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11 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 227 - 252

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-227

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
227 11 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) 4 – 1 Niederlage, Verlust herrlichster Landschaften, vier Jahre des Lebens umsonst geopfert, Gefangenschaft, Hohn, Vernichtung. (AK1: 2) Die Gemeinsame Armee suchte zu Kriegsbeginn händeringend nach Ärzten. So wurden im August 1914 bereits fast alle reserve- und landsturmpflichtigen Ärzte eingezogen. Der Mangel konnte kurzfristig durch zahlreiche freiwillige Meldungen bereits pensionierter Militärärzte bzw. älterer, nicht mehr dienst- oder landsturmpflichtiger Zivilärzte gemildert werden. Letztere erhielten nach Meldung und auf Kriegsdauer den Rang eines Oberarztes (entspricht einem Oberleutnant).684 Huldschiner war zu Kriegsbeginn 42 Jahre alt, demgemäß also noch landsturmpflichtig in der preußischen Armee685. Daher meldete er sich nach Beginn des Ersten Weltkrieges in Innsbruck freiwillig als militärischer Zivilarzt für den Lazarettdienst in Tirol.686 Aufgrund der italienischen Neutralität war Tirol zu dieser Zeit kriegstechnisch gesehen militärisches Hinterland. Die regulären tirolischen Militäreinheiten wurden an die Ostfront nach Galizien geschickt und dort regelrecht verheizt. Viele der dort verwundeten Tiroler Soldaten wurden zur Genesung in die Lazarette von Bozen und Trient überstellt. Als militärischer Zivilarzt trat Huldschiner Ende Oktober 1914 seinen Dienst im Festungsspital Trient II an. Hierfür erhielt er als preußischer Staatsangehöriger die Genehmigung des preußischen Kriegsministeriums.687 Er bezog den gleichen Sold wie ein Regimentsarzt und musste Uniform tragen. An seine Familie schrieb Huldschiner hierüber begeistert: Ich werde mich wahrscheinlich in Uniform werfen müssen. Und wenn das der Fall ist, so lege ich mir auch den Burschen zu, um den ganzen Glanz zu genießen. Na- 684 Vgl. Biwald 2002, S. 95. 685 Welche militärische Ausbildung Huldschiner erhalten hatte und welchen Rang er während seines Militärdienstes in der preußischen Armee innehatte, ist nicht bekannt. 686 Vgl. Huldschiner 22.10.1914. 687 Vgl. Huldschiner 07.12.1920. Im Belohnungsantrag des k.k. Standschützen Feld-Bataillons Bozen findet sich folgende Bemerkung: »Vom bayrischen und preußischen Kriegsministerium solange vom Landsturmkampf beurlaubt als in österreichischen Diensten im Feld steht.« 228 Andreas Micheli: Richard Huldschiner türlich bekomme ich dann auch Equipierungsgelder in ausreichender Höhe. Das Salutieren übe ich bereits vor dem Spiegel. 688 Die großen Verluste, die vielen Verwundeten und die militärischen Rückschläge, welche die österreichische Armee in Gefechten mit der russischen Armee erlitten hatte, bedeuteten für die Moral der österreichisch-ungarischen Soldaten, aber auch für jene der Zivilbevölkerung einen ersten herben Dämpfer in Bezug auf die anfängliche Kriegsbegeisterung. Dennoch war man noch zuversichtlich, mit deutscher Unterstützung letztlich doch einen schnellen Sieg einzufahren. So berichtet Huldschiner am 14. November seiner Familie: Alles was noch Arme und Beine hat, ist eingerückt. Die allgemeine Stimmung ist trotz der letzten Nachrichten vom Nordosten nicht schlecht, man rechnet jetzt darauf, daß der deutsche Durchbruch in Flandern gelingt und daß dann die vereinigten Heere sich intensiver mit der russischen Invasion beschäftigen werden können.689 11.1 Der Schrei in der Nacht (Erzählung) Auch die Bozner Gruppe des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins gab sich Anfang 1915 kriegsbegeistert und widmete die Faschingsnummer in eine sogenannte Kriegsnummer um, um mit dem Reinerlös die Kriegsfürsorge zu unterstützen.690 Die darin publizierte Kriegsgeschichte Der Schrei in der Nacht war Huldschiners erste Erzählung, die sich mit dem Krieg befasste. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erzählung im Jänner 1915 war Huldschiner in Bozen im dortigen Militärlazarett tätig.691 Der Schrecken des Krieges war ihm, obwohl er nicht an der Front diente, sehr wohl bekannt, sah er doch jeden Tag Hunderte Kriegsverletzte. Von diesen hörte er sicherlich Berichte über die Situation an der Ostfront und in Serbien, die so nicht in den Tageszeitungen standen und ihn zu seiner Geschichte inspiriert haben könnten. Der Protagonist der Erzählung ist der schwer verwundete Kaiserjäger-Leutnant Waldhofer. Er liegt mit »abgeschossenem rechten Bein« (DSN: 19) hinter einer Hecke bei Bilica692. Huldschiner beschreibt die letzten Stunden des Mannes und seines Todeskampfes, denn »[s]o wie er ins Feld gezogen war, im Rausch der Hoffnung und in einem unsäglichen Ueberströmen hoher und herrlicher Gefühle, so wollte er auch sterben« (DSN: 19). Seine letzten Gedanken gehören aber auch seiner Heimat, mit deren Landschaft und Bewohnern er stark positive Gefühle verbindet: 688 Huldschiner 22.10.1914. 689 Huldschiner 11.11.1914, 13.11.1914, 14.11.1914. 690 Vgl. Bozner Nachrichten. Allgemeiner Anzeiger 1915a, S. 3. 691 Vgl. polizeiliche Wohnungs-Anmeldung Bad Kissingen 1914, 1919; vgl. Huldschiner 10.02.1915, 11.02.1915. 692 Auf Deutsch auch Bielitz genannt, in Österreichisch-Schlesien gelegen. 229 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) Er dachte an die Heimat, an die fahlen Berghänge, […] an die alten Städte mit den krummen Gassen, über denen immer der Hall der Glocken lag, an die Wolken der Heimat, die hell und freudig über die Berge kamen, […] an viele Gesichter, liebe und gleichgültige, an das blonde Mädchen im Kaffeehaus […]. (DSN: 19) Waldhofer greift zum Morphiumfläschchen, »das ihm ein befreundeter Arzt ins Feld mitgegeben hatte« (DSN: 19). Huldschiner lässt den Helden somit kurz schwach werden, als dieser beschließt, das ganze Fläschchen Morphium zu trinken für »einen leichten Tod« (DSN: 19), den er einem Leben als »Krüppel« (DSN: 19) vorzieht. Plötzlich vernimmt Waldhofer ein Winseln, das schließlich in einen Schrei mündet. Er kriecht in Richtung des Schreis und erblickt »einen zerrissenen Körper ohne Arme« (DSN: 19). Um dem Mann beim Sterben zu helfen, flößt er ihm, »der ein Mensch gewesen war, jetzt aber nur mehr jammernder Mund zu sein schien« (DSN: 19), das ganze Fläschchen Morphium ein, um den Todeskampf zu verkürzen. Das Medikament zeigt Wirkung und »[d]ie Nacht wurde wieder feierlich und gelassen, wie nur je eine Nacht in friedlichem Gelände« (DSN: 19). Am nächsten Morgen verstirbt schließlich auch Waldhofer, allerdings im Wissen, einem Kameraden geholfen zu haben. Huldschiners Protagonist ist ein Bilderbuchsoldat, der bereit ist, sein Leid zu verlängern, um einen Kameraden davon zu befreien. Obgleich er kurz davor ist, sich durch den Freitod selbst vom Schmerz zu erlösen, d. h., den leichten Weg zu wählen, zeigt er doch Mut und Menschlichkeit, indem er seinem Kameraden hilft. Huldschiner lässt seinen Protagonisten in den letzten Stunden ein letztes Mal an seine Tiroler Heimat denken, die ihm in einer schweren Zeit Kraft gibt, ein weniger länger durchzuhalten und den Schmerz zu verdrängen: Waldhofer legte sich tiefatmend zurück mit offenen Augen, die still zu lächeln schienen, mit einem hellen Klang in den Ohren, wie von Kuhschellen auf einer grünen Alm unter den Felsen. (DSN: 19) Huldschiners Geschichte gibt auf der einen Seite einen ungeschönten Blick auf die Brutalität des Krieges, auf die Leiden der Soldaten, die weit weg von daheim allein sterben. Auf der anderen Seite sollte die Geschichte ihren Heldenmut und ihre Tapferkeit illustrieren und aufzeigen, dass es auch inmitten des Krieges möglich ist, menschlich, ja beinahe selbstlos zu handeln. Dennoch übte Huldschiner in seiner Erzählung keine direkte Kritik am Krieg. 11.2 Alpenwacht (Reportage) Im Jänner oder Februar 1915 wurde Huldschiner nach Bozen ins Militärlazarett versetzt.693 Dort blieb er bis zu seiner freiwilligen Meldung an die Front und seiner Zuteilung zur 693 Vgl. polizeiliche Wohnungs-Anmeldung Bad Kissingen 1914, 1919; vgl. Huldschiner 10.02.1915, 11.02.1915. 230 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Standschützenkompanie Bozen am 19. Mai 1915,694 wenige Tage vor der offiziellen Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn. Unter dem Kommandaten Alois Oberrauch zog das Standschützenbataillon Nr. I Bozen am 20.05.1915 in den Kampf.695 Das Bataillon wurde von Mai 1915 bis zum Frühjahr 1918 im Abschnitt Festung Riva, ab dem Frühjahr 1918 bis zum Ende der Kampfhandlungen im November 1918 in Judicarien im westlichen Trentino eingesetzt.696 Das Bataillon bestand zu Kriegsbeginn aus einem Bataillonsstab und drei Kompanien, wobei aufgrund der hohen Verluste Kompanien häufig aufgelöst oder mit anderen Bataillonen zusammengelegt wurden.697 Huldschiner wurde, wie es bei den Standschützen Tradition war, im Mai 1915 zum Regimentsarzt gewählt und nachträglich vom Militärkommando in seinem Rang bestätigt698 und behielt ihn während des gesamten Krieges.699 Am 22. Mai bezog das Bataillon auf der Hohen Rocchetta oberhalb von Riva auf einer Länge von 15 km Stellung. Im Juni 1915 erschien im Prager Tagblatt eine Kriegsreportage Huldschiners, die über die ersten Tage des Standschützenbataillons Bozen an der Gebirgsfront berichtete. Da 694 Vgl. k.k. Standschützen Baon Bozen: Vormerkblatt. 695 Vgl. Joly 1998, S. 99. 696 Vgl. ebd. 697 Vgl. ebd., S. 101. 698 Vgl. Belohnungsantrag Richard Huldschiner. K.k. Standschützen Feld-Baon Bozen. 699 Vgl. Joly 1998, S. 101. Abb . 22: Südfront, Abschnitt Festung Riva . 231 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) auf derselben Seite der Zeitung auch andere Kriegsberichte abgedruckt wurden, kann davon ausgegangen werden, dass es sich um keine Erzählung, sondern um einen journalistischen Text handelt, wobei sich Huldschiner, ähnlich den späteren Kriegs geschichten, einer literarischen Sprache bediente. Im Untertitel, Süd-Tirol, …, 26. Mai, wurde der Ort, an dem der Text geschrieben wurde und das Standschützenbataillon zu dem Zeitpunkt auch stationiert war, zensiert. Die Reportage trägt den Titel Alpenwacht und beginnt damit, dass der Leser über die Kriegsbegeisterung des Bataillons nach der Verkündung der Kriegserklärung erfährt: »Es war keiner unter uns, der nicht sein befreites donnerndes Hurra über die Berge hinausgeschrien hätte« (Alp: 4). Huldschiners Landschaftsbeschreibungen des Frontabschnittes, den die Bozner Standschützen verteidigen, sind in einer idealisierenden Sprache verfasst, die sich so auch in seinen späteren Kriegserzählungen und -berichten wiederfindet, dort allerdings vermehrt kontrastiert mit der Brutalität des Krieges. Von dieser ambivalenten Betrachtung ist in Alpen wacht noch wenig zu bemerken. So seien die Soldaten hoch über fruchtbarstem Tal in ein paar Wellblechbaracken und Zelten untergebracht […]. Drüben ist in der Tiefe ein blaugrüner See und der Kamm des jenseitigen Gipfelzuges ist schon die Grenze. (Alp: 4) Vielmehr schildert Huldschiners dem Leser in aller Kürze die besondere Rolle der Standschützen in Tirol: »Ganz Tirol stellt solche Bataillone, die gewissermaßen eine neue Inkarnation des Volksaufgebotes darstellen, das sich 1809 um Hofer scharte« (Alp: 4). Huldschiner beschreibt ebenfalls seine improvisierte Krankenstation: Meinen Hilfsplatz habe ich schon errichtet: Ein Bretterdach, zwei lange Tische. Nicht weit von dem großen Schneefleck, der Wasser für das Lager liefert und hoffentlich noch recht lange vorhält. (Alp: 4) Huldschiners Bericht glorifiziert auch das Lagerleben der Soldaten: Und wer von uns nicht Dienst hat, sitzt vor den Baracken oder auf den Wiesen, raucht seine Pfeife und – wartet. Es ist nicht Furcht, im Gegenteil, es geht heiter zu. Das frohe Gefühl der Ka meradschaft bindet diese so verschiedenen Männer zusammen. Aber die Härte des Nachtlagers, die spartanische Einfachheit der Kost, die schweren Anstrengungen des Tages mit dem ewigen Auf und Ab über hohe Hänge – all das bewirkt ein feierliches Getragensein. Glücklich, wer das erleben durfte. (Alp: 4) Abgesehen von kleineren Geplänkeln mit gegnerischen Patrouillen, scheint die Front ruhig zu sein, sodass die Soldaten Zeit haben, »der Unsrigen in der Ferne« (Alp: 4) zu gedenken. Huldschiner erlaubt sich hier eine persönliche Bemerkung und konstatiert, dass »[ich] [a]m Tag unsres Auszuges aus Bozen […] meine Mutter verloren [hatte]« (Alp: 4). 232 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Tatsächlich verstarb Johanna Huldschiner am 19. Mai 1915 in Würzburg nach langem Leiden im Kreise ihrer Familie.700 Huldschiner verpasst dem ehemaligen Verbündeten der Österreicher, Italien, einen ironischen Seitenhieb: »[…] wir wissen, daß die ›Bundesbrüder‹ ihren ›geheiligten Egoismus‹701 schwer büßen werden« (Alp: 4). Nur am Schluss, in einem Nebensatz, drückt Huldschiner die Befürchtung aus, »daß der Krieg auf diesen Höhen furchtbarer werden wird, als jeder andere war« (Alp: 4). Die realistische Betrachtung des bevorstehenden Gemetzels überrascht, da sie nicht zur übrigen Reportage mit ihrem positiven und patriotisch-idealisierenden Ton passt und zeigt, dass sich Huldschiner, der noch keine Fronterfahrung besaß, als Lazarettarzt und interessierter Zeitungsleser bereits intensiv mit den negativen Folgen dieser neuen Art der Kriegsführung auseinandergesetzt hatte. 11.3 Grenzwacht (Erzählung) Im Juli 1915 veröffentlichte die Neue Hamburger Zeitung eine Kriegserzählung Huldschiners mit dem Titel Grenzwacht. Hierbei handelt es sich um eine teilweise autobiografische Erzählung, in der Huldschiners Ich-Erzähler von seinen Erlebnissen an der Gebirgsfront berichtet. Die Österreicher haben aus taktischen Gründen einige Dörfer in Welschtirol aufgeben müssen, während die nachrückenden Italiener immer wieder Einheimische verhört haben. So berichtet einer der Zivilisten den Österreichern, als er nach dem Verhör von den Italienern entlassen worden ist, dass »der Krieg auch unter den italienischen Soldaten nichts weniger als populär ist« (Grw: 2). Der Zivilist zitiert folgende Aussage der italienischen Soldaten: »Il Dio maledisca il Salandra, Sonnino ed anche il Ré« (Grw: 2). Auch hier spielt Huldschiner, ähnlich wie in der Reportage Alpenwacht, auf die von den Österreichern als Verrat empfundene Kriegserklärung der Italiener an. Der Ich-Erzähler, selbst Offizier, und weitere Kameraden machen sich auf ins Tal, um »einmal Felder und Bäume sehen und Hühner essen« (Grw: 2) zu können. Dort kehren sie bei den Dorfbewohnern ein und treffen u. a. auf ein Welschtiroler Mädchen, welches »den Feind, so wie wir« (Grw: 2) verwünscht. Zudem hätten die Dorfbewohner »keine Lust, [von den Italienern] ›erlöst‹ zu werden« (Grw: 2). Schließlich seien sie als Welschtiroler »gute Österreicher« (Grw: 2) und die Irredenta sei nur »eine künstliche Bewegung, genährt von einigen Advokaten, Aerzten und Lehrern« (Grw: 2). Die österreichischen Soldaten kehren heim zu ihrer Stellung und lassen den Abend mit Wein und Gesang ausklingen. Da Huldschiner hier über die ersten Monate der Standschützen an der Gebirgsfront erzählt, ist in den Beschreibungen noch wenig von der späteren Brutalität des Krieges zu erkennen. Vielmehr freuen sich die Soldaten auf ihren baldigen Einsatz: »[…] ihre Sehnsucht, endlich ins Feuer zu kommen, ist fast unbezähmbar« (Grw: 2). Dennoch mischt sich auch eine gewisse Sorge unter die Begeisterung, denn schließlich wird in »den Bergen im Osten« (Grw: 2) bereits gekämpft. 700 Bozner Nachrichten. Allgemeiner Anzeiger 1915b, S. 8. 701 Hier spielt Huldschiner auf einen Ausspruch Antonio Salandras an, der die italienische Neutralität zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit dem »sacro egoismo« rechtfertigte und das nationale Interesse Italiens über seine Verpflichtungen gegenüber den Bündnispartnern stellte. 233 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) Von fern können die Soldaten Blitze erkennen. Ein Gewittersturm im doppelten Sinn droht über die Stellung hereinzubrechen: »Und jeder von uns gedachte andächtig der Seinen; jedem wurde ein großes Gefühl lebendig. Krieg und Bergwelt lassen das Kleine nicht aufkommen« (Grw: 2). Somit nähert sich der Krieg unaufhaltsam: »Der Krieg geht wild und grausam durch die Welt« (Grw: 2). Huldschiner gelingt es mit seiner stimmungsvollen Erzählung, ein realistisches Bild der ersten Monate an der Gebirgsfront zu zeichnen, wo vor allem Unterstände und Schützengräben errichtet und kleinere Gefechte mit den Italienern geführt wurden. Das italienische Armeekommando hatte nämlich im Mai 1915 den taktischen Fehler begangen, nicht sofort gegen die faktisch ungesicherte österreichische Südgrenze vorzurücken. Auch die Bozner Standschützen beschränkten sich im Sommer 1915 zunächst darauf, die Stellungen aufzubauen und den ihnen zugewiesenen Frontabschnitt, den Raum zwischen Ledrosee und Gardasee, zu überwachen.702 Zwar bestand die Hauptaufgabe des Bataillons darin, die errichteten Stellungen zu verteidigen und Patrouillengänge durchzuführen, doch mussten sie vermehrt auch örtliche Angriffe durchführen. Insgesamt verringerte sich die Bataillonsstärke von anfangs 348 auf 304 Mann im Juli 1916,703 bis sie schließlich am 1.12.1917 nur mehr 211 Mann betrug, was zur Umformierung des Bataillons führte, welches fortan lediglich aus zwei Kompanien bestand.704 11.4 Standschützen auf der Wacht (Erzählung) Während Huldschiner mit dem Standschützenbataillon Bozen an der Gebirgsfront kämpfte, erschien in der Frankfurter Zeitung im August 1915 eine Kriegserzählung mit dem Titel Standschützen auf der Wacht. Ein Auszug daraus wurde in Der Völkerkrieg abgedruckt,705 nämlich jene Szene, in der ein alter Standschütze die Ziegen seiner Kompanie hütet. Weiterhin wurde die Erzählung im Oktober 1915 zuerst in der Tiroler Soldatenzeitung, dann im Tiroler nachgedruckt. Ein Ich-Erzähler, wahrscheinlich ebenfalls Standschütze, beschreibt den Alltag von Standschützen im Frontabschnitt Folgaria bis Lavarone, beginnend am Morgen und endend am nächsten Tag, ebenfalls am Morgen. Dass Huldschiner Ähnliches erlebt und beobachtet hatte, liegt aufgrund seiner eigenen Kriegserlebnisse auf der Hand, allerdings war er im Abschnitt Festung Riva stationiert. Somit kann auch diese Erzählung in gewisser Weise autobiografisch verstanden werden. Der Text beginnt mit einer gegensätzlichen Darstellung: auf der einen Seite die Ruhe des Morgens (»Aus den Baracken kommen noch verschlafen die Leute und schauen blinzelnd ins Licht«, StaW: 2) und die Schönheit der Landschaft (»Aber sonst ist das Tal da unten tot. Es dehnt sich in der Sonne, trägt Frucht […]«, StaW: 2), auf der anderen Sei- 702 Vgl. Joly 1998, S. 102. 703 Vgl. ebd., S. 100. 704 Vgl. ebd., S. 103. 705 Der Sammelband war nach eigenem Bekunden »eine Chronik der Ereignisse seit dem 1. Juli 1914 mit sämtlichen amtlichen Kundgebungen der Mittelmächte, ergänzt durch alle wichtigen Meldungen der Entente-Staaten und die wertvollsten zeitgenössischen Berichte« (Baer 1915 / 1916, S. 1). 234 Andreas Micheli: Richard Huldschiner te die harte Realität des Krieges (»Drüben über Ladrone dröhnt der gewohnte Donner schwerer Geschütze«, StaW: 2) und das Pflichtgefühl der Standschützen, die genau diese Landschaft mit aller Verbissenheit verteidigen (»[…] [es] lauert der Tod in unzähligen Gestalten auf den Feind, der es unternehmen würde, in diesen Garten einzubrechen«, StaW: 2). Der Erzähler berichtet, wie Tragtiere mit Namen »D’Annunzio«706 und »Salandra«707 die Stellung mit lebensnotwendigen Gütern versorgen, wobei sich die Soldaten sehr über »manches Fäßchen Wein« (StaW: 2) freuen. So scheinen Zynismus und Alkohol den Soldaten zu helfen, den monotonen Alltag an der Front ein wenig erträglicher zu machen. Ebenfalls berichtet der Ich-Erzähler von den Tätigkeiten »ein[es] Heer[es] von Arbeitern«, welche »Wege, Kavernen und Unterkünfte bauen«, allerdings ohne Aussicht auf Orden und Medaillen, ohne den Glanz, der den Soldaten umgibt, ohne den Widerhall ihres Tuns in Zeitungen und Zeitschriften dem Krieg die Wege gebaut und schlicht und mühselig ihre Plicht getan [zu] haben. (StaW: 2) An dieser Stelle hatte Huldschiner wohl das Bedürfnis, auch jene publizistisch zu erwähnen, deren Arbeit kriegswichtig war und doch häufig nicht gewürdigt wurde. Der Ich- Erzähler berichtet von singenden Standschützen, die das sogenannte Spingeser Schlachtlied singen. Huldschiner zitiert hier die komplette erste Strophe des während der Freiheitskriege 1797 entstandenen Liedes. Der Autor zeigt dem Leser im Weiteren die verschiedenen Seiten des Lebens an der Front. Die alltäglichen Tätigkeiten (Feldpostkarten schreiben, singen) in einer intakten und idyllischen Berglandschaft werden dem Warten auf den Einsatz gegenübergestellt. Huldschiner beschreibt die angespannte Situation eindrücklich: Hie und da fegen unsere Granaten hinüber. Aber geantwortet hat der Feind noch nicht. Der Krieg beschränkt sich im wesentlichen noch auf gegenseitige Beobachtung. […] Aber jeder Tag kann jetzt den Kampf bringen. Auf steilen Halden, von deren Höhe herab unsere Gewehre und Handgranaten dem vom Anstieg ausgepumpten Italiener den Rest geben werden. (StaW: 2) Eine skurrile, vielleicht von Huldschiner sogar ironisch gemeinte Begebenheit, findet ebenfalls Platz im Bericht des Ich-Erzählers. So lässt er einen älteren Standschützen auftreten, der einen »langen Andreas Hofer-Bart« (StaW: 2) trägt und ein »einfaches Gemüt« (StaW: 3) besitzt. Er spricht über »Ernteaussichten, ›Plenten‹-Mehl und Wetter« und macht sich vermehrt Sorgen um sich und um seine Ziegen, die er für die Kompanie hütet. Er fragt sich außerdem, wohin er denn fliehen solle bei einem Angriff: »Sie! Herr Major! Mit Verlaub. Jetzt woaß i nit, was tian, wenn Alarm ischt. Soll i nachher mit di Gäas übern Berg überfohrn oder in’n Schützengroben gean?« (StaW: 3). Am Nachmittag vernehmen die Standschützen Schüsse, dürfen aber nicht in das Gefecht eingreifen, da von anderen Standorten Verstärkung geschickt wird. Erneut warten die Soldaten 706 D’Annunzio bekannte sich 1915 öffentlich zum Kriegseintritt Italiens auf der Seite der Entente. 707 Unter Premierminister Salandra erklärte Italien am 23.05.1915 Österreich-Ungarn den Krieg. 235 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) auf den Einsatz. Es spricht wohl wieder ganz dezidiert der passionierte Alpinist Richard Huldschiner, wenn er seinen Ich-Erzähler an die Zeit vor dem Krieg zurückdenken und ihn betrübt feststellen lässt: Keines Touristen Fuß stapft in diesem Sommer durch tiefen Schnee. Gletscherspalten sind zu Schützengräben geworden und felsige Grate zu Hinterhälten. Der Tod in den Bergen hat andere Gestalt angenommen. Die Kugel singt, und übers Joch herüber kommt die Granate geflogen. Auf der Sennhütte weht die Rote Kreuz-Fahne. (StaW: 3) Huldschiner bzw. sein Erzähler-Ich differenzieren aber trotz aller Erlebnisse zwischen Mensch und Natur. Diese Weltsicht findet man in vielen Werken Huldschiners, d. h. das Schlechte und Degenerative beim Menschen und das Gute und Schöne in der Natur als Kontrapunkt: Und dennoch hat das Gebirge nichts von seiner Schönheit eingebüßt. Nähe und Ferne schwimmt selig im Aether, die Wolken bauen schimmernde Burgen über die Grate hinaus, blaugrün erstrahlen die satten Hänge. (StaW: 3) Gegen Abend erfolgt ein italienischer Fliegerangriff auf die Stellung. Der Ich-Erzähler reagiert wie die anderen Standschützen erzürnt und bezeichnet die Italiener abwertend als »Katzelmacher« (StaW: 3), ein anderer beschimpft sie als »Luader« (StaW: 3). Huldschiners Ich-Erzähler stellt sich, als die Nacht hereinbricht und es ruhig wird, die Frage, ob denn wirklich Krieg herrsche: »Die Erde atmet ja im Frieden wie ein Schläfer, dem glückliche Träume Gnade verleihen« (StaW: 3). Der Ich-Erzähler beantwortet sich schließlich am nächsten Morgen, als der Kriegslärm beginnt, selbst die Frage: »Ich weiß wieder, es ist Krieg und unsere schweren Geschütze haben ihre Morgenarbeit aufgenommen« (StaW: 3). Die Geschichte überzeugt durch ihre Ausgewogenheit. Zum ersten Mal wirft Huldschiner einen kritischen Blick auf das Kriegsgeschehen. Patriotische Beschönigungen der Vorkommnisse fehlen hier fast vollständig. Vielmehr stellt Huldschiner das Frontleben als das dar, was es, zumindest in den ersten Wochen und Monaten, zum größten Teil auch ausmachte: das Abwarten auf das Unausweichliche, nämlich den Angriff des Gegners in den ersten Monaten des Gebirgskrieges zwischen Österreich-Ungarn auf der einen und Italien auf der anderen Seite. Die Erzählung wurde zu ihrer Entstehungszeit in mehreren Zeitungen veröffentlicht und erfuhr 2013 und 2014 im Zuge der Gedenkenfeiern zum Kriegsbeginn vor 100 Jahren eine Wiederveröffentlichung,708 ohne dass aber näher auf den Autor eingegangen wurde. So ist der Schriftsteller und Philologe Josef Feichtinger der Ansicht, dass mit Standschützen auf der Wacht »dem kritischen, pessimistischen Wahltiroler aus Schlesien […] eine der schönsten Schilderungen aus dem Krieg«709 gelungen sei. 708 Vgl. Huldschiner 2013; vgl. Huldschiner 2014. 709 Huldschiner 2013, S. 230. 236 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 11.5 Nachtpatrouille (Erzählung) Trotz seines Einsatzes an der Front verfasste Huldschiner weiterhin Erzählungen, die in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Somit war er auch während seiner Tätigkeit als Regimentsarzt literarisch tätig und publizierte Texte verschiedenster Inhalte und Genres. Die Erzählung Nachtpatrouille wurde im September 1915 in der Tiroler Soldatenzeitung veröffentlicht und schildert, wie eine Gruppe von Soldaten, wahrscheinlich Standschützen, in der Nacht aufbricht, um die im Tal befindliche Gendarmerie gegen einen italienschen Angriff zu unterstützen. Die Geschichte ist in ihrem Ton anders als die kritische Erzählung Standschützen auf der Wacht. Die Figuren sind schwarz-weiß gezeichnet. Die tapferen Standschützen und Gendarmen auf der einen und die »verfluchte[n] Katzelmacher« (Npt: 2) auf der anderen Seite. Der Ich-Erzähler, wohl der Arzt der Truppe, begleitet die Standschützeneinheit ins Tal und beschreibt ihren langen und gefährlichen Weg durch die Dunkelheit. Die Soldaten scheinen noch sehr motiviert und voller Tatendrang zu sein. Dies verwundert nicht, war doch Huldschiner erst seit Ende Mai im Einsatz und hatte bis dahin wohl noch keinen größeren Feindkontakt erlebt. In seinen späteren Geschichten zeichnete er ein anderes Bild vom Krieg, das dem von Nachtpatrouille geradezu diametral gegenübersteht. So fasst der Ich-Erzähler die Stimmung unter den Soldaten wie folgt zusammen: »Der Wille ist ja so stark, kein Standschütz ist bei dieser Patrouille, der sich nicht freiwillig gemeldet hätte« (Npt: 2). Schließlich greifen die Italiener nicht an und die Standschützen kehren in ihre Stellung zurück. Die Geschichte schließt mit dem Bedauern, dass es nicht zum Kampf und »die ›Luader‹ nicht gekommen waren« (Npt: 3). Das antiitalienische und kriegsbegeisterte Moment in Huldschiners Geschichte ist aus der Zeit heraus zu erklären, wirkt aber gänzlich untypisch, zieht man die Vorkriegsgeschichten heran, die häufig von humanistischen Gedanken und Leitmotiven geprägt waren. 11.6 Vom Hauptmann und vom gefallenen Italiener (Erzählung) In der im Jänner 1916 im Simplicissimus veröffentlichten Geschichte Vom Hauptmann und vom gefallenen Italiener findet sich eine erstaunlich positive Darstellung eines italienischen Gefallenen, den ein österreichischer Hauptmann trotz aller Gegensätze als Menschen wahrnimmt. Der Text be ginnt mit einem österreichischen Artillerie angriff auf eine italienische Stellung in den Bergen. Im Anschluss greifen 15 Österreicher den brennenden Holzunterstand an, finden ihn aber verlassen vor. Schließlich entdecken sie die Leiche eines Italieners mit zerschmettertem Schädel. Die Soldaten diskutieren, was sie mit dem Leichnam machen sollen. Einer möchte den Leichnam »abiwerfen«, ein anderer wiederum schlägt vor, ihn »lieber ins Feuer« zu stoßen, damit »er aussiedet« (VHI: 482). Man einigt sich schließlich darauf, auf die Anweisung des Hauptmanns zu warten. Huldschiners Alpini ist nicht der brutale, bösartige Feind, wie ihn die österreichische Propaganda gerne darstellte, sondern ein Mensch, der, gleich dem österreichischen Soldaten, nur eines wollte, nämlich den Krieg überleben und nach Hause zu seiner Familie zurückkehren. So berichten die beim Toten gefundenen Briefe von dessen Frau, 237 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) wie es ihr und den sechs Kindern ging, [sie] schrieb von ihrer Trauer und Sehnsucht, und daß sie betete und hoffte, daß die Mutter Gottes ihr den Mann gesund zurückgeben würde. (VHI: 482) Der Hauptmann ist nach der Lektüre der Briefe sehr betrübt und meint: »Der Mann, den wir da oben gefunden haben, hat gewiß den Krieg nicht gemocht« (VHI: 482). Der Oberleutnant entgegnet ganz soldatisch: »[…] Krieg ist Krieg und Feind bleibt Feind« (VHI: 482). Die folgenden Bemerkungen des Hauptmanns zeigen die menschliche Seite des erbarmungslosen Kampfes um wenige Quadratmeter Fels an der Hochgebirgsfront und spiegeln wohl auch Huldschiners persönliche Sicht auf den Krieg wider. Nicht nur in dieser Geschichte, sondern auch in anderen Kriegserzählungen, findet sich häufig der Humanist – der Arzt – wieder, dessen Beruf es ist, Leben zu retten und nicht zu vernichten. Außerdem relativierte die Fronterfahrung bei vielen Soldaten das Bild des heroischen Kämpfers, dessen eherne Pflicht es sei, für Gott, König und Vaterland zu sterben. Er [der Alpini] war tapfer. Während die andern davonliefen, ist er am Telephon geblieben, bis ihm die Granate den Schädel zerriß. […] sechs Kinder warten zu Hause auf den Vater. […] die Leut sind nicht mehr so jung, der Mann war achtunddrei- ßig, die Frau scheint sogar etwas älter gewesen zu sein, aber sie schreibt ihm, als ob sie eben erst sich mit ihm verlobt gehabt hätte. […] ich denke mir immer, wenn wir die Leiche jetzt über die Felsen hinunterwerfen, so fressen sie die Geier … und die Frau wartet und wartet und niemand weiß […]. (VHI: 482) Der Versuch, den gefallenen Soldaten zu bergen, scheitert nach mehreren Anläufen, da die Italiener jeden österreichischen Vorstoß mit Gewehrfeuer beantworten. Der Leichnam wird aus diesem Grund den Hang hinab zu den italienischen Stellungen gerollt, verfängt sich aber nach wenigen Metern im Gestrüpp und bleibt im Niemandsland liegen. Schließlich macht sich der Hauptmann im Schutz der Nacht auf, den toten Soldaten zu bergen. Dieses Vorhaben erweist sich als schwierig, gelingt aber schlussendlich doch. Der Hauptmann durchsucht den Leichnam nach einem Amulett, welches die Frau des Toten ihrem Mann geschenkt haben soll, wie der Hauptmann aus dem Brief erfährt: »Vielleicht hat er noch die geweihte Münze um den Hals … daß ich sie der Frau schicken kann … später einmal, wenn der Krieg aus ist …« (VHI: 483). Die Sentimentalität seiner Geschichte steigert Huldschiner am Schluss noch einmal, indem er den Hauptmann fröhlich auflachen lässt: » […] mich freut’s, daß der Mann sein Grab kriegt … Mensch ist Mensch« (VHI: 483). Die Geschichte selbst könnte von einem tatsächlichen Kriegsereignis inspiriert worden sein. Im August 1915 nahmen Soldaten des Standschützenbataillons Bozen nach heftigen Kämpfen einen verwundeten italienischen Leutnant gefangen. Er wurde ins Dorf Molina di Ledro gebracht, wo er seinen Verletzungen erlag. Trotz aller Feindschaft begruben ihn die Standschützen im Ortsfriedhof mit allen militärischen Ehren.710 710 Vgl. Mörl 1934, S. 263. 238 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 11.7 Im Lawinenkrieg (Reportage) Die Wiener Neue Zeitung druckte im Mai 1916 eine Reportage Huldschiners ab, die dem Berliner Tageblatt entnommen worden war. Der Text handelt im März 1916 und schildert »in fesselnder Weise die Fährlichkeiten des winterlichen Hochgebirgskrieges« (ILk: 5). Er erzählt von einer Rettungsaktion nach einem Lawinenabgang, bei dem 16 Kameraden verschüttet worden seien. Die beiden »Sanitätsleute Felderer und Stuppner« (ILk: 5) werden losgeschickt, nach den Verschütteten zu suchen und ihnen zu helfen, sich aus den Schneemassen zu befreien. Der Arzt, der zwar keinen Namen trägt, wohl aber Huldschiner selbst ist, bereitet in der Baracke alles Nötige für die Behandlung nach der Rückkehr seiner unterkühlten und verletzten Kameraden vor und geht sorgenvoll »hinaus zum ›Feldherrenhügel‹ auf dem Kamm, von wo man die Mulden bis fast zu den Feldwachen hinunter bei gutem Wetter übersah« (ILK: 5) Als noch eine zweite Lawine abgeht, wird es immer unwahrscheinlicher, dass die ausgeschickten Kameraden und die zuvor Verschütteten heil zur Stellung zurückkehren. Dann wechselt die Perspektive und Huldschiner berichtet, wie es den beiden Sanitätsleuten gelingt, all jene Kameraden zu retten, die sich nicht selbst aus den Schneemassen haben befreien können. Als der letzte befreite Soldat sich in Richtung Stellung aufmacht, kehren auch die beiden Sanitäter unversehrt dorthin zurück. Huldschiner versuchte mit der Reportage, den Lesern in der Heimat die Gefahren an der Gebirgsfront zu vermitteln, die vor allem im Winter weniger im direkten Feindkontakt bestanden, sondern in der Auseinandersetzung mit den Naturgewalten Schnee und Eis. So gelangt er, nachdem es auch beim Rückweg der geretteten Soldaten zu ei- Abb . 23: Richard Huldschiner (hinten stehend) an der Front . 239 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) nem Absturz kommt, zum Schluss: »Herr Gott, nahm denn das Grauen kein Ende! Hundertmal lieber die Schlacht als der Lawinenkrieg in Sturm und Finsternis!« (ILk: 6). Huldschiner diente noch bis Juli 1916 als Chefarzt seiner Kampftruppe. Aufgrund verschiedener von Huldschiner durchgeführter oder geleiteter Rettungsaktionen verwundeter oder verstorbener Kameraden, wegen seines »herausragende[n] Pflichtgefühls«711 und weil er als einziger Arzt in der Kampftruppe seinen Dienst leistete,712 erhielt er im Mai 1916 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille in Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen Verhaltens vor dem Feinde.713 Diese Belobigung führte vermutlich zu einer Beförderung zum Chefarzt des Marodenhauses714 seines Frontabschnittes.715 Als Chefarzt war Huldschiner selten direkt an Feuergefechten beteiligt und hielt sich zumeist in der Etappe auf.716 Dennoch sind einige Fronteinsätze Huldschiners nachweisbar.717 Zusätzlich zu seinem Dienst als Regimentsarzt zeigte er auch in anderen Bereichen einen aktiven Einsatz. So versuchte Huldschiner schon vor der Meldung an die Front, durch seine Mitarbeit in den Lazaretten von Trient und Bozen seinen Teil zum Sieg der Mittelmächte beizutragen. Zudem nahm er im Februar 1915 an zwei Benefizveranstaltungen zugunsten des Roten Kreuzes teil, wo er aus seinen Werken vorlas.718 Außerdem schrieb er Texte für Kriegskarten, deren Verkaufserlös dem Invaliden-, Witwen- und Waisenfonds des Standschützenbataillons Bozen zukam.719 Ebenso organisierte er im Dezember 1917 eine Bilderausstellung an seinem Frontabschnitt.720 So konnte Huldschiner sieben Künstler für sein Vorhaben gewinnen, die entweder an der Gebirgsfront standen oder dort einmal eingesetzt waren, und bat sie, einige ihrer Werke an die Front zu schicken, um sie im Kaiser-Karl-Soldatenheim des Standschützenbataillons Bozen auszustellen.721 Auch der bekannte Tiroler Maler Albin Egger Lienz 711 Belohnungsantrag Richard Huldschiner. K.k. Standschützen Feld-Baon Bozen. 712 Vgl. ebd. 713 Vgl. K.k. Standschützen Baon Bozen: Vormerkblatt. 714 Österreichischer Militärausdruck für Kriegslazarett. 715 Vgl. K.k. Standschützen Baon Bozen: Vormerkblatt. 716 In der 1916 in der Fackel erschienenen Glosse Metaphysik der Schweißfüße erwähnt Karl Kraus den Namen Huldschiner im Zusammenhang mit Karl Hans Strobl. Ob es sich hier aber tatsächlich um Richard Huldschiner handelt, ist unsicher. Kraus zitiert einen kurzen Auszug aus einem Buch Strobls und attackiert dessen Stil, der das Morden ins Edle überhöhen würde. Der Zusammenhang mit folgender Aussage über Huldschiner bleibt aber unklar: »Huldschiner zündet eine neue Zigarre an. — — Ob er sich die Goldene im Russischen Krieg erworben habe? Nein, die habe er jetzt bekommen, im Kampf gegen die Katzelmacher. Jetzt hilft ihm nichts mehr, und er muß erzählen. Es sei weiter nichts Besonderes gewesen, er habe sich halt einmal durch die italienischen Linien geschlichen und Kundschaft mitgebracht, wo sie ihre Reserven sammelten, da hätte dann die Artillerie fein gemütlich hinschießen und die ganze Gesellschaft zersprengen können …« (Kraus 1916, S. 58 – 59). 717 Vgl. Belohnungsantrag Richard Huldschiner. K.k. Standschützen Feld-Baon Bozen. 718 Vgl. Meraner Zeitung 1915; vgl. Der Tiroler 1915. 719 Vgl. Der Tiroler 1916, S. 3. 720 Leider ist der Ort in den Tageszeitungen zensiert worden und es wurde stattdessen nur die Feldpostnummer 517 / 1 angeführt (vgl. Bozner Nachrichten. Allgemeiner Anzeiger 1917, S. 3). 721 Vgl. Bozner Nachrichten. Allgemeiner Anzeiger 1917, S. 3. 240 Andreas Micheli: Richard Huldschiner übersandte zwei Gemälde mit der ausdrücklichen Bitte, bei einem etwaigen Verkauf 30 Prozent dem Soldatenheim als Spende zu überlassen.722 11.8 Der Urlaub (Erzählung) Im März 1917 veröffentlichte der Simplicissimus eine satirische Kriegserzählung Huldschiners. Die Protagonisten, der Unterjäger Weidinger, der Feuerwerker Navratil und der Jäger Achberger, fahren in einem Seilbahnkorb von ihrem Unterstand in den Bergen aus in Richtung Tal, um den Fronturlaub anzutreten. An der Mittelstation holen sie sich ihre Urlaubsscheine und steigen erneut in eine Materialseilbahn ein. Huldschiner verbindet hier wieder eine vordergründig humorvolle Handlung und klischeehafte Figuren mit poetischen Natur- und Landschaftsbeschreibungen.723 Die Schrecken des Krieges hingegen werden subtil in kurzen Nebensätzen angedeutet.724 Achberger, vermutlich ein Tiroler, repräsentiert den grantigen Eigenbrötler, Weidinger, ebenfalls Tiroler, ist der schwatzhafte Angeber, während sich Navratil als Großstädter in Bezug auf die Freizeitmöglichkeiten in Wien den anderen beiden »mit ihrem Dorf« (DUr: 676) überlegen fühlt. Als die Seilbahn einen Maschinenschaden erleidet und unvermittelt stehen bleibt, verletzt sich Navratil durch den Ruck, der beim Abbremsen entsteht, während Achberger in die Tiefe stürzt. Nach längerer Zeit in der eisigen Kälte können die beiden Überlebenden aus der misslichen Lage befreit und zurück zur Bergstation in das Marodenhaus gebracht werden. Die Geschichte endet mit dem Wunsch Weidingers, »morgen […] dech tersch auf Urlaub« (DUr: 676) zu fahren, während der »Abgestürzte […] zerfetzt in den Felsen unten [liegt] von Eis bedeckt, und […] den langen Schlaf« (DUr: 676) schläft. Vielleicht wollte Huldschiner hier auf die Banalisierung des Leids und des Todes anspielen, welche viele Kriegsteilnehmer bewusst oder unbewusst anwendeten, um mit der Brutalität des Krieges umzugehen. 11.9 Ein Feuerüberfall in Südtirol (Reportage) Die Standschützeneinheiten waren zusammen mit dem eilig zur Verstärkung geschickten Deutschen Alpenkorps in den ersten Kriegsmonaten, als kaum reguläre Armee-Einheiten in Tirol zur Verfügung standen, überlebenswichtig für die Stabilisierung der Frontlinie im Süden der Monarchie. Als dann immer mehr österreichische Regimenter zur Unterstützung von Russland nach Italien verlegt wurden, bestand die Aufgabe der Standschützen vornehmlich in der Verteidigung der zugewiesenen Frontabschnitte. Dennoch wurden vereinzelt auch Angriffe durchgeführt, wie die folgende Reportage Huldschiners, 722 Vgl. Egger-Lienz 18.11.1917. 723 »Alles Land lag jetzt schwarz in der Finsternis, der Regen ging unaufhörlich herunter, aber der Himmel hatte einen hellen Schimmer […]« (DUr: 671). 724 »[…] eine Katze – wer weiß, wovon sie noch leben mochte, hier im verlassenen, zerfallenden, gespenstischen Ort – huschte an ihnen vorbei« (DUr: 670). 241 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) welche in der Neuen Freien Presse und in der Grazer Tagespost im Oktober und November 1917 veröffentlicht wurde, deutlich macht. In seinem Kriegsbericht schreibt Huldschiner über einen erfolgreichen Feuerüberfall der österreichischen Truppen an der Gebirgsfront. Im Stil seiner zuvor erschienenen Kriegserzählungen beginnt auch diese Reportage mit einer idyllischen Landschaftsbeschreibung, welche die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm darzustellen scheint: Glänzend steht der Mond in seinem letzten Viertel am Zenit. Die Täler scheinen zu schlafen. Kein Schuß weit und breit. […] Im Talgrund, wo die Waldhänge auf allen Seiten zu Almen und seligen Höhen hinauflaufen, ruft ein Käuzchen, klagend melancholisch. (EFü: 2) Schließlich folgt eine Beschreibung der Angriffsvorbereitungen, eingeleitet durch Huldschiners Bemerkung, dass die Ruhe »nur ein Trugbild« sei, denn »[e]s ist Krieg« (EFü: 2). Huldschiner gibt den Artillerieangriff auf den italienischen Stützpunkt in eindringlichen Worten wieder, die dem Leser die militärische Stärke und Überlegenheit der österreichischen Truppen vermitteln sollen. Die italienischen Soldaten werden als Angsthasen dargestellt, die »jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ›O Dio!‹ schreien, oder auch ›O mamma mia!‹« (EFü: 2). Schließlich stürmen die Österreicher den bombardierten Stützpunkt, nehmen die überlebenden italienischen Soldaten gefangen und ziehen mit einem erbeuteten Maschinengewehr ab, bevor der italienische Artilleriebeschuss einsetzt. Interessanterweise lässt Huldschiner die italienischen Soldaten am Schluss des Berichtes noch einmal zu Wort kommen: »Per noi altri la guerra finita« (EFü: 2). Er ergänzt diese Gefühlsäußerungen mit der Beobachtung, dass »sie uns die Arme entgegen[strecken], […] uns Kußhände [zuwerfen]« (EFü: 2). Ob Huldschiner hier Propaganda betreibt und die Italiener absichtlich als schwach darstellt oder ob es sich wirklich um kriegsmüde Soldaten und um eine tatsächliche Beobachtung Huldschiners handelt, ist nicht festzustellen. 11.10 Die Schleichpatrouille (Erzählung) Das Standschützenbataillon Bozen wurde im Frühjahr 1918 nach Pedruc in der Val Genova zwischen der Presanella- und der Adamellogruppe verlegt und musste sich dort gegen zahlreiche Artillerie- und Gasangriffe verteidigen. Anschließend wurde es auf den Monte Stablel in der Nähe von Roncone hinbeordert, wo das Bataillon ohne direkte Feindberührung bis zur Kapitulation stationiert war.725 Im November 1917 erkrankte Huldschiner schwer,726 kehrte aber nach seiner Genesung wieder zu seiner Einheit zurück. Zuvor erschien im Mai desselben Jahres seine vermutlich letzte Kriegserzählung, erneut im Simplicissimus. 725 Vgl. Joly 1998, S. 105. 726 Diese Information stammt aus Karl Paulins Nachruf auf Huldschiner. Darin stellt Paulin fest, dass Huldschiner »mit ihnen [den Standschützen] ins Feld auf die Rocchetta bei Riva, ins Ledrotal 242 Andreas Micheli: Richard Huldschiner In der humorvollen Erzählung mit dem Titel Die Schleichpatrouille möchte ein k. u. k Oberleutnant namens Jaroslav Veisz zwei Tage Fronturlaub herausschlagen, indem er dem kurzsichtigen Oberarzt Zahnschmerzen vortäuscht. Da in den meisten seiner Kriegsgeschichten Militärärzte vorkommen, könnte Huldschiner darin seine eigenen Erfahrungen im Feld und im täglichen Umgang mit seinen Patienten und Vorgesetzten verarbeitet haben. Jaroslav wird zu weiteren Untersuchungen in das zahnärztliche Ambulatorium überstellt. Seine Geliebte, das Fräulein Amabile Colloselli, hat ihren Eltern vorgemacht, in jener Stadt, wo sich das Ambulatorium befindet, Stoff einzukaufen, und erklärt, am nächsten Morgen mit einem Armeeauto in die Stadt zu fahren, in dem auch der Oberstleutnant ins Ambulatorium gebracht wird. Das Fräulein darf auf Intervention Jaroslavs auf dem Vordersitz Platz nehmen, während er sich zu den anderen Soldaten auf die Ladefläche setzt, die wegen des Regens und des Schnees mittels einer Plane überdacht ist. Bald wird eine Versorgungsstation des Roten Kreuzes erreicht. Jaroslav Veisz schmugund an die Adamellofront [zog]. Nach schwerer Krankheit wieder genesen, rückte er neuerdings ins Feld und geriet im November 1918 bei Tione in italienische Gefangenschaft« (Paulin 1931, S. 250). Da Albin Egger-Lienz den Brief bezüglich der Bilderausstellung direkt an Huldschiners Ziviladresse geschickt hatte, kann davon ausgegangen werden, dass sich Huldschiner im November 1917 nicht an der Front befand, was ein Hinweis für seine Dienstunfähigkeit aufgrund einer Krankheit sein könnte (vgl. Egger-Lienz 18.11.1917). Abb . 24: Südfront, Abschnitt Judikarien . 243 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) gelt Amabile mit ins Offizierszelt, damit sie sich dort aufwärmen kann. Dort findet eine Art Tee gesellschaft für höhere Offiziere statt, organisiert von zwei Schwestern, die »hochmögend Hof« (DSp: 66) halten. Huldschiner ironisiert die Tätigkeit der beiden Damen: »Schon seit drei Jahren opferten sie so dem Vaterland die Arbeit ihrer Tage und die Ruhe ihrer Nächte« (DSp: 66). In der anschließenden Bemerkung, die in Klammern gesetzt ist, spricht der Autor direkt, indem er die Kriegsberichterstatterin Alice Schalek727 erwähnt, die das Szenario rund um die beiden Frauen und die Offiziere anders beschrieben hätte: Wäre ich etwa die Kriegsberichterstatterin Alice Schalek, so würde ich hier von den kraftstrotzenden Erscheinungen der jungen Leute und dem tollkühnen Blick ihrer todesbereiten Augen etwas Kerniges einfließen lassen. (DSp: 66) Die Fahrt in Richtung Feldspital wird wieder aufgenommen. Auf dem Weg durch Schluchten und neben einem durch den Schlamm »gelb tosenden« Fluss erblickt Jaroslav von der Ladefläche aus eine Kolonne von Arbeitern und Arbeiterinnen, die ebenfalls lehmverschmiert sind. Bemerkenswert ist Huldschiners Kritik am Alter der Arbeiter. Beinahe zynisch bemerkt Jaroslav, dass die Arbeiter »zumeist im blühenden Alter von zwölf bis sechzehn Jahren« (DSp: 66) waren. Ebenso lässt Huldschiner seinen Protagonisten russische Kriegsgefangene erblicken, welche aber im Gegensatz zu den Arbeitern »schon von Haus aus der Mimiken halber lehmgelb in Erscheinung« (DSp: 66) treten. Außerdem sieht Jaroslav k. u. k. Straßen-Einräumerhäuser mit grünen Lauben daneben, an denen eine Inschrift aus den prähistorischen Tagen des Friedens zu erkennen gab, daß daselbst auch Wein, Bier und Schnaps ausgeschenkt würde. (DSp: 66) Erneut lässt sich die Kriegsmüdigkeit herauslesen, die Huldschiner wie viele seiner Kameraden plagte. Schließlich erreicht der LKW sein Ziel und Jaroslav und Amabile machen sich auf Quartiersuche. Da alle Hotels und Pensionen durch österreichsche Militärangehörige besetzt sind, gestaltet sich die Suche sehr schwierig. Schließlich findet Jaroslav für Amabile ein Privatzimmer, während er in einer spärlich ausgestatteten und heruntergekommenen Soldatenunterkunft Quartier bezieht. Bald darauf sucht er Amabiles Unterkunft auf, wo ihm die Wirtsleute, ein freundliches älteres Paar728, ein Bett anbieten. Als das Ehepaar schläft, macht sich Jaroslav auf, ins Zimmer von Amabile zu schleichen. Hier karikiert Huldschiner erneut das Soldatentum, indem er Jaroslavs nächtliches Tun militärisch beschreibt: 727 Hier spielt Huldschiner zum einen auf die verschiedenen PR-Aktionen an, die das Schwarz-gelbe Kreuz, eine Kriegsfürsorgeorganisation, häufig veranstaltet hatte, um Geld zu sammeln; zum anderen ironisiert er den sehr überschwänglichen und übertriebenen Stil von Schaleks Kriegsberichten, der u. a. auch von Karl Kraus kritisiert wurde. 728 Huldschiner vergleicht sie mit Philemon und Baucis (vgl. DSp: 66). 244 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Die Nacht war dunkel und stürmisch. Die feindlichen Vorposten versahen sich offenbar keines Angriffs. Jetzt oder nie! Es war nicht die erste Schleichpatrouille seines Lebens. (DSp: 67) Die Wirtin, die nicht schlafen kann, ertappt Jaroslav bei seinem Versuch, zu Amabile zu gelangen. Um seine Ehre zu retten, gibt Jaroslav vor, den Abort gesucht zu haben und kehrt in sein Bett zurück. Am nächsten Tag unterzieht er sich einer zahnärztlichen Visite und schließt sich wieder seiner Einheit an. Diese letzte Kriegsgeschichte verfasste Huldschiner während seiner krankheitsbedingten Abwesenheit von der Front. Als er zu seiner Einheit zurückkehrte, war die Monarchie bereits im Zerfall begriffen und die ersten Auflösungserscheinungen wurden auch an der Front sichtbar, wobei das Standschützenbataillon bis zum vermeintlichen Waffenstillstand im November 1918 seine Position hielt. Am 4. November 1918 gerieten Huldschiner und viele seiner Kameraden bei Tione aufgrund der widersprüchlich formulierten Waffenstillstandsbedingungen in italienische Kriegsgefangenschaft.729 11.11 Aufzeichnungen aus Kriegsgefangenschaft (Bericht) Die Neue Hamburger Zeitung veröffentlichte Huldschiners Aufzeichnungen aus der italienischen Kriegsgefangenschaft in einer siebenteiligen Serie von April bis Juni 1920, beginnend mit seiner Gefangennahme im November 1918 bis zu seiner Entlassung aus der Gefangenschaft im März 1919. Huldschiner schildert zunächst die chaotischen Zustände, nachdem Kaiser Karl Ende Oktober »in einem höchst dürftigen Manifest« (AK1: 2) seinen »Völkern die Freiheit«730 gegeben hat. Die Kommandostruktur löst sich auf. Der Oberkommandant Prinz Elias von Parma verabschiedet sich am 31. Oktober telefonisch von seinen Untergebenen. Auch hätten sich die Kommandostellen in Trient bereits aufgelöst und viele Offiziere würden sich Richtung Österreich absetzen. In den nächsten Tagen erhalten die Truppen keine Befehle mehr, sodass Huldschiners Bataillon auf eigene Faust beginnt, die »Rucksäcke zu packen« (AK1: 2). Schließlich erhält es am 2. November doch noch einen Befehl der Divisionskommandantur, worin es heißt, dass die Waffenstillstandsverhandlungen mit Italien kurz vor dem Abschluss stünden und man sich für den geordneten Rückzug vorbereiten und die Sprengung der Geschütze, Seilbahnen, Brücken und Wege vorbereiten solle. Am 3. November erfolgen der Widerruf des Sprengungsbefehls und die Aufforderung, sich geordnet zurückzuziehen und die nachrückenden italienischen Truppen nicht aufzuhalten. Huldschiner bereitet seine Abteilung ebenfalls für den Rückzug vor, und zwar unter den Einschlägen der italienischen Artillerie. Er schreibt im Rückblick auf diese Zeit lakonisch: »Schöner Waffenstillstand! […] Aber es kam uns damals noch kein Misstrau- 729 Vgl. Huldschiner 1920b. Joly gibt als Kapitulationsdatum des gesamten Bozner Standschützenbataillons den 05.11.1918 an, als Kapitulationsort nennt er Madonna di Campiglio (vgl. Joly 1998, S. 106). 730 Huldschiner bezieht sich hier auf Kaiser Karls Völkermanifest vom 16. Oktober 1918, in welchem er seinen Plan zur Umwandlung der cisleithanischen Reichshälfte in einen Bundesstaat vorgestellt hatte. 245 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) en; die Katzelmacher wissen noch nichts vom Waffenstillstand, oder sie schießen auch nur so …!« (AK1: 2). Die Soldaten ziehen sich in Richtung Norden zurück, immer in der Furcht, doch noch in den letzten Stunden des Krieges zu fallen. Huldschiner bemerkt mit Blick auf die Berge wehmütig: »Die Berge, die altvertrauten, sahen feierlich hernieder, die Berge Südtirols, die heute zum letzten Mal österreichisch waren« (AK1: 2). Es herrscht Chaos auf den mit Soldaten überfüllten Rückzugswegen. Viele sind angetrunken, da sie ihre letzten Weinbestände aufgebraucht haben. Am Abend treffen sich die Kommandeure für ein letztes Abendessen: »Wir wußten nicht, daß diese Nacht für lange Zeit die letzte sein sollte, in der wir als freie Menschen in einem menschenwürdigen Bett schlafen sollten« (AK1: 2). Der geplante Rückzug hätte das Bataillon durch das östliche Judicarien und Südtirol bis nach Landeck führen sollen. Allerdings erfahren die Kommandeure, dass die Italiener den Rückzug mit bewaffneten Einheiten blockieren. Die Soldaten des Bataillons haben aber bereits alle Waffen zurückgelassen, im guten Glauben, dass seit dem 3. November um 6 Uhr Waffenstilland herrsche und die Österreicher sich somit geordnet und ohne Gefangennahme zurückziehen könnten. Da die Italiener aber behaupten, dass der Waffenstillstand erst am 4. November um 16 Uhr in Kraft treten werde, seien alle vor diesem Datum aufgegriffenen Österreicher noch als Kriegsgefangene anzusehen. Es herrschen daher große Unsicherheit und Zweifel. Der Oberleutnant des Bataillons bringt dieses Gefühl der Ungewissheit auf den Punkt: »Es kann nicht sein, unser Armee-Kommando kann [Hervorhebung im Original] uns nicht betrogen haben …« (AK1: 3).731 Huldschiner befürchtet, in jedem Fall als Kriegsgefangener zu gelten, da sich Italien und Deutschland am 4. November noch im Kriegszustand befänden. Er vernichtet daher seine Papiere, die Auskunft über seine Staatangehörigkeit geben könnten. Schließlich gerät die gesamte Einheit in italienische Kriegsgefangenschaft. Huldschiner beobachtet, wie Trentiner Bauern mit den italienischen Soldaten fraternisieren, und schreibt in seinen Erinnerungen darüber resigniert: Die »Unerlösten«, nun waren sie erlöst; es war ja wahr, sie waren nach Sitte, Sprache und Abstammung Italiener, aber bis zur heutigen Zeit waren sie seit der Römerzeit niemals unter italienischer Herrschaft gewesen. (AK1: 2) In der Stimmung des Zusammenbruchs bzw. des Neuanfangs wird Huldschiner seine eigene Situation schlagartig bewusst: »Niederlage, Verlust herrlichster Landschaften, vier Jahre des Lebens umsonst geopfert, Gefangenschaft, Hohn, Vernichtung« (AK1: 2). Allerdings treffen die Soldaten auch auf andere Zivilisten, welche sie »still, ohne Haß oder Spott« (AK1: 3) ansehen. Huldschiner ist es so, 731 Huldschiner spekuliert während seiner Gefangenschaft über die Gründe für die widersprüchlichen Angaben bezüglich des Waffenstillstandes. Erst im Nachhinein hätten die österreichischungarischen Soldaten erfahren, dass alle, die sich am 04.11.1918 um 16 Uhr vor einer bestimmten Demarkations linie befunden hätten, als Kriegsgefangene gelten würden. Huldschiner vermutet, dass die Österreicher mit dieser Regelung Chaos und zu viele zurückströmende Truppen verhindern wollten, vor allem, weil Tschechen und Ungarn schon vorher zurückgerufen worden seien. Ebenso könnte auch ein Versorgungsengpass der Grund dafür gewesen sein, dass nicht alle Truppen über die vollständigen Waffenstillstandsbedingungen informiert worden seien (vgl. AK3: 2). 246 Andreas Micheli: Richard Huldschiner als ginge sogar ihre Sympathie mit uns, wir waren ihnen ja nicht die Fremden, sprachen wir auch eine andere Sprache, und ich weiß nicht, ob nicht mancher von ihnen mit Wehmut des versunkenen Österreichs gedachte … (AK1: 3) In der Nähe von Tione werden Huldschiner und Teile seiner Einheit in einem Lager untergebracht, womit nun offiziell seine Kriegsgefangenschaft beginnt. Am ersten Tag seiner Gefangenschaft, am 5. November, blickt Huldschiner auf die ehemalige Front linie und stellt wehmütig fest: In all den Jahren waren mir diese [Tiroler] Bergzüge nichts als »die Front« gewesen; nun wurden sie mir mit einem Schlage wieder Individualitäten, und trotz des Druckes, der auf mir lastete, lächelte ich ihnen zu und freute mich ihrer Macht, ihrer wiederhergestellten Würde und Ruhe, ihres herbstlichen Glanzes. […] Damals hatten wir noch die Hoffnung, einmal als Eroberer hinabsteigen zu dürfen … weg mit diesen Gedanken! Nicht als Eroberer kamen wir. (AK2: 2) Huldschiners Einheit bewegt sich von Tione zunächst noch ohne Geleit weiter in Richtung Süden. Immer wieder reiten gut ausgerüstete italienische Einheiten nach Norden, immer wieder »Evviva l’Italia« (AK2: 2) rufend, während Huldschiner zurückruft »Evviva la pace« (AK2: 2). Einige Italiener antworten ihm zustimmend: »Eh, che bravo!« (AK2: 2), wobei einige andere italienische Soldaten die geschlagenen österreichischen Einheiten drangsalieren, ohne dass ihre Vorgesetzten etwas dagegen unternehmen. Au- ßerdem vernimmt Huldschiner Artilleriefeuer, »Freudenschüsse über den großen ›Sieg‹ oder letzte österreichische Munition, die die Welschen als Feuerwerk verschossen« (AK2: 2). In Condino in der Nähe des Idrosees wird Huldschiner zusammen mit anderen Offizieren von seiner Einheit getrennt. Er wird auf ein mit Stacheldraht umzäuntes Feld gebracht, wo bereits tausende Kriegsgefangene lagern. Als besonders traurig empfindet Huldschiner das Auseinanderbrechen des österreichischen Offizierskorps: Die Tschechen, Polen, Südslawen, Ruthenen usw. betrachteten sich nicht mehr als zu uns gehörig, fraternisierten mit den Italienern als mit Bundesgenossen, rissen sich die goldenen Kokarden von den Kappen und steckten sich ihre Landesfarben auf, […] als seien sie schon lange darauf vorbereitet gewesen, kannten uns nicht mehr, obschon sie noch gestern an unserer Seite gekämpft hatten und ließen der Freude über die Werdung der Dinge, über die auf einmal erlangte nationale Selbständigkeit, ungehinderten Lauf. (AK2: 2) Huldschiner sieht aber auch die Mitschuld Österreich-Ungarns an der Reaktion der unterdrückten Völker der Donaumonarchie: »[…] vor zehn Jahren noch hätte es durch eine vernünftige Föderatio-Verfassung alles retten können« (AK2: 2). In Huldschiner erwacht aber auch ein gewisser Stolz, als er die frischen italienischen Truppen erblickt, die sich in der Etappe befinden. Trotz der schlechten Versorgungslage und der »im Durchschnitt viel zu alten Leute« (AK2: 2) hätten die Österreicher nicht nur Widerstand geleistet, »son- 247 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) dern auch noch den Feind weit in sein eigenes Land hinein zurückwerfen können« (AK2: 2). Huldschiner wird auf ein Auto umgeladen und nach Castenedolo in der Nähe von Brescia in ein Internierungslager überführt. Zuvor ist es ihm gelungen, in einer italienischen Zeitung Neues über die Situation der Mittelmächte zu erfahren. Die Nachrichten betrüben ihn, da sie von »Österreich-Pogromen in Trient« (AK2: 3) berichten. In Castenedolo angekommen, lernt er zwei Artilleriehauptleute kennen, mit denen er »ein Schutz- und Trutzbündnis schließt« (AK2: 3), um ihre wenigen Habseligkeiten und ihren Schlafplatz im überfüllten Lager gegen andere Gefangene zu verteidigen. Bedrückt stellt er fest: »Denn in der Not wird Egoismus leicht brutal. Ich habe in der Gefangenschaft viel Egoismus gesehen, aber auch viel warmherzige Güte, bei Offizieren und Mannschaft« (AK2: 3). Die Spannung unter den Gefangenen nimmt zu, weil die Italiener beginnen, die nun verbündeten Tschechoslowaken, Polen und Jugoslawen von den Deutschösterreichern und Ungarn abzusondern. Über diese »entlud sich der ganze Grimm des edlen italienischen Volkes« (AK3: 2). Die meisten Gefangenen warten darauf, dass dem Waffenstillstand die förmliche Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft folgt. Man vertreibt sich die Zeit mit Kartenspielen. Huldschiner hat als Arzt mehr zu tun und wird vom italienischen Stabsarzt beauftragt, »den ärztlichen Dienst unter den Gefangenen zu organisieren« (AK3: 2). Zahlreiche Soldaten sterben in den kalten Nächten an Fieber, da viele noch unter freiem Himmel kampieren müssen. Die Italiener sind mit der Lage überfordert. Hunderte Offiziere und 30.000 Mann732 werden im Lager auf engstem Raum zusammengepfercht. Auch Huldschiner wird in einer Baracke, welche eigentlich nur für 200 Menschen konzipiert ist, zusammen mit 600 anderen Offizieren untergebracht. Sich in einer derartig desolaten Situation befindend, reflektiert Huldschiner über die Kriegsgründe: War es ein Treuebruch? Schon ist uns das nicht mehr so todesgewiß wie einst. Vielleicht, vielleicht war auch Italien Kämpfer für ein hohes Ideal. Italien hatte »unerlöste« Brüder zu befreien und Österreich, oder vielmehr Habsburg, hatte Schuld auf seine Seele geladen. (AK3: 2) Nur Franz Ferdinand hätte den Krieg noch verhindern können, doch sei er ermordet worden: »[…] wir wissen, daß nicht allein bei uns alle Reinheit, bei den Feinden aller Lug war« (AK3: 2). Am 14.11.1918 werden einige Hundertschaften, unter ihnen auch Huldschiner, nach Pizzighettone bei Cremona verlegt. Huldschiner muss sich von seinem Burschen, der ihm vier Jahre treu gedient hat, verabschieden. Auch in Pizzighettone ist die Versorgungslage schlecht. Medikamente sowie Holz zum Heizen sind Mangelware. Die hohen Stabsoffiziere werden in einem separaten Verwaltungsgebäude untergebracht. […] sie brachten hohe Anforderungen, kalten Egoismus und den Starrsinn der Überheblichkeit mit; sie stritten sich um jeden Makkaroni faden, den der eine mehr be- 732 Alle von Huldschiner genannten Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, da er sich hier nur auf seine Erinnerungen und seine persönlichen Empfindungen stützen konnte. 248 Andreas Micheli: Richard Huldschiner kam als der andere. Sie erschienen uns wie Mumien des versunkenen Österreichs, die die letzte Zeit, in Särge versenkt und von Binden umschnürt, verschlafen hätten. (AK4: 2) Auch in Pizzighettone bleiben die Menschen von der Spanischen Grippe, die weltweit Millionen Tote forderte, nicht verschont. Huldschiner ist es manchmal erlaubt, das Lager zu verlassen, um im örtlichen Gemeindespital auszuhelfen. Das Lagerleben schildert er ohne Pathos: So habe er »von aufregenden Dingen, Gewalttat und kühner Flucht« (AK5: 2) nichts zu berichten, sondern »von stiller Not, Sehnsucht und Kümmerlichkeit« (AK5: 2). Er erzählt vom alltäglichen Leben im Lager, von der kargen Kost, der Schmuggelei von zusätzlichem Essen oder Kaffee, von Kameraden, die mit Sarkasmus versuchen, die verzweifelte Lage erträglich zu machen. Huldschiner hingegen fühlt sich mit 46 Jahren »unter all diesen jungen Leuten eines anderen Bildungsgrades« (AK5: 2) sehr einsam. Außerdem leidet er unter der Kälte. Er vermeidet es aber aus Stolz, seinen Kameraden zu zeigen, »wie es in einem aussah« (AK5:  2). Immer wieder werden den Gefangenen falsche Versprechungen bezüglich einer baldigen Entlassung gemacht: Domani würde alles in Ordnung sein. Aber am nächsten Tag war noch nichts geschehen, und aus domani wurden zwei Wochen. Immerhin war es uns lieber als das finstere dopodomani (übermorgen), das in Wirklichkeit so viel wie »in einem halben Jahr« und das verhängnisvolle dialektische postdomani733 (hinterher), das »nie« bedeutete. (AK5: 3) Da der Zusammenbruch Österreichs über italienische Zeitungen im Lager publik wird, ändert sich auch das Verhalten der österreichischen Soldaten untereinander. So werden militärische Verhaltensregeln wie das Grüßen und die Standes- und Rangunterschiede nicht mehr respektiert. Zweimal in der Woche dürfen die Gefangenen eine Postkarte von 15 Zeilen nach Hause schicken.734 Da Huldschiner das Klima in Pizzighettone nicht mehr erträgt und er an einem Lungenspitzenkatarrh leidet, der durch das feuchte Klima der Po-Ebene täglich schlimmer wird, ersucht er um Überstellung in ein Gefangenenlager an der Riviera. Vierzehn Tage später wird seinem Ersuchen stattgegeben und er wird nach Genua verlegt. Die Überführung erfolgt am 17.12.1918 als Einzelreisender, begleitet von einem Wachsoldaten. Dort angekommen, steigen sein Bewacher und er in eine Straßenbahn, die die beiden in das Kriegsgefangenlager bringt. 733 Huldschiner irrt sich. Das heute antiquierte posdomani bedeutet ebenfalls übermorgen (dopodomani) (vgl. http://www.accademiadellacrusca.it/it/printpdf/lingua-italiana/consulenza-linguistica/domande-risposte/giorno-viene-dopo-domani [12.03.2016]). 734 Im Brixner Tagblatt erschien ein Artikel, in dem berichtet wird, dass das Rote-Kreuz-Büro in Bozen eine Postkarte von Richard Huldschiner aus Pizzighettone erhalten habe: »Dr. Huldschiner schreibt am 20. November, daß es ihm den Umständen angemessen gut geht und daß er mit den Stabsoffizieren wohnt, die ihn als ihren Arzt reklamiert haben. Die Gefangenen im dortigen Lager dürfen nur einmal in der Woche an ihre Angehörigen schreiben« (Brixner Tagblatt 1918, S. 2). Die übrigen drei bis vier Zeilen des Artikels wurden zensiert. 249 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) Das Lager befindet sich in einem Kloster. Huldschiner teilt zusammen mit einem Hauptmann, einem »älterer[n] Herr[n] und Schriftsteller im Nebenamt wie ich selber« (AK6: 2) eine Klosterzelle. Das Kloster beherbergt rund 160 kriegsgefangene Offiziere. Hier trifft Huldschiner zahlreiche Kameraden wieder: »Wir bildeten bald eine große Familie, in der das beste Einvernehmen herrschte« (AK6: 2). Allerdings sind die Zellen kaum geheizt und als es im Jänner kälter wird, schlich das Gespenst der Trauer und der Verzweiflung durch die öden, hallenden Gänge. Und hatte man sonst nur die guten Seiten der Kameraden gesehen, so entdeckte man auf einmal alles Mögliche an ihnen: daß sie alberne Egoisten seien, langweilige Schwätzer mit schlechten Manieren, hinterhältig und ungebildet. […] Dem Gefangenen, dem das Alleinsein, die Einzelhaft, der schlimmste der Schrecken ist, wird zu Zeiten die notgedrungene Geselligkeit, das Niealleinsein, zur ebenso gro- ßen Plage. Dann befreit einen nur der Schlaf von der Qual des Augenblicks. (AK6: 2) Huldschiner leidet während seiner Gefangenschaft besonders unter Langeweile, das heißt, zu viel Zeit zu haben und sehr wenig Sinnvolles damit anfangen zu können. So werden Vortragsabende organisiert, an denen jeder den anderen etwas beibringen kann, worin er besonders gut ist, z. B. Sprachkurse, Bienenzucht, Messkunde oder Volkswirtschaft. Huldschiner berichtet von Ost-Asien, das er als Schiffsarzt kennengelernt hat. Zudem sorgt er sich auch um seine Wahlheimat Südtirol, die nun unter italienischer Besatzung steht: Es waren viele Tiroler unter uns, und ich selber hänge an Bozen, an meiner Wahlheimat so sehr, daß ich ja, obschon Deutscher, meinen Kriegsdienst unter österreichischen Fahnen geleistet hatte, eben um für Tirol eintreten zu können. Meine ganze erste Jugend hatte ich in Bozen verbracht, und die Jahre des spielerischen Lebens vergißt man nicht. (AK6: 3) Anfang Februar erhält Huldschiner eine Depesche vom Roten Kreuz in Bern, worin ihm mitgeteilt wird »daß die Meinigen wohl waren und um mein Schicksal wußten« (AK6: 3). Ebenfalls im Februar bekommen die Südtiroler die Möglichkeit, sich als italienische Staatsbürger zu bekennen. Doch viele zögern, da sie als Gefangene keine solche Entscheidung treffen wollen, auch wenn ihnen, falls sie sich als Italiener erklären, die baldige Freilassung versprochen wird. So wird eine Liste erstellt, auf die sich Huldschiner als Deutscher zunächst nicht setzen lässt. Nach ein paar Tagen holt er dies jedoch nach in der Hoffnung, ebenfalls bald entlassen zu werden. Am 15. Februar schließlich dürfen sich die Südtiroler zum Abtransport bereitmachen. Huldschiner muss noch zwei Tage bangen, ob auch er entlassen wird. Am Tag der Abfahrt werden Huldschiner »und drei andere zweifelhafte Südtiroler« zurückbeordert, was ihn sehr traurig macht. Er harrt noch einen weiteren Monat in Gefangenschaft aus und erhält erst am 5. März 1919 den Befehl zu packen. Huldschiner wird nach Mailand gebracht und wartet dort mit vielen anderen Kriegsgefangenen auf den Weitertransport nach Österreich, der am nächsten Tag in einem Zug des italienischen Roten Kreuzes erfolgt, der die Freigelassenen nach Feldkirch bringt. 250 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 11.12 A soldier’s pilgrimage (Reportage) Die Frankfurter Zeitung veröffentlichte im März 1924 eine Reportage Huldschiners, in welcher er über eine Reise an den Gardasee berichtet, wo er einst als Regimentsarzt mehrere Jahre stationiert war. Da die erwähnte Ausgabe der Frankfurter Zeitung nicht auffindbar ist, bezieht sich die folgende Zusammenfassung auf die im Mai 1924 erschienene englische Übersetzung der Reportage für die US-amerikanische Kulturzeitschrift Living Age. Sie publizierte thematisch zusammenhängende Artikel aus verschiedensten amerikanischen, aber auch internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Huldschiners Reportage wurde in einen gemeinsamen Kontext mit anderen kritischen Berichten gesetzt, die sich mit der Situation in Südtirol unter der faschistischen Herrschaft befassten. Der deutsche Titel ist leider nicht bekannt. In der amerikanischen Übersetzung trägt der Text die Überschrift A soldier’s pilgrimage. Der Ich-Erzähler kommt nach einer langen Reise in Riva an, einst wichtigster österreichischer Hafen am Gardasee, der seit dem Kriegsende jedoch unter italienischer Herrschaft steht. Der Erzähler sieht dies in Bezug auf das Trentino durchaus positiv: Everything has become Italian, empathically and passionately Italian, so that I must confess to myself that this country has returned to its true motherland. (Asp: 900) Nach dem Mittagessen fährt der Ich-Erzähler mit dem Postauto weiter nach Arco. Alle Spuren der einstigen militärischen Anlagen sind verschwunden. Schließlich erreicht er das nahegelegene Dorf Pranzo, in dem er als Militärarzt tätig gewesen ist. Schmerzvolle Erinnerungen von früher kommen in ihm hoch: The war, with all its horror and privation, with all its intensified longing for peace and repose and happiness, gripped me again with full force like a present thing. (Asp: 901) Die Reise führt ihn weiter ins nahe gelegene Campi unterhalb der Roccetta und der Cima d’oro. Hier hat der Ich-Erzähler 18 Monate lang verwundete Soldaten betreut. Er berichtet außerdem über die letzten Tage vor der Kapitulation seiner Einheit, wie die Soldaten desillusioniert unter den italienischen Artillerie- und Luftangriffen gelitten und sich betrunken hätten, weil sie den nachrückenden Italienern den letzten Wein nicht vergönnten. Am nächsten Tag besteigt der Ich-Erzähler den Cima d’oro. Auch hier finden sich Spuren des Krieges in Form von Schützengräben und Munitionshülsen. Die ganze Umgebung erinnert den Ich-Erzähler an seine Zeit als Soldat: »Every stone here has a history of blood and suffering« (Asp: 905). Diese Nachkriegsgeschichte ist nach bisherigem Forschungsstand Huldschiners letzte direkte literarisch-journalistische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Ähnlich wie in seinen Aufzeichnungen aus der Kriegsgefangenschaft blickt Huldschiner bzw. dessen Ich-Erzähler auf einen Lebensabschnitt zurück, der viele Wunden aufgerissen hat, physische und psychische, die nur langsam heilen. Die wenigen positiven Erlebnisse, insbesondere die schöne Bergwelt und die Kameradschaft unter den Soldaten, können doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass letzten Endes das Negative überwogen 251 Der Erste Weltkrieg: Einsatz an der Gebirgsfront und Kriegsgefangenschaft (1914 – 1919) hat. Die Rückkehr an die Front ist wohl als eine Art von Katharsis zu verstehen. Der Soldat unternimmt eine Wallfahrt, um sich an jene schreckliche Zeit zu erinnern, um seiner Kameraden zu gedenken und das erfahrene Leid zu verarbeiten. Doch scheint die Rechnung für Huldschiner und seinen Ich-Erzähler nicht aufzugehen: Als er mit seinen Begleitern zurück ins Tal fährt, überkommt ihn eine plötzliche Ungeduld. Er möchte den Ort, an dem so viel gelitten und gestorben worden ist, so schnell wie möglich verlassen: I was impatient to be away. No, a man should not revisit the scenes of his war service. He should let these memories lie dead and buried. He should force his mind to dwell upon the future. I kept saying to myself: »I will never come back here again.« And yet this one visit I could not resist. (Asp: 905) Der Ich-Erzähler entscheidet sich für die Flucht, für das Verdrängen. Die Reinigung gelingt also nur zum Teil. Erschlagen von den vielen Eindrücken, wendet sich der Ich-Erzähler der Zukunft zu und lässt die Vergangenheit unbearbeitet zurück. Huldschiners Bewältigungsmechanismus entsprach damit völlig dem damaligen Zeitgeist, wenn man bedenkt, dass Kriegstraumata erst viel später als solche erkannt und behandelt wurden.

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.