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14 Huldschiner als Journalist in München (1922 – 1929) in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 279 - 290

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-279

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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279 14 Huldschiner als Journalist in München (1922 – 1929) 2 – 1 Aufrechte Gesinnung und politisches Feingefühl verbanden sich in seinem [journalistischen] Wirken mit vornehmer und doch farbiger Darstellungsgabe zu starker Wirkung.790 Huldschiner übersiedelte Ende September 1922 nach München, wo er weiterhin als Korrespondent für mehrere Zeitungen tätig war, wobei seine Texte hauptsächlich in der Berliner Vossischen Zeitung des Ullstein Verlages erschienen. Für kurze Zeit war Huldschiner auch als Korrespondent derselben Zeitung in Lugano tätig.791 Im Laufe seiner Tätigkeit als Berichterstatter für die Vossische Zeitung hatte er zahlreiche Artikel verfasst. Im folgenden Kapitel soll aber nur auf eine Auswahl eingegangen werden, die in Beziehung mit seiner Biografie und seinem schriftstellerischen Schaffen steht.792 Eine eingehendere Beschäftigung wäre zwar interessant, würde aber den Rahmen des Buches sprengen. 14.1 Der Hitler-Ludendorff-Putsch und der Hitler-Ludendorff-Prozess Huldschiner befasste sich in vielen Zeitungsartikeln mit der bayerischen Innenpolitik. In der historischen Rückschau sind aber vor allem seine Berichte über Adolf Hitler und die NSDAP interessant. So setzte sich Huldschiner in einem seiner ersten Artikel als Korrespondent für die Vossische Zeitung in München mit der stetig wachsenden Macht Adolf Hitlers in Bayern auseinander. Er zieht darin Parallelen zu dem italienischen Faschismus und warnt davor, Hitler und die NSDAP zu unterschätzen: Die Hitler-Organisation ist kein »geselliger Verein«. Wenn sie am hellen Tage Waffen und Gummiknüppel verteilt, Ultimaten stellt, in ihren Versammlungen Atten- 790 Vossische Zeitung (Abendausgabe) 1931, S. 3. 791 Die Information stammt aus einem Nachruf (vgl. Vossische Zeitung 1931, S. 3). Leider konnten keine meldeamtlichen Daten zum Beleg nachgewiesen werden, da die verschiedenen Archive in Lugano keine Informationen über Huldschiner aufweisen. 792 Das Literaturverzeichnis im Anhang der Buches führt alle aufgefundenen journalistischen Texte von Huldschiner für die Vossische Zeitung an. 280 Andreas Micheli: Richard Huldschiner tate gegen mißliebige Zeitungen und Personen bespricht und ankündigt, sich uniformiert (feldgraue Anzüge und österreichische Militärkappen), Leute, wie den Attentäter der Mannheimer Börse wegen seiner Taten zu »Unterführern« ernennt, zum Eintritt in ihre Sturmtrupps nur diejenigen auffordert, die bereit seien, »für ihren Führer in den Tod zu gehen«, zur »Diktatur der Tat« aufruft (das ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus ihrem Tagebuch), so muß man sich fragen, wie das alles als politischer »Überschwang« und nicht als Verbrechen gewertet werden kann! (DnG: 1) Ebenso stellt Huldschiner die Frage, woher die großen Geldmittel kämen, die es der NS- DAP sogar erlauben würden, Flugzeuge zum Abwerfen der Flugzettel einzusetzen. So hätten auch in Italien die Verantwortlichen in der Zeit vor Mussolinis imperialistischer Revolution die Gesetzesverletzungen der fascistischen Sturmtruppen hingenommen, ohne das Gesetz gegen sie zu mobilisieren; sie konnten nicht anders, oder sie wollten nicht anders, das mag hier dahingestellt sein. (DnG: 1) Auch in Bayern unternehme man zu wenig gegen Hitler und seine Anhänger und suggeriere ihnen damit, »daß auch in Deutschland nationalistischer ›Ueberschwang‹, der mit Gewalttat peinliche Aehnlichkeit hat –, straffrei sein würde wie in Italien« (DnG: 1). So vestehe es Hitler »meisterlich, sich immer so einzustellen, daß seine Leute provoziert erscheinen«. Diese Taktik habe er von den italienischen Fascisten gelernt, die im Kampf gegen das Deutschtum in Südtirol stets als unschuldsweiße Lämmer und nur als Verfechter der »bedrohten Latinität«, der »Würde der Nation« und des »Sieges von Vittorio Veneto« ihre Handgranaten warfen. (DnG: 1) Ähnlich kommentierte Huldschiner eine Presseaussendung der NSDAP vom Jänner 1923, in der die Parteiführung die von Mitgliedern der NSDAP durchgeführten Terrorakte leugnete und als »von anderer Seite« inszeniert darstellte. Die Partei hätte nur dann das moralische Recht, Erklärungen dieser Art abzugeben, wenn sie nicht in ihren offiziellen Pronunziamentos immer wieder die Gewalt predigte, und es scheint, als ob auch in dieser Angelegenheit wieder einmal der italienische Fascismus Schule gemacht hätte. Der Fascismus in Südtirol begeht dauernd Gewalttaten, die nachher als private Angelegenheit irgend welcher Rowdies hingestellt werden. (NTG: 2) Huldschiner forderte somit bereits recht früh und in aller Deutlichkeit, die gewalttätigen Aktionen der Nationalsozialisten von staatlicher Seite zu unterbinden. Es ist kein Zweifel, es ist etwas im Werden, dessen Abwehr die ganze rücksichtslose Energie der Verantwortlichen erfordert. Sonst könnte es geschehen, daß in Bayern 281 Huldschiner als Journalist in München (1922 – 1929) das Pendel, das im April 1919 zu weit nach links ausgeschlagen hat, in diesem Winter der Not ganz nach rechts hinausfährt. (DnG: 1) Dass aber auch Huldschiner Hitler unterschätzte, macht sein Artikel mit der Schlagzeile Hitlers Rückzug deutlich. Zwei Monate vor dem sogenannten Hitler-Ludendorff-Putsch (08.11 bis 09.11.1923) war Huldschiner noch sehr zuversichtlich, dass Hitler bereits an Einfluss verloren habe und die bayerische Staatsregierung endlich aufhöre, mit der NS- DAP zu paktieren. Am Schluss des Berichtes stellt Huldschiner daher fest: Die Zeit ist ernst. Wir haben andere Sorgen als Herrn Hitler und können uns auch in Bayern wieder dem zuwenden, was nottut, der Wiederherstellung der Einheitsfront gegen die von den Siegern im Westen793 und Nordwesten drohende Gefahr. (HRü: 2) Huldschiners Bericht über den Hitler-Ludendorff-Putsch, der in der Nacht des 8. Novembers 1923 begann, wurde auf der ersten Seite abgedruckt. Darin gab er als Korrespondent vor Ort erste ungesicherte Informationen über den Putsch (vgl. DnN: 1). In den nächsten Wochen und Monaten berichtete Huldschiner in ausführlichen Artikeln von dem Gerichtsverfahren gegen die Putschisten, allen voran Ludendorff und Hitler.794 Immer wieder wies Huldschiner darauf hin, dass auch die Rolle des Generalstaatskommissars und früheren bayerischen Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr während des Putschversuches unklar sei, allerdings werde dieser nur als Zeuge im Prozess befragt (vgl. DgD: 1). Nach der Niederschlagung des Putschversuches und der Verurteilung der Beteiligten befasste sich auch Huldschiner kaum mehr mit Hitler und der NSDAP. Wie viele seiner Zeitgenossen ging auch er davon aus, dass die Nationalsozialisten mit der Inhaftierung Hitlers an Macht und Einfluss verloren hätten. 14.2 Wiedersehen in Bozen (Reportage), Bilder aus Südtirol (Bericht) & Urlaubsglossen (Glosse) Huldschiner setzte sich als Journalist publizistisch für die deutsch-österreichische Minderheit in Südtirol ein und berichtete immer wieder von den gravierenden Zuständen seit der Machtergreifung der Faschisten in Italien. Er galt als ein leidenschaftlicher, publizistischer Streiter für die Rechte der Deutschen jenseits der Brennergrenze […]. Und er leistete hier und gleichzeitig als europäischer Journalist und Anwalt des Deutschtums in großen ausländischen Zeitungen wahrlich 793 Hier bezieht sich Huldschiner auf die Besetzung des Ruhrgebietes durch belgische und französische Soldaten Anfang 1923. 794 Vgl. Huldschiner 1924a, S. 2; Huldschiner 1924b, S. 1 – 2; Huldschiner 1924c, S. 1; Huldschiner 1924d, S. 3; Huldschiner 1924e, S. 4; Huldschiner 1924f, S. 1; Huldschiner 1924g, S. 1; Huldschiner 1924h, S. 1 – 2; Huldschiner 1924i, S. 3; Huldschiner 1924j, S. 2; Huldschiner 1924k, S. 4; Huldschiner 1924l, S. 3; Huldschiner 1924m, S. 1; Huldschiner 1924n, S. 2. 282 Andreas Micheli: Richard Huldschiner mehr und Besseres, als unzählige Nazi-Maulhelden, die mit kindlicher Geistlosigkeit mussolinische Manieren nachahmten und inneren Unfrieden stifteten.795 So erzählte Huldschiner im Jänner 1924 in einer Reportage für die Vossische Zeitung von einer kurzen Reise, die er, ausgehend von München, über die Weihnachtsfeiertage unternommen hatte. Darin schreibt er u. a. über die Befindlichkeiten der Bozner unter der faschistischen Herrschaft: […] dann fangen die Bozner an, vom Faschismus, von der italienischen Unterrichtssprache in den Schulen, von Ueberfaellen rabiater Schwarzhemden auf ruhige Bürger zu erzählen, und sie sind traurig. […] Draußen vor den Fenstern des Stadtkaffees steht das Denkmal Walthers von der Vogelweide, dessen Marmor von den Faschisten mit grün-weiß-roter Oelfarbe angestrichen wurde, damit die nordischen Barbaren die wahre Kultur kennen und das neue Vaterland lieben lernen möchten. (WiB: 2 f.) Im März 1925 erschien ebenfalls in der Vossischen Zeitung der Bericht Bilder aus Südtirol. Darin schildert er eindringlich die Situation in Südtirol nach der Annexion und der Machtergreifung Mussolinis. Die Touristen, so befürchtet Huldschiner, würden Südtirol aus Angst vor der Revolution meiden. Doch das sei unsinnig, denn »[d]er laute Kampf zwischen Mussolini und der Nation wird in Rom und in den geschwätzigen Zeitungen ausgekämpft« (BaS: 9). Huldschiner übt auch leise Kritik an der passiven Haltung der Südtiroler gegen die italienischen Besatzer und konstatiert: »[…] der Kampf, den die Südtiroler um ihr Deutschtum führen, ist passive Resistenz, deren stille Beharrung dem Fremden nicht sinnfällig wird« (BaS: 9). Außerdem hätten sich viele Bauern und Gastwirte in den ländlichen Gebieten den »Faschisten verschrieben, um des äußeren Vorteils willen« (BaS: 9). Huldschiner prognostiziert, dass »in 30 Jahren die Entnationalisierung gelungen sein« werde, wenn es mit der »Unterdrückung der deutschen Schule« (BaS: 9) so weitergehe. Außerdem begännen die Italiener, das Stadtbild Bozens zu verändern, während die Tiroler sich passiv verhalten würden: Die Italiener tragen sich bunter, reden lauter, gestikulieren lebhafter; die Tiroler gehen still, meiden die größeren Lokale, brüten über ihrem Unglück; darum verschwinden sie vor den anderen. (BaS: 9) Huldschiner schließt seinen Artikel mit einer weiteren Befürchtung, die das Deutschtum in Südtirol bedrohen könnte. So erfinde Senator Tolomei in Trient […] immer neue unsinnige Namen für deutsche Orte, Flüsse, Berge; die werden dann offiziell auf Fahrplänen, Karten, in Amtsdokumenten [gedruckt] und legen das Netz des Bändigers über Südtirol. (BaS: 9) 795 Davidsohn 1931, S. 2. 283 Huldschiner als Journalist in München (1922 – 1929) Als leidenschaftlicher Bergsteiger und Liebhaber der Südtiroler Landschaft sah Huldschiner auch den beginnenden Massentourismus in den Alpen kritisch. Exemplarisch belegen lässt sich dies durch mehrere Glossen, die im September 1925 in der Vossischen Zeitung veröffentlicht wurden. Darin kritisiert er ironisch überspitzt die stetige Motorisierung des Landes durch den wachsenden Tourismus: Bezeichnend für das Land ist die von Jahr zu Jahr rascher fortschreitende Unterjochung unter das Automobil, das sich die steilsten und schmälsten Bergstraßen erobert. […] nach hochgelegenen Orten, die noch vor wenigen Jahren eine lendenlahme Postkutsche mit der Eisenbahnstation verband, flitzen jetzt Mietautos. (Ulg: 1) Zudem komme es aufgrund der wachsenden Anzahl der Bergsteiger zu immer mehr Bergunfällen, was Huldschiner lakonisch wie folgt kommentiert: »Viele Menschen im Gebirge – viele Abstürze« (Ulg: 1). Außerdem übt er auch wieder Kritik an der Annexion Südtirols durch Italien. So schreibt Huldschiner über den Grenzübergang am Reschenpass Folgendes: Privatautos kommen, sind in fünf Minuten erledigt, der grünweißrote Schlagbaum geht auf. Er allein zeigt an, daß die Stelle eine besondere ist. Den Bergen kann man es nicht ankennen. Sie sind hüben wie drüben gleich. Seit Jahren sind sie so, und der Schlagbaum war nicht immer da. (Ulg: 1) Außerdem thematisiert er erneut die Ortsnamensgebung unter Ettore Tolomei, indem er bemerkt, dass sogar italienische Touristen immer noch die deutschen Toponyme verwenden würden, sich somit die erfundenen Bezeichnungen noch nicht durchgesetzt hätten: »[…] er [der Schlern] heißt jetzt Sciliàr, […] aber die italienischen Sommergäste in Seis-Suisi sagen selber doch noch S-lern« (Ulg:1). 14.3 Die Südtiroler Landschaft (Essay) & Der Heerzug (historische Miniatur) Trotz seiner Tätigkeit als Journalist ließ Huldschiner die Schriftstellerei nicht los. Der Essay Die Südtiroler Landschaft erschien im Dezember 1922 als dritter Beitrag in der Kulturzeitschrift Schlern. Huldschiner, nun wieder in München wohnhaft, erzählt in dem stark autobiografisch gefärbten Text von den landschaftlichen Schönheiten Südtirols. Er nimmt immer wieder Bezug auf die gesammelten Eindrücke während seiner Weltreise 1912 / 1913 und bedient sich dabei einer poetischen Sprache mit vielen ausdrucksstarken und positiv konnotierten Adjektiven. Ein Ich-Erzähler beschreibt die Südtiroler Landschaft als unvergleichlich in ihrer Schönheit, gesteht aber auch ein, dass der Schönheitsbegriff letztlich abhängig vom subjektiven Geschmack sei. Zu Beginn des Essays erklärt er seinen Lesern, dass es »zwei große Klassen« von Menschen gebe, die »in der Flucht zur Natur ihre Freude finden«, nämlich die »Berg- […] [und] Meermenschen« (StL: 393). Beide Typen hätten ihre Berechtigung, und er betont erneut die Subjektivität des Geschmacks und der persönlichen Empfindung. Um die besondere Schönheit der Südtiroler Landschaft hervorzuheben, er- 284 Andreas Micheli: Richard Huldschiner wähnt der Ich-Erzähler andere beeindruckende Gegenden der Welt, die er auf seinen Reisen gesehen hätte, welche aber dennoch nicht an Südtirol heranreichen würden: War es die hohe See im Sturm oder im Meerleuchten, war es Neapel, Lissabon oder Singapore, war es Mexiko-City, um die die Vulkane sich in die Schneezone hinauf recken, war es die Insel Enoshima, der gegenüber ober dem gartengleichen Festland der Fuji-yama zur Höhe steigt, war es die Tropenfülle von Zanzibar oder die Buschsteppe von Ost-Afrika mit ihrer Weite und ihren Laubbäumen, die mit Früchten behangen sind wie der Baum der Erkenntnis im Paradiese, war es die glühende Farbe des Sinai, der gelb und rot und violett über den blauen Wassern des Golfs von Suez aus der unendlichen Wüste steigt, waren es die Mauern und Tortürme von Peking in lehmfarbener Ebene – immer wieder kehrten meine Gedanken und Wünsche zu unseren Bergen zurück und es befestigte sich in mir immer mehr die Überzeugung, daß die Landschaft der Alpen und in ihr vielleicht am meisten die südtirolerische jeden Vergleich auszuhalten vermag, selbst wenn man abzieht, was davon auf Kosten des Lokalpatriotismus zu setzen wäre. (StL: 393) Wie in vielen anderen Texten Huldschiners findet sich auch hier wieder ein sentimentaler Blick auf seine Heimat, der er sehr eng verbunden war, doch in der er aus den verschiedensten Gründen stets nur wenige Jahre leben konnte. Im Weiteren unterscheidet Huldschiners Ich-Erzähler, ausgehend vom Schlern, den »die Monatsschrift mit Recht zum Wahrzeichen erkoren hat«, vier Zonen, die zusammen »eines der schönsten [Gebiete] der Welt« (StL: 394) bilden würden. Jedem der vier Gebiete gibt er eine bildhafte Überschrift, die durch die pathetische Sprache beinahe ins Überirdische erhöht werden: »Der Fruchtgarten zwischen Meran und Bozen!«, »Das Mittelgebirge!«, »Das Grüne Meer der Seiser Alm!«, »Die lebensabgewandte Starre des Molignonkessels oder des Rosengartls [sic!]!« (StL: 394). Es folgen jeweils poetische Beschreibungen von Wäldern, Wiesen und Bergen. Anders als in manch anderen Darstellungen seiner Heimat äußert sich Huldschiner hier auch positiv über die Bewohner des Landes. Zunächst erwähnt er die architektonischen Schönheiten der Städte und Dörfer und schließt mit dem Satz, dass das fröhlich Phäakische dieser Landschaft […] auf ihre Bewohner abgefärbt [hat], nirgendwo scheint das Dasein des Einzelnen so glatt und hemmungslos im großen Strome dahinzuziehen wie unter der Steilmauer des Schlern. (StL: 395) Im April 1923 erschien im Schlern ein weiterer Text von Huldschiner, und zwar eine historische Miniatur mit dem Titel Der Heerzug. Darin beschreibt er, wie ein Heerzug Friedrich Barbarossas Halt in Bozen macht, in der Nähe der Mündung des Eisack in die Etsch in der sogenannten Kaiserau. Huldschiner zeigte schon in Der Tod der Götter und Starkenberg ein ausgeprägtes Interesse für historische Begebenheiten. Auch hier verarbeitet er bekanntes Wissen rund um die Romfahrt Kaiser Friedrichs I. und kreiert eine lebendige Miniatur, die viele interessante Details und eindrückliche Landschaftsbeschreibungen enthält. 285 Huldschiner als Journalist in München (1922 – 1929) 14.4 Die Göttin Texy. Ein Roman von Liebe und Aberglauben (Roman) Im Herbst 1922 wurde in der Vossischen Zeitung und nur wenig später im Hamburger Anzeiger »eine […] in München spielende […] Künstler- und Bohème- Geschichte«796 in Form eines Fortsetzungsromans veröffentlicht. Die Göttin Texy war der letzte längere Prosatext, den Huldschiner publizierte. Zudem erschien der Roman 1929 im Hermann Hillger Verlag als Teil der populären Unterhaltungsliteratur- Reihe Kürschners Bücherschatz. Der Protagonist Fritz Erdmann kehrt aus der Kriegsgefangenschaft nach München zurück. Im Englischen Garten trifft er auf die Malerin Judith Meßner, welche er schon vor dem Krieg gekannt hat. Sie werden ein Paar. Allerdings ist Fritz unzufrieden mit seiner finanziellen Situation, ist er doch gezwungen, in Judiths Atelier, in dem auch sie selbst wohnt, zu übernachten und Gelegenheitsarbeiten nachzugehen. Bevor er in den Krieg gezogen ist, hat er in seiner alten Wohnung einen schweren Koffer hinterlassen, den er nach seiner Rückkehr bei seiner alten Vermieterin abholt. Darin enthalten ist u. a. eine alt-aztekische Götterstatue: Es war eine Figur aus einem grauen, durchscheinenden Jadestein mit grünlichen Adern, die an den Rändern wolkig verschwammen, und stellte eine weibliche Gestalt von abschreckender Häßlichkeit vor, mit weit aufgerissenem Mund und hocherhobenen kurzen Armen, auf einem Tier reitend, das eine Hirschkuh sein mochte. (DGT: 7) Sie stellt die Erdgöttin Texnaomiqui dar, deren Name von Judith mit Texy abgekürzt wird. In seiner Erzählung Der Buddha-Nabel baute Huldschiner ebenfalls eine Götterstatue ein, und zwar eine bronzene Buddhafigur mit einem Diamenten im Bauchnabel. Fritz möchte die Statue verkaufen, während Judith ihm rät, davon noch abzusehen. Daraufhin erzählt er ihr die Geschichte, wie er an Texy gelangt sei. Er habe sie erworben, als er vor sechs Jahren auf Kreuzfahrt in Mexiko gewesen sei. Dort habe er bei einer Bootsfahrt ein Indiomädchen kennengelernt, das sich ihn in verliebt und ihn zurück in die Stadt begleitet habe. Er aber habe ihre Liebe nicht erwidert. Aus Mitleid habe er ihr mithilfe eines deutschen Konsuls eine Arbeitsstelle in einer Zigarettenfabrik vermittelt. Zum Dank habe ihm das Mädchen die Götterstatue geschenkt. Nach seiner Rückkehr habe ihm der Direktor des ethnologischen Museums in Hamburg berichtet, dass es ei- 796 Huldschiner 04.07.1924. Abb . 26: Die Göttin Texy (1929) . 286 Andreas Micheli: Richard Huldschiner nen Zusammenhang zwischen der Statue, die von den Azteken als Göttin der Fruchtbarkeit und der Barmherzigkeit angesehen worden sei, und anderen Legenden gebe: […] denn der Gedanke der Mutter Gottes geht in die graueste Vorzeit der Menschheitsideen zurück und die Isis, die Magna Mater, die Kybele, die Mô, das ist immer ein und dasselbe. (DGT: 16) Fritz erzählt Judith auch von einem möglichen Zusammenhang zwischen Texy und der alttestamentarischen Dämonin Lilith. Diese Verbindung erschreckt Judith sehr, sodass sie beginnt, die Statue mit Argwohn zu betrachten. Fritz hingegen ist ein sehr gebildeter und rationaler Mensch, der keinerlei Aberglauben anhängt und die Statue als eine Erinnerung an eine frühere Kultur sieht, deren Religion viele gemeinsame Züge mit anderen Weltreligionen und Kulten aufweist. Er macht sich auf zu einem jüdischen Antiquitätenhändler namens Zeisl, um ihm die Statue zum Kauf anzubieten. Zeisl lehnt mit folgender Begründung und in einem jiddischen Akzent ab: »Ich tu nichts mit die Weiberleut! Hab selber Götterfiguren. Aber kaufe nur Mannd’len. Behalten Sie sich nur das Teufelszeug …« (DTG: 19). Später beruhigt sich Zeisl und meint bei der Verabschiedung zu Fritz, dass er die Statue sowieso nicht weiterverkauft hätte, da sie eine sehr gute antike Arbeit sei. Sie habe zudem »Ähnlichkeiten mit Knosusfiguren … überall dieselbe Idee … Urmutter … Eva … was weiß ich, bin nicht gebildet« (DGT: 20) Als er den Laden verlässt, bemerkt Fritz, dass die Statue schwerer geworden ist. Sofort trifft er auf einen ehemaligen Kriegskameraden, der ihn zu einem reichlichen Essen einlädt und ihm sogar ein Vorstellungsgespräch für die Position als Sekretär eines Bankdirektors vermittelt. Abends kehrt Fritz zu Judith heim und berichtet ihr von seinem erfolgreichen Gespräch mit dem Bankdirektor und seiner neuen Anstellung. Judith beginnt in ihrem Aberglauben eine Verbindung herzustellen zwischen der kurzzeitigen Gewichtszunahme der Statue und der plötzlichen Glücksträhne ihres Geliebten. In der Nacht erwacht sie aus einem Albtraum, in dem sie von Jephtha geträumt hat: Aber Jephthas Tochter hatte einen roten Kreis um den Hals, wie wenn ihr Kopf abgehackt und wieder aufgesetzt worden wäre … weil sie doch sterben soll von der Hand des Vaters. (DGT: 27) Im weiteren Verlauf des Traumes erkennt sie, dass sie nicht von Jephtha, sondern von Lilith geträumt hat, die ihrerseits sehr der Statue Texy ähnelt und das Blut von Fritz aus seinem Hals gesaugt hat. Judith beginnt, sich vor der Statue zu fürchten, und bittet Fritz, diese aus dem Atelier zu entfernen. Doch als sich herausstellt, dass sich im Nabel der Statue ein schon seit einiger Zeit verlorener Diamant, der aus dem Ring von Judiths Mutter stammt, befindet, ändert Judith wieder ihre Meinung über die Staute und meint zu Fritz: »In deiner Hand wird die Göttin zum Zauberstab. Sie liebt dich. Jetzt weiß ich gewiß, daß ich nicht geträumt habe. Und nun habe ich auch keine Angst mehr« (DGT: 31). Auch dieses Mal bringt die Statue den beiden Glück. Einige Tage später treffen sich Fritz und Judith in einem Kaffeehaus. Fritz zeigt ihr seinen neuen Spazierstock, in dessen Kopf die kleine aztekische Götterstatue eingear- 287 Huldschiner als Journalist in München (1922 – 1929) beitet worden ist. Später wird ihm der Stock gestohlen. Wütend zeigt er den Diebstahl bei der Polizei an, die ihm aber wenig Hoffnung macht, dass der Dieb gestellt werden kann. Fritz fragt den Antiquitätenhändler Zeisl, ob ihm denn der gestohlenen Stock zum Verkauf angeboten worden sei. Dieser verneint, doch noch während sich Fritz im Laden befindet, taucht ein Fremder auf, der die Absicht hat, den gestohlene Stock an Zeisl weiterzuverkaufen. Nach der Drohung, die Polizei zu rufen, gibt der Fremde den Stock zurück und verlässt den Laden. Erneut wirkt Texy wie eine Art magischer Glücksbringer. Bei einem gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant sprechen Judith und Fritz über die Götterstatue, die beiden bereits viel Glück gebracht hat. Judith ist der Ansicht, dass Texy, wie einst die Indianerin, in Fritz verliebt sei. Daher wird ihr die Statue auf dem Spazierstock erneut unheimlich. Fritz hingegen betrachtet die Angelegenheit nüchtern: »[I]ch leugne übernatürliche Kräfte, die in unser Geschick eingreifen; ich leugne sie deshalb, weil ich weiß, daß der Mensch sich selbst Schicksal ist« (DGT: 43). Einige Zeit später stößt er in einer Bank mit einem Fremden zusammen, der es sehr eilig zu haben scheint. Wie die anderen Male auch, als Texy ihre Macht ausübt, wird die Statue kurz schwerer, dann hat sie wieder ihr normales Gewicht. Es stellt sich heraus, dass jemand an einem Schalter eine große Menge Geld entwendet hat. Den Polizisten gelingt es aber rechtzeitig, die Türen der Bank zu verschließen, um unter den Anwesenden den Räuber ausfindig zu machen. Durch den Hinweis von Texy kann Fritz den Räuber identifizieren, nämlich als den Fremden, mit dem er zusammengestoßen ist. Judith fürchtet sich nach den Vorfällen rund um Texy immer mehr vor der Statue. Sie bekommt die Geschichte mit der Dämonin Lilith nicht mehr aus dem Kopf und möchte, dass Fritz die Statue weggibt. Er lehnt dies jedoch ab. Judith zerstört Texy daraufhin mit einem Hammer. Fritz nimmt ihr die Reaktion aber nicht übel, sondern lacht darüber: Soweit also geht die Eifersucht des Weibes! Denn nun wirst du nicht mehr leugnen wollen … eine harmlose Indianerin aus Mexiko! Und Judith Meßner nahm den Hammer und tat, wie Jaël getan und die Judith in der Bibel797, […] so daß ich nun wieder nackt und bloß dastehe und betteln gehen kann … Ich weiß nicht, soll ich weinen oder lachen … (DGT: 61 f.) Am Ende des Romans küssen sich die beiden. Huldschiners Geschichte wirkt, oberflächlich betrachtet, wie eine seichte Unterhaltungsgeschichte, die eine Liebesbeziehung zwischen einem gebildeten Mann und einer sehr vom Aberglauben verunsicherten und leicht naiven Frau behandelt. Beachtet man aber die vielen autobiografischen Elemente des Romans sowie die zahlreichen geschichtlichen und philosophisch-theologischen Anspielungen, weist der Text mehr Tiefe auf, als es zunächst den Anschein hat. So sind Fritz und Huldschiner beide zur See gefahren, beide waren in Mexiko, beide sind sehr gebildet und kennen sich mit antiken Kulturen und Traditionen aus. Bereits in Der Tod der Götter spielte die Mutter Gottes in Form des ägyptisch-hellenistischen Isiskults eine wichtige Rollte. Dieses Mal näherte sich Huldschiner mittels eines seich- 797 Sowohl Jaël als auch Judith töten ihre Widersacher, die zugleich auch Feinde Israels sind: Judith enthauptet den Feldherren Holofernes (vgl. Jdt 13,8), während Jaël dem Feldherren Sisera mit einem Hammer einen Zeltpflock in die Schläfe treibt (vgl. Ri 4,22). 288 Andreas Micheli: Richard Huldschiner ten und humoristischen Zugangs dem Thema, nämlich indem er Texy als eine Art Mutter Gottes mit Muttergöttinen anderer Kulturen vergleicht. Auch eine Anspielung auf Lilith, wie sie schon in Die stille Stadt vorgekommen ist, fehlt nicht.798 Fritz erzählt eine angeblich talmudische Legende, worin Lilith als erste Frau Adams von Eva abgelöst worden sei, »da sie Adams Sehnsüchte und die Zukunft der Welt besser erfüllen kann als ein schweifender Dämon« (DGT: 16). Somit habe der »niemals endende Kampf des weiblichen Prinzips um das männliche« (DGT: 16) begonnen. Diesen sehr philosophischen Ansatz überträgt Huldschiner geschickt auf eine triviale Liebesbeziehung, in der Judith eifersüchtig auf eine Statue ist, die wiederum, so bildet es sich Judith jedenfalls ein, in Fritz verliebt sei und ihn deshalb durch positive Erlebnisse bezirzen möchte. Außerdem erwähnt Huldschiner die biblische Figur Jephtha, dessen Tochter er einige Jahre zuvor ein ausführliches dramatisches Gedicht gewidmet hatte (vgl. Kapitel 6.19). Auf welche Weise der Text in den Medien rezipiert wurde, ist nicht bekannt, da keine relevanten799 Rezensionen oder anderweitigen Erwähnungen nachgewiesen werden konnten. 14.5 Lyrik auf Anleihe (Plagiatsverdächtigung) Im August 1925 erschien im Berliner Tageblatt eine Prosaskizze des Schriftstellers Paul Zech unter dem Titel Sommerliche Landschaft. Huldschiner vermutete, dass es sich dabei um ein Plagiat handelte, und er verfasste darüber eine ausführliche Analyse, in der er zu beweisen versuchte, dass Zech weite Teile seines Textes von einem Werk des heute in Vergessenheit geratenen Schriftstellers Alfred Putzel abgeschrieben habe. Da er sich schwertat, »ein Organ zu finden, das bereit war, diesen Zeilen Raum zu geben«800, erschien Huldschiners Abhandlung erst im Oktober 1926 in der Wochenschrift Das Tage- Buch. Diese Veröffentlichung hatte zur Folge, dass weitere Texte Zechs untersucht wurden, bei denen ebenfalls Plagiatsverdächtigungen bestanden. Paul Zech war eng mit Stefan Zweig befreundet, der die ganze Affäre mit Besorgnis verfolgte und Zech beistehen wollte. So rezensierte Zweig 1927 Zechs Jean Arthur Rimbaud, eine Sammlung von Nachdichtungen des gleichnamigen französischen Dichters, um dessen Ruf in der selben Zeitschrift, in der Huldschiner Zech angegriffen hatte, zu verteidigen. Seine Buchbesprechung beginnt mit folgender Bemerkung zum Plagiatsvorwurf Richard Huldschiners: Es gibt seit Monaten eine »Affaire« Paul Zech. Es gibt seit zwanzig Jahren einen Dichter Paul Zech. Für die Affaire habe ich weder Interesse noch irgendwelche Kompetenz. Akte und Fakte eines Dichters bestehen für mich in seinen Werken.801 Warum Huldschiner derart viel Einsatz zeigte, um Zech des Plagiats zu überführen, ist unbekannt und bleibt, wie so vieles in Huldschiners Biografie, Spekulation: Vielleicht 798 Vgl. Micheli 2014, S. 57. 799 Im Tiroler Anzeiger erschien 1929 eine Kurzrezension, in der das Werk als eine »im Feuilletonstil [verfasste] treffliche Großstadtbeobachtung« (A. D. 1929, S. 11) bezeichnet wurde. 800 Huldschiner 1926, S. 1479. 801 Daviau 1987, S. 234. 289 Huldschiner als Journalist in München (1922 – 1929) waren Huldschiner und Putzel miteinander bekannt und Huldschiner führte in dessen Namen die Nachforschungen durch. Ebenso könnten es auch persönliche Animositäten gegenüber Zech gewesen sein, die Huldschiner dazu brachten, derart genaue und aufwändige Recherchen durchzuführen. 14.6 Weil-Heim (Essay) Huldschiner veröffentlichte im Juni 1926 nach einer längeren Pause wieder einen kurzen, teilweise autobiografischen Essay mit dem Titel Weil-Heim für die Kulturzeitschrift Die Jugend. Hinter dem Titel verbirgt sich ein Wortspiel. Huldschiner rechnet hier mit dem inflationären Gebrauch des Wortes Künstler in einer zusehends medialisierten Welt ab. Er bemerkt ironisch, dass ein »richtiger« Künstler, der in Zeitungen rezipiert wird und viel Geld verdient wie ein Filmstar oder ein Boxer, gerne in »in der Plauderecke seines Arbeitszimmers« (WeH: 514) abgelichtet werde: Sie befinde sich nicht in einem gewöhnlichen Haus, sondern ganz distinguiert, in einem Heim. Außerdem wohne der Künstler nicht darin, sondern verweile. Huldschiner, wohl ein wenig auf sich selbst anspielend, beschließt den ironischen Diskurs mit folgender Feststellung: »Künstler, die nicht viel verdienen, sind keine Künstler und zählen nicht mit. Sie können weder Heim haben noch darin weilen« (WeH: 514). Huldschiner nimmt hier vermutlich Bezug auf sich selbst und seine eigenen nicht erfüllten Ambitionen als erfolgreicher Schriftsteller. Fest steht, dass er den Beruf des Künstlers schon früher sehr kritisch gesehen hatte. So stellt er in einer Rezension des Romans Kapellmeister Kreisler. Dreizehn Vigilien aus einem Künstlerdasein von Richard Schaukal (1906) fest: Zum Teufel mit dem Größenwahn des Künstlertums! Mir scheint, es ist an der Zeit, uns darauf zu besinnen, daß wir, auch wenn wir unser Bestes geben, auch nicht mehr tun als der Bauer, der den Acker pflügt, so gut er eben kann. Was ist das für ein lästiger Hochmut, der des Künstlers Welt nicht von jedermanns Reich sein läßt! Gebt, was ihr habt, und schreit nicht: seht, ich bin von Gottes Gnaden; niemals erkennt ihr mich, nie! Ich bin König und Jesus!802 Huldschiners Essay rechnet teilweise sehr zynisch mit der damaligen Medienlandschaft ab, die in seinen Augen nur mehr von talentlosen Menschen dominiert werde, deren Fähigkeiten sich auf Äußerlichkeiten und Pose beschränken würden. »Weilen«, so Huldschiner, sei »gleichbedeutend mit Sich-photografieren-lassen« (WeH: 514). Und weiter: »Die Berühmtheit des Künstlers ist proportional der Menge der Bilder, die von ihm – dem in seinem Heim weilenden – in den Blättern erscheinen« (WeH: 514). Ein wenig mokiert sich Huldschiner auch über die in den Zwanzigerjahren stärker werdende Emanzipation der Frau, vor allem in Bezug auf die Frauen im Schauspiel- und Modegewerbe. So gehöre der Mann »zur nicht-existenten Klasse« (WeH: 514), da Frauen, aufgrund ihrer äußeren Vorzüge, häufiger fotografiert würden und somit berühmter seien als die 802 Huldschiner 1907, S. 831. 290 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Männer. Davon ausgenommen seien bei den Männern Boxer und Tenöre, die ebenso häufig abgelichtet werden, allerdings nicht im Heim, sondern bei aufregenden sportlichen Unternehmungen, beim Forellenfang im Gebirge oder in der Segeljacht auf dem lieblichen Tegernsee oder dem wildromantischen Walchensee oder gar dem männermordenden Nordmeer, bei Nord-Ost-Südsturm. (WeH: 514) Auch Frauen würden vermehrt in solchen aufsehenerregenden Situationen fotografiert und der neugierigen Öffentlichkeit präsentiert werden. Sarkastisch zählt er solche Gelegenheiten auf: Sei es zu Pferde (wobei man ihre Reiterhose bewundern darf) oder mit Skiern bewaffnet oder gar bei der Ersteigung des Piz von Teneriffa, worauf sie hinterher zur Belohnung in der hall des Hotels weilen dürfen und dort in anmutiger Haltung beim Einnehmen des Tees photographiert werden. (WeH: 514) Am Schluss des Essays befasst sich Huldschiner noch einmal ironisch mit dem »Nicht- Künstler«, der im Gegensatz zu den die (damals) neuen Medien dominierenden »Künstlern« richtiggehend privilegiert sei, da er sich nicht »für tout Europa, noch besser für Amerika dauernd in charakteristischen Stellungen photographieren lassen« (WeH: 514) müsse. Schließlich sei es eine »ernste Arbeit« und »kein Vergnügen« und müsse daher gut bezahlt werden. Somit gehe es den Nicht-Künstlern um einiges besser, die, wie Huldschiner abschließend aufzeigt, »nur eine Zweizimmerwohnung« besäßen, also kein Heim zum Weilen hätten, dafür aber, ganz ungefährlich, einen »Rattler-Pinsch-Dackel« (WeH: 514).

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.