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8 Exkurs II: Huldschiner als Zionist in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 177 - 196

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-177

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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177 8 Exkurs II: Huldschiner als Zionist […] man ist auch in Bozen völkisch und schmettert dem Semiten den Heilruf entgegen als Abwehr gegen den bösen Blick des Nichtdeutschen, als Schlachtgeschrei und Trutzwort.609 Huldschiner stammte aus einer gläubigen Familie. Somit war er mit den jüdischen Bräuchen und Traditionen vertraut. Dies wird an zahlreichen Stellen in seinem Werk deutlich. Daher befasste er sich in vielen Erzählungen mit biblischen Stoffen, deutete sie allerdings häufig zionistisch um. Huldschiners Hinwendung zum Zionismus fand ihren ersten großen literarischen Ausdruck in seinem Roman Die stille Stadt. Im Mai 1904 schrieb er an Max Grunwald: Als ein leidenschaftlicher, wenn auch bis jetzt nur theoretischer Anhänger des Zionismus – ich gehöre noch keiner zionistischen Gemeinschaft an – erlaube ich mir Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, mein neues Buch zu senden, in dem ich zum erstenmal versucht habe, das, was meine Seele am tiefsten bewegt, in meiner Weise auszusprechen, wenn ich auch im Grunde bekennen muß, daß ich nicht fertige Gedanken zu bringen vermochte, sondern nur eine innere Stimmung, die aber schließlich wohl doch auf das hinauskommt, was Sie und die vielen in Ihrem Gefolge anstreben.610 Daher handelt es sich bei Die stille Stadt wohl um den einzigen jemals erschienenen Roman, der das zionistische Erwachen eines jungen Tiroler Juden darstellt. Schon allein deswegen verdient Die stille Stadt eine Würdigung in der deutschen Literaturgeschichte. Die Figur Abarbanell und den Arzt und Schriftsteller Huldschiner verband ein gemeinsames Interesse an der zionistischen Bewegung. Beide erfuhren häufig Ausgrenzung aufgrund ihrer Herkunft. Außerdem missfiel ihnen die Opferrolle, in der sich die wenigen jüdischen Bewohner Bozens sahen. Dagegen gefiel den beiden die Idee des starken und wehrhaften Juden, die bei Abarbanell verstärkt wird durch das Zusammentreffen mit dem Zionisten Rappaport. 609 Huldschiner 1910c, S. 552. 610 Huldschiner 28.05.1904. 178 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Der Antisemitismus in Tirol hatte eine spezielle Ausformung, nämlich jene des Antisemitismus ohne Juden, lebten doch im gesamten Kronland Tirol um 1880 nur 358 und um 1900 lediglich 948 Menschen jüdischer Herkunft.611 Dem rassisch motivierten Antisemitismus voraus ging der religiöse Anti judaismus, der sich u. a. in den mittelalterlichen Pestpogromen zeigte, denen die wenigen Juden in Tirol als Sündenböcke zum Opfer fielen. Auch die berüchtigten Ritualmordlegenden um Anderl von Rinn bei Innsbruck und Simon von Trient tradierten sich von einer Generation auf die nächste und hielten die antijüdische Stimmung trotz der verschwindend geringen jüdischen Bevölkerungszahl in weiten Teilen der Tiroler Gesellschaft wach. Huldschiner lebte zwar nur wenige Jahre während seiner Kindheit in Bozen, doch waren es genau jene Jahrzehnte, in denen aus dem allgegenwärtigen religiösen Antijudaismus ein dem Zeitgeist der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa entsprungener politischer und rassisch begründeter Antisemitismus erwuchs. In Tirol wurde die Bewegung politisch vor allem von den Deutschnationalen getragen und offen propagiert. Aber auch im christlich-sozialen Spektrum fanden antisemitische Ideen immer mehr Anklang und ihren Ausdruck in verschiedensten Hetzschriften. Auch Huldschiner wurde ein Opfer solcher antisemitischen Diffamierungen. So erschien im katholisch-konservativen Tiroler auf der Titelseite eine ausführliche Besprechung von Die stille Stadt. Der Tiroler wurde 1900 von Ämilian Schöpfer, dem ersten Obmann der christlichsozialen Partei und Präsidenten des Tyrolia-Verlages mit dem Wissen um den nicht zu unterschätzenden Einfluss der Publizistik auf die Bevölkerung gegründet. Weitere von ihm ins Leben gerufene Blätter waren die Brixner Chronik, die Tiroler Post und der Tiroler Volksbote. Allen Blättern ist nach Achrainer gemeinsam, dass sie »zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichem Ausmaß als durchwegs antisemitisch eingestuft werden«612 können. Bereits die Bezeichnung des Romans als »Judenroman«613 macht den Ton und die Ressentiments deutlich, die der Autor der Besprechung ‒ und wohl letztlich auch der Tyrolia-Verlag selbst ‒ den jüdischen Mitmenschen gegenüber hegte. Nicht umsonst setzte die Redaktion die Rezension prominent auf die Titelseite. So sei »der Jude Richard Huldschiner jun. von seinem längeren Aufenthalte in Bozen nur zu sehr bekannt«614. Bereits die Formulierung »nur zu sehr« impliziert eine Abneigung gegenüber Huldschiner als Person bzw. durch den Zusatz »junior« Ressentiments gegenüber der Familie Lehman-Huldschiner als einer bekannten und angesehenen Bozner Familie. Kernkritik des Rezensenten ist die in seinen Augen eindeutig auf Herabsetzung der Stadt Bozen und ihrer christlichen Bewohner ausgerichtete Darstellung im Roman. Die Schilderung, die hier die Judenphantasie von Bozen entwirft, ist voller Hohn und Haß. Es sei eine alte, finstere Stadt, die, vollständig abgeschlossen von der Au- 611 Vgl. Achrainer 2013, S. 199. 612 Achrainer 2013, S. 323. 613 Der Tiroler 1904, S. 1. 614 Ebd. 179 Exkurs II: Huldschiner als Zionist ßenwelt, nach Stein und uralten Stein gewölben rieche. […] Das Leben rollt hier träge dahin, wie das Blut eines sehr alten Mannes, der nächstens sterben wird.615 Der Rezensent ergänzt sarkastisch: »Ist das nicht hübsch? Wir müssen uns beim Juden Huldschiner wirklich bedanken, daß er Bozen so einladend, und was die Hauptsache ist, so wahr schildert. Oder nicht?« Außerdem bemängelt die Rezension, dass alle jüdischen Figuren, die im Roman Erwähnung finden, »natürlich die besten und edelsten Menschen« seien, während alle anderen Figuren »Feinde [seien], die nur Schlechtes tun«. Die einzige Ausnahme in der Figurenkonstellation sei die Figur Sebenhofer, die aber einem Mönch ins Gesicht spucke, was »der Jude […] dann eine offene und ehrliche und heldenhafte Tat [Hervorhebung im Original]«616 nennen würde. Der Rezensent steigert seine klar antisemitischen Aussagen im Laufe der Buchbesprechung stetig: »Welch’ ein Uebermaß ingrimmigen, satanischen Christenhasses spricht doch aus einer solchen Moral!«617 Die Rezension führt als weiteres Beispiel für Huldschiners angebliche antichristliche Einstellung ein Zitat aus dem Roman an, ohne aber den Zusammenhang mit der Handlung zu erklären: Ich stamme von einem Volke, dem das Gesetz gegeben ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut, Rache um Rache. Wir haben seit achtzehn Jahrhunderten unsern Zorn aufgespeichert; seit achtzehn Jahrhunderten haben wir Energie gesammelt; wir sind wie eine mit Riesenkraft gespannte Riesenfeder. Da wär’s ein Wunder, wenn wir nicht verstünden, zu hassen. (DsS: 26) Merian spricht dies aus, nachdem er beobachtet hat, wie Geistliche das Begräbnis von Evas protestantischem Mann verhindern wollen. Er erkennt, dass auch in dieser »unter dem trügerischen Schein der Ruhe« stehenden Stadt ein Kampf herrscht, nämlich Mensch gegen Mensch. Der Rezensent dagegen sieht das Zitat als repräsentativ für den ganzen Roman: »[…] wollten wir mit Anführungen von zorn- und haßglühenden Stellen fortfahren, so könnten wir das halbe Buch abschreiben.« So kenne Huldschiner, »der Rabbinersohn […], nur diese eine Herzensregung, alle anderen Gefühle sind ihm fremd«618. Schließlich rechtfertigt sich der Rezensent auch dafür, dass er dem Buch soviel Platz eingeräumt habe, nämlich weil es beweise, wie Juden wirklich über Christen dächten. Es sei »ein ausgezeichnetes Fördermittel des Antisemitismus«619, denn es bringe den Lesern »schneller als die glänzenden Abhandlungen über die Gefährlichkeit des Judentums zum Bewußtsein, wie lächerlich es ist, das Judentum schützen zu wollen«620. Der Rezensent hebt hervor, dass der Bozner »von Natur aus ein gutmütiger, biederer und duldsamer Mann« sei. Doch lasse er sich »bei aller Gutmütigkeit« nicht ins Gesicht schlagen, »besonders nicht von einem hebräischen Fremdling, der noch dazu dessen Gastfreundschaft 615 Ebd. 616 Ebd. 617 Ebd. 618 Ebd. 619 Ebd., 1 f. 620 Ebd., S. 2. 180 Andreas Micheli: Richard Huldschiner in Anspruch genommen« habe. Außerdem spricht der Rezensent auch die »in Bozen wohnenden Juden« an, die das Werk lesen sollten, damit sie, wie Huldschiners Figur Abarbanell, die Stadt »in der Richtung gegen Palästina« freiwillig verlassen, da es ihnen hier doch so schlecht gehe. Die Rezension schließt mit einer Preisangabe von 4,80 Kronen und der zynischen Bemerkung, dass die Buchhandlung Tyrolia »im Interesse der antisemitischen Agitation«621 die Bestellung des Romans übernehme. Die liberale und antiklerikal eingestellte Bozner Zeitung berichtete in ihrem Nachrichtenteil am folgenden Tag über die antisemtische Rezension im Tiroler, welche »diesem Werke das Todesurteil«622 spreche. Allerdings, so bemerkt die Bozner Zeitung ironisch, könne man dies dem Tiroler aufgrund der politischen Ausrichtung »nicht übel nehmen«623. Außerdem betont der Artikel die Heuchelei, die der Rezension und letztlich auch der politischen Haltung des Tyrolia-Verlages innewohne: Zu Nutzen der antisemitischen Agitation empfiehlt die Buchhandlung »Tyrolia« diesen Roman zum Preis von K 4,80, wir glauben aber noch mehr zu ihrem eigenen Nutzen.624 Dem Tyrolia-Verlag gehe es also letztlich nur ums Geld. So verrate die Buchhandlung, indem sie Huldschiners Buch trotz herber Kritik zum Verkauf anbiete und sogar empfehle, die eigene antisemitische Position.625 Der Bericht schließt sarkastisch: »Zu verwundern ist es natürlich nicht, denn ›Moral‹ ist dem ›Tiroler‹ ein böhmisches Dorf.«626 8.1 Zionismus (Aufsatz) & Zion und Religion (Aufsatz) Huldschiner schloss sich bald nach der Veröffentlichung von Die stille Stadt der zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona an. Mindestens seit 1908 saß Huldschiner zusammen mit seiner Mutter Johanna im Vereinsvorstand.627 Der Verein wurde 1898 mit dem primären Ziel gegründet, den durch die zahlreichen Pogrome verfolgten osteuropäischen Juden eine neue Heimat in Palästina zu schaffen. Allerdings war er nur einer von mehreren zionistischen Gruppierungen in Hamburg, welche 1913 insgesamt bis zu 1500 aktive Mitglieder zählten.628 Innerhalb der zionistischen Gemeinschaft gab es zum Teil große programmatische Unterschiede. So war Huldschiners Vereinigung die einzige, die sich aktiv an der Organisation des 9. Zionistenkongresses beteiligte.629 Der Kongress fand vom 26.12. bis 30.12.1909 statt. Huldschiner übernahm verschiedene organisatorische Tätigkeiten, darunter wohl auch die Buchhaltung, wie einer Korrespondenz mit David 621 Ebd. 622 Bozner Zeitung 1904, S. 4. 623 Ebd. 624 Ebd. 625 Vgl. ebd. 626 Ebd. 627 Vgl. Die Welt 1908, S. 12 – 13. 628 Vgl. Heinsohn 2006, S. 264. 629 Vgl. Kasischke 1997, S. 256. 181 Exkurs II: Huldschiner als Zionist Wolffsohn, dem Präsidenten des Zionistischen Weltkongresses, zu entnehmen ist.630 Seine Begeisterung für die Veranstaltung spiegelt sich auch in einem Brief an Arthur Schnitzler wider: Und ich habe zu Weihnachten, als der IX. Zionisten-Kongreß hier in Hamburg tagte, erst recht bedauert, daß Sie die gewaltige Energie nicht sehen konnten, die diese Juden aller Länder beseelte, und das interessante Menschenmaterial nicht kennen lernten.631 Außerdem kündigte Huldschiner den Kongress in einem längeren Artikel in der Neuen Hamburger Zeitung an. Darin stellt er in einem kurzen Abriss über die Geschichte der jüdischen Emanzipationsbewegung fest, dass die Juden zwar vor dem Gesetz gleichberechtigt seien, doch kam der Gegenstoß, der wenigstens für die germanischen Landesverbände von Bismarck ausging, dann aber auch auf Rußland übergriff und die schon bestehende schwere Bedrückung der Juden durch Ausnahmegesetze ins Ungemessene steigerte.632 Mit dem Aufkommen des Nationalismus ergäben sich nach Huldschiner »drei Möglichkeiten einer menschenwürdigen Existenz«: Anhänger des liberalen Judentums würden sich »dem Wirtsvolk äußerlich und womöglich innerlich« anpassen und sähen sich nicht als »Gast, sondern als vollberechtigter Bürger im Lande«. Unter diesen Anhängern des liberalen Judentums würden sich viele assimilieren »durch Namenswechsel, Mischehe und Taufe«633. Die »nationalbewussten Juden« seien sich ihrer »Rasse-Eigenheiten« bewusst, »nicht etwa, weil es [das jüdische Volk] schlechter [Hervorhebung im Original], sondern weil es anders [Hervorhebung im Original] ist als andere Völker«. Die Juden würden erst dann von der Welt geachtet werden, »wenn sie wieder ein starkes jüdisches Zentrum geschaffen« hätten. So soll »aus Flucht […] Heimkehr werden; denn der Flüchtling ist schwach, der Heimkehrende ist stark«634. Huldschiner betont im Weiteren die Verdienste des Hilfsvereines der deutschen Juden, der sich vor allem für die Verbesserung der Situation der Juden in Osteuropa einsetzte, den Zionismus selbst aber ablehnte. Zudem half der Verein Tausenden Juden bei der Auswanderung nach Amerika. Huldschiner bemerkt hierzu, dass es zwar in Amerika eine große jüdische Gemeinschaft gebe, doch sei »die Kolonisierung der Juden in Palästina ungleich leichter und naturgemäßer […] als in anderen Ländern«, was nun auch der »sehr tätige und unterstützenswerte Hilfsverein der deutschen Juden«635 erkannt habe. 630 Vgl. Huldschiner 25.01.1910. 631 Huldschiner 06.11.1910. 632 Huldschiner 1909c, S. 1. 633 Ebd. 634 Ebd. 635 Ebd. 182 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Allerdings bestehe zwischen diesem und anderen Vereinen, die nur ein neues Siedlungsgebiet für Juden suchen würden, und den Zionisten ein wichtiger Unterschied. Der Zionismus knüpfe nämlich dort an, wo »70 nach Chr. das Band des nationalen Zusammenhanges aller Juden auf immer abgerissen zu sein schien«. So sei Palästina für einen Zionisten nicht Zuflucht, sondern »das Land der Sehnsucht, das Zentrum von dem die Wiedergeburt« ausgehe. Außerdem sei der Zionismus allen Juden offen und wirke zu Unrecht auf Außenstehende utopisch. So gehe es dem Zionismus nicht um »romanhafte Landgründungen«, sondern um »ehrliche, zähe und geduldige Kolonisierungsarbeit«636. Huldschiner war nicht religiös, daher erachtete er es in seinem 1905 veröffentlichten Aufsatz Zion und Religion als wichtig, dass Religion »Privatsache« sei. Dies müsse, so Huldschiner, in der Verfassung von »Zion« festgeschrieben werden, um zu verhindern, dass man aus »Grüblern Schwächlinge« mache. Und weiter: Glaubenssätze sind nicht dazu angetan, die Grundlage eines Staates zu bilden, der aus der Not geboren sich immer wieder gegen die von allen Seiten auf ihn einstürmende Not wird wehren müssen. (ZuR: 300) Ebenso habe sich der Glaube in der griechischen und römischen Antike, im Christentum und im Judentum negativ auf die Entwicklung ausgewirkt. So sei »Zion eine Rassen- und keine Religionsgemeinschaft« (ZuR: 301). Daher könne mit dem Religionsunterricht im neuen Staat erst dann begonnen werden, »wenn die Jugend so weit herangewachsen ist, dass sie philosophische Systeme zu begreifen vermag« (ZuR: 302). 8.2 Die Lösung der Judenfrage. Eine Rundfrage (Aufsatz) Zu einer 1907 vom Arzt und Publizisten Julius Moses gestellten Rundfrage über die Lösung der Judenfrage äußerte sich auch Richard Huldschiner. Er stellt in seinem Beitrag fest, dass das »Wesen der Judenfrage […] der Rassengegensatz [sei], der zwischen Juden und Nichtjuden besteht« (LdJ: 97). Dennoch seien die Juden keine »reine, ungemischte Rasse«, da in ihnen »hetitische und semitische Stammeseigentümlichkeiten« zu »einem wohl zu charakterisierend[en] Volksindividuum« (LdJ: 97) verschmolzen seien. Auch in diesem Text kritisiert Huldschiner das Religiöse als eines der Hindernisse für die Entstehung eines jüdischen Nationalbewusstseins: 1900 Jahre erbärmliche Knechtschaft und die lediglich auf das Religiöse gerichtete Einstellung aller Wünsche und Bestrebungen haben unsere Muskeln und unseren Stolz geschwächt. (LdJ: 98) Daher verlangt Huldschiner mehr Einsatz, Ehrgeiz und Fleiß, um in Palästina eine neue Gesellschaft aufzubauen, die sich auf Arbeit gründe. Denn »erst wenn wir nicht mehr überall nur Gäste sind, sondern selber Gastfreundschaft bieten können« (LdJ: 98), erführen die Juden überall volle Anerkennung. Demgemäß fordert Huldschiner einen ei- 636 Ebd. 183 Exkurs II: Huldschiner als Zionist genen Staat für alle Juden, da ohne einen solchen die Assimilation drohe. Das jüdische Volk sei zwar eine starke Rasse, dennoch sei »ein restloses Aufgehen unter den Wirtsvölkern« (LdJ: 98) durchaus möglich. Am Schluss des kurzen Aufsatzes betont er noch einmal die Wichtigkeit eines eigenen Staates, indem er als Mediziner und an den Darwinismus angelehnt Folgendes argumentiert: Wer aber das Fortbestehen seiner Rasse als eine selbstverständliche Forderung seiner Überzeugung von einer spezifischen Besonderheit seines Blutes ansieht, wer so naturwissenschaftlich zu denken vermag, dass er das Aussterben einer Art schmerzlich empfindet, ganz gleich ob es sich um den Vogel Kiwi oder ein Volk handelt, wer zuguterletzt an die hervorragende Begabung des Volkes glaubt, dem er angehört, der kann nur in einer Renaissance dieses Volkes im eigenen historischen Lande die Lösung des Problems erblicken. (LdJ: 98 f.) 8.3 Stammesbewusstsein – Volksbewusstsein (Aufsatz) Die Welt, nach Eigenbezeichnung das »Zentralorgan der zionistischen Bewegung«, publizierte auf ihrer Titelseite im März 1910 einen Aufsatz Huldschiners mit dem Titel Stammesbewusstsein – Volksbewusstsein, in dem er sich programmatisch mit dem jüdischen Stammes- und Volksbewusstsein auseinandersetzt. Außerdem kann der Text auch als Antwort bzw. als Gegenentwurf zum zwei Wochen vorher ebenfalls in der Welt erschienenen Aufsatz des bekannten Zionisten, Arztes und Wirtschaftswissenschaftlers Franz Oppenheimer gesehen werden. Oppenheimer behauptete in seinem Aufsatz, kurz zusammengefasst, dass »[w]ir Westeuropäer […] dem zionistischen Ideal anders [gegenüberstehen] als die Osteuropäer«637 bzw. dass »wir Westjuden […] jüdisches Stammesbewußtsein, die Ostjuden jüdisches Volksbewußtsein«638 hätten. Außerdem fehle den Ostjuden »westeuropäisches Kulturbewußtsein, denn was von Kultur in Rumänien existiert, ist ja nur ein dünner westeuropäischer Firnis über orientalischer Barbarei«639. Oppenheimers Sicht auf den Zionismus betont die Wichtigkeit der Westjuden für die Bewegung, da sie die westeuropäische Kultur und das nötige Kapital für die Bewegung beisteuern könnten. Das ostjüdische Volksbewusstsein hingegen sei aufgrund der rückständigen Kultur im Osten ursprünglich geblieben. Es sei verständlich, dass sich die Ostjuden von ihren Unterdrückern abgesondert und ein eigenes Nationalbewusstsein entwickelt hätten. Allerdings sei dies nicht der richtige Weg für integrierte640 Westjuden, welche viele positive kulturelle Aspekte der westeuropäischen Kultur in sich aufgenommen hätten und somit sowohl treue Staatsbürger mit jüdischem Stammesbewusstsein als auch Zionisten sein könnten.641 637 Oppenheimer 1910, S. 139. 638 Ebd. 639 Ebd. 640 Oppenheimer wandte sich an dieser Stelle ganz dezidiert gegen jegliche Diffamierung der Westjuden als sogenannte Assimilierte. 641 Vgl. ebd., S. 142. 184 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Die Absicht des Zionismus sei es nicht, einen jüdischen Staat in Palästina zu schaffen, sondern ein autonomes Gebilde, das innerhalb des Osmanischen Reichs existiere und dessen jüdische Bevölkerung »neben seinem jüdischen Stammesbewußt sein auch Abb . 19: Die Welt (März 1910) . 185 Exkurs II: Huldschiner als Zionist jüdisches Volks bewußtsein und ottomanisches Reichsbewußtsein«642 bilde. Huldschiner postuliert in seinem Aufsatz einen anderen Kulturbegriff als Oppenheimer und stellt zu Beginn seiner Ausführungen die rhetorische Frage, ob die Westjuden überhaupt »deutsches Kulturbewußtsein im Sinne Oppenheimers haben können« (StV: 185). Kultur, so Huldschiner, sei nämlich »die Summe aller geistigen Strebungen eines Volkes, das durch objektive Stammeseigenschaften und [Hervorhebung im Original] Sprache zusammengehalten« (StV: 185) werde. Außerdem könne man Kultur nicht lernen, vielmehr werde »Kultur mit uns geboren […] und [mache] einen wesentlichen Bestandteil unserer Persönlichkeit« (StV: 185) aus. Er führt das antike Griechenland als Beispiel an, dessen Stadtstaaten über Jahrhunderte verfeindet gewesen seien und doch eine »Rassengemeinschaft« (StV: 185) gebildet hätten, aus der sich das »griechische Volksgefühl« (StV: 185) entwickelt habe, »das alle Umwohnenden als Barbaren schlechthin abtat« (StV: 185). Dem Terminus Abstammung stellt Huldschiner den Begriff Stammesgefühl gegenüber, der nicht weiter definiert, sondern anhand eines konkreten Beispiels exemplifiziert wird: Das, was die deutschen Juden der deutschen Kultur (Umgangssprache, Erziehung, Einfluss von Klima und Landschaft) gegenüber empfänden, bezeichnet Huldschiner als Stammesgefühl, wohingegen sich die gemeinsame jüdische »Stammesgrundlage« (StV: 185) trotz aller Widrigkeiten und »auf den Kult zurückgedrängt« (StV: 185) eine einigende Kraft bewahrt habe. Daraus folgert Huldschiner, dass die deutschen Juden »den Ostjuden viel näher als den Deutschen« seien und dass »ihre Kultur […] im letzten Sinne« eine jüdische sei. Vom Begriff Kultur abstrahiert Huldschiner den Terminus Zivilisation. So gebe es weder eine amerikanische noch eine schweizerische Kultur, da sich beide Staaten aus verschiedenen Nationen unterschiedlicher Abstammung zusammensetzen würden. Da es aber ein »Bestreben des Menschen« (StV: 185) sei, »sich mit den Nachbarn zu vertragen und [es] das Leben in dieser dichtbevölkerten Welt« (StV: 185) erleichtere, habe sich eine amerikanische oder schweizerische Zivilisation gebildet, welche die verschiedenen Kulturen zusammenhalte. Daher nähmen die Juden »als Bürger aller Länder der Welt« (StV: 185) an den jeweiligen Zivilisationsformen teil, obwohl sie untereinander durch eine gemeinsame »Stammeskultur« (StV: 185) miteinander verbunden seien. Nach Oppenheimer hätten die Ostjuden aufgrund der politischen Verfolgung zwangsläufig ein eigenes jüdisches Nationalbewusstsein entwickelt, wohingegen sich die Westjuden, da sie nicht mehr verfolgt würden, auch in der westeuropäischen Kultur beheimatet fühlen könnten. Auch hierzu nimmt Huldschiner eine konträre Position ein. Letztlich sei das »Wesentliche für West wie Ost […] die seelische Pein, die den mehr oder weniger freundlich geduldeten Gast nach einer Heimat auszuschauen zwingt« (StV: 186). Die deutschen Juden seien in einer besonderen Situation, weil der deutsche Staat von seinen Bürgern verlange, sich allein der deutschen Kultur zu verschreiben. So sei die Verlockung, dem großen, starken und reichen Wirtsvolk sich mit Haut und Haar zu ergeben, eine um so größere […], je höher wir eben seine Kultur bewerten müssen. (StV: 186) 642 Ebd., S. 143. 186 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Dagegen sei es in der Schweiz aufgrund der schweizerischen Zivilisation möglich, sich als Italiener im Tessin als Schweizer Staatsbürger zu fühlen, aber dennoch der italienischen Kultur anzuhängen. Huldschiner sieht, ähnlich wie Oppenheimer, den Einfluss der russischen Kultur auf die Ostjuden kritisch und entspricht somit dem herrschenden intellektuellen deutschen Zeitgeist, der die Errungenschaften des Westens dem kulturellen Barbarentum des Ostens gegenüberstellt. So stellt er fest, dass es für deutsche Juden schwieriger sei, sich der deutschen Kultur zu entledigen, denn »wir westlichen Juden verzichten auf Größeres als im Osten« (StV: 186), allerdings nur »solange wir uns noch nicht zum Zionismus durchgerungen haben« (StV: 186). Huldschiner stimmt Oppenheimers Überlegung zu, dass die »jüdische Renaissance – ohne oder mit Judenstaat« (StV: 186) letztlich alle Nöte beseitigen und »unsere Kultur mit unserem Stammesgefühl in Einklang« (StV: 185) bringen werde und gleichzeitig die Möglichkeit offenhalte, »alles das von der Zivilisation seiner Umgebung sich ganz zu eigen zu machen, was ihm lieb geworden« (StV: 186) sei. All dies könne mithilfe des Zionismus erreicht werden, wobei Huldschiner betont, dass nicht jeder Jude, der jüdische Wesenheit als etwas Wertvolles, Behaltenswertes, Schönes und Adeliges erkannt hat, zu uns Zionisten gehört, selbst wenn ihm die Unmöglichkeit, als Jude die deutsche Kultur in ihrem ganzen Umfang in sich aufzunehmen, nicht klar geworden wäre. (StV: 186) Somit ist Huldschiners Sicht auf den Zionismus auf einen Ausgleich zwischen den stark divergierenden Strömungen innerhalb der Judenheit bedacht, was an seinem Schlussgedanken deutlich wird: Mögen die einen – wie die Östler z. B. – mit fieberhafter Eile und Ungeduld auf die baldige Erfüllung der jüdischen Heimatidee hinarbeiten, mögen die anderen, wie das bei uns Westlern zutrifft, erkannt haben, daß wir erst in den Anfängen stehen, daß schon viel getan ist, wenn dem Zionismus als dem jüdischen Kulturideal allgemeine Geltung zugebilligt wird. (StV: 186) Zionist sei nach Huldschiner also jeder, »der sich nicht schämt, ein Jude zu sein […] und über sein Judentum nachdenkt« (StV: 186). 8.4 An Juda! (Gedicht) Die Welt brachte im Mai 1910 eine Sondernummer zum fünfzigsten Geburtstag Theodor Herzls heraus, in der sich namhafte Autoren über Herzl und sein Lebenswerk äußerten. Huldschiners Beitrag bestand in einem dreistrophigen Gedicht mit dem Titel An Juda! Das lyrische Ich richtet sich zum einen an Juda, was entweder für das jüdische Königreich unter David stehen könnte oder für das jüdische Volk im Allgemeinen, das nun, da »Tausend Jahre grimmer Not« vergangen seien, »der Freiheit Morgenrot« (AJu: 447) erblickt. 187 Exkurs II: Huldschiner als Zionist In der zweiten Strophe kündigt das lyrische Ich an, dass das Leben im neuen Reich »wie in den alten Tagen« sein werde: »Und neigst du das Ohr: verklungene Lieder / Die fast du vergessen, froh klingen sie wieder. / Die Heimat erkennet, wer lauschen mag« (AJu: 447). In der dritten und letzten Strophe hebt das lyrische Ich die Stärke Judas hervor: »Götter gaben dir zu leiden / Stärke und zu hoffen Kraft« (AJu: 447). Das Sehnen nach dem neu auferstandenen Reich gebe Juda Hoffnung. So sei nicht nur der Fluch »verweht«, sondern »es erstand uns der Held« (AJu: 447). Wer dieser Held ist, lässt Huldschiner offen. Die Vermutung liegt aber nahe, dass er damit den verstorbenen Theodor Herzl meinen könnte. 8.5 Das Judenproblem (Referat) Richard Huldschiner hielt im Februar 1912 ein ausführliches Referat im Hamburger Curio-Haus. Sein Vortrag mit dem Titel Das Judenproblem ist zum Teil als Replik auf den Soziologen Werner Sombart zu sehen, der einige Tage zuvor ebenfalls im Curio-Haus ein Referat gehalten hatte, um seine Thesen über die Zukunft des jüdischen Volkes aus der Sicht eines Nichtjuden vorzustellen. Sombart veröffentlichte 1911 eine Abhandlung mit dem Titel Die Juden und das Wirtschaftsleben, in der er einige sehr umstrittene Thesen postulierte, die durchaus als antisemitisch anzusehen sind. Huldschiner lehnte es aber ab, Sombart als Antisemiten zu bezeichnen, da er viele in seinen Augen sehr richtige Dinge über die Juden und ihre Situation aufgezeigt habe. Huldschiner war ein Kind seiner Zeit. Als Arzt galt ihm wie vielen seiner Zeitgenossen auch die Naturwissenschaft als die einzig gültige, weil objektive Möglichkeit, die Welt und ihre Phänomene zu erklären. Schon während der Aufklärung und des Positivismus wurden religiöse Erklärungsweisen als nicht mehr zeitgemäß angesehen. In diesem Kontext befasste man sich auch wissenschaftlich mit der Entstehung der Menschheit und begann, mit ausgelöst durch Darwins Entdeckungen, über die vermeintlich unterschiedlichen Rassen innerhalb der menschlichen Spezies zu forschen. Auch versuchte man, mehr über die Herkunft und Abstammung der Menschen herauszu finden. All dies führte dazu, dass auch bezüglich des religiös begründeten Antijudaismus neue, zeitgemäße Erklärungen angeführt werden mussten. Die Rassentheorie war hierzu ein probates Mittel, da sie, die Unterlegenheit einer oder mehrerer Rassen voraussetzend, die Besonderheit und den Weltmachtsanspruch der eigenen Rasse hervorhob. Seit Gobineau, de Lagarde und Chamberlain wurde die Rassentheorie zu dem wissenschaftlichen Erklärungsmodell für die Inferiorität bzw. die Gefährlichkeit der jüdischen Rasse als Antagonist der germanischen. Huldschiners Rassendenken lässt sich in der Tradition der deutschen Kulturzionisten sehen, die vor allem zu Beginn des Jahrhunderts bewusst mit dem Begriff Rasse arbeiteten, jedoch in dem Sinne, die jüdische Identität positiv zu stärken und »die Unverwechselbarkeit und [den] nationalen Stolz [zu] befördern«643. In ihrer Argumentation wurde deutlich unterschieden zwischen Rassendenken und Rassismus. Obwohl sie beim 643 Gelber 2006, S. 104. 188 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Menschen von »einer rassischen Differenz und Einzigartigkeit«644 ausgingen, setzten sie die einzelnen Rassen nicht herab. Vielmehr betonten sie die »übergreifende allgemeine Gleichheit«645 der einzelnen Rassen und waren stets darauf bedacht, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Rasse in Zukunft friedlich miteinander leben würden. Die deutschen Kulturzionisten sahen die Rassentheorie aber auch als Möglichkeit, den Rassenantisemiten mit ihren eigenen Begrifflichkeiten zu begegnen. Dennoch unterschieden sich die deutschen Kulturzionisten in ihrer Argumentation und der Verwendung des Rassebegriffes deutlich von den Kulturzionisten der hebräischen Renaissance. So bezog sich deren wichtigster Vertreter Achad Ha’am nur an ein oder zwei Stellen auf den Rassebegriff.646 Was aber beiden kulturzionistischen Richtungen gemein war, war die kritische Betrachtung des politischen Zionismus in der Tradition Theodor Herzls, der seinerseits die Rassentheorie vor allem aus politisch-pragmatischen Gründen, aber auch aufgrund persönlicher Überzeugung ablehnte.647 Zwar habe der politische Zionismus die Errichtung eines Staates durch verschiedene Abkommen mit anderen Nationen vorbereitet, doch lasse er die wichtigen Fragen der jüdischen Kultur, der Sprache, der Erziehung und der Verbreitung jüdischen Wissens außen vor: Ein Staat nach Herzls Vorstellungen, der nur durch die Angriffe des gemeinsamen Feindes zusammengehalten würde, wäre im besten Fall ein Staat von Juden, aber kein Judenstaat, da seine Bürger nicht von echtem jüdischen Nationalbewußtsein oder von einer gemeinsamen Kulturtradition erfüllt wären.648 Auch Huldschiner setzte sich mit der Frage nach einer spezifisch jüdischen Kultur auseinander. So sei der »russische oder orientalische Jude, der eine ungebrochene Persönlichkeit darstellt, […] zugleich der Träger eines von vornherein unzweideutigen, auf den ersten Blick erkennbaren Komplexes nur jüdischer Eigenschaften« (DJp: 19). Den westeuropäischen Juden würden diese spezifisch jüdischen Eigenschaften fehlen, da sie zu sehr durch die Kultur ihres »Wirtsvolkes« beeinflusst seien, d. h. dem deutschen Juden z. B. fehlt zur deutschen Kultur noch etwas, das ihm zur jüdischen Kultur nicht fehlen würde, wenn die Gunst des Schicksals ihn in einem geschlossenen, modern-jüdischen Zentrum hätte aufwachsen lassen. (DJp: 19) Ebenso sei es für die Entstehung eines jüdischen Staates unumgänglich, eine jüdische Kultur zu leben: Wenn wir auf sie hinarbeiten, erlösen wir uns von dem Übel; wir werden nicht mehr hoffnungslos nur dazu verdammt sein, sehnsüchtig in des Nachbarn Garten hinü- 644 Ebd. 645 Ebd. 646 Vgl. ebd., S. 105. 647 Vgl. ebd. 648 Laqueur 1975, S. 183. 189 Exkurs II: Huldschiner als Zionist berzuschauen, an dessen Gedeihen wir rastlos mitgearbeitet haben, sondern werden fortan unser eigen Haus und unsern eigenen Garten bestellen. (DJp: 21) Der Rassebegriff fand durch Martin Buber Eingang in den deutschen Kulturzionismus, vor allem durch seinen 1900 in Ost und West erschienenen Essay Jüdische Renaissance. Wie bereits aufgezeigt, rezipierte Huldschiner die Werke Bubers, sodass auch sein Rassendenken davon beeinflusst worden sein könnte. Auch Bubers Kollegen Berthold Feiwel und Ephraim Moses Lilien, welche ebenfalls im von Buber mit gegründeten kulturzionistischen Jüdischen Verlag tätig waren, verwendeten in ihren Texten konsequent Begrifflichkeiten aus der Rassentheorie,649 deren sich auch Huldschiner in seinen Aufsätzen bediente. Sieht man Huldschiner also in einer Tradition mit den deutschen Kulturzionisten, ist es nicht verwunderlich, dass er in seinen Ausführungen Begriffe wie Rasse und Arterhaltung verwendet. Zudem bediente sich Huldschiner als Mediziner derselben Dialektik wie die wissenschaftlich argumentierenden Antisemiten, nämlich den Zionismus und die Notwendigkeit der Schaffung eines jüdischen Staates auf die Rassenfrage zurückzuführen und mit der Rassentheorie zu belegen. Zu bemerken ist aber, dass Huldschiner hier keine Mehrheitsmeinung vertrat. Im Allgemeinen gingen jüdische Wissenschaftler vorsichtiger mit dem Begriff Rasse um, vielleicht auch, um sich von den Antisemiten abzugrenzen, sicherlich aber auch, weil man den Begriff für haltlos oder jedenfalls noch für verfrüht hielt und vielmehr davon ausging, dass man beim Menschen aufgrund der vielen Vermischungen, die es innerhalb der letzten Jahrtausende gegeben habe, nicht von einer oder mehreren Rassen sprechen könne. Huldschiner war jedenfalls sehr interessiert am rassentheoretischen Zugang und bediente sich nicht nur der Theorien Sombarts, sondern auch jener des jüdischen Rassentheoretikers Ignaz Zollschan. Mit diesen versuchte er zu belegen, dass die Juden als Nation bzw. als Rasse gleich allen anderen Völkern den Anspruch auf einen eigenen Staat hätten, wobei eine Voraussetzung auch die Erhaltung der Rassenreinheit sei. Daher habe die jüdische Rasse durch Mischehen ebendiese eingebüßt. Doch sei durch das Religionsgesetz und durch die Feindschaft, die sie von anderen Völkern erfuhr, eine relative Konsolidierung ihrer Rassenzusammensetzung erreicht: So schied sich alles Fremde aus: das jüdische Volk war nicht mehr wie ein Strom, der aus hundert Zuflüssen gespeist schließlich seinen Anfängen ganz unähnlich wird, sondern hatte eine Kraft erworben, die wie aus geschmolzenem Metall alles Unähnliche als Schlacke von sich absonderte. (DJp: 3) Damit erklärt sich Huldschiner auch die Einheit des jüdischen Volkes bzw. der jüdischen Rasse, die von den Juden selbst oft negiert werde, aber Voraussetzung für die Entstehung eines jüdischen Nationalbewusstseins sei. Auch wenn ein Jude in Amerika, Europa oder Russland lebe, stamme er doch von derselben Rasse ab. Die Unterschiede seien durch das jeweilige Milieu bedingt: 649 Vgl. Gelber 2006, 109 f. 190 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Das Blut spricht eben vernehmlicher als alles andere. Darum ist der Unterschied zwischen einem marokkanischen, einem galizischen, einem deutschen und einem amerikanischen Juden, wenn man von ihren äusserlichen Civilisationsmerkmalen absieht, sicher nicht grösser als der etwa zwischen einem oberbairischen Bergbauern, einem Sachsen in Siebenbürgen und einem Friesen. Denn alle Juden verbindet ein oft unter der Schwelle des Bewusstseins lebendes, instinktives Gefühl der Gemeinsamkeit, das allen willkürlichen Construktionen spottet, weil sein Substrat überall die nämliche, jüdische Seele ist. (DJp: 5) Den Einfluss der jüdischen Religion auf den Zusammenhalt der jüdischen Rasse hält Huldschiner für gering, da gerade in neuerer Zeit sich immer mehr Juden vom Glauben abwenden würden, sich aber dennoch als Juden sähen. Die Aussage, die Religion sei also »etwas Sekundäres, ist abgeleitet aus der durch die Rasseneinheit bedingten besonderen Art des Erfassens und Fühlens« (DJp: 5). Huldschiner führt den hohen »Rassenwert« (DJp: 7) der Juden an und betont die großen Schritte, welche die Juden seit ihrer Befreiung aus dem Ghetto in vielen Bereichen des Wirtschafts- und Kulturlebens gemacht hätten, und stellt nicht ohne Stolz fest, dass die »Angst, aus der heraus der Antisemitismus eine Uebermacht des jüdischen Elements konstruiert, tatsächlich die Bedeutung des jüdischen Geistes auch in der Gegenwart illustriert« (DJp: 7). Huldschiner versucht also nicht, den von den Antisemiten häufig geäußerten Vorwurf der jüdischen Dominanz in bestimmten Berufen zu entkräften, sondern gibt ihnen vielmehr recht: Die Schöpfung des monotheistischen Gottesgedankens, die Dichtung der Bibel, die semitische Kultur in Spanien, die semitische Grundlage der modernen Naturwissenschaft und Mathematik, ja die Anfänge des Humanismus und der Renaissance, die Schöpfung des ganzen modernen Handels in der ersten Hälfte des Mittelalters sind nur einige Taten des jüdischen Geistes in der Vergangenheit. […] Wir sind nur 600.000 unter 65 Millionen Nichtjuden. Wenn aber ein so kleines Häuflein die Gesamtkultur eines grossen Volkes so nachdrücklich beeinflussen kann, dann muss es doch Wert haben in der Welt. (DJp: 7) Die Absicht, die Huldschiner mit seiner Argumentationslinie verfolgt, ist eindeutig: Er möchte vor allem die angepassten und assimilierten Juden aus ihrer defensiven Haltung holen, ihnen ihre Stärke und ihre Talente bewusst machen und sie dadurch für die zionistische Idee gewinnen. Zudem betont er die Wichtigkeit der »Arterhaltung« (DJp: 8), da die Religion diese Aufgabe nicht erfüllen könne. Es brauche also etwas Neues, das die Juden als Rasse zusammenhalte. Aufgrund des gesellschaftlichen Druckes in Westeuropa bzw. der Verfolgungen in Osteuropa sähen viele Juden die einzige Lösung in der völligen Assimilation. Während Sombart eine solche Assimilation als unmöglich erachtet, da »z. B. die Verbindung von jüdischem und deutschem Blut keine glückliche Mischung ergebe« (DJp: 10) und daher keine große Gefahr einer Vermischung bestehe, führt Huldschiner Beispiele an, die belegen sollen, dass die »Arterhaltung« der Juden gefährdet sei. Gründe seien neben der niedrigen Geburtenrate in den Großstädten vor allem Mischehen: 191 Exkurs II: Huldschiner als Zionist Nach Zollschan kamen in Hamburg in den Jahren 1903 bis 1905 auf 100 rein jüdische Ehen nicht weniger als 49 Mischehen650 – das heißt jeder dritte Jude oder Jüdin heiratet einen Nichtjuden oder Nichtjüdin. (DJp: 11) In Osteuropa dagegen verringere sich die Anzahl der Juden durch Auswanderung, Taufe und aufgrund von Pogromen. Gelöst werden könne die Situation nur durch die Selbsterkenntnis der Juden, dass sie anders seien als ihr Wirtsvolk: Er [der Jude] fühlt eben deutlich, dass seine Kultur durch seine jüdische Rassensphäre bedingt ist. Sie ist, wenn ich von unseren deutschen Juden spreche, von der deutschen Kultur nicht nur durch gewisse Grade des Temperaments unterschieden. Sie ist nicht schlechter oder niedriger, sondern anders. Sie ist spezifisch deutlich erkennbar, wie etwa der deutsche Anteil des deutschen Elements an der amerikanischen Kultur. (DJp: 12) Demzufolge habe ein ausgewanderter Deutscher in Amerika immer noch »den Rückhalt an der deutschen Heimat, die seiner Kultur Glaubwürdigkeit und innere Berechtigung gibt« (DJp: 13). Dies fehle den Juden überall auf der Welt. Daher sei es das Hauptziel des Zionismus, den Juden in anderen Ländern ein »jüdisches Centrum [zu schaffen], das seine völlig ungehemmte Entwicklung verbürgt und vor den Völkern legitimiert« (DJp: 13). Dieses neu geschaffene »Vaterland« (DJp: 14) für alle Juden auf der Welt sei den Zionisten zufolge Palästina, »die alte Heimat« (DJp: 14) der Juden. Der Zionismus, so Huldschiner, stehe allen politischen und religiösen Richtungen innerhalb des jüdischen Volkes offen, da er eine Art jüdisches Nationalgefühl vorbereite, das auch dem Zusammenleben mit anderen Völkern und Kulturen zuträglich sei: Der Staat der nächsten Jahrhunderte wird nicht die kosmopolitische Farblosigkeit sein, die die Aufklärungszeit erträumte, wahrscheinlich auch nicht der völkisch homogene Staat, sondern der Völkerbund, der die spezifische Kultur seiner einzelnen Volksindividuen unangetastet lässt, weil er weiss, dass alle seine Teile gern und opferfreudig zum Ganzen streben. Es gibt schon heute kaum mehr irgendwo auf der Welt einen Staat, der nach der Rasse und Kultur seiner Bürger eine geschlossene Einheit darstellte. Sie sind vielmehr Gebilde aus völkisch sehr verschiedenartigen Elementen, die das Princip des Staatsbürgertums fest geeint hat. (DJp: 18 f.) Somit sei es auch nicht notwendig, dass alle Juden nach Palästina auswandern müssten, da sie als Staatsbürger ihres jeweiligen Landes durch den gemeinsamen Staat Palästina zum einen Selbstbewusstsein und Identität bezögen, zum anderen nicht mehr als heimatlos gälten und daher auf Augenhöhe mit den anderen Staatsbürgern zusammenleben könnten. 650 Huldschiner sieht Mischehen als Gefahr für die jüdische Rasse an, da Personen, die »eine Mischehe eingingen, […] in den allermeisten Fällen für den jüdischen Volkskörper verloren waren« (DJp: 3). 192 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Huldschiner einer bestimmten zionistischen Richtung zuzuordnen, erweist sich trotz der augenscheinlichen Nähe zum Kulturzionismus als schwierig. Zum einen gibt es nicht genügend Quellenmaterial, woraus man schlussfolgern könnte, dass Huldschiner ausschließlich kulturzionistisch argumentiert hat. Zum anderen fanden sich in der Geisteshaltung vieler Zionisten häufig Widersprüche, manchmal sogar Inkonsequenzen in ihrem Denken und Handeln, sodass eine Zuordnung Huldschiners zu einer einzigen zionistischen Strömung sicherlich nicht haltbar wäre. Huldschiners Interesse für den Zionismus ließ ab 1912 deutlich nach. Als im August 1911 der 10. Kongress in Basel stattfand, erhoffte sich Huldschiner, aufgrund seiner Bekanntheit als Schriftsteller und wegen seiner Mitarbeit beim letzten Kongress als Delegierter des Ortsverbandes in die Schweiz geschickt zu werden. Da aber nur zwei Plätze finanzierbar waren und sie von anderen Mitgliedern der Ortsgruppe beansprucht wurden, wandte sich Huldschiner im Mai 1911 an den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, David Wolffsohn, mit dem er persönlich bekannt war, um ein drittes Mandat für Basel zu erreichen.651 Seinem Wunsch wurde aber nicht stattgegeben, da Huldschiner nicht in der Teilnehmerliste des 10. Weltkongresses geführt wurde, wohl aber seine beiden Kontrahenten der Ortsgruppe Hamburg.652 Dieser Rückschlag trug vermutlich dazu bei, dass seine ursprüngliche Begeisterung für die zionistische Idee abnahm, und er bestärkte ihn in seiner Überzeugung, Hamburg so bald wie möglich zu verlassen. Huldschiner veröffentlichte später weder weitere Aufsätze zu diesem Thema noch behandelte er den Zionismus in seinen literarischen Werken. Auch sein Interesse für die biblischen Stoffe wurde geringer, sieht man vom zweiten Teil seines Romans Beatus ab. Ebenso veränderte sich seine stets sehr kritische Sicht auf die verschiedenen Glaubensrichtungen. So setzte er in vielen seiner Werke den christlichen Glauben mit Rückständigkeit, Bigotterie und Fanatismus in Beziehung und sah als Zionist die jüdische Religion eher als ein Hindernis für die Bildung einer jüdischen Nation an. In der autobiografisch geprägten Erzählung Zauberland beantwortet der erwachsene Ich-Erzähler die Gretchenfrage damit, dass »ich schon lange angefangen habe zu zweifeln, ob er [Gott] überhaupt noch lebt« (Zbl: 585). Huldschiners Religiosität war seit jeher von großer Ambivalenz geprägt, was auch daran deutlich wird, dass er seinen Erzähler, als er jünger gewesen ist, noch glauben lässt, beim Bergsteigen »Gott dem Herrn recht nahe zu sein« (Zbl: 584). Seine negative Sichtweise auf die Religion änderte sich im Laufe der folgenden Jahre bzw. wurde nicht mehr thematisiert, sodass seit seiner Weltreise kaum mehr religionskritische Bemerkungen in seine Texte Eingang gefunden haben. Diesen Wandel macht folgendes Zitat von 1922 aus seiner letzten längeren Erzählung, Die Göttin Texy, deutlich. Eine Nebenfigur, der jüdische Antiquitätenhändler Zeisl, stellt mit Blick auf die kleine Götterstatue fest: […] es geht eine große Idee über die Erde, durch alle Völker und Religionen; keine ist schlechter als die andere; nur den Kern muß man immer erfassen, und der ist der nämliche beim Heiligen Franz von Assisi wie bei den Azteken, und wegen meiner 651 Vgl. Huldschiner 21.05.1911. 652 Vgl. Zionistisches Aktionskomitee 1911. 193 Exkurs II: Huldschiner als Zionist sogar bei der Heilsarmee. Mensch ist Trieb und Laster, Gott ist das, was Trieb und Laster verklärt und veredelt. Von der Erde kommen wir, zur Erde gehen wir, nichts geht verloren, alles kommt wieder, so oder so. (DGT: 39) Somit sieht Huldschiner den Menschen immer noch als triebgesteuertes und lasterhaftes Wesen. Allerdings erkennt er die Existenz eines höheren Wesens an, welches über allen Menschen stehe, gleich welchem Glauben sie anhängen würden, und welches versucht, einen positiven Einfluss auf diese auszuüben. Durch seine Weltreise erhielt der vielseitig interessierte Schriftsteller neue Eindrücke. Er begann, sich für die chinesische und japanische Kultur zu interessieren, und verarbeitete seine Erfahrungen in Erzählungen, die ihn von den biblischen Stoffen und der zionistischen Ideologie wegführten. Die Teilnahme am Ersten Weltkrieg bildete ebenso eine Zäsur in seiner Biografie und zugleich auch in seinem schriftstellerischen Schaffen. Nun verarbeitete er vor allem seine eigenen Fronterfahrungen, und seine jüdische Herkunft wurde in den publizierten Texten nicht mehr erwähnt. Die einzige bekannte Ausnahme ist folgender nicht veröffentlichte Text, in dem Huldschiner sowohl seine jüdische Herkunft als auch sein zionistisches Bekenntnis erwähnt. 8.6 Feldpostbrief (unveröffentlichter Text) Huldschiner verfasste während seines Einsatzes an der Gebirgsfront einen vermutlich nicht veröffentlichten653 Text mit dem Titel Feldpostbrief. In welchem Jahr genau er verfasst wurde, lässt sich nicht feststellen. Ebenso wenig klar ist, ob es sich um eine autobiografisch gefärbte Erzählung oder um einen tatsächlichen Brief an seine Familie handelt. Feldpostbriefe wurden jeden Tag millionenfach von der Front in die Heimat gesandt und galten schon während des Krieges und trotz der Zensur als authentische Quellen. Ausgewählte Texte wurden aufgrund ihrer Popularität nicht nur in den Schützengrabenzeitungen veröffentlicht, sondern wurden auch in vielen deutschen und österreichischen Tageszeitungen publiziert und später in Anthologien zusammengetragen. Da auch die deutsch-jüdischen Zeitungen und Zeitschriften Feldpostbriefe jüdischer Soldaten abdruckten und es mindestens zwei Sammlungen von Feldpostbriefen aus jüdischer Feder gab (Jüdische Feldpostbriefe, 1915 und Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden, 1915), ist es durchaus möglich, dass auch Huldschiners Feldpostbrief als Veröffentlichung gedacht war. Huldschiner war Schriftsteller mit Leib und Seele, sodass sich auch seine privaten Nachrichten und Korrespondenzen stilistisch vielfach an seinen publizierten literarischen Werken orientierten. Zudem enthalten viele seiner Veröffentlichungen autobiografische Elemente, sodass der Text mit der Intention geschrieben worden sein könnte, einen fiktiven Feldpostbrief mit autobiografischen Bezügen darzustellen. Der Inhalt spiegelt die Desillusionierung wider, die nicht nur Huldschiner, sondern viele seiner Kameraden nach Monaten des Krieges erfasst hatte. Der Ich-Erzähler sitzt in seinem Unter- 653 Daher ist der Text im Anhang abgedruckt. 194 Andreas Micheli: Richard Huldschiner stand im Dunkeln, da »alle Lichter […] abgeblendet [werden], daß kein Schein über das eisstarrende Bergland hinüber zum Feind dringt« (Fpb: 1). Während seine Kameraden an Weihnachten denken und sich damit zu trösten versuchen, erinnert sich der Ich-Erzähler daran, »daß das jüdische Heim jetzt die Chanu- Abb . 20: Feldpostbrief (1915?) . 195 Exkurs II: Huldschiner als Zionist ka-Leuchter entzündet« (Fpb: 1). Die vielen Stunden des Wartens und das »Dröhnen der Kanonenschüsse« (Fpb: 1) führen dazu, dass die Sehnsucht nach Wärme und Licht, nach einem zärtlichen Wort [geschlichen] kommt wie ein Dieb auf leisen Sohlen und gewaltsam verjagt werden [muss], soll sie nicht die Oberhand gewinnen. (Fpb: 1) Der Tod an der Front wird hier zynischer als in seinen anderen Texten abgehandelt: »Hört man die Kugel singen [Hervorhebung im Original], so ist es gut. Die, die trifft [Hervorhebung im Original], die hört man nicht …« (Fpb: 1). Vergleicht man den Text mit anderen aus Huldschiners Feder während des Krieges, fällt auf, dass sich die Erzählerfigur viel offener und kritischer über den Alltag an der Front äußert: Patrouillen-Gänge654: ohne Licht in die Nacht hinab, Steigeisen an den Füßen, daß man nicht gleitet auf dem Eis der Wege. Fassen wir [Hervorhebung im Original] den Feind, oder faßt er uns [Hervorhebung im Original]. Dort unten im trügerischen Busch? Wer wird zuerst da sein, er oder wir? Wer wird zuerst im Hinterhalt liegen, er oder wir? (Fpb: 1 f.) Besonders das Patrouillieren, eine der wenigen Gelegenheiten für die Soldaten, der Enge des Unterstands zu entfliehen, wird in Huldschiners publizierten Geschichten zumeist heroisch dargestellt; hier jedoch spürt man die Angst, die bei derartigen Einsätzen allgegenwärtig war. Ebenso erkennt man die Sorge, die der Ich-Erzähler verspürt, wenn er einerseits die vielen Toten beweint und andererseits auf ein baldiges Ende des Krieges hofft: Menschenleben sind wie Spreu vor dem Wind. Heute sang er mit uns im Kreise, morgen liegt er im Blut auf der Bahre, auf der wir ihn heraufgetragen haben. Einen Augenblick nur Stille und andächtige Trauer. Dann siegt das Leben über den Tod, und lebenbejahend steigt ein Lied zum schneegrauen Himmel hinauf. Einmal wird es ja den Frieden geben, aber jetzt ist Krieg, es muß gefochten sein, es muß gestorben sein […] (Fpb: 2) Im Gegensatz zu den anderen Kriegsgeschichten thematisiert Huldschiner hier seine jüdischen Wurzeln und spielt auf seine zionistischen Ideale an: Noch [Hervorhebung im Original] leuchtet sie [die Menora] nicht zum Makkabäerkampf. Aber auch dieser Krieg schon ist vielleicht Vorstufe der Befreiung. Und wir kämpfen ihn aus mit dem Bewußtsein, daß wir mehr tun müssen als andere, weil wir weniger gelten, obschon wir wußten, daß wir nicht geringer sind als irgend einer. (Fpb: 2) 654 Es ist davon auszugehen, dass Huldschiner als Arzt kaum Patrouillengänge machen musste, wohl aber seine Kameraden, die ihm sicherlich von ihren Erfahrungen berichtet hatten. 196 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Nach dem Krieg, als er sich in seiner Wahlheimat Südtirol niederließ, befasste sich Huldschiner beruflich als Korrespondent vordergründig mit Südtiroler Themen und hier vor allem mit der Politik und der Lage der Deutsch-Österreicher südlich des Brenners, und ließ die spezifisch jüdischen Themen in seinen Texten in den Hintergrund rücken bzw. erwähnte sie nur mehr selten.

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Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.