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1 Einleitung in:

Andreas Micheli

"...Heimat, die doch meine Heimat nicht ist…", page 13 - 26

Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4109-3, ISBN online: 978-3-8288-6974-5, https://doi.org/10.5771/9783828869745-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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13 1 Einleitung Sein reiches Lebenswerk bildet einen der zahlreichen Beweise dafür, daß es sehr töricht ist, wenn von nationaljüdischer oder deutschnationaler Seite immer behauptet wird, Judentum und Deutschtum seien getrennte Sphären, die immer etwas Gegensätzliches an sich hätten.1 Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner (1872 – 1931) ist heute kaum jemandem mehr ein Begriff. Auch zu Lebzeiten war er als Autor und Publizist nur mäßig bekannt und erfolgreich. Somit ist die Frage nach der Relevanz einer biografischen Auseinandersetzung, wie sie die folgende Arbeit darstellt, durchaus berechtigt. Wann also werden ein Schriftsteller und sein Werk bedeutungsvoll für die Nachwelt oder verdienen es, dass man sich mit ihnen wissenschaftlich aus einandersetzt? Jedes Jahr erscheinen unzählige Romane von unzähligen Autoren, in Deutschland waren es 2015 allein 14 165 belletristische Titel.2 Was aber passiert mit diesen Werken und ihren Autoren in 100 Jahren? Wird jemals jemand über sie sprechen bzw. sie überhaupt noch kennen? Möglicherweise – wenn überhaupt – erinnert sich die zukünftige Literaturwissenschaft an die saisonalen Bestseller oder an die von der damaligen Literaturkritik hochgelobten Werke und Autoren, behandelt aber Tausende andere Schriftsteller nicht, die nur von einer Handvoll Personen überhaupt zur Kenntnis genommen wurden. Dennoch können auch solche Autoren bedeutsam für die Literaturgeschichte sein. So werfen Studien über weniger erfolgreiche und bekannte Autoren ein Licht darauf, wie der Literaturbetrieb in der jeweiligen Ära funktioniert hat. Ebenso können damit Mechanismen aufgezeigt werden, die dazu beitrugen, dass ein Schriftsteller eben nicht den Bekanntheitsgrad erreichte, den er sich gewünscht hatte oder – subjektiv und aus der Rückschau betrachtet – verdient hätte. Richard Huldschiner war ein solcher Autor. Als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren, verlebte er eine glückliche Kindheit in Bozen, die er zeit seines Lebens verklärte. Die Liebe zu den Südtiroler Bergen spiegelte sich in mehreren Romanen und zahlreichen Erzählungen und Novellen wider. Mit seinem Beruf als Arzt, den er über mehrere Jahre in Hamburg ausübte, nicht glücklich, begann er 1 Davidsohn 1931, S. 2. 2 Vgl. http://www.boersenverein.de/de/182716 (23.3.2016). 14 Andreas Micheli: Richard Huldschiner um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Als er mit seinen Romanen eine gewisse Bekanntheit erreichte, erwuchs in ihm der Wunsch, seinen Beruf aufzugeben und nur mehr als Schriftsteller tätig zu sein und damit auch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Da er aber weder einen Förderer fand noch kommerziellen literarischen Erfolg hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als weiterhin als Arzt und später als Journalist zu arbeiten. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und versuchte im Anschluss daran vergeblich, sich als preußischer Staatsangehöriger im inzwischen von den Italienern annektierten Südtirol niederzulassen. Als Journalist für die Vossische Zeitung veröffentlichte er zahlreiche Berichte und Reportagen, in denen er auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam machte. Der mangelnde Erfolg und die fehlende Anerkennung belasteten Huldschiner sehr. Auch sein Vorhaben, in Tirol bekannter zu werden, scheiterte. Zwar lebte er nur wenige Jahre dort, doch kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes dennoch als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die wohl mit ein Grund war, warum er in Tirol kaum beachtet wurde. So ist Huldschiner einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Tiroler Autor, dessen Werke sich mit der Suche nach einer jüdischen Identität und dem zionistischen Streben nach einer Heimstatt in Palästina befassen. Zugleich werfen Huldschiners Texte einen kritischen Blick auf die christlichen Bewohner des Landes und zeichnen ihre Bigotterie, aber auch ihre Urtümlichkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber den Versuchungen der Moderne nach. Weiterhin ist ein Großteil seiner Romane und Erzählungen eine Liebeserklärung an die Tiroler Berglandschaft. Die Natur wird als etwas Göttliches, Überirdisches beschrieben, in gewisser Weise antithetisch zu den häufig sehr widersprüchlich gezeichneten Figuren. Und genau hier wird die literaturwissenschaftliche Bedeutsamkeit von Richard Huldschiner deutlich. Sein Œuvre mag nicht erfolgreich gewesen sein und auch über die literarische Qualität, verglichen mit den großen Namen der damaligen Literaturszene, lässt sich streiten, doch fanden die vielen Facetten seiner Persönlichkeit darin Eingang. Diese geben Aufschluss darüber, wie Huldschiner, exemplarisch für viele deutsche Juden, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Suchen nach einem eigenen Weg, der ihn zum Zionismus führte, es aber letztlich auch nicht schaffte, ihm seinen lebenslangen Wunsch zu erfüllen, nämlich endlich irgendwo eine Heimat zu finden. Diese Ambivalenz macht sein Leben und sein Werk besonders – in jedem Fall aber so relevant, dass sich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung damit lohnt. 1.1 Probleme und Chancen der wissenschaftlichen Biografik Mein Buch stellt einen Versuch dar, sich dem Leben und Werk Richard Huldschiners in Form einer wissenschaftlichen Biografie anzunähern. Aufgrund der schlechten Quellenlage blieb mir nichts anderes übrig, als den sprichwörtlichen Mut zur Lücke zu beweisen. Viele Fragen, insbesondere zu Huldschiners Privatleben, konnten nicht beantwortet werden. Zwar habe ich immer wieder versucht, mithilfe der vorhandenen Quellen 15 Einleitung spekulative Antworten darauf zu geben, doch müssen diese als das gesehen werden, was sie sind: Mutmaßungen. Das Buch folgt dennoch einem methodischen Konzept, nämlich der Verknüpfung der wenigen biografischen Informationen mit dem umfangreichen Œuvre, das Huldschiner hinterlassen hat. Doch ist es überhaupt möglich, Leben und Werk in einen gemeinsamen Text zu zwängen? Spricht man vom Leben und Werk eines Autors, geht man bereits durch die Konjunktion und von einem wechselseitigen Zusammenhang aus. Weiterhin ergibt sich in Bezug auf Leben und Werk ein Problem, das mehr in der Literaturwissenschaft als in der Geschichtswissenschaft zum Tragen kommt. Literaturwissenschaftlich relevant ist nun einmal das Werk eines Schriftstellers. Die Tendenz, vor allem bei amerikanischen Biografen3 mit wissenschaftlichem Anspruch, geht dahin, dass das Werk als Interpretationsobjekt nicht in der Biografie behandelt wird und »nur noch als Element des chronologisch dokumentierten Lebens«4 erscheint. Somit konzentrieren sich die Biografen bei einer solchen Vorgehensweise allein auf das Leben ihres Forschungsobjektes, lassen aber das Werk zum größten Teil außen vor. Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt stellt hierzu pointiert fest: Gänzlich absurd wäre es, sich eine Napoleon-Biographie ohne Russlandfeldzug, eine Bismarck-Biographie ohne Sozialistengesetze, eine Adenauer-Biographie ohne die Geschichte der Gründung der Bundeswehr vorzustellen.5 Leben und Werk können durch eine Biografie in einen Zusammenhang gebracht werden, müssen aber durch geschichtliche und gesellschaftliche Einflüsse ergänzt werden, welche sowohl auf das Werk als auch auf das Leben des Schriftstellers einwirken.6 Das Geschäft des literaturwissenschaftlichen Biographen […] [bestimmt] die komplexen Zusammenhänge von Lebensentwurf, Autorenkonzept und Werkökonomie, die er mit der gebotenen Distanz zu beobachten und zu ordnen hat.7 Biografik kann also, sofern sie sich an gewisse wissenschaftliche Prämissen hält, eine Brücke schlagen zwischen der Philologie, die sich allein auf den Text eines Schriftstellers konzentriert, und der Geschichtswissenschaft, für die das Werk wiederum nur als Ergänzung zum Lebenslauf dient. Alt fasst dies prägnant zusammen: Sie [die Biografik] hat sich zu konzentrieren auf die Darstellung eines individuellen Lebensentwurfes, der seinerseits in produktiver Verbindung mit den kulturellen und sozialen Leitkategorien der jeweiligen Zeit steht. Auf diese Weise erlaubt es die Biographie, das Werk im Netz seiner Beziehungsfelder aufzusuchen und derart vor der 3 Zu nennen sind hier z. B. George Paintners Proust-Biografie oder James Knowlsons Biografie über Beckett (erschienen 1980 bzw. 1985). 4 Alt 2002, S. 28. 5 Ebd. 6 Vgl. ebd., S. 39. 7 Ebd., S. 33. 16 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Reduktion zu retten, die eine ahistorische, allein auf den isolierten Text reduzierte Philologie zu betreiben droht.8 Grundsätzlich unterscheiden wir zwei Arten von Biografien. Zum einen die populäre, zum anderen die wissenschaftliche Biografie. Während die eine nicht theoriegeleitet verfasst werden muss, wird dies bei der anderen, auch ob des vorangestellten Adjektivs »wissenschaftlich«, vorausgesetzt. So verlangt die wissenschaftliche Biografie, die eine kritische und theoriegeleitete Auseinandersetzung mit dem Leben einer Person darstellt, ein Höchstmaß an Objektivität, quellenkritisches Arbeiten und eine adäquate Methodik. Die Biografik galt schon immer als Königsdisziplin, teilweise auch zu Recht. Ein Biograf, der gelesen werden will, muss erzählen können, muss seinen Leser fesseln, darf aber gleichzeitig keine Heldengeschichte schreiben, muss die Abgründe seines Beobachtungsobjektes ausleuchten, gleichzeitig eine Fülle von Informationen und Quellen zusammentragen und zu einem lesbaren, interessanten Text vermengen. Möchte der Biograf wissenschaftlichen Anspruch erheben und eine wissenschaftliche Biografie verfassen, ist er an die vorherrschenden wissenschaftlichen Konventionen (Methodik, Gliederung der Arbeit, Zitation etc.) gebunden. In seinem Aufsatz über die Biografik in der Literaturwissenschaft stellt Sven Hanuschek fest: Alles, was man über einen Autor wissen kann, sein Werk, das im Zentrum der Darstellung stehen wird, alle anschließenden Nebendiskurse haben hier einen legitimen Ort. Im günstigsten Fall kann eine Biographie eine Zusammenschau von kulturwissenschaftlichen Methoden bieten, eine Synthesebildung der gesamten Forschung über einen Autor und sein Werk.9 Doch sind auch wissenschaftliche Biografien leider zu selten theoriegeleitet, unabhängig von der Disziplin, der sich der jeweilige Biograf zugehörig fühlt. Wolfram Pyta exemplifiziert dieses Phänomen anhand der Biografik in der Historiografie: Gewiss war für manchen Historiker die Biographie immer auch ein Refugium für eine Geschichtswissenschaft, bei der man sich ohne lange theoretische Vorüberlegungen direkt in das historische Getümmel stürzen und nach Herzenslust seine Erzählkunst ausleben konnte.10 Insgesamt scheint es bei biografischen Arbeiten Usus zu sein, wissenschaftliche Kriterienkataloge bis zu einem gewissen Grad zu vernachlässigen. Zwar gibt es einige theoretische Abhandlungen zum wissenschaftlichen biografischen Schreiben, doch kaum praktische Umsetzungen. Daher wundert es nicht, dass der Ruf, der dieser Textgattung in wissenschaftlichen Kreisen anhaftet, mehr als negativ ist. Wer aber trägt dafür die Verantwortung? Sind es Journalisten und Publizisten, die populäre Biografien schreiben, denen Wissenschaftler, manchmal vielleicht auch neidisch auf die Auflagenzahlen schie- 8 Ebd., S. 32. 9 Hanuschek 2009, S. 348. 10 Pyta 2009, S. 332. 17 Einleitung lend, mangelnde Seriosität vorwerfen? Oder sind es die Wissenschaftler, die eigentlich wissenschaftlich arbeiten sollten, dies aber gerade bei Biografien vernachlässigen und so dazu beitragen, dass auch der Ruf der wissenschaftlichen Biografik in Mitleidenschaft gezogen wird? In der wissenschaftlichen Literatur zur Biografik wird immer wieder der finanzielle Aspekt ins Feld geführt. So kommen Autoren von Biografien in finanzieller Hinsicht durchaus auf ihre Kosten, wie z. B. der britische Autor Peter Ackroyd, der für seine beiden Biografien über Charles Dickens und William Blake 650.000 Pfund erhalten haben soll.11 Zudem wird die Biografie gerade im Feuilleton als »tragende Säule des Buchmarktes«12 bezeichnet. Dass Verfasser von Biografien, welche durch ihr Schreiben ein finanzielles Auskommen finden, auch Neider haben, ist eine Binsenweisheit. Manchmal »als korrumpierte Lohnschreiber«13 verschrien, wurden und werden Biografen von der wissenschaftlichen Gemeinde angefeindet, da sie sich »bloß dem Zeitgeist (und das heißt dann in Krisenzeiten: dem falschen Zeitgeist)«14 unterwerfen und um des publizistischen Erfolges willen eine übermäßige Simplifizierung der Fakten und Zusammenhänge betreiben würden.15 In beiden Fällen greift die Argumentation über den finanziellen Aspekt von Biografien zu kurz. So streicht Porombka in seinem Aufsatz über Biografien auf dem deutschen Büchermarkt heraus, dass Biografien rein von den Verkaufszahlen her weit hinter ihrem Ruf als »Säulen des Buchmarktes«16 lägen. Auch aufgrund der im Allgemeinen eher niedrigen Verkaufszahlen könne man davon ausgehen, dass Autorentantiemen wie jene von Ackroyd eher die Ausnahme als die Regel darstellen. Auch im wissenschaftlichen Bereich gewinnt die Biografie immer mehr an Bedeutung. Zwei Faktoren (abgesehen vom monetären Anreiz) mögen dahinterstecken: zum einen der Wunsch, nicht nur von Fachkollegen, sondern auch von einem größeren interessierten Publikum gelesen zu werden, zum anderen der Vorsatz, die Biografik nicht ausschließlich populären Autoren, Journalisten und Schriftstellern zu überlassen, die kaum theorie- und methodengeleitet arbeiten. Dennoch galt und gilt die Biografik ob ihres Rufes, ohne jegliche dahinterliegende Theorie zu sein, als denkbar ungeeignet für die akademische Karriere.17 Noch drastischer drückte es die Biografin und Literaturwissenschaftlerin Deirdre Bair aus, die ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Genre in einem Aufsatz verarbeitete und diesem den vielsagenden Titel Die Biographie ist akademischer Selbstmord gab.18 Der Wissenschaftler als Biograf muss also mit viel Gegenwind rechnen und sich bewusst machen, dass eine Biografie nur dann als wissenschaftlich angesehen wird, wenn ein methodisch nachvollziehbares Grundgerüst hinter der eigenen Forschung steckt. 11 Vgl. Wagner 2006, S. 49. 12 Porombka 2009a, S. 444. 13 Porombka 2009b, S. 131. 14 Ebd., S. 131. 15 Vgl. ebd., S. 122. 16 Ebd., S. 444. 17 Vgl. Wagner 2006, S. 50. 18 Vgl. Runge 2009, S. 113. 18 Andreas Micheli: Richard Huldschiner 1.2 Quellenlage und Forschungsstand Richard Huldschiner verfasste von 1901 bis zu seinem Tod 1931 zahlreiche Romane, Novellen und Erzählungen. Außerdem konnten mehr als 100 Buchrezensionen von bzw. über Huldschiner nachgewiesen werden. Zudem sind über 200 journalistische Texte für verschiedene deutschsprachige Zeitungen belegt. Aufgrund der großen Anzahl können nicht alle Texte untersucht und in die Biografie Huldschiners eingeordnet werden. Zudem werden einige Werke aufgrund mangelnder Relevanz nur kurz erwähnt oder weggelassen. Bei einigen wenigen Werken ist nur der Titel bekannt, während weitere bibliografische und inhaltliche Informationen fehlen. Um den Überblick zu gewährleisten, werden im ausführlichen Literaturverzeichnis alle nachgewiesenen Werke Huldschiners vollständig angeführt. Viele Werke wurden mehrfach veröffentlicht, was im Literaturverzeichnis ebenfalls berücksichtigt wird. Manche von Huldschiners Texten erschienen zudem in sehr peripheren Tageszeitungen, sodass davon ausgegangen werden kann, dass sie mithilfe von Agenturen veröffentlicht wurden. Somit ist die tatsächliche Anzahl an publizierten Texten (inklusive Zweit- und Drittveröffentlichungen) wahrscheinlich um ein Vielfaches höher. Dies gilt besonders für die journalistischen Texte. Auch in Bezug auf die Rezensionen kann keine Vollständigkeit gewährleistet werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die aufgefundenen Rezensionen nur einen kleinen Teil der Huldschiner-Rezeption darstellen. Die in der Arbeit erwähnten Rezensionen, die sich mit den Werken Huldschiners befassen, sind somit nur als exemplarisch anzusehen, geben aber dennoch einen kleinen Einblick in die Wirkungsgeschichte seiner Werke. Viele seiner Romane, Erzählungen und Essays tragen autobiografische Züge. Daher können sie mit Abstrichen auch als biografische Quellen angesehen werden. Fünf Texte Huldschiners sind dezidiert autobiografisch: 1910 erschien im Literarischen Echo eine autobiografische Skizze.19 1912 verfasste Huldschiner für Alfred Grafs Sammelband Schülerjahre. Erlebnisse und Urteile namhafter Zeitgenossen einen ebenfalls autobiografischen Text über seine eigene Schulzeit.20 In der Neuen Hamburger Zeitung verarbeitete er 1913 in einem Essay mit dem Titel Abschied von Hamburg seine Hamburger Jahre.21 1927 fertigte er im Rahmen der Wiederveröffentlichung seines Romans Fegefeuer eine mehrseitige Lebensbeschreibung an.22 Schließlich sind auch seine Aufzeichnungen aus Kriegsgefangenschaft als autobiografische Texte konzipiert.23 Für die Recherche der journalistischen und literarischen Arbeiten Huldschiners wurden neben den wenigen gedruckten und zumeist sehr lückenhaften Bibliografien24 folgende Datenbanken verwendet: 19 Vgl. Huldschiner 1910c, S. 551 – 552. 20 Vgl. Huldschiner 1912a, S. 197 – 199. 21 Vgl. Huldschiner 1913c, S. 1. 22 Vgl. Huldschiner 1927a, S. 5 – 7. 23 Vgl. Huldschiner 1920b. 24 Eine Ausnahme bildete die ausführliche Bibliografie in Heuer 2008. 19 Einleitung • Google-Büchersuche (https://books.google.de) • Internet-Archive(https://archive.org/index.php) • Hathi Trust Digital Library (https://www.hathitrust.org) • The European Library (http://www.theeuropeanlibrary.org/tel4) • Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann (http://digital.tessmann.it) • ÖNB – ANNO – AustriaN Newspapers Online (http://anno.onb.ac.at) • Compact Memory (http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/title) • Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher (http://www.zvab.com) • Staatsbibliothek zu Berlin, Zeitungsinformationssystem ZEFYS (http://zefys. staatsbibliothek-berlin.de) • De Gruyter Vossische Zeitung Online 1918 – 1934 (http://db.saur.de/VOSS) • Der Brenner Online (http://corpus1.aac.ac.at/brenner) • Digitales Forum Mittel- und Osteuropa (http://difmoe.eu) • Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (http://opac.tiroler-landesmuseen.at) • Schlesische digitale Bibliothek (http://www.sbc.org.pl/dlibra) Die Sekundärliteratur zu Richard Huldschiner beschränkt sich auf eine Diplomarbeit und auf einige wenige Aufsätze, Lexikonartikel und biografische Essays. Die aktuellste25 wissenschaftliche Auseinandersetzung stammt aus meiner eigenen Feder: Im Aufsatz Zwischen Schlern und Zion. Richard Huldschiners autobiografisch geprägter Kleinstadtroman »Die stille Stadt« und dessen ambivalenter Blick auf Heimat, Identität und Landschaft, erschienen 2014 im Schlern, befasse ich mich mit Huldschiners autobiografischem Roman Die stille Stadt und zeige auf, wie sich darin seine Weltsicht widerspiegelt, insbesondere auf seine Wahlheimat Tirol, deren Bewohner und die zionistische Bewegung.26 Martin Achrainer erwähnt in seiner Abhandlung über das Jüdische Leben in Tirol und Vorarlberg von 1867 bis 1918 auch die Juden in Bozen und geht hier zum einen auf die Familie Schwarz ein, zum anderen befasst er sich exemplarisch mit Adolf Huldschiner und seiner Rolle als Seelsorger der kleinen jüdischen Gemeinde.27 Eine kurze Erwähnung Richard Huldschiners findet sich auch im Sammelband Zeitmesser. 100 Jahre »Brenner« des Forschungsinstitutes Brenner-Archiv.28 Im Rahmen seines Einsatzes an der Gebirgsfront wird Huldschiner in zwei militärgeschichtlichen Publikationen angeführt: 2009 bei Fontana29 und 1998 bei Joly30. Ein ausführlicher Lexikonartikel über das Leben und Werk Huldschiners – leider ohne Autorenangabe – erscheint 2008 im zwölften Band des Lexikons deutsch-jüdischer Autoren. Insbesondere die ausführliche Bibliografie, die sowohl Primär- als auch Sekun- 25 Kurz vor Drucklegung des Buches konnte in der Monografie von Innerhofer und Mayer (2015, S. 40 – 42) ein kurzer Abschnitt über Huldschiners Familie nachgewiesen werden, der aber keine neuen Erkenntnisse enthält. 26 Vgl. Micheli 2014, S. 48 – 71. 27 Vgl. Achrainer 2013, S. 227 – 237. 28 Vgl. Unterkircher 2010, S. 227. 29 Vgl. Fontana 2009, S. 106. 30 Vgl. Joly 1998, S. 99 – 107. 20 Andreas Micheli: Richard Huldschiner därliteratur beinhaltet, gibt einen guten ersten Überblick und war für meine weiteren Recherchen sehr nützlich.31 Elisabeth Huldschiner veröffentlicht 2004 eine Monografie über ihren Vater Robert Huldschiner, das zweite Kind von Arnold Huldschiner. Die Autorin geht dabei auch auf ihren Großonkel Richard Huldschiner ein.32 Anita Kritzinger befasst sich 2001 in ihrer Diplomarbeit Beitrag der jüdischen Familie Schwarz zur wirtschaftlichen Entwicklung Südtirols u. a. auch mit den Familien Lehman und Huldschiner, die aufgrund der verwandtschaftlichen Nähe zur Familie Schwarz behandelt werden.33 Eberhard Sauermann untersucht 1997 in seinem Aufsatz Ötzi-Romane. Literarische Lösungen eines historischen Rätsels u. a. Huldschiners Roman Der Tod der Götter, ohne aber näher auf den Autor und seine Biografie einzugehen.34 Gerhard Riedmann beschäftigt sich in seiner 1991 erschienenen Monografie Erzählprosa in Tirol von 1890 bis heute auch mit mehreren Romanen Huldschiners, darunter Die stille Stadt und Die Nachtmahr, und untersucht sie unter den Aspekten Heimat, Fiktion, Utopie und Realität.35 Die Diplomarbeit mit dem Titel Richard Huldschiner. Aspekte einer Monographie36, verfasst von Irene Unterhofer an der Universität Innsbruck, beschränkt sich vor allem auf Romananalysen. Huldschiners Leben wird nur relativ kurz abgehandelt. Unterhofer verwendet nur sehr wenige Archivquellen und verlässt sich in Bezug auf die Biografie zu stark auf einige wenige publizierte autobiografische Aussagen des Autors. Die Arbeit erweist sich insofern als nützlich, als Unterhofer eine Reihe von Briefen Huldschiners transkribiert hat, welche er während seiner Weltreise nach Hause geschickt hatte. Für mein Buch wurden aber die originalen Briefe als Textquellen herangezogen. Dorothea Merl und Anita Lippe geben 1979 den Sammelband Südtirol erzählt. Luftjuwelen, Steingeröll heraus, worin auch ein Auszug aus Die stille Stadt abgedruckt ist.37 Die der Anthologie beigefügte Biografie Huldschiners ist allerdings fehlerhaft.38 Ein weiteres kurzes Zitat findet sich in Arno Lubos’ 1974 erschienener Monografie Geschichte der Literatur Schlesiens.39 Alfred Strobl bezeichnet Richard Huldschiner in seinem 1965 veröffentlichten Aufsatz Der starke Anteil der Südtiroler Schriftsteller am Tiroler Roman des 20. Jahrhunderts neben Trentini und von Hoffensthal als den dritten großen Südtiroler des Tiroler Romans und geht auf einige seiner Werke näher ein.40 31 Vgl. Heuer 2008, S. 271 – 297. 32 Vgl. Huldschiner-Fille 2004, S. 8 – 9. 33 Vgl. Kritzinger 2001, S. 95. 34 Vgl. Sauermann 1997, S. 483 – 509. 35 Vgl. Riedmann 1991, S. 170 – 172. 36 Vgl. Unterhofer 1990. 37 Vgl. Merl und Lippe 1979, S. 109 – 112. 38 Eduard Widmoser (1988, S. 264), Herausgeber von Südtirol A-Z, stützt sich in seinem Lexikonbeitrag über Huldschiner auf Merl und von Lippe. Auch er erwähnt Huldschiners jüdische Herkunft nicht. 39 Vgl. Lubos 1974, S. 84. 40 Vgl. Strobl 1965, S. 17 – 18. 21 Einleitung Der Publizist und Verleger Theodor Fritsch gab seit 1907 das antisemitische Handbuch der Judenfrage. Die wichtigsten Tatsachen zur Beurteilung des jüdischen Volkes heraus. In der Ausgabe von 1944 findet sich auch eine kurze Bemerkung zu Richard Huldschiner.41 Das im Auftrag von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gegründete Institut zum Studium der Judenfrage erwähnt Richard Huldschiner in der 1939 erschienenen Publikation Die Juden in Deutschland im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit beim Ullsteinverlag als Korrespondent der Vossischen Zeitung.42 Der Schriftsteller und bekennende Antisemit Adolf Bartels widmet in seiner literaturgeschichtlichen Abhandlung Die deutsche Dichtung der Gegenwart. Die Jüngsten ein ganzes Kapitel dem »Sensationalismus und [der] Herrschaft des Judentums«, in dem er u. a. in einer Auflistung verschiedener Romanautoren vor dem Ersten Weltkrieg auch Richard Huldschiner anführt.43 Mehrere kurze biografische Abrisse erschienen in verschiedenen biografischen Lexika, so z. B. 2014 im Deutschen Literatur-Lexikon ‒ Das 20. Jahrhundert44, 2013 in den Personalbiographien österreichischer Literaten45, 1997 bzw. 2006 im fünften Band der Deutschen biographischen Enzyklopädie46, 2005 im Tirol-Lexikon47, 2002 in der Biographischen Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner48 und im Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft49, 1993 in der Bibliographie österreichischer Bibliographien50, 1963 im Bio-bibliographischen Literaturlexikon Österreichs51 und 1941 in der Universal Jewish Encyclopedia52. Zu Huldschiners Lebzeiten wurde er in folgenden Lexika angeführt: 1928 in Unsere Zeitgenossen: wer ist’s? Biographien von rund 15000 lebenden Zeitgenossen53, 1927 in der Grossen jüdischen National-Biographie54 und im Jüdischen Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in 4 Bänden55, 1922 in Kürschners Deutschem Literatur- Kalender56, 1913 im Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart57 und schließlich 1905 im Deutschen Zeitgenossenlexikon. Biographisches Handbuch deutscher Männer und Frauen der Gegenwart58. 41 Vgl. Fritsch 1944, S. 230. 42 Vgl. Institut zum Studium der Judenfrage 1939, S. 73 – 74. 43 Vgl. Bartels 1921, S. 124. 44 Vgl. Hagestedt und Kosch 2014, S. 326 – 327. 45 Vgl. Stock und Heilinger 2013, S. 624. 46 Vgl. Vierhaus und Engelhardt 2006, S. 199. 47 Vgl. Pfaundler-Spat 2005, S. 618. 48 Vgl. Engelhardt 2002, S. 298. 49 Vgl. Blumesberger et al. 2002, S. 4473 – 4474. 50 Vgl. Stock et al. 1993, S. 2585. 51 Vgl. Giebisch und Gugitz 1963, S. 172. 52 Vgl. Landman 1941, S. 480. 53 Vgl. Degener 1928, S. 322. 54 Vgl. Wininger 1927a, S. 173 – 174. 55 Vgl. Bieber 1927, S. 1684 – 1685. 56 Vgl. Lüdtke 1922, S. 387 – 388. 57 Vgl. Brümmer 1913, S. 313. 58 Vgl. Neubert 1905, S. 659 – 660. 22 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Auch können fünf biografische Essays über Huldschiner nachgewiesen werden. So verfasst der Schriftsteller Karl Hans Strobl 1910 sowohl für Das literarische Echo als auch in Form eines Vorwortes für die Wiederveröffentlichung des Romans Fegefeuer eine Würdigung von Huldschiners schriftstellerischem Schaffen.59 Der Philologe Benno Diederich befasst sich in seiner 1911 publizierten biografischen Abhandlung Hamburger Poeten. Ansätze zu einer praktischen Ästhetik u. a. mit der schriftstellerischen Entwicklung Huldschiners, ausgehend von dessen erstem Roman Einsamkeit bis zum damals aktuellen Werk Die Nachtmahr.60 Ein weiterer biografischer Essay erschien 1922 in der Neuen Hamburger Zeitung und Handelsblatt zum fünfzigsten Geburtstag von Richard Huldschiner.61 Einen ausführlichen Nachruf auf Richard Huldschiner verfasste der Privatgelehrte und Autodidakt Michael Fraenkel 1931 für den Oberschlesier. Er bezieht sich in seinen Ausführungen vor allem auf die Abhandlung von Diederich und auf die wenigen erhaltenen und veröffentlichten autobiografischen Texte Huldschiners.62 Erwähnt wird Huldschiner auch in den Tagebüchern von Arthur Schnitzler63 und Thomas Mann64. In folgenden Archiven wurden Dokumente, Briefe und Postkarten gefunden, welche mit dem Leben und Werk Richard Huldschiners in Zusammenhang stehen. Die genauen archivarischen Signaturen sind im Literaturverzeichnis im Abschnitt Archivalien angeführt. • Deutsches Literaturarchiv Marbach • Bayerische Staatsbibliothek • Stadtarchiv München • Monacensia Literaturarchiv • Stadtarchiv Würzburg • Stadtarchiv und Kulturreferat Bad Kissingen • Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg »Carl von Ossietzky« • Staatsarchiv Hamburg • Goethe- und Schiller-Archiv • Archiv der österreichischen Akademie der Wissenschaften (AÖAW) • Wienbibliothek im Rathaus • Kriegsarchiv Wien • Tiroler Landesarchiv • Brenner-Archiv • Stadtarchiv Bozen • The National Library of Israel (Grunwald-Archiv) • Central Zionist Archives (CZA) (Nachlass T. Herzl) • Staatsarchiv Kattowitz 59 Vgl. Strobl 1910b, S. 541 – 551; vgl. Strobl 1910a, S. 4 – 5. 60 Vgl. Diederich 1911, S. 235 – 245. 61 Vgl. H. W. F. 1922, S. 2 – 3. 62 Vgl. Fraenkel 1931, S. 398 – 400. 63 Vgl. Schnitzler 1991, 348 f.; vgl. Schnitzler 1995, S. 279. 64 Vgl. Mann 1979, S. 447. 23 Einleitung • Privatarchiv Elisabeth Huldschiner (Innsbruck, Großnichte von Richard Huldschiner) • Privatarchiv Margaret Elizabeth Welsh (USA, Urgroßnichte von Richard Huldschiner) Leider behandeln nur wenige Archivalien persönliche Erlebnisse, während der größere Teil der nachgewiesenen Korrespondenzen geschäftlicher Natur ist. Die insgesamt sehr problematische Quellenlage bedingt es also, dass der biografische Teil der Arbeit sehr schmal ist und daher, um eine Annäherung an das Leben Huldschiners überhaupt erst zu ermöglichen, durch die Werk- und Rezeptionsgeschichte ergänzt wurde. 1.3 Methodische Überlegungen Der wissenschaftlich-biografischen Methode wohnt, neben dem bereits erörterten Verhältnis zwischen Leben und Werk, eine weitere Gefahr inne. So findet sich immer etwas vom Biografen selbst in einer Lebensbeschreibung. Diese Symbiose zwischen dem Biografen und dem Biografierten ergibt sich meines Erachtens vor allem aus der möglicherweise sehr langen Beschäftigung mit dem Forschungsobjekt. Die dabei entstandene Subjektivität ist Chance und Risiko zugleich. Chance insofern, als die Figur, zu welcher der Biograf einen starken Bezug entwickelt hat, auf diese Art und Weise genauer bzw. detaillierter untersucht wird; Risiko, da die objektivierende Distanz zum Forschungsobjekt auf diese Weise verloren gehen kann.65 Ein weiteres Problem bildet die bei historischen Abhandlungen, aber auch bei vielen Biografien vorkommende Linearität. Der Biograf, der über ein Leben berichtet, erzählt die Geschichte seines Objektes, ohne den Blick darauf zu verlieren. Er steht außerhalb, betrachtet, beinahe wie ein allwissender Erzähler, das Geschehen aus der Vogelperspektive und gibt wieder, was geschieht, ohne Vorausblick oder Rückschau, ohne Analyse der Umgebung, die sein Objekt umgibt. Die Biografie, auch wenn sie nach wissenschaftlichen Kriterien verfasst wird, hat somit große Ähnlichkeiten mit dem Roman. Sartre, der sich mit seiner großen Flaubert-Biografie auf diesem Feld maßgeblich hervorgetan hat, äußerte sich hierzu folgendermaßen: Ich möchte, daß man meine Studie über Flaubert wie einen Roman liest, weil er ja die Geschichte einer Lehrzeit ist, die zum Scheitern eines ganzen Lebens führt. Ich möchte, daß man es beim Lesen für die Wahrheit hält, für einen Roman, der wahr ist.66 Das beschriebene Objekt wird also subjektiv aus der Perspektive des Bio grafen beschrieben. Somit ergibt sich zwangsläufig, dass mehrere verschiedene Biografien mit unterschiedlichen Ansichten zum Leben und Wirken des biografierten Objektes entstehen können. Biografien sind also nichts Endgültiges und müssen, »wie alle Geschichten, im- 65 Vgl. Bödeker 2003, S. 53. 66 Sartre et al. 1985, 153 f. 24 Andreas Micheli: Richard Huldschiner mer wieder neu geschrieben werden«67. Häntzschel zieht grundsätzlich ähnliche Schlüsse: Keine Biographie hat das letzte Wort. Jede wird alsbald von neuen Funden überholt, von einer neuen Sicht revidiert, und […] jede biographische Erzählung steht im hermeneutischen Horizont ihres Erzählers/ihrer Erzählerin. Schließlich bedeutet die Rekonstruktion eines gelebten Lebens immer eine Anmaßung, das gilt erst recht für die Lücken im Material, für die blinden Flecken.68 Obgleich auch Häntzschel die Subjektivität des Biografen erkennt und auch für nützlich im biografischen Schreiben hält, spricht sie sich – zu Recht – gegen das übertrieben Romaneske aus. So stellt sie in ihrem Aufsatz vier biografische Arbeiten über die Schriftstellerin Irmgard Keun vor und kommt dabei zum Schluss, dass Biografen darauf achten sollten, nicht zu sehr ins Romanhafte abzugleiten, insbesondere bei Leerstellen und Lücken in der Quellenlage.69 So würden die Leerstellen in Keuns Biografie die Autoren ihrer Lebensdarstellungen dazu verleiten, »dieses Leben als Roman zu konstruieren«70. Meines Erachtens trifft Häntzschels Kritik zu. Zwar muss eine Biografie erzählen, doch wenn ein Autor eine wissenschaftliche Biografie zu schreiben gedenkt, dann sollte er allzu romanhafte Formulierungen vermeiden, da sie ihn zu sehr in das Reich der Fiktion führen und die Faktizität gefährden, den Leser unter Umständen irritieren und an der Wissenschaftlichkeit der Arbeit zweifeln lassen könnten. Die Tendenz in der Biografik war und ist jene, eine Biografie chronologisch und teleologisch aufzubauen, d. h. Lebensläufe mit einer Art Spannungsbogen zu versehen. Dies kann aber dazu führen, dass ein Leben dargestellt wird, ohne Fragen oder Zweifel aufzuwerfen, und dass der Anschein erweckt wird, es sei etwas Endgültiges, in sich Abgeschlossenes produziert worden.71 Somit muss sich »der Biograph […] von der Illusion lösen, er könne die einzige richtige Deutung bieten. Er ist Interpret, er bietet ein Deutungsmuster an, das durchaus neben anderen Deutungsangeboten bestehen kann.«72 Insofern lässt sich die Subjektivität des biografischen Textes wohl auch nicht verhindern. Das Subjekt, in diesem Fall der Biograf, sieht die Figur, das Objekt, aus seiner Sicht. Im Bewusstsein dieser Perspektivität tragen manche Biografien häufig den zunächst kryptisch anmutenden Titel Annäherung73. Im ersten Moment wird damit der Eindruck der Unwissenschaftlichkeit geweckt. Dahinter steckt aber die Anerkennung des hohen Subjektivitätsfaktors biografischer Arbeiten. Dennoch bedeutet Subjektivität nicht automatisch Unwissenschaftlichkeit oder schlimmstenfalls Fiktion. So sei Biografie nach Peter Ackroyd als bewusste Konstruktion eben doch keine bloße Erfindung der Wahrheit.74 Bödeker äußert sich ähnlich: 67 Bödeker 2003, S. 53. 68 Häntzschel 2001, S. 124. 69 Vgl. ebd., S. 118 – 119. 70 Ebd., S. 120. 71 Vgl. Scheuer 2001, S. 25 – 26. 72 Ebd., S. 27. 73 Insofern spreche auch ich im Untertitel meines Buches von einer Annäherung. 74 Vgl. Löffler, zit. nach Bödeker 2003, S. 52. 25 Einleitung Die bewusste Perspektivität bedeutet auch die bewusste Abweisung des absoluten Wahrheitsanspruches der historischen Rekonstruktion. Der traditionelle Objektivitätsgestus ist epistemologisch endgültig obsolet geworden.75 Welche Vorgangsweise empfiehlt sich für das Verfassen einer wissenschaftlichen Biografie, wenn Objektivität als eines der wissenschaftlichen Hauptkriterien für die Biografik nur bedingt gilt? Eine Möglichkeit wäre der Versuch, »Schriftstellerexistenzen als eigenes Kunstwerk zu erfassen«. Der Biograf müsse nach Alt lernen, die Organisationsgesetze, Baustrukturen und Leitlinien dieses Kunstwerkes »zu entschlüsseln, als handle es sich um ein Artefakt, das nach tieferem Verständnis«76 verlange. Was bedeutet Alts Aussage konkret? Der Biograf zerlegt sein Objekt in seine Bestandteile, betrachtet diese aber nicht losgelöst von seiner Umgebung und seiner Zeit. Er versucht zudem, die Wirkung auf Zeitgenossen und Nachgeborene zu eruieren, um eine umfassende, aber nicht allumfassende Annäherung zu erreichen. Leben, Werk und, wenn es die Quellenlage zulässt, auch die Rezeptionsgeschichte können auf diese Weise in einer Schriftstellerbiografie zusammengetragen werden. Die vorliegende Annäherung folgt daher einem roten Faden, der sich bis zu Huldschiners erster Veröffentlichung im Jahr 1901 an den klassischen biografischen Stationen Vorfahren, Kindheit, Adoleszenz und Studienzeit orientiert. Nach Erscheinen seines ersten Romans, Einsamkeit. Die Geschichte eines reinen Thoren, werden seine Werke in chronologischer Reihenfolge ihrer Veröffentlichung als Leitlinie herangezogen. Nur an wenigen Stellen, nämlich damit der thematische Zusammenhang mit biografischen Ereignissen bestehen bleibt, wurde davon Abstand genommen. Auch wurden Werke und kürzere Texte, die in keinen sinnvollen Zusammenhang mit der Biografie gesetzt werden konnten, im Fließtext der Arbeit nicht erwähnt, sehr wohl aber im ausführlichen bibliografischen Anhang. Der Fokus meines Buches liegt auf der Biografie des Autors. Da viele Texte Huldschiners nachweislich autobiografischer Natur sind, konnten, bei aller gebotenen Vorsicht, viele Querverbindungen zwischen seinem Werk und seinem Lebenslauf hergestellt werden. Weiterhin handelt es sich bei meiner Arbeit um Grundlagenforschung, da über Richard Huldschiner so gut wie gar nicht geforscht wurde. Der Leser erhält somit einen ersten Überblick über Huldschiners schriftstellerisches Schaffen. Zudem wurde bewusst auf die textorientierte Analyse einzelner Werke und die Einordnung Richard Huldschiners in die deutsche Literaturgeschichte verzichtet, da beides den Rahmen dieser Publikation sprengen würde. Wie also ist die Arbeit aufgebaut? Zunächst erfolgt die Einordnung seines Werkes in den Lebenslauf, d. h., es wird der Frage nachgegangen, wann und unter welchen Voraussetzungen es entstanden ist. Dann folgt, je nach Relevanz des Textes, eine mehr oder weniger ausführliche Inhaltsangabe. Damit dieser Teil nicht nur auf ein bloßes Nacherzählen beschränkt bleibt, wird versucht, bereits dort einen Bezug zum Lebenslauf und zum historischen Hintergrund herzustellen. Insbesondere wird auf die vielen autobiografischen Elemente in Huldschiners Texten hingewiesen. Im dritten Teil eines jeden 75 Bödeker 2003, S. 52. 76 Alt 2002, S. 33. 26 Andreas Micheli: Richard Huldschiner Kapitels – vorausgesetzt, die Quellenlage lässt dies zu – wird auf die Rezeption des Werkes eingegangen. Da es eine beinahe unlösbare Aufgabe ist, alle Rezensionen zu Huldschiners Werken aufzufinden, geschweige denn für die Analyse zu berücksichtigen, basiert dieser Teil des jeweiligen Kapitels nur auf ausgewählten Beispielen aus der Rezeptionsgeschichte der Werke Huldschiners. In drei Exkursen werden einzelne Aspekte aus Huldschiners Leben in einen größeren Zusammenhang gebracht, wodurch der vorhin erwähnte rote Faden unterbrochen wird. Der erste Exkurs geht auf Huldschiners Rolle als Arzt und Dichter ein, der zweite befasst sich mit seinen zionistischen Texten, der dritte wiederum beleuchtet die Rolle Huldschiners als Rezensent für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen. Die Unterbrechung der chronologischen Schilderung durch zeit- und werkübergreifende Exkurse erfolgt aus mehreren Gründen. So kritisierte der Romanist Hans Robert Jauß bereits in den 1970ern die Erzähltechniken der klassischen Historiografie und somit auch die der Biografik. Er schlug vor, dass die Geschichtswissenschaft dem Paradigma des modernen Romans folgen [könne], der programmatisch seit Flaubert die Teleologie der epischen Fabel abbaut und Erzähltechniken entwickelt hat, um den offenen Horizont der Zukunft in die vergangene Geschichte wieder einzuführen, den allwissenden Erzähler durch standortbezogene Perspektiven zu ersetzen und die Illusion der Vollständigkeit durch überraschende, »querlaufende« Details zu zerstören, die das uneinholbare Ganze der Geschichte am noch unerklärten Einzelnen bewusst machen.77 So entstand im Sinne von Jauß’ Forderung 1986 die viel beachtete Cäsar-Biografie von Christian Meier. Seine Biografie, so Christoph Gradmann, versuche, »die Chronologie des Geschehens durch Vor- und Rückblenden«78 zu durchdringen: »Durchbrochen wird damit nicht zuletzt die Illusion der Authentizität der Lebensbeschreibung, die Erzählung von Geschichte gibt sich als Sinnstiftung über sie zu erkennen.«79 Eine ähnliche Absicht verfolge ich mit den genannten Exkursen, welche den Leser, wenn auch nur kurz, herausholen sollen aus der zum Teil repetitiven chronologischen Abfolge von verfassten Werken und biografischen Ereignissen. Auch die geschichtlichen Einschübe in den jeweiligen werkzentrierten Kapiteln dienen dazu, eine neue Sicht auf den Autor zu erhalten, und helfen, als Leser zu erkennen, dass ein Autor nicht ohne sein Werk und dessen Rezeption, aber auch nicht ohne historischen Hintergrund existiert. So versucht mein Buch, den Leser an die Hand zu nehmen, die Lücken in der Biografie aufzuzeigen und darauf hinzuweisen, dass es, unabhängig von der spärlichen Quellenlage, generell nicht möglich ist, ein vollständiges Porträt Huldschiners zu zeichnen. 77 Jauß 1983, S. 192, zit. nach Bödeker 2003, S. 45. 78 Gradmann 1992, S. 14, zit. nach Bödeker 2003, S. 46. 79 Ebd.

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References

Zusammenfassung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller, Arzt und Publizist Richard Huldschiner wurde als Sohn eines schlesischen Juden und einer Tiroler Jüdin in Gleiwitz geboren und verlebte eine glückliche Kindheit in Bozen. Nach seinem Medizinstudium ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder und begann um die Jahrhundertwende mit dem Schreiben. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt an der österreichischen Gebirgsfront und machte als Journalist für die Vossische Zeitung auf die gravierende Situation der Südtiroler unter der faschistischen Besatzung aufmerksam. Auch wenn er nur wenige Jahre dort lebte, kann Huldschiner aufgrund seines sehr tirolzentrierten Werkes als genuin tirolischer Schriftsteller angesehen werden. Was ihn von den anderen Autoren unterschied, war seine jüdische Herkunft, die mitverantwortlich dafür war, dass er in seiner Wahlheimat kaum beachtet wurde. Sein autobiografischer Roman "Die stille Stadt" kann als erster und wohl einziger zionistischer Tiroler Roman angesehen werden. Andreas Micheli setzt sich in seinem Buch ausführlich mit Leben und Werk Richard Huldschiners auseinander und zeigt, wie dieser, exemplarisch für viele deutsche Juden seiner Zeit, hin- und hergerissen war zwischen der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft und dem Zionismus als Versuch, endlich irgendwo eine Heimat zu finden.