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3 Kindheit und Jugend in Gleiwitz und Bozen (1872 – 1891) in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 35 - 40

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-35

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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35 3 Kindheit und Jugend in Gleiwitz und Bozen (1872 – 1891) 2 – 1 Ein frühreifes Kind bin ich, wie ich glaube, nicht gewesen; nicht dümmer, etwas faul, zerstreut, aber mit einer gewissen Geschicklichkeit zwischen den Klippen der Schule hindurchstreifend.134 Die wenigen schriftlichen Erinnerungen Richard Huldschiners an seine Kindheit in Bozen sind überwiegend positiv, wie bereits das einführende Zitat aus einem Brief an einen unbekannten Adressaten deutlich macht. Huldschiner wurde 1912 vom Schriftsteller und Journalisten Alfred Graf gebeten, für dessen Sammelband Schülerjahre seine eigenen Schulerfahrungen niederzuschreiben. In Bezug auf seine Kindheit finden sich auch hier keine dezidiert negativen Gedanken. Schülerjahre sind mir in der Erinnerung gleichbedeutend mit Gymnasialjahren. Denn die Volksschule, die ich in Bozen besuchte, war nichts als ein Spiel, dessen Eindrücke längst verblasst sind.135 Im zuerst 1912 und dann noch einmal 1929 veröffentlichten autobiografisch gefärbten Essay Der Garten erinnert sich der Ich-Erzähler an seine Kindheit zurück, wie er einst unschuldig im Garten gespielt habe. Der Garten sei »ein Garten schlecht und recht unter den Gärten« gewesen, für den Erzähler habe er dennoch »Vollkommenheit« (DGa: 292) bedeutet. Die Erinnerungen des Ich-Erzählers lassen sich aufgrund des folgenden Hinweises auf das Jahr 1879 rückdatieren und stimmen somit mit Huldschiners Kindheit zeitlich überein. So habe der Ich-Erzähler mit dem Gartenschlauch »die damals sehr zeitgemäße Ueberschwemmung von Szegedin« (DGa: 292) nachgespielt, welche 1879 beinahe die ganze Stadt zerstört und für internationales Aufsehen gesorgt habe. Dagegen findet sich im 1911 erschienenen, ebenfalls autobiografisch gefärbten Essay Zauberland folgende durchaus kritisch zu verstehende Bemerkung über die Kindheit des Ich-Erzählers: »Ich war Knabe und war nicht frei […]« (Zbl: 579). Zwar handelt es sich bei beiden Texten um Fiktion, doch ergeben sich, wenn man die Biografie Huldschiners heranzieht, einige Schnittpunkte zwischen dem Autor und den Erzählfiguren, womit die angeführten Textbeispiele durchaus autobiografisch ver- 134 Huldschiner 30.07.1909a. 135 Huldschiner 1912a, S. 197. 36 Andreas Micheli: Richard Huldschiner standen werden können. Die zitierten, teilweise sich widersprechenden fragmentarischen Hinweise auf seine Kindheit in Bozen machen die ambivalenten Gefühlen, die er seinen Mitmenschen und Wohnorten gegenüber hatte, deutlich, denen Huldschiner zeit seines Lebens nicht entfliehen konnte. Richard Huldschiners Großmutter Flora Lehman starb im Mai 1876.136 Sechs Jahre später, im Jahr 1882, kam es zum ersten großen Bruch in Huldschiners Biografie. Wie sein Bruder Arnold zwei Jahre zuvor musste nun auch Richard Huldschiner Bozen verlassen und das Königlich-Preußische Gymnasium137 in Gleiwitz besuchen. In einer autobiografischen Rückschau auf seine Kindheit kommentiert Huldschiner den erzwungenen Ortswechsel beinahe resignierend: »Aber mein Vater war deutscher Staatsbürger geblieben, wir Kinder sollten in Deutschland leben.«138 Richard Huldschiner, ebenfalls preußischer Staatsangehöriger, wohnte bei einem kinderlosen Bruder seines Vaters und dessen Frau, die Huldschiner als »kindlich-heitere Menschen«139 charakterisierte und die ihn und seinen älteren Bruder Arnold »wie eigene Kinder hüteten«140. Wer von Adolf Huldschiners Geschwistern dieser Onkel war, lässt sich aufgrund der Lebensdaten nur vermuten: Entweder war es Moritz David oder Jakob Huldschiner. Da in den ausgewerteten Quellen nur Jakob Huldschiner erwähnt wird und diesem Richard Huldschiners Dissertation gewidmet141 ist, spricht vieles dafür, dass Huldschiner und sein älterer Bruder dort lebten und von Jakob Huldschiner erzogen wurden. Über seine Jugendzeit in Gleiwitz äußerte sich Huldschiner häufig in negativer Weise, vielleicht auch deswegen, weil er die schlesische Industriestadt stets mit der Kleinstadt Bozen verglich: Dann in Gleiwitz dunklere Jahre! Königlich Preußisches Gymnasium! Und immer, immer die Sehnsucht nach den großen Linien der Berge, die Bozen froh und stark umrahmen.142 Da ihm »Gleiwitz wie ein Exil« erschien, wurde ihm »auch das Gymnasium zu einer schweren Bürde«143. Das Lernen fiel ihm nicht schwer. Er galt unter den Lehrern sogar als guter Schüler. Allerdings hatte Huld schiner stets das Gefühl, seinen Lehrern damit etwas vorzumachen, näm lich dass er »eigentlich nichts wußte, und nur durch die selt same, un bewußt betätigte Geschick lichkeit den Eindruck er weckte, als sei [er] mit Kenntnissen geladen«144. 136 Vgl. Der Bote für Tirol und Vorarlberg 1876, S. 2. 137 Vgl. Huldschiner 1910c, S. 551. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich um dieselbe Schule handelt, die schon Richards Vater Adolf Huldschiner besucht hatte. 138 Huldschiner 1910c, S. 551. 139 Ebd. 140 Ebd. 141 »Meinem lieben Onkel Jakob Huldschiner in treuer Liebe und Dankbarkeit gewidmet« (Huldschiner 1895, S. 4). 142 Huldschiner 1910c, S. 551. 143 Huldschiner 1912a, S. 197. 144 Ebd. 37 Kindheit und Jugend in Gleiwitz und Bozen (1872 – 1891) Diese schon früh geübten, aber spät erzählten Selbst zweifel prägten Huldschiners gesamtes Erwachsenenleben und somit auch sein schrift stellerisches Schaffen. Die wenigen Monate im Jahr, die Huldschiner in Bozen und Seis am Schlern sein konnte, wo die Familie »seit Mitte der Achtziger Jahre jeden der heissen Bozner Sommer«145 verbrachte, bildeten für ihn einen Kontrast zum relativ einsamen und in sich gekehrten Leben in Gleiwitz: Ich war ziemlich krank und verschlossen, dachte viel nach und war bei den Mitschülern wegen eines gewissen Hochmuts wohl nicht sonderlich beliebt, las viel und diskutierte höchst unreif über Gott und die Welt.146 Während sich Huldschiner im zuvor angeführten Briefauszug relativ offen zu seiner Au- ßenseiterposition geäußert hatte, widerspricht er dieser Aussage zum Teil in seinen für ein breites Publikum verfassten Schulerinnerungen. Zwar sei er »immer etwas einsam in der Schule«147 gewesen, doch »hatte [ich] dabei meine Freundschaften und Feindschaften, wurde in der Prima doch so etwas wie ein Führer, obschon in den Wissenschaften mancher andere mich weit hinter sich ließ«148. Später habe er den Primus verspottet, denn das Strebertum war mir, als ich die Dinge dieser Welt zu begreifen begann, in der Seele verhaßt, ich wollte durchs Leben kommen ohne Schwierigkeiten, aber auch ohne allzu große Anspannung meiner Kräfte. Diejenigen, die Berge türmen mußten, um sich zu behaupten, erschienen mir ebenso lächerlich wie geschmacklos.149 Welche Aussagen auch immer näher an der tatsächlichen Gefühlswelt des jungen Huldschiners gelegen haben mögen, eines ist in jedem Fall augenfällig: das Gefühl der Einsamkeit während seiner Adoleszenz, welches ähnlich wie der Selbstzweifel und die innere Unruhe prägend für seinen ganzen Lebenslauf war. 145 Vgl. Huldschiner o. J., S. 5. 146 Huldschiner 30.07.1909a. 147 Huldschiner 1912a, S. 198. 148 Ebd. 149 Ebd. Abb . 4: Richard, Elfriede und Arnold Huldschiner (v . l . n . r .) (ca . 1876) . 38 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Im bereits erwähnten Essay Zauberland fährt Huldschiners Ich-Erzähler mit dem Bericht über seine Jugendjahre fort: […] ich wurde Jüngling, ich las Schiller und wurde nicht frei; die Schranken der Schule fielen, die Alten, die es wissen mussten, sagten mir, nun sei der Tag gekommen, da wie von einem hohen Berge der Blick auf die weite Welt sich mir enthüllen werde – und ich wurde nicht frei […]. (Zbl: 579) Huldschiner, der nie verheiratet war und zeit seines Lebens keine längere Beziehung führte, bemerkte über sein jugendliches Liebesleben: Trotz sinnlicher Veranlagung hielt ich mich rein, hatte aber ein paar Schwärmereien, von denen mir eine recht nahe gegangen ist.150 Im April 1882 wurde Huldschiners jüngster Bruder Gottfried151 in Bozen geboren. Ein Jahr später, im März 1883, verstarb David Lehman an einem Herzinfarkt.152 Das Begräbnis fand unter großer Anteilnahme der Bozner Bevölkerung statt.153 Lehman wurde wie seine Frau Flora auf dem jüdischen Friedhof in Oberau bei Bozen bestattet. Ob Adolf Huldschiner das Bankgeschäft nach dem Tod seines Schwiegervaters weiterbetrieb, konnte nicht ganz geklärt werden. So schrieb Adolf Huldschiner im Juni 1883 das Geschäftslokal in der Bindergasse, welches zuvor David Lehmans Bank beherbergte, zur Vermietung aus,154 sodass davon ausgegangen werden kann, dass er die Absicht hatte, den Bankberuf aufzugeben. Seine Schwiegertochter Milly Huldschiner dagegen schreibt in ihrer Familienchronik: Nach dem Tod von David Lehman hat sein Schwiegersohn155 Adolf Huldschiner das Bankhaus übernommen. Meine Schwiegermutter erzählte oft von den alljährlichen Besuchen interessanter Persönlichkeiten, die ihre Kreditbriefe auf der Bank abholten, aber auch in privaten Verkehr mit der Familie traten. Unter ihnen waren Björnson und Ibsen. Die Verbindung zur Familie Ibsen besteht heute noch.156 150 Huldschiner 30.07.1909a. 151 Dessen Frau und Cousine Milly Huldschiner verfasste die fünfseitige Familienchronik. 152 Vgl. Constitutionelle Bozner Zeitung 1883b, S. 5. 153 Vgl. Constitutionelle Bozner Zeitung 1883a, S. 3. 154 Vgl. Der Bote für Tirol und Vorarlberg 1883, S. 7. 155 Im Original vertippte sich Milly Huldschiner und schrieb ursprünglich »Schwiegervater« statt »Schwiegersohn«, korrigierte den Fehler im Nachhinein aber handschriftlich. 156 Huldschiner o. J., 4‒5. Wie eng diese angebliche Verbindung zwischen den beiden Familien war, ist nicht bekannt. Die aktuellen biografischen Arbeiten über Ibsen erwähnen weder die Familie Huldschiner noch die Familie Lehman. Auch in der sehr umfangreichen Datenbank über Ibsens Briefwechsel sind keine Anhaltspunkte zu finden (vgl. https://bit.ly/2k0B1gt, aufgerufen am 30.04.2018). Wohl aber könnte über Ibsens Sohn, Sigurd Ibsen, Kontakt bestanden haben, da die Familie in Seis ein Ferienhaus besaß. Weitere Nachforschungen wären sicherlich interessant, würden aber den Rahmen der Arbeit sprengen. 39 Kindheit und Jugend in Gleiwitz und Bozen (1872 – 1891) Nachgewiesenermaßen war Adolf Huldschiner seit 1892 Rentier.157 Die Firma wurde schließlich im April 1896 endgültig aus dem Handelsregister gelöscht.158 Nachdem Richard Huldschiner 1891 in Gleiwitz seine Schulzeit erfolgreich mit dem Abitur beendet hatte, begann er im Sommersemester desselben Jahres an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München mit dem Medizinstudium.159 157 Vgl. E-Mail-Auskunft von K. Wülk (Universitätsarchiv Würzburg) (21.05.2013). 158 Vgl. Kritzinger 2001, S. 95, Fn. 586. 159 Vgl. Ludwig-Maximilians-Universität 1891, S. 60.

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References

Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.