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13 Exkurs III: Huldschiner als Rezensent in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 273 - 278

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-273

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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273 13 Exkurs III: Huldschiner als Rezensent Ich gehöre selbst zu sehr zum Bau, um nicht zu wissen, dass Kritiker den Autor niemals »verstehen« und was Besprechungen im guten wie im bösen Sinne bedeuten, nämlich eigentlich gar nichts.765 Huldschiner verfasste zahlreiche Rezensionen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Gerade für weniger erfolgreiche und bekannte Schriftsteller stellte diese Tätigkeit eine Möglichkeit dar, zusätzliches Geld zu verdienen, wobei aber die Höhe der Honorare im Allgemeinen eher bescheiden ausfiel. So bekamen Rezensenten in den großen Tagezeitungen ein niedrigeres Zeilenhonorar als Feuilletonisten, was oft auch an der Länge der Texte lag, da man für Buchbesprechungen zumeist nicht mehr als 50 Zeilen einplante. Daher wurde um 1914 für eine Rezension kaum mehr als 5 Mark bezahlt. Häufig galten die Tageszeitungen die verfassten Besprechungen sogar nur mit der Überlassung des Rezensionsexemplars an den Rezensenten ab. Auch gab es kaum festangestellte Kritiker und viele Zeitungen gingen dazu über, nur den sogenannten Waschzettel, also die vom Verlag mitgelieferte Werberezension, abzudrucken.766 Anders verhielt es sich mit reinen Rezensions- und Referateorganen wie zum Beispiel dem Literarischen Echo. Dort hatten Buchbesprechungen nolens volens einen höheren Stellenwert als in den Tageszeitungen oder in den allgemeinen Literaturzeitschriften. Zudem machte es sich das Blatt zur Aufgabe, ein sehr breites Spektrum an Werken zu besprechen, und versuchte, der teilweise sehr ideologisch geprägten Literaturpresse des frühen 20. Jahrhunderts ein objektives Korrektiv entgegenzusetzen.767 Huldschiner war von 1904 bis 1912 als Rezensent für das Literarische Echo tätig und verfasste in dieser Zeit mindestens 43 Buchbesprechungen. Im Folgenden soll auf einige Rezensionen näher eingegangen werden, die in einen Zusammenhang mit Huldschiners Biografie gebracht werden können. Seine erste Rezension für das Literarische Echo besprach die 1903 erschienene Erzählung Die Flucht ins Paradies des in Köln geborenen Schriftstellers Richard Bredenbrücker (1848 – 1931). Das Werk spiele Huldschiner zufolge in Südtirol und verzichte im 765 Huldschiner 23.08.1928. 766 Vgl. Pfohlmann 2007, S. 105. 767 Vgl. ebd., S. 106. 274 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Gegensatz zu seinen Vorgängerromanen fast vollständig auf dialektale Wendungen. So finde sich in Bredenbrückers Werken [n]ichts von Salontirolerei oder gemachter Volkstümlichkeit […] und keine Verzerrung dem seltsam falschen Bild zuliebe, das sich der Städter von den Menschen entlegener Gebirgsdörfer selbst jetzt im Zeitalter des Alpinismus noch zu machen pflegt.768 Dennoch sei das Werk als »fortlaufende Geschichte nicht ganz« befriedigend, da es mehr »eine Folge von Augenblicksbildern«769 darstelle. Immer wieder rezensierte Huldschiner Romane, die in Tirol bzw. in den Alpen handeln. So hebt er besonders die bäuerlichen Figuren des Erzählbandes Schattenhalb des Schweizer Schriftstellers Ernst Zahn (1867 – 1952) hervor, die »Prachtfiguren [seien], deren Bild einem bleibt, auch wenn man den eigentlichen Inhalt des Buches schon wieder vergessen hat«770. Auch die Rezension des Romans Sonnenopfer von Wilhelm Fischer (1846 – 1932) macht deutlich, wie wichtig Huldschiner die Authentizität der bäuerlichen Figuren war. So seien Fischers Romanfiguren unglaubwürdig, da »die Bauern und alten Knechte […] so theistisch [reden], daß man in seines Nichts durchbohrendem Gefühl die Ehrfurcht fahren läßt und anfängt zu schäkern«771. Auch trage der verwendete Dialekt nicht zu einer realistischeren Darstellung bei. Dieser werde im Roman »in einer Weise mundgerecht zu machen gesucht, die weder Wolle noch Seide«772 sei. Auch an der Konstruktion der bürgerlichen Figuren übt Huldschiner Kritik. So sei Heinrich Ilgensteins (1875 – 1946) Kleinstadtroman Die beiden Hartungs voll von Nebensächlichkeiten: »[…] nebensächlich sind sie alle, alle die Leute in der kleinen Stadt Memel.« Doch dies sei nicht das Problem. Vielmehr sei es die Art und Weise, wie Ilgenstein diese kleinbürgerlichen Figuren darstelle. Man sei »der kleinen bürgerlichen Gefühle so müde«, auch wenn sie noch so sehr künstlich verpackt werden würden. Huldschiner schließt seine Rezension damit, dass nicht die Darstellung der Kleinstadt per se »mit all ihrer Ordentlichkeit und Bürgerlichkeit, mit ihrer sammelnden, aufspeichernden, erhaltenden Kraft«773 zu kritisieren sei, sondern die Art und Weise, wie sie im Roman gestaltet werde. In derselben Rezension bespricht Huldschiner auch Heinrich Manns Die kleine Stadt. Darin stellt er, wohl auch auf seinen eigenen Kleinstadtroman Die stille Stadt anspielend, fest: Die Psychologie der Kleinstadt ist im Grunde keine andere als die der Großstadt. Und der Maßstab des Menschlichen verändert sich nicht dadurch, daß der Rahmen enger geworden ist. Das Fehlen des nivellierenden, haftenden, verhüllenden Prin- 768 Huldschiner 1904a, S. 877. 769 Ebd. 770 Huldschiner 1905b, S. 520. 771 Huldschiner 1908c, S. 1239. 772 Ebd. 773 Huldschiner 1910d, S. 1005. 275 Exkurs III: Huldschiner als Rezensent zips aber, das die großen Menschenzentren kennzeichnet, hebt das Individuelle um so schärfer heraus und gibt dem Betrachter nur insofern Gelegenheit, herablassend die Mundwinkel zu verziehen, als das Verhältnis der Dinge zu dem Aufwand, den sie veranlaßt haben, ein groteskes zu sein erscheint.774 Huldschiners antiklerikale Einstellung spiegelt sich auch in einer seiner Rezensionen wider. 1905 veröffentlichte der Tiroler Schriftsteller Rudolf Greinz (1866 – 1942) eine Sammlung von Marterln und Votivtafeln, ironisch-witzigen Sinnsprüchen, die häufig in der Zeitschrift Jugend veröffentlicht und besonders in Tirol nicht immer freundlich rezipiert wurden, u. a. aufgrund ihrer Kritik an den jungen Tiroler Schriftstellern. Huldschiner dagegen lobt insbesondere Greinz’ Kritik an der Tiroler Geistlichkeit, indem er ironisch bemerkt: »Dem katholischen Klerus gilt seine heißeste Liebe. Und das ist ja bei einem modernen Autor wie Greinz selbstverständlich. Er haut derb zu.«775 In zwei Rezensionen befasst sich Huldschiner mit einem weiteren Tiroler Schriftsteller, nämlich mit dem Bozner Albert von Trentini (1878 – 1933). Seinen 1908 erschienenen Debütroman Der große Frühling bespricht Huldschiner differenziert. So rühmt er zwar Trentinis »starkes Können [und] eine überraschende Sprachmeisterschaft«, die aber »in der Hysterie überschwänglicher Sentimentalität elendiglich untergegangen [und] von den haushohen Wogen dekadenter Müdigkeit überwältigt und auf den Grund gezogen«776 worden seien. Auch Trentinis zweiten Roman, Sieg der Jungfrau, bespricht Huldschiner zum Teil negativ, wobei er vor allem die in seinen Augen seichte Sprache Trentinis als besonderen Kritikpunkt hervorhebt. Den Inhalt des Romans gibt Huldschiner ausführlicher als in anderen Rezensionen wieder, um danach festzustellen, dass ihn Sieg der Jungfrau in »vielen Stücken« an seinen eigenen Roman Fegefeuer erinnere: Hier wie dort ein Einsamer, hier wie dort eine fahrende Dirne, hier wie dort eine rettende Tat, die die Augen der Seele wieder sehend macht, hier wie dort das Weib, das die Erlösung vollendet.777 Huldschiner belässt es aber bei dieser Plagiatsandeutung und schränkt ein: »Dennoch fällt es mir nicht ein, bewußte Zusammenhänge behaupten zu wollen. Sie sind rein zufällige.«778 Offensichtliche Anlehnungen hebt Huldschiner dennoch hervor, und zwar an die »frühen Werke Heinrich Manns «779 und an die Sprachgewalt Gabriele D’Annunzios. In der Besprechung des Romans Das offene Fenster von Otto von der Pfordten (1861 – 1918) findet sich eine Anspielung auf Huldschiners eigene Doppelberufung als Arzt und Schriftsteller. So bemerkt er über die vielen medizinischen Anspielungen im Roman ironisch, dass 774 Huldschiner 1910e, S. 1006 – 1007. 775 Huldschiner 1906d, S. 1046. 776 Huldschiner 1909a, S. 1227. 777 Huldschiner 1911c, S. 214. 778 Ebd. 779 Ebd. 276 Andreas Micheli: Richard Huldschiner auch das Hineinziehen von Tuberkulin, Kneipp-, Lahmann- und Schweningerkuren nichts [an der schlechten Qualität des Romans] [zu] ändern [vermag], wie überhaupt das Lehrhafte etwas zu stark unterstrichen ist, sodaß man fast vermuten möchte, ein Arzt habe das Buch geschrieben, der, da er es im Beruf nicht kann, seinen ketzerischen Ideen auf diese Weise Luft machen will.780 Ähnliches stellt Huldschiner auch in seiner Rezension des 1910 erschienenen Romans Der Frauenarzt von Erdmann Graeser (1870 – 1937) fest: »Und über die Dinge der ärztlichen Tätigkeit ist der Verfasser so wenig unterrichtet, daß die geschilderten Konflikte schon deshalb unmöglich wirken, weil ihre Grundlage unwahr ist.«781 Der 1908 auf Deutsch erschienene autobiografische, feministische Roman Eine Frau der Schriftstellerin Sibilla Aleramo (1876 – 1960) wird von Huldschiner recht kühl und distanziert besprochen. Das Werk sei in der »Tendenz« stecken geblieben, sei zu sehr »unverarbeitete Biographie« und enthalte eine »trübe Geschichte des durch schlechte Ehegesetze und unbesiegbare Vorurteile geknechteten Weibes, das nach Freiheit strebt, aber sein innig geliebtes Kind hingeben muß«782. So sei der Roman voll übertriebener Sentimentalität, welche »eigentliches Mitfühlen, Mitleiden«783 verhindere, den Leser »gleichgültig« mache und ihn sogar abstoße. Dennoch sei das Werk »ein gutgeschriebenes Essai für den ›Feminismus‹, und [eine] Apologie emanzipatorischer Frauenbestrebungen«784. In der Besprechung des 1910 erschienenen Romans Worauf wartest du? des deutschjüdischen Schriftstellers Arthur Holitscher (1869 – 1941) kritisiert Huldschiner die eher defensiv gezeichneten jüdischen Figuren: Wollte er [Holitscher] damit nur predigen, daß das endliche und unausweichliche Schicksal des jüdischen Volkes krampfhafte Auflösung, Selbstvernichtung sei? Wäre der Roman vor dreißig oder zwanzig Jahren geschrieben […], so würde man die Frage bejahen und sich bescheiden.785 Da es aber schon seit einigen Jahrzehnten den Zionismus gebe, der Lösungsvorschläge aufzeige, sei es verwunderlich, dass Holitscher diesen im Roman überhaupt nicht thematisiert habe. Huldschiner war auch für andere Publikationen als Rezensent tätig, z. B. für die Neue Hamburger Zeitung, die Jüdische Rundschau und die Vossische Zeitung. Ob er noch für weitere Zeitungen geschrieben hatte, ist nicht bekannt, aber sehr wahrscheinlich. Allerdings lassen sich nur die im Literaturverzeichnis angeführten Rezensionen bibliografisch nachweisen. 780 Huldschiner 1904c, S. 1301. 781 Huldschiner 1912b, S. 285. 782 Huldschiner 1909b, S. 1225. 783 Ebd., S. 1226. 784 Huldschiner 1909b, S. 1226. 785 Huldschiner 1911b, 1409 f. 277 Exkurs III: Huldschiner als Rezensent Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch Huldschiners kritische Stellungnahme zur Lyrik des damals von Ludwig von Ficker geförderten Dichters Georg Trakl (1887 – 1914). In einem Brief an Ficker äußert sich Huldschiner folgendermaßen: Besonders mit Trakl kann ich nicht recht einverstanden sein, obwohl, wie ich meine, wenig Philistertum in mir ist. Man kann ihn mit den Futuristen in Parallele setzen, denen die Farbe alles, die Form nichts ist. So wird aus einem an sich verständigen und künstlerischen Princip ein Fetisch gemacht, und der Leser geärgert. Aber ich gebe zu, daß Sie Recht tun, starken Talenten, auch wenn sie noch nicht im Lichte sind, den Weg zu öffnen.786 Dass sich Huldschiner als Rezensent und Rezensierter in einer Doppelrolle befand, war ihm mehr als bewusst. So verfasste er 1928 für die Vossische Zeitung eine Rezension787 zum Roman Der Frauenzüchter des Schriftstellers Rudolf Schneider-Schelde (1890 – 1956). Die geäußerte negative Kritik brachte Schneider-Schelde dazu, sich bei Huldschiner über diese zu beschweren. Huldschiner wiederum konterte den Angriff mit folgender Replik: Sie sind durch die Besprechung in der Vossischen Zeitung wie mir scheint persönlich verletzt und verärgert. Aber Sie haben gewiss keinen Grund dazu, weil jene Besprechung zwar in Ihrem Sinne »schlecht« sein mag, aber der ehrliche Ausdruck einer wohl und vorsichtig erwogenen Meinung ist.788 Auch zeigte sich Huldschiner unbeeindruckt davon, dass ihm Schneider-Schelde Werberezensionen seines Verlages mitgeschickt hatte, die beweisen sollten, dass sich Huldschiner geirrt habe. Der Brief schließt mit der Bemerkung, dass er Schneider-Scheldes Reaktion durchaus verstehen könne, da Huldschiner selbst zu sehr zum Bau [gehöre], um nicht zu wissen, dass Kritiker den Autor niemals »verstehen« und was Besprechungen im guten wie im bösen Sinne bedeuten, nämlich eigentlich gar nichts.789 Diesen entspannten Umgang mit Kritik hatte sich Huldschiner über viele Jahrzehnte mühsam erarbeitet, musste er doch für sein schriftstellerisches Werk im Laufe seiner Karriere einiges an negativer Kritik einstecken. 786 Huldschiner 25.04.1913. 787 Vgl. Huldschiner 1928. 788 Huldschiner 23.08.1928. 789 Ebd.

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.