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10 Zwischenspiel in Bozen, Bad Kissingen und Würzburg (1913 – 1914) in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 221 - 226

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-221

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
221 10 Zwischenspiel in Bozen, Bad Kissingen und Würzburg (1913 – 1914) 3 – 1 Wäre Huldschiner in Hamburg geblieben, so hätte er erfahren, daß die letzten Jahre einen entschiedenen Wandel zum Besseren gebracht haben. Aber auch so darf er gewiß sein, daß hier viele und vielleicht mehr, als er selbst glaubt, seiner in Treue denken.674 Zwar hatte Huldschiner seine Wohnung in der Hohen Bleiche Nr. 46 und seine dort angesiedelte Praxis bereits vor seiner Weltreise aufgegeben, doch musste er wohl noch einige Dinge erledigen, sodass seine endgültige Abkehr von Hamburg erst Anfang November 1913 erfolgte.675 Zu dieser Zeit erschien in der Neuen Hamburger Zeitung, in der Huldschiner häufiger seine Texte veröffentlichen konnte, ein Essay mit dem Titel Abschied von Hamburg. 10.1 Abschied von Hamburg (Essay) Darin schildert Huldschiner die Beweggründe für seinen Weggang aus Hamburg. Er hält sich mit persönlichen Bemerkungen stark zurück, wirft den Hamburgern aber vor, dass sie zu sehr auf ihre eigenen Leute setzen und es Zugezogenen schwer machen würden, Anschluss zu finden und beruflich Karriere zu machen, vor allem im akademischen und künstlerischen Bereich. Auf die Frage, warum er denn, wenn er in Hamburg »nicht heimisch geworden« (AbH: 1) sei, die Stadt nicht schon längst verlassen habe, konnte und mochte [ich] nicht immer antworten. Nicht jeder versteht, und der Hamburger ist ein eifersüchtiger Gott, der keine anderen Götter duldet. Lokalpatriotismus ist ihm die erste Bürgerpflicht. (AbH: 1) 674 H. W. F. 1922, S. 2. 675 Vgl. Huldschiner 30.10.1913. 222 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Warum er trotzdem so lange geblieben ist, immerhin waren es beinahe 15 Jahre, wird im Essay nicht konkret ausgeführt. Ein Grund sei sicherlich »die Bequemlichkeit des Bleibens« (AbH: 1) gewesen. Und weiter: »Wenn es die Heimat nicht war, die ich fand, so fand ich doch viel ruhige Würde und Anständigkeit der Gesinnung. Und ich fand mich selber« (AbH: 1). Die zurückhaltende und reservierte Art der Hamburger habe dazu geführt, dass sich Huldschiner vermehrt auf sich selbst besonnen habe. So sei die Einsamkeit, die er in Hamburg gefühlt habe, gleichzeitig ein wichtiger Motor gewesen, sich mit dem Schreiben zu befassen: In ferne Berge freilich trug es mich. Das berauschende Leben, das mich umgab, mit seinen Menschen, Schiffen, Warenballen und grauziehenden Wolken war mir nichts; es blieb draußen, jenseits der Hausmauern. (AbH: 1) Genau dieser Kontrast zwischen den idealisierten Bergen Tirols und dem kühlen, distanzierten Hamburg samt seinen Bewohnern verstärkte bei Huldschiner das Gefühl des Heimwehs, der Sehnsucht nach seiner Wahlheimat Tirol. In einem längeren Diskurs führt Huldschiner aus, warum es seiner Ansicht nach schwer sei, »innerlich mit Hamburg zu verwurzeln« (AbH: 1). So sei er nicht der einzige gewesen, dem dies schwergefallen sei: »Viele kamen und gingen wieder« (AbH: 1). Einen Grund dafür sehe er im lokalen Kaufmannswesen, wo nur der pekuniäre Erfolg zähle und man sich von anderen Einflüssen aus anderen Städten absondere. Ebenso würden intellektuelle Leistungen im akademischen Bereich weniger geschätzt, da sie kein Geld einbrächten. Man halte sich die Gelehrten nur als »Luxusgegenstand« (AbH: 1). Der Gelehrte und der Künstler, wobei der Schauspieler nicht hinzuzähle, da dieser sehr hohes Ansehen genieße, »bleiben ewig das Mädchen aus der Fremde, dessen Kommen und Gehen gleich rätselhaft ist« (AbH: 1). Zudem werde die Nebenrolle der Gelehrten in der Hamburger Gesellschaft auch dadurch deutlich, dass man mit dem Allgemeinen Vorlesungswesen676 nur eine Volkshochschule geschaffen habe, die »oberflächliches Halbwissen« (AbH: 1) vermittle und zu einer Abwanderung tüchtiger Gelehrter führe. Außerdem sei Huldschiner sich sicher, dass man im Falle einer Gründung einer richtigen Universität nur »Hamburger oder doch wenigstens Hanseaten« berufen werde: So hätte der hanseatische Geist, vornehm und tüchtig, aber vielleicht zu sehr aufs Reale gerichtet, […] dieser Gründung seinen Stempel aufgedrückt, und alles wäre beim alten geblieben. (AbH: 1) Aus welchen Gründen sich Huldschiner derart kritisch über das Hamburger Bildungssystem auslässt, ist unbekannt. Vielleicht verfolgte er selbst Ambitionen, im akademischuniversitären Bereich tätig zu werden, und es war ihm aufgrund seines Status als Zugezogener und mangels der richtigen Kontakte nicht möglich. 676 Es gab bis 1919 keine Universität in Hamburg. Stattdessen wurden Vorlesungsreihen über verschiedenste Themen (Allgemeines Vorlesungswesen) angeboten, ohne aber eine vergleichbare universitäre Institution zu errichten wie in anderen Großstädten des Deutschen Reichs. 223 Zwischenspiel in Bozen, Bad Kissingen und Würzburg (1913 – 1914) 10.2 Unser Heiland in der Inquisition (Erzählung) Wie schon länger geplant, übersiedelte Huldschiner zunächst nach Tirol und verbrachte die Wintermonate in Gries bei Verwandten.677 Da er keine Praxis mehr ausübte, räumte er seiner Schriftstellerkarriere erste Priorität ein. Der erste und naheliegendste Kontakt dafür war Ludwig von Ficker. So bot ihm dieser bereits vor seiner Weltreise an, Lesungen seiner Werke in Innsbruck abzuhalten, was Huldschiner aber aufgrund seiner Reise ablehnen musste.678 Ficker lud ihn im Oktober 1913 erneut dazu ein, an einem der von ihm organisierten sogenannten Brenner-Abende aus seinen Texten vorzulesen.679 Ficker beabsichtigte, jeweils zwei Autoren lesen zu lassen, und plante Huldschiner, der sich seinerseits Albert von Trentini oder Carl Dallago als Co-Lektoren wünschte, zusammen mit Robert Michel den Vorleseabend bestreiten zu lassen. Da Huldschiner aber befürchtete, mit dem damals relativ unbekannten Schriftsteller Michel vor leeren Stühlen zu lesen, lehnte er schließlich seine Mitarbeit an den Brenner-Abenden ab. Ich persönlich bin den Leuten wahrscheinlich ebenso unbekannt wie meine Bücher. Es könnte also leicht sein, daß der auch kleine Saal leer bleibt und daß Sie wieder finanziell belastet werden. Das aber hätte keinen Sinn, und für mich wäre es beschämend leeren Bänken etwas vorzulesen.680 Somit endete die kurze Mitarbeit Huldschiners am Brenner und Der Ophirfahrer im Juni 1913 blieb sein letzter Beitrag. Zwar sind noch einige kurze Korrespondenzen zwischen Ficker und Huldschiner erhalten, doch ist davon auszugehen, dass sie nur der Höflichkeit wegen erfolgten. Die zweite Möglichkeit, seine Werke einem größeren Publikum bekannt zu machen, bestand darin, in den verschiedenen Zeitschriften des Albert Langen Verlages zu publizieren. So erhielt er die Möglichkeit der gelegentlichen Mitarbeit an der Satirezeitschrift Simplicissimus. Einige der darin veröffentlichten Texte wurden bereits in Kapitel 9 behandelt, da sie im Zusammenhang mit Huldschiners Weltreise standen. Die allererste Geschichte für den Simplicissimus, die humoristische Erzählung Unser Heiland in der Inquisition, wurde im Februar 1913 veröffentlicht und hatte inhaltlich nichts mit Huldschiners Reiseerlebnissen zu tun. Sie handelt im spätmittelalterlichen Florenz. Ein Ich-Erzähler, der Schreiber des Notars Calcagni, erzählt die Geschichte der Witwe Mona Cassandra Fattuci, ihrer Tochter Colomba und des Bildhauers Merello Marinozzi. Die Witwe Cassandra Fattuci muss nach dem frühen Tod ihres Mannes, der bei einer Rauferei erstochen worden ist, die gemeinsame Tochter Colomba allein aufziehen. In der Nähe ihres Wohnhauses steht die Kirche Santo Spirito, in der 677 Huldschiner 24.10.1913. 678 Vgl. Huldschiner 07.06.1912. 679 Vgl. Huldschiner 24.10.1913. 680 Huldschiner 20.12.1913. 224 Andreas Micheli: Richard Huldschiner eine schöne Bildtafel den Heiland [darstellt], wie er, mit einem weißen Gewande angetan, vor dem Volke predigt. Um den Leib trug er einen bunt gewickelten Gürtel und daran hing eine Ledertasche. (UHI: 796) Cassandra betet sehr häufig vor der Bildtafel, da der Heiland in ihren Augen sehr ihrem verstorbenen Gatten ähnelt. Außerdem ist sie der festen Überzeugung, dass ihr Ehemann aufgrund der vielen Seelenmessen, die sie gestiftet hat, bald aus dem Fegefeuer zu ihr heimkehren werde. Der Bildhauer Merello Marinozzi, ein Freund des Ich-Erzählers, verliebt sich in die inzwischen sechzehnjährige Tochter Colomba. Die Mutter ist aber gegen eine Beziehung und verbietet der Tochter, den Avancen des Bildhauers nachzugeben. Schließlich kommen sich die beiden näher und Merello küsst Colomba vor dem Haus ihrer Mutter. Der Ich-Erzähler ist ebenfalls von dem Mädchen sehr angetan und gibt dem Leser eine genaue Beschreibung der körperlichen Vorzüge Colombas, indem er ihre Sinnlichkeit und Schönheit betont. Aufgrund der Freundschaft zum Bildhauer und weil »mir damals eine gewisse Pia Ansalbi in den Wurf kam und die leider Gottes meine Frau geworden ist« (UHI: 796), hält sich der Ich-Erzähler von Colomba fern. Huldschiner lässt den Erzähler ironisch konstatieren, dass seine Frau in dem Augenblick, da ich euch dieses erzähle, gewiß voll Zorn zu Hause auf mich wartet, um mir, wenn ich heimkomme, irgend etwas an den Kopf zu werfen, was besser ungeworfen bliebe. (UHI: 796) Die Mutter bekommt eines Tages hohes Fieber und die Tochter kann Merello nicht mehr treffen, da sie sich um sie kümmern muss. Die Mutter erholt sich ein wenig, fürchtet aber trotzdem ihr baldiges Ableben und will ihre Angelegenheiten regeln, allem voran möchte sie, dass ihre Tochter sich nicht mehr mit dem Bildhauer trifft. Außerdem wünscht sie sich, noch ein letztes Mal vor dem Bild des Heilands zu knien und zu beten und gelüstet nach Birnen, »die wohl zu teuer für uns schlichte Bürgerleute« (UHI: 796) seien. Später steigt das Fieber wieder, und während die Tochter außer Haus ist, betritt Merello, der dem Heiland auf der Bildtafel zum Verwechseln ähnlich sieht, das Zimmer der Mutter und überreicht ihr Birnen aus seiner Ledertasche. Die Mutter ist nun überzeugt, dass sie das »wundertätige Bild von Santo Spirito« gesehen habe, »das von ihren Verdiensten und ihrer Frömmigkeit gerührt gekommen sei, sich nach ihr umzusehen« (UHI: 797). Während die Mutter, durch das Erlebnis aufgewühlt, Ruhe in der Beichte und im Gebet sucht, liegen sich Colomba und Merello in den Armen. In den folgenden Tagen erscheint das Abbild des Heilands immer wieder im Haus der Mutter, sodass Menschen aus der ganzen Stadt das Haus und die Kirche besuchen, ohne aber dessen Auftauchen selbst wahrzunehmen. Schließlich befasst sich sogar der Kardinalerzbischof mit der Angelegenheit und schickt die lokalen Inquisitoren ins Haus der Mona Cassandra, um den Vorfall genauer zu untersuchen. Da Colomba von Merello ein Kind erwartet und ihn bald heiraten möchte, lassen die beiden erneut den angeblichen Heiland in Gestalt des Merello auftreten, der die Mutter dazu bewegen soll, der Ehe zwischen Colomba und Merello zuzustimmen. 225 Zwischenspiel in Bozen, Bad Kissingen und Würzburg (1913 – 1914) Nachdem die Inquisitoren die Bildtafel für weitere Untersuchungen aus der Kirche Santo Spirito abtransportieren lassen, kommt es auch im Haus der Mona Cassandra zu keinen weiteren Erscheinungen. Der Ich-Erzähler berichtet abschließend, dass Colomba und Merello tatsächlich zusammengekommen seien, eine Familie gegründet hätten und dass die Mutter Mona Cassandra bis zu ihrem Tod immer wieder stolz von ihren angeblichen Heilandserscheinungen erzählt habe. Die Geschichte endet mit einem Seitenhieb auf die Inquisition und auf die eigene Ehefrau, indem Huldschiner den Ich-Erzähler berichten lässt: Aber der wundertätige Heiland […] ist noch heutigentags ein armer Gefangener der heiligen Inquisition und vielleicht nicht mehr oder weniger schlecht gehalten als ich armer Teufel von meiner Gattin […], in deren Arme ich nun wohl oder übel wieder zurückkehren muß. (UHI: 804) Huldschiners Erzählung wirkt banal und vorhersehbar. Den Figuren fehlt jegliche Tiefe und sie erinnern in ihrer Darstellung an burleske Schwarz-Weiß-Charaktere, wohl ein wenig angelehnt an die Commedia dell’arte. So mag sich auch der Name der Protagonistin Colomba aus diesem Kontext erschließen, trug doch die Magd in der Commedia dell’arte häufig den Namen Columbina. Erneut übt Huldschiner Kritik an den christlichreligiösen Bräuchen, am Aberglauben und an der Bigotterie. Außerdem karikiert er die Inquisition als eine mächtige und fanatische Organisation, welche, ironisch überspitzt, sogar ein Heiligenbild einkassiert und einer näheren Überprüfung zugeführt habe. Da sich der schriftstellerische Erfolg aber immer noch nicht einstellen wollte, musste Huldschiner erneut einem Brotberuf nachgehen. Bereits während seiner Weltreise schrieb er einem alten Bekannten namens Dr. Arthur Pick, mit dem er schon länger keinen Kontakt mehr hatte, einen Brief, und zwar nachdem er in der Nacht zuvor ganz plötzlich von ihm geträumt hatte.681 Arthur Pick bot ihm daraufhin eine Anstellung in seinem Sanatorium in Bad Kissingen in Unterfranken an. Das Sanatorium Pick behandelte Patienten mit Stoffwechselkrankheiten, Nerven- und Tropenkrankheiten und bot Mast- und Entfettungskuren an. Von Mai bis August 1914 arbeitete er dort als mitleitender Arzt.682 Das Sanatorium wurde aber bald nach Kriegsbeginn in ein Marinekurlazarett umgewandelt. Da Huldschiner sich schon immer sehr stark seiner Tiroler Wahlheimat verbunden fühlte, beschloss er, nicht für die bayerische oder preußische Armee als Lazarettarzt zu arbeiten, sondern zog es vor, in einem österreichischen Lazarett in Tirol tätig zu werden. Bis zu seinem Dienstantritt im Oktober 1914 lebte er bei seiner Schwester und seiner Mutter in Würzburg.683 681 Vgl. Huldschiner 13.08.1913 – 21.08.1913. 682 Vgl. Berliner Tageblatt (Morgen-Ausgabe) 1915, S. 8. 683 Vgl. Einwohnermeldeamt Würzburg.

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References

Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.