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2 Richard Huldschiners Vorfahren: Die Geschichte einer europäischen Familie in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 27 - 34

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-27

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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27 2 Richard Huldschiners Vorfahren: Die Geschichte einer europäischen Familie In Gleiwitz war der Himmel düster, die Luft von Kohlenruß erfüllt, das Volk redete wasserpolnisch – in Bozen strahlte die Sonne, und von den Bergen kam das grüne Licht.80 Über Richard Huldschiners Familie väterlicherseits ist wenig bekannt. Wahrscheinlich stammte sie ursprünglich aus dem Hultschiner Ländchen in Österreich-Schlesien.81 Aaron Huldschiner, Richard Huldschiners Urgroßvater, wurde aber bereits in Gleiwitz geboren,82 und seine Frau Marianna Huldschiner war eine der ersten Jüdinnen, die 1809 als Hausbesitzerin aufgeführt wurde.83 Die Familie betrieb einen Kolonialwarenladen en gros. Ihr Sohn Samuel Huldschiner (1797 – 1881)84 war 45-jährig samt seiner Familie ebenso als Hausbesitzer im Volkszählungsregister der Stadt Gleiwitz eingetragen und als Kaufmann tätig.85 Die orthodox-jüdische86 kinderreiche Familie beteiligte sich aktiv am Gemeindeleben, so z. B. waren verschiedene Familienmitglieder im Vorstand des Frauen vereins und des Beerdigungsvereins sowie im Repräsentanten-Kollegium der Synagoge tätig.87 Die Stadt Gleiwitz gehörte seit 1815 zur preußischen Provinz Schlesien, genauer zum Regierungsbezirk Oppeln. Die Industrialisierung am Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgte rasch und die Stadt wurde zu einem wichtigen Standort für die Eisenhüttenindustrie. Die jüdische Gemeinde in Gleiwitz war stets sehr klein und zählte 1812 nur 52 Personen.88 Mit dem preußischen Judenedikt von 1812 wurden auch die wenigen jüdischen Familien in Gleiwitz zu preußischen Staatsangehörigen und somit rechtlich gleichgestellt. Im selben Jahr wurde ein Tempel errichtet und die ersten offiziellen jüdischen Got- 80 Huldschiner 1910c, S. 551. 81 Vgl. Huldschiner o. J., S. 5. 82 Vgl. Sterbemeldung Salomon Huldschiner 1881. 83 Vgl. Nietsche 1886, S. 602. Ihre genaue Wohnadresse lautete Beuthener Vorstadt Nr. 13. 84 Vgl. Sterbemeldung Salomon Huldschiner 1881. 85 Vgl. Volkszählungsregisterauszug Familie Salomon Huldschiner 1840. 86 Vgl. Davidsohn 1931, S. 2. 87 Vgl. Nietsche 1886, 605 f. 88 Vgl. Kubit 2005, S. 8. 28 Andreas Micheli: Richard Huldschiner tesdienste gefeiert.89 1885 betrug die Zahl der jüdischen Bürger in Gleiwitz bereits 1874 Personen.90 Die jüdische Hauptgemeinde im Regierungsbezirk war das nahe gelegene Beuthen.91 Richard Huldschiners Vater Adolf Huldschiner (1831 – 1901) war Salomons jüngster Sohn und besuchte92 das Königliche Katholische Gymnasium, welches seit 1816 allen Konfessionen offenstand.93 Die Familiengeschichte von Richard Huldschiners Mutter Johanna Lehman94 lässt sich aufgrund der Quellenlage genauer nachzeichnen als jene von Adolf Huldschiner. Einer alten Aufzeichnung von Richard Huldschiners Urgroßvater Isidor Lehman zufolge95 stammte die Familie ursprünglich aus Spanien und trug den Namen De Luna96. Zur Konversion gezwungen und durch die Spanische Inquisition verfolgt, wurde die Familie nach Erlass des Alhambra-Edikts zur Flucht gezwungen. Sie siedelte sich in der Nähe von Limoges in Zentralfrankreich an. 1509 finden sich Spuren der Familie in Oberehnheim im Elsass, bis sie sich in Bischheim bei Straßburg niederließ, da es Juden Mitte des 18. Jahrhunderts nicht erlaubt war, in Straßburg selbst zu wohnen. Dennoch eröffneten Isaac Leime (Lehman) und seine Söhne dort ein Bankhaus. Einer der Söhne, Liebman Levi Lehman, wurde, nachdem die ärgsten Wirren der Französischen Revolution am Elsass vorbeizogen waren, französischer Armeelieferant.97 Die biografischen Informationen zur frühen Familiengeschichte der Familie Lehman sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie entstammen alle einer Aufzeichnung der Schwägerin Richard Huldschiners, Milly Huldschiner. Ob Milly ihre Aufzeichnungen zusätzlich auf Dokumente gestützt hatte oder nur auf die mündliche Überlieferung ihrer Familie vertraute, lässt sich nicht mehr feststellen. Somit ist auch nicht wirklich ge- 89 Vgl. Nietsche 1886, S. 603. 90 Vgl. ebd., S. 606. 91 Vgl. Cohn 1927, S. 225. 92 Vgl. Kabath 1844, S. 44. 93 Vgl. Nietsche 1886, S. 644. 94 Die Schreibweise des Nachnamens (n bzw. Doppel-n am Schluss) ist in den Quellen nicht einheitlich. Auf ihrem Grabstein findet sich die Schreibweise Lehman. 95 Vgl. Huldschiner o. J., S. 1. 96 Milly Huldschiner schreibt in den Familienerinnerungen De Luma, allerdings liegt hier ein Tippfehler nahe. 97 Vgl. Huldschiner o. J., S. 1. Abb . 1: Adolf Huldschiner (ca . 1890) . 29 Richard Huldschiners Vorfahren: Die Geschichte einer europäischen Familie sichert, ob die Familie Lehman tatsächlich sephardischen Ursprungs ist, kokettierte man in jüdischen Familien doch gerne mit angeblich sephardischen Wurzeln, da diese mit Kultiviertheit und edler Abstammung in Verbindung gebracht wurden. Liebman Levi Lehmans Sohn Isidor Lehman, geboren 1785 in Bischheim, trat mit 14 Jahren in das Geschäft des Vaters ein. Das Leben Isidor Lehmans ist gut dokumentiert. Richard Huldschiner übergab dem Rabbiner und Volkskundler Max Grunwald die Aufzeichnungen Isidor Lehmans über seine Erlebnisse während des napoleonischen Russlandfeldzuges, den er als Armeelieferant begleitet hatte. Grunwald verfasste über Lehman einen Aufsatz in französischer Sprache98 und später publizierte er Lehmans Erinnerungen in einem Sammelband.99 So nahm Lehman im Jahr 1812, um sein Vermögen für sich und seine junge Familie zu vergrößern, am Russlandfeldzug teil.100 Dort war er vor allem bei der Organisation des Nachschubes für das multinationale Heer Napoleons zuständig. In seinen Erinnerungen beschreibt er ausführlich seine abenteuerliche Rückkehr aus Russland, die Isidor Lehman von Minsk über Dresden und Ulm zurück in seine Heimat führte.101 Als armer Mann kehrte Lehman zu seiner Familie zurück und übersiedelte nach Randegg in Baden, wo er aufgrund seiner Geschäfts- und Sprachkenntnisse hohes Ansehen genoss und finanziell wieder auf die Beine kam.102 Später betrieb er dort ohne viel Erfolg eine Stärkefabrik. Nach dem frühen Tod seiner Frau zog er sich aus dem Berufsleben zurück, widmete sich der Erziehung seiner Kinder und war literarisch tätig. So verfasste er nach (einer widersprüchlichen) Aussage Milly Huldschiners »u. a. eine Denkschrift zur Verteidigung des Hausiererhandels der Juden103 und eine Warnung des deutschen Volkes vor Russland«104. Außerdem soll Zar Nikolaus auf seinem Weg nach Paris in Lehmans Haus übernachtet haben.105 Milly Huldschiner zufolge erhielten Isidors Töchter aus diesem Grund den Spitznamen »Hofdamen«.106 Isidor Lehmans einziger Sohn David (1814 – 1883) war, wie der Vater, weit herumgekommen, welterfahren und sprachkundig […]. Er wird als eleganter Weltmann geschildert, der es wieder zu grossem Wohlstand brachte, von dem auch für die kleine Heimatgemeinde abfiel.107 98 Vgl. Grunwald 1909. 99 Vgl. Lehman 1913. 100 Vgl. ebd., S. 59. 101 Vgl. Grunwald 1909, S. 80. 102 Vgl. Lehman 1913, S. 24. 103 Richard Huldschiner behauptet in einem Brief an Grunwald, dass »ich [nach einem Schadensfall, vermutlich ein Brand], glücklicherweise das Originalmanuskript des Urgroßvaters über seine Erlebnisse in Russland noch vorgefunden [habe]. Aber meine Abschrift dieser Aufzeichnungen, ein Aufsatz der Urgroßmutter über die Verhältnisse des jüdischen Hausierhandels, Bruchstücke aus Spanien, meine gesammelten Notizen über Stammbaum etc. scheinen verloren zu sein« (Huldschiner 28.09.1908). Somit ist die Urheberschaft des Werkes unklar. 104 Huldschiner o. J., S. 3. 105 Vgl. Lehman 1913, S. 24. 106 Vgl. Huldschiner o. J., S. 3. 107 Huldschiner o. J., S. 3. 30 Andreas Micheli: Richard Huldschiner David Lehman heiratete 1842 Flora Schwarz aus Hohenems in Vorarlberg. Er besaß wie sein Vater Isidor die französische Staatsbürgerschaft. David Lehman zog nach Paris, betrieb ein kleines Geschäft und lebte dort zusammen mit seiner Familie, seiner Frau und seinen beiden Töchtern Henriette und Mathilde. Henriette verstarb bald nach der Geburt, und als Mathilde vier Jahre alt war, zog die Familie nach Hohenems zur Familie von Flora Lehman, geborene Schwarz. Ihre Brüder, die Söhne von Josef Schwarz, bauten sich seit den 1840ern in Hohenems und in Südtirol (Bozen und Vilpian) ein ansehnliches Bank- und Brauereigeschäft auf. David Lehman wurde 1848 kurzfristig beauftragt, die Leitung der Bozner Bank-Filiale zu übernehmen. Der Grund ist unklar. Milly Huldschiner schreibt, dass die Brüder Schwarz »den Fährnissen von 1848 aus dem Weg gehen wollten«108. Um welche Fährnisse es sich gehandelt haben könnte, bleibt Spekulation. Schließlich hatten die Gebrüder Schwarz bereits im April 1847 Schwierigkeiten mit der Bozner Gemeindeverwaltung und wurden gezwungen, ihren Pachtvertrag mit dem Carlischen Brauhaus zu lösen und Bozen innerhalb von sechs Monaten zu verlassen. Anfang 1848 verließen sie die Stadt und kehrten nach Hohenems zurück. Ernst Schwarz erwirkte aufgrund seiner guten Beziehungen zu höchsten Kreisen eine Intervention des Kaisers, durch welche die Verordnung aufgehoben und die Rückkehr der Familie nach Bozen ermöglicht wurde.109 Nach der Märzrevolution 1848 waren die Juden in Österreich durch die Pillersdorfsche Verfassung und später durch die sogenannte rückdatierte Oktroyierte Märzverfassung kurz zeitig vor dem Gesetz gleichgestellt und konnten somit u. a. auch Grundbesitz erwerben bzw. ohne größere Widerstände in verschiedenen Städten geschäftlich tätig sein. In diesem liberalen Klima konnte Ernst Schwarz in Bozen die bereits erwähnte Filiale seines während der erzwungenen Rückkehr nach Hohenems gegründeten Bankund Wechselgeschäftes »Gebrüder Schwarz« eröffnen.110 Au- ßerdem übernahm die Familie für die in Italien kämpfende österreichische Armee den Transport von Versorgungs gütern. Da die Brüder die einheimischen Spediteure preislich unterboten hatten, erzeugten sie, in Kombination mit ihrer nicht tirolischen bzw. jüdischen Herkunft, bei der Bozner Geschäftswelt erneut Animositäten, die sogar in gewalttätige Ausschreitungen gegen die Gebrüder Schwarz mündeten.111 So konnte die aufgebrachte und aufgehetzte Menge im November 1848 nur durch Einsatz der Nationalgarde von einem Sturm auf die Carlische Brauerei abgehalten werden.112 Die beiden dokumentierten Ereignisse vom April 1847 bzw. November 1848 könnten wohl jene »Fährnisse« gewesen sein, die trotz ihrer Tragik dazu beitrugen, dass sich 108 Ebd. 109 Vgl. Tänzer 1905, S. 494. 110 Vgl. Achrainer 2013, S. 228. 111 Vgl. Tänzer 1905, S. 494. 112 Vgl. Bote für Tirol und Vorarlberg 1848, S. 1. Abb . 2: Isidor Lehman (ca . 1850) . 31 Richard Huldschiners Vorfahren: Die Geschichte einer europäischen Familie David Lehman zusammen mit seiner Familie als Stellvertreter der abwesenden Gebrüder Schwarz in Bozen niederließ. Im Juni 1848 wurde noch in Hohenems David Lehmans dritte Tochter, Johanna, genannt Hanny113, geboren. Zusammen mit ihrer Familie lebte Richard Huldschiners Mutter auf einem großen Gutshof der Familie Schwarz in Gries bei Bozen, mit viel Grund, Weinbergen, einem Brauereibetrieb, mit schweren Zugpferden, Kühen und Hühnern, mit Knechten und Mägden, in heiterer, unbefangener Kindheit.114 Die juristische Gleichstellung der Juden in Österreich währte aber nur kurz und ab 1851 kam es durch die Aufhebung der Verfassung erneut zu zahlreichen gesetzlichen Einschränkungen. Auch David Lehman war davon betroffen. Zwar erhielt er im Juni 1856 von der Gemeinde Bozen die Handelsbefugnis für eine Gemischtwarenhandlung gegen die Entrichtung der Erwerbssteuer,115 doch sein eigentliches Vorhaben, die Eröffnung einer eigenen Bank, wurde im Juni 1859 von der Gemeinde zunächst abschlägig behandelt mit der Bemerkung, dass Geldwechsel keine freie Beschäftigung sei.116 Wie lang David Lehman als Prokurist für die Gebrüder Schwarz in ihrer Filiale in Bozen tätig war und ob er tatsächlich eine Gemischtwarenhandlung führte, ist unbekannt. Seine Prokura endete jedenfalls erst im Dezember 1863.117 Allerdings betrieb er bereits seit Jänner 1860 eine eigene Wechselstube,118 welche aber erst am 30. Juli 1863 ins Handelsregister eingetragen wurde.119 In Bozen wurden mit dem aufkommenden Tourismus zahlreiche Wechselstuben und Kleinbanken eröffnet, welche aber oft nur kurzzeitig geschäftlich aktiv waren, bis sie von größeren Bankhäusern übernommen wurden. Dieses Schicksal ereilte auch die Wechselstube von Lehman, die 1871 von der Wiener Wechselbank gekauft wurde, wobei David Lehman die Filialleitung übertragen wurde.120 Im Juni 1873 schloss die Wiener Wechselbank die Filiale in Bozen,121 doch schon im Dezember desselben Jahres eröffnete Lehman in seinem Haus am Dreifaltigkeitsplatz122 wieder sein eigenes Bank- und Wechselgeschäft, in welchem später auch Adolf Huldschiner mitarbeitete.123 113 Johanna Lehman wird in den Quellen zumeist Hanny genannt. Ebenso steht auf ihrem Grabstein in Bozen nur die Kurzform ihres Vornamens. 114 Huldschiner o. J., S. 4. 115 Vgl. Gemeinderatsprotokolle der Gemeinde Bozen 01.02.1856; vgl. Gemeinderatsprotokolle der Gemeinde Bozen 20.06.1856. 116 Vgl. Gemeinderatsprotokolle der Gemeinde Bozen 08.06.1859. 117 Vgl. Kritzinger 2001, S. 95, Fn. 584. 118 Vgl. Bozner Zeitung 1860, S. 5. 119 Vgl. Der Bote für Tirol 1863, S. 10. 120 Vgl. Der Bote für Tirol und Vorarlberg 1871, S. 2. 121 Vgl. Meraner Zeitung 1873, S. 6. 122 Hier ist die Engelsburg, Huldschiners Wohnhaus während seiner Kindheit, gemeint, welche unter der Adresse Bindergasse 31 zu finden war. Der Dreifaltigkeitsplatz (heute Rathausplatz) lag aber in unmittelbarer Nähe davon. 123 Vgl. Tiroler Volksblatt 1873, S. 10. 32 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Am 4. Juni 1868 fand eine Sitzung des Gemeindeausschusses statt, wo über die bedingte Aufnahme von David Lehman in den Gemeindeverband entschieden wurde.124 Bereits wenige Tage später findet sich in der Bozner Zeitung ein äußerst positiver Bericht über die Entscheidung des Gemeindeausschusses, Lehman in den Gemeindeverband aufzunehmen, falls ihm von der Regierung die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen würde. Der Autor des Artikels betont, dass es sich hier um den ersten Fall in Tirol125 handle, wobei in Uebereinstimmung mit dem Artikel 14 des Staatsgrundgesetzes126 vom 21. Dec. 1867 thatsächlich erklärt wurde, daß man den Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte nicht vom Religionsbekenntnis abhängig machen wolle.127 Der Bericht schließt mit der Feststellung, dass sich David Lehman schon seit 20 Jahren in Bozen aufhalte und zudem zwei Häuser und ein nicht unbedeutendes Vermögen besitze.128 Dass er in der Stadt sehr angesehen war, macht u. a. ein weiterer Zeitungs bericht deutlich, in dem über die mögliche Öffnung der Weintraubengasse hin zum Bahnhof berichtet wird. Lehman sei im Juni 1872 zum Vorsitzenden eines Komitees gewählt worden, welches sich mit der erwähnten Problematik auseinandersetzen sollte. Ihm zur Seite seien angesehene Bozner Bürger wie der damalige Handelskammerpräsident Georg Herrmann und der spätere Bürgermeister von Bozen, Dr. Julius Perathoner, gestanden.129 Auch Richard Huldschiner beschreibt Lehman als beeindruckende Persönlichkeit: Mein Großvater war ein vornehmer Mann, der immer in Lackschuhen ging, dem immer ein Paar neuer Handschuhe zurechtgelegt wurde. Seine Augen sahen sanft und gütig in die Welt, sein Sinn war der eines Edelmanns.130 In Reichenhall traf Ende der 1860er die um 17 Jahre jüngere Johanna Lehman aus Bozen auf Adolf Huldschiner aus Gleiwitz. Milly Huldschiner, Richards Schwägerin, schreibt über die Begegnung in ihrer Familienchronik: Der Vater David Lehman, ein grosszügiger Weltmann, machte alljährlich grosse Reisen mit der Familie, und auf einer dieser Ferienreisen lernte die jüngere Tochter 124 Vgl. Bozner Zeitung 1868a, S. 4. 125 Achrainer (2013: 228) zitiert einen Zeitungsbericht, der in der Allgemeinen Zeitung des Judentums (30.06.1868) erschien, in dem gemeldet wird, dass »dem israelitischen Banqiuer Lehmann erklärt wurde: es stehe seiner Ansässigkeit nichts entge gen, sobald er das österreichische Staatsbürgerrecht erhalten habe«. Richard Huldschiners Schwägerin, Milly Huld schiner, führt dagegen das Jahr 1867 an, in welchem David Lehman das österreichische Bürgerrecht erhalten haben soll (vgl. Huldschiner o. J., S. 3). 126 Erst das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger der Dezemberverfassung 1867 stellte erneut alle österreichischen Staatsbürger vor dem Gesetz gleich und gewährte zudem die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. 127 Bozner Zeitung 1868b, S. 3. 128 Vgl. ebd. 129 Vgl. Constitutionelle Bozner Zeitung 1872, S. 2 – 3. 130 Huldschiner 1910c, S. 551. 33 Richard Huldschiners Vorfahren: Die Geschichte einer europäischen Familie Hanny in Reichenhall den Schlesier Adolf Huldschiner aus Gleiwitz kennen, der sich um das anmutige und geistreiche Mädchen bewarb.131 Wann genau die Hochzeit stattfand, lässt sich nicht eruieren. Der erste Sohn, Arnold, wurde im Juli 1870 in Gleiwitz geboren, wo sich die junge Familie zunächst niederließ. Beinahe genau zwei Jahre später, am 11. Juli 1872, wurde dort auch der zweite Sohn, Richard, geboren. Als dieser zwei Jahre alt und Johanna Huldschiner erneut schwanger war, nahm Adolf Huldschiner das Angebot seines Schwiegervaters an, in dessen Bank in Bozen mitzuarbeiten.132 Die Familie Huldschiner lebte zusammen mit den Großeltern in der sogenannten Engelsburg, einem städtischen Wohnhaus in der Bozner Bindergasse. Das Haus hatte David Lehman in den späten 1860ern, wahrscheinlich nach seiner Einbürgerung, erworben.133 Im August 1874 kam in Bozen Richard Huldschiners Schwester Elfriede zur Welt. 131 Huldschiner o. J., S. 4. 132 Vgl. Huldschiner 1927a, S. 5. 133 Seit 1870 wird Lehman im Verzeichnis der Häuser der Stadt Bozen als Hausbesitzer geführt (vgl. Verzeichnis der Häuser der Stadt Bozen 1870, S. 3). Abb . 3: Johanna Lehman mit Arnold Huldschiner (1870) .

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.