige, knochenschwache, muskelarme Gestalt« (AdB: 53) bewusst, die er auf »Kosten des Geistes« (AdB: 53) vernachlässigt habe. Aufgrund der negativen Erfahrungen im Traum zerstört er am nächsten Tag seine Maschine. In Arbeit beschließt Victor Kollas, ein Modebad zu besuchen, um dort eine reiche Frau kennenzulernen, die ihn finanziell unterstützt, da er innerhalb von vier Jahren beinahe seine gesamte Erbschaft durchgebracht hat. Allerdings verliebt er sich dort in Marie, ein armes Mädchen, »arm wenigstens im Verhältniß zu dem, was er begehrte, für notwendig hielt, um ›einigermaßen anständig‹ zu leben« (AdB: 54). Als Marie von ihm verlangt, dass er sich eine Arbeit suchen soll, spielt Victor mit dem Gedanken, wegen dieser Aufforderung die Verlobung aufzulösen, da er es nicht mehr gewohnt gewesen ist zu arbeiten. Marie bietet Victor an, ein »großes, aber sehr zurückgekommenes Gut in Ungarn« (AdB: 56) zu übernehmen, das angeblich einer Freundin gehöre. Nach einem Jahr der harten Arbeit findet die Hochzeit statt, bei der sich herausstellt, dass Marie die Besitzerin des Gutes ist. Sie habe mit dieser Irreführung den Ehrgeiz Victors anstacheln wollen und stellt am Schluss fest: »[…] was der Müßiggang an dir verdorben, das hat die Arbeit geheilt« (AdB: 56). In Die Krankenschwester bedauert der Ministerialrat Dr. Theuner, dass er zu sehr auf seine Karriere geachtet habe und nun, da er sich von einer schweren Lungenentzündung erholen müsse, allein sei. Sein Arzt weist ihm eine neue Pflegerin zu, die sich als dessen ehemalige Geliebte Elfriede herausstellt. Einst habe Dr. Theuner Elfriede, um die Karriereleiter schneller emporzusteigen, wegen der Tochter des Regierungspräsidenten verlassen, was er aber zeit seines Lebens und noch viel mehr seit dem Tod seiner Frau sehr bedauert habe. Da auch Elfriede ähnliche Gefühle für Dr. Theuner hegt, kommen die beiden zusammen und heiraten am Schluss der Geschichte. In Talmi343 verlieben sich ein angeblicher Baron und eine angebliche Baronin während eines Kuraufenthaltes ineinander. Da sie ehrlich zueinander sein wollen, erzählen sie sich, warum sie sich als Adelige ausgegeben haben. Der talmine Baron habe zuvor in einem Buchgeschäft gearbeitet, in welches häufig Offiziere und Gutsbesitzer gekommen seien. Als er eine größere Erbschaft gemacht habe, habe er beschlossen, sich als Baron auszugeben, um auch einmal zu erleben, wie sich denn ein Adeliger fühle. Die talmine Baronin wiederum hat Ähnliches erlebt. Sie sei als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft tätig gewesen, in welchem häufig adelige Damen eingekauft hätten. Da sie einen größeren Betrag in der Lotterie gewonnen habe, habe auch sie den Entschluss gefasst, sich als Baronin auszugeben. Die beiden verzeihen sich gegenseitig ihre Täuschung, sodass einer Beziehung nichts mehr im Wege steht. In Die Wissenschaft über Alles berichtet die naive Valeria ihrer Freundin, dass sie sich neuerdings mit der Wissenschaft, genauer mit Hypnose, beschäftige, da sie der Ansicht sei, dass Frauen »im Stande [seien sollten], dem Manne auch auf geistigem Gebiet zu folgen, gleich ihm Großes, Erhabenes auf demselben zu leisten« (AdB: 64). So habe Doktor Kern den Leutnant von Bodmer, Sohn des Kurkommisars, mit Hypnose dazu gebracht, dass er zu Valerias Haus gegangen sei, um sie zu küssen und ihr einen Heirats- 343 Unter Talmi versteht man Falschgold; das daraus abgeleitete Adjektiv talmin bedeutet so viel wie unecht bzw. gefälscht. 94 Andreas Micheli: Richard Huldschiner antrag zu machen. Allerdings stellt sich am Ende der Geschichte als Pointe heraus, dass der Leutnant und der Doktor die Hypnose nur inszeniert hatten, da sich der Leutnant sonst nie getraut hätte, Valeria einen Heiratsantrag zu machen. Zwei Studenten geben in Der Strassenraub vor, dass sie ausgeraubt worden seien und somit kein Geld mehr für die Bezahlung des Hotelzimmers übrig gehabt hätten. Sie erzählen dem Badekommisär von dem Vorfall. Um den Ruf des Badeortes besorgt, erstattet er den Studenten den angeblich gestohlenen Geldbetrag zurück. Als sie wieder zu Hause sind, schicken sie dem Badekommisär das Geld zusammen mit einer Entschuldigung zurück. Dieser wiederum zeigt sich sehr gutmütig und verständnisvoll und erinnert sich an seine eigene Studentenzeit. Josephine, eine schöne polnische Witwe, wettet in Geangelt mit ihrer Freundin Peppi, dass sie es schaffe, dass sich der schüchterne Privatdozent Dr. phil Fritz Werner in sie verlieben werde. Der Mann angelt am Flussufer, da ihm sein Arzt eine solche Betätigung verordnet hat, um seine Nerven zu beruhigen. Josefine bittet ihn, ihr Angelunterricht zu erteilen, doch Fritz, ein verkopfter Gelehrter, erkennt nicht, dass die Bitte eine Avance ihrerseits darstellt. Vielmehr ist er der Meinung, dass sie nur mit ihm spiele und keine wahren Gefühle für ihn hege. Es vergehen einige Tage, an denen die beiden nebeneinander sitzend angeln, und Josephine empfindet bald eine gewisse Zuneigung für Fritz. Schließlich gesteht sie ihm ihre Liebe, die er mit einem Kuss erwidert. Am Abend wird in der Badegesellschaft die Verlobung gefeiert und scherzhaft diskutiert, ob »sie ihn geangelt [habe] oder er sie« (AdB: 76). In Die Haushälterin möchte Fanny von Bernstorff während ihres Badeaufenthaltes ihrem Vetter Fritz einen Streich spielen, indem sie sich als seine neue Haushälterin ausgibt. Fritz hat zeit seines Lebens seine Haushälterinnen nicht gut behandelt, was auch der Hauptgrund für den Streich seiner Cousine ist, nämlich bei ihm eine Verhaltensänderung den Haushälterinnen gegenüber zu erreichen. Es vergehen einige Tage, während deren Fanny alles Mögliche unternimmt, um entlassen zu werden wie alle anderen Haushälterinnen zuvor. Doch Fritz geht nicht darauf ein und macht ihr, nachdem sie durch Zufall enttarnt worden ist, schließlich einen Heiratsantrag, den Fanny gerne annimmt. In Ein Heiratsgesuch verliebt sich Herr Benthien in die Creolin Adele, die im selben Kurhaus wohnt wie er. Diese wiederum sucht für ihre Hündin, eine Seidenpinscherin namens Nelly, einen »in jeder Beziehung geeigneten Gatten« (AdB: 84). Benthien möchte Adele unbedingt kennenlernen und so kauft er sich ebenfalls einen Seidenpinscher, um mithilfe des Hundes mit ihr in Kontakt zu treten. Adele würde Benthiens Hund gern für ihre Hündin als Gatten erwerben, doch er lehnt die Bitte ab und möchte den Hund stattdessen nur für einige Tage verleihen. Adele missfällt das Angebot, da sie für ihre Hündin einen Gatten sucht, von dem sie sich niemals trennen muss. Benthien wiederum spielt den Beleidigten und meint, dass sie den Hund nur bekomme, wenn sie Benthien heirate. Einige Tage später trifft er Adele erneut und erzählt ihr, dass er seinen Hund jemandem schenken möchte, da er bald auf eine lange Reise gehe. Adele, die Gefühle für Benthien hegt, bedauert seine baldige Abreise sehr und weint. Nun ist sich Benthien sicher, dass sie ihn auch ohne Hund liebt, und macht ihr einen Heiratsantrag, den Adele annimmt. Außerdem gesteht er ihr, dass sie diejenige gewesen sei, der er seinen Hund habe schenken wollen. 95 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen In Die Busspredigt bittet die bayerische Bäuerin Cenz den Wanderprediger Pater Aloysius, ihrem Ehemann, dem armen, aber braven Kräuter sepp, ins Gewissen zu reden. Thema der Predigt sollen, so der Wunsch der Ehefrau, die Folgen der Trunksucht sein. Da der Kräutersepp keine Lust hat, der Predigt zu lauschen, bittet er einen Bekannten, den geizigen und schmutzigen Kugelhofsepp, an seiner statt zum Pater zu gehen. Der Pater steigert sich derartig in die Busspredigt hinein, dass der Kugelhofsepp ängstlich flieht. Als der Pater erfährt, dass er den falschen Sünder abgekanzelt hat, verlässt er zornig das Dorf, während Cenz seither nie wieder versucht hat, »ihrem guten Sepp den Genuß einer privaten Bußpredigt zu verschaffen« (AdB: 92). Die letzte Geschichte des Erzählbandes trägt den Titel Ein kühner Sprung. In dieser missfällt es Oberst von Albedyll, dass der Dragoneroffizier Scheve in denselben Badeort gereist ist wie er und seine Familie, nur um seiner Tochter Lucy den Hof zu machen. Der Grund für sein Missfallen ist, dass Scheve wissenschaftlich hochgebildet ist, was der Oberst als unnötig für einen Soldaten ansieht. Dieser wiederum hätte gerne seinen Mut unter Beweis gestellt, aber »keiner von den Potentaten Europas wollte so freundlich sein, deswegen einen Krieg anzufangen« (AdB: 92). Scheve erhält von Lucys Mutter die Erlaubnis, die Familie auf einen Spaziergang zu begleiten. Scheve macht Lucy einen Heiratsantrag, indem er sich vor sie hinkniet. Er übersieht allerdings einen Haufen Kuhdung, der sein rechtes Hosenbein verschmutzt. Da er so seinem zukünftigen Schwiegervater nicht gegenübertreten will, beschließt Scheve, ein paar Blumen zu pflücken, um Zeit zu gewinnen und sich einen Plan zu überlegen. Plötzlich kommt ein Sturm auf, der den Hut Lucys in den Tegernsee weht. Als tapferer Soldat zögert Scheve nicht und springt hinein in den See, um den Hut herauszufischen. Der Oberst ist sehr beeindruckt von der Tat und stimmt der Hochzeit schließlich zu. Zwar hatte Huldschiner bisher mindestens zwei kurze und humorvolle, teilweise auch sehr satirische Arbeiten verfasst, doch war der Erzählband die erste Veröffentlichung, die nur derartige Texte enthielt. Das große die Geschichten verbindende Thema Kuraufenthalt hat Huldschiner in allen Geschichten zwar konsequent durchgezogen, doch wirkt es bei manchen Geschichten zu bemüht und teilweise aufgesetzt. Mittels einer satirischen Überzeichnung der Handlung und der Figuren versucht er, den Geschichten ein gewisses Maß an Tiefe zu verleihen, was ihm aber nur teilweise gelingt. Einerseits mag es die Absicht des Autors gewesen sein, unterhaltsame Geschichtchen über Liebe, Hochzeit, Eifersucht und Herzschmerz zu verfassen, andererseits könnte er damit auch Kritik an der Oberflächlichkeit der deutschen Hautevolee üben wollen, die in vielen der im Sammelband enthaltenen Erzählungen sehr darauf bedacht ist, unter sich zu bleiben und Standesgrenzen nicht zu überschreiten. Warum er den Erzählband unter einem Pseudonym veröffentlichte, kann nur vermutet werden. Vielleicht wollte er seine Patienten, die ihn unter Umständen zu einigen der Geschichten inspiriert hatten, nicht brüskieren oder aber er schämte sich ob des trivialen Inhaltes und der banalen und stereotypen Figuren seines Werkes. Allerdings könnte es sich aber auch einfach nur um eine Auftragsarbeit für den Verlag M. Hartungen gehandelt haben. 96 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 6.12 Arme Schlucker (Novellensammlung) Die Novellensammlung Arme Schlucker erschien ebenfalls 1905 und enthielt neben den bereits publizierten kurzen Novellen Napolon! und In hellen Sommernächten … fünf weitere Texte, die bis dahin, soweit bekannt, noch nicht publiziert worden waren. Nach Die stille Stadt war Arme Schlucker das zweite Buch Huldschiners im Fleischel Verlag. Die Novelle Die heilige Kummernus ist mit beinahe 100 Seiten die längste des Bandes. Sie ist in fünf Abschnitte bzw. Kapitel gegliedert und spielt in Bozen. Erneut gibt es einige Textpassagen im Tiroler Dialekt (vgl. DhK: 53). Ebenso werden verschiedene Tiroler Weisen gesungen (vgl. z. B. DhK: 47) und immer wieder werden Straßen, Plätze und Gewässer erwähnt, die zweifelsfrei in Bozen zu lokalisieren344 sind. Die Novelle erzählt von einer jungen Näherin namens Pepi Haußmann, die in ärmlichen Verhältnissen zusammen mit ihrer Mutter lebt und wegen ihrer Schönheit, deren sie sich nicht bewusst ist, von vielen Männern, vor allem vom Obsthändler Alois Pernwerth, begehrt wird. Den Rahmen der Novelle bildet die Legende der Heiligen Kummernus, die von Huldschiner leicht angepasst worden ist. So ist diese in der Novelle eine gottesfürchtige Magd und nicht wie in einer der Überlieferungen eine Königstochter.345 Sie arbeitet für einen gottlosen Bauern und wird eines Tages von einem lüsternen Bauernsohn verfolgt. Sie flieht in eine Kirche, in der sie zur Mutter Gottes betet, die ihr daraufhin einen Bart wachsen lässt, der sie dermaßen verunstaltet, dass sie von da an von den Männern gemieden wird. Die Leute halten die Magd für eine böse Zauberin und ihr wird der Prozess gemacht. Der Richter möchte den Grund für ihre Verwandlung erfahren. Sie erzählt ihm, dass sie darum gebetet habe, dass ihr alle Schönheit genommen werde. Durch das Gebet zur Mutter Gottes sei ihr dieser Wunsch erfüllt worden. Schließlich wird sie gekreuzigt, predigt allerdings noch vom Kreuz herab und bekehrt auf diesem Weg viele Leute zum Christentum. Die Legende wird der jungen Frau zu Beginn der Novelle erzählt, während sie zusammen mit anderen Näherinnen an einem Hochzeitskleid arbeitet. Die Erzählung wühlt Pepi dermaßen auf, dass sie immer wieder daran denken muss. Pepi befindet sich in einem inneren Zwiespalt. Auf der einen Seite möchte sie ein gottesfürchtiges und keusches Leben führen, auf der anderen Seite träumt sie immer wieder von der großen Liebe: »Und sie schloß für einen Moment die Augen. Da war ihr, als ob eine feste, warme Hand die ihre umschlösse …« (DhK: 52). Ihre Mutter ist der Ansicht, dass sie fürs Heiraten zu arm sei. Ihr Onkel Anton, selbst Junggeselle, möchte sie dagegen verkuppeln. Pepi trifft immer wieder auf Pernwerth, den sie seit ihren Kindertagen kennt und den sie immer verabscheut hat. Pernwerth selbst ist verheiratet, soll aber seine Ehefrau, die unzufrieden und geizig sei, betrügen. Bei einem Spaziergang346 durch die Stadt kommen sich die beiden näher. Pepi fühlt durch das Zusammensein mit Pernwerth zum ersten Mal in ihrem Leben eine gewisse Freiheit: 344 Vgl. z. B. die Erwähnung der Talferbrücke (DhK: 55). 345 Vgl. Schäfer 2015. 346 Huldschiner gibt, wie in seinen anderen Bozner Erzählungen auch, genaue Beschreibungen der Stadt und der Landschaft, ohne aber den Stadtnamen zu nennen (z. B. vgl. DhK: 58). 97 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Sie war in ein frohes Wunderland entrückt, in dem es keinen Schmerz und keine Unlust mehr gab. […] Warum an die Wirklichkeit denken, an das Gerede der Menschen, an die strenge Zucht der Mutter? An ein Erwachen im öden Grau des Alltagsdaseins? (DhK: 62) Pernwerth, der nicht zu Unrecht als Schürzenjäger verschrien ist, empfindet ebenfalls tiefere Gefühle für Pepi: [Er] gab sich dem Zauber des Augenblicks und dem nie gefühlten Reiz des Glaubens an die menschliche Unschuld hin, und nahm sich vor, ihr Vertrauen nicht Lügen zu strafen. (DhK: 62) Pepi möchte ihr Gewissen erleichtern und betet in der Kirche zur Mutter Gottes, der sie für die Liebe zu Pernwerth dankt, während er im Wirtshaus mit einer Kellnerin schäkert und schließlich auf dem Heimweg von einem Unbekannten mit einem Messer angegriffen und verletzt wird. Es vergehen mehrere Tage, während deren Pepi sich sehr um Pernwerth sorgt und auf eine Nachricht von ihm wartet. Von ihrer Mutter erfährt sie schließlich den Grund für den Angriff auf Pernwerth. Er sei aus Eifersucht vom Verlobten der Kellnerin angegriffen worden und habe die Stadt bereits verlassen, um sich im Bad zu erholen. Da in der Stadt sehr viel geklatscht wird, hat sich auch die kurze Beziehung zwischen Pepi und Pernwerth herumgesprochen und Pepi leidet sehr unter dem Getratsche ihrer Freundinnen und Arbeitskolleginnen. Das fünfte Kapitel der Novelle beginnt mit einem Tagtraum Pepis, der in gewisser Weise autobiografisch zu lesen ist: Wenn ein Mensch, der fern von der Heimat in der Verbannung sich müht, in einem schönen Traume die Seinen wiedersah, die Türme der Vaterstadt und den Strom, an dessen Ufern er seine Kinderspiele gespielt, dann ist sein Erwachen bitter und seine Verzweiflung grenzenlos. (DhK: 110) Spricht Huldschiner hier selbst seine eigenen Gefühle bezüglich seiner Heimatstadt Bozen aus? Die Vermutung liegt bei genauerer Betrachtung seiner Biografie und der zahlreichen Anspielungen auf seine glückliche Kindheit in Bozen in seinen anderen Werken durchaus nahe. Am Schluss der Novelle wird die Legende der Heiligen Kummernus noch einmal aufgegriffen. Dieses Mal jedoch reagiert Pepi nicht bewegt, sondern zornig. Sie hat ihren Glauben an das göttliche Wunder der Liebe verloren: Hatte ihre Seele nicht so gewaltig um den Geliebten gekämpft, daß er der Ihre werden mußte, wenn es Wunder gab. […] Nun war er fern […] und sie, sie hing am Kreuze. Aber sie predigte nicht, nein sie predigte nicht. Ihre Seele war finster und klagte an, und Empörung war in ihr. (DhK: 116) Wie zuvor in Die stille Stadt kritisiert Huldschiner mittels seiner Figuren die volkstümliche Religiosität, die seine Protagonistin nach den negativen Erlebnissen, die ihr wider- 98 Andreas Micheli: Richard Huldschiner fahren sind, abgelegt hat. Für ihn wie für seine Figur haben die Heiligenlegenden wenig mit dem realen Leben zu tun, da sie nur »heiße Anklagen und menschliches Leid« (DhK: 117) enthalten würden, Dinge also, »die nichts gemein haben dürfen mit dem Leben der Erdenkinder« (DhK: 117). Ähnlich wie in Einsamkeit zeichnet sich Huldschiners Bozen durch seine teilweise sehr klatschsüchtigen Mitbürger aus. So entzieht sich Pepi immer wieder dem Stadtklatsch, indem sie in ihre eigene Welt und in ihre Träume flieht. Vermutlich hatte Huldschiner per se eine Abneigung gegen das Geschwätz der Leute und wollte so seine negativen Erfahrungen verarbeiten. Dies könnte die beinahe schon stereotype Verquickung zwischen seinen Bozner Stadtbewohnern und dem hier zum zweiten Mal vorkommenden Motiv des Stadtklatsches erklären. Die im Literarischen Echo erschienene Besprechung von Anselma Heine sieht Huldschiners Versuch, die Legende der Heiligen Kummernus mit dem Schicksal seiner Protagonistin zu verknüpfen, als weniger gelungen an: Im Übrigen ist die Parallele etwas mühsam durchgeführt, auch als Gegensatz gezwungen. Die Legende soll wohl nur der leidvollen Stimmung als Hilfequelle dienen, die dunkel und seufzend die Erzählung durchströmt.347 Ähnliches stellt der Rezensent Karl Lorenz über die Novelle fest. Sie sei weniger gelungen als die anderen Geschichten im Novellenband: »Der Stoff ist ein schon hundertfach erzählter und bleibt nicht frei von sentimentalem Beigeschmack.«348 Allerdings sei es Huldschiner gelungen, den Figuren, insbesondere der Protagonistin, charakterliche Tiefe zu geben. Die zweite Novelle trägt den Titel Die Wallfahrt und behandelt nicht das kleinstädtische Milieu, sondern nimmt sich, Bezug nehmend auf den programmatischen Titel des Novellenbandes, der armen »bäuerlichen« Schlucker an. Zu Beginn schildert der Erzähler die letzten Stunden des 47-jährigen Riedleiterbauern, der im Sterben liegt. Am Sterbebett sitzend, befürchtet sein Stiefbruder, der Telserbauer, dass der Riedleiterbauer stirbt, bevor ein ordentliches Testament aufgesetzt werden kann, welches ihn als Hauptbegünstigten vorsieht. Kurz überlegt er, das Testament zu fälschen, verwirft aber den Plan und beschließt, auf Wallfahrt nach Mariaschnee zu gehen. Von dort nimmt er ein angebliches Wundermittel mit nach Hause. In einem Exkurs führt der Erzähler aus, welche drei Arten des Wallfahrtens es seiner Ansicht nach gebe. Der erste Typ unternehme eine Wallfahrt nicht aus innerer Überzeugung, sondern aus traditionellen Gründen, weil es der Brauch so vorsehe. Den zweiten Typ würden die Phlegmatiker bilden, die, wie der Erzähler ironisch bemerkt, »nur durch ihre große Zahl auf den lieben Gott wirken« (DWa: 130) würden. Die dritte Art von Wallfahrern seien jene, die »wirklich interessiert« (DWa: 130) seien, wobei sie entweder glücklich seien und sich dafür bedanken möchten oder aber unglücklich und um Hilfe bitten müssten. 347 Heine 1905, S. 68. 348 Lorenz 1907, S. 18. 99 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Der Telserbauer kann demgemäß dem dritten Typ in der Variante des Unglücklichen zugeordnet werden, wobei er selbst auf seiner Wallfahrt nur darum bittet, dass sein Stiefbruder noch so lange am Leben bleiben möge, bis die Erbschaft geklärt sei. Als er mit einem Wundermittel von seiner Wallfahrt heimkehrt, ist der Riedleiterbauer bereits verstorben und der Tels erbauer ist darüber sehr zornig, da er nun nicht an die Besitztümer seines Stiefbruders gelangt. Daher zündet er nach dem Begräbnis im Stall des Riedleiterbauern ein Feuer an in der Absicht, einen Brand zu legen, der sich schnell auszubreiten droht. Schließlich macht er aber einen Rückzieher und löscht das auflodernde Feuer, indem er es mit seinem Körper zu ersticken versucht. Als ihm das gelingt, verlässt er den Hof seines Stiefbruders in Richtung seines eigenen Hauses, wobei er aber, von Neid und Habsucht zerfressen, »nimmer froh werden […] und nimmer lachen« (DWa: 141) kann. In der Figur des Telserbauern findet sich der in Huldschiners Bauernromanen und -erzählungen allgegenwärtige Typ des bigotten und egoistischen Bauern, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und die Religion nur in schlechten Zeiten, und dann auch nur aus Opportunismus, »konsumiert«. Karl Hans Strobl vergleicht die Bauern in Roseggers (»Originale, Spintisierer und Debattierer, die Schrullenhaften und Absonderlichen«349) und Anzengrubers (»elementare Triebe, derbkräftiges Wollen und urwüchsige Heiterkeit«350) Werken mit denen in Huldschiners Geschichten und stellt hierzu fest: Huldschiner aber hat in ihnen das Dämonische aller Naturen aufgedeckt, er zeigt in ihnen die allerprimitivste Ethik aus menschlichen Urzeiten. Diese Ethik, deren Um und Auf das Ich ist.351 So habe kaum ein anderer Schriftsteller »das Tierhafte im Bauern so schreckhaft gezeichnet […] wie Huldschiner«352. Und weiter: »Es sind vielleicht Übertreibungen dabei, aber auch viel unnachsichtliche Wahrheit.«353 Die Kritikerin Anselma Heine nennt die Novelle »eine realistisch getönte Skizze«354, die geprägt sei von »Bauerngeiz, Tod, Habsucht und Enttäuschung«. Allerdings werde der Leser ein wenig enttäuscht, da er, so die Rezensentin, »in Komposition oder Schilderung Stärkeres«355 erwarten würde. In der Novelle Das jüngste Gericht spinnt sich der rote Faden der Anthologie weiter. Erneut handeln Huldschiners Figuren im bäuerlichen Milieu und erneut kritisiert der Autor durch die schwarz-weiße Überzeichnung seiner Figuren deren religiösen Wahn bzw. deren Aberglauben. 349 Strobl 1910b, S. 547. 350 Ebd. 351 Ebd. 352 Ebd. 353 Ebd. 354 Heine 1905, S. 68. 355 Ebd. 100 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Der Text spielt in Fodom, genauer im Dorf Araba356. Er beginnt mit einer ausführlichen Naturbeschreibung, welche die nervöse Stimmung unter den Bewohnern des Dorfes widerspiegelt, nachdem der Dorfwirt Antonio Siorpaës plötzlich verstorben ist, wobei sich später herausstellt, dass er nur bewusstlos ist. Es war ein schwüler Sommerabend, und hinter dem Pordoi stiegen gelbe Gewitterwolken auf, die sich langsam ausbreiteten und schon den halben Himmel verschlungen hatten. (DjG: 145) Einige Bewohner erhoffen sich durch das Ableben des Wirtes einen Vorteil, so zum Beispiel Branadura, der bereits seit zehn Jahren mit der nunmehrigen Witwe Barbara Siorpaës eine Affäre hat und sie sobald wie möglich heiraten möchte. Der Mesner des Dorfes, Constantino Bernardi, wird ebenfalls ans Totenbett gerufen, um den Verstorbenen für die Beerdigung zu rasieren. Die handelnden Figuren sind durch und durch negativ gezeichnet: Branadura, der mit der Hochzeit nicht einmal so lange warten will, bis das Begräbnis stattfindet, Barbara, die ihren Gatten jahrelang betrogen hat, Bernardis Frau Marietta, die sich am Tod ihrer Mitmenschen erfreut, denn »[j]eder Tod war für sie ein neuer Beweis, daß sie selber noch lange, lange nicht zu sterben hatte« (DjG: 152), und schließlich der Mesner Bernardi, der nach dem plötzlichen Erwachen des Wirtes meint, der Heiland zu sein. Bernardi führt während der Rasur ein Selbstgespräch, in dem er mutmaßt, dass Branadura und Barbara Mitschuld am Tod des Wirtes hätten. Außerdem sei der Wirt ebenfalls kein Unschuldiger gewesen, da er mitverantwortlich für den Tod seiner ehemaligen jungen Geliebten Carlina gewesen sein soll. Ähnlich wie in Fegefeuer thematisiert Huldschiner auch hier die Jenseitsgläubigkeit der Tiroler Landbevölkerung. So bemerkt Bernardi stellvertretend für alle Figuren in der Novelle: Du [der Wirt] bist noch keiner von den größten Sündern. Wir sind alle Sünder – alle – ich selber schlage an meine Brust; aber ich habe nicht wissentlich gefehlt, ich nicht. (DjG: 154) Bernardi kniet nieder und leistet betend Abbitte in der Hoffnung, trotz seiner Sünden ins Himmelreich zu gelangen, zumal der Wirt »ein Gottloser war und dennoch vielleicht eingeht in das Paradies« (DjG: 155). Während der Rasur macht der Wirt plötzlich ein gurgelndes Geräusch und erwacht und Bernardi stürmt schreiend aus dem Zimmer im Glauben, dass er ei- 356 Huldschiner schreibt den Ort mit einem b. Arabba ist heute eine Fraktion der Gemeinde Fodom (Buchenstein). Abb . 10: Arme Schlucker (1905) . 101 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen nen Toten aufgeweckt habe: »Ich erwecke die Toten – ich bin der Herr – betet mich an – ich bin der Herr« (DjG: 157). Die Stimmung im Dorf heizt sich nach Bekanntwerden des Vorfalls stetig auf. Zugleich schlägt auch das Wetter um. Bernardi ruft die Dorfb ewohner in der Kirche zusammen, um das Jüngste Gericht abzuhalten. Das Volk befindet sich, ähnlich wie Bernardi, in einem religiösen Trancezustand, infolgedessen viele Leute dem angeblichen Heiland Bernardi ihre Sünden beichten. So gesteht Barbara öffentlich, dass sie ihren Mann jahrelang betrogen habe. Weitere dunkle Geheimnisse wie Mord und Prostitution gelangen so ans Tageslicht. Schließlich mündet die Selbstkasteiung der Dorfbewohner in eine Orgie, auf deren Höhepunkt Bernardi die Hostien verschlingt. Branadura wird von Bernardi für den Teufel in Gestalt eines Werwolfs gehalten und das Volk jagt Branadura, aufgewiegelt von Bernardi, durch das Dorf. Huldschiners Erzähler beschreibt die groteske Situation folgendermaßen: Im Augenblick hatten sie die Fahnen ergriffen und liefen durch die Kirche, voraus Bernardi selbst mit blutenden Händen und Knieen. Die Weiber warfen sich auf den Boden und boten ihre Glieder den zermalmenden Füßen dar. […] Ihm [Branadura] nach stürmte die losgelassene Meute, die Schar der Verzückten, über den Kirchhügel hinab, an den dunklen Häusern vorbei, über Zäune und glucksende Rinnsale, durch den lauen Treibhausdunst der Gewitternacht. (DjG: 169 f.) Branadura scheint tatsächlich zu glauben, dass er ein Werwolf sei, und läuft auf allen Vieren durch den Wald, bis er von seinen Verfolgern gestellt und zerfleischt wird. Die Novelle endet mit dem einsetzenden Gewitterregen und dem plötzlichen Tod Bernardis: »Seine Augen verdrehten sich, er wankte und stürzte, wild um sich greifend, für immer zusammen« (DjG: 172). Was aber beabsichtigte Huldschiner mit einer solch brutalen und extremen Darstellung des Tiroler Bauerntums, das, gefangen im Aberglauben, einen Hexensabbat feiert? Wollte er den damals sehr populären und positiv verklärenden literarischen Bauerndarstellungen einen dunklen Kontrapunkt gegenüberstellen? War die Novelle als eine Art Abrechnung mit den konservativen Bewohnern seiner Wahlheimat Tirol und ihren altmodischen Traditionen und Bräuchen gedacht? Riedmann jedenfalls erkennt in Huldschiners Darstellung des Tiroler Bauern dessen Angst vor dem Übernatürlichen wieder, die ihm die »allerprimitivste Ethik«357 einpflanze. Karl Hans Strobl wiederum zieht den naheliegenden Vergleich mit Die stille Stadt.358 Am Schluss der Novelle wird Branadura von der Menge als Antichrist zerfleischt, ähnlich wie Sebenhofer, der in Die stille Stadt einem Mönch ins Gesicht gespuckt hat und in der Folge von der wütenden Menge bedroht und schließlich erstochen wird. So sei Das jüngste Gericht nach Strobl 357 Riedmann 1991, S. 172. 358 Vgl. Strobl 1910b, S. 548. 102 Andreas Micheli: Richard Huldschiner der Höhepunkt dieser Seite von Huldschiners Schaffen, ein Wirbel, ein Kessel, ein einziger Aufschrei des Entsetzens, ein Schauspiel der Hölle von grausamer, kühner, unerhörter Phantasie, dem sich wenig Ähnliches zur Seite stellen lässt.359 Ebenso begeistert äußerte sich Anselma Heine in ihrer Rezension für das Literarische Echo über die Novelle. So würde man meinen, »Radierungen von Goya zu sehen, wenn man von den gespenstischen Verrenkungen der armen Betörten«360 lese. Auch erinnere die »Schilderung in ihren abgebrochenen lapidaren Linien«361 ebenfalls an Goyas Werke. Zudem stelle der Text einen Gegensatz zu In hellen Sommernächten … dar, insbesondere aufgrund des Schlusses der Novelle, »ein glühendes Satanal, das seltsam absticht gegen die sanfte Dämmerungsstimmung«362 der ersten Novelle. Der ehemalige Leiter des Forschungsinstituts Brenner-Archiv an der Universität Innsbruck, Walter Methlagl, erachtet die Novelle in seinem Referat über Richard Huldschiner als gelungen: Sie mache »die Fähigkeit dieses Autors« sichtbar, hinter der apokalyptischen Tonart einer makabren Dorferzählung einen psychischen Mechanismus zur Geltung zu bringen, von der alle Beteiligten erfaßt sind: Folge von Aberglauben und religiösem Trauma.363 Das Motiv des Jüngsten Gerichts zieht sich auch durch einige andere Erzählungen und Romane Huldschiners. Beispiele sind spätere Texte wie Die Heuschrecken, Der Prophet, Die Kartause zu Allerengelsberg und Der Antichrist bzw. die Romane Starkenberg und Der Tod der Götter. In Das jüngste Gericht ist es der menschliche Wahnsinn, der, ausgelöst durch Aberglauben, eine Gesellschaft in ihren Urfesten erschüttert, sogar zerstört. Ähnliches passiert in Der Antichrist, wo es, ausgelöst durch einen Mord, zum Erscheinen des Antichrist kommt. Apokalyptische Ereignisse beschreibt Huldschiner auch in Die Heuschrecken und Der Prophet, und zwar in Form von Heuschreckenplagen bzw. dem Einfall eines unbekannten Reitervolkes. In Starkenberg bzw. Die Kartause zu Allerengelsberg ist es die Pest, welche die Welt ihrer Figuren zerstört, während in Der Tod der Götter das Christentum zum Untergang der römisch-griechischen Kultur beiträgt. Die Novelle Das Ende der Liebe erzählt von der unglücklichen Liebe zwischen dem Duregger-Martel und der Moidl, deren Väter wegen eines Streits um die Wasserrechte verfeindet sind. Bis hierher erinnert die Novelle stark an Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe, was auch Karl Lorenz in seiner Besprechung der Novelle festgestellt hat.364 Die beiden Liebenden müssen sich seit vielen Jahren heimlich treffen, da ihre Väter gegen die Beziehung sind. Um seine Aggressionen abzubauen, sucht Martel ständig Streit, prügelt sich mit einem Gendarmen und muss deswegen für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung will er bei Moidls Vater um ihre Hand anhalten. Als ihr Vater die Bitte ablehnt, bringt ihn Martel im Affekt um. Er flieht in die Berge, um 359 Ebd. 360 Heine 1905, S. 69. 361 Ebd. 362 Ebd. 363 Methlagl 20.11.1990. 364 Vgl. Lorenz 1907, S. 18. 103 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen von dort nach Italien zu gelangen und nach Amerika zu entkommen. Doch die Schuldgefühle übermannen ihn und er beschließt, sich umzubringen, indem er sich in eine Sennhütte einsperrt und sie anzündet. Doch der Selbstmord misslingt. Schließlich wird er von ein paar Sennern entdeckt und nach Kastelruth, wo die kurze Novelle handelt, zurückgebracht. Die in sieben kurze Kapitel gegliederte Novelle Der Schafhirt handelt ebenfalls im Schlerngebiet. Der Protagonist ist ein Schafhirt namens Seppl, der wegen Mordes gesucht wird. In einem Rückblick erfährt der Leser, wie es dazu gekommen ist. Der in Bezug auf Frauen sehr schüchterne und unerfahrene Seppl verliebt sich in Rosa, die Frau des Mahlknechtbauern, für den er alljährlich im Sommer die Schafe hütet. Heimlich stellt er Rosa nach und beobachtet sie lüstern. Allerdings erwidert sie seine Gefühle nicht und lacht ihn stattdessen sogar aus. Enttäuscht vom weiblichen Geschlecht, zieht er sich in die Berge zurück, genauer auf das Mahlknechtjoch, welches eine junge Frau aus Fassa auf dem Heimweg überquert. Die Novelle endet mit dem Mord an der jungen Fassanerin. Arme Schlucker kann wegen seiner thematischen Hauptausrichtung auf das Tiroler Bauerntum inhaltlich als eine Fortsetzung von Fegefeuer und als eine Vorausschau auf den noch düstereren Bauernroman Die Nachtmahr angesehen werden. 6.13 Das Schwert des Juda Makkabi (Erzählung) Das Jahr 1905 war für Huldschiner in Bezug auf sein literarisches Schaffen erneut sehr ertragreich. Neben mehreren Rezensionen für das Literarische Echo können ein Erzählband, eine Novellensammlung und mindestens zwei Erzählungen belegt werden. Au- ßerdem war Huldschiner nun auch in der zionistischen Bewegung aktiv. Im Dezember 1905 veröffentlichte die Kulturzeitschrift Ost und West, thematisch zur Jahreszeit passend, die kurze Erzählung Das Schwert des Juda Makkabi. Ein Jahr später wurde der Text ins Englische übersetzt und in der Chanukka-Ausgabe des The Maccabaean365 veröffentlicht. An Chanukka wird der Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand (164 v. Chr.) gedacht. Die Handlung setzt außerhalb einer Stadt, wahrscheinlich Jerusalem, in einem Flüchtlingslager in der Wüste ein. Die Flüchtlinge blicken in Richtung des »Lager[s] der Feinde«, wo »auf einem Altar […] sich das Bild des Gottes Milkom, des Verwüstenden, sieben Mann hoch, mit feurigen Augen und Nüstern« (DJM: 795) erhebt. Ein alter Mann namens Eleasar betrauert in einem Gebet die missliche Lage der Juden und bittet Gott um Hilfe: Und deine Kinder sterben, Israel! / Mit seinen Wurzeln ausgerissen / Verschmachtet der Weinstock. / Wehe, Israel, die Dürre ist über Dir, / Es lechzet der Gaumen nach dem Nass der / Befreiung […]. (DJM: 795) 365 Herausgeber war die Federation of American Zionists, die sich der Umsetzung des Basler Programms von 1887 verschrieben hatte und die USA bei der Zionistischen Weltorganisation vertrat. 104 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Während Huldschiner hier die in seinen Augen schwachen Juden darstellt, repräsentiert die Familie um Mattatias (bei Huldschiner Mattisjahn) und seine Söhne Simon (Simeon) und Judas (Juda) Makkabäus den Typus des tapferen und starken Juden, der entsprechend der zionistischen Ideologie wehrhaft gegen seine Feinde für ein freies Israel bzw. für eine Heimstatt für alle Juden in der Diaspora kämpft. So lässt Huldschiner Mattisjahn zu seinen Söhnen sprechen: Sind wir geboren, um den Untergang unseres Volkes zu sehen und müssig zu sitzen? […] Wir wollen nicht tun, wie unsere Brüder taten, da sie am Sabbat angegriffen wurden. Wir wollen nicht in unserer Unschuld sterben, wollen nicht in unseren Schlupfwinkeln erliegen, wie das wehrlose Wild, vom Jäger in seiner Höhle aufgespürt. Gott will, dass wir leben. (DJM: 796) Juda, »den sie nachher Makkabi nannten« (DJM: 796), zieht sich in die Einsamkeit zurück und sinniert über seine zukünftige Aufgabe als Freiheitskämpfer. Schließlich blickt er von Weitem auf seine Gegner; »sich seiner Kraft und seiner Hoffnung« (DJM: 797) freuend »drang der Blick seines Geistes durch die Nacht der Zukunft und erhellte sie jäh« (DJM: 797). Er sieht sich »kämpfen, sich und die seinen, […] sich siegen und das Land befreien – und […] sich sterben« (DJM: 797). Am Schluss der Erzählung springt die Handlung in die Gegenwart, in der ein Erzähler das Grab der Makkabäer in Modin366 beschreibt und seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, dass Juda nur schläft und träumt, »denn er weiss, sein Volk bedarf noch seiner« (DJM: 797). Somit kann Judas Makkabäus in Huldschiners zionistischer Lesart als eine Art Vorbild gesehen werden, das durch seine Tatkraft große Veränderungen erreicht hat und »den Kämpfern voran[geht] zum Sieg und zur Befreiung« (DJM: 797). 6.14 Der Hollerklauber und seine Kalbin (Erzählung) Dass Huldschiner aufgrund seiner zahlreichen Publikationen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte, wird u. a. daran deutlich, dass er auch in der zeitgenössischen Literaturkritik Erwähnung findet, z. B. durch den Literaturwissenschaftler Heinrich Spiero in seinem 1906 erschienenen Aufsatz über das »literarische Hamburg der Gegenwart«. Im Abschnitt über die »auswärtigen Schriftsteller, die in Hamburg leben, ohne literarisch hier zu wurzeln«367, stellt Spiero, selbst Konvertit, fest, dass beim »außerordentlich begabten […] Erzähler Richard Huldschiner (aus Gleiwitz) starke jüdische Züge im dichterischen Werk« vorhanden seien. So sei dessen Werk Die stille Stadt von »zionistischem Sehnen erfüllt«368. Spiero betont somit Huldschiners schlesische Herkunft, ohne auf seine tirolischen Wurzeln einzugehen, die ihm aufgrund der bisher erschienenen Werke Huldschiners, welche allesamt einen sehr starken Tirol-Bezug aufwiesen, hätten auffal- 366 Das moderne Modin liegt auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Ganz in der Nähe davon soll sich das biblische Modin befinden, die Heimat von Mattatias. 367 Spiero 1906, S. 155. 368 Ebd. 105 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen len müssen. Bereits 1904 wurde Huldschiner in einer Rezension mit bekannteren Autoren wie Peter Rosegger und Richard Bredenbrücker verglichen.369 Obwohl Huldschiner 1906 keinen Roman bzw. keine längere Novelle veröffentlichte, war er dennoch literarisch produktiv. Neben zwei Erzählungen verfasste er für Das Literarische Echo mehrere Buchbesprechungen. Zudem war er hauptberuflich immer noch als Arzt tätig und engagierte sich privat vermehrt für die zionistische Bewegung. Im Mai 1906 erschien in der Lienzer Zeitung eine humoristische Erzählung mit dem Titel Der Hollerklauber und seine Kalbin.370 Bemerkenswert an der Geschichte ist, dass Huldschiner hier sehr viel mehr Dialektpassagen in Tiroler Mundart eingebaut hat als in seinen bisherigen Werken. Die Erzählung beginnt in der Wirtsstube des Kabeswirts, wo die beiden Protagonisten, der Peralt und der Hollerklauber, einen aufgeregten Diskurs führen, den Huldschiner ironisch als Diskussion unter Anführungszeichen setzt. Die Männer betrinken sich währenddessen: Doch »vom Wein […] zum Viehhandel ist es nicht weit« (DHa: 6), und obwohl der Hollerklauber beinahe zärtlich »wie von einem lieben Kinde« (DHa: 6) über seine trächtige Kalbin spricht, tauscht er betrunken seine Kalbin gegen zehn Schafe des Peralt-Bauern, während der Kabeswirt als Unterhändler das Geschäft bezeugt und dafür einen Gulden versprochen bekommt. Am folgenden Morgen wird der Hollerklauber von seiner Frau für das schlechte Geschäft beschimpft und macht sich auf zum Peralt-Bauern, um das Geschäft rückgängig zu machen. Dieser lehnt jedoch mit der Begründung ab, dass der Hollerklauber am Abend zuvor nicht betrunken gewesen sei und somit das Geschäft weiterhin Rechtsgültigkeit habe. In der Nacht macht sich der Hollerklauber erneut auf zum Peralt-Bauern. Er schleicht um dessen Haus und erfährt durch Zufall, dass dessen Tochter, »die Lina, eine G’schpusi mit dem Oasale-Flor, dem Malefizbua, hatte, der keine Schürze in Ruh« (DHb: 5) lasse. Die beiden Bauern beginnen erneut zu diskutieren und werfen sich gegenseitig vor, Betrüger und Lügner zu sein. Der Hollerklauber wird schließlich von der ebenfalls erzürnten Ehefrau des Peralt-Bauern angegriffen, sodass er vom Holzstoß, auf dem er gestanden ist, um ans Fenster des Bauern zu gelangen, in einen »großen leeren Matschbottich« (DHb: 7) fällt. Es scheint, als habe sich der Hollerklauber schwer verletzt, sodass der Peralt-Bauer ihm aus schlechtem Gewissen und vor Schreck anbietet, das Geschäft zu annullieren. Am Schluss der Erzählung stellt sich heraus, dass der Hollerklauber seine Schmerzen nur vorgetäuscht hat, um bei seinem Freund Mitleid zu erwecken und die Rückgabe seiner Kalbin zu erreichen. Die Geschichte selbst ist eine seichte Humoreske, die stereotype Figuren in einer bäuerlichen Umgebung handeln lässt. Authentizität erhält die Erzählung durch die vielen Dialoge in der Tiroler Mundart. Bauern, die sich gerne dem Alkohol hingeben und wegen eines Geschäftes ihre Freundschaft aufgeben, streitsüchtige und aggressive Frauen, die ihre Männer unter dem sprichwörtlichen Pantoffel halten: insgesamt also eine sehr vorhersehbare, schwankhafte und doch sehr zeittypische Handlung und Figurenkonstellation. Zudem lässt sich eine gewisse Nähe zu den von der Tiroler Exl-Bühne gespielten Stücken feststellen. Ob ein Kontakt zu der für ihre Bauern- und Volksstücke be- 369 Vgl. Binder 1904, S. 84. 370 Der Text wurde 1930 noch einmal veröffentlicht, und zwar in der Österreichischen Gebirgs- und Volkstrachten-Zeitung (vgl. Huldschiner 1930). 106 Andreas Micheli: Richard Huldschiner kannten Theatergruppe bestand, ist ungewiss. Ebenso wenig geklärt ist, ob sich Huldschiner bewusst an den Stil dieser Stücke anlehnte. 6.15 Die drei Höfe (Erzählung/Novelle) In der Neuen Hamburger Zeitung erschien im Juli 1906 die Novelle Die drei Höfe. Huldschiner nahm mit ihr an einem Preisausschreiben der Prager Zeitung Bohemia teil, wo er in der Kategorie Feuilleton den zweiten Platz belegte.371 Im Dezember 1920 erschien die Erzählung erneut, und zwar unter der Herausgeberschaft des Germanisten und Volkskundlers Anton Dörrer in einer Novellensammlung samt Kurzbiografien372 der publizierten Autoren. Der Band Tiroler Novellen der Gegenwart enthielt aktuelle Novellen von zeitgenössischen Tiroler Dichtern wie Hans von Hoffensthal, Rudolf Heinrich Greinz, Reimmichl und Karl Wolf. In einer Werbe-Rezension über die Anthologie wird betont, dass die enthaltenen Novellen »zu den besten ihrer Art zählen« und »ein umfassendes Bild des schriftstellerischen Schaffens in Tirol« böten und »gleichzeitig ein hervorragendes Dokument unserer Eigenkultur«373 bilden würden. Huldschiners Novelle Die drei Höfe beginnt, typisch für sein erzählerisches Werk, mit einer ausführlichen Landschaftsbeschreibung, welche in eine Art Rahmenerzählung eingewoben ist, wobei der Erzähler den Leser direkt anspricht und ihn durch einen »mageren Fichtenwald« (DdH: 112) führt, »[ü]ber den Bäumen […] der graue Schlern« (DdH: 113). Der Wald ist menschenleer, »[k]ein Glockenspiel, kein Menschenruf in Nähen und Fernen« (DdH: 113), bis der Leser schließlich am Waldrand den ersten der drei Höfe erreicht, die allesamt Handlungsorte der Novelle sind. Über der Eingangstür des Paradeisweber-Hofes findet sich folgende Bauernweisheit: »Gib nit auff andere acht, auff ihrem Tun und Lassen! Kehr jeder vor seiner Tür und zieh sich selbst bey der Nasen!« (DdH: 113). Weiter unten im Tal liegen die Höfe Profunts und Trafonts. Auffällig ist das häufige Vorkommen des Schlerns in der Geschichte. Huldschiner erwähnt ihn so oft, dass man davon ausgehen kann, dass der Berg die Aufgabe des Dingsymbols übernimmt. Er könnte stellvertretend für die Natur stehen, der, konträr zu den degenerierten Bewohnern, etwas Majestätisches und Ruhiges innewohnt. Nach dem poetischen Einstieg beginnt die Haupthandlung um die drei Höfe und ihre Bewohner. Die Handlung ist in drei Kapitel gegliedert. Jedes Kapitel erzählt ein schicksalhaftes Ereignis, welches das Leben der Hofbewohner verändert. Die häufigen direkten Reden sind allesamt im Tiroler Dialekt und geben der Novelle das nötige Lokalkolorit. Handlungsort ist das Dorf Völs am Schlern. Anton, der Sohn der Profuntser-Bäuerin, stürzt bei einem Ausflug in den Bergen ab und stirbt, während der Sohn des Paradeisweber-Bauern, Jackele, einer der beiden Begleiter, ruhig sitzen bleibt und »stumpfsinnig auf den Toten« schaut, der »mit Blut und Sand bedeckt vor ihnen im Krumm- 371 Vgl. Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung 1906, S. 2. 372 Huldschiners Kurzbiografie enthält einen Fehler. So wird behauptet, dass er »[s]eit 1896 Arzt in Gries-Bozen« (DdH: 314) sei. 373 Bozner Nachrichten mit Allgemeinem Anzeiger 1921a, S. 6. 107 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen holz« liegt, bis »metallisch glänzende Fliegen […] sich dem Anton in das blutige Haar« (DdH: 115) setzen. Der zweite Begleiter, Christl vom Söller-Hof, verliert die Nerven und weint. Schließlich tragen sie den Leichnam ins Tal, legen ihn vor die Türe des Profunts-Hauses und fliehen feige. Auch die Familie des Trafontser-Hofes fällt in dasselbe Schema: Der Bauer ist ein Trinker, die Bäuerin sucht deswegen Zuflucht in der Religion und im Aberglauben. Eines Tages stößt sie aus Zorn mit ihrer linken Hand den betrunkenen Ehemann, der deswegen stürzt und sich am Arm verletzt. Als strenggläubige Frau ist sie der Meinung, eine Sünde begangen zu haben. Sie sucht Trost bei ihrer Nachbarin, der Profuntser-Bäuerin, doch diese betrauert immer noch den verstorbenen Sohn. Daher geht sie weiter zum Haus des ebenfalls betrunkenen Paradeisweber-Bauern. Was dort genau passiert, lässt Huldschiner offen. Der neunmonatige Zeitsprung, den die Handlung macht, lässt aber vermuten, dass die beiden die Nacht miteinander verbracht haben und die Trafontser-Bäuerin schwanger ist. Gequält von der durch sie mitverschuldeten Verletzung ihres Mannes, des mutmaßlichen Seitensprungs und der (möglichen) Schwangerschaft, sucht sie noch stärker Halt im Glauben. Die Predigt eines Kapuzinerpaters wortwörtlich nehmend, nämlich dass »eine Hand, die gesündigt hat, […] [zu] verwerfen« (DdH: 120) sei, hackt sie sich mit einem Beil die linke Hand ab und spricht in ihrer Naivität zu ihrem Ehemann: »Meine Hand ist hin; jetzt werde ich wohl wieder zu Gnaden aufgenommen« (DdH: 121). Das dritte Kapitel behandelt die Ereignisse auf dem Paradeisweber-Hof. Die Figur des Paradeiswebers ist hinterlistig und nutzt die Naivität und die tiefe Religiosität seiner Schwägerin, die bei ihm auf dem Hof wohnt, schamlos aus. Der Bruder der Schwägerin, ein Geistlicher, hinterlässt ihr eine größere Summe Geld, die der Bauer für sich beanspruchen möchte. So macht er der Schwägerin weis, dass auf dem Erbteil »allemal der Gehörnte« (DdH: 123) sitze, schließlich seien die schlimmsten Sünder »die Juden, die Weinfälscher, die Freimaurer und die Reichen« (DdH: 122). Huldschiner kommt auch hier nicht umhin, den Antisemitismus zu kritisieren, der seit den 1880ern in Tirol immer weiter Verbreitung fand und den religiös motivierten Antijudaismus abzulösen begann. Der Autor spielt mit den Stereotypen. Seine Figuren sind derart überzeichnet, dass sie fast schon wie Karikaturen wirken. Sie verlieren dadurch aber nicht an Eindrücklichkeit, sondern stimmen den Leser durch die Übertreibung bis hin ins Groteske nachdenklich. Die Schwägerin holt sich trotz ihrer Angst, als künftig reiche Frau ins Fegefeuer zu gelangen, ihr Erbteil ab. Der Bauer gibt nicht auf und inszeniert mithilfe eines Kürbisses, in den er eine Fratze hineinschnitzt, die nächtliche Ankunft des »Gehörnten« (DdH: 125) im Zimmer der Schwägerin. Am nächsten Morgen übergibt die Schwägerin ob ihres Seelenheils dem Bauern das Erbteil, worauf dieser sofort mit ihr zum Bezirksgericht gehen möchte, um es »notarisch« (DdH: 127) zu machen. Wie so oft gestaltet Huldschiner klischeehafte Figuren, einfache Bauern und Bäuerinnen, die in ihrer eigenen kleinen Welt leben, umgeben von einer wunderschönen Naturlandschaft. In ihnen lässt Huldschiner viele im Allgemeinen negativ konnotierte Eigenschaften des Menschen kulminieren: Feigheit, Trunksucht, Gewalt, Betrug, Aberglaube, Selbstverstümmelung, Hinterlist und Antisemitismus. Mit der Novelle könnte Huldschiner zweierlei beabsichtigt haben: nämlich zum einen festzustellen, dass der 108 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Mensch per se schlecht sei, ganz im Gegensatz zur Natur, und zum anderen, gezielt Kritik an den Bewohnern seiner Heimat zu üben bzw. den damals sehr populären Idyllen der Heimatkunst etwas Entsprechendes entgegenzustellen. 6.16 Die Sommerfahrt des Benvenuto Cellini (Erzählung) Die Kulturzeitschrift Süddeutsche Monatshefte veröffentlichte im September 1906 die Erzählung Die Sommerfahrt des Benvenuto Cellini. Bereits ein oberflächlicher Blick in die Bibliothekskataloge macht deutlich, dass sich zahlreiche Autoren und Wissenschaftler um die Jahrhundertwende musikalisch, wissenschaftlich oder literarisch mit Cellini auseinandergesetzt haben, sodass Huldschiners Adaption wohl wenig Neues vermittelt haben mag. In Goethes Übersetzung der Autobiografie Cellinis findet man im neunten Kapitel des zweiten Teils einen kurzen Verweis auf einen alten Alchemisten, »eine Art von chirurgischem Arzt, der ein wenig nach der Alchimie hinzielte«374. Er veranlasst Cellini, der sich auf einer Wallfahrt befindet, »viele schöne Sachen des Landes [zu] sehen, woran [er] ein großes Vergnügen fand«375. Aus diesem Nebensatz konstruiert Huldschiner ein abenteuerliches Reiseerlebnis, das, dem tradierten Charakter Cellinis entsprechend, teilweise sehr brutale und gewalttätige Züge trägt. Protagonist ist der italienische Renaissance-Bildhauer und bedeutende Vertreter des Manierismus, Benvenuto Cellini. Er beschließt, nach Abschluss der Arbeiten am Perseus, einer Bronzestatue, eine Erholungsreise zu unternehmen und »der heiligen Maria in den frommen Stätten von Camaldoli für ihre stete Hilfe zu danken« (SdB: 221). Cellini ist von sich und seinem Talent dermaßen überzeugt, dass er dies im Gespräch mit den ihn begleitenden Dienern öfters betont, innerlich aber Zweifel hegt, ob er in seinem fortgeschrittenen Alter noch einmal etwas dermaßen Großes wie den Perseus erschaffen werde. So erzählt er mehrere Episoden aus seinem langen und abenteuerlichen Leben, z. B., wie er zusammen mit anderen die Engelsburg in Rom verteidigt habe, sich dann trotz der Belagerung bis zum Navona-Platz geschlichen habe, um nach seiner Geliebten, einer Dirne, zu sehen und zum Beweis seinen Kameraden eine ihrer Locken mitzubringen. Nach seiner Ankunft habe er die Dirne ertappt, wie jemand »den Arm um sie gelegt [hatte], daß man wohl eben sehen konnte, daß ich nicht der Letzte war, dem die Dirne ihre Gunst und ihren Leib geschenkt hatte« (SdB: 225). Im Zorn habe er die junge Frau mit einem Säbel skalpiert und habe nach seiner Rückkehr in die belagerte Engelsburg seinen Kameraden den Haarschopf gezeigt und gesprochen: Die Locke freilich sei etwas groß ausgefallen und wenn auch von der weißen Haut der Dirne noch ein Stück daran geblieben sei, so möchten sie das damit erklären, daß ich immerhin einige Eile gehabt hätte. (SdB: 226) 374 Cellini 1811, S. 218. 375 Ebd. 109 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Die Reise verläuft, abgesehen von einem Räuberüberfall, der mit vereinten Kräften erfolgreich zurückgeschlagen werden kann, ereignislos. Als die Reisegesellschaft in einem Wirtshaus übernachtet, unterhält sich Cellini mit der Tochter des Wirts, die er später sogar küsst. Daraufhin erzählt sie von ihrem Oheim, einem Alchemisten. Dieser könne Cellini mithilfe von alchemistischen Geräten wieder zu einem jungen Mann machen. Vor dem Betreten des Alchemistenlabors muss Cellini alle Metallgegenstände, insbesondere Schmuck oder Goldstücke, vor der Tür ablegen, da die Geräte und somit der Verjüngungsprozess ansonsten nicht funktionieren würden. Es folgen eine Beschwörung und ein Tieropfer. Um die Zeremonie abzuschließen, muss Cellini am nächsten Tag zu einer Kapelle gehen und sich vor ein Bildnis des heiligen Sabbas werfen, um »ein Neugeborener« (SdB: 231) zu werden. Cellini kehrt nach dem Ritual ins Wirtshaus zurück, kann aber in Vorfreude auf den Abschluss seines Verjüngungsprozesses nicht schlafen. Er geht hinaus auf den Hof und belauscht ein Gespräch zwischen der Tochter des Wirts und dem Räuberhauptmann. Dieser habe zusammen mit der Tochter die ganze Geschichte um den Jungbrunnen inszeniert, um an das Geld Cellinis zu kommen. Cellini greift den Räuber wütend an und schlägt ihn bewusstlos, während er der Wirtstochter entwürdigend ins Gesicht spuckt. Er bricht seine Reise ab und kehrt zurück nach Florenz mit dem Gefühl, »daß ich noch manches schöne Werk schaffen werde, das selbst meinen schlimmsten Neidern Anerkennung abtrotzen soll, und wenn sie an ihrem Geifer ersticken sollten« (SdB: 234). Mit der Kulturzeitschrift Süddeutsche Monatshefte verband Huldschiner eine mehrjährige publizistische Partnerschaft. Die Zeitschrift bot Huldschiner die Möglichkeit, einige seiner Erzählungen, insbesondere seine Reiseerzählungen, einer größeren376 Leserschaft zu präsentieren und somit auch den Absatz seiner Romane anzukurbeln. Die 1904 gegründete Zeitschrift wandelte sich unter ihrem Mitbegründer und Herausgeber, dem vom Judentum zum Katholizismus konvertierten Publizisten Paul Nikolaus Cossmann, von einem ursprünglich liberalen zu einem konservativen und nationalistischen Blatt.377 Zahlreiche bekannte Autoren waren für die Zeitschrift tätig: u. a. Friedrich Naumann, Lujo Brentano, Hermann Hesse und Ludwig Thoma. Die Süddeutschen Monatshefte waren, vor allem in Bezug auf die Autorenauswahl und die behandelten Themen, nicht unumstritten. Für Cossmann als katholischen Konvertiten stellte es – vor allem in der Zeit der Weimarer Republik  – keinen Tabubruch dar, »auch judentumkritische, teilweise sogar antisemitische Autoren zu Wort kommen zu lassen«378. Dies führte u. a. dazu, dass nachgeborene Historiker wie Peter Gay mit Cossmann deutlich härter ins Gericht gingen. So stellt Gay über Cossmann fest: 376 Einige Themenhefte sollen sich bis zu 100.000 Mal verkauft haben, wobei aber die monatliche Auflage bis 1911 nur mit maximal 3500 Exemplaren angegeben wird (vgl. Kraus 2003, S. 16). 377 Vgl. Kraus 2003, S. 39. 378 Ebd., S. 35. 110 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Stramm konservativ, scharf nationalistisch, verhalfen Cossmann379 und seine ausgewählten Autoren den gängigen Verleumdungen der als »zersetzend«, »materialistisch« »traditionsfeindlich« bezeichneten Juden zu weiter Verbreitung.380 Der Literaturwissenschaftler Hans-Christof Kraus relativiert Coss manns negative Haltung dem Judentum gegenüber dahingehend, dass er sich für ein gleichberechtigtes Miteinander der Konfessionen aussprach bzw. im Februar 1916 im Vorwort zum Thema »Ostjuden« konstatierte, dass »die Zeit ernst genug [sei], daß Philosemiten und Antisemiten ihren Gefühlen einigen Zwang antun und sich zu einer ruhigen Aussprache entschließen können. Material für eine solche will dieses Heft bieten.«381 Interessanterweise erschien 1911 ein Artikel mit dem Titel Judentum und moderne Kultur, verfasst vom Theologen Hermann Schnell, in dem dieser sich gegen den Zionismus und für die völlige Assimilation der Juden aussprach.382 Zwar weise der Artikel, so Kraus, keine antisemitische, jedenfalls aber eine antizionistische Lesart auf. Warum Huldschiner als überzeugter Zionist hier dennoch zwei Jahre später seine Reiseerlebnisse ver- öffentlichte, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich hatte er von dem Artikel keine Kenntnis und nutzte vielmehr die sich bietende Möglichkeit, in einem renommierten und auflagenmäßig wachsenden Blatt zu publizieren. Außerdem erfolgte der nationalistische Wandel in der Blattlinie erst nach Ausbruch des Weltkrieges, und auch die Zunahme von Texten eindeutig antisemitischer Autoren setzte erst in jener Phase ein, in der Huldschiner nicht mehr darin publizierte. 6.17 Der Tod der Gismonda Boccalino (historische Erzählung) Vom literarischen Standpunkt aus gesehen, war das Jahr 1907 erneut sehr ergiebig. Neben verschiedenen Rezensionen und der Übernahme der ersten beiden Romane in das Verlagsprogramm des Fleischel Verlages und deren anschließender Neuveröffentlichung publizierte Huldschiner zur Jahresmitte zwei Erzählungen und schloss zwei Romane, nämlich Das adelige Schützenfest und Starkenberg, ab.383 Wie es Huldschiner gelang, ein solches Pensum neben seiner regulären Berufstätigkeit zu absolvieren, bleibt ein Rätsel. Dass Huldschiner mit seinem Leben in Hamburg nicht zufrieden war, wurde schon öfter aufgezeigt. Doch nun kam ein weiterer Faktor hinzu, der Huldschiner zeit seines Lebens belastete: Obwohl er ein einigermaßen bekannter Schriftsteller war, ließ der große literarische Durchbruch auf sich warten. In einem Brief an Max Grunwald schreibt er im August 1907 dazu: 379 Cossmann teilte mit Günther Fleischel (vgl. Fn. 288) ein ähnlich tragisches Schicksal: Die Süddeutschen Monatshefte waren in den Dreißigerjahren konservativ und nationalistisch ausgerichtet, aber immer dezidiert antinazistisch. Cossmann wurde 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft als Herausgeber abgesetzt und 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er verstarb (vgl. Kraus 2003, S. 19). 380 Gay 1998, S. 295. 381 Cossmann, zit. nach Kraus 2003, S. 35. 382 Vgl. Kraus 2003, S. 35. 383 Vgl. Huldschiner 25.08.1907. 111 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen [Ich] beeile mich Ihnen zunächst mitzuteilen, daß ich immer noch ledig bin, immer noch keinen Lorbeerkranz auf dem Haupt trage und immer noch nicht an Hamburg gewöhnt bin.384 Interessant ist auch die Erwähnung seines Familienstandes. Die Betonung, dass er immer noch ledig sei, lässt vermuten, dass Huldschiner mit seinen 35 Jahren häufiger darauf angesprochen wurde, wann er denn endlich heiraten werde. Verstärkt wurde das Gefühl des Alleinseins wohl dadurch, dass seine Mutter, die mit ihm zusammen in Hamburg wohnte und eine enge Vertraute war, bei seiner Schwester Elfriede in Würzburg war, um ihr nach der Geburt ihrer Tochter beizustehen. Außerdem erwähnt Huldschiner die Verlobung seines älteren Bruders Arnold. Resigniert schließt Huldschiner den sehr persönlichen Brief an Grunwald mit folgender Überlegung: Man wird alt, wirklich alt. Ich sehe es daran, daß die neue Generation emporwächst. Mein älterer Neffe385 soll jetzt im Herbst schon in die Schule kommen. Wie lange dauert es noch, und er macht sich über seinen kahlköpfigen Onkel lustig, der es zu nichts gebracht hat, nicht einmal zu einer Frau? So, lassen wir’s gut sein! Die grauen kalten Tage dieses Sommers des Mißvergnügens machen einen mehr stöhnen, als man eigentlich verantworten kann.386 Den Sommer verbrachte Huldschiner wie jedes Jahr bei verschiedenen Familienangehörigen. Zunächst besuchte er seinen jüngeren Bruder Gottfried, der im Jahr zuvor sein Ingenieurstudium abgeschlossen hatte,387 in der Schweiz. Dieser arbeitete als Ingenieur bei Brown & Boveri in Baden (Kanton Aargau) und projektierte Bergbahnen.388 Außerdem verbrachte Huldschiner einige Zeit mit seinem älteren Bruder Arnold in Tirol, um dort Bergtouren zu unternehmen.389 Wie bereits erwähnt, verlobte sich Arnold Huldschiner mit Helene Friedenstein aus Beuthen in Schlesien, die er auf Sommerfrische in Seis kennengelernt hatte. 1908 wurde der erste Sohn, Hans, 1913 der zweite Sohn, Robert 384 Huldschiner 25.08.1907. 385 Elfriedes erstes Kind, Sigmund Baer (1901 – 1921), und dessen Schwester Klara (1907 – 1923) verstarben beide an der Spanischen Grippe. Der zweitgeborene Sohn, Adolf Baer (1903 – 1982), verließ Deutschland 1939 nach der zwangsweisen Firmenauflösung. Zuerst ging er nach Tel Aviv. Dort galt er als »Mitbegründer der israelischen Modeindustrie«. Sein Sohn Martin Max Baer (geboren 1936) war Ingenieur und lebte in Kalifornien. (vgl. Baer 1982, S. 3; vgl. Strätz und Strauss 1989, S. 66 und 68). 386 Huldschiner 25.08.1907. 387 Vgl. seine Dissertation (Huldschiner 1906a) an der Technischen Hochschule München. 388 Huldschiner 25.08.1907. 389 Ebd. Abb . 11: Richard und Arnold Huldschiner (1910) . 112 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Ernst Huldschiner, geboren.390 Von Beruf Bankier, arbeitete Arnold Huldschiner für ein Berliner Bankensyndikat in Tanger in Marokko, um die Marokkanischen [sic!] Geschäftsgelegenheiten auszubeuten. Augenblicklich hat er längeren Europa-Urlaub, und da die Verhältnisse drüben sich sehr zu verwirren scheinen,391 ist es noch gar nicht sicher, ob er wieder hinübergeht.392 Einer undatierten Fotografie (wahrscheinlich 1907 / 1908) ist aber zu entnehmen, dass Arnold Huldschiner bei der »Feier der Einweihung der ersten marokkanischen Eisenbahn«393 anwesend war. Bevor Richard Huldschiner den Sommer auf Reisen verbrachte, erschien im Mai 1907 in Velhagen & Klasings Monatsheften eine kurze Novelle mit dem Titel Der Tod der Gismonda Boccalino. Der Verlag Velhagen & Klasing wurde 1835 in Bielefeld gegründet und publizierte zunächst hauptsächlich Schulbücher. Er erweiterte sein Sortiment in den 1870ern um Kinder- und Jugendliteratur.394 Zwei populäre Unterhaltungszeitschriften des Verlages waren die Familienzeitschrift Daheim und Velhagen & Klasings Monatshefte (1886), welche im Gegensatz zur erstgenannten Zeitschrift ein eher bildungsbürgerliches Publikum hatten und sich »zu einer der erfolgreichsten illustrierten Revuen Deutschlands«395 entwickelten. Die Novelle handelt im frühen 14. Jahrhundert. Huldschiner ergänzt die fiktive Handlung um einen passenden historischen Zeitrahmen, nämlich die Herrschaft des aus einer guelfischen Familie stammenden Guido della Torre, Signore von Mailand und Patriarch von Aquileia, einem »von allen Göttern gehaßte[n] Tyrann[en]« (TGB: 369). Dieser vertrieb 1302 seinen Vorgänger Matteo I. Visconti, welcher 1310 durch König Heinrich VII. nach der Flucht della Torres wiedereingesetzt wurde.396 Huldschiner wählte den nach Verona geflüchteten Matteo Visconti als Protagonisten und erzählt von dessen Erlebnissen in Sirmione am Gardasee. Matteo führt dort »das Leben eines bescheidenen Privatmannes« (TGB: 369). Er sitzt jeden Abend angelnd am See, der den ruhenden Pol, also einen Gegensatz zur inneren Aufgewühltheit des Protagonisten, darstellt. Sein Geist wiederum beschäftigt »sich dabei mit kühnen und wilden Dingen« (TGB: 369), gleich einem Gärtner, der durch seinen Garten schreitend da und dort ein Pflänzchen einsetzt, nicht ohne zugleich alles das mit kurzer Hand auf einen dem Verbrennen geweihten Haufen zu werfen, was sich etwa als Unkraut auswachsen möchte. (TGB: 369) Huldschiner stellt – wie so oft in seinen Werken – einen Bezug zu den Alpen her, indem er Matteo Richtung Norden blicken lässt, 390 Vgl. Huldschiner-Fille 2004, 8 f. 391 Hier spielt Huldschiner auf die erste Marokkokrise (1904 – 1906) an. 392 Huldschiner 25.08.1907. 393 Vgl. Fotografie der Feier der Einweihung der ersten marokkanischen Eisenbahn. 394 Vgl. Dettmar et al. 2003, S. 106. 395 Graf und Pellatz 2003, S. 437. 396 Vgl. Dizionario Biografico degli Italiani 2011 und vgl. Caso 1989. 113 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen über den weiten, blauen See, der fern im Norden von den Bergen wie von einer Zange gefaßt gleichsam eine Brücke darstellte von den Olivenhainen der Ebene zu den Eisfeldern der Gletscher. (TGB: 369) Seine Geliebte Gismonda Boccalino, die Tochter des Kastellpförtners, befürchtet, dass Matteo bald nach Mailand zurückgehen und sie allein zurücklassen werde. Doch sie will das nicht zulassen, würde ihn lieber »selber erdolchen« (TGB: 370). Matteo zitiert mit Blick auf die Grotte des Catull dessen fünftes Carmen und schließt mit dem Satz »Küsse mich drum, Geliebte, viele tausend Male« (TGB: 370). Später erscheint ein Mann namens Bidovero della Penna aus Mailand, der ihm von den Vorkommnissen in der Stadt während Matteos dreijähriger Abwesenheit berichtet. Auf die Frage, wann Matteo denn wieder dorthin heimkehre, antwortet er: »Nicht eher, als bis die Schandtaten jenes Mannes […] über meine Verbrechen das Übergewicht erlangt haben« (TGB: 371). Bidovero widerspricht Matteo, indem er feststellt, dass jener Tyrann dem anderen vorzuziehen sei, der das größere Wohl im Auge behalte, trotz gewisser negativer Taten, vor allem, wenn er dem Widersacher intellektuell überlegen sei. Auf diese Weise möchte Bidovero erreichen, dass Matteo nach Mailand zurückkehrt, um della Torre zu stürzen und erneut die Herrschaft über die Stadt zu übernehmen. So sei Matteo, obwohl er einst selbst ein Tyrann gewesen sei, della Torre vorzuziehen. Matteo bittet um Bedenkzeit, wirft aber ein, dass er seine Geliebte ungern verlasse: »Sie ist gleichsam mein guter Dämon und hält den Finger warnend erhoben« (TGB: 372). Bidovero beschließt daraufhin, Gismonda umzubringen, damit Matteo leichter überredet werden kann, Sirmione zu verlassen. Kurz nach dem brutalen Mord, den Huldschiner sehr detailliert beschreibt, erscheint Matteo und erblickt seine tote Geliebte. Er zieht sein Schwert, um Gismonda zu rächen, indem er Bidovero zu töten beabsichtigt. Bidovero wiederum bittet Matteo erneut, nach Mailand zurückzukehren, denn dafür habe sich Bidovero geopfert: »Das Vaterland harrt Eurer, wie die Braut des Bräutigams« (TGB: 373). Matteo zögert kurz, lässt dann aber das Schwert fallen und willigt ein, Bidovero nach Mailand zu begleiten. Huldschiner lässt den Gelehrten Bidovero eine pathetische Grabrede halten, in der er die Schönheit Gismondas lobt. Allerdings erblickt er bei der Verabschiedung in Matteos Augen ein »heißes Licht« (TGB: 374), sodass er befürchten muss, doch irgendwann die Rache Matteos wegen der Ermordung Gismondas zu spüren. Die historische Erzählung fand einige Jahre später auch eine dramatische Bearbeitung, nämlich durch den relativ unbekannten deutschbaltischen Musiker und Komponisten Arthur Wulffius (1867 – 1920), und zwar in Form einer Oper in einem Akt,397 welche 1910 in Riga uraufgeführt wurde.398 Einer in der Rigaschen Rundschau erschienenen Kritik zufolge war das musikalische Prinzip, zu dem sich der Komponist bekennt, […] nun leider nicht dazu geeignet, ein Werk eindrucksvoll und lebensfähig zu gestalten, denn es spiegeln sich in diesem Prinzip all jene für das Ungesunde unserer heutigen Musikpro- 397 Vgl. Baltisches Biographisches Lexikon digital 2016, S. 892. 398 Vgl. Stanford University Libraries 2016. 114 Andreas Micheli: Richard Huldschiner duktion so charakteristischen Momente wider. Es ist die Sucht nach Dissonanzen, die sich immer wieder nur in Dissonanzen auflösen und der Boykott jeglicher musikalischer Linie.399 Zudem sei Huldschiners Novellenvorlage die falsche Wahl gewesen: »Hier fehlt der dramatische Kern vollständig. Der Konflikt wird lediglich durch äußere Gründe hervorgehoben.«400 Außerdem seien die »handelnden Personen recht farblos gezeichnet und voll unbegründeter Widersprüche«401. 6.18 Der Flüchtling (Novelle) Huldschiner hat in seinem Werk als deutscher bürgerlicher Zionist das osteuropäische Judentum kaum thematisiert. So gibt es nach bisherigem Forschungsstand nur einen kurzen Text, welcher das osteuropäische Judentum und das Milieu des Schtetls behandelt, nämlich die kurze Novelle mit dem Titel Der Flüchtling. Sie erschien im April 1907 in der Neuen Hamburger Zeitung und 1908 im Sammelband Jüdischer Novellenschatz, herausgegeben von Julius Moses. Der Ich-Erzähler namens Nachum berichtet, wie er mit zwölf Jahren Schneiderlehrling bei Jehuda Jakobson in Warschau wird. Während sein Vater zurück nach Bialystock zieht, wohnt der Ich-Erzähler im Haus seines Lehrherren und teilt sich seine Kammer mit den beiden Gesellen. Einer der beiden Gesellen, ein Christ, ist immer sehr grob und beschimpft die Juden, ohne es allerdings ernst zu meinen. Dann bricht der Russisch-Japanische Krieg aus. Bis auf den erwähnten Gesellen, der nur vier Finger hat, und Nachum müssen alle anderen Mitarbeiter in den Krieg ziehen. Mit 15 hat Nachum ausgelernt, bleibt aber bei seinem Lehrherrn im Dienst. Nach dem kurzen erfolglosen Krieg beginnt die Russische Revolution von 1905, in deren Zug es überall zu Pogromen kommt. Als Nachum die Tochter des Schneiders, Lea, gegen die plündernden Kosaken verteidigen will, werden beide verhaftet und erst nach drei Monaten ohne Prozess wieder entlassen: »Das geschah öfter; sie hatten nicht Richter genug, und vielleicht schämten sie sich auch« (DFl: 33). Er erfährt, dass Lea getötet worden ist, indem man ihr einen Nagel in den Schädel getrieben habe, und fragt sich, warum Gott solch brutale Dinge zulasse. Sein Freund, der Sozialist Samuel Grünblatt, ist hierzu folgender Meinung: »Denn wenn Gott wirklich war, mußte es anders auf der Welt zugehen« (DFl: 34). Der Ich-Erzähler verteilt Flugblätter und plant, zusammen mit seinen Mitstreitern ein Attentat auf den Polizeimeister Turow durchzuführen, der u. a. auch am Pogrom in Warschau beteiligt gewesen ist. Der Anschlag soll in Bialystock durchgeführt werden. Der Ich-Erzähler besucht am Tag vor dem Attentat seine Eltern, die gerade den Tod seines Bruders betrauern. Das Attentat ist erfolgreich, der Ich-Erzähler erschießt Turow und flieht daraufhin zurück nach Warschau. Er redet sich ein, kein Mitleid nach der Ermordung von Turow zu empfinden: 399 Springfeld 1910, S. 6. 400 Ebd. 401 Ebd. 115 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Denn er war unser schlimmster Feind und kannte nicht Erbarmen noch Gerechtigkeit, wie er sich denn auch stets als ein wildes Tier gezeigt hatte, das man ja umbringt, um es unschädlich zu machen, wenn man es nicht in einen Käfig sperren kann. (DFl: 35) Trotz der Rechtfertigung leidet er sehr darunter, einen Mord begangen zu haben. Er kann nachts nicht mehr schlafen und wird krank. Die Polizei kann das Versteck des Ich-Erzählers auskundschaften, tötet seine Freunde, die ihm während seiner Krankheit beigestanden haben und verhaftet ihn. Der Ich-Erzähler wird aufgrund seines jugendlichen Alters zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Der Gefangenentransport, mit welchem er nach Sibirien gebracht werden soll, wird von Rebellen überfallen. Viele Gefangene können befreit werden. Der Ich-Erzähler flieht und lässt sich in Plozk als Schneider nieder. Allerdings wird er immer noch steckbrieflich gesucht, sodass er erneut zur Flucht gezwungen wird. Er bedauert seine Situation sehr, insbesondere, dass er seine Heimat verlassen muss, versucht sich aber aufzumuntern, indem er seine Sorgen relativiert: man ißt und trinkt und schläft überall auf der Welt und die Menschen haben alle das gleiche Recht; überall ist einer, der mit dir Tee trinkt und freundlich redet. (DFl: 39) In Ciechocinek trifft er einen Agenten, der gegen Bezahlung seine Flucht nach Amerika organisiert. In der kleinen Gruppe der Flüchtenden befindet sich auch ein Jude aus Bessarabien, der den Ich-Erzähler aufgrund seines Verhaltens und seiner traditionellen Tracht402 an seinen Vater erinnert. An der Grenze wird die Gruppe von Soldaten aufgehalten, die aber bestochen werden, sodass die Flüchtlinge sicher die Grenze nach Preu- ßen überqueren können. 6.19 Die Tochter Jephta (dramatisches Gedicht) Huldschiners Werke wurden nach bisherigem Forschungsstand, abgesehen von einer Ausnahme,403 dramatisch nicht interpretiert, und das, obwohl Huldschiner sogar selbst einige dramatische Werke verfasst hatte, welche auf der Bühne hätten aufgeführt werden können. Ein frühes Beispiel dafür ist das dramatische Gedicht Die Tochter Jephta, welches im August 1907 in der jüdischen Kulturzeitschrift Ost und West erschien. Huldschiner bezieht sich darin auf das Buch der Richter, genauer auf den Abschnitt Jiftachs Sieg. Der Richter Jiftach (oder Jephta) bekämpft die Ammoniter und legt im Fall eines Sieges folgendes Gelübde ab: 402 Huldschiner verwendet die jüdischen Begriffe, die in einer Fußnote erklärt werden: Schubize (Kaftan), Peies (Ringellocken) und Thalles (Gebetsmantel) (vgl. DFl: 39). 403 Vgl. Wulffius 1910. 116 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Gibst du die Kinder Ammon in meine Hand: was zu meiner Haustür heraus mir entgegengeht, wenn ich mit Frieden wiederkomme von den Kindern Ammon, das soll des HERRN sein, und ich will’s zum Brandopfer opfern.404 Nach dem Sieg über die Ammoniter ist Jiftach gezwungen, seine namenlose Tochter zu opfern, da ihm diese als Erste beim Betreten seines Hauses begegnet ist. Der Vater hadert mit sich, doch die Tochter besteht darauf, dass der Vater das Gelübde Gott gegen- über erfülle. Sie bittet ihren Vater, »daß du mir lassest zwei Monate, daß ich von hinnen hinabgehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielen«405. Huldschiners Fassung der Bibelgeschichte konzentriert sich auf die Tochter von Jephta, die im Gegensatz zur namenlosen Tochter im Buch der Richter den Namen Jobeka trägt. Die Handlung setzt kurz vor ihrer Opferung nach Jobekas Aufenthalt in den Bergen ein. Jephta wirkt noch unsicher in seiner Entscheidung, das Opfer durchzuführen, doch Jobeka bestärkt ihn darin, indem sie die Wichtigkeit des Opfers betont: Da Gott mich ausersehen hat, zu sterben. / Ist das nicht Gnade, für ein ganzes Volk / Der Dank an Gott zu sein? Für alle stolz / Zum Opferstock zu gehen und sein Haupt / Dem Opfermesser schweigend darzubieten? (DTJ: 534) Jobeka ist noch Jungfrau und es erwacht in ihr die Sehnsucht nach körperlicher Zuneigung, als der Jüngling Abdon vor ihrem Fenster auftaucht und ihr seine Liebe gesteht und sie bittet, mit ihm zu fliehen. Doch Jobeka leistet seiner Bitte keine Folge, erlebt stattdessen eine Vision, in der sie sich mit Gott in einem Zwiegespräch befindet. Einige der Aussagen können durchaus im zionistischen Sinne interpretiert werden: »Israels Kinder / Wandern durch Wüsten. […]/Sehen das Ferne, / Sehen das verheissene Land« (DTJ: 539). Stellt man das Zitat in den Kontext von Huldschiners zionistischen Texten, ist eine solche Lesart naheliegend. So fragt Jobeka Gott, ob »dein Volk / Im Dräuen der Feinde / Ganz vergehen« (DTJ: 539) solle. Auch das Bild des tapferen und starken Juden findet hier Eingang: »Knecht wird Führer, / Stark und froh / Kämpft der Mann« (DTJ: 539). Abdon zieht unverrichteter Dinge ab, beschließt aber, seinem Leben ebenfalls ein Ende zu setzen. Eine Amme bereitet Jobeka für die Opferzeremonie vor, während vor dem Fenster die Freundinnen Jobekas deren baldigen Tod betrauern. Mit diesen hat sie mehrere Wochen in den Bergen verbracht, wobei sie es aber vorgezogen hat, sich von Zeit zu Zeit in die Einsamkeit des Gipfels zurückzuziehen. Sie hat sich die Frage gestellt, ob es nicht genug [sei], zu wissen, dass / Das Licht des Tages freudvoll ist, und dass / Kein einzig Leben kann erlöschen, das / Nicht auch ein anderes an sich entzündet hat? / So arm ist keiner, dass er nicht / Bei einem hinterliess ein Trauern. (DTJ: 543) Das dramatische Gedicht endet kurz vor der Opferzeremonie. In den Regieanweisungen heißt es: »Sie schreitet durch die von den Aeltesten gebildete Gasse. Hinter ihr Jeph- 404 Ri 11,30 – 31 (Luther-Bibel, 1912). 405 Ri 11,37 (Luther-Bibel, 1912). 117 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen ta. Der Vorhang sinkt schnell« (DTJ: 548). Gleich dem Buch der Richter schildert auch Huldschiner die Opferung Jobekas nicht. Bemerkenswert ist aber, wie häufig er im Text erwähnt, dass Jobeka Jungfrau sei, was beinahe das Einzige zu sein scheint, was sie wirklich an ihrem Tod durch die Opferung stört (vgl. DTJ: 536; 540; 541; 544). So wird im Bibeltext das Beweinen der Jungfräulichkeit bzw. der Jugend vonseiten der Tochter nur in einem Satz abgehandelt, während Huldschiner in seiner Interpretation der Geschichte die unerfüllte Sexualität expliziter thematisiert. In einem 1911 in der Welt erschienenen Aufsatz über Moderne deutsche Dichtungen altjüdischer Stoffe führt Oskar Frankl auch Huldschiners Die Tochter Jephta als ein Beispiel dafür an, wie moderne jüdische Autoren versuchen, biblische Stoffe in neue innovative Erzählungen umzuarbeiten. So kämpfe die Protagonistin »in starken lyrischen Stimmungen […] ihre sinnliche Liebe nieder, bis sie bereit ist, das Gelübde ihres Vaters freudig zu erfüllen«406. Allerdings sei »neben dieser inneren Handlung der Läuterung der Heldin […] wenig Raum für eine dramatische Entwicklung«. Den zionistischen Hintergrund des Textes erwähnt Frankl in seiner Besprechung allerdings nur kurz: »Mit der Vision, in der Jobeza [sic!] Israels glückliche Zukunft verkündet, erhält das Gedicht einen über die Quelle hinausgehenden, modern-deutungsfähigen Einschlag.«407 6.20 Das adelige Schützenfest (Novelle) In der Jänner- und Februar-Ausgabe von Velhagen & Klasings Monatsheften erschien 1908 die bereits ein halbes Jahr zuvor fertiggestellte Novelle Das adelige Schützenfest. Im August desselben Jahres veröffentlichte Huldschiners Verlag den Text, dieses Mal als Erzählung bezeichnet, als eigenständige Publikation.408 Mehr als zehn Jahre später wurde er noch einmal in Form eines Fortsetzungsromans in der Südtiroler Landeszeitung publiziert.409 Die Handlung der Novelle ist im Jahr 1790 angesiedelt. Handlungsorte sind die Sommerfrischeresidenzen der reichen Bozner Patriziergeschlechter auf dem Ritten. Hier besitzt die adelige Familie von Pilgram eine herrschaftliche Villa. Die Novelle hat verschiedene Handlungsebenen: zum einen die Haupthandlung um die junge Adelstochter Maria Luise von Pilgram, zum anderen verschiedene Nebenhandlungsstränge, die einerseits das adelige Leben leicht ironisieren und andererseits ein Hohelied auf die Natur und die Landschaft des Ritten singen. Außerdem bettet Huldschiner die Novelle historisch ein, indem er die Auswirkungen der Französischen Revolution auf die Bozner Hautevolee darzustellen versucht. Die Novelle beginnt in der Villa der Familie Pilgram auf dem Ritten. Der Musiklehrer Dominik Anselmus Weinsprechtner übt mit Luise ein Musikstück, welches sie gerne im Rahmen des adeligen Schützenfestes vortragen möchte. Ihre Vorfreude darüber 406 Frankl 1911, S. 354. 407 Ebd. 408 Vgl. Huldschiner 1908a; Die nachfolgenden Zitate aus der Novelle/Erzählung stammen aus der Erstveröffentlichung in Velhagen & Klasings Monatsheften. 409 Vgl. Huldschiner 1920a. 118 Andreas Micheli: Richard Huldschiner ist aus mehreren Gründen groß. Einerseits hofft sie, dass sie auf dem Fest endlich vom jungen Leutnant von Altlechen geküsst wird, andererseits bildet das Fest den gesellschaftlichen Höhepunkt des Sommers. Außerdem freut sie sich auf die baldige Heimkehr ihrer Eltern und Brüder. Luises Schwester Therese sieht die glühende Liebe zum Leutnant kritisch und bezeichnet ihn als einen »Aff« (DaS: 731). Außerdem macht sie sich Sorgen, da Luise ständig unter Kopfschmerzen leidet. Ihr Bruder Anton, Kreissekretarius in Imst, kommt nach Hause, um seine Schwester auf den Ball zu begleiten. Als der Leutnant von Altlechen bei Luises Tante Philippa aber nur um einen Tanz mit Luise anfragt, ist sie zunächst ein wenig enttäuscht, da sie sich mehr von ihm erwartet hat. Der jüngere Bruder Ferdinand meldet sich in einem Brief bei seiner Tante, in welchem er über seine Karrierefortschritte als Kadett der französischen Armee während der Wirren der Französischen Revolution in Verdun berichtet. Außerdem hofft er, dass sein Vater und seine Mutter, die sich geschäftlich in der Schweiz bei Verwandten befinden, gut nach Bozen zurückkommen. Später stellt sich heraus, dass das Familienunternehmen in großen finanziellen Schwierigkeiten steckt. So ist Anton in Wirklichkeit nur zurück nach Bozen gekommen, um das Unternehmen während der Abwesenheit des Vaters zu verwalten. Dieser hat die Absicht, bei seinen Verwandten neues Kapital aufzutreiben und somit die Firma vor dem Konkurs zu bewahren. Das Schützenfest ist also nicht der Grund für Antons Rückkehr nach Bozen. Nachdem die Schwestern von den finanziellen Problemen der Familie erfahren haben, wollen sie aus Pietätsgründen davon absehen, am Schützenfest teilzunehmen. Der Bruder bittet die Mädchen allerdings, dennoch mitzufeiern, da er unnötiges Aufsehen vermeiden und die finanziellen Probleme der Familie geheim halten möchte. Anton versucht, die Familienehre zu retten, indem er mit den Gläubigern einen Vergleich vereinbart. Nur zwei italienische Gläubiger wollen nicht auf das Angebot eingehen. Somit soll das Schützenfest dazu genutzt werden, die Bozner Gläubiger davon zu überzeugen, einer niedrigeren Vergleichssumme zuzustimmen, damit die Italiener voll ausgezahlt werden können. In Vorfreude auf das Fest wandern junge Adelige in einer Nebenhandlung singend durch die herrliche Rittner Landschaft. Ähnliches passiert in In hellen Sommernächten …, Huldschiners ersten Novelle. Allerdings ziehen dort nicht Adelige, sondern junge Menschen aus dem bäuerlichen Milieu laut feierend durch die Nacht. Das adelige Schützenfest wird von Huldschiner bis ins kleinste Detail beschrieben. Pittoreske Szenerien ergeben sich: Schausteller, Musikkapellen, Heilige Messen, das Treiben am Schießstand, ein Theaterspiel. Jede und jeder scheint sich zu freuen. Unterstrichen wird die Idylle durch die Sprache, die Huldschiner konsequent historisiert und, Abb . 12: Das adelige Schützenfest (1908) . 119 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen dem Rokoko angemessen, mit vielen französischen Wörtern bzw. sogar längeren französischen Textpassagen authentisch zu gestalten versucht. Zur Mitte des Handlungsbogens scheint sich alles zum Guten zu wenden. So macht der junge Leutnant von Altlechen, wie von Luise erhofft, dieser den Hof. Allerdings leidet sie weiterhin unter starken Kopfschmerzen und sorgt sich um ihre Familie. Schließlich verkündet der Leutnant, dass er brieflich bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten möchte. Der Konkurs ist aber nicht mehr aufzuhalten, und die Nachricht des bevorstehenden Bankrotts der Familie von Pilgram macht in der Sommerfrische-Gesellschaft schnell die Runde. Luises Gesundheitszustand wird am Ende des ersten Tages des Schützenfestes immer labiler. Außerdem erfährt sie, dass der Leutnant bereits abgereist ist, ohne dem Vater einen Brief geschrieben zu haben, nachdem er von den finanziellen Problemen der Familie erfahren hat. Luise verlässt niedergeschlagen in einer Sänfte liegend zusammen mit ihrer Familie den Ritten in Richtung Bozen. Dabei treffen sie auf den Musiklehrer Anselmus Weinsprechtner, der die traurige und kränkliche Luise mit ins Tal begleitet, sie aber nicht zu trösten vermag. Die Novelle endet mit drei Briefen, die allesamt ein Jahr nach der Haupthandlung datiert sind. Der erste Brief stammt von Luises Mutter Maria, adressiert an ihren Ehemann. Die Mutter erzählt darin, dass der Konkurs der Firma erfolgreich abgewickelt worden sei und sie ihr eigenes Vermögen aus der Konkursmasse habe retten können. Sie freue sich, ihren Mann zur Sommerfrische auf dem Ritten wiederzusehen. Luise sei noch sehr angeschlagen wegen des Vorfalls mit dem Leutnant und spreche immer wieder davon, ins Kloster zu gehen. Therese hingegen habe sich von den Blattern gut erholt und ein reicher Bozner mache ihr den Hof. Ferdinand wiederum habe sich schon länger nicht mehr gemeldet, und da in Frankreich Unruhen ausgebrochen seien, mache sich die Mutter große Sorgen um ihren Sohn. Sie legt ihrem Brief zwei weitere kurze Briefe ihrer Töchter bei. Thereses Schreiben ist positiv und hoffnungsvoll, während Luise mit diesem ihr bevorstehendes Ende ankündigt. Fiebrig und weinend findet sie die Mutter im Bett liegend vor, nachdem sie ihrem Vater im dritten Brief kryptisch geschrieben hat: Ich denke immer an die letzte Sommerfrische, insonderheit da mir ist, als ob ich dieses Jahr nicht auf den Berg kommen würde. […] es ist was Hohes und Schönes, was mich davon abhalten mag. (DaS: 903) Die Novelle endet, für den Leser ziemlich überraschend, negativ. Die Hauptfigur Luise scheint an einer Krankheit oder an den Folgen einer Depression zu sterben. Somit steht das Ende im krassen Gegensatz zur positiven Stimmung des adeligen Schützenfestes. Auch in der durch und durch christlich-europäisch anmutenden Geschichte lässt es sich Huldschiner nicht nehmen, einen Bezug zum Judentum, wenigstens zum Alten Testament, herzustellen. So blickt die Protagonistin Luise, die sich so sehr nach der großen Liebe sehnt, auf ein Gemälde, auf dem die biblischen Figuren Jakob und Rahel abgebildet sind (vgl. DaS: 730). Die 1912 erschienene Novellensammlung Narren der Liebe enthält die Novelle Jakob und Rahel. Ob es, abgesehen vom Titel, einen weiteren Zusammenhang zwischen den beiden Werken gibt, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. 120 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Die Literaturkritik nahm Huldschiners Werk überwiegend positiv auf. Dennoch muss erneut betont werden, dass die hier angeführten Rezensionen nur eine exemplarische Auswahl darstellen und nicht verallgemeinert werden dürfen. So bemerkt der bereits an anderer Stellte zitierte Literaturwissenschaftler Heinrich Spiero über Das adlige Schützenfest: Es ist kein Ton zu stark und kein Ton zu leise in dieser Novelle. Es ist nichts geziert darin, auch nicht in den Briefen jener schnörkelhaften Tage. Der Dichter, der sonst so oft schweifte, hat sich hier in einem engen Rahmen befriedet und füllt diesen nun ganz aus, schenkt dem Hintergrund dieselbe Liebe wie den Gestalten, die sich vor ihm bewegen, und entläßt uns mit dem ruhigen Gefühl, wirklich unter Menschen gewesen zu sein.410 Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Max Geißler hingegen äußert sich kritischer und stellt fest, dass die Geschichte zwar »(schmerzlich) lächelnden Humor« besitze, ohne aber insgesamt die »Tiefen des Gefühls und die Höhen dichterischer Anschauung zu erreichen«411. Allerdings attestiert Geißler dem Autor einen eigenen Stil. In seiner Rezension für Das literarische Echo vermisst auch Emil Faktor an der Erzählung ein gewisses Maß an inhaltlicher Tiefe. So beherrsche Huldschiner, gleich einem Schauspieler am Theater, »die Kunst, gute Masken zu machen«, sodass an der Geschichte »weniger Kern als Schale«412 sei. Dennoch gelinge es Huldschiner aber geschickt, Sprache und Stil des 18. Jahrhunderts nachzuahmen: So sei er »ein Schürfer von Chroniken, ein virtuoser Nachahmer des hundertjährigen Briefstils, ein Spötter und Ironiker im Gewande der Sachlichkeit«413. Genau dieses »halbironische Behagen der Darstellung«414 ermögliche es dem Leser erst, mit dem Werk zurechtzukommen. Außerdem streicht Faktor die Nebenfigur des Lehrers besonders heraus, genauer folgenden Satz, der in den Augen des Rezensenten tiefgründig ist und ihn selbst sehr zum Nachdenken angeregt habe: »Ach er [der Lehrer] sah es, er war alt und ausgebrannt und hatte sein ganzes Leben lang so fern den Dingen gestanden …«415 Auch die aufgefundenen Tiroler Literaturkritiken äußerten sich sehr wohlwollend über die Novelle. In den Bozner Nachrichten stellt ein ungenannter Rezensent über Huldschiners Sprache in der Novelle fest, dass die Kinder »Gnaden Papa« und »Gnaden Mama« zu ihren Eltern sagten, da man sich »embrassierte« und da die Höhe des Kopfputzes der Damen und die Weite der rauschenden, falbelbesetzten Röcke in der Ungeheuerlichkeit mit einander zu wetteifern suchten.416 410 Spiero 1908, S. 550. 411 Geißler 1913, S. 243. 412 Faktor 1909, S. 1184. 413 Ebd. 414 Ebd. 415 DaS: 900, zit. nach Faktor 1909, S. 1184. 416 Bozner Nachrichten und Allgemeiner Anzeiger 1908, S. 4. 121 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Ebenso bemerkt der Kritiker die leise Ironie des Werkes und der in ihm dargestellten Figuren. So wundere es nicht, dass »ein leises Lächeln« durch das Buch gehe, ein stilles, herzliches, das sich der Sonderbarkeiten dieser Zeit ohne Spott erfreuen will und vor allem das große Fest der adeligen Schützengesellschaft auf dem Rittnerberge, der Sommerfrische der patrizischen Geschlechter Bozens, auch schon in alter Zeit anmutig verklärt.417 Über die tragische Gestalt Luise konstatiert der Rezensent: […] diese keusche Geschichte von dem Aufflackern und Vergehen des Liebesfeuers einer nicht für die Brutalität dieser Welt gemachten Seele, ist an sich wehmütig genug, zumal wenn eine Künstlerindividualität wie die Huldschiners sie mit poetischem Stimmungszauber umkleidet.418 Insgesamt, so schließt der Kritiker seine Ausführung, sei nicht ein Einzelschicksal der Held der Novelle, sondern eine ganze Zeit, eine in bestimmter Weise entwickelte Kaste, und den Hintergrund des anziehenden Gemäldes bildet die weitgedehnte Herrlichkeit des Südtiroler Berglands, das Huldschiner vertraut ist als die Heimat seiner Seele.419 Auch Karl Hans Strobl setzte sich mit der Novelle auseinander. In seinem 1910 erschienenen Essay bezeichnet er die Novelle als »Huldschiners schönstes Buch«420. Und weiter: Mit unendlicher Liebe und Feinheit ist es geschaffen. Geduldig und hingebend sind seine Menschen gezeichnet. Und doch leicht und frei, nicht etwa peinlich und pedantisch. Sonnenschein ist über alles ausgegossen. Die Farben sind zart und hell, so wie der lockere Staub des Pastellstiftes sich auf das Papier legt. Es ist Watteau in Worten.421 Positiv merkt Strobl an, dass Huldschiners Schreibstil mit der Novelle einen Wandel durchgemacht habe: »Aber von sich selbst und seinem Schicksal hat sich Huldschiner in diesem entzückenden Buch befreit. Nun erst ist er ganz überlegen und zur schönen Reife gekommen.«422 Außerdem fänden sich darin Parallelen zu den Werken des schwedischen Schriftstellers Per Hallström (1866 – 1960). Alfred Strobl geht 1965 in einer Rückschau auf die Geschichte des Tiroler Romans sogar noch einen Schritt weiter und nennt Huldschiner neben Autoren wie Trentini und 417 Ebd. 418 Ebd. 419 Ebd. 420 Strobl 1910b, S. 550. 421 Ebd. 422 Ebd. 122 Andreas Micheli: Richard Huldschiner von Hoffensthal als den »dritte[n] große[n] Südtiroler«423 des Tiroler Romans. Zur Novelle bemerkt er, seinen Karl Hans Strobl zitierend: Er [Huldschiner] schrieb aber auch den heitersten und zärtlichsten Tiroler Roman, »Das adelige Schützenfest«, das 1790 auf dem Bozner Ritten spielt. Hier scheint Huldschiner ein Watteau in Worten.424 Eine französischsprachige Rezension über die Novelle in der renommierten Literaturzeitschrift Mercure de France macht deutlich, dass Huldschiner auch im Ausland nicht völlig unbekannt war, auch wenn der Fund nicht überschätzt werden darf. Schließlich bespricht der Rezensent Henri Albert das Werk nur kurz und zusammen mit einigen anderen deutschsprachigen Neuerscheinungen: M. Richard Huldschiner nous conduit en plein »rococo« et les allures compassées de ses héros font sourire, car leur âme paraît aussi artificielle que leur costume.425 Außerdem findet der Kritiker in der Novelle einige Ungenauigkeiten und Fehler, vor allem in einem Brief, welchen Huldschiner um der Authentizität willen in seiner Novelle auf Französisch eingebaut hat (vgl. DaS: 748). So geht der Rezensent davon aus, dass man selbst als österreichischer Adeliger niemals ein derartiges Kauderwelsch (»n’eût été capable d’écrire la charabia …«) geschrieben hätte wie in dem Brief, den Huldschiner für seine Novelle verfasst hat.426 6.21 Der Streit von Castelgrande (Erzählung) In den Hamburger Nachrichten wurde im November 1907 eine weitere historische Erzählung Huldschiners veröffentlicht. Die Geschichte berichtet über die Hintergründe der Verwüstung des süditalienischen Dorfes Castelgrande im Jahr 1437 durch einen langwierigen Streit. Drei Jugendliche, Francesco und Luigi des Barrante, zwei Brüder, und Beppo, der den Spitznamen Uhu trägt und der einzige Sohn des alten Arcelli ist, sitzen zusammen und beschließen aus Langeweile und zunächst im Spiel, herauszufinden, wie es sich anfühlt, jemanden zu henken. Sie binden dem einfältigen Beppo einen Strick um und hängen ihn an einem Baum auf. Als sie das Bellen eines Wolfes vernehmen, rennen die beiden Brüder weg und lassen Beppo zurück. Er stirbt qualvoll. Der Wolf reißt dem Toten ein Stück Kleidung vom Leib und läuft davon. Die Brüder beschließen, Beppo zu vergraben und allen anderen zu erzählen, dass der Freund von einem Wolf aufgefressen worden sei. Arcelli, Beppos Vater, macht sich auf die Suche nach seinem Sohn, und die Brüder lügen ihm vor, dass sie ihn bereits ver- 423 Strobl 1965, S. 18. 424 Ebd. 425 Albert 1908, S. 726. 426 Vgl. ebd. 123 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen graben hätten, nachdem ihn ein Wolf getötet habe. Arcelli verlangt, dass die Knaben ihn zum Grab seines einzigen Sohnes führen sollten, damit er ihn exhumieren und in geweihter Erde bestatten könne. Als er den Leichnam samt dem Seil, das um den Hals Beppos geschlungen ist, erblickt, gesteht Francesco, der Arcelli in den Wald geführt hat, während sein Bruder Luigi zu Hause geblieben ist, die Wahrheit und bittet um Verzeihung und Nachsicht. Arcelli tötet Francesco, schneidet ihm die Leber heraus und wirft seinen toten Körper in das Grab, während er Beppos Leichnam zurück ins Dorf bringt. Er trifft am nächsten Tag auf Luigi und bietet ihm ein Gericht an, welches er aus Francescos Leber gekocht hat. Der Bruder isst den Teller leer, ohne zu wissen, dass er einen Körperteil Francescos verspeist hat. Arcelli gesteht Luigis Eltern die wahre Herkunft des Gerichts. Luigis Vater schwört nun ebenfalls Rache. Daraufhin verüben die beiden Familien untereinander Blutrache und dezimieren sich gegenseitig durch grausame Morde. Die Stimmung im Dorf heizt sich auf. Trotz Intervention der Kirche hören die überlebenden Verwandten nicht auf mit ihrer Vendetta. Schließlich bricht das Jüngste Gericht samt Sintflut und apokalyptischen Reitern über das Dorf herein. Erst als die Menschen des Dorfes erkennen, dass sie durch die Blutmorde vom Glauben abgefallen sind, lassen sie davon ab und das Endgericht wird aufgeschoben. Das Motiv des Letzten Gerichtes hat Huldschiner wohl sehr beschäftigt, kommt es doch immer wieder in seinen Werken vor. So treffen in der Erzählung mittelalterliche Brutalität auf christlich begründeten Aberglauben, den Huldschiner vor allem in seinen Bauerngeschichten und Romanen bzw. generell in seinen im Mittelalter handelnden Texten thematisiert. 6.22 Starkenberg (Roman) Für das Jahr 1908 ist nur eine neue Erzählung Huldschiners belegt. Der Inhalt von Sonnenuntergang ist aber unbekannt, einzig die bibliografischen Daten konnten nachgewiesen werden.427 Die Novelle Das adelige Schützenfest wurde zu Jahresbeginn publiziert, während der im Vorjahr fertiggestellte Roman Starkenberg erst im letzten Jahresdrittel veröffentlicht wurde.428 Warum also kam Huldschiner nicht mehr dazu, seiner großen Leidenschaft nachzugehen, wenn er doch in den Jahren zuvor dermaßen produktiv war? Huldschiner war als Privatarzt tätig, konnte sich also seine Zeit frei einteilen. Anfang 1908 wurde ihm jedoch eine Vertretungsstelle bei der Betriebskrankenkasse der Hamburger Schiffswerft Blohm und Voss angeboten mit der Aussicht auf eine fixe Anstellung, sofern der schwer erkrankte Stelleninhaber, ein Dr. Rosam, sich nicht mehr erholen würde. Allerdings wurde dieser zur Jahresmitte hin wieder gesund und Huldschiner verlor den finanziell sehr lukrativen Posten als Versicherungsarzt. Einerseits war er ob der entgangenen Karrieremöglichkeit enttäuscht, auf der anderen Seite bedauerte er es, dass er aufgrund des hohen Arbeitspensums nicht zum Schreiben gekommen sei: 427 Vgl. Huldschiner 1908b. 428 Vgl. Huldschiner 1908d; zeitgleich mit der Veröffentlichung als Roman publizierte die Rigasche Rundschau den Roman in einer täglichen Fortsetzung in ihrem Feuilleton. 124 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Denn wenn ich auch gegen eine jährliche Magnateneinnahme nicht ganz unempfindlich bin, so ist mir doch das angestrengte Arbeiten gelegentlich über den Kopf gewachsen, und ganz abgesehen von meinem Hang zur Faulheit, bin ich auch während der ganzen Zeit kaum zu dem gekommen, was meine Freude ausmacht, nämlich zum schriftstellerischen Schaffen. So habe ich also schon lang nichts Rechtes geschrieben […]429 Die Sommermonate verbrachte Huldschiner wie beinahe jedes Jahr in Tirol, um dort Bergtouren zu unternehmen. Außerdem verlebte er einige Tage in Verona und Venedig, über die er schwärmerisch schreibt: [Ich] war auch einige Tage in Verona und Venedig, und kam wieder als ein Mensch, der nun erst begreift, warum es den Deutschen – und sei es auch nur ein deutscher Jude – so sehr nach Italien zieht.430 Über sein Privat- und Liebesleben geben die wenigen vorhandenen Quellen leider sehr wenig Auskunft. Im September 1908 stellt Huldschiner als Antwort auf die erneute Nachfrage von Grunwald, ob er denn schon verheiratet sei, fest: Im Übrigen bin ich noch so unverheiratet als möglich, bin nicht verliebt, was ich selbst bedaure, und gedenke auch fernerhin dem löblichen Stand der Junggesellen treu zu bleiben.431 Ob die Aussage seine wahren Gefühle ausdrückte oder nur dazu diente, um das unter Umständen als lästig empfundene Nachfragen seiner Mitmenschen über seine Heiratsabsichten abzuwürgen, ist leider nicht belegbar. Der historische Roman Starkenberg erschien im Berliner Fleischel Verlag und handelt während der Herrschaft von Herzog Friedrich IV. im Tirol des frühen 15. Jahrhunderts. Huldschiner vermengt historische Fakten und Figuren mit einer fiktiven Liebesgeschichte rund um den historisch verbürgten Ulrich von Starkenberg und seine Geliebte Elsbeth Epfinger. Die Familie von Starkenberg war eine jener Tiroler Adelsfamilien, die im sogenannten Falkenbund432 zusammen mit anderen Familien in Opposition zum Habsburger Landesherren Herzog Friedrich IV. (der den Beinamen »mit der leeren Tasche« trug) standen. Unter den beiden Brüder Ulrich und Wilhelm von Starkenberg erlebte das Adelsgeschlecht seine größte Machtfülle und besaß, wie auch im Roman geschildert, u. a. die Burgen Hocheppan, Schenna und Greifenstein. Ulrich wurde während der Verteidigung 429 Huldschiner 28.09.1908. 430 Ebd. 431 Huldschiner 28.09.1908. 432 Der historische Falkenbund diente dazu, die Rechte der niederen Tiroler Adelsfamilien gegen- über den Herzögen zu wahren, und war somit auch gegen Friedrich gerichtet, der das Bündnis zu entschärfen versuchte, indem er diesem selbst beitrat und so immer mehr Mitglieder auf seine Seite ziehen konnte. Auch im Roman wird dieser machtpolitische Schachzug Friedrichs thematisiert. 125 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Greifensteins getötet, während sein Bruder nach der Eroberung Greifensteins durch Friedrich außer Landes floh. So weit die historischen Fakten.433 Huldschiner erdichtete zusätzlich zur Liebesgeschichte rund um Elsbeth einen Bruderzwist, der zu Beginn ausgestanden scheint, dann aufgrund einer unehrenhaften Tat, nämlich der Vergewaltigung Elsbeths durch Ulrich, erneut ausbricht. Die Handlung beginnt mit einer Art Prolog und setzt in Bozen im Herzogspalast434 ein, wo sich die Gebrüder Ulrich und Wilhelm Starkenberg nach einem Erbschaftsstreit dank der Intervention des Herzogs und weiterer Mitglieder des Falkenbundes versöhnen und dies mit einem Kostümfest feiern. Der Herzog, seines Zeichens Mitglied des inoffiziell gegen ihn selbst gerichteten Falkenbundes, versucht, seine Feinde gegeneinander auszuspielen. Seine Gegner wiederum planen einen Aufstand gegen den Herzog. Während der Feierlichkeiten wird ein ohnmächtig gewordenes Mädchen namens Elsbeth Epfinger, die Tochter eines Bozner Ratsherren, in den Festsaal getragen. Sie sei von einem Mann, der eine Sarazenentracht trägt, vergewaltigt worden. Da sowohl Ulrich als auch Wilhelm ein solches Gewand tragen, werden beide verdächtigt, die Tat begangen zu haben. Es stellt sich heraus, dass Ulrich der Vergewaltiger gewesen ist. Wilhelm stürzt sich erzürnt auf seinen Bruder, um ihn im Kampf für seine Schandtat zu bestrafen. Die verbündeten anwesenden Adeligen gehen aber dazwischen und verhindern Schlimmeres. Sie befürchten, dass durch den wiederentflammten Streit zwischen den Starkenbergs das Bündnis gegen den Herzog zerbrechen könnte. Der Roman gliedert sich in zwei Bücher. Das erste Buch trägt den Titel Hoch-Eppan435 und schildert nach dem erwähnten Prolog (der zugleich Teil des ersten Buches ist) die Vorkommnisse auf der Burg Hocheppan, zu der Wilhelm Starkenberg nach dem Streit mit seinem Bruder flüchtet. Auf dem Weg dorthin trifft er auf Elsbeth, welche von ihrem Vater verstoßen worden ist und nun von ihrem Vergewaltiger verlangt, dass er sie umbringt, damit sie von ihrem Leid erlöst werde. Wilhelm betont seine Unschuld und 433 Woher Huldschiner diese Fakten bezieht, ist nicht bekannt. Ähnlich wie bei anderen historischen Erzählungen und Romanen, die sich auf Ereignisse im Raum Bozen beziehen, könnte er auch hier Andreas Simeoners Stadtgeschichte Die Stadt Bozen, erschienen 1890, als Quelle verwendet haben (vgl. Simeoner 1890, S. 67 – 69). 434 Huldschiners Beschreibung der Lage und des Ausssehens des Palasts lassen darauf schließen, dass er sich auf das ehemalige landesfürstliche Amtsgebäude (heute beherbergt es das Naturmuseum) in der Bozner Bindergasse Nr. 1 beziehen könnte. Dafür spricht auch die Lage des fiktiven Palastes, nur wenige Schritte entfernt von Huldschiners Wohnhaus während seiner Kindheit, der Engelsburg. 435 Huldschiner wählt diese Schreibweise im Roman. Abb . 13: Starkenberg (1908) . 126 Andreas Micheli: Richard Huldschiner nimmt das Mädchen mit nach Hocheppan, wo sie sich als Magd verdingt. Sein Bruder Ulrich hingegen schwört für die öffentliche Beschuldigung als Vergewaltiger Rache und belagert Hocheppan, nachdem Wilhelm zu seiner zweiten Burg, der Burg Schenna, weitergeritten ist und Elsbeth allein auf Hocheppan zurückgelassen hat. Huldschiner spitzt die Geschehnisse im Roman zu, indem er eine Pest epidemie ausbrechen lässt, die auch in der historischen Realität weite Teile Tirols erfasst hatte, allerdings einige Jahrzehnte vor dem im Roman geschilderten Kampf der Starkenbergs gegen Herzog Friedrich. Dass es Huldschiner aber nicht darum ging, seinen Roman allzu stark an historische Tatsachen zu knüpfen, macht er in einer im Literarischen Echo erschienenen Selbstrezension seines Romans deutlich. So hätten ihn die vielen Burgen zwischen Bozen und Meran zum Verfassen des Romans inspiriert: Der Stimmung, die den Beschauer aus diesem Gemäuer [der besagten Burgen] anweht, gerecht zu werden, schrieb ich den Roman, der kein historischer im landläufigen Sinn sein soll. Den großen geschichtlichen Zügen des angehenden fünfzehnten Jahrhunderts treu, wehrte ich frei gefundenem Schicksal nicht, in ungebundenen Ranken aufzuschießen, wie es mochte. In keiner Chronik lebt und stirbt Elsbeth, die Epfingerin, oder der Bruderzwist der Starkenberge. Aber wie sie leben und sterben, von der Pest oder vom Kartaunenschuß oder vom Hunger niedergeworfen, das suchte ich aus dem Geist ihrer Zeit heraus zu gestalten.436 Die Pest wütet auch in den umliegenden Dörfern. Die Burgbewohner fürchten, dass sie ebenfalls bald infiziert werden könnten. Die Krankheitsfälle auf der Burg mehren sich, und Elsbeth und die anderen Mägde pflegen die Kranken. Besonders in diesem Romanabschnitt wird der damalige Aberglaube bezüglich Herkunft und die mögliche Heilung und Ansteckung der Pestilenz ausführlich thematisiert. Huldschiner konnte hier als Arzt aus dem Vollen seines Wissens schöpfen. Die Krankheit rafft immer mehr Burgbewohner dahin, sodass es Ulrich schließlich gelingt, die Burg einzunehmen. Elsbeth begegnet Ulrich mit Hass und Feindseligkeit und attackiert ihn mit einem Messer, doch seine Rüstung verhindert eine größere Verletzung. Elsbeth folgt Ulrich trotz des misslungenen Mordversuches nach Burg Greifenstein. Dort kann sie sich innerhalb der Mauern frei bewegen, verlässt sie die Burg aber, gilt Elsbeth als vogelfrei und ihr droht der Tod durch die Soldaten Ulrichs. Im zweiten Buch des Romans wechselt der Schauplatz der Haupthandlung von Hocheppan nach Greifenstein. Dies ist zugleich auch der Titel des zweiten Teiles. Die Pestepidemie klingt ab, der Sommer bricht an. Der Herzog möchte die sehr gut befestigte Burg Greifenstein seines Feindes Ulrich von Starkenberg erobern, damit die Angriffe und Plünderungen von Bozen durch Ulrich aufhören und der Rest des inzwischen zum größeren Teil entmachteten Falkenbunds besiegt werden kann. Der Herzog belagert ebenfalls die Burg von Wilhelm von Starkenberg. Im weiteren Verlauf der Handlung wird Wilhelm allerdings nicht mehr erwähnt. 436 Huldschiner 1908d, S. 377 – 378. 127 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Die letzten Verbündeten Ulrichs schließen Frieden mit dem Herzog, sodass sich Ulrich allein gegen seine Feinde verteidigen muss. Derart in die Defensive gedrängt, lässt er in Bozen einen Brand legen, um seinen Feinden Einhalt zu gebieten. Obwohl Elsbeth am Hof Ulrichs de facto eine Gefangene ist, hat sie sich als von allen Verstoßene mit ihrem Schicksal abgefunden: Was hatte sie den Menschen getan, daß sie ihr nirgends Ruhe ließen. Wie ein Wild war sie gehetzt; nun hatte sie eine Zuflucht gefunden, und die ließ sie sich nicht rauben. Mit den Zähnen wollte sie sie verteidigen, wenn es sein mußte. (Stb: 155) Später verliebt sie sich sogar in Ulrich, der ein Held [ist], kein Räuber, der im Dunkeln schleicht. Alles gehört ihm zu eigen. Ich will mich klein machen und ihm dienen; seine Magd will ich sein, wenn er mich seines Atems würdigt. (Stb: 155) Ulrich wiederum behandelt Elsbeth mit äußerster Brutalität, während sie die Schläge und die Demütigung richtiggehend genießt. Huldschiner beschreibt die gewalttätige Szene sehr anschaulich: Sie wehrte sich nicht, sah unter seinen Schlägen selig zu ihm auf und kroch ganz zu seinen Füßen hin […] sie haschte mit dem Mund nach seiner Hand, um sie zu küssen, umfaßte wild seine Beine, drückte ihr Gesicht an seine Knie, nicht achtend der Schläge, die auf sie heruntersausten, das Blut floß ihr aus Nase und Mund, aber immer noch stammelte sie heiße Liebesworte. (Stb: 147) Nach einem erfolgreich abgewehrten Angriff auf die Burg kommen sich Ulrich und Elsbeth näher und schlafen miteinander. Aus der anfänglichen gegenseitigen Verabscheuung erwächst eine innige Liebesbeziehung. Durch die lange Belagerung von Greifenstein werden die Nahrungsmittel knapp. Um die Gegner zu täuschen und den Anschein zu erwecken, dass die Versorgungslage nicht gefährdet sei, werfen die Greifensteiner ein Schwein über die Außenmauern. Hier bediente sich Huldschiner einer alten Tiroler Legende, die auch Oswald von Wolkenstein in einem Lied verarbeitet hatte und welche die Burg Greifenstein unter dem Namen Sauschloss bekannt machte. Allerdings lassen sich die Belagerer in Huldschiners Geschichte, im Gegensatz zur Legende, nicht von der List täuschen. Verschiedene Vermittlungsversuche der Bozner Bürgerschaft zwischen Ulrich von Starkenberg und Herzog Friedrich unter der Führung des Ratsherren Epfinger, Elsbeths Vater, scheitern aufgrund der Unnachgiebigkeit Ulrichs. Die Delegation der Bürgerschaft wird nach den gescheiterten Friedensgesprächen auf dem Weg zurück in die Stadt von Soldaten Ulrichs gegen dessen Willen ermordet. Ulrichs Untergebene beginnen die Ausweglosigkeit der Belagerung zu erkennen und drängen ihn zur Kapitulation. So verlässt er zusammen mit Elsbeth und wenigen Getreuen die Burg in Richtung Hocheppan. Als sie in Sichtweite des Schlosses sind, erkennen sie, dass das Schloss brennt und Ulrich somit »zwei Burgen in einer Nacht verloren« 128 Andreas Micheli: Richard Huldschiner (Stb: 220) hat. In einer Art Epilog deutet Huldschiner an, dass Ulrich und Elsbeth, die inzwischen schwanger ist, über das Passeiertal, wo sie heiraten, nach Bayern flüchten wollen. In den wenigen aufgefundenen Rezensionen wird das Werk recht positiv besprochen. Besonders Karl Hans Strobl lobt in seiner Besprechung für Das literarische Echo die »straffe Klarheit, die nicht mit den Worten um ›Stimmung‹ wirbt, sondern sie durch die gehaltene Ruhe der Erzählung dem Leser suggeriert«437. Zudem sei der Roman zu lesen »wie eine alte Chronik«438. So rühmt Strobl die Distanziertheit, mit der Huldschiner die Ereignisse im Roman nachzeichnet, d. h., er überlasse es dem Leser, »sich auszudeuten, auf welchen Wegen sich seine Menschen innerlich zueinander finden und voneinander lösen«439. Weiterhin könne man den Roman aufgrund seiner distanzierten Darstellung »am ehesten mit Storms chronikartigen Novellen vergleichen«440. Der Roman sei »eine Geschichte von Schande und Not und Haß und einer aus alledem brennenden, unverbrüchlichen Liebe«441, in deren Zentrum die Figur Elsbeth stehe, welche »die Schrecken der Pest und der Belagerung« überlebt habe und deren Herz »hart und kühn« sei, »so daß sie [sich] der Härte und Kühnheit des Geliebten [als] würdig«442 erweise. Zwar sei »die deutsche Literatur […] nicht arm an Darstellungen der Pest, aber es wird kaum eine geben, die sich der in Huldschiners Roman an Kraft und Eindringlichkeit vergleichen ließe«443. Auch ein ungenannter Rezensent in der Bozner Zeitung findet für Starkenberg lobende Worte: Was dem Werk seinen besonderen Reiz gibt, ist die Fülle kulturhistorisch bedeutsamen [sic!] Details. Kein »historischer« Roman, kein Buch von Schlägereien gleichgültiger Raufbolde aus vergangener Zeit, sondern ein gewaltiges Gemälde jenes Jahrhunderts neuen Werdens und Entstehens, dessen Flammenzeichen Blut, Brand und Tod weithin leuchteten.444 In seiner Buchbesprechung für das Grazer Volksblatt beschrieb der Kritiker Franz Zach den Roman als ein düsteres Gemälde von dem Bruderkampfe der beiden Starkenberg, vom Kampfe der Städte gegen den Adel, des Adels gegen den Fürsten aus der Zeit, als Herzog Friedrich von Österreich über Tirol herrschte.445 437 Strobl 1909, S. 886. 438 Ebd., S. 885. 439 Ebd. 440 Ebd., S. 886. 441 Ebd. 442 Ebd. 443 Ebd. 444 Bozner Zeitung 1909, S. 6. 445 Zach 1908, S. 6. 129 Die Hamburger Jahre (1898 – 1912): Huldschiners dichterisches Erwachen Zudem sei die Sprache Huldschiners »von einer ganz eigenartigen düsteren Schönheit«446, wobei Zach aber einwirft, dass genau diese dazu beitrage, dass sich der Leser nicht wohlfühle »zwischen den lüsternen Kriegsknechten und Dirnen«447. Somit handle es sich um eine »Lektüre für Männer mit starken Nerven«448. Positive Worte fand auch ein Rezensent im Pester Lloyd, der die Authentizität des Romans hervorhebt, da der Autor auf die »bei schwächeren Schriftstellern beliebten archaisierenden Mätzchen und manierierten stilistischen Notbehelfe«449 verzichtet habe. So gelinge es ihm, »die reich bewegte Handlung mit den haarscharfen Einzelbildern so innig und glücklich zu verknüpfen, daß ein Stück Vergangenheit vor unseren Blicken wieder lebendig«450 werde. Der Kritiker lobt vor allem Huldschiners direkte Darstellungsweise, die auf Idealisierung verzichte und der es trotzdem gelinge, den Leser bei der Stange zu halten: Und trotz dieser grausamen Realität fühlen wir uns den rauhen Kindern dieser rauhen Zeit verwandt; ahnen wir in ihren rohen Gewalttaten den Keim zu künftigem Kulturwerk. Ueber all den Feuern des Hasses und der Vernichtung flammt die Morgenröte einer neuen, besseren Zeit versöhnend auf.451 Wie die anderen Rezensenten auch streicht der Kritiker des Pester Lloyd vor allem Huldschiners Darstellung der Pest positiv heraus: Der Glanzpunkt dieses kernigen Buches ist die schaurig-schöne Schilderung der Pest: schon dieses Meisterstück der Gestaltungskraft hebt »Starkenberg« in die Sphäre des großen, echten Kunstwerkes empor.452 Schließlich findet Huldschiners Roman auch in der renommierten New Yorker Kulturzeitschrift The Nation Erwähnung. So bemerkt der Rezensent über den Roman: Huldschiner handles his material with the poet’s imaginative insight and with great dramatic power. Whatever his sources for this story of brotherly feud, of the kidnapping of an innocent girl, and the ravages of the epidemic, he conveys the impression that he has lent a living voice to the old chronicles.453 Seine beiden Romane Starkenberg und Das adelige Schützenfest, aber auch Erzählungen wie Der Tod der Gismonda Boccalino, Der Tod der Deborah Traub oder Die Sommerfahrt des Benvenuto Cellini spiegeln Huldschiners großes Interesse an geschichtlichen Stoffen wider. 446 Ebd. 447 Ebd. 448 Ebd. 449 f. d. 1909, S. 21. 450 Ebd. 451 Ebd. 452 Ebd. 453 Ende 1909, S. 600.

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References

Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.