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9 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 197 - 220

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-197

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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197 9 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) 2 – 1 Mich hat eigentlich erst diese große unvergleichliche Reise zum Globetrotter gemacht. Das Frühere waren nur kleine Ausflüge. Das hier aber ist wirklich eine Reise und ich komme mir schrecklich welterfahren vor.655 Da Huldschiner mit seinem Leben in Hamburg abschließen wollte und nach neuen Herausforderungen suchte, bewarb er sich bei der HAPAG (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft) und heuerte als Schiffsarzt für drei Reisen rund um den Globus an. Dies war ein durchaus nicht unüblicher Schritt für einen Arzt, der in der Hafenstadt Hamburg wohnte. Die deutsche Handelsflotte erlebte seit der Jahrhundertwende einen steten Aufschwung. So wuchs die Anzahl der Schiffe der HAPAG in den Jahren 1890 bis 1910 um das Fünffache.656 Auch die Passagierzahlen stiegen um ein Vielfaches, sodass die Reedereien händeringend Schiffsärzte suchten und ihnen häufig gute Konditionen und ein angemessenes Gehalt anboten. Neben dem Wunsch, Hamburg zu verlassen und die Welt kennenzulernen, gab es noch einen weiteren Grund, warum Huldschiner zur See fahren wollte: Er musste sich von den Strapazen einer überstandenen schweren Krankheit erholen.657 An welcher Krankheit er gelitten hatte, ist unbekannt. Schon früher bereiste Huldschiner verschiedene Ziele in Europa, doch war er noch nie so lange von seiner Familie, allen voran von seiner Mutter, getrennt gewesen. Beide lebten mehr als ein Jahrzehnt unter einem Dach in Hamburg, besuchten in den Ferien die verschiedenen Familienmitglieder in Mailand, Würzburg und Berlin, und mehrmals im Jahr traf sich die Großfamilie in einem Ferienhaus in Seis. Dass Huldschiner sehr an seiner Familie gehangen hat, machen die zahlreichen Briefe deutlich, die er während seiner Reisen an seine Familie schrieb und in denen er immer wieder seiner Sehnsucht nach einem baldigen Treffen Ausdruck verlieh. Die genaue Reiseroute lässt sich nicht mehr feststellen, wohl aber mithilfe von Briefen an seine Verwandtschaft und den publizierten Reiseberichten und Erzählungen in groben Zügen rekonstruieren. Huldschiner wurde dem Passagierdampfer Dania als Schiffsarzt zugeteilt, der vor allem die Mittelamerikaroute befuhr. Er übernahm alle Tä- 655 Huldschiner 02.07.1913‒04.07.1913. 656 Vgl. Brenning und Oppenheimer 1914, S. 1. 657 Vgl. Paulin 1931, S. 250. 198 Andreas Micheli: Richard Huldschiner tigkeiten eines Arztes an Bord des Schiffes, welches neben einigen Erste-Klasse-Passagieren zum großen Teil spanische Wanderarbeiter beförderte. Die Reise begann wahrscheinlich in Hamburg und führte über den nordspanischen Atlantikhafen Vigo und die Azoren zunächst nach Kuba und von dort nach Mexiko.658 Die Rückreise führte die Dania nach Key West vor der Küste Floridas, weiter nach Havanna und wieder zurück nach Europa.659 9.1 Briefe von einer Weltreise (Reisebericht) Mit den Herausgebern der Süddeutschen Monatshefte verabredete Huldschiner, in regelmäßigen Abständen von seiner Weltreise als Schiffsarzt zu berichten. Während der drei Seereisen und bei der Arbeit an den Reiseberichten für die Süddeutschen Monatshefte fasste Huldschiner den Entschluss, seine Brief-Tagebücher, die er regelmäßig seinen Verwandten zukommen ließ, für »ein etwaiges Buch«660 zusammenzustellen. Das Buch-Projekt wurde aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht umgesetzt. Im Dezemberheft der Süddeutschen Monatshefte erschien ein erster kurzer Bericht, bestehend aus zwei Texten in Briefform. Am 21. Oktober 1912 erreichte Huldschiners Schiff die Karibik, genauer Havanna. Huldschiner erzählt, dass ihn das erste Mal seit zwei Wochen die Weltnachrichten erreicht hätten. So hätten Italien und die Türkei Frieden geschlossen, während die Balkanstaaten der Türkei wiederum den Krieg erklärt hätten. Außerdem berichtet Huldschiner von den Schwierigkeiten, die sich durch die Mexikanische Revolution ergeben hätten, nämlich dass manche Häfen Mexikos, welche die Dania ansteuern sollte, unter der Kontrolle der Rebellen stünden. Huldschiner ergänzt leicht ironisch, dass er und seine Mannschaft im Gegensatz zu den betroffenen Passagieren die ganzen politischen Schwierigkeiten weniger tragisch sähen: […] sie alle nehmen die Sache nicht so heiter wie wir, die wir nur glücklich sind, daß das Geschick uns vergönnt hat, in einer so bewegten Zeit gerade zu einer Aktion auf dem Welttheater zurecht zu kommen. (BvW: 412) Huldschiner schließt seine Berichterstattung über Havanna mit einem weiteren kurzen Brief einen Tag später, in dem er erklärt, dass es immer noch nicht klar sei, in welchem mexikanischen Hafen die Dania einlaufen könne. Allerdings sieht er die Sache erneut sehr entspannt: »[…] werden wir heute Abend abdampfen können oder bleiben wir? Hurra für das frische Leben hier draußen« (BvW: 413). Huldschiner schien die Reise zu genießen, insbesondere das Unvorhersehbare, was wohl mit ein Grund war, die Reise überhaupt zu unternehmen, nämlich dem geregelten Alltagsleben für einige Zeit zu entkommen. In der Jänner-Ausgabe 1913 der Süddeutschen Monatshefte erzählt Huldschiner, erneut in Briefform, von seinen Erlebnissen in Mexiko im November 1912. Er berichtet 658 Vgl. Huldschiner 06.10.1912 – 08.10.1912. 659 Vgl. Huldschiner 10.10.1912 – 12.10.1912, 14.10.1912 – 21.10.1912. 660 Huldschiner 02.07.1913 – 04.07.1913. 199 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) von den Zuständen in Mexiko während der Mexikanischen Revolution. Aufgrund deren hätten viele ausländische, vor allem amerikanische Geschäftsleute Mexiko verlassen, sodass es für europäische Geschäftsleute leicht sei, dort eine Anstellung zu finden, allerdings erst, sobald Francisco Madero661 als Präsident zurückgetreten sei. Huldschiner zitiert einen deutschen Geschäftsmann, der dafür eingetreten sei, den von Madero abgesetzten Präsidenten Porfirio Díaz wiedereinzusetzen. Madero habe den Leuten zu viele Versprechen gemacht, die nicht zu erfüllen seien. Außerdem sei das mexikanische Volk noch nicht reif für derartige umwälzende Reformen, wie sie Madero vorschweben würden. Huldschiner beschreibt anschließend kurz die Hauptstadt Mexiko-Stadt und die Natur des Landes: Immer schön und durch nichts unterzukriegen ist nur die Natur in Mexiko. Und namentlich das Tal von Anahuac […], mit seinem uns Europäern so wohltuenden Klima des ewigen Frühlings, gehört zu jenen Dingen, die man nicht vergessen kann, die lange noch, wenn schon wieder die blaue Weite des Ozeans alles Land verschlungen hat, im Traum und im Wachen tönend und lieblich vor der Seele [stehen] und uns mit großen, dunklen Augen zu sich heranzuwinken [scheinen]. (BvW: 615) Den im März-Heft veröffentlichten Brief datierte Huldschiner auf Jänner 1913. Er behandelt die Ostafrika-Etappe seiner zweiten Reise, die ihn auf einem Schiff der HAPAG im Dezember 1912 zunächst von Hamburg über Antwerpen, Southampton, an der bretonischen Küste vorbei nach Lissabon und dann weiter nach Tanger führte.662 Über Marseille, Neapel, Kreta, Port Said und den Suezkanal gelangte das Schiff weiter nach Deutsch-Ostafrika (Tansania) und Sansibar.663 Huldschiner zitiert in seinem publizierten Reise-Brief Berichte von deutschen Beamten und Pflanzern, die ihm Genaueres über die Bewohner der deutschen Kolonie berichtet hätten: So sei es wichtig, sich als Europäer so bald wie möglich ein schwarzes Mädchen zu nehmen, da man »sonst in den Verdacht kommt, entweder ›das Lager mit sich selbst zu teilen‹ oder junge hübsche Boys zu halten« (BvW: 784). Allerdings solle die Verbindung, die der Weiße mit der Schwarzen eingeht, […] das bleiben, was sie ist: ein Zusammenleben auf Kündigung, entsprechend dem ungeheuren und zunächst noch völlig unüberbrückbaren kulturellen Abstand der Rassen. (BvW: 784) Im Weiteren rechtfertigt Huldschiner derartige »Konkubinate« (BvW: 785) dahin gehend, dass dieser Zustand so lange anhalte, wie »nicht jeder Europäer drüben sein Huhn im Topfe hat – ich bitte um Entschuldigung – ich wollte sagen, verheiratet ist« (BvW: 785). Die deutschen Passagiere hätten Huldschiner außerdem von der wirtschaftlichen Lage in Deutsch-Ostafrika erzählt, vor allem vom immer stärker werdenden Konkurrenzdruck durch indische Händler, welche den Kleinhandel dominieren würden »und kon- 661 Francisco Ignacio Madero war von 1911 bis 1913 Präsident von Mexiko, nachdem er zuvor den langjährigen Diktator Porfirio Díaz gestürzt hatte. 662 Vgl. Huldschiner 22.12.1912 – 24.12.1912. 663 Vgl. ebd. 200 Andreas Micheli: Richard Huldschiner kurrenzlos bleiben, weil ihre Lebensbedürfnisse so geringe sind, daß sie günstiger verkaufen können als der Europäer« (BvW: 785). Im April-Heft 1913 schildert Huldschiner die Eindrücke seines Aufenthaltes auf Sansibar. Auch dieser Brief ist wieder auf Jänner 1913 datiert. Darin berichtet er ausführlich vom Treiben auf den Straßen und den vielen Völkern, die hier aufeinandertreffen: […] vollkommen verhüllte Judenfrauen, Singhalesen mit Haarschöpfen und Kämmen, Araber mit langen schwarzen, mit Goldschnüren geschmückten Mänteln und Turbanen, […] Neger aus allen Teilen Afrikas, in Khaki-Anzügen, in weißen langen Hemden, […] andere, die nur einen Schurz, den der Riemen hält, um die Lenden tragen, […] Negerweiber, […] Inder-Frauen, […] schwarze und gelbe Kinder, […] alles ist draußen auf der Gasse […] und schwatzt und schwatzt. (BvW: 30) Huldschiner trifft außerhalb der Stadt auf eine tanzende Gruppe von Einheimischen, ein »schwarzhäutige[s], großmäulige[s] Volk, das nie etwas zu tun hat« (BvW: 30). Ihn fasziniert die Einfachheit der Darbietung, die der Sorglosigkeit der Einheimischen entspreche. Ein Kulturmensch hingegen denke gerade am heutigen Geburtstag des Kaisers am 27. Jänner daran, dass es wohl ein Fehler gewesen sei, Helgoland gegen Sansibar664 eingetauscht zu haben. Huldschiner nimmt zusammen mit den anderen Deutschen auf Sansibar an einer »gewaltig steifleinenen und kleinbürgerlichen« (BvW: 32) Feier im deutschen Konsulat zu Ehren des Kaisers teil, währenddessen »das Prunken und Gleißen des Sternenhimmels über uns und das Rauschen der Palmen- und Mangokronen unter uns in den Gärten […] unbeobachtet« (BvW: 32) bleibt. Er kommt zum Schluss, dass der Deutsche, so fähig, ordentlich und fleißig er doch sei, in »der Masse […] leer und ohne Feuer [sei], eine graue Alltäglichkeit, die nicht einmal in so begnadeter Nacht zu einem rascheren und helleren Leben zu erwachen vermag« (BvW: 32). Im Februar erfolgte die Rückreise auf der gleichen Route. Huldschiner machte verschiedene Landgänge, u. a. in Marseille und Avignon, und kam Anfang März wieder in Hamburg an, wobei er von dort nach einem kurzen Aufenthalt sofort zu seiner Mutter und seiner Schwester Elfriede nach Würzburg weiterfuhr, und zwar über Berlin, um auch seinen dort lebenden älteren Bruder Arnold zu besuchen.665 9.2 Paolazzi wechselt Stellung (Erzählung) Seinen Aufenthalt in Mexiko verarbeitete Huldschiner nicht nur durch Reise berichte, sondern auch literarisch, z. B. in Form der humoristischen Erzählung Pao lazzi wechselt Stellung, erschienen im Dezember 1928 im Simplicissimus. 664 Huldschiner spielt hier auf den Vertrag zwischen Deutschland und England über die Kolonien und Helgoland vom 1. Juli 1890 an. Im Volksmund wurde häufig fälschlicherweise behauptet, Kaiser Wilhelm II. habe mithilfe des Vertrages das wertvollere Sansibar gegen Helgoland getauscht. Sansibar stand aber nie unter deutscher Herrschaft. 665 Vgl. Huldschiner 22.02.1913 – 01.03.1913. 201 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) Der Seefahrer Valentin Paolazzi desertiert nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Steuermann des Vollschiffes Erzherzog Friedrich, welches in der Bucht vor Coazacualcos in Mexiko liegt. Er springt, da er keinen Landurlaub erhalten hat, heimlich ins Wasser und schwimmt an Land. Der aus dem Trentino stammende Paolazzi, auch Polentone genannt, flucht über die Dunkelheit: »Er bemühte alle Heiligen. Gott Vater wurde nicht geschont, das Andenken seiner eigenen Mutter schmählich gelästert« (PwS: 461). Da ihn sein Schiff mit Scheinwerfern sucht, verflucht er auch die Mutter Gottes und den Steuermann. Er geht sogar so weit, »die Bemühungen der trauernd auf dem Schiff Hinterbliebenen, ihn etwa mit ihren Lichtern noch auf dem Wasser oder sonstwo ausfindig zu machen« (PwS: 461), höhnisch zu verlachen. An Land angekommen, muss sich Paolazzi im ufernahen Sumpf verstecken, da sein Schiff noch zwei Tage vor Anker liegt und die Hafenpolizei nach ihm suchen könnte. Nach einigen Tagen des Versteckens wagt sich Paolazzi zum ersten Mal die Stadt: Nur hie und da lüftete sich einer der gelben oder roten Vorhänge an einer auf die Straße gehende Tür, und ein Indio-Weib warf Abfälle, Fischeingeweide und ausgekochte Knochen heraus. Dann stürzten sich die schwarzen Aasgeier, die wie Schwalben aufgereiht auf den Simsen der flachen Dächer saßen, krächzend herab, und es gab großes Gezänk unter ihnen. (PwS: 461) Die Stadt beschreibt Huldschiner in seiner Erzählung folgendermaßen: Viel war in Coazacualcos sonst nicht zu sehen. Ein Haus schien wie das andere. In den Fenstern der paar Stores lagen Angelschnüre, Revolver, buntfarbige Kattune, seltsame Muscheln, Fischkonserven. Eine Bretterbude kündigte sich als Kino an. Große Flaschen mit giftig gefärbter Flüssigkeit gefüllt, bezeichneten die Kneipen. Schiffsagenturen und »Banken« überboten sich mit ihren Geschäftsschildern, im übrigen gab es chinesische Garküchen und natürlich Mädchen. (PwS: 461) Huldschiner thematisiert auch hier wieder die Sexualität, die in mehreren Romanen und Erzählungen einen relativ breiten Raum einnimmt. Zwar liegt es in der Natur exotischer Erzählungen, gerade wenn sie von Männern geschrieben werden, die Sexualität vordergründig zu behandeln, doch lässt sich in Huldschiners Reisegeschichten ein gewisses Muster feststellen. Häufig werden die einheimischen Frauen, wenn sie denn in seinen Erzählungen über ferne Weltgegenden Platz finden, als Prostituierte charakterisiert: Die standen in voller Kriegsbemalung unter den Türen der kleinen Häuser und schauten nach Matrosenkundschaft aus. Sie lockten mit Hand und Auge und machten sich süß und verführerisch, indem sie unter den Fächern hervor die volle Brust herausreckten und rätselhaft lächelten. (PwS: 461) Paolazzi folgt einer Prostituierten hinter ihren Vorhang. Auch diese Frau beschreibt Huldschiner sehr klischeehaft: 202 Andreas Micheli: Richard Huldschiner […] gar nicht bemalt, nur mit einer Art Hemd bekleidet, aber höchst sorgfältig frisiert, mit einem großen Kamm im Haar, der Schildpatt vorstellen sollte und wie eine Schaufel nach der Seite hinausragte. Im Munde trug das Mädchen eine rote Blume. Juanita lachte sehr viel und redete sehr vieles, was Valentin nicht verstand. Sie war zärtlich und heiß, ganz schlank und biegsam […]. (PwS: 462) Juanita geht mit Paolazzi in eine Whiskey-Kneipe. Dort werden sie zu einem Tisch gebeten, an dem vier deutsche Matrosen mit ihren Mädchen sitzen. Einer von diesen ist der Matrose Hein Gehreckens. Eine Polizeipatrouille betritt das Lokal und verhaftet einen Gast. Paolazzi fürchtet, ebenfalls gefangen genommen zu werden und versteckt sich. Hein und Junanita kommen sich währenddessen näher, was Paolazzi wiederum nicht gefällt. Paolazzi betrinkt sich dermaßen, dass er in Ohnmacht fällt. Als er wieder aufwacht, sind Hein und Junanita bereits verschwunden. Zornig verlässt er das Lokal und macht sich auf die Suche nach den beiden, um sich zu rächen. Er stürmt zu Juanitas Haus, trommelt gegen die Tür, um »alles, was in diesem Hause atmete, zu Pflaumenmus zu zerstampfen« (PwS: 464). Abermals stoßen Huldschiners Figuren wilde Flüche aus, wohl eine Art Stilmittel, das sich durch die ganze Geschichte zieht. Schließlich taucht die Polizei auf, sodass der wütende Paolazzi erneut in den Wald flüchtet. Er beschließt, sich bis zum Bahnhof durchzuschlagen, Mexiko zu durchqueren und in Salina Cruz am Pazifik anzuheuern und nach Hawaii überzusetzen. Auf dem Dach eines Waggons trifft Paolazzi auf einen ebenfalls schwarzfahrenden Chinesen. Abermals spielt Huldschiner mit den Stereotypen: Der aggressive Trentiner will den Chinesen vertreiben, beleidigt ihn als Sauhund. Der Chinese wiederum zückt ein Messer und »[h]ielt eine kleine Rede, mit ganz sanfter und öliger Stimme, eine Rede, in der alle r durch l ersetzt waren« (PwS: 465). Nach anfänglicher Feindschaft arrangieren sich die beiden Männer und fahren auf dem Dach des Zuges in Richtung Westen. 9.3 Die Geschichte vom abgesäbelten Kopf (Satire) Obwohl Huldschiner in seinen Geschichten und Reiseberichten vor allem die einheimische Bevölkerung häufig sehr einseitig darstellte und damit den Vorurteilen der Europäer weiter Nahrung lieferte, sah er deren Kolonialpolitik durchaus kritisch. Exemplarisch wird dies in der Satire mit dem martialisch anmutenden Titel Die Geschichte vom abgesäbelten Kopf deutlich. Der Text wurde im April 1913 im Simplicissimus veröffentlicht und war vermutlich durch die Erlebnisse in Afrika und auf Sansibar bzw. durch den Kontakt und durch Gespräche mit den zahlreichen europäischen Kolonisten an Bord inspiriert. Ein Ich-Erzähler berichtet, dass ihm sein »Freund Harry Butlock« (GvK: 19) von seinem blutigen Abenteuer mit einheimischen Zwangsarbeitern in Uganda erzählt habe. Die Figur des Butlock ist als Karikatur eines brutalen englischen Landlords in den afrikanischen Kolonien konzipiert. Huldschiner übt mittels seiner Satire heftige Kritik an der Sklaverei und an der unmenschlichen und brutalen Behandlung der einheimischen Bevölkerung durch die britische Kolonialmacht. Die Nonchalance, mit der Butlock von 203 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) der Folter erzählt, dient vermutlich dazu, den Leser zum Nachdenken über die britische Kolonialpolitik anzuregen. Bereits der direkt formulierte Titel Die Geschichte vom abgesäbelten Kopf bereitet den Leser inhaltlich auf das Thema vor. So werden die gefangenen Einheimischen, die dem Volk der Karivondo zugehörig sind, »weil Erntezeit war, nicht aufgehängt« (GvK: 19), sondern für die Arbeit auf den Plantagen eingesetzt. Die anschließende Bemerkung Butlocks drückt seinen Rassismus aus: »[…] man sollte sie alle hängen, die Schweinehunde […]« (GvK: 19). Der Rassismus der Figur wird noch deutlicher herausgearbeitet, indem Huldschiner Butlock erzählen lässt, wie er die Zwangsarbeiter zusammenkettet: Da waren sie also aufgereiht wie schwarze Perlen an einem Band, oder, wenn euch das besser gefällt, wie Fische, die man an einer Leine zum Trocknen in die Sonne gehängt hat. Übrigens stanken sie auch. (GvK: 19) Außerdem beschreibt Butlock die sogenannte Nilpferdpeitsche, mit der die europäischen Kolonialherren u. a. Prügelstrafen vollzogen haben: »[…] je kräftiger man sie zu schwingen versteht, desto angesehener ist man bei den dunklen Herrschaften« (GvK: 19). Als Butlock erfährt, dass einer der Arbeiter erkrankt ist, und er es nicht zulassen möchte, dass seine Arbeiter untätig herumsitzen, greift er zu einer drastischen Maßnahme. So sollen jene zwei Arbeiter, die dem Kranken an der Kette am nächsten sind, diesen auf ein Wellblech legen und tragen, während die anderen arbeiten. Drei Tage später meldet der Aufseher den Tod des Arbeiters. Die Brutalität des englischen Landlords findet am Ende der Erzählung nochmals eine Steigerung: Da der Kopf des Toten sich nicht durch den Halsring drücken lässt, verkündet Butlock kühl: »Schneid ihm den Kopf ab« (GvK: 20). Huldschiners schwarzer Humor findet hier seinen Höhepunkt. Der britische Kolonialherr ist sich seiner Gewalttätigkeit nicht bewusst, vielmehr sieht sich die Figur Butlock selbst sogar als sehr generös und menschlich an. Als nämlich der nur scheinbar Tote erwacht und der Aufseher den Mann trotzdem enthaupten möchte, geht Butlock dazwischen: Ihr müßt ihn wieder auf dem Wellblech mit euch tragen. Und weh euch, wenn ihr ihm etwas antut in der Nacht! Der Bana erfährt alles. (GvK: 20) Nach weiteren vier Tagen des Herumtragens stirbt der Zwangsarbeiter und Butlock lässt ihm schließlich den Kopf abschlagen. Mit der Satire thematisierte Huldschiner zum einen die Kolonialpolitik und den Rassismus der Europäer, und zwar mittels einer zynischen Darstellung eines Gewaltverbrechens. Zum anderen liegt die Vermutung nahe, dass Huldschiner wohl nicht unbeabsichtigt einen britischen Landlord als Bösewicht für seine Satire ausgewählt hatte: Die reichsdeutsche Presse, und hier war der Simplicissimus keine Ausnahme, war in den letzten Friedenstagen vermehrt antibritisch eingestellt, sodass Huldschiners Darstellung des bösen, herzlosen und brutalen Briten durchaus dem vorherrschenden Zeitgeist entsprach. 204 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 9.4 Mangali-nava (Erzählung) Die dritte Reise führte Huldschiner auf dem Passagierdampfer Brasilia von Hamburg über das Mittelmeer nach Port Said, weiter durch den Suezkanal und über den Indischen Ozean bis nach Sumatra, genauer nach Sabang auf der Insel Weh. Genau dort handelt die im Februar 1914 in der Rigaschen Rundschau und einen Monat später noch einmal in der Neuen Hamburger Zeitung publizierte666 humorvolle Erzählung Mangali-nava. Huldschiner hatte den Text vermutlich während seiner Weltreise verfasst. In jedem Fall ist er aber davon inspiriert worden. So mag es kein Zufall sein, dass Huldschiners Protagonist, der Dichter Tilliach, ebenfalls eine Weltreise unternimmt, die ihn, wie Huldschiner auch, nach Sumatra führt. Die Geschichte wird von einem Freund Tilliachs, einem Herrn Plank, erzählt, der sich in einer Runde von Freunden an den kürzlich verstorbenen Tilliach erinnert und ausführlich über dessen Todesumstände Auskunft gibt. Die beiden Freunde hätten eine Schiffsreise unternommen, nämlich »über Newyork nach Westen« (Man: 242). In Sabang auf Sumatra gehen Tilliach und Plank auf einen Jagdausflug, während das Schiff Kohlen einlädt. Dort treffen sie auf ein einheimisches junges Pärchen. Der junge Mann lässt mit seiner Flöte eine Schlange tanzen. Tilliach hat nur mehr Augen für das Mädchen und küsst es. Plank warnt Tilliach vor dem jungen Mann, der sogleich mit dem Spielen aufhört, sodass die Schlange aus ihrer Hypnose erwacht. Der junge Mann bleibt jedoch gefasst und bietet den beiden Touristen die Schlange zum Verkauf an, wobei Tilliach betrübt ist, dass nicht das Mädchen zum Verkauf gestanden habe. So ersteht er die Flöte und die Schlange, deren Giftzähne ausgebrochen worden sind. Zurück an Bord unterhält Tilliach die weiblichen Passagiere mit einer Schlangendressur. Er nennt die Schlange Mangali-nava und erzählt allen, dass sie eine verzauberte Prinzessin sei, die durch einen Kuss Tilliachs in eine Schlange verwandelt worden sei. Es vergehen einige Monate und Tilliach trifft Plank in Venedig wieder. Dort möchte er Plank und einer Marchesa aus Turin seine Schlangendressur vorführen und erzählt den beiden, dass er die Schlange durch einen weiteren Kuss wieder in eine schöne Prinzessin zurückverwandeln könne. Doch die Schlange attackiert ihn und beißt ihn in seinen Daumen. Zwei Stunden später verstirbt er. Es wird vermutet, dass die Zähne der Schlange wieder nachgewachsen seien. Plank geht in seiner Erzählung zusätzlich noch davon aus, dass dies die Rache des jungen Einheimischen gewesen sei, da Tilliach sein Mädchen belästigt habe: »Die Schlange war seine Rache. Mangali-nava tötete den Wei- ßen« (Man: 253). Huldschiner hatte als Schiffsarzt auf einem Passagierschiff mit vielen Menschentypen zu tun, u. a. wohl auch mit sehr wohlhabenden Passagieren aus den höheren Gesellschaftsschichten, deren Attitüde Huldschiner in seiner Geschichte ironisiert. So sei die Reise, die Plank und Tilliach unternommen hätten, »eine dieser Gesellschaftsreisen, von denen man übrigens nicht genug warnen« (Man: 242) könne, wo »Millionäre, Barone und Schriftsteller in jedem Hafen die Sehenswürdigkeiten wie bunte Schmetterlinge« (Man: 242) einfangen würden. Auch zeigt Tilliach keinerlei Respekt vor der einheimi- 666 Ein weiteres Mal veröffentlichte die Kulturzeitschrift Jugend im April 1931 die Erzählung. 205 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) schen Bevölkerung. Vielmehr wird er als ignoranter und triebgesteuerter Angeber dargestellt, der am Ende der Geschichte dafür auch bestraft wird. 9.5 Der Buddha-Nabel (Erzählung) Eine weitere Erzählung Huldschiners, welche ebenfalls in Südostasien spielt, erschien erst nach Ende des Ersten Weltkrieges, und zwar im August 1922 im Simplicissimus. Protagonist der humorvollen Erzählung Der Buddha-Nabel ist Ewald Hagenau. Sein Schiff legt in Sa-bang auf Sumatra an, um Kohle zu bunkern. Gegen Abend umschwärmen das Schiff unzählige Totenkopfschmetterlinge, die Hagenau ekeln und ihn dazu bringen, seine Kabine zu verlassen und an Land zu gehen. Dort trinkt er einen Whiskey und sucht im Anschluss eine Prostituierte namens Haru-san auf. Diese wirkt auf ihn sehr müde, ist im Auftreten reserviert und verhält sich wie eine feine Dame, die einen Gast in Abwesenheit ihres Mannes mit Tee und Gebäck versorgt. Auf einem Beistelltisch erblickt Hagenau einen bronzene Buddha statue, deren Nabel einen Diamenten enthält. Von diesem zwar fasziniert, wendet er dennoch seinen Blick auf Haru-san hin und schläft mit ihr. Hagenau erwacht in ihren Armen liegend und sieht erneut den Diamanten im Nabel der Statue. Er steht auf, leert seine Hosentasche und lässt Silbermünzen auf die Matte fallen. Die Prosituierte ruft ihm einen Satz nach, dessen Sinn er zwar nicht versteht, ihn aber im Hinausgehen mehrmals wiederholt. Er verlässt das Haus Haru-sans und kehrt zum Schiff zurück. Hagenau befindet sich in einem Rauschzustand und will schnellstmöglich zu Haru-san zurückkehren. Doch er erblickt vor seinem geistigen Auge nicht ihr Lächeln, sondern den glänzenden Buddha-Nabel. Er holt Geld aus seiner Kabine und eilt von Bord zurück zu Haru-san. Die Besatzung wundert sich über das Verhalten Hagenaus, macht aber das Tropenklima für sein merkwürdiges Verhalten verantwortlich. Bei Haru-san angekommen, schläft Hagenau erneut mit ihr. Am nächsten Tag finden Einheimische den bewusstlosen Mann am Strand liegen. Er wird zurück zu seinem Schiff gebracht und vom Schiffsarzt versorgt, der vermutet, dass Hagenau durch einen Trank in einen Rauschzustand gelangt sei, 800 Dollar seines Geldes von Bord geholt habe und von der Prosituierten ausgeraubt worden sei. Richard Huldschiners Weltreise und sein Aufenthalt in Südostasien sind wohl erneut Hauptinspirationsquelle für die Erzählung gewesen. Wann genau sie entstand, lässt sich allerdings nicht feststellen, auch nicht, ob sie bereits früher veröffentlicht wurde. Ebenso lässt sich nicht belegen, ob die Nebenfigur des Schiffsarztes, »ein alterfahrener Seefahrer« (BdN: 258), mit Huldschiner, der ebenfalls diese Tätigkeit an Bord ausübte, in Verbindung gebracht werden kann. 9.6 Reisebrief aus Japan (Reisebericht) Die Brasilia setzte ihre Reise fort und erreichte Mitte Mai 1913 über Manila Japan. Huldschiner verarbeitete seine Eindrücke in mehreren Reiseberichten. Waren die ersten Brie- 206 Andreas Micheli: Richard Huldschiner fe für die Süddeutschen Monatshefte noch eindeutig als authentisch wirkende Briefe samt Datum- und Ortsangabe konzipiert, wurde in allen folgenden publizierten Reiseberichten darauf verzichtet. Überhaupt ist es schwer festzustellen, was Huldschiner tatsächlich erlebt oder was er dichterisch ausgestaltet hat. Vergleicht man die geschilderten Begebenheiten mit jenen, die er seiner Familie berichtet hatte, ist aber grundsätzlich von authentischen Beschreibungen auszugehen, wobei in der folgenden Zusammenfassung dennoch zwischen dem Autor Huldschiner und dem Ich-Erzähler des Reiseberichtes differenziert wird. So sieht Huldschiners Ich-Erzähler in der Dezember-, Februar- und Märzausgabe der Süddeutschen Monatshefte 1913 bzw. 1914 die japanische Kultur grundsätzlich positiv, vor allem dann, wenn sie auf »die Nachahmung der westlichen Kultur« (RbJ: 337) verzichte. So geht er davon aus, dass die Japaner trotz des starken europäischen Einflusses ihre eigene Kultur bewahren werden. Er konstatiert: Ein Volk von der Jugendkraft und der Lebendigkeit des Gefühls für das Schöne wie diese Japaner wird die europäische Periode bald überwunden haben und nicht nur zu Hause, sondern auch nach außen hin seine Würde gegenüber der fremden Sitte wieder besser zu behaupten lernen. (RbJ: 337) Trotz gewisser Vorbehalte in Bezug auf Sitte, Brauchtum und angeblich mangelnder Rechtssicherheit beim Handel (vgl. RbJ: 777 f.) scheint der Ich-Erzähler beeindruckt von der japanischen Kultur zu sein; in ihm erwächst der Eindruck, dass »die so zerstückelte, unharmonische Welt, in der der Westen lebt und sich wunder wie groß dünkt« (RbJ: 341), ihre »beschämende Unvollkommenheit« (RbJ: 341) enthülle, wenn man sie mit der japanischen Lebensweise vergleiche. Die Begeisterung des Ich-Erzählers der japanischen Kultur gegenüber und die gleichzeitige Verachtung bzw. Geringschätzung der westlichen kulminiert in der Feststellung, dass es bei näherer Beschäftigung immer unverständlicher werde, »daß [es] irgend jemandem verlockend erscheinen mag, ein Europäer zu werden« (RbJ: 341). Dass es so viele negative Vorurteile vor allem in Bezug auf das japanische Geschäftsgebaren gebe, sei der Tatsache geschuldet, daß er [der Japaner] in den Wettbewerb um Gold und Staatspapiere eingetreten ist und in letzter Zeit, wo er es nur konnte, den Lehrmeistern [also dem Westen] den Stuhl vor die Tür gestellt hat. (RbJ: 778) Die japanische Bevölkerung wird sehr genau geschildert. Auf einer Zugfahrt, ausgehend von Yokohama, berichtet der Ich-Erzähler detailliert über Aussehen, Tracht und Verhalten der Einheimischen. Insbesondere erwähnt er eine japanische Frau, die ihr Baby, im Gegensatz zur europäischen Sitte, vor den Augen aller stillt. Der Ich-Erzähler geht dabei von der Annahme aus, dass sich hierin auch ein Grund für die fortschrittliche japanische Kultur manifestiere: Das Weib, das den Säugling überall hin mitnehmen kann, weil es ihm überall seine natürliche Nahrung geben kann, hat keinen Grund mehr, ihm sein Recht zu ver- 207 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) kümmern, wird die Stillkraft nicht verlieren und ein gesundes Geschlecht dem Vaterland erziehen. (RbJ: 338) Der Ich-Erzähler vertritt also ein konservatives und zeittypisches Rollenverständnis, welches europäische Entwicklungen wie »Säuglingsfürsorge, Milchküchen und ähnliche Scherze« (RbJ: 338) ablehnt und die »Vernunft der japanischen Sitte, die Mutterheiligkeit« (RbJ: 338) bevorzugt. Ebenso kritisiert er die europäische Sichtweise auf das Exotische. Der Europäer tendiere dazu, mit »gönnerhafte[r] Herablassung« (RbJ: 607) das Fremde und Exotische wahrzunehmen, bedenke aber nicht, dass seine Außenwirkung auf die Fremden eine ähnliche sei. Besonders deutlich empfindet er den in seinen Augen negativen Einfluss des Westens bei einem Besuch in Tokio: Schon seit drei Stunden zieht er [ein Rikscha-Fahrer] mich kreuz und quer durch die endlosen, häßlichen Straßen von Tokio mit ihren Telegrafenstangen und den Reklameschildern, die noch etwas japanisch, das heißt geschmackvoll, aber schon auch europäisch, will sagen scheußlich, sind. (RbJ: 774) Über die japanische Kunst herrsche in Europa das Vorurteil, dass sie »im Kleinlichen, im Kleinen sich erschöpft« (RbJ: 774). Das stimme so nicht, wie der Ich-Erzähler an der in seinen Augen beeindruckenden Wirkung der kaiserlichen Burg exemplifiziert: Diese Tore und Steinwälle der kaiserlichen Burg sind in ihrer Wirkung so gewaltig wie nur irgend eins unserer Schlösser mit Rampenauffahrt, Rustika-Quadern, Wappenschildern, allegorischen Steinfiguren, Kuppeln und Türmen. Nur keuscher ist diese Kunst und einfacher, selbstverständlicher … (RbJ: 774) 9.7 Erinnerungen aus Japan (Reisebericht) Huldschiners Weltreise war literarisch gesehen eine große Inspirationsquelle. Schon während der Reise veröffentlichte er zahlreiche Geschichten und auch in den Jahren danach publizierte er verschiedenste Texte, die sich in Form von authentisch wirkenden Reiseberichten bzw. eindeutig fiktiven Erzählungen und Humoresken mit seinen Reisen befassten. Ausgelöst durch die Berichterstattung zum großen Kantō-Erdbeben am 1. September 1923, hatte sich Huldschiner beinahe ein Jahrzehnt nach seiner Rückkehr aus Japan erneut mit seinen Erlebnissen in diesem Land beschäftigt und verfasste im Rückblick einen Reisebericht über seine Zeit in Yokohama. Seine Geschichte trägt den Titel Erinnerungen aus Japan und erschien im Landsmann. Ebenso wie bei den anderen Reiseerzählungen Huldschiners lässt sich auch hier schwer sagen, was an den Geschehnissen im Bericht und den Beschreibungen Fiktion ist und was tatsächlich von Huldschiner erlebt und erfahren wurde. Zudem waren zwischen den Erlebnissen und Beobachtungen und der Niederschrift bereits mehrere Jahre vergangen, auch wenn davon auszugehen ist, dass Huldschiner auf Tagebucheinträge und Notizen zurückgegriffen hat. Aus diesem Grund wird in der folgenden Inhaltsangabe erneut zwischen Autor und Ich-Erzähler differenziert. 208 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Der Ich-Erzähler erblickt bei seiner Ankunft in Yokohama »von Manila kommend« (EaJ: 2) »die gartengleichen Hügel wieder in starrer Ruhe und ein arbeitsam-geduldiges Volk ist daran, seine Hütten aufzubauen« (EaJ: 2). Er beschreibt seine ersten Eindrücke, nachdem er die Straßen der Stadt betreten hat: […] das Klappern der Holzsandalen, das frohe Lachen des allzeit heiteren Volkes, die zeremonielle Verbeugung, wenn sich Bekannte trafen, und wie es die gute Sitte vorschreibt. (EaJ: 2) Am Nachmittag fährt der Erzähler weiter nach Kamakura, wo »der ›Daibutau‹ steht, ein riesenhaftes, 20 Meter hohes Bronzebild des Buddha« (EaJ: 2). Die Reise führt weiter nach Enoshima, mit verstreuten bunten Tempeln, mit einer tiefeindringenden Höhle, an deren Wänden alte Götterbilder aus dem Stein gehauen ragen – mit Teehäusern auf schattigen Terrassen, wo ein buntgekleidetes Mädchen Tee, Konfekt, harte Eier und Mandeln kredenzt, mit kleinen Strandhotels, in denen die Yokohamer sommerfrischeln, mit Fischerbooten, fernziehenden Dampfern, Sommerwolken über dem unendlichen Meer. (EaJ: 2) Der Ich-Erzähler kehrt wieder zurück in die Stadt Yokohama, »die nun, wenn wir den Zeitungen glauben sollen, ein Trümmerhaufen ist« (EaJ: 2). Abgesehen vom Titel, ist das vorhin angeführte Zitat der zweite Beleg dafür, dass der Ich-Erzähler seine Eindrücke in der Rückschau, nachdem einige Jahre vergangen sind, wiedergibt. Das Ausländerviertel, der sogenannte Bluff, »auf dem die Wohnhäuser, Konsulate und Krankenhäuser der Wei- ßen sich angesiedelt hatten«, war »am meisten vom Erdbeben betroffen« und sie »mögen nun ein Bild des Grauens bilden« (EaJ: 2). Der Ich-Erzähler selbst hat während seines Aufenthaltes in Japan nur ein Erdbeben erlebt: […] aber ich war gerade auf unserem Dampfer und fühlte nichts davon. […] Damals waren nur ein paar schon baufällige Hütten eingestürzt, sonst ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang. (EaJ: 3) Abschließend kommt Huldschiners Ich-Erzähler nicht umhin, auch die japanischen Frauen näher zu beschreiben. Wie in anderen Geschichten auch streicht Huldschiner die Exotik und die klischeehafte Sinnlichkeit der asiatischen Frauen heraus: So wird der Ich- Erzähler von einer Kellnerin namens »Iki-san, ›Fräulein Bachstelze‹ […] mit zierlichem Herumtrippeln, Verneigen, Lufteinziehen und sanftem Lächeln, im blauschwarzen Haar Pfeile mit Schmetterlingen aus Silberfiligran« (EaJ: 3), bedient. 9.8 Reisebrief aus Peking (Reisebericht) Huldschiners Dampfer verließ Japan nach einigen Tagen Aufenthalt in Richtung China. Wo genau das Schiff dort zuerst anlegte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, vermut- 209 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) lich war es aber der Hafen von Tanggu (Tianjin), da Huldschiner Anfang Juni Peking besuchte und über diesen Hafen die Hauptstadt Chinas am leichtesten zu erreichen war. Er zeigte sich von der Stadt sehr begeistert. So sandte er seiner Familie einen ausführlichen Reisebericht über seinen Besuch667 und erstellte daraus eine Fassung für die Veröffentlichung in den Süddeutschen Monatsheften. Allerdings erschien Huldschiners Reisebrief aus Peking erst nach seiner Rückkehr im Oktober 1913. Der Brief enthält erneut weder Anrede noch Grußformel und verrät sehr wenig Persönliches über den Briefschreiber. Dennoch ist davon auszugehen, dass Huldschiner hier von seinen tatsächlichen Eindrücken während seines China-Aufenthaltes geschrieben hat, wobei auch in diesem Fall wieder zwischen Autor und Ich-Erzähler zu unterschieden ist. Der Ich-Erzähler ist mit dem Zug unterwegs nach Peking. Er hebt die kulturellen Besonderheiten des Landes hervor, beispielsweise, dass bei den Chinesen »das Rülpsen nach getaner Mahlzeit nicht nur wohlanständig, sondern sogar Ehrenpflicht« (RbP: 62) sei. Die Japaner sieht Huldschiners Ich-Erzähler, im Gegensatz zu seinen Beschreibungen im Reisebrief aus Japan, kritischer, besonders ihre Arroganz, die sie den Chinesen und sogar Europäern entgegenbrächten: Die Japaner da draußen haben alle etwas verteufelt Aufgeblasenes; nach ihren beiden letzten Kriegen fühlen sie sich ganz als Herren der Welt. Zumal China sehen sie schon als ihre Provinz an. Von der fast kriechenden Freundlichkeit, die sie einst in Europa zur Schau trugen, merkt man nichts mehr. Wenn man hier mit ihnen zu tun hat, so lassen sie es zwar an Verbeugungen nicht fehlen, aber ein Entgegenkommen in der Sache selbst gibt es nicht, und ihre Beamten sind kurz angebunden nach preu- ßischem Muster. (RbP: 62) Dennoch vermisst der Ich-Erzähler Japan, das er wenige Tage zuvor verlassen hat. Nachdem er Peking erreicht hat, besucht er am nächsten Tag den Tempel des Himmels, in dessen Zentrum »sich das höchste Wesen niederläßt, wenn sein späterer Ururenkel, der Kaiser, dem Ahnen geopfert hat und sich vor ihm in den Staub wirft« (RbP: 63). Zwar glaubt der Ich-Erzähler nicht daran, ist aber der Überzeugung, dass unabhängig vom Glauben »das höchste Schwingen der Seele […] aus der gleichen Tiefe« (RbP: 63) komme und es nur vom »Grad des Ergriffenseins« (RbP: 63) abhänge. Der Erzähler erwähnt auch die sogenannte Verbotene Stadt, »den Wohnbereich des entthronten Kaisers« (RbP: 63). Als er bei einem weiteren Spaziergang durch die Stadt eine goldene Gondel mit einem verschlossenen Aufbau erblickt, vermutet er darin womöglich den Kaiser selbst, den ewig Eingeschlossenen, das Kind, das mit den glänzenden Augen in diese unbegreifliche Welt hineinschaut und sich vielleicht noch Kaiser wähnt, da er nur mehr ein schemenhaftes Idol ist. (RbP: 64) 667 Vgl. Huldschiner 07.06.1913, 08.06.1913. 210 Andreas Micheli: Richard Huldschiner In der Kaiserstadt kommt der Ich-Erzähler am Palast von Huanschikai668 vorbei, welcher dort »in Unzulänglichkeiten vergraben [liegt] wie einst der Kaiser, [ein] freiwilliger Gefangener freilich, in berechtigter Furcht vor Attentaten« (RbP: 64). Huldschiner spielt hier auf die politische Lage in China an, die sich bereits während der Kaiserzeit, vor allem aber in der Zeit der jungen chinesischen Republik stetig verschlechtert hatte. Huldschiners Ich-Erzähler sieht Huanschikais politische Aufgabe darin, »ein neues China zu schaffen, und den phlegmatischen, konservativen Norden mit dem schnellen, allzeit unruhigen Süden des ungeheuren Reichs dauernd zu versöhnen« (RbP: 65). Der Ich-Erzähler wagt einen Blick in die mögliche Zukunft Chinas, welches, wenn irgendwann Frieden herrscht, »eine Macht werden wird, wie Japan in unseren Tagen« (RbP: 65). Au- ßerdem stellt sich Huldschiners Ich-Erzähler die Frage, wie lange China die fremden Mächte und ihren militärischen und politischen Einfluss noch dulden werde. Im Moment sei dieser noch nötig, da es den Chinesen an »Disziplin und Einigkeit« (RbP: 65) fehle, um die ausländischen Besucher und Besitzungen allein zu beschützen, doch werde sich die Situation in naher Zukunft sicherlich ändern. Doch noch scheine Huanschikai abzuwarten, baue sich »ein paar Paläste in der Stadt und weiß nicht, ob er morgen noch lebt« (RbP: 65). Der Ich-Erzähler hingegen macht sich keine Sorgen über die unsichere politische Lage und genießt stattdessen seinen Aufenthalt. 9.9 Port Arthur (Reiseskizze) Die Brasilia fuhr weiter in Richtung Dalny (heute Dalian). Von dort aus machte Huldschiner einen Ausflug in das nahe gelegene Port Arthur (heute Teil der Stadt Dalian). Auch diese Eindrücke verarbeitete er in einem Reisebericht für die Süddeutschen Monatshefte. Der Text wurde im September 1913 unter dem Titel Port Arthur veröffentlicht. Im Gegensatz zu den Briefen von einer Weltreise fehlen hier, wie bei den Reisebriefen aus Japan und Peking auch, Orts- und Datumsangaben. So erinnert Huldschiners Ich-Erzähler an den Russisch-Japanischen Krieg, der in Port Arthur im Februar 1904 seinen Anfang gefunden habe. Dieser erste »neuzeitliche Kampf zwischen Westen und Osten« (PAr: 652) sei in Europa in Vergessenheit geraten. Von Taku (in der Nähe des Hafens von Tanggu) aus erreicht der Dampfer nach einem schweren Taifun Dalny. Die Stadt werde dem Ich-Erzähler zufolge von den Japanern, nachdem sie von den Russen übernommen worden sei, modernisiert und werde sich in nicht einmal dreißig Jahren zu »einem der wichtigsten Häfen des Ostens« (PAr: 652) entwickeln. Mit der Eisenbahn fährt der Ich-Erzähler weiter nach Port Arthur. Er schildert ausführlich seine Eindrücke während der Besichtigung der Stadt, zum einen die Altstadt, zum anderen die verschiedenen Denkmäler, welche die Japaner in Erinnerung an ihren Sieg über die Russen errichten hätten. Außerdem würden die zahlreichen zerstörten Häuser und die vielen Kriegsrelikte die zurückliegenden Kampfhandlungen vergegenwärtigen. Der Ich-Erzähler ersteht bei einem chinesischen Händler ein russisches Hei- 668 Yuan Shikai war bereits in der Kaiserzeit ein mächtiger Militärführer und Politiker, später gelang es ihm für kurze Zeit, die Monarchie unter seiner Herrschaft wiederherzustellen. 211 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) ligenbildchen, das »damals der Zar jedem Soldaten in den Tornister legen ließ« (PAr: 657). Die Reiseskizze endet mit der Feststellung des Ich-Erzählers, dass auch das Heiligenbildchen auf seine Art eine Kriegserinnerung sei und deshalb gut aufgehoben werden müsse. 9.10 Auf dem Jangtsekiang (Reisebericht) Mitte Juni verließ die Brasilia Dalny mit Kurs auf Schanghai. Von dort fuhr das Schiff den Jangtsekiang flussaufwärts bis nach Hankau (Wuhan) und weiter nach Nanking.669 Die Hin- und Rückfahrt auf dem großen Strom musste Huldschiner erneut sehr beeindruckt haben, sodass er einen weiteren Reisebericht für die Süddeutschen Monatshefte und wenigstens vier Erzählungen verfasste, die allesamt im südöstlichen China handelten. Im Reisebericht, der im November 1913 erschien, thematisiert ein Ich-Erzähler seine Schiffreise auf dem Jangtsekiang, von dessen Mündung bei Schanghai flussaufwärts bis nach Hankau. Über den Jangtsekiang schreibt der Ich-Erzähler: Ein ungeheurer Strom, unübersehbar, der Abfluß riesiger Landgebiete, in Tibet gesammelt, dann sich durch gewaltige Ebenen schlängelnd, in seiner Länge, Breite und Wassermasse ein Abbild des chinesischen Reichs, ein Symbol seiner Größe und seines Volksreichtums. […] kein Auge vermag durch sein trübes Medium ihm auf den Grund zu sehen, keiner kennt noch seine Tiefen und Untiefen, er befruchtet und vernichtet, er ist Gott und Teufel. (AJk: 219) Während der Dampfer den Jangtsekiang stromaufwärts fährt, beobachtet der Ich-Erzähler Land und Leute: […] die ganze Landschaft ist ein ungeheures Dorf, in dem es von schlitzäugigen, bezopften Menschen wimmelt. Und mag der Strom in jedem Jahre noch so viele ersäufen und still und blau zum Meere hinuntertragen, gegen die Fruchtbarkeit dieses Volkes ist er machtlos. […] Es ist, also ob sein braunes Schlammwasser ebenso Kinder erzeugt, wie es Reis, Getreide und Gemüse aller Art aus der durchtränkten Erde entstehen läßt. (AJk: 219 f.) Schließlich behandelt der Ich-Erzähler auch die Sprache der Chinesen, genauer die Aussprache des Englischen am Beispiel eines chinesischen Lotsengehilfen, der anstelle von »no ground« beim Messen der Untiefen »no glound« ausruft, da »die Chinesen […] das r nicht aussprechen« (AJk: 220) könnten. Als der Dampfer an den ersten Höhenzügen vorbeifährt, lässt Huldschiner seinen Ich-Erzähler einen Vergleich mit seiner Tiroler Heimat anstellen: 669 Vgl. Huldschiner 24.06.1913 – 26.06.1913, 28.06.1913, 29.06.1913. 212 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Auf spitzem Hügel, an dem ein paar zerzauste Kiefern hinauflaufen, drei, vier niedrige weiße Häuser mit grauen, geschweiften Dächern, ein Tempel oder Kloster, übereinandergebaut wie San Romedio im Nonsberg. (AJk: 220) Der Ich-Erzähler schließt den Vergleich zwischen dem katholischen und konfuzianischen Bauwerk mit der leicht ironischen Bemerkung, dass »die Beziehungen [untereinander] näher [sind], als man denkt«, denn letztlich kämen »Büßertum und in sich gekehrtes Sinnen […] aus der gleichen Wurzel« (AJk: 220). Der Ich-Erzähler thematisiert neben den landschaftlichen Besonderheiten auch die Begräbnisriten der einfachen Landbewohner am Jangtsekiang: […] die Leute setzen ihre Toten in einem dürftigen Sarg, mit etwas Reisstroh bedeckt, neben den Häusern aufs Feld. Steigt dann das Wasser, so holt es sich, was noch nicht verfault ist, und treibt’s dem Meere zu. Überall sehen wir Särge in den Feldern stehen. Es ist für den Arzt ein unheimliches Gefühl, den Tod so nah den Lebenden zu wissen. (AJk: 222) Immer wieder stellt der Ich-Erzähler Vergleiche mit Deutschland und Österreich an, um dem Leser seine Eindrücke der exotischen Landschaft und ihrer Bewohner bildhaft zu vermitteln, z. B. indem er die Rheingegend samt dem Loreley-Felsen (vgl. AJk: 223) anführt und Größenvergleiche mithilfe der deutschen Ströme Donau und Elbe (vgl. AJk: 222) anstellt. Der Ich-Erzähler betont immer wieder die Ambivalenz der chinesischen Gesellschaft in Bezug auf ihren politischen und kulturellen Entwicklungsstand, wobei er immer vom hohen und positiv konnotierten europäischen Maßstab ausgeht und vergleicht, wie sich die von ihm beobachtete chinesische Kultur und Gesellschaft dieser Norm annähert: die rückständigen und in ihren alten Traditionen verhafteten Landbewohner auf der einen Seite und die europäisierten, der Moderne zugewandten Stadtbewohner bzw. Soldaten auf der anderen Seite. Unten am Fluss exerzierendes Militär, im Wasser an die hundert Transportdschunken, brav in Reih und Glied ausgerichtet, denn das neue China hat den Willen ein Kulturstaat zu sein und beginnt es daran zu zeigen, daß ihm der Drill nichts Unbekanntes mehr ist. (AJk: 223) Die Aussage des Ich-Erzählers macht deutlich, dass Huldschiner den Militarismus, der im wilhelminischen Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkrieges allgegenwärtig war, als notwendige Voraussetzung für die Entwicklung eines modernen Staates ansah. 9.11 Wang-huans Urlaub (Erzählung) Die erste der vier China-Erzählungen trägt den Titel Wang-huans Urlaub und wurde im Mai 1914 in der Wochenschrift Licht und Schatten veröffentlicht. Nach der 1911 erschienenen historischen Erzählung Lucrezia war dies der zweite Text Huldschiners, der in 213 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) dieser Zeitschrift abgedruckt wurde. Der Protagonist der Geschichte ist der Chinese Wang-huan, der mit 14 Jahren Schiffsjunge auf einem deutschen Chinafahrer wird. Mit 17 wird er Leichtmatrose, dann mit 20 Jahren Boy des Ober stewards. Neben dieser für einen einfachen chinesischen Jungen beispiellosen Karriere ist Wang-huan aber auch auf dem Gebiet der Betrügerei hervorragend. So bringt er seine Bordkameraden beim Kartenspiel durch Tricksereien häufig um ihr Erspartes. Als das Schiff Manila erreicht, geht er dort an Land, kauft sich pornografische Bilder, einen neuen Leinenanzug, einen gebrauchten Tropenhelm und einen kleinen, fetten Hund, der sein Freund und Gefährte wird. Eines Tages verpasst er nach einem weiteren Landgang sein Schiff und reist ihm auf eigene Faust nach, um wieder an Bord zu gelangen. Über mehrere Umwege und nach einigen weiteren Betrügereien holt er den Chinafahrer ein. Er wird zwar an Bord von seinen Vorgesetzten beschimpft, kann aber weiterarbeiten. Huldschiners Geschichte endet mit den Worten »Gott verlässt die seinen nicht« (Whu: 5). Vergleicht man die Darstellung der Figuren in der Erzählung mit seinen Beschreibungen der chinesischen Bevölkerung in seinen Reiseberichten, so fällt auf, dass Huldschiner hier wie dort die Chinesen als unterentwickelt darstellt im Vergleich zu ihren »Herren«, den Europäern. Der Protagonist Wang-huan ist schelmenhaft gezeichnet, wobei aber seine negativen Seiten bei der Figurencharakterisierung überwiegen. 9.12 Nang-Kang der Auferstandene (Erzählung) Wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges erschien im Simplicissimus Huldschiners zweite China-Erzählung mit dem Titel Nang-Kang der Auferstandene. Huldschiner scheint hier fiktive Begebenheiten und Figuren mit (vermutlich) tatsächlich Erlebtem zu einer authentisch wirkenden Erzählung zu vermengen. Das Hausboot des Ich-Erzählers geht in den Stromschnellen des Jangtsekiang in der Nähe von Sin-foo auf Grund. Der Ich-Erzähler, ein Europäer, der Steuermann Wai-ting und die übrige Mannschaft können sich jedoch retten und versuchen, ein neues Transportmittel zu finden, um das Reiseziel Hankau so bald wie möglich zu erreichen. Waiting gelingt es, die Männer auf einem großen Floß, welches Holz transportiert, unterzubringen. Der Ich-Erzähler fühlt sich fremd an Bord: »Sie sahen mich mit ihren glänzenden Kugelaugen abweisend oder mit verächtlicher Neugier an, belästigten mich sonst aber nicht« (NdA: 300). Zur Ablenkung hört er dem alten Märchenerzähler Wu-tso-wang zu, was ihn aber noch melancholischer macht. Um sich auf der langen Fahrt zu zerstreuen, sucht sich der Ich-Erzähler alle möglichen Beschäftigungen, u. a. lässt er sich für 20 Dollar die Tochter des Märchenerzählers, Whu-whu, kommen, »die mich mit ihrem hellen Lachen und der Sanftmut ihrer schönen Augen immer wieder einigermaßen meine Nervosität vergessen« (NdA: 300) lässt. Einige Tage später führt sie den Ich-Erzähler zu einem alten Gaukler namens Nang-Kang. Ähnlich den indischen Fakiren verschluckt er im Rahmen eines Kunststückes seine Zunge. Er erstickt und scheint gestorben zu sein. Am nächsten Tag wird der Leichnam in den Fluss geworfen. 214 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Der Ich-Erzähler ist angewidert von den gesammelten Eindrücken an Bord des Flo- ßes und kann es nicht erwarten, in Hankau anzukommen, »wo ich wieder Europäer werden konnte« (NdA: 301). Einige Zeit später taucht neben dem Floß der Leichnam Nang- Kangs auf, der längere Zeit daneben hertreibt, bis Nang-Kang wieder zu Bewusstsein gelangt und lebendig an Bord des Floßes geholt wird. Für den Ich-Erzähler ist dieses Erlebnis zu schockierend, sodass er in Ohnmacht fällt. Als er wieder erwacht, erzählen ihm Wai-ting und Whu-whu, dass »Nang-Kang […] ein großer Zauberer [war]«, der »sich tot stellen und wieder lebendig werden [konnte], wie es ihm passte« (NdA: 301). Die Erzählung ist ein Kind ihrer Zeit. Der weit gereiste Europäer trifft in einer exotischen Landschaft auf stereotyp anmutende Einheimische: Gaukler, Märchenerzähler, Bauern und hübsche und willige junge Frauen. Chauvinismus und Rassismus gehen in der Geschichte Hand in Hand. Dennoch gelingt es Huldschiner auch hier wieder, seine Begeisterung für fremde Länder und Kulturen, welche in den erhaltenen Reiseberichten, Anekdoten und Erzählungen zu seiner Weltreise stets ein wichtiges Element ist, an den Leser weiterzugeben. 9.13 Chang-ling und Chang-li (Erzählung) In der Südtiroler Landeszeitung erschien im April 1921 Huldschiners dritte China-Erzählung, in der ein Ich-Erzähler von seinen Erlebnissen in Hankau berichtet. Da Huldschiner ebenfalls in Hankau war, kann wieder davon ausgegangen werden, dass die Beschreibungen der Stadt, der Leute und der Landschaft durch persönliche Erfahrungen und Eindrücke beeinflusst sind. Die beiden Brüder, die Rikscha-Fahrer Chang-ling und Chang-li, nehmen den Ich- Erzähler in ihrer Rikscha mit und bringen ihn ungefragt zum japanischen Hotel und anschließend, nachdem sie seinen Unwillen erkennen, zur japanischen Spielbank der Stadt. Dank der Hilfe eines Polizisten kann ihnen der Ich-Erzähler klarmachen, dass er eigentlich nur spazieren fahren möchte. In den nächsten Tagen lässt sich der Ich-Erzähler von den beiden Brüdern durch die Straßen der Stadt und das Umland chauffieren, wobei Chang-li, dessen Aufgabe es eigentlich ist, die Rikscha anzuschieben, diese Arbeit seinem Bruder überlässt, der das Gefährt allein ziehen muss. Am vierten Tag, nachdem die beiden Brüder mit dem Ich-Erzähler auf der Rikscha die Stadt verlassen haben, erkennt Chang-ling, dass er die Rikscha in den letzten Tagen immer allein gezogen hat, und ist darüber sehr erzürnt, doch kann der Ich-Erzähler die beiden Streitenden beruhigen. Die Tage vergehen, bis Chang-ling plötzlich der Kragen platzt und er über seinen Bruder herfällt und sich die beiden vor den Augen des Ich-Erzählers prügeln. Am Ende trennt ein chinesischer Polizist die Brüder. Die Rikscha wird durch die Prügelei in Mitleidenschaft gezogen, sodass der Ich-Erzähler, nachdem er die beiden bezahlt hat, zu Fuß zurück in die Stadt geht, während die beiden Brüder ihre kaputte Rikscha, den sprichwörtlichen »Fall Jerusalems« (Cha: 6), wie sich der Ich-Erzähler ausdrückt, beweinen. Die Geschichte versucht auf humorvolle Weise, dem Leser Land und Leute in China, genauer in der Stadt Hankau, näherzubringen. Huldschiner verfällt in seinen For- 215 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) mulierungen erneut dem zeittypischen Vorurteil des schwachen Chinesen, der den Europäern intellektuell unterlegen sei und sich dem weltgewandten Europäer vor allem durch körperliche Arbeit anzudienen habe. So sprechen seine chinesischen Figuren den Ich-Erzähler stets mit »Master« an. Huldschiner zeichnet die Brüder beinahe burlesk: Der fleißige, aber dumme Bruder, der immer arbeitet, steht dem bauernschlauen, aber sehr faulen Bruder gegenüber, der andere für sich arbeiten lässt. 9.14 Das Tor der sieben Freuden (Erzählung) Mit der kurzen, humorvollen Erzählung Das Tor der sieben Freuden verfasste Huldschiner erneut eine durch seine Ostasienreise inspirierte Geschichte. Der Text erschien im Mai 1923 im Hamburger Anzeiger. Das Entstehungsdatum ist unbekannt, wobei die meisten Reiseerzählungen sehr bald nach Huldschiners Rückkehr oder während seiner Reise verfasst wurden. Der Spross einer altehrwürdigen Hamburger Kaufmannsfamilie, Werner Kesseldorff, wird von seiner Agentur nach Hankau versetzt, »um dort straffe Kaufmannschaft zu betreiben und die sachliche Kühle zu erwerben, die Vorbedingung des Erfolges« (TsF: 9) sei. Dort angekommen, macht sich der unerfahrene Werner allein auf, um die fremde Stadt zu erkunden, entgegen der Ratschläge seines Prokuristen Lammers. Sein Vetter, der Prokonsul, lädt Werner ein, mit ihm an einem Fest des örtlichen Teehändlers Quien-Fang teilzunehmen. Ein weiteres Mal rät Lammers Werner davon ab, sich mit den Einheimischen einzulassen. Nach dem exotischen Essen erscheinen Singmädchen. Werner verfällt einem der Mädchen völlig: »[…] was gingen ihn jemals wieder die faden Fräulein Schneider oder Petersen in Hamburg oder Lübeck an. Die wahre Weiblichkeit gedieh am Jang-Tse-Kiang!« (TsF: 9). Das Mädchen mit dem Namen Mön-Ho-He nennt Werner ihren Wohnort: das Haus der Lotus-Lilie. Am nächsten Tag macht er sich auf, das Haus in der Stadt zu suchen. Endlich findet er es, welches sich aber als Bordell herausstellt. Er erblickt das Mädchen, wie es mit einem Chinesen schäkert. Daraufhin geht er zornig auf diesen los. Allerdings rechnen er und sein Freund Fritz Halbhaus, der ihn begleitet hat, nicht mit der Stärke und der Kampffertigkeit der chinesischen Bordellbesucher. Diese rauben die beiden aus und lassen Werner und Fritz allein zurück. Werner ist nach diesem Erlebnis sehr betrübt, vor allem deswegen, weil ihn das Mädchen, kurz bevor er verprügelt worden ist, ausgelacht hat. Lammers rät Werner, sich »das Erlebte zur Lehre dienen zu lassen« (TsF: 9). Schließlich bringe nur »straffe Kaufmannschaft und sachliche Kühle« (TsF: 9) Erfolg und es sei besser, wenn sich Werner unter seinesgleichen bewege, insbesondere bei den Gartenfestlichkeiten in der Europäer-Kolonie, wo die Spitzen der Gesellschaft und so viele treffliche und strahlende schöne junge Damen bereit wären, Schubert-Lieder [zu hören] […] und über deutsche Literatur anregend [zu plaudern]. (TsF: 9) Huldschiner kritisiert auch hier, ähnlich wie in seinen Briefen von einer Weltreise, die Attitüde der Europäer, in Fernost ständig unter sich sein zu wollen, anstatt das Wagnis einzugehen, fremde Kulturen kennenzulernen. Während seiner Reise verkehrte er öfter 216 Andreas Micheli: Richard Huldschiner in solchen Kreisen, die er aufgrund ihres pikierten Verhaltens nicht sehr schätzte und deren Einstellung zur Kultur und Lebensweise der Einheimischen er mit dieser Geschichte ironisierte. 9.15 Der Optimist (Erzählung) Von Schanghai ging Huldschiners Reise weiter nach Hongkong, Saigon und Singapur. Seinen Geburtstag verbrachte er allein an Bord, was ihn sehr wehmütig machte. Seine Laune besserte sich erst, als er in Singapur Briefe und Geschenke von seiner Familie erhielt: 41 Jahre bin ich alt, bin aber immer noch dumm und weiß immer noch nicht, wo ich mich in der Welt hinstellen soll. Aber ich will mir jetzt zu den grauen Haaren, die ich schon habe, keine neuen wachsen lassen. Nur einmal im Leben kommt man nach Singapore und die Temperatur, die heute herrscht, ist auch nicht dazu angetan, sich Sorgen zu machen.670 Über die Straße von Malakka, den Indischen Ozean und den Suezkanal kehrte die Brasilia zurück in das Mittelmeer. Huldschiner berichtete in einem Brief an seine Familie über einen gewissen Herrn Plöger, der seine chinesische Zwergdogge – leider umsonst – für die Rattenjagd ein Bord eingesetzt hatte.671 Diese Begebenheit verarbeitete Huldschiner in einer Erzählung mit dem Titel Der Optimist, welche im Oktober 1913 im Simplicissimus abgedruckt wurde. Ein Ich-Erzähler und dessen Freund Peter Moerlein liegen mit ihrem Schiff vor Kobe in Japan. Dort kauft Moerlein eine kleine japanische Bulldogge, die er Lilly nennt. Begeistert erzählt er dem Ich-Erzähler von seinem Plan, den Hund für viel Geld in Europa weiterzuverkaufen. Allerdings stellt sich bald heraus, dass der Hund eine Hündin ist. Moerlein bleibt aber weiterhin optimistisch, mit dem Tier einen monetären Gewinn herauszuschlagen, da Hündinnen noch beliebter seien als Rüden. Vier Tage später findet Moerlein am Hals der Hündin ein Geschwür, bleibt aber trotz der Vermutung des Ich-Erzählers, dass Moerlein beim Kauf der Hündin betrogen worden sei, weiter zuversichtlich. Schließlich könne auch das Fell verkauft werden, sodass immer noch ein Gewinn aus dem Geschäft zu machen sei. Allerdings verschwindet bald auch der tote Tierkörper samt Fell. Der Ich-Erzähler vermutet, dass er entweder von Ratten verschleppt, von den chinesischen Matrosen gegessen oder vom aufräumenden Steward über Bord geworfen worden sei. Der naive Moerlein bleibt aber unerschütterlich in seinem Optimismus, da er der Ansicht ist, dass sich seine Hündin mit der Zwergdogge des Kapitäns gepaart habe und er somit durch die Nachkommen, die eine besondere Kreuzung sein würden, immer noch Geld verdienen könne. Auch dieses Mal ist der Ich-Erzähler derjenige, der Moerlein zurück in die Realität holt und in der Pointe der Humoreske feststellt: »Gott mit dir! 670 Huldschiner 10.07.1913 – 13.07.1913. 671 Vgl. Huldschiner 13.08.1913 – 21.08.1913. 217 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) […] Die Zwergdogge ist eine Hündin und Lilly war eine Hündin. Auf diese Kreuzung bin ich gespannt« (Opt: 452). 9.16 Der Ophirfahrer (Erzählung) Ende August 1913 erreichte die Brasilia ihren Heimathafen Hamburg. Huldschiner ließ seine Weltreise in einer stark autobiografischen Erzählung Revue passieren, die er, während er sich auf der Rückreise nach Europa befand, verfasst hatte und welche bereits im Juni 1913 im Brenner veröffentlicht wurde. Mit Der Ophirfahrer überprüfte Huldschiner seine eigene Befindlichkeit nach seiner einjährigen Auszeit. Figur und Autor gehen in Der Ophirfahrer ineinander über, sodass sich schwer trennen lässt, ob der Leser die Gedanken eines fiktiven Ich-Erzählers oder jene von Richard Huldschiner rezipiert. Die Erzählung hat zwei Handlungsebenen: zum einen jene an Bord eines Dampfschiffes, auf dem der namenlose Erzähler um die Welt reist, zum anderen dessen Gedanken- bzw. Traumwelt, in der er als einer der Ophirfahrer für König Salomon in das »Wunderland« (DOp: 780) Ophir672 fährt. Realität und Fiktion verschwimmen also auch auf der fiktiven Ebene der Erzählung. Interessant für Huldschiners Biografie sind die Beweggründe, die den Protagonisten zur Weltreise motiviert haben. Zum einen möchte er der Schwermut entrinnen. Zum anderen hat er eine Beziehung mit einem »blonde[n] Mädchen [geführt], das ihn fröhlich anlächelte und in seinen Armen lag« (DOp: 777). Da die Gegenseitigkeit der Liebe in seinen Augen nicht gegeben gewesen ist, »er sich ihrer Jugend und Süße« (DOp: 777) geschämt hat, d. h., »daß er mehr nahm als gab«, beschließt er, »auf ’s Meer zu fahren, das er nur vom Hörensagen kannte« (DOp: 777). In der ersten Nacht an Bord kristallisiert sich ein weiterer Grund für seine Reise heraus. So schaut er ungeduldig über die Reling hinaus auf den Atlantik: »[…] wo ist das, was ich noch nie sah, wo ist das Unerhörte, das Neue? um dessentwillen ich mich zur Wanderschaft gegürtet habe?« (DOp: 777). Huldschiner zeichnet seine Figur somit als Wartenden, als Suchenden: »Kommt es nun, kommt es endlich, das Glück?« (DOp: 777). Auch dies könnte mit Huldschiners damaligem Gefühlszustand übereinstimmen. Immer wieder verlieh er in Briefen und autobiografisch gefärbten Texten seiner Unzufriedenheit mit seinem Leben, seiner Arbeit und seinem Wohnort Hamburg Ausdruck. Interessanterweise beschreibt Huldschiner den Erzähler als einen »Mann der Berge«, der sich »aus den Wellen und den Wolken am Horizont ein Schneegebirge« (DOp: 777) macht. Warum Huldschiner letztlich die Weltreise gemacht hat, anstatt direkt nach Tirol zurückzukehren, ist nicht klar. Vielleicht wollte er, gleich seiner Figur, etwas Neues entdecken, das er weder in Hamburg noch in Bozen zu finden glaubte. 672 Das sagenumwobene Ofir (in Huldschiners Schreibweise Ophir), auch Goldland genannt, wird in I. Kön 9,28 bzw. 10,11 und II Chr. 8,18 bzw. 9,10 erwähnt. Dorthin begab sich eine Schiffsexpedition, um Gold für den Tempelbau in Jerusalem zu besorgen. Die Expedition wurde vom phönizischen König Hiram von Tyros veranlasst, der König Salomo unterstützen wollte (vgl. Jampel 1927, 555 f.). 218 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Dann wird der Leser in die erwähnte zweite Handlungsebene eingeführt: Der Protagonist befindet sich auf einem Schiff und fährt nach Osten. Die anderen an Bord befindlichen Männer673 haben Frieden gefunden, »nur [ihm], dem König Salomon selber dieses Schiff anvertraut hat« (DOp: 779), gelingt dies nicht. Hiermit könnte Huldschiner seinen inneren Widerspruch ausdrücken wollen, den er als Zionist empfand, der sich zwar aktiv für den Zionismus einsetzte, den letzten Schritt aber, d. h., sich in Palästina ein Leben aufzubauen, nicht wagte. Der Zweifel, der Falsche für die Aufgabe zu sein, bringt den Protagonisten beinahe dazu, sich selbst zu töten und sich in die Fluten zu werfen, doch schließlich erreichen sie das Land Ophir. Auch hier liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Palästina im zionistischen Sinn und Ophir herzustellen. Dann kehrt die Handlung wieder zurück in die fiktive Realität des Ich-Erzählers, in der beschrieben wird, welche Ziele der Dampfer ansteuert. Vergleicht man Huldschiners Reiseroute mit jener der Erzählung, so überschneiden sich die Zielorte, was den autobiografischen Charakter des Textes noch wahrscheinlicher macht: »Habana«, »Pic von Orizaba«, »Popokatepetl und Iztaccíhuatl«, »die Ebene von Mexiko«, »urwaldumsäumte Flüsse«, »San Louis Potosi«, »Zansibar«, »Usambara- Berge«, »Mombassa«, das »Mittelmeer und den Golf von Biskaya«, die »Bay von Aden«, »Somali-Land« und »Kap Guardafui« (DOp: 780 f.). Als der Dampfer über das Rote Meer kreuzt, spricht der Erzähler eine Frau an, die er mit der Mona Lisa vergleicht, und macht ihr ein Kompliment für ihre Schönheit. Da sie verheiratet ist, verbittet sich die Frau aber die Bemerkung des Erzählers. Doch dieser beruhigt sie und erklärt, dass er alles, was schön ist, auch so nennen möchte: »Ich sage auch zur Sonne, daß sie schön ist, und sie muß es dulden. Wenn ich aufhöre, das Schöne zu bewundern, so muß ich sterben« (DOp: 781). Zu Beginn der Reise hat der Erzähler mit sich selbst gehadert: »Einsam ist der Mensch unter den Menschen, aber es scheint, daß er auch einsam ist, wenn er nur sich selber gegenübersteht und sich hart angeht« (DOp: 778). Nun, am Ende seiner Reise, kommt er zum vorläufigen Schluss, dass zu »[s]ein wie man ist, und an sich genug [zu] haben« (DOp: 778), letztlich Glück bedeuten könnte. Nach dem Erblicken der »Mona Lisa« erweitert er seine Definition von Glück: […] ich zog aus, um das Glück zu suchen, obwohl ich weiß, daß ich es nie finden werde. Denn ich gehöre zu den Menschen, die es wohl erkennen, wenn es nahe ist, die aber nicht zuzufassen verstehen. (DOp: 781) 673 Huldschiner nennt drei bei Namen: Abdon, Adrimelech und Ijsai, allesamt biblische Namen, von ihm hier aber in einen anderen Kontext gesetzt. Abb . 21: Der Brenner (Juni 1913) . 219 Unterwegs auf den Weltmeeren (1912 – 1913) Ob Huldschiner hier ein persönliches Dilemma thematisiert, nämlich vordergründig ein gutes Leben zu führen, doch damit letztlich nicht zufrieden zu sein und immer dem Gefühl nachzuhängen, dass ihm etwas fehle, ist nicht belegbar, doch aufgrund der häufigen autobiografischen Bezüge und seines sehr melancholischen Charakters durchaus möglich. Die namenlose und von ihm als Mona Lisa bezeichnete Passagierin und der Erzähler küssen sich zwar beinahe, doch das Schicksal erfüllt sich auch hier wieder und die Frau springt plötzlich auf und hängt »sich mit zarter Bewegung in den Arm des Gatten« (DOp: 782) ein. Hier könnte Huldschiner auf seine Begegnung mit Younan in Hongkong anspielen, deren Beziehung sich aufgrund ihres Ehestandes und seines kurzen Aufenthaltes auch nicht weiterentwickeln konnte. Somit erkennt der Protagonist, dass er der Schwermut nicht entkommen könne, dass »sie sein Glück, […] seine Unruhe« sei, die er wie »das Wasser, das er[,] mit starken Armen schwimmend« (DOp: 782), zerteilen werde.

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.