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5 Exkurs I: Huldschiner als Dichterarzt in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 45 - 48

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-45

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
45 5 Exkurs I: Huldschiner als Dichterarzt Poesie ist die große Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit. Der Poet ist also der transzendentale Arzt.181 Auch wenn das Zitat Novalis’ die Wirkungsmächtigkeit von Poesie bzw. die Rolle des Poeten und seinen Einfluss auf die Gesellschaft ein wenig übertreibt, so drückt es doch auch ein gewisses Selbstverständnis aus. Demnach sei Poesie mehr als die Aneinanderreihung von Wörtern, sie habe vielmehr Einfluss auf Körper und Geist und erzeuge physisches und seelisches Wohlbefinden. Die Poesie schaltet und waltet mit Schmerz und Kitzel, mit Lust und Unlust, Irrtum und Wahrheit, Gesundheit und Krankheit. Sie mischt alles zu ihrem großen Zweck der Zwecke – der Erhebung des Menschen über sich selbst.182 Huldschiners Poesie ist jedoch eine andere: Was in sehr vielen Texten anzutreffen ist, ist die Sehnsucht. Seine Figuren, autobiografisch geprägt oder nicht, wünschen sich irgendwo anders hin, sind mit ihrem Sein, mit ihrer Gegenwart nicht zufrieden. Häufig ist die Flucht der einzige Ausweg, der sich aber noch häufiger als Irrweg erweist und neue Sehnsüchte nach einem besseren Leben, einer besseren Existenz hervorbringt. Somit heilen Huldschiners Figuren im Sinne Novalis’ nicht – doch wenn es der Leser zulässt, zeigen sie Wege auf, die zu gehen möglich sind; sie geben somit einerseits Kraft, einen Wechsel herbeizuführen, während andererseits der Wunsch stärker wird, irgendwo anders zu sein. Der Hamburger Philologe Benno Diederich stellt in seinem biografisch-literaturwissenschaftlichen Essay über Richard Huldschiner Ähnliches fest: Indessen Liebe und Sehnsucht zur Heimat, ein gehaltener, vornehmer Stil machen noch keinen Dichter. Wesentlicher ist, wie mit diesem Natur und Stil eine Gesamtheit bilden, die als die Künstlergabe erscheint, die der absichtlichen Heimatkunst so häufig versagt ist, als die Gabe, Gestalten zu schaffen und mit der unwillkürlichen 181 Novalis 2001, S. 380. 182 Ebd. 46 Andreas Micheli: Richard Huldschiner sympathetischen Kraft, die ein eigentliches Merkmal des Genies ist, unser Herz zu rühren.183 Zudem zeichnet sich Huldschiners Poesie durch ihre stete Auseinandersetzung mit der Natur aus. So dient sie manchmal der Verstärkung der jeweiligen Gefühlslagen der handelnden Figuren, ihr Hauptzweck ist aber ein anderer: [Huldschiners] Natur ist nicht diejenige, die der Salontiroler besucht, und objektiv betrachtet ist seine Naturschilderung genau so weit entfernt von dessen gegenstandslosem Geschwätz wie von der minutiösen Detailmalerei der sogenannten Heimatkunst, deren Mühsal und Beladenheit manchem das Talent ersetzen muß. Unseres Dichters Naturschilderung zeichnet sich durch eine gewisse klare, helle Deutlichkeit, wie das naturfrohe Auge des unbefangenen Wanderers die Landschaft sieht, indem es ihre Linien nachzeichnet und ihre Farben erkennt.184 So unterschiedlich Schiller, Büchner, Schnitzler, Benn, Döblin und Huldschiner als Autoren auch waren, sie hatten doch eines gemeinsam: Sie gingen alle den gleichen zwei Berufen nach, waren Dichter und Arzt in einer Person. Allerdings divergierte das Interesse am Brotberuf bei allen genannten Dichterärzten stark. Daher stellt sich die Frage, zu welchem Typ Dichterarzt Huldschiner gezählt werden kann bzw. ob es überhaupt opportun ist, Menschen in Schubladen zu stecken und sie nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu kategorisieren. Der Kinderarzt und Publizist Wilhelm Theopold zeigt in seiner vergleichenden Studie über Dichterärzte aus fünf Jahrhunderten eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, nämlich den »Hang zur Poesie, den Drang zum künstlerischen Ausdruck von Empfinden und Gedanken, die Lust am Spiel mit der Sprache«185. Der Dermatologe und Schriftsteller Theodor Nasemann wiederum geht in seinem Essay davon aus, dass es der Arztberuf vielen Dichterärzten überhaupt erst ermöglicht hatte, schriftstellerisch tätig zu sein, da er eine gewisse finanzielle Absicherung garantierte. Nasemann führt drei Typen von Dichterärzten an: • Dichter, die anfangs als Ärzte arbeiteten, sich dann immer mehr der Dichtung zuwandten und schließlich ihren Beruf aufgaben (z. B. Friedrich Schiller), jedoch unter der Voraussetzung, dass sie durch ihre schriftstellerische Tätigkeit finanziell abgesichert waren186, • Dichter, die erst später den Arztberuf ergriffen und schließlich beide Tätigkeiten ausübten187, • Dichter, die den Arztberuf zeit ihres Berufslebens neben der Schriftstellerei ausübten188. 183 Diederich 1911, 241 f. 184 Ebd., S. 239. 185 Theopold 1986, S. 10. 186 Vgl. Nasemann S. 2. 187 Vgl. ebd. 188 Vgl. ebd. 47 Exkurs I: Huldschiner als Dichterarzt Nasemann ist der Ansicht, dass nur ein kleiner Teil der Dichterärzte »beide Seiten ihres Wesens mit gleicher innerer Befriedigung verwirklicht«189 habe. Der weitaus größte Teil der untersuchten Dichterärzte habe zwischen den beiden Spannungspolen mal in Leid, mal in Freude gelebt, also im Glanz und Elend ihrer Doppelbegabung, was schließlich in den späteren Lebensjahren dazu führte, daß immer mehr Zeit der Poesie, dem lyrischen Schaffen, gewidmet wurde.190 Nasemann streicht in seinem Essay ebenso heraus, dass die meisten Dichterärzte, welche ein wirkungsmächtiges poetisches Werk hinterließen, als Mediziner eher medioker waren, während diejenigen, die im medizinischen Bereich nachhaltig erfolgreich waren, häufig mittelmäßige Dichter waren.191 Richard Huldschiner lässt sich wohl am ehesten der dritten Gruppe zuordnen, da er den größeren Teil seines Arbeitslebens (1896 – 1919) als Arzt praktiziert hatte, jedoch über die Jahre hinweg mit immer größerem Unwillen. Ob Huldschiner ein talentierter und erfolgreicher Arzt gewesen ist, lässt sich nicht endgültig feststellen. Misst man ärztliches Talent an wissenschaftlichen Publikationen, so kann es als eher gering angesehen werden, konnten doch nur fünf Aufsätze bibliografisch nachgewiesen werden, und zwar verfasst und publiziert in den Jahren 1898 und 1899.192 Allerdings war es durchaus nichts Besonderes, dass promovierte Ärzte nach ihrer Dissertation häufig nichts oder nur mehr sehr wenig wissenschaftlich publizierten. In Deutschland war dies mehr die Regel als die Ausnahme. Dennoch wurde Huldschiner viele Jahre später in zwei anderen medizinischen Werken immer noch zitiert, was ein Zeichen dafür ist, dass er sehr gründlich gearbeitet und fundierte Forschungsergebnisse zutage gefördert hatte.193 Sieht man freilich Kompetenzen wie Erfahrung und Empathie als wichtiger an, könnte sich die Bemessung für Talent unter Umständen zugunsten Huldschiners verschieben, wobei auch hier Quellen, wie z. B. Patientenaussagen, fehlen. Der Arztberuf findet an mehreren Stellen Eingang in Huldschiners Werk. Vor allem die Humanität, die vielen seiner Texte immanent ist, kann zum Teil sicher auf seine Profession zurückgeführt werden. Zwar übte er den Beruf in späteren Jahren häufig mit unterschiedlich starker Leidenschaft und Interesse aus, doch blieben viele seiner Hauptfiguren menschlich im besten Sinne, d. h. trotz aller Widrigkeiten dem Guten zugeneigt, auch wenn sie letztlich oft an sich selbst oder an den Umständen scheiterten. 189 Ebd. 190 Ebd. 191 Vgl. ebd., S. 3. 192 Vgl. Huldschiner 1898a; Huldschiner 1898b; Huldschiner 1899b; Huldschiner 1899a; Huldschiner 1899c. 193 Vgl. Prosser 1920, S. 203; Hueper 1942, 483 f.; 553 f.

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.