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4 Die Studienjahre (1891 – 1898) in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 41 - 44

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-41

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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41 4 Die Studienjahre (1891 – 1898) 1 – 1 Von dem Tag an, wo er zum ersten Mal in die Fremde gegangen war, bis auf die heutige Stunde hatte er sich immer gesehnt. Sein ganzes Leben war Heimweh gewesen. Freilich, die anderen hatten es nie erfahren. Sie schalten über seine wortkarge finstre Art und warfen ihm Hochmut vor. (DsS: 16) Richard Huldschiners Entscheidung, Arzt zu werden, war eine durchaus typische: Medizin gehörte, gefolgt von Jura, zu den beliebtesten Studienfächern junger jüdischer Männer. Exemplarisch belegt werden kann dies u. a. durch eine Untersuchung von sechs Gymnasien im Großherzogtum Posen in den Jahren 1851 bis 1914, welche ergab, dass 37 Prozent der jüdischen Abiturienten beabsichtigten, an deutschen Universitäten Medizin zu studieren.160 Außerdem war der Arztberuf für Juden seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein traditionell der am leichtesten zugängliche akademische Beruf. Auch nach der staatsrechtlichen Gleichstellung blieben viele jüdische Familien konservativ in der Berufswahl. Molik stellt hierzu fest: Tradition, soziales Prestige und die gewöhnlich hohen Einkünfte, die die Ausübung des Arztberufes mit sich brachte, waren nicht die einzigen Faktoren, die seine Popularität im jüdischen Milieu ausmachten. Nach Meinung von Monika Richarz (1974) sicherte er den jüdischen Akademikern »trotz aller Beschränkungen der Aufstiegsmöglichkeiten mehr Freiheit und Unangefochtenheit zu, als die Juden in anderen akademischen Berufen erreichen konnten«.161 Zwar hatten Richard Huldschiners Vater und Großvater mütterlicherseits nicht studiert, doch sahen auch sie in einem Universitätsstudium für ihre Kinder und Enkel die beste Möglichkeit, Karriere zu machen. Dies wird daran deutlich, dass nicht nur Richard, sondern auch sein Bruder Gottfried erfolgreich ein Studium absolvierte.162 Auch Johanna 160 Vgl. Molik 1992, S. 473. 161 Molik 1992, S. 475. 162 Vgl. Gottfried Huldschiners Dissertationsschrift Über das Pendeln parallelgeschalteter Drehstromgeneratoren, publiziert 1906 und eingereicht an der Technischen Hochschule München. 42 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Huldschiner galt als hochgebildete Frau und wurde im damals angesehenen deutschjüdischen Pensionat des Dr. Arnstein in Fürth unterrichtet.163 Mit seiner Berufswahl war Richard Huldschiner, im Nachhinein jedenfalls, nicht besonders zufrieden. So bemerkt er über seine spätere Profession ganz lapidar: »Arzt sollte ich werden und bin’s geworden.«164 Das Studium selbst absolvierte er zielstrebig und mit »einer freundlichen Leidenschaft, die sich erst viel später wandelte.«165. In seinem 1921 erschienenen, autobiografisch gefärbten Roman Beatus erklärt er die Berufswahl seines Protagonisten, der ebenfalls als Mediziner tätig ist, ähnlich: Sie nannten ihn [Beatus] den »Milden«, weil er auch gegen seine Neigung manches tat oder duldete, was ihm aus irgendeiner Pflichterkenntnis als notwendig erschien. (Bea: 8) Nach dem ersten Semester in München an der Ludwig-Maximilians-Universität wechselte er für ein Semester an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin,166 um dann für zwei Semester in Würzburg an der Julius-Maximilians-Universität weiterzustudieren.167 Interessanterweise führen die verschiedenen Inskriptionslisten der Universitäten mit einer Ausnahme168 stets Adressen in Gleiwitz als Heimatadresse Richard Huldschiners an. Ob Huldschiner auch in den Semesterferien dort gewohnt hatte oder ob die Angabe einer deutschen anstelle einer österreichischen Adresse studientechnische Gründe hatte, lässt sich aufgrund der Quellenlage nicht feststellen. Schließlich nahm er im Sommersemester 1893 sein Studium in München wieder auf.169 Ein mehrfacher Wechsel des Studienortes war damals durchaus üblich und ermöglichte es den Studenten, mehrere Orte kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Ob Huldschiner während seines Studiums mit den jeweiligen Gegebenheiten in München, Berlin und Würzburg zufrieden war, ist nicht bekannt. Allerdings finden sich im bereits zitierten Essay Zauberland einige autobiografische Andeutungen, mittels deren sich Vermutungen zu seiner Befindlichkeit während jener Phase seines Lebens anstellen lassen. Um welche Textgattung es sich bei Zauberland handelt, ist nicht eindeutig feststellbar. Der Text trägt Züge eines Essays, in welchem ein Ich-Erzähler über die Schönheiten des Frühlings philosophiert und dies an einem persönlichen Erlebnis festmacht, nämlich an einer Reise von seinem Studienort über Landeck und Nauders nach Südtirol. Für den Ich-Erzähler bedeutet das Wandern in der freien Natur die langersehnte Freiheit nach einem langen Winter in der Stadt. So weiß der Mensch, »daß er auferstehen wird, wenn die Weiden ihre Kätzchen aushängen und der Krokus in den Wiesen steht« (Zbl: 579). Und weiter: »Der Frühling ist ein erstes Freiheitsahnen der Menschen, ein frohes Erwachen zum Selbstbewusstsein« (Zbl: 579). 163 Vgl. Huldschiner o. J., S. 4. 164 Huldschiner 1910c, S. 551. 165 Huldschiner 1927a, S. 6. 166 Vgl. Friedrich-Wilhelms-Universität 1891 / 1892, S. 81. 167 Vgl. E-Mail-Auskunft von K. Wülk (Universitätsarchiv Würzburg) (21.05.2013). 168 Vgl. Ludwig-Maximilians-Universität 1893, S. 64. Hier wird »Bozen, Österreich« als seine Heimat angegeben. 169 Vgl. ebd. 43 Die Studienjahre (1891 – 1898) Huldschiner erwähnte schon in anderen Briefen und Texten, dass er vor allem während seiner Jugend nicht besonders glücklich gewesen sei. Im Folgenden findet sich durch den Filter des Ich-Erzählers eine weitere Stellungnahme, dieses Mal bezogen auf dessen erstes Studiensemester: […] ich kam auf die Universität und mein Herz hämmerte ungeduldig; nun mußte es ja kommen, das Unbekannte, das ich in den ekstatischen Träumen gesehen hatte; aber man sprach von Bier und Weibern, und ich wurde nicht frei. (Zbl: 579) Der Ich-Erzähler berichtet weiter, wie er nach dem Ende des ersten Semesters enttäuscht heimfährt. Sobald er aber die Berge erreicht und die erste Nacht in einem einsamen Bergdorf verbracht hat und der Morgen anbricht, tritt er »hinaus [auf die Straße], die der Quelle des Bergstroms entgegenführt, […] holte Atem – und […] wurde frei […]« (Zbl: 580). Über Landeck nach Nauders zieht es den Erzähler immer weiter in Richtung »Land der Freiheit« (Zbl: 580). Huldschiner beschreibt den Weg bis zum Reschen ausführlich, immer wieder gibt er genaue, aber poetisch romantisierte Landschaftsbeschreibungen. Auch die Einheimischen, zumeist einfache Menschen, werden von Huldschiner liebevoll gezeichnet: freundlich, zuvorkommend und überaus gastfreundlich. Wird das nördliche Tirol schon derart positiv beschrieben, steigert sich die Begeisterung des Ich-Erzählers noch weiter, als er endlich den Reschenpass überquert: Jenseits mochte eine andere Welt sich öffnen, ein schöneres, größeres Land, ein hellerer Himmel, stolzere Berge, weißgeballte Wolken stiegen hinter ihren Kämmen empor, und mein Herz klopfte im leichten gleichen Takt und trug die Freude vor mir her, wie eine flatternde Fahne. (Zbl: 583) Nachdem er den Pass überquert hat, erreicht er ein Dorf170, wo er ein Mädchen namens Mena erblickt, in das er sich sofort verliebt. Huldschiner beschreibt das Aussehen des Mädchens in allen Einzelheiten und lässt seinen Ich-Erzähler feststellen: Wenn man jung ist und frei geworden ist, wenn man die Unfreiheit abgeschüttelt hat wie ein altes, grämliches Kleid, das man nie mehr tragen will, wenn man auf die Wanderschaft gegangen ist und ins Ferne, Unbekannte zieht, warum sollte man da einen roten Mund nicht küssen. (Zbl: 584) Was an dem Erlebnis autobiografisch ist, lässt sich freilich nicht eruieren, fest steht aber, dass die verschiedenen Spielarten der körperlichen Liebe in vielen Geschichten und Romanen Huldschiners eine wichtige Rolle spielen. So stellt Huldschiner die Sexualität hier und an zahlreichen anderen Stellen in seinem Werk als etwas Natürliches dar: Alles, was einmal gewesen ist, versinkt ins Bodenlose. Niemand ist mehr auf der Welt als ich und du […]. Mädchen, das du unschuldig bist und kindlich wie das erste 170 Vermutlich handelt es sich dabei um das Dorf Reschen. 44 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Weib vor seinem Fall, du küssest meinen Mund und kennst und fürchtest keine Sünde. (Zbl: 584) In seinem letzten Studienjahr begann Huldschiner mit der Arbeit an seiner Dissertation171. Darin befasste er sich mit der sogenannten Elephantiasis vulvae, einer bereits damals sehr seltenen Tumorerkrankung der Vul va.172 Er ergänzte seine Ausführungen mit einer Übersicht über die be handelten Fälle von Neubildungen der Vulva in der Münchener Frauen kli nik im Zeitraum zwischen 1884 und 1894.173 Hier muss Huldschiner bei der Drucklegung ein Fehler unterlaufen sein. So gibt das Titelblatt fälschlicherweise »Dezember 1895«174 als Ende des Untersuchungszeitraumes an. Er schloss sein Studium schließlich im Wintersemester 1894 / 1895 mit der Promotion zum Doktor der allgemeinen Heilkunde erfolgreich ab. Huldschiner wurde aber als bereits promovierter Mediziner noch im Sommersemester 1895 und im folgenden Wintersemester als Student der Ludwig-Maximilians-Universität  in  den  Inskriptionslisten  geführt.175 Wahrscheinlich musste er auf seine Approbation warten, welche er erst im Jänner 1896 erhielt.176 Die Prüfung bestand er mit dem Prädikat »gut«.177 Über Huldschiners Zeit als Assistenzarzt ist wenig bekannt. Er selbst erwähnte diese Zeit in seinen Erinnerungen nur in einem Nebensatz.178 In einem biografischen Lexikon findet sich die Notiz, dass er in verschiedenen Wiener und Berliner Kliniken arbeitete,179 bis er sich im Mai 1898 als praktischer Arzt in Hamburg niederließ.180 171 Vgl. Huldschiner 1895. 172 In einem gynäkologischen Lehrwerk aus dem Jahr 1898 findet sich folgende medizinische Erklärung der Pathologie: »Die Elephantiasis besteht in einer chronischen Entzündung und in einer Dilatation der Lymphwege; sie kommt häufig in den Tropen, besonders auf den Antillen vor, jedoch selten in unserem Klima. Die Affection tritt entweder als eine mehr oder weniger beträchtliche Hypertrophie der ganzen Vulva oder einzelner Theile derselben auf« (Auvard 2013, S. 169). 173 Vgl. Huldschiner 1895, S. 25. 174 Ebd., S. 1. 175 Vgl. Ludwig-Maximilians-Universität 1895, S. 67; vgl. Ludwig-Maximilians-Universität 1895 / 1896, S. 67. Dort wird er jeweils mit seinem akademischen Grad »Dr.« angeführt. 176 Vgl. Brümmer 1913, S. 313. 177 Vgl. Approbation R. Huldschiner (beglaubigte Abschrift 10.12.1919). 178 Vgl. Huldschiner 1927a, S. 6. 179 Vgl. Brümmer 1913, S. 313. 180 Vgl. Einwohnermeldekartei Hamburg.

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.