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7 Mitarbeit am Brenner (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 131 - 176

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-131

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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131 7 Mitarbeit am Brenner (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Unter der Voraussetzung, daß »Der Brenner« Kunst und Kultur nicht unter einem engen, chauvinistischen Gesichtswinkel sieht, bin ich sehr gern bereit mitzuarbeiten.454 Die Jahre 1909 und 1910 können in Huldschiners Vita aus mehrerlei Gründen als Umbruchjahre gesehen werden. Der Arztberuf genügte ihm schon lange nicht mehr. Schließlich sah er seine wahre Berufung einzig in der Schriftstellerei, deren Erfolg sich trotz positiver Resonanz in den Feuilletons sehr in Grenzen hielt. Dem versuchte Huldschiner zu begegnen, indem er z. B. mit Arthur Schnitzler korrespondierte, welchen er während eines Urlaubes in Seis kennengelernt hatte. Leider ist nur das Antwortschreiben Schnitzlers erhalten. Aus diesem geht hervor, dass Huldschiner sich an Schnitzler gewandt hatte, um mit dessen Hilfe Kontakte in Wien zu knüpfen. So erkundigte sich Huldschiner nach den Möglichkeiten, in Wien Dichterlesungen zu halten. Schnitzler nannte ihm verschiedene Vereine, an die sich Huldschiner wenden könne, bedauerte es aber, dass er »kaum mit einer der führenden Persönlichkeiten dieser Vereine in Verbindung oder Bekanntschaft«455 stehe. Auch ein weiteres Vorhaben Huldschiners, nämlich sich als Literatur übersetzer zu betätigen, konnte nicht umgesetzt werden. So wandte er sich an seinen alten Verleger Alfred Janssen, dem er seine Absicht bekundete, den in Italien zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Roman La città del giglio456 von Dora Melegari ins Deutsche zu übertragen.457 Zudem schrieb er 1909 zwar an seinem ein Jahr später erschienenen Roman Die Nachtmahr und verfasste einige Rezensionen für das Literarische Echo, doch musste er erkennen, dass sein berufliches Fortkommen als Schriftsteller auf niedrigem Niveau stagnierte. 454 Huldschiner 06.05.1910. 455 Schnitzler 12.02.1910. 456 Der Roman wurde Anfang 1911 auf Italienisch veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung, die in den erwähnten Zeitraum fallen könnte, gibt es nicht. 457 Vgl. Huldschiner 22.03.1910. 132 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Außerdem fühlte sich Huldschiner in Hamburg sehr einsam. Obgleich Sexualität in den verschiedensten Spielarten in seinen Werken einen nicht unwesentlichen Faktor darstellte, scheinen Liebesbeziehungen in Huldschiners Leben, bezieht man sich auf die wenigen erhaltenen Briefe persönlicher Natur, keine große Rolle gespielt zu haben. Auf verschiedene Nachfragen von Bekannten betonte er immer wieder, dass er noch nicht verheiratet sei und dies auch noch nicht beabsichtige. Wann immer Huldschiner von Liebesbeziehungen zu Frauen berichtet hatte, waren sie einseitig oder standen unter einem schlechten Stern. Exemplarisch soll hier von einer kurzen Beziehung zu einer verheirateten Frau berichtet werden, die Huldschiner auf seiner dritten Weltreise in Hongkong kennengelernt hatte. So schrieb er seiner Familie, dass er sich »wieder einmal«458 verliebt habe, und zwar in eine Frau mit dem Nachnamen Younan, »unter deren Zeichen Hongkong immer für mich stehen wird«459. Huldschiner und Younan schätzten die jeweilige Gesellschaft sehr, dennoch entwickelte sich ihre Freundschaft während des dreitägigen Aufenthaltes Huldschiners in Hongkong nicht weiter. Sein wichtigster persönlicher Bezugspunkt blieb seine Mutter Johanna, die von 1901 bis zu seinem Wegzug aus Hamburg bei ihm wohnte. Auch pflegte Huldschiner nach derzeitigem Forschungsstand kaum tiefere Freundschaften, sind doch alle erhaltenen Briefe, auch jene, die persönliche Informationen enthalten, im Ton sehr distanziert. Dass sich Huldschiner nach einer Freundschaft bzw. nach einem Mentor, in jedem Fall aber nach einer weiteren vertrauten Person gesehnt hatte, macht folgender Brief an 458 Huldschiner 02.07.1913 – 04.07.1913. 459 Ebd. Abb . 14: Postkarte an Arthur Schnitzler (1910) . 133 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr den Dichter Richard Dehmel deutlich. Der Brief ähnelt den Formulierungen nach einem Liebesbrief eines begeisterten Fans an sein Idol. Huldschiner lernte Dehmel bei einer Nachtsitzung der Hamburger Ratsgesellschaft kennen, doch blieb die Bekanntschaft flüchtig. Huldschiner schrieb über ihr erstes Zusammentreffen an Dehmel folgende Zeilen: Aber wir sprachen nur einige Worte mit einander, und Sie werden sich meiner wahrscheinlich nicht mehr erinnern, umsomehr als es mir nicht gegeben ist, mich bei Unterhaltungen in größerem Kreis irgendwie bemerkbar zu machen.460 Huldschiner traf bei der Beerdigung von Dehmels engem Freund Detlev von Liliencron erneut auf ihn. Berührt von seiner Grabrede, bat Huldschiner in seinem Schreiben um ein baldiges persönliches Treffen. Nun aber, zumal ich Sie am Sonntag bei Liliencrons Beerdigung sprechen hörte und Sie um Ihrer schönen, wahren und ekstatischen Worte willen herzlich lieb gewann, ist es mir ein Bedürfnis Ihnen das zu sagen und Sie zu fragen, ob es Ihnen lästig wäre, wenn ich Sie einmal besuchen und mit Ihnen plaudern würde.461 Bis zu diesem Absatz im Brief könnte man annehmen, dass Huldschiner einen Mentor in literarischen Belangen suchte oder aber Kontakt zu bedeutenden Dichtern, um in Hamburgs Literaturszene Fuß zu fassen. Dagegen spricht aber folgende persönliche Äu- ßerung, die, wenn man bedenkt, dass sie an einen beinahe völlig Fremden gerichtet ist, Huldschiners persönlichen Gefühlszustand am besten exemplifiziert: Ich habe Ihnen keine Verse zur Begutachtung vorzulegen, verlange nicht, daß Sie meine Romane gelesen haben, nur aus meiner Einsamkeit will ich heraus. Hamburg ist ja keine Stadt, da die Propheten wandeln. Haben Sie aber genug Ihnen nahestehende, so schreiben Sie mir einfach: Nein! Auch das kann ich verstehen.462 Da in Dehmels Biografie der Name Richard Huldschiner nicht auftaucht, ist davon auszugehen, dass der Brief unbeantwortet blieb bzw. abschlägig behandelt wurde. Die ausschlaggebenden Gründe für Huldschiners Wegzug aus Hamburg sind leider nicht bekannt und können nur vermutet werden. Allerdings beschleunigten zwei berufliche Entscheidungen sein Vorhaben, in den Süden Deutschlands bzw. zurück nach Österreich zu ziehen. Zum einen die Mitarbeit an der neugegründeten Tiroler Halbmonatsschrift Der Brenner, zum anderen der Verlagswechsel vom Berliner Fleischel Verlag zum renommierten Münchner Albert Langen Verlag. 460 Huldschiner 30.07.1909b. 461 Ebd. 462 Ebd. 134 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 7.1 Die Nachtmahr (Roman) Das Jahr 1910 begann für Huldschiner durchaus erfolgreich. So wurde ihm, nachdem er über mehrere Jahre als Verfasser von Rezensionen für das Literarische Echo tätig gewesen war, eine zweifache Ehrung zuteil. Zum einen durfte er für die Reihe Autobiographische Skizzen des Literarischen Echos einen autobiografischen Essay schreiben,463 zum anderen widmete Karl Hans Strobl Huldschiner und seinen bisherigen Werken eine ausführliche Retrospektive.464 Außerdem erschien nach dem Verlagswechsel zum Albert Langen Verlag am Jahresende sein neuer Roman, Die Nachtmahr. Der Verleger Albert Langen gründete 1893 in Paris und ein Jahr später in Leipzig den nach ihm benannten Verlag mit der Hauptabsicht, »talentvolle Skandinavier, sowie Franzosen dem deutschen Publikum zugänglich zu machen«465. Namhafte Autoren wie die Norweger Björnson und Hamsun sowie die Schwedin Lagerlöf und der Franzose Zola trugen zur Etablierung des Verlags in der deutschen Verlagslandschaft bei. Die Ver- öffentlichungen deutschsprachiger Autoren nahmen nach der Jahrhundertwende stark zu (Thoma, Wassermann, Heinrich Mann). Außerdem gründete er die Zeitschrift Simplicissimus, ein »literarisch-künstlerisches Blatt […] mit stark satirisch-kritischem Charakter«466, für welches Huldschiner einige Jahre später mehrere Erzählungen verfasste. Vermutlich lief der Vertrag mit dem Fleischel Verlag aus bzw. wurde gekündigt. Mit dem Wechsel zum Albert Langen Verlag ging auch die Drittveröffentlichung seines zweiten Romans, Fegefeuer, einher. Er wurde im Hamburger Verlag der Deutschen Dichter- Gedächtnis-Stiftung 1910467 und nochmals 1927468 veröffentlicht. Ob der Fleischel Verlag der Veröffentlichung zugestimmt hatte oder ob die Verlagsrechte zu jenem Zeitpunkt ohnehin wieder bei Huldschiner waren, lässt sich ohne einen Blick in die Verträge nicht eruieren. Huldschiner war jedenfalls um 1910 / 1911 stellvertretendes Mitglied des Vorstandes der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung.469 Ziel der 1901 gegründeten und bis 1932 bestehenden Stiftung war es laut Eigenbekundung, »hervorragenden Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes zu setzen«470. Man wollte dies über die Verteilung literarisch anspruchsvoller Bücher an die Volksbibliotheken erreichen. So wurden 1911 an 1750 Bibliotheken Bücher im Wert von 120.000 Mark gegen einen kleinen Beitrag pro Buch ausgegeben.471 Außerdem bediente die Stiftung Krankenhausbibliotheken und sogar Besatzungen von Leuchttürmen und Feuerschiffen.472 Zudem setzte sie sich für das »Deutschtum im 463 Vgl. Huldschiner 1910c. 464 Vgl. Strobl 1910b. 465 Estermann und Füssel 2003, S. 226. 466 Ebd., S. 229. 467 Vgl. Huldschiner 1910b. 468 Vgl. Huldschiner 1927b. 469 Vgl. Festschrift der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung 1912. 470 Ebd., S. 10. 471 Vgl. ebd., S. 12. 472 Vgl. ebd., S. 15. 135 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Auslande«473 ein, indem auch deutschen Auslandsbibliotheken kostengünstig ausgewählte Literatur zur Verfügung gestellt wurde. Ergänzend dazu wies die Stiftung in verschiedenen Kampagnen auf das Problem der sogenannten Schundliteratur hin, vor allem die sehr beliebten Kolportageromane waren sehr verbreitet. Die Stiftung sah vor allem Kinder und Jugendliche durch diese Art von Literatur als gefährdet an.474 Dass Huldschiner kein kommerziell erfolgreicher Autor war, wurde bereits festgestellt. Aufgrund der Tatsache, dass er stets andere Berufe zusätzlich zu seiner Arbeit als Schriftsteller ausüben musste, kann davon ausgegangen werden, dass er vom Verkauf seiner Bücher allein nicht leben konnte. Im Verlagsvertrag für den Roman Die Nachtmahr zwischen Huldschiner und Korfiz Holm475 als Vertreter des Albert Langen Verlags wurde im zweiten Artikel Folgendes festgehalten: Herr Dr. Huldschiner empfängt als Honorar 15 % vom Ladenpreis der brochierten Exemplare, jeweils beim Erscheinen einer Auflage für die ganze gedruckte Auflage vorausbezahlt. Vom sechsten Tausend an erhöht sich dieses Honorar auf 20 % vom Ladenpreis. Die erste Auflage wird auf 2000 Exemplare festgesetzt, der Ladenpreis soll nicht weniger als M. 3.- für das brochierte Exemplar betragen. Alle sonstigen mit der Herstellung und dem Vertrieb zusammenhängenden geschäftlichen Massnahmen, die Festsetzung der Höhe etwaiger weiterer Auflagen und so weiter, bleiben der Verlagshandlung überlassen.476 Die Nachtmahr erlebte keine weitere Auflage, bezieht man sich auf die Bestände der deutschsprachigen Bibliotheken, die den Roman, wenn überhaupt, nur in der ersten Auflage aufbewahren. Auch das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) listet das Werk nur in seiner Erstauflage. Falls nun die gesamte erste Auflage verkauft worden wäre, hätte Huldschiner ein maximaler Erlös von 900 Mark477 vor Steuer zugestanden. Leider gibt es über die Einkommenssituation von deutschen Autoren um die Jahrhundertwende kaum verlässliche Daten, sodass sich die Zahlen aus Huldschiners Vertrag nur schwer einordnen lassen. So bemerkt der Erzähler und Kunsthistoriker Georg Hermann 1911 über den Verdienst von Romanschriftstellern, dass höchstens große Bucher- 473 Ebd., S. 16. 474 Vgl. ebd., S. 19 f. 475 Holm übernahm nach dem Tod Albert Langens die Verlagsleitung. 476 Holm 25.08.1910. 477 Das entspräche 2017 ca. 5.000 € (vgl. Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen, www.bundesbank.de). Abb . 15: Die Nachtmahr (1910) . 136 Andreas Micheli: Richard Huldschiner folge, »die aber nur ein bis zwei Mal im Jahr vorkämen, […] ihren Autoren 25 – 50.000 Mark [einbrächten], bei maximal hoher Tantieme von 20 bis 25 % vom Ladenpreis«478. So würden sogar erfolgreiche Autoren wie Theodor Fontane und Heinrich Mann für ihr literarisches Schaffen im Allgemeinen nur »etwa 3 – 4000 Mark für ihre vielmonatliche und sogar von äußerem Erfolg getragene Arbeit«479 erhalten. Huldschiner war mit der finanziellen Ausbeute, die ihm sein literarisches Schaffen einbrachte, nicht zufrieden. Zudem beklagte er sich in einem Brief an Korfiz Holm darüber, dass er bezüglich seines Arztberufes schon seit einigen Jahren erkannt habe, daß es grade diese berufliche Tätigkeit ist, die mich in meinem Schaffen stört, mir die Möglichkeit der Sammlung nimmt und dadurch auch auf meine Stimmung ungünstig einwirkt.480 So trage er sich mit dem Gedanken, den Arztberuf aufzugeben und »nach München zu übersiedeln, das ich als Student kennen und lieben gelernt habe, umso mehr als es meinen Bergen näher«481 sei. Allerdings sei er »ohne Vermögen, und meine Schriften bringen mir nicht so viel, daß ich ohne peinigende Nahrungssorgen davon leben könnte«482. Daher wende er sich mit der Bitte an Holm, er möge ihm Kontakte zu anderen süddeutschen Verlegern herstellen: [I]ch [wäre] sehr zufrieden, wenn ich als Leiter eines Feuilletons oder als Herausgeber einer künstlerisch gehaltenen Wochenschrift oder in irgend einer ähnlich gearteten, literarischen Tätigkeit, die ein paar tausend Mark einbringt, ohne mich dabei meinem eigenen Schaffen ganz zu entziehen, in München oder Süddeutschland überhaupt wirken könnte.483 Huldschiners sechster Roman, Die Nachtmahr, spielt, ohne dass es dezidiert angegeben wird, wieder in Tirol. Diesmal vermied es Huldschiner aber, seine Geschichte an einem bestimmten Ort handeln zu lassen. Die im Roman genannten Orte sind teilweise Erfindungen bzw. liegen, sofern sie sich geografisch überhaupt in Tirol befinden, in der Realität weiter voneinander entfernt, als es im Roman geschildert wird. Die Hauptfigur des Werkes, die Bäuerin Anna Niedermoser, lebt in einer unglücklichen Ehe, begeht Ehebruch, wird schwanger und am Ende zur Kindsmörderin. Der Roman erinnert durch die Verwendung des Motivs der Ehebrecherin in Grundzügen an Fontanes Effi Briest, allerdings ins bäuerliche Milieu verlegt. Huldschiners Protagonistin ist eine junge Frau, die aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen ihrer sozialen Schicht zu einer Ehe gezwungen wird, obgleich sie sich sexuell und später auch emotional einem anderen Mann verbunden fühlt. Anstatt ihrem Schicksal zu entfliehen, erträgt sie die unglückliche Ehe beinahe fatalistisch, bis sie zum Schluss keinen anderen 478 Georg Hermann 1911, zit. nach Parr 2010, S. 375. 479 Ebd. 480 Huldschiner 24.09.1910. 481 Ebd. 482 Ebd. 483 Ebd. 137 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Ausweg mehr sieht und ihr Kind nach der Geburt tötet. Hier bediente sich Huldschiner eines weiteren bekannten literarischen Motivs, nämlich des Infantizids, welcher u. a. bei Goethe (Faust. Eine Tragödie) oder Hauptmann (Rose Bernd) anzutreffen ist. Die Figuren sind teilweise naturalistisch gezeichnet; so wohnt ihnen ein Determinismus inne, der, geprägt durch das Milieu, ein unausweichliches Schicksal für alle Handelnden vorzeichnet. Auch der Rezensent C. M. R. ordnet das Werk dem Naturalismus zu: Seine Menschen führen ein rein triebhaftes, ein animalisches Leben. Von Willensfreiheit, von der Möglichkeit eigener Entscheidung ist bei ihnen nicht die Rede. Sie handeln wie sie handeln müssen, gehen, wie unter einem Verhängnis, ihren Pfad, von dem sie nicht abweichen können.484 Der Torgglerbauer Sebastian Niedermoser gibt seine Tochter Anna, die aufgrund ihres »stillen etwas hochfahrenden Wesens« (DNm: 1) für stolz gehalten und daher spät, also »erst mit 26 Jahren« (DNm: 1), einem Mann versprochen wird, Philipp Verauner zur Ehefrau. Anna steht zunächst treu zu ihrem zukünftigen Ehemann, obwohl sie ihn nicht liebt und ihn nur auf Wunsch ihres Vaters heiratet. Zudem träumt sie immer wieder von Simon, Philipps Bruder, welcher beim Torgglerbauern als Knecht arbeitet. Simon ist dem in sich gekehrten und unsicheren Philipp charakterlich diametral entgegengesetzt. Weltmännisch und selbstbewusst aufgrund seines abgeleisteten Militärdienstes macht er seiner zukünftigen Schwägerin Avancen. Sie weist diese zwar nach außen hin empört zurück, fühlt sich aber insgeheim sexuell von ihm angezogen. Wenn Philipp gegangen und das Haus ruhig geworden war, öffnete sie dem Simon die Kammertür. Aber sie liebte ihn nicht und fand ihn, wenn sie es still bedachte, verächtlich. (DNm: 8) Philipp möchte seine zukünftige Braut küssen, doch sie verweigert sich und gesteht ihm, dass sie ihn, wie seinen Bruder auch, nicht liebe und sich erst küssen lasse, wenn sie verheiratet seien. Aufgrund ihrer Zweifel beschließt Anna, eine Wahrsagerin zu konsultieren in der Hoffnung, einen Rat für ihre Zukunft zu erhalten. Sie möchte nämlich das Eheversprechen mit Philipp aufkündigen. Die Wahrsagerin rät ihr allerdings davon ab, da ihr Vorhaben eine Sünde darstelle. Sie gibt sich schließlich ihrem Schicksal hin und heiratet Philipp: Der Bräutigam war schwer betrunken und schlief sofort ein, als man ihn zu Bette gebracht hatte. Aber Anna lag wach und offenen Auges, und es war ihr, als hätte man sie lebendigen Leibes eingesargt. (DNm: 19) Zwar versucht Anna, sich nach der Hochzeit von Simon fernzuhalten, doch die sexuelle Anziehung ist zu groß. Schließlich schlafen sie miteinander und Anna verliebt sich in Simon und bittet ihn, mit ihr nach Inns bruck zu fliehen, da sie das Zusammenleben mit Philipp nicht mehr erträgt. Er lehnt ihre Bitte spöttisch ab. Einige Zeit später gesteht 484 C.M.R. 1912, S. 71. 138 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Anna ihm ihre Schwangerschaft. Philipp vermutet bereits, dass ihn Anna mit seinem Bruder betrogen habe, und verprügelt sie. Ähnlich wie Anna erträgt auch er diesen Schicksalsschlag. Er ist lieber unglücklich, als dass er die Ehe auflöst und Anna verstößt. Auch er erkennt seine Situation als unausweichlich an. Einerseits fürchtet er den Klatsch und die Häme seiner Mitmenschen, andererseits diktiert die Religion, deren Regeln ihm und allen anderen Dorfbewohnern genaue Verhaltensmuster vorschreiben, die Ehe trotz aller negativen Gefühle, die er für seine Ehefrau hegt, weiterzuführen. Philipp hadert mit sich. Er hasst Anna aufgrund ihres Verrates, fühlt sich aber trotzdem zu ihr hingezogen. Das Gerücht, dass Anna das Kind eines anderen in sich trage, geht wie ein Lauffeuer durch das Dorf und belastet Philipp sehr. Sein Bruder leugnet, ein Verhältnis mit Anna gehabt zu haben. Der betrunkene Philipp versucht ihn, da er ihm keinen Glauben schenkt, umzubringen, doch der Angriff misslingt. Anna fühlt sich alleingelassen. Sie spricht noch einmal mit Simon und bittet ihn, mit ihr und dem gemeinsamen Kind nach Innsbruck zu fliehen. Simon lehnt ab, schwängert ein weiteres Mädchen und drückt sich ein zweites Mal vor der Verantwortung, indem er das Dorf verlässt. Nach dem Wegzug des Bruders als Konkurrent um die Liebe Annas erhofft sich Philipp eine Besserung der Beziehung, allerdings will er sie erzwingen, teilweise mit Drohungen und physischer Gewalt. Huldschiner schildert eindrücklich den Hass, den die beiden Figuren füreinander empfinden: In dem Bauern war eine wütende Gier erwacht; Anna flossen die großen Tränen über das Gesicht; sie fühlte, daß sie ermattete. Dann mit einemmal [sic!] gab sie den Widerstand auf; daß sie ihn liebte, dazu konnte er sie ja nicht zwingen, und das Kind, nein, das Kind war doch nicht von ihm. Mit haßerfüllten Augen sah sie in die widerwärtigen Züge da vor ihr; sie lag wie eine Leiche, ohne sich zu regen. Alles ging vorüber, auch das … (DNm: 93) Annas Hass auf ihren Ehemann wird ständig größer. Die Drohungen und die Annäherungsversuche, die einer Vergewaltigung ähneln, führen dazu, dass sie ihm den Tod wünscht und sogar beabsichtigt, ihn zu vergiften. So zieht Anna in ihrer Verzweiflung sogar den Kerker ihrer Ehe vor: Schiech ist’s auf der Welt – es ist grad, als ob man etwas getan hätte und im Kerker säße … Nein, da wär’s noch feiner; weil man wenigstens allein wäre … (DNm: 147) Da Philipp die Ehe unter allen Umständen weiterführen möchte, erwächst in Anna ein neuer Plan, um sich von ihrem Ehemann zu trennen, nämlich den Hof niederzubrennen, sodass sich Philipp als Knecht anderswo verdingen müsste und sie zusammen mit Simon und dem Kind ohne ihn leben könnte. Eines Nachts legt sie im Stadel ein Feuer, das sich schnell ausbreitet und den Hof zerstört. Philipp und Anna finden auf dem Torgglerhof Obdach. Einige Zeit später bringt sie allein das Kind zur Welt. Da sie für dieses keine Zukunft sieht, ermordet sie es in ihrer Verzweiflung. Anna versucht, den Infantizid zu rechtfertigen: 139 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Es ist unschuldig gestorben, und alles Elend bleibt ihm erspart, das es hätte erdulden müssen, wenn es unter den Händen des Philipps hätte aufwachsen müssen; denn er hätte es doch geschunden und gepeinigt, weil es die Augen von Simele [Simon] hatte und nicht seins war. (DNm: 194) Sie versteckt die Leiche des Kindes im Stadel. Einige Dorfbewohner erstatten, da sich die Niederkunft hinzuziehen scheint, Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, woraufhin die Polizei gegen Anna ermittelt. Anna gibt an, nach Innsbruck in eine Klink zu fahren, um dort das Kind zu gebären. Sie schickt ihrem Vater einen Brief, in dem sie ihm berichtet, dass das Kind tot zur Welt gekommen sei. Als sie zurückkehrt, wird sie von der Polizei verhört, die schließlich auch die Leiche des Kindes findet und Anna ebenfalls die Brandstiftung anlastet. Der Roman endet mit der Verhaftung der Protagonistin. Da Huldschiner als Schriftsteller vor allem im süddeutschen Raum bekannter werden wollte, wandte er sich mit der Bitte an den Albert Langen Verlag, Rezensionsexemplare auch an die dortigen Literaturzeitschriften und Tageszeitungen zu schicken. Insbesondere war es ihm ein Herzensanliegen, in seiner Heimat Tirol als Schriftsteller Fuß zu fassen und Eingang in die dortige Literaturszene485 zu erhalten. Er bedauerte es sehr, dass sein Name nicht zu den bekannteren Tiroler Autoren gezählt wurde: So kommt es, dass sie Hoffensthal, Trentini, Dallago, Luchner und andere – übrigens meist tüchtige Leute – ebenso sehr loben, lesen, kaufen und in den Zeitungen besprechen, als sie mich tot schweigen.486 Seinen mangelnden Erfolg in Tirol erklärte sich Huldschiner im selben Brief an anderer Stelle folgendermaßen: Die Heimat meines Herzens, Tirol, hat mir bis jetzt die Anerkennung versagt, nicht nur, weil ich Jude bin, sondern auch weil die Tiroler, und im Besonderen die Bozner, unter denen ich aufwuchs, eine starke Zurückhaltung gegenüber allem Fremden üben, und als einen Fremden sehen sie jeden an, der nicht seit vielen Generationen Bozner Kind ist.487 Auch wenn er in Tirol zeit seines Lebens nie einen literarischen Durchbruch erzielen konnte, erhielt sein Roman, bezieht man sich auf die aufgefundenen und untersuchten Rezensionen, überwiegend positive Rückmeldungen in der Tiroler Presse. Eine längere Buchbesprechung erschien im Brenner, verfasst von Ludwig Seifert. In einem Dankschreiben an Ficker lobte Huldschiner an Seiferts Rezension »besonders die schöne Ehrlichkeit und das liebevolle Versenken in den psychologischen Ablauf meines Romans, das aus jedem seiner Worte spricht«488. 485 Damit einher ging auch seine gerade begonnene Zusammenarbeit mit dem Her ausgeber der Halbmonatsschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker. 486 Huldschiner 07.11.1910. 487 Ebd. 488 Huldschiner 24.01.1911. 140 Andreas Micheli: Richard Huldschiner So charakterisiert Seifert Huldschiner als einen »Tiroler Dichter«489 und stellt fest, dass Huldschiner zwar in der Heimat relativ unbekannt sei, dass die Bozner Presse kaum über ihn und seine Werke berichte, dass »seine Bücher nicht den Tanten zum Namenstag beschert«490 werden würden, er sich aber dennoch »in der literarischen Welt einen geachteten Namen«491 gemacht habe. Seifert erkennt einige Besonderheiten an Huldschiners Bauernroman, bei dem »der voreingenommene Leser […] jene Lebkuchen süßigkeit vermissen [werde], die bisher so oft als das Merkmal echter Heimatpoesie gegolten«492 habe. So seien die Bauern »keine Marionetten im Nationalitätenkostüm«493, sondern »wirklich atmende Menschen […], die unter dem dunklen Geheiß ihrer Brust hart und trotzig um ihr Leben und Leiden dienen müssen«494. Huldschiners Figuren würden »ohne verschönernde Schminke und ohne gefällige Posen […] vielmehr an die Gestalten von Egger-Lienz und Hodlers als an die Defreggers «495 erinnern. Sie seien dumpfe Wesen, die wie in einem halbwachen Zustand dahinleben, bewundernswert wegen der unvermeidlichen Art, die schlimmsten Dinge zu ertragen. Nur selten bäumen sie sich auf, wenn der Zwiespalt zu quälend wird zwischen den beiden Ge walten, denen sie unterworfen sind: der uralten überkommenen Sitte, die unerbittlich das Glück und die Freude des Einzelnen zum Opfer heischt für die Reinheit des Stammes und den Verstand des ererbten Gutes und ihrem unbändigen Blute, das von bürgerlicher und kirchlicher Satzung nichts weiß.496 Huldschiners »Distanz zum Bauerntum« sei also »nicht Teilnahmslosigkeit«497, sondern gebe ihm einen kritischen Abstand zum Bauern an sich, der sehr gerne romantisiert und dadurch unrealistisch dargestellt werde. Seifert vergleicht Huldschiner deshalb mit Autoren wie Schönherr und Kranewitter, die ebenfalls ein kritisches Bild des Bauern zeichnen würden. In einer Besprechung des Romans in der Meraner Zeitung gibt der Rezensent Paul Rossi folgenden Gesamteindruck wieder: Manchem mag es zunächst so ergehen, daß er sich nach den letzten Worten des Buches von einem beklemmenden Gefühl umengt spürt; aber der reife Leser (unreifen mag das Werk vorenthalten bleiben) erhebt sich rasch über solch’ vorübergehende Bedrückung hinweg zum Genusse der großen Kunst, die in der Erzeugung und im unnachgiebigen Festhalten der Vernichtungsstimmung liegt.498 489 Seifert 1911, S. 409. 490 Ebd. 491 Ebd. 492 Ebd., S. 414. 493 Ebd., S. 410. 494 Ebd. 495 Ebd., S. 411. 496 Ebd., 411 f. 497 Ebd., S. 414. 498 Rossi 1911, 1 f. 141 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Auch Rossi vergleicht das Werk mit anderen zeitgenössischen Werken und sieht inhaltliche Gemeinsamkeiten mit Gerhart Hauptmanns naturalistischem Drama Rose Bernd, wobei Huldschiner mit Die Nachtmahr alles das vermieden habe, »was das herbe Thema ins Weiche, ins Weinerlich-Gefühlvolle hätte verzerren können«499. Damit erklärt sich der Rezensent auch die vielen Dialektpassagen im Roman: Darum die Derbheit des Dialogs; darum ist der Rohheit ein breiter Raum gegönnt, darum wird so selten geweint; die Menschen schreien aus ihren Leiden zum Himmel auf, laut und gellend, aber ein feierliches Schluchzen bricht aus ihnen. Und Huldschiner spürte, daß die Gefahr der Ermüdung nahe lag, wenn er immer und unausgesetzt Worte redete, die von Schuld und Unheil der Anna Vernauer kündeten.500 Die Protagonistin Anna dominiere Rossi zufolge die Handlung des gesamten Romans und lasse die Nebenfiguren zur reinen Staffage werden: […] deshalb treiben sich in manchen Kapiteln unterschiedliche Menschlein herum, die einen ein wenig träg und geschwätzig, die anderen billig und hart, wieder andere voll schwingender Traurigkeit oder frischer Weltfreude.501 Auch in der Bozner Zeitung erschien eine Besprechung des Romans. Der Rezensent definiert darin den Roman als »Tiroler Bauernroman«, dessen »Problem […] weit ab von der bekannten Sommerfrische-Literatur, in der wir sonst den Tiroler Bauern begegnen«502, liege: Dies alles ist eine Geschichte von unerlöstem Menschenleid, die uns zutiefst erschüttert. Der Himmel ist verhängt, die Menschen folgen im Dunkeln ihren einfachen Instinkten.503 Im Literarischen Echo hingegen wurde der Roman vom aus Tirol stammenden Philologen Alois Brandl sehr negativ besprochen. So bedauert der Rezensent, dass hier eine gute Geschichte und »kräftige Erzählkunst«504 an einen »widerlichen Stoff«505 verschwendet worden sei. Brandl bemängelt weiterhin die Seelenlosigkeit der weiblichen Hauptfigur, die nur »tierische Instinkte«506 habe. Huldschiner habe mit seiner Darstellung einer Kindsmörderin die Gattung der Dorfnovelle diskreditiert, denn »[s]chöne Literatur ist doch nicht bloß dazu da, um Nerven zu erregen, die man sonst nur im Zustande der Seekrankheit«507 brauche. Außerdem wirft Brandl Huldschiner vor, dass er, gleich einem 499 Ebd., S. 2. 500 Ebd. 501 Ebd. 502 Südtiroler Tagblatt (Bozner Zeitung) 1911, S. 6. 503 Ebd. 504 Brandl 1912, S. 727. 505 Ebd. 506 Ebd. 507 Ebd. 142 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Zoologen, der »ein ganz abscheuliches Reptil sich aussucht, um es nach allen Regeln der Technik zu sezieren, ohne jeglichen Zweck, nur von einer dämonischen Laune getrieben«508 worden sei. Im 1913 erschienenen Führer durch die deutsche Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts wurden auch Richard Huldschiner und einige seiner Werke kurz besprochen. Dem Lexikoneintrag von Max Geißler zufolge seien »Bozen und das Bozner Land […] Quellen für einige erzählende Dichtungen«509 Huldschiners. So gehe er in mehreren Novellen »den finsteren Instinkten der bäuerlichen Natur«510 nach. Geißler folgert daraus, dass sich Huldschiner im Grunde romantisch fühle, den Weg aber nicht finde und Gräßlichkeiten »in dem harten Lichte einer brutalen Wirklichkeitskunst«511 darstelle. Im Roman Die Nachtmahr meint Geißler den »klug wägenden Künstler« in den wundervollen Details zu entdecken, obwohl sich gegen das Werk »manches einwenden« lasse. Allerdings geht Geißler nicht weiter auf die angedeuteten Schwächen des Romans ein. Während die zeitgenössische Rezeption vor allem den Kindsmord im Roman kritisiert und die Protagonistin Anna als durch und durch negative Figur darstellt, sieht Gerhard Riedmann 1991 die Figur positiv und als Opfer der Gesellschaft: Anna Niedermoser [setzt sich] vergeblich gegen die patriarchalische Willkür und eine inhumane Religion zur Wehr, die ihr eine Ehe aufzwingt, und reagiert auf diese Demütigung mit Kindesmord und Brandstiftung. Das Opfer einer ungerechten und überholten Gesellschaftsordnung wird zu deren dämonischer Rächerin.512 Ähnliches schreibt Walter Methlagl in einem Referat, welches er 1990 im Rahmen einer Lesung aus Huldschiners Werken gehalten hatte. Sie [die Aufdeckung des Kindsmordes] ist jedoch nicht so wichtig wie die Geschichte dessen, was die Frau, die zur Mörderin wird, seelisch mitmacht. Hatten wir beim »jüngsten Gericht« einen Fall von kollektiver Hysterie, so hier den sehr genau gezeichneten Fall der grauenhaften Folgen einer Vereinsamung, in die der Mensch verfallen kann, wenn er die Verbindung zur menschlichen Umwelt verliert.513 7.2 Die Heuschrecken (Erzählung) Im April 1910 trat der in Innsbruck lebende freischaffende Maler und Karikaturist Max von Esterle brieflich an Richard Huldschiner heran, um ihn als Mitarbeiter für die von Ficker konzipierte Kulturzeitschrift Der Brenner anzuwerben. Huldschiner kannte Esterle von seinen alljährlichen Urlauben in Seis und äußerte sich in seiner Antwort an Esterle grundsätzlich positiv zum Vorhaben von Ludwig von Ficker, eine Zeitschrift zu 508 Ebd. 509 Geißler 1913, S. 242. 510 Ebd. 511 Ebd., S. 243. 512 Riedmann 1991, 171 f. 513 Methlagl 20.11.1990, S. 4. 143 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr gründen, die »die Tiroler zu sammeln versuchen will«514. Allerdings gab er zu bedenken, dass »sowohl die Zahl der in Betracht kommenden Mitarbeiter als auch die des Publikums, für welches die Halbmonatsschrift bestimmt ist, klein [sei]«515. Indes hege er die Hoffnung, dass »das Schicksal früherer derartiger Versuche den neuen Unternehmern erspart«516 bleibe, vor allen Dingen dann, »wenn die künstlerischen Principien des Herausgebers der Art sind, daß das schließliche Ergebnis über die Grenzen der engeren Provinz hinaus interessieren«517 könne. Im Mai desselben Jahres sicherte Huldschiner Ficker seine Mitarbeit am Brenner zu, jedoch nur unter der Bedingung, dass »der Brenner Kunst und Kultur nicht unter einem engen, chauvinistischen Gesichtswinkel«518 sehen würde. So hoffte Huldschiner, dass »der Brenner politisch nicht auf dem Standpunkt jener völkischen Feindschaft gegen alles Nicht-Deutsche stehen«519 werde. Zwar könne er dies »vom Standpunkt des bedrohten Deutschtums in Tirol verstehen«520, sähe sich dadurch aber außerstande, »als Jude, und was mir gleichbedeutend erscheint, als Zionist«521 an Fickers Zeitschriftenprojekt mitzuarbeiten. Ludwig von Ficker, der zuerst bei der kurzlebigen Innsbrucker Halbmonatsschrift Der Föhn mitgearbeitet hatte, beabsichtigte mit dem Brenner, eine Tiroler Kulturzeitschrift zu gründen, die sich »vom Nur-Tirolerischen abzugrenzen«522 versuchte und einzig am Schluss eines jeden Heftes in einem aktuellen Artikel »den lokalen Mißständen zu Leibe rücken«523 wollte. So versuchte Ficker, den Wirkungskreis des Brenners auszudehnen, indem er in den folgenden Jahren zahlreiche Autoren aus dem gesamten deutschen Sprachraum zur Mitarbeit an der Halbmonatsschrift bewegen konnte.524 Huldschiner verfasste in den nächsten Jahren nur drei Erzählungen für den Brenner und kann somit nicht zu den festen Mitarbeitern der Zeitschrift gerechnet werden. Im Juni 1910 erschien schließlich die allererste Ausgabe des Brenners. In diesem und im folgenden Heft wurde, auf zwei Ausgaben aufgeteilt, Huldschiners Erzählung Die Heuschrecken veröffentlicht. Der Autor fik tio nalisiert hier eine historisch belegte Heuschreckenplage, welche das spätmittelalterliche Bozen heimgesucht hatte. Allerdings fußt die Erzählung nicht, wie Irene Unterhofer525 vermutet, auf P. J. Ladurner’s Chronik von Bozen526, sondern wahrscheinlich auf Andreas Simeoners Stadt- 514 Huldschiner 14.04.1910. 515 Ebd. 516 Ebd. 517 Ebd. 518 Huldschiner 06.05.1910. 519 Ebd. 520 Ebd. 521 Ebd. 522 Ficker an Michel, zit. nach Klettenhammer und Wimmer-Webhofer 1990, S. 10. 523 Ebd. 524 Vgl. Klettenhammer und Wimmer-Webhofer 1990, S. 10. 525 Vgl. Unterhofer 1990, 54 f. 526 Das Werk des Franziskanermönches und Lokalhistorikers Pater Justinian Ladurner lag bis zu seiner Veröffentlichung im Jahr 1982 nur als Manuskript vor und kann von Huldschiner nur als Quelle rezipiert worden sein, wenn er in den Archiven des Bozner Franziskanerklosters danach gesucht hätte, was aber eher unwahrscheinlich ist (vgl. Ladurner 1982, S. 45). 144 Andreas Micheli: Richard Huldschiner geschichte Die Stadt Bozen527, erschienen 1890. Simeoners Werk geht auf mehreren Seiten relativ ausführlich auf die Jahre 1338 bis 1341 ein und berichtet von denselben Unglücken und Vorkommnissen, die sich auch in Huldschiners Erzählung zutragen. Vergleicht man beide Texte, finden sich zahlreiche Überschneidungen, wiewohl Huldschiners Erzählung die in der Stadtgeschichte angeführte Tierbannung528 nicht erfolgreich sein lässt. Der Einsiedler Romuald berichtet von verschiedenen Vorkommnissen, welche in den Jahren 1338 und 1339 Bozen und Umgebung heimgesucht haben und die aus seiner Sicht als Strafe Gottes anzusehen seien: »Ja, sie haben in der Stadt viel Sündhaftes auf ihre Seele geladen« (DHn: 7). Zunächst seien »ob St. Oswalden, außerhalb Bozen« (DHn: 7) vier Häuser durch einen Steinschlag zerstört worden. Um St. Bartholomäus sei eine Heuschreckenplage über die Stadt gekommen. Der Einsiedler habe den sich nähernden Schwarm beobachtet und es sei ihm vorgekommen, als sei alle Schönheit des Tales verloren und in Staub und Stank erstickt; die Welt wurde wie ein sterbender Mensch, dessen Lächeln und Glanz mit dem letzten Atemzug erlischt. (DHn: 8) Sie hätten »das Feld allenthalben, Heu, Gras, Korn und anderes, nur den Wein nicht« (DHn: 8) verwüstet. Vierzehn Tage später sei der Schwarm weiter Richtung Meer gezogen, doch »ihr Samen aber blieb zu Bozen und zu Kaltern« (DHn: 8). Später im Jahr erscheint dem Einsiedler am Himmel ein leuchtendes Kreuz, »in dessen Mitte aller Glanz ist, dessen vier Enden der Herr in Glorie entzündet hat« (DHn: 8). Viele Leute pilgern daraufhin zum Einsiedler, doch dieser »biss in die Erde, [um] Staub zu fressen« (DHn: 9), während die anderen um ihn herum singen. Am Tag darauf wütet ein schweres Unwetter und es folgt ein strenger Winter. Im folgenden Herbst bricht erneut eine Heuschreckenplage über das Land herein, erreicht Bozen zunächst nicht, bis ein Mord stattfindet und daraufhin die Heuschrecken »einundzwanzig Tage hintereinander das Wasser der Etsch« (DHn: 9) abfliegen. Aufgrund dieser und weiterer Erlebnisse ist der Einsiedler der Ansicht, dass »die Zeit […] nahe« (DHn: 9) sei. Als Bozen und seine Umgebung ein drittes Mal von einem Heuschreckenschwarm überfallen werden, besucht der Pfarrer von Kaltern den Einsiedler, um von ihm Rat zu erbitten. Er sieht die Heuschrecken als Geschöpfe Gottes an, denen, ähnlich wie fehlgeleitenden Menschen, geholfen werden müsse. Der Pfarrer aber bannt stattdessen die Heuschrecken, sodass »sie […] ledig sein [sollen] der Teilhaftigkeit an den heiligen Sakramenten, ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Gläubigen« (DHn: 11). Noch in derselben Nacht erscheint dem Einsiedler im Traum eine Heuschrecke, welche 527 Vgl. Simeoner 1890, S. 165 – 173; Andreas Simeoner verwendete seinerseits Ladurners Manuskript als Quelle für seine Stadtgeschichte. 528 Vgl. Simeoner 1890, 167 f.; derartige Tierprozesse können für Westeuropa und den Alpenraum belegt werden. Prozessordnung, Prozessterminologie und die Durchführung wurden einem menschlichen Strafprozess bis ins Detail angepasst, ebenso die verhängten Strafen. Man unterschied zwischen Tierstrafen für große Tiere und Tierbannungen für kleine Tiere und Insekten (vgl. Rohr 2007, S. 116). Die in der Bozner Chronik und nach Auskunft des Chronisten erfolgreiche Tierbannung wurde sogar nach kirchlicher Prozessordnung durchgeführt. 145 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr er mit Viridis529 anspricht. Sie vermehrt sich plötzlich und der so entstandene Heuschreckenschwarm verschüttet den Einsiedler. Die Vision wird Wahrheit, als Romuald auf den Heuschreckenschwarm trifft und von diesem tatsächlich bedeckt wird. Huldschiner beschreibt sehr genau, wie der Einsiedler von immer mehr Heuschrecken eingehüllt wird, wie er Zwiegespräch mit ihnen bzw. mit Gott hält und schließlich, nachdem die Heuschrecken abziehen, zu Gott spricht: Die Not deines Volkes ist groß, […] viele müssen sterben, die vielleicht schuldlos sind. […] Manche leben dahin wie Kinder und freveln nicht willentlich; manche auch sind strafbar vor dir und lästern deinen Namen, […] aber wenn nur einer ist, der nicht gesündigt hat und dich erkennt, so nimm deinen schwer lastenden Grimm von diesem Land. (DHn: 43) Huldschiners literarisches Menschenbild zeichnete sich häufig durch eine gewisse Negativität aus. In Die Heuschrecken ist es nicht anders. Die Menschen seien per se schlecht, ihr Untergang die Folge. Dennoch vermittelt Huldschiner seinen Lesern ein Quäntchen Hoffnung. So sei der Protagonist ein Beispiel dafür, dass es doch noch gute Menschen geben müsse, deretwegen die Menschheit ihr Existenzrecht noch nicht verwirkt habe. Dass eine Geschichte, die im Spätmittelalter angesiedelt ist, einen religiösen Tenor hat, wundert nicht. Die Erzählung vermittelt dem Leser eindrücklich die religiöse Inbrunst des Protagonisten. Dessen ehrlich gefühlten und gelebten Glauben konterkariert Huldschiner durch die Bigotterie und den Aberglauben der anderen christlichen Figuren der Erzählung. 7.3 Choraula (Erzählung) Im Oktober desselben Jahres erschien im Brenner die Erzählung Choraula, die Adaption einer im Saanenland im Berner Oberland lokalisierten Sage aus dem Sagenkreis rund um den Grafen Peter V. von Greyerz. Huldschiners Text befasst sich aber mit dem jungen Grafen Rudolf von Greyerz, Peter von Greyerz’ Sohn. Die Überlieferung berichtet, wie der Graf zusammen mit sieben Personen an einem Sonntagabend einen Ringeltanz, die Coroulaz, vor seinem Schloss beginnt und erst am Dienstagmorgen mit 700 Personen auf dem Marktplatz in Saanen damit aufhört. An der Spitze tanzt Graf Rudolf mit der schönen Marguita, »die er zuweilen einem Edelknechte übergab, um selbst zu Pferde der tanzenden Reihe voranzureiten«530. Die Erzählung beginnt dagegen mit dem Auftritt eines Spielmannes namens Jörg Siedel, der ein fröhliches Lied singt, welches Huldschiner, passend zum mittelalterlichen Ambiente der Geschichte, auf Mittelhochdeutsch verfasst hat. Die Stimmung steigert sich stetig, zuerst sind nur Mädchen anwesend, die dem Gesang gebannt lauschen, dann gesellen sich die Burschen dazu: »[…] ein Küssen gab’s und Tuscheln, und die alten Leu- 529 Hier könnte Huldschiner auf die Farbe mancher Heuschreckenarten anspielen (viridis, lat. für grün, grünlich). 530 Rodt 1846, S. 189. 146 Andreas Micheli: Richard Huldschiner te, die sich des schönen Abends freuten, taten, als sähen sie es nicht« (Cho: 258). Schließlich bewegt sich ein Zug bedeutender Männer aus dem Schloss hinaus und hinunter auf die Wiese, wo der Spielmann singt. Allen voran geht der junge Graf Rudolf, der von seiner Geliebten Marguita mit einem Blumenstrauß empfangen wird. Die Menge möchte die Choraula tanzen, obwohl einige ältere Leute davor warnen, denn »[e]s ist bald Nacht […] anfangen ist leicht, aber aufhören schwer« (Cho: 260). Sieben Personen, darunter Graf Rudolf und Marguita, stellen sich zur Choraula auf. Huldschiner lässt das Volk zum Reigen ein französisches Lied singen, »das keiner verstand« (Cho: 261), in dem aber textlich auf die folgenden tragischen Ereignisse angespielt wird. Die Stimmung unter den Tanzenden wird immer ausgelassener: »Fester faßten sich die Hände, ein jeder lachte der Seinen zu, und die Augen sagten herzhafte und süße Dinge, da man nicht Muße hatte, stehen zu bleiben, um sich zu liebkosen« (Cho: 261). Die Tanzenden befinden sich in einem ekstatischen Zustand, der dazu führt, dass sich Männer und Frauen näherkommen, die vorher getrennt bzw. traurig gewesen sind. Der Knappe Elzhart, welcher das Pferd des Grafen führt und ebenfalls von der rauschenden Stimmung angesteckt worden ist, wird Marguita gegenüber immer zudringlicher: »Marguita, ich bin stark und jung und treu – ich werde nicht müde, mit dir zu tanzen« (Cho: 263). Marguita hat aber nur Augen für den Grafen und weist die Avancen Elzharts zurück. Dieser wird immer aggressiver, droht damit, den Grafen zu erdolchen. Als sich Marguita immer noch weigert, nimmt er sie bei der Hand und stürzt sich mit ihr den Hang hinab in einen See. Huldschiner bedient sich hier, ähnlich wie in den Novellen Der Streit von Castelgrande und In hellen Sommernächten … und später in Das jüngste Gericht und Der goldene Stirnreif, des Motivs der sexuellen Ausschweifung in Form einer Orgie. 7.4 Der Prophet (Erzählung) Im Jänner 1911 wurde die an die Bibel angelehnte Erzählung Der Prophet in der von Albert Langen gegründeten Zeitschrift März veröffentlicht. Langen hatte nach seiner Rückkehr aus dem Ausland, wohin er aufgrund einer Klage wegen Majestätsbeleidigung geflohen war, stark an Einfluss bei der Führung seiner populären Zeitschrift Simplicissimus verloren. Daher plante er 1906 einen Neuanfang mit der Kulturzeitschrift März.531 Ziel war es, »in Politik, Literatur, Kunst und Wissenschaft alles [zu] sammeln, was in Süddeutschland etwas weiß und kann«532. Die Blatt ri chtung umschrieb Langen wie folgt: »Nur Positives bringen, und freiheitlich sein. Politisch keiner Partei dienen, aber ungefähr die Stimmung der guten 48er halten.«533 Als Huldschiners Erzählung 1911 erschien, war Langen bereits seit zwei Jahren verstorben und die Zeitschrift hatte sich dahingehend geändert, dass der literarische Teil, 531 Vgl. Burger 1999, S. 125. 532 Ebd., S. 126. 533 Ebd. 147 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr der u. a. von Hermann Hesse betreut worden war, stetig verkleinert wurde.534 Die Folge war, dass langjährige Mitarbeiter wie Hesse das Interesse verloren, an der Zeitschrift mitzuarbeiten. Erneut verwendet Huldschiner, wie in seinen anderen an die Bibel angelehnten Erzählungen auch, verschiedenste biblische Motive und baut Namen und Orte in die Handlung ein, die ebenfalls aus der hebräischen Bibel stammen, allerdings in gänzlich anderen Zusammenhängen. Die Namen der meisten Hauptfiguren scheint Huldschiner verschiedenen Abschnitten des 1. Buches der Chronik entnommen zu haben. Jaëbez, der Protagonist der Erzählung, ist der Sohn eines alten reichen Mannes namens Jehobal. Dieser wiederum glaubt seiner Frau Nadah nicht, dass er der Vater Jaëbez’ sei: »[…] weiß ich denn, ob er eine Frucht meiner Lende ist in diesen Jahren des Alters?« (DPr: 25). Daher schickt er Jaëbez, der bis zu seinem siebten Lebenjahr stumm bleibt, zu seinen Hirten in die Berge, wo er getrennt von seiner Familie unter der Aufsicht von Jechiël, Jehobals Knecht, aufwächst. Von den anderen Hirten wird Jaëbez als Sonderling wahrgenommen, da er die Einsamkeit vorzieht und allein lange Spaziergänge unternimmt. Eines Tages wird er sich seiner Stimme bewusst und er schreit gegen den Wind: Wie ein Feuer sich freut, das in verschlossenem Hause wütet, und niemand sieht seinen Schein, und endlich bricht es durch die Sparren des Daches, und die Himmel strahlen es wider. (DPr: 26) Während ihn die anderen Hirten für sonderbar und zurückgeblieben halten, sind Jechiël und Jehobal davon überzeugt, dass Jaëbez verstecktes Potenzial habe, »denn er wächst gleich einem Baum und wird Frucht tragen zu seiner Zeit, wie es geschrieben steht« (DPr: 26). Eines Tages versuchen die Hirten, einen Löwen zu fangen, der die Herde bedroht. Die Fallgrube samt Köder ist über mehrere Tage hinweg leer, bis sich herausstellt, dass Jaëbez die Jagd auf den Löwen sabotiert. Schließlich tötet er aber den Löwen, obwohl er eigentlich dagegen ist. Somit akzeptieren ihn die Hirten zum ersten Mal als ihren Herrn. Später begibt sich Jaëbez auf eine Reise durch das Land Israel, muss aber erkennen, dass überall, wo er hinkommt, Menschen geopfert und Götzenbilder angebetet werden. Daraufhin beschließt er, wieder zu schweigen, und zieht als Bettler durch das Land, bis er nach zwei Jahren wieder in die Heimat seines Vaters zurückkehrt, wo ihn nach dem Tod Jehobals niemand mehr erkennt. Nach einer göttlichen Erscheinung beschließt Jaëbez, gegen den Götzendienst und den in seiner Heimat herrschenden Irrglauben zu predigen. Während der Mittagszeit zieht er sich in ein Felsengrab mit einer alten Inschrift zurück und betet. In der Inschrift wird das Grab als das »Grab der sieben Könige« (DPr: 32) bezeichnet. Als eines Tages vier Häscher auftauchen, um Jaëbez als Häretiker festzunehmen, und ihm den Weg ins Felsengrab versperren, öffnet sich vor ihm der nackte Fels und ermöglicht ihm die Flucht hinein in den Berg. Schließlich zerstören »unermeßliche Reiterscharen« das Land und machen es zur Wüste. In späteren Zeiten wird die Geschichte erzählt, »daß ein Prophet im Berg schla- 534 Vgl. ebd., S. 130. 148 Andreas Micheli: Richard Huldschiner fe von uralten Zeiten her […] und werde noch tausend und tausend Jahre [schlafen] bis zum Tage des letzten Geschehens« (DPr: 35). Der bereits erwähnte Literaturhistoriker Ludwig Geiger äußert sich in seiner Rezension für die Allgemeine Zeitung des Judenthums sehr überschwänglich über den kurzen Text. Sie sei »eine wahrhaft poetische Erzählung, gleich gut in Sprache und Erfindung, […] ein Juwel, dessen man sich herzlich freuen kann«535. Geiger ist der Ansicht, dass Huldschiner hier das sogenannte »Barbarossa-Mo tiv mit einem Juden, den die Gegenwart nicht begreift, und den die Zukunft als Lichtspender erwarten soll«536, verbindet. Geiger spielt hier auf die populäre Kyffhäuser sage an, der zufolge Kaiser Friedrich I. in einer Höhle im Kyffhäuserberg schlafe, um irgendwann in ferner Zukunft wiederaufzuwachen und das Reich zu retten. Ob sich Huldschiner tatsächlich auf den Mythos bezieht, bleibt Spekulation. Vielleicht wollte er den von den Zionisten häufig abgelehnten Messianismus nationalisieren und zugleich mythologisieren, das heißt mit seiner Erzählung ein jüdisches Pendant zur Kyffhäusersage schaffen, in welcher der Prophet Jaëbez nach seinem Erwachen das jüdische Volk vereinen und eine Heimstatt für alle Juden errichten werde. 7.5 Zauberland (Essay) Im März 1911 wurde Richard Huldschiner eine besondere Ehre zuteil, erschien doch im Brenner im Rahmen einer von Esterle gezeichneten Karikaturenfolge537 verschiedenster Tiroler Schriftsteller ebenfalls eine Zeichnung Huldschiners.538 Esterle stellte Huldschiner als Bergsteiger samt Pickel, Seil und Gamsbart dar. Erfreut über die besondere Ehrung, nun endlich auch als Tiroler Schriftsteller anerkannt zu werden, schrieb Huldschiner an Ficker: Mit großem Vergnügen betrachte ich den Abzug der Karikatur, die Herr von Esterle für den »Brenner« gezeichnet hat. Er hat mich von Seis her in guter Erinnerung. Und damit Sie sehen, daß ich Ihnen für die Annagelung an den Pranger nicht nur nicht zürne, sondern sie mir wohl gefallen lasse, gebe 535 Geiger 1911, S. 156. 536 Ebd. 537 Später erschienen die Karikaturen gesammelt in Esterle 1911a. Max von Esterle gliederte seine Karikaturensammlung in verschiedene Kategorien nach Tätigkeit bzw. Beruf der Karikierten. Der Band zeigt die wichtigsten Persönlichkeiten und Künstler der Tiroler Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Unter ihnen findet sich auch Richard Huldschiner. 538 Vgl. Esterle 1911b, S. 593. Abb . 16: Karikatur von Max von Esterle (1911) . 149 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr ich Ihnen anbei zwei Arbeiten, von denen Sie sich die Ihnen mehr zusagende aussuchen oder die Sie alle beide verwenden mögen, ganz nach Gutdünken.539 Die beiden erwähnten Arbeiten waren vermutlich der im März 1911 im Brenner veröffentlichte Essay Zauberland540 und die im Juni publizierte Erzählung Der goldene Stirnreif. In Zauberland berichtet ein Ich-Erzähler über seine Rückkehr nach Südtirol nach dem ersten Semester an der Universität. Wie bereits in Kapitel 4 genauer festgestellt, handelt es sich bei dem Text wahrscheinlich um Huldschiners autobiografische Auseinandersetzung mit seiner Studienzeit. 7.6 Der Antichrist (Erzählung) Im März 1911 veröffentlichte die Neue Hamburger Tageszeitung eine kurze Erzählung Huldschiners mit dem Titel Der Antichrist. Leider konnte der erste Teil der Erzählung nicht aufgefunden werden, sodass die Handlung der Geschichte nicht vollständig wiedergegeben werden kann. Sie spielt, soweit aus dem Fragment ersichtlich, in Italien, genauer in Perugia, wohl im späten Mittelalter. Lionello di Baglioni, ein Ritter, droht, dem gefangen genommenen Mariano die Augen auszustechen, da er eine unstatthafte Beziehung mit Lionellos Schwester Ringarda geführt haben soll. Ringarda überlegt, die Beziehung zu Mariano zu leugnen, um dessen Leben zu retten. Sie entscheidet sich aber dagegen, da sie befürchtet, ebenfalls geblendet zu werden, falls sie ihrem Bruder nicht die Wahrheit sage. Ihr Bruder fordert sie auf, Mariano mit einem Dolch die Augen auszustechen. Nach kurzem Zögern führt sie die Tat aus. Einige Zeit später erzählen Missionare aus dem Orient, die sich in Italien auf einer Missionierungsreise befinden, dass dort ein Kind geboren worden sei, das sich als der leibhaftige Antichrist herausgestellt habe. Dessen Geburt habe einige brutale Ereignisse ausgelöst. So sei Lionello überfallen und getötet worden. Wahrscheinlich habe sich seine Schwester an ihm rächen wollen. 7.7 Der goldene Stirnreif (Erzählung) Die frei an die Bibel angelehnte Erzählung Der goldene Stirnreif erschien bereits 1910 in der Monatsschrift Die Rheinlande541. Im Juni 1911 wurde sie im Brenner ein weiteres Mal veröffentlicht. Der Protagonist der Erzählung ist der junge Zadok, dessen Familie von König Josaphat ausgerottet worden ist. Als einziger Überlebender beschließt er, Juda zu verlassen, da er niemanden mehr hat, der sich um ihn kümmert. Neben einigen ande- 539 Huldschiner 20.02.1911. 540 Der Text wurde bereits früher veröffentlicht, und zwar im April 1906 in der Cernowitzer Allgemeinen Zeitung (vgl. Huldschiner 1906c, S. 1). 541 Vgl. Huldschiner 1910a. 150 Andreas Micheli: Richard Huldschiner ren Habseligkeiten nimmt er den goldenen Stirnreif seiner Mutter mit. Auf seinem Weg durch die Wüste geht er »Gott hart an mit klagenden Worten und mit Verwünschungen« (DgS: 16), bis er schließlich auf eine Räuberbande trifft, die ihn vor die Wahl stellt, ihr beizutreten oder getötet zu werden. Zadok entscheidet sich für den Beitritt, muss aber dem Räuberhauptmann Ahija den Stirnreif seiner Mutter übergeben. Es vergehen siebzig Tage, bis die Räuberbande von einem reichen Mann namens Temah hört, der seine Tochter Silla für eine Hochzeit durch das Gebiet der Räuberbande führen muss. Sie lauert den beiden auf, tötet den Vater und lässt nur Silla am Leben, welche Ahija »zu seinem Bettgenoß« (DgS: 17) macht. Auch Zadok, »der noch kein Weib erkannt« (DgS: 17) hat, begehrt Silla. Allerdings beschützt Gott Silla, indem er Ahija jedes Mal einschlafen lässt, sobald er Silla zu nahe kommt. Silla kann sich somit im Räuberlager frei bewegen, da sie auch von den anderen Räubern aus Angst vor Ahija nicht bedroht wird. Die Blicke Zadoks bemerkend, überredet sie ihn, ihr bei der Flucht aus dem Räuberlager zu helfen. Dafür würde sie auch mit ihm schlafen. Sie töten Ahija, nehmen ihre Habseligkeiten an sich, darunter den goldenen Stirnreif, und fliehen. Als sie die Heimat Sillas erreichen, erhofft sich Zadok die Einlösung des Versprechens, doch hält sie ihn mit der Ausrede davon ab, dass sie »ihren Schoß nicht öffnen werde, denn sie hätte den Boden der Heimat gefüßt« (DgS: 19). Zadok schenkt ihr voll Vorfreude als Morgengabe den Stirnreif seiner Mutter. Als sie die Stadt erreichen, verkündet sie, dass Zadok der Mörder ihres Vaters sei. Zadok wird daraufhin zur Steinigung geführt. Er wird aber von einer Witwe namens Gehila gerettet, die ihn als Sklaven und Geliebten in ihr Haus aufnimmt. Dennoch sehnt er sich nach der Freiheit und blickt »immer nach Osten, nach dem Land seiner Väter« (DgS: 20). Auch nach zwei Jahren der Gefangenschaft hat Zadok Silla nicht vergessen und liebt sie noch immer. Ein Heuschreckenschwarm fällt über die Stadt herein, den die Männer der Stadt auf den Feldern mit Trommeln zu vertreiben versuchen. Die Mägde bringen Wein und Brot zur Stärkung, und da es eine warme Nacht war in den Zeiten der Sonnenwende, da jegliche Kreatur nach Liebe schreit, taten sich die Paare allenthalben zusammen in Heimlichkeit und es gab des Küssens und zärtlichen Umfangens in allen Büschen. (DgS: 21) Somit tritt auch Silla, die Zadok ebenfalls noch liebt, an ihn heran und bittet um Verzeihung. Obwohl er ihre Gefühle erwidert, kann er ihr nicht verzeihen und weist ihren Heiratsantrag zurück. Als Gehila einige Tage später verstirbt, schleicht sich Silla, ausgestattet mit zwei Pferden und dem goldenen Stirnreif, zu deren Haus, um den Sklaven Zadok zu befreien. Wortlos küsst er den Stirnreif und reitet mit Silla zusammen davon in Richtung Israel. Unterwegs treffen sie auf einen Einsiedler namens Jachzeël, »ein[en] prophetische[n] Mann« (DgS: 23), den Zadok um Rat fragen will, ob er Silla verzeihen solle. Jachzeël rät ihm, sie zu töten, da Silla ihn verraten habe. Diese nimmt ihr Schicksal an, bittet Zadok aber vorher, den Stirnreif seiner Mutter küssen zu dürfen, der ihr Kraft gibt, »daß ich nicht schreie, wenn die Schatten des Todes sich über mich senken. Der Geist deiner Mutter weiß, ob ich dich liebe« (DgS: 24). 151 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Zadok erkennt, dass sie ihn wahrhaftig liebt und dass Jachzeël den Ratschlag, sie umzubringen, nur deswegen gegeben hat, um Sillas Reaktion zu provozieren. Schließlich legt Zadok Silla zum zweiten Mal den Stirnreif an und sie verbringen die Nacht miteinander. Die Erzählung endet mit einem Ausblick auf Sillas und Zadoks Nachkommen, über die »im Buch der Weissagungen und im Buche der Gerichte Gottes« (DgS: 25) berichtet werde. Huldschiners Erzählung wirkt wie ein Potpourri aus verschiedensten Gestalten und Themen der hebräischen Bibel. Beinahe scheint es, als hätte sich Huldschiner wahllos daran bedient. Biblische Orte werden zu Namen, biblische Namen werden in einen anderen biblischen Kontext gesetzt.542 Besonders der Schlusssatz der Erzählung suggeriert dem unbedarften Leser eine Authentizität, die der Text in keiner Weise erfüllt, nämlich wenn der Erzähler davon spricht, dass die Geschichte von Zadok und Silla im Buch der Weissagungen und im Buch der Gerichte Gottes, »jedes zu seiner Zeit und jedes an seinem Ort« (DgS: 25) fortgeschrieben werde. Was unter dem Buch der Weissagungen zu verstehen ist, ist unklar. Die Bücher der Gerichte Gottes könnten dem Buch Daniel der hebräischen Bibel entsprechen. In jedem Fall geht es in der Erzählung um einen jungen naiven Mann, der einer berechnenden Frau verfällt, welche erst am Schluss der Erzählung erkennt, dass sie einen Fehler gemacht hat, und ihn deshalb um Verzeihung bittet. Die Figur der Mutter übt einen wichtigen Einfluss auf den Handlungsverlauf aus. So könnte das Stirnband, das Silla übergeben wird, stellvertretend für das mütterliche Einverständnis zur Beziehung der beiden Figuren stehen. Vielleicht thematisiert Huldschiner hier erneut, ähnlich wie im Roman Die stille Stadt, die eigene enge und innige Beziehung zu seiner Mutter. Außerdem kann die Geschichte wieder aus der Sicht des Zionisten Huldschiner interpretiert werden: Wie einst das jüdische Volk ist auch Zadok aus seiner alten Heimat vertrieben worden und kehrt, wie es auch die Zionisten beabsichtigten, in das Gelobte Land zurück. Sillas Heimatstadt wiederum könnte für die Diaspora stehen, in welcher der Jude Zadok ein Gefangener ist und »nach dem Lande seiner Väter« (DgS: 20) blickt. 7.8 Lucrezia (historische Erzählung) Die süddeutsche Zeitschrift Licht und Schatten veröffentlichte im Juni 1911 eine kurze Erzählung Huldschiners mit dem Titel Lucrezia. Die als Wochenschrift für Schwarzweisskunst konzipierte Publikation wurde 1910 gegründet und von Hanns von Gumppenberg herausgegeben, der auch für die Zeitschrift Jugend als Redakteur tätig war. Die Zeitschrift wurde 1915 bereits wieder eingestellt.543 542 Auf S. 20 findet sich ein Anachronismus, nämlich dass Zadok auf »Maisfeldern« arbeit. Huldschiner arbeitete stets genau und seine Erzählungen und Romane enthalten viele historische Details. Insofern kann von einem Flüchtigkeitsfehler ausgegangen werden, oder aber (was weniger naheliegend ist) in Huldschiners fiktiver Welt gab es in Israel schon vor der Entdeckung Amerikas Mais. 543 Vgl. Hügel und Dietzel 1988, S. 728. 152 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Huldschiner erzählt in seinem Text, stark angelehnt an historische Fakten und legendenhafte Überlieferungen, den Aufstieg und Fall von Luchino Luchini d’Urbino, der 1432 für kurze Zeit die Stadt Castello in der Nähe von Urbino als Statthalter im Namen von Guidantonio di Montefeltro beherrscht hatte. Der stadtgeschichtlichen Überlieferung zufolge habe sich Luchini in eine verheiratete Frau verliebt, die seinen Avancen aber nicht nachgegeben habe. Vielmehr habe sie ihn zusammen mit ihren Brüdern stürzen wollen.544 Auch in Huldschiners Erzählung verliebt sich Luchino Luchini, und zwar in Atalanta, die um 20 Jahre jüngere Ehefrau von Bernabò del Pasciuto. Luchini stellt ihr nach und versucht, Atalanta näherzukommen. Da seine Annäherungsversuche misslingen, lässt er Pasciuto verhaften und erpresst Atalanta damit, dass ihr Mann umgebracht werde, wenn sie Luchini nicht heirate. Sie lässt die Erpressung unbeantwortet, lockt Luchini mithilfe ihrer Brüder in ihr Schlafzimmer in einen Hinterhalt. Während ihre Verwandten im Nebenzimmer warten, gesteht Luchini ihr seine Liebe. Einen kurzen Moment scheint es so, als gebe Atalanta dem Werben Luchinis nach. Luchini wird von Huldschiner als sehr charmant und selbstbewusst dargestellt. Sein schönes Äußeres und seine niedere bäuerliche Herkunft erregen Atalanta sehr. Allerdings kommt sie wieder zur Besinnung, entwaffnet ihn und ihre Verwandten stürmen das Zimmer. Somit ist Luchini entmachtet und die Bürger von Castello und die Kirche erhalten die Kontrolle über die Stadt zurück. Atalanta bittet die Verwandten am Schluss der Geschichte, dem gefangenen Luchini auszurichten, daß ich Lucrezia sein wollte, aber zu schwach war. […] Aber einen Augenblick gab es, da ich fast vergessen hätte, daß ich die Gattin des Bernabò del Pasciuto bin, und der Verführung eines Bauern gierig mein Ohr lieh. Ich muß mich reinigen. (Luc: 6) Huldschiner hält sich im Großen und Ganzen an die historische Überlieferung, wobei er aber der weiblichen Hauptfigur mehr charakterliche Tiefe gibt. So wird Atalanta einen kurzen Moment schwach und betrügt beinahe ihren Ehemann, der als verkopfter Wissenschaftler im Vergleich zum Draufgänger Luchini langweilig wirkt. Der Zwiespalt zwischen ehelicher Treue und sexueller Anziehung wird durch die Anspielung auf die mythologische Figur der Lucretia besonders deutlich, welche sich einer frührömischen Überlieferung zufolge lieber von ihrem Vergewaltiger töten lassen wollte, als ihrem Ehemann untreu zu werden. 7.9 Michael Kohlhaas (Skizze) Im August 1911 publizierte die Neue Hamburger Zeitung eine Skizze Huldschiners mit dem Titel Michael Kohlhaas, in welcher ein Ich-Erzähler von einer Begebenheit in einer Straßenbahn berichtet, die ihn stark an Heinrich von Kleists gleichnamige Novelle erinnere. Der Ich-Erzähler, der die Novelle zum ersten Mal seit seiner Jugend während der Straßenbahnfahrt liest, zeigt sich begeistert von der Figur des Kohlhaas: 544 Vgl. http://www.cittadicastellonline.it/rioni/prato.html (29.08.2016). 153 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr […] ein schlichter, aufrechter, gütiger Mann, des Weibes und der Kinder nicht achtend, [wird] zum Mordbrenner […], weil er es für seine Pflicht der Menschheit gegenüber ansieht, dem gekränkten Recht zum Sieg zu verhelfen. […] Denn eine Welt, in der das Recht mit Füßen getreten wird, darf nicht vor Gottes Angesicht bestehen. (MKo: 1) Schließlich beobachtet der Ich-Erzähler, wie ein »kleiner bescheiden gekleideter Mann« (MKo: 1) mit dem Schaffner darüber streitet, ob er beim Umsteigen ein neues Billett hätte lösen sollen. Der kleine Mann betont ausdrücklich, dass der Schaffner des ersten Wagens behauptet habe, dass er ohne neuen Fahrschein umsteigen könne. Nach einer kurzen Diskussion gibt er zunächst nach und kauft sich einen Fahrschein, beginnt aber bald wieder, mit dem Schaffner zu streiten, da er sich ungerecht behandelt fühlt und darauf pocht, im Recht zu sein. Der Streit eskaliert, und der Schaffner droht, den kleinen Mann des Wagens zu verweisen. Da sich dieser aber immer noch nicht beruhigt, winkt der Schaffner einem Schutzmann zu, der zusteigt und den kleinen Mann abführt. Der Ich-Erzähler ist daraufhin sehr betrübt, weil ihn der kleine Mann sehr an Michael Kohlhaas erinnere. So kämen auf diesen nach seiner Verhaftung wohl jede Menge Probleme zu, und das, obwohl er, gleich Kohlhaas, »doch nur sein Recht« (MKo: 1) eingefordert habe. Die Skizze spiegelt einerseits Huldschiners Interesse an literarischen Adaptionen wider, andererseits befasst sich der Text mit einem grundsätzlichen gesellschaftlichen Problem, nämlich der Frage, wie weit ein Mensch bei der Verteidigung seiner persönlichen Freiheit gehen darf. 7.10 Narren der Liebe (Novellensammlung) Der Albert Langen Verlag gab im April 1912 Huldschiners zweite Novellensammlung mit dem Titel Narren der Liebe heraus. Eine Novelle, nämlich Hirtenlied, erschien bereits im Oktober 1910 in den Süddeutschen Monatsheften. Ob die anderen Novellen, Die Kartause zu Allerengelsberg, Jakob und Rahel und Armer Don Martino, ebenfalls anderswo vorher publiziert worden sind, konnte bisher nicht herausgefunden werden. Der erste Text, Die Kartause zu Allerengelsberg, behandelt eine Episode aus dem Leben des aus München stammenden und in Südtirol lebenden Malers Christoph Helfenrieder (1590 – 1635). Huldschiner vermengt auch hier wieder Fiktion und historische Fakten zu einer historischen Novelle. Helfenrieder war bis 1823 völlig unbekannt. Erst durch den Partschinser Priester Joseph Ladurner und durch seine kurze historische Abhandlung über das Leben und Werk Helfenrieders545 erlangte der Maler eine größere Bekanntheit. Ladurner wies Helfenrieder die Urheberschaft mehrerer Gemälde aus dem ehemaligen Kartäuserkloster Allerengelsberg im Schnalstal nach. In einem wissenschaftlichen Aufsatz über Helfenrieder stellt der Kunsthistoriker Karl Moeser 1947 fest, dass Ladurners Artikel seit seinem Erscheinen im Boten für Tirol und Vorarlberg »in allen tiroli- 545 Vgl. Ladurner 1823, S. 368. 154 Andreas Micheli: Richard Huldschiner schen Veröffentlichungen, die sich mit dem Gegenstande befaßten, eifrig ausgebeutet, meist sogar mehr oder weniger wörtlich wiederholt«546 worden sei. Daher liegt es nahe, dass auch Huldschiner den Artikel von Ladurner oder aber spätere Berichte, die darauf Bezug genommen haben, als Quelle für seine Novelle herangezogen hat. Ebenso nennt Huldschiner den Hof, von welchem die Figur Anna Zelger stammt, Ladurnerhof, was mehr als nur ein Zufall zu sein scheint. Die Handlung setzt im Jahr 1634 ein. Handlungsort ist das Kartäuserkloster Allerengelsberg im Schnalstal. Der Maler Christoph Helfenrieder wird verletzt im Wald aufgefunden und zur Behandlung in das Kloster gebracht. In einem Rückblick erfährt der Leser, dass Helfenrieder sein Mädchen, die Dirne Babette, verloren habe. Zudem soll er einen Mord begangen haben. Beides bringt ihn dazu, seine Zelte abzubrechen und auf Wanderschaft zu gehen. Er erhält den Auftrag, für das Kloster Bilder zu restaurieren, allerdings missfällt ihm deren Stil, da sie in seinen Augen zu wenig lebhaft seien. Daher beginnt er selbst, ein Bild zu malen, nämlich seine Variante der legendenhaften Versuchung des Heiligen Antonius. Während er am Bild arbeitet, nimmt er, verstärkt durch Alkoholeinwirkung, verschiedene dämonenhafte Erscheinungen wahr, darunter den Teufel und einen Gryphus. Oft wandert Helfenrieder zur nahe gelegenen Burg Juval, wo er auf Anna Zelger, die Tochter des Ladurnerbauern trifft. Der Prior bittet Helfenrieder, für immer im Kloster zu bleiben. Dieser ist sich aber unsicher in Bezug auf seine Zukunft. Stattdessen bietet er an, ein weiteres Bild zu malen, nämlich ein Bild der Mutter Gottes. Dabei soll ihm Anna als Vorbild dienen. Er hasst Anna, in die er sich verliebt hat, aufgrund ihrer Unschuld und Freundlichkeit, da er sich selbst als ein verkommenes Subjekt ansieht. Da er möchte, dass auch sie ihn hasst, erzählt er ihr von seinen Schandtaten. Anna ist zwar geschockt, verliert aber nicht die Contenance und betet stattdessen für sein Seelenheil. Weiterhin erscheinen ihm in der Nacht immer wieder der Teufel und die Greifengestalt. Später beginnt er anhand der Zeichnungen, die er von Anna auf Juval angefertigt hat, in seiner Kammer mit der Arbeit an seinem Marienbild. Eines Tages verfolgt Helfenrieder Anna, als sie durch den Wald streift. Auf ähnliche Weise soll Apollo Daphne gejagt haben, nachdem er von Eros’ Liebespfeil getroffen worden sei. Allerdings scheint Anna, im Gegensatz zu Daphne, Interesse an dem Maler zu haben und sie kommen sich näher und treffen sich in den folgenden Tagen heimlich im Wald. Schließlich beginnt er mit der Arbeit an einem dritten Bild, nämlich einer Darstellung des Daphne-Mythos. Als Annas Vater von der heimlichen Liaison zwischen ihr 546 Moeser 1947, S. 117. Abb . 17: Narren der Liebe (1912) . 155 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr und Helfenrieder erfährt, schickt er sie nach Meran in ein Kloster. Helfenrieder verlässt die Kartäusermönche, um Anna aus dem Kloster zu holen und mit ihr nach Italien zu fliehen. Allerdings bricht in Meran die Pest aus und die beiden Liebenden sterben daran. In einer Art Epilog wird erzählt, dass im Kloster Allerengelberg, nachdem es unter Joseph II. säkularisiert worden sei, zwei Bilder aufgetaucht seien, allerdings ohne Signatur, nämlich jenes von Daphne und jenes von Antonius. Über den Protagonisten bemerkt der Rezensent Paul Rossi in seiner ausführlichen Besprechung des Novellenbandes, erschienen in der Meraner Zeitung, dass er ein heißer, blutbesudelter, kraftstrotzend-wüster Weltmensch [sei], der mit manchem Laster auf du und du steht, und der trotz Fluch und Verwilderung, trotz Rausch, Wildheit, Verbissenheit ein Künstler geblieben ist.547 So bilde die erste Novelle »einen Auftakt düsterer Farbenglut, voll einer schweren bezwingenden, nimmer freilassenden Beklommenheit«548. Richard Jerie wiederum ist in seiner im Pilsner Tagblatt erschienenen Buchbesprechung der Ansicht, dass man »die Novelle auch ›Das böse Gewissen‹ nennen«549 könne, denn ein sonderbarer Heiliger, ein Mörder, wird zu den Mönchen verschlagen. Er findet dort Aufnahme und gibt als Maler in verschiedenen Heiligenbildern all den Auswüchsen seiner durch das böse Gewissen überreizten Phantasie Ausdruck.550 Was die beiden Kritiken aber außer Acht lassen, ist die psychologische Ebene des Textes: Ein wahnhafter Künstler versucht, sich seiner Sünden zu entledigen, indem er seinen Selbsthass auf Anna projiziert. Allerdings hofft er unterbewusst, dass Anna ihm genau diese Absolution nicht zugesteht, ihn weiter leiden lässt. Schließlich erbarmt sich das Mädchen seiner und gibt dem Künstler jene Bodenhaftung zurück, nach der er sich aufgrund seiner Lebenserfahrung sehnt. Die Novelle Jakob und Rahel beginnt mit einer Rahmenhandlung, in der ein Ich-Erzähler berichtet, wie ihm seine Tante Claudia die Geschichte von Tino und Barbara Isabella erzählt. Letztere ist die Urgroßtante des Ich-Erzählers. Ausgangspunkt für die Erzählung der Tante ist ein Gemälde, welches die biblischen Figuren Jakob und Rahel darstellt, wie sich die beiden ihren ersten Kuss geben. Huldschiner verwendet das Gemälde als Leitmotiv für die Liebesbeziehung zwischen Tino und Barbara Isabella. Zudem lässt er in der Binnenhandlung, in der die Tante die Geschichte der beiden Liebenden nacherzählt, Johann Wolfgang von Goethe auftreten. Dessen Werk, Die Leiden des jungen Werthers, übt einen gewichtigen Einfluss auf den Protagonisten Tino aus und motiviert ihn, nachdem sich die Beziehung zu Barbara Isabella unglücklich entwickelt hat, sich für den Freitod zu entscheiden. Allerdings erscheint, einem Deus ex Machina gleich, ein alter Wundarzt, der Tino wieder Lebensmut gibt. 547 Rossi 1912, S. 1. 548 Ebd. 549 Jerie 1912, S. 10. 550 Ebd. 156 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Die Rahmenhandlung trägt autobiografische Züge. Der Ich-Erzähler berichtet Details aus seiner Kindheit, die Huldschiner so auch in seinen auto biografischen Schriften erwähnt hatte. So findet sich in der Novelle ein ausführlicher Exkurs über das Geburtshaus des Ich-Erzählers, der, sehr ähnlich formuliert, auch in Die stille Stadt vorkommt. […] es fiel uns ein, daß die Mutter immer sagte, unser Haus hieße die Margarethenburg, und Margarethe, die Maultasch hätte es gebaut. (JuR: 74) Außerdem erwähnt Huldschiner in der Beschreibung der Engelsburg in Die stille Stadt und im Essay über den Ansitz Hörtenberg eine Windfahne (vgl. Kapitel 6.8), die auch in der Novelle angeführt wird: […] und ein spitzes Dach stand dahinter, auf dessen Giebel sich die Windfahne drehte. Die konnte singen! Wenn der Sturm von Süden kam, ein Wettersturm, der Gewitter brachte, dann fuhr er stockweise über das Dach, packte die Fahne und warf sie hin und her, daß sie stöhnte: Maultasch, Maultasch, Maultaaasch. (JuR. 74) Dass sich Huldschiner bei der Beschreibung des Geburtshauses durch den Ich-Erzähler sehr stark an die tatsächliche Engelsburg in der Bindergasse anlehnt, lässt sich durch mehrere Details belegen. So befindet sich die sogenannte »Margarethenburg« in seiner Novelle genau wie die Engelsburg in der Bindergasse (vgl. JuR: 94). Zudem erwähnt er den nahe der Bindergasse gelegenen Zugbahnhof (vgl. JuR: 158). Außerdem bedauert der Ich-Erzähler, dass aus dem Badehaus, das im Hof seines Wohnhauses gestanden sei und mit welchem er so viele positive Erinnerungen verknüpfe, »eine Turnhalle geworden [sei], in der die lärmende Derbheit ›Heil‹ schreit und mit ihren Muskeln prahlt« (JuR: 73). Tatsächlich gab es in dem sich direkt an die Engelsburg anschließenden Hotel Mondschein eine Turnhalle, welche von ansässigen Turnvereinen genutzt wurde.551 Auch ähnelt die Beschreibung des Kellers der Margarethenburg (vgl. JuR: 115) inhaltlich und teilweise auch von der Wortwahl her sehr stark jener in Die stille Stadt, die wiederum auf der tatsächlichen Engelsburg aus Huldschiners Kindheit fußt. Huldschiners Erzähler erwähnt in der Rahmenhandlung ein altes Gemälde, welches er als Kind stets interessiert betrachtet habe, sogar eigens dafür ins Badehaus gegangen sei. Es stellt die beiden biblischen Figuren Jakob und Rahel küssend dar. Auf dem Gemälde findet sich auch eine Widmung552, die, wie der Leser erst am Schluss erfährt, an Barbara Isabellas ersten und zugleich letzten Brief an Tino angelehnt ist. Darin verspricht sie ihm die ewige Liebe, obwohl sie jemand anderen heiraten musste. Huldschiner erwähnt das Gemälde bereits in seiner Erzählung Das adelige Schützenfest (vgl. DaS: 730). Vielleicht sind beide Geschichten relativ zeitnah verfasst worden und Huldschiner gefiel das Motiv der aufeinander wartenden und schließlich zusammenkommenden Liebenden so gut, dass er es zweimal verwendete. 551 Vgl. Bozner Nachrichten und Allgemeiner Anzeiger 1900, S. 11. 552 »Gedenken! Schöner Stern du unsres Seins. Ewig getrennt! Doch ewig eins! T. B. I. XI. Sept. MDC- CLXXXVI« (JuR: 77). Der Verfasser der Widmung ist Tino selbst. 157 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Die Binnenhandlung erzählt von Tinos Reise nach Bozen, vom Auf ein an der treffen mit Goethe und von der tragischen Liebe zu Barbara Isabella. Tino Remischs Vater, ein deutscher Kaufmann aus Livorno, möchte, dass sein Sohn so bald wie möglich heiratet. So sei er »kein Freund dieser romantischen Liebschaften, die mehr einem Komödianten oder einem Soldaten anstehen als einem vernünftig wägenden Kaufmann« (JuR: 80). Zudem sei Tino »als Deutscher in dieser welschen Stadt« (JuR: 80) erzogen worden und habe daher die Pflicht, das Deutschtum in seiner Heimat durch die Heirat mit einer Deutschen zu erhalten und nicht »so eine Welsche, eins von diesen schwarzen, geschwätzigen Mädchen zum Weibe [zu] nehmen« (JuR: 80). Daher solle der Sohn nach Bozen zu seines Vaters Vetter Dietmar Remisch reisen, um dort in dessen Geschäft mitzuarbeiten und Bekanntschaft mit seinen beiden Töchtern Atta und Barbara Isabella zu machen. Die Reise nach Bozen führt Tino in einer umgekehrten Goethe’schen Italienreise über Bologna nach Verona, wo er die Etsch entlang spaziert und sich über »die kraftvoll ziehenden Fluten des schönen Stromes, dessen Wasser schon aus den deutschen Bergen kamen« (JuR: 81), freut. Außerdem erblickt er hinter den veronesischen Hügelketten von Weitem die Tiroler Berge und es kommt ihm vor, »als ob jenseits dieser fernen majestätischen Berge ein Wunderland beginne, das ungeahnte Freuden für ihn bereit« (JuR: 82) halte. Über Rovereto und Trient erreicht Tino schließlich Bozen und bezieht dort ein Zimmer in einem Gasthof, wo er auf einen anderen Reisenden trifft, nämlich auf Johann Wolfgang von Goethe, der auf seiner Italienischen Reise Zwischenhalt in Bozen macht. Da Goethe Schwierigkeiten hat, den Tiroler Dialekt zu verstehen, springt Tino vermittelnd ein. Die beiden machen einen Stadtspaziergang und Goethe berichtet, dass Bozen bereits sehr von der südlichen Lebensart, Bauweise und Kultur geprägt sei, was man daran erkennen könne, dass das Leben und Arbeiten vor allem auf der Straße und nicht in den Häusern stattfinde. Goethe ist erfreut, als er zum ersten Mal ein Kind italienisch sprechen hört, und ruft aus: Ich kann’s kaum fassen. Gestern noch ging’s durch düstere, wenn auch bedeutende Schluchten, in deren Brausen der raue Kampf nordischer Gewalten sich anzuzünden schien, und heute ist die Welt sonnig und frei. (JuR: 90) Hier verarbeitet Huldschiner eindeutig Goethes Schilderungen über seine Reise vom Brenner durch das Eisacktal nach Bozen und weiter nach Trient. Als sich Goethe schließlich namentlich vorstellt, gesteht Tino, dass er, da er in Livorno aufgewachsen sei, noch nie etwas von ihm gehört habe. Allerdings wird ihm bewusst, dass Goethe »ein besonderer Mann sein« (JuR: 93) müsse, insbesondere nach der Lektüre seines Briefromans Die Leiden des jungen Werthers, zugleich Lieblingsroman von Barbara Isabella. Tino und Barbara Isabella verlieben sich bereits beim ersten Aufeinandertreffen ineinander. Tino vergleicht ihre Begegnung und ihren ersten Kuss mit der Liebesgeschichte von Jakob und Rahel. Dieser soll die ihm zuvor noch unbekannte Rahel beim ersten Treffen leidenschaftlich geküsst haben. Barbara Isabella, ihre Schwester Atta und Tino pflanzen im Hof der Margarethenburg ein Bäumchen als Symbol für den gemeinsamen Schwur, »nur zu tun, was das heiße Herz von uns mit seinem Schlage fordert« (JuR: 114 f.). 158 Andreas Micheli: Richard Huldschiner So hätte Barbara Isabella, wenn sie Lotte in Goethes Werther gewesen wäre, im Namen der Liebe ihre Beziehung zu Albert aufgegeben und sich für Werther entschieden. Als Tino erfährt, dass sein Vater in seinem Namen bereits um die Hand Attas gebeten habe, bricht für ihn die Welt zusammen. Er gesteht dem Onkel, dass er dessen jüngere Tochter Barbara Isabella liebe, doch lehnt dieser eine Heirat der beiden ab, da nur die Väter das Recht hätten, eine Ehe zu arrangieren. Tino berichtet Barbara Isabella und Atta von den Vorkommnissen und gesteht Barbara Isabella seine Liebe und bittet Atta, ihn freizugeben. Atta ist sehr enttäuscht und zieht sich traurig zurück, lässt die Liebenden aber gewähren. Tino schlägt vor, nach Livorno zu seinen Eltern zu fliehen, doch Barbara Isabella möchte trotz ihrer starken Gefühle für Tino ihrem Vater nicht den Gehorsam verweigern. Tino erhält auf einem kleinen Zettel einen rührseligen Abschiedsgruß seiner Geliebten, der ihn dermaßen betrübt, dass er sich, gleich der Figur des Werther in Goethes Roman, für den Freitod entscheidet. Dank des Eingreifens eines alten Mannes, des örtlichen Wundarztes, den Tino schon einige Zeit vorher getroffen hat, wagt er den letzten Schritt nicht, entscheidet sich stattdessen für das Leben und beschließt, Tirol in Richtung Norden zu verlassen. Im Epilog erzählt die Tante dem Ich-Erzähler vom weiteren Schicksal Tinos, der ein Jahr in München gelebt habe und dann nach Italien zurückgekehrt sei, um dort eine Italienerin zu heiraten. Auch die beiden Schwestern hätten geheiratet und ein glückliches Leben geführt. Zu Barbara Isabellas 70. Geburtstag habe sie von Tino, der ihre erste Liebe gewesen sei und den sie zeit ihres Lebens nicht vergessen habe, das Gemälde von Jakob und Rahel erhalten. In seiner Rezension geht Rossi auch auf die zweite Novelle, Jakob und Rahel, ein. Insbesondere arbeitet er Huldschiners Darstellung seiner Heimatstadt und des damals herrschenden Zeitgeistes heraus: Die Lieblichkeit, die selige, lachende Fülle des Bozner Herbstes glänzt durch »Jakob und Rahel«, die traute, zierliche, wohl auch ein klein wenig gezierte Wärme des ausgehenden 18. Jahrhunderts atmet darin in leichten Zügen.553 Hervorzuheben sei auch die Funktion Goethes als wichtige Inspirationsquelle für den Protagonisten. So stehe Tinos Zusammentreffen mit dem großen Dichter »in beziehungsreicher Symbolik«554, denn »von diesem großen Lebenskünstler, diesem stärkegesegneten Ueberwinder alles Weltwehs soll gleichsam ein Abglanz in Tinos Seele fallen«555, welche »sich gegen Schmerz und Verzicht rüsten«556 müsse. Über das letztlich positive, aber dennoch ein wenig wehmütige Ende, d. h. die Rückkehr der Hauptfiguren in den Alltag nach ihrer ersten großen Liebe und der ersten gro- ßen Trennung, schreibt Rossi: 553 Rossi 1912, 1 f. 554 Ebd., S. 2. 555 Ebd. 556 Ebd. 159 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Und die Lebenswege Tinos und Barbara Isabellas laufen in weiter Ferne voneinander – friedsam, sicherlich nicht glücklos und doch vielleicht von dem ganzen Schmerz jener Bozner Tage wie von einem herbsüßen Duft überflogen.557 Carl Busse stellt in seiner Besprechung für Velhagen & Klasings Monatshefte über die Novelle fest: Auch an der »Jakob und Rahel«-Novelle kann man seine Freude haben. Wohl scheint mir, als ob Goethe, der hier nebenbei auftritt, zu sehr auf der Apotheose und die »Strahlenglorie« hin gestaltet wäre, aber wie liebenswürdig ist der italienische Vetter, sind die beiden Mädchen gezeichnet! Und wie freundlich grünt über einer begrabenen Liebe hier der Efeu!558 Das Goethe-Jahr 1932 nahm der Innsbrucker Literaturhistoriker Moriz Enzinger zum Anlass, »den Berührungspunkten nachzuspüren, die den großen Weimarer Klassiker mit Tirol verbanden«559 So besprach er verschiedene dichterische Verklärungen von Goethes Leben und Wirken durch Tiroler Schriftsteller wie Renk, Huldschiner und Trentini. So bemerkt er zu Huldschiners Goethe-Darstellung, dass dessen »Gestalt […] klug und wirksam im Hintergrunde der Geschichte [bleibe] und doch die wenigen Blätter der Erzählung«560 überstrahle. Handlungsort der dritten Novelle, Hirtenlied, welche bereits im Oktober 1910 in den Süddeutschen Monatsheften veröffentlicht wurde, ist die fiktive Seeberalm am Fuße des Larmkogels, der irgendwo in den Alpen zu liegen scheint, eventuell wieder in Südtirol, da auch ein italienischer Händler Erwähnung findet (vgl. Hld: 211). Die von Huldschiner verwendeten Toponyme liegen zwar alle in den österreichischen Alpen, teilweise aber Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Huldschiner erzählt eine Liebesgeschichte, in der ein Ich-Erzähler, der mit seinem verletzten Freund Otto nach einer missglückten Bergtour ungewollt auf einer Almhütte strandet, eine junge Kellnerin kennenlernt, sich in sie verliebt, schließlich aber erkennen muss, dass ihre Beziehung keine Zukunft hat. Die Handlung selbst ist sehr einfach gestrickt, Hauptaugenmerk legt der Autor hier auf ausführliche Landschaftsbeschreibungen, die der namenlose Protagonist und Ich-Erzähler, der ähnlich wie Huldschiner Schriftsteller ist, in längeren, von der Handlung unabhängigen Exkursen vorträgt bzw. niederschreibt. Die Kellnerin Kathi wird als einfaches, lebenslustiges Mädchen charakterisiert. Wie bereits in anderen Werken stellt Huldschiner die einheimische Bevölkerung einerseits als freundlich, andererseits aber auch als naiv und teilweise primitiv dar. So beschreibt der Ich-Erzähler Kathi, die geweint haben soll, als Otto verletzt in die Hütte gebracht worden ist, folgendermaßen: 557 Ebd. 558 Busse 1912, S. 312. 559 H. L. 1936, S. 218. 560 Enzinger 1932, S. 150 – 153. 160 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Ja, ich glaube, daß sie eine gute Haut ist … ich mag eigentlich diese Sorte gar nicht, die erst weint und dann gleich wieder lachen kann. Es ist so etwas – Rohes in diesen primitiven Seelen. (Hld: 165) Ähnliches stellt er über die Abendgesellschaft fest, bestehend aus Einheimischen und Touristen, die spielen und feiern: Es sind recht angenehme, verträgliche Leute, die da unten. Man wird ganz warm, wenn man ruhig in der Ecke sitzt und ihren harmlosen Scherzen zuhört. Sie haben so etwas Selbstverständliches, wie die Kühe hier auf der Alm, sie bimmeln gleichsam mit ihren Glocken, werfen grasend den Kopf herum und liegen breit und zufrieden da und verdauen. (Hld: 167) Kathi berührt den Ich-Erzähler immer wieder mit kleinen Umarmungen. Dieser wiederum fühlt sich geschmeichelt, möchte aber nicht in die Offensive gehen, da sie im Gegensatz zu einem Stadtmädchen »trotz allem herzlichen Entgegenkommen geachtet sein will wie irgendeine Dame aus meiner eigenen Sphäre« (Hld: 171). Außerdem erfreut sich der Ich-Erzähler an seinem Aufenthalt in den Bergen und genießt es als Städter regelrecht, daß ich in dieser wunderschönen Berglandschaft ein paar Tage als freier Mann leben konnte, ohne jeden touristischen Ehrgeiz, als ein freier, stiller Mann, der vor dem Hause sitzt oder im Grase liegt, wie es ihm gefällt. (Hld: 171) Kathi und der Ich-Erzähler kommen sich schließlich näher und küssen sich sogar. Obgleich sich der Ich-Erzähler mehr Intimität wünscht, verleben die beiden eine glückliche Zeit mit Gesprächen und leichten Zärtlichkeiten. So erzählt der Ich-Erzähler dem Mädchen die Geschichte eines chinesischen Weisen namens Ki-ti-po, der alles gewusst habe, was man wissen könne. Da ihm allerdings noch die Erfahrung des Sterbens gefehlt habe, habe er sich von einem Berg in die Tiefe gestürzt. Diese kleine Erzählung innerhalb der Novelle kann nach bisherigem Forschungsstand als Huldschiners erste literarische Auseinandersetzung mit dem Fernen Osten gesehen werden. Als Huldschiner während seiner Weltreise China und Japan besuchte, entstanden noch einige weitere Texte, in denen er sich mit der Kultur und der Geschichte jener Länder befasste. Nach einigen Tagen wird der verletzte Otto ins Tal gebracht und die Verliebten müssen sich verabschieden. Da beide aus verschiedenen Welten kommen, d. h. sie ein Mädchen vom Land und er ein Städter ist, kommt der Erzähler zum Schluss, dass die Beziehung über die Distanz bzw. aufgrund der unterschiedlichen Herkunft schwer aufrechtzuerhalten ist. So sieht er weder eine Brieffreundschaft noch ein Wiedersehen im folgenden Jahr als adäquate Lösungen an: Was soll man schreiben, wenn sich die Ferne trennend zwischen zwei Welten schiebt! Aber vielleicht einmal wiederkommen! Es wird dann alles anders sein, ja, das wußte ich, nur einmal findet der Wanderer die Märchenfee am Quell sitzen, und wenn er nicht das rechte Wort kennt, versinkt sie auf wieder hundert Jahre … (Hld: 220) 161 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Der Rezensent Paul Rossi ist der Ansicht, dass Huldschiner sich in Hirtenlied hauptsächlich auf die Landschaftsbeschreibung konzentriere: »Verhältnismäßig karg ist der Anteil des Liebesmotivs«561 in der dritten Novelle: […] nur wie beiläufig schlingt sich durch die selige Naturtrunkenheit des Erzählers, durch seine Anbetung von Wald und Almblüte, brennendem Abendberg und regenduftendem Tann, durch seinen Preis der Kulturferne die Wahrnehmung, daß auch das Weib in solcher begnadeten, des tiefsten und heiligsten Lebens vollen Höhe etwas von der großen Weihe empfange und daß dieser Zauber von ihr falle, wenn sie ins Tal käme.562 Carl Busse hingegen ist sehr angetan von Hirtenlied und konstatiert zu Huldschiners Erzählweise hier und in den anderen Novellen des Bandes: Man merkt sofort den guten Könner, der nicht nur ein geschulter Schriftsteller, sondern auch ein Poet ist. Mit ganz einfachen Mitteln erzielt er starke Wirkungen. Seine Menschen wachsen wie selbst aus der Zeit oder der Landschaft heraus.563 Ebenso betont er die Lyrik, die der ganzen Novelle und insbesondere der Figur Kathi anhafte: Sie wird kaum geschildert und steht doch klar vor uns. Sie wird fast lyrisch beschworen und hat doch festen Umriß. Sie ist eins mit der Natur, ist in keinem anderen Rahmen möglich und weckt Sehnsucht. Ihre Blutwärme zittert zu uns herüber.564 Ähnlich begeistert äußert sich Richard Jerie in seiner Besprechung. So sei Huldschiner eine »ganz herrliche Novelle in einfacher natürlicher und darum um so packenderer Sprache«565 gelungen, welche den Autor »wieder von einer neuen Seite«566 zeige. Im Literarischen Echo betont der Rezensent Walter von Molo die Symbiose der weiblichen Hauptfigur mit der ausführlich beschriebenen alpenländischen Natur. So seien hier »Natur und Menschendasein zu einem Ganzen gebunden, das einzigartig«567 wirke. Außerdem übe Huldschiner Kritik am städtischen Leben: In der Novelle folge »ein Angriff wider unsere Gesellschaftsmoral […] auf den anderen«, doch behalte »der Dichter und Künstler, ohne in uferlose Freidenkerei zu verfallen, die meisternde Oberhand«568. Molo nimmt hier wohl u. a. auf folgenden Absatz Bezug, in dem der Ich-Erzähler, zu seinem kranken Freund Otto gewandt, Kritik an der städtischen Lebensweise und ih- 561 Rossi 1912, S. 2. 562 Ebd. 563 Busse 1912, S. 312. 564 Ebd. 565 Jerie 1912, S. 10. 566 Ebd. 567 Molo 1912, S. 1305. 568 Ebd. 162 Andreas Micheli: Richard Huldschiner rem Kulturverständnis übt und sich beklagt, dass der Mensch den Kontakt zur Natur verloren habe: […] wir hausen in großen Städten; wir sehen das ganze Jahr nur ein kleines Stückchen Himmel. Wir tanzen und heiraten ein unmäßig geschnürtes Frauenzimmer, das noch nie gesehen hat, wie die Sonne aufgeht. Wir stehen in Gemäldesammlungen herum und sitzen im Theater. Wir reden immer von Kultur und sind dabei so unkultiviert, daß wir uns nicht ein einziges Mal entsetzt haben über unseren Mangel an Zusammenhang mit der Natur. (Hld: 191) Im Berliner Tageblatt wird die Novelle ebenso sehr positiv besprochen, im Gegensatz zu den anderen Erzählungen des Bandes. Während die anderen Novellen den Anschein erwecken würden, als wäre Huldschiner ein »schlichter Orthograph […], der ohne sonderlich intime Windungen gewesene Dinge in einem angemessenen verwesten Stil«569 wiedergebe, finde man in »seiner ausgezeichneten Studie Hirtenlied […] einen Schuß Hamsun […]«570. Die Novelle sei in ihrem Ton »zart und traurig«571 und enthalte »eine philosophische Allegorie von chinesischem Tiefsinn«572. Noch euphorischer zeigt sich ein Kritiker in einer Buchbesprechung für den Hamburgischen Correspondenten. Demnach sei die Novelle eine impressionistische Studie«573, in der eigentlich nichts geschehe, außer dass der Autor darin »die leisesten Schwingungen und Zuckungen der Empfindungen«574 wiedergebe, allerdings »so echt und zwingend, daß man ganz im Banne des Dichters«575 stehe, dem hier »im engesten Rahmen ein Meisterstück gelungen«576 sei. Die vierte Novelle in Narren der Liebe trägt den Titel Armer Don Martino und spielt in Primiero im Trentino. Aufgrund einer Liebesbeziehung zur Tochter eines Beamten der Bezirkshauptmannschaft Trient wird der Kaplan Don Martino Reghele nach Primiero strafversetzt. Dort lebt er sich schnell ein und findet bald Anschluss im Dorf. Insbesondere der Garten des Krämers Lacedelli erfreut ihn sehr, da im Garten des Widums nur Gemüse wächst, während jener »seltsame Garten, von Blumen ganz erfüllt, von Schmetterlingen bevölkert« (ADM: 227) ist. Auch trifft er bei seinen Besuchen häufig auf Linda, die hübsche achtzehnjährige Tochter des Krämers. Einige Zeit später, als er sie allein bei einem Spaziergang durch die Maisfelder trifft, überkommt es ihn plötzlich und er küsst Linda, immer den Gedanken im Hinterkopf, bald wieder zwangsversetzt zu werden. Don Martino hadert daraufhin sehr mit sich und seiner Situation. Ihm ist bewusst, dass er eine Sünde begangen hat, bezeichnet sich sogar selbst als einen »armen Don Martino«. So stellt er sich die Frage, 569 Berliner Tageblatt (Morgen-Ausgabe) 1912, S. 17. 570 Ebd. 571 Ebd. 572 Ebd. 573 C.M.R. 1912, S. 71 574 Ebd. 575 Ebd. 576 Ebd. 163 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr was [es] nützte […] frei von Sünde zu sein, wenn die dunkle Macht doch tun konnte, was sie wollte! Und vielleicht, mein Gott, vielleicht war man gar nicht frei von Sünde. (ADM: 232) Immer wieder geht er zum Garten des Krämers, um dort auf Linda zu treffen, die allerdings nicht mehr auftaucht. Was bleibt, ist der Garten, den Huldschiner sehr ausführlich beschreibt. Im 1929 erschienenen, großteils autobiografischen Essay Der Garten (vgl. Kapitel 3 und 15.2) beschreibt ein Ich-Erzähler zwei Gärten, die ihn immer sehr beeidruckt hätten. Einer davon habe sich in Primiero befunden. Vergleicht man die jeweiligen Beschreibungen der Gärten, ergeben sich einige sehr offensichtliche Gemeinsamkeiten. Ob Huldschiners Garten in Primiero tatsächlich existiert hat, ist nicht bekannt. Ständig an Linda denkend, trifft Don Martino diese in der Kirche, küsst sie erneut, wird aber dabei gesehen und deswegen von einigen Dorfbewohnern verprügelt. Für sein unpassendes Verhalten wird er auf den Nonsberg in ein abgeschiedenes Dorf versetzt, nachdem er seine Strafe in einem Kloster in Trient abgesessen hat. Dort wird er von allen belächelt und bemitleidet und dieses Mal wirklich als »armer Don Martino«, als ein verschrobener und von einer unglücklichen Liebe gezeichneter Mann angesehen. Der Rezensent Jerie fasst die Wendung in der Novelle wie folgt zusammen: »Er ist Menschenfeind geworden und zu Grunde gegangen, weil er eben ein Narr der Liebe war.«577 Außerdem sei es Huldschiner gelungen, auf »neue[n] Wege[n], den Leser zu fesseln, [was] eine ganz erstaunliche Vielseitigkeit [darstelle], die man immer wieder bewundern muss«578. Weniger begeistert äußert sich Rossi über die Novelle, die »einigermaßen im Entwurfe stecken blieb […] [und der] das Ueberzeugende der anderen Novellen«579 fehle. Die anderen Texte wiederum seien in ihrer Geschlossenheit, in der restlosen, alle Möglichkeiten erfassenden und erschöpfenden Stimmungsmacht prächtige Leistungen und mit wahrer Freude erkennt man, daß die ansehnliche und imponierende Tiroler Literatur wieder einen Treffer mehr zu verzeichnen hat.580 Allen untersuchten Rezensionen war eines gemeinsam: Sie lobten Huldschiners Stil und sahen in seinem Schreiben großes Potenzial, welches aber leider noch zu wenigen bekannt sei. Ein Rezensent der Neuen Hamburger Zeitung bringt das Dilemma, in dem sich Huldschiner befand, nämlich die Diskrepanz zwischen seiner von vielen Seiten gelobten Dichtkunst und seinem sehr geringen Publikumserfolg, folgendermaßen auf den Punkt: Ich möchte nicht zählen, wie viele Bewohner Hamburgs, dessen Bürger er ist, den Dichter nach seinem Wert zu schätzen wissen. Ich wette, es sind nicht ein Zehntel 577 Jerie 1912, S. 10. 578 Ebd. 579 Rossi 1912, S. 2. 580 Ebd. 164 Andreas Micheli: Richard Huldschiner derer, die Otto Ernst581 anhängen. Wenn sich dieses Verhältnis umkehrte, wäre das ein großer Gewinn für Hamburg.582 7.11 Die Heimkehr (Erzählung) Bevor Huldschiner als Schiffsarzt auf Weltreise ging, publizierte die Kulturzeitschrift Die Jugend im September 1912 die kurze Erzählung Die Heimkehr. Der Protagonist, ein Korporal der Reserve namens Valentin Zischg, kehrt von einem Manöver heim nach Kastelruth, weil er sich bei einer Übung die Kniescheibe verletzt hat. Er betrinkt sich in Waidbruck und trifft auf dem Heimweg auf einige Dorfbewohner, die sich über seinen betrunkenen Zustand lustig machen. Als Zischg in der Nacht endlich zu Hause ankommt, meint er einen fremden Mann in der Kammer seiner Ehefrau Lene zu erblicken und stürmt mit einem gezogenen Messer auf ihn los, sodass dieser die Flucht ergreift. Im Bewusstsein, dass er seine Frau beim Ehebruch erwischt hat, zieht er sich traurig zurück und verlässt sein Haus. Er verbringt die Nacht auf einer verlassenen Zughaltestelle und beschließt, seinem Dorf und seinem Leben dort den Rücken zu kehren, um nach Italien oder Amerika auszuwandern. Die Erzählung beginnt wie eine typische Dorfhumoreske, in der Huldschiner zunächst wieder schwere stereotype Geschütze auffährt: ein heimkehrender Soldat, der anstatt direkt zu seiner Frau zu gehen, lieber im Wirtshaus sitzt, Karten spielt und zecht. Ebenfalls fehlen weder die klatschsüchtigen Dorfbewohner, die den Heimkehrer wegen seines alkoholisierten Zustandes abschätzig behandeln, noch eine Ehefrau, die ihren Mann betrügt und dabei erwischt wird. Trotz der zum Teil vorhersehbaren und trivialen Handlung gelingt es Huldschiner vor allem am Schluss der Erzählung, ein wenig Wehmut und Traurigkeit zu erzeugen. Der betrunkene Soldat ist, als er seine Frau im Bett mit einem anderen Mann ertappt, konsterniert. Er geht nicht vom Zorn geleitet auf seine Frau los, sondern zieht betrübt ab, ständig den Satz wiederholend: »Ich bin’s […]. Bin’s nur ich!« (DHk: 1137). Somit lässt sich das Genre der Erzählung nicht eindeutig bestimmen, da diese einerseits Züge einer Humoreske trägt, andererseits den Leser aber auch überrascht, vor allem durch die differenzierte Charakterisierung der Hauptfigur am Schluss des Textes. 712 Der Tod der Götter. Ein Buch der Mysterien (Roman) Das Jahr 1912 bedeutete für Huldschiner einen großen Umbruch. Zum einen war er als Autor wieder sehr produktiv und verfasste mit Der Tod der Götter seinen bisher längsten Roman. Zum anderen verließ er Hamburg, gab seine Praxis auf und reiste für ein Jahr als Schiffsarzt um die Welt. Im November desselben Jahres, also während sich Huld- 581 Otto Ernst war ein sehr beliebter, in der zeitgenössischen Literaturkritik aber sehr umstrittener Hamburger Schriftsteller. 582 H. W. F. 1912, S. 9. 165 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr schiner bereits auf Reisen befand, veröffentlichte der Albert Langen Verlag den Roman, der den inhaltlich passenden Untertitel Ein Buch der Mysterien trug. Der im antiken Tirol spielende Roman schildert mehrere Episoden aus dem Leben des Römers Lucius Cornelius Rufus, der von germanischen Barbaren von seinem Landgut vertrieben wird, sich auf Wanderschaft begibt, um die wahre Religion zu finden, die er letztlich in sich selbst entdeckt. Auf seiner Wanderschaft durch das antike Tirol der Völkerwanderungszeit trifft er auf die verschiedensten Kulte der damaligen Ära: den Isisund Mithraskult, die etruskisch geprägte Religion der Räter, die Naturreligion der Tirli, das Judentum und schließlich auf das die europäische Gesellschaft verändernde Christentum, das Huldschiner im Gegensatz zu den anderen Religionen sehr negativ darstellt. Rufus flieht von seinem Landgut Cornelianum (Girlan bei Bozen) nach Pons Drusi (Bozen). Das Römische Reich ist im Zerfall begriffen. Heidnische Völker fallen über die zum Teil christlich gewordenen römischen Städte her, bedrohen aber auch jene Römer wie Rufus, die noch einem römisch-griechisch geprägten Glauben anhängen. So stellt Rufus über das untergehende Rom fest: »Rom ist in den Händen des Feindes, Rom ist sterbenskrank« (DTG: 9). Bereits auf den ersten Seiten findet sich eine Anspielung auf den Romantitel. So stellt Rufus seinem Sklaven Dominicus die Frage, ob es wahr sei, »daß die Götter gestorben sind« (DTH: 12). Rufus’ Welt bricht in sich zusammen und mit dem Christentum taucht etwas Neues auf, das Rufus allerdings als Bedrohung der alten gesellschaftlichen Werte wahrnimmt. Er flüchtet zusammen mit seinem Sklaven und bedauert seine eigene Wehrlosigkeit, da er dem Waffengebrauch abgeschworen hat, und vergleicht seine Situation mit der seines eigenen Volkes: O Roma, Mutter du und Königin, warum unterwarfst du dich dem neuen Gott, der die Menschen schwach und das Schwert zu schwer macht für die zitternden Arme? Und am Zagen hallelujasingender Knechte steckt wie an einem Fieber die ganze Welt sich an und stirbt. (DTG: 14) Auf dem Weg nach Pons Drusi trifft er auf eine Prozession christlich-römischer Flüchtlinge, die vor dem einfallenden germanischen Volk der Heruler fliehen. In Huldschiners Darstellung der Prozession verschwimmt der christliche Kult mit Elementen des römisch-griechischen Glaubens. So wird ein »halbwüchsiges Mädchen« zusammen mit einer Heiligenreliquie an der Spitze der Prozession getragen. Das Mädchen, welches Fieber hat und Varuna heißt, wird von den abergläubischen Flüchtlingen als Wahrsagerin angesehen. Sie fängt an zu singen: »Fürchtet nichts, denn ob ihr auch stürbet, so werdet ihr dennoch leben« (DTG: 17). Die Leute interpretieren ihre Worte dahingehend, dass sie, auch wenn sie die Strapazen nicht überleben, im Jenseits weiterexistieren werden. Die Christen werden aus Rufus’ Sicht als naiv beschrieben: »[…] scheue, verwunderte Blicke streifen ihn, auf allen Gesichtern liegt dasselbe kindlich-naive Fragen, eine Gelassenheit, die nicht in die Tiefe zu dringen sich müht« (DTG: 17). Die Christen ziehen weiter ins Gebirge und bieten Rufus an, sie zu begleiten. Er lehnt ab, obgleich er unsicher ist, ob sein Weg der richtige sei, nämlich sich nicht dem Christentum zu ergeben und seinem Glauben treu zu 166 Andreas Micheli: Richard Huldschiner bleiben. Zudem meint er in Rätien (also dem späteren Tirol, was hier als autobiografisches Element angesehen werden kann) eine Heimat gefunden zu haben: Wo ist die Wahrheit? Haben diese sie gefunden? Wo ist die Heimat? O Rom, ich ließ dich, weil ich sah, wie unter dem anmaßlichen Regiment geschorener Männer deine Schönheit verging. Und ich kam in dieses Land und liebte es; aber die Schöne blieb spröd und lächelte mir nicht. Und nun reißen kindische Barbaren ihr die Ringe aus den zarten Ohren. (DTG: 19) In einer kleinen Nebenhandlung plündern herulische Barbaren Rufus’ Landgut. Insbesondere hat es ihnen ein Marmorbildnis angetan, welches eine schlanke Nymphe darstellt. Die Heruler, welche von Huldschiner als dumm und sexuell lasterhaft charakterisiert werden, berühren die weibliche Statue anzüglich, um sie im Anschluss daran zu zerstören. Die Statue, ihrerseits eine Metapher für die Unverwüstlichkeit der Kunst, wehrt sich gegen die Barbaren, indem sie umfällt und den Barbaren die Füße zertrümmert. Rufus’ Diener Dominicus gesteht, dass er getauft sei und dass er Varuna nur aus Treue zu Rufus nicht gehuldigt habe, jetzt aber befürchte, seinen Gott erzürnt zu haben. Schließlich habe er auf Varunas Stirn ein Kreuz aufleuchten sehen. Rufus verstößt daraufhin seinen Diener: »Geh! Ich mag nichts zu tun haben mit einem hündisch bellenden Unterworfenen« (DTG: 28). Oberhalb von Clusium (Klausen) liegt das Heiligtum Sabionae (das spätere Kloster Säben), ein Tempel des Isiskults. Dort begibt sich Rufus als Schüler des Oberpriesters Macer Maro in die Lehre, um die Wahrheit zu finden. Hier lehnt sich Huldschiner an die Hauptfigur Lucius aus Apuleius’ Hauptwerk Metamorphosen (oder Der goldene Esel) an, die ebenfalls, nachdem sie von einem Esel zurück in einen Menschen verwandelt worden ist, dem Isiskult folgt. Rufus führt zudem ein ausführliches Zwiegespräch mit Isis und erhält den Ratschlag, auf Wanderschaft in die Einsamkeit der rätischen (tirolischen) Bergwelt zu gehen, denn die Wahrheit, die er zu suchen wünsche, liege in ihm selbst. Auf seiner Wanderschaft trifft Rufus auf einen Fremdling, der am Schluss des Romans noch einmal auftaucht. Dieser ist jüdischer Herkunft und wird als ewig Wandernder dargestellt. Ein Vergleich mit der Figur des Ahasver liegt hier nahe, allerdings positiv konnotiert, nämlich als eine Symbolfigur der ungerechten Verfolgung aller Juden und als Ausdruck der Hoffnung, eine neue Heimat zu finden. So erzählt der Fremde, dass er, nachdem er aus seiner Heimat vertrieben worden sei, sein Leben auf Wanderschaft verbringen müsse, von allen gemieden, als Außenseiter: Wo ich ging und stand, da sprang ein Haß mir ins Antlitz. […] Da glaubte ich, ich hätte für eine Schuld zu büßen, die auf mir lag, seit Anbeginn der Zeiten. (DTG: 61 f.) Den Schuldgedanken habe der Fremde aber bald verworfen, da er nach einem Zwiegespräch mit Gott zur Erkenntnis gekommen sei, ein Wissender zu sein. Das sei aber von den Christen als Hochmut angesehen worden und sie hätten ihm die Schuld dafür gegeben, »ihnen den Bruder [also Jesus] gekreuzigt« (DTG: 62) zu haben. Doch habe er diesen nicht gekannt, vielmehr müsse Jesus ihm selbst so manche Weisheit »abgelauscht 167 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr haben« (DTG: 63). Außerdem kritisiert er den christlichen Messianismus. So würden ihn die Leute für denjenigen halten, »der nicht zugeben will, daß die Welt erlöst ward, der sich vor den neuen Schnitzbildern nicht beugen will« (DTG: 63). Huldschiner macht mittels seiner Ahasver-Figur auch eine Anspielung auf die zionistische Ideologie, indem er den Fremden zu Rufus sagen lässt: […] meine Blicke schweifen in die Ferne und suchen die Heimat […] aber die grenzenlose Einsamkeit meiner Seele ist wie ein betörender Trank, aus dem ich Stolz und die Gewißheit trinke, daß ich den Berg der Wahrheit ersteigen werde, den Berg, unter dem sich die Welten offen breiten, und daß ich hinabschreiten werde in das Land der Verheißung. (DTG: 64) Rufus reagiert abweisend, hält den Fremden für einen Scharlatan, der sich anmaßt, der einzige Weise auf der Welt zu sein. Im folgenden Ausspruch lässt Huldschiner seinen Protagonisten verschiedene bekannte antisemitische Stereotype anführen: Deinesgleichen sah ich in den Buden am Tiber, am Marcellus-Theater sitzen und feilschen. Alle Laster sagt man euch nach, wollüstig seid ihr, verräterisch, feig und grausam. Ein Stolz ist in euch, so sagt man, der die anderen Völker verachtet. (DTG: 65) Außerdem betont Rufus die in seinen Augen für Juden typische Attitüde, ständig über ihr schlimmes Schicksal als Vertriebene und Verfolgte zu jammern. Obgleich Rufus dieses Verhalten als negativ ansieht, lässt sich hier eine wohl kalkulierte zionistische Kritik herauslesen, nämlich dass Juden sich ständig über ihr Schicksal in der Diaspora beschweren würden, statt eine Änderung ihrer Lebenssituation im Sinne eines eigenen Staates herbeizuführen. Interessanterweise gibt Rufus als der christlichen Religion gegenüber negativ eingestellter Römer den Juden die Schuld daran, dass sich das Christentum überhaupt ausbreiten konnte: Jesus Christus, der zwar nach außen hin von den Juden kritisiert werde, sei schließlich ein Jude gewesen. So wirft er dem Fremden Folgendes vor: Ihr bücktet euch vor uns [also vor den Römern, die Palästina erobert haben], aber ihr habt Rachepläne gesponnen, denn wer armselig ist, der nimmt zur Rache seine Zuflucht. Ihr sätet Zwietracht, ihr habt euch auch Jesus Christus ausgesonnen. (DTG: 66) Somit seien die Juden letzten Endes schuld am Untergang des Römerreiches und am Aufstieg des Christentums. Auch hier gelingt es Huldschiner geschickt, die im damals aktuellen Zeitgeist weit verbreiteten antisemitischen Verschwörungstheorien in den Roman einzubauen. Der Fremde bleibt trotz der Vorwürfe höflich und verabschiedet sich mit der Vorausahnung, dass sich die beiden wiedersehen würden und dass sich Rufus als Wanderer noch ganz am Anfang seines Weges befinde. Rufus lernt einige Zeit später das rätische Mädchen Susa kennen, welches ihm anbietet, in der Hütte seines Vaters Tis zu übernachten. Huldschiner lässt die Räter im Roman, getreu der damaligen Forschungsmeinung, dass die Räter von den Etruskern abstammen würden, an etruskische Götter glauben. 168 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Zudem werden die Räter als tapferes und naturverbundenes Volk dargestellt, welches weder die Römer noch die einfallenden Barbaren fürchtet. Susa ist eigentlich die Ziehtochter von Tis, die von ihm als Säugling aus einem von Räubern zerstörten Haus gerettet worden ist. Sie ist wahrscheinlich keine Räterin, sondern eine Ganna in menschlicher Gestalt, d. h. eine Art Fee, welche auch mit Tieren sprechen kann. Rufus möchte ein Bündnis zwischen Römern und Rätern initiieren, indem er die Räter an die positiven römischen Einflüsse, wie z. B. den Straßenbau, erinnert und sie zum gemeinsamen Widerstand gegen die Heruler bzw. die Christen auffordert. Allerdings müsse er vorher auf Wanderschaft gehen, um die letztgültigen Wahrheiten zu erfahren. Er warnt die Räter vor den Christen, insbesondere kritisiert er die christliche Jenseitsgläubigkeit, die das diesseitige Leben mit all den schönen Dingen diskreditiere: »Aber sein Leben soll er [der Mensch] nicht fortwerfen; es ist das Beste, was er hat« (DTG: 82). Rufus zieht sich allein nach Laziusa (Latzfons) zurück, wo er in der unbewohnten Hütte von Tis leben darf, wann immer er von seinen Wanderungen müde ist und einen Unterschlupf benötigt. Die Alm liegt abgeschieden und wird nicht mehr bewirtschaftet, da Tis’ Knechte sie meiden, weil dort Waldgeister bzw. Wildmänner, von Huldschiner Tirli genannt, ihr Unwesen treiben würden. Der Name Tirli erweckt sowohl Assoziationen zum Begriff Tiroler (also kleine Tiroler) bzw. Tier.583 Beide Termini beschreiben die Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, sehr genau. Die Tirli seien bereits von den Rätern in die entlegenen Gebiete des Hochalpenraums vertrieben worden und fürchten nun alle Fremden. Nach Tis seien sie »die letzten Nachkommen des alten Volkes […], das einst dieses Gebirge bewohnte, bevor es unser ward« (DTG: 85). Rufus geht also im Sommer auf Wanderschaft. Susa begleitet ihn, zunächst gegen seinen Willen. Sie hält ihn für den inkarnierten rätischen Gott Satre. Huldschiner behandelt die verschiedenen Mythologien sehr frei und vermischt tatsächliche Götter der griechisch-römisch-etruskischen Mythologie mit erfundenen. Die beiden Tirli Sihan und Kahan beobachten die beiden Wanderer argwöhnisch und wollen Rufus mit einem Stein erschlagen. Allerdings kann Susa sie mit einem Schrei vertreiben. Huldschiner erfindet für die Tirli sehr archaisch anmutende Bräuche, z. B. die Opferung von Artgenossen oder das Singen eines Blutliedes. Susa selbst wird, wie bereits festgestellt, von Huldschiner als ein mit der Natur verbundenes Wesen in menschlicher Gestalt dargestellt, welches in einer Symbiose mit jener existiert. Ich bin Berg und Wiese. Ich bin das Rauschen der Wasser. Ich bin die rötliche Wolke, die über dem höchsten Wipfel im Abendschein schimmert. […] Ich weiß nicht, wer mein Vater war, ich kenne meine Mutter nicht. Ich war geboren zugleich mit Wiesenrain und Felsenkluft. (DTG: 106) Rufus wird, nachdem er den Isiskult studiert hat, als Initiierter in den Mithraskult aufgenommen. Huldschiner beschreibt den Ritus samt Gebeten in aller Ausführlichkeit (vgl. DTG: 144 – 169), was die Vermutung nahelegt, dass sich Huldschiner gründlich mit den antiken Kulten aus einandergesetzt hat. Die römischen Christen, ebenfalls vertrieben von 583 Vgl. Sauermann 1997, S. 486. 169 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr den Barbaren, beäugen Rufus daher sehr kritisch. So zerstören sie den Mithrastempel, wobei Rufus von Susa aus den Trümmern gerettet werden kann. Für ihn bricht eine Welt zusammen. In seinen Augen seien die Götter endgültig gestorben. Nun will auch er nicht mehr leben. Doch Susa spendet ihm Trost und die beiden werden ein Paar. Der zweite Teil des Romans setzt im Frühling ein. Rufus und Susa haben den Winter als Paar in Tis’ Hütte in Laziusa verbracht. Nun kehren sie zu diesem zurück. Rufus wird von den meisten Rätern als einer der ihren angenommen. Die Barbaren haben währenddessen das gesamte Römerreich erobert, treten aber ebenfalls zum Christentum über. Die Tirli, welche den Opferstein, der vor der Hütte liegt, in der Rufus und Susa leben, wieder in ihren Besitz bringen möchten, gehen eine Allianz mit dem Christen Sarbanus ein und führen ihn zur Hütte von Rufus. Es kommt zu einem längeren Streitgespräch zwischen Rufus und Sarbanus. Rufus gelingt es, einige Widersprüche der christlichen Theologie aufzuzeigen, und er wirft dem Christentum vor, sich ungeniert des Mithraskultes bedient zu haben, letztlich aber daraus nur eine Religion gemacht zu haben, die den Menschen klein macht und klein hält: »Zum Wurm macht ihr den Menschen und wert des Untergangs« (DTG: 218). Außerdem kritisiert er ihre starre Jenseitsgläubigkeit und daraus folgend die mangelnde Vaterlandsliebe. Rufus hat mithilfe von Susa den Tod seiner alten Götter überwunden und das Göttliche in sich selbst entdeckt. Seine Gefühle Susa gegenüber verdeutlicht Rufus u. a. in folgendem Absatz: O Susa, manchmal erschaure ich vor dir. Mir ist dann, als seiest du gleichsam dieses Bergland, das mir fremd und doch Heimat ist. Mir ist, als hätte ich Suchender schon gefunden, und deine Seele und meine schwebten vereint und wunschlos im unendlichen All. (DTG: 260) Rufus’ Liebeserklärung an Susa kann auch autobiografisch verstanden werden, vorausgesetzt, dass Susa als personifizierte Südtiroler Natur angesehen wird. Aufgrund der häufig vorkommenden inbrünstigen Lobeshymnen auf seine Wahlheimat in vielen Werken Huldschiners liegt diese Vermutung sehr nahe. Rufus wird als Weiser häufig von anderen um Rat gefragt, so z. B. vom Räter Larislarisa. Auch Christen wie der Einsiedler Dositheus kommen zu Rufus und halten ihn sogar für einen Heiligen. Rufus wird von Tis zu seinem Nachfolger als Larth, d. h. zum König der Räter, auserkoren. Tis betont, dass nicht nur die Barbaren, sondern auch die Christen nun zu den Feinden der Räter zählen. Rufus besteht aber darauf, dass Larislarisa König wird, da er selbst geschworen hat, keine Waffe in die Hand zu nehmen. Susa erwartet ein Kind von Rufus. Er selbst ahnt seinen Tod voraus und bittet Susa, dass sie ihr Kind nicht in der Einsamkeit, sondern in der Stadt aufziehen möge, da es nur dort den Kampf lernen könne. Nur durch die dort gemachten Erfahrungen werde das Kind die Einsamkeit der Natur zu schätzen wissen, zu der es, wie einst sein Vater, zurückkehren werde. Auch der Isistempel wird von den Christen zerstört. Auf dessen Trümmern errichtet der Bischof ein Kloster. Der Bischof fordert Rufus zur Konversion auf, da er Rufus’ Einfluss auf die heidnischen Räter für deren Missionierung nutzen will. Rufus lehnt jedoch ab. Seinen Glauben nach der Zerstörung der Tempel ‒ und damit dem sym- 170 Andreas Micheli: Richard Huldschiner bolischen Niedergang der römisch-griechischen Kultur ‒ definiert Rufus folgenderma- ßen: Ich verehre den Menschen als der Welt größte Tat und Gott als des Menschen tiefstes Gesicht, da der Mensch Gott erschaffen hat und ihn erlösen wird, indem er sich selbst erlöst. (DTG: 260) Rufus’ Glaube geht von der Selbstbestimmtheit des Menschen aus. Er sei schließlich Herr über sein eigenes Schicksal. Rufus wird von einem Tirli, der von Sarbanus dazu angestiftet worden ist, durch eine Steinschleuder getötet. Nach dem Mord meinen die Tirli, den sich langsam ankündigenden Untergang ihres Volkes besiegelt zu haben. In einer letzten Vision kurz vor seinem Tod erscheinen Rufus verschiedene Götter, wie z. B. Isis und auch Numa Pompilius, der zweite König von Rom. Mit Rufus geht das alte durch die römisch-griechische Kultur und Religion geprägte Rom unter und zugleich, da er durch die Verbindung mit Susa auch den Glauben der rätischen Gottheiten in sich trägt, auch die rätische Kultur, zerstört durch die neue die Weltgeschichte dominierende Kraft, nämlich das Christentum. Auch erscheint ihm Jesus Christus, der sich bei Rufus beklagt, dass er missverstanden worden sei: Sie nahmen mein Wort, das ihnen nicht handlich war, und zerstückelten es und machten sich Mäntel und Schuhe daraus. Nun gehen sie warm und bequem und haben für alles, was sie tun, eine Ausrede in meinem Sterben. (DTG: 359) Nachdem Rufus verstorben ist, taucht erneut der Fremde auf und hilft Susa, ihn zu bestatten. Währenddessen nähern sich sowohl die Räter als auch die Christen der Hütte. Beide beanspruchen den Leichnam für sich. Rufus soll, da er dem Bischof von Dositheus als Heiliger angepriesen worden ist, im neu gegründeten Kloster Säben bestattet werden. Die Räter hingegen wollen ihm eine Grabkammer nach rätischem Brauch errichten. Auch sie verehren Rufus sehr, da er ihre Religion und Kultur stets akzeptiert und ihnen niemals seine Götter aufgedrängt habe. Larislarisa und der Christ Sarbanus duellieren sich, um zu entscheiden, wer Rufus nach welchem Ritus bestatten darf. Larislarisa gewinnt zwar das Duell und tötet Sarbanus, doch wird er aus dem Hinterhalt ermordet. Daraufhin kämpfen die Räter einen blutigen Kampf gegen die Christen. Während des Kampfes bringt Susa Rufus’ Leichnam in ihre Hütte und zündet diese an. Susa und ihr ungeborenes Kind sterben in den Flammen. Die Räter werden besiegt und die Christen errichten ein Heiligtum, da sie Rufus für ihre eigenen Zwecke als Abb . 18: Der Tod der Götter (1912) . 171 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr christlichen Heiligen instrumentalisieren wollen. Der Fremde wiederum kritisiert das Verhalten der Christen: Die Zeit eurer Herrschaft ist gekommen. Denn selbst die Gebeine dessen, der euch Feind war im Innersten, macht ihr euch zu einem Heiligtum. […] Nicht in euern Kirchen suchte Rufus seinen Gott. (DTG: 408) Die Christen beten den Psalm 116, an dessen Ende Jerusalem als Erfüllungsort des Gelübdes zwischen Gott und den Menschen erwähnt wird. Dieses Verhalten kommentiert der Fremde folgendermaßen: Da gehen sie und singen von Jerusalem. Wehe, Jerusalem ist gefallen und ausgewandert ist Juda, weilt unter den Heiden und findet keine Ruhestatt […] Einen Gerechten [nämlich Rufus] fand ich auf meinem Wege, aber auch ihn verschlang der Strudel, der das Chaos von neuem gebären will. (DTG: 410) Der Tod der Götter ist eine Abrechnung mit der christlichen Lehre. Beinahe wie eine Krankheit kontaminiere die christliche Heilslehre die römische Mehrheitsgesellschaft. Das Christentum bemächtige sich der alten religiösen Traditionen und instrumentalisiere sie für ihre eigenen Zwecke, angefangen bei Isis als christlicher Muttergottes und Mithras als heilsbringendem Messias Jesus von Nazareth. Aufgrund der zahlreichen autobiografischen Hinweise in vielen Werken Huldschiners kann auch hier davon ausgegangen werden, dass zumindest Aspekte von Huldschiners eigener Sicht auf die christliche Religion Eingang gefunden haben. Allerdings äu- ßerten sich bisher keine seiner Figuren so rigoros und vehement zum Christentum und zu seinen Traditionen wie Rufus in Der Tod der Götter. Bereits in Die stille Stadt übt Huldschiner Kritik an jenen Christen, die ihre Religion als Vorwand dafür nehmen, Andersgläubige auszugrenzen. Außerdem sind viele der christlichen Nebenfiguren in ihrer Geisteshaltung bigott, übertrieben fromm oder gar fanatisch. Nur wenige christliche Figuren werden in Die stille Stadt positiv dargestellt. Ähnlich zeichnet Huldschiner viele seiner bäuerlichen Figuren in anderen Romanen, die in ihrer Religiosität häufig naiv und rückständig anmuten. Dass Huldschiner sich in Der Tod der Götter derart intensiv mit dem Christentum und insbesondere mit Jesus Christus auseinandergesetzt hat, verwundert nicht, da gerade zu Beginn des Jahrhunderts einige wichtige jüdische Autoren und Philosophen begannen, sich mit Jesus aus jüdischer Sicht zu befassen. Einige davon mag Huldschiner während des Verfassens seines Romans rezipiert haben. So schrieb er 1911 eine ausführliche Rezension über Martin Bubers584 Drei Reden über das Judentum585, in welchen Buber u. a. das Urchristentum als Teil des Judentums ansieht. Außerdem legte der bereits erwähnte Ludwig Geiger 1910 das bekannte Werk Das Judentum und seine Geschichte, welches sein Vater Abraham Geiger verfasst hatte, neu auf, was dem sehr belesenen Huld- 584 Mit Martin Buber war Richard Huldschiner 1910 gemeinsam in einer Jury eines Schriftstellerwettbewerbs der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (vgl. Jüdische Volksstimme 1910, S. 6). 585 Vgl. Huldschiner 1911a. 172 Andreas Micheli: Richard Huldschiner schiner sicher nicht entgangen war. Auch hier wurde das Urchristentum aus jüdischer Sicht näher thematisiert. Samuel Lublinskis586 1910 erschienene Abhandlungen mit dem Titel Die Entstehung des Christentums aus der antiken Kultur und Das werdende Dogma vom Leben Jesu müssen ebenfalls auf Huldschiners Leseliste gestanden haben. Lublinski geht hierin davon aus, dass es den historischen Jesus nicht gegeben habe, sondern dass der Jesus-Mythos und das daraus erwachsene Christentum »aus der Verschmelzung des Spätjudentums mit den orientalischen Mysterienkulten«587 entstanden seien. Neben der Kritik am Christentum finden sich im Roman zahlreiche Bezüge zur Mythologie. So gestaltet Huldschiner mit der Ganna Susa, einer der ladinischen Sagenwelt entnommenen Feengestalt, und mit den Tirli zum zweiten Mal mystische Wesen, die in einer Symbiose mit seiner von ihm in praktisch allen Werken mit Tirol-Bezug verherrlichten Alpenlandschaft leben. Dass Huldschiner sich schon früher mit der ladinischen Mythologie auseinandergesetzt hat, macht seine 1902 erschienene Erzählung Auf Campolungo deutlich. Ein Ich-Erzähler trifft hier auf ein ladinisches Mädchen, das ebenfalls eine enge Beziehung zur Natur hat und die wilden Männer, die den Tirli nicht unähnlich sind, fürchtet. Räter, Tirli, die Ganna Susa und der Protagonist Rufus mit seiner individuell-religi- ösen, aber anderen Religionen gegenüber sehr toleranten Sicht – alle Figuren unterliegen der im Roman geradezu dämonisierten christlichen Lebensweise. Auch das Judentum, von Huldschiner als uralte Religion dargestellt, wird in die Diaspora zur ewigen Wanderschaft bzw. Flucht getrieben. Die Rezeption des Werks in der zeitgenössischen Literaturkritik war unterschiedlich, wobei nur fünf Buchbesprechungen nachgewiesen und analysiert werden konnten. So erschien im November 1912 im Prager Tagblatt eine sehr wohlwollende Kritik. Ein nicht namentlich bekannter Rezensent nennt den Roman eine ergreifende Genesis, ein Herz und Geist zwingendes Buch der Weltenwandlung. Die antike Welt stürzt, eine neue Zeit steigt herauf; aber diese neue Zeit ist mit all ihren Mythen und Vorstellungen in den alten Gedankenkreisen unsichtbar verankert.588 586 Samuel Lublinski wurde in einer sehr scharfen Satire vom Publizisten Theodor Lessing angegriffen. Thomas Mann ergriff für Lublinski Partei und verurteilte in einer ebenso scharfzüngigen Antwort dessen Verhalten. Was folgte, war ein Literaturskandal: Lessing trug in seiner im Selbstverlag erschienenen Publikation (vgl. Lessing 1910) seine eigenen Beiträge in Bezug auf die Thomas Mann-Theodor Lessing-Samuel Lublinski-Äffäre zusammen und ergänzte sie durch Textstellen und Antwortschreiben (zumeist Auszüge) seiner Widersacher. Ebenfalls publizierte er eine öffentliche Erklärung seiner Gegner, die gegen ihn gerichtet war. Die Erklärung wurde, wie es heißt, »in einer Anzahl deutscher Literaturblätter veröffentlicht« (Lessing 1910, S. 54). Da sich Lessing vor allem in Bezug auf Lublinski, aber auch auch in Bezug auf Thomas Mann in den Augen der Unterzeichner unehrenhaft und verleumderisch verhalten hätte, bedauerten sie in der Erklärung, »daß es kein Ehrengericht für Journalisten« gebe. Der Erklärung ist eine Liste von 33 Schriftstellern und Publizisten beigefügt, die das Anliegen mittrugen; unter ihnen waren Personen wie Leo Greiner, Theodor Heuß, Richard Huldschiner und Stefan Zweig. 587 Herlitz 1927b, S. 1241. 588 Unterhaltungs-Beilage des Prager Tagblattes 1912, S. 24. 173 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Außerdem sei der Protagonist des Romans jemand, der sich nicht aufgebe, der den »letzten vergeblichen Kampf des aufrechten Heidentums« ausfechte. Zugleich sei er ein Vertreter eines tapferen Deismus gegen demütig ergebenes Nazaretentum, und [vereine] die ganze bunte Welt untergehender Mysterien im Hexenkessel der beginnenden Völkerwanderung.589 Susa hingegen werde als eine »anmutige Personifikation des Berglandes von Süd-Tirol« dargestellt. Sie sei ein »Weib, das – aus Erdkraft, Sonnenschein und Blumenduft gewoben – etwas von der Sibylle und etwas von den Saligen Fräulein der Tiroler Sage zu haben scheint«. Abschießend stellt der Rezensent die rhetorische Frage, ob es sich hierbei um ein philosophisches Werk oder um einen »gewagte[n] Roman eines Romantikers«590 handle: Wir glauben, es ist beides, und gerade in dieser seiner wechselnden Gestaltung, die bald Wolke ist, bald festgefügter Felsen, wird der Leser nicht nur Ergötzung, sondern auch Anreiz zur Beschäftigung mit den Problemen des Werkes finden.591 Weniger begeistert zeigt sich ein ebenfalls ungenannter Rezensent in der katholischen Literaturzeitschrift Hochland, der in seiner Besprechung einleitend feststellt, dass Huldschiners Roman »nicht denkbar wäre«592 ohne Gustave Flauberts Die Versuchung des heiligen Antonius.593 Der Kritiker geht nicht weiter darauf ein, doch weisen beide Werke tatsächlich einige Gemeinsamkeiten auf. Sie handeln beide in der Antike und sind in Dialogform geschrieben. Ebenso enthalten beide Werke längere Traumsequenzen und befassen sich mit den verschiedenen Glaubensrichtungen des Römerreiches. In der kurz gefassten Buchbesprechung stellt der Rezensent abschließend fest, dass das Buch von einem »würdige[n] künstlerische[n] Ernst beherrscht«594 werde, doch gebe es sich »offen christenfeindlich«595 und suggeriere dem Leser, dass das Christentum aus dem Isiskult erwachsen sei. Ausführlicher, und zum Teil auch negativ, äußert sich Friedrich Stein in seiner Buchbesprechung in der Monatsschrift Nord und Süd. Zunächst kritisiert er die Art der Präsentation, nämlich die Dialogform, und stellt die rhetorische Frage, »warum ein unzweifelhaft sehr prägsamer Stoff gerade in solcher spröden Unkunst-Form behandelt werden«596 müsse. So bewege sich der Dialog, »obwohl er nicht selten außerordentlich reizvolle, ge- 589 Ebd. 590 Ebd. 591 Ebd. 592 Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur & Kunst 1913, S. 127. 593 Die Originalfassung erschien 1874, die erste deutsche Übersetzung von Felix Paul Greve wurde 1905 veröffentlicht. 594 Ebd. 595 Ebd. 596 Stein 1913, S. 363. 174 Andreas Micheli: Richard Huldschiner dankliche und formale Feinheiten«597 enthalte, »zuweilen ohne Schwung, wie gehemmt und flugbehindert von dem Schwergewicht der eingestreuten Berichte.«598 Insbesondere diese »Referatsstellen«599, in denen Huldschiner ausführlich eine bestimmte Szene in vielen Einzelheiten beschreibt, seien an der Ungelenkheit des Werkes schuld. Trotzdem betont er Huldschiners »reiches Gedankenwesen«600. Stein definiert Rufus’ Weltanschauung am Schluss des Romans als eine Art von Monismus, d. h., Mensch, Gott und Natur fallen zusammen [z]u der Erkenntnis des Alleins in der Einheit des einzelnen mit dem All; der Allgottheit als Seele des Weltwesens. Er [Rufus] gelangt zu dem Unbekannt-Unerkennbaren, zu »Gott«, dem Weltgedanken, größer als Erlösung und Erlöser, unfaßbar, aber ein Hauch der Denkmöglichkeit.601 Gelungen findet Stein ebenso die Darstellung der Hauptfiguren Rufus und Susa sowie deren Vater Tis und Rufus’ Antagonisten Sarbanus. Andere Figuren seien hingegen weniger gut geglückt. Die Wiener Arbeiterzeitung besprach Huldschiners Roman wiederum sehr wohlwollend und bezeichnet ihn als dessen »tiefstes«602 Werk: Die Szenen wirken oft wie Visionen, Visionen nach rückwärts und vorwärts. Sie enthüllen für Augenblicke Zustände und Stimmungen blitzhell. Aber es sind nicht bloß Gedanken, die in uns aufgescheucht werden, wir sehen auch Gestalten, die mit künstlerischer Kraft geschaut und dargestellt sind. »Der Tod der Götter« ist kein Unterhaltungsbuch, es ist das Werk eines Dichters und Denkers.603 Differenzierter ist die Buchbesprechung von Josef Gajdeczka im Juli 1914 in der Feuilleton-Beilage des Tagesboten aus Mähren und Schlesien. So seien Huldschiners Gedankengänge nicht immer »restlos in künstlerische Anschauung umgesetzt und manche, nur dem Spezialforscher zugängliche Details stören die Illusionskraft des Lesers beträchtlich«604. Dennoch werde der Roman »jedem philosophisch Interessierten unvergeßliche Eindrücke vermitteln«605, da es dem Autor im Gegensatz zu vielen anderen Werken mit einem ähnlichen Thema gelungen sei, »sich zur Gegenüberstellung der beiden Weltanschauungen nicht der abgebrauchten Gestalt [Kaiser] Julians [zu bedienen], sondern sich seinen Helden frei [zu] erschaff[en]«606. 597 Ebd., S. 365. 598 Ebd. 599 Ebd. 600 Ebd., S. 363. 601 Ebd., S. 364. 602 Pernerstorfer 1913, S. 10. 603 Ebd. 604 Gajdeczka 1914, S. 20. 605 Ebd. 606 Ebd. 175 Mitarbeit am »Brenner« (1910 – 1913): Versuch einer dichterischen Heimkehr Durch seine Autorentätigkeit für den Brenner gelang es Huldschiner im Mai 1913, Ludwig von Ficker für den Abdruck einiger Kapitel607 aus Der Tod der Götter zu gewinnen. Zudem wurde ein Kapitel608 des Romans in der von Maximilian Harden herausgegebenen Wochenzeitschrift Die Zukunft publiziert. Huldschiner gab kurz vor Antritt seiner Reise im Oktober 1912 seine Wohnung und seine Praxis auf. Wahrscheinlich hatte er bereits zu diesem Zeitpunkt die Absicht, nach seiner Rückkehr nicht mehr in Hamburg zu leben, was sich auch durch die Kontaktaufnahme mit den süddeutschen und österreichischen Verlagen und Zeitungen belegen lässt. Der endgültige Abschied aus Hamburg erfolgte im Oktober 1913. 607 Vgl. Huldschiner 1913a, S. 722 – 745. 608 Vgl. Huldschiner 1913b, S. 257 – 266.

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References

Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.