Content

Anhang in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 355 - 356

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-355

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
355 Anhang Feldpostbrief Handschriftlich, 2 Seiten, gelocht. Privatarchiv Margaret Elizabeth Welsh. (Seite 1) Wenn es bei uns Abend wird, erlöschen alle Lichter oder werden abgeblendet, daß kein Schein über das eisstarrende Bergland hinüber zum Feinde dringt. Die anderen trösten sich mit dem Gedanken an Weihnachten. Ich denke daran, daß das jüdische Heim jetzt die Chanukka-Leuchter entzündet. Zu den Tälern unten, in der Ebene draußen, in den festgebauten Häusern des Hinterlands ist aller Glanz, alle Wärme. Wir haben nichts als den Winter und den Feind. Der Nebel kriecht aus den fahl-gelb gewordenen Tälern herauf. Vom Wald kommt ein eisiger Wind. Dann beginnen wieder die Flocken zu wirbeln. Von den Dachwölbungen der Wellblechbaracken hängen die Eiszapfen herab. Der Nebel erstickt die Geräusche. Selbst das Dröhnen der Kanonenschüsse ist leiser, fern und unwirklich. Haben unsere Haubitzen geschossen? War es der Feind? Sind Granaten auf dem Gipfel über uns krepiert? Stunde vergeht um Stunde, Tag um Tag. Und Sehnsucht nach Wärme und Licht, nach einem zärtlichen Wort kommt wie ein Dieb auf leisen Sohlen geschlichen und muß gewaltsam verjagt werden, soll sie nicht die Oberhand gewinnen. Auf felsigen Graten tief hinab gegen das Feindestal sehen die Posten in Sturm und Nacht. Zeigt sich drüben auf dem buschbewachsenen Kegel ein unvorsichtiger Bersagliere, so pfeift die Standschützenkugel und schmettert ihn in die Tiefe hinab. Duckt sich einer der Unsrigen nicht genug, so dröhnen die italienischen Salven, singend pfeifen die Kugeln vorbei und bohren sich mit mattem Laut in Fels oder Erde. Hört man die Kugel singen, so ist es gut. Die, die trifft, die hört man nicht … Patrouille-Gänge, ohne Licht in die --- (Seite 2) Nacht hinaus, Steigeisen an den Füßen, daß man nicht gleitet auf dem Eis der Wege. Fassen wir den Feind, oder faßt er uns dort unten im trügerischen Busch? Wer wird zuerst da sein, er oder wir? Wer wird zuerst im Hinterhalt liegen, er oder wir? … 356 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Am Telephon! Kriegsdepesche! Irgendwo in der Tiefe sagt eine Ordonnanz das Neueste an. An allen Apparaten des ganzen Abschnitts lauscht ein Ohr und gibt das Gesagte weiter. Hastig gleitet der Bleistift über den Falzen Papier. Froh kommentieren die Mannschaften die frischen Nachrichten. Um 9 Uhr dann ist alles dunkel und tot und schläft und träumt einem neuen Tag entgegen … Menschenleben sind wie Spreu vor dem Wind. Heute sang er mit uns im Kreise, morgen liegt er im Blut auf der Bahre, auf der wir ihn heraufgetragen haben. Einen Augenblick nur Stille und andächtige Trauer. Dann siegt das Leben über den Tod, und lebenbejahend steigt ein Lied zum schneegrauen Himmel hinauf. Einmal wird es ja den Frieden geben, aber jetzt ist Krieg, es muß gefochten sein, es muß gestorben sein, wir wollen nicht fürchten, wir wollen nicht klagen, nicht jammern um die Bequemlichkeit der Tiefen und der Städte, nicht dem Sommer nachweinen, uns nicht sehnen, nicht um die Toten Leid tragen. Sie sind im Licht, wir haben noch steinige und eisige Wege zu gehen. Aber ihr, die ihr zu Hause seid, denkt an uns, wenn die Menorah leuchtet! Noch leuchtet sie nicht zum Makkabäerkampf. Aber auch dieser Krieg schon ist vielleicht Vorstufe der Befreiung. Und wir kämpfen ihn aus mit dem Bewußtsein, daß wir mehr tun müssen als andere, weil wir weniger gelten, obschon wir wußten, daß wir nicht geringer sind als irgend einer. Richard Huldschiner

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.