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16 Schluss in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 299 - 304

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-299

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
299 16 Schluss Seine Bücher sind zu tief, zu fein und zu hoch, als daß sie je Massenerfolge geworden wären. Obwohl erste deutsche Verleger wie Albert Langen und Georg Müller sie druckten und propagierten, sind sie nie recht durchgedrungen. Aber Werke wie »Der Tod der Götter« und »Beatus« werden wohl dereinst noch einmal den allgemeinen Ruhm finden, den sie verdienen.816 Was im Rückblick auf Huldschiners Leben und Werk blieb, waren einige Romane und mehrere Erzählungen, die bei Erscheinen von der Literaturkritik zwar zum Teil gelobt worden waren, doch keine große Leserschaft erreichen konnten. Später kam eine Krankheit hinzu, die das Verfassen von weiteren Texten schwieriger machte. Einer der letzten literarischen Texte, der von Huldschiner zu Lebzeiten veröffentlicht wurde, war der Essay Die Wolken, erschienen im August 1929 in der Vossischen Zeitung. Darin berichtet ein Ich-Erzähler über seine Gefühle und Erinnerungen, die in ihm beim Betrachten von Wolken erwachsen. »Für einen kleinen Jungen« sei ein Wolkenhimmel mit einem Bilderbuch vergleichbar, »das sich von selbst umblättert und unerschöpflich bunt scheint« (DWk: 1). Eine ähnliche Wirkung auf den Ich-Erzähler hat ein riesiger Baum, den seine Mutter im Hof seiner Großeltern neben einem Brunnen gepflanzt hat: Denn man konnte zum Beispiel Gesichter mit Bärten und ohne Bärte und mit langen und kurzen Nasen in ihnen [den Blättern des Baumes] erscheinen sehen. Saß man auf dem Brunnenrand und sah in die Krone hinauf, so wurde sie zum Firmament und Weltall. (DWk: 1) Als der Ich-Erzähler den Baum nach zwanzig Jahren wiedersieht, muss er feststellen, dass die Bilder, die er als Kind im Baum erblickt hat, verloren gegangen sind. Die Wolken dagegen hätten ihre Magie behalten, »wenn man sie vom Söller oder von den Dachbodenfenstern betrachtet« (DWk: 1). Sie fuhren still oder schossen aufgeregt dahin, sie schoben Arme oder Flügel heraus, waren Schiffe und Brände und kämpfende Heere, Gottvater, Engel und Ungeheuer, helle Gärten und ge stiefelte Kater, von Schneewittchen gar nicht zu reden. (DWk: 1) 816 Davidsohn 1931, S. 3. 300 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Zudem hätten die Wolken Einfluss auf den Gemütszustand des Ich-Er zählers: Meine Seele ist hell, wenn der Morgen hell über die Berge kommt. Dann segeln ein paar weißfleckige Schiffe lustig dahin – denn es sind immer noch Schiffe – oder es sind lachende Gesichter von treuen Freunden, die vorüberkommen und Guten Tag sagen. (DWk: 1) Sind die Wolken dagegen dunkel und düster, greifen sie »mit klammernden Riesenhänden herunter nach meinem Herzen, das sich abwehrend klein macht« (DWk: 1). Schließlich erkennt der Ich-Erzähler, als er aus seinem Zimmerfenster blickt, dass die Wolken auch die Gemütsverfassung der vorbeigehenden Menschen beeinflussen würden: Denn je nach dem Himmel sind die schwarzen Wolken heimatlicher Sorgen darin aufgestiegen oder es ist die helle Ferne, die schon erlebte und die noch erhoffte, die Freude, daß Gott dem Wanderer Gunst erwiesen hat. (DWk: 1) Der Text ist erneut stark autobiografisch gefärbt. Der Ich-Erzähler berichtet von einem Innenhof samt Brunnen und großem Götterbaum, von seiner Mutter, seinen Großeltern, von verwinkelten Ecken und Dachzimmern. Das beschriebene Gebäude erinnert somit stark an Huldschiners Wohnhaus während seiner Kindheit, die Engelsburg in Bozen, die in mehrere autobiografische Texte Eingang gefunden hatte. Der Essay erzeugt beim Leser eine sentimentale Stimmung, erinnert sich der Ich-Erzähler doch an eine bessere, eine magischere Zeit zurück, nämlich die von Huldschiner immer wieder verklärte Kindheit in seiner einzig wahren Heimatstadt Bozen. Die Natur, genauer die Wolken, beeinflussen das Seelenleben des Ich-Erzählers stark. Wie in einigen anderen Texten Huldschiners auch, so trägt die Natur hier etwas Göttliches in sich und beeinflusst die Stimmung der Menschen, schenkt ihnen Kraft und Mut oder macht sie traurig und hoffnungslos. Huldschiner, der die Religion immer sehr kritisch betrachtet hatte, nimmt im Essay eine in seinem literarischen Werk sehr selten vorkommende positive Haltung dazu ein, indem er seinen Erzähler sogar einen pantheistischen Moment erleben lässt. Der Essay macht auf prägnante Weise deutlich, was Huldschiners Leben und Werk so auszeichnen, nämlich die vielen zum Teil ungeklärten Brüche, die Widersprüche in seinem Denken, Schreiben und Handeln und schließlich einige wenige Konstanten, die sich ebenfalls wie ein roter Faden durch seine Biografie ziehen. In der Industriestadt Gleiwitz geboren, verlebte er mehrere glückliche Jahre in Bozen. Der Vater, ein frommer schlesischer Jude, brachte Huldschiner die jüdische Religion und Kultur näher. Die Mutter, die Tochter eines Bozner Bankiers, war nach dem Tod des Vaters seine wichtigste Bezugsperson. Auch hatte Huldschiner zeit seines Lebens ein sehr enges Verhältnis zu seinen drei Geschwistern. Die erste große Zäsur markierte der Umzug nach Gleiwitz. Obwohl die Jahre des Erwachsenwerdens in so vielen Biografien zu den prägendsten Phasen eines Lebens gehören, fanden sie doch keinen Niederschlag in Huldschiners literarischem Werk. Gleiches galt für seine Universitätsausbildung in München, Berlin und Würzburg. Einzig im Essay Zauberland findet die Studienzeit Erwähnung. Doch auch hier ist sie nur Staffage, 301 Schluss Hintergrund für das eigentliche Thema, das sich durch viele seiner Arbeiten zieht: die Rückkehr in seine Heimat Südtirol. Doch führte ihn der Arztberuf nach seiner Assistenzzeit nicht nach Bozen, sondern in die Großstadt Hamburg, weit weg vom Schlerngebiet, das so häufig Haupthandlungsort seiner Geschichten war. Seine eigentliche Berufung, die Schriftstellerei, musste er häufig hintanstellen. Nichtsdestoweniger war er während seiner Hamburger Zeit überaus produktiv und verfasste mehrere, zum Teil auch sehr umfangreiche Romane und zahlreiche längere und kürzere Erzählungen und Novellen. Viele von Huldschiners Texten haben einen mehr oder weniger starken autobiografischen Hintergrund, sodass sich, mit Abstrichen und bei aller gebotenen Vorsicht, Rückschlüsse auf seine Befindlichkeit in der jeweiligen Lebensphase ziehen lassen. Schließlich dient selbstreferenzielles Schreiben häufig auch dazu, gewisse Erfahrungen und Erlebnisse zu verarbeiten und indirekt, über einen Erzähler oder eine erfundene Figur, sein Inneres nach außen zu kehren, sich der Welt durch die Fiktion mitzuteilen, ohne sich aber, wie im Falle des Einzelgängers Richard Huldschiner, anderen Menschen öffnen zu müssen. Die Berge und die Natur stellen in seinen Texten häufig einen Rückzugsort dar. Diese positiven und idyllischen Naturbeschreibungen werden durch die handelnden Figuren konterkariert. Die Menschen in Huldschiners Texten sind daher oft negativ gezeichnet. Sie sind intrigant, böse, abergläubisch, bigott, gleichzeitig aber auch urtümlich, manchmal auch naturverbunden, ohne es aber bewusst auf diese Art wahrzunehmen. Die wenigen positiv besetzten Figuren sind Suchende, wie es auch Huldschiner in gewisser Weise sein ganzes Leben lang gewesen ist. So sind der Protestant Wielandt und der Jude Merian einerseits unglücklich Verliebte, andererseits Flüchtlinge vor den Problemen des Alltags, vor der professionellen Verantwortung, die ihnen ihr Beruf aufbürdet. Abarbanell, der sich von den Traditionen seines Vaters lösen will, erhofft, im Zionismus eine neue Ausdrucks- und Identifikationsmöglichkeit zu finden. Joseph Padöll geißelt sich selbst für eine Tat, die er nicht begangen hat, und nimmt sich stattdessen der gesellschaftlichen Außenseiter an, bis er selbst zu einem Ausgestoßenen wird. Anna Niedermoser wiederum führt eine unglückliche Ehe und findet keinen anderen Ausweg aus der bäuerlich-konservativen Welt als durch den Mord am eigenen Kind. Der Römer Rufus hingegen sucht Zuflucht in der Mystik und in der Natur, um der im Wandel befindlichen antiken Welt zu entfliehen. Und schließlich gibt es da noch den Hamburger Arzt Beatus, der mit sich und seinem Leben nicht zufrieden ist, dessen Seele aber auf eine lange Reise geht, um am Ende die schnöde Welt, das kalte und unwirtliche Hamburg, zu verlassen und am Strand in den Armen einer Frau zu liegen. Im Zionismus fand Huldschiner für einige Jahre eine ideologische Heimat – bis es wieder zum Bruch kam. Die Gründe dafür sind unklar, wie so vieles in seiner Biografie. Er ging 1912 auf eine einjährige Weltreise. Wie zuvor der Zionismus, so waren es nun die vielen Reiseerlebnisse und die fremden Kulturen, die ihn zum Schreiben inspirierten. So verfasste er mehrere Reiseberichte, Reiseerzählungen und persönliche Briefe. Die Unterscheidung, was tatsächlich erlebt oder erdacht ist, fällt aber schwer, denn die autobiografischen Elemente sind erneut sehr ausgeprägt in seinen Texten. Huldschiner, der auf seiner Reise, sei es in China, Japan, Afrika, der Karibik oder Südostasien, nicht mehr als 302 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Jude galt, sondern als Deutscher bzw. Europäer angesehen wurde, gab darin seine subjektive Sicht auf die jeweiligen Kulturen wieder. Rassistische und chauvinistische Äußerungen und Vorverurteilungen treffen auf ehrliche Bewunderung und großen Respekt vor den kulturellen Errungenschaften der besuchten Völker. Es folgte schließlich der Abschied von Hamburg, und nach vielen Jahren des Suchens sollte es nun endgültig heim nach Bozen gehen. Doch bevor er sich dort niederlassen konnte, kam es zum nächsten großen Einschnitt. Der Erste Weltkrieg löste zweierlei aus: Einerseits verhinderte er, dass Huldschiner sich in Bozen ein neues Leben aufbauen konnte, andererseits wurde der Zionismus zum größeren Teil durch Patriotismus und Nationalismus ersetzt. Sah er zuvor die zionistische Ideologie als Möglichkeit an, durch die Gründung einer Heimstatt für alle Juden in Palästina seine jüdische Identität zu stärken, war es jetzt der Verrat der Italiener, der Huldschiner dazu bewegte, seine Tiroler Heimat zu verteidigen. In mehreren Kriegsgeschichten und -berichten verarbeitete er die Brutalität des Krieges, um am Ende, nachdem Südtirol an Italien abgetreten werden musste, festzustellen, dass auch diese Phase mit all ihren schrecklichen Erlebnissen besser zu verdrängen sei, um weiterleben zu können. Sein letzter längerer Roman, Beatus, erschien kurz nach Kriegsende und bildete zugleich das Ende seiner schriftstellerisch produktiven Phase. Ein weiterer Bruch folgte. Huldschiner begann, als Korrespondent für die Vossische Zeitung in Bozen tätig zu werden. Er avancierte in einer Zeit, als in Südtirol das Deutschtum immer mehr durch die Italianisierungsmaßnahmen bedroht wurde, zu einem publizistischen Verteidiger der Rechte der Deutschsüdtiroler – in einem Europa, das durch das Aufkommen von Faschismus und Nationalsozialismus in einen neuen Krieg zu schlittern drohte. Doch verfiel er in seinen journalistischen Beiträgen selten einem nationalistischen oder chauvinistischen Duktus, blieb stets Humanist und liberaler Europäer und versuchte, mit Fakten und Argumenten den Problemen und Sorgen der Südtiroler und später, als Korrespondent in München, jenen der Deutschen auf den Grund zu gehen. Äußerte er sich als direkt Betroffener sehr kritisch gegenüber dem Faschismus in Italien, sah er aufgrund der Erfahrungen, die er in Südtirol zwischen 1920 und 1922 gemacht hatte, auch den Aufstieg des Nationalsozialismus als große Bedrohung an, wobei er Hitler, wie viele seiner Zeitgenossen auch, nach dem gescheiterten Putschversuch in München immer weniger Aufmerksamkeit schenkte. Bald nach seinem Tod 1931 kam es zur nationalsozialistischen Machtergreifung. Huldschiners Schwester verstarb im Konzentrationslager Theresienstadt. Mehrere Familienmitglieder mussten emigrieren. Über die Jahre und die Distanz zerbrachen die ursprünglich sehr engen Familienbande zwischen Gottfried und Arnold Huldschiner. Erst durch das genealogische Interesse ihrer Nachkommen wuchs die Familie wieder zusammen. Somit erfüllt das vorliegende Buch noch einen weiteren Zweck: Es erzählt anhand des Lebens Richard Huldschiners die Biografie einer Familie, beginnend bei der jüdischen Emanzipation bis hin zum aufkommenden Nationalsozialismus. Zum Schluss möchte ich noch einmal an die in der Einleitung gestellte Frage nach der Relevanz von Richard Huldschiners Leben und Werk anknüpfen. So war er der einzige bekanntere Tiroler Autor jüdischer Herkunft. Sein Roman Die stille Stadt kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Damit setzte 303 Schluss er der sehr kleinen jüdischen Minderheit ein literarisches Denkmal. Romane wie Die Nachtmahr und Fegefeuer sind – trotz einiger wesentlicher Unterschiede, insbesondere zu Werken, die der Heimatkunstbewegung nahestanden – klassische Beispiele der Bauernepik, wobei Huldschiner hier wohl als einziger jüdischer Vertreter überhaupt gelten kann. Außerdem ist seine Biografie auch ein Beleg dafür, wie schwierig es für jüdische Schriftsteller war, in katholisch geprägten und konservativen Gebieten wie Tirol Fuß zu fassen. Zudem sind seine Kriegsgeschichten und -berichte wichtige historische Quellen, wenn es darum geht, das Leben an der Gebirgsfront aus der Sicht des einfachen Soldaten zu erforschen. Zwar gibt es viele solcher Darstellungen, doch geben Huldschiners Texte bei Kenntnis seiner Biografie und seiner ambivalenten Haltung seiner Wahlheimat gegenüber einen ganz eigenen Blickwinkel auf die Geschehnisse an der Front. Gleiches gilt für seine Reiseberichte. Auch hier wird ihre Relevanz vor allem dann deutlich, wenn der biografische Hintergrund berücksichtigt wird. Aus all diesen Gründen hat sich Richard Huldschiner seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte verdient. Gleiches gilt für sein Werk, welches ebenfalls mehr beachtet werden sollte.

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.