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15 Die letzten Lebensjahre in Innsbruck (1929 – 1931) in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 291 - 298

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-291

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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291 15 Die letzten Lebensjahre in Innsbruck (1929 – 1931) 9 – 1 Als Arzt wußte er, wie es um ihn stand. Wo er nur konnte, suchte er bis zuletzt die geliebte Hochgebirgswelt auf, ein Einsamer und ein Dichter, dem reine Luft Lebensbedürfnis blieb.803 Leider ist über das letzte Lebensjahrzehnt Huldschiners sehr wenig bekannt. Zwar erschienen zahlreiche Artikel in Zeitungen und einige literarische Arbeiten, zum Teil Zweitveröffentlichungen, doch sind so gut wie keine privaten Informationen erhalten.804 Huldschiner zog im März 1929 von München nach Innsbruck. Dort war er weiterhin als Korrespondent für die Vossische Zeitung tätig. Die Nähe zu Südtirol machte Innsbruck zum idealen Wohnort, waren doch die Tiroler Berge nicht weit und er konnte, soweit es sein Gesundheitszustand erlaubte, Wanderungen in der von ihm zeit seines Lebens sehr geschätzten Natur unternehmen. Der 1927 wieder veröffentlichte zweite Roman, Fegefeuer, der in den Südtiroler Bergen handelt, stellte, wie Huldschiner sich in seinem für die Neuausgabe verfassten Vorwort ausdrückte, »für seinen Verfasser mehr als nur die Niederschrift einer Erzählung von Leid und Erlösung«805 dar. Vielmehr spiegle sich darin, wie er [der Verfasser], von anderen Himmelsstrichen her nach Südtirol gekommen, in diesem schönen Land innerlich Wurzel faßte und seßhaft wurde, wenn auch die äußeren Umstände seines Lebens ihn viel umherwarfen und es ihm bis jetzt noch verwehrt haben, in den Bergen für immer seine Zelte aufzuschlagen.806 803 Vossische Zeitung (Abendausgabe) 1931, S. 3. 804 Bei Unterhofer (1990, S. 95 f.) findet sich die Bemerkung, dass Huldschiner dem in der zeitgenössischen Presse sehr kontrovers diskutierten ersten Halsmann-Pro zess in Innsbruck beigewohnt haben könnte. Allerdings lassen sich keine Zeitungs artikel nachweisen, in denen Huldschiner darüber berichtet hätte. Auch findet sich in der sehr ausführlichen Monografie von Martin Pollack (2002) über den Fall Philipp Halsmann kein Hinweis auf Richard Huldschiner. 805 Huldschiner 1927a, S. 5. 806 Ebd. Abb . 27: Richard Huldschiner im April 1927 . 292 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Dass sich Huldschiner nach Innsbruck zurückzog, mag vor allem mit seiner Krankheit zusammenhängen, über welche aber wenig bekannt ist. Erste Hinweise auf seinen schwachen Gesundheitszustand finden sich bereits 1912, als Huldschiner eine schwere Krankheit überstanden hatte. Vielleicht hatte er damals schon an einer Lungenschwäche gelitten, die später, während seiner Zeit an der Front ‒ und dann noch einmal während seiner Kriegsgefangenschaft ‒ akut wurde. Allerdings sind dies nur Vermutungen. Nur für die Kriegsgefangenschaft gibt es ein belegtes Krankheitsbild, nämlich Lungenspitzenkatarrh (vgl. AK5: 3). Von seiner letzten Erkrankung, an der er während seiner Gefangenschaft in Pizzighettone litt, konnte Huldschiner nicht mehr vollständig genesen. Die erhaltenen Fotografien aus seinen letzten Lebensjahren zeigen ihn ausgezehrt und schwächlich. 15.1 Die Exmittierten (Satire) Huldschiner versteifte sich als Schriftsteller selten auf eine Textsorte. Dies spiegelt sich auch in seinem gesamten literarischen Werk wider, welches Romane, Erzählungen, Gedichte, Glossen, Dramen, Essays und häufig auch Satiren umfasste. Mittels seiner satirischen Texte übte Huldschiner immer wieder Kritik an gesellschaftlichen, manchmal auch an politischen Problemen. In der kurzen Satire Die Exmittierten, welche im Februar 1929 in der Vossischen Zeitung veröffentlicht wurde, befasst sich Huldschiner mit dem Thema Familie und Familienplanung, indem er die Geschichte von Adam und Eva nach dem Sündenfall ironisch überspitzt weitererzählt. Die Handlung setzt ein, nachdem Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden sind. Beide schieben die Schuld auf den anderen und versuchen, sich die Situation schönzureden: Ach, auf die Dauer war es ja doch nichts, da im Garten. Man hatte ja keine Ruhe vor diesen vielen Tieren; du magst sagen, was du willst, aber ich habe nie verstanden, warum der Herr nicht auf mehr Ordnung sah. (DEx: 1) Da Eva ein Kind erwartet und es bald zu regnen beginnt, möchte Adam mit dem Hausbau beginnen: »Denn mir scheint, wir bekommen Regen, mein Reißen im Knie hat immer noch Recht behalten.« »Du solltestest mehr Gymnastik betreiben.« »Na, an Gymnastik wird’s in der nächsten Zeit nicht fehlen. Bis ich erst einmal nur die nötige Vier-Zimmer-Wohnung gebaut habe!« (DEx: 1) Darauf fragt Eva, ob die geplante Behausung für die zukünftige Familie genügen werde. Adam entgegnet: Liebes Kind, die Zeiten sind schlecht, das Steueramt besteht auf seinem Zehnten, das Brot ist teuer, wenn man sein Getreide selber anbauen muß, ohne landwirtschaft- 293 Die letzten Lebensjahre in Innsbruck (1929 – 1931) liche Maschinen, ohne Gesinde, ohne Superphosphat; und wenn einmal die Familie größer wird … (DEx: 1) Doch Eva wendet ein, dass sie keine große Familie möchte, da sie gehört habe, dass eine Geburt mit großen Schmerzen verbunden sei. Schließlich lassen sie endgültig den Garten Eden hinter sich und beziehen eine Höhle als ersten Unterschlupf. Eva aber sorgt sich um Adam: »Wird’s nicht etwas zugig für dich sein? Du weißt, nach der Rippenresektion bist du immer ein wenig empfindlich gewesen an der Stelle.« Adam, ganz Gentleman, beruhigt sie: »Ach, das geht schon, und wenn du zufrieden bist, gebe ich gern auch eine zweite Rippe her. Für dich ist mir nichts zu kostbar« (DEx: 1). Huldschiner überträgt in der kurzen Satire die Probleme eines modernen jungen Paares in die alttestamentarische Zeit, als Adam und Eva dem Buch Genesis zufolge das Paradies verlassen mussten. Die Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre waren eine Zeit des wirtschaftlichen Auf- und Abschwungs. Nach dem verlorenen Krieg kam die Hyperinflation, dann die Rentenmark und schließlich eine langsame Verbesserung der Wirtschaftslage, die abrupt von der Weltwirtschaftskrise unterbrochen wurde. In einer Zeit der Unsicherheit war es für junge Paare, die das Elternhaus, also das Paradies, verlassen hatten, nicht immer leicht, auf eigenen Beinen zu stehen. Zudem ironisiert Huldschiner auch die damit einhergehende Unselbstständigkeit vieler junger Leute, indem er Adam ausrufen lässt: Bin ich denn ein gelernter Landwirt und Architekt? Habe ich je im Schweiße meines Angesichts mein Brot gegessen? Nee, es war da, wenn man es brauchte, und man saß hübsch im Schatten und ließ sich bedienen. (DEx: 1) Außerdem ironisiert er die Emanzipationsbewegung der Frau, indem er Eva das klassische Familienmodell ablehnen lässt, jedoch nicht aus politisch-gesellschaftlichen Gründen, sondern weil sie Angst vor den Geburtsschmerzen hat. 15.2 Der Garten (Essay) Huldschiners kurzer Roman, Die Göttin Texy, der bereits in einigen Zeitungen abgedruckt worden war, erschien 1929 als Buchveröffentlichung im Hermann Hillger Verlag und war sein letzter veröffentlichter längerer Text. Daneben publizierte der Schlern im Juli 1929 den bereits in Kapitel 3 und 7.10 erwähnten und 1912 in der Neuen Hamburger Zeitung zum ersten Mal erschienenen autobiografischen Essay Der Garten. Darin geht ein Ich-Erzähler der Frage nach, warum es »so wenig Gärten gibt, die mehr als das blo- ße primitive Bedürfnis nach dem Anblick frischen Grüns und gut gehaltener Blumenbüsche befriedigen« (DGa: 292). In den folgenden Absätzen kritisiert der Erzähler die »Langeweile« und die »Uniformierung«, welche moderne Gärten, vor allem im städtischen Bereich, auszeichnen würden. Er dagegen schätze natürliche Gärten, ohne Künstlichkeit. Zwei Gärten hätten 294 Andreas Micheli: Richard Huldschiner den Erzähler glücklich gemacht, einer im Trentino, genauer in Primiero807, ein anderer in Hamburg. Den ersten zeichnet »ein Durcheinander von bunten Blumen aus« (DGa: 293), der zweite »arbeitet mit Narzissen, Tulpen und Hyazinthen« (DGa: 293), ausgegossen »über eine Wiese« (DGa: 293). Beide wirken unordentlich und chaotisch, dennoch repräsentieren sie dem Erzähler zufolge »die Ahnung der freien Gotteswelt« (DGa: 294). Der Ich-Erzähler erscheint hier als ein die ungezähmte Natur liebender Mensch, der die Natürlichkeit der Künstlichkeit vorzieht. Er stellt Bezüge zu seiner glücklichen Kindheit her. Parallelen zu Huldschiners Biografie liegen somit sehr nahe. Beide, Huldschiner und sein Erzähler, verbringen ihre Kindheit in der Idylle und sehnen sich als Erwachsene nach der urtümlichen Natur. Orte wie Primiero und Hamburg geben ebenfalls einen Hinweis, dass der Text zum Teil autobiografische Züge trägt. 15.3 Bozens Italianisierung (Bericht) Im November 1929 zeichnete Huldschiner in seinem Bericht mit dem Titel Bozens Italianisierung als Korrespondent der Vossischen Zeitung ein düsteres Bild der Stadt seit der faschistischen Machtübernahme in Italien. So würden die neuen Herren alles um[stoßen]; auch baulich muß die Stadt italienischen Charakter erhalten, Aufträge werden nur an italienische Architekten erteilt, unbegabter Klassizismus der Epigonen droht das schöne Bild dieser Stadt mit der prachtvollen Gotik ihrer Pfarrkirche und dem gelassenen Barock ihrer Patrizierhäuser zu verwischen. (BzI: 2) Auch die Landschaft um Bozen werde durch die Errichtung von großen Siedlungen für italienische Zuwanderer zerstört. So habe die Stadt aufgrund der starken und vom italienischen Staat forcierten Zuwanderung längst ihre deutsche Eigenart verloren: […] schreiende […] Plakate an den Anschlagtafeln- und säulen, die unbekümmert überallhin geklebten dreifarbigen politischen Manifeste, das lebhafte Sprechen und Gestikulieren des italienischen Bevölkerungsanteils, der mehr als der deutsche den Aufenthalt auf der Straße bevorzugt, die nunmehr ausschließlich italienisch gewordenen Aufschriften, Firmenschilder, Straßentafeln, die große Menge der Uniformen geben der Stadt von Mal zu Mal ein neues Gepräge. (BzI: 2) Huldschiner schließt seinen Bericht mit einer für die deutsche Bevölkerungsgruppe in Bozen düsteren Prognose: Da jedes Jahr bis zu 2000 Italiener nach Bozen zögen, werde Bozen bald eine Stadt von 100.000 Menschen sein, in der die Südtiroler nur mehr eine Minderheit darstellen würden. 807 Primiero wird auch in der 1912 erschienenen Novelle Armer Don Martino (vgl. ADM: 227) erwähnt, wo Huldschiner auf ähnliche Weise ausführlich den Garten einer der Hauptfiguren beschreibt. 295 Die letzten Lebensjahre in Innsbruck (1929 – 1931) 15.4 Wie der Storch auf dem Dach (Erzählung) Bis 1926 sind noch relativ viele journalistische Texte und einige Erzählungen Huldschiners nachweisbar. Seine Krankheit führte aber dazu, dass er in seinen letzten Lebensjahren nur mehr wenig schrieb bzw. publizierte. Im Juli 1930 veröffentlichte die Vossische Zeitung eine kurze Erzählung Huldschiners mit dem Titel Wie der Storch auf dem Dach. Ein Ich-Erzähler liegt an einem Sonntagnachmittag gemütlich am Ufer des Inns, während ein Bekannter, ein Mann namens Strupp, angelt. Der Ich-Erzähler stellt verschiedene Fragen zu dessen Angeltechnik. Strupp wiederum steht missmutig »wie ein Storch auf dem Nest. Wirft die Angel, flucht, steckt neue Köder an« (WdS: 3). Der Ich-Erzähler wiederum denkt über die Forellen nach, die Strupp zu fangen beabsichtigt. Er nennt sie »Sonntagsforellen«, die, ähnlich wie der Angler, der zur Entspannung angelt, an einem schönen Sonntagnachmittag ebenso nichts zu versäumen hätten: Sonntagsforellen sind listig. […] stehen schwänzelnd in stillerer Wasserbucht, das schnappende Maul gegen die Strömung gerichtet. […] sie haben nichts zu versäumen. (WdS: 4) Dennoch gelingt es Strupp, eine der Forellen zu überlisten und zu fangen: »Er schwitzt vor Begeisterung. Denn dies ist seine Sonntagsfreude. Er hält Zwiesprache mit den Wassertiefen« (WdS: 4). Die kurze Erzählung macht einmal mehr Huldschiners Naturverbundenheit deutlich. 15.5 Das Geheimnis des Turmes (Reportage) Die in einem sehr literarischen Stil verfasste Reportage Das Geheimnis des Turmes und die wieder veröffentlichte Erzählung Mangali-nava erschienen beide im April 1931, wenige Wochen vor Huldschiners Tod. Die Reportage erzählt von der Besteigung des Turms der Bozner Pfarrkirche durch Huldschiner, den Restaurator und Künstler Andreas Kompatscher und einen nicht namentlich genannten Opernsänger. Huldschiner lässt die Reportage in der Gegen wart, also um 1930, handeln. Doch ob er in jenen Jahren wirklich den Turm bestiegen hat, ist frag lich. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Huldschiner hier seine Turmbesteigung vom Februar 1915 verarbeitete, die er kurz in einem Brief an seine Familie erwähnt hatte.808 Der Ich-Erzähler fasst zunächst die Geschichte der Konstruktion des Turms der Bozner Pfarrkirche zusammen und behauptet, seine Erbauer, unter ihnen Lutz von Schussenried, seien überzeugt gewesen, »gutes Handwerk geleistet zu haben«, ohne aber zu erahnen, »ein großes Kunstwerk« (DGT: 110) erschaffen zu haben. 400 Jahre später sei der Bozner Bildhauer und Direktor der k. k. Bau- und Kunsthandwerkerschule, Andreas Kompatscher, mit der Restaurierung des Turmes beauftragt worden. Allerdings habe man nach Abschluss der Arbeiten die Glocken nicht mehr läuten dürfen, sondern nur 808 Vgl. Huldschiner 10.02.1915, 11.02.1915. 296 Andreas Micheli: Richard Huldschiner mehr mit Hämmern angeschlagen, um zu verhindern, dass größere Schwingungen den Turm zum Einsturz brächten. 15 Jahre später sitzen der Ich-Erzähler, Kompatscher und ein Opernsänger im Bozner Stadtcafé und sprechen über den Turm der Pfarrkirche. Kompatscher bezeichnet den Turm als »ein feinsinniges, sensitives Wesen vornehmster Rasse« (DGT: 110). Schließlich steigen die drei Männer auf den restaurierten Turm. Der Ich-Erzähler beschreibt nach der Ankunft auf dem Helm das Dach wie folgt: […] das ist kein Dach etwa, es ist eine gotisch geschnitzte Schranke, eine Zeichnung, in deren Strichen Geheimnisse der alten Bauhütte niedergelegt sein mögen, eine Schrift voll der Beziehungen zu Urweltdingen […]. Die Wolken schauen herein, der Regen regnet herein, das ist eine in den Himmel emporgehobene Loge, hier eint sich der Turm, so weit er Materie ist, mit den Geheimnissen des unsterblichen Gedankens. Frei, ohne jedes Tragende, legen sich die acht langschenkligen Spitzendreiecke zusammen und tragen die goldene Kugel mit dem Kreuz. (DGT: 111) Ebenfalls ist das Maßwerk des Turms mit Sprüchen und Namen von »wandernden Burschen aus mehreren Jahrhunderten« (DGT: 111) beschrieben. Die Schriftzeichen seien zusammen mit den Steinmetzzeichen von Lutz von Schussenried zum Bestandteil des Turms geworden, das man nicht missen möchte; denn so ist das geheimnisvolle Leben des mittelalterlichen Baus mit der Ideenwelt seiner Formen in die Gegenwart herübergerettet worden. (DGT: 111) Der Ich-Erzähler fragt, ob die Kirche denn »nicht zu zart für den Ablauf der Zeit« sei. Kompatscher entgegnet, dass »jeder Stein wie Eisen gemacht worden« sei, und wettet mit dem Opernsänger, dass er über eine »halsbrecherische Leiter« (DGT: 111) hinaufsteigen könne, was er auch prompt durchführt. Huldschiners Text drückt erneut seine Begeisterung für die Südtiroler Landschaft, die Stadt Bozen und die Geschichte des Landes aus: »[…] da sieht man nach allen Richtungen der Windrose; da sieht man den Rosengarten und die Mendel und die geschäftige Stadt darunter mit dem Waltherplatz« (DGT: 111). Der Innsbrucker Germanist Walter Methlagl führt den Text »als Beispiel dafür [an], wie ein Prosaist von Format über Südtirol zu schreiben vermag«809. In seinem Nachruf auf Huldschiner stellte der Schriftsteller Karl Paulin über Das Geheimnis des Turmes Ähnliches fest: Wenige Wochen vor seinem Tode, als die Kunde von dem bedrohten zartdurchbrochenen Helm des Bozner Pfarrturms über den Brennero drang, schilderte Dr. Huldschiner in einem stimmungsvollen Feuilleton eine Besteigung des Bozner Pfarrturms vor drei Jahrzehnten810 […]. [Er sei] mit einem Loblied auf seine Bozner Wahlheimat auf den Lippen […] dahingegangen.811 809 Methlagl 20.11.1990. 810 Hier irrt sich Paulin. Der Dom wurde in der Reportage um 1930 bestiegen. 811 Paulin 1931, S. 250. 297 Die letzten Lebensjahre in Innsbruck (1929 – 1931) Richard Huldschiner verstarb an einer massiven Hämoptoe aufgrund seines Lungenleidens am 20. Mai 1931 im städtischen Sanatorium von Innsbruck. Er wurde nur 58 Jahre alt.812 Sein Leichnam wurde zur Ein- äscherung nach München überführt. Die Trauerfeier fand am 23. Mai 1931 statt.813 In einem Nachruf wird erwähnt, dass »Freunde und Berufsgenossen in großer Zahl« anwesend waren. Ein namentlich erwähnter Trauergast war der Leiter der Pressestelle der Bayerischen Staatsregierung, Dr. Hans Eisele, als Vertreter der Politik. Der Historiker Raphael Straus hielt im Namen von Huldschiners Freunden eine Trauerrede. Weitere Reden hielten ein Herr Jaekel für die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung und ein Herr Fries für die Hamburger Journalistenvereinigung Auswärtige Presse. Ein Herr Jung legte für den Ullstein Verlag, ein Herr Defregger für den Schriftstellerschutzverband einen Kranz nieder. Zudem stammte laut Nachruf eine Blumenspende von einer Gruppe nicht namentlich genannter Personen. Im Artikel werden sie als »Südtiroler in treuem Gedenken«814 bezeichnet. Huldschiners Urne wurde am 19.08.1931 wahrscheinlich nach Bozen überführt.815 Am elterlichen Grab auf dem jüdischen Friedhof in Bozen ist Huldschiner ein eigener Grabstein mit einer Engelsstatue gewidmet. 812 Vgl. Verlassenschaftsakt Richard Huldschiner 1931. 813 R. St. 1931, S. 170. 814 Ebd. 815 In den Grabbüchern des Münchner Friedhofs ist vermerkt, dass Huldschiners Urne »laut Verfügung vom Westfriedhof nach [unbekannt]« überführt wurde (vgl. Friedhofsverwaltung Stadt München, E-Mail-Anfrage vom 18.10.2011). Abb . 28: Gemälde von Julius Graumann: Richard Huldschiner um 1929 . 298 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Abb . 29: Huldschiners Grab auf dem jüdischen Friedhof in Bozen (2018) .

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.